Kitabı oxu: «Spiritualität Raum geben»

Şrift:


Die Autorin

Brigitta Schröder, Krankenschwester und Schweizer Diakonisse, ist Supervisorin DGSv, Lebens- und Trauerbegleiterin. Weitere Informationen zur Autorin, ihrem Konzept des »Blickrichtungswechsels« und den von ihr angebotenen Fort- und Weiterbildungen finden sich unter www.demenz-entdecken.de sowie www.blickrichtungswechsel-bs.com.

Brigitta Schröder

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038012-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038013-4

epub: ISBN 978-3-17-038014-1

mobi: ISBN 978-3-17-038015-8

Inhalt

1  Geleitwort von Andreas Kruse

2  Geleitwort von Regine Strittmatter

3  Einleitung

4  1 Blickrichtungswechsel einüben

5  Lebensstufen

6  2 Religiosität versus Spiritualität

7  3 Praxisnahe, erlebte Spiritualität

8  3.1 Einfühlsam und liebevoll begleiten, bis zum Lebensende

9  3.2 Kunst, Kultur, Spiritualität

10  3.3 Erlebte Spiritualität während der Corona-Zeit

11  3.4 Menschen mit Demenz gemäß ihren Bedürfnissen begleiten

12  3.5 Menschen mit Demenz auf Entdeckungsreise im Museum

13  3.6 Spiritualität: eine Sprache des Herzens bei Menschen, die verstummen

14  4 Individuelle spirituelle (Lebens-)Wege

15  4.1 Frau B.: Glaube wächst auch auf krummen Wegen

16  4.2 Frau S.: Gott suchen und finden in der Stille und in Begegnungen

17  4.3 Frau H.: Woher ich komme und wohin ich gehe

18  4.4 Frau D.: Mein Weg zur Spiritualität

19  4.5 Herr K.: Der spirituelle Weg eines Studenten

20  4.6 Herr W.: Spiritualität als Subtraktion

21  4.7 Herr W.: Was uns Denkmodelle und Sprachen lehren können

22  4.8 Frau T.: Wie die Erkrankung an einer Frontotemporalen Demenz Leben und Beziehung verändert

23  4.9 Frau N.: Geborgenheit und Gottvertrauen

24  4.10 Frau D.: der spirituelle Weg als Reise zum wahren Ich

25  5 Menschen mit Demenz spirituell begleiten

26  5.1 Demenz – mehr als »Vergesslichkeit«

27  5.2 Gelebte Spiritualität im Rahmen von Gottesdiensten

28  Gestaltung eines sinnlichen Gottesdienstes in einer Stadtkirche

29  Gottesdienste innerhalb einer Senioren-Einrichtung

30  »Sternstunden« in einer Senioren-Einrichtung gestalten

31  Ökumenischer Gedenkgottesdienst für verstorbene

32  5.3 Praktische einsetzbare Rituale

33  5.4 Berührungen, die als Kraftspender wirken

34  6 Spirituelle Projekte in der Praxis

35  6.1 Das Institut Neumünster – Spiritualität, mitten im (Pflege-)Alltag

36  Spiritualität bewegt

37  Spiritualität wahrnehmen

38  Den Alltag durchlässig machen

39  6.2 Kreuzeskirche in Essen – Eine Vision wird Wirklichkeit

40  6.3 Das Projekt demenz.begeistert – Wohlbefinden für Menschen mit Demenz durch gelebte Spiritualität

41  6.4 Gleichwertigkeit der Gesellschaft, Kulturen und Religionen – ein Projekt in Essen

42  6.5 Der »Chor für’s Leben Essen e. V.« – Gemeinsamkeit, die berührt und Halt gibt

43  6.6 Das Projekt: Wohlfühloase »Cube«

44  6.7 AAA Achtsame Abend Auszeit

45  6.8 Erlebte spirituelle Angebote

46  Meditatives Abendgebet – Das Neue

47  Eine weitere Erneuerung

48  Noch ein Beitrag

49  7 Mein persönlicher Glaubensweg

50  Dankesworte

51  Anhang

52  Lieder

53  Hilfreiche, weiterführende Adressen

54  Wichtige Web-Links

55  Empfohlene Literatur zur Vertiefung

Geleitwort von Andreas Kruse

Die Autorin Brigitta Schröder legt ein überzeugendes und bewegendes Buch vor. Dieses Buch überzeugt mit seinen Argumenten für eine deutlich stärkere Berücksichtigung spiritueller (oder religiöser) Themen in einem emotional intimen Austausch: Es legt dar, wie sehr sich in diesem Austausch das »Geistige« des Menschen ausdrücken, ich würde es nennen: aktualisieren kann. Dieser Prozess der Selbstaktualisierung ist, folgt man der Autorin bzw. jenen Autoren, die sie zu Wort kommen lässt, nicht nur bei kognitiv gesunden Menschen erkennbar, sondern auch bei Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind; in einem weit fortgeschrittenen Stadium der Demenz vermittelt sich diese Aktualisierung immer weniger durch das Wort und immer mehr durch Mimik und Gestik.

Dieses Buch bewegt, weil es uns Anteil nehmen lässt an dem, was man mit dem Philosophen Henri Bergson (1859–1941) als unendlich fortdauernden psychischen Geschehensfluss charakterisieren kann. Die Psyche ist permanent im Fluss und erweist sich bei genauer Betrachtung als ungemein schöpferisch. Der Autorin ist es gelungen, diese schöpferischen Qualitäten der Psyche zum Ausdruck zu bringen bzw. einmal mehr lebendig werden zu lassen. Dabei stützt sie sich auch auf eindrucksvolle biografische Dokumente von Frauen und Männern unterschiedlichen Alters. Diese Dokumente wie auch die behutsam vorgenommenen Deutungen durch die Autorin zeigen uns, wie wichtig es ist, sich in den psychischen Geschehensfluss eines Menschen »einzuschwingen«. Und dieses Sich-Einschwingen erweist sich auch bei Menschen mit einer Demenz als ein Geschehen, in dessen Verlauf wir über die Psyche sehr viel erfahren und lernen.

Zu diesen Lernerfahrungen gehören die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Spiritualität. Die Vielfalt dieser Ausdrucksformen richtet an Begleiterinnen und Begleiter, an Zuhörerinnen und Zuhörer die Aufgabe, sich gegenüber der Spiritualität (oder der Religiosität) einer Person zu öffnen, diese nicht als etwas »abzutun«, was in der heutigen Zeit »nicht mehr zählt«. In der diskreten Form, die in diesem Buch gewählt wird, sehen sich vielleicht auch jene Menschen ermutigt und ermuntert, sich mit »ihrer« – vielleicht noch verdeckten – Spiritualität auseinanderzusetzen, für die diese bislang möglicherweise noch kein Thema gewesen ist.

Eine wirkliche Bereicherung für jene, die ratsuchende oder auf Hilfe angewiesene Menschen in Krisen- bzw. in Grenzsituationen begleiten. Zudem für jene, die Impulse für die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Spiritualität suchen und dankbar aufgreifen.

Heidelberg, im Mai 2021, Univ.-Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Geleitwort von Regine Strittmatter

Wenn wir suchend unterwegs sind mit der Frage, was Menschen gesund erhalte und ihnen auch in schwierigen Zeiten, bei Krankheit oder nahendem Tod eine ureigene Ressource sei, finden sich viele Antworten und eine Erkenntnis: soziale Bezogenheit und Sinnhaftigkeit. Damit sind wir mittendrin im Thema Spiritualität. Diese ist der Raum für existentielle Dimensionen menschlichen Seins jenseits rationaler Erschliessbarkeit. Geborgenheit, Hoffnung und Sinnhaftigkeit sind spirituelle Alltagserfahrungen, geboren aus der Beziehung zu anderen, die Beziehung zu sich selbst erst ermöglicht. Für niemanden gibt es eine Perspektive aus dem Nirgendwo ohne Gegenüber. Wir werden unser Leben lang geprägt von Menschen und wir prägen Menschen. Andere sind der Spiegel, in dem wir uns kennen lernen, reflektieren und entwickeln – bis ans Lebensende, ob gesund oder an Demenz erkrankt.

In grosser Prägnanz und Anschaulichkeit zeigt uns Brigitta Schröder in ihrem Buch auf, wie Zuwendung, Neugierde und radikale Menschenorientierung die Beziehung zwischen Betroffenen und Pflegenden verändert. Sie appelliert an unsere Fähigkeiten, achtsame Begleiterinnen und Begleiter von Menschen mit Demenz zu werden, die immer wieder aufs Neue versuchen, die Welt aus der ihrigen, so anderen Perspektive zu sehen und zu verstehen. Aus diesem Verstehen entwickeln sich im Betreuungsalltag andere Angebote für Tun und Handeln, entstehend aus der momentanen Bedürfniswelt und tief verwurzelten biographischen Erinnerungsspuren.

Spiritualität als geistige Verbindung zum Nicht-Verstehbaren und als Staunen, Spiritualität als intensive und unmittelbare Erfahrung von Natur und Kultur, Spiritualität als Hilfe, das Unverfügbare und Unabänderliche zu respektieren – zusammen mit sozialer Bezogenheit sind das heilsame Elemente in der Arbeit mit Menschen, deren Erkrankung nicht heilbar ist. Sie geben sowohl den Betroffenen als auch den Pflegenden die Sicherheit, dass selbst in Grenzsituationen Geborgenheit, Hoffnung und Sinn zu finden ist – im Bewusstsein der unverlierbaren Würde menschlichen Lebens.

Viel Leben, Erfahrung, alltagstauglich Hilfreiches, Ermutigendes, Buntes finden Raum auf den nächsten Seiten. Gut hat Brigitta ihre an sich gerichtete Frage, ob sie in ihrem Alter nochmals ein Buch schreiben möchte, positiv beschieden.

Dr. Regine Strittmatter, Stiftungsdirektorin der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule, Zollikerberg

im April 2021

Einleitung

Prüfend stelle ich mir die Frage, ob ich in meinem Alter nochmals ein weiteres Buch schreiben möchte. Vom Kohlhammer Verlag ist der Wunsch an mich herangetragen worden, das Thema »Spiritualität« in einfacher, praxisnaher Form zu beschreiben, Impulse weiterzugeben, um sie alltagstauglich umsetzen zu können. Das motiviert mich in Anbetracht einer ganzheitlichen Sichtweise darüber nachzudenken, wie Menschen mit Demenz, Angehörige und Begleitende durch Spiritualität Trost, Geborgenheit, Halt und Ermutigung vermittelt werden kann.

Je länger ich mich damit beschäftige, desto eindeutiger spüre ich, dass es sinnvoll ist, der »Spiritualität« praxisnahe Impulse zu geben, um diese nach Bedarf individuell und kreativ umzusetzen. Solches Vorgehen gibt Orientierung, ist wie ein Anker und bereichert das Geben und Nehmen. Es ist keine Frage der Zeit, sondern eine der Haltung, letztere ist entscheidend. Wer sich Zeit nimmt, gewinnt Zeit!

Ich freue mich und bin allen Personen sehr dankbar, die für dieses Buch persönliche, wertvolle Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Sie beschreiben in Offenheit den Weg ihrer Spiritualität und wie sie das Erfahrene leben lernen. Ihre Texte sind eine besondere Bereicherung, stärken und ermutigen, den eigenen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen.

Der Mensch, ganzheitlich betrachtet, ist ein körperliches und geistig-spirituelles Wesen. Brot allein gibt dem Leben noch keinen Sinn. Körper und Seele benötigen stärkende Nahrung. Das ist in den unterschiedlichsten Lebensphasen zu beachten, besonders wenn Menschen ihre Privatsphäre, ihr Zuhause aufgrund ihres Alters und ihrer besonderen Lebensumstände verlassen müssen, um in eine Einrichtung einzuziehen. Aus diesem Grund liebe ich den Slogan dieser Institution, in der ich wöchentlich beim Besuchsdienst ein- und ausgehe: »Mehr Leben statt Pflegen«.

Menschen mit Demenz benötigen in ihrem Dasein eine ganzheitliche Begleitung. Sie spüren und nehmen Wertschätzungen viel besser wahr, als wir denken. Sie leben nur auf einer anderen Daseinsebene und sind wie Seismografen. Menschen mit Demenz haben, trotz ihrer Veränderungen, das Recht wertschätzend und individuell begleitet zu werden und weiterhin als Persönlichkeit in der Gesellschaft Integration und Teilhabe zu erleben.

Mein Anliegen ist es, eine praxisnahe Unterstützung anzubieten, um individuell und prozessorientiert vorzugehen, um eine Haltung zu entwickeln, die bei jedem persönlich beginnt und durch Selbstreflexion zu mutigen Schritten in die Selbstannahme und Selbstliebe führt.

Das erste Buch mit dem Titel »Blickrichtungswechsel. Lernen mit und von Menschen mit Demenz« ist 2010 im Selbstverlag veröffentlicht worden. Der Kohlhammer Verlag hat die Publikation der 2. Auflage übernommen, was mich spürbar entlastet hat. Inzwischen ist die 4. Auflage erschienen.

2010 hatte ich genügend Zeit, mich mit dem damals für mich ganz neuem Thema, das mich faszinierte, zu beschäftigen. Ich bin dankbar, dass mir der Verlag für dieses Buch eine Lektorin zur Seite gestellt hat.

In der Zwischenzeit sind über Demenz so viele Bücher, wissenschaftliche Arbeiten und Konzepte geschrieben und Projekte durchgeführt worden. Entscheidend ist für die heutige Gesellschaft, besonders auch im Umgang mit Menschen mit Demenz, eine Haltung zu entwickeln, die von der Absicht und dem Ziel bestimmt ist, den Menschen in seiner individuellen Vielfalt und Eigenständigkeit wahrzunehmen, zu achten und leben zu lassen. Selbstreflexion ist zu fördern, um Eigenverantwortung zu übernehmen.

Vielfach wird mit dem Finger auf Andere gezeigt, z. B. auf Politiker: diese sollen, müssen, haben das oder jenes zu tun. Das jedoch ist einfacher gesagt als getan. Wie schnell wird vergessen, dass drei Finger auf mich selbst gerichtet sind, wenn ich mit einem Finger auf Andere zeige. Sichtbar wird zugleich, dass es bei mir selber, beim Einzelnen anfängt. Ich gehöre zum Ganzen und bin mitverantwortlich, wie die Gesellschaft sich weiterentwickelt.

Einen individuellen Blickrichtungswechsel einzuüben ist ein lebenslanger, lernender, authentischer Prozess. Ein erster Schritt ist, den Weg zu sich selbst zu finden. Toleranz mit sich selber einzuüben, sich ganzheitlich annehmen, sich selber zu loben und zu lieben ist für viele eine besondere Herausforderung, weil es nicht gelehrt wird. In meiner Generation wurde den Kindern und jungen Menschen vermittelt »Eigenlob stinkt!«. Ich habe es verändert in »Eigenlob stimmt!«. Das bedeutet, sich ganzheitlich mit allen Ecken und Kanten zu bejahen und sich selbst liebend anzunehmen.

Trotz meiner Bedenken will ich es wagen, meine Gedanken aufzuschreiben, denn Spiritualität hat in jeder Lebenslage Sinn gebende Bedeutung und ist ein Lebenselixier.

Mein Mentor Prof. em. Konrad Pfaff, Soziologe, Gründer des Seniorenstudiums in Dortmund, hat mich gefördert und gefordert und mir folgenden Text mit auf den Weg gegeben.

Genieße deine Spiritualität

Ich glaube an jeden Gott in jedem Menschen.

Ich glaube an die geschwisterliche Gleichheit

durch unser tiefes weites Selbst.

Ich glaube an den Anfang und den Mut.

Ich glaube an den Weg, die Reise und die Hoffnung.

Ich glaube an das Jetzt und nicht an das Vorgestern und Übermorgen.

Ich glaube verzagt.

Ich suche, zweifle, richte mich aus und auf.

Ich glaube an mein Selbst in jedem Du,

an die tiefe Basis der Verbundenheit der Erwachten.

Raum zur Selbstreflexion

Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.

nach Rumi (13. Jh.)

Gott wohnt in jedem Menschen, und wenn wir ihn finden wollen, dann können wir ihm nur in den Tiefen unseres Herzens begegnen, dort ist er zu Hause. Das ist der einzige Ort, an dem Gott wohnt.

Rabindranath Tagor (1861–1914)

1 Blickrichtungswechsel einüben

Jede neue Beschreibung und Definition des Begriffs »Blickrichtungswechsel« ist weder ein Richtungs- noch Perspektivenwechsel, sondern eine Drehung um 180°, bringt mich einen Schritt weiter. Er wird umfassender, verständlicher und mein Anliegen wird adäquater vermittelt.

Der Blickrichtungswechsel ist ungeeignet für ein Konzept, denn er würde an Inhalt und Umsetzung verlieren. Ich kann nur Impulse weitergeben, die individuell umzusetzen sind, denn jeder Lebensweg ist einmalig.

Die Beziehung zur Urquelle, zum Unfassbaren, das, was Größer ist als ich selbst, ist so unterschiedlich, wie der Daumenabdruck oder wie das Blatt am Baum. Wird die Sicht der Blickrichtung verinnerlicht und gelebt, verblasst die Dualität, Reglementierungen entfallen. Das Entweder-oder wird zum Sowohl-als-auch, statt dem Schwarz-weiß-Denken entstehen Grautöne. Die hierarchische Sichtweise wird zum Miteinander auf Augenhöhe im Geben und Nehmen. Der gegenseitige Respekt, die Toleranz und die umfassende Liebe werden gefördert und gelebt.

Lebensstufen

Auch in diesem Buch werde ich die (aus meinen früheren Büchern) bekannten und vertrauten Skizzen einfügen. Bilder prägen sich besser ein als Worte, und Wiederholungen vertiefen. Der Blickrichtungswechsel ist ein Prozess, der lebenslang einzuüben ist.

Bei der Umsetzung bin ich auf unterschiedliche Gegenüber angewiesen, denn sie erklären, ergänzen, spiegeln, ermutigen. Vier Augen sehen mehr als die eigene Sichtweise.

Im Internet finden sich zahlreiche Bilder, die darstellen, wie man sich vor etwa 120 Jahren das Stufenalter bzw. die »Lebenstreppe« des Menschen vorstellte. Es fängt bei Adam und Eva an. Stufe um Stufe geht es aufwärts bis zum Höhepunkt. Dann geht es abwärts bis zum Zittergreis, der in sich geknickt auf dem Stuhl sitzt.

Diese Darstellung betont das Defizitäre, das Abnehmen, das weniger Werden im Alter. Verminderte Leistungsfähigkeit und Produktivität geben in unserer Gesellschaft dem Minderwertigkeitsgefühl Raum. Älter werdende Personen sind auf Unterstützung der Jüngeren angewiesen. Das ist oft schwer anzunehmen, weil der Wunsch, das Bedürfnis nach Autonomie auch im Alter dominieren. Die äußere Arbeit älterer Menschen verblasst und ihre innere Arbeit wird intensiver. Weshalb wird das nicht früher eingeübt? Kommt ein Erdenbürger auf die Welt, hat er sich auch wieder zu verabschieden. Weshalb wird dieser Weg so verdrängt, statt sich frühzeitig damit zu beschäftigen und sich darauf vorzubereiten?

Stattdessen wird zumeist versucht, das Älterwerden zu verdrängen. Anti-Aging wird großgeschrieben. Warum nicht Happy-Aging?

Jede Lebensphase geht aus meiner Sicht und Erfahrung mit besonderen Fähigkeiten einher, die es sich lohnt, sie zu entdecken und zu leben. Weshalb wird das weder vermittelt noch eingeübt?

Im Alter verblassen körperliche Fähigkeiten. Dafür können sich andere Kompetenzen entfalten, wenn die Bereitschaft da ist, diese Lebensphase anzunehmen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Kinder sind zu loben, damit sie wachsen können. Wir älteren Menschen brauchen Lob, dass uns Flügel wachsen und wir davonfliegen können. Aus diesem Grund spreche ich nie »es wird weniger«. Nein, es wird mehr, weil uns Flügel wachsen, um davon zu fliegen.

Glücklicherweise wird mit den sog. Babyboomern, also der nach dem II. Weltkrieg bis etwa Mitte der 1960er-Jahre geborenen Menschen eine Generation eines Tages in Senioren-Einrichtungen kommen, deren Sichtweise und Haltung hoffentlich weniger durch das Defizitäre geprägt sein wird.

Ich genieße in meinem Alter einen beneidenswerten Freiraum. Ich muss nicht mehr müssen, bin frei von Systemen, Konventionen und Reglementierungen und kann mich stattdessen an meinen, Wilhelm Busch entliehenen Slogan halten: »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.«.


Abb. 1.1: Lebensphasen in der westlichen Kultur

Mit der Geburt beginnt jeder Mensch das Leben in der Horizontalen, auf der Gefühls- und Herzensebene. Schritt für Schritt lernt der Säugling dazu, wird Kleinkind, lernt sitzen, stehen, gehen, wird – entsprechend den Traditionen und Regeln unserer westlichen Kultur – geschult, erzogen, sozialisiert, lernt gesellschaftliche Werte, Regeln, Pflichten, logisches Denken. Die Verstandesebene, d. h. die Vertikale, bekommt immer mehr Raum. Auch die Dualität wird eingeübt: Gut – Böse, Richtig – Falsch, Schwarz – Weiß. Es wird vermittelt: Entweder isst du deinen Spinat oder du bekommst keinen Pudding.

Das Lernen ist einfacher als das Verlernen. Wer die Veränderung wagt, denkt nicht mehr absolut, sondern spricht von Grautönen und Sowohl-als-auch. Der erste Schritt zum Blickrichtungswechsel ist gemacht. Dabei wird Toleranz eingeübt. Eine solche Haltung kann nicht verordnet werden. Wer tolerant zu sich selber ist, ist auch tolerant zu andern. Das betrifft auch das Loben und Lieben.

In der östlichen Kultur geht es im Allgemeinen zuerst abwärts, dann folgt der Aufwärtstrend. Es entsteht eine gefüllte Schale. Älter werdende Menschen werden in der östlichen Kultur beachtet, verehrt und respektvoll in die Endlichkeit begleitet.


Abb. 1.2: Lebensphasen in der östlichen Kultur

Der Ahnenkult ist uns aus diesen Kulturen vertraut.

Menschen mit Demenz befinden sich auf der gleichen Ebene wie Kinder. Sie haben einen weiten Weg hinter sich. Sie brauchen weder Erziehungsmaßnahmen noch Maßreglungen, sondern eine wohlwollende und wertschätzende Begleitung.

Auch die weiteren Ausführungen und das folgende Bild können uns dabei helfen, uns in die Welt der Menschen mit Demenz einzufühlen, um sie adäquat begleiten zu können.

Die Entwicklung unseres Kurz- und Langzeitgedächtnisses über die Spanne unseres Lebens hinweg lässt sich anhand von drei gleich aussehenden Bäumen mit Wurzeln, Stamm und Krone veranschaulichen. Nur ein Teil des Baumes verändert sich mit zunehmendem Alter. Seine Krone, das Kurzzeitgedächtnis, wird immer blasser: deshalb wird das gegenwärtig Erlebte so schnell vergessen. Wurzeln und Stamm jedoch bleiben bestehen. Sie bilden das Langzeitgedächtnis.

Aus diesem Grund ist es hilfreich und fruchtbar, wenn wir älteren Menschen begegnen und sie begleiten, immer wieder ihre Erinnerungen an frühere Zeiten wachzurufen. Fotos, Gedichte, Musik und u. a. m. können dabei als Brücken zu Kindheit, Jugend oder auch das frühe Erwachsenenalter unterstützen. Wohlvertraute Lieder sind dabei häufig eine besondere spirituelle Fundgrube. Musik ist der Königsweg zu Menschen mit Demenz, die Lieder oft auswendig singen und sich darüber freuen, aktiv teilhaben zu dürfen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein.


Abb. 1.3: Bildhafte Darstellung der Demenz

Menschen ohne Demenz sollten sich nicht dazu verleiten lassen, Demenz damit gleichzusetzen, den Sinn zu verlieren, unnütz zu sein oder nicht mehr gebraucht zu werden. Stattdessen gilt es zu entdecken, wie wichtig Emotionen sind und wie gut man sich jenseits des Intellektes begegnen kann.

Menschen mit Demenz bleiben individuelle, einmalige und wertvolle Persönlichkeiten, die zu respektieren sind, auch wenn sie sich von Konventionen sowie herkömmlichen Strukturen und Systemen verabschieden und absichtslose Grenzüberschreitungen vornehmen. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren, da sie ihnen ausgeliefert sind.

Ohne Selbstreflexion ist es kaum möglich, Menschen mit Demenz ganzheitlich zu begleiten.

Menschen ohne Demenz sind bildhaft gesprochen in ihrer großen Mehrheit wie Bewohner auf dem Festland: sie hegen und pflegen die Umgebung, leben in Strukturen, Systemen und festgelegten Konventionen. Sie wissen, was richtig und was falsch ist. Menschen mit Demenz sind dagegen wie Insulaner: sie verlassen fast unbemerkt das ihnen vertraute und bekannte Festland, schleichen sich nahezu unbemerkt davon und lassen sich auf einer Insel nieder. Die Leute vom Festland bemühen sich, rufen, lamentieren, dass sie doch zurückkommen mögen. Sie geben Anweisungen, beurteilen und bewerten die Insel aus der Ferne. Sie sind überfordert in ihrer Hilflosigkeit, bewegen sich nicht und bleiben auf dem Festland sitzen.

Wer sich jedoch beweglich zeigt und sich neugierig auf die Insel wagt, wird erstaunt sein, was entdeckt werden kann. Die Kompetenzen der Insulaner werden sichtbar. Sie haben andere Fähigkeiten, denn Menschen mit Demenz sind sinnlich, emotional, reagieren authentisch, handeln absichtslos und sind frei von allem Materiellen. Sie tragen keine Masken, kennen keinen zeitlichen Druck und leben im Augenblick. Bei diesen Menschen lerne ich Entschleunigung.

Was ist unter dem Blickrichtungswechsel zu verstehen, um den es hier geht? Als Eselsbrücke kann hierfür das Wort »GABY« eingesetzt oder vermittelt werden:

G Gott als Unbeschreiblichen, als Urkraft und Kraftquelle wahrnehmen.

A Achtsamkeit leben lernen, Annehmen, Akzeptanz von Ungewohntem

B Berühren und Bewegung innerlich und äußerlich einüben

Y Yin und Yang, Hell und Dunkel – beide Seiten wertschätzen.

Beobachtung – ein Impuls zum Nachdenken

Angehörige versuchen oft, so lässt sich immer wieder beobachten, ältere Menschen dazu zu bewegen, Kreuzworträtsel zu lösen und ihr Gedächtnis zu trainieren. Damit verbinden sie die Hoffnung, eine (angehende) Demenz aufhalten zu können. Doch leider sind solche Maßnahmen in aller Regel nur ein Zeitvertreib, die der Sache nicht dienen. Tatsächlich sind Menschen mit Demenz Weltmeister im Schummeln. In der ersten Phase einer beginnenden Demenz wollen sie sich und anderen ihre kognitiven Veränderungen zumeist nicht eingestehen.

Eine Tochter möchte das Gedächtnis ihrer Mutter trainieren und fragt diese am frühen Nachmittag: »Was gab es denn heute zum Mittagessen?«

Die Mutter antwortet prompt: »Du warst doch auch dabei!«

Raum zur Selbstreflexion

Es gibt nichts, was nicht Gott ist.

Denn er ist das Sein aller Dinge.

Huldrych Zwingli

2 Religiosität versus Spiritualität

Das Interview mit Chris von Rohr, das von der Reformierten Zeitung der Schweiz im Februar 2020 veröffentlicht wurde, stelle ich an den Anfang dieses Kapitels. Dieser Text, publiziert unter dem Titel »Auf Erden ist Gott für mich gelebte Liebe«, öffnet Türen, ermöglicht den Blick über den Tellerrand und zeigt die vielseitige Sichtweise der Spiritualität auf.

Interview mit Herrn von Rohr1

Wie haben Sies mit der Religion, Herr von Rohr?

Gott ist eine universelle Kraft, die alles natürlich regelt. Auf Erden ist Gott für mich gelebte Liebe, ich glaube nicht an einen personifizierten Gott. Viele Kirchen spielen mit der Ungewissheit, was nach dem Tode kommt, mit diesen Schuld-und-Sühne-Höllenbildern, aber es gibt nur die menschengemachte Hölle. […], die Hölle für Tiefschläge. Rock’n’Roll für Musik und Liebe, die mich gerettet haben. Musik ist Therapie. Ich kenne nichts Stärkeres, um Gefühle und Anliegen auszudrücken und Menschen zusammenzubringen. Ein gutes Konzert feiert das Leben auf freistem und höchstem Level.

Sie pfeifen auf die konventionellen Pfade und leben unbeirrt Ihre Leidenschaft für die Musik. Woher haben Sie diese Kraft?

Aus meinen Genen, meiner sozialen Herkunft und aus den Sternen. Meine Eltern waren grossartig, trotz allen Spannungen. Meine Mutter brachte mir bei, gross zu denken und Vollgas zu geben, ohne die wichtigen Details und eine gewisse Sorgfalt aus den Augen zu verlieren. Mein Vater konnte seine künstlerische Ader nicht ausleben, das übernahm ich für ihn.

Welche Werte vermittelten Sie Ihrer Tochter?

Zu Weihnachten dankte sie mir, ihr meine Lebenslust und meinen Mut vererbt zu haben. Wie wunderbar! Auf dem Sterbebett kümmert dich nicht, wie viele goldene Schallplatten an den Wänden hängen sondern, ob du als Vater gut genug warst.

Die Autorin Sabine Hübner (2016) schreibt:

»Der fundamentale Unterschied in den Religionen verläuft nicht vertikal zwischen den einzelnen Bekenntnissen, sondern horizontal zwischen der esoterischen und exoterischen Ebene dieser Religionen. Alle Religionen haben eine exoterische Seite, das heißt, sie haben Bekenntnisse, Heilige Schriften, Rituale und Zeremonien. Die meisten Gläubigen bewegen sich auf dieser Ebene. Aber alle Religionen kennen auch einen spirituellen Weg, der über die Konfession hinaus führt in die Erfahrung dessen, was die Lehren nur beschreiben können. Im Hinduismus ist es der Weg des Rāja-Yoga, Kriyā-Yoga oder Patañjali, im Buddhismus sind es Zen und Vipassanā, im Islam gibt es den Sufismus, im Judentum die Kabbala und im Christentum die Wege der Mystik. Die Erfahrung der Gottheit, Satori, Unio Mystica – dies ist nur jenseits aller kognitiven Vorstellungen zu erreichen. Dieser Endzustand ist das reine Sosein im Hier und Jetzt und nicht ein abgehobener oder zukünftiger Zustand. Es gibt eine ›Sophia perennis‹, eine ewige Weisheit, die heute erst von wenigen gelebt wird, die aber eines Tages als das wahre Ziel einer jeden Religion erkannt werden wird. Die Menschen der Zukunft werden ›Erwachte‹ sein.«

Die beiden Begriffe Religiosität und Spiritualität möchte ich praxisnah umschreiben, ohne dabei auf theoretisch wissenschaftliche Differenzierungen einzugehen.

Schon mit der Geburt werden wir in eine spezifische Kultur, Religion und Weltanschauung eingebettet und in der Kindheit durch selbige erzogen und geprägt. In meiner Kindheit haben wir vor den Mahlzeiten gebetet und abends vor dem Einschlafen gesungen, Gott im Gebet um Vergebung gebeten und uns seinen Schutz anvertraut. Das bleiben zeitlebens Prägungen, die tiefe Wurzeln haben. Der richtende, angstmachende Gott dominierte damals.

Es gibt keine allgemein anerkannte Definition von Religion. Religion ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente Kräfte darstellt. Religiosität entspringt dem persönlichen Streben nach Sinngebung. Ein religionsloses Volk, das hat die Wissenschaft festgestellt, gibt es nicht. Alle Kulturen haben neben ihrer profanen, weltlichen Seite einen sakralen, heiligen Bereich. Religion ist ein Wegweiser für mehr Erkenntnisse.

Eine Voraussetzung dafür, sich auf diesen Weg zu begeben, liegt darin zu lernen, über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich von absoluten Meinungen und der Denkweise zu lösen, dass es nur ein richtig oder falsch gäbe. Stattdessen sind eigene Wurzeln zu vertiefen und eine Haltung einzunehmen, die gegenüber anderen Kulturen und Religionen offen, flexibel und neugierig ist, eine Haltung, die die Bereitschaft mitbringt, von diesen zu lernen.

Die meisten Religionen haben einen Religionsstifter, sie besitzen heilige Schriften, Rituale, Zeremonien, Festtage, wichtige Orte und Regeln für das Glaubensleben wie für den Alltag. Diese geben zum Beispiel vor, wie die Menschen essen, was sie anziehen oder wie sie mit ihrem Partner und ihrer Familie leben sollen.

Gotteshäuser sind entstanden. Nicht selten auch der Anspruch, die eigene Religion beziehungsweise Konfession wäre die allein Richtige. Die Lebensgewohnheiten anderer Religionen (und Konfessionen) sind uns oft fremd. Ja, sie sind unterschiedlich und doch sind sie, schauen wir genau hin, in vielem ähnlich. Viele Religionen kennen nur einen Schöpfergott. Andere verehren viele Gottheiten, glauben dabei aber dennoch an eine Urkraft.

Eine Denkweise des Absolut-Setzens verhindert ein wechselseitiges wertschätzendes Miteinander. Wie häufig sind es Unsicherheiten, die uns voneinander abgrenzen lassen. Im schlimmsten Fall endet das in Streit oder Krieg. Wer anderen Menschen Leid zufügt, hat die Botschaft der Religionen nicht verstanden. Dabei liegen Neid, Hass und Gewalt Religionen fern, sie alle möchten Liebe und Frieden stiften.

Eine göttliche Schrift existiert nicht. Heilige Schriften sind von Menschen geschrieben. Die Urkraft, das Unbeschreibliche, Gott lässt sich nicht beweisen.

Ein Blickrichtungswechsel ist in unserer globalisierten Welt im Umgang der Religionen miteinander dringend notwendig: Wie Gesellschaften und Kulturen sollten sich Religionen als gleichwertig ansehen und achten.

Der Begriff der Spiritualität lässt sich nicht so leicht definieren. In Anlehnung an den Dalai-Lama lässt dessen Bedeutung so erklären: »Spiritualität« leitet sich vom lateinischen »spiritus« ab: Geist, Hauch, Atemluft; »spiro« (ich atme) bedeutet im weitesten Sinne »Geistigkeit«. Was atmet, lebt. Wer den Atem verloren hat, hat auch die Verbindung zum Leben nicht mehr.

Spiritualität ist eine geistige Verbindung zum Transzendenten oder, mit anderen Begriffen, dem Jenseits oder der Unendlichkeit. Der Schwerpunkt der Religiosität liegt auf der Ordnung einer transzendenten Wirklichkeit.

Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden. Aufgrund dieser Aussage und Haltung entzog der Vatikan dem Schweizer Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart macht offenkundig, wie Hierarchie und Dualität in Religionen dominieren. Stattdessen, so wäre zu wünschen und zu fordern, sollte ein Miteinander, ein wertfreies Leben im wechselseitigen Nehmen und Geben, den Umgang der Religionen prägen, eine gegenseitige Akzeptanz und Toleranz.

»Frieden auf Erden« ist die christliche Weihnachtsbotschaft, »Schalom« der Gruß aller Juden weltweit und »Salam aleikum!« (»Friede sei mit Euch!«) der Gruß in der arabischen Welt. »Die Liebe und das Mitgefühl sind die Grundlagen für den Weltfrieden – auf allen Ebenen.«, sagt der Dalai-Lama.

Schauen wir in die Welt, sind viele versucht zu sagen: Kaum zu glauben, dass die Weltreligionen so sehr für Frieden auf Erden sind. Es herrscht so viel Unfriede in der Welt! Weshalb sind auch die religiösen Menschen im unfriedlichen Einsatz mit dabei?

Es wird viel über Frieden, Gerechtigkeit und Nächstenliebe geschrieben, gesprochen und diskutiert. Deren alltägliche Umsetzung wird jedoch weniger eingeübt. Die übliche Verdrängung und Entschuldigung sind uns geläufig: »Wir sind doch alles nur Menschen und machen Fehler« oder »Wir können eh nichts machen«. Vorgelebte Authentizität ohne Werten und Wegducken sind heute notwendiger denn je.

Bei der spirituellen Begleitung von Menschen mit Demenz geht es darum, den Menschen in seinem Anderssein zu begleiten, Erfahrungen der Gemeinschaft zu ermöglichen, ihm ein verlässliches Umfeld zu schaffen, mit ihm vertraute, religiöse Rituale zu gestalten, ihm auf diese Weise Sinn, Geborgenheit und Halt zu geben und vor allem, sein Selbstbewusstsein zu stärken.

Demenz ist eine schwere Krankheit. Sie ist zugleich, vor allem in den späteren Krankheitsphasen, eine andere Art des Seins. Gerade in diesen späteren Krankheitsphasen dominieren Emotionen; zugleich geht die Verhaltenskontrolle erkennbar zurück. Demenzkranke wollen nicht verletzen und sich nicht verletzen lassen. Im Falle von Grenzüberschreitungen dürfen und sollten wir uns abgrenzen: Sachlich und klar haben wir unsere eigenen Gefühle und persönliche Bedürfnisse mitzuteilen. Menschen mit Demenz leben im Hier und Jetzt und stehen zu ihren Gefühlen. Sie geben dem Gegenüber die Möglichkeit, genauso ehrlich und echt zu sein. Im Zusammenleben mit ihnen bekommen wir immer wieder die Gelegenheit, das eigene Leben zu reflektieren.

Beziehung ist der Schlüssel, um die Identität von Menschen mit Demenz aufrechterhalten zu können. Sie sind frei von religiösen und konfessionellen Strukturen. Entscheidend für sie ist, in welcher Haltung das Gegenüber ihnen begegnet.

Unausgesprochene Fragen von Menschen mit Demenz sind:

• Werde ich ernst genommen?

• Werde ich in meinem Sosein angenommen?

• Werden meine Wünsche und Bedürfnisse gesehen und erfüllt?

Menschen mit Demenz sind wie Seismographen. Sie können Atmosphären erspüren und haben Kompetenzen, die uns mehr oder weniger fremd sind.

Spiritualität berührt eine existenzielle Dimension, transzendentale Grundbedürfnisse, die alle Menschen (mehr oder weniger stark bewusst oder unbewusst) beschäftigt, egal in welcher Kultur und in welcher Region sie aufgewachsen sind und leben.

Auch diese Fragen stehen im Raum:

• Wer bin ich?

• Was will ich?

• Wo ist meine Heimat?

• Wie gehe ich mit Endlichkeit um?

• Wieso gibt es Leid?

Die Diagnose Demenz erschüttert nicht nur den Betroffenen, sondern auch die Menschen in seinem Umfeld, insbesondere seine nächsten Angehörigen. Die Frage nach dem Sinn solch eines Lebens stellt sich vermehrt, Verzweiflung und Angst vor dem, was kommen wird, brechen auf und können nicht mehr verdrängt werden. Das soziale Beziehungsnetz verändert sich oft dramatisch. Betroffene und Angehörige fürchten sich vor der Zukunft.

Die Frage nach dem Tod stellt sich mit aller Wucht. Menschen mit Demenz und alle, die sie begleiten, werden vielleicht mehr als andere mit diesen Grundfragen unserer Existenz konfrontiert und erhalten die Chance, Antworten zu suchen und zu finden.

Eine Antwort könnte in dem Gedanken »Aufgehoben sein im Ganzen« liegen.

Nachdenken über Spiritualität von Regula Schwaller2

Spiritualität lässt sich nicht fassen, nicht einmal im Wort und Begriff. Für jeden bedeutet sie etwas anderes. So wie die Welt eines Menschen, die ihn oder mit der er sich umgibt. Wohl ist das Wort in vieler Munde, doch schon trennen sich darüber Ansichten, Gedanken und Bilder. Solange wir darüber nachsinnen, ist Spiritualität schon mitten unter uns. Ein Hauch, der dich berührend streift und als ahnende Erinnerung bleibt, nicht zu fassen, ein Gedanke nur, dass da etwas nahe war, das du nicht festhalten und dir näher anschauen konntest, weil der Moment nur einen Wimpernschlag lang gedauert hat, dennoch, der Eindruck bleibt und lässt hoffen…

Das Eine wünsche ich für uns alle, egal in welchem Alter oder wo gerade wir uns auf der großen Landstraße Leben befinden: Lassen wir uns niemals das Leichteste aus unserem Reisegepäck nehmen! Was das ist? Das Staunen. Die Wertschätzung. Lachen und Lebensfreude. Die Offenheit unserer Sinne, welche uns ermöglichen, all die versteckten Schönheiten auf unserem Weg wahrzunehmen, uns daran zu freuen und dankbar zu sein, sie entdeckt zu haben. Wer oder was hält all das zusammen? Liebe, Spiritualität, sie sind grenzenlos in Zeit und Raum.

Du kannst Spiritualität nicht berühren – sie berührt dich. Du kannst ihr nicht nachlaufen, höchstens entgegengehen. Geh langsam, lass dich finden.

Spiritualität ist für mich nichts Festes, sondern wandelbar wie meine persönliche Entwicklung.

Beobachtung – ein Impuls zum Nachdenken

Ich werde zu einer Benefizveranstaltung eingeladen und erhalte einen exklusiven Platz in der ersten Reihe. Nach dem Apero suche ich diesen und wende mich dabei verunsichert an ein in der gleichen Reihe sitzendes Ehepaar, nicht ohne dieses zu fragen, aus welchen Gründen sind sie hierhergekommen seien. (So wurde mir im Vorfeld der Veranstaltung gesagt, dass ich hier viel Prominenz treffen würde und damit die Möglichkeit hätte, neue Kontakte herzustellen.) Auf meine Frage reagiert der sehr elegant gekleidete Herr mit klaren Worten: »Ich bin dement.« Mir stockt der Atem. Ich sehe in seine lebendigen Augen und sage spontan: »Herzlichen Glückwunsch, dass Sie die Behinderung annehmen und dazu stehen!« Das Eis zwischen uns war gebrochen. Im Laufe des weiteren Abends entwickelte sich ein bereicherndes Miteinander.

Raum zur Selbstreflexion

Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.

Johann Wolfgang von Goethe

1 Interview: Anouk Holthuizen; Auf Erden ist Gott für mich gelebte Liebe, reformiert. Nr. 3, Februar 2020, S. 12 (https://reformiert.info/admin/data/files/asset_file/file/681/200131_reformzh.pdf?lm=1583225465); Chris von Rohr (geb. 1951, Solothurn, CH) gründete die Hard-Rock-Band Krokus und war von 1991 bis 2002 Produzent und Songwriter der Hard-Rock-Band Gotthard.

2 Die Autorin dankt Frau Schwaller für die Genehmigung, ihren Text an dieser Stelle abdrucken zu dürfen.

3 Praxisnahe, erlebte Spiritualität

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht eine erlebte Spiritualität, die sich nicht in Worten, sondern in einer authentischen Haltung widerspiegelt. Das soll ermutigen, um Alltagswunder immer wieder selbst neu zu entdecken und zu erleben.

3.1 Einfühlsam und liebevoll begleiten, bis zum Lebensende

Beim Lesen der unten abgedruckten E-Mail von Frau M. spürte ich, dass deren Inhalte mein Anliegen bereichern, denn das dort Beschriebene kommt von Herzen und geht zu Herzen. Das Erlebte ist so einfühlsam, so achtsam dargestellt und wird durch Fantasie und Kreativität so bereichert, dass es zum Vorbild für Begleitende wird. Ich bewundere, wie offen und authentisch die Verfasserin der Mail das Miteinander schildert und wie achtsam sie ihren Ehemann in seiner Demenz begleitete. Sie ist bereit gewesen, sich zu verändern, um sich auf eine andere Ebne zu begeben. Das unfassbare Schwere wurde dadurch leichter.

Frau M.s Urvertrauen ist alltagstauglich und lässt das Unfassbare erahnen, das Kraftquelle ist und auch in herausfordernden Zeiten bleibt, sofern das Geschenkte erkannt und angenommen wird. Mein Anliegen, der Blickrichtungswechsel, kann nicht besser vermittelt werden.

Vor längerer Zeit hatte Frau M. nach dem Lesen meines ersten Buches Kontakt mit mir aufgenommen. Dieser Mailkontakt ist durch einen spontanen Ostergruß erneuert worden. Ich bedanke mich bei der Schreiberin für ihre Bereitschaft, dass ich diese so persönlich verfasste Mail vom April 2020 in dem hier vorliegenden Buch einfließen lassen darf. Die Mail ist leicht gekürzt, um dem Wunsch der Verfasserin Rechnung zu tragen, ihre Anonymität zu wahren. Das Lesen ihrer E-Mail hat mich so sehr berührt, dass ich Frau M. umgehend um ihr Einverständnis angefragt habe, ihren Text mit anderen Menschen teilen zu dürfen: Ich spürte auf Anhieb, dass Frau M.s authentisches Vorgehen und ihre einfühlsame Haltung viele Leser ermutigen werden und gleichzeitig deren Fantasie und Kreativität fördern können. Danke!

Liebe Frau Schröder,

es ist lange her, dass ich Ihnen geschrieben habe. Danke für Ihren Gruß zu Ostern.

Mein Mann ist kürzlich gestorben, in der Karwoche haben wir ihn beerdigt, alles unter der Erschwernis der Corona-Pandemie. In einem mit uns befreundeten Kloster wurde eine Messe für meinen Mann gelesen – ohne meine Anwesenheit. Die Ämter sind alle geschlossen, dafür flutet eine Unmenge Papier, das ausgefüllt werden muss, in unser Haus.

Die fünf Jahre seiner Krankheit waren geprägt vom Auf und Ab, was manchmal schwer zu ertragen war. Es dauerte drei Jahre, bis die Ärzte endlich die Diagnose gestellt hatten. Dank Ihrer Bücher habe ich viel gelernt, auch gelernt, die »Insel« zu betreten und mit den Demenzkranken zu kommunizieren.

Seit 2018 lebte mein Mann in einer Einrichtung. Ich war den Anforderungen der Pflege nicht mehr gewachsen, war am Ende meiner Kraft, als mein Sohn die Reißleine zog, nicht zusehen wollte, dass seine Mutter noch vor dem Vater stürbe. Es war eine der schwärzesten Stunden meines Lebens, als wir meinen Mann ins Heim brachten. Aber es geschah ein Wunder; er fühlte sich dort vom ersten Moment an wohl, erkannte in den Bewohnern offenbar geeignete Ansprechpartner. Da habe ich gelernt, dass er Menschen um sich braucht, hatte er doch sein ganzes Berufsleben mit vielen Menschen zu tun.

Nach einiger Zeit hatte ich auch die anderen Bewohner kennengelernt, wusste, wie ich mit ihnen und ihren je eigenen Ausprägungen der Krankheit umgehen musste, um sie auf ihrer »Insel« zu erreichen. Die Kranken strahlten mich an, wenn sie mich sahen und ich habe erkannt, dass auch demente Menschen durchaus in der Lage sind zu lernen. Ich habe mit Ihnen Ball gespielt, vor allem Luftballons sollten auf keiner Station fehlen, deren erratische Würfe zaubern Lachen auf die Gesichter der Mitspieler. Ich habe ihnen, wenn nötig, auch beim Essen geholfen und so immer mehr ihre Gedanken erraten können.

Es hat mir stets sehr wehgetan, wenn ich sah, wie der Besuch vieler Familien bei den Kranken ablief. Die erwachsenen Angehörigen unterhielten sich miteinander als wäre die Person nicht anwesend. Die Enkelkinder spielten mit mitgebrachtem Spielzeug auf dem Boden oder am nächsten Tisch. Die Vorbereitungen zum Mittagessen waren der Grund, den Besuch zu beenden, statt mit den Kranken am gesonderten Tisch Platz zu nehmen und ihnen beim Essen zu helfen. Das überließ man den Schwestern, für die es doch sonntags eine Entlastung gewesen wäre.

Wenn man sich die Mühe macht, den Gedanken dementer Menschen zu folgen, ist Unterhaltung leicht. Ein Beispiel: Eines Tages sagte mein Mann: »Morgen müssen wir aber einkaufen gehen«. Da saß er längst im Pflegerollstuhl, wusste nicht mehr, welchen Zweck seine Beine hatten. Ich habe mein Smartphone aus der Tasche geholt und ihn gebeten, mir zu nennen, was wir einkaufen müssen. »Eine Kette … in einem Kästchen« – war seine Antwort. Den Wunsch habe ich ins Handy getippt und dabei krampfhaft überlegt, was er wohl meinen könne. Nachdem wir besprochen hatten, wo wir das kaufen könnten, kam mir die Erleuchtung. Goethe, Faust – Gretchen findet das Kästchen in ihrem Schrank und bewundert die Kette. Daran konnte ich mit der Unterhaltung anknüpfen – und so gab es eine vergnügliche Zeit.Mit seinem Tischnachbarn redete er in Englisch, manchmal auch in Französisch und das war – obwohl bei beiden die Krankheit weit fortgeschritten war – grammatikalisch fast alles richtig. Wenn ein Wort nicht parat war, wurde es erfunden – und das Gegenüber verstand es, für mich immer wieder ein Wunder.

Ein anderes Beispiel: Mein Mann sagte ganz unvermittelt zu mir: Morgen muss ich einen Vortrag halten. Wo er ihn halten musste, wurde mir nicht klar, aber das Thema war präzise formuliert. Ich habe also wieder das Smartphone gezückt und das Thema aufgeschrieben. Ihn nach dem Inhalt des Vortrags befragt und alles notiert. Nach einer längeren Zeit sagte er dann: Wenn Du schon alles weißt, was ich sagen will, könntest Du den Vortrag eigentlich auch halten. Ich war selbstverständlich einverstanden.

Am Anfang seiner Erkrankung habe ich versucht, die Dinge richtigzustellen, die er äußerte. Das war nicht zielführend und brachte nur Ärger. Wichtigste Erkenntnis: dementen Menschen niemals widersprechen! Sehr schwierig wird es allerdings, wenn noch mobile Kranke zum wiederholten Male auf den Notknopf am Arm drücken, weil sie gelernt haben, dass dann jemand mit ihnen spricht oder zu ihnen kommt; schlimmer noch, wenn sie die Polizei anrufen, sie auffordern zu kommen, weil sie im »Hotel« (gemeint ist das eigene zu Hause) festgehalten werden, oder gleich das Taxi anrufen und ein verärgerter Taxifahrer vor der Tür steht und den Fahrgast abholen will.

Schwierig war auch, wenn der Verlauf der Krankheit in Zeiten führte, die traumatisch waren. So in die 1970er- und 1980er-Jahre, in denen Deutschland von der RAF terrorisiert wurde und wir persönlich regelmäßig Morddrohungen erhielten, unter Polizeischutz standen. Die Firma bekam regelmäßig Bombendrohungen, und mein Mann hatte zu entscheiden, was zu tun war. Unter diesen Umständen zu leben war mörderisch. Damals sah es so aus, als wäre mein Mann souverän mit der Situation umgegangen, in seiner Demenz sah er plötzlich Mörder überall, jeder Schatten war gefährlich, Gerichtsverfahren und Hinrichtungen drohten ihm.

Ärzte, die seine Geschichte nicht kannten, hielten ihn für geisteskrank und wollten mit Medikamenten dagegen angehen. Das konnte ich zum Glück verhindern. Wenn ich bei ihm war und ihm sagte, dass ich die Menschen kennen würde, die ihn ängstigten oder dass es nur ein Schatten war, entspannte er sich. Dann war alles gut. Aber ich war nicht immer da.

Nun hat meine Karwoche zwei Karfreitage. Auch wenn in Zukunft das Beerdigungsdatum nicht immer in die Karwoche fällt – es wird immer mit der Karwoche verbunden sein.

Die Beerdigung: Der Pfarrer, drei Angehörige und der Bestatter. Keine Trauerfeier, stattdessen eine Predigt zu unserem Trauspruch am Grab, Eph. 4,1. Kein Imbiss im Anschluss, alle Gaststätten geschlossen. Das alles ist Corona geschuldet. Erstaunlich, ich habe mich mit der kleinen Zeremonie gut gefühlt in dem Bewusstsein, dass es mein Mann um keinen Preis gewollt hätte, dass Menschen wegen seiner Trauerfeier erkrankt und vielleicht sogar gestorben wären.

Zu Beginn der Zeremonie läuteten die Kirchenglocken der benachbarten Kirche mit vollem Geläut. Es waren kostbare 15 Minuten, in denen die Welt still zu stehen schien. Eine Zeit, innere Ruhe zu finden und Frieden mit den Verhältnissen zu schließen, auf die wir doch keinen Einfluss haben. Wir haben die Auferstehung Christi gefeiert. Wenn auch übers Fernsehen aus leeren Kirchen. Die Botschaft bleibt die gleiche: »Christus ist auferstanden!«

Ich grüße Sie herzlich

Ihre P.M.

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