Kitabı oxu: «100 Boyfriends»
100 BOYFRIENDS
BRONTEZ PURNELL
100 BOYFRIENDS
Aus dem Amerikanischen von
Harriet Fricke

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel
100 Boyfriends bei MCD x FSG Originals, einem Imprint
von Farrar, Straus and Giroux, New York.
© 2021 by Brontez Purnell
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde
im Rahmen des Programms «NEUSTART KULTUR» aus Mitteln
der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien
vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
1. Auflage
© 2021 Albino Verlag, Berlin
Salzgeber Buchverlage GmbH
Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin
Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke
Umschlaggestaltung und Satz: Robert Schulze
Umschlagillustration: Seth Bogart
Printed in Germany
ISBN 978-3-86300-326-5
Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:
www.albino-verlag.de
«Fuck all y’all»
INHALT
I. AKT: ARMY OF LOVERS
Am nächsten Morgen
Stricher (Erster Teil)
Der geerbte Wintermantel
Boyfriends
Damn a lover Comes home to die
Boyfriend #666 / Der Satanist
Eds Name, mit Bleistift
II. AKT: 100 SEITEN ZUM ABSCHIED
Meine Kündigung
Mäandern (Erster Teil)
Boyfriends (Interpretationen)
Heute, morgen – und von vorne
Stricher (Zweiter Teil)
Boyfriend #19 / Der Weiße mit den Dreadlocks
Vorruhestand
III. AKT: NO NEW BOYFRIENDS
Manifest: No New Boyfriends
Kalter Krieg und Top-Strategie
Wiederholung
Zwei Jungs aus den Bergen
Boyfriend #100 / Der Agent
Mäandern (Zweiter Teil)
Stricher (Dritter Teil)
Mr. Raleighs Kampf mit dem Gym
Boyfriends (Fortsetzung)
Existieren sie auch, wenn keiner hinsieht?
EPILOG: ROCK ’N’ ROLL IST FÜR MICH GESTORBEN – TAGEBUCH EINER EUROPA-TOURNEE
Danksagung
I. AKT
ARMY OF LOVERS
AM NÄCHSTEN MORGEN
Beim Aufwachen bekam ich einen Schreck. Zuerst wusste ich nicht, wo ich war. Wie es eben so ist, wenn man im fremden Bett wach wird und denkt: «What the fuck?!» Doch beim Blick nach links weiß man wieder: «Ach, ja, der hübsche Kerl.»
Neben einem attraktiven Menschen aufzuwachen, hat etwas Beruhigendes, und ich bin mir sicher, er dachte dasselbe, nur konnte ich nicht wieder einschlafen, weil seine sonnengepeitschte Discokugel Lichtblitze durchs Zimmer jagte.
Sein Körper war bedeckt davon; sogar der Gips an seinem Bein war von Licht gesprenkelt.
Am Nachmittag zuvor war ich in sein Zimmer gekommen. Seine Mitbewohnerin feierte bei ihnen zu Hause eine After-Party. Sie war sternhagelvoll und meinte: «Ich stell euch meinem Mitbewohner vor, bin mir sicher, ihr werdet poppen.»
Wir dröhnten uns komplett zu und redeten über alles Mögliche, von Nu Jazz bis hin zu Kindheitstraumata.
Ich legte mich in sein Bett, und er zog mich an sich, schlang seine Arme um mich; ich war irritiert, weil es lange her war, dass mich jemand so berührt hatte, vor allem ein rattenscharfer Kerl mit Gipsverband.
«Ich lass euch kurz allein», sagte meine Freundin, einen Kokainring um die Nase. Er zog mich fester an sich, und ich nahm meine Brille ab. Als ich so in seinen Armen lag, spürte ich, wie mein Schwanz hart wurde, und tat das, was mir als Erstes durch den Kopf ging.
«Ich hau wohl besser ab», sagte ich.
«Bin die ganze Nacht hier», sagte er.
Ich schaffte es tatsächlich nach Hause, aber – Oh Scheiße. Brille vergessen.
«Komm bitte wieder – sofort», sagte er, als ich anrief und nach der Brille fragte.
Bald lag ich wieder in seinen Armen, diesmal war er auf Schmerztabletten. Er schob meinen Kopf nach unten. Ich bin mir sicher, dass ich ihm nachts, während eines Kokain-Wodka-Wortschwalls erklärt hatte, dass ich nicht gern Schwänze lutsche. Aber offenbar hatte er meine Meinung geändert. Ich hörte seine Stimme. Wie ein seufzender Engel. Vielleicht auch wie ein Typ auf Schmerztabletten, der einen geblasen kriegt? Ein vokal-lastiges (aber ansonsten völlig unverständliches) Stöhnen, unterbrochen nur von «jaa», «mehr» oder «ist das geil». Nach einer halben Stunde oder so haute ich ab, weil ich auf der anderen Seite der Stadt zu einer Lesung wollte.
«Kommst du danach wieder?», fragte er.
«Noch mal?» Langsam fühlte ich mich, als würde mich tatsächlich jemand brauchen.
«Ja», erwiderte er.
Ich fuhr nach Hause, spülte mir den Arsch, fuhr weiter zur Lesung und auf direktem Weg zurück zu ihm, auf die Knie, auf ihn drauf.
«Steck ihn rein», sagte er und wieder vokal-lastiges (aber völlig unverständliches) Stöhnen.
Nachdem er gekommen war, stieg ich von ihm runter und fragte, ob er Lust auf Hähnchen vom Grill hätte. «Ja. Und Whiskey», erwiderte er.
Schmerztabletten und Whiskey – sein Style gefiel mir.
«Du bist jetzt mein Freund – du musst das Essen holen.»
«Bin pleite und mag grad nicht zu Fuß gehen, außerdem ist es kalt und neblig», sagte ich und dachte, ich hätte meine erste Aufgabe als Fake-Freund erfolgreich abgewehrt.
«Nimm die blaue Patagonia-Jacke aus dem Schrank – du kannst sie behalten, wenn du willst. Meine Kreditkarte ist im Portemonnaie. Benutz sie, PIN ist fünf sechs neun acht. Hol dir mein Fahrrad aus dem Keller. Das Bianchi Pista aus Chrom … und beeil dich verdammt nochmal», sagte er lachend.
Ich machte alles so, wie er gesagt hatte, und fuhr in seiner Jacke, auf seinem Fahrrad, mit seinem Geld die Straße runter. Ich war hin und weg von dem Rad, weil ich Vintage-Bike-Junkie bin und Bianchi die Chrome-Pistas gar nicht mehr herstellt – ich glitt durch die neblige Nacht und fühlte mich wie der Silver Surfer, nur eben auf einem Fahrrad.
Zum Hähnchenladen waren es nur zehn Minuten, aber zuerst das Wichtigste: Wie viel Geld hatte der Naivling auf seinem Konto?
Ich hielt beim Geldautomaten, tippte die PIN ein, fünf sechs neun acht, und drückte auf Kontostand: $ 80.690,78. What the fuck?! Nach Abbruch der Transaktion steckte ich die Karte ein zweites Mal in den Schlitz und tippte die Zahlen nochmal ein, weil ich wissen wollte, ob ich richtig gelesen hatte – hatte ich.
Während ich zum Imbiss weiterradelte, dachte ich: Scheiße, was ARBEITET der Typ?
Eine Litanei an Fragen schoss mir durch den Kopf. Warum wohnt er in dem beschissenen Zimmer? Warum wohnt er in der beschissenen Wohnung? Wenn ich zwanzig Dollar von seinem Konto klaue, kriegt er das dann mit und ist angepisst? Hat er sich das Bein beim Skifahren in Tahoe gebrochen oder bei irgendeinem anderen Reiche-Leute-Scheiß? Und die wichtigste: Soll ich versuchen, ihn zu heiraten?
Ich konnte mich nicht erinnern, wann auf meinem Konto oder dem eines Bekannten mehr als, sagen wir, viertausend Dollar gewesen wären – und das hier war nur sein Girokonto. Wie viel mochte er auf dem Sparkonto haben?
Schnell verdrängte ich die Fragen, weil An-Geld-denken unappetitlich ist und die Rechnung zu viele Unbekannte enthielt. Man kann sich das Leben eines anderen nicht vorstellen, wenn man ihn kaum kennt, und mal ehrlich, ich kannte meinen Fake-Freund ja überhaupt nicht.
Ich kam an einem Schaufenster vorbei und nahm mein Spiegelbild wahr. Ich sah aus wie boyfriend material oder wenigstens wie so ein Arsch mit Abschluss an einem Scheiß-WASP-College an der East Coast. Doch eigentlich war ich nur ein Hochstapler, was mich allerdings auch scharf machte, weil Verbrechen sexy sind. Aber das hier war seine arschteure Vintage-Patagonia, sein arschteures Vintage-Bianchi, seine Kreditkarte. Lieber Gott, fühlte er sich jeden Tag so? Wie ein normaler, erfolgreicher Erwachsener?
Die Frau im Imbiss, die meine Bestellung entgegennahm, fragte nach meinem Ausweis, als ich seine Kreditkarte hinlegte, und ich sagte, cool wie ein Eispickel: «Ach, das ist nicht meine, sondern die von meinem Freund, er hat sich das Bein gebrochen und jetzt muss ich wirklich alles für ihn machen.» Sie blinzelte nicht mal, als sie mich unterschreiben ließ. Hatte sie mitgekriegt, wie sehr ich innerlich gestrahlt hatte, als ich von «meinem Freund» geredet hatte? Fake oder nicht, «mein Freund» zu sagen, fühlte sich irgendwie gut an.
Ich brachte ihm das Essen.
Und ich klaute keine zwanzig Dollar von seinem gut bestückten Konto.
Kurz nachdem ich wieder bei ihm war, verlor die Nacht ihre Konturen. Der Morgen war klar, aber verkatert.
Ich starrte ihn so lange an, bis er die Augen aufmachte, drei Herzschläge später fragte ich: «Heißt das, ich bin jetzt dein Freund?»
«Ja, genau», erwiderte er und fing an zu lachen.
Ich küsste ihn auf den Mund und zog mich schnell an, damit ich zu spät zur Arbeit kommen konnte.
«Ich mag gebrochene Kerle wie dich – du bist von anderen abhängig und kannst nicht weglaufen», zog ich ihn auf.
Er verdrehte die Augen, ich meine, so richtig. «Was machst du, wenn mein Bein wieder okay ist?»
«Keine Ahnung, es nochmal brechen?» Ich gab mir Mühe, ernst zu gucken.
Im selben Moment verzog sich die miese Wolke, die die Sonne verdeckt hatte, und das Licht fiel noch heller als vorher durchs Fenster. Es traf auf die Discokugel, und wieder sah ich überall funkelnde Flecken.
Meine abergläubische Seite wollte darin ein Zeichen erkennen – Dieser Typ hier wird mein neuer Freund – doch sofort sagte eine Stimme in meinem Kopf: Eher nicht.
Ich folgte meiner zweiten Eingebung und stand auf.
«Ich bin den ganzen Tag hier. Kommst du später bitte wieder?», fragte er und schaute mir fest in die Augen.
«Ja. Ich komme, wann immer du willst», sagte ich und ging.
STRICHER (ERSTER TEIL)
1
Die Schreibblockade hatte mich an den Eiern gepackt, und ich konnte sie einfach nicht abschütteln. Ich saß da und schaute zu, wie sich die Nächte in endlosen Wodkafontänen auflösten. An einem Nachmittag hatte ich dann das Gefühl, mich hätte der Blitz getroffen.
Vitamin C … ich brauche einen Liter, dachte ich.
Völlig zerschlagen war ich aufgewacht, die grelle Sonne auf dem Gesicht. Es war brutal, als wollte mich die Natur daran erinnern, was für ein schlechter Mensch ich war. In Wahrheit war ich kein schlechter Mensch – nur verkatert. Da kommen solche Gefühle schon mal hoch.
Allerdings war ich, wie ich zugeben muss, in schlechter Verfassung. Das fiel schon auf. Freunde redeten darüber. Ich war bei Jobs rausgeflogen. Das einzig Gute war, dass die meisten meiner Freunde ebenfalls Fehler machten und ich mir keine verächtliche Kritik anhören musste, trotzdem merkte ich es. Ich wusste von ihrem Geläster, das musste mir niemand erst sagen. Mein innerer Kompass schlug Alarm.
Einige Freunde waren gestorben, andere tauchten ab, weil sie Eltern wurden und wegzogen, alt und schlaff wurden und wegzogen, oder in aller Stille verrückt wurden und wegzogen – alles lief aufs Gleiche hinaus. Das Klima wurde kälter.
Ich, seit sechs Stunden zum ersten Mal nüchtern, bekam Angst. Ich musste Druck ablassen. Ich wollte einen Stricher.
Eigentlich war ich immer noch ein schöner Mann – wenigstens sagte meine Mutter das oft zu mir –, aber ich wollte mehr Kontrolle haben. Ich wollte jemanden für ein bestimmtes Erlebnis zu einer bestimmten Uhrzeit bezahlen, damit wir hinterher auch ganz bestimmt wussten, dass es das gewesen war. Ich wollte einen Stricher.
Kennengelernt hatte ich ihn schon vor Jahren; inzwischen wohnte er in Los Angeles. Er war hollywoodhübsch, aber nicht unerreichbar. Er war im Fernsehen, setzte sich für die Rechte von Schwarzen ein und zog sich an wie ein Stricher vom anderen Stern.
«Wie viel?», textete ich ihm.
«Für dich 200, weil du du bist», antwortete er.
In Lederjacke und Leoprint-Bike-Shorts kam er bei mir an. Obwohl ich mich für «groovy» halte, zuckte ich innerlich zusammen. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre wie bei all seinen anderen Kunden in Hetero-Verkleidung erschienen und hätte sich als Chad oder Jonah ausgegeben. Stattdessen schaute er mich beim Reinkommen so warmherzig an, als wollte er sagen, okay, ich kriege Geld für Sex mit einem Freund.
Sein Doggy-Style war auf den Punkt; sein Schwanz, seine Technik waren auch nicht ohne, man merkte, dass er mit Ficken seine Brötchen verdiente. Um ihn zu beeindrucken, lieferte ich eine pornoreife Bottom-Show ab; ich versuchte so sehr, ihn zu beeindrucken, dass ich mich irgendwann fragte: «Halt stopp – ich bezahle ihn, muss er da nicht mich beeindrucken?»
Ich kam drei Mal.
Ich drehte mich auf dem Bett auf die Seite und schaute ihm in die Augen. Es war einer dieser merkwürdigen «du bist echt hübsch»-Blicke, als würde man etwas anschauen, das weit weg ist und doch genau vor einem. Ihm fiel das auch auf.
«Du brauchst dringend was zu trinken, das seh ich dir an», sagte er.
«Mit Alkohol ist die Welt viel klarer», erwiderte ich. Wir lachten, obwohl die Bemerkung treffender gewesen war, als ich beabsichtigt hatte.
Wir knutschten erneut rum.
Ich bat ihn, unseren gemeinsamen Freunden nichts von dem Vorfall zu erzählen. Außerdem fragte ich, ob es unsere Freundschaft beeinflussen würde, sprich: ob ich jetzt bis in alle Ewigkeit für Sex mit ihm bezahlen musste oder ob gelegentlich auch eine Gratis-Nummer drin wäre.
«Klar», sagte er, aber ich war mir nicht sicher, welchen Teil der Frage er meinte.
2
Mike war der erste Stricher, mit dem R. J. jemals zusammengewohnt hatte. Sie waren beide neunzehn und wohnten in dieser Fabriketage in Tenderloin. Verschiedene Faktoren hatten die Jungs dort hingeführt, eine schwindelerregende Mischung aus Abenteuerlust und Familienfrust, und wo hätte man in San Francisco für fünfhundert Dollar sonst unterkommen sollen? Es war das Jahr 2002 und beide wollten endlich Risiken eingehen, Fehler machen und das mit dem Erwachsensein ausprobieren.
Mike war gay as fuck, aber aus irgendeinem Grund mit dieser Frau zusammen, mit der er in der Fabriketage in einem Zimmer hauste. R. J. hatte den Verdacht, ihre Liebe würde von der gemeinsamen Leidenschaft für Methamphetamine befeuert, und lag damit richtig. Als Mike und R. J. sich wie immer einen Becher abgestandenen Kaffee und ein Croissant teilten, erklärte Mike, dass Lisa, das Mädchen, für die Miete aufkäme und er anschaffen ginge, um für beide Speed zu kaufen. «Ist perfekt so», sagte er und zog R. J. aus dem Café und weiter zum nächsten Termin.
R. J. bewunderte Mike sehr; obwohl sie gleich alt waren, war Mike im Herzen der Ältere. R. J. war erst vor Kurzem aus einem verschlafenen New-England-Nest, wo es weder Drogen noch sexuelle Gefahren gegeben hatte, nach San Francisco gekommen. Er streifte gern durch die Stadt, und sein Herz schlug selbst an ruhigen Tagen vor Aufregung schneller.
Hier kann alles passieren, dachte er oft.
Mike war in der Nähe der Stadt aufgewachsen, ohne dass ihm seine Eltern wegen seiner Herumtreiberei ständig Vorwürfe gemacht hatten. Seit frühester Jugend hurte er sich schon durch S. F., und nun gab er sein Wissen an seinen neuen Bruder R. J. weiter. So hatte er R. J. an diesem Morgen beispielsweise den Tipp gegeben, nicht die superkurzen Shorts anzuziehen, aus denen Hintern und vordere Hosentaschen raushingen.
«Du musst dich anziehen wie ein Junge, sonst kriegen wir kein Geld», erklärte Mike, während er obszön viel Old-Spice-Deo unter seinen Achseln verteilte.
Sie waren durch Tenderloin gelaufen und hatten jeden Mann, der älter als dreißig aussah, um Kleingeld oder Bustickets angehauen. Mike konnte den Leuten alles abschwatzen. Deshalb überließ R. J. ihm immer das Reden. Fünf Dollar oder so hatten sie schon zusammen, und Mike sagte zu R. J.: «Weißt du, was ich will? Wandel! Und wenn, dann will ich radikalen Wandel, also, alles soll sich auf einmal um hundertachtzig Grad drehen. Dann ist es nämlich aufregender.»
Für R. J. war alles, was Mike sagte, die absolute Wahrheit, und sei es nur, weil Mike immer so überzeugt klang. Oft fragte er sich, wie der Motor in Mikes Kopf arbeitete; er stellte sich seine Gedanken wie Zündkerzen vor, die die nötigen Funken erzeugten – dem Satz mit dem radikalen Wandel war außer einem langen Schweigen nämlich nichts vorausgegangen.
«Wir sind da», sagte Mike, und beide blieben abrupt stehen.
Sie waren bei einem der vielen versteckten Pornofilmstudios in South of Market angekommen. Mike hatte schon bei Filmen mitgewirkt und Wind von einer Zeitungsanzeige bekommen, in der Bottoms gesucht wurden, die sich von einem Dildo-Roboter namens «The Butt Machine» ficken lassen sollten. R. J. war noch nie der Bottom gewesen und hatte so etwas Furchteinflößendes wie die Maschine noch nie gesehen.
Der Regisseur, der sie reinließ, führte sie durch einen Raum, der wohl eine Gefängniszelle darstellen sollte, es hingen sogar Ketten an der Wand. «Ihr lasst euch von der Maschine zwanzig Minuten ficken und kriegt dafür hundertfünfunddreißig Dollar und wir stellen es dann ins Internet. Könnt ihr euch mal ausziehen?»
Sie schlüpften aus ihren Klamotten, und zehn Sekunden später sagte der Regisseur, sie sollten sich wieder anziehen.
«Ruf du mich mal an», sagte der Regisseur und drückte Mike seine Karte in die Hand.
Die beiden Jungs gingen zurück in ihre Fabriketage, wo sie noch ein halbes Jahr zusammen wohnten, bis Mike auf Speed kollabierte und wegziehen musste.
Ein paar Jahre später sah R. J. ihn in einem Zug, Mike hatte stinknormale Sachen an und saß neben zwei stinknormalen Männern.
R. J. ging zu ihm. Mike umarmte ihn, küsste ihn, schaute ihm tief in die Augen und fragte: «Sorry, ist so lange her, wie heißt du nochmal?»
3
Er war ein gut aussehender, älterer Schwarzer. In den 1980ern und 90ern hatte er irgendeinen wichtigen Job gehabt, sich aber schon vor vielen, vielen Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen – das erzählte er mir wenigstens.
Er bestellte mich immer ins Arbeitszimmer seines Lofts. Dort standen Bücher, sooooooo viele Bücher. Kunst an der Wand, ein Tisch mit Computer und ein schwarzes Ledersofa, auf dem er nackt saß, während ich davor kniete und ihm den Schwanz lutschte. «Du bist der hübscheste Junge, den ich je hatte. Sei lieb zu Daddy», sagte er. Ich war zwanzig und hatte das Gefühl, er sagte das zu allen Jungs. Trotzdem hörte ich es gern.
Ich ging auf den Strich, weil das alle meine Bekannten taten. Ich glaubte, ihnen beweisen zu müssen, dass ich es ebenfalls konnte. Als es noch legal war, hatte ich auf den hinteren Seiten der schwulen Castro-Zeitung eine Anzeige geschaltet: «Bester Blowjob, vernünftiger Preis.» Er war mein erster Stammkunde.
Beim allerersten Termin kniete ich vor ihm und blies ihm einen, als er den tätowierten Frauennamen auf meiner Brust sah. «Ist das deine Freundin?», fragte er.
«Nein», antwortete ich, «meine Mutter.» Er zuckte merklich zusammen und spritzte quer über mein Tattoo. Ich war viel zu jung, um zu wissen, dass er niemals mein Stammkunde hätte werden dürfen.
Sein Körper war rund und weich und warm. Hinterher hielt er mich manchmal in den Armen, und die anderen Jungs meinten, dafür müsste ich ihm extra was berechnen, aber das tat ich nicht. Er fühlte sich zu gut an. Vielleicht fühlte sich auch nur die Aufmerksamkeit gut an. Jedenfalls ließ ich ihn einfach machen. Ich spürte, wie mich eine Hand sanft streichelte und mir langsam die Kontrolle entzog, aber ich war noch zu jung, um zu wissen, dass dich alle Männer, die dir etwas wegnehmen wollen, superzärtlich berühren. «Du bist der hübscheste Junge …» Er sagte das so oft, bis ich es irgendwann glaubte.
Ich nahm nur fünfzig Dollar für Termine, die lediglich einen Blowjob umfassen und eine Stunde dauern sollten, sich aber zu sehr viel mehr entwickelten und erst bei Sonnenaufgang endeten.
Irgendwann musste er Frau und Kinder gehabt haben, so viel reimte ich mir zusammen. Ältere Fotos, auf denen er eine Frau und zwei kleine Jungs umarmte, hingen überall in seinem Loft – im Flur und im Wohnzimmer, den einzigen Räumen, die ich, abgesehen von Bad und Arbeitszimmer, betreten durfte. Mein Verdacht bestätigte sich, als er zu mir sagte: «Weißt du, ich hab Söhne in deinem Alter.»
Wenn ich zu ihm kam, führte er mich jedes Mal in sein Arbeitszimmer. Ich wusste nur, wenn ich ihm in einem Monat oft genug den Schwanz lutschte (er holte mich viermal im Monat zu sich, immer nur am Wochenende), dann hatte ich genug Geld für Gras oder die neuesten Jordans zusammen. Ich liebte ihn – wenigstens glaubte ich, Liebe würde sich so anfühlen.
Einmal zündete er sich, nachdem ich ihm einen geblasen hatte, eine Zigarette an und sagte: «Du bist nicht wie andere Jungs – du bist gern bei Daddy.» Er hatte recht.
An einem Wochenende ging er mit mir wandern. Unterwegs fiel er über mich her und riss mir Hose und Unterhose runter. Er nahm mich mitten auf dem Wanderweg, was mir peinlich war, weil ja jederzeit Leute hätten vorbeikommen und uns sehen können.
Aber nein sagen, konnte ich nicht. Ich fand es aufregend, auf einem Wanderweg mitten in der Natur gefickt zu werden. Als wäre ich etwas Besonderes. Aber ich wusste auch, auf lange Sicht würde das mit uns nicht halten.
Eines Tages sah ich ihn dann auf der Straße, mit zwei jungen Männern in meinem Alter. Seine Söhne, wie ich vermutete. Als ich näherkam, trafen sich unsere Blicke und er schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: «Nein – nicht hier, nicht jetzt.» Gern wäre ich gekränkt gewesen, aber in Wahrheit war dieser Mann eben ein Fremder, nicht mein Vater. Wie wenig man sich auf Männer im Allgemeinen verlassen kann, sollte ich kurz darauf erfahren. An dem Tag ging ich einfach weiter.
Die Jahre vergingen und wir mit ihnen – irgendwann funktionierte sein Schwanz nicht mehr, und ich entwickelte mich vom Stricher zum Kellner zum College-Absolventen. Ich musste nicht mehr für Geld ficken und überließ das den Jüngeren.
Ich weiß noch, dass er bei unserer letzten Begegnung richtig geschockt war, weil meine Haare bereits grau wurden. Wir verloren uns natürlich aus den Augen, aber immer, wenn ich an ihn denke, fällt mir wieder ein, wie hübsch ich bin.
DER GEERBTE WINTERMANTEL
Mein Vater hat mal einen umgebracht. Es war ein Unfall.
Er war Lokführer auf der Strecke zwischen Tennessee und Alabama und sah einen jungen Mann reglos auf den Gleisen stehen – offenbar ein Selbstmörder.
Mein Vater sagte, er hätte geschrien und geschrien, aber um einen fahrenden Zug zum Stehen zu bringen, braucht man volle zwei Meilen. Er hat gesehen, wie es den Jungen beim Aufprall zerriss, wie die Gliedmaßen vom Torso abgetrennt wurden. Und er sagte, bevor der Zug ihn erfasst hatte, hätte er die Augen des Jungen gesehen – das war der Teil der Geschichte, den er nie vergessen konnte und selbst dann noch vor sich sah, wenn er die eigenen Augen schloss.
Ich hatte auch so ein Gefühl, als würde es mich innerlich zerfetzen, wenn auch weniger gewaltsam; ich saß verkatert in einem Auto, das an der Grenze zwischen Tennessee und Alabama entlangfuhr, und sah einen Zug vorbeirauschen und dachte wieder an meinen Vater, der nun ebenfalls tot war. Vor einigen Monaten war er überraschend gestorben und ich trauerte immer noch um ihn – manchmal versiegte der Schmerz, dann wieder prasselte er auf mich nieder wie Regen. Momentan erlebte ich eine Trockenphase.
Ich war auf dem Weg zum Haus meiner Großmutter, um mir mein eigenartiges Erbe abzuholen: ein paar Gewehre und Wintermäntel meines Vaters.
Am Steuer des Autos saß der Mann, den ich liebte. Er hatte mich begleiten wollen – damit ich eine Schulter hatte, an der ich mich ausweinen konnte. Denn es würden ganz sicher Tränen fließen, wie er gesagt hatte.
Ich hatte die Landschaft am Fuß der Appalachen vergessen, diese Decke aus Hügeln und Bäumen, die sich je nach Jahreszeit grün, golden, braun oder weiß färbt. Ich war schon zu lange in Kalifornien und hatte die Jahreszeiten und ihre dramatischen Phasen vergessen – die drückende Schwüle im Sommer, die überraschenden Schneestürme im Winter, die Überschwemmungen, Orkane. Ich hatte das Gefühl für Jahreszeiten verloren und ignorierte seit Kurzem auch meine inneren Jahreszeiten. Mein Leben unter der kalifornischen Sonne näherte sich dem Ende – das spürte ich. Oft saß ich nur da und wartete darauf, dass mein Instinkt mich zu etwas Neuem hinführte, ganz gleich, was es sein mochte.
Ich hatte vergessen, dass die Berge hier Wasser bluten. Wasserfälle schossen aus den Felsen, als hätte jemand eine Dusche angestellt. Und bei mir fand eine Eruption der Emotionen statt.
Mein Lover fuhr. In der letzten Nacht hatte ich ihn im Bett festgehalten und war ganz bei ihm und ganz bei mir gewesen. Warum fühlte sich das so gut an? Mein Sexleben war absurd. Wenn ich mich wie üblich in Saunen herumtrieb, dann um mich zu verlieren; mit ihm war Sex weder geil noch «machomäßig» noch voller unausgesprochener Wut. So was wie mit ihm hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Es war beinahe vertraut. Als wäre ich wirklich ganz nah bei ihm – ich war DA. Fühlte sich so Liebe an?
Doch zurück zu unserer Mission. Mein Vater hatte sich auf dem Grundstück meiner Großmutter im Süden Alabamas einen Bunker gebaut. Dort lagerten seine Vintage-Wintermäntel aus der Mod-Ära und seine Sammlung von alten Gewehren. Im Schaft einer Flinte war der Name «Jody» eingraviert, so hieß mein Ur-Urgroßvater. Wir wollten auf dem Grundstück meiner Großmutter die Mäntel und Gewehre einsacken und dann für zwei Tage nach New Orleans, bevor wir zu Loverboys Haus in Tennessee weiterfuhren. Von dort aus würde ich nach Kalifornien zurückfliegen. Wenn wir Waffen über die Grenzen dieser ganzen Bundesstaaten schmuggeln wollten, dann ließ ich den Wagen lieber von einem Weißen fahren, wie ich mir überlegt hatte – das gelang ihnen besser.
Ich dachte an meinen Vater – er war old-school, immer sehr gepflegt, und besonders stolz war er auf seine Mantelsammlung gewesen; selbst ich, als sein einziger Sohn, hatte nicht gegen sie ankommen können. Als ich klein war, hatte ich ihn mal gefragt: «Dei-dii» – so sprach ich Daddy aus – «darf ich deinen Mantel haben?» Er trug dieses braungrüne Hahnentrittteil mit Holzknöpfen und breitem Kragen, das ihm fast bis zu den Knien reichte. Sein älterer Bruder war in den 70ern Mod gewesen und hatte in Soulbands gespielt – seinen Style hatte er bei ihm geklaut.
«Dads Mantel passt dir noch nicht. Aber du kriegst ihn, wenn ich tot bin.» Damals war ich bestimmt nicht älter als acht. Aber so, wie er es sagte, war mir schon klar, dass er nicht vorhatte, jemals zu sterben. Daran musste ich denken, als wir auf einen Rastplatz fuhren, und ich hätte beinahe geweint, riss mich aber zusammen.
«Hey, Baby – halten wir bei Popeyes?»
«Yes, Sir», sagte mein hübscher Fahrer.
In meiner Kindheit war ich die Strecke zu meiner Großmutter unzählige Male gefahren. Wenn er mich in den Weihnachts- und Sommerferien hinbrachte, fuhr mein Vater vier Stunden Richtung Norden, ich saß daneben, folgte den Straßenschildern mit den Augen und war glücklich und zufrieden. Loverboy und ich machten in Birmingham Pause, wo wir einen Popeyes fanden, und waren nach weiteren anderthalb Stunden in Richtung Süden fast da.
Der Weg zum Haus meiner Großmutter war so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Meile um Meile Spanish Moss, zweispurige Landstraßen, Schotterwege und Ruinen aus der Zeit der Reconstruction. Alles – sogar die wenigen Häuser, in denen offenbar noch jemand wohnte – wirkte gespenstisch verlassen. Ich fühlte mich verlassen.
Meine Großmutter stammte aus Gee’s Bend; vor Jahrzehnten hatte ein Trupp superängstlicher Weißer dort eine Fähre abgefackelt, um die Schwarzen daran zu hindern, zum Wahllokal zu gelangen. Mehr hatte meine Familie mir davon nicht erzählt. Mein Freund war white as fuck und (abgesehen von Versicherungsvertretern) schätzungsweise einer von einem Dutzend Weißen, die in den letzten zwanzig Jahren einen Fuß in diesen Teil des Landes gesetzt hatten.
Wir sahen etliche aufgegebene Kirchen. Eine Meile vor dem Haus meiner Großmutter hielten wir an, um eine zu besichtigen. Eine Ruine. Wenn mein Vater mich zu Grandma nach Wilcox County gefahren hatte, waren die unbefestigten Straßen an den Sonntagen von Autos gesäumt gewesen. Wir gingen rein. Die Polster der Kirchenbänke waren herausgerissen, überall Schimmel, Löcher im Boden, kreuz und quer liegende Holzbalken, Löcher im Dach. Wie hatte die Kirche so schnell verfallen können? Seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte, waren neun Jahre vergangen. Es schien unmöglich, dass ein Gebäude so schnell … nahezu verschwinden konnte.
Wie meine Mutter mir mal erklärt hatte, brauchten Häuser den Atem der Menschen, damit sie nicht austrockneten und zerfielen. Verlassene Häuser sind wie verlassene Menschen – sie sterben schneller.
Wir erkundeten die Kirche. Loverboy hatte eine Vintage-Kamera aus den 60ern dabei, und das Licht in der Ruine reichte gerade eben zum Fotografieren. Ich schaute zu ihm hin und erstarrte. Seine Kamera war genau auf mich gerichtet.
Wie heißt er nochmal? überlegte ich und schwieg volle zwanzig Sekunden. Trevor, TREVOR, Trevor, er heißt Trevor … uff!
Er sagte, ich solle mich vor ein Buntglasfenster stellen, mit einem Loch in der oberen Ecke. Ihm gefiel das hindurchfallende, gebrochene Regenbogenlicht – obwohl das letztlich keine Rolle spielte, da er Schwarz-Weiß-Fotos machte. Trotzdem tat ich ihm den Gefallen, weil ich wusste, dass er die Atmosphäre einfangen wollte.
Er machte das Foto, aber ich bekam wegen der vielen morschen Bodenbretter langsam Angst und fragte, ob wir weiterkönnten.
Wir erreichten das Haus meiner Großmutter, stiegen aus und liefen hinter dem Hof noch eine halbe Meile durch den Wald. Auf einer Lichtung, die mein Vater für die Jagd geschlagen hatte, hielten wir an. Unter dem Hochsitz, den er in einem Baum errichtet hatte, befand sich der Bunker. Meine Tante hatte mir den Schlüssel vor ein paar Wochen mit der Post geschickt. Wir schlossen auf und gingen rein. Der Bunker war nicht größer als ein Geräteschuppen, und drinnen herrschte perfekte Ordnung.
Strom gab es keinen, aber das Sonnenlicht reichte gerade eben aus, um alles einigermaßen erkennen zu können. An der hinteren Wand hatte mein Vater Halterungen befestigt, an denen die Gewehre hingen. Insgesamt fünf, darunter das aus den 1920ern, mit dem eingravierten Namen meines Ur-Urgroßvaters im Schaft. Ich strich mit den Fingern über die Buchstaben. «Jody» – es sah schäbiger aus als in meiner Erinnerung, und ich drückte, etwas zu gefühlsselig, einen Kuss darauf.
Rechts unter einem Tisch entdeckte ich den alten Armeekoffer, den mein Vater als nicht ganz Zwanzigjähriger beim Militärdienst benutzt hatte. Die Mäntel waren darin. Das wusste ich einfach.
Ich öffnete den Koffer, und ganz oben lag der braungrüne Hahnentrittmantel. Er hatte ihn als Letztes hineingelegt, als hätte er gewusst, dass ich es sein würde, der ihn eines Tages fand. Der Mantel war in exzellentem Zustand – er hatte ihn extrem pfleglich behandelt. Bevor mich meine Gefühle wieder übermannen konnten, rief mir Trevor vom Ausgang her etwas zu.
«Baby, lass uns doch auf dem Rückweg von New Orleans noch mal herkommen. Wir sollten lieber weiter, es wird bald dunkel, und ich möchte endlich von den Landstraßen runter», sagte er sachlich. Ich schnappte mir den alten Jagdrucksack meines Vaters und stopfte drei Mäntel rein. Loverboy und ich nahmen vier Gewehre mit und beschlossen, die restlichen Sachen auf dem Rückweg zu holen.
Als wir über die Brücke Richtung Highway fuhren, wurde mir klar, dass mir Kalifornien fehlte und ich nie wieder an diesen Ort zurückkehren würde. Nach einer weiteren halben Stunde fragte Trevor, ob ich ihn heiraten würde. Ich sagte ja.
BOYFRIENDS
BOYFRIEND 007 / DER KELLNER
Einmal hat er meinetwegen einen Typen plattgemacht. Hat die Schwuchtel einfach k. o. geschlagen. Wir waren Anfang, Mitte zwanzig und Samuel Myers (dieser WICHSER) machte eine fiese Bemerkung über meine Figur. Mein heldenhafter Retter vergaß seine gute Kinderstube und den Kellner-Knigge (hab ich schon erwähnt, dass es in dem Vierundzwanzig-Stunden-Diner-Drecksloch passierte, wo wir beide arbeiteten?), riss sich die Schürze runter und zimmerte dem Wichser Samuel Myers eine rein. Ich war ihm was schuldig – am Valentinstag steckte ich ihm einen Fünfziger ins Tippglas und einen Zettel: DU HAST MEINETWEGEN EINEN TYPEN PLATTGEMACHT
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BOYFRIEND 99,5 (%) / DER TRÄUMER
Er sagte zu mir (als er MEGA betrunken war): «Ich wollte nie ein Stern am Himmel sein. Irgendwann sterben die sowieso, und ich bin zum Sterben viel zu belanglos. Ich bin Äther oder wie das Zeug heißt. Dieses negative Nichts, in dem die Sterne rumschweben. Da ist das Olberssche Paradoxon am Werk, wenn du so willst. Der Stoff, der schon vor den Sternen da war und auch lange danach noch da sein wird. Wir sind davon umgeben, können ihn aber nicht berühren. Es ist Treibsand, glaube ich. Ich kann das genauer erklären … Ist dir schon mal aufgefallen, dass dich alles im Leben verlässt? Männer verlassen dich, dein Aussehen verlässt dich (deshalb übe ich oft, scheiße auszusehen), dein Geld verlässt dich. Das ist schon okay. ABER. Wenn du etwas mit deinen Händen erschaffst, dann kannst du es (manchmal) für immer behalten. Nehmen wir mal an, du schreibst ein Buch. Und nehmen wir mal an, es ist so gut, dass es nicht nur dich und seine schärfsten Kritiker überlebt, sondern mehrere Generationen, die nicht mal von seiner Existenz wissen. Vielleicht gibt es auf meine Frage keine Antwort, und es läuft auf das Gefühl hinaus, das ich am Anfang beschrieben hab – dein unsterbliches Buch und die Wörter darin schweben bis in alle Ewigkeit auf der Seite, segeln für immer auf demselben Meer, tänzeln und hüpfen unaufhörlich darüber hinweg, als hätten sie nichts zu befürchten. Unberührbar, unerreichbar, und trotzdem überall – kannst du dir das vorstellen?» Er lächelte, aber ich war längst eingeschlafen.
BOYFRIEND ZERO / DER MODEREDAKTEUR
Die Stille war ohrenbetäubend, und das war nicht das einzige Klischee im Raum. Der Mann hatte seine Rummachmusik seit den Neunzigern nicht verändert – bis zum Abwinken Cibo-Matto-Tapes und der ganze andere Kram aus seiner ehemaligen Hipsterzeit, den er wie Duffel Bags mit sich rumschleppte. Die Zeit, die sie zusammen verbrachten, fühlte sich an wie zwischen Sonnenuntergängen; das letzte orangerote Glühen der letzten Minute des Tages hatte sich noch nicht mit dem neuen Violett der Nacht vermischt. Der Sex hatte sich im selben Stillstand verfangen. «Hab heute keine Lust», sagten sie wie aus einem Mund und mussten beide kichern. Weil es keinen anderen Grund gab, sich dem anderen zu widersetzen, und sie sich auch nichts beweisen mussten, gingen sie ins Bett und hielten einander selbst dann noch fest, wenn das Bett vom Aufeinanderpressen ihrer Haut schweißnass und ungemütlich geworden war, und keiner von ihnen machte sich die Mühe, die Bettwäsche zu wechseln, denn so schlimm war es dann doch nicht.
BOYFRIEND #77 / DER CHEFKOCH
Er lud mich in sein Restaurant ein. Er kochte für die Kings und Queens der Kunstszene, meistens teuren Vegan-Scheiß, inspiriert von Rockmusikern aus den Neunzigern. Oft erklärte er mir meine Gefühle. Oh my god, er war alles, was ich niemals haben würde, aber als ich ihn dann hatte, wollte ich ihn nicht mehr. Als hätte man einen Whiskey haben wollen und das Glas dann minutenlang verführerisch vor sich auf dem Tresen stehen lassen. Um den Whiskey selbst ging es nicht, eher darum, die Vorfreude zu steigern. Und schon bald kippte ich ihn gläserweise runter, als würde man mich dafür bezahlen.
BOYFRIEND 2.0 / DER FEUERWEHRMANN
Er sagte, er wolle mich anzünden wie eine Zigarette – er inhalierte mich gierig, genüsslich und absolut sorglos. Ich war nur einer von vielen in seiner Schachtel, vielleicht sogar in einer ganzen Stange; ein Morgen war für ihn offenbar wie der andere, ganz gleich, wer nachts bei ihm gewesen war. Ich glaube nicht, dass er sich viel aus den Jungs machte. Seine Kettenraucherei schien im Einklang mit (im Widerspruch zu?) allem anderen zu stehen. Er war Feuerwehrmann, noch dazu groß und stark. Die Muskeln stammten aus seiner frühen Teenagerzeit. Er zeigte mir Videoclips, wie er auf dem Skateboard durch eine südkalifornische Vorstadtsackgasse bretterte; der Grund für seinen kräftigen Körper und die ausdefinierten Muskeln und vermutlich auch für sein scheißausgeprägtes Selbstbewusstsein. Kennengelernt hatte ich ihn vor Jahren – als ich in einer Fabriketage nahe Downtown wohnte. Er lief mir wie ein Welpe bis in mein Zimmer hinterher, und dann passierte es: Sperma flog in alle Richtungen. Er war um einiges größer als ich, deshalb passte ich nach unseren epischen Sperma-Spritz-Battles perfekt in ihn rein. Irgendwann zog er weg, in ein Waldgebiet in Nordkalifornien. Nur seinetwegen verwandelte sich das ländliche Kalifornien nicht in einen Haufen Asche.
Er hatte in Mendocino gerade eine Reihe von Bränden gelöscht. Er zog sich nackt aus. Ich konnte sehen, wo der Löschrucksack seine Haut gereizt hatte. Immerhin war sie noch dran. «Sorry, dass ich dir bei meinem letzten Besuch in der Stadt meinen Schwanz vorenthalten hab», sagte er. (Richtig gepoppppppt hatten wir noch nie.) Doch jetzt wollten wir es wissen. Es fühlte sich – anders kann ich es leider nicht sagen – «schön» an, als hätten wir uns füreinander aufgespart. Er war der einzige, mir bekannte Mensch, der tatsächlich genderfluid war: Mann, Frau, alles dazwischen und dazu noch sämtliche Hautfarben. Der Junge steckte seinen Schwanz in jeden und jede rein, und ich bewunderte ihn, weil er so eine Megaschlampe war. Er zeigte mir Fotos von seiner kleinen Tochter, und wir lasen uns den ganzen Nachmittag gegenseitig etwas vor. Danach ging er und kam nie wieder.
BOYFRIEND #33 / DER FRISÖR
Ich brauchte Asymmetrie und wollte mir deshalb die Haare blondieren lassen, einmal quer über den Kopf. Das war es nämlich, was mir fehlte: dieser eine zündende Funke, damit die Leinwand endlich aufflackerte. Ich war Filmemacher und kurz davor, endlich den Dreh rauszukriegen und meine große Vision wahr werden zu lassen. Waren meiner Fantasie Grenzen gesetzt? Nein, entschied ich. Bei meinen Haaren – bisher unblondiert – fing ich an. Mein Frisör war sexy. Pummeliges Engelsgesicht mit pummeligem Engelsschwanz. Mir fiel auf, wie rau und rissig seine Hände waren von den vielen Chemikalien, Haarfarben und Extensions, mit denen er bis zwei Uhr morgens rumhantierte, weil er als einziger nach zweiundzwanzig Uhr noch Kundinnen ohne Termin in den Laden ließ. Manchmal nahm er sogar nach eins noch eine dran, was für einen Frisör für Schwarze Frauen eine gottverdammte Leistung war. Und er war schnell, brauchte fürs Einkleben von Extensions so was wie fünfundvierzig Minuten (ich hab’s selbst gesehen). Auf der Kinoleinwand in meinem Kopf schaute ich von meinem Regisseur-Thron zu (in Wahrheit saß ich natürlich auf dem Frisierstuhl), wie er lila Paste quer über meinen Kopf schmierte. Das Chemiezeug blieb so lange drauf, bis mir fast schwindelig wurde. «Je länger du’s drauflässt, umso blonder wird’s», sagte er. Ich wurde nicht weich – ich wurde blond, gottverdammt. Ich schwitzte es aus. Er tat eine Pflegespülung rein, und wir fickten hinten in seinem Laden. Er filmte es. Am nächsten Tag hatten meine Haare die Farbe und Textur von Zuckerwatte und fielen komplett aus.
BOYFRIEND #40 / DER GENTLEMAN
Sie waren das seltsamste Paar, mit dem ich jemals gefickt hatte. Richtig wohl fühlte ich mich bei ihnen nicht. Sie tranken Wein und stritten sich in einer Tour, und zwar so, dass klar war, wie sehr sie sich gegenseitig hassten. Ein Boyfriend war weiß und der aktive Part, er hatte einen Riesenschwanz, gottseidank, er war nämlich strunzdumm. Von Integralrechnung hatte er keinen Schimmer. Er hatte einen Mega-Landeiakzent und erzählte uns diese Geschichte, dass er mal von oben bis unten mit Fäkalien beschmiert im Knast aufgewacht und beinahe für längere Zeit ins Gefängnis gewandert war, aber zum Glück hatte seine Mutter ihm 12.000 Dollar geliehen und alles hatte sich geklärt. Sein Boyfriend war ein mexikanischer Künstler, der mich die ganze Zeit anglotzte, als wollte er mich abstechen, weil ich seinen scheißweißen Boyfriend vögelte. Der Aktive war bald richtig besoffen und musste ins Bett, und weil es schon spät war, blieb ich da und schlief auf der Couch. Mitten in der Nacht weckte mich der Mexikaner auf, weil er ficken wollte, ich konnte mich gar nicht schnell genug ausziehen. Er kam sofort und baute sich dann vor mir auf. Ich spürte das Innere meines Arschlochs, dieses nasse, klebrige Gefühl, als hätte er einen Beweis hinterlassen wollen, dass er dort gewesen war. Er faltete meine Sachen ordentlich zusammen und legte sie neben mich. Dann küsste er mich auf die Stirn und sehr leidenschaftlich auf den Mund und flüsterte: «Du musst jetzt gehen.»
DAMN A LOVER COMES HOME TO DIE
Wieder einmal steht er unangemeldet vor meiner Tür – nach einem wie-viel-auch-immer-tägigen Speed-Gelage. Seine Schuhe sind weg. Er atmet schwer und stinkt, als wäre er stundenlang durch heiße Straßen gelaufen.
Mein Herz zieht sich zusammen. Er ist so anders als der duftende europäische Dandy, den ich damals kennengelernt habe; gleich bei unserer ersten Begegnung hat er mich verzaubert. Viel Mühe musste er sich nicht geben, das war mir sofort klar – sein Wunsch war mir Befehl, selbst dann, wenn er nichts zu sagen hatte. Dabei war er nicht der Typ, den man einfach lieben musste. Eigentlich war er sogar ein Arschloch, doch vor allem war er jemand, den Gott nur für mich gemacht hatte.
Er war witzig, besorgniserregend schön, dauergeil, und wäre es nicht so traurig gewesen, hätte man seinen Selbstzerstörungstrieb sexy nennen können. Vielleicht war so was sexy gewesen, als wir noch jünger waren – aber es hatte sich längst von sexy in dämonisch verkehrt. Trotzdem hatte er immer noch Macht über mich, erklären konnte ich es nicht, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, nein zu ihm zu sagen.
Es dauert nur eine halbe Sekunde, bis all diese Gedanken mein Hirn durchfluten, aber ich merke, dass er bereits sauer ist, weil ich fürs Wiedererkennen so lange brauche. Als wollte er mich provozieren und abwarten, ob ich es wage, ihn nicht reinzulassen.
Er sagt nichts, was mich irritiert, denn als es das erste Mal passierte, knallte es gewaltig – nun taucht er zum zweiten Mal völlig neben der Spur bei mir auf, und ich sage mir, nie wieder, aber das habe ich auch schon beim letzten Mal und jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Beim ersten Mal stand er komplett neben sich und war völlig irre. Eine extrem aktive Dissoziation. Er hatte Krämpfe, keuchte, würgte. Er machte Sachen kaputt und brüllte, dass ich mich aus seiner Wohnung verpissen sollte, dass er mich umbringen würde. Die Stimmung wandelte sich so schnell, dass ich nur stumm da stand. Er zog Shirt und Hose aus, und die Einstichstellen auf seinen Armen und Beinen erinnerten mich an Sternbilder. Er legte sich auf die Couch, sprang aber im nächsten Moment wieder auf; in Unterwäsche rannte er aus meiner Wohnung, ich lief ihm nach, verfolgte ihn, rief ihm hinterher, er solle zurückkommen, doch er rannte schneller und schneller. Das ist Jahre her. Ich war davon ausgegangen, dass er längst tot ist, und hatte die Erinnerungen an ihn begraben.
Dieses Mal ist er ruhiger. Er hat keine Energie mehr und ist so dünn, dass ich weinen möchte. Ich rasiere ihm den Schädel, lasse ihm ein Bad ein und schmeiße seine stinkenden, zerlumpten Klamotten weg. Ich schaue nach, ob ich saubere Sachen habe, damit er später bei mir im Bett liegen kann. Weil ich weiß, dass er innerlich verbrennt und sich beim Schlafengehen am liebsten unter eine kühle Decke legt, drehe ich die Klimaanlage hoch. Das habe ich aus der Zeit, als wir zusammen wohnten, noch in Erinnerung.
Vor fünfzehn Jahren war es noch seine Wohnung. Heute regen sich die Leute über die Preise in der Stadt auf, aber, mein Gott, selbst als man für eine Ein-Zimmer-Wohnung noch 650 Dollar zahlte, konnten wir sie uns kaum leisten. Ich war aus meiner Bude rausgeflogen, und er ließ mich bei sich einziehen, weil er mich in seiner Nähe haben wollte. Er wollte Ehepaar spielen. Und es lief gut. Oder sagen wir, es lief länger gut, als ich erwartet hatte.
Meinetwegen hätte er mit dem Kopf unter dem Arm vor meiner Tür stehen können, ich hätte ihn trotzdem reingelassen – so sehr fühle ich mich ihm gegenüber überflüssigerweise verpflichtet. Als wir jung waren, sagte ich zu ihm: «Nein, ich werde dich niemals verlassen» – und er hielt mich im Klammergriff meines Versprechens wie ein Fangeisen eine Bärentatze.
Ich lasse ihm ein Bad ein und helfe ihm in die Wanne. Der Junge, der mir gefehlt hat, existiert schon sehr, sehr lang nicht mehr. Aber von dem, was von ihm noch da ist, kann ich mich nicht trennen. Der ehemals große, schöne Stern ist unter seinem eigenen Gewicht kollabiert und hat sich in ein schwarzes Loch verwandelt.
Ich erinnere mich an die Zeit, als wir jünger waren – er war derjenige, der mich ausgesucht hatte. Das weiß ich noch. Ich kellnerte in dem Diner um die Ecke von dem Laden, wo er Barkeeper war. Wir können nicht älter als zweiundzwanzig gewesen sein. Nach seiner Schicht schaute er im Diner vorbei, eine Woche lang kam er jede Nacht um Punkt drei Uhr rein. Er saß immer auf demselben Platz und glotzte mich an. «Haben Sie noch einen Wunsch, Sir?», fragte ich. «Ja, aber nichts, was auf der Karte steht», antwortete er dann mit freundlichem Zwinkern und hielt sich noch ein halbe Stunde an seiner Tasse Kaffee fest. Ich sah, wie er jede meiner Bewegungen mit den Augen verfolgte, und fand das ziemlich unhöflich. Nachdem ich bei ihm eingezogen war, meinte er, so habe er nicht rüberkommen wollen, und sagte: «So was wie dich hatte ich noch nie gesehen.» Bis heute hat er mir nicht erklärt, was er damit meinte. So was wie mich? Meinte er einen Punk, der in einem Diner arbeitet? Mein Gott, damals WIMMELTE es in der Stadt nur so von Jungs wie mir. Oder meinte er einen Schwarzen wie mich? Oder meinte er jemanden außerhalb des Mengendiagramms der sozialpolitischen Identitätspolitik?
Ich kann nur vermuten, dass er Schwarz meinte, weil er uns beide, obwohl er mich liebte, nie als etwas Gleiches ansah. Ich wusste, dass ich in seinen Augen «anders» war, und sollte eines Tages auch erfahren, warum das so war.
Vom Aussehen her war er der Typ Cholo – wenigstens hätten sich die sexuellen Erwartungen bei seinem Anblick in diese Richtung bewegt. Er war Mexikaner, eins neunzig, etwas kräftiger gebaut, mit dem Gesicht eines gefallenen Engels (überall tätowiert) und hatte genau den Style: besprühtes Skateboard, schwarzer Hoodie, Giants-Cap. Um seinen Hals hing eine Goldkette mit Kruzifix, auf das ich mich konzentrierte, wenn er es trug, also praktisch jeden Tag. Ich hatte genug Jungs mit katholischem Dachschaden gefickt, um zu wissen, dass einer, der ein Kruzifix um den Hals trägt, definitiv eine Nutte ist. Dieser war eine Nutte. Trotzdem war die ganze scheiß Aufmachung totaler Fake, denn sein Arsch war so Orange County wie eine Shoppingmall direkt neben Disneyland.
Ich weiß noch, wie er mich an Thanksgiving nach Südkalifornien schleppte, damit ich seine Familie kennenlernte. Ich hatte mit einem spanischen Festmahl à la Kolonialzeit gerechnet, mit Tamales oder Mole, doch dann hing im Wohnzimmer seiner Familie eine gerahmte amerikanische Fahne, und ich glaube, seine Mutter war beleidigt, weil ich sie wohl entgeistert angesehen habe, als sie an Thanksgiving ein Fertiggericht auftischte. Außerdem lief die ganze Zeit der Fernseher mit den Nachrichten. Ich kam mir vor wie in der Hölle und bekam Mitleid mit ihm. Wie war es möglich, dass dieser Mensch hier aufgewachsen war?
Ich weiß noch, dass er mal zu mir sagte: «Ich find’s toll, dass du von irgendwo herkommst – ich hab nicht das Gefühl, von irgendwo herzukommen.» Ich dachte wieder an Thanksgiving und wusste sofort, was er meinte. Doch das war nur eine der vielen Leerstellen in seinem Leben, eins der vielen Löcher, die er mir so gerne zeigte.
Ich musste nicht erst in eine Glaskugel blicken, um seine Probleme zu erkennen. Er hatte die Angewohnheit, sie gut sichtbar vor mir auszubreiten.
Als wir zusammen wohnten, hatte er zum Beispiel noch andere Boyfriends – etliche Daddys, aber auch Jungs in unserem Alter. Manchmal musste ich einen kennenlernen, und es war immer dasselbe. Irgendein bizarrer Typ, der außerhalb unserer Welt existierte; er versuchte immer, sich «hochzudaten». Mit keinem dieser Männer lief es lang, und ich fand es scheißunhöflich, dass er den Nerv hatte, mir seine Nutten vorzuführen.
Aber mich hatte er nun mal zu seinem Liebling auserkoren, und lange Zeit waren wir glücklich. Jedenfalls länger, als ich erwartet hatte.
Aus unseren ersten Begegnungen erwuchsen Nächte, in denen wir komplett zugedröhnt bis weit nach Sonnenaufgang durch die Stadt zogen. Er tauchte in meinem Diner auf, mit Tütchen von irgendwelchen Drogen, die er in seiner Bar abgestaubt hatte. Wir zogen uns alles rein, warteten das Ende meiner Nachtschicht um sechs Uhr früh ab, begaben uns zu dieser einen Bar, die rund um die Uhr geöffnet hatte, und feierten dort bis in den Nachmittag. So machten wir es gefühlte Jahre, in Wahrheit waren es wohl nur ein paar Monate. Mit ihm kam mir die Zeit immer verschwommen und verzerrt vor. Ein Tag mit ihm fühlte sich an wie eine Stunde und gleichzeitig ein ganzes Leben. Das war die Art Liebe, die uns verband.
Ich weiß noch, eines Nachts prügelten wir uns sternhagelvoll wegen gar nichts in einer Bar und flogen raus. Etliche Blocks weiter versöhnten wir uns in einem Ladeneingang – wir hockten uns auf den Boden, knutschten rum und hatten dann auf der Straße Sex, drei Leute kamen vorbei und blieben nicht mal stehen. Gott schütze San Francisco.
In einer anderen Nacht meinte er total besoffen zu mir, wenn ich ihn wirklich liebte, würde ich alles tun, was er von mir verlangte. Ich erwiderte: «Ja, ich liebe dich. Ich würde alles tun, was du von mir verlangst.» Daraufhin zog er mich am Arm unter einen Sattelschlepper, der vor einer roten Ampel hielt. Dort machten wir eine halbe Ewigkeit rum, dann hörten wir das Getriebe und liefen weg, bevor uns der Laster überfahren konnte.
Natürlich gab es auch Regeln – er bezeichnete mich nie als seinen Boyfriend. Wir vögelten zusammen, wohnten zusammen und wären beim Feiern fast zusammen draufgegangen – das komplette Scheißprogramm. Aber er war der Liebhaber und ich der Geliebte. Ich musste alles tun, was er von mir verlangte; als wären wir so ein inzestuöses Geschwisterpaar, ich der jüngere Bruder, der sich immer nach dem anderen richtet, was schon komisch war, denn wir waren ja gleich alt.
Meine Beziehung zu ihm war eine besondere Form von Mindfuck – wir benahmen uns wie Boyfriends, obwohl wir es offiziell nicht waren, in Wahrheit jedoch schon. Wir machten alles, was Leute machen, die sich zu gut kennen. Oft wechselten wir einander darin ab, tödlich gelangweilt zu sein. Wenn ich körperlich oder mental präsent war, war er es nicht – sogar, wenn wir am selben Tisch aßen oder im selben Bett miteinander Sex hatten.
Es fing damit an, dass er immer öfter nicht nach Hause kam. Er stand auf ältere Daddys, vor allem solche, die ihn auf Pfade lockten, die finsterer waren, als er sie für mich vorgesehen hatte. Er gab damit an, dass er tagelang bei dem einen Daddy mit den blickdichten Ledervorhängen rumhockte, Drogen nahm und kein Tageslicht sah. Irgendwann hatte ich genug davon, ihn nach seinen Exzessen wieder aufzupäppeln. Ich hatte immer das Gefühl, seine Daddys wollten alles Gute an ihm mit den Drogen, die sie in ihn reinpumpten, abtöten und ihn in ein zugedröhntes Porno-Püppchen verwandeln. Waren sie mit ihm fertig, musste ich die Scherben wieder zusammenkleben. In einem Winkel meines Hirns muss ich – obwohl alle Faktoren dagegen sprachen – geglaubt haben, er würde mich bitten, ihn zu heiraten. Doch irgendwann wurde mir klar, dass ich für ihn nie mehr sein würde als ein Krankenpfleger und Ersatz-Boyfriend. Hätte er mich Jahre zuvor nicht vor der Obdachlosigkeit bewahrt, ich hätte mich von seinem Zauber womöglich lösen können, doch seine frühere Großzügigkeit hielt mich wie ein Sicherheitsgurt in meiner Position. Die Fahrt ging immer weiter, Aussteigen unmöglich. Inzwischen sind wir beide zweiunddreißig.
Pulsuz fraqment bitdi.