Kitabı oxu: «19. Januar 1919: Frauenwahlrecht»

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Zeitpunkte der Geschichte

Sabine Liebig/Brigitte Übel

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Umschlagbild: »Mädchen und Frauen heraus aus der Finsternis! – Entscheidet Euch für die Nationalversammlung«, 1919 (Einzeldokument), Stadtarchiv München: DE-1992-PL-03759.

1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-034343-6

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pdf: ISBN 978-3-17-034344-3

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Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  Einleitung

3  1 Endlich Wahlrecht!

4  »Heraus aus der Finsternis« – Stationen auf dem Weg zum Frauenstimmrecht

5  Agitation für politische Mitbestimmung

6  Die Lösung der Frauenfrage – proletarische Frauen

7  Einigkeit macht stark – gemeinsam für das Frauenstimmrecht

8  2 Pionierinnen in der Politik

9  »Grundsätzlich gleichberechtigt« – was heißt das?

10  Können Frauen überhaupt politisch verantwortlich handeln?

11  3 Auswirkung der Gleichberechtigung

12  Zwischen Beharrung und Fortschritt – die Akademikerinnen

13  Ein Sieg der Verfassung? – Die Abschaffung des »Beamtinnenzölibats«

14  4 Stolpersteine und Hürden

15  Ein grenzenloser Rückschritt – der Nationalsozialismus

16  Keine »Stunde Null« für die Frauen – die Nachkriegszeit

17  Artikel 3 GG – wann wird er endlich umgesetzt?

18  War im Sozialismus alles besser? – Frauen in der DDR

19  5 Warum zurückschauen?

20  Anmerkungen

21  Anhang

22  Quellenverzeichnis

23  Literaturverzeichnis

24  Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Jeder kennt sie – Ereignisse, die die Gesellschaft bewegten und die Welt für immer veränderten. Die Reihe »Zeitpunkte der Geschichte« widmet sich genau diesen wichtigen, historischen Ereignissen im Kontext der gesamtdeutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unter zum Teil weniger beleuchteten Perspektiven und Fragestellungen. Die Ereignisse werden nicht isoliert, sondern, wo möglich, um internationale Bezüge ergänzt, um die Vernetzung von Menschen in ihren vielen Facetten zu verdeutlichen.

Die Anknüpfung an ein Datum bedeutet nicht, dass es sich um leblose ereignisgeschichtliche Darstellungen handelt, sondern die Daten sind Ausgangspunkte für spannende und teilweise unbekannte Inhalte, die über das Handeln der Menschen, ihre Handlungsspielräume, ihre Denkweisen, Einstellungen und Beweggründe Aufschluss geben. Menschen machten und machen Geschichte – das soll hier deutlich werden.

An den Themen der unterschiedlichen Bände wird ersichtlich, wie Ereignisse bis in die Gegenwart wirken. Doch wie kam es zu dem jeweiligen Ereignis? Weshalb besitzt es eine solche Bedeutung? In welcher Hinsicht sind die Folgen bis heute spürbar? Diese Folgen können bahnbrechend, revolutionär oder zukunftsweisend sein, schockierend, vernichtend oder sinnstiftend. Damit verknüpft sind Fragen, die an die Vergangenheit gestellt werden und das historische Geschehen bedeutsam für die Gegenwart machen.

In jedem Fall eröffnen die »Zeitpunkte der Geschichte« auch neue Perspektiven auf bekannte historische Daten: Sie werden zu Ausgangspunkten für lebendige Darstellungen nachhaltig wirksamer Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Der vorliegende Band bildet den Auftakt dieser Reihe, die sich an Studierende, Geschichtsinteressierte und Wissenschaftler*innen richtet. In Anbetracht der vorgegebenen Seitenzahl sind einige Aspekte nur angerissen und etwas generalisiert dargestellt.

Einleitung

»Erhebt Euch und fordert das Stimmrecht«1

Mit diesen Worten regte die Feministin und Autorin Hedwig Dohm im Jahr 1876 die Frauen an, das Frauenstimmrecht zu fordern, denn sie hatte klar erkannt, dass Frauen ohne die politische Mitbestimmung keine Möglichkeit besaßen, ihre rechtliche, gesellschaftliche und politische Benachteiligung sowie ihre Ungleichbehandlung zu beenden.

Wie Hedwig Dohm nutzten andere Stimmrechtlerinnen ihre Handlungsspielräume. Sie schafften es, befördert durch den Druck der Massen während der revolutionären Umbrüche im November 1918 und den im Raum stehenden Demokratisierungswillen, dass die deutschen Frauen in den ersten demokratischen Wahlen am 19. Januar 1919 endlich das lang geforderte aktive und passive Wahlrecht ausüben durften. Sie erschienen trotz Minustemperaturen und Schneeregen in großer Zahl und reihten sich in die langen Schlangen vor den Wahllokalen ein, um ihr neu erworbenes Recht in Anspruch zu nehmen und sofort an allen anstehenden Entscheidungen in den neu gewählten politischen Gremien mitzuwirken – manchmal erfolgreich, manchmal ausgebremst durch die Übermacht der Männer. Gerade das Frauenwahlrecht markierte eine wichtige Zäsur auf dem Weg aus der gesellschaftlichen und rechtlichen Ungleichheit hin zu mehr Gleichberechtigung.

Im ersten Teil des Buches steht die Einführung des Frauenwahlrechts und dessen unmittelbare Vorgeschichte im Vordergrund. Die Einbettung des Ereignisses in einen breiten Kontext belegt, dass die Einführung der Erfolg einer jahrzehntelangen Agitation verschiedener bürgerlicher und proletarischer Frauenverbände, sowie einzelner Frauen war, die national wie international vernetzt, sich unterstützten und gegenseitig beeinflussten. Aber nicht alle Frauen wollten das Wahlrecht und so fanden die männlichen Gegner – vor allem Mitglieder der konservativen Parteien, Verbände und Kirchen – in vielen bürgerlichen Frauen Mitstreiterinnen, um den Stimmrechtsforderungen vehement entgegenzutreten. Von den politischen Parteien hatte einzig die SPD schon 1891 das Frauenstimmrecht gefordert, doch blieben die Parteigenossen in der Umsetzung höchst zögerlich, obwohl gerade sie im November 1918 durch ihre Regierungsbeteiligung die Chance zur Umsetzungen gehabt hätten. Die Revolution und die Entscheidung für eine demokratische Staatsform forcierten das Frauenwahlrecht, sodass die maßgeblichen Politiker es einführen mussten.

Im zweiten Teil werden die Auswirkungen des aktiven und passiven Wahlrechts diskutiert. Mit Stolz und Ehrfurcht vor dem Amt nahmen die neugewählten Parlamentarierinnen ihre Aufgaben in Angriff. Aktiv und teilweise fraktionsübergreifend arbeiteten sie an der Neugestaltung des Staatswesens mit, was besonders deutlich in ihrer Haltung zum Versailler Vertrag und in den sogenannten »Frauenparagraphen«2 der Weimarer Verfassung zum Ausdruck kam. Schnell mussten die Politikerinnen erfahren, dass ihre Arbeit auf vermeintlich weibliche Themen reduziert wurde, während die mit viel Gestaltungsmacht verbundenen Ressorts der Wirtschaft, Außenpolitik, Justiz und Finanzen in der Hand der Männer blieben.

Die weiblichen Abgeordneten waren voller Idealismus und mit der Meinung angetreten, dass Frauen die Arbeit in den Parlamenten friedfertiger und sozialer machen würden. So traf die Realität sie mit besonderer Wucht. Gerade die harten politischen Auseinandersetzungen untereinander und in den Parlamentsdebatten sowie der Rechtfertigungsdruck gegenüber Kollegen und Wählerinnen machten ihnen zu schaffen. Zudem kam Kritik an ihrer Arbeit von allen Parteien und gesellschaftlichen Richtungen.

Wie an den Statistiken zu sehen ist, sank im Laufe der 1920er-Jahre die Zahl der Wählerinnen und die der Parlamentarierinnen. Es waren vielschichtige Gründe, die dazu führten, dass die Frauen immer weniger Einfluss auf die politische Mitgestaltung ausüben konnten. Die zunehmende Parteienzersplitterung sowie der Rechtsruck in der Parteienlandschaft taten das Übrige. Gestartet mit der großen Hoffnung alle Frauen zu politisieren und viel zu verändern, mussten die engagierten Politikerinnen erleben, dass ihnen nur begrenzte Möglichkeiten blieben. Dennoch eröffneten sich für Frauen neue Handlungsspielräume, obwohl sich verkrustete Strukturen, bestehende Rollenmuster und weibliche Stereotype als recht langlebig erwiesen.

Dass die Errungenschaften der Frauen in der Weimarer Republik nicht von Dauer waren, verdeutlicht die Zeit des Nationalsozialismus, der in diesem Band nur eine knappe Erwähnung findet, da zu Frauen im Nationalsozialismus eine eigene Publikation geplant ist. Wichtig ist an dieser Stelle, dem Vorurteil zu begegnen, Frauen hätten Hitler an die Macht gebracht.3 Bis 1933 wählten die Frauen eher die gemäßigten oder konservativen Parteien. Als die Nationalsozialisten an der Macht waren, verdrängten sie die Frauen aus dem öffentlichen Leben. Doch selbst dieser frauenfeindliche Staat benötigte die Mitarbeit der Frauen in vielen Bereichen, nicht nur als Ersatz für die im Zweiten Weltkrieg eingezogenen Männer.

Mit der Zeit nach 1945 beginnt der dritte Teil des Buches. In den Nachkriegsjahren knüpften die Frauen an die Erfolge der Weimarer Republik an bzw. hatten aus dieser Zeit gelernt. Sie kämpften vehement dafür, dass das Wort »grundsätzlich« nicht mehr in den Artikel 3 »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« des Grundgesetzes vom 23.05.1949 Eingang fand. Während der Weimarer Republik hatten sie nämlich erfahren müssen, wie leicht mit dem Wort »grundsätzlich« in Artikel 109 die Gleichberechtigung wieder ausgehebelt werden konnte. Die Parallelen in der Auseinandersetzung um Gleichberechtigung und Chancengleichheit machen deutlich, dass der so lange geführte Kampf für Gleichberechtigung nicht zu Ende ist, wie jedes Jahr beispielsweise am Equal Pay Day zu sehen ist. Zum Thema Frauen in Deutschland (BRD und DDR) nach 1945 wird es eine eigene Publikation in dieser Reihe geben.

Der Text basiert auf der Verwendung unterschiedlicher Quellen. Zeitgenössische Publikationen, Reichstags- und Landtagsprotokolle, Gesetze, Zeitschriften, Zeitungen und Lebenserinnerungen fließen in dieses Buch ebenso ein wie Grundlagenliteratur und aktuelle Forschungsliteratur. Einflussreiche bürgerliche Frauen haben ihre eigene Geschichte sehr subjektiv aufgeschrieben und beeinflussten so die Erinnerungskultur auf die bürgerliche Frauenbewegung. Dabei klammerten sie Themen und Personen aus, die nicht in ihr Konzept passten. Um dieser einseitigen Darstellung entgegenzuwirken, stehen immer wieder weniger bekannte Vertreterinnen von parteiübergreifenden und konfessionellen Frauenverbänden im Fokus. Um einigen der Frauen ein Gesicht zu geben, werden sie in Kurzbiographien vorgestellt. Darüber hinaus dienen weitere Kästen der Erläuterung bestimmter Begriffe und Institutionen. Außerdem werden bisher in der historischen Forschung vernachlässigte Themen wie z. B. das Lehrerinnenzölibat aufgearbeitet.

Mit dem Kampf um mehr Gleichberechtigung der Frauen rückte die Kategorie Geschlecht in den Fokus der Öffentlichkeit, womit u. a. die Grundlage gelegt wurde, dass weitere Geschlechter im Laufe der Zeit den Mut fanden, für ihre Rechte einzutreten. Den Anfang machten homosexuelle Männer und Frauen, Menschen mit diversen Geschlechtern folgten mit der Forderung nach Anerkennung und Gleichstellung sowie Gleichbehandlung.

Ein Hinweis zu den Anmerkungen: Sie sind zur besseren Lesbarkeit so übersichtlich wie möglich gestaltet, sodass AutorInnen, Jahr und Seitenzahlen oder die Bezeichnung der Protokolle in den Fußnoten aufgeführt sind. Unter den Namen bzw. Schlagworten finden sich die ausführlichen Literatur- und Quellenverweise in alphabethischer Reihenfolge im Literaturverzeichnis. Anmerkungen ohne Seitenzahlen beziehen sich auf online-Artikel.

1 Endlich Wahlrecht!

»Die deutschen Frauen haben das Wahlrecht! Was bisher in der bürgerlichen Welt nur ein kleines Häuflein organisierter Stimmrechtlerinnen in hartem und, ach, so aussichtslosem Kampf anstrebte […] und was von allen rückständigen Elementen grundsätzlich abgelehnt wurde – das ist über Nacht zur Tatsache geworden. Nicht als Frucht jahrzehntelanger Arbeit oder als Prämie für gutes Betragen […], sondern im ›Wettersturm der Revolution‹ mit einem Schlage sind uns die Bürgerrechte in den Schoß gefallen – nach keiner Richtung beschränkt […]. Es ist eine übergangslose Erhebung aus gänzlich politischer Rechtlosigkeit zu voller staatsbürgerlicher Freiheit, wie sie den Frauen noch in keinem Stimmrechtslande beschieden war, etwas ganz Neues, Unbegreifliches, etwas wie ein Wunder […].«1

Der 19. Januar 1919 war für die Menschen in der Weimarer Republik ein besonderer Tag: Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte durften die Frauen wählen. Aber nicht nur sie, sondern alle erwachsenen 20-jährigen Deutschen, denn die Wahl zur Weimarer Nationalversammlung war die erste freie, gleiche, allgemeine und geheime, also die erste demokratische Wahl auf deutschem Gebiet.2 Damit war dieser Tag nicht nur für Frauen ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur politischen Teilhabe, sondern auch für die Männer, die im Kaiserreich weniger Möglichkeit zur Interessensvertretung besessen hatten. Im Gegensatz zu den Länderparlamenten mit ihren Klassenwahlrechten galt seit der Reichsgründung 1871 auf nationaler Ebene das allgemeine Wahlrecht als Mehrheitswahlrecht, das die demokratischen Kräfte benachteiligte, weil nur die Kandidaten mit den meisten Stimmen ins Parlament kamen, während die anderen Stimmen verfielen.

Viktor Klemperer betonte in seinem Revolutionstagebuch die Bedeutung der Wahl von 1919:

»Auch ging es diesmal nicht um die Wahl zu irgendeinem Abgeordnetenhaus, sondern zu einer gesetzgebenden Versammlung. […] (Daß wir das erstemal gemeinsam wählen durften, verstärkte mir die Feierlichkeit der Szene. Als meine Frau hinter den Vorhang trat, um ihren Stimmzettel zu couvertieren, mußte ich an meine Backfischschwärmerei […], an meine zeitweilige Begeisterung für die Frauenemanzipation zurückdenken).«3

Die Frauen in Deutschland hatten nach langem Kampf endlich die politische Teilhabe erreicht, doch der Weg zu einer gleichberechtigten, politischen und gesellschaftlichen Partizipation war lang und beschwerlich.

Der Rat der Volksbeauftragten beschloss am 12. November 1918 provisorisch und am 30. November mit dem Reichswahlgesetz endgültig das Stimmrecht für Frauen. In der Weimarer Verfassung wurde es festgeschrieben, am 11. August 1919 unterzeichnet und trat am 14. August in Kraft. Artikel 22 lautete: »Die Abgeordneten werden in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl von den über zwanzig Jahre alten Männern und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt. Der Wahltag muß ein Sonntag oder öffentlicher Ruhetag sein.«4

So hatten die deutschen Frauen nun das aktive und passive Wahlrecht erhalten, das heißt sie konnten wählen und gewählt werden. Aus zahlreichen Ländern, selbst aus denjenigen,5 mit denen Deutschland im Krieg gelegen hatte, trafen Gratulationsschreiben von Vertreterinnen der nationalen und internationalen Stimmrechtsvereine ein, die in der Zeitschrift Die Staatsbürgerin abgedruckt wurden.6 Besonders beeindruckend ist der Brief von Isabella Ford (1855–1924), einer Führerin der englischen Stimmrechtsbewegung. Sie schrieb: »Ich schreibe, um Ihnen meine wärmsten Glückwünsche zu Ihrer glänzenden politischen Befreiung zu senden, die so viel weitergehend ist als die unsere. Ich bin so sehr, sehr froh darüber, denn ich bin gewiß, daß die Welt die Hilfe aller Frauen aller Nationen bedarf, um Europa und die ganze Welt wieder aufzubauen.«7

Wie die tatsächliche politische Teilhabe aussah, beschrieb die »radikale« bürgerliche Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann (1868–1943) in ihren Erinnerungen Erlebtes und Erschautes. Sie stellte enttäuscht fest, dass nach wie vor die Männer in allen Parlamenten und Gremien das Sagen hatten und die Gleichberechtigung nur auf dem Papier stand.8 Sie kritisierte, dass vor allem die Parteien, die das Frauenwahlrecht zuvor abgelehnt hatten, die Frauen zwar als Wählerinnen9 gewinnen, nicht aber als Kandidatinnen auf ihre Listen setzen wollten.

Wie groß die Bedenken in konservativen Kreisen immer noch waren, belegt u. a. die Aussage des Staatsrechtlers Hugo Preuß (1860–1925), der einen fortschrittlichen Verfassungsvorschlag10 für die Weimarer Republik in kurzer Zeit erarbeitet hatte. Er sah ein Problem in der Vergabe des Wahlrechts an die Frauen: »Auch da habe ich meine Bedenken, denn zwischen einem zwanzigjährigen Arbeiter und einem zwanzigjährigen Mädchen ist ein Unterschied.«11 Mit dieser Aussage stellte er die vermeintlich unterschiedliche »Wesensart« von Männern und Frauen dar: Der 20-jährige Mann ist ein Arbeiter, also tatkräftig und auf eigenen Füßen stehend, der aufgrund seines Geschlechts als wahlfähig galt. Die gleichaltrige Frau bezeichnet er als Mädchen, also als unreifes Wesen, das seine Wahlfähigkeit erst unter Beweis stellen sollte.

»Heraus aus der Finsternis« – Stationen auf dem Weg zum Frauenstimmrecht

Am 12. November 1918 erfuhren die Frauen, dass sie das aktive und passive Wahlrecht erhalten würden. Die ersten Landtagswahlen mit weiblicher Beteiligung fanden in Baden schon am 5. Januar 1919 und in Württemberg, Hohenzollern eingeschlossen, am 12. Januar 1919 statt, die Wahlen zur Nationalversammlung kurze Zeit später, am 19. Januar 1919. Das bedeutete, dass den Frauenstimmrechtsvereinen gerade einmal zwei Monate Zeit blieb, die vielen Frauen, die sich bis dahin nicht mit dem Wahlrecht befasst hatten, auf die Wahlen vorzubereiten. Eine Herausforderung bestand darin, diesen potentiellen Wählerinnen, die meist damit beschäftigt waren, die Kriegsfolgen zu bewältigen, von der Wichtigkeit und Notwendigkeit der Wahlen zu überzeugen. So schrieb beispielsweise Marie Stritt (1855–1928), die Vorsitzende des deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht:

»Und nun heißt es plötzlich die Massen der Frauen nicht nur wie bisher aufzurütteln und auszurüsten, all dies furchtbare Gegenwärtige und Künftige weiter geduldig zu ertragen – es heißt auch, ganz neue Kräfte und Fähigkeiten in ihnen zu wecken und zu entwickeln, damit sie die Macht, die so plötzlich in ihre Hände gelegt wurde, bewußt und in der richtigen Weise ausüben. Es heißt ihnen klarzumachen, daß sie von jetzt ab nicht bloß Mitträgerinnen und hilflose Mitdulderinnen, sondern Mitgestalterinnen der Geschichte ihres Volkes sind. In positive Aufgaben umgesetzt, handelt es sich um nichts Geringeres als: die nahezu 21 Millionen Wählerinnen in Stadt und Land überhaupt zu erfassen, die politisch ungeschulten über die politischen Strömungen und Parteiprogramme aufzuklären, sie mit dem komplizierten Apparat eines ganz neuen Wahlverfahrens vertraut zu machen […]. Und dies alles und noch vieles andere, eine tausendfältige Kleinarbeit hat binnen wenigen Wochen zu geschehen.«12

Es galt, große Widerstände zu überwinden, denn bisher hatten nur die SPD, seit 1891, und die Demokratische Volkspartei (DVP), seit Mitte 1918, das Frauenstimmrecht gefordert, während die anderen Parteien es ablehnten, ja sogar bekämpften.

Die Frauenstimmrechtlerinnen sahen ihre wichtigste Aufgabe darin, Frauen durch die Vermittlung von staatsbürgerlicher Bildung auf ihre neuen Aufgaben und Pflichten vorzubereiten.

Dazu versammelte der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF: 1894–1933) die meisten Frauen- und Frauenbildungsvereine unter seiner Führung und rief einen Frauenausschuss für die Nationalversammlung ins Leben. Im Verbund mit zahlreichen Frauenvereinen organisierten die Stimmrechtlerinnen Informationsveranstaltungen, druckten Flugblätter und Broschüren, um die Frauen von der Bedeutung der Wahlen zu überzeugen. Die Informationsabende wurden sehr gut besucht wie der Bericht von Gertrud Bäumer, einer wichtigen Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung, zeigt: »Bei einer Versammlung der Deutschen Demokratischen Volkspartei (DDP) am 25.11. nahmen 2 000 Frauen teil. Am Tag darauf, bei einer weiteren Veranstaltung im Zirkus Busch, waren 7 000 Frauen anwesend.«13

Minna Cauer (1841–1921), engagierte Frauenrechtlerin und Vorsitzende des Verbandes Fortschrittlicher Frauenvereine, versuchte schon 1918, eine Frauenquote bei Wahlen einzuführen. Im Namen des Vereins Frauenwohl reichte sie bei der Reichsleitung eine Eingabe mit der Forderung ein, Parteien zu verpflichten, mindestens 10 % der Listenplätze mit Frauen zu besetzen. Der Vorschlag wurde bei den Beratungen zum Reichswahlgesetz verworfen.

»Radikale« Frauenrechtlerinnen wie Minna Cauer erkannten scharfsinnig, dass nun das parteipolitische Engagement an die Stelle der Stimmrechtsarbeit treten musste. Dr. Anita Augspurg (1857–1941), die erste promovierte deutsche Juristin, und Lida Gustava Heymann plädierten für eine einzige Frauenliste, bestehend aus den weiblichen Mitgliedern aller Parteien, um möglichst vielen Frauen ein Mandat im Reichstag zu ermöglichen. Die Liste scheiterte,14 da sich die Kandidatinnen eher Parteiideologien zugehörig fühlten als ihrem Geschlecht. Daher organisierten sie sich entsprechend, wie beispielsweise in Wahlvorbereitungsgremien von Sozialdemokratinnen oder der Arbeitsgemeinschaft des katholischen Frauenverbandes.

Wahlrecht für Frauen – »leicht erklärt«

In der Zeitschrift Blätter des Badischen Frauenvereins erläuterte eine unbekannte Autorin das Wahlrecht wie folgt:

»Die Wahl ist eine allgemeine, unmittelbare und geheime. […] Damit ist ausgesprochen, daß alle Stimmen gleichwertig sind, […], daß der Wähler die vorzuschlagenden Abgeordneten direkt bezeichnet, […], daß die Wahl endlich durch Abgabe eines verdeckten, zusammengefalteten Zettels, also nicht etwa durch öffentliche Benennung der Vorgeschlagenen geschieht. Sehr wichtig [ist] […], daß die Wahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl stattzufinden hat. Während nämlich bei sonstigen Wahlen derjenige Kandidat für gewählt erklärt wird, der mehr Stimmen erhalten hat, […] fallen bei der Verhältniswahl auf jede Partei von der Gesamtzahl der zu wählenden Abgeordneten so viele, als die Zahl der für sie abgegebenen Stimmzettel im Verhältnis zur Gesamtzahl der letzteren beträgt.«15

Es folgt ein Rechenbeispiel: Zehn Kandidaten sind zu wählen, es werden 1 000 Stimmzettel abgegeben, 500 entfallen auf Partei A, 300 auf B und 200 auf C, folglich kommen fünf Kandidaten von A, drei von B und zwei von C ins Parlament. Durch die Verhältniswahl kämen alle Parteien ins Parlament und Minderheiten hätten eine Chance.16 Weiter riet die Autorin: »Bei dieser Sachlage müssen sich die Frauen vor der Wahl zeitig auch über die bestehenden politischen Parteien unterrichten.«17

Parteien aus dem konservativen und rechtskonservativen Spektrum, die sich bis 1918 vehement gegen das Frauenstimmrecht ausgesprochen hatten, beteuerten nun in ihren Wahlprogrammen mehr oder weniger ausführlich ihre Frauenfreundlichkeit, sprachen die Frauen gezielt in ihren Wahlprogrammen oder auf ihren Wahlplakaten an und organisierten gesonderte Wahlveranstaltungen. Am 20. Dezember 1918 bot etwa die Zentrumspartei, die stets gegen das Frauenwahlrecht votierte, in Achern/Baden eine Wahlveranstaltung für »Frauen und Jungfrauen« an.18


Abb. 1: Frauenwahlversammlung, Dezember 1918.

Die Werbungen der Parteien und der Frauenstimmrechtsorganisationen waren erfolgreich, denn bei der Wahl zur Nationalversammlung machten 17,7 Millionen Frauen von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Die weibliche Wahlbeteiligung lag somit bei 82,3 %19 und die letztendlich 41 weiblichen Abgeordneten stellten 9,7 % der 421 Parlamentsmitglieder20 – eine Zahl, die erst in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik wieder erreicht wurde.21 Die SPD stellte den höchsten Anteil an Parlamentarierinnen. Die ehemaligen »Radikalen« zogen nicht ins Parlament ein, da sie keiner Partei angehörten und nicht unterstützt wurden.

Die Zahl der weiblichen Wähler übertraf die der männlichen um einige Prozente, was neben den Kriegsursachen auf die erfolgreiche Politisierungs- und Mobilisierungskampagne der Frauenrechtlerinnen und Frauenverbände zurückgeführt werden kann. Mit 37,9 %22 war die SPD der überragende Wahlsieger.23 Zum Ergebnis bemerkte die Parteizeitschrift Vorwärts am 25. Januar 1919: »Wir sind die einzigen, die eine gewaltige Zunahme an Anhängern zu verzeichnen haben. […] Alle anderen haben verloren. [Aber] am unvermutesten [profitierte] das Zentrum, dem das Frauenstimmrecht vielleicht den größten Zuwachs gebracht hat.«24

Tab. 1: Frauenanteil in der Weimarer Nationalversammlung 1919, erstellt nach Beckmann/Karde 1955, 42. Hier sind die sechs Nachrückerinnen berücksichtigt.


ParteiFrauenanteil

Das Ergebnis der Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 verdeutlicht, dass die Zahl der gewählten weiblichen Abgeordneten im Verhältnis zu den Wählerinnen sehr niedrig ausfiel. Von den Kandidatinnen, die sich zur Wahl stellten, erhielt nur jede achte ein Mandat, während jeder dritte Kandidat sein Wahlziel erreichte. Die Relationen beweisen, dass mit dem Frauenwahlrecht keineswegs eine numerisch gleichberechtigte Parlamentsbeteiligung gewährleistet war, denn eigentlich hätten bei einem Frauenanteil in der Bevölkerung von weit über 50 % mehr Frauen auf den Wahllisten stehen müssen. Die wenigen Frauen, die es überhaupt auf eine Wahlliste geschafft hatten, bekamen selten sichere Listenplätze, sondern mussten sich in der Regel mit den hinteren Listenplätzen begnügen, auf denen sie ohnehin keine Chance hatten, ausreichend Stimmen zu bekommen. Selbst so prominente Politikerinnen wie Marie Juchacz (SPD), Helene Weber (Zentrum) oder Gertrud Bäumer (DDP) führten keine Liste an.

Lida Gustava Heymann bewertete treffend:

»Der alte Reichstag und die neue Nationalversammlung haben ein verflucht ähnliches Aussehen. Viele der alten Abgeordneten aus dem selig dahingeschiedenen Reichstage kehren wieder zurück. Sie haben sich, so unglaublich das auch scheint, von ihrer alten Partei unter neuer Firma aufstellen lassen und sind, was noch unglaublicher ist, von deutschen Männern – und leider auch Frauen – wiedergewählt worden.«25

Hinzu kam, dass in der Nationalversammlung wie später im Reichstag die Parlamentarierinnen mit konservativen bis streng konservativen Ansichten Stimmenmehrheit besaßen und durch Blockbildung bei speziellen »Frauenthemen« die SPD-Frauen überstimmen konnten. Dies bedeutete, dass sich in Bezug auf die Frauenrechte kaum etwas ändern würde, vor allem nicht hinsichtlich der Themen, die die ehemals »Radikalen« der Frauenbewegung angesprochen hatten, wie z. B. eine veränderte Sexualmoral, die Rechte von unehelichen Kindern und deren Müttern oder die Rechtsstellung der Frau in der Ehe.

Bevor im gesamtdeutschen Parlament mit Marie Juchacz (1879–1956) die erste Frau sprach, bekam Marianne Weber (1870–1954) von der DDP die Gelegenheit, bei der konstituierenden Sitzung des badischen Landtages am 15. Januar 1919 im Karlsruher Ständehaus die politischen Fähigkeiten der Parlamentarierinnen darzustellen:

»Es sei mir gestattet, nicht als Parteiangehörige, sondern als Frau einige Worte zu Ihnen zu sprechen, denn ich bin mir bewußt, daß heute tausende von badischen Frauen mit Freude und Dankbarkeit und mit klopfendem Herzen auf uns schauen und die Tatsache, daß heute zum erstenmal Frauen in dieses Haus eingezogen sind, die berufen sind, an der Gestaltung des Staates, an dem Wiederaufbau des badischen Staates teilzunehmen, als einen Augenblick von geschichtlicher Bedeutung empfinden. Wir Frauen können nur unserer hohen Freude und Befriedigung darüber Ausdruck geben, dass wir zu dieser Aufgabe mitberufen sind, und ich glaube, sagen zu dürfen, dass wir besser für sie vorbereitet sind, als vielleicht die meisten von Ihnen glauben. […]. Aber ich darf wohl für uns gemeinsam das Versprechen abgeben, daß das Wichtigste uns immer sein wird das Interesse des Ganzen und das Interesse unseres badischen Vaterlandes, für das wir hier mit Ihnen ernst und freudig zusammenarbeiten wollen.«26

Ihr schlossen sich Clara Siebert (Zentrum) und Therese Blase (SPD) in ihren Redebeiträgen an.

Die erste Rede einer Parlamentarierin auf Reichsebene hielt in der elften Sitzung der Weimarer Nationalversammlung am Mittwoch, den 19. Februar 1919 Marie Juchacz von der SPD. Sorgte ihre Anrede »Meine Herren und Damen« zunächst für Heiterkeit wurde den Anwesenden schnell klar, dass hier eine kluge und unerschrockene Politikerin mit großem Sachverstand zu den verschiedenen Themen sprach. Zunächst führte sie die Novemberrevolution als Grund für den Abbau alter Vorurteile – besonders gegen Frauen – an, bevor sie verdeutlichte,

»dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. […] Die Männer, die dem weiblichen Teil der deutschen Bevölkerung das bisher zu Unrecht vorenthaltene Staatsbürgerrecht gegeben haben, haben damit eine für jeden gerecht denkenden Menschen und für jeden Demokraten selbstverständliche Pflicht erfüllt. Unsere Pflicht aber ist es, hier auszusprechen, was für immer in den Annalen der Geschichte festgehalten werden wird, daß es die erste sozialdemokratische Regierung gewesen ist, die ein Ende gemacht hat mit der politischen Unmündigkeit der Frau.«27

Sie betonte die Mitwirkung der Frauen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und forderte ihre Kolleginnen im Parlament auf, jenseits ihrer Weltanschauungen gemeinsam den Weg der Demokratie zu beschreiten »und das zu schaffen, was zum Glück unseres Volkes in der Zukunft notwendig ist.«28 Sie verdeutlichte die aktuelle Situation der Frauen, denn vordergründig bestand die Benachteiligung der Frauen nicht mehr so wie vor 1919, doch:

»Wir Frauen sind uns sehr bewusst, dass in zivilrechtlicher wie auch in wirtschaftlicher Beziehung die Frauen noch lange nicht die Gleichberechtigten sind. […] Es wird hier anstrengender und zielbewusster Arbeit bedürfen, um den Frauen im staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Leben zu der Stellung zu verhelfen, die ihnen zukommt.«29

Dann ging Marie Juchacz zum Angriff auf den nationalkonservativen Politiker Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (1845–1932) über, der stellvertretend für den kriegstreibenden preußischen Adel stand,30 und der stets gegen das Frauenwahlrecht gestimmt hatte.31 Im Anschluss nahm Marie Juchacz Stellung zum Kriegsende, zu den deutschen Kriegsgefangenen und zu den Leiden der Bevölkerung durch die Waffenstillstandsbedingungen. Sie schloss ihre Rede mit den Worten: »Genauso wie der einzelne Mensch arbeiten muß, um die Volkskraft zu stärken in dem Lande, dem er angehört, so sollten die Völker zusammenwirken zu ihrem eigenen Wohl und Besten.«32

Agitation für politische Mitbestimmung

Die bürgerlichen und proletarischen Frauen waren in großen Frauenstimmrechtsbewegungen organisiert. Bei den Proletarierinnen gab es eine einheitliche Bewegung, denn sie forderten ein freies, gleiches, allgemeines und geheimes Wahlrecht für alle Menschen. Mit ihren Stimmen verfolgten sie das Ziel, die Sozialdemokratie zu stärken und für die gesamte Arbeiterklasse Verbesserungen zu erreichen.

Anders die bürgerlichen Frauen. Sie waren gespalten in »Radikale« und »Gemäßigte.« Während die »Radikalen« wie die Proletarierinnen für alle Menschen ein gleiches Wahlrecht forderten und eine Gleichberechtigung für Frauen ohne Einschränkungen anstrebten, vertraten die »Gemäßigten« die Meinung, die Frauen müssten sich ihr Wahlrecht erst verdienen, was nur in kleinen Schritten und mit viel Zeit möglich wäre. Sie akzeptierten im Grunde die bestehenden Geschlechterunterschiede, die stets für den Ausschluss der Frauen von politischer Mitbestimmung und gleichen Rechten angeführt wurden.

Frauen und Männer sind unterschiedlich

Im gesellschaftlichen Konsens des 19. Jahrhunderts waren Frauen und Männer von Natur aus verschieden. Männern wurden Eigenschaften wie rational, aktiv und stark zugeschrieben, während Frauen als emotional, sanftmütig und passiv galten. Aus diesem Denken folgte: Der Mann war für die Politik und den Bereich außerhalb des Hauses zuständig, die Frau gehörte ins Haus – einen Satz, den Frauen immer zu hören bekamen, wenn sie mehr Rechte forderten.

Diese Denkweise entstand Ende des 18. Jahrhunderts, als im bürgerlichen Milieu die Ausdifferenzierung von Privat- und Erwerbsleben begann. Dadurch wurde die Geschlechtertrennung in eine männliche (öffentliche) und weibliche (häusliche) Welt festgelegt, mit gleichzeitiger Aufwertung des öffentlichen und Abwertung des häuslichen Bereiches, was dazu führte, die bestehende Vormundschaft des Mannes über die Frau zu zementieren.

Hinzu kam die enge Verbindung von Militärdienst und Wahlrecht, denn nur wer sein Vaterland mit der Waffe verteidigte, konnte politische Rechte für sich beanspruchen. Frauen leisteten keinen Wehrdienst, also durften sie – so die zeitgenössische Sichtweise – nicht wählen.33

Die Frauen wollten ihre gesellschaftliche und politische Ausgrenzung nicht länger akzeptieren und organisierten sich in Vereinen, um ihren Interessen Gehör zu verschaffen und ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. In diesem Sinne gründeten sie Berufs- und Bildungsvereine sowie Wohltätigkeitvereine. Im Zuge der restriktiven Gesetzgebung ab 1850 in Folge der deutschen Revolution von 1848 wurde es Frauen jedoch verboten, politisch aktiv zu werden. Das hieß bis zum neuen Reichsvereinsgesetz vom 15. Mai 1908 durften sie weder politischen Vereinen angehören noch an politischen Versammlungen teilnehmen. Taten sie es trotzdem, konnten die Vereine aufgelöst werden. So verwundert es nicht, dass viele Vereine – und später Parteien – Frauen nicht aufnahmen. Zudem war das Vereinsgesetz34 für die Frauen äußerst entwürdigend, denn sie wurden darin als »Frauenspersonen«35 bezeichnet und mit Minderjährigen und Unmündigen gleichstellt. Die preußische Regierung hatte, wie Wilhelm Lüders in seinem Artikel in Louise Otto-Peters Frauen-Zeitung vom 18. Mai1850 bemerkte, offensichtlich so große Angst vor der politischen Teilhabe von Frauen, dass sie diese aus dem öffentlichen Vereinsleben per Gesetz verbannen wollte.36

Entgegen der Restriktionen fanden die politisch interessierten Frauen kreative Lösungen und gaben ihren Frauenvereine offiziell den Anstrich der Wohltätigkeit. So konnten sie, durchaus politisch, wenn auch nicht parteipolitisch agieren, indem sie u. a. Petitionen an Regierungen verfassten, Zeitungsartikel schrieben oder männliche Parteimitglieder bei Wahlen unterstützten. Als Kontrollinstanz für die Vereinsgründung galt die ortsansässige Polizei, bei der jeder Frauenverein für seine Gründung eine polizeiliche Genehmigung einholen musste.37

Am 18. Oktober 1865 gründeten Louise Otto-Peters (1819–1895) und Auguste Schmidt (1833–1902) in Leipzig den überregional agierenden Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF: 1865–1933) als Dachverband für die bestehenden Frauenvereine. Der ADF war die erste organisierte Vereinigung, die sich innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung für das Recht auf Bildung und Erwerbsarbeit sowie Rechtsgleichheit und politische Partizipation einsetzte.38 Dass Louise Otto-Peters zu den Gründerinnen gehörte, verwundert nicht, war sie in den deutschen Gebieten die erste Frau, die sich verstärkt für politische Teilhabe einsetzte. Angeregt durch die Revolution von 1848/49 gründete sie die Frauen-Zeitung unter dem Motto »Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen«39, um ihre Geschlechtsgenossinnen zur politischen Mitarbeit anzuregen, was einer Wahlrechtsforderung gleichkam. Die Zeitung wurde bereits 1850 mit der sogenannten Lex Otto40 in Sachsen verboten, konnte aber an anderen Orten bis Juni 1853 weiter erscheinen.41

Die nächste Frau, die das Thema Wahlrecht in die Öffentlichkeit brachte, war 1873 Hedwig Dohm (1831–1919) in ihrem Buch Der Jesuitismus im Hausstande. Für sie war klar, dass die Gesetze über Ehe, Vermögen und Scheidung anders aussehen würden, hätten die Frauen politischen Einfluss in Form des Stimmrechts, denn dann könnten sie Entscheidungen hinsichtlich der Frauenrechte mitbestimmen.42 Etwas später,1876, wurde sie in ihrer Publikation sehr deutlich:

»Fordert das Stimmrecht, denn nur über das Stimmrecht geht der Weg zur Selbstständigkeit und Ebenbürtigkeit, zur Freiheit und zum Glück der Frau. Ohne politische Rechte seid ihr, Eure Seelen mögen vor Mitleid, Güte und Edelsinn überfließen, den ungeheuersten Verbrechen gegenüber, die an Eurem Geschlecht begangen werden, machtlos.«43


Abb. 2: Hedwig Dohm (um 1870).

»Die Frau fordert das Stimmrecht um der sittlichen Folgen willen«44

Marianne Adelaide Hedwig Schlesinger wurde am 20. September 1831 in Berlin in einer konvertierten jüdischen Familie als viertes von 18 Kindern geboren.45 Die Geschlechterunterschiede bekam sie bei der Bildung deutlich vor Augen geführt, denn während ihre Brüder problemlos eine höhere Schulbildung erhielten, musste sie ihren Eltern die einzig mögliche höhere Bildung für Mädchen abtrotzen, nämlich den Besuch eines einjähriges Lehrerinnenseminars, dessen Inhalte sie intellektuell nicht forderten und zufrieden stellten. Sie übte den Beruf der Lehrerin nie aus. Mit 22 Jahren lernte sie den zwölf Jahre älteren Ernst Dohm, den Redakteur des Satireblattes Kladderadatsch, kennen und heiratete ihn. Trotz fünf Kindern und einem großen Haushalt unterhielt sie einen Salon in Berlin, in dem sich die intellektuelle und künstlerische Elite, wie der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, der Forscher Alexander von Humboldt, die Schriftstellerin Fanny Lewald, die Frauenrechtlerin Helene Lange und der Komponist Franz Liszt, trafen.46

Zudem fand sie Zeit zum Schreiben und ihre Publikationen sorgten durch beißenden Spott und klare Aussagen zu vielen frauenrechtlichen Themen für viel Aufsehen. 1872 erschien ihre erste Streitschrift Was die Pastoren von den Frauen denken, in der sie ironisch und humorvoll gegen die Vorstellung kämpfte, Männer seien von Natur aus intelligenter als Frauen. So resümierte sie am Ende ihres Aufsatzes ganz im Sinne der Theologie: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.«47

Sie kämpfte mit ihren Veröffentlichungen für die Sache der Frauen: In ihren Augen bedeuteten das Fehlen des Frauenwahlrechts und jegliche Herrschaft, die ohne die Zustimmung der Frauen stattfand, eine Tyrannei.

Außerdem lehnte sie die bürgerliche These der »angeborenen Mütterlichkeit« ab, die die Frau ausschließlich auf die Mutterrolle reduzierte, und forderte: »Die Mutterschaft auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen, ist eine Aufgabe der Zukunft.«48 Die volle juristische und politische Gleichstellung der Geschlechter war für sie eine Selbstverständlichkeit, für die sie sich ihr Leben lang einsetzte.

Dohm gehörte zum radikalen Flügel der bürgerlichen Frauen. In ihrer Schrift Der Frauen Natur und Recht von 1876 bezeichnete sie das Wahlrecht für Frauen als Menschenrecht, weshalb sie zur Gründung von Frauenstimmrechtsvereinen49 aufrief und postulierte: »Menschenrechte haben kein Geschlecht.«50 Sie sah im Frauenstimmrecht die Grundlage für die Befreiung der Frau.51

Die Einführung des Frauenwahlrechts erlebte sie noch, denn sie starb am 1. Juni 1919.

Am 02. Dezember 1894, 21 Jahre nach Dohms Publikation, fand in Berlin die erste öffentliche, von bürgerlichen Frauen einberufene Volksversammlung zu einem politischen Thema statt, die auf Anregung von Lily Braun (1865–1916), die damals Lily von Gizycki hieß, zustande gekommen war: »Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, – wir müssen vor der breitesten Öffentlichkeit die Forderungen des Frauenstimmrechts erheben!«52 Die Versammlung erforderte viel Mut, war es zu dieser Zeit keinesfalls üblich und erst recht nicht »schicklich«, dass Frauen in der Öffentlichkeit ihre Meinung vertraten und schon gar nicht zu politischen Themen. Bei dieser Veranstaltung sprach Lily Braun über die Bürgerpflicht der Frau. Sie forderte die Abschaffung der Vereinsgesetze und die Anwendung der allgemeinen Menschenrechte für Frauen:

»Aber auch um ihrer selbst willen muß die Frau die Bürgerrechte fordern. Oder ist es ihrer Würde angemessen, daß sie mit Kindern, Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe gestellt wird? […] Bei uns aber, wo die deutsche Reichsverfassung jeden zur Wahl zuläßt, sofern er ein Mann ist, haben die Frauen gar keine Entschuldigung für den Mangel an Selbstbewußtsein und Gerechtigkeitsgefühl, der sie verhindert, einmütig für ihre Rechte zu kämpfen. Jahrhundertelange Unterdrückung, jahrhundertelange Predigt über das Thema »Weiblichkeit« haben es vermocht, daß die deutsche Frau von allen Frauen der civilisierten Welt am rechtlosesten ist und am wenigsten Kraft hat zur Empörung gegen diese Rechtlosigkeit.«53


Abb. 3: Lily Braun.

»Die Pflicht gebietet uns, das zu fordern, was jedem Manne gewährt ist […]: die Bürgerrechte.«54

Lily Braun, geboren am 2. Juli 1865 als Amalie von Kretschmann, war die Tochter eines preußischen Generals und einer adligen Mutter. Nach den für sie wenig zufriedenstellenden Jugendjahren als höhere Tochter – ohne in ihren Augen sinnvolle Beschäftigung – änderte sich ihr Leben mit 25 Jahren, als ihr Vater beim Kaiser in Ungnade fiel und 1889 »unehrenhaft« aus der Armee entlassen wurde, denn der Familie fehlte nun das Geld. Lily begann zu schreiben, um mit dem verdienten Geld die Familie zu unterstützen. Sie lernte ihren ersten Mann Professor Georg von Gizycki (1851–1895) kennen, der sie mit sozialistischen Theorien bekannt machte. Schon als Jugendliche und junge Frau hatte sie sich mit dem Elend und der Not der Arbeiterklasse beschäftigt und wollte entgegen ihrer adligen Herkunft und ihres konservativen Elternhauses den Schwachen in der Gesellschaft helfen.55

Im November 1892 bot ihr von Georg v. Gizycki an, gemeinsam ein ethisches Journal herauszugeben.56 Allerdings wurde ihr Name im Impressum nicht genannt, ihr Mann war formal der alleinige Herausgeber der Ethischen Kultur.57 Seine Frau schrieb Artikel58 und hielt in der »Ethischen Gesellschaft« Vorträge. Zudem engagierte sie sich ab 1893 in der Frauenbewegung und in diversen Vereinen, ebenfalls durch Vorträge59 und Zeitschriftenartikel. Zusammen mit Minna Cauer gab sie von Januar bis Dezember 1895 die Zeitschrift Die Frauenbewegung heraus.60

Nach dem Tod ihres Mannes am 3. März 1895 war sie von Mai 1895 bis Oktober 1895 mit Dr. Friedrich Wilhelm Förster (1869–1966) aus Freiburg in Baden für die Redaktion der Ethischen Kultur verantwortlich.61 Den Rückzug aus dieser Redaktion begründete sie damit, dass sie sich nun voll und ganz der politischen Arbeit in der Sozialdemokratie widmen wollte,62 obwohl sie nicht sofort in die Partei eintrat. Das Frauenwahlrecht war ihr zwar ein sehr wichtiges Anliegen, letztendlich standen für sie die großen sozialen Probleme und Fragen der Zeit im Vordergrund.63

1896 heiratete sie den Sozialdemokraten Heinrich Braun (1854–1927). Die Parteimitglieder und besonders die führende Sozialdemokratin Clara Zetkin begegneten ihr, der Bürgerlichen, oft mit Ablehnung. Der Grund für die Zwistigkeiten mit Clara Zetkin lag u. a. darin, dass sich Lily Braun in ihrem Buch Die Frauenfrage von 1901 mit praktischen Vorschlägen für die Unterstützung berufstätiger Frauen und Mütter einsetzte. Sie plädierte für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ohne einen Unterschied zwischen den bürgerlichen und den proletarischen Frauen zu machen. Sie vertrat ohnehin die Ansicht, dass die bürgerlichen und proletarischen Frauen zusammenarbeiten sollten, was Clara Zetkin kategorisch ablehnte.64

Lily Braun zog sich 1907 aus der aktiven Arbeit zurück und verfasste die Memoiren einer Sozialistin, erschienen 1909. Sie starb am 8. August 1916 in Berlin.

In ihrer im Dezember 1894 gehaltenen Rede führte Lily Braun die Behauptung ad absurdum, dass die politische Tätigkeit einer Frau mit dem Verlust ihrer Weiblichkeit einherginge,65 was ein beliebtes Argument der GegnerInnen des Frauenstimmrechts war. Lily Braun verwies auf die Doppelmoral der Gesellschaft:

»Gegen die Frau auf dem Throne ist noch nie der Vorwurf der Unweiblichkeit erhoben worden, und die Rücksicht auf die Weiblichkeit hat noch keinen Mann gehindert, Frauen in die Bergwerke und Steinbrüche zu schicken. Ich kann freilich nicht einsehen, dass eine Frau, die ihren Zettel in die Wahlurne wirft, die ›Weiblichkeit‹ mehr gefährdet als eine andere, die Steine karrt. Und ich kann es nicht begreifen, dass der Anblick einer Frau mit dem Kinde unter dem Herzen im Wahllokal empörender sein soll, als der Anblick einer solchen Frau in den Bleifabriken.«66

Am Ende ihrer Rede fordert sie:

»Und so verlangen wir denn freie Bahn für unsere Entwicklung […]. Wir verlangen durchgreifende Änderungen der Vereinsgesetze […]. Wir verlangen die Anwendung der Prinzipien des modernen Staates – der allgemeinen Menschenrechte – auch für die Hälfte der Menschheit, die Frauen. Wir, eine Armee von Millionen und Abermillionen Frauen […] verlangen unser Recht, an der Gestaltung der Allgemeinheit mitzuarbeiten.«67

Diese »Gestaltung der Allgemeinheit« erwies sich für deutsche Frauen als schwierig. Im Vergleich zu ihren Schwestern in England und den USA, die schon lange gemeinsam und durchaus schlagkräftig in Vereinen um das Stimmrecht kämpften, konnten sich die deutschen Frauen, aufgrund des weiterhin bestehenden restriktiven Vereinsrechts, nicht in Stimmrechtsvereinen zusammenschließen. Sie konnten nur als Einzelpersonen das Stimmrecht fordern, wie z. B. Helene Lange 1896 in ihrem Aufsatz Intellektuelle Grenzlinien zwischen Mann und Frau. Frauenwahlrecht.68

In den USA begann die umfassende Politisierung von Frauen mit einem großen Frauenrechtskongress im Juli 1848 in Seneca Falls69 und ab 1869 bestanden zwei konkurrierende nationale Frauenstimmrechtsvereine, die ähnlich wie die beiden Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, verschiedene Ansichten in Bezug auf das Frauenstimmrecht vertraten. Im Unterschied zu Europa spielte in den USA die Hautfarbe eine zentrale Rolle, denn es gab Stimmrechtsvereine, die schwarze Aktivistinnen aufnahmen und das Frauenstimmrecht für schwarze Frauen forderten, sowie Vereine, die ausschließlich weißen Frauen vorbehalten waren.

Eine der bekanntesten schwarzen Stimmrechtlerinnen war Sojourner Truth70 (1797–1883), eine ehemalige Sklavin, engagierte Sklavereigegnerin und Frauenrechtlerin, die 1851 in ihrer berühmten Rede Ain’t I a Woman?71 beim Frauenrechtskongress (Women’s Rights Convention72) in Ohio auf die spezielle Unterdrückung der schwarzen Frauen hinwies und für diese Gleichberechtigung und politische Teilhabe verlangte.

In Großbritannien setzte sich John Stuart Mill, stark beeinflusst von seiner Frau Harriet Taylor Mill, für das Frauenwahlrecht ein. In seinem Essay The Subjection of Women73 (die Unterwerfung der Frau) von 1869 forderte er, dass jeder Mensch, Frauen eingeschlossen, die eigenen Rechte vertreten solle, um selbstständig leben zu können. Deshalb plädierte er immer wieder im englischen Parlament für das Frauenwahlrecht.

Die Frauen der Pankhurst-Familie, die führend in der Suffragettenbewegung waren, traten ebenfalls für das Frauenwahlrecht ein. Die Mutter Emmeline (1858–1928) gründete in Manchester am 10. Oktober 1903 die Vereinigung »Women’s Social and Political Union« (WSPU) mit dem Ziel, um jeden Preis die Aufmerksamkeit der Massen für ihre Anliegen zu gewinnen.74 Ihre Töchter Christabel (1880–1958) und Sylvia (1882–1960) kämpften mit ihr um das Frauenwahlrecht. Ihre Positionen hinsichtlich des Ersten Weltkrieges unterschieden sich deutlich: Christabel war wie die Mutter eine glühende Patriotin,75 während Sylvia als Kriegsgegnerin 1915 zur Frauenfriedenskonferenz nach Den Haag fuhr, was zum Bruch mit ihrer Familie führte.

Die Neuseeländerinnen, einschließlich der Maori-Frauen, waren die ersten Frauen weltweit, die bereits im 19. Jahrhundert, ab dem 19. September 1893, an gesamtstaatlichen Wahlen teilnehmen durften. Sie erhielten zunächst das aktive Wahlrecht, das passive folgte 1919.76

Australien war 1902 das nächste Land, das seinen weißen Frauen das Wahlrecht gewährte. Aber es vergingen 41 Jahre, bis 1943 die ersten weißen Frauen ins australische Parlament gewählt wurden.77 Die indigene Bevölkerung (Frauen wie Männer) blieb bis 1962 vom nationalen Wahlrecht ausgeschlossen, obwohl indigene Männer mit der Einführung des allgemeinen männlichen Wahlrechts in Südaustralien 1865 für kurze Zeit wahlberechtigt waren. Ebenso durften dort Frauen mit Grundbesitz ab 1861 an Kommunalwahlen teilnehmen.78 Letztendlich wurde erst mit dem Referendum von 1967 die diskriminierende Position der indigenen Bevölkerung aus der Verfassung gestrichen.79

Die deutschen Befürworterinnen des Frauenstimmrechts beriefen sich auf diese Staaten, um die Vorteile des Frauenwahlrechts für die Gesellschaft nachzuweisen, denn gerade in der Sozialgesetzgebung war dort der weibliche Einfluss zum Wohle der gesamten Bevölkerung spürbar.

Im Kaiserreich mussten sie dagegen weiterhin Möglichkeiten finden, das Vereinsverbot zu umgehen. Federführend war hier Anita Augspurg, denn sie entdeckte eine Gesetzeslücke80 in der Hamburger Verfassung, die politische Frauenvereine möglich machte. Diese Gesetzeslücke bestand ebenfalls in Baden, wo die Stimmrechtsaktivistinnen sie ab 1906 nutzten. Sie wurden angeregt durch die Frauenrechtlerin Adelheid von Welczeck (geb. 1856–?81), die bereits 1902 mit Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer und Käthe Schirrmacher (1865–1930) am 1. Januar 1902 den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht (DVF: 1902–1904)) in Hamburg gegründet hatte.82 Frauen aus dem gesamten Reichsgebiet konnten dort Mitglied werden und so das Vereinsverbot in ihren Regionen unterlaufen.

Erklärtes Ziel des Vereins war die volle Gleichberechtigung der Frau, womit zudem das Wahlrecht für den Reichstag und die anderen Gremien in Gemeinden, Schulen, Kirchen und Berufsorganisationen gemeint war. In der Satzung des DVF war nur von »politischer Gleichberechtigung mit dem Manne« die Rede und nicht vom demokratischen Wahlrecht, zu dem sich Anita Augspurg eigentlich bekannte. Der Grund könnte darin gelegen haben, dass der Verein nicht in die Nähe der Sozialdemokratie gerückt werden wollte, um die bürgerlichen UnterstützerInnen nicht abzuschrecken.83 Diese hatten große Angst vor einem sozialistischen Umsturz, der sie ihrer Privilegien berauben könnte.


Abb. 4a: Lida Gustava Heymann, 1900.

Anita Augspurg forderte in Anlehnung an Hedwig Dohm das Stimmrecht als Menschenrecht mit dem Argument, Frauen würden ihre Menschenpflichten erfüllen. Sie ging sogar noch weiter, indem sie vorschlug, Frauen sollten in allen Staatsorganen paritätisch vertreten sein und mitarbeiten. Damit meinte sie nicht nur die Legislative, die Gesetzgebung, sondern vor allem die Judikative, die Durchsetzung der Gesetze. Anita Augspurgs Begründung lautete, männliche Richter und Schöffen seien bei der Beurteilung von Sexualdelikten unfähig und voreingenommen, sodass nur Frauen hier gerechte Urteile sprechen könnten. Diese Forderung war revolutionär.84


Abb. 4b: Von links nach rechts: Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker, um 1896.

»Wollen Sie nicht am 29. auch in Karlsruhe an der Schwelle des Landtages eine Versammlung machen?«85

Anita Augspurg wurde am 22. September 1857 als fünftes Kind einer bildungsbürgerlichen wohlhabenden Familie in Verden an der Aller geboren. Ihr Vater arbeitete als Anwalt und Notar am Oberlandesgericht in Verden. Ihre Mutter stammte aus einer Pastoren- und Ärztefamilie und vertrat den Standpunkt, dass sich Kinder in völliger Freiheit entwickeln sollten.86 Nach dem Besuch einer höheren Töchterschule ging Anita Augspurg an eines der vielen privaten Lehrerinnenseminare in Berlin und legte dort 1879 ihr Examen ab. Wie Hedwig Dohm unterrichtete sie nie. Über ihre Schwester Amalie kam sie zur deutschen Frauenbewegung und lernte dort Sophia Goudstikker (1865–1923) kennen, mit der sie 1887 in München ein Fotoatelier gründete, das recht erfolgreich war.87 Da der neue Beruf des Fotographen keinen geschlechtsspezifischen Beschränkungen unterlag, konnten die beiden ihn problemlos ausüben.88 In München engagierte sich Anita Augspurg zugleich für die Rechte der Frauen und forderte eine gründliche Bildung, damit sie sich selbstbestimmt und verantwortungsbewusst entfalten könnten.

1893, mit 36 Jahren, begann sie in Zürich Jura zu studieren, denn im Kaiserreich war das Studium für Frauen nicht möglich. Sie schloss ihr Studium 1897 mit der Promotion zum Thema: Über die Entstehung und Praxis der Volksvertretung in England ab und zog nach Berlin.

Hervorzuheben ist ihr Engagement seit 1895 in Sachen Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) und seine Auswirkungen auf die Rechtssituation von Frauen. In diesem Zusammenhang übernahm sie 1899 die Redaktion einer Beilage der Frauenzeitschrift Die Frauenbewegung, in der zum ersten Mal Berichterstattungen zur Rechtsfrage aus weiblicher Perspektive erschienen. Anita Augspurg informierte hier über Gesetzgebung und Rechtsprechung und deren Auswirkungen auf das Leben der Frauen.

Ihre spätere Lebensgefährtin, die Hamburgerin Lida Gustava Heymann (1868–1943), lernte sie 1896 auf einem Frauenkongress in Berlin kennen. Sie ergänzten sich sehr gut: Anita Augspurg als die erste deutsche Juristin und ausgezeichnete charismatische Rednerin, Lida Gustava Heymann als großes Organisationstalent und mit sehr hohen finanziellen Mitteln ausgestattet. Sie war Testamentsvollstreckerin des von ihrem Vater, einem Hamburger Großkaufmann, angesammelten Vermögens von 6 Mio. Mark. Zudem engagierte sie sich in Hamburg für benachteiligte Frauen, egal ob ledige Mütter, Arbeiterinnen oder Prostituierte, ein Beleg dafür, dass sie ihr Geld für soziale Zwecke einsetzte.89

Durch den Einsatz für Frauenrechte und der Zugehörigkeit zum radikalen Flügel der Frauenbewegung sowie ihrem ausgeprägten Pazifismus gerieten die beiden ab Januar 1933 ins Visier der Nationalsozialisten. Während eines Urlaubs auf Mallorca konfiszierten die Nationalsozialisten ihren gesamten Besitz. Aufgrund der berechtigten Angst vor Verhaftung kehrten sie nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern gingen in die Schweiz ins Exil, wo beide im Laufe des Jahres 1943 starben.

Bei ihren Recherchen zu den Rechten und Möglichkeiten der politischen Einflussnahme hatte Anita Augspurg ein bisher wenig beachtetes Thema gefunden, nämlich die politische Mitwirkung auf der Gemeindeebene. Dies hieß, dass Frauen ihr Wahlrecht bei Verwaltungsorgangen, in evangelischen Kirchengemeinden und bei Sozialversicherungen z. B. Krankenkassen ausüben konnten.90

Anita Augspurg hatte zudem in der Hamburger Verfassung Folgendes entdeckt: Die Stadt machte hinsichtlich der vollen Bürgerrechte, die Voraussetzung für das Wahlrecht waren, keine Angaben zum Geschlecht. So argumentierte Anita Augspurg, dass Frauen mit dem Begriff »Bürger« ebenfalls gemeint seien, da sie nicht explizit ausgeschlossen wären. Die vollen Bürgerrechte konnte beantragen, wer volljährig war, in Hamburg wohnte, über Einkommen verfügte und Steuern zahlte. Somit, so ihre Schlussfolgerung, müssten Frauen mit eigenem Einkommen in Hamburg wahlberechtigt sein.91 Lida Gustava Heymann, die alle diese Voraussetzungen erfüllte, beantragte daraufhin die Bürgerrechte. Sie wurden ihr mit der Begründung verweigert, »daß in Hamburg der Erwerb der Bürgerrechte durch Frauen weder bisher erfolgt noch von der Verfassung beabsichtigt sei«:92 Trotzdem rief Anita Augspurg vermögende Frauen auf, die Registrierung für das Wahlrecht zu beantragen, und schulte sie hinsichtlich der entsprechenden Paragraphen. Der Erfolg war eher bescheiden, dafür die öffentliche Aufmerksamkeit für das Anliegen des Frauenstimmrechts umso größer, unterstützt durch Anita Augspurgs sehr erfolgreiche Pressearbeit in vielen namhaften politisch liberalen Zeitungen.

1904 erweiterten die Frauenstimmrechtlerinnen ihre Handlungsmöglichkeiten durch die Umbenennung des Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht in den Deutschen Verband für Frauenstimmrecht (DVF: 1904–1916). Neben Einzelpersonen konnten nun Einzelvereine und Landesverbände aus anderen deutschen Bundesstaaten beitreten, in denen das Vereinsverbot galt. Um die polizeilichen Kontrollen und Schikanen in den einzelnen Bundesländern zu umgehen, bildete der Verband in Anlehnung an die Agitationsweise der proletarischen Frauenbewegung ein System von Vertrauenspersonen. Trafen sich einzelne Frauen mit den Vertrauenspersonen, dann konnte die Polizei dies nicht als politische Versammlung einstufen. Hinzu kamen freie Ortsgruppen, in denen Mitglieder zu Versammlungen aufriefen, die für jedermann zugänglich waren, ohne als organisierte Gruppe aufzutreten,93 sodass hier die Polizei erneut machtlos war. Wiederum erwiesen sich Anita Augspurgs juristische Kenntnisse als wertvoll, denn die Agitatorinnen nutzten die bestehenden legalen Schlupflöcher.

Weitere Ideen erhielten die deutschen Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht durch die englischen und amerikanischen Suffragetten, mit denen sie in regem Austausch standen. Schon 1902 auf dem internationalen Stimmrechtskongress in Washington wurde eine internationale Stimmrechtsbewegung beschlossen, die 1904 beim Treffen des Internationalen Frauenrats, dem International Council of Women (ICW), in Berlin gegründet werden sollte. Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg waren hier federführend. Anita Augspurg wurde Vizepräsidentin eines sechsköpfigen Stimmrechtskomitees, das die Gründung des Weltbundes für Frauenstimmrecht, International Woman Suffrage Alliance (IWSA), vorbereitete. Dieser Weltbund diente als Dachverband zur Abgrenzung des International Council of Women, der den radikalen Frauenrechtlerinnen zu moderat war. Hier werden bemerkenswerte Parallelen sichtbar: Der Deutsche Verband für Frauenstimmrecht konstituierte sich in Abgrenzung zum eher konservativen Bund Deutscher Frauenvereine, so wie der Weltbund für Frauenstimmrecht in Abgrenzung zum Internationalen Frauenrat gegründet wurde. Im ersteren versammelten sich die »Radikalen« und im anderen die »Gemäßigten« – die Spaltung war also weltweit zu beobachten.94

Die Mitglieder des Weltbundes vertraten, beeinflusst von der amerikanischen Frauenrechtlerin Susan B. Anthony (1820–1906), eine naturrechtliche und demokratische Stimmrechtsposition: Nach dieser Position hatten Frauen »von Natur aus« dieselben Rechte wie Männer und mussten ebenso wenig wie diese ihre Eignung für das Stimmrecht beweisen.

Der Vorstand des BDF hatte sich lange dagegen gewehrt, die Forderung nach dem Frauenwahlrecht zu stellen. Doch aufgrund des großen Zulaufs zum Deutschen Verband für Frauenstimmrecht entschieden die Vorstandsfrauen, das Frauenwahlrecht 1902 ins Programm aufzunehmen,95 mit der Maßgabe, die Frauen müssten erst zeigen, dass sie des Stimmrechts würdig seien. Dabei hofften die gemäßigten Frauen auf die Hilfe der Liberalen. Ihr Plan war, die liberalen Kandidaten im Wahlkampf zu unterstützten, damit sich diese dann in den Parlamenten für das Frauenwahlrecht einsetzten. Der Plan ging nicht auf, denn die Kandidaten nahmen gerne die Dienste an, sahen dann aber keinen Grund, das Frauenwahlrecht zu befürworten.

Mit der Aufhebung des Preußische Vereinsgesetzes 1908 konnten Frauen in fast allen politischen Parteien Mitglied werden, was nichts an der ablehnenden Haltung der meisten Parteimitglieder änderte. Deshalb entstanden rasch weitere Frauenstimmrechtsvereine, die eher moderat und mit Petitionen versuchten, ihre Rechte einzufordern. Die deutschen Stimmrechtsaktivistinnen, sogar die »radikalen,« waren weit davon entfernt, die Aktionen der englischen Suffragetten zu übernehmen, die mit Massendemonstrationen, Straßenumzügen, Hungerstreiks und öffentlichen Aktionen das Wahlrecht forderten.96 Sie stürmten das Parlament in Westminster, griffen Abgeordnete an, warfen Schaufensterscheiben ein und belegten sogar Selbstverteidigungskurse, um sich gegen Polizisten zur Wehr setzen zu können. Das war den deutschen Vorkämpferinnen entschieden zu militant und entsprach nicht ihrer Vorstellung von weiblichem Verhalten.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die deutschen bürgerlichen Frauen – vor allem die »gemäßigten« – uneins waren, ob sie ein allgemeines Wahlrecht oder ein Dreiklassenwahlrecht fordern sollten. Sie fürchteten eine Sozialisierung der Gesellschaft und den Verlust eigener Privilegien, wenn die SPD durch die Stimmen der Arbeiterinnen eine Mehrheit im Parlament erhielte. Dagegen vertraten die »Radikalen« die Ansicht, dass nur ein demokratisches, also allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht gerecht sei. Die Journalistin und Frauenrechtlerin Marie Schloß aus Freiburg (1872–1952) brachte schon 1909 in einem Zeitungsartikel das Problem auf den Punkt: Die bürgerliche »gnädige Frau« möchte nicht, dass die Stimme des Dienstmädchens bzw. der Fabrikarbeiterin gleich gewichtet wird wie die ihre.97 Sie formulierte es so:

»Im Verein für Frauenstimmrecht gibt es aber gar manches Mitglied, das mit großer Begeisterung für die Verleihung des Stimmrechts an die gnädige Frau eintritt, aber über den Gedanken entsetzt ist, daß auch das 21 Jahre alte Dienstmädchen, das Wahlrecht bekommen soll. Die Frau des Fabrikanten kann sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß an die Fabrikarbeiterin dasselbe gleich und allgemeine Wahlrecht verliehen wird, wie an sie, die besitzende und gebildete Frau.«98

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