Kitabı oxu: «Eis.Leben»

Şrift:

Birgit Sattler

Eis.Leben

Meine Forschungsreisen

in die Antarktis

Tyrolia-Verlag • Innsbruck-Wien


Der Druck dieses Buches wurde unterstützt von der Abteilung

Kultur im Amt der Tiroler Landesregierung.

2016 © Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: Tyrolia-Verlag, unter Verwendung eines Bildes der

Autorin sowie der gemeinfreien geographischen Karte Antarktikas von

https://de.wikipedia.org/wiki/Antarktika, zur Verfügung gestellt von lima.nasa.gov/antarctica/ Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag Lithografie: Artilitho, Trento (I) ISBN 978-3-7022-3527-7 (gedrucktes Buch) ISBN 978-3-7022-3528-4 (E-Book) Internet: www.tyrolia-verlag.at

Eine sehr persönliche Reise –

unter dem Eindruck des Unüberwindbaren

niedergeschrieben …

INHALT

Die blaue Blume
DAS KIND IM EIS

Die Autobahn rauscht vom Tal herauf. Der Schäferhund hebt neugierig den Kopf, als ich mich von hinten meinem Opa nähere. Senkt ihn wieder beruhigt, als er mich erkennt, schmiegt sich an die Beine meines Opas. Der Mann mit dem schneeweißen dichten Haar sitzt vor der Küche auf seinem Stuhl und blickt ins Tal hinunter, zieht an seiner Zigarette.

Wir mussten nie viel miteinander reden. Ich sitze neben ihm auf dem Treppenabsatz zur Küche, er blickt weiter ins Tal hinunter. Blickt hinunter auf seinen früheren Arbeitsplatz, die große Fabrik.

„Komm, es wird kalt, gehen wir rein“, sagt er. Wir gehen ins Wohnzimmer, an seinen schweren Schreibtisch aus Eichenholz, der Hund weiß Bescheid, es ist jeden Tag derselbe Ablauf, schmiegt sich wieder an seine Beine.

Opas Bücher sind eine Verheißung der weiten Welt für ein fünfjähriges Mädchen wie mich, jedes einzelne ist eine Fahrkarte ins Unbekannte, sei es in die Unterwasserwelt, zu den Mayas, zu Thor Heyerdahl oder in den Dschungel. Ich darf mir eines aussuchen, er kennt sie alle, setzt mich auf seinen Schoß und dreht gedankenverloren seine Lupe. Die Lupe kreiselt auf der Holzplatte, Opa liest mir vor – Amundsen und Scott, der Wettlauf zum Pol, die Lupe kreiselt immer noch, wird langsamer, die Lichtreflexe tanzen auf den Wänden, ich sauge alles auf, was er mir erzählt, ich verliere mich in dem Kreisel, lausche und verstehe nur einen Bruchteil dessen, was ich höre, doch der Geist des Kindes wandert bereits voraus, voraus in das Eis, ohne zu begreifen, was geschieht.

*

Der Hund ist schon lange ein anderer, den Schäferhund musste mein Bruder vor Jahren in der Ecke des Gartens begraben, ein Dackel liegt nun zu Füßen meines Großvaters, wenn er auf dem Stuhl vor der Küche sitzt und in das Tal hinunterschaut.

„Was macht die Uni?“, war seine liebste Frage. Er selbst Naturwissenschaftler, ich die Studentin, er war schon so alt und doch alterslos für mich, er konnte mir immer noch mehr erzählen, als ich auf der Uni hören, mir erlesen konnte. Er blieb ein Rätsel für mich. Habe mich manchmal gefürchtet vor ihm, vor seinem Wissen, seiner Ungeduld mit dem Unwissen anderer Menschen. Ich diskutiere mit dem schwierigen Mann, auch heute noch. Und konnte es ihm doch nicht mehr sagen, dass ich dieser Begeisterung nun nachgefahren bin, dem Strom aus Eis, ohne zu wissen, was er in sich verbirgt, ich bin den Spuren des Kindes nachgegangen und hätte es ihm so gern erzählt.

Das alles geht mir durch den Kopf, als ich auf dem Observation Hill an der gefrorenen Küste der Antarktis stehe. Dieser Berg war für Robert Falcon Scott, dem längst vergangenen Polarpionier, der Aussichtspunkt, um nach möglichen Routen durch das Eis zu suchen. Man hat dort auf dem Gipfel schon lange ein Kreuz aufgestellt für ihn.

Ich stehe allein dort oben, es ist mein letzter Tag in der Antarktis, in wenigen Stunden wird mich das schwere Militärflugzeug, welches auf dem Meereis draußen steht und dessen Turbinen schon beheizt werden, wieder gen Norden bringen. Möchte diese Stimmung nicht loslassen, doch wenn ich es nicht tue, würde das bedeuten, in monatelanger Dunkelheit auf das erste Sonnenlicht, auf die erste aus dem Norden zurückkehrende Maschine zu warten. Noch hat der Himmel dieses versöhnliche Orange des anbrechenden Tages.

Dort oben auf dem Observation Hill sehe ich Opa vor mir, wie er auf seinem Stuhl sitzt, rastlos mit seinen rissigen Händen über die Armlehnen streicht, wie er es immer getan hat, und mich fragt: „Was macht das Eis?“ Er hat mich hierhergeführt, ein Kreis scheint sich zu schließen. Habe gleichzeitig das Gefühl, nun ihn sehen lassen zu können, durch meine staunenden Augen, durch diese irrationale Verbundenheit zum Eis. Ich sehe einen schweren Lavabrocken, den der letzte aktive Vulkan des Kontinentes vor langer Zeit ausgeschleudert hat, ihn werde ich mitnehmen für Opa.

Dieser Stein liegt heute auf dem Friedhof in Fritzens, zwischen dem Efeu, er ist ein Fremdling geblieben, manchmal wird er mit den Hortensien mitgegossen.

GEFRORENE WELLEN

Am Flughafen in Los Angeles organisiere ich mir eine Bleibe an der Endstation der Route 66. Eine heruntergekommene Jugendherberge in Santa Monica. Ich habe etwa siebzig Kilogramm Gepäck in meiner Reisetasche, die eher einem gelben Rettungsboot gleicht, Expeditionsausrüstung, wissenschaftliche Geräte, Glücksbringer, „Seelenwärmer“ von Freunden für diese erste dreimonatige Reise ins Eis.

Der Pazifik rollt in schweren Wellen in düsterem Grau auf mich zu. Ich sitze am Strand, die barfüßigen Zehen im Sand, und stelle mir vor, dass die langen Wellen irgendwann gefrieren werden. Spinne in meinen Gedanken zusammen, wie es wohl sein wird auf dem Eis. Wie es aussieht, wenn diese Wellen dann irgendwann tiefer im Süden mitten in der Bewegung erstarren. Habe ich mir zu viel zugemutet, kann man mit dieser Kälte dort überhaupt umgehen? Wieder wandert der Geist voraus ins Eis, ungeduldig.

Die Menschen hier werden mir zu viel, zu bunt, zu laut, ich möchte schon viel weiter sein. Fühle mich unbezwingbar. Diese absurde Vermessenheit fällt plötzlich von mir ab, als ich von einer Telefonzelle aus zuhause anrufe. Ich spüre Besorgtheit aus dem Gespräch und mit ungutem Gefühl bewege ich mich auf der lauten Strandpromenade in dieser schrillen Welt zurück in meine muffige Bleibe.

Über meine Bettdecke huscht eine Küchenschabe. Das ist der Preis, denke ich mir, jetzt beginnt der Dreck.

Der dieses Tor geöffnet hat, heißt John Priscu. Dieser Mann ist untrennbar mit der gesamten Forschungsarbeit in den extremen Lebensräumen der Polargebiete verbunden. Spricht man von Leben im Eis, kommt man an John Priscu nicht vorbei. Unzählige Saisonen hat er in der Antarktis verbracht. Ein schlaksiger Mann mit rumänischen Vorfahren, neugierigen, klugen Augen. Er sitzt in vielen Komitees, die im Zuge der Antarktisforschung gegründet wurden. Kennengelernt habe ich ihn auf meiner ersten wissenschaftlichen Konferenz in den Staaten. Wir haben uns über unser gemeinsames Interesse an einzelligem Leben in der Kälte gefunden. Priscu beschäftigte sich mit dem Überleben von Mikroben im permanenten Eispanzer von antarktischen Süßwasserseen, deren Wasser nie die Sonne sieht, ich erzählte ihm von meiner Arbeit in Innsbruck am selben Thema im alpinen Eis der Hochgebirgsseen. Priscu stellte schnell die Parallele her, sagte, er hätte noch einen Platz frei für die Antarktis im nächsten Jahr. Diese saloppe Einladung bedeutete für mich etwas völlig Unwirkliches, der Heilige Gral schien sich zu öffnen. Tausend Gedanken überschlugen sich blitzschnell, meine Verwunderung hat ihn wenig beeindruckt, er schickte mir einige Wochen nach unserem Treffen alle Formulare, die für die Teilnahme an einem solchen Projekt nötig sind.

Der gläserne Mensch. So dachte ich mir, als ich wochenlang von Arzt zu Arzt pilgerte, um die Blätter zu meinem Gesundheitszustand ausfüllen zu lassen. Es wird hundertprozentige Gesundheit vorausgesetzt. Verständlich, denn wie hilft man sich in solch extremen Umständen, wenn man zum Beispiel Zahnschmerzen hat? Erfüllt man diese Kriterien nicht, dann gibt es auch keine Fahrkarte ins Eis. Alkohol- und Nikotingebräuche werden abgefragt, Schwangerschafts- und Aidstest gemacht, sportmedizinische Gutachten erstellt, schlussendlich ein zahnärztlicher Befund. Der sagte mir, dass ich auf diese Reise verzichten kann mit diesem Zustand der Weisheitszähne. Die Besessenheit ließ mich schließlich drei Wochen vor der Abreise unter Vollnarkose alle Weisheitszähne entfernen. Freunde verstanden mich nicht mehr, aber dieser Wunsch, so weit südlich zu kommen, wurde zur Manie. Die Operation ist so unglücklich verlaufen, dass ich heute noch in einem Teil des Gesichtes kein Gefühl mehr habe. Eingetauscht gegen das Ticket ins Eis. Würde es wohl wieder tun.

*

Ich kenne noch niemanden von unserem Team, sie arbeiten alle in Bozeman, Montana. Cowboyland, wird mir erklärt. Das erste Zusammentreffen findet am Flughafenterminal statt. Was, wenn wir nicht zusammenpassen? Es dauert nicht lange, bis mich eine kleine Gruppe Männer anspricht. „You must be European“, ist ihre Begrüßung. Mir ist nicht klar, wie man eine amerikanische Frau in Jeans von einer europäischen Frau in Jeans unterscheiden kann. Der erste Kontakt. Das also ist meine „Familie“ für die nächsten Monate unter extremsten Bedingungen.

Wir checken ein zu unserem Flug nach Auckland und Christchurch in Neuseeland. Der Flug dauert ewig. Wie verschiedenartig die Passagiere sind, die beinahe alle dasselbe Ziel haben. Viele haben einen Vertrag in McMurdo, der größten US-Basis des antarktischen Kontinents.

Ich sitze neben einer jungen Frau, die dort für das Müllmanagement verantwortlich sein wird. Schräg vor mir eine etwas ältere Frau, sie wird in der Feuerwehrbrigade arbeiten. Feuerwehr in der Antarktis, ist das nicht absurd? Bald wird mir klar, dass der Verlust eines Daches über dem Kopf, und sei es auch nur eines Zeltes, dort lebensbedrohlich ist. Ich bin erstaunt über die Anzahl von Frauen in verantwortungsvollen Berufen. Die Männer daneben unterstehen ihnen, sei es im Hubschrauberhangar, im Lebensmittellager oder im Sicherheitsteam.

Wir fliegen auf 10.000 Metern Höhe von einem Kontinent zum anderen, von einer Zivilisation zur nächsten, näher zum Eis. Wo wird das aufhören? Vielleicht ist die Erde in Bezug auf diese Sicherheit vorgaukelnde Zivilisation doch eine Scheibe. Denn irgendwo muss es doch aufhören, sicher zu sein, irgendwann fällt man doch runter und kann sich nicht mehr halten.

DIE BLAUE BLUME

Wie verändert das Eis den Menschen? Was passiert dort mit der Seele?

Will nun nicht mehr warten. All jene, mit denen ich gesprochen habe, haben dieses bestimmte Glitzern in den Augen, als ob alle besessen wären, fast schon macht es mir Angst.

Ich kenne diesen Blick von den jungen Bergsteigern aus meinem Dorf, habe mich als Kind oft vor diesem Funkeln gefürchtet, wenn sie bei uns zuhause auf Besuch waren und von ihren Erlebnissen erzählt, unzählige Dias gezeigt haben. Da war diese Besessenheit, diese völlige Unterwürfigkeit dem gegenüber, was ihr Denken und ihr Sein so in Besitz genommen hat – der Fels, der Berg, die Erstbesteigung, die Expedition. Es hat sie verändert.

Manche von denen, die früher in unserem Wohnzimmer gesessen sind und sich in ihren Erzählungen vergessen haben, sind irgendwann nicht wieder heimgekehrt. Als ich noch klein war, dachte ich mir immer, der Berg hat sie jetzt gefressen und gibt sie einfach nie wieder her. Mit der Naivität des Kindes erkennt man die Realität, ungeschminkt und ehrlich.

Mein Vater ist ein Bergsteiger. Auch in ihm erkenne ich heute noch dieses Funkeln, es ist geblieben, trotz der vielen, die sich der Berg gestohlen hat. Trotz der vielen, die man hinterher suchen gehen musste, aus dem Schnee ausgraben oder für nie gefunden erklären. Und trotz der vielen Daheimgebliebenen, denen man einen Weg durch die Traurigkeit zeigen musste. Manche sind oben geblieben in diesen Höhen, die kein Leben mehr versprechen, manche hatten das Glück, nach Hause gebracht zu werden. Ihr Fanatismus wurde am Fels, im Eis, an irgendeiner Gipfelwechte gebrochen, und doch steckt die Gischt alle an, die hinter ihnen kommen.

Die blaue Blume.

Seit ich denken kann, war die blaue Blume das Symbol für die Sehnsucht, weggehen zu dürfen, etwas zu suchen, es vielleicht auch zu finden. Früher hatte ich immer an diese blaue Blume geglaubt, sie blühte am Wochenende, wenn mein Vater seinen Rucksack zum Klettern packte, sie existierte in meinem kindlichen Denken sogar als tatsächliche Blume, wie ein Enzian, nur seltener und sehr scheu, so, dass man sie suchen musste, suchen wie das in einem Lichtstrahl vorbeihuschende Christkind im verschneiten Garten.

Diese blaue Blume blühte auch meinem Wahlonkel Josl Knoll, der in meiner Erinnerung mit Schwedenbomben verbunden bleibt, die er kistenweise bei seinen Besuchen zu uns nach Hause brachte, und mit Polsterschlachten mit uns erpresserischen Kindern, die erst nach der Aufopferung der Kissen und systematischer Vernichtung aller Schwedenbomben schlafen wollten. Ich glaube, er ist immer noch auf der Suche nach der blauen Blume. Bei seinem Versuch in den Siebzigerjahren, als bis dahin ältester Bergsteiger den Mount Everest zu besteigen, ermöglichte er durch eine auf diesen Höhenmetern übergroße Geste des Verzichts seinem Freund den Gipfel. Wurde die blaue Blume aber einmal verschenkt, kommt sie nicht zurück. Vielleicht hat er es nie verwunden. Ein Blütenblatt hat er sich jedoch behalten und mir mitgebracht, indem ich seine Bilder dieses zerfurchten Gebirges sehen, seinen Geschichten lauschen durfte. Sein Freund, der gefeierte Gipfelsieger, hatte sie wohl auch gefunden, als ihm eine Tochter geboren wurde, die er nur drei Jahre lange aufwachsen sah, bis er sich wieder auf die Suche machte und davon nicht wieder zurückgekehrt ist.

Man kann wohl seine Kinder nicht vor diesem Suchen schützen. Als ich meinen Eltern das erste Mal davon erzählte, dass ich in die Antarktis eingeladen worden sei, sah ich Angst in ihren Augen. Es tat mir fast weh, es ihnen zu sagen. Die Hoffnung, dass wenigstens eine aus der Familie dem allem fernbleiben würde, hat sich nicht erfüllt. Zugleich war ihre Freude zu spüren, es wird für mich etwas ganz Großes wahr.

Es ist wohl oft die Unfähigkeit, an dem Ort, wo man ist, glücklich zu sein, wenn man immer noch weiter sucht. Oder die Unfähigkeit, das Glück zu erkennen. Krankhaft nennen es Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt schon gefunden haben. Mutig und nachahmenswert die, die immer die Tasche umgehängt behalten und nie ihre Schuhe abstreifen können.

Doch was ist Mut?

Mut, etwas aufs Spiel zu setzen, was man vielleicht gar nicht besitzt? Mut, wenn man Annehmlichkeiten verlässt? Wenn man meint, sich immer mit der Natur messen zu müssen? Wenn man meint, Rekorde brechen zu müssen?

Mein Vater ist für mich der mutigste Mann, weil er seine sieben Leben am Berg nicht verbraucht hat. Wovon aber niemand spricht: Meine Mutter wird für mich stets die mutigste Frau bleiben, weil sie sich immer mit der Furcht vor den vielen schon gekosteten Leben konfrontieren muss.

Lebendiges Eis
SÜDWÄRTS

Gehst du ins Eis, gehst du ins Baileys.

Ein auf irisch gemachtes Pub inmitten von Christchurch in Neuseeland. Wenn man Leute treffen will, welche gerade von McMurdo kommen oder die Reise ins Niemandsland noch vor sich haben, dann geht man dorthin. Dieser Wechsel findet immer im Oktober statt. Auch alleine als Frau ist es völlig legitim, dort mit einem Bier am Tresen zu stehen. Ungebrochene Solidarität liegt in der verrauchten Luft, alle scheinen Freunde zu sein, auch wenn das Eis Krallen in Freundschaften schlagen kann. Der Hinterraum ist gespickt mit Bildern von Menschen, die auf dem Eis arbeiten, Fremde und doch bekannt, sind sie in dieser großen Familie praktisch die Familienoberhäupter. Es ist ihr Terrain.

Ich stehe einen letzten Flug lang vor meiner ersten Ankunft im Eis. Wenig Ahnung habe ich von dem, was mich erwartet, die wissenschaftliche Vorbereitung ist im Grunde ein Bruchteil von dem, wofür man sich eigentlich vorbereiten müsste. Ich unterhalte mich mit den Männern in den karierten Flanellhemden, die im Eis im Dunkeln überwintert haben, ihre nicht mehr ganz nüchternen Erzählungen lassen mich kurzzeitig zu ihnen aufschauen. Die Männer spielen ihre Klischees auf der Orgel des Eises. Sie erzählen von verreckten Maschinen, wilden Festen, kollabierten Kollegen (kollabiert bei Trinkexzessen, nicht wegen der harschen Bedingungen). Keiner erzählt von der immerwährenden Dunkelheit über den Südwinter hin, von welchem sie gerade wieder ins Licht eingetaucht sind. Keiner erzählt, wie sehr er sich wieder nach würziger Luft gesehnt hat, nach dem Rascheln von Blättern in den Bäumen. Nach der Farbe Grün. Kein einziger. Und doch bin ich davon überzeugt, dass es ihnen gefehlt haben muss. Aber jetzt klingt alles so selbstverständlich, als lebten sie für ihren Alltag, der genauso gut irgendwo in Texas oder Idaho sein könnte. Ich verstehe nichts. In meiner Fantasie kamen sie gerade mitten aus der Dunkelheit, sie haben seit März keine Sonne mehr gesehen, keine Bäume, keinen Vogel mehr gehört, und sie erzählen mir von Schneeraupen, deren motorisches Innenleben ihren Rhythmus bestimmt hat.

Ich unterhalte mich mit einem Mann aus Kalifornien, mittleres Alter, bärtig, er hat über den gesamten Winter bei der Schneeräumung gearbeitet. Glaube nicht an den Mut, an diese Kaltschnäuzigkeit. Mich wundern seine fein geschnittenen Hände. Ich frage ihn, ob er diesen Job in den Staaten auch schon gemacht hat. Er verneint, nimmt einen anständigen Schluck von seinem Bier, „nein“, sagt er, „in Los Angeles bin ich Richter.“ Der Schaum auf dem Bart landet reflexartig in seinem Ärmel. Kann mir diesen Typen nicht in der Richterrobe auf dem Gerichtsstand vorstellen. „Was ist denn nun deine richtige Welt?“, frage ich mich still. Der Gedanke beschleicht mich, ob das Eis Menschen verrohen lässt.

Männer und Frauen mit solidem Hintergrund geben für ein Jahr ihre Stellungen auf, um irgendwo im Nichts einem Traum nachzugehen. Baggerfahrer würden sich vielleicht wünschen, einmal in ihrem Leben die Vorteile eines Lebens als Richter zu genießen. Die Richter tauschen ihr gezuckertes Leben ein für eine Erfahrung im Eis. Ich verstehe noch immer nicht.

Neben mir an der Bar stehen Männer in Navy-Uniformen. Diese Männer stammen noch von der Operation Deep Freeze aus den Sechzigerjahren, als McMurdo eine Ansammlung von Zelten in den Händen des Militärs war und von der US-Navy geleitet wurde. Bis zu diesem Jahr hatte die Navy auch die Leitung des gesamten Flugverkehrs inne, es ist nun das erste Mal, das eine private Firma zumindest den Hubschrauberverkehr übernehmen wird.

Auch einige Frauen halten ihre Drinks in ihren von der Kälte aufgesprungenen Händen, stehen herum, rauchen, unterhalten sich, meist mit kurzgeschorenen Haaren, selbstbewusste Frauen. Starke Frauen. Man sieht an ihren Gesichtern, sie werden wiederkommen. Charaktere wie diese prägen das Bild der größten Forschungsstation auf dem Kontinent.

Es ist Frühling auf der Südhalbkugel, Oktober, doch fröstelt es mich. Mit meinen Kollegen gehe ich durch das windige Christchurch nach Hause. Nach Hause ist ein Bed & Breakfast, welches zur Gänze „Antarktianer“ beherbergt. Das Haus ist bis unter das Dach voll mit Reisetaschen, Rucksäcken, Ausrüstungsgegenständen, man sieht eingepackte Gitarren, sogar ein Rad geht mit auf die Reise. Alles abgestellt in diesem kitschigen kleinen Häuschen im Empire-Stil, hier ein Figürchen, da ein Rüschchen.

Fingees werden die Erstankömmlinge genannt. In McMurdo gibt es eine eigene Sprache, welche man zum Glück rasch durchschaut. Fingees sind die fucking new guys, die Neuen, die keine Ahnung haben, jene, die bereits eine Stunde vor der Landung in völlig übersteigerter Art herumprobieren, welche Handschuhe nun am besten sind, und dann mit ihrer kompletten Überlebensausrüstung aus dem Flugzeug aussteigen.

Doch wer erzählt uns von der Angst, wie man damit umgeht? Die Neuen werden gerne belächelt, gehänselt. Die schlimmste Kombination jedoch ist es, ein Fingee und ein Beaker zu sein. Die Beakers sind Wissenschaftler, nach den Bechergläsern für ihre Laborexperimente benannt. Den Beakers wird wenig Durchhaltevermögen zugedacht, wahrscheinlich auch deswegen, weil die wenigsten Wissenschaftler sich über eine gesamte Saison auf dem Eis aufhalten, sondern oft nach spätestens vier Monaten alle finanziellen Ressourcen zum Unterhalt auf den Stationen aufgebraucht haben.

ENDLICH ATMEN

„The girls to the right, the men to the left room, please.“ Neuseeländisch ist für das Ohr gewöhnungsbedürftig. Die Dame mit dem strengen Haarschnitt wedelt im CDC, dem Cloth Distribution Centre, mit einer Liste herum, versucht, den kopflosen Haufen irgendwie zu organisieren. Mit dem amerikanischen Forschungsfonds, dem National Science Foundation NSF, zu reisen, bedeutet, von ebendiesem völlig eingekleidet zu werden. In den Räumen, in welche wir nach Männern und Frauen getrennt geschickt werden, steht eine Unzahl an orangen Segeltuchtaschen auf dem Boden, jede mit einem Anhänger mit unseren Namen versehen. Für jeden stehen zwei vollgefüllte Taschen bereit. Die energische Dame erscheint und bittet uns, jedes Kleidungsstück anzuprobieren. Außer dem Inhalt dieser Taschen wird es wenig zivile Kleidung geben.

„Es mag ja ganz sexy sein, wenn die Dinge straff sitzen“, meint sie, und man spürt, dass sie diesen Satz schon oft wiederholt haben muss, „McMurdo jedoch ist kein Ort dafür, meine Damen, es kann einem die Monate auf dem Eis zur Hölle machen, wenn die Kleidung oder besonders die Schuhe nicht passen.“ Ein Argument, welches man gerne gelten lässt. Wenn man die Schuhe auspackt, vermutet man einen Irrtum. Sie gleichen überdimensionalen schmutzig-weißen Gummistiefeln und haben ein unglaubliches Gewicht. Auf der Seite befindet sich ein Ventil, ich versuche, über Blickkontakt zu einer anderen Frau Klarheit über dessen Funktion zu bekommen, hoffe, nicht die einzige zu sein, die nichts mit diesen hier bunny boots genannten Plastikmonstern anfangen kann. Kapiere schließlich, dass man mit dem Ventil das innere Luftvolumen variieren kann. Die zarte Frau neben mir legt sich zwei Stapel zurecht und antwortet ganz selbstverständlich auf mein fragendes Gesicht hin, „dieses Zeug bleibt hier, das kann man als Frau nicht gebrauchen.“ Dabei zeigt sie vor allem auf einen sogenannten Long John, einen Fleece-Overall ohne Ärmel. Ich finde den Overall herrlich flauschig, verstehe nicht, warum ich gerade darauf verzichten soll. Doch ich würde bald wissen, welche Dinge man als Frau wirklich gebrauchen kann. Um auf die Toilette gehen zu können, die es meist gar nicht gibt, gibt es nichts Unpraktischeres als einen Overall, den man zur Hälfte ausziehen muss, um sich erleichtern zu können.

Thermo-Unterwäsche ist dabei in Ockerbraun, Navy-Farben, olivgrüne Strümpfe, kratzig, Lederhandschuhe mit Ölflecken übersät, noch nach Öl stinkend. Eine grellrote Jacke mit angedeuteter pelzverbrämter Kapuze, der Pelz sieht abgenagt aus. Auf der Brust ist Platz für ein Namensschild. Ich krame in der Tasche, hier ist mein Schild. Ich wurde amerikanisiert, aus Birgit wurde Brigit. Über dem Schild ein Aufnäher des amerikanischen polaren Programms des NSF, für die stolze Brust. Schibrillen gegen Schneestürme, eine Plastikflasche. Wie praktisch. Ich fülle meine angefangene Cola-Dose in die Flasche um. Die Frau neben mir grinst süffisant und erklärt langgezogen, das würde sie lieber nicht tun. „Warum nicht? Wegen der Gefahr des Gefrierens?“ Sie lacht über meine Unwissenheit, verdammt, warum muss man sich hier bei jeder Gelegenheit blamieren?

„Diese Flasche wird zu deinem besten Freund“, erklärt sie mir, grinst immer noch schelmisch, ihr Lachen hat auch andere Frauen hergelockt, die offensichtlich das Geheimnis schon kannten, schon auf die Neuen, auf die Opfer gewartet haben. „Die pee-bottle wird gepflegt, sie darf nicht gefrieren, sonst bist du in fucking troubles.“

Erst jetzt erfahre ich, dass sogar Urin und Fäkalien wieder nach Amerika verschifft werden. Ihre Reise beginnt in dieser kleinen Plastikflasche. Jeder ist natürlich selbst für sich verantwortlich, seine Spuren zu sammeln.

Nun gut, also kein Cola in die Flasche.

Ich bin gekränkt, dass man hier immer nur die Hälfte erfährt. Doch hier ist kein Platz für Eitelkeit, schon bald lache ich darüber, denke an die vielen Frauen, die nach mir hier stehen und versuchen werden, Trinkbares in ihren besten Freund zu füllen.

Das Unterhemd zu klein, die Hose zu weit, die Schuhe wieder zu klein. Die Frauen stehen halb nackt oder mit irgendwelchen Einzelteilen aus den orangefarbenen Taschen bekleidet vor einem Tresen und warten, bis ihnen ein Mann in blauer Montur aus einem Lagerraum die passenden Größen hinüberschiebt. Es dauert, es ist mühsam, wir schwitzen, können uns nicht vorstellen, dass es irgendwann in der nächsten Zeit einmal so kalt werden kann, dass man all diese Dinge braucht. Genauso wie man es sich kaum vorstellen kann, wie sich Hunger anfühlt, wenn der Bauch gefüllt ist. Wir beobachten uns gegenseitig, sind alle ein komischer Anblick in unseren Uniformen, das bringt ein Gefühl der Solidarität, das das Eis brechen lässt.

Die Anprobe ist zu Ende, wir haben am Tresen umgetauscht, was möglich war, oder untereinander getauscht. Wir erfahren, dass der Flug vielleicht schon heute Nacht losgeht, wir sollten uns jedenfalls bereithalten und Christchurch nicht verlassen.

Ich spüre eine leichte Gänsehaut, fühle mich plötzlich überrumpelt, es geht mir jetzt doch zu schnell. Wir werden wieder in unsere Bleibe zurückgebracht, beklommen gehe ich zu Bett, ich möchte noch zuhause anrufen, mich verabschieden, es kann ja doch sein, dass ich mich lange nicht mehr melden kann. Einen Moment lang denke ich mir, die Polarpioniere des 20. Jahrhunderts können sich vor ihrer Abreise nicht anders gefühlt haben, aber dann wird mir klar, welch überhebliche Fehleinschätzung es ist, sich mit diesen Männern vor hundert Jahren vergleichen zu wollen. Heute wird es niemanden mehr berühren, ob du am Eis bist oder nicht, nur dich und die Deinen. Zum Glück. Aber das werde ich erst später erkennen.

Um drei Uhr morgens klopft es an meiner Tür, „get up, Bridschett, we’re going.“ Ich nehme in meiner Schlaftrunkenheit nichts auf, war doch gerade noch in einem Traum, höre nur immer wieder dieses „we’re going, we’re going.“ Fassungslosigkeit macht sich breit, langsam, als ob ich noch etwas verhindern könnte, ziehe ich mir meine dicken Hosen an, die Daunenjacke, lege mir die Handschuhe zurecht, die luftisolierten Gummistiefel.

Wie absurd, es ist Sommer, alles ein Theaterstück, eine neuseeländische Sommergroteske.

Vor der Zimmertür wird es laut, hektisch, die Leute auf dem Gang sind nicht mehr zu erkennen in ihren schweren Jacken. Wer seid ihr? Wem vertraue ich mich hier eigentlich an? Die Wirtsleute, in Morgenmäntel gehüllt, geben uns noch Tee und Zwieback, wünschen uns lächelnd alles Gute, „see you in some months, maybe“, gehen wieder zu Bett, als der Bus uns vor der Tür abholt. Die Szene wiederholt sich für sie von Saison zu Saison, es ist ihr normaler Rhythmus: Schichtwechsel auf dem Eis, egal, zu welcher Uhrzeit. Hat für sie wohl dieselbe Brisanz wie eine gute Tasse englischer Tee.

Niemand spricht, alle sind müde, beklommen, wir fahren wieder ins CDC, dort werden unsere Daten auf einer Liste abgehakt. Beim Verlesen der Namen bekommt jeder zwei Aluminiumplaketten. Ich kenne sie noch von meinem großen Bruder, als er beim Bundesheer seinen Heeresdienst absolviert hat. Ich war damals acht Jahre alt, mein Bruder hatte immer diese Aluminiumkette um seinen Hals, auf der sein Name eingestanzt war. Auf dieser hier steht B Sattler. Eine Plakette mit einer langen Kette, eine mit einer ganz kurzen. Mit großen Augen starre ich einem Amerikaner, der neben mir steht, ins Gesicht. „Wofür?“ Er versteht, sagt, die kurze Kette komme dann an die große Zehe. Ich verstehe noch immer nicht.

„Falls der Vogel schneller runterkommt als geplant, dann bleibt nicht mehr viel übrig von dir, girl, dann müssen sie dir doch noch einen Namen geben, oder?“ Lächelnd hängt er mir die lange Kette um den Hals. Ist noch nie passiert, meint er in sanfterem Ton. „Stay cool, babe“, sagt er, ich denke mir, verschwinde. Du hast ja keine Ahnung.

Dabei bin ich es, die keine Ahnung hat. Das ist jetzt der Schritt, an dem ich zu weit gegangen bin, denke ich mir, es wird das Risiko mitgedacht, dass wir nicht mehr zurückkommen. Ein fast schon zu großes Gefühl, dieses Risiko einkalkulieren zu müssen. Dieser Gedanke, der schon sehr lange hätte gedacht werden müssen, ist in diesem Hunger untergegangen. Nun steht sie da, erbarmungslos, grinst mich an, verhöhnt mich mit meiner Gier. Jetzt ist es zu spät.

Während wir uns bereithalten und mit der gesamten Ausrüstung bekleidet in der Flughalle warten, wird uns ein Film gezeigt: die Schönheiten der Antarktis, der Schrecken des Kontinents, Frostbeulen, Schneestürme, euphorische Menschen, flatternde Zeltplanen, unglaubliches Licht, irisierend, unberechenbare Eisspalten, watschelnde Pinguine, kalbende Gletscher. Der Film endet mit einem Ausspruch Scotts: „Oh mein Gott, was für ein grausamer Ort.“ Wie grausam kann dieser Ort werden, denke ich mir, wenn nicht einmal Scott mit ihm fertig geworden ist? Scott, mein Kinderheld, beginnt zu schwächeln. Der schöne Stuck aus Opas Wohnzimmer bröckelt ab.

Unser Gepäck wird von neuseeländischen Soldaten nach draußen befördert, uns bleibt jedem noch eine orangefarbene Tasche oder persönliches Handgepäck. Langsam wird es hell, ich werde gewogen, fühle mich ausgestopft wie ein Plüschtier mit all der Ausrüstung, bekomme einen Passagierschein und gehe auf die Rollbahn hinaus, den anderen roten Jacken hinterher. Es mischen sich auch ockerfarbene Uniformen dazwischen. Die Arbeiter, die für das Funktionieren der gesamten Station verantwortlich sind, tragen laut NSF-Statuten kein Rot.

Es ist grün, draußen steht eine Maschine, im ersten Moment wirkt sie drollig auf mich, die schwarz lackierte Nase der Herkules erinnert irgendwie versöhnlich an eine Comicfigur. Ein Flugzeug in Olivgrün, flankiert von Soldaten in Tarnanzügen, keine Fenster. Ein massiver Blechbauch, hinten offen, frisst unsere Taschen, Schneeraupen, Schneemobile, mehr Soldaten. Frisst und frisst. Mein Lieblingskinderbuch fällt mir ein: Die kleine Raupe Nimmersatt.

Beim Einsteigen werden Lunchpakete in braunem Papier ausgeteilt mit etwas Schokolade, einem Sandwich, einer Orange und Nüssen, dazu Oropax. Eine steile Metallstiege führt in das Dunkel des Flugzeuges, es gibt keine Sitze, nur Metallholme, zusammengehalten mit geflochtenen roten Bändern, Bänke zu beiden Seiten. Männer und Frauen sollen sich getrennt hinsetzen, hinten ist nämlich die Damentoilette: ein Kübel hinter einem Vorhang zwischen der Ladung, welche inzwischen verzurrt wird. Vorne die Herrentoilette: ein hohes, schmales, senkrecht stehendes Metallrohr in einer engen Kabine.

Ich klammere mich an meinen Rucksack, den ich gegen die orangefarbene Tasche ausgetauscht habe, um noch etwas Persönliches zu haben. Setze mich auf die Bänder, versuche, mich im Dunkel des Bauches zu orientieren. Fühle mich wie ein Lemming, wir trotten alle in diesen Bauch hinein, es ist kalt im Inneren. Unzählige kleine Lampen glühen von der unverkleideten Decke, die übersät ist mit Leitungen und Kabeln, ein ungeschminktes Flugzeug.

„Wird hier wohl keinen Film geben nach dem Menü“, sagt eine rote Jacke neben mir. Bin nicht aufnahmefähig für irgendwelche Scherze. Er kann nichts dafür.

Die würzige Morgenluft zieht durch das Flugzeug, übernächtigt ziehen sich die rund sechzig Passagiere die Mützen tiefer in das Gesicht, es dauert eine Ewigkeit, die Turbinen werden gestartet und wieder angehalten. Und wieder dasselbe Spiel. Der Lärm erstickt jedes Gespräch. Ein Soldat mit Megafon erklärt uns schlussendlich jenen Inhalt, den bei zivilen Luftlinien sonst adrette Stewardessen mit einem Lächeln, getunkt in viel Lippenstift, säuseln würden. Es gebe einen point of no return, wenn der überschritten sei, können wir nicht mehr umkehren, erklärt er uns. Okay, und was soll das jetzt heißen? Viele rote Jacken schauen sich fragend an, ohne Antwort. Irgendwie bin ich noch nicht ganz im Reinen mit mir, warum nur habe mich selbst in diesen Schlund gestoßen?

Nach einer kleinen Ewigkeit wird die Eingangstüre geschlossen, der Bauch schließt seine Klappe, wir schnallen uns mit den breiten Gurten an und nach einem kurzen Ruck bewegt sich die Maschine langsam auf dem Rollfeld. Im Halbdunkel beobachte ich die Menschen um mich herum, man erkennt sofort jene, für die es nicht mehr die erste Erfahrung ist, sie hängen lässig in den Bändern, zwischen ihrem Gepäck irgendwo ein Buch, sie tragen nicht mehr die Daunenjacken, beginnen schon, das Lunchpaket zu plündern. Die Erstlinge, verkrampft und fremd in den Gurten, die gesamte Ausrüstung praktisch im Anschlag, fingern nervös an ihrer Aluminiumplakette herum, warten angespannt auf den Start, der mit lautem Dröhnen vonstattengeht und uns das letzte Mal das Grün der neuseeländischen Berge, das letzte Mal den schon verblassenden Mond erahnen lässt, der schon längst der Sonne Platz gemacht hat. Wir werden ihn über Monate nicht sehen. Auch die Sterne nicht.

Der Ortswechsel in die Luft verändert auch mein Denken, das Eis fließt mir entgegen, das Denken öffnet sich dem Eis. Bald schon falle ich in einen ruhigen Schlaf, die Versöhnung zwischen dem Drang nach Neuem und der farblosen Sicherheit in alten, ausgetrampelten Pfaden findet statt. Die Zerrissenheit weicht einer Entschlossenheit. Ich reiße mir die Oropax aus den Ohren, ich muss mich nicht mehr schützen, kann mich fallen lassen, bereit, alles zu erleben, sauge alle Eindrücke um mich herum auf.

Endlich.

Der Flug ist wie ein langer Tauchgang durch dunkles Gewässer, Strömungen bringen mich in unbekannte Königreiche, niemals begriffen, immer erhofft, immer davon geträumt und niemals wirklich erfasst, wovon man träumt. Nun erahne ich die Weiten dieser Hoffnungen, dieser Gier und stehe zu ihr. Ich bewege mich nach vorn, klettere über unzählige Paare weißer Gummistiefel, über schlafende Menschen, lesende, essende, sinnierende, fresse mich in meinem Hunger nach dem Neuen durch die Menschen, Körper, Lebensgeschichten.

Ein Soldat bedeutet mir mit einer Geste, zu ihm zu kommen. Er lädt mich ein, hinauf auf das Kommandodeck. Ich steige die steile Eisentreppe hinauf, trete in einen offenen Raum, grelles Licht, Kontrolllampen, ich sehe nichts, das Auge ist verletzt durch das lange Dunkel. Langsam jedoch erkenne ich: Eis, nur Eis.

Nichts anderes mehr, irgendein Gott hat seine Laken verloren, weiße Flächen, Packeis, aufgetürmte Eiskolosse, ungeplante Strukturen, dazwischen angedeutete offene Wasserflächen des polaren Ozeans. Ich setze mich neben den Navigator hin, staune, wie in Honig schwimmend, zäh, unfähig, mich zu bewegen, unfähig, dies alles zu erfassen. Der Pilot blickt über seine Schulter zurück zu mir, grinst, ich erkenne an seinem Gesicht, ich bin als Fingee enttarnt. Es macht mir nichts aus, ich fühle mich hier oben nackt bis auf das Skelett. Jeder zusätzliche Breitengrad wirkt wie ein Magnet. Das Neue hat seinen Schrecken verloren, wirkt fast schon vertraut, obwohl ich kaum was davon gesehen, noch nichts davon gekostet habe.


Jede Struktur scheint hier vor Kälte erstarrt zu sein, trotz des noch aktiven Vulkans Mount Erebus im Hintergrund.


Es ist ein Leichtes, sich in dieser Weite zu verlieren – orientierungsmäßig wie gedanklich.


Das Packeis über dem polaren Ozean lockert sich im Südsommer für nur kurze Zeit.


Mächtige Gebilde schwimmen träge im Meer, Fragmente aus Tafeleisbergen, stets zum Kippen bereit.


Der gewaltige Abbruch des Matterhorn Glacier in den McMurdo Dry Valleys ist wie ein Klimaarchiv zu lesen.


Ein „Einzelzimmer“ in einem historischen Scott-Zelt vor der ständig brechenden Flanke des Canada Glacier.


Die amerikanische McMurdo Station – die größte Forschungsstation auf dem Kontinent – ist das ganze Jahr über besetzt.


Anders als die Polarpioniere können wir uns mit Schneemobilen fortbewegen, um unsere Camps zu erreichen.

Trotz unserer Daunenjacken frieren wir im Flugzeug, die Leitungen an der Decke sind inzwischen schon mit dickem Reif überzogen. Die Maschine kann nicht beheizt werden. Viele haben immer noch ihr Buch aufgeschlagen, der Großteil liest über ein Schicksal einer der Polarpioniere.

Man spürt am Druck in den Ohren, dass wir uns im Landeanflug befinden. Ich würde so gerne etwas sehen, doch muss man sich hier auf andere Sinne verlassen. Ich spüre, wir kreisen, scheinbar endlos lange, der Schmerz in meinen Ohren gibt mir nun jede Bewegung weiter. Ein Offizier poltert plötzlich die Treppe vom Kommandodeck hinunter, blickt auf die langen Reihen, die nun endlich verstehen, dass es hier um eine Botschaft ohne Gesprochenes geht. Der Offizier macht mit der Hand eine kreisende Bewegung. Wieder und wieder. Viele schauen verstört, verstehen die Wörter in seiner Hand nicht. Wir schauen uns fragend an. Langsam dringt die Nachricht von den Erfahrenen durch. Die Handbewegung bedeutet einen Bumerang-Flug. Keine Landung, we go back, sickert die Botschaft durch.

Was, wir kehren um? Wohin? Keiner kann sich ein Zurück vorstellen, weiß gar nicht mehr, wo „zurück“ ist. Der Lärm lässt keine langen Unterhaltungen zu. Wir müssen schlucken, „that’s the word.“ Das letzte Wort, wir fliegen wieder acht Stunden zurück. Eine Landung war wegen Schlechtwetters auf der Forschungsstation McMurdo nicht möglich. Man konnte nichts sehen, es tobte ein Schneesturm, welcher die Sicht unterhalb von 50 Metern absolut unmöglich machte. Enttäuscht rolle ich mich neben meiner Nachbarin zusammen.

Aber was hatte ich denn gedacht? Naives Ding! Ein Flug in das Herz der Antarktis ist eben keine Urlaubsreise. Dieser Durst wird nicht nach Bedarf gestillt. Schon gar nicht dosiert.

Als wir landen, ist es bereits wieder dunkel geworden in Neuseeland. Das Eis hat uns ausgespuckt, das Grün hat uns wieder, doch wir passen hier nicht mehr hin. Voll adjustiert stehen wir etwas verloren auf der grünen Wiese neben der Rollbahn herum, die Müdigkeit und Enttäuschung übermannt uns, hektisch wird es um das Flugzeug. Wir sollen uns für morgen bereithalten, vielleicht morgen, sagt uns wieder die energische Dame. Man merkt ihr die Müdigkeit nicht an, derselbe perfekte Lidstrich wie am Morgen. Pfeif drauf, denk ich mir, krabble in den bereitgestellten Bus, wir werden wieder in unser Bed & Breakfast gebracht. Die Wirtsleute, die sich heute Nacht für ein paar Monate von uns verabschiedet hatten, wirken nicht überrascht, als wir wieder vor der Türe stehen. Als Allheilmittel gibt es hier immer Tee, so auch jetzt. Red nicht, trink Tee. Das Wetter ist der Boss, das war alles, was ich dort gelernt hatte. Nichts ist so unberechenbar auf dem Kontinent wie das Wetter.

Der nächste Morgen, dieselbe Prozedur, geweckt werden, Tee trinken, anziehen, warten, in den Bus steigen, Namen abhaken, warten, in den Bauch steigen, warten. Abheben, beleidigte, pfeifende Ohren, die Gedanken heben wieder ab, es ist alles schon etwas vertrauter, nicht mehr so bedrohlich, nicht mehr so kalt, das Fehlen der Stewardessen nicht mehr so lächerlich. Auch ich lese jetzt die Geschichte eines Polarpioniers, The Worst Journey of the World von Apsley Cherry-Garrard, Doug, ein Kollege meines Teams, hat es mir vor dem Abflug geschenkt. Lese, döse, warte, lese, esse meine letzte Orange, denke, staune, bis ich Stunden später wieder den Druck auf den Ohren spüre und merke, dass wir im Sinkflug sind, Schleifen ziehen, unzählige, so scheint es, es hebt und senkt sich ganz empfindlich mein Mageninhalt, wir steigen und sinken, es scheint nie zu enden. Plötzlich ein hartes Aufsetzen und wir holpern dahin. Kommen auf genau zwei Meter dickem Eis zu stehen, nichts mehr trennt das tonnenschwere Flugzeug vom eisigen Polarmeer. Der Lärm wird gemein, als die Schubumkehr dagegen arbeitet, ein Einsetzen der Bremsen ist auf dem Eis nicht möglich. Die Turbinen laufen noch, die Herkules vibriert.

Ein schrilles Megafon heißt uns in der Antarktis willkommen: Vergiss nie, wo du dich befindest, vergiss niemals deine Umgebung, du bist hier der Eindringling. Die erste Botschaft auf dem Eis, alles in Militärjargon. Entzückend. Endlich stehen wir, die Türe geht auf, schrilles Licht empfängt uns, es ist neun Uhr abends, die Sonne steht hoch am Himmel, sie wird uns über die ganzen Sommermonate begleiten. Unruhig wird es im Flugzeug, die kalte Luft von außen hat schon das Innere erobert, kriecht bis in die letzte Lücke, Körper werden eingepackt, bewegen sich zaghaft über die Treppe nach unten, den ersten Schritten auf das Eis entgegen.

Ich warte, zu einfach erscheint es mir, nun einfach auf das Eis zu treten.

Für mich selbst ist dieser erste Schritt auf das Eis so bedeutungsvoll wie ein Schritt in eine völlig andere Welt. Was ich hier, auf den Metallstiegen, sofort lerne: Jegliche Empfindung wird an Orten wie diesen schamlos übersteigert. Ich weine. Vor Erleichterung. Vor Glück. „Opa, ich bin jetzt da“, sage ich laut.

Bin angekommen. Endlich. Die Seele kann atmen, weit ist alles, mein Brustkorb fühlt sich so weit und so tief an wie das Meer, über dem ich stehe.

Endlich atmen.

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9783702235284
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