Kitabı oxu: «Julian im Zaubermoor»
Bodil El Jørgensen
Julian Im Zaubermoor
Saga
Fünf Paar Leopardenhosen
Über Julian ließe sich unter anderem erzählen, dass er ein Streuner war.
Am tollsten fand er es, kein bestimmtes Ziel zu haben. Ein Ziel wie die Schule zum Beispiel. Trotzdem schwänzte er nur äußerst selten, weil er seiner Mutter keinen Kummer machen wollte.
Ab und zu schwänzte er dann aber doch. Woran allerdings einzig und allein seine Beine schuld waren. Die Beine eines Streuners haben nämlich einen ganz eigenen Willen.
Statt dass seine Beine ihn links herum, die Østergade entlang, an der Bank vorbei und zur Schule trugen, konnte es durchaus passieren, dass sie ihn einfach rechts herum, durch die Algade, am Video-Shop und an der Grillbude vorbei aus dem Ort hinaustrugen. Raus ins Zaubermoor.
Eines Tages, als Julian gerade aus der Schule kam, saß seine Mutter im Wohnzimmer und nähte auf ihrer Nähmaschine, als ob es um Leben und Tod ginge. Sie verdiente ihr Geld nämlich damit, für andere Leute zu nähen.
Sie schaute von der Nähmaschine auf und blinzelte mehrmals hintereinander, als Julian ins Zimmer kam. Sie war ziemlich kurzsichtig.
„Schau mal“, sagte sie und zeigte auf das Sofa, das unter riesigen Stoffbergen begraben war. Leopardenhosen, orange Hemden mit Löwenköpfen und Fransen und breite rote Krawatten mit Gitarren drauf.
„Die sind ja super!“, rief Julian begeistert.
„Die sind für diese Popband“, erklärte seine Mutter. „Die mit dem Sänger, der diese toupierten Haare hat. Die, die beim Stadtfest gespielt haben. The Wild Cats.“
„Wow, The Wild Cats!“
„Sie wollen auch am Johannisabend auftreten. Vor dem neuen Einkaufszentrum. Bis dahin müssen die Sachen fertig sein. Ich hab noch zwei Tage Zeit. Bin voll im Stress, Julian“, sagte sie gehetzt und beugte sich wieder über ihre Maschine.
Julian und seine Mutter gingen natürlich auch zu dem großen Johannisfeuer auf dem Platz vor dem neuen Einkaufszentrum. Das ganze Städtchen war versammelt. Der Holzstapel war riesig, und als er angezündet wurde, prasselten gewaltige Flammen zum hellen Abendhimmel empor.
In der Mitte des Feuers hing an einem Besenstiel eine große Stoffhexe, die schnell in Flammen aufging.
„Ich mag diesen Brauch, die Hexe zu verbrennen, gar nicht“, sagt Julians Mutter. „Das ist barbarisch.“
„Das sind doch nur ein paar alte Stofffetzen“, sagte Julian.
Eine große, schlanke Frau in einem rot-gelben Kostüm hielt eine Rede. Das war die Baroness. So jedenfalls wurde sie von den Leuten im Städtchen genannt. Weil sie so reich war. Ihr gehörte das neue Einkaufszentrum.
Julian hörte nicht richtig zu, weil die Rede für seinen Geschmack eindeutig zu lang war. Er trat auf der Stelle hin und her und starrte ungeduldig zur Bühne, auf der ein Schlagzeug und die Lautsprecher aufgebaut waren. Nach einer halben Ewigkeit war die Rede endlich zu Ende und The Wild Cats betraten die Bühne. Der Leadsänger machte einen gewaltigen Tigersprung und sang, dass er ein schwarzer Panter sei.
„Na, wie sehen sie aus?“, schrie Julians Mutter ihm ins Ohr, um die Musik zu übertönen.
„Gut“, schrie Julian zurück, tief beeindruckt von der Band.
Sie sahen einfach super aus in ihren Leopardenhosen und den orangefarbenen Löwenhemden. Ganz zu schweigen von den roten Gitarrenkrawatten. Die bunten Stoffe funkelten und leuchteten im Scheinwerferlicht.
In diesem Augenblick war Julian mächtig stolz auf seine Mutter, aber das sagte er nicht laut. Sie wurde so leicht verlegen. Gemeinsam genossen sie die Musik. Alle Lieder handelten entweder von wilden Tieren oder von Liebe.
„Das gefällt mir so an The Wild Cats“, rief seine Mutter. „Dass so viele Lieder von Liebe handeln.“
Julian nickte.
Die Zuschauer klatschten wie verrückt, nachdem die Band das letzte Stück gespielt hatte. Der Leadsänger hob die Arme und es wurde still.
„The Wild Cats bedanken und verabschieden sich“, rief er.
Danach verbeugten sich alle fünf Bandmitglieder.
Rittttschhhhh!, machte es. Ziemlich laut. Julian warf seiner Mutter einen fragenden Blick zu. Sie war kreidebleich geworden. Da fiel es ihm wie Stöpsel aus den Ohren: Rittttschhhh. So klingt es, wenn fünf wurstpellenenge Leopardenhosen gleichzeitig zerreißen.
Die Leute klatschten immer noch. Und schauten erstaunt zur Bühne.
Die Musiker schoben sich in einem eigenartigen Seitwärts-Krebsgang an den Bühnenrand. Um von der Bühne herunterzusteigen, mussten sie dem Publikum den Rücken zudrehen, und da sah man ganz deutlich fünf Paar verschiedenfarbige Unterhosen durch die Schlitze der eben noch ganz intakten Leopardenhosen blitzen.
Es war zum Schlapplachen. Was die meisten auch taten. Aber Julian lachte nicht. Er sah seine Mutter an. Er griff nach ihrer Hand. Und drückte sie fest. Und er war stark.
„Ich begreif das nicht“, flüsterte sie. „Ich hab mir solche Mühe gegeben. Und dann alle auf einmal.“
Julians Mutter schüttelte immer und immer wieder den Kopf.
Julian bemerkte plötzlich einen speziellen Duft. Eine Gestalt hatte sich lautlos zu ihnen gesellt. Eine große, schlanke Gestalt. Die Baroness persönlich.
Sie duftete gut. Wie Gras, das in der Sonne trocknet, und Kaktusblüten, und eine ganz neue Sorte Kuchen. Julian sah sie neugierig an.
Die Baroness reichte seiner Mutter die Hand.
„Sehr merkwürdig, das mit den Hosen“, sagte sie. „Haben Sie die nicht genäht?“
„Doch, ja“, murmelte Julians Mutter traurig und sah beschämt zu Boden.
„Das muss am Stoff liegen“, sagte die Baroness bestimmt. „Wahrscheinlich schlechte Qualität. Es weiß schließlich jeder, was für eine tüchtige Schneiderin Sie sind.“
„Ich habe den besten Stoff genommen, den ich kriegen konnte“, murmelte Julians Mutter.
„Natürlich liegt es am Stoff“, wiederholte die Baroness. „An Ihrer Arbeit kann es jedenfalls nicht liegen. Oder was sollte es sonst sein? Hexerei!?“
Auf dem Gesicht der Baroness breitete sich ein strahlendes Lächeln aus. Julian erschauerte ehrfürchtig. Er hatte sie noch nie so aus der Nähe gesehen. Sie sah wunderschön aus, wie ein Filmstar.
In dem Augenblick legte sie eine Hand, leicht wie eine Feder, auf Julians Kopf.
„Was für ein reizender Junge“, sagte sie.
Und weg war sie. Aber ihr Duft blieb zurück und hüllte Julian und seine Mutter ein, als sie durch das Städtchen zwischen den Hügeln nach Hause zurück schlenderten.
„Ich verstehe das nicht“, sagte seine Mutter immer wieder. „Eine Hose, das könnte ich ja noch begreifen. Aber fünf Hosen gleichzeitig, das ist schlicht und einfach unmöglich.“
Julian sagte nichts, aber er wusste, dass sie Recht hatte. Von solchen Dingen hatte sie nämlich Ahnung. Das Ganze war äußerst merkwürdig. Und keiner von ihnen hatte eine Erklärung.
Der Mann mit dem schwarzen Umhang
Ein paar Tage später begannen die Sommerferien. Endlich konnte Julian seine Beine frei bestimmen lassen, wohin sie ihn tragen wollten.
Sie trugen ihn raus ins Zaubermoor.
Wenig später stand Julian am Rand eines Tümpels und lauschte ein paar Fröschen, die heftig miteinander stritten. So jedenfalls hörte es sich an. Sie knöckerten und quakten aus voller Kehle. Julian musste lachen und warf Stöckchen ins Wasser. Während er darüber nachdachte, worüber Frösche sich wohl streiten mochten, entdeckte er etwas, das ihn derart verblüffte, dass er um ein Haar kopfüber ins Wasser gefallen wäre.
Quer übers Moor lief ein Mann.
Julian traute seinen Augen nicht. Es war lebensgefährlich, durchs Moor zu gehen. Im Moor gab es überall tiefe Löcher, in die man hineingeraten und in denen man versinken konnte.
Julian wollte dem Mann etwas zurufen, ließ es dann aber bleiben. Es sah nämlich so aus, als ob der Mann genau wüsste, was er tat. Er sprang von Grasbüschel zu Grasbüschel, als kenne er das Moor wie seine Westentasche. Außerdem lief er schnell und war bald nicht mehr zu sehen.
Julian streunte weiter durch die Gegend. Er wollte einen kurzen Abstecher zu einem seiner Lieblingsplätze machen, einer alten verfallenen, leer stehenden Hütte, die er im letzten Frühjahr entdeckt hatte. Sie lag einsam am Rand des Moors zwischen lauter alten Birnbäumen. Als Julian das letzte Mal dort gewesen war, hatten sie gerade geblüht. Jetzt wollte er nachschauen, ob sie vielleicht schon kleine Birnen trugen.
Julian lief den Pfad entlang, der zu der Hütte führte. Plötzlich blieb er stehen.
Aus der leer stehenden Hütte schallte eine Stimme. Sie fluchte laut.
Julian schlich vorsichtig näher heran und guckte durch eines der Fenster ohne Scheibe.
Der Mann aus dem Moor! Julian konnte ihn zwar nur von hinten sehen, aber er war ganz sicher, dass es der Gleiche war. Der Mann kniete auf dem Boden und zog wild fluchend an etwas.
Julian schlich zur Tür, die offen stand, und wagte einen Blick ins Innere der Hütte.
Jetzt sah er besser. Der Mann zog an einer Schlaufe, die aus dem Boden ragte. Plötzlich löste sich ein Stück aus dem Boden. Darunter war ein Hohlraum. Ein Geheimfach. Julian streckte den Hals.
Der Mann hatte aufgehört zu fluchen und steckte beide Hände in das Loch. Er zog etwas daraus hervor, etwas Großes, Schwarzes. Er stand auf, immer noch mit dem Rücken zu Julian. Es schien ein Mantel oder so was zu sein. Der Mann legte sich den Mantel vorsichtig über die Schultern. Und jetzt erkannte Julian, dass es ein Umhang war. Danach zog der Mann einen schwarzen Hut aus dem Loch und setzte ihn sich auf den Kopf.
Völlig unvermittelt schüttelte er den Umhang mit einem kräftigen Schlag aus, worauf eine gewaltige Staubwolke aufwirbelte, die sich in Windeseile in der ganzen Hütte verteilte, bis zur Tür, wo Julian stand.
Julian musste niesen.
Der Mann wirbelte herum und starrte Julian an.
Er hatte eine schwarze Klappe vor einem Auge und sah sehr sonderbar aus. Er blinzelte zweimal schnell nacheinander mit dem anderen Auge.
„Pass bloß auf“, sagte er ruppig. „Ich bin ein gemeingefährlicher Mörder.“
Er machte einen Schritt nach vorn, wobei er das eine Auge weit aufriss.
Julian blieb einen Augenblick wie gelähmt stehen. Dann machte er einen Satz durch die Türöffnung in die Hütte hinein.
„Glaub ja nicht, dass du mir Angst einjagen kannst“, schrie er. „Vorher bring ich dich nämlich um.“
Mit Karacho rammte er seinen Kopf gegen den Bauch des Mannes mit dem schwarzen Umhang und hämmerte mit geballten Fäusten auf ihn ein.
Der Mann stand in der Mitte des Raums und lachte schallend.
„Du bist mir ja ein Temperamentsbolzen!“, sagte er immer noch lachend.
Er hob Julian hoch, schwang ihn über die Schulter, trug ihn nach draußen und ließ ihn vor der Hütte ins Gras fallen. Dabei grinste er übers ganze Gesicht.
„Ich hab doch nur Spaß gemacht“, sagte er grinsend. „Du lässt dich aber leicht ins Bockshorn jagen, du kleiner Schmachtlappen.“
Jetzt wurde Julian aber wirklich wütend. Er konnte es nämlich gar nicht leiden, auf den Arm genommen zu werden. Er kletterte in den nächsten Birnbaum und bombardierte den Mann mit kleinen, unreifen Birnen, von denen es glücklicherweise jede Menge gab.
Der Mann flüchtete sich in den Türrahmen. Jetzt entdeckte Julian, dass der Mann auch nur ein Ohr hatte! Das dafür aber von der Größe eines Kaffeefilters.
Julian war über das riesige Ohr so erstaunt, dass er einen Augenblick lang vergaß, weiter mit Birnen zu schmeißen.
Der Mann war wirklich eine äußerst sonderbare Erscheinung. Mit dem Umhang, dem Hut und der Augenklappe sah er aus, als ob er zum Maskenball wollte, sich aber nicht recht entscheiden konnte, ob er als Seeräuber oder als Zauberer gehen sollte. Julian gaffte ihn mit offenem Mund an.
Der Mann kratzte sich am Ohr. Sein Auge hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen. Er ging über den Rasen und stellte sich direkt unter den Baum, in dem Julian hockte.
Julian ging wieder dazu über, mit Birnen auf ihn zu zielen, so hart und schnell, wie er nur konnte, aber das schien dem Mann völlig schnuppe zu sein. Er blieb in dem Birnenhagel stehen und sagte etwas sehr Eigenartiges.
„Ein echter Temperamentsbolzen“, sagte er. „Ich könnte wirklich einen Gehilfen brauchen. Ein kleiner Schmachtlappen, aber voller Temperament.“
Er griff nach Julians Fuß und zog ihn vom Baum herunter.
„Könntest du dir vorstellen, mein Gehilfe zu werden?“, fragte er.
Julian hatte eigentlich beschlossen, den Mann zu hassen. Und wenn er einmal etwas beschlossen hatte, blieb er normalerweise auch dabei.
Jetzt musterte er den sonderbaren Mann mit dem Kaffeefilterohr und dem einen Auge ausgiebig und änderte seine Meinung. Er zuckte mit den Schultern.
„Warum hast du dich verkleidet?“, fragte er.
„Verkleidet!“, schnaufte der Mann. „Das ist meine Arbeitskleidung, dass du’s nur weißt. Es war höchste Zeit, die Arbeitskleidung wieder anzulegen. Willst du nun mein Gehilfe werden, oder nicht?“
„Und wobei soll ich behilflich sein?“, fragte Julian.
„Die Hexe“, sagte der Mann mit dem schwarzen Umhang. „Du sollst mir helfen, die Hexe zu verjagen. Ich komme allein nicht gegen sie an.“
Julian war so baff, dass er eine Birne vom Boden aufhob und hineinbiss, obwohl er genau wusste, wie sauer sie so früh im Sommer schmeckten.
Er spuckte das Stück aus. Und sah den seltsamen Mann erstaunt an.
„Typisch“, sagte der Mann. „Du glaubst natürlich, dass eine Hexe eine hässliche alte Schachtel mit Warzen auf der Nase ist, die auf einem Besen herumfliegt und in einem großen Kessel Hexentränke braut.“
Julian zuckte erneut mit den Schultern.
„Verkehrt!“, rief der Mann laut. „Vollkommen und fürchterlich fantastisch verkehrt. Eine richtige Hexe, lass dir das gesagt sein, sieht haargenau so aus wie jeder andere Mensch auch. Jedenfalls ganz und gar nicht wie eine Hexe. Sie benimmt sich auch nicht so. Es ist nahezu unmöglich zu erkennen, ob es sich um eine Hexe handelt oder nicht. Erst, wenn sie zu hexen beginnt. Aber dann ist es zu spät, viel zu spät.“
Der Mann starrte Julian mit seinem einen Auge an.
„Um einer Hexe auf die Schliche zu kommen, ehe sie zu hexen anfängt, muss man ein Hexenspezialist sein. Ich bin so einer. Setz dich und hör mir gut zu.“
Julian setzte sich benommen unter einen Birnbaum und starrte den Mann an, der sich ihm gegenüber unter einem der anderen Bäume niederließ.
„Hier“, sagte er und zeigte auf seine riesige Ohrmuschel, „hier sitzt er!“
Er zog an seinem Ohrläppchen.
„Bin so geboren worden. Mit nur einem Ohr, das aber dafür umso sensibler ist. Und hier sitzt auch mein Hexensensor. Wenn irgendwo eine Hexe auftaucht, aber noch weit weg ist, ist es wie ein Summen. Kommt sie näher, steigert es sich zu einem Brummen. Danach beginnt es zu vibrieren. Kommt sie dann noch näher, beginnt es zu jucken. Dann zu ziepen. Und wenn die Hexe in Sichtweite ist, brennt es wie Sonnenbrand, nur viel, viel schlimmer.“
Julian glotzte das Ohr des Mannes an. Er hatte schon wieder, ohne es zu merken, in eine unreife Birne gebissen, und spuckte den Bissen schnell aus.
„Das ist ein Erbe von meinem Großvater“, fuhr der Mann fort. „Der Hexensensor. Das und der Umhang, der für einen Hexenspezialisten unentbehrlich ist. Na ja, und natürlich mein gutes Aussehen.“
Er rückte die Augenklappe zurecht.
„Posemuckelmats ist mein Name. Nach meinem Großvater, bei dem ich aufgewachsen bin. Und du, hast du auch einen Namen?“
Julian sagte ihm seinen Namen.
Posemuckelmats zeigte zur Hütte.
„Dort“, sagte er, „habe ich mit meinem Großvater gewohnt. Ein großer Hexenspezialist. Haben gemeinsam gegen die Hexe Trillimur gekämpft. Das war meine erste Hexe. Danach haben wir an anderen Orten gegen andere Hexen gekämpft. Ist inzwischen etliche Jahre her. Die Hexen haben sich lange Zeit ruhig verhalten.“
Posemuckelmats senkte seine Stimme zu einem Flüstern.
„Aber jetzt ... jetzt spüre ich, dass wieder eine Hexe ihr Unwesen treibt, und das ausgerechnet in dieser Gegend, aus der ich selbst stamme. Höchste Zeit, die Arbeitskleidung wieder anzulegen.“
Er sprang auf und schwang den schwarzen Umhang durch die Luft. Staub wirbelte auf und beide mussten niesen.
„Als mein Gehilfe musst du drei Dinge wissen“, sagte Posemuckelmats, als sie zu Ende geniest hatten. „Kannst du dich verstecken?“
„Äh ... ja ...“
„Abhauen wie ein geölter Blitz?“
„Äh ... na ja ...“
„Und auch durch enge, dunkle Öffnungen kriechen, ohne nur im Geringsten zu ahnen, was dich auf der anderen Seite erwartet? Abgesehen davon, dass es natürlich gefährlich ist?“
„Äh ... wieso ...?“
„Das lernst du schon noch“, sagte Posemuckelmats. „Alles nur eine Frage der Übung. Womit wir zur ersten geheimen Hexenregel kommen.“
„Der was?“, fragte Julian verdutzt.
„Der ersten geheimen Hexenregel. Es gibt insgesamt vier. Wenn du mein Gehilfe werden willst, musst du sofort die erste lernen. Hörst du zu?“
Julian nickte. In der Schule hörte er selten zu. Aber jetzt hörte er zu wie nie zuvor.
„Hexenspucke“, sagte Posemuckelmats. „Hexenspucke trennt Dinge.“
„Wie bitte?“, platzte Julian überrascht heraus und merkte gerade noch rechtzeitig, dass er schon wieder eine unreife Birne in der Hand hatte. Er warf sie eilig weg, bevor er womöglich hineinbiss.
„Hexenspucke trennt Dinge!“, wiederholte Posemuckelmats ungeduldig. „Kommt Hexenspucke auf einen Lattenzaun, blättert die Farbe ab. Spuckt eine Hexe auf eine Buchseite, purzeln die Buchstaben heraus. Hexenspucke im Haar, und sie fallen dir augenblicklich aus. hexenspucke trennt dinge. Merk dir das. Und vergiss es niemals.“
Es war, als würde Julian aus einem Dämmerschlaf erwachen. Er hatte dem Mann atemlos zugehört. Ja, er hätte ihm sogar fast geglaubt. Aber nur fast.
Jetzt sah er sich um. Der Wind fuhr in die Blätter des Birnbaums über seinem Kopf. Vom Moor klang das Quaken der Frösche herüber. Die Fliegen summten. Der Sommer sang sein Lied.
Julian fing an zu lachen.
So ein Quatsch! Dieser ganze Hexenkram. Das war natürlich nur Spaß. Der Mann hatte schließlich auch aus Spaß behauptet, dass er ein Mörder sei.
Julian wälzte sich lachend im Gras.
„Hexenspucke trennt Dinge?“, fragte er japsend. „Also, wenn die Hexe auf einen Vogelschiss spuckt, werden ein Vogel und ein Schiss daraus? Und wenn sie auf einen Pferdeapfel spuckt, werden ein Pferd und ein Apfel daraus?“
Julian klappte vor Lachen zusammen.
„Du elender kleiner Rotzlöffel!“, schrie Posemuckelmats rasend vor Wut. „Ich werde dich lehren, dich einfach über die erste geheime Hexenregel lustig zu machen.“
Er schoss auf Julian zu, packte ihn an den Füßen, hob ihn hoch, sodass er mit dem Kopf nach unten hing, und schüttelte ihn heftig durch.
Aber Julian konnte nicht aufhören zu lachen.
„Und wenn sie auf einen Popel spuckt“, japste er, während er mit dem Kopf nach unten hing, „werden ein Po und ein Pel daraus?“ Er lachte selbst dann noch weiter, als der Mann ihn wieder auf den Boden setzte, ihm einen Tritt in den Hintern gab und schrie, dass er verschwinden und sich nie wieder blicken lassen sollte, bevor er nicht mehr Respekt vor der ersten geheimen Hexenregel zeigte. Aber Julian konnte nicht aufhören. Er lachte den ganzen Weg bis nach Hause.
Vor dem Haus, in dem Julian mit seiner Mutter wohnte, parkte ein fantastisches Auto. Es war mindestens so groß wie ein U-Boot. Silberfarben und glänzend. Die Sitze waren mit rotem Leder bezogen. Julian sah es voller Bewunderung an.
Da kam seine Mutter aus dem Haus gestürmt und scheuchte ihn eilig nach drinnen.
„Wir haben vornehmen Besuch“, flüsterte sie. „Sei so gut und servier uns im Wohnzimmer eine Brause.“
Sie sah ihn an.
„Worüber lachst du?“
Julian konnte nur den Kopf schütteln.
Als er kurz darauf mit drei Flaschen Brause und drei Gläsern auf einem Tablett das Wohnzimmer betrat, saß die Baroness elegant wie ein Filmstar auf der Sofakante.
Julian lachte noch immer, weil ihm ständig neue Sachen einfielen: Hexenspucke trennt Dinge. Wenn sie auf einen Kuhfladen spuckt, werden eine Kuh und ein Fladen daraus.
„Was für einen erfrischenden Humor der Junge doch hat“, bemerkte die Baroness.
Julians Mutter lächelte verlegen.
Julian stellte die Flaschen und die Gläser auf den Tisch, während seine Mutter und die Baroness zum Geschäftlichen übergingen.
„Die Sachen, die Sie neulich für die Band geschneidert haben, waren ungeheuer schick“, sagte die Baroness. „Könnten Sie sich eventuell vorstellen, mir ein weißes Kostüm zu nähen? Ich hätte gern eins für die Einweihungsfeier des neuen Einkaufszentrums. Es soll etwas ganz Besonderes sein.“
„Versuchen könnte ich es“, antwortete Julians Mutter und blinzelte mehrmals hintereinander.
„Den Preis“, sagte die Baroness, „bestimmen Sie natürlich selbst.“
Sie goss sich sprudelnde Brause ins Glas, nahm einen Schluck und stellte das Glas zurück auf den Tisch.
Julian kniff beide Augen fest zusammen. Dann machte er sie wieder auf. Und starrte gebannt auf das Brauseglas.
Die Stimmen der beiden Frauen drangen wie durch Watte an sein Ohr.
Aus dem Brauseglas der Baroness stiegen kleine Bläschen auf. Aus dem Glas. In die Luft. Immer höher. Bis unter die Zimmerdecke, wo sie schwebend hängen blieben. Sie sahen aus wie winzig kleine Seifenblasen. Aber das waren keine Seifenblasen. Das waren die Kohlensäurebläschen aus der Brause der Baroness. Ein eigenartiger Anblick war das.
Julian schielte zu seiner Mutter, aber die hatte nichts gemerkt.
Die Brause der Baroness sah abgestanden aus.
Unauffällig sah Julian zur Decke hoch, unter der immer noch die kleinen, schwebenden Bläschen hingen. Ganz merkwürdig war das. Unerklärlich. Oder?
Hexenspucke trennt Dinge, dachte Julian. Und diesmal lachte er nicht.
Wenig später sah er durchs Fenster die Baroness in ihr fantastisches Silberauto steigen und davonsausen.
Der Geschwindigkeitsrausch-Zauber
Am nächsten Morgen lief Julian in aller Frühe, so schnell er konnte, zur verlassenen Hütte. Er stürzte durch die Tür in die Hütte. Posemuckelmats saß auf einem Schemel und knabberte an einem angebrannten Rosinenbrötchen.
„Ich ...“, setzte Julian an.
Posemuckelmats sprang auf, packte Julian an Kragen und Hosenboden und warf ihn im hohen Bogen aus dem Fenster. Zum Glück war keine Scheibe drin. Und zum Glück wuchs direkt unter dem Fenster ein Busch. Und in dem landete Julian.
„Hau bloß ab“, hörte er Posemuckelmats durchs Fenster brüllen. „So ein Dummbeutel. Was will der noch von mir!?“
„Entschuldigung“, stöhnte Julian kurzatmig, während er in dem Busch herumkrauchte. „Tut mir Leid, dass ich über das geheime Hexendingsbums gelacht hab.“
Posemuckelmats’ Kopf schoss über ihm wie ein Springteufel aus der Fensteröffnung.
„Das was, bitte schön?“, fragte er.
„Äh“, keuchte Julian und kam auf die Beine. „Die erste geheime Hexenregel. Entschuldigung, dass ich mich über die erste geheime Hexenregel lustig gemacht habe. Ich dachte, das wäre nur ein Scherz.“
Der Mann musterte ihn scharf mit seinem einem Auge.
„Und das glaubst du jetzt nicht mehr?“
Julian schüttelte den Kopf.
„Wie kommt das?“
Endlich wurde Julian seine Geschichte über die Blubberbläschen in der Brause der Baroness los. Der große Mann im Fensterrahmen wurde weiß wie ein Laken.
„Ist das wahr?“, flüsterte er.
„Klar ist das wahr“, sagte Julian energisch nickend. „Bedeutet das, dass ... dass ...“ Er konnte sich kaum überwinden es auszusprechen. „... dass die Baroness eine Hexe ist?“
Posemuckelmats schob den Kopf noch ein Stück weiter aus dem Fenster.
„Bist du denn völlig schwachsinnig, Bursche“, fuhr er Julian an. „Selbstverständlich bedeutet das, dass sie eine Hexe ist!“
Sein Auge funkelte wild. Plötzlich zog er seinen Kopf mit einem Ruck zurück.
Einen Augenblick später kam er aus der Tür geschossen, warf Julian über die Schulter, rannte in die Hütte zurück, setzte Julian auf den Boden, knallte die Tür zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.
„Hab ich’s mir doch gedacht“, flüsterte er, seine Stimme war wie ein Keuchen. „Mein Ohr täuscht mich niemals. Sie sind wieder hier. Sie schießen wie Pilze aus dem Boden. Oh, ich fürchte, dass ich es nicht mehr im Griff habe. Es ist schon viel zu lange her, dass ich meine Hexenkenntnisse das letzte Mal angewandt habe.“
Plötzlich begannen seine Zähne zu klappern. Er stürzte zum Fenster, lehnte sich hinaus und spähte nach oben.
„Lieber Großvater da oben im Himmel“, murmelte er, „hilf mir, gib mir Kraft und Klugheit und Mut.“
Dann drehte er sich zu Julian um.
„Sie hat also in die Brause gespuckt“, sagte er.
Seine Stimme war wieder ruhig und normal.
„Hexen hassen Brause“, fuhr er fort. „Trinken nur abgestandenes Moorwasser. Das ist einer der Gründe, warum man sie bevorzugt an solchen Plätzen wie diesem hier trifft.“
Er zeigte in Richtung Zaubermoor.
„Erzähl mir alles, was du über die Baroness weißt. Alles.“
„Sie sieht überhaupt nicht aus wie eine Hexe ...“
„Hab ich doch gesagt, dass sie das nicht tun!“
„Ihr gehört das neue Einkaufszentrum, das gerade gebaut wird. Da, wo früher der Baumarkt war“, sagte Julian. „Sie muss ziemlich reich sein, und ...“
„Sicher nur ein Teil ihrer Hexentarnung. Geld ist Hexen schnupswurschtpiepe.“
„Was ist Hexentarnung?“, fragte Julian.
„Das sind all die Dinge, die Hexen machen oder benutzen, um anderen vorzugaukeln, dass sie ganz normale Menschen sind. Wie lange lebt sie schon in eurem Städtchen?“
„Ungefähr zwei Jahre, glaube ich. Nachdem sie den alten Baumarkt für einen Batzen Geld gekauft hatte, ist sie hierher gezogen. Danach hat sie mit dem Bau des neuen Einkaufszentrums angefangen. Die Leute hier sind gewaltig stolz deswegen. Sagt Mama. Die Lokalzeitung hat darüber geschrieben.“
„Haben sich in letzter Zeit irgendwelche Dinge ereignet? Merkwürdige Dinge? Unerklärliche Dinge?“
„Ja!“, rief Julian und erzählte Posemuckelmats von dem Johannisabend und den fünf zerrissenen Leopardenhosen, die seine Mutter genäht hatte.
„Aha“, sagte Posemuckelmats. „Sie war auch dort. Und hat gleich anschließend mit euch geredet. Ein typischer Neckzauber. Damit halten Hexen sich in Form. Damit trainieren sie ihre Hexenmuskeln. Ich sehe schon, alles deutet darauf hin, dass die Baroness wirklich eine Hexe ist. Aber ich muss ganz sichergehen. Könnte ja sein, dass du das mit der Brause falsch beobachtet hast. Anfänger. Kleiner Schmachtlappen. Kannst grade mal die erste Hexenregel.“
Er pikste Julian mit einem Finger in den Bauch.
„Ich muss sie selbst sehen. Aber sie darf mich nicht sehen. Sie darf nicht merken, dass ich ihr auf der Spur bin. Auf geht’s.“
Kurz darauf hatten sie die Hütte im Moor hinter sich gelassen und waren auf dem Weg in das Städtchen zwischen den Hügeln.
Posemuckelmats lief mit riesigen Schritten und merkwürdig zur Seite geneigtem Kopf. Julian musste rennen, um mit ihm Schritt halten zu können. Bald hatten sie den Bauplatz mit dem neuen Einkaufszentrum am Rand des Städtchens erreicht.
Posemuckelmats blieb stehen und sah aus, als ob er Witterung aufnehmen würde.
„Mein Ohr juckt“, murmelte er. „Aber um ganz sicher sein zu können, muss es ziepen. Sie ist nicht weit weg, aber auch nicht ganz in der Nähe.“
Posemuckelmats schlug Kurs in östliche Richtung ein, ins Städtchen hinein. Julian folgte ihm dicht auf den Fersen.
Als sie in die Hauptstraße einbogen, blieb Posemuckelmats abrupt stehen und fasste sich ans Ohr. Seine Bewegungen waren mit einem Mal langsam und wachsam.
Julian sah sich um. Die Leute auf der Straße versuchten so zu tun, als würden sie den Mann in dem schwarzen Umhang gar nicht sehen. Dabei glotzten sie ihn an.
„Wird hier irgendwo Karneval gefeiert?“, hörte Julian jemanden fragen.
Posemuckelmats achtete gar nicht darauf.
„Warum läufst du denn in so komischen Klamotten rum?“, fragte Julian ihn.
„Ohne meinen Hexenspezialisten-Umhang kann ich nicht arbeiten“, murmelte Posemuckelmats. „Er gibt mir Kraft. Erinnert mich an meinen Großvater.“
„Aber das ist doch unpraktisch“, konnte Julian sich nicht verkneifen. „Die Hexe entdeckt dich doch viel schneller, wenn du so auffällig angezogen bist.“
Posemuckelmats blieb stehen und sah Julian tief in die Augen.
„Wenn es dunkel wird, wirst du schon noch sehen, wie praktisch so ein Hexenspezialisten-Umhang ist“, brummte er. „Und wenn ich nicht will, dass die Hexe mich sieht, dann sieht sie mich auch nicht. Ich bin schließlich Hexenspezialist!“
Posemuckelmats hatte immer noch seine eigenwillige Gangart drauf. Es sah ein bisschen so aus, als ob das Ohr ihn nach unten ziehen würde. Julian lief neben ihm. Ab und zu schielte er zu dem großen Ohr hoch, das zwischen den langen Haaren hervorlugte. Es war glühend rot.
Sie näherten sich dem Marktplatz. Vor der Bank parkte das Silberauto.
Posemuckelmats blieb stehen und griff sich mit einem Fluch ans Ohr. Im gleichen Augenblick entdeckte Julian die Baroness. Sie kam aus der Bank und ging auf ihr Silberauto zu. Julian stand wie versteinert da. Dann sah er sich aufgeregt nach Posemuckelmats um, konnte ihn aber nirgends sehen. Er drehte sich wieder um und stellte fest, dass die Baroness die Richtung geändert hatte und direkt auf ihn zukam. Sie blieb vor ihm stehen, lächelte ihn an und sah überhaupt nicht wie eine Hexe aus.
„Hallo“, begrüßte sie ihn. „Hast du Lust auf eine kleine Spritztour?“
Julian sah sich eilig nach allen Seiten um, aber er konnte Posemuckelmats nirgends entdecken.
„Na?“, hakte die Baroness nach.
Julian nickte. Er wusste nicht, was er sonst hätte sagen sollen.
Sie hielt ihm die Tür auf und Julian setzte sich auf den Beifahrersitz.
Er spähte durch die Windschutzscheibe, aber Posemuckelmats war und blieb verschwunden.
Die Baroness stieg auf der anderen Seite ein und startete den Wagen. Vor einem Laden in der Hauptstraße machte sie Halt.
„Ich muss nur schnell eine Kleinigkeit erledigen“, sagte sie und war weg.
Julian blieb allein im Wagen zurück. Er sah sich vorsichtig um. Und fuhr zusammen. An der Seitenscheibe drückte sich einer die Nase platt.
Posemuckelmats!
Julian kurbelte das Fenster nach unten.
„Wo warst du denn so plötzlich?“, fragte er.
„Bin hinter die Würstchenbude gehechtet. Geniales Versteck. Los, stöbere schon!“
„Was soll ich?“
„Durchstöbere das Auto der Hexe, du Dummkopf. Wo du schon mal drinsitzt. Ich bin sicher, dass sie eine Hexe ist. Absolut sicher. Guck nach, ob du irgendetwas Hexenartiges findest. Husch, husch.“
Posemuckelmats warf nervöse Blicke über die Schulter. Auf den roten Ledersitzen lag nichts. Julian öffnete das Handschuhfach.
„Beeil dich!“, flüsterte Posemuckelmats. „Sie kann jeden Augenblick zurückkommen.“
Julian durchwühlte mit zittrigen Fingern das Handschuhfach. Es war voller Frauenzeitschriften, solche, wie seine Mutter sie nur selten kaufte. Zwischen zwei bunt glänzenden Zeitschriften entdeckte er ein Heft aus vergilbtem Papier.
„Was ist das?“ Posemuckelmats kam fast durch das offene Seitenfenster gekrochen. „Was steht da?“
„Äh“, stammelte Julian. Lesen war nicht direkt seine Stärke.
„Was steht da?“, flüsterte Posemuckelmats gehetzt. „Lies schon.“
Er zeigte auf die großen Buchstaben ganz oben auf der Seite.
„Lies doch selbst“, sagte Julian.
„Nein, kann ich nicht.“
„Doch, kannst du wohl.“
„Nein, ich kann nicht lesen! Ich bin mitten in der zweiten Klasse von der Schule abgegangen.“
„Echt?“, fragte Julian verblüfft.
„Die konnten mir nichts beibringen. Sie hatten keine Ahnung von Hexen. Skandalös. Und jetzt lies“, knurrte Posemuckelmats.
Also begann Julian zu lesen. Was hätte er anderes machen sollen?
„Äh ... Zet-E-I-Te ...“, buchstabierte er, „... Es-Ce-Ha-Er-I-Ef-Te Ef-Ü-Er ... Ha-E-Ix-E-En. Zeitschrift für Hexen!“
„Hab ich’s mir doch gedacht! Was noch? Schnell. Blätter weiter!“
Posemuckelmats sah sich erneut über die Schulter.
Julian blätterte weiter auf die nächste Seite. Dort war etwas rot eingerahmt.
„Er-E ... Zet-E-Pe-Te, Rezept für Fa-, Fa-, Faltencreme für Hexen. Wirkt mindestens 100 Jahre.“
Julian war so baff, dass er fast fließend las.
„Saft von tausend Kröten“, las er. „Rie-sen-men-gen gut ab-ge-stan-de-nes Moor-wasser, Stun-den, Ta-ge, Se-kun-den und Jah-re ...“
„Wie bitte?“
„Das steht da.“
Posemuckelmats gab einen seltsamen Laut von sich. Julian blickte ihn erschrocken an.
„Sie kommt“, wisperte Posemuckelmats und war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.
Julian konnte die merkwürdige Zeitschrift gerade noch rechtzeitig ins Handschuhfach zurückschieben, ehe die Fahrertür aufging. Sein Herz hämmerte.
Die Baroness stieg ins Auto und lächelte ihr Filmlächeln.
„Na, wollen wir jetzt mal richtig schnell fahren?“, fragte sie.
Und damit brauste das Auto auch schon los. Es kam Julian fast so vor, als würden die Reifen vom Asphalt abheben. Julian wurde in den Sitz gedrückt. In seinem Bauch kribbelte es. Schneller als er blinzeln konnte, waren sie am Ende der Hauptstraße angelangt und aus dem Städtchen hinaus.
Die Baroness drückte einen Knopf und das Verdeck glitt auf. Der Fahrtwind schlug Julian knatternd um die Ohren. Er konnte gerade noch eine Hand auf seine Mütze legen, bevor sie weggeblasen wurde. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde gleich mit weggeblasen werden. Aber das war Julian vollkommen schnuppe. Er hatte nämlich soeben entdeckt, was für ein unglaublich tolles Gefühl es war, richtig schnell zu fahren. Felder, Häuser und Bäume flimmerten links und rechts an ihm vorbei. Julian lachte.
„Schneller?“, fragte die Baroness.
„Schneller!“, rief Julian.
Das Auto legte noch einen Zahn zu. Das war wie Achterbahn fahren im Tivoli in der großen Stadt am Meer. Nur hundertmal schneller. Sein ganzer Körper kribbelte und er juchzte laut.
„Hab ich es mir doch gedacht, dass du gerne schnell fährst“, sagte die Baroness und lachte ebenfalls.
„Schneller!“, rief Julian, dem es gar nicht schnell genug gehen konnte.
„Das ist übrigens eine hübsche Mütze, die du da trägst“, sagte die Baroness. „So eine hätte ich auch gern. Wo hast du die her?“
„Von der Tankstelle“, sagte Julian. Ihm war angenehm schwindelig. „Sie können sie gern haben.“
„Ist das dein Ernst?“
„Ja, klar“, antwortete Julian.
„Danke schön“, sagte die Baroness. „Leg sie ins Handschuhfach.“
Julian tat, was sie sagte.
Sie flogen weiter durch die Landschaft.
Schließlich nahm die Baroness den Fuß vom Gas, wendete das Silberauto und fuhr zurück ins Städtchen.
„Schneller!“, bettelte Julian.
Sie lachte und gab Gas.
Als die Tour zu Ende war und die Baroness wieder am Marktplatz vor der Bank parkte, konnte Julian sich nur schwer dazu durchringen auszusteigen. Er stand auf dem Marktplatz und starrte verloren hinter dem Wagen her, als die Baroness davonfuhr. Er wäre am liebsten gleich noch mal richtig schnell gefahren.
Da packte jemand Julian hart am Arm und zerrte ihn herum. Posemuckelmats. Er sah Julian forschend mit seinem einen Auge an.
„Potzblitz“, murmelte er. „Ein eindeutiger Fall von Geschwindigkeitsrausch-Zauber.“
Er schüttelte Julian heftig durch. Dann zog er ihn hinter sich her, raus aus dem Städtchen, raus ins Zaubermoor und zur Hütte.
Julian bekam kaum etwas mit. Er versuchte immer wieder sich loszureißen und zurückzulaufen, nur um noch einen Blick auf das Silberauto zu erhaschen. Er bettelte und tobte, aber Posemuckelmats ließ ihn nicht los. Erst als sie sich der Blockhütte näherten, ließ Julians Geschwindigkeitsrausch nach. Aber ihm war ganz eigenartig zu Mute. Er setzte sich vorsichtig unter einen Birnbaum und schüttelte den Kopf.
„Was denkst du?“, fragte Posemuckelmats und musterte ihn forschend.
„Äh ... nichts“, murmelte Julian. Er fühlte sich völlig leer. Ihm war, als ob sein Kopf sich ganz woanders befand als der Rest des Körpers.
„Du gehst jetzt am besten los und sammelst Brennholz“, sagte Posemuckelmats. „Du musst nämlich ein Feuer machen.“
Julian tat, was Posemuckelmats von ihm verlangte. Er sammelte einen großen Stapel trockene Äste und Zweige.
Posemuckelmats stand im Türrahmen der Hütte und gab Anweisungen.
„Zuerst die Zweige“, sagte er. „Brich sie entzwei und stell sie so aneinander, dass sie genug Sauerstoff bekommen. Zuerst die kleinen Äste, danach die etwas größeren, am Ende die ganz großen. Stapel sie so, dass sie so eine Art Indianerzelt bilden. Danach such etwas trockene Rinde. Birkenrinde eignet sich am besten. Zünde zuerst die Rinde an, dann mit der brennenden Rinde die dünnen Zweige, und puste in die Glut, bis das Holz brennt.“
Julian befolgte gewissenhaft seine Anweisungen Schritt für Schritt.
Posemuckelmats hatte hinter der Hütte, nicht weit vom Brunnen entfernt, eine Kuhle für das Feuer ausgehoben. Dort schichtete Julian das Holz auf und brachte es zum Brennen, während Posemuckelmats ihm schweigend zusah.
Julian setzte sich, starrte in die Flammen und legte, wenn nötig, neues Holz nach.
Langsam kam er wieder zu sich.
„Gut“, sagte Posemuckelmats nach einer Weile. „Die beste Kur gegen Geschwindigkeitsrausch-Zauber ist, ein Feuer zu machen und es am Brennen zu halten.“
„Geschwindigkeitsrausch-Zauber!?“
„Ja, die Hexe hat dich mit einem Geschwindigkeitsrausch-Zauber belegt. Ganz typisch. Und er kann jederzeit wieder ausbrechen, genau wie Dschungelfieber, wenn man nicht aufpasst. Du musst dich von diesem Auto fern halten.“
Julian nickte, obwohl er wusste, dass ihm das sehr schwer fallen würde.
Posemuckelmats verschwand in der Hütte und kam kurz darauf mit einer Riesenpackung Bratwürstchen zurück, die sie über dem prasselnden Feuer grillten. Sie aßen schweigend und blieben am Feuer sitzen, bis es heruntergebrannt war.
Der Saft von tausend Kröten
Julian war kurz zu Hause vorbeigegangen, um sich einen warmen Pullover anzuziehen und um seiner Mutter zu sagen, dass es spät werden würde. Danach war er zu Posemuckelmats in die Hütte zurückgekehrt.
Sie sprachen über das eigenartige, rot eingerahmte Rezept in der „Zeitschrift für Hexen“, die Julian im Handschuhfach vom Auto der Hexe entdeckt hatte.
„Faltencreme“, sagte Posemuckelmats. „Typischer Frauenkram. Kennst du dich mit Frauenkram aus?“
„Nein“, antwortete Julian. „Du?“
Posemuckelmats schüttelte den Kopf.
„Wer so viel über Hexen weiß wie ich, hat nicht mehr viel Platz für andere Dinge hier oben“, erklärte er und tippte sich an die Stirn.
„Faltencreme“, überlegte er laut. „Das müsste eine Creme sein, von der man Falten kriegt.“
„Das glaub ich nicht“, widersprach Julian. „Ich glaube, das ist eher was gegen Falten.“
„Hmhm“, sagte Posemuckelmats. „Das Rezept will mir gar nicht gefallen. Es war rot eingerahmt. Das deutet darauf hin, dass die Hexe vorhat, es auszuprobieren. Stand da nicht: Saft von tausend Kröten?“
Julian nickte.
„Und was sonst noch?“
„Riesenmengen gut abgestandenes Moorwasser“, sagte Julian. „Und dann noch irgendwas von Stunden, Tagen, Sekunden und Jahren. Mehr konnte ich nicht lesen.“
„Das klingt fast wie ein Rätsel“, murmelte Posemuckelmats. „Der Saft von tausend Kröten.“ Er begann nachdenklich auf und ab zu gehen. „Das will mir gar nicht gefallen“, brummte er vor sich hin. „Der Saft von tausend Kröten.“
Julian trat ans Fenster. Eine kühle Brise strömte herein und strich über sein Gesicht. Der Abend brach an. Der Himmel im Westen glühte rot. Bald würde sich der Tau herabsenken. Aus dem Moor war munteres Gequake zu hören. Plötzlich stand Posemuckelmats neben ihm. Sie schauten beide in die Dämmerung hinaus. Dann drehten sie die Köpfe wie auf Befehl in Richtung Zaubermoor.
„Die Kröten!“, sagte Posemuckelmats. „Die Kröten im Moor. Wir müssen sie in Sicherheit bringen, bevor die Hexe sie einfängt, sie bei lebendigem Leib ins kochende Wasser wirft und Suppe aus ihnen kocht.“
Julian lief ein Schauer über den Rücken.
„Wäre sie zu so was wirklich fähig?“, fragte er.
„Eine richtige Hexe“, sagte Posemuckelmats und legte seine Hand schwer auf Julians Schulter, „ist noch zu viel, viel schlimmeren Dingen fähig.“
„Aber ...“
„Schlag mir viermal kräftig auf den Kopf.“
„Was!?“
„Genau hier!“ Posemuckelmats nahm den Hut ab und zeigte auf seinen Kopf.
„Ja, aber ...“
„Tu, was ich dir sage!“, rief Posemuckelmats streng.
Er neigte den Kopf nach vorn.
Und Julian schlug ihm viermal auf den Kopf. Was blieb ihm auch anderes übrig? Sie mussten schließlich weiterkommen.
„Gut“, sagte Posemuckelmats. „Das waren ein paar ausgezeichnete Schläge. Sehr anregend für die Gehirnwindungen. Jetzt weiß ich, was zu tun ist. Wir brauchen eine Krötentröte.“
„Eine Krötentröte?“
„Ja, eine Krötentröte. Das ist so eine Art Trompete mit Handkurbel und drei Einstellungsstufen: stark, schwach und genau richtig. Wenn man an der Kurbel dreht, gibt die Tröte einen Ton von sich, dem keine Kröte widerstehen kann. Auf diese Weise kann man sie anlocken. Jede Hexe besitzt eine Krötentröte. Manche gleich mehrere. Sie brauchen sie ständig. Wir mopsen der Hexe eine. Locken die Kröten hierher, stecken sie in den Brunnen und decken ihn mit ein paar Brettern zu. Aber vorher müssen wir erst einmal herausfinden, wo die Hexe wohnt.“
„Ich weiß, wo sie wohnt“, sagte Julian. „In einem großen Haus am Ende der Algade.“
„Mhmh“, sagte Posemuckelmats. „Ich meine den richtigen Wohnsitz der Hexe. Du kannst davon ausgehen, dass das Haus, das du kennst, Teil ihrer Hexentarnung ist. Die Leute glauben, dass sie dort wohnt. Aber außer ihr selbst weiß niemand, wo ihr richtiges Hexenhaus liegt. Höchstens ein einfacher, alter Hexenspezialist.“
Er machte sich daran, seine schwarzen Stiefel aufzuschnüren.
„Was machst du da?“, fragte Julian.
„Damit du mich besser sehen kannst, wenn wir uns in die Nacht hinausbegeben, um das Haus der Hexe zu suchen.“
„Aber, wo wollen wir denn hin?“
Posemuckelmats zeigte schweigend in Richtung Moor.
„Ins Moor.“ Julian schnappte nach Luft. „Aber es wird doch bald dunkel.“
Posemuckelmats hörte nicht zu. Er streckte sich und marschierte barfuß über den Bretterboden.
Julian griff nach einem Zipfel des schwarzen Umhangs und zog mit aller Kraft daran, um Posemuckelmats zurückzuhalten. Aber der Hexenspezialist lief mit ausladenden Schritten durch die Tür der Blockhütte auf den zugewucherten Pfad zu, der ins Moor führte.
Julian klammerte sich fest an den Umhang und stemmte die Fersen in den Boden.
„Spinnst du, wir können doch gar nichts sehen, wir fallen bestimmt in ein Moorloch!“, schrie er, während er hinter dem Umhang hergeschleppt wurde.
Aber die schwarze, barfüßige Gestalt lief unbeirrbar weiter durch die Dämmerung, die unaufhaltsam immer dunkler wurde.
Julian zerrte am Umhang und schrie laut. Was hätte er sonst tun sollen?
Sie näherten sich dem Ende des Pfads. Plötzlich blieb der große Mann stehen und drehte sich um.
„Jetzt halt endlich den Mund“, brummte er. „Und bleib dicht hinter mir.“
Posemuckelmats’ Auge funkelte im Dunkeln. Sein Blick bohrte sich in Julians Augen und ließ ihn erst erschauern und dann gehorchen.
Pulsuz fraqment bitdi.