Kitabı oxu: «Religion – Eine Zukunft für die Zukunft»

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Über dieses Buch:

Die Religion gibt es seit es Menschen gibt. Was als individuelles religiöses Empfinden begann, entwickelte sich zu einer Institution, die bald ziemlich viel Einfluss auf alle Bereiche menschlichen Lebens nahm. Lange Zeit war die Religion aus unserem Leben nicht wegzudenken, aber seit der Morgenröte des Zeitalters der Vernunft und der ­Wissenschaft schwindet die Bedeutung der ­Religion, nicht zuletzt auch, weil sie sich vordringlich um den Erhalt ihres gesellschaftlichen Einflusses sorgt und ihre Kernaufgabe vernachlässigt.

Man könnte dieses Buch als anti-religiös bezeichnen, weil es das Ende des traditionellen Religionsverständnisses und der mechanischen Religionstradition beschwört, oder als super-religiös, weil es Gott kompromisslos in den Mittelpunkt stellt und die Religion auffordert, zu ihrer wahren Natur zu finden. Traditionelle Religion folgt dem Prinzip „Divide et impera“, indem sie Gott und den Menschen gegenüber und gegeneinander und sich selbst in den Mittelpunkt stellt; wahre Religion hingegen stellt Gott in den Mittelpunkt und sucht ihn im Menschen zu finden und hervorzuholen. Gott und Mensch sind keine Widersprüche, sondern eine Einheit. Durch diese Einsicht relativieren sich die Eigenheiten der verschiedenen Religionen und es öffnet sich der Weg zu einer nicht nur konfessions-, sondern religionsübergreifenden Ökumene, in der Glaubenskriege eine Sache der Vergangenheit sein werden. Wenn der religiöse Organismus, der hier ausführlich analysiert wird, gesundet, kann er zur Speerspitze eines tiefgreifenden und notwendigen gesellschaftlichen Wandels und Paradigmenwechsels werden.

Anand Buchwald

Impressum

2020

ISBN (print) 978-3-86710-195-0

ISBN (epub) 978-3-86710-196-7

ISBN (mobi) 978-3-86710-205-6

Copyright 2020 Mirapuri-Verlag, Gauting

Gesamtherstellung: Miraprint Offsetdruck, Gauting

INHALT:

1. Fragen zu Religion und Gesellschaft

2. Die gesellschaftliche Evolution der Religion

3. Die individuelle Evolution der Religion

4. Die Religion als Organismus – Der Körper

5. Das Leben der Religion

6. Das Mentale der Religion

7. Das Transformsyndrom

8. Gott und Seele und Ego

9. Die religiöse Praxis a) Die religiöse Unterweisung b) Der Gottesdienst c) Das Gebet d) Gottesbild und Predigt e) Das Opfer f) Die Beichte

10. Die individuelle Evolution der Religion, Teil 2

11. Willensfreiheit und Selbstbestimmung

12. Eine rationale Religion

13. Eines Tages … (3. Blickwinkel)

Verlagshinweis

1. Kapitel

Fragen zu Religion und Gesellschaft

Ein Bereich des menschlichen Lebens, der recht kontrovers betrachtet wird und der sehr große Auswirkungen auf unsere globale Gesellschaft hat, ist die Religion. In einer kurzen und oberflächlichen Definition ist Religion der Bereich des menschlichen Lebens, der sich mit dem Göttlichen beschäftigt und mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Ritualistik verbunden ist. Dabei gibt es durchaus Grenzfälle wie den Buddhismus, der keine explizite Gottheit kennt, aber sehr rituell ist, oder den Fußball, der rituell wie eine Gottheit verehrt wird, oder die Religion des Fliegenden Spaghettimonsters, die formell eine Gottheit hat, der rituell gehuldigt wird, die aber scheinbar nur aus Spaß gegründet wurde. Die Religion ist ein Quell sozialen Fortschritts, sozialer Stagnation und sozialen Rückschritts. Sie ist verantwortlich für vermutlich wesentlich mehr Krieg als Frieden. Sie vermag uns zu inneren Weiten zu öffnen oder uns diese durch obstinate Engstirnigkeit zu verschließen. Und sie hat Einfluss auf gewaltige Menschenmassen, auch wenn dieser in der westlichen Welt langsam weniger wird.

Noch aber ist die Religion eine Macht mit gewaltiger Sprengkraft, die bei der Ausformung der Zukunft und bei der Entfaltung des Menschseins eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, sie ist eine Kraft, die im Konzert der Mächte dieser Welt eine bedeutende Rolle einnimmt und mithelfen kann, die Menschheit in eine hoffnungsvolle und lebenswerte Zukunft zu führen. Sie könnte bei den Entwicklungen, die vor uns liegen, das Zünglein an der Waage darstellen. Dementsprechend trägt sie auch eine enorme Verantwortung.

Aber wird sie dieser Verantwortung auch gerecht?

Und steht ihr diese Verantwortung überhaupt zu?

Und wenn nicht, was ist ihre Verantwortung, welches ist ihre eigentliche Aufgabe im Gesamtbild der menschlichen Gesellschaft, und erfüllt sie diese Aufgabe auch zufriedenstellend?

Und das führt dann zu der grundlegenden Frage, was Religion eigentlich ist, wo sie beginnt und wo sie aufhört und wie es um die viel gerühmte Religionsfreiheit steht.

All diese Fragen müssen geklärt werden, nicht nur intellektuell und individuell, sondern vor allem ganz praktisch und global mit den zugehörigen Wandlungen und Paradigmenwechseln. Das ist kein leichtes Unterfangen, insbesondere weil es dem aktuellen Selbstverständnis der Religion widerspricht und die Beharrungskräfte ihrer Organisation und Nicht-Organisation enorm sind.

Und dann ist da noch das Problem mit der Alleingültigkeit, die nahezu jede Religion wie selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt.

Der erste wichtige Schritt für diese Unternehmung besteht darum darin, die Evolution der Religion etwas genauer zu beleuchten.

Es ist die wahre Aufgabe der Religion, Geist, Leben und die körperliche Existenz des Menschen für die Aufnahme des spirituellen Bewusstseins vorzubereiten. Sie muss ihn zu dem Punkt führen, wo das innere Licht voll aufzuleuchten beginnt. Die Religion muss lernen, sich in diesem Moment unterzuordnen und nicht auf ihren Äußerlichkeiten zu bestehen, sondern dem inneren Spirit selbst volle Bewegungsfreiheit zu geben, damit er seine eigene Wahrheit und Wirklichkeit entwickeln kann.

Sri Aurobindo

2. Kapitel

Die gesellschaftliche Evolution der Religion

Über die soziale und gesellschaftliche Entwicklung der Anfänge der Menschheit gibt es weder gesicherte Erkenntnisse noch Überlieferungen, wenn man von einem reichhaltigen Fundus an Schöpfungsmythen überall auf der Welt absieht. Aber die Erde beherbergt auch heute noch eine ganze Skala von Kulturen mit den unterschiedlichsten Zivilisationsstufen, und deren Studium, zusammen mit archäologischen Funden und Erkenntnissen und vor allem modernen Einblicken in die menschliche Psyche, erlaubt uns eine Extrapolation der Vergangenheit, die freilich nicht fehlerlos sein kann.

Aber man kann davon ausgehen, dass religiöse Empfindungen bereits den Beginn der Bewusstwerdung der menschlichen Lebensform begleiteten. Irgendwann hörten unsere ersten Vorfahren auf, ausschließlich wie Tiere zu empfinden und wahrzunehmen und begannen bewusst mit ihrer Umwelt zu interagieren. Als Tiere waren sie nahezu ausschließlich instinktgetrieben und eingebunden in ihre Umwelt und ein Lebensganzes. Mit dem Beginn der Menschwerdung lösten sie sich unmerklich von dieser Einbindung und der Instinktsteuerung — ein Vorgang, der bis heute nicht wirklich abgeschlossen ist.

Je mehr die Instinkte in den Hintergrund traten, desto mehr stellte sich eine Empfindung des Verlustes dieses Eingebundenseins und dieses Einsseins ein. Und mit dem wachsenden Intellekt kam das Bewusstsein, dass man viele Dinge und Zusammenhänge nicht wirklich verstand. Das tat man zwar auch in der vormenschlichen Zeit nicht, aber da befand man sich im Fluss und hatte kein Bedürfnis nach Verständnis und auch kein denkendes und reflektierendes Bewusstsein. In der Folge wurde diese vage Erinnerung an das Eingebundensein ebenso mystifiziert wie die unverstandenen Gewalten, denen sich der Mensch ausgeliefert sah. Diese wurden als größer und übergeordnet empfunden, und aus der Achtung und Furcht, die ihnen entgegengebracht wurden, entwickelte sich die Empfindung und das Konzept einer höheren, abgetrennten, übergeordneten und verehrungswürdigen Instanz; es entstanden die ersten religiösen Gefühle.

Diese Instanz war fragmentiert und mit den umgebenden Naturgewalten und Erscheinungen assoziiert, mit Blitz, Donner, Regen, Sturm und mit dem Feuer oder auch mit den Jahreszeiten. Diese mutierten ebenso zu Geistern und Gottheiten wie etwa die Pflanzen, die Schutz bietenden und Nahrung tragenden Bäume oder die Nahrungspflanzen und die Heilpflanzen. Die Geister wohnten entweder in den Pflanzen oder beschützten diese und gestatteten dem Menschen deren Nutzung. Der Mensch war also von höheren Wesenheiten abhängig und auf deren Wohlwollen angewiesen. Er musste immer in Verbindung mit ihnen stehen und für gute Stimmung sorgen, durfte also keinen Raubbau an den Ressourcen betreiben, die ihm als Gabe zur Verfügung gestellt wurden, und versuchte dieses Wohlwollen auch mit Opfergaben zu erkaufen.

Das Gleiche galt auch für die jeweilige Tierwelt, die einen womöglich größeren Eindruck auf die frühzeitlichen Menschen machte. Die Tiere wurden oft als kleine oder große Brüder betrachtet, von denen man lernen konnte und die einen beschützten. Besonders die großen Raubtiere wie Bären und Wölfe wurden nahezu global verehrt, und lokal kamen noch weitere hinzu, die aus verschiedenen Gründen Eindruck machten, etwa wegen ihrer Wendigkeit oder Schlauheit. Ein Beispiel für eine solche lokale Verehrung ist der Bison der nordamerikanischen Prärieindianer. Einige wenige erlegte Tiere konnten einen ganzen Stamm für lange Zeit ernähren. Und als Zeichen, dass man die Gabe des mystischen Großen Bisons oder des Großen Geistes, der sich im Großen Bison ausdrückt, auch wirklich schätzte, wurden soweit wie möglich alle seine Bestandteile einer sinnvollen Verwendung zugeführt. Man könnte aus moderner Sicht sagen, dass die Bisons nachhaltig bewirtschaftet wurden. Und als dann der weiße Mann kam und die Bisons zum Sport oder nur seiner Felle wegen jagte und sie dabei praktisch ausrottete, war das für die Indianer ein Kulturschock und eine unfassbare Barbarei.

Ebenfalls in diese Phase fiel die Vorstellung der Erde als Mutter oder Urmutter, die alles hervorgebracht hat und die alles gleichermaßen hegt und pflegt und liebt und vor deren Augen alle gleich und vielleicht auch gleichwertig sind, so dass die ganze Natur als eine große Familie empfunden wurde — mit den üblichen Familienstreitigkeiten. Damit wurde damals bereits die Grundlage für die spätere Vorstellung eines einzigen und allmächtigen Schöpfergottes gelegt.

Mit der Bewusstwerdung gingen die auftauchenden Vorstellungen, Konzepte und Empfindungen aus dem individuellen und privaten Bereich in den öffentlichen Bereich über und wurden zunehmend systematisiert und organisiert. Dieser Vorgang entsprach im Prinzip einer sozialen und spirituellen Spaltung, einem Übergang von einer individuellen und wahrscheinlich unausgedrückten Urreligion zu einer lokalen, organisierten Religion. Die damit verbundene Arbeit übernahm anfangs sicherlich der Häuptling oder der Clanführer oder das Stammesoberhaupt in Personalunion. Als die Gruppen größer wurden, kam es zu einer Art politischen Spaltung, indem eine ausgewählte Person, aus der sich im Laufe der Zeit der Schamane (oder die Schamanin) entwickelte, der häufig auch gleichzeitig Medizinmann (oder Medizinfrau) war, den spirituellen oder sakralen Teil der Stammesführung übernahm. Aufgabe des Schamanen war es, mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen, die Geister gewogen zu stimmen, Rituale abzuhalten (und sie auch zu entwickeln), das Wissen dieser sich entwickelnden Naturreligion weiterzugeben, böse Geister auszutreiben und den Stammesführer zu beraten. Zwar war es die Aufgabe des Stammesführers, das Überleben und Wohlergehen aller zu sichern, aber der zusätzliche Blickwinkel eines Schamanen, der die Welt mit anderen Augen betrachtet, konnte ihm diese Arbeit bisweilen erleichtern.

Allerdings war das Verhältnis der beiden nicht immer ungetrübt. Ein etwas zu sehr von sich überzeugter und von seiner Machtfülle eingenommener Stammesführer war dann über die Eingaben oder die Einmischung des Schamanen nicht sehr erbaut. Und der Schamane, der seinerseits über eine eigene, spirituelle Einflusssphäre und Machtbasis verfügte, war oft durchaus nicht abgeneigt, seinen Einfluss auf den weltlichen Bereich auszuweiten.

Im Laufe der Zeit wurden immer mehr der ursprünglichen Jäger und Sammler sesshaft, und es entwickelten sich größere Ansiedlungen und Städte. Parallel dazu schritt auch die Entwicklung der Religion voran. Da die Stammesstrukturen nach und nach abgebaut und die Beziehungen der Menschen durch die zunehmende Anonymisierung lockerer und unverbindlicher wurden, konnte die intime und immer noch einigermaßen individuelle Form der Religion, wie sie im Stammesverband verstanden und ausgeübt wurde, nicht länger aufrecht erhalten werden. Auch trafen nun vermehrt leicht unterschiedliche Religionsauffassungen aufeinander. Zudem war vermutlich durch die geringere Identifikation großer Menschenansammlungen der Zusammenhalt und das Einheitsgefühl in der Siedlung weniger ausgeprägt als in den alten Stammesverbänden. Die verschiedenen Glaubenssysteme mussten zusammengeführt und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden.

Diese Umstände und die damit verbundenen Notwendigkeiten führten dann zu einer neuen Form der Religiosität, die weniger individuell und fließend geprägt, sondern genauer definiert und festgelegt war. Die Religion bekam eine äußere Form und eine festere innere Struktur.

Die Naturgewalten, Geister und Götter nahmen einen definierteren, genauer umrissenen Charakter an und erhielten eine Persönlichkeit, die sich stark an menschlichen Eigenschaften orientierte; ihnen wurden Bereiche des menschlichen Lebens zugeordnet, über die sie herrschten, sie erhielten ein Geschlecht, eine Gestalt, und es wurden ihnen Attribute und Accessoires zugeschrieben. Diese mystischen Wesenheiten unterhielten Beziehungen, die sich nicht wirklich von den menschlichen Beziehungen unterschieden. Es entstand ein anfangs lokaler, später zunehmend regionaler und durch Handel und Eroberungen sich verbreitender Pantheon mit größeren und kleineren Gottheiten, die oft miteinander verwandt waren und auch die Hierarchien widerspiegelten, die aus der menschlichen Gesellschaft bekannt waren. Manche Pantheons entstanden aus einem Schöpfergott, andere aus einem Vater-Mutter-Paar, die dann in der Regel auch die Oberhoheit über die anderen Gottheiten und anderen höheren Wesenheiten hatten. Bisweilen, wie etwa im griechischen Pantheon, in dem es besonders rabiat zuging, bekriegten sich seine Mitglieder, und es fanden Morde aller Art statt.

Aus diesem Pantheon erkoren sich viele Menschen, Stämme und Städte einzelne Götter als Schutzgottheiten und verehrten diese besonders. Bekanntestes Beispiel dafür dürfte wohl die Stadt Athen sein, die nach der griechischen Göttin Pallas Athene benannt wurde. Um die Götter wohlgesonnen zu stimmen, wurden sie besonders verehrt; ihnen wurden Opfergaben dargebracht und Tempel errichtet. Im Falle Athens und der vor allem dort verehrten Athene war dies der Parthenon, der das zentrale Gebäude der Akropolis war und über Athen thronte. Zudem entwickelten sich um einzelne Gottheiten ausgearbeitete öffentliche Kulte und manchmal geheime Mysterien und Initiationsrituale. Damit sicherte und vertiefte die Priesterschaft einerseits ihren Einfluss und festigte die Struktur der Religion, andererseits waren sie, indem sie über sporadische Festivitäten zu Ehren einer Gottheit hinausgingen, auch der erste Versuch, religiöse Erfahrungen, die der eine oder andere vielleicht gemacht hat, anderen interessierten Menschen zu vermitteln und Möglichkeiten auszuarbeiten, dem Geheimnis des fernen Göttlichen und den Gottheiten selbst näher zu kommen, nicht unbedingt nur um sich deren Gunst zu erkaufen, sondern auch weil man zu seinem Ursprung und der verlorenen Einheit zurückfinden wollte.

Besonders ausgeprägt war dies in der indischen Götterwelt, die hochkomplex war, aber doch eine große, individuelle Flexibilität und Freiheit erlaubte und die ohne eine zentrale Organisation auskam. Die Gottheiten eines Pantheons entsprechen, wenn sie nicht eine Naturgewalt widerspiegeln, menschlichen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsaspekten, und mehr noch als bei den griechischen Mysterienschulen, die sich als tiefergehender Zweig der Religion etablierten, entwickelten sich im aufkommenden Hinduismus neben der ritualisierten Religion Schulen, die intensiv mit diesen einzelnen Aspekten arbeiteten und sie zu einem Instrument der Persönlichkeitsentwicklung und der Selbstfindung machten und darüber hinaus zu einem Mittel, Gott näher zu kommen, ihn zu finden und mit ihm eins zu werden. In dieser Hinsicht war der Hinduismus schon früh sehr modern, denn zur Zeit seiner Entfaltung war in der übrigen Welt, statt einer freundschaftlichen und liebevollen Beziehung, die Furcht vor Gott und die Empfindung seiner Unnahbarkeit vorherrschend. Gleichzeitig entwickelte sich auch eine Kosmologie, die einen riesigen Pantheon mit einer obersten Gottheit aufwies, bei dem die einzelnen Götter zumindest unterschwellig, vor allem von den Menschen, die sich intensiver mit der Religion befassten, als Auswüchse, Ausformungen, Aspekte oder Verkörperungen Brahmans, der damit höchsten und einzigen Gottheit, betrachtet wurden. Durch diese Auffassung war der Hinduismus anderen Religionen gegenüber sehr tolerant und sogar akzeptant, solange sie nicht versuchten, ihn zu verdrängen, zu unterdrücken oder gar auszulöschen. Von seinem Wesen her, sozusagen in seiner Tiefe, kann man ihn darum, trotz seines äußeren Erscheinungsbildes, als eine monotheistische Religion betrachten, in der die Aspekte des Göttlichen in Form von Gottheiten personalisiert sind.

Im alten Ägypten, in dem eigentlich Amun-Re eine Brahman vergleichbare Stellung einnahm, versuchte der Pharao Echnaton einen sichtbaren Ein-Gott-Glauben zu etablieren, indem er Aton zur obersten Gottheit erhob und versuchte, die anderen Götter in ihrer Bedeutung herabzusetzen oder sie ganz verschwinden zu lassen. Aber für einen ausschließlichen und offensichtlichen Monotheismus, wie wir ihn heute kennen, war das Bewusstsein der damaligen Zeit noch nicht hinreichend gereift. Nach Echnatons Tod versandeten die Bemühungen um die Etablierung einer ausschließlichen Gottheit.

Etwa zur selben Zeit begann sich das Judentum herauszubilden, bei dem vermutlich eine der vielen damaligen Gottheiten, JHWH, erfolgreich zur alleinigen Gottheit aufstieg und das jüdische Volk regelrecht auf sich einschwor, so dass es sich gegen alle anderen Glaubensrichtungen und Gottheiten abschottete und den sich entwickelnden Glauben im Wesentlichen unverändert bis heute bewahrt hat. Diese Unduldsamkeit gegen anderen Göttern führte auch zu einer Unduldsamkeit gegenüber anderen Religionen, die sich in gewissem Maß auf die beiden anderen aus dem Judentum entstandenen monotheistischen Religionen, das Christentum und den Islam, übertrug, die sich jeweils als Weiterentwicklung voneinander betrachten und auf die jeweiligen Vorgänger bisweilen offen oder versteckt herabschauen.

Diese Herablassung scheint allen offensichtlich monotheistischen Religionen gemein zu sein und zu einem sehr eng gefassten und ausschließlichen Gottesbild und zu einer sehr ritualistischen und starren Religionsauffassung geführt zu haben, in der Gott eine fast menschlich begrenzte, aber unveränderliche Persönlichkeit hat und seine Aussagen ewig, unveränderlich und absolut allgemeingültig sind. Das bedeutet, dass es innerhalb dieser Religionen keinen großen Spielraum mehr für Veränderung, Neubewertung, Ausweitung und Evolution gibt. Gott ist festgelegt und der Mensch ebenso. Und das ist auch mit ein Grund, weshalb nicht nur die drei großen monotheistischen Weltreligionen, sondern fast alle organisierten Religionen vielen Veränderungen oft fast feindselig gegenüberstehen und vor allem die drei abrahamitischen Religionen Gott unnahbar in die Ferne rücken und eine innere, freundschaftliche oder gar liebende Beziehung zu und mit ihm nicht gerade fördern, sondern sie allenfalls wenigen Mystikern vorbehalten.

Auch wenn das Gebiet der Religion ganz allgemein eine Evolution durchläuft, so scheint das für die einzelnen Religionen kaum zu gelten. Vor allem monotheistische Religionen sind hier deutlich starrer, was auch daran liegt, dass sie sich in der Regel auf eine heilige Schrift stützen, die auf Unfehlbarkeit und nicht auf Plastizität ausgerichtet ist, und zum Teil auch auf einen Kodex von Entscheidungen und Interpretationen, der im Laufe der Existenz einer Religion angewachsen ist und der Festlegungen enthält, die einer früheren Religionsauffassung geschuldet sind, aber im Licht neuerer Entwicklungen überholt erscheinen. Solche Dinge abzuschaffen oder zu relativieren, würde viele ideologische Winkelzüge erfordern oder bedeuten, frühe Fehler in der Religion zuzugeben. Nicht zuletzt durch die Aufklärung hat, vor allem in der westlichen Welt, das Bewusstsein eine deutliche Entwicklung erfahren, und die Welt und die Dinge werden rationaler betrachtet. Die soziale Evolution hat an Geschwindigkeit zugenommen, wurde aber durch religiöse Dogmen und Einschränkungen in Verbindung mit einem wuchernden Kapitalismus, der bislang zu keinem ernsthaften Weckruf der Religionen geführt hat, behindert und verzerrt, so dass wir nicht auf der Höhe unserer Möglichkeiten leben.

Aufgabe der Religion wäre es, das soziale Wachstum zu unterstützen und allen Entwicklungen zur Seite zu stehen, indem sie alles fördert, was dem Menschen Frieden und Liebe bringt und ihn näher zu Gott führt. Statt dessen perpetuiert sie Unzufriedenheit, indem sie zum Beispiel im Fall der christlichen Religion die Scheidung verweigert, was etwa im Fall von Heinrich VIII. zu zwei geköpften Frauen und zur Abspaltung der anglikanischen Kirche führte. Und bis heute dämonisieren die meisten großen Religionen mit einem sehr dürftigen theologischen Unterbau die vor allem männliche Homosexualität, manchmal mit einem Eifer, als wäre dieses Thema eine religiöse Grundlage. Oder es werden im äußersten Widerspruch zum innersten Wesen der Religion Waffen gesegnet, Gewalttaten motiviert, Kriege gefördert oder gar gefordert.

Der moderne und im Bewusstsein gewachsene und mit einem humanistischen Selbstverständnis ausgestattete Mensch scheint meist besser befähigt, die wahren Werte einer Religion zu verstehen und auch umzusetzen und auszudrücken, als die meisten religiösen Würdenträger. Was sie nicht verstehen können, ist die Engstirnigkeit, die viele Religionen ausmacht, ihre Inflexibilität und dass sie bisweilen ihren tiefsten und offensichtlich verborgenen Überzeugungen zuwider handeln. Die Religion hat damit ihre moralische und gewissermaßen auch ihre religiöse Kompetenz verloren und wird von vielen Menschen, denen dieser Mangel an Evolution natürlich auf Dauer nicht verborgen bleibt, pauschal abgelehnt, sei es passiv-privat oder aktiv-öffentlich. Und das ist sicherlich zum Teil mit ein Grund, warum zum Beispiel in Deutschland bereits etwa jeder Dritte religionslos ist — mit steigender Tendenz. Dabei bedeutet „religionslos“ nicht unbedingt automatisch auch atheistisch, sondern zuerst einmal nur eine Lossagung von der organisierten Religion aus einem oder mehreren Gründen. Und solange sich die Religion sträubt, ihre eigentliche Aufgabe wahr- und anzunehmen und zu sich zu finden, wird sich dieser Vorgang der rationalen Abspaltung weiter fortsetzen.

Da die Religion ihre eigentliche Aufgabe nicht ausfüllen kann oder möchte, treten in der weiteren Evolution nun zwei Entwicklungen auf, die erst einmal in entgegengesetzte Richtungen führen.

Durch die Wahrnehmung der Mängel und augenscheinlichen Defizite der Religionen werden sie häufig als purer Aberglauben abgetan und als durchaus aktives Hindernis für alle Arten von Fortschritt empfunden, dem mit Entschiedenheit entgegengetreten werden und dem man mit einem wissenschaftlich geprägten Weltbild begegnen muss. Das kann direkt zu einem aggressiven Anti-Theismus führen, der in seinem Fanatismus dem religiösen Fanatismus in nichts nachsteht und der im Unterschied zu einem Atheismus, der sich durch einfaches Nicht-an-Gott-Glauben auszeichnet, als Glaubensrichtung, mit der Wissenschaft als seiner einzigen Gottheit, durchaus einen religiösen Charakter aufweisen kann. Er nimmt der Religion gegenüber die gleiche Haltung ein, die etwa die christliche Religion gegenüber der durch Galileo Galilei vertretenen Wissenschaft eingenommen hat. Das atheistische Wertesystem kann von einem fundierten Humanismus bis zu einer unnachgiebigen, technokratisch und kapitalistisch geprägten Welt- und Lebensauffassung reichen.

Darum kann man nicht pauschal sagen, dass die eine oder andere Auffassung den Menschen und die Welt in eine bessere Zukunft führen kann. Dazu ist wohl, in Verbindung mit einem fundierten Realismus, die andere Richtung besser geeignet, wenn es ihr gelingt, die ihr immanenten Fallstricke zu umgehen, denn alles, was mit Glauben zu tun hat, neigt ganz grundsätzlich zu einem unkontrollierten Eigenleben und zu Selbsttäuschung.

Diese andere Richtung verneint nicht grundsätzlich den Glauben an Gott oder die Bedeutung der Religion, sondern koppelt sich von ihren ritualistischen, dogmatischen, politischen und beengenden Aspekten ab und nimmt die Religion als Vorstufe für eine weiterführende Entwicklung an. Das, was über die Religion hinausführt, ist die Spiritualität. Diese beschäftigt sich nicht mit den üblichen heiligen Büchern und einer vermenschlichten und mechanistischen Gottesauffassung und begrenzenden Vorgaben, sondern mit dem Göttlichen an sich. Die Spiritualität nimmt Gott nicht als eine wesensfremde und unnahbare, aber doch auch irgendwie menschliche Entität wahr, sondern als Grundlage unseres Seins, der man sich progressiv annähern und mit der man auch ganz konkret in Beziehung treten kann, und dies nicht nur auf oberflächliche Weise, sondern durchaus tiefgehend bis hin zu einer Einswerdung, die nicht im Fokus der religiösen Gottesauffassung steht und die mit der traditionellen Religionspraxis auch kaum erreicht werden kann. Die Spiritualität verhält sich zur Religion wie die Realität zu einer Art Traumwelt.

Wenn jemand eine spirituelle Erfahrung und einen Glauben besitzt, dann formuliert er sie in den für ihn selbst passendsten Worten. Aber wenn er überzeugt ist, dass dieser Ausdruck der einzig korrekte und wahre für diese Erfahrung und diesen Glauben ist, wird er dogmatisch und neigt dazu, eine Religion zu erschaffen.

Mira Alfassa – Die Mutter

3. Kapitel

Die individuelle Evolution der Religion

Die Religion und ihre Genese ist zwar am Sichtbarsten ein gesellschaftliches und in ihrer Bedeutung ein zunehmend globales Phänomen, aber sie ist in noch viel größerem Maße vor allem eine zutiefst individuelle Angelegenheit, die weit über die „Richtlinienkompetenz“ der organisierten Religion und ihrer Institutionen hinausgeht. Diese können große Veranstaltungen planen und wichtige Feste zelebrieren, sie können Reden halten und Dogmen festlegen, sie können Rituale vorgeben und Gedanken, Empfindungen, Denkweisen und Ge- und Verbote in die Gläubigen pflanzen und damit in gewissem Rahmen beeinflussen, was in den Menschen vorgeht, sie können Stimmungen, Urteile und Vorurteile erzeugen und abbauen, aber sie können dies nicht aus eigener Machtvollkommenheit tun, sondern nur das nutzen und beeinflussen, was im Menschen natürlicherweise bereits angelegt ist. Sie können den Menschen gewollt oder ungewollt auf den Weg zu Gott führen oder ihn davon abbringen, und doch sind sie nur mehr oder weniger fähige Mittler, die dem, was im Menschen schlummert, wie mehr oder weniger ungeübte und planlose Billardspieler, einen Anstoß geben.

In unterschiedlicher Tiefe ist im Menschen eine Offenheit da, eine Bereitschaft zu glauben, die wie eine Andockstation auf zellularer Ebene wirkt, wie ein Schloss, das auf den passenden Schlüssel wartet, um eine neue Dimension des Seins zu öffnen. Es ist die Fähigkeit und vor allem die Bereitschaft zu glauben. Dabei ist es erst einmal unerheblich, worum es dabei geht. Dieses Glauben-können und vielleicht sogar Glauben-wollen hat womöglich sogar eine biologische Komponente. Ganz grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Methoden, etwas zu lernen: Die eine basiert auf Erleben und Erfahren, die andere auf dem Annehmen übermittelter Erfahrungen.

Als kleines Kind ist man in seinen allerersten Lebensjahren vom Wissen der Alten abhängig, und der Versuch, nur durch Erfahrung zu lernen, wäre ausgesprochen fatal, schon allein, weil die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Umwelt bei Neugeborenen extrem eingeschränkt ist, und später, weil man manche Erfahrungen, wie etwa giftige Maiglöckchen zu essen, nur einmal machen kann. Der größte Lernerfolg und der umfangreichste Erfahrungsschatz kommt durch die Kombination der beiden Methoden zustande, durch Erleben und die nachfolgende oder begleitende Wissensvermittlung oder durch eine Wissensvermittlung, die durch das Erleben überprüft (Feuer tut weh) oder einfach geglaubt wird (Maiglöckchen sind giftig). Ohne diese Bereitschaft zu glauben, würden wir jegliches Wissen anzweifeln und müssten alle Erfahrungen mit ihren teilweise recht negativen Folgen selbst machen, und da uns darüber hinaus der Erfahrungsreichtum unserer Vorfahren verschlossen bliebe und wir auf diesen Fremderfahrungen auch nicht aufbauen könnten, würde unsere individuelle wie gesellschaftliche Entwicklung stagnieren, es fände also keine Evolution statt, und der Mensch wäre nie entstanden. Der Mensch ist also ohne die Fähigkeit und die Offenheit zu glauben nicht wirklich vorstellbar. Sie gehört zu den Grundlagen seines Seins.

Und diese Offenheit ist ihrer Natur nach nicht diskriminierend — und kann es auch gar nicht sein —, sondern zuerst einmal für alles aufgeschlossen, was ihr begegnet. Erst in der späteren Entwicklung bekommt sie alle möglichen Arten und Größen von Scheuklappen verpasst. Dies geschieht durch negative Erfahrungen, durch die Konzentration auf bestimmte Entwicklungslinien, die bestimmte Bereiche inhaltlich oder durch Beschränkungen der Kapazität ausschließen, oder durch einseitige Wissensvermittlung und Konditionierung von Seiten der Eltern, der Freunde, der Schule oder durch gezielte Propaganda von Menschen, die ihren begrenzten Horizont für das Maß aller Dinge halten. Diese Menschen — und jeder von uns trägt etwas von ihnen in sich — sind nicht von Natur aus beschränkt, sondern haben sich einer Sache oder einem Glauben geöffnet, die sich als absolut darstellt und darum kein weiteres Wachstum, keine neuen Erfahrungen und keine Ausweitung zulässt und sich zum Teil auch auf die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits stützt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb Karl Marx die Religion als „Opium für das Volk“ bezeichnet hat, denn starke, süchtig machende Rauschgifte verändern das Bewusstsein und den Blick auf die Welt, indem sie dem Menschen Scheuklappen verpassen und bestimmte Sichtweisen und Entwicklungen nicht mehr zulassen, ihn also in seiner Freiheit, in seiner Erkenntnisfähigkeit, in seiner Wahrnehmung der Welt und der Realität und in seiner Offenheit des Glaubens einschränken. Und die Religion schränkt den Menschen nicht nur in seiner Beziehung zur Welt ein, sondern auch in seiner Fähigkeit zu glauben. Sie ist also eigentlich ihr eigener und deshalb größter Feind.

Man könnte die Religion darum mit Karl Marx für überflüssig und gefährlich halten. Aber die Religion hat durchaus eine Funktion im menschlichen Sein, auch wenn diese kaum wahrgenommen und gefördert wird. Ihre Grundlage ist diese Fähigkeit zu Glauben, die Ausdruck einer grundsätzlichen Offenheit ist, und die Bereitschaft, an etwas zu glauben, das auf Anhieb nicht bewusst wahrnehmbar ist und dem wissenschaftlichen Weltbild zu widersprechen scheint, hält die kreative Neugier und die Bereitschaft, Dinge wahrzunehmen und das eigene Weltbild auszuweiten am Leben, wenn auch mit Einschränkungen, die sie zu einer Sackgasse machen können. Dies ist aber nicht unumgänglich.

Michel Montecrossa hat mit dem Bild eines sechsteiligen Bewusstseinsrades einen Ort und eine Bedeutung der Religion in der menschlichen Bewusstseinsentwicklung aufgezeigt, in der sie einen wichtigen Platz einnimmt und nicht als Sackgasse der inneren Evolution endet.


Der Ausgangspunkt dieser inneren Evolution ist genau genommen die Zeugung und Empfängnis, aber praktisch manifestiert sie sich im Einklang mit dem Wachstum der Wahrnehmungsfähigkeit des Kleinkindes. Sein Selbstempfinden ist anfangs eher global und vor allem auf der vitalen und der körperlichen Ebene egoistisch, und seine Wahrnehmung ist weniger analytisch als vielmehr künstlerisch. Ein Baby hat zwar ein Bewusstsein seiner selbst, aber noch kein denkendes und reflektierendes Bewusstsein, und dementsprechend ist seine Wahrnehmung auch ein ungefiltertes Einströmen von Eindrücken auf allen Sinneskanälen. Wahrnehmung bedeutet, dass man das, was man über die Sinne aufnimmt, mit seinem Bewusstsein und mit dem, was in diesem vorhanden ist, in Beziehung setzt. Man kann darüber nur spekulieren, was ein neugeborenes und sich entfaltendes Bewusstsein ausmacht, aber es wird gewiss keine großartige mentale Struktur enthalten. Vielmehr wird es aus Empfindungen bestehen, und wenn man davon ausgeht, dass der Mensch mit einer Seele zur Welt kommt, die in eine Weltenseele oder eine universale oder göttliche Seele oder in ein Großes Bewusstsein eingebettet ist, mit ihr in Beziehung steht und aus ihr schöpft, dann ist davon auch etwas in seinem Bewusstsein gegenwärtig. Die ersten Strukturen, die ein Kind in seinem Bewusstsein aufbaut, sind also globale Empfindungsstrukturen, die es zu seiner noch nicht völlig ausgeformten Persönlichkeit und eingebetteten Stellung in einer größeren Welt in Beziehung setzt. Das Bewusstseinsfeld, das sich somit um den Persönlichkeitskern herum ausbildet, ist darum von Eindrücken geprägt, die nichts Mentales an sich haben, sondern pure Empfindungen sind, also Licht und Dunkel, Farben in unendlichen Abstufungen und Intensitäten, Gerüche aller Art, Geschmacksempfindungen von zart bis heftig und von süß bis umami, helle und dumpfe und klare und verwaschene und leise und laute Klänge, Tastempfindungen, Kälte, Wärme, Berührungen, harte, weiche, flüssige Konsistenzen, Formen in endloser Vielfalt, Körperempfindungen wie Hunger und Durst, das Fließen des Urins, die körperliche Nähe und die Berührung anderer Menschen, die Empfindungen, die sie einem entgegenbringen, ihre Ausstrahlung, ihre Präsenz und ihr Temperament …

All dies sind Eindrücke und Empfindungen, die zueinander und zum eigenen Bewusstsein und der eigenen Persönlichkeit in Beziehung gesetzt werden, und das ist anfangs und für lange Zeit weniger eine geistige, als vielmehr eine künstlerische Arbeit, denn die Kunst beschäftigt sich, zumindest anfänglich und für eine lange Zeit nicht mit mentaler Analyse und rationalen Beziehungen, sondern mit innerer und äußerer Wahrnehmung, mit Empfindungen und Ausdruck und mit emotionalen und seelischen Verbindungen. Die synergetische Wahrnehmung, die Verarbeitung von Eindrücken, ihr gegenseitiges In-Beziehung-Setzen und die Bezugnahme zu ihnen ist ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Bewusstseins.

Und lange ehe die Welt mental und rational entdeckt wird, wird sie künstlerisch erforscht und entdeckt. Wenn das Kind sprechen lernt, verknüpft es Klangbilder mit optischen Bildern und einer Vielzahl weiterer Eindrücke, und erst daraus entsteht dann ein mentales Bild. Sprache und Sprechen lernen ist in diesem Alter noch ein zutiefst künstlerischer Vorgang, zu dem sich mit wachsendem Fortschritt noch mentale Elemente hinzugesellen.

Sowie das Kind mehr Kontrolle über seinen Körper erlangt, beginnt es, zusätzlich zu Mimik und Körpersprache und -kontakt physisch zu kommunizieren. Und natürlich findet diese Kommunikation künstlerisch statt, denn da das Bewusstsein bislang fast ausschließlich künstlerisch geprägt ist, ist auch der Ausdruck künstlerisch, und außerdem bedeutet Kunst ja auch die Kommunikation zwischen der inneren und der äußeren Welt; sie macht die äußere Welt verstehbar und verhilft der äußeren Welt, den anderen Menschen, zu einem Einblick in die innere Welt, sei es in ihre eigene oder in die des Künstlers.

Bislang hat das Kind Eindrücke von außen empfangen, jetzt möchte es selbst Eindrücke schaffen und sich ausdrücken, und dazu wird alles benutzt, was greifbar ist und sich in irgendeiner Form manipulieren lässt, zuerst die Stimme und dann Bauklötze, Stifte, die Gegenstände der Umgebung und die Spielsachen. Durch diesen künstlerischen Ausdruck wird das künstlerische Bewusstsein stärker ausgebildet und individualisiert. Je reichhaltiger die Möglichkeiten sind, die ihm dafür zur Verfügung stehen, desto reichhaltiger wird auch die resultierende künstlerische Persönlichkeit ausfallen. Genau genommen ist der ganze Mensch an sich ein selbst geschaffenes Kunstwerk, das sich in einem stetigen Prozess der Verfeinerung, der Konkretisierung und des Wachstums an Ausdruck und Erkenntnis befinden sollte. Dieses künstlerische Bewusstsein ist die hauptsächliche Grundlage für unsere Fähigkeit, Verknüpfungen und Beziehungen herstellen zu können; das mentale Bewusstsein ist davon nur der Nutznießer und für seine Existenz wahrscheinlich sogar darauf angewiesen.

Auch heute noch wird die Kunst, selbst wenn man sich gerne mit ihr umgibt, belächelt und als nebensächlich und unwichtig abgetan, dabei ist sie der Schlüssel für unser weiteres Leben und die Grundlage unserer Entwicklung und Entfaltung. Bei der Kunst muss man eine Unterscheidung zwischen ihrer reproduktiven und ihrer kreativen Form treffen. Die reproduktive Form ist etwas weniger wertvoll, da sie sich nicht mit der Schöpfung von Neuem befasst, aber sie vermittelt denen, die sie ausüben, die Möglichkeit, ihre technische Grundlage und ihre Fertigkeiten zu trainieren und zu verfeinern, so dass sie, wenn sie sich der schöpferischen Seite zuwenden, die Fähigkeit zu einem optimalen Ausdruck besitzen. Außerdem fördert reproduktive Kunst, vor allem in der Musik, das Eintauchen in die Seele des Kunstwerks und erlaubt dem Empfänger der Wiedergabe gleichfalls, dessen Dimensionen zu erforschen. Die kreative Kunst hingegen bietet einen weiteren bedeutenden Aspekt. Der Künstler, also der aktiv schöpferische Mensch, nimmt die Welt tiefer und reichhaltiger wahr, als der nur mentale und rationale Mensch; er kann mehr Verbindungen erkennen und herstellen, die Welt umfassender wahrnehmen und für neue Entwicklungen und Erkenntnisse offener sein.

Darum ist der künstlerische Aspekt unseres Lebens, unserer Erziehung und Bildung, und dazu zählt auch die sportliche und die kreative körperliche Betätigung, von immenser individueller, gesellschaftlicher und globaler Bedeutung und sollte in Bildungsfragen immer an erster statt an letzter Stelle stehen. Die innere Evolution des Menschen läuft nicht so ab, dass man eine Entwicklung vollzieht und sie dann mit dem Eintreten in die nächste Entwicklungsstufe abschließt, wegsperrt und ignoriert, sondern dass jede Stufe die Grundlage (und in gewisser Weise auch Bestandteil) der nächsten und aller kommenden ist, denn jede Stufe mag zwar eine größere Wahrheit in sich bergen, ist aber für sich allein nicht lebensfähig und nur ein Aspekt dieser größeren Wahrheit, so wie auch das Leben auf dem körperlichen Dasein aufbaut und ohne dieses nicht existieren könnte und keine Ausdrucksmöglichkeit hätte, oder wie der Geist für seine Existenz und seinen Ausdruck auf Leben und Körper angewiesen ist.

Darum sollte man die Kunst, in welcher Form auch immer, zeitlebens und möglichst vielfältig pflegen, andernfalls man Gefahr läuft, sich in der nächsten Entwicklungsstufe zu verlieren und sie für die einzige Realität zu halten, wie es bei zu vielen Menschen der Fall ist, weshalb wir auch in einer so zerstörten und kalten Welt leben, die von Pseudo-Rationalismus und eiskaltem Kapitalismus regiert wird.

Diese nächste Stufe besteht in der Entwicklung der Ratio, der Vernunft, des analysierenden Verstandes. Die Kunst nimmt Beziehungen wahr und empfindet und erlebt sie, und irgendwann fängt der Mensch an, diese Beziehungen und Verbindungen mit gesteigertem, aktivem Interesse zu betrachten und sie dann zu analysieren. Das ist der Einstieg in eine wissenschaftlich geprägte Seinsweise und Bewusstseinsstufe. Wenn von Wissenschaft die Rede ist, denkt man immer zuerst an Hochtechnologie, an biologische Forschung und an chemische Versuche, aber diese sind nur die hochgezüchteten und isolierten Ausdrucksformen des wissenschaftlichen Bewusstseins, das in jedem Menschen existiert. Eine der ersten Ausdrucksformen und Anwendungen dieses Bewusstseins und seiner analytischen Fähigkeiten ist das Erkennen und Erlernen der Sprache, zusammen mit der Einführung von Ordnung, durch die auch erstmals die Konzepte von Unordnung und Chaos entstehen. Analyse bedeutet, Dinge zu betrachten, sie zu vergleichen und auf mentale Weise zueinander in Verbindung zu bringen. Dabei werden sie kategorisiert, und es wird eine Systematik erzeugt, die es erlaubt, alle Dinge, die einem begegnen, einzuordnen. So wird eine Ordnung geschaffen, die mehr oder weniger optimal und vor allem künstlich ist. Jeder Mensch hat sein eigenes Ordnungssystem, mit dem er einigermaßen gut zurechtkommt und das er im Laufe seines Lebens immer wieder umarbeiten und ergänzen muss, wenn er neue Beobachtungen macht und neue Fakten in Erscheinung treten. Solange man dazu in der Lage ist, bleibt man geistig beweglich und innerlich jung und kann gut mit neuen Erkenntnissen und Entwicklungen umgehen. Wenn man aber frühzeitig und überzeugend vermittelt bekommt, dass nur eine bestimmte Sache oder Sichtweise richtig ist, leidet die Flexibilität dieses inneren Ordnungssystems, das ja nur ein eigentlich unzureichendes Hilfsmittel ist, um die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden, weil dadurch bestimmte Gedankengänge und Schlussfolgerungen oder neue Ordnungskategorien tabu, also nicht mehr „denkbar“ sind. Die schulische Erziehung beginnt langsam, sich von dieser Dogmatik zu lösen, weil wissenschaftliches Arbeiten unter der Fuchtel des Dogmas fehlerhaft und unproduktiv ist, weil die notwendige Objektivität und die Offenheit für Neues fehlen. Politik und Religion sehen diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen oder ungern, da der Mensch dadurch weniger vorhersehbar und steuerbar ist. Menschen, die dogmatisch indoktriniert sind oder die aus verschiedenen Gründen diese Flexibilität und die Anpassung der Systematik nicht trainiert haben oder dabei nachlassen, geraten dann schnell aus dem Fluss oder entwickeln sich zu engstirnigen oder bigotten Persönlichkeiten und können auch nur eine tendenzielle Auffassung der Wissenschaft haben.

Die Ordnung, die der Mensch sich schafft, ist notwendigerweise persönlich und somit subjektiv, was zu Verständnisproblemen führt, wenn zwei zu unterschiedliche Systematiken aufeinandertreffen. Das sollte uns vor Augen führen, dass diese Ordnung ihrer Natur nach künstlich ist und auf jeden Fall suboptimal. Die ideale künstlerische Wahrnehmung hat dieses Problem nicht, denn sie findet innerhalb der natürlichen Ordnung statt, die sie vielleicht nicht mental verstehen, aber doch empfinden kann. Die menschengemachte Systematik umfasst allenfalls verschiedene Ausschnitte und Teilaspekte dieser natürlichen Ordnung, die viel komplexer ist als jedes anthropogene Ordnungssystem. Der Mensch kann diese natürliche Ordnung weder vollständig erfassen noch verstehen und empfindet sie und damit auch das künstlerische Bewusstsein als unordentlich oder gar als chaotisch und unverständlich. Das Problem liegt dabei nicht nur darin, dass die gesamte natürliche Ordnung zu umfangreich für den menschlichen Geist ist, sondern vor allem in seiner Denkstruktur, die eher ein- bis zweidimensional angelegt ist und sich in multidimensionalen Bereichen nicht sicher bewegen kann. In der natürlichen Ordnung sind alle Dinge mehrdimensional und global vernetzt, während die menschliche Ordnung eher mit Schubladen arbeitet und ein Problem damit hat, eine Sache in mehrere Schubladen einzuordnen.

Wahre Wissenschaft beschäftigt sich nicht nur mit Teilaspekten und kleinen Einzelerkenntnissen, sondern versucht Verbindungen herzustellen, erst innerhalb ihrer individuellen Zweige, dann zu Randbereichen und benachbarten Disziplinen, und schließlich zu ferner gelegenen und scheinbar nicht verwandten oder gar gegensätzlichen Bereichen. Diese Arbeit ist in vollem Gange, und während immer mehr Bereiche besser zusammenwachsen und sich stärker vernetzen, sind die Atomphysik, die Quantentheorie und die Kosmologie dabei, die physikalischen Grundlagen des Universums, seiner Entstehung und unserer Genese zu erforschen und dem zusammenwachsenden Geäst einen gemeinsamen Stamm und starke Wurzeln zu geben.

Die Frage nach dem, worin sie wurzeln und worin das Geäst eingebettet ist und wächst, läutet die nächste Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein. Mit dem Aufkommen des wissenschaftlichen und rationalen Bewusstseins beschäftigt sich der sich entwickelnde Geist zunehmend mit der Erforschung der materiellen, sichtbaren Welt, aber das ist ihm nicht genug — er möchte mehr Zusammenhänge verstehen. In der Kunst hat er sein individuelles, subjektives Sein entdeckt, in der Wissenschaft das äußere, objektive Sein der Welt, in der er lebt. Im nächsten Schritt seiner individuellen Evolution setzt er diese beiden idealerweise in Beziehung zueinander und sucht seinen Platz in der Welt, den die reine Wissenschaft ihm nicht geben kann. Damit beginnt die Phase der Philosophie, die sich mit den Dingen beschäftigt, die das Auge und der analysierende Verstand nicht wahrnehmen können.

Die Philosophie ist das Streben nach Erkenntnis, nach dem Verständnis seiner selbst und nach den größeren Zusammenhängen. Sobald wir die Mechanismen der Welt einigermaßen verstanden haben, werden wir philosophisch. Wir fragen nach Gründen, nach Abläufen, nach der Dynamik der weltlichen und sozialen Elemente in unserem Leben und diskutieren unsere Fragen und Erkenntnisse mit Freunden. Wir fischen nach Informationen, die unserer Aufmerksamkeit bisher entgangen sind oder die wir benötigen, um unser Weltbild abzurunden. Wir versuchen herauszufinden, welches unser Platz in der Welt ist, was sie bewegt und zusammenhält und was auf uns zukommen wird. Hier werden Beziehungen erforscht, Beziehungen zwischen den Dingen, zwischen Menschen und Dingen und zwischen den Menschen. Es werden Ideen entwickelt, Ideale, und aus dem Ganzen bilden sich die Anfänge einer Ethik, die für den Umgang mit der Welt und den Menschen von grundlegender Bedeutung ist. Diese Phase ist ausgesprochen wichtig, denn in ihr wird unsere Persönlichkeit zwar nicht geformt, aber doch verfeinert, vertieft und zurecht geschliffen; hier finden Prozesse statt, die mit entscheiden, wie sich unser Charakter und unser Bild der Welt entwickeln.

Ist diese Phase kurz und/oder oberflächlich, so neigt man eher dazu, sich nicht als Teil der Welt zu betrachten, sondern sieht sie als eine von sich losgelöste Spielwiese an, um die man sich nicht sorgen muss. Man bleibt dann bei seiner Entwicklung in der rationalen Phase stecken und entwickelt sich zum kalten Wissenschaftler und/oder zum Kapitalisten, also zu einem Egoisten, der die Welt nur relativ zu sich selbst wahrnehmen kann und für den die Welt dazu da ist, seine Wünsche zu erfüllen und seine Bedürfnisse zu befriedigen. Sein moralischer Kompass ist einfach gestrickt, und seine Nadel dreht sich um ihn selbst. Und auch die Beziehungswelt ist eher einseitig auf den Aspekt des Nehmens ausgerichtet. Die philosophischen Schulen, die sich aus dieser Ausprägung oder Haltung ableiten, sind das Recht des Stärkeren, das Vergeltungsprinzip des Codex Hamurabi (Auge um Auge, Zahn um Zahn), das machiavellistische Prinzip des Divide et impera (Teile und herrsche), das unbedingte Streben nach Macht und Besitz, der Absolutismus, die Ausbeutungstechnik des Großkapitals (und des Kleinkapitals), die Heuschreckenmentalität der Finanzindustrie und ein kompromissloser Hedonismus.

Wo diese Forschungsphase hingegen ausführlicher und tiefschürfender ausfällt, entwickelt sich ein Charakter mit einer komplexeren Natur. Man ist ein eigenständiger Teil der Welt und der Natur, ist aber in diese eingebettet und führt mit ihr, mit den Dingen und den Menschen eine Beziehung gegenseitigen Gebens und Nehmens; man führt ein Leben der Gemeinschaft und des Fortschritts, mit einer Ethik, die auf die Förderung der Harmonie und des gemeinschaftlichen Wohlergehens ausgerichtet ist, wofür wiederum das Wohlergehen des Individuums notwendig ist. Die Philosophien, die daraus erwachsen, sind die Gleichberechtigung, die Freiheit, die Brüderlichkeit, die Demokratie, das Miteinander, die Zusammenarbeit, die Verantwortung für die Welt und die Mitmenschen, der Humanismus, das Mitgefühl, die Karitas, die Solidarität, die Suche nach immer weiter reichender Erkenntnis der Welt, des Lebens und seiner selbst.

In dem Spektrum zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich die Menschen dieser Welt ihm Rahmen ihrer jeweils individuellen Lebensphilosophie. Das menschliche Lebensfeld ist also eine sehr heterogene Mischung der verschiedensten Weltsichten und Lebenseinstellungen, die mal harmonieren und mal frontal aufeinander prallen, die aber allesamt miteinander interagieren und das hervorbringen, was man als Gesellschaftssystem bezeichnet, was man aber auch Gemeinschafts- oder Sozialphilosophie nennen könnte und dessen Kristallisationspunkt die Rechtsordnung mit ihren Gesetzen ist. Diese Sozialphilosophie ist das Ergebnis einer Bemühung um Verständigung, um eine minimale Richtschnur, an der jedermann sein Verhalten ausrichten und an der man auch seine Lebensphilosophie orientieren kann. Darum sind unsere ersten Gehversuche im philosophischen Gefilde nicht wirklich frei und unbelastet; wir sind dabei bereits in ein Wertesystem, in ein philosophisches Gebilde, eingebettet und werden bei unserer Forschung nach Zusammenhängen von der bereits etablierten Norm beeinflusst. Dadurch sind wir in unserer Entfaltung zwar nicht wirklich frei, aber man kann sich ja einmal überlegen, wie das Ergebnis wäre, wenn wir uns dabei in einer Kaspar-Hauser-Situation wiederfinden würden?

Es wäre nichts vorgegeben, aber da jeder Mensch in unserer Umgebung macht, was er will, wären wir frei, so zu sein, wie wir wollen. Da wir führungslos, orientierungslos und durch nichts gebremst wären, würden wir uns leichter zu extremen Haltungen in jede Richtung hin entwickeln können. Und diese Tendenz zur Beliebigkeit würde sogar noch dadurch verstärkt werden, dass wir fundamental soziale Wesen sind und darum in gewisser Weise nie wirklich völlig frei sein können, denn wir orientieren uns immer irgendwie an unseren Mitmenschen und würden uns in einer solchen Situation planlos eine beliebige Verhaltensweise, die uns ins Auge springt, zum Vorbild nehmen. Wir würden uns, mehr noch als gemeinhin üblich, am lauten Außen, statt an unserem zurückhaltenden Inneren festmachen. Wir wären freier, weil uns alle Entwicklungsmöglichkeiten offen stehen, und gleichzeitig unfreier, weil uns das nötige Urteilsvermögen und eine verlässliche Orientierungshilfe fehlen.

Die soziale Ordnung, in der wir leben, ist so gesehen aus einer sehr rudimentären Kaspar-Hauser-Situation entstanden, in der relativ wenige, noch überwiegend instinktgeprägte Urmenschen die Bezugspunkte und Vorbilder für die Folgegeneration bildeten. Mit zunehmender Zahl und Nähe der Menschen bildeten sich dann Mindestnormen heraus, an denen man sich bei der Ausbildung eines eigenen Wertesystems und einer individuellen Seinsphilosophie orientieren konnte. Durch diese „Unfreiheit“ konnte überhaupt erst eine soziale und philosophische Evolution stattfinden, die in der Folge zu unserem heutigen Sozialwesen führte, das als Orientierungshilfe nicht nur den heranwachsenden Menschen dient.

Doch diese Orientierungshilfe ist nicht wirklich neutral und wertfrei, wie es von einem rein wissenschaftlichen Standpunkt aus vielleicht gewünscht wäre, um unter scheinbar idealen Bedingungen die optimale Persönlichkeitsentfaltung zu fördern, sondern enthält auch ein regelrechtes Wertesystem, eine Ethik. Diese bietet keine neutralen Möglichkeiten, sondern gibt Wertungen vor und liefert Vorstellungen, wie wir uns entwickeln sollen. Sie definiert auf der Grundlage eines gemeinschaftlichen Konsenses, was gut und was böse ist, ohne dabei dem Individuum einen eigenständigen und abweichenden und womöglich höherwertigen Wertekanon zu gestatten. Deshalb ist der Knackpunkt für das Individuum hier der Konsens. Dieser kann, ganz egal, wie weit eine Gesellschaft entwickelt ist, immer nur Mittelmaß sein, denn er ist ein Kompromiss zwischen den tiefsten Niederungen und den Gipfeln menschlicher Errungenschaften, zwischen Rückschritt und Fortschritt, zumindest solange, bis dieser Konsens auf das höchstmögliche Ideal festgelegt wird.

Angesichts dieses Mittelmaßes kommt die Frage auf, wie dabei überhaupt eine gesellschaftliche Weiterentwicklung stattfinden kann und konnte. Hier gab und gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine liegt noch im philosophischen Bereich. Wenn wir erst einmal eine Entwicklung im Rahmen der gesellschaftlichen Vorgaben und unseres Bewusstseinspotenzials gemacht haben, haben wir auch die Fähigkeit erlangt, uns von der Welt, in die wir eingebettet sind und die uns treibt und beeinflusst, zu distanzieren, innerlich zurückzutreten und sie quasi von Außen zu betrachten, vorausgesetzt, wir haben es geschafft, uns, unser inneres Selbst, unseren Wesenskern nicht im Getriebe der Welt zu verlieren und ein halbwegs originales Individuum zu bleiben. Bei dieser distanziert-analytischen und versucht-objektiven Betrachtung können wir die Werte und Vorgaben, die den gesellschaftlichen Mittelwert widerspiegeln, neu bewerten und einordnen und mit unserem Wesenskern und unserer Entwicklung bis zurück zu dem ungeformten Bewusstsein, aus dem wir erwachsen sind, abstimmen, wir können die Werte in Betracht ziehen, die über den gesellschaftlichen Median hinausragen oder sich jenseits ihres Höhepunkts befinden und uns auf diese Weise ein höheres, entwickelteres Weltbild erarbeiten und so dabei mithelfen, den Gipfelpunkt der Glockenkurve der gesellschaftlichen Bewusstseinsentwicklung weiter in die Richtung des steigenden Bewusstseins zu bewegen.

Bei diesem Prozess kann dann auch die zweite Möglichkeit eine Rolle spielen, und diese führt uns über die Ethik zur nächsten Station des Bewusstseinsrades, zur Religion. Die Entwicklung eines gesellschaftlichen Konsenses ist angesichts der großen Bandbreite und unterschiedlichen Intensität menschlicher Charaktere selbst über lange Zeiträume hinweg keine einfache Angelegenheit — zu groß ist die Vielfalt und Eigenwilligkeit und natürliche Divergenz, die unter einen Hut gebracht werden und zu eng das Korsett des gesellschaftlichen und ethischen Standards, in den das Individuum einwilligen muss. Nur rationale Argumente sind hier lediglich bei denen hilfreich und wirksam, die eine gewisse Mindestentwicklung des Geistes und des Bewusstseins durchlaufen haben. Für den Teil der Menschen, der stärker impulsgesteuert ist, ist ein anderer Faktor ausschlaggebender, der aber auch bei der eher rationalen Fraktion unterschwellig wirksam ist.

Dieser Faktor ist das, was man verallgemeinernd als das Übersinnliche bezeichnen könnte. Als Neugeborenes und vielleicht auch schon früher waren wir ein ungeformtes Bewusstsein, das möglicherweise die Empfindung hatte, in ein größeres Bewusstseinsfeld eingebettet zu sein. Mit der Geburt überlagert sich dieses Bewusstseinsfeld zunehmend mit der Wahrnehmung der „realen“ materiellen Welt, die anfänglich ebenfalls als etwas Großes, Gewaltiges und Ehrfurchtgebietendes empfunden wird. Je nach der individuellen Stärke dieser Wahrnehmungsweisen wird man zu einem lauen oder intensiven und zu einem religiösen oder materialistischen Menschen, und je nachdem wird dieses Große Bewusstsein und/oder die Materie zu unserem Gott. Natürlich ist die Materie an sich greifbarer und wird in modernerer Zeit stärker betont, so dass der materielle Gott dominiert; trotzdem sind in ihrer Wesenhaftigkeit beide Gottesbilder kaum greifbar, und nur das große Bewusstseinsfeld wird als Gottheit betrachtet und verehrt, während die materielle Gottheit zwar verehrt, aber weder bewusst erkannt noch formal anerkannt wird.

Aus dieser Empfindung von etwas Größerem hat sich die Vorstellung, das Bild des Göttlichen in all den verschiedenen Äußerlichkeiten entwickelt, und aus der Verwaltung dieses Bildes die Religion. Man könnte die Religion also so definieren, dass sie eine Instanz ist, die sich um die Verwaltung der Empfindungen kümmert, die über die Abläufe des gewöhnlichen Lebens hinausgehen, sowie um die Fragen, die beim Versuch der Erklärung und der Aufarbeitung des Lebens auftauchen. Genau genommen stellt die Philosophie die Fragen: Wer bin ich? Wie bin ich ins Dasein getreten? Gibt es einen Ursprung aller Dinge? Wie ist das Sein ins Sein getreten? Und die Religion versucht darauf Antworten zu finden, was ihr aber nicht wirklich überzeugend gelingt, weil es darauf rational wie mental keine unumstößlichen und allgemeingültigen Antworten geben kann, da hier die Domäne des sinnlich Wahrnehmbaren verlassen und die Domäne der Spekulation betreten wird.

Was die Religion tun kann, ist, diese Urwahrnehmung wieder ins Gedächtnis zu rufen und die Auseinandersetzung mit ihr und den Fragen des Seins zu fördern. Das Motto der Kunst lautet: Ich empfinde und nehme wahr. Das Motto der Wissenschaft lautet: Ich entdecke und weiß. Und die Philosophie sagt: Ich erkenne oder vermute. Die Religion hingegen bringt zum Ausdruck: Ich glaube. Und weil es nicht einfach ist, sich mit abstrakten Gefühlen und Gedankenbildern auseinanderzusetzen, hat sich die Religion personalisiert. Sie stützt sich auf einen Religionsstifter und baut dieses einfache „Ich glaube“ zu einem exklusiven „Ich glaube nur dies“ aus, ergänzt durch ein großes theologisches Gedankengebäude, in dem dieser Glaube detailliert beschrieben und vorgegeben ist. Dadurch ist der Mensch in seinem Glauben nicht mehr frei und spontan. Der Glaube ist wie ein Formular vorkonstruiert und erfordert nur noch eine formelle Zustimmung; seine Essenz ist für die Masse der Gläubigen nicht mehr relevant. Die religiöse Formelwelt enthebt sie der Notwendigkeit, dem Unbekannten, dem Geahnten, dem Glauben nachzuspüren, sich selbst in Bewegung zu setzen, sich um ein wirkliches religiöses Leben zu bemühen und das Eigentliche der Religion zu einem lebendigen Teil seines Lebens zu machen. Wie in der Politik auch, gibt der Mensch das Heft des Handelns aus der Hand und lässt sich verwalten und passiv leben.

Der Gegenstand der Religion ist eine zentrale Urgewalt, eine ursprüngliche Entität, der Quell allen Seins, ein großes, allumfassendes Bewusstsein und, in menschlich fassbare Begriffe übersetzt, eine vermenschlichte, allmächtige Wesenheit, eine Gottheit oder eine Gruppe von Göttern. Im Umgang mit diesem Urgrund des Seins haben sich langsam Gewohnheiten eingeschlichen, Sicht- und Denkweisen fixiert und Rituale etabliert. Die religiöse Praxis wurde dann verallgemeinert, in Form gebracht, de-individualisiert und institutionalisiert. Es entwickelte sich ein vereinheitlichtes Lehrgebäude, das meist an historischen oder imaginären Personen festgemacht ist. Um diese Ansammlung von Geschichte, Ritualen, Auffassungen, Vorgaben und Dogmen formte sich eine Verwaltung, quasi ein Herrscherhaus mit seinem Hofstaat und dessen Abteilungen, das für sich die Gestaltungs- und Interpretationsfreiheit in Anspruch nimmt und diese Macht durch eine hierarchische Abfolge von Vermittlern, Bewahrern, Manipulateuren, Polizisten und Animateuren ausübt und festigt. So entstehen aus einem anfänglichen, rudimentären Wahrnehmen und der interessierten Bemühung der Philosophie die hierarchischen Ebenen und Gesichter der Religion.

Für mich stellen Liebe und Mitgefühl eine allgemeine, eine universelle Religion dar. Man braucht dafür keine Tempel und keine Kirche, ja nicht einmal unbedingt einen Glauben; wenn man einfach nur versucht, ein menschliches Wesen zu sein, mit einem warmen Herzen und einem Lächeln, das genügt.

Dalai Lama

4. Kapitel

Die Religion als Organismus – Der Körper

Wenn wir die Religion mit einem Wesen, mit einem Organismus vergleichen, was durchaus legitim ist, da sie sich entwickeln, wachsen, verändern und sterben kann, dann entspricht der Körper dieses Organismus ihrer äußeren Struktur. Je kraftvoller eine Religion in der Welt in Erscheinung tritt, sei es durch äußeren Einfluss, durch die globale Verbreitung oder durch die schiere Zahl ihrer Anhänger, dann geschieht dies meist durch eine ausgeprägte körperliche Entwicklung und Präsenz.

Diese Analogie wirft natürlich Fragen auf: Was ist Teil dieser körperlichen Ebene? Wie ist sie aufgebaut und organisiert? Was ist ihre Aufgabe? Funktioniert der Körper immer einwandfrei? Wie und durch wen wird dieser Körper gelenkt? Wie sieht die Schnittstelle zur nächsten Ebene aus, zur Ebene des Lebens?

Nun, der Körper ist eine recht äußerliche Angelegenheit, und darum gehört zu ihm alles, was nach außen hin sichtbar ist und ihm Struktur gibt. Dazu zählt die formelle Religionsbezeichnung, durch die sich eine Religion ganz formell von anderen Religionen unterscheidet und die ihr einen Ort im religiösen Beziehungsgeflecht zuweist. Genau genommen gibt es mit der Religion an sich noch einen Superorganismus, der allerdings keine kraftvolle und wohldefinierte Angelegenheit darstellt, sondern eher ein Gebilde mit einer Autoimmunkrankheit.

Der Superorganismus Religion definiert sich durch den Glauben an etwas, das größer ist als wir es sind, dem wir in der ein oder anderen Form unsere Existenz verdanken und das meist auch irgendwie Interesse an uns hat, so wie auch Eltern meist an der Entwicklung ihrer Kinder interessiert sind. Und wie in jeder irdischen Familie, ist auch in dieser die Beziehung von Kindern und Eltern und die Beziehung der Kinder (und Enkel und Urenkel) untereinander individuell sehr unterschiedlich und längst nicht immer spannungsfrei. Das Elter (oder die Eltern) ist die schöpferische Urmacht, das Große Bewusstsein, die Gottheit oder ein Clan von Gottheiten oder übernatürlichen Wesen. Die Kinder in dieser Familie sind die Religionen und die Vorstellungen, die sie von ihrem Elter haben, was ihrer Beziehung zu ihm entspricht. Hier finden sich helfende, gütige, beobachtende, verständnisvolle, neutrale, desinteressierte, fordernde, rachsüchtige, eifersüchtige, grausame und zornige Gottesbilder, die allesamt sehr menschlich geprägt sind. Die Spanne reicht von Gottheiten, die uns die Hand reichen und uns zu sich emporziehen wollen bis zu solchen, die diktatorisch eine absolute Unterwerfung fordern.

Die einzelnen Religionen sind Ausdruck unserer Beziehung zum Göttlichen und in ihrer Ausgestaltung überwiegend menschengemacht, und sie sind Kinder des Superorganismus Religion, der unsere grundlegende und ideale Beziehung zu dieser Urmacht darstellt und dem Göttlichen in seiner Unformuliertheit näher steht als jede Einzelreligion.

Wir haben hier also eine provisorische Hierarchie: Ganz oben befindet sich Gott, dann kommt lange nichts, und dann kommt die Religion als Superorganismus mit den einzelnen Religionen als seinen Kindern. Grob gesagt sind diese Kinder die ethnische oder Naturreligion, der Polytheismus und der Monotheismus, die sich ihrerseits wieder in Kinder (z. B. das Christentum) und Kindeskinder (hier u. a. Orthodoxie, Katholizismus und Protestantismus) usw. verzweigen. Hinzu kommen die Sozialreligion des Konfuzianismus und die eher spirituellen Religionen Buddhismus und Daoismus mit ihren jeweiligen Kindern und Enkeln. Den meisten Unfrieden gibt es hier bei den monotheistischen Religionen.

Wie in nahezu jeder Familie gibt es Zank und Streit, Unverständnis und verschiedene Auffassungen, besorgte Eltern und vor allem zankende Kinder und Kindeskinder. Man kann diese Analogie natürlich nicht allzu weit führen, denn der Abstand zu dieser Urmacht und die augenscheinlichen Unterschiede unserer Natur und der Natur des Göttlichen sind dafür zu groß und ausgeprägt, und es scheint auch nicht vorgesehen oder möglich zu sein, dass die Kinder in einem Ausmaß erwachsen werden, dass sie einen gleichberechtigten Platz als Gott neben Gott einnehmen.

Dieser Unfrieden rührt daher, dass nahezu jede Religion für sich in Anspruch nimmt, über die einzig legitime und allzeit gültige Verkündung und Interpretation des göttlichen Willens zu verfügen und nicht verstehen kann, dass nicht jedes menschliche Wesen mit Beginn der Bewusstwerdung sofort zu ihr konvertiert. Nun kann man sicherlich Gottes Einfluss bei der Bildung der Religionen nicht gänzlich leugnen, aber da die Religionen ziemlich unterschiedlich ausgefallen sind und noch nie an unterschiedlichen Orten auf der Erde zwei identische Religionen unabhängig voneinander entstanden sind, ist dieser Einfluss eben nur ein Einfluss, beziehungsweise wurde dieser, wie im Kapitel über das Transformsyndrom noch erläutert wird, durch den Menschen entstellt. Und wenn man dann noch bedenkt, dass die menschlichen Völker und Kulturen und Auffassungen sehr unterschiedlich sind und der Mensch an sich im Verlauf seiner Geschichte auch eine bisweilen gewaltige Entwicklung seines Bewusstseins durchlaufen hat und immer noch durchläuft, und Gott vielleicht versucht, uns an jedem Ort, in jeder Kultur und zu jeder Zeit genau das zu vermitteln, was wir für unsere Entwicklung und für unser religiöses Verständnis gerade benötigen, dann ist die Vorstellung einer einzigen und absolut wahren und ewigen Religion schon absurd und genau genommen blasphemisch, da wir dieser göttlichen Urmacht damit praktisch diktieren, wie sie und ihre Beziehung zu uns für immer und ewig zu sein hat. Das ist eine zutiefst menschliche Sichtweise, und darum sind auch die Religionen überwiegend menschliche Gebilde mit einem möglichen göttlichen Kern, der wahrscheinlich in jeder Religion einen anderen Aspekt des Göttlichen widerspiegelt.

Damit die Religion ihre Aufgabe, die darin bestehen müsste, den Menschen näher zu dieser Urmacht zu führen, besser erfüllen kann, müsste sie nach diesem Kern in sich und in den anderen Religionen suchen und auf diese Weise den Superorganismus Religion mit sprudelndem Leben erfüllen. Dann ist die Religion kein Gegeneinander mehr, sondern ein freudiges Miteinander, das bereit ist, die Stagnation hinter sich zu lassen und stattdessen Fortschritte zu machen, die den Menschen individuell und global weiterhelfen werden.

Der körperliche Kern einer Religion wird durch die heiligen Texte gebildet, auf die sich jede Religion beruft, seien sie nun schriftlich fixiert oder mündlich überliefert, wobei vor allem die heiligen Schriften als von Gott inspiriert oder diktiert gelten und somit oftmals einen Nimbus der Unantastbarkeit haben, während Überlieferungen sich im Laufe der Zeit verändern und, im Positiven wie im Negativen, an die Entwicklung anpassen können und so, zumindest potenziell, für den moderierenden Einfluss Gottes offen sind.

Die ältesten dieser Schriften dürften die heiligen Texte des Hinduismus sein, die Veden und die Upanishaden, die als „gehört“ gelten, also als direkt von Gott übermittelt. Sie illustrieren augenfällig die bereits angesprochene Tatsache, dass sich der Mensch und seine Kultur stetig entwickeln und umformen, während das niedergeschriebene Wort unveränderlich bleibt. Diese Schriften sind voller Bilder und Symbole, die vielleicht zur Zeit ihrer Entstehung eine klare Sprache darstellten, weil sie im Bewusstsein der damals aktuellen Kultur verankert waren, nur hat sich das Bewusstsein im Laufe der Jahrtausende gewandelt, und die Bedeutung dieser Bilder wird heute nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt verstanden, vor allem, was den spirituellen Gehalt angeht. Hier hat Sri Aurobindo mit seinem Verständnis für eine Übersetzung in aktuelle Begrifflichkeiten und Bilder gesorgt.

Was den Buddhismus betrifft, so hat Buddha selbst, der ja eine historische Person war, seine Lehre vermutlich nie als Religion bezeichnet, und manche Buddhisten machen das auch heute nicht. Buddha hat sich in seiner Lehre nie auf Gott bezogen, und ihr Gehalt ist trotz vieler ritueller Elemente, die zum Körper einer Religion gehören, überwiegend spirituell. Aber man kann die Erleuchtung, die er am Anfang seines Lebens erfuhr, durchaus als Berührung Gottes betrachten und damit als religiöses Element. Davon abgesehen ist die buddhistische Lehre von vielen Religionen Asiens aufgegriffen und in ihr religiöses Leben integriert worden. Seine Lehrgespräche wurden anfangs auswendig gelernt und mündlich weitergegeben und nach einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne nach seinem Tod schriftlich fixiert. Da seine Lehrtätigkeit lange andauerte und es eine große Vielzahl übereinstimmender Überlieferungen gab, sind diese Texte einigermaßen authentisch.

Die Texte des Judentums, die zum Teil auch für das Christentum und den Islam von Bedeutung sind, sind überwiegend Berichte der Geschichte des israelischen Volkes und der Begegnung mit dem Willen Gottes, die irgendwann erlebt, erzählt und aufgezeichnet wurden. Einzig die Zehn Gebote ragen hier als direktes Wort Gottes heraus, wenngleich die fünf Bücher Moses, die Tora, als direkt und vielleicht sogar physisch als von Gott übergeben gelten. Andererseits gibt es mit dem Talmud und einer Tradition der zeitgemäßen Interpretation einen pragmatischen Einfluss, der die nicht-orthodoxen Bereiche des Judentums vor völliger Versteinerung bewahrt.

Die Schriften des Christentums wurden aus einer größeren Sammlung von Texten von einem Konzil Jahrhunderte nach Christus zusammengestellt. Sie enthalten den jüdischen Tanach und im Neuen Testament Erzählungen über das Leben Jesu und das Wirken der Apostel. Die Texte gelten allgemein als von Gott inspiriert, werden aber auch vereinzelt als direktes Wort Gottes gedeutet, wogegen allerdings die Tatsache spricht, dass es von jedem Text verschiedene Versionen gibt. Dadurch gibt es einen gewissen, wenn auch engen Spielraum für abweichende Meinungen und Neubewertungen und somit für Evolution.

Der Islam hat Teile der Bibel übernommen, betrachtet diese allerdings als bisweilen vom Menschen verfälscht. Er stützt sich vor allem auf den vom Propheten Mohammed als direktes Wort Gottes niedergeschriebenen Koran, an dem darum nicht zu rütteln ist. Doch trotz dieses umfassenden Anspruchs auf Allein- und Ewigkeitsgültigkeit, der nur durch die Ankunft des Mahdi in ferner Zukunft etwas relativiert wird, müssen auch die Schriften des Islam interpretiert und ihre Deutung dem Wandel der Zeit und des Bewusstseins angepasst werden, womit er sich manchmal sehr schwer tut.

Ein weiterer Punkt der religiösen Körperlichkeit ist die Religionsfreiheit. Hier muss man zunächst zwischen der Freiheit von Religion und der freien Wahl der Religionszugehörigkeit unterscheiden. Freiheit von Religion bedeutet dabei nicht nur das Freisein von Religion, was nicht automatisch Atheismus oder Antitheismus bedeutet, sondern auch die Möglichkeit, eine Religion ablegen und/oder eine andere Religion wählen zu können. Diese Möglichkeiten bietet eigentlich keine Religion, denn mit der Geburt ist man unweigerlich Mitglied der elterlichen Religion und kann diese auch nicht wirklich ablegen. Einzig beim Christentum und vielleicht der einen oder anderen kleineren Religion gibt es mit der Taufe eine eigene Aufnahmezeremonie, die dem Kind aber für gewöhnlich unmittelbar nach der Geburt angediehen oder auferlegt wird.

Es gibt also in dieser Hinsicht keine wirkliche Religionsfreiheit. Man wird in eine Religion hineingeboren und verbleibt in dieser, auch wenn es formell meist die staatliche Möglichkeit gibt, eine Religion zu verlassen und religionslos zu sein. Das ist aber eine Formalität, die nur rechtlich bindend ist. In seltenen Fällen kann die Apostasie, also der Abfall vom Glauben, in Ländern mit einer islamischen Staatsreligion zur Todesstrafe führen, obwohl der Koran diese nicht vorsieht, und obwohl der Islam sogar eine Unterscheidung zwischen der Annahme der Religion und der Annahme des Glaubens kennt. Die meisten Religionen kennen aber Abläufe und Zeremonien für die Aufnahme eines neuen Gläubigen. Hierbei ist zu beobachten, dass Konvertiten häufig besonders eifrige Verfechter ihrer neuen Religion sind, was man bisweilen durchaus darauf zurückzuführen kann, dass man eine bewusste Entscheidung getroffen hat, oder dass sie gar zum Fundamentalismus neigen, was vielleicht Anzeichen von Unsicherheit sind oder das Gefühl, sich beweisen zu müssen.

Dann gibt es in diesem Zusammenhang noch das Phänomen der Staatsreligion. Hier muss man zwischen zwei Formen unterscheiden, eine staatliche Bevorzugung einer Religion, ohne dabei die Religionsfreiheit einzuschränken, wie das bei einigen christlich geprägten Ländern der Fall ist, und eine enge Verknüpfung von Staat und Religion, wobei die Religion einen massiven Einfluss auf die Staatsführung und die Gesetzgebung hat, wie es in einigen islamischen Ländern der Fall ist. Hier begreift die Religion sich als einzige Grundlage des Menschseins und den Staat, die Welt und die gesamte Lebensführung als ihre ureigenste Domäne. Darum gibt es hier keine nennenswerte Religionsfreiheit, und Mitglieder anderer Religionen werden zwar in geringem Maße geduldet, haben aber oft nicht die gleichen Rechte.

Man kann also feststellen, dass es nirgendwo auf der Erde eine wirkliche Religionsfreiheit gibt, denn die verwehende kommunistische Ideologie ist in ihrer Ablehnung der Religion ebenso gefangen wie die Menschen, die in eine Religion und eine religiöse Umgebung hineingeboren werden in dieser gefangen sind. Dadurch ist man immer in der einen oder anderen Richtung voreingenommen, und darum wird man auch nicht angehalten, sich mit der Religion an sich und den Inhalten und dem Charakter der einzelnen Religionen auseinanderzusetzen und eine individuell passende Religion anzunehmen, der Religion an sich gewogen zu sein oder sie abzulehnen und sich dem Atheismus oder der über die Religion hinausweisenden Spiritualität zuzuwenden. Freiheit bedeutet, das Wissen und die Möglichkeit der unvoreingenommenen und uneingeschränkten Wahl zu besitzen.

Um diese Freiheit zu gewährleisten, sollten Kinder von Geburt an religionslos aufwachsen und ein humanistisches Wertesystem vermittelt bekommen, das ja mit den Grundwerten der meisten Religionen einigermaßen konform geht, wenn man mal von der unwürdigen Behandlung der Geschlechtsunterschiede bei vielen Religionen absieht. Außerdem sollten im Ethikunterricht der Atheismus und die einzelnen Religionen mit ihren Stärken und Schwächen ausführlich dargestellt werden, ebenso wie die im Bewusstseinsrad über sie hinausführende Spiritualität und die Bewusstseinsforschung. Dann erst kann der Mensch ab dem Zeitpunkt des Erwachsenwerdens eine einigermaßen informierte und/oder eine Entscheidung des Herzens treffen, die ihn in seiner Entwicklung voranbringen kann.

Gegen eine solche Regelung würden die Religionen sicherlich Sturm laufen, weil sie das Potenzial hat, den bisweilen aufgeblähten Körper, der aus den Zellen ihrer Mitglieder besteht, schrumpfen zu lassen, aber objektiv betrachtet, wenn man den körperlichen Aspekt beiseite lässt und den zentralen Seelenaspekt hervorhebt, sollten sie diese eigentlich begrüßen, denn sie sorgt dafür, dass zwar die Quantität der jeweiligen Gemeinschaft der Gläubigen geringer wird, aber ihre Qualität, und durch diese Verschlankung auch ihre Ausstrahlungskraft, zunimmt, denn diese neuen Gläubigen haben sich freiwillig und aus eigenem Antrieb für das religiöse Leben entschieden und sind wahrscheinlich auch eher bereit, sich mit den Kernpunkten des Glaubens zu beschäftigen und ein aktives religiöses Leben zu führen und sich auf diese Weise auch gegenseitig beim Aufstieg zu neuen Höhen zu unterstützen. Das sollte für jede Religion, die sich nicht nur als Körper und Leben mit einem untergeordneten Geist und einer nicht präsenten Seele betrachtet, ein ausgesprochen wünschenswertes Resultat sein.

Aber im Moment scheint der Fokus einer jeden Religion auf ihrer Körperlichkeit zu liegen, weshalb dies vielleicht noch lange ein frommer Wunsch bleiben könnte. Zu dieser Körperlichkeit gehören neben der alles zusammenhaltenden Haut der Religion auch das Skelett und die Zellen. Die Zellen, das ist klar, werden von ihren formellen Mitgliedern gebildet, wobei die Religion vor allem auf Masse setzt. Hier ist keine ausgewogene Gestalt wichtig, sondern eine möglichst umfangreiche, um im Verdrängungswettkampf und Einfluss die Nase vorn zu haben. Die Menschen näher zu Gott zu bringen, ist nicht wichtig für den Körper, nur der äußere Schein und der Selbsterhaltungstrieb eines jeden Organismus.

Das Skelett, dass diesen Körper stützt und für zielgerichtete Bewegungen hilfreich ist, wird durch die Hierarchie bereitgestellt. Hierarchie bedeutet, dass jede Religion eine innere, hierarchisch geordnete Struktur besitzt, eine Stufenleiter, die bestimmt, wer was und wie viel zu sagen hat. Viele Religionen haben eine recht flache Hierarchie und/oder sind dezentral aufgestellt. Hier haben die unteren Ränge vergleichsweise viel Einfluss und eine größere Freiheit bei der Auslegung der Lehre, so dass man fast von Unorganisiertheit sprechen könnte. Trotzdem gibt es aufgrund der Erwartungen der Gemeinden, der vergleichbaren Ausgestaltung des Amtes, des gemeinsamen theologischen Körpers und eines nicht zu unterschätzenden Konformitätsdrucks keine allzu großen Abweichungen von der etablierten Norm, wenngleich es durchaus zu unterschiedlichen Auffassungen über bestimmte Themenbereiche kommen kann, etwa zu Fragen der Frauenrechte oder zum Umgang mit der Moderne. Hier kann im Laufe der Zeit durchaus ein Paradigmenwandel stattfinden. In solchen flachen Hierarchien, wie etwa im Islam, haben die Oberhäupter, falls es solche gibt, bisweilen nur einen moderaten oder moderierenden, aber bei genügend Charisma und Machtbewusstsein auch sehr dominierenden Einfluss.

Ganz anders sieht es dagegen in der christlichen Religion aus. Bei ihr sticht vor allem der Katholizismus aus der Masse christlicher Konfessionen hervor. Er scheint unter allen Religionen und Konfessionen die umfangreichste und am stärksten ausgearbeitete Hierarchie aufzuweisen, an deren Spitze der Papst steht, dessen Macht in Glaubensfragen durch das 1. Vatikanische Konzil mit dem Dogma der Unfehlbarkeit, auf das er sich bei Grundsatzentscheidungen berufen kann, ausgebaut wurde. Interessanterweise wurde diese Unfehlbarkeit auf dem 2. Vatikanischen Konzil auch der Gesamtheit der Gläubigen zugestanden, was bedeutet, dass ein hinreichend großer Umschwung in der Auffassung und Interpretation strittiger Fragen bei einem Großteil der Glaubensgemeinschaft, sozusagen dem hierarchischen Fußvolk, durchaus zu einer Anpassung der Auffassung der oberen Ränge führen kann — zumindest in der Theorie.

Allerdings ist eine solche Änderung nicht ganz einfach, da die oberen Ränge sich auf die Bibel und die etablierte und/oder von ihnen festgelegte Interpretation stützen können und diese Interpretation über sämtliche Hierarchiestufen hinweg der Glaubensgemeinschaft aufprägen, so dass sich diese für einen Wandel von der Auswirkung dieser Form der Erziehung erst emanzipieren muss, was in Glaubensfragen nicht immer einfach ist. Dass diese Bemühung darum nicht immer und/oder nicht dauerhaft erfolgreich ist, zeigt das Beispiel der Frage der Homosexualität, die durch die vergleichsweise neuzeitliche Bibelinterpretation ohne solide Grundlage gebrandmarkt und deren Ächtung durch die oberen Hierarchieränge zunehmend verschärft wurde, während sich im Zuge der Aufklärung, wissenschaftlicher Erkenntnisse und eines allgemeinen Bewusstseinswachstums bei den Gläubigen eine akzeptierende Haltung durchsetzt. Nichtsdestotrotz wird wohl noch geraume Zeit vergehen, bis die Unfehlbarkeit der Glaubensgemeinschaft in dieser Frage bei den Kirchenoberen angekommen ist.

Denn ein Hauptproblem hierarchischer Strukturen ist ihre systemimmanente Unbeweglichkeit. In Hierarchien gibt es meist nur eine schwach ausgeprägte Diskussionskultur, weil die Auffassungen der obersten Hierarchiestufe wie Vorgaben die darunter liegenden Stufen beeinflussen. Es geht in einer Hierarchie nicht darum, eine eigene Meinung zu haben, sondern die Meinung der Spitze. Das wäre kein Problem, wenn die Hierarchie natürlich wäre und ihr höchster Punkt tatsächlich unfehlbar oder zumindest am allerbesten informiert und zudem von untadeligem Charakter, aber jede religiöse Hierarchie ist von Menschen gestaltet und damit automatisch fehlbar. Von allen Hierarchiespitzen kommt wahrscheinlich nur der Dalai Lama dem Ideal halbwegs nahe, denn er wurde sein ganzes Leben lang systematisch und auf allen zugänglichen Seinsebenen auf seine Aufgabe und Verantwortung vorbereitet. Doch auch er ist nicht unfehlbar und sich dessen auch bewusst. Es gibt sicherlich innerhalb einer Stufe Diskussionen, aber durch die geringe Zahl der Vertreter ganz oben und durch den Dekretismus von oben keine vielfältige und wirklich offene Diskussion, was nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet ist, dass man meist nur durch Konformität nach oben aufsteigen kann. Weiter nach unten zu wird die Meinungsvielfalt immer größer. Aber Hierarchien sind nicht dafür bekannt, dass sie eine stufenübergreifende Diskussionskultur ernsthaft fördern. Und wie schon angedeutet, bewegt sich eine Hierarchie gewissermaßen im Kreis, denn sie prägt ihre Umwelt und lässt nur diese geprägten Elemente in sich zu, was Veränderungen nicht nur sehr effektiv verhindert, sondern auch zu Verhärtungen und einer Schwarz-Weiß-Mentalität führt. Eine Hierarchie ist damit nicht oder nur extrem eingeschränkt für Veränderungen und damit für den Fortschritt offen. Und da in nahezu allen Religionen der blasphemische Glaube vorherrscht, dass Gott dem Menschen für alle Zeit alles gegeben hat, was sie jemals benötigen, gibt es auch keine Notwendigkeit für Veränderung und Fortschritt. Im Grunde genommen verschließt sich der Mensch durch seine Religion der Möglichkeit, neue und seiner Entwicklung entsprechende göttliche Offenbarungen empfangen zu können. Wir sind nicht offen, sondern haben alle unsere Sinne vor der Möglichkeit verschlossen, dass Gott individuell oder kollektiv zu uns sprechen könnte.

Man kann die religiöse Hierarchie auch als eine Art Altersstarrsinn begreifen. Sie hat eine festgefügte Vorstellung vom religiösen, physischen, vitalen, mentalen, sozialen und sogar politischen Sein und nicht die Fähigkeit, sich davon zu lösen oder sie gar objektiv von außen zu betrachten. So ist es auch zu erklären, dass die mittlerweile aufgedeckten Fälle sexuellen Missbrauchs nur höchst widerwillig bis gar nicht aufgearbeitet werden. Es ist nicht so, dass sie unbekannt oder ein neuzeitliches Phänomen gewesen wären; ganz im Gegenteil könnte man den Eindruck haben, dass der Missbrauch mit der Hierarchie gewachsen ist. Die Ursachen des Missbrauchs sind relativ offensichtlich und spiegeln unter anderem auch den schon erwähnten geschlossenen Kreislauf der Hierarchie wider. Die Religion, und vor allem viele christliche Konfessionen, vermitteln dem Menschen seit sehr vielen Jahrhunderten oft ein sehr negatives und restriktives Bild von der menschlichen Sexualität und verursachen damit viele überflüssige Scham- und Schuldgefühle. Die Menschen, die dadurch am stärksten beeinträchtigt sind, diese also sehr ernst nehmen, wenden sich in der Hoffnung auf Erlösung der Quelle dieser Schuldgefühle als der obersten Autorität und möglichen Quelle von Hilfe gegen die eigene Qual zu. Diese Erwartungen werden nicht nur nicht erfüllt, sondern meist weiter frustriert, und darum sind viele religiöse Würdenträger aller Hierarchiestufen innerlich genauso oder noch stärker zerrissen, wie die besonders religiösen Teile der Glaubensgemeinschaft. Eine Aufarbeitung würde bei vielen an den Kern der eigenen Existenz rühren. Darum findet eine Verdrängung statt mit der Ausbildung einer Form von Schizophrenie. Speziell in der katholischen Kirche wird die Lage durch den Zölibat noch verschärft, der dem Priester effektiv eine sexuelle Betätigung verbietet und somit den Druck auf die gequälte Seele verschärft. In früheren Jahrhunderten kam als weiterer Einfluss noch die Tatsache hinzu, dass jüngere Söhne und Troublemaker mit ihren natürlichen Wünschen und Verlangen gerne in Klöster und den Priesterberuf abgeschoben wurden, ohne die dafür nötige Berufung in sich zu verspüren und ohne innerlich auf ein enthaltsames Leben eingestellt zu sein. Damit wurde eine grundlegende Bereitschaft für den Missbrauch des Amtes geschaffen, die sich nahtlos in den bereits bestehenden Machtmissbrauch einfügte und sozusagen eine Tradition begründete, gegen die sich Luther später auflehnte und die trotz Aufklärung fast unbeschadet fortbesteht und wegen ihr stärker im Verborgenen agiert.

Der Mangel an Bereitschaft zu Wandel und Veränderung hat aber auch mit einem anderen Aspekt des Seins zu tun, der nicht nur für den menschlichen, sondern ebenso für den religiösen Organismus gilt. In Indien wurde dieser Aspekt als Teil einer Trinität von Temperamenten, den Gunas, beschrieben, die das körperliche, das vitale und das geistige Sein prägen. Diese Gunas wirken zwar auf allen Ebenen des Seins, aber jedes von ihnen hat sozusagen sein Zuhause oder seinen Ausgangspunkt auf einer anderen Ebene.

Das Temperament, das Guna, das dem Körper zugeschrieben wird, ist das Tamas, das für Trägheit, Unbeweglichkeit und Unbewusstheit steht. In einem Menschen oder in einer Entität wie der Religion äußert sich Tamas im Unwillen zur Veränderung, in der Ablehnung von allem, was Energie verbraucht und Bewegung erzeugt, in Starrheit, Lähmung, im Aussitzen von Ereignissen, in der Vermeidung von Entscheidungen, in der Bewahrung von Althergebrachtem, in der Tradition, im Ansammeln, in der Konservierung und dem Erhalt des Bestehenden. Tamas ist also keine Kraft der Veränderung, sondern ihre Gegenkraft, die Bewahrung. In der indischen Philosophie ist Tamas darum die Ursache von Dunkelheit und das größte Hindernis für den Fortschritt, weswegen die damit assoziierte Körperlichkeit dem spirituellen und religiösen Fortschritt und der Erleuchtung im Weg steht und damit abgelehnt wird. So wird auch die in der heutigen indischen spirituellen Praxis weit verbreitete Weltflucht damit begründet, dass der Körper und alles irdische und weltliche den Menschen in der Welt festhält und ihm den Zugang zum Göttlichen verbaut. Und in der ein oder anderen Form findet sich diese Haltung in vielen Religionen wieder, die dann dem Suchenden den Rückzug von der Welt, z. B. in ein Kloster, und die Zurückweisung der irdischen Güter empfehlen.

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Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
26 may 2021
Həcm:
261 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783867101967
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