Kitabı oxu: «Ehrenmord - Schweden-Krimi»

Şrift:

Björn Hellberg

Ehrenmord – Schweden-Krimi

Saga

Ehrenmord – Schweden-Krimi

Übersetzt

Christel Hildebrandt

Coverbild / Illustration: Shutterstock

Copyright © 2002, 2020 Björn Hellberg und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726445077

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Damals

Der Dieb

Er hatte gar keinen Revolver stehlen wollen, zumindest anfangs nicht.

Aber als sich so unverhofft die Gelegenheit bot, zögerte er nicht. Vielleicht würde er die Waffe ja irgendwann einmal brauchen können; wer konnte das wissen?

Der Junge hatte das Vereinshaus der Pistolenschützen erst betreten, als die internen Meisterschaften schon eine Viertelstunde lang in vollem Gang waren. Er hörte die Schüsse von der Mauer widerhallen, als er sich an das provisorische Bauwerk mit den beiden Umkleideräumen heranschlich. Das Gebäude sah aus wie ein umgekippter Würfelzuckerkarton. Es war wirklich kein Staat damit zu machen.

Er wusste, dass es normalerweise nicht verschlossen war. In diesen Kreisen vertraute man einander. Bei seinen Diebeszügen in der städtischen Sporthalle war er sehr erfolgreich gewesen, aber irgendwann hatten sich beim Hausmeister so viele Beschwerden angehäuft, dass die Aufsicht verstärkt wurde. Und die Sportler gingen inzwischen auf Nummer Sicher und nahmen ihre Wertsachen mit in die Sporthalle oder Sauna, da gab es nicht mehr viel zu holen. Vielleicht war seine Ausbeute hier ja besser.

Als er ins Haus trat, hörte er einen dumpfen Knall, der nicht von einer Waffe herrührte. Das Geräusch war natürlichen Ursprungs, und dem Jungen war sofort klar, dass jemand im Gebäude war. Er schlich vorsichtig weiter und sah das Besetztzeichen an der Toilettentür.

Sein erster Impuls war, Hals über Kopf zu fliehen. Er war bisher noch nie geschnappt worden, und dies sollte nicht das erste Mal sein.

Aber vielleicht schaffte er es ja doch noch, die Taschen der Hosen und Jacken zu durchsuchen, die an den Haken in dem kleinen Raum hingen. Er arbeitete fieberhaft, wurde aber nicht belohnt: Er fischte nur ein paar zerknüllte Taschentücher, ein Jo-Jo, zwei Bleistifte, eine leere Bonbondose und anderen Müll hervor. Davon nahm er nichts mit. Erst als er die Bänke in der Mitte des Umkleideraumes umrundete, entdeckte er den glänzenden Revolver, der zusammen mit einer Schachtel Munition auf der Bank gleich neben der Toilette lag.

Ohne zu zögern, nutzte der Junge diese Nachlässigkeit aus, schnappte sich den Fund und beeilte sich, aus dem Gebäude zu kommen.

Niemand sah ihn. Wie immer agierte er mit größter Vorsicht. Er hielt in alle Richtungen Ausschau, bevor er das Vereinshaus verließ. So aufgedreht, als hätte er gerade im Lotto gewonnen, erreichte er die Sicherheit der zentralen Straßen. Er wurde einer der vielen Anonymen, die sich im Zentrum drängten. Niemand beachtete ihn.

Er hatte das Diebesgut in einer Tüte verstaut und nahm Kurs auf seine Wohnung. Sein Vater würde wie üblich im Geschäft sein, also konnte er sich nach Hause trauen, ohne Gefahr zu laufen, gestört zu werden, wenn er seine Beute inspizierte.

Er wusste nicht besonders viel über Waffen und das Schießen, hegte aber ein breites Interesse für Sport. Hatte nicht ein Schwede namens Ragnar Skanåker vor kurzem bei den Olympischen Spielen in München vollkommen überraschend die Goldmedaille im Pistolenschießen gewonnen?

Wohlbehalten daheim, schloss der Junge sich in sein Zimmer ein und holte den Revolver hervor, wog ihn mit einem Gefühl der Macht in der Hand.

Er hatte so viele Möglichkeiten. Er konnte ihn beispielsweise verkaufen oder als Tauschobjekt benutzen. Oder – und dabei wurde ihm für einen Moment schwarz vor Augen – er konnte ihn auch selbst benutzen, für die Jagd oder in irgendeinem anderen Zusammenhang. Ja, warum nicht?

Aber noch nicht. Es war besser, erst mal Gras über die Sache wachsen zu lassen, den Revolver an einem so unzugänglichen Ort zu verstecken, dass niemand anderes ihn fand.

Er war stolz auf das, was er geleistet hatte. Niemand würde ihm auf die Schliche kommen. Es war ja nicht das erste Mal, dass er es geschafft hatte, ohne entdeckt zu werden; er war geschickt, so einfach war das, das hatte er schließlich schon früher bewiesen, als noch mehr auf dem Spiel gestanden hatte.

Jetzt

Der Planer

Er brannte darauf, die beiden Männer zu töten.

Er wollte es auf jeden Fall tun.

Der Gedanke an die Planung, die Durchführung und das zu erwartende Hochgefühl gaben ihm einen Kick. Schon jetzt. Und gewiss würde es noch besser werden.

Der bevorstehende Genuss versetzte ihn in eine gewaltige Erregung, ohne aber seine eiserne Beherrschung zu erschüttern.

Der Mann erhob sich aus dem abgewetzten Ledersessel. Rastlos lief er auf dem verschrammten Parkettboden hin und her, während er über Vorgehensweise und Zeitpunkte nachdachte.

Wen sollte er sich zuerst vornehmen?

Er überlegte, zauderte, wog Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Erst einmal zündete er sich eine Zigarette an, schob sie in den linken Mundwinkel und rauchte sie, während er seinen Weg durchs Zimmer fortsetzte: vier Schritte entlang der Stirnwand, fünf Schritte die Längswand entlang.

Natürlich war es seine Pflicht, sie zu ermorden, alle beide. Es handelte sich hierbei schließlich um die Einhaltung eines gegebenen Wortes, um seine Ehre.

Er war keiner dieser gemeinen Wortbrecher. Auf ihn konnte man sich verlassen.

Dennoch sah er den sich selbst auferlegten Auftrag nicht als Zwang an.

Im Gegenteil.

Es war ein Vergnügen, genau so, wie es eine Pflichterfüllung war.

In dem Moment, als er die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte, fasste er einen Entschluss.

Er wusste jetzt, wem die Ehre zuteil werden sollte, als Erster zu sterben.

Sein Puls hämmerte vor unterdrückter Spannung, und er meinte, den Schweiß unter den Achseln hervortreten zu spüren.

Er war bereit.

Worauf wartete er noch?

Number one, here I come!

Jan Carlsson

Der Kriminaloberinspektor Jan Carlsson genoss das Frühstück zusammen mit seiner Ehefrau Gun auf der kleinen Terrasse in dem blickgeschützten Garten hinter ihrem Haus. Die Sonne schüttete Junihitze über sie aus. Gun war vollständig angezogen, während er in seinem abgetragenen, blau gefransten Morgenmantel dasaß. An den Füßen trug er offene Sandalen.

»Na, heute Abend wirst du sicher etwas später als sonst kommen«, sagte sie eher feststellend als vorwurfsvoll.

Er hob seinen Blick von den Sportseiten der Zeitung. Seine Augen waren blaubeerfarben und klar wie Quellwasser. Ihnen war sie zuerst verfallen, als sie sich kennen lernten. Und immer noch konnten sie sie so anschauen, dass es in ihrer Magenkuhle kribbelte. Seine Haut war dagegen nicht so anziehend. Er hatte eine Reihe von Pickeln auf der Stirn, und Kinn, und die Wangen waren vernarbt.

»Dass ich für ein paar Wochen zum stellvertretenden Chef werde, bedeutet ja nicht zwingend, dass ich mehr arbeiten muss als sonst«, sagte er.

»Das meinte ich eigentlich auch nicht. Sten tritt doch heute seinen Urlaub an, oder?«

Er nickte.

»Und fährt morgen nach Bornholm?«

Jetzt begriff er, worauf sie hinauswollte. Trotzdem tat er vollkommen unwissend.

»Natürlich«, sagte er. »Genau wie immer. Sten ist nicht der Typ, der seine Gewohnheiten unnötigerweise verändert. Aber was ...«

»Spiel kein Theater«, sagte sie und legte genau so viel Härte in die Stimme, wie erforderlich war, um das Ruder in der Hand zu behalten. »Du weißt genauso gut wie ich, wie es jedes Mal abläuft, bevor er losfährt. Da schleift er dich mit in den Pub. Und dann kommst du angesäuselt nach Hause, wachst am nächsten Morgen als ein Wrack auf und bereust alles. Du kannst keinen Schnaps mehr ab. Das ist nun einmal so. Denk doch nur daran, was Pfingsten passiert ist! Da hast du einen ganzen Tag lang vollkommen erledigt herumgelegen, und schließlich hatten Vivi und Stellan davon die Nase voll, haben sich die Kinder geschnappt und sind nach Hause gefahren. Und ich stand mit der Schande da.«

Wütend legte er die Zeitung auf den Tisch. Er liebte seine Frau, aber hin und wieder führte sie ein allzu strenges Regiment. Mein Gott, er war doch kein wildes Fohlen mehr, sondern ein pflichtgetreuer, verantwortungsbewusster Kriminalbeamter mittleren Alters mit tadellosem Ruf. Er war nicht gerade begeistert davon, dass sie jedes Mal auf ihm herumhackte, wenn er sich ein Glas genehmigte.

Gun war eine liebevolle, treue und wunderbare Frau. Er hätte keine bessere finden können. Und er wusste, dass ihr Nörgeln seinen Ursprung in ihrer Sorge um ihn hatte. Sie wollte immer nur sein Bestes und litt mit ihm, wenn er sich jammernd aus sporadisch auftretenden Formtiefs hervorarbeitete.

Aber manchmal ging sie einfach zu weit mit ihrer Bevormundung (und dabei wusste er nicht einmal, dass seine Kollegen ihn wegen seiner großen Nachgiebigkeit heimlich als Pantoffelhelden bezeichneten).

»Zum einen«, sagte er schroff, »ist ...«

»Noch Kaffee?«

»Ja, danke. Zum einen ist es nicht so, dass er mich vor seinem Urlaub jedes Mal in den Pub mitschleppt.Vielleicht ist es ein paar Mal vorgekommen, aber es ist ja wohl auch mein gutes Recht, oder?«

»Mach weiter.«

»Und zum Zweiten ist Sten vorsichtig mit dem Alkohol, wenn er später Auto fahren muss. Das solltest du auch wissen.«

»Er ja. Aber du nicht«, sagte sie und lächelte ihn sanft an. Die Angst vor einer Niederlage ließ ihn die Stimme heben. »Zum Dritten trinken wir fast immer nur Bier.«

»Du bist süß«, stellte sie fest.

Die Streitlust verließ ihn.

Er schaute sie dumm an.

»Und zum Vierten?«, fragte sie.

»Vergiss es«, sagte er, beugte sich über den Tisch und küsste sie mitten auf den Mund.

Ihr Atem war immer frisch und appetitlich, und der Kuss zog sich in die Länge.

Schließlich machte sie sich los und schnappte nach Luft.

»Jetzt musst du aber aufhören, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.«

Er schaute viel sagend zu dem geöffneten Schlafzimmerfenster hinauf, in dem eine Gardine flatterte.

»Vielleicht heute Abend?«, schlug er vor.

»Kann schon sein«, neckte sie ihn und bekam plötzlich ein Funkeln in den Augen. »Natürlich nur, wenn du nicht Stens Gesellschaft im Pub vorziehst. Heute musst du abdecken. Tschüs!«

Sie trippelte über den mit Kopfsteinpflaster belegten Hinterhof und verschwand um die Ecke. Er rief ihr noch einen Abschiedsgruß hinterher, setzte sich wieder und las noch einige Minuten lang die Zeitung. Dann stand er auf und fegte vereinzelte Brötchenkrümel vom Tisch.

Zwei mutige Spatzen stürzten sich auf das Angebot, und Jan ging ins Haus, um zu duschen.

Kurze Zeit später stand er auf der Treppe und schloss die Haustür ab. Er hatte unglaubliches Glück gehabt, als er vor gut fünfundzwanzig Jahren auf dieses geräumige, charmante Haus in Gamleby gestoßen war, in dem mit Abstand attraktivsten Teil von Stad. Das Viertel bestand aus ein paar Häuserzeilen mit winkligen Gassen, pittoresken Häusern (darunter viele Fachwerkhäuser) und gepflegten Gärten. Im gleichen Jahr, in dem das alte, aber von Grund auf renovierte Traumhaus einzugsbereit dastand, heiratete Jan auch seine Jugendliebe, womit er also wirklich einen doppelten Volltreffer verzeichnen konnte.

Ihre Ehe war kinderlos geblieben. Immer wieder hatten sie die Möglichkeit einer Adoption diskutiert, aber vor nicht allzu langer Zeit hatten sie beschlossen, lieber weiterhin nur zu zweit zu bleiben.

Er war nicht besonders gläubig; dennoch kam es vor, dass er an gewissen Abenden ein stummes Gebet gen Himmel schickte, eine ihm gewogene Macht möge ihn zuerst fortschicken. Mit erschreckender Gewissheit musste er einsehen, dass er es nicht schaffen würde, Gun zu überleben. Vielleicht wäre er in der Lage, sich notdürftig praktisch zu versorgen, aber emotional konnte er sich ein Leben ohne Gun an seiner Seite einfach nicht vorstellen. Deshalb verließ er sich auf die gerechte Hand des Schicksals, wenn es denn Zeit für den Aufbruch sein würde. Gun war eine stärkere Natur, realistisch, gewandt und bodenständig: Sie würde auch ohne ihn in Würde alt werden können.

Das stellte er ohne Gemütsbewegung fest, während er gleichzeitig die hellblaue Himmelslandschaft betrachtete. Das Wetter war herrlich, mild, mit einer sanften Brise.

Da er reichlich Zeit hatte, beschloss er, seinen Morgenspaziergang auszudehnen und eine Runde um die Kirche zu machen. Wenn er den üblichen Weg nehmen würde, käme er eine Viertelstunde vor Dienstbeginn in der Polizeistation an, und so versessen war er auf seinen zeitweiligen Job als Chef nun auch nicht. Er wollte auf keinen Fall wie ein Streber wirken. Sonst würden die Kollegen gleich wie die Geier über ihn herfallen.

Stad war stolz auf seine mittelalterliche Kirche. Das sakrale Gebäude in romanischem Stil war nicht nur mächtig – nur wenige Provinzkirchen waren größer –, sondern auch rein architektonisch äußerst ansprechend. Das Schiff stammte vom Ende des 13. Jahrhunderts, und über diesem Haus des Herrn ruhte eine Art majestätischer Eleganz. Hinzu kam die ausgesuchte Lage auf einer Anhöhe direkt oberhalb des Flusses, der sich um das Zentrum der Gemeinde schlängelte.

Vor sich hin pfeifend und in ausgezeichneter Laune umrundete Jan Carlsson den Friedhof und kam am Gemeindehaus vorbei. Die japanischen Kirschbäume, die noch vor wenigen Wochen in voller Blüte gestanden hatten, waren bereits wieder in ihre geduldige Wartestellung auf die kurze, aber beeindruckende Glanzperiode im nächsten Jahr übergegangen. Jetzt hingen die verwelkten rosa und weißen Blüten wie finstere Reminiszenzen einer Größe da, die vergangen war und erst in ferner Zukunft wiederkehren sollte.

Er dachte an die nahe Zukunft, an den kommenden Abend. Wie sollte er sich entscheiden?

Für den Kneipenbesuch mit Sten Wall? Oder für ein Schäferstündchen mit Gun?

Es hieß entweder – oder. Im Alter von fünfzig Jahren konnte er nicht mehr beide Angebote mit ausdauerndem Enthusiasmus annehmen; jedenfalls nicht, wenn er sich an die Reihenfolge hielt. Natürlich konnte er sie umdrehen, sodass Gun zuerst drankam und dann das Bier – das würde er zweifellos schaffen. Aber er hatte das sichere Gefühl, dass seine Frau nicht begeistert wäre, wenn er sich direkt nach liebevollen Intimitäten im Schlafzimmer in die Kneipe aufmachte.

Dann würde es also ein ruhiger Abend daheim werden, mit allem, was dazugehörte, auch wenn er dadurch vielleicht Sten Wall verärgern würde (der Gedanke, dass sein Kollege vielleicht gar keine entsprechenden Pläne für den Abend schmiedete, kam ihm nicht).

Das Wetter war außerdem ideal für die Romantik. Daran gab es gar keinen Zweifel.

Am Eingang zur Polizeistation kontrollierte er seine Armbanduhr.

Sechs Minuten vor acht – das war akzeptabel.

Sein Erscheinen würde keine höhnischen Kommentare seiner Kollegen hervorrufen.

Aber sobald er sich in den großzügigen Arbeitsräumen im ersten Stock zeigte, hagelten die sarkastischen Sprüche nur so auf ihn nieder:

»Weg mit dem Kartenspiel, der Chef ist gekommen!«

»Versteck das Pornoheft, verdammt noch mal!«

»Wer packt den Karton mit den Schmiergeldern weg?«

»Wann ist Wall eigentlich von Bornholm zurück, damit wir endlich wieder anfangen können, ordentlich zu arbeiten?« »Mach dein Hemd richtig zu, Otto! Glaubst du etwa, das ist ein Kindergarten hier?«

»Was müssen wir normalen Sterblichen tun, um auch irgendwann einmal auf dem Chefsessel zu landen?«

Jan Carlsson lachte.

Jungs bleiben doch ihr Leben lang Jungs.

»Okay«, sagte er. »Ich habe kapiert. Jetzt möchte ich ...«

»Habt Acht!«, schnarrte jemand.

Alle richteten sich kerzengerade auf und salutierten ihm, sodass Jan Carlsson wohl oder übel die Rolle spielen musste, die ihm zugedacht war.

»Guten Morgen, Kameraden!«, schrie er mit gespielter Unteroffiziersstimme.

»Guten Morgen, Chef!«, dröhnte es zurück.

»Rühren!«

Als die kleine Gruppe vor ihm gerade gleichsam in sich zusammensank, war lautes Räuspern vom Flur her zu hören. Alle wandten sich gleichzeitig dem Geräusch zu, und im nächsten Moment trat ein hoch gewachsener, hagerer Mann in einem schlecht sitzenden braunen Anzug durch die Tür. Er hatte schneeweißes, nach vorn gekämmtes Haar und ein großes, lilafarbenes Feuermal auf einer Wange. »Was macht ihr denn hier?«, fragte der Distriktspolizeileiter Helge Boström.

»Ach, gar nichts.«

»Dafür war es aber reichlich laut. Man konnte es im ganzen Haus hören. Wall braucht nur seine krankhaften Fettmassen mal von seinem Arbeitsplatz fortzubewegen, und schon benehmt ihr euch wie Kleinkinder.«

»Einen unschuldigen Spaß darf man sich doch wohl noch mal erlauben«, erklärte Carl-Henrik Dalman, gestandener Veteran, bekannt für seine reaktionäre Haltung und seinen fast vollkommenen Mangel an Humor.

Und der jüngste Mann der Abteilung, Terje Andersson, ging mit naivem Trotz zum Gegenangriff über.

»Wir haben doch niemandem geschadet, oder?«

Dalman blies sich noch mehr auf:

»Seit wann ist es denn verboten, sich in seiner Freizeit zu entspannen? Darf ich daran erinnern, dass wir alle schon früher an unserem Platz waren, als wir eigentlich müssen. Da! Jetzt schlägt es erst acht.«

Der Distriktspolizeileiter winkte ungeduldig mit seinen langen, nikotingelben Fingern ab.

»Jaja. Ich bin auch nicht hergekommen, um euch zu inspizieren. Ich habe wichtigere Sachen zu tun. Aber ich würde gern mit dir reden, Jan.«

»Jetzt?«

Boström nickte.

»Komme schon«, sagte Carlsson und folgte dem Vorgesetzten auf den Flur.

Jemand flüsterte theatralisch hinter seinem Rücken:

»Zur Seite, liebe Leute, damit der Boss durchkommt.«

Der Besuch bei Boström stahl Jan Carlsson eine halbe Stunde seines Arbeitstages. Während dieser dreißig Minuten gelang es dem Distriktsleiter, zwei Zigaretten zu rauchen, einen Urlaubsplan für den Herbst zu präsentieren und die übliche Litanei von zu schlechten ökonomischen und personellen Ressourcen von sich zu geben.

Wieder zurück in seinem eigenen Zimmer, nahm sich Carlsson die Berichte vom Wochenende vor.

Es war nicht gerade eine aufmunternde Lektüre.

In einer Mietswohnung im Stadtteil Grönland versuchte ein Sechsjähriger in der Nacht zum Sonntag, seinen berauschten Vater daran zu hindern, seine Ehefrau mit den bloßen Fäusten totzuschlagen. Der Junge bekam ordentlich eins gewischt, was seinem tapferen Versuch, den Streit zu schlichten, ein jähes Ende bereitete. Der Vater kam jedoch zur Besinnung, als der Kleine weinend auf den Küchenfußboden fiel. Die große Versöhnung senkte sich über die ganze Familie, und als die von den Nachbarn alarmierte Polizei eintraf, herrschte das reine Idyll. Der Junge wurde mit Eis verwöhnt, und es war unschwer zu bemerken, wie die Eltern sich trösten würden, sobald sie in Ruhe gelassen würden. Der polizeiliche Einsatz erwies sich als überflüssig, da die Frau keine Anzeige erstatten wollte.

»Sind Sie sich sicher, dass nichts passiert ist?«, fragte einer der Polizisten misstrauisch.

»Absolut«, beteuerte der Papa. »Hier ist es doch friedlich, friedlicher geht’s gar nicht.«

»Aber die Nachbarn ...«

»Ach, mir ist ein Stuhl umgefallen«, sagte die Mama.

»Und der Stuhl sprang wieder hoch und traf Sie mitten im Gesicht?«

Sie presste die Lippen zusammen, und der Polizist bohrte stattdessen seinen Blick in das vom Weinen angeschwollene Gesicht des Jungen.

»Stimmt das?«

Bevor dieser antworten konnte, griff der Vater ein:

»Willst du noch mehr Eis, Marcus?«

Kurz darauf zogen die Polizisten unverrichteter Dinge ab. Jan Carlsson fuhr sich über seinen spärlich behaarten Kopf und wühlte sich weiter durch den Papierstapel.

Natürlich stieß er dabei auf die üblichen Wochenendvergnügungen: verwüstete Blumenrabatten im Park, Prügeleien zwischen Rockerbanden im Gewerbegebiet, drei Autodiebstähle, vier Einbrüche, eine Misshandlung im Gasthaus Baronen, Tierquälerei auf einem Bauernhof in Slätthult und ein Vergewaltigungsversuch im Süden.

Mit anderen Worten: ein ziemlich normales Wochenende. Carlsson seufzte.

Und plötzlich beneidete er Sten Wall.

Urlaub – das Wort schmeckte nach Luxus und Spaß.

Er selbst kam erst Mitte August in diesen Genuss, dann wollten Gun und er sich eine Autoreise durch England und Schottland gönnen. Er freute sich jetzt schon darauf, obwohl er noch nie im Linksverkehr gefahren war, abgesehen von ein paar Monaten kurz bevor Schweden am 3. September 1967 von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt hatte.

Mitte August: Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor.

Sten Wall

Früher hatte sich Sten Wall unbeschwerter auf seinen Urlaub gefreut.

Zwar spürte er immer noch ein herrlich prickelndes Gefühl der Erwartung, wenn die Urlaubszeit in greifbare Nähe rückte. Aber die Vorfreude war mit einer immer deutlicher wahrnehmbaren Wehmut kombiniert. Er hatte die sechzig überschritten (sogar mit einem gewissen Abstand) und war sich bewusst, dass er sich in Riesenschritten der Pensionierung näherte. Und wenn er diese magische Grenze passiert hatte, konnte er sich so viel Urlaub gönnen, wie er wollte. Für viele mochte das erstrebenswert sein, aber für Wall bedeutete es nicht nur Vorteile.

Er war zu der Überzeugung gelangt, dass er weiterarbeiten wollte. So lange wie möglich. Er war seinen Beruf noch lange nicht leid und fürchtete eine Zukunft, in der seine Dienste und seine Kompetenz nicht länger gefragt waren.

Realist, der er war, sah er ein, dass dies der unausweichliche Lauf des Lebens war: In ein paar Jahren war es Zeit, jüngeren Kräften den Weg frei zu machen. Er konnte doch nicht bis in alle Ewigkeit auf seinem Platz kleben und damit das Weiterkommen der anderen blockieren. Aber das war ja auch gar nicht seine Absicht. Er wünschte sich, auf irgendeine für ihn maßgeschneiderte Art weitermachen zu können und zur Verfügung zu stehen, ohne damit den Jungen den Weg zu versperren. Aber die Gleichung ging nicht auf, das war ihm schon klar.

Vielleicht fand er ja auch eine sinnvolle Beschäftigung außerhalb der Polizei, wenn er die fünfundsechzig erreicht hatte.Vielleicht gab es jemanden, dem seine Erfahrung und seine unbestreitbaren Kenntnisse von Nutzen sein konnten und der ihm zumindest einen Teilzeitjob anbot.

Der Gedanke munterte ihn für eine Weile auf, aber dann hüllte ihn doch wieder der Trübsinn ein. Es war natürlich auch sehr gut möglich, dass sich alles von selbst löste. Wer hatte noch nicht davon gehört, wie oft Leute direkt nach Erreichen des Pensionsalters schwer krank wurden oder starben? Das war leider keine Seltenheit.

Es gelang ihm nur unter größter Kraftanstrengung, diese demoralisierenden Überlegungen abzuschütteln.

Mein Gott: Er war doch nun wirklich kein geborener Pessimist – warum dann diese trüben Gedanken? Hatte er nicht Urlaub? Natürlich. Und da gab es dann doch wohl keinen Grund, hier auf einem der schönsten Marktplätze Schwedens über die Zukunft zu brüten und trüben Phantasien nachzuhängen.

Reiß dich zusammen, Kerl!

Er ging zu dem Kiosk auf der anderen Straßenseite und kaufte sich ein Eis, mit dem er zurück zu seiner Bank schlenderte. Er saß mit dem Gesicht der brausenden Fontäne des Springbrunnens zugewandt und ließ sich Eis und Freiheit schmecken.

So hatte er schon oft den Sommerurlaub eingeläutet: mit einem Eis auf dem Stortorget (wenn es das Wetter zuließ, was meistens Anfang Juni der Fall war).

Wenn er sich, so wie jetzt, einfach treiben ließ, kam die Urlaubsstimmung jedes Mal von ganz allein so langsam über ihn. Manchmal kam es vor, dass sich jemand neben ihn setzte, um sich eine Weile mit ihm zu unterhalten: Sten Wall war ein bekanntes Gesicht in der alten südschwedischen Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war und in der er fast alle seine Berufsjahre verbracht hatte.

Obwohl er Polizist war – und sich dadurch automatisch und unweigerlich Feinde verschaffte –, war er in weiten Kreisen äußerst angesehen. Von den Gesetzestreuen wurde er als ein rechtschaffener Vertreter von Recht und Ordnung angesehen. Und von vielen Kriminellen wurde er zwar nicht direkt geliebt, aber jedenfalls einigermaßen respektiert, denn er spielte ein ehrliches Spiel.

Der korpulente, glatzköpfige, gemütliche Kommissar war in der Stadt wohl bekannt. Er gehörte dazu, war geradezu Teil des Inventars.

Heute schien es so, als sollte er mutterseelenallein auf seiner Bank sitzen bleiben. Während er sein Eis genoss, studierte er mit gedankenverlorener Miene das Haus hinter dem Springbrunnen. Das schwarzweiße Rathaus war immer schon sein Lieblingsgebäude gewesen, und er war nicht der Einzige, dem die stilvolle Schöpfung des ausgehenden 18. Jahrhunderts so gut gefiel. Touristen drückten oft ihre Bewunderung über das gut erhaltene Gebäude aus, das noch attraktiver geworden war, als es das einzige echte Zeichenmuseum Schwedens aufnahm.

Durch das zarte Grün der vier Linden hinter den Wasserkaskaden des Granitbrunnens konnte Wall das Gartencafé erkennen, das zu einem der beiden Restaurants auf dem Marktplatz gehörte. Dort unter dem großen Sonnenschirmdach schien es keinen einzigen freien Platz mehr zu geben, aber schließlich war ja auch gerade Mittagszeit. Links von dem Restaurant lagen ein Friseursalon (der sich mittlerweile Studio nannte) und eine Buchhandlung.

Früher hatte sich dort an Stelle der Buchhandlung eine Apotheke befunden, und mit einem Lächeln im Gesicht erinnerte Wall sich an den Tag, als er dort seine ersten Kondome gekauft hatte. Er hatte es so eingerichtet, dass er nicht vom Apotheker selbst oder einer der älteren, verbiesterten Apothekenhelferinnen bedient wurde, sondern genau in dem Moment zum Verkaufstresen vorschoss, als die jüngste Mitarbeiterin des Geschäfts – eine äußerst süße Blondine – frei war. Er hatte schon lange ein Auge auf sie geworden. Natürlich nur heimlich. In seinen pubertären Träumen hatte das blonde Mädchen schon seit langem die Hauptrolle inne, und jetzt war es Zeit für einen mutigen Vorstoß.

Überlegen, fast nonchalant, hatte er mit männlich rauer Stimme seinen Wunsch vorgetragen, wobei er der jungen Frau frech und herausfordernd in die Augen schaute. Er wollte ihr mit seinem unbeschwerten, weltgewandten Verhalten imponieren (er war noch nie außer Landes gewesen – abgesehen von einem kurzen Besuch in Kopenhagen), und seine heimlichsten Gedanken liefen auf die Hoffnung hinaus, das Gekaufte mit der schönen Verkäuferin auszuprobieren. Aber sie hatte ihn eiskalt als den Grünschnabel angesehen, der er ja auch war, und ihm das Gewünschte gereicht, ohne eine Miene zu verziehen.

Es war sehr ernüchternd gewesen.

Heute konnte er sich nicht mehr daran erinnern, ob er diese Kondome überhaupt jemals benutzt hatte. Vermutlich war es eine vollkommen überflüssige Investition gewesen. Das Eis war aufgegessen und die Apothekenerinnerung verschwunden.

Sten Wall stand auf, um diverse praktische Dinge zu erledigen. Als Polizist war er immer offen für neue Ideen. Er besaß eine lebhafte Phantasie und scheute sich nie, zu improvisieren und neue Wege auszuprobieren, wenn seine Ermittlungen in Sackgassen geführt hatten. Sein dahin gehendes Geschick hatte große Triumphe gefeiert und mehrere Male sogar nationale Aufmerksamkeit geweckt.

Gierig sog er nach getaner Arbeit das Lob ein. Das Alter hatte seine Eitelkeit ganz und gar nicht vertrieben. Im Gegenteil: Sie hatte mit der Zeit sogar noch zugenommen.

Als Kriminalkommissar war er also einfallsreich und in vielerlei Hinsicht modern. Privat gehörte er dagegen eher zu den Anhängern von Traditionen. Er fühlte sich in konservativen Routinen am sichersten. Deshalb verbrachte er auch seit mehr als zwanzig Jahren seinen Sommerurlaub in Allinge auf Bornholm. Und so gut wie jedes Mal läutete er den Urlaub mit einem Tag in Stad ein, um notwendige Dinge zu erledigen.

Er musterte seine Liste, auf der bereits der erste Punkt abgehakt war: Ablieferung eines Teils der Wintergarderobe bei der chemischen Reinigung.

Aber bis er sich durch die Liste durchgekämpft haben würde, war noch einiges zu tun.

Er musste zur Post, zur Bank (unter anderem, um dänisches Geld einzuwechseln) und zu seiner Leib- und Magenzeitung Bladet (die Zeitungen sollten wie üblich für ihn gesammelt werden, damit er sie nach seiner Rückkehr abholen konnte).

Und dann waren da all diese Kleinigkeiten, die bei ihm zu Hause erledigt werden mussten. Er wollte alles erledigt haben, damit er auch wirklich abschalten konnte, wenn er dann losfuhr.

Er würde das Mittagessen ausfallen lassen und sich mit einer Banane begnügen. Weil er deutliches Übergewicht mit sich herumtrug, quälte er sich ab und zu mit psychisch niederschmetternden Diäten. Aber die Ferien ließ er sich niemals durch dieses Elend trüben. Auf der Märcheninsel in der Ostsee nahm er sich die Freiheit, nach Herzenslust zu essen und zu trinken. Wenn man Urlaub hat, dann auch richtig.

Mit der Aussicht auf die bevorstehenden Gaumenfreuden – er liebte die dänische Küche – konnte er sich heute problemlos zurückhalten. Auf jeden Fall war es gut für den Charakter, sich selbst zu beweisen, dass man sich beherrschen konnte, auch wenn sich die Gelegenheit zum Sündigen bot. Natürlich ging er das Risiko ein, Kopfweh zu bekommen, aber den Hieb musste er schlimmstenfalls eben ertragen.

Das Wetter war schön, und er hoffte auf ein wenig kleidsame Farbe für seinen allzu blassen Körper. Ansonsten kokettierte er nicht besonders mit seinem Aussehen, seine Eitelkeiten lagen auf einem anderen Feld, beispielsweise bei Komplimenten für gut ausgeführte Arbeit. Allerdings war eine bleiche, fette irdische Hülle ja nicht gerade etwas, womit man prahlen konnte oder was man gern unnötigerweise zur Schau trug.

Gegen Nachmittag war er wieder in seiner Junggesellenhöhle in der Bergsgatan zurück, in der er schon jahrzehntelang wohnte. Die Wohnung war so langsam auf dem Weg zum Verfall gewesen, doch im letzten Winter hatte er einige notwendige Verbesserungen durchführen lassen. Einem der Zimmer hatte er ein wohlverdientes Gesichtslifting gewährt, und sämtliche Fenster hatten neue Rahmen bekommen. Die alten waren kurz davor gewesen, völlig zu verrotten, als er sie endlich austauschen ließ.

Es wäre noch mehr erforderlich gewesen, um es wirklich so zu haben, wie er wollte, aber den Rest des Projekts hatte Wall lieber in die Zukunft verschoben. Ihm fehlte jedes praktische Geschick, er war auf fremde Hilfe angewiesen. Aber im Augenblick ertrug er es einfach nicht, Handwerker um sich zu haben. Es war eine Plage gewesen, diese ehrenwerten Arbeiter in seinem eigenen Heim herumspringen zu haben, deshalb würde es sicher noch eine Weile dauern, bis er sich wieder bei Kräften sah, um den nächsten Schwung an Tischlern, Maurern, Elektrikern und Malern in seinen vier Wänden zu empfangen.

Umständlich und gewissenhaft füllte er seine beiden Reisetaschen. Die eine barg in erster Linie Bücher. Während seiner Aufenthalte in Allinge las er im Schnitt fast ein Buch am Tag. Jetzt verstaute er ein Dutzend Titel – eine muntere Mischung aus Fachliteratur und Belletristik –, die den Bedarf für die kommenden vierzehn Tage wohl decken würden.

Er inspizierte Kühlschrank und Vorratskammer. Nachdem er das wenige, was für ein kärgliches Frühstück am nächsten Morgen erforderlich war, zur Seite gestellt hatte, blieben noch eine frisch geöffnete Packung fettarmer Milch, sechs Eier, ein halber Laib Schwarzbrot, acht Scheiben Knäckebrot, eine fast ausgequetschte Tube Kalles Kaviar, zwei Tomaten und eine Frikadelle.

Wall beschloss, die Reste zu seinen Freunden Gun und Jan Carlsson rüberzubringen. Es war ja nicht nötig, dass während seiner Abwesenheit alles verdarb.

Zwei Flaschen Bier (die konnten bei seiner Rückkehr von Nutzen sein), eine gut zur Hälfte geleerte Dose Kaffee und einen Karton mit Haferflocken ließ er allerdings stehen. Er schaute auf die Uhr. Wahrscheinlich war Gun bereits zu Hause. Sie hatte eine Teilzeitstelle in einer Zahnklinik und war normalerweise um diese Uhrzeit fertig mit ihrer Arbeit. Er packte die Essenssachen in eine Plastiktüte und ging dann wieder hinaus in den strahlenden Junitag. Auf dem Weg kam ihm der Gedanke, Jan zu überreden, mit ihm in die Kneipe zu kommen, aber er beschloss, den leicht zu überredenden Kollegen nicht in Versuchung zu führen. Allerdings war meistens nur eine Andeutung nötig, damit Jan die Gelegenheit wahrnahm, einen Abend von seiner fürsorglichen und wohlmeinenden Ehefrau freizunehmen. Wall rief sich zur Ordnung. Es war unfair, den so kurz gehaltenen Freund unnötigerweise zu locken, und außerdem wollte er selbst lieber frisch und munter sein, wenn er sich am nächsten Morgen hinters Steuer setzte. Pils würde er auf Bornholm noch reichlich bekommen. Er trank gern Bier, hatte aber – nach unaufhörlichen Zurechtweisungen des moralisierenden Distriktspolizeileiters Helge Boström – seinen Konsum um einiges reduziert. Aber im Urlaub war das ja wohl etwas anderes. Er dachte gar nicht daran, sich von dem weltberühmten, kräftigen dänischen Bier fern zu halten, nur weil es dem Nörgler Boström so passte.

Als er das arkadische Viertel in Gamleby erreichte, sah er schon von weitem, dass Gun Carlsson mit den Weinranken beschäftigt war, die an beiden Seiten der Haustür hochwuchsen.

Als sie ihn entdeckte, schien ihr Mienenspiel gleichzeitig Freude und Beunruhigung auszudrücken.

Sie mochte Sten Wall schrecklich gern, fürchtete aber, dass er ihren Mann mit in eine Kneipe schleppen würde, was inzwischen gleichbedeutend mit einer Katastrophe war. Sobald Jan auch nur eine Spur zu viel trank, benahm er sich am folgenden Tag wie ein verirrtes Zebra, das von einer Herde hungriger Löwinnen umkreist wird.

Er wollte einfach nur verschwinden und jammerte ununterbrochen. Dann folgten pathetische Reden darüber, dass er nie wieder in seinem Leben auch nur einen einzigen Tropfen Alkohol anrühren würde – falls er diese enorme Prüfung überhaupt überleben sollte (was er, hingegeben an Reue und Kater, oft als vollkommen unmöglich ansah). Selbstverständlich war Jan eigentlich klar, dass Gun ihm nur dieses Leiden ersparen wollte.

Menschenkenner, der er war, begriff Sten Wall sofort, dass Gun Gefahr witterte und das Schlimmste fürchtete.

Er betrachtete sie voller Zuneigung. Ihre ausdrucksvollen Augen hatten einen warmen, schönen Glanz, aber ihr Gesicht war eigentlich nichts sagend. Das kurz geschnittene Haar erschien auf irgendeine Weise leblos, selbst wenn es frisch gewaschen war. Für seinen Geschmack war sie außerdem viel zu mager und eckig. Aber was machte das alles, wenn sie ein so wunderbarer und warmherziger Kamerad war?

»Hallo, Gun. Ich fahre ja morgen in Urlaub und bin heute Abend beschäftigt, deshalb wollte ich das hier jetzt schon vorbeibringen«, sagte er und reichte ihr die Plastiktüte. »Lasst es euch schmecken.«

Sie warf ihm ein großzügiges Lächeln zu und steckte dann die Nase in die Tüte, um den Inhalt zu kontrollieren.

»Wie lieb von dir, Sten. Aber vieles davon würde sich doch in der Tiefkühltruhe halten. Das Schwarzbrot ...«

Er schnitt ihre Worte mit einer Handbewegung ab.

»Quatsch. Wenn es euch schmeckt, dann ist das nur gut so. Und sonst kannst du es einfach wegschmeißen.«

»Na gut. Dann vielen Dank. Jan ist noch nicht gekommen. Und es wird wohl auch noch eine Weile dauern, bis er fertig ist mit seiner Arbeit. Er vertritt nämlich einen richtigen Workaholic. Kann ja sein, dass du ihn kennst?«

»Wer kann das denn sein?«

»Nein, ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wann er auftaucht.« Offenbar war sie sich immer noch nicht ganz sicher, wie der Abend wohl verlaufen würde. Wall beschloss, ihr auch die letzten Zweifel zu nehmen.

»Ich würde ihn ja schrecklich gern heute Abend treffen, aber ich habe keine Zeit. Muss noch packen und alles für die Reise morgen fertig machen«, log er.

Gun Carlsson besaß ein beeindruckendes schauspielerisches Talent. Es gelang ihr voll und ganz, die Erleichterung zu verbergen, die sie zweifellos verspürte.

»Wie schade. Jan hatte gehofft, mit dir ein paar Abschiedsbiere bei Sture Hansson zu trinken. Das hat er heute Morgen noch gesagt«, heuchelte sie.

Für den Bruchteil einer Sekunde spielte Wall mit dem Gedanken, etwas in dem Stil zu sagen, wie: »Na, wenn das so ist, dann muss ich wohl meine Pläne ändern und mich ihm eine Weile widmen.«

Aber das wäre doch zu boshaft gewesen.

»Leider«, sagte er und schüttelte seinen runden Kopf. »Das müssen wir auf ein andermal verschieben.«

Der Kommissar ließ sich noch zu einer Tasse Kaffee auf der Terrasse überreden und verabschiedete sich dann.

»Mach dir keine Sorgen wegen der Blumen«, rief sie ihm hinterher. »Ich kümmere mich um sie.«

Er antwortete darauf nur mit einem zustimmenden Winken. Das Ehepaar Carlsson besaß einen Schlüssel für seine Wohnung, damit sie sich um sie kümmern konnten, wenn er für längere Zeit fort war. Nach einem »Überfall« an einem Luciamorgen, als sich ein Lichterzug vollkommen unerwartet in seine enge Wohnung gezwängt hatte, hatte Wall lange überlegt, ob er seinen Schlüssel nicht wieder zurückfordern sollte.

Aber schließlich hatte er die Sache doch auf sich beruhen lassen. Inzwischen konnte er die Ereignisse mit humorvoller Distanz betrachten. Aber damals war es äußerst peinlich gewesen, schlaftrunken unter der Bettdecke zu liegen und zu erleben, wie der reizende Zug pflichtschuldigst sein Morgenprogramm in einem Zimmer absolvierte, das gerade einem regelrechten Gasüberfall ausgesetzt worden war. Wie der Zufall es wollte, hatte er nämlich am Abend zuvor gewaltige Mengen Erbsensuppe vertilgt.

Nun, das war Schnee von gestern, und er hatte seinen Freunden einen heiligen Eid abgerungen, ihn niemals wieder derartigen Prüfungen auszusetzen.

Wall war ein leidenschaftlicher Flaneur. Er beschloss, das einladende Wetter für einen stärkenden Spaziergang zu nutzen.

Anderthalb Stunden später war er daheim, wo er sich mit einer armseligen Tasse Kaffee begnügte (Gun hatte ihm noch einen gewaltigen Kopenhagener eingetrichtert).

Nach einer weiteren Kontrolle seines Reisegepäcks machte er es sich für eine Weile vor dem Fernseher gemütlich. Er hatte vor, früher als gewohnt zu Bett zu gehen. Er brauchte den Schlaf, obwohl er ja erst um acht Uhr losfahren musste, und dann auch nur eine recht kurze Strecke nach Süden, bis nach Ystad. Danach ging es mit der Fähre weiter, nach Rönne und anschließend nach Allinge.

Und in einen hoffentlich erquickenden Urlaub.

Der Planer

Die Vorbereitungen waren getroffen.

Er war bereit zuzuschlagen und wusste, dass er es schaffen würde.

Er hatte schon immer starke Nerven gehabt.

Er würde nicht versagen, wenn es darauf ankam.

Selbstverständlich konnte etwas Unvorhergesehenes passieren, etwas, das alles über den Haufen warf, und dann müsste er seine Pläne natürlich ändern. Aber früher oder später würde es dennoch geschehen.

Er glaubte allerdings nicht, dass seinem ersten Opfer ein längerer Aufschub gegönnt sein würde. Im Gegenteil, er war überzeugt, dass alles genauso klappen würde, wie er es sich gedacht hatte.

Den geplanten Tatort hatte er (sicherheitshalber leicht getarnt) bereits gründlich studiert. Er war einfach ideal, ungestört und ruhig. Viele Rückzugsmöglichkeiten. Er konnte sich nichts Besseres wünschen.

Wenn er nicht den Kopf verlor, konnte eigentlich nichts schief gehen.

Und er dachte gar nicht daran, den Kopf zu verlieren.

Ein wirklich gelungener Scherz.

Das Opfer – er nannte ihn in Gedanken nie bei seinem Namen, sah ihn nur als seine zukünftige Beute an – hatte er ziemlich lange heimlich beobachtet. Sein Vorhaben wurde ein wenig dadurch erschwert, dass die Beute ziemlich unregelmäßige Gewohnheiten hatte; es wäre natürlich einfacher gewesen, wenn der Betreffende sich tagein, tagaus strikt an die gleichen Regeln gehalten hätte.

Aber eigentlich beunruhigte ihn das nicht besonders.

Bald würde es passieren.

Sehr bald.

Er fühlte, wie seine Aufregung wuchs, aber er beherrschte sie. Nichts – absolut gar nichts – durfte seine Selbstkontrolle in diesem empfindlichen Stadium stören.

Einen Augenblick lang dachte er an den anderen, an den, der als Zweiter an der Reihe war.

Aber sofort schüttelte er diese Störung ab.

Eins nach dem anderen.

Der Tod würde schon rechtzeitig zu beiden kommen.

Jetzt ging es um Nummer eins.

Der Mann zündete sich eine Zigarette an und lächelte zufrieden.

Er war wie ein Raubtier, das eine Witterung aufgenommen hatte; ein Raubtier, das wusste, dass ihm der Beutezug gelingen würde.

Und plötzlich sehnte er sich unbändig nach Aktion.

Er konnte diese kontrollierte Hochspannung nicht länger ertragen.

Warte nur noch ein kleines bisschen ab. Bald bekommst du deine Belohnung.

Bald.

Sehr, sehr bald.

Er nahm genussvoll einige tiefe Züge, zerdrückte die halb gerauchte Zigarette im Aschenbecher und stand auf.

Und dann machte er sich auf den Weg, dem Sommerabend entgegen.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Vom nächsten Tag an würde nichts mehr sein wie zuvor.

Bill Elfvegren

Jedes Mal, wenn Bill Elfvegren aus einem Kino kam, musste er an Olof Palme denken. Und da er ein Cineast war, geschah das ziemlich häufig.

Der damalige Ministerpräsident war ja zusammen mit seiner Ehefrau Lisbeth auf dem Heimweg gewesen, nachdem er im Kino Grand in Stockholm Suzanne Ostens »Die Brüder Mozart« gesehen hatte, als das Schreckliche passierte. Er wurde auf der Kreuzung Sveavägen und Tunnelgatan von tödlichen Schüssen getroffen. Und nach seinem Ableben wurde er zum Ziel einer noch größeren Aufmerksamkeit, als sie ihm bereits während seiner Zeit als schwedischer Staatschef und international anerkannter Politiker und Friedenskämpfer zuteil geworden war.

Ach, wenn doch er – der Starstaatsanwalt Bill Elfvegren – die Chance bekommen hätte, die Ermittlungen von Anfang an zu leiten! Dann würden sie nicht länger im Dunkeln tappen, dann wäre das schwedische Mordrätsel des Jahrhunderts schon lange gelöst. Aber er war damals, vor mehr als zwölf Jahren, natürlich noch viel zu grün und unerfahren gewesen: erst gute dreißig Jahre alt und am Anfang seiner Karriere. Widerstrebend musste er einräumen, dass sein Mangel an Erfahrung ein Hindernis für eine derartig gigantische und wichtige Aufgabe gewesen wäre. Außerdem hatte er die entscheidenden hohen Herren zu dieser Zeit, im Spätwinter 1986, noch gar nicht gekannt.

Bill Elfvegren hatte einen unerschütterlichen Glauben an seine eigenen Fähigkeiten. Selbstvertrauen in Kombination mit einem unbezähmbaren Draufgängertum machte ihn zu einem anerkannten Fachmann, der bereits einige ansehnliche Erfolge vorweisen konnte. Sein Mangel an Beschełdenheit hatte ihm aber gleichzeitig viele Feinde verschafft. Als Diplomat und Lobbyist hatte er immer noch viel zu lernen.

Viele fürchteten ihn aufgrund seiner Rücksichtslosigkeit und seiner Fähigkeit, sich wie ein Blutegel an einem Opfer oder einer Ermittlung festzusaugen.

Das wusste er und darauf war er stolz. Es gab ihm ein ungeheures Gefühl der Macht.

Dagegen hatte er keinerlei Ahnung davon, dass ihn sowohl seine Anhänger als auch seine Widersacher für ziemlich phantasielos hielten.

Ja, ihm fehlte einfach die Phantasie, sich so etwas vorzustellen.

In seiner Eitelkeit glaubte er, von seiner Umwelt verehrt zu werden. Die meisten Menschen in seiner Nähe waren doch nur Staffage, Marionetten, die er, davon war er überzeugt, nach eigenem Gutdünken lenken konnte.

Und bis zu einem gewissen Grad war seine Arroganz auch berechtigt. Seine Meritenliste war schon recht imposant, seine Siege in den Gerichtssälen des Landes sprachen eine deutliche Sprache. Niederlagen gab es verhältnismäßig wenige zu verzeichnen, und außerdem besaß er die Fähigkeit, sie schnell zu vergessen, obwohl er ansonsten über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügte (er konnte die gesamten Darstellerlisten bekannter Filme herunterbeten ohne einen einzigen wesentlichen Namen zu vergessen). Dieses Gedächtnis konnte sich je nach Bedarf natürlich auch sehr trüb und kurz zeigen, in der Regel war es jedoch scharf und ausdauernd – ihm geschehenes Unrecht wurde beispielsweise lebenslang gespeichert, das vergaß er nie. Seine Philosophie besagte, dass nur die Erfolge zählten, nicht die Niederlagen. Natürlich hätte er eigentlich – wie er selbstsicher betonte – schon lange Oberstaatsanwalt sein müssen, aber es war sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ernennung erfolgen würde. Man konnte seine unbestreitbaren Fähigkeiten ja wohl nicht bis in alle Ewigkeit übersehen?

Der hoch gewachsene, gut gekleidete Jurist hatte an diesem Montagabend einen ausländischen Actionfilm im Filmhuset am Sergels torg gesehen und schlenderte nun durch das Abendgewimmel zum Bahnhof, um von dort den Vorortzug nach Hause zu nehmen. Er wohnte seit drei Jahren in einem prachtvollen alten Holzhaus in Norrviken und bediente sich fast immer der öffentlichen Verkehrsmittel, wenn er Stockholm zum Vergnügen besuchte, es konnte ja sein, dass er noch Lust auf ein paar Biere bekam. Nur für das letzte Stück vom Bahnhof nach Hause nahm er ab und zu ein Taxi, obwohl seine Villa auch zu Fuß oder mit dem Rad gut zu erreichen war.

Elfvegren war ein häufiger Gast in der Opernbar, und wenn alle Stricke rissen, gönnte er sich auch ohne Skrupel den kurzen Abstecher ins Café Opera eine Treppe tiefer. Er hatte nichts dagegen, sich unter die Leute zu mischen, die normalerweise hier verkehrten.

Wenn es aber um die Arbeit ging, fuhr er meistens lieber mit dem Wagen, trotz der ewigen Parkplatzprobleme. Er war Besitzer zweier Autos: eines blutroten Chrysler Voyager 95 und eines Oldtimers, ein Audi aus den späten Sechzigern. Letzterer stand den größten Teil des Jahres in Sollentuna in der Garage, er war sein liebster Besitz. Nur zu besonderen Anlässen holte er seine Kostbarkeit heraus und ließ sie bewundern.

Er war begeistert von Oldtimern und behandelte sie fast ebenso liebevoll wie seine vielen Frauen (um bei der Wahrheit zu bleiben: seine Geduld mit Motoren war größer als die mit Menschen). Früher hatte er einen Mercedes von 1957 besessen, aber den hatte er sich leider nicht länger leisten können. Mit blutendem Herzen hatte er ihn im vergangenen Herbst verkaufen müssen. Sicher, er stand finanziell gut da (er stammte aus einem verhältnismäßig wohlhabenden Haus und hatte ein gutes Einkommen), aber Zahlungen verschiedener Art forderten ihren Tribut.

Bill Elfvegren verabscheute Sport, hasste die Fitnesswelle, hatte ein neutrales Verhältnis zu Computern, ihm fehlte das musikalische Ohr, und er war nur mäßig am Kartenspiel interessiert. Er war kein Gourmet, und es interessierte ihn nicht besonders, ob der Rotwein nun Raumtemperatur hatte oder eher kalt war. Er zog Belletristik allen Sachbüchern vor, ausgenommen, sie handelten von Autos, Film, Verbrechen oder der Rechtswissenschaft. Und allein die Erwähnung des Wortes »Gartenarbeit« ließ ihn frösteln. Deshalb hatte er einen alten Fischereibeamten engagiert, der sich in angemessener Art um den Garten in Norrviken kümmerte. So brauchte er selbst nicht einmal ans Rasenmähen zu denken, was er als Befreiung von einer wahrhaften Geißel ansah.

Abgesehen von seiner Arbeit, hatte er drei große Leidenschaften: Oldtimer, das Kino – und das andere Geschlecht. Diesbezüglich hatte er sich schon immer an das Sprichwort gehalten, dass Abwechslung gut tut. Er selbst sah sich im Umgang mit der Weiblichkeit als feurig, patriarchalisch und ritterlich, aber, um der Wahrheit die Ehre zu tun, muss man sagen, dass sein Verhalten Frauen gegenüber kalt, zynisch und in gewisser Weise mittelalterlich war.

Während er bezüglich des Essens sehr wählerisch war (sein Repertoire war jämmerlich klein), gebärdete er sich, was Frauen betraf, als Allesfresser. Alter und Aussehen bedeuteten natürlich einiges, aber er war nicht derjenige, der ein erotisches Tête-à-tête ausschlug, weil die Partnerin die sechzig überschritten hatte oder einen Schnurrbart aufwies. Wenn das Geschlecht stimmte, fand sich immer eine Lösung. Aber natürlich zog er etwas richtig Appetitliches vor, und meistens fand er auch, was er suchte.

Sein Unvermögen, mit Bedacht auszuwählen, hatte ihn schon in diverse delikate Situationen gebracht, aus denen ihn auch seine Redegewandtheit nicht immer so ohne weiteres wieder befreien konnte. Manchmal war mehr als schöne, reumütige Worte nötig gewesen, um betrogene Ehemänner, verschmähte Freunde und empörte Väter auf Abstand zu halten. Aber wenn es wirklich brannte, zog er seine Spezialwaffe: seine juristische Autorität, mit der er drohte (wobei er stets genau darauf achtete, dass er sich auf dem Boden des Gesetzes bewegte – er kannte seine Paragraphen). Diese donnernden Worte wirkten eigentlich immer.Widerstrebend zogen sich Ehemänner, Freunde und Väter schmachvoll zurück, murmelten sinnlose Schimpfworte hinter dem Rücken des unerschütterlichen Staatsanwalts und sexdürstenden Gockels.

Er erreichte den Bahnhof; hier war das Gedränge nicht ganz so schlimm wie sonst. Sein Vorortzug fuhr nach wenigen Minuten ein, und er setzte sich in einen Wagen, in dem sich nur eine Hand voll anderer Passagiere befand. Die Fahrzeit vertrieb er sich, indem er gedankenverloren in einer Zeitung blätterte, die jemand auf dem Sitz hatte liegen lassen. Vom Bahnhof seines Wohnortes aus ging er zu Fuß. Zufrieden wanderte er durch menschenleere und frühsommerschläfrige Straßen, während er überlegte, eine Bekannte anzurufen und zu einem Drink mit folgendem Nachspiel einzuladen. Der Montagabend war noch jung, und er konnte sich vorstellen, die anfallenden Taxikosten zu übernehmen, unter der Voraussetzung, dass er eine Dame fand, die in der Nähe von Norrviken wohnte.

Aber als er den Schlüssel in die Haustür schob, überfiel ihn ein Anfall von Müdigkeit. Vielleicht sollte er seinen Körper einfach damit schocken, frühzeitig ins Bett zu gehen. Allein. Er hatte in den nächsten zwei Wochen diverse voll gestopfte Arbeitstage vor sich, und es wäre doch nicht schlecht, ganz gegen alle Gewohnheiten mal ausgeschlafen aufzuwachen. Er musste wirklich mehr auf seine Kräfte achten. Manchmal wurde es selbst für einen Kerl wie ihn zu viel.

Sein Vorsatz geriet ins Wanken, als er sah, dass sein Anrufbeantworter blinkte. Nur ein Anruf. Aber das genügte ja, wenn die Anruferin interessant genug war. Er schaltete das Gerät mit einer gewissen Erwartung an, die aber sofort verflog, als er die vertraute Stimme hörte.

Nummer zwei klang am Telefon immer schärfer, als wenn sie ihm leibhaftig gegenüberstand:

»Bill, ich bin’s. Ruf mich an, wenn du nach Hause kommst. Sei so gut. Es ist wichtig.«

Wütend runzelte er die Stirn, sodass sich ein paar waagerechte Falten über der Nasenwurzel bildeten.

Ich bin’s.

Sie hatte nie gelernt, wie man richtig telefonierte.

Es ist wichtig.

Quatsch! Ihm war schon klar, wo der Schuh drückte. Margita brauchte mal wieder Geld – so einfach war das. Die Frage war nur, welchen mit tränenerstickter Stimme vorgetragenen Wunsch sie diesmal äußern würde. Neue Kleider für Christian und Eva? Die Gebühr für ihre Abendkurse? Eine neue Rate für das Reihenhaus, in das sie nach der Scheidung gezogen war? Oder vielleicht nur ein kleines Trinkgeld für den Urlaub?

Sie war unerschöpflich, wenn es darum ging, Gründe zu finden, um seine Brieftasche zu erleichtern.

Sein Fehler war, wie er sich selbst eingestand, dass er von Anfang an zu gut zu seiner zweiten Frau gewesen war, indem er ihr immer wieder mal etwas zugesteckt hatte. Dadurch war sie auf den Geschmack gekommen, und jetzt fiel es ihr schwer, diesen Verlockungen zu entsagen.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass er Margita etwas zusteckte, war der, dass sie diejenige seiner drei Exfrauen war, die er zweifellos am liebsten mochte. Ein anderer Grund für seine Großzügigkeit lag darin, dass sie die Mutter seines Sohnes und seiner Tochter war. Seine anderen beiden Ehen waren glücklicherweise kinderlos geblieben. Er schüttelte sich bei dem Gedanken, welche monströsen Summen er zu zahlen gezwungen wäre, wenn er noch weitere Kinder hätte.

Es gab aber noch einen weiteren Beweggrund für sein Entgegenkommen Margita gegenüber. Und der war nicht beiseite zu schieben. Er hatte sich weiterhin mit ihr getroffen – natürlich nur heimlich – auch nach der Scheidung. Wenn es sich ergab, schliefen sie auch miteinander, was aber nicht so oft vorkam, da sie in ihrer Geburtsstadt Borås lebte. Die Entfernung förderte nicht gerade die Gelegenheit für enge Umarmungen. Außerdem wurde das Ganze noch dadurch kompliziert, dass sie mit einem vierzehn Jahre älteren Witwer und Ferienhausvermieter zusammenlebte, also hieß es auf der Hut sein. Aber in dieser Beziehung konnte er aus seiner Routine und seiner Verschlagenheit Kapital schlagen.

Und sie war es wert, ein gewisses Risiko einzugehen. Mit ihrem rabenschwarzen Haar und ihrem gepflegten Körper war sie sehr süß, und außerdem wusste sie, wie sie sich im Bett aufführen sollte. Dass er sie trotzdem verlassen hatte, lag an ihrer ewigen Nörgelei wegen Geld und ihrer nervenzehrenden Art, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Außerdem hatte sie sich vollkommen verständnislos gegenüber seinem Bedarf nach Zerstreuung außerhalb der Ehe verhalten.

Mit seiner ersten Frau Agneta hatte er so gut wie keinen Kontakt mehr. Inzwischen betrachtete er diese unsinnige Ehe als einen jugendlichen Fehltritt und konnte sich kaum noch das Bild der Frau vor Augen rufen, mit der er Anfang der Siebziger für eineinhalb Jahre Tisch und Bett geteilt hatte. Es war wohl schon fünfzehn Jahre her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, nur kurz und zufällig auf dem Flughafen Arlanda. Sie hatten einander reserviert gegrüßt, fast peinlich berührt über das, was einmal gewesen war. Nur ein paar bedeutungslose Floskeln waren gewechselt worden, dann eilte jeder in seine Richtung fort.

Von der Seite her war also nichts zu befürchten: kein wahnsinniger Rückfall in Romantik, keine finanziellen Ansprüche.

Schlimmer war es mit Madeleine, seiner letzten Exehefrau. Der Bruch war so frisch, dass alles noch schmerzlich und unangenehm war. Sie konnten nicht miteinander reden, ohne aufzubrausen. Es hatte ihn das letzte Hemd gekostet, sie auszubezahlen, und er zog es vor, den Kontakt mit ihr auf das absolute Minimum zu reduzieren.

Er musste ihr jeden Monat einen ansehnlichen Betrag überweisen, da sie behauptete, es sei ihr noch nicht gelungen, eine Arbeit zu finden, mit der sie sich selbst ernähren konnte. Ihm war klar, dass sie sich nur weigerte, einen Job zu suchen, um ihn finanziell unter Druck setzen zu können. Seine juristische Geschicklichkeit half ihm in diesem Fall jedoch nicht. Er war wohl oder übel gezwungen, zwölf Mal im Jahr das Geld rauszurücken. Aber er hatte Experten eingeschaltet und hoffte, diese ärgerliche Zusatzbelastung möglichst bald loszuwerden.

Es war noch nicht einmal 23 Uhr. Er hätte gut und gern Margita anrufen können, beschloss aber, bis zum nächsten Tag damit zu warten.

Stattdessen setzte er sich an seinen Schreibtisch im Arbeitszimmer und ging die Akten eines äußerst brutalen Raubüberfalls durch, der in ein paar Tagen vor Gericht behandelt werden sollte. Er nahm öfter mal Arbeit mit nach Hause, und das hier war eine wichtige Sache, die wertvolle Publicity geben würde. Ein Zigarettenhändler war überfallen, seiner Tageskasse beraubt und obendrein noch mit roher Gewalt niedergeschlagen worden, aber glücklicherweise gab es einen mutigen Zeugen, einen jungen Mann, der bereit war, den Täter zu identifizieren.

Elfvegren kannte die Unterlagen größtenteils auswendig, wollte jedoch nichts dem Zufall überlassen und las sie deshalb noch einmal durch. Die Verteidigerin – eine schnippische Frau aus Schonen, die bisher seinen Casanovatalenten souverän widerstanden hatte – würde natürlich die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Frage stellen, aber selbst wenn ihr das gelingen sollte, war er von einer harten Bestrafung fest überzeugt.

Er fühlte sich leicht euphorisch bei dem Gedanken an den bevorstehenden Sieg. Diesen Fall konnte er einfach nicht verlieren!

Als seine geerbte Mora-Uhr Mitternacht zeigte, war er hellwach. Und dabei brauchte er doch seinen Schlaf. Er schloss die Akten in seinem Safe ein und schluckte eine Schlaftablette, die er mit einem Glas Milch hinunterspülte. Während er darauf wartete, dass die Tablette ihre Wirkung zeigte, machte er eine Inspektionsrunde durch die Villa. Das gehörte zu seinen Routinen, vor allem, weil er dabei seinem Chrysler einen Gutenachtklaps geben wollte. Ab und zu erlaubte er es sich, bei all dem Ernst etwas kindisch zu sein.

Das Auto stand protzend in seinem Carport. Das rote Alarmsignal leuchtete natürlich, denn obwohl es hier ein ruhiges, friedliches Viertel war, musste man mit Einbrüchen rechnen. Der Chrysler war nicht so sicher wie der Oldtimer in seiner Garage in Sollentuna, und Elfvegren fühlte sich besser, nachdem er festgestellt hatte, dass alles so war, wie es sein sollte.

Elfvegren war sich darüber klar, dass er ziemlich abseits wohnte, aber er hatte diese Wohnform freiwillig gewählt, war es leid gewesen, sich in übervölkerten Gegenden in Mietshäuser zu zwängen.

»Gute Nacht, Kumpel«, flüsterte er und strich dem Chrysler über die Motorhaube.

Der Gerechtigkeit halber wiederholte er die Prozedur auf dem Kofferraumdeckel.

Dann verließ er den Carport.

Die Nacht war kohlrabenschwarz; es gab keine Straßenbeleuchtung – die Gemeinde konnte es sich nicht leisten, die Wegstrecke zu beleuchten, die das Villenviertel mit seinem einsamen Anwesen verband.

Manchmal fürchtete er diese Dunkelheit, aber das war meistens zu anderen Jahreszeiten der Fall, beispielsweise im Herbst, wenn es im Schornstein heulte und Berge toten Laubs raschelten.

Aber jetzt war es warm und schön und in keiner Weise bedrohlich.

Es würde ein wunderschöner Sommer werden. Das hatte er im Gefühl.

Er ging ins Haus, schloss hinter sich ab und machte sich bettfertig. Wie immer schlief er mit offenem Schlafzimmerfenster. Mit halb geschlossenen Augen sah er, wie die helle Gardine sich im Luftzug bewegte.

Da er so selten ein Schlafmittel nahm, schlug es gut an. Zufrieden spürte er, wie der Dämmerzustand angeschlichen kam, und es dauerte nicht lange, bis er in tiefen Träumen versank.

Er schnarchte laut, als sich im Morgengrauen ein Schatten an der Häuserwand abzeichnete. Jemand ging an der Villa vorbei, mit leichten, zielsicheren Schritten.

*

Bill Elfvegren erwachte munter und in strahlender Laune. Genauso, wie es sein sollte, wenn es galt, neuen, spannenden Arbeitsaufgaben und hoffentlich auch der einen oder anderen backfrischen Eroberung entgegenzutreten.

Er zog sich seinen Morgenmantel über, holte die Zeitungen herein und ging anschließend auf die Toilette für einen Moment der Besinnung.

Beim Frühstück überlegte er, ob er Margita schon so früh am Morgen anrufen sollte, verschob das Gespräch dann aber lieber auf später. Er würde es in einer Pause während der Arbeitszeit erledigen. So unerhört wichtig war es bestimmt nicht. Ihr stand das Wasser ja nicht bis zum Hals. Sie sollte ihr Geld schon kriegen, und das erst recht, wenn sie es so arrangieren konnte, dass sie sich mal wieder trafen, hinter dem Rücken des ältlichen Ferienhausvermieters.

Bill hatte ihn nur ein einziges Mal gesehen: einen fast kahlen, korpulenten armen Teufel mit rotadrigen Wangen.

Mein Gott: Margita hatte wirklich nachgelassen. Aber der Kerl war ja vielleicht ganz lieb zu ihr und den Kindern. Reich war er jedenfalls nicht, zumindest sah es nicht so aus, wenn man sich ihre unverschämte endlose Bettelei vor Augen hielt. Aber vielleicht hatte er ja doch Geld und weigerte sich nur, ihr davon etwas abzugeben.

Elfvegren vergaß seine Exehefrau und ihren bemoosten Liebhaber und ging ins Badezimmer, um zu duschen und sich zu rasieren.

Eine halbe Stunde später trat er aus dem Haus und wandte sein Gesicht für einige Sekunden der Morgensonne zu. Er genoss es, wohl wissend, dass er ein eleganter und erfolgreicher Mann im besten Alter war, mit grau melierten Schläfen im sorgsam gekämmten braunen Haar, der Unmengen leuchtender Triumphe vorzuweisen hatte, sowohl während der Arbeitszeit als auch außerhalb. Wenn es nicht so unpassend gewesen wäre, hätte er der ganzen Welt entgegenschreien können, wie sehr er sich doch selbst gefiel.

Er war bereit, allen Herausforderungen zu begegnen, beruflich wie auch privat, und er war sich sicher, dass er alle Prüfungen mit Glanz und Gloria bestehen würde.

Es konnte wirklich nicht besser sein, als es ohnehin schon war.

Lächelnd bog er um die Hausecke und ging zum Carport auf der Rückseite der Villa. Den hatte es noch nicht gegeben, als er das Haus kaufte, er war für viel Geld angebaut worden, nachdem die notwendigen Genehmigungen eingeholt worden waren. Sein Grundstück lag so abseits, dass er keine Schwierigkeiten mit klagenden Nachbarn zu fürchten hatte, und bei den Behörden hatte er sowieso keine Probleme gehabt, seine Pläne durchzusetzen.

Er erstarrte, als er den Carport erreichte. Er sah sofort, dass das eine Vorderrad des Chryslers platt war. Merkwürdigerweise hatte er das bei seiner Inspektion am vergangenen Abend nicht bemerkt. Derartige Details entgingen ihm sonst nie. Nun ja, da war nicht viel zu machen. Er würde es am Abend reparieren. Er hatte keine Lust, schon am Morgen mit Wagenheber und Reserverad zu jonglieren, sondern beschloss, stattdessen den Vorortzug in die Stadt zu nehmen. Wenn er sich beeilte, würde er es ohne größere Schwierigkeiten noch rechtzeitig schaffen.

Aber zunächst wollte er herausfinden, was eigentlich geschehen war. Er ging in die Hocke und sah sofort, was den Reifen platt gemacht hatte. Seine Gemütsstimmung veränderte sich drastisch. War er eben noch nur leicht irritiert, so wurde er jetzt geradezu wütend, fast rasend.

Es sah so aus, als hätte jemand den Reifen absichtlich zerstochen, denn es waren an mehreren Stellen Schnitte zu sehen. Es konnte gar kein Zweifel herrschen: Hier handelte es sich um Sabotage.

Wer besaß die Frechheit, wer wagte es, ihm so etwas anzutun? Wusste der Betreffende nicht, mit wem er es zu tun hatte? Bill Elfvegren war weiß Gott nicht so leicht einzuschüchtern.

Er war aus härterem Stoff gemacht.

Hinter seinem Rücken sagte jemand:

»Kann ich helfen?«

Bill Elfvegren zuckte zusammen. Er hatte niemanden kommen hören. Eher überrascht als erschrocken schaute er auf. Die Sonne stach ihm in die Augen und ließ die Konturen des Fremden verschwimmen. Elfvegren blinzelte, um erkennen zu können, wer da in der Öffnung des Carports stand.

»Was hat das ...«

»GutenTag, Nummer eins.«

Er versuchte sich aus seiner hockenden Stellung zu erheben, konnte aber den Rücken nicht mehr strecken.

Die Beine sackten unter ihm zusammen, und sein Gehirn war bereits verspritzt, bevor er zu Boden stürzte.

Sten Wall

Charles Trenets »La mer« summend, steuerte Sten Wall seinen fast neuen Volvo V 40 durch Österlens sanft modellierte Landschaft. Sein alter, treuer Weggefährte – ein Opel Ascona – war im letzten Jahr nach langen, treuen Diensten dahingeschieden. Laut Carl-Henrik Dalman hatte das Auto während seiner letzten Jahre an Senilität gelitten, ein Kommentar, der Wall nicht sonderlich gefiel.

Jetzt brannte die Sonne vom Himmel, und der Kommissar war blendender Laune. Er fühlte sich ausgeschlafen, frisch wie eine Lerche und erwartungsvoll wie ein jugendlicher Liebhaber.

Er hatte sich wirklich nach diesem Urlaub gesehnt, brauchte ihn mehr als in den Jahren zuvor.

Zwei ungestörte Wochen lang wollte er so richtig ausspannen. Er hatte vor, auf alle Verpflichtungen zu pfeifen und um jede Tageszeitung einen großen Bogen zu machen. Stattdessen würde er Bücher lesen, täglich lange Spaziergänge machen und natürlich ausgiebig und gut essen und trinken.

Plötzlich hatte er das Meer direkt vor sich. Es glitzerte in den Strahlen der Morgensonne. Die Ostsee versprach eine angenehme Überfahrt, ohne Seekrankheit.

In einem Anfall von jubelndem Übermut trat er noch einmal kräftig aufs Gaspedal, bremste seine Geschwindigkeit aber ab, als er in Ystad einfuhr. Er war noch nie ein Raser gewesen. Auf der Autobahn hatte er an diesem Morgen einen Schnitt von acht, neun Stundenilometern über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit eingehalten, was dazu führte, dass er immer wieder von ungeduldigen Zeitgenossen überholt wurde.

Als er fünf Minuten lang die Überholenden gezählt hatte, war er auf vierundzwanzig Fahrzeuge gekommen, inklusive eines norwegischen Fernlasters, er hatte genau gezählt – manchmal verschwendete er seine Energie auf derartig sinnlose Ideen.

Wie immer war er mehr als rechtzeitig aufgebrochen. Das Leben war schon hektisch genug, man brauchte nicht noch selbst weitere Momente der Hektik einzubauen.

Da es noch fast zwei Stunden bis zur Abfahrt der Fähre dauerte, entschloss er sich zu einem kleinen Spaziergang durch Ystads charmant verwinkeltes Zentrum. Er fand einen Parkplatz längs der Sjömansgatan und mischte sich unter die Passanten in den Straßen und auf dem Markt. Es war nicht zu übersehen, dass die Touristensaison begonnen hatte. Um ihn herum summte es von Stimmen, Sprachen und Dialekten, und es war so voll, dass er vom Fußweg auf die Fahrbahn hinuntergedrängt wurde.

Aber niemand zeigte schlechte Laune. Nicht eine einzige Hupe ertönte.

Wall kaufte eine Eiswaffel mit drei Kugeln – Pistazie, Rumrosine und Erdbeere – in einem Kiosk in der Nähe des St. Knuts torgs. Langsam schlenderte er zurück zu seinem Parkplatz. Er aß sein Eis mit solcher Schnelligkeit auf, dass ihm für Sekunden richtiggehend kalt wurde, dann machte er sich bereit für die kurze Fahrt zum Fähranleger.

Er achtete genau darauf, die richtige Spur zu finden (er hatte keine Lust, plötzlich in Polen zu landen) und wettete mit sich selbst, welches Schiff ihn wohl nach Bornholm bringen würde.

Die Jens Kofoed oder die Poul Anker?

Er tippte auf Ersteres und bekam Recht.

Obwohl er so früh da war, war er bei weitem nicht der Erste in der Schlange, hatte aber eine gute Startposition und konnte schließlich ganz vorn auf dem Backborddeck parken und dann ohne jeden Stress das Restaurant ansteuern. Da er einer der ersten Gäste war, hatte er die Möglichkeit, zwischen den vielen freien Tischen auszuwählen. Er entschied sich für eine rauchfreie Alternative mit Fensterblick, ließ sich dort nieder und steckte die Nase in die Speisekarte.

Innerhalb der nächsten fünf Minuten war der Raum fast vollständig besetzt. Wall pries seine Voraussicht und war außerdem dankbar dafür, dass er ein ruhiges, gepflegtes Rentnerpaar als Tischnachbarn bekam. Das Risiko, während der zweieinhalb Stunden langen Überfahrt ermüdende Konversation betreiben zu müssen, war somit nur minimal.

Der Kommissar warf sehnsuchtsvolle Blicke auf das gewaltige Heringsbüfett, das mitten im Saal thronte. Es sah bis ins letzte Dillsträußchen appetitanregend aus, aber trotzdem beschloss er, auf das verlockende Angebot zu verzichten und lieber à la carte zu speisen, obwohl das nicht so preisgünstig war.

Für Wall war ein Heringsbüfett ohne Schnaps nur ein halbes Vergnügen, und da er ein eingeschworener Gegner der Kombination Auto fahren und Alkohol war, fiel ihm die Entscheidung nicht schwer. Es würde sich schon noch die Gelegenheit bieten, das eine wie das andere zu genießen. Dafür versprach er sich selbst, während des Urlaubs nicht einmal einen Gedanken an irgendwelche Schlankheitskuren zu verschwenden. Derartigen Kasteiungen würde er sich erst später wieder aussetzen, im Herbst, das war traditionell die Zeit für asketische Gedanken. Dann würde er ernsthaft seinem Übergewicht zu Leibe rücken, das der Distriktsleiter so herzlos als »ein unappetitlich glibbriges Aspikstück« zu bezeichnen pflegte.

Wall war empfänglich für Boströms nadelspitzenscharfe Kritik, fand aber, dass sie nicht ganz gerechtfertigt war. Sicher, er war korpulent, aber ein wabbeliger Sumoringer war er ja nun auch nicht. Außerdem verliehen ihm die Rundungen eine gewisse Autorität, und das konnte in seinem Beruf durchaus von Nutzen sein.

Die Jens Kofoed legte mit einem diskreten Ruck vom Kai ab, und Sekunden später gratulierte Wall sich zu seiner Entscheidung, auf das Heringsbüfett zu verzichten. Die übrigen Gäste stürzten sich auf die Leckereien, als hätten sie seit Tagen nichts mehr gegessen. Brodelndes Chaos griff um sich.Teller fielen zu Boden, Gläser klirrten und wütende Wortwechsel folgten, bis die Schlangen sich organisiert hatten und das aufgebrachte Gemurmel über den Lachsscheiben, Krabbenschälchen, Aalvariationen, eingelegten Heringen, Salatschüsseln, den mit Mayonnaise garnierten Eihälften, dampfenden Wurst- und Frikadellengerichten und vielem anderem sich legte.

Die Überfahrt verlief glatt. Das mächtige Schiff stampfte rhythmisch seinem Zielhafen zu. Die Ostsee war ruhig, beinahe tanzbodenglatt, und Wall fühlte sich, als säße er zu Hause in seinem Wohnzimmer und entspannte sich in seinem Fernsehsessel. Er nahm drei Gänge zu sich und genoss es, keine längeren Gespräche mit seinen Tischnachbarn führen zu müssen. Er tauschte nur die üblichen Höflichkeitsfloskeln mit ihnen aus, um das Schweigen nicht peinlich werden zu lassen. Ansonsten kümmerte sich jeder um sich selbst.

Als der Kommissar schließlich aufs Autodeck zurückkehrte, versuchte er sich daran zu erinnern, wann er das letzte Mal eine derart angenehme Schifffahrt zwischen Ystad und Rönne erlebt hatte. Aber ihm fiel keine ähnlich entspannte Reise ein, und dabei hatte er schließlich seit mehr als zwei Jahrzehnten seinen Sommerurlaub auf Bornholm verbracht.

Bei so einem Auftakt mussten die vor ihm liegenden Wochen ja herrlich werden.

Ein Urlaub konnte gar nicht besser beginnen.

Und es ging in gleichem Stil weiter.

Er kam aus Jens Kofoeds dunklem und von Fischgeruch geschwängertem Inneren rechtzeitig und ohne Probleme heraus und musste seine Augen beschatten, um von dem strahlenden Sonnenschein nicht geblendet zu werden. Was für ein Wetter!

Die gut zwanzig Minuten lange Autofahrt nach Allinge in der nordöstlichen Ecke Bornholms war eine Strecke voller Erinnerungen. Wall kannte hier jeden Meter und musste schmunzeln, als er entdeckte, dass es wie üblich in Hasle, dem größten Ort auf seiner Route, einen Schuhschlussverkauf gab.

Wahrscheinlich wäre er tatsächlich etwas enttäuscht gewesen, wenn er das Schild mit dem Angebot nicht gesehen hätte; es machte ihn seltsam froh, so etwas Altem, Vertrautem wieder zu begegnen.

Wohlbehalten am Ziel angelangt, parkte er seinen Wagen unerlaubterweise an der Östergaden vor dem Släktsgården. Er hoffte, dass er die anderen Verkehrsteilnehmer nicht stören würde, während er das schwerste Gepäck aus dem Kofferraum wuchtete und es auf dem Hof abstellte, bevor er weiterfuhr zu dem höchstens hundert Meter entfernten Parkplatz am Meer.

In aller Eile holte er die Taschen aus dem Auto. Als er so weit war, fuhr er schnell wieder los, erleichtert darüber, dass er auf der schmalen Straße keinen Stau verursacht hatte.

Nachdem er seinen Volvo an dem üblichen Platz vor der Herings- und Aalräucherei abgestellt hatte, fast direkt am Wasser, ging er zurück zu der Pension, die er im Laufe der Jahre als sein zweites Zuhause anzusehen gelernt hatte. Und er wurde von dem Besitzer Arvid Iversen in der üblichen Form begrüßt: mit echter Herzlichkeit und einigen Tuborgs. Iversen gönnte sich außerdem einige Sticheleien über die fehlenden blaugelben Fußballerfolge während der vergangenen Saison. Das konnte er sich problemlos leisten, da Dänemark sich im Gegensatz zu Schweden für die Weltmeisterschaft in Frankreich in diesem Sommer qualifiziert hatte. Einige der rotweißen Fans hatten in Zeitungsinterviews bereits optimistisch verkündet:

»Das kann genauso schön werden wie bei der Europameisterschaft 1992.«

Damals hatte Dänemark gewonnen; eine Tatsache, die Iversen dem fußballbegeisterten Wall gern unter die Nase rieb. Walls Hinweis auf Schwedens kürzlich errungenen 3:0-Sieg über die Erzfeinde wischte er mit einem lockeren Schulterzucken vom Tisch:

»Das war ja nur ein Freundschaftsspiel!«

Arvid Iversen – ein hoch gewachsener, schlaksiger Mann von siebenundvierzig Jahren mit roten Wangen, ausgeprägtem Arbeitseifer und viel Sinn für Humor – wusste genau, wie er seinen schwedischen Freund packen konnte. Die beiden kannten sich inzwischen in- und auswendig. Nach dem Bier (Wall lehnte die Einladung zu einer dritten Flasche dankend ab) richtete er sich in seiner Stammwohnung in dem Eckgebäude zwischen den beiden Gärten des Släktsgårdens ein. Die Wohnung verfügte über zwei kleine Zimmer und ein Bad. Die Küche befand sich direkt davor, was einerseits ganz praktisch und bequem war, andererseits aber auch gewisse Unannehmlichkeiten mit sich brachte. Denn noch andere Gäste hatten Zugang zur Küche, da konnte es schon mal etwas lauter werden. Wall notierte sich, dass er Ohropax kaufen musste. Er wollte schließlich ungestört schlafen können.

Der Kommissar packte seine Taschen aus und legte seine frisch gewaschenen und gebügelten Kleider in ordentlichen Stapeln in den Schrank und die Kommode. Die Bücher stapelte er in zwei Haufen auf dem Nachttisch, und den Inhalt seiner Kulturtasche verteilte er auf die dafür vorgesehenen Plätze im Bad.

Dann holte er seinen Urlaubsschnaps – einen Aalborg Jubiläumsaquavit und einen Absolut Wodka – heraus und stellte die Flaschen in den Kühlschrank in der Küche. Das tat er ohne die geringste Sorge.Während all der Jahre war ihm nie auch nur ein Tropfen seiner Vorräte aus dem Kühlschrank, der von allen Gästen in diesem Teil der Pension benutzt wurde, abhanden gekommen.

Die Sonne brannte mit unveränderter Intensität vom Himmel, und Wall beschloss, es sich auf einem der Liegestühle in dem vor Blicken am besten abgeschirmten Garten gemütlich zu machen.

Er steckte sein rundes Gesicht durch die Tür und stellte fest, dass es in dem von Hecken umgebenen Garten menschenleer war. Ausgezeichnet. Also ging er zurück in seine Wohnung, zog sich Shorts und T-Shirt an, schnappte sich das oberste Buch von einem der Stapel und begab sich hinaus in den leeren Garten.

Obwohl er ganz allein war, bewegte er sich nur vorsichtig, wollte seine kreideweißen Beine voller Krampfadern keinen fremden Blicken preisgeben. Zwar war er nicht übertrieben eitel, was sein Äußeres betraf, aber jeder hatte ja so seine Schwachstellen, die er nicht gern in der Öffentlichkeit zeigte.

Er brauchte wirklich dringend einige Sonnenstrahlen. Sein leichenblasses Hautkostüm konnte kaum als besonders kleidsam bezeichnet werden. Nach einigen Mühen (er hatte noch nie besonders viel praktisches Geschick bewiesen) hatte er den Liegestuhl in Position gebracht. Er warf ängstliche Blicke in alle Richtungen und traf dann eine Entscheidung: das T-Shirt herunter und die Shorts noch ein Stück die dicken Schenkel hoch geschoben.

Mit einem zufriedenen Seufzer sank er auf den Liegestuhl und nahm sich vor, mindestens drei Kapitel zu lesen. Aber in der brütenden Hitze wurde er schnell von Müdigkeit übermannt. Schon nach kaum fünf Minuten begannen seine Augenlider zu zucken.

Er schloss die Augen und ließ das Buch ins Gras fallen, schließlich hatte er Ferien und konnte tun und lassen, was er wollte.

Und so versank er in einen Dämmerzustand irgendwo zwischen wach sein und Schlaf.

Die Zeit verging

Plötzlich zuckte er zusammen, von irgendeinem Geräusch aufgeschreckt. Verwirrt suchte er nach etwas, um sich zu bedecken – er wollte nicht, dass eine unschuldige Person von dem Anblick einer fast nackten, albinoweißen Erscheinung, die sich in einem Liegestuhl lümmelte, schockiert wurde.

Zwar konnte er niemanden entdecken, begriff aber schnell, was ihn geweckt hatte. Durch eines der Fenster aus dem ersten Stock der Pension drangen immer wieder verzückte Laute nach draußen. Wall schielte zu dem Fenster hoch, das geöffnet war und die unmissverständlichen Geräusche eines feurigen Liebesaktes herausließ – und dieser verlief nicht gerade leise.

Es wurde gestöhnt und gequiekt, gejammert und geknurrt, geseufzt und gekeucht, gewimmert und geschrien.

Die weibliche Stimme war am besten zu hören. Ab und zu stieg sie in ein schrilles Falsett auf.

Wall fühlte sich wie ein Eindringling. Es war, als läge er absichtlich gerade hier, um zu lauschen und zu spionieren. Das erzeugte in ihm ganz gegen jede Logik ein Schuldgefühl und das Empfinden, etwas Unanständiges zu tun. Gleichzeitig ließ ihn dieser Hochgenuss, der sich so schamlos und offen direkt in seiner Nähe zutrug, auch nicht ganz kalt. Er begann sogar darüber nachzudenken, ob er nicht selbst einen Vorstoß in dieser Richtung unternehmen sollte. Unmöglich war das schließlich nicht. Nur weil er Junggeselle war, musste er sich doch ein wenig körperliche Nähe und Wärme als Abwechslung in seinem einsamen Dasein nicht versagen. Während seiner früheren Bornholmbesuche hatte er das eine oder andere Techtelmechtel mit geneigten Damen gehabt, war jedoch immer sorgsam darauf bedacht gewesen, sich nicht zu binden. Die Vergnügungen waren rein temporärer Art gewesen, mehr nicht. Bei diesen Kontakten war er in einem Punkt standhaft geblieben: Er hatte niemals eine Affäre mit einer Frau begonnen, die bereits gebunden war. Niemand sollte ihn beschuldigen können, sich zwischen zwei Menschen zu drängen.

Nun war es natürlich schon eine ganze Weile her, seit er das letzte Mal in den Genüssen einer körperlichen Begegnung geschwelgt hatte, aber es war ja dennoch denkbar, dass er ganz zufällig auf eine freie, Kontakt suchende Dame im entsprechenden Alter stoßen würde. Und dann ...

Das Keuchen aus dem ersten Stock inspirierte ihn, gleichzeitig hatte es aber auch einen abschreckenden Effekt. Tatsächlich fürchtete Wall sich vor der Leistung, die eine viel versprechende (und im schlimmsten Fall fordernde) Partnerin von ihm erwarten würde, weshalb es wohl am sichersten war, gleich einen Rückzieher zu machen.

Jemand schrie schrill und erregt auf Schwedisch:

»Bleib drin, bleib drin, geh nicht raus.«

Die rauere Stimme eines Mannes, dänisch, informierte die Umwelt darüber, dass er gleich kommen würde, und kurz darauf drangen an Walls Ohren Geräusche, die nur das Eine bedeuten konnten.

»Wie schön, dass mein bescheidenes Haus so nette Unterhaltung bieten kann.«

Arvid Iversen trat verschmitzt lächelnd aus der Küchentür, und Sten Wall streckte sich automatisch nach seinem T-Shirt. Der Pensionswirt hatte Harke und Spaten in den Händen, er war offenbar auf dem Weg zu dem gartenhausähnlichen Schuppen an der Mauer zur Straße hin.

Er nickte zum ersten Stock hoch, wo das Fenster jetzt geschlossen wurde. Kurz war ein weißer Arm zu sehen, der gleich wieder verschwand.

»Die Vorstellung ist offensichtlich zu Ende«, sagte Wall und versuchte seine überbordenden Schenkel, so gut es ging, mit Hilfe des Buchs und der Hände zu bedecken.

Iversen legte seine Gartengeräte auf den Boden, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.Wall wäre am liebsten hineingegangen, um sich anständig anzuziehen. Es kam ihm vor, als hätten seine Schenkel während des Sonnenbads einen leichten Rosaton angenommen, und das Schweinchenhafte der Farbe verstärkte noch das Pathetische seiner Erscheinung. Er drehte sich zur Seite, damit der größte Teil seiner Krampfadern den Blicken des anderen verborgen blieb. Der Pensionswirt war in Redelaune. Er beklagte sich über den Bevölkerungsschwund auf seiner Heimatinsel. Wenn der Fortzug nicht gestoppt wurde, konnte das ernsthafte Konsequenzen haben.

»Wir haben seit Jahrzehnten knapp 50000 Einwohner gehabt«, erzählte er. »Aber in den letzten Jahren sind wir immer weniger geworden. Bis jetzt ist das noch keine Katastrophe, aber es muss etwas dafür getan werden, dass die Bornholmer bleiben. Es gibt nicht genügend Jobs, die Ausbildungsmöglichkeiten sind unzureichend. Die Fischerei ist in beunruhigendem Maße zurückgegangen, und leider scheint auch der Tourismus abzunehmen.«

»Na, ich tue jedenfalls, was ich kann«, meinte Wall und wurde mit einem breiten Grinsen belohnt.

»Wenn alle so vernünftig wären wie du, dann gäbe es keinen Grund zur Klage«, sagte Iversen. »Aber da die Sommersaison ja nur so kurz ist, nur ein paar Monate lang, müssen die Pensionen und Hotels sehen, dass sie dann möglichst voll belegt sind. Ich habe immer noch ausreichend Gäste, vor allem im August, wenn die Deutschen kommen, aber sonst ist es weniger geworden. Wir haben Juni und noch vor zwei Jahren hatte ich zu dieser Jahreszeit fast alles belegt. Und guck nur, wie es jetzt aussieht! Dreißig von meinen fünfzig Betten stehen leer!«

Wall warf aufmunternde und tröstende Worte ein, während sein Freund sich über seine Probleme ausließ, aber er wusste, dass die tröstenden Worte eigentlich gar nicht notwendig waren. Arvid Iversen war im Grunde seines Herzens ein großer Optimist, ausgestattet mit einer Vitalität, die mit den hartnäckigsten Problemen fertig werden konnte. Im Augenblick musste er offenbar ganz einfach etwas Dampf ablassen, und Wall war ein guter Zuhörer.

Nach einer Weile knarrte die Küchentür, und ein junges Paar betrat den Garten. Der Junge war von mittlerer Größe, mit Nackenhaar, das bis auf seine Schultern hing, seine Freundin war so mager, dass Wall sie zuerst für magersüchtig hielt. Aber als sie näher kam, erkannte er seinen Irrtum. Sie war einfach nur sehr zart gebaut, hatte aber ausgeprägte Muskeln in den schlanken Beinen.

Sie nickten Wall zu, und Iversen machte sie eilfertig mit dem schwedischen Polizeimann bekannt. Murmelnd streckte dieser seine Hand aus, um sie zu begrüßen, während er gleichzeitig seine mangelnde Voraussicht verfluchte, was seinen Aufzug betraf. Seine Schenkel quollen weißlich über den Liegestuhlrand, schlaff und untrainiert.

Der junge Mann hieß Sören Knudsen und stammte aus Roskilde, das Mädchen kam aus Blekinge und trug den Namen Jenny Lang. Seine Stirn glänzte am Haaransatz von einigen Schweißtropfen, ihre Wangen glühten. Ansonsten war den beiden von ihren vorherigen Aktivitäten nichts anzumerken.

Nach wenigen Minuten verabschiedeten sie sich.

Iversen nickte ihnen nach:

»Das waren doch die, die ...«

»Ja, ja,«, sagte Wall und blätterte in seinem Buch, worauf der Pensionswirt sofort reagierte. Er sammelte seine Harke und seinen Spaten auf, bemerkte, dass er bald das Abendessen vorbereiten müsse, und erhob sich dann zu seiner beeindruckenden Länge.

Als er vom Geräteschuppen zurückkam, fragte er Wall, ob dieser auswärts essen oder die Küche des Släktsgårdens testen wolle.

»In gewisser Hinsicht bin ich eine äußerst konservative Person«, erklärte Wall, »deshalb werde ich ins Algarve gehen. Dort habe ich immer meinen ersten Urlaubsabend verbracht. Und das werde ich auch so beibehalten.«

»Jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auch wieder ein«, sagte Iversen, nachdenklich dazu nickend.

»Aber sage mir Bescheid, wenn es dänische Frikadellen gibt. Dann melde ich mich sofort an.«

Eine zottige, auffallend hässliche Katze kam aus dem Gebüsch neben dem Geräteschuppen geschlichen.

»Das ist meine Katze«, sagte Iversen nicht ohne Stolz.

»Wie heißt sie?«

»Perikles, er ist ein Kater, und ich habe noch nie einen größeren Faulpelz gesehen. Wenn er eine Maus entdeckt, dann gähnt er nur lange und ausgiebig. Meistens liegt er faul im Fenster. Er hat vier Lieblingssimse, die er abwechselnd benutzt. Und da liegt er dann den ganzen Tag schlaff herum und studiert das Leben vor den Fensterscheiben.«

»Da macht er es genau wie ich«, sagte Wall. »Zu Hause habe ich vier Fernsehkanäle, zwischen denen ich immer hin und her zappe.«

Der lange Pensionswirt lachte laut auf und machte sich auf den Weg, der Kater folgte ihm gemächlich.

Kurz darauf hatte der Kommissar von der Sonne genug. Er sammelte seine Siebensachen zusammen und zog um ins Haus, wo er noch eine Stunde las, bevor er sich für den Restaurantbesuch umzog.

Auf dem Weg zu dem kleinen Krug in Allinges idyllischem Hafen kam er an ein paar Fahrradtouristen vorbei, die vergnügt ihr Krölle-Bölle-Eis schleckten. Der Troll Krölle Bölle war das Wahrzeichen Nordbornholms und galt als Glücksbringer. Die beliebte Figur trat in den phantasievollsten Versionen auf und konnte als Souvenir aus diversen Materialien und in den verschiedensten Formgebungen gekauft werden.

Ein Transistorradio lief. Eine dänische Stimme verlas die Nachrichten und Wall meinte mitzubekommen, dass in Schweden jemand ermordet worden war, war sich aber nicht sicher, ob er es richtig verstanden hatte.

Zuerst erwog er umzukehren, um genauer zuzuhören. Aber nach kurzem Zögern beschloss er, doch lieber weiterzugehen.

Mord in Schweden – war das etwas, das dänische Zuhörer interessieren konnte?

Ja und wenn schon?

Wenn es wirklich darum ging (er hatte nur Fetzen der Nachrichten aufgeschnappt), war es jedenfalls nichts, worum er sich kümmern musste.

Er wollte abschalten, nicht an seinen Job denken, sondern zwei Wochen lang ausschließlich faulenzen.

Ausgelassen betrat er das Algarve und suchte sich einen Platz auf der Terrasse. Er bestellte sich einen trockenen Martini und nippte an ihm, während er begeistert die Speisekarte studierte.

Dem bald pensionsreifen Kommissar ging es gut, besser als seit langem.

Die Ferien hatten begonnen.

Pulsuz fraqment bitdi.

19,13 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
250 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788726445077
Naşir:
Tərcüməçi:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar