Kitabı oxu: «Das geheime Leben des Ettore Majorana - Kriminalroman»
Burkhard Ziebolz
Das geheime Leben des Ettore Majorana - Kriminalroman
Saga
Das geheime Leben des Ettore Majorana - KriminalromanCopyright © 2000, 2019 Burkhard Ziebolz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726086782
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
Mein Dank gilt wieder einmal Sabine, Christiane, Peter und Michael, für ihr hartnäckiges, fast trotziges Korrekturlesen und ihre ungebrochene Diskussionsbereitschaft. Prof. Christian Kleint danke ich für seine freundliche Kooperation und Sabine Zinke für die fleißige Übersetzung aus dem Italienischen.
Der Kommune Catania danke ich dafür, daß sie alle meine Anfragen konsequent ignoriert und damit meinen Gedanken mehr Freiheit gegeben hat.
Prolog
Ettore Majorana
| 1906 | Geboren in Catania, Sizilien |
|---|---|
| Bis 1923 | Besuch des humanistischen Gymnasiums in Catania |
| 1923 – 1928 | Studium der Ingenieurswissenschaften an der Universität zu Rom |
| 1929 | Promotion in theoretischer Physik, unter Leitung von Enrico Fermi, danach als freier Mitarbeiter am Institut für Physik, theoretische Forschungen verschiedener Natur |
| 1933 | Studienreisen nach Deutschland und Dänemark |
| 1933-37 | Zurück in Rom, wieder am Institut für Physik, arbeitet viel zu Hause. |
| 1938 | Professur an der Universität Neapel |
| März 1938 | Verschwunden aus seinem Leben |
Teil 1: Der Sizilianer
»Wo soll ich beginnen? Die Welt ist so groß. Ich werde also mit dem Land beginnen, das ich am besten kenne, mit meinem eigenen. Aber mein Land ist so groß. Ich fange doch lieber mit meiner Stadt an. Aber meine Stadt ist so groß.
Am besten beginne ich mit meiner Straße. Nein, mit meinem Haus.
Nein, mit meiner Familie. Ach was, ich beginne bei mir.«
Elie Wiesel
»Beginne am Anfang«, sagte der König ernst, »und fahre fort, bis du ans Ende kommst: dann höre auf«
Lewis Carroll
1.
Der Weg scheint endlos und ist doch nur dreißig Meter lang, sein Ende deutlich zu erkennen. Sogar das Namensschild sieht Himmelreich, der langsam geht, als könne jede hastige Bewegung seine Umgebung verschwimmen lassen, wie eine Bewegung im Wasser die Ordnung der Oberfläche zerstört.
Alfred Winkler.
Die Tür ist aus dickem, dunklem Holz, mit Masern rot wie Blut, die Klingel ein angenehm dunkler Gong. Sie öffnet sich schnell, als hätte sie auf ihn gewartet. Das Gesicht hinter der Tür – alt geworden, mit tiefen Furchen, aber immer noch unverkennbar dieselbe Person, und immer noch brennt die alte Kraft aus dunklen Augen. Kein Erschrecken, keine Angst findet sich in der Stimme, die noch kräftig und laut ist; sie klingt eher, als hätte er ihn schon seit langer Zeit erwartet.
»Victor. Wir haben uns lange nicht gesehen.« Und, als Victor nicht antwortet, sondern ihn nur anschaut: »Ich wußte, daß du irgendwann kommen würdest.«
»Du mußtest damit rechnen«, antwortet Himmelreich.
Die Schultern des anderen sinken ein Stück vornüber. Die Gestalt, früher kraftvoll und sehnig und nun nur noch der ausgemergelte Schatten eines anderen Lebens, tritt beiseite und gibt den Weg frei ins Innere des Hauses.
»Es gibt viel zu erzählen, und wenig Zeit dafür.«
Die Mauser drückt an der rechten Brustseite. Es gibt zeitgemäßere Waffen, leichter, kleiner und effektiver, aber Himmelreich bevorzugt das alte Ding, weil es ihn an alte Tage erinnert.
Die Pistole ist ein Fossil, Relikt einer anderen Epoche und einer anderen Umgebung, aber ist er nicht selber auch eines?
Dann sitzen sie sich endlich gegenüber. Das Haus ist groß, und sein Bewohner – ist er allein hier? – scheint nur einen kleinen Teil zu nutzen. Das Zimmer ist vollgestopft mit Erinnerungsstücken aus allen Teilen der Welt, Fotoalben, Kisten mit Dias, gerahmten Bildern an den Wänden, ein Magazin der Erinnerung. Ein ganzes Leben auf fünf mal fünf Metern, aber dennoch, würde man das Material hier auswerten, man wüßte immer noch nicht, wer oder was sein Besitzer wirklich war, dessen ist sich Himmelreich sicher.
Himmelreich sitzt leicht vorgebeugt auf der Kante eines braunledernen Clubsessels, seine Jacke öffnet sich am Revers und gibt den Blick frei auf den antiquierten Bakelitgriff der Waffe. Er sieht die vielen Pillendosen und das Spritzbesteck auf dem kleinen Glastisch.
»Bist du krank?«
Der andere zuckt mit den Schultern.
»Ein wenig Zucker, ein wenig die Lunge, ein wenig von allem. Und selber?«
»Man muß zufrieden sein.«
Eine Pause entsteht. Wie sagt man jemandem, daß man gekommen ist, ihn zu töten? Denn sagen muß man etwas, bevor man es tut. Das Urteil muß verkündet werden, mit allen Begründungen, sonst wäre es keine Strafe.
Auch wenn der Verurteilte den Richterspruch schon kennt.
»Wohnst du alleine hier?«
»Ja.«
»Du nennst dich hier Winkler.«
Die Stimme ist schwer, die Worte kommen heraus wie zäher Sirup.
»Alfred Winkler. Ein Name ist so gut wie der andere.«
Wieder eine Pause, und dann:
»Du weißt, warum ich hier bin?«
»Ich kann es mir denken.«
»Es ist wegen Irmgard.«
Das Gesicht bleibt ausdruckslos. Ein Krächzen, kaum als Lachen zu erkennen, drängt zwischen den trockenen Lippen hervor.
»Ja. Dabei gäbe es bessere Gründe, mich zu erledigen.«
Himmelreich nickt zum Zeichen des Verständnisses.
»Ganz bestimmt, nur fällt das nicht in meine Verantwortung. Mich geht nur ein Fall an. Mein persönlicher Fall.«
»Du kommst, um sie zu rächen?«
»Ich komme, um dich zu bestrafen.«
Wieder das trockene Lachen.
»Ohne Verhandlung? Ohne mir die Möglichkeit zur Rechtfertigung zu geben? Du hast dich verändert, Victor. Du bist nicht mehr derselbe wie früher. Nicht mehr Victor, der Gerechte.«
»Leute wie du haben dafür gesorgt.«
Man merkt, wie es in Winkler arbeitet, seine Augen wandern ohne Unterlaß durch den Raum als suchten sie etwas, an dem sie sich festmachen können, einen Anker, einen Rettungsring.
»Und du bist den Dingen von damals auf den Grund gegangen.«
»Ich kenne die Einzelheiten.«
»Wirklich alle Einzelheiten? Weißt du genau, wie das mit Irmgard war? Und was aus Ettore geworden ist?«
Himmelreich lehnt sich zurück. Eigentlich hatte er die Zeit nicht eingeplant, aber vielleicht ist es richtig so, vielleicht muß wirklich noch einmal über alles geredet werden. Es wird ihm selber helfen, wenn er den Weg zurückgeht. Und es gibt ihm noch ein wenig Zeit.
Außerdem fehlen ihm tatsächlich noch ein paar Bausteine, um das Bild vollständig zu sehen.
»Also schön.«
Der andere atmet hörbar auf. Nur noch ein krankes Bündel welkes Fleisch, aber dennoch, er hängt am Leben wie alle anderen auch.
»Vielleicht siehst du nicht, welche Rolle ich wirklich gespielt habe vor vierzig Jahren. Wir schreiben jetzt 1975, und alles hat sich geändert. Damals taten wir nur, was wir tun mußten, zum Wohle unseres Volkes. Und meine Gründe ...«
»Sag, was du zu sagen hast.«
»Ich wollte vorschlagen, daß du beginnst. Bei dir fing alles an, meine Rolle begann erst später. Und ich kenne die Vorgeschichte der Affäre Majorana nicht.«
Die Affäre Majorana. So hieß die Geschichte damals in der Presse, und die Zeitungen waren voll davon. Ein junger genialer Atomphysiker, Zögling Fermis, verschwunden von einem Tag auf den anderen, nachdem er alle seine Forschungsergebnisse vernichtet hatte. Himmelreich schließt für einen Moment die Augen und sieht die Schlagzeilen wieder vor sich, dicke Balken auf den Titelseiten der europäischen Zeitungen. Die Erinnerung ist zwar immer da gewesen, aber die Zeit hat sie schwächer gemacht. Jetzt, in diesem Moment, strömt sie in ihn zurück wie ein mächtiger Strom, der ein lange trocken gelegenes Becken füllt. Winkler will Zeit gewinnen, das ist ihm klar, aber zu groß ist die Verlockung, endlich über alles reden zu können, mit jemandem, der wirklich weiß, worum es geht.
Auch wenn dieser jemand ein Mörder ist.
2.
Victor Himmelreich ist Student der Physik im achten Semester in München im Jahr 1933, als man an ihn herantritt. Ob er Lust hätte, nach Leipzig zu gehen, zu Heisenberg. Man könnte das arrangieren. Um das Geld würde man sich auch kümmern, um finanzielle Unterstützung und um ein Zimmer. Das wäre alles kein Problem.
Himmelreich ist, als träume er.
Werner Heisenbergs Ruf ist schon von internationaler Bedeutung und durchbraust die wissenschaftliche Gemeinde überall auf der Welt wie ein Sturm, der alles durcheinander wirbelt und nichts an seinem Platze läßt. Nach der Gastprofessur in Chicago hat er den Lehrstuhl für Physik in Leipzig übernommen. In seiner Nähe zu arbeiten, durch seine Schule zu gehen, ist eine Empfehlung, höhere Weihen mit dem Beigeschmack der Zugehörigkeit zur Elite. Und wenn Himmelreich zurückdenkt, muß er feststellen, daß ihn die Zeit dort wirklich und in jeder Hinsicht weitergebracht hat. Es ist nicht allein der Stoff, der vermittelt, und die Projekte, an denen gearbeitet wird, es ist ganz einfach das intellektuelle Klima und besonders Heisenbergs Genius, der allem seinen Stempel aufdrückt. Man spürt, man ist unter denkenden Leuten, man diskutiert, und es entstehen Gedanken in einem, die an einem anderen Platz niemals entstanden wären.
All das weiß der kleine, schlanke Student mit der energischen Nase, den tiefliegenden Augen und dem sauber gestutzten Oberlippenbärtchen zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Seine Vorstellungen sind auch nur vage, wenn er an seine berufliche Zukunft denkt, und dennoch hätte er alles getan, um an diesen Ort zu gelangen. Also fragt er nach der Gegenleistung, die er zu erbringen hat, denn eine Gegenleistung muß es geben. Sie sagen es ihm, freundlich, sachlich, und er findet absolut nichts dabei. Es ist nichts Kriminelles dabei, noch nicht einmal etwas Anstößiges in der damaligen Zeit.
Ein paar Informationen soll er beschaffen, über eine ihm damals noch völlig unbekannte Person, die mit ihm in Leipzig arbeiten würde.
Nein, nicht ganz unbekannt.
Er kennt den Mann, um den es geht, aus der Fachpresse und aus dem, was über ihn geredet wird.
Und was er über ihn gehört hat, macht ihn gespannt.
3.
Im Frühjahr 1933 treffen sich zwei Männer in einem repräsentativen Büro des Berliner Reichstages. Der Raum ist riesig, fast schon ein Saal, und komplett mit Holz vertäfelt, dunkel mit feinen Intarsien, die Wappen, Fahnen und allegorische Tiere darstellen. Um einen großen, runden Tisch in der Mitte stehen ledergepolsterte Stühle aus massivem Ebenholz, und die Wände schmücken zwei riesige Schlachtengemälde aus dem vorigen Jahrhundert; ein Gemenge von blauen und roten Uniformen, gezückten Säbeln, stolzen Pferden und ästhetisch leidenden Verwundeten, bunter, glorifizierender Abgesang der Kriegskunst einer anderen Epoche, bar jeglicher Realität und von jemandem gemalt, der nie ein wirkliches Schlachtfeld gesehen hat.
Am anderen Ende des Büros, direkt vor den hohen Fenstern, sitzt hinter einem Schreibtisch von riesigen Ausmaßen ein Mann und blickt Friedrich von Callwitz kühl entgegen.
»Mein lieber von Callwitz. Es freut mich, daß wir uns endlich kennenlernen.«
»Ist mir eine Ehre, Herr Reichskriegsminister.«
Callwitz´ Hacken knallen mit einer Lautstärke zusammen, die sicher bis auf den Flur zu hören ist. Er schrickt selbst ein wenig zusammen. Alte Angewohnheiten wie diese wird man schwer wieder los, und in seinem Geschäft kann man sie sich eigentlich nicht leisten. Einmal, vor vier Jahren in Bulgarien, hat sie ihn fast das Leben gekostet. Er konnte sich damals nur retten, indem er seinen Gesprächspartner erschoß; eine sehr bedauerliche Konsequenz angesichts der Tatsache, daß er ihn eigentlich als Informationsquelle hatte nutzen wollen.
Ohne aufzustehen, weist der Minister mit einer kleinen, präzisen Bewegung der rechten Hand auf den Besucherstuhl vor seinem Tisch.
»Ich habe wenig Zeit, darum will ich gleich zur Sache kommen. Sie sind mir empfohlen worden, beziehungsweise, ihre Referenzen haben Sie empfohlen. Einer der fähigsten Agenten der alten Regierung, loyal, Auslandseinsätze, mehrere Sprachen fließend, und so weiter und so weiter, sehr beeindruckend, das.«
Callwitz schweigt. Es gibt Situationen, da profiliert man sich am besten durch Schweigen. Die Wirren der letzten Monate haben sich auch auf sein Geschäft ausgewirkt, und er ist froh, nach zwei Jahren Verwaltungstätigkeit wieder für etwas anderes im Gespräch zu sein. Als Sprößling eines alten Adelsgeschlechtes mit vierhundertjähriger Tradition in der Armee verbindet ihn wenig mit den neuen Machthabern, aber letztendlich ist ihm egal, wer die Befehle gibt, wenn sie nur interessante Aufgaben für ihn bringen.
»Danke, Herr Reichskriegsminister.«
Von Blomberg lehnt sich zurück und mustert eindringlich den jungen Mann, der kerzengerade aufgerichtet auf seinem Stuhl sitzt und wartet, gleichzeitig entspannt und aufmerksam. Groß, blond, blauäugig, der arische Urtypus, als Agent leicht zu erkennen und daher für die Aufgabe wenig geeignet; dennoch, seine Erfolge sprechen für sich. Blomberg fragt sich, was intelligente, gebildete Menschen in einen solchen Beruf treibt, in Unsicherheit, Gefahr und ständige Anspannung.
Wahrscheinlich muß man dazu geboren sein.
Er seufzt, setzt seine runde Nickelbrille ab und beginnt, sie akribisch mit einem Taschentuch zu putzen, das er frisch gebügelt einer Schublade des Sekretärs entnimmt.
»Wir haben eine Aufgabe für Sie, Callwitz. Wie gut waren Sie in Physik, damals auf dem Gymnasium?«
»Oberes Drittel der Klasse, Herr Reichskriegsminister. Nicht unbedingt mein Lieblingsfach, aber ganz ordentlicher Abschluß.«
»Natürlich. Nun, eigentlich ist es auch egal, aber der Mann, um den es geht, ist Physiker, und er arbeitet an Dingen, die möglicherweise von großer Bedeutung für das Reich sein könnten. Der Führer hat ein großes Interesse daran, daß wir uns seiner Dienste versichern.«
Callwitz wartet. Die Sache mußte einen Haken haben, sonst wären sie nicht zu ihm gekommen, sondern hätten nur die Staatskasse bemüht.
Blomberg läßt sich Zeit. Er beugt sich vor, greift nach einer großen, polierten Zedernholzkiste und zieht sie über die lederbezogene Schreibtischoberfläche zu sich heran. Er öffnet sie und hält sie Callwitz hin.
»Zigarre?«
Callwitz greift zu, auch der Minister bedient sich. Die Zigarre könnte ein Hinweis auf die Länge sein, die das Gespräch noch haben wird, und damit auf seine Bedeutung. Wenn der Reichskriegsminister sich eine Stunde Zeit für ein Gespräch mit einem Fremden nimmt, kann es keine Lappalie sein, über die geredet wird.
Sie setzen die Havannas umständlich in Brand.
»Es gibt zwei Dinge, die uns im Weg stehen. Zum einen ist der Mann Italiener, gehört also einer uns nahestehenden Nation an. Wir haben deshalb nicht ganz so viel Bewegungsraum wie in anderen Fällen.«
Callwitz weiß immer noch nicht, worauf der andere hinaus will.
»Eine Frage, Herr Reichskriegsminister, wenn Sie gestatten.«
Er wartet Blombergs Nicken ab, bevor er fortfährt.
»Warum nutzen wir nicht die offiziellen Kanäle und bitten die italienische Regierung um Unterstützung?«
Blomberg wehrt ab.
»Es gibt bestimmte politische Gründe gegen ein solches Vorgehen. Und dann – wir glauben, daß die Italiener gar nicht wissen, was Sie an diesem Mann haben, und wir möchten nicht diejenigen sein, die sie darauf hinweisen. Uns würde das Wissen dieser Person jedenfalls mehr nützen als den Italienern, so nahe uns diese auch im Herzen stehen mögen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Keine weiteren Fragen dazu. Callwitz weiß, wann er noch mit Antworten zu rechnen hat und wann nicht mehr. Sein Geschäft kann schmutzig sein, aber die Politik ist es in noch viel stärkerem Maße.
»Jawohl. Und der andere Grund?«
»Der andere Grund. Der andere Grund ist, daß wir vermuten, daß der Mann nicht unbedingt wild darauf sein wird, uns zu helfen.«
»Dann kaufen Sie ihn.«
Blomberg lächelt matt.
»Er hat Geld genug. Jedenfalls für seine Bedürfnisse.«
»Nehmen Sie es ihm weg.«
»Dazu haben wir nicht die Möglichkeit, beziehungsweise, das würde nicht ohne Aufsehen abgehen. Sie sehen, es ist schwierig. Eine Aufgabe für einen Spezialisten. Eine Aufgabe für Sie. Glauben Sie, Sie schaffen das?«
Callwitz pafft und stößt eine gewaltige Rauchwolke in den Raum, dann gestattet er es sich, die aufrechte Haltung aufzugeben und in die Rückenlehne zu sinken.
»Es gibt immer einen Weg.«
4.
Hartmanns senkrechte Stirnfalte vertieft sich jedesmal, wenn ihm etwas bedenklich vorkommt und er darüber nachdenken muß. Seit er Victor Himmelreich kennengelernt hat und um die Art und Weise weiß, wie dieser an das Institut gekommen ist, furcht sie sich jedesmal, wenn er den jungen Mann sieht. Der klein gewachsene Hartmann hat nichts gegen Fürsprache oder Empfehlung, aber nur bis zu einer bestimmten, von ihm selbst definierten Grenze; in Himmelreichs Fall scheint diese überschritten worden zu sein. Weil er aber von Natur aus zu höflich ist – seine Frau nennt es schlicht feige –, seiner Kritik direkt und verbal Ausdruck zu verleihen, erschöpft sich diese in der Stirnfalte, und in gelegentlichem Runzeln der dichten Augenbrauen.
»Herr Himmelreich, darf ich Ihnen Doktor Majorana vorstellen. Er ist für einige Zeit an unser Institut gekommen, um sich über unsere Arbeiten zu informieren und uns an seinen Erkenntnissen teilhaben zu lassen.«
Himmelreich kennt Majorana natürlich, nicht erst aus den Vorgesprächen mit den Männern, die ihn nach Leipzig geschickt haben. Er kennt den Lebenslauf des gebürtigen Sizilianers, weiß um seine Arbeiten an der Universität in Rom, hat einiges davon gelesen und teilweise sogar verstanden. Vieles aber ist ihm verschlossen geblieben, liegt hinter einer Tür, die durch Intelligenz und Eifer allein nicht zu öffnen ist.
»Herr Majorana, darf ich Ihnen Victor Himmelreich vorstellen. Er kommt von Professor Schneider aus München zu uns, um seine Studien bei Professor Heisenberg fortzusetzen.«
Majoranas dunkles Gesicht mit den dicken Lippen, möglicherweise Erbe afrikanischer Vorfahren, verbreitert sich in ein höfliches Lächeln. Er ist größer, als Victor ihn sich vorgestellt hat, entspricht aber sonst genau den Bildern, die er bei seinen Berliner Auftraggebern gesehen hat: Schwarzes Haar, mit Pomade zu einer korrekten Frisur geformt, dunkle, melancholische Augen, eine relativ breite Nase. Sein Deutsch ist holprig und unsicher, er sucht nach jedem Wort, aber man versteht ihn.
»Guten Tag.«
»Professor Heisenberg hilft Herrn Majorana ein wenig mit dem Deutschen, und er hat schon viel dazu gelernt während seines Aufenthaltes.«
Hartmann fühlt sich offenbar zu dieser Entschuldigung genötigt, so, als trüge er selbst die Verantwortung für das schlechte Ausdrucksvermögen seines Gastwissenschaftlers.
Himmelreich lächelt ebenfalls und reicht dem Sizilianer die Hand. Sein Italienisch, das bis vor ganz kurzer Zeit noch so hölzern geklungen hat wie Majoranas Deutsch, ist durch den Intensivkurs – acht Stunden am Tag, vierzehn Tage lang – flüssig und auf dem aktuellsten Stand italienischer Sprachgewohnheiten.
»Freut mich ebenso. Und es freut mich besonders, daß ich mein Italienisch etwas üben kann.«
Über das Gesicht des Gegenübers huscht ein Ausdruck der Freude, schnell wie der Schatten eines Vogels. Als er antwortet, scheint er ein anderer Mensch zu sein. Wie wichtig es ist, sich ausdrücken zu können, denkt Himmelreich. Intelligenz ist wichtig, aber Sprache ist für den ersten Eindruck noch wichtiger. Sie macht den Menschen, gibt ihm Gesicht und Charakter; ohne Sprache ist er nichts.
»Wo haben Sie so gut Italienisch gelernt? Es ist fast perfekt.«
Himmelreichs Lächeln ist wie eingemeißelt. Er ist kein Schauspieler, es fällt ihm schwer, eine bestimmte Miene ohne natürliche Veranlassung über längere Zeit beizubehalten. Aber er hat sich gut auf den Moment der ersten Begegnung vorbereitet, und er denkt daran, daß er nicht hier wäre, gäbe es den Italiener nicht.
»Meine Mutter war Halbitalienerin. Leider starb sie zu früh, deshalb sind meine sprachlichen Fähigkeiten eher begrenzt geblieben. Aber ich war einige Male in ihrem Land, im Urlaub.«
Die erst Lüge, die ersten zwei sogar, von vielen, die noch kommen werden. Sie geht ihm flüssig von den Lippen, und es bleibt nichts zurück in seinem Mund, kein bitteres Gefühl der Schuld oder auch nur der schale Geschmack von Schäbigkeit.
Hartmanns Staunen ist nicht zu übersehen. Er betrachtet Himmelreich auf einmal anders, mit mehr Respekt und interessierter, so, wie man im Zoo ein seltenes, schönes Tier begutachtet.
»Ich wußte nicht, daß Sie des Italienischen mächtig sind.«
Himmelreichs Lächeln ist nicht weniger nachsichtig als das Majoranas vorher, und nur etwas demütiger.
»Es gab keinen Grund, das an die große Glocke zu hängen, zumal es auch mit meinem Fachgebiet nichts zu tun hat. Außerdem ist es nicht so gut.«
»Wie auch immer, es freut mich sehr für unseren italienischen Kollegen. Offen gestanden, außer Professor Heisenberg hat er hier nicht viel Kontakt. Er spricht kaum deutsch, und die meisten der Mitarbeiter scheuen den Ausflug auf ein sprachliches Terrain, das ihnen fremd ist. Ich nehme mich da übrigens nicht aus.«
Majorana, der der deutsch geführten Unterhaltung mit Interesse und offenkundigem Unverständnis gefolgt ist, blickt Himmelreich auffordernd an. Er blickt nicht Hartmann an, sondern Himmelreich, wie dieser mit Befriedigung registriert. Der andere hat ihn offenbar schon akzeptiert, und nicht nur das, er räumt ihm nach der kurzen Bekanntschaft schon eine Sonderstellung ein: Ansprechpartner, vielleicht Beistand, wenn es mal Verständnisprobleme oder andere Schwierigkeiten gibt.
Victor Himmelreich, Sohn eines Ladenbesitzers aus Nürnberg, ist mit sich zufrieden.
5.
Anfang Juni gibt Heisenberg ein Fest für einige Freunde und Kollegen des Institutes – natürlich ist auch Majorana eingeladen. Heisenberg hat großes Interesse an dem jungen Mann, größeres als an vielen anderen seiner Mitarbeiter. Die zwei spielen abends oft Schach zusammen, und Heisenberg tut sein Bestes, um dem Italiener die deutsche Sprache näher zu bringen.
Als seine Mutter ihn einmal fragt, wieso er Majorana diese Sonderbehandlung unter all seinen Mitarbeitern angedeihen läßt, antwortet Heisenberg:
»Weil er Physik denkt. Er arbeitet nicht als Physiker, er lebt Physik, und denkt Physik.«
»So wie du«, ergänzte seine Mutter, und Heisenberg hatte genickt.
Es stimmte. Majoranas alleiniges Interesse richtete sich auf sein Fachgebiet, und dafür ist ihm eine Art natürlicher Begabung in die Wiege gelegt worden. Majorana lebt Physik, atmet Physik, bewegt sich in ihr wie in einer fremden Dimension, die nur wenigen Eingeweihten zugänglich ist. Daß seine Karriere dennoch nicht bilderbuchmäßig verläuft wie bei Heisenberg und schließlich wie bei diesem zwangsläufig mit dem Nobelpreis endet, liegt an seiner introvertierten Art und fast manischen Zurückhaltung. Er haßt es, im Mittelpunkt zu stehen, und behält daher seine Gedanken – so gut sie auch sein mögen – für sich, so lange es nur eben geht. Heisenberg ist in diesem Punkt übrigens völlig anders, er will immer überall der Beste sein – egal ob in der Physik, beim Spiel oder Sport – und wenn er es ist, zeigt er es auch.
Enrico Fermi, Majoranas alter Chef und Doktorvater in Rom, seinerseits einer der begnadetsten Physiker seiner Zeit, hat Ettores Art akzeptiert und entsprechende Rücksicht darauf genommen. Hätte er ihn zwingen sollen, mehr aus sich zu machen? Damit wäre niemandem gedient gewesen, am allerwenigsten Ettore selbst. Also läßt er ihn einfach arbeiten, und wo er kann, macht er die Gedanken seines Zöglings der Öffentlichkeit zugänglich und festigt dessen Ruf als Wissenschaftler von beachtlichem Rang. Und Majorana, der dies wohl bemerkt und zu schätzen weiß, dankt es ihm mit absoluter Loyalität.
Trotzdem werden die zwei niemals richtige Freunde.
Sie unterhalten sich oft privat, und wenn sie im Institut alleine sind, messen sie sich manchmal scherzhaft im Wettrechnen: Fermi löst dabei eine komplizierte Gleichung mit Papier und Bleistift, und Majorana rechnet dasselbe im Kopf. Wenn Fermi fertig ist, hat Majorana die Gleichung meistens schon gelöst. Das ist der Unterschied, den Heisenberg meint.
Der eine erarbeitet es sich und wendet dabei Methoden an, die er gelernt hat.
Der andere denkt es einfach.
Die Gesellschaft in Heisenbergs Haus in Leipzig setzt sich aus Freunden und ein wenig lokaler Prominenz zusammen. Außer Majorana sind nur drei Institutsangehörige eingeladen: Paul Hartmann, Saito Nishimura, ein japanischer Gastforscher, und natürlich – weniger aufgrund seiner guten Beziehungen nach Berlin als aus einer Laune Heisenbergs heraus – Victor Himmelreich. Insgesamt sind an diesem Abend etwa dreißig Personen anwesend.
Majorana fühlt sich in großen Gesellschaften immer unwohl. Er hat das Gefühl, daß die anderen Gäste ihn beobachten wie irgendein exotisches Tier, und vielleicht sogar etwas Besonderes von ihm erwarten, irgendein Kunststückchen oder einen Beweis seines überragenden Intellekts. Natürlich passiert das nie wirklich, und gewöhnlich legt sich das unsichere Gefühl nach einer Weile, wenn er durch die Gespräche abgelenkt ist.
Nur heute legt es sich nicht.
Halb unbewußt dreht er den Kopf hin und her. Ist da nicht vielleicht wirklich jemand, der ihn ansieht? Natürlich gibt es immer irgendwen, der in seine Richtung blickt, aber tut er dies möglicherweise mit größerem Interesse als es der Situation angemessen wäre? Er sieht sich verstohlen die Gesichter an, eines nach dem anderen, wird dabei – paradoxerweise – selbst zum Beobachter der anderen, ohne irgend etwas Ungewöhnliches entdecken zu können.
»Darf ich mich setzen?«
Die Stimme ist zu hoch für einen Mann, und zu tief für eine Frau. Ettore blickt auf, direkt in das lächelnde Gesicht des japanischen Gastforschers Saito Nishimura. Sein Deutsch, auf der Schule in Osaka ausgefeilt, ist sehr gut, ohne die asiatische Abkunft leugnen zu können.
»Bitte.«
Der Japaner verbeugt sich leicht, stellt sich vor und nimmt in dem Sessel ihm gegenüber Platz. Er zieht ein silbernes Zigarettenetui aus der Tasche und bietet es ihm an.
»Möchten Sie? Ah, ich sehe, Sie haben schon.«
Ettore hält demonstrativ seine eigene Packung Macedonia hoch.
»Trotzdem – vielen Dank.«
Nishimura zündet eine türkische Zigarette an und saugt den Rauch tief ein. Er trägt einen perfekt sitzenden Cut. Über der Weste, unter der Jacke, erkennt Majorana eine rote Schärpe mit fremdartigen Schriftzeichen, die quer über der Brust liegt. Eine Auszeichnung vielleicht, oder das Zeichen der Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe.
»Sie sind Herr Majorana, nicht wahr? Ich habe mit großem Interesse Ihre letzte Abhandlung Über die Kerntheorie gelesen. Alles, was sie geschrieben haben, war für mich sehr schlüssig und nachvollziehbar. Und Ihre Doktorarbeit über die Quantentheorie der radioaktiven Atomkerne war wirklich herausragend. Meine Gratulation.«
»Vielen Dank.«
Majoranas Antwort fällt einsilbig aus. Er hofft, der andere wird nicht weiter auf dem angefangenen Thema bestehen; dafür ist er sogar bereit, seine schüchterne Zurückhaltung zu überwinden und die Initiative des Gespräches zu übernehmen.
»Und Sie sind Doktor Nishimura, aus Hiroshima in Japan. Auch ich bin mit einigen ihrer Arbeiten vertraut und finde sie ausgezeichnet. Wie lange sind Sie schon hier in Deutschland?«
»Etwa ein halbes Jahr. Zuerst in Hamburg, seit ein paar Tagen hier in Leipzig.«
»Ihr Deutsch ist hervorragend, soweit ich dies als Ausländer beurteilen kann. Wo haben Sie es so gut gelernt?«
Das Lächeln des Asiaten scheint seinem Naturell zu entsprechen. Es verändert sich nicht; kein einziges Mal während ihres Gespräches wird es intensiver oder weniger freundlich, sondern bleibt immer gleich flach – eine perfekt sitzende Maske.
»In der Schule. Deutsch war eines meiner liebsten Fächer, überhaupt alle Sprachen.«
»Und dennoch sind Sie dann Physiker geworden.«
»Physik war mir noch lieber. Und wie war es bei ihnen?«
Ja, wie war es eigentlich? Ettore hat sich nie darüber Gedanken gemacht, warum aus einem sizilianischen Jungen das geworden ist, was er heute ist.
»Also, Sprachen waren nicht mein bevorzugtes Gebiet. Aber die Physik ... seltsam, mir ist nie der Gedanke gekommen, ich hätte etwas anderes machen können.«
Nishimura nickt, ruckartig, wie zur eigenen Bestätigung. Der Italiener bemerkt am Revers des Mannes eine Anstecknadel, silbern mit einem japanischn Schriftzeichen, das beinahe wie eine germanische Rune aussieht.
Der Japaner registriert seinen Blick, und einen Moment lang zuckt Unbehagen durch sein Gesicht wie ein Blitz durch eine Regenwolke.
»Sie kommen von Professor Fermi in Rom?«
»Ja, von Fermi.«
»Einer der fähigsten Köpfe der Gegenwart, zusammen mit unserem Gastgeber. Und Ihnen, wenn Sie mir erlauben, das zu sagen.«
Ettore fühlt einen seltsamen Geschmack im Mund, der nicht von dem kommt, was er getrunken oder gegessen hat. Warum tut der andere das? Warum schmeichelt er ihm?
»Das ist zuviel der Ehre. Die beiden Herren sind doch noch eine andere Klasse als ich.«
Majoranas Blick irrt hilflos durch den Raum, um schließlich an Victor Himmelreich hängen zu bleiben, der mit Hartmann auf der anderen Seite des Raumes steht. Victor prostet ihm quer durch den Raum mit dem Cognacglas zu. Ettore kann das Wort Salute von seinen Lippen ablesen und nickt ihm verstehend zurück.
Der Japaner läßt sich nicht ablenken.
»Sie sind zu bescheiden. Woran haben Sie denn bei Fermi gearbeitet?«
Der Mann ist denkbar untypisch für die Mentalität seines Landes. Ettore kennt ein paar andere Japaner. Alle sind zurückhaltende Zeitgenossen, die nicht viel reden und selten eine Frage stellen, die nicht imbedingt nötig ist. Eine Konversation wie diese hier hat er noch nie erlebt.
»Wir haben auf dem Gebiet der Quantentheorie gearbeitet.«
Dieser Allgemeinplatz, einem Kollegen gegenüber geäußert, ist fast schon eine Beleidigung und zeigt überdeutlich, daß er nicht darüber reden will, aber der Japaner bleibt ganz gelassen und freundlich und verfolgt weiter sein Konzept.
»Ah ja, ich habe darüber gelesen. Sehr interessant. Sagen Sie, es gab Gerüchte über Forschungen an Waffentechnologien an ihrem Institut. Ist da etwas dran?«
»Nein. Ich habe auch davon gehört, aber das ist völlig aus der Luft gegriffen. Bei Fermi findet nur Grundlagenforschung statt.«
Das Lächeln im Gesicht des anderen bleibt, verändert sich aber leicht, in einer Art, die Ettore nicht deuten kann.
»Ach, schade. Ich finde die praktische Anwendung der Forschung immer genauso spannend wie die Forschung selbst. Entschuldigen Sie mich jetzt – dort ist unser Gastgeber, und ich habe ein paar Fragen an ihn.«
Nishimura erhebt sich und macht eine Verbeugung auf die ihm typische Art. So schnell, wie er gekommen ist, verschwindet er wieder.
Majorana, dessen Unruhe durch das Gespräch noch zugenommen hat, wendet sich wieder in Richtung Himmelreich. Als er sieht, daß dieser allein ist, nimmt er sein Glas und seine Zigarette und gesellt sich zu ihm.
Er spricht ihn auf italienisch an, wie immer, wenn sie allein sind.
»Kennst du diesen Nishimura?«
»Nicht besser als du. Wollte er etwas Bestimmtes?«
Die beiden haben sich angefreundet in den letzten Wochen. Wie sein Auftraggeber es geplant hat, ist Victor über den Status eines Kollegen hinausgewachsen, ist fast schon ein Freund geworden. Und jetzt, ... jetzt ist die Zeit reif für die eigentliche Arbeit, den lange vorbereiteten Zweck der Operation.
Nur die Gelegenheit hat sich noch nicht ergeben.
»Nur allgemeine Konversation.«
Himmelreich grinst.
»Er ist ziemlich abrupt aufgestanden. Ich hoffe, du hast ihn nicht beleidigt.«
»Bei diesen Asiaten weiß man ja nie. Aber ich glaube, ich habe nur eine seiner Fragen nicht erwartungsgemäß beantwortet. Er wollte wissen, ob Fermi an Waffen gearbeitet hat.«
Die Chance. So schnell hat der andere nicht damit gerechnet. Nun heißt es ruhig bleiben und die Gunst der Stunde nutzen. Er sammelt sich, wie soll man anfangen, und er merkt, daß ihm schwerfällt zu tun, weshalb er eigentlich hier ist.
Aber dann kommen die Worte doch heraus.
»Und? Hat er?«
»Natürlich nicht. Du weißt, was wir getan haben.«
»Aber es gibt diese Gerüchte ...«
Ettore verdreht die Augen in komischer Ungeduld.
»Du meinst die Todesstrahlen.«
»Eben die. Ein Strahl, von Italien aus einer von Fermi gebauten Apparatur abgeschossen, tötet eine Sekunde später in Algerien eine friedlich grasende Kuh.«
»Äthiopien. Ich kenne die Geschichte auch. Wie dem auch sei – es klingt wie ein Witz, und es ist auch einer.«
Er klingt glaubwürdig, wie er das so abstreitet, aber wer kann schon in einen Menschen hineinblicken? Himmelreich weiß, was er weiß.
»Du darfst nicht darüber reden, stimmt´s? Mit der Technologie dieser Strahlen ließe sich eine Menge erreichen, und viel Geld machen. Ich kenne da jemanden, der ...«
Er bricht ab, als er Ettores erstaunten Blick auf sich fühlt. Es ist kein normales Thema für Ettore, merkt er erschreckt. Ich bin unbedacht einen Schritt zu weit gegangen, denkt er, über die Grenzen der Freundschaft hinaus. Verdammt, ich kann das nicht. Warum nehmen sie keinen Experten für so etwas.
Glücklicherweise erlöst ihn einen Augenblick später Paul Hartmann aus der unangenehmen Situation. Er hat den letzten Teil von Himmelreichs Rede noch gehört.
»Die Todesstrahlen? Das wäre was für uns. Das würde uns endlich dahin bringen, wo wir hingehören.«
Hartmann ist angetrunken, ein Zustand, den weder Himmelreich noch Majorana bisher an ihm gesehen haben. Etwas schwankend steht er da, mit wäßrigen, vorquellenden Augen, ein halbleeres Glas in der Hand.
Ettore räuspert sich.
»Wo gehören wir denn hin? Und wer sind wir?«
Hartmann sieht ihn auf schwer zu deutende Weise an, einerseits wohlwollend, andererseits mit leichtem Widerwillen.
»Wir sind die Deutschen, und wir gehören an die Spitze. Und unser Führer Adolf Hitler wird uns dorthin bringen, das können Sie mir glauben. Die Erde wird zittern, und wohl den Völkern, die sich zu unseren Verbündeten zählen dürfen.«
Er redet sich in Rage, wobei er sich der abgehackten Diktion bedient, die die rhetorische Norm dieser Tage darstellt. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn und bilden einen glänzenden Film. Er sieht ungesund aus, wie er da in seinem schlecht sitzenden grauen Anzug steht, ungesund nicht auf eine physische, sondern auf eine moralische Art.
Seine beiden Zuhörer beobachten ihn mit unterschiedlichen Gefühlen. Himmelreich fühlt leichtes Unbehagen. Hartmanns Exkurs hat zwar wenig mit ihm zu tun, aber er ahnt, daß er selber ein Teil dessen ist, was der Mann da eben propagiert, und daß er dazu beiträgt, den Zielen der Nationalsozialisten zu dienen, obwohl er im tiefsten Inneren so unpolitisch ist, wie man es nur sein kann. Und Majorana – nun Majorana sieht das Ganze eher wie ein Zuschauer im Theaterparkett; froh, nicht zu den Protagonisten zu gehören, mit Distanz und Belustigung gegenüber der besonders gelungenen Darstellung eines Narren.
»Gut, daß unsere Führer sich so hervorragend verstehen.«
»Der Duce denkt wie Adolf Hitler, das ist wahr. Aber natürlich ist klar, wer von beiden der überlegenere Geist ist.«
Majorana bemüht sich um eine energische Sprache.
»Natürlich. Sie sind Mitglied der Partei?«
Hartmann knallt die Hacken zusammen; was zackig aussehen soll, wird aufgrund seines Zustandes zu einer schwach parodistischen Einlage.
»Von Anfang an. Wie so viele, die den elenden Zustand unseres Landes vor Augen hatten, habe ich frühzeitig erkannt, daß es nur ein Mittel gibt, uns wieder zu neuer Größe zu führen. Und ich habe etwas dafür getan.«
Er ist völlig verändert, und daran ist sicher nicht nur der Alkohol schuld. Zwar ist er im alltäglichen Leben nicht unbedingt schüchtern, aber zu einem Auftritt wie diesem hätte er sich bis vor ein paar Monaten niemals hinreißen lassen.
Zuhause in Italien hat Ettore Verhaltensweisen wie die Hartmanns oft genug beobachtet in den letzten Jahren, hat sie aber dort der natürlichen Begeisterungsfähigkeit seiner Landsleute zugeschrieben. Es würde interessant sein zu beobachten, bei wie vielen der kühlen Deutschen die Begeisterung ebenso hohe Wogen schlagen wird wie bei Doktor Paul Hartmann. Sicher sind es weniger als im Land Mussolinis.
Er setzt sich etwas von der Gruppe ab, spaziert durch die Halle auf die breite Fensterfront zu. Die Fenster gehen zum Garten hinaus; sie sind hoch, zweiflügelig, und reichen bogenförmig bis fast unter die Decke des Raumes. Sie – wie überhaupt der ganze Raum – erinnern ihn an das Haus seiner Familie in Sizilien.
Er tritt an die Scheiben. Draußen ist es Nacht; über den schwarzen Himmel ziehen dunkelgraue Wolken wie eine niemals endende Karawane formloser, gehetzter Tiere. Der Vollmond leuchtet in intensivem Ocker, und ein heller Hof umgibt ihn wie ein Heiligenschein.
Ettore schaut nachdenklich, ohne eigentlich etwas zu sehen. Er starrt in die dunkle Unendlichkeit, in Gedanken ist er weit fort. Sein Blick ist auf den Garten gerichtet: alte Bäume, hochaufgerichtet wie Schiffsmasten, dazwischen alle Arten von Büschen, ein finsteres Dickicht, wie es im tiefsten Wald kaum dichter sein kann. All das nimmt er nur verschwommen wahr, wie durch eine dicke, viel zu starke Brille.
Da auf einmal macht sich sein Blick an etwas fest, an einer Unregelmäßigkeit; etwas ist dort draußen, das nicht dorthin gehört. Mit einem Schaudern, das er sich nicht erklären kann, bemerkt er, daß es ein Mensch ist, der dort steht und in die hell erleuchteten Fenster hinein blickt.
Es ist ein alter Mann, in einem abgetragenen, braunen Anzug. Klein und verkrümmt steht er dort, völlig bewegungslos, und starrt in Richtung des Hauses. Im hellen Mondlicht kann Ettore jede Einzelheit des Gesichtes ausmachen. Es ist braun und von Wind und Wetter gegerbt wie Leder, ein fadendünner Schnurrbart zieht einen feinen Strich unter die riesige, gekrümmte Hakennase. Der Mann wirkt arabisch, maurisch, wie ein Nomade der Wüste oder wie ein Zigeuner: Er ist Sinnbild dessen, der sich nie lange an einem Ort aufhält, immer in Bewegung ist, weil nur in der Bewegung seine Sicherheit liegt.
Plötzlich weiß Ettore, daß der Mann dort draußen nur wegen ihm gekommen ist. Er sieht nur ihn an, nicht das Haus oder irgend etwas anderes, sondern nur ihn, Ettore Majorana. Und er hat eine Mission, die ihn betrifft.
So stehen sie eine kleine Weile, und Majoranas Schaudern weicht einem Gefühl tiefen Friedens. Keine Bedrohung geht von dem Braunen aus. Sie fixieren sich, als gäbe es nur sie beide auf der Welt, und der Sizilianer hat Angst, sich zu rühren, wagt kaum zu atmen, weil dann der Mann verschwinden könnte wie eine Fata Morgana oder wie ein Reh, das sich erschreckt.
Langsam, ganz langsam verzieht sich das Gesicht des Alten zu einem Lächeln, entblößt zwei Reihen riesiger, tierhafter Zähne, die stark und weiß aus dem dunklen Gesicht leuchten. Dann nickt er, einmal, zweimal, wie um sich selbst etwas zu bestätigen.
Ettore geht durch den Garten, langsam, aber ohne Furcht – er weiß, von diesem Mann droht ihm keine Gefahr. Dann erhebt der Alte seine Stimme, und sie ist so rauh und heiser, daß Ettore unwillkürlich die Vision von Tausenden von Zigaretten und ebenso vielen Schnapsgläsern befällt:
»Ettore.«
6.
Einmal, als ich noch ein Kind war, spielten wir auf einem alten Grundstück am Stadtrand. Es war eine Ruine, ein altes, großes Haus, das früher sicher mal das Heim reicher Leute war.
Luigi zählte und wir versteckten uns. Ich rannte in den Keller des Hauses, ein dunkler, unheimlicher Ort, und allein deshalb ein gutes Versteck. Schon die Treppe war ein Abenteuer, so verfallen wie sie war; ich tastete mich hinab, Schritt für Schritt, langsam, um nicht zu stolpern, aber auch, um mich nicht durch ein Geräusch zu verraten.
Die Treppe war lang, und schon auf halber Strecke brach mir der Schweiß aus. Ich war sechs Jahre alt, und alles andere als mutig. Ich hielt an. Von oben drang das Zählen Luigis herab – bis fünfzig, hatten wir ausgemacht. Er war bei zwanzig.
Da stand ich nun. An Umkehren war nicht zu denken, mein Erscheinen im Erdgeschoß wäre genau mit Luigis Fünfzig zusammengefallen, er hätte mich sofort gesehen. Hier stehenbleiben konnte ich aber auch nicht.
Ich blickte nach unten. Natürlich gab es kein Licht mehr in dem alten Gebäude, und keiner von uns hatte an eine Lampe gedacht, als wir hierher kamen. Es war sehr dunkel am Ende der Treppe.
Ich mußte weiter.
Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, trieb es mich voran. Ich versuchte, das Dunkel mit den Augen zu durchdringen, und je tiefer ich kam, um so klarer wurde mir, daß keine Dunkelheit wirklich vollkommen und überall ein wenig Licht ist. Naja, so ähnlich dachte ich jedenfalls.
Dann war ich unten angekommen und sah, warum es nicht ganz dunkel war: Aus einer Nische fiel ein schwacher Lichtstrahl. Wie magisch angezogen ging ich in die Richtung und stand schließlich unter einem spinnwebenverhangenen Kellerfenster.
Ganz ruhig stand ich da, ohne mich zu rühren. Das Zählen hatte aufgehört und es drang kein Geräusch mehr in den Keller. Das einzige, was ich noch hörte, war mein eigener Atem, leise und doch unnatürlich laut in der staubigen Ruhe des Raumes.
Offenbar hatten die anderen nicht gehört, wo ich hingegangen war.
Nach zehn Minuten, in denen sich weder Luigi noch irgend ein anderer meiner Freunde auf der Treppe gezeigt hatte, war ich sicher, das beste Versteck von allen gefunden zu haben. Die Angst vor dem dunklen Keller war mein wirkungsvollster Schutz, spürte ich, und ich war nicht wenig stolz, daß ich selber sie halbwegs besiegt hatte.
Allmählich hatten sich die Augen an das Dunkel gewöhnt, und ich begann, wieder Einzelheiten auszumachen. Der Keller war beinahe leer und unglaublich schmutzig. Spielende Kinder, vielleicht auch herumstreunende Tiere, hatten offenbar alles hereingetragen, was sie in der Umgebung gefunden hatten: leere Flaschen, Blätter Zeitungspapier, ein brauner Filzhut, ein Stück Leder, das so aussah, als hätte es einmal zu einem Pferdegeschirr gehört, ein Bündel brauner Lumpen in einer der Ecken des Raumes und vieles mehr, alles überzogen von einer dicken Schicht Staubes. Aber es gab auch andere Dinge, die wohl schon immer hier gestanden hatten, ein alter Stuhl, ein Tisch mit nur noch drei Beinen. Nichts davon reizte meine Neugier.
So wartete ich noch mal zehn Minuten. Für ein spielendes Kind ist das eine Ewigkeit! Wieder gingen meine Augen auf Wanderschaft, in einer Mischung aus Furcht und Neugier tasteten sie den Fußboden ab, glitten über Wände und Decken. Dann blieben sie an etwas hängen.
Es schien ein Fleck an der Decke direkt über mir zu sein. Ich trat zögernd einen Schritt vor. Nein, kein Fleck, es war ein Loch, fünfzehn mal fünfzehn Zentimeter, vielleicht eine Stelle, an der ein Stein aus der Decke gefallen war und eine leere Höhle hinterlassen hatte.
Aus irgendeinem Grund fesselte das Loch meine Aufmerksamkeit. Es fesselte sie so sehr, daß mir der Abmarsch meiner Freunde völlig entging. Nach langer Suche hatten sie es aufgegeben, mich in der Ruine finden zu wollen, und waren auf dem Weg nach Hause, in der Hoffnung, mich dort anzutreffen.
Ich war allein in dem großen, verfallenen Haus. Ein sechsjähriger Knabe, völlig allein in einem fremden, dunklen Keller. Angst? Nein, Angst hatte ich in diesem Moment nicht mehr. Wie gesagt, ich konnte wieder etwas sehen, das machte mich sicher, und dann war da das interessante Loch.
Ich trat noch näher, war nun direkt darunter. Es ... schien sich etwas zu bewegen in den Tiefen der Höhlung. Ich beobachtete angestrengt. Da ... da war es wieder. Ein Huschen, schnell und verstohlen, begleitet von einem kurzen, trockenen Rascheln. Dann war es vorbei.
Dem mußte ich auf den Grund gehen.
Wie bitte? Ja, vielleicht haben Sie recht, wenn Sie da den kleinen Forscher sehen. Vielleicht war das schon immer in mir. Ich denke aber eher, es war nur kindliche Neugier. Jedenfalls, ich wartete bestimmt zwanzig Minuten unter dem Loch, ohne daß sich etwas tat: keine Bewegung, kein Geräusch. Wie hypnotisiert starrte ich hinauf. Ich wußte, da war etwas gewesen, dachte an eine größere Höhlung hinter der, die ich sehen konnte; die Decke wäre dick genug gewesen, ein niedriges Zwischenstockwerk aufzunehmen, zumindest aus meiner damaligen Sicht.
Aber es tat sich nichts.
Ein Stock stand zwei Meter von mir entfernt, an die Wand gelehnt. Eigentlich war es eher ein Ast, aber ein sehr gerader und gleichmäßig gewachsener ohne Nebenäste. Ich nahm ihn in die Hand. Er war schwer, und er war lang genug und würde hinauf reichen.
Dann stand ich wieder unter dem Loch, hob den Stock und schob ihn ganz langsam hinein, als hätte ich Angst, etwas darin zu zerstören. Nach ungefähr dreißig Zentimetern, so schätze ich, stieß ich auf harten Widerstand.
Es ging nicht weiter.
Ich stocherte weiter, angestrengt, erhitzt, den Kopf hochrot, in dem Loch herum, fast besessen kratzte ich und stieß an die Seitenwände, den Blick immer nach oben gerichtet.
Da passierte es.
Etwas haariges, großes Schwarzes fiel herab, ich spürte das Gewicht mitten in meinem Gesicht, auf dem linken Jochbein, und kroch auf flinken Beinen in Richtung meines Hemdkragens.
Meine Erinnerung an diesen Moment ist nicht ganz klar, aber das Gefühl der Panik in mir ist immer noch präsent wie damals. Ich weiß, ich schrie wie am Spieß, ließ den Stock fallen und fegte mit den Händen wie ein Besessener über Gesicht und Hals, immer wieder. Die Spinne war sicherlich die größte gewesen, die ich jemals gesehen hatte, eine Tarantel vielleicht oder sonst etwas Unangenehmes. Glücklicherweise zeigte sie keinerlei Interesse, mein Hemd als Ersatz für ihre Höhle zu benutzen. Vielmehr ließ sie sich auf den Boden fallen und verschwand blitzschnell in der Dunkelheit.
Ich schrie weiter, auch als sie schon weg war. Durch den Lärm hindurch, den ich selber machte, nahm ich aber auf einmal noch ein Geräusch war: Ein dröhnendes Lachen. Jemand lachte, ganz ungeniert laut und ganz nah bei mir.
Ich fuhr herum. Das braune Kleiderbündel in der Ecke, daß ich für Müll gehalten hatte, hatte seine Form verändert. Es war ein Mensch, die ganze Zeit war jemand mit mir zusammen hier unten gewesen, bewegungslos, am Anfang vielleicht schlafend und dann durch meine Bewegung aufgewacht. Er hatte alles mit angesehen!
Wie der Blitz lief ich die Treppe hinauf, immer noch brüllend, das Lachen des Fremden trug mich hinauf wie auf Flügeln. Ich lief immer weiter, aus dem Haus, den Weg hinunter, und erst nach ein paar hundert Metern hatte ich den Mut, stehenzubleiben und zu verschnaufen.
Wer er war? Keine Ahnung. Ein Landstreicher, ein Zigeuner vielleicht, der dort unten sein Lager oder seinen Schlafplatz hatte. Ich habe ihn nie wiedergesehen, glaube ich jedenfalls.
Denn sicher hätte ich ihn nicht erkannt.
7.
Am Tag nach der Gesellschaft bei Heisenberg sitzen Majorana, Himmelreich und Heisenberg zusammen mit George Freeman, einem Gastforscher aus Amerika, Heinrich Peters, einem jungen Physiker, der kurz zuvor einen Seminarvortrag gehalten hat, und drei weiteren Institutsangehörigen in der Ewigen Lampe, einer Gaststätte gegenüber dem Institut.
Freeman ist seit ein paar Wochen am Institut. Er ist einen Tag nach Nishimura hier angekommen. Wie die meisten Amerikaner, die es ins Ausland verschlägt, geht er davon aus, daß alle seine Muttersprache beherrschen, und spricht dementsprechend kein Wort deutsch. Majorana hingegen spricht kein Wort englisch – in vielen Bereichen der Wissenschaft ist Deutsch noch die Hauptsprache. Dennoch arbeiten die beiden sehr gut zusammen. Ihre Konversation besteht meist aus eilig auf Papier gekritzelten physikalischen Formeln, die vom jeweils anderen ebenso eilig durch andere Formeln erwidert, verändert oder ergänzt werden.
Freeman ist ein groß gewachsener, schwergewichtiger junger Mann aus dem mittleren Westen, mit blondem Haar und roter Gesichtsfarbe. Er ist engagiert und interessiert, ein fleißiger Arbeiter, aber ohne die Begabung Majoranas. Trotzdem ergänzen Majorana und er sich in bestimmten Bereichen sehr gut.
Die Gespräche in der Ewigen Lampe drehen sich anfangs noch um den Seminarvortrag des jungen Peters, wenden sich aber bald anderen Themen zu. Heisenberg, dessen Englisch nach seiner Gastprofessur in Chicago perfekt ist, dolmetscht für Freeman, so daß dieser der Diskussion folgen und an ihr teilnehmen kann.
Heisenbergs jungenhaftes Gesicht ist besorgt.
»Unser Kreis zerfällt, bevor er sich richtig aufgebaut hat. Ich hatte mich bemüht, die fähigsten Köpfe der Physik hierher zu bekommen, aber die ersten der Kollegen denken schon an Abreise.«
Der Sizilianer nimmt einen Schluck aus dem Bierglas, das ihm Wenzel, der tschechische Kellner, eben hingestellt hat.
»Wer geht denn weg?«
»Ein paar unserer jüdischen Kollegen werden das Land verlassen. Sie haben nach dem Regierungswechsel Befürchtungen, was ihre Sicherheit anbelangt.«
Freeman zündet sich eine Zigarette an. Damals, in den Dreißigern, rauchen fast alle wie die Schlote; bei vielen ist es eine schlechte Angewohnheit aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
»Sind die Befürchtungen berechtigt?«
Heisenberg wiegt den Kopf hin und her.
»Ich weiß nicht. Die Nationalsozialisten haben nie ein Hehl aus ihrem Verhältnis zu den Juden gemacht – lesen Sie mal das Buch von diesem Hitler. Wenn das alles kein bloßes Gerede war, in den letzten Jahren, dann ... Ich unterstütze jedenfalls jeden, der jetzt ins Ausland will, und ich habe einige Kontakte zu Instituten, die meine Leute gern aufnehmen.«
»Die Vereinigten Staaten sind immer an guten Leuten interessiert. Wer will denn fort?«
»Bloch, Frank, und Born. Schrödinger geht, und wahrscheinlich auch Mises und Freundlich.«
Majorana bläst sorgenvoll die Backen auf. Sein Blick wandert über das Mobiliar des Lokales, das dunkel gebeizt ist durch das Alter und rüde Benutzung. Kein Tisch, in den die Studenten des Institutes oder andere Gäste im Laufe der Jahre nicht schon irgend etwas hinein geritzt hätten, von mathematischen Formeln und Liebesbeteuerungen über obszön-primitive Bilder bis hin zu Hakenkreuzen zeugt ein breites Spektrum an Motiven von trunkenem Mitteilungsbedürfnis.
»Die Besten gehen. Das wird große Löcher reißen.«
»Wie ist das bei euch in Italien?« fragt Himmelreich.
Der Sizilianer zuckt mit den Schultern.
»Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Ich denke, der Antisemitismus ist bei uns nicht so verwurzelt. In Rom haben wir jedenfalls durchaus noch jüdische Kollegen – glaube ich jedenfalls.«
Der schüchterne Peters, der bisher geschwiegen hat, räuspert sich aufmerksamkeitsheischend.
»Was denken die Leute eigentlich, was ihnen passieren wird? Wir leben in einem freien Land, jeder hat ein Recht, seine Religion auszuüben, und zu sagen, was er denkt. Ich würde nie zulassen, daß mein Nachbar bedroht wird, nur weil er Jude ist, das können Sie mir glauben.«
Heiliger Eifer, getragen von echter Emotion. Er glaubt, was er sagt, das steht ihm im Gesicht geschrieben.
In diesem Augenblick betreten drei SA-Männer das Lokal und setzen sich nach kurzer Orientierung und grüßendem Nicken an den Nebentisch.
Es scheint plötzlich dunkler geworden zu sein in der Schenke. Die Blicke der Physiker hängen ein paar Sekunden wie magnetisiert an den braunen Uniformen, dann wendet sich Heisenberg an Peters.
»Würden Sie bitte noch mal wiederholen, was Sie eben sagten, Herr Peters?«
Ein paar Sekunden, und doch eine Unendlichkeit. Peters sieht ihn an, als hätte er ihn nicht verstanden, die Zeit dehnt sich wie ein altes Kaugummi. Dann überflutet Röte das Gesicht des Doktoranden und er blickt stumm zu Boden.
Heisenberg legt ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter.
»Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht bloßstellen. Aber die Gelegenheit für eine praktische Demonstration war einfach zu günstig, als daß ich sie vorübergehen lassen konnte. Nun wissen Sie, wie das funktionieren wird, im künftigen Deutschland.«
Peters flüchtet in sein Bierglas und seine Zigarette. Nach ein paar Minuten, in denen nicht viel gesprochen wird am Tisch, hat er sich wieder etwas erholt.
»Woher wußten Sie, wie ich reagieren würde?«
Nun ist es Heisenberg, der den Aschenbecher auf der Tischplatte fixiert. Seine Stimme ist sehr leise.
»Ich habe mir nur überlegt, was ich tun würde.«
8.
Victor Himmelreich ist Majoranas Freund geworden, wie seine Auftraggeber es geplant haben, daran haben auch seine unregelmäßigen und zugegebenermaßen linkischen Versuche, ihn über seine und Fermis waffentechnischen Erkenntnisse auszuhorchen, nichts geändert. Ettore läßt sie über sich ergehen wie regelmäßige Exerzitien. Sogar seine Worte bei diesen Gelegenheiten sind fast immer die gleichen – eine Folge seines begrenzten deutschen Wortschatzes, die aber auf einen neutralen Beobachter, hätte es einen gegeben, wie ein Ritual gewirkt hätten.
Nein, wir haben bei Fermi nicht an Waffen gearbeitet.
Ja, die Todesstrahlen sind nur ein Gerücht, ein Witz vielleicht, von irgend einer zweifelhaften Zeitung ins Leben gerufen.
Nein, er wüßte nicht, auf welcher Grundlage die Zeitungsmeldung beruht hatte.
Ja, die Kuh in Äthiopien lebt noch.
Weitere Informationen gibt es nicht. Und Victor – wenn er ehrlich ist, interessiert ihn sein Arbeitsgebiet am Institut viel mehr als irgendwelche Todesstrahlen, mit denen man Kühe in Addis Abeba aus weiter Entfernung abschlachten kann. Falls es diese Strahlen überhaupt gibt.
Seinen Kontaktleuten in Berlin präsentiert er das natürlich anders. Trotzdem breitet sich auch in Callwitz bald die Erkenntnis aus, daß bei Majorana nichts zu holen ist, und weil der Druck aus Berlin geringer wird – das Projekt gerät dort etwas in Vergessenheit –, scheint der Fall Majorana allmählich im Sande zu verlaufen.
Majorana selbst weiß von all dem nichts. Er ahnt zwar, daß hinter Victors Versuchen mehr steckt als privates Interesse, und dieser deutet ihm auch einmal an, daß die Interessenten für die Todesstrahlentechnik in deutschen Regierungskreisen zu suchen sind, aber er will gar nicht genau wissen, was es ist, auch im Interesse ihrer Freundschaft.
Insgeheim macht er sich aber lustig über die Naivität derer, die hinter sein Geheimnis zu kommen suchen. Todesstrahlen! Von gewöhnlichen Mitbürgern, wenig gebildeten Arbeitern und Bauern, hätte er erwartet, daß sie diesen Gerüchten glauben schenken, aber die Spitzen der deutschen Nation, Regierungsmitglieder vielleicht und offenbar sogar Physiker – es ist wirklich nicht zu glauben.
Das Ganze trägt jedenfalls sehr zu seiner Unterhaltung bei, und das aus mehreren Gründen. Es gibt nämlich neben dem an der Oberfläche sichtbaren noch einen verborgenen Aspekt, den nur er kennt und der eine besondere Würze liefert: Himmelreich und seine Auftraggeber stochern im Dunkeln, nach einer Waffe, die es nicht gibt und vermutlich nie geben wird, und dabei sind sie unbewußt etwas anderem, viel Größerem ganz nahe gekommen.
Seinem wahren Geheimnis, das er mit niemandem teilen darf.
Bei allem Amüsement unterschätzt Majorana aber ein paar Dinge.
Das eine ist der Wille der Deutschen, ihm sein Wissen abzunehmen. Das andere ist die Rücksichtslosigkeit, mit der sie vorzugehen imstande sind.
Und ein Letztes schließlich ist, daß es noch andere Interessenten dafür gibt.
All dies wird in der Zukunft fatale Folgen haben, für ihn selber und für die Menschen, die er liebt.
9.
Nimm du mal das Ruder. Ich glaube, ich geh navigieren.«
Navigation ist offenkundig nicht unbedingt nötig, immerhin fahren sie die ganze Zeit in Sichtweite der flachen deutschen Küste. Victor weiß zu jedem Zeitpunkt, wo sie sind, aber er hat keine Lust mehr, das Segelboot zu lenken. Ettore ist das ganz recht, die Untätigkeit an Bord beginnt schon, ihn zu stören, und er ist froh über ein wenig Aktivität.
Gegen Morgen sind sie aus Heiligenhafen abgefahren, auf einer Yacht, die einem Freund Heisenbergs gehört. Himmelreich hat sich gefragt, wie befreundet man sein muß, um sein Schiff einem Haufen wildfremder Menschen anzuvertrauen, zumal der Professor selber gar nicht mit ihnen gefahren ist.
Es ist ein Spätsommertag wie aus dem Bilderbuch. Das Thermometer klettert schon am Morgen über fünfundzwanzig Grad, der schwache Frühnebel hatte sich blitzschnell verflüchtigt. Bei leichtem Wind sind sie gegen elf Uhr ausgelaufen: Er selber, seine Schwester Irmgard, die gerade in Leipzig zu Besuch ist und kurzerhand auf den Institutsausflug mitgenommen wird, ihre Leipziger Freundin Traudel, Freeman, Peters, und noch drei andere. Victor ist der einzige, der richtig segeln kann – Erfolg seiner Bemühungen auf dem Starnberger See, als er noch in München arbeitete. Nur weil die meteorologischen Bedingungen optimal sind und die See sich von ihrer gütigsten Seite zeigt, traut er sich nach einer kurzen Einführung mit der unerfahrenen Crew aus dem Hafen.
Majorana steht am Ruder, den Blick nach vorn gerichtet, wo Irmgard Himmelreich am Großmast lehnt. Ihre kurzen, blonden Haare flattern im Wind, sie blickt zurück zum Heck des Bootes und scheint die Fahrt zu genießen.
Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch gewesen, als sie sich am gestrigen Abend kennengelernt haben. Ettore mag ihre direkte und manchmal ein wenig freche Art, und sie schätzt seine nachdenkliche Zurückhaltung und die Intelligenz, die aus jedem seiner Worte spricht.
»Sie machen das schon sehr gut. Aber schauen sie mal nach hinten.«
Er tut es, und als er die Schlangenlinien sieht, die das Schiff dank seiner fehlenden seemännischen Praxis ins Wasser pflügt, muß er lachen.
»Wenn ich am Ruder bleibe, dann brauchen wir bestimmt doppelt so lange für unsere Strecke, als wenn Victor steuern würde.«
»Kurs dreihundertdreißig Grad.«
Victors Stimme hallt aus dem Niedergang nach oben, und Ettore geht auf Kurs, so wie er es ein paar Stunden vorher gelernt hat.
»Wann fahren Sie zurück, Ettore? Nach Italien, meine ich.«
Die Sonne scheint durch den dünnen Stoff ihres Kleides, einen Augenblick weiß er nicht, ob es schicklicher wäre, woanders hinzuschauen.
»Nächste Woche. Am Freitag, um genau zu sein.«
»Das finde ich schade. Ich bleibe noch bis Mitte September in Leipzig.«
Sie lächelt, und er bemerkt ein winziges Grübchen, das sich auf ihrer rechten Wange bildet. Schade ist es wirklich, daß er zurück muß. Hätte sie nicht ein wenig früher kommen können?
»Warum besuchen Sie jetzt erst Ihren Bruder? Ich bin schon fast ein halbes Jahr hier. Sie mögen ihn wohl nicht besonders?«
Und zu Himmelreich hin, den Niedergang hinunter, brüllt er, völlig entgegen seiner sonstigen Gewohnheit:
»Sie mag dich nicht besonders, ist es nicht so?«
Ihr Lachen hallt über das Deck.
»Und ich dachte, alle Physiker sind so staubtrocken wie mein Brüderchen.«
In der Ferne, vergoldet durch warmes Sonnenlicht, ist die dänische Küste auszumachen. Die Crew sitzt entspannt an Deck herum und schöpft aus einem großen Topf Pfirsichbowle in solide Blechtassen. Eine friedlichere und zufriedenere Atmosphäre hat Ettore selten erlebt.
Himmelreich blickt aus dem Niedergang herauf wie ein Kastenteufel.
»Will jemand Schokolade?«
Zwei oder drei Stimmen nehmen sein Angebot an. Er wirft zwei Tafeln aufs Vordeck, steigt die Leiter herauf und stellt sich neben seine Schwester.
»Und wie gefällt dir die Seefahrt?«
Sie hakt ihn unter und strahlt ihn an.
»Ich habe gar keine Lust, nach München zurückzufahren. Von mir aus könnten wir ewig so weiter segeln.«
Himmelreich bemerkt den Blick, den sie Ettore zuwirft, und er verursacht ihm leichtes Unbehagen. Was, wenn die beiden sich näherkommen? Er stellt sich das Gesicht seines Vaters vor – ein Italiener als Bräutigam. Niemals würde er mit so etwas einverstanden sein. Und dann seine eigenen Auftraggeber in Berlin, wer weiß, was aus einer solchen Beziehung noch werden, zu welcher Bedeutung oder sogar Bedrohung sie sich auswachsen kann.
Aber vielleicht denkt er viel zu weit. Hier und jetzt ist alles in Ordnung. Sonne, leichter Wind, die See ist ruhig und das Schiff das beste, mit dem er jemals unterwegs gewesen war. Er schaut außenbords den glänzenden Holzrumpf entlang, weiß lackiert mit dunkelblauer Kante, in dem sich die Reflektionen des Wasser funkelnd widerspiegeln und fragt sich, ob er selbst jemals ein solches Boot besitzen wird. Die Stella war wirklich vom Feinsten.
»Wir fahren dann mal eine Wende, weil wir da um die Landspitze wollen. Wißt ihr noch, wie das geht?«
Majorana nickt. Himmelreich hat den halben Vormittag damit zugebracht, ihnen die grundlegenden Manöver theoretisch beizubringen, und einige waren sie schon direkt nach der Hafenausfahrt gefahren, als sie einem Dampfschiff ausweichen mußten.
»Peters, nimm die andere Genuaschot. Ja, das dicke Tau da. Und Ettore ...«
»Ich drehe die Nase vom Schiff langsam in den Wind.«
»Genau. Wenn ich es sage.«
Sie fahren noch ein Stück geradeaus. Peters scheint gespannt wie eine Sprungfeder und wendet sich ein paar mal zu Victor um, als wollte er ihm sagen; los, fang endlich an. Auch Majorana spürt leichte Nervosität, weiß der Teufel warum, schließlich hängt absolut nichts von diesem Manöver ab.
Himmelreich wartet noch ein wenig, schaut einmal kurz nach oben in die Segel, dann ist der richtige Zeitpunkt da.
»Klar zur Wende?«
Die anderen melden ihre Bereitschaft mit einem Zuruf oder Nicken.
»Ree.«
Ettore dreht am Ruder, das Schiff reagiert sofort.
»Nicht ganz so schnell.«
Er dreht langsamer. Die Stella kommt allmählich herum. Als sie durch den Wind geht und ihre Segel sich leicht in die andere Richtung zu blähen beginnen, brüllt Victor: »Über die Genua«, und Peters zieht an seinem Tauende wie ein Berserker, mit aller Kraft, die in seinem schwerfälligen, untrainierten Körper wohnt, immer wieder, immer wieder, bis es nicht mehr geht.
Das Segel steht.
Die hektische Betriebsamkeit macht augenblicklich wieder der müßigen Erholung Platz, die Spannung verabschiedet sich.
»Das war nicht schlecht, Jungs«, lobt Victor, beißt in den Schokoladenriegel und wendet sich an den Rudergänger.
»Was wirst du machen, wenn du zurück in Italien bist? Beruflich, meine ich.«
Majorana zuckt die Schultern.
»Ich gehe wieder nach Rom. Ich habe ein paar Ideen, über die ich gründlich nachdenken muß und die sich zu einer ernsthaften Arbeit auswachsen können. Die Arbeit hier hat mir sehr geholfen.«
Victor fischt in den Tiefen seiner weiten Hosentaschen nach der zerdrückten Zigarettenschachtel. Er bietet Irmgard und Ettore keine an; Irmgard raucht nicht, und Ettore hat er selten etwas anderes rauchen sehen als seine eigenen Macedonia, von der er größere Mengen von zu Hause mitgebracht haben muß.
»Inwiefern?«
Der Italiener gibt Gegendruck auf das Ruder, um eine leichte Welle auszugleichen.
»Zum einen natürlich fachlich. Meinen letzten Artikel hätte ich in Rom sicher nicht so schnell schreiben können. Aber dann auch ... auf irgendeine Art auch moralisch.«
Die fragenden Blicke der anderen verursachen ihm Unbehagen, drängen ihn ins Dozieren. Das mag er nicht, aber für Freunde einen kleinen Vortrag zu halten macht ihm weniger aus als beispielsweise vor Kollegen auf einem Kongreß.
»Wir haben eine enorme Verantwortung, ist euch das eigentlich klar? Was wir entdecken, kann und wird die Welt verändern, darum sollte man sich gut überlegen, woran man arbeiten will, und wo die persönlichen Grenzen liegen. Die Frage muß sein: Was kann ich noch vor mir und der Gesellschaft verantworten, um meine Arbeit vorwärts zu bringen?«
»Wir sind Wissenschaftler. Unsere Neugierde muß universell sein, sich auf alles richten. Wir können nicht nur bestimmte Gebiete abfischen und die anderen nicht beachten.«
»Genau das ist die Frage. Darf man wirklich so bedenkenlos an die Arbeit herangehen? Bis vor einigen Monaten hielt ich uns alle für Maschinen – geschaffen, um Wissen zu produzieren, das Gesamtwissen der Menschheit zu vergrößern. Jetzt glaube ich, wir müssen auch frühzeitig über die möglichen Folgen unseres Handelns nachdenken. Wir geben den Menschen Werkzeuge in die Hand, uns muß interessieren, was sie damit tun.«
Es ist Heisenberg, der da aus ihm spricht, merkt Himmelreich. Die regelmäßigen Treffen der beiden haben offenbar einen nicht geringen Einfluß auf Ettore gehabt. Oder ist seine kleine Ansprache auf seine – Victors – eigenen Versuche, etwas über die Todesstrahlen herauszufinden, gemünzt? Er sieht den Freund forschend an, der arglos in die Runde blickt. Nein, der war gedanklich an ganz anderer Stelle, mit ihm hatte das nichts zu tun.
»Was meinst du mit Werkzeugen?«
Majorana sieht ihn an, einen Moment lang scheint er unsicher.
»Nichts Bestimmtes, aber unsere Forschung resultiert doch immer irgendwann mal in Maschinen, Geräten oder technischen Vorrichtungen. Uns darf nicht egal sein, was damit passiert.«
So viele Worte auf einmal hat er die ganzen Monate am Institut nicht gemacht. Es ist jetzt ganz ruhig, nur die Bewegung des Meeres und das böige Auf und Ab des Windes bilden eine leise Hintergrundmusik zu den Gedanken, denen sie nachhängen.
»Was wollen Sie also tun, Ettore? Wollen Sie Ihren Beruf an den Nagel hängen?« fragt Irmgard weich.
»Das kann ich nicht«, erwidert er schnell und ohne nachzudenken. »Mein Beruf ist mein Leben, ohne ihn existiere ich nicht.«
Er greift fester ins Ruder, entschlossen, dann überzieht ein schüchternes Lächeln sein Gesicht.
»Manchmal überlege ich, wie es sein wird, nicht mehr zu arbeiten, und, wissen Sie, ich kann es mir nicht vorstellen. Ich denke, ich müßte sterben, wenn ich den Beruf nicht mehr ausüben kann. Aber dann fällt mir immer ein, warum dies nicht passieren wird.«
»Weil dein Beruf das Denken ist, und das hört nicht mit dem Pensionsalter auf. Es hört niemals auf«, erwidert Himmelreich, so leise, daß er kaum das Windgeräusch übertönt.
Ettore nickte, und sein Lächeln wird ganz breit. Irgendwie sieht er in diesem Moment für Irmgard das erste Mal so aus, wie sie sich einen richtigen Italiener immer vorgestellt hat: fröhlich, offen und spontan.
»Das stimmt. Und daraus folgt: Solange ich denke, bin ich unsterblich.«
»Unsterblich wie ein Gedanke.«
10.
Da gab es diese zwei Frauen; ich begegnete ihnen jeden Sonntag, wenn ich mit den Eltern in die Kirche ging, in die Messe um acht. Die Frauen waren alt, zumindest kam es mir so vor. Aber jetzt, wenn ich zurückdenke, mögen sie noch gar nicht so alt gewesen sein. Sie trugen schwarz, wann immer ich sie sah, ich denke, sie waren verwitwet; und sie schienen niemanden zu haben außer sich selbst.
Die Kirche war klein und im Winter kalt. Am Eingang gab es einen Tisch, auf dem Gebetbücher lagen für alle, die kein eigenes hatten. Die Bücher waren zerfleddert und abgegriffen durch die Jahre des Gebrauchs. Seiten waren zerrissen, andere fehlten ganz, und bei einem hatte jemand den ganzen hinteren Teil herausgerissen und mitgenommen.
Zu welchem Zweck auch immer.
Eines der Bücher hatte wie durch ein Wunder die allwöchentlichen Angriffe der Gläubigen relativ unbeschadet überstanden. Es sah nicht neu aus, aber es war vollständig, alle Seiten, und die Spuren des Gebrauchs hielten sich in Grenzen. Ich glaube, die wenigsten der Messebesucher bemerkten den Unterschied dieses Buches zu den anderen. Sie betraten die Kirche, nahmen sich irgendeines der Bücher, setzten sich. Welches Buch sie bekamen, das war ihnen egal.
Es war allen egal, nur nicht den zwei alten Frauen.
Das Buch, dieses eine Buch, das sich durch seinen Zustand von den anderen abhob, war der Zankapfel der beiden. Das einzige Streben, das einzige Ziel, das es für sie noch gab und dem all ihre Aufmerksamkeit galt.
Die Bücher lagen zur Benutzung bereit, derjenige, der zuerst kam, hatte die Wahl. Man mußte also früh kommen, wollte man gewinnen.
Ich war damals ein Kind. Wie alle Kinder beobachtete ich, aber ich dachte wenig über das Beobachtete nach. Dennoch fiel mir der Kampf der beiden Frauen auf. Oh, er fand versteckt statt, ohne Aufsehen. Mal gelang es der einen, mal der anderen, früher in der Kirche zu sein, um den begehrten Schatz zu gewinnen. Wenn die Verliererin dann erschien und ihre Niederlage bemerkte, dann gab es einen ganz kurzen Blick von der Gewinnerseite; eine Sekunde nur, aber in dieser Sekunde lag alles, was den Reiz des Spieles ausmachte. Die Lust zu siegen und den anderen in die Schranken zu weisen, Überlegenheit zu beweisen bei der einzigen Gelegenheit, die ihr Leben noch für sie bereit hielt. Vielleicht war es sogar noch mehr als das.
Niemals sah ich die beiden miteinander oder mit anderen reden, niemals sah ich sie lachen, niemals eine andere Miene als die andächtiger Versenkung oder kurzen Triumphes zur Schau tragen. Wenn die Kirche aus war, verschwanden sie wie Schauspieler, die nur für einen Akt die Bühne betreten hatten – geräuschlos, rückstandsfrei. Vielleicht zogen sie draußen ihre Kostüme aus und mischten sich unerkannt unter das Volk. Wer konnte das wissen?
Wie bitte? Nein, das sind meine heutigen Gedanken. Damals – nun, ich schaute mir nur das Spiel an. Es begann, wenn die Siegerin sich das Buch nahm; dann gab es eine kurze Zeit der Spannung, bis die andere – meist atemlos – in der Tür erschien. Wenn die erste ihren Triumphblick abgeschossen hatte wie einen Pfeil, dann war es vorüber, und ich konnte mich den anderen Dingen um mich herum widmen.
Ich war ein Kind.
Wie es weiterging? Das Spiel setzte sich über die Jahre fort, jeden Sonntag. Niemals war es anders, und nie fehlte eine der Frauen. Jeder aus der Gemeinde wurde einmal krank, aber diese beiden nicht.
Einen wirklichen Sieger gab es nie. Das Verhältnis der Siege und Niederlagen war immer ausgeglichen: Mal war die eine zuerst da, dann wieder die andere, mit ständigem, regelmäßigem Wechsel, so daß man hätte meinen können, das Resultat wäre abgesprochen. Trotzdem behielt das Spiel für die beiden Frauen offenbar seine Spannung; sie ließen in ihren Bemühungen nicht nach. Und auch ich wurde nicht müde, sie dabei zu beobachten. Ich dachte damals, ich wäre der einzige, der wahrnahm, was sich da abspielte.
Dann, eines Tages, änderte sich alles auf einen Schlag. Wie sonst auch war eine der beiden – ich nannte sie bei mir Anna, wie die Katze unseres Nachbarn – pünktlich erschienen und hatte sich ihre Trophäe geholt. Sie saß still in ihrer Bank, in Erwartung des Momentes. Aber – die andere erschien nicht. Die Minuten verstrichen, die Messe begann, sie war immer noch nicht da. Und auch als die Messe vorüber war, alle sich erhoben und nach Hause gingen, war sie nicht gekommen. Das Letzte, was ich von Anna sah, als ich mich in der Kirchentür umdrehte, war ihr schmaler, schwarzer Rücken, halbverdeckt durch einen gestrickten schwarzen Schal, gebeugt in der Kirchenbank. Sie blieb sitzen, das Buch in der Hand, und rührte sich nicht, während die Kirche sich leerte.
Am nächsten Sonntag war auch sie fort.
Ich habe keine der beiden Frauen je wiedergesehen. Unsere Gemeinde war nicht groß, normalerweise begegnete man immer allen irgendwo. Anna und ihre Konkurrentin habe ich nie außerhalb der Kirche getroffen, und als die eine fort war, verschwand auch die andere für immer aus meinem Leben.
Schauspielerinnen, deren Engagement ausläuft.
Wenn ich heute darüber nachdenke, dann glaube ich manchmal, sie haben ihr Spiel nur gespielt, weil sie wußten, daß ich ihnen zuschaute.
Nur für mich.
11.
Die letzte Woche bricht an, noch sieben Tage, dann fährt Majorana zurück. Beinahe anderthalb Tage wird die Fahrt nach Rom dauern, bis Sizilien noch länger.
Er freut sich nicht, daß die Zeit in Deutschland zu Ende geht, jedenfalls nicht so, wie er es sich vorgestellt hat am Anfang seines Auslandsaufenthaltes. Zu anregend und spannend war es in Leipzig, insbesondere die Bekanntschaft mit Werner Heisenberg. Und er hat andere Freunde hier gewonnen: Himmelreich, Freeman, eine Handvoll anderer Physiker, sogar mit Nishimura, dem Japaner mit den amerikanischen Allüren, kommt er jetzt gut zurecht. Je besser sein Deutsch wird, desto mehr Kontakt findet er.
Und dann Irmgard.
Majoranas Erfahrung mit Frauen ist begrenzt, zu sehr hat er bisher in einer Welt gelebt, in der sich alles mit Gleichungen und Vektoren beschreiben läßt. Irmgard ist wie ein frischer Wind, der alles beiseite fegt, was ihn von einem normalen Dasein trennt. Aber will er das? Das ist die Kernfrage. Sein Leben gefällt ihm eigentlich, wie es ist.
Er sitzt am Schreibtisch seines Büros im Erdgeschoß des Institutes und blickt aus dem offenen Fenster. Es gibt mehrere Zimmer für die sogenannten Fortgeschrittenen, alle im Erdgeschoß, aber seines ist das schönste: ein Eckzimmer mit Aussicht in zwei Himmelsrichtungen, nur wenige Türen vom Büro Heisenbergs entfernt.
Hätte er überhaupt eine Chance bei ihr? Immer, wenn sie zusammen sind, hat er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Es ist, als warte sie nur drauf, daß er etwas sagt, um darauf reagieren zu können. Sie verhält sich nicht allen gegenüber so, das hat er am Anfang mit noch kritischer Distanz beobachtet. Es ist schon eine Art Sonderbehandlung, die er bekommt. Und wie gut sie sich unterhalten können! Natürlich ist sie keine Physikerin, aber sie ist sehr interessiert an allem, was Ettore ihr über seine Arbeit erzählt. Und Ettore, der gewöhnlich große Mühe hat, sich überhaupt zu äußern, erzählt ihr viel.
Er stochert lustlos in den Unterlagen, die er zu ordnen hat. Eine Veröffentlichung hat er geschrieben in der Zeit seines Hierseins. Er ist sehr zufrieden, denn dafür, daß er nur gekommen war, um zu lernen, ist das eine sehr ordentliche Ausbeute. Aber natürlich hat es mehr gegeben, Hunderte von Notizzetteln und andere Aufzeichnungen, hastig niedergeschrieben, um den flüchtigen Gedanken zu konservieren. Eine von Majoranas Eigenarten ist, sich Dinge auf dem Papier seiner Zigarettenpackungen zu notieren, und so liegen auch ein paar zerdrückte Macedonia-Schachteln auf dem Tisch und harren der wissenschaftlichen Erfassung.
Warum hat er ihr so viel erzählt, über sich und sein Leben, wo er doch gewöhnlich einen wahren Horror davor hat, zuviel preiszugeben? Er weiß es nicht genau, aber wahrscheinlich ist es, weil er sich ihrer Sympathie so sicher ist. Im tiefsten Inneren ahnt er, daß seine Introvertiertheit ihre Wurzeln in einer Unsicherheit hat. Er kann es nicht ertragen, wenn andere seine Ideen nicht mit dem gleichen Enthusiasmus aufnehmen, mit dem er sie von sich geben würde, und er hat Schwierigkeiten, gut mit Kritik umzugehen, darum sagt er am liebsten gar nichts. Bei Irmgard ist er sich sicher, daß kaum Kritik kommen wird, dazu weiß sie zu wenig. Und dann ist da natürlich noch ihr Äußeres. Mädchen wie Irmgard gibt es im Süden Italiens nur selten: blond, hochgewachsen – sie ist ein wenig größer als er selber –, von kräftiger Statur und mit für eine Frau breiten Schultern. Mehr als einmal ertappt er sich, wie sein Blick an ihrem drallen Busen hängenbleibt. Er weiß, daß ihr dies nicht verborgen bleibt, aber sie sagt nichts und ändert ihr Verhalten ihm gegenüber nicht, wenn sie ihn dabei ertappt.
Seufzend macht er sich wieder an die Arbeit, als es an der Tür klopft und der Institutsleiter eintritt. Ettore dreht sich auf seinem Stuhl herum.
»Professor Heisenberg. Was kann ich für Sie tun?«
Werner Heisenbergs Miene ist ernst, ernster als er sie in der ganzen Zeit in Leipzig jemals gesehen hat. Heute sieht er nicht aus wie ein Junge, den man in einen Anzug gesteckt hat, sondern wirkt tatsächlich eher wie ein Nobelpreisträger.
»Doktor Majorana, würden Sie mich bitte kurz nach unten begleiten? Es ist etwas sehr Ernstes passiert, und ich glaube, Sie sind nicht ganz unschuldig daran.«
Ettores Miene umwölkt sich nun ebenfalls, sein Lächeln verschwindet. Was kann der andere meinen? Aber Heisenberg läßt sich auf kein weiteres Gespräch mehr ein, schreitet vor ihm durch die hohen Flure mit den zur Hälfte mit Ölfarbe bemalten Wänden. Gemeinsam gehen sie nach unten; Ettore ist immer noch ein wenig nachdenklich, aber schon auf dem Absatz der breiten Treppen zerstreuen sich seine Bedenken und sein Lächeln stellt sich wieder ein.
Die große Halle mit dem Dach aus Glas, durch das die Sonne hereinscheint, ist voll. Alle Kollegen sind versammelt, die meisten halten Gläser in der Hand. Als der Italiener vor ihnen steht, bilden sie eine Gasse und geben den Blick frei auf ein kleines Büfett.
Hartmann drückt Heisenberg und Majorana ebenfalls Gläser in die Hand, und der Professor wendet sich den Anwesenden zu.
»Als ich eben Herrn Majorana abholte, sagte ich ihm, es sei etwas Ernstes passiert, und das ist gar nicht mal so unrichtig. Die Tatsache, daß Sie uns verlassen, ist ernst genug, denn das Institut für Physik verliert mit Ihnen einen guten Kollegen. Als Sie vor einem halben Jahr zu uns kamen, waren Sie uns nur auf dem Papier ais hervorragender Physiker bekannt. Wir konnten uns täglich davon überzeugen, daß das stimmt, aber es ist noch mehr passiert, denn Sie verlassen uns jetzt als Freund.«
Er spricht etwas schneller als sonst – leichte Verlegenheit treibt seine Sätze wie der Herbstwind die gefallenen Blätter. Ettore versteht nicht jedes Wort, aber der Sinn ist ihm klar, und er erhebt bewegt das Glas.
»Vielen Dank. Ich werde viel von hier mitnehmen, und es wird sich dabei nicht nur um Wissen und neue Ideen handeln.«
Alles drängt sich um ihn, stößt mit ihm an, Himmelreich zuerst, dann Nishimura, dann die anderen. Und dann sieht er Irmgard inmitten der Leute; sie steht da und lächelt ihn an, und einen Moment lang hat er das Gefühl, mit ihr alleine zu sein, im Lichtkegel eines Scheinwerfers, und die anderen stehen nur als vage, schattenhafte Kulissen um sie herum. Eine Hand greift nach seinem Herzen und drückt es schmerzhaft zusammen wie einen Schwamm.
Und er weiß: Wenn es jemals eine Frau für ihn gäbe, so wäre sie es, Irmgard Himmelreich.
Später, wenn er sich an das Mädchen erinnert, wird er sie meist so sehen wie in dieser einen Szene. Irmgard, in einem weißen, sommerlichen Kleid, die blonden Haare nach hinten frisiert und ihn anlächelnd, so behält er sie in Erinnerung.
Victor aber wird später ein ganz anderes Bild seiner Schwester in Erinnerung haben, das ihn über viele Jahre verfolgen wird.
12.
Wie bist du eigentlich damals zu uns gestoßen?« fragt Himmelreich den Kranken in der anderen Zimmerecke.
»So ähnlich wie du, nur von anderen Leuten bezahlt. Wir sahen die Dinge, die mit Juden und Andersdenkenden schon vor Dreiunddreißig vor sich gingen, und wir waren uns der Gefahr bewußt, die von den deutschen Physikern ausging, sollte es einmal zum offenen Konflikt der Völker kommen. Wir mußten etwas tun. Das siehst du doch ein, oder?«
Natürlich sieht Victor es ein. Von einer gewissen Warte aus ist es logisch, ist immer alles logisch, das ist ja das Unfaßbare an den meisten Begründungen für die Schandtaten dieser Welt. Es ist logisch, es ist begründbar, und möglicherweise hätte man selbst nicht anders gehandelt, hätte man vor der Wahl gestanden.
Hätte.
Es war aber anders gewesen.
Er will keine Rache, schon seit Jahren nicht mehr. Aber da sind die Toten – seine eigenen, nicht die vielen anderen – die nach ihm schreien, nachts, wenn er schläft, und nur eines würde sie zum Verstummen bringen:
Wenn am Ende alles gerächt wäre und die Waagschalen ausgeglichen.
»Und Ettore?«
»Das war Zufall. Er blieb in unserem Raster hängen, als Abfallprodukt, sozusagen. Wir wußten, daß er mit Fermi gearbeitet hatte, und wir kannten natürlich auch die Zeitungsmeldungen über die Todesstrahlen.«
»Damals in Leipzig ... du konntest deutsch, nicht wahr? Du hast uns nur den Sprachunkundigen vorgespielt.«
»Selbstverständlich. Man erfährt mehr, wenn die Leute einen Satz wiederholen müssen, es ist immer wieder ein wenig Unbewußtes dabei. Ich habe den kulturlosen Ami mit Begeisterung gespielt.«
»Und deine Kenntnisse der Physik?«
»Acht Semester in Yale; sie hatten mich nicht zufällig für den Job ausgesucht. Dazu ein Crashkurs mit den besten Physikern des Landes. Ich wußte genug, um euch ein paar Monate Sand in die Augen zu streuen.«
»Und du hast den Todesstrahlenquatsch geglaubt?«
Der andere hat ihm die ganze Zeit über ins Gesicht geschaut, jetzt beginnt sein Blick im Zimmer herum zu wandern. Er bleibt schließlich an einer Weltkarte hängen, in die zahlreiche Nadeln mit verschieden farbigen Köpfen gesteckt sind. Urlaubsorte oder Erinnerungen an unheilbringende Einsätze in anderen Teilen der Welt?
»Glaubte ich es? Ich weiß nicht, was ich glaubte. Ich sammelte nur Fakten, andere bewerteten sie.«
»Warum nicht du? Du warst der Physiker, sie hätten dich fragen müssen.«
»So ein Geheimdienst ist ein komplexer Mechanismus, wie jede andere Behörde, oder wie eine große Firma. Nicht immer tun die Leute die Jobs, für die sie am Besten geeignet sind. Später, da war ich dabei, ich war einer der ersten, die nach Heisenberg und den anderen suchten, als Deutschland besiegt war. Aber damals ... ich weiß nicht, wer an die Strahlen glaubte, oder ob überhaupt. Es war nur eine Möglichkeit, ein Weg. Wir mußten uns überzeugen, wohin er führt.«
Das Geräusch eines Automotors, der sich den Startversuchen des Besitzers zäh widersetzt, tönt von der Straße herauf. Beide lauschen angestrengt, sind für ein paar Sekunden froh, daß etwas von draußen eindringt in die Abgeschlossenheit des Hauses, in ihr Gespräch, und ihnen zeigt, daß die Realität dort ist, und nicht in dem Gespenst, das sie durch ihr Gespräch zum Leben erwecken.
Himmelreich öffnet sein Jackett, der Griff der Pistole, braungeriffeltes Bakelit, schaut unter der linken Achsel hervor.
»Welche Erinnerung hast du an den Abend der Abschiedsfeier?«
Himmelreich findet nur mühsam zurück in die Wirklichkeit. Er hat die ganze Zeit geredet und taucht nun langsam auf aus der Tiefe seiner Erzählung. Er wäre leicht zu überwältigen gewesen in dieser Lage. Schmerzhaft wird ihm bewußt, wie wenig professionell er sich verhält, aber dann schaut er seinen Gegenüber an und weiß, daß er nichts zu befürchten hat. Der Mann ist ein Wrack, alt und kraftlos, aber was noch wichtiger ist; er hat sich offenbar in sein Schicksal ergeben. Die Rollen sind zugewiesen, Täter und Richter, und er ist derjenige, der zu büßen hat.
»Ich? Ich erinnere mich ... an ein Gefühl der Freundschaft für Ettore, stärker als ich es jemals zuvor empfunden habe.«
»So ist es oft, wenn jemand geht. Und was ist noch geschehen an jenem Abend?«
»Ich hörte, wie Nishimura ... wie der Japaner Ettore auf die Todesstrahlenversuche bei Fermi ansprach. Nicht zum ersten Mal, wie wir wissen. Und du hast ihn ja wohl auch noch mal gefragt.«
»Ich glaube, wir waren alle hinter dieser Sache her.«
Himmelreichs Blick ist gesenkt, als schämte er sich für sein damaliges Handeln.
»Ja. Völliger Schwachsinn.«
»Weißt du, wie Ettore darüber dachte?«
»Ich glaube, er hat sehr gelacht über die Geschichte, und über unsere dilettantischen Spionageversuche auch. Je öfter er leugnete, an den Experimenten beteiligt gewesen zu sein, um so sicherer wurden wir, daß er dabei war. Und dabei war er in Gedanken ganz weit fort, in einer Ecke, die viel gefährlicher war als es die kindischen Strahlen jemals hätten sein können. Nur wußte er es selber nicht.«
»So war es. Meine Leute machten mir ganz schön die Hölle heiß, damals. Tauchte der Braune eigentlich noch mal auf?«
»Wenn du das nicht weißt ... ich weiß es auch nicht. Er hatte nichts mehr abzumachen mit Majorana, es war alles gesagt zwischen ihnen, und Ettore hatte genaue Verhaltensregeln für die Zukunft bekommen. Jedenfalls, irgendwann waren Irmgard und Ettore nicht mehr zu sehen. Später erzählte sie mir, sie wären im Garten spazieren gegangen, über eine Stunde lang.«
»Vielleicht sind sie das ja auch wirklich.«
»Wie auch immer, es war mir egal. Sie haben sich versprochen, sich wiederzusehen, sich gegenseitig zu besuchen. Sie wollten den Kontakt halten. Wir wissen, was daraus geworden ist.«
»Die Arbeit, die politische Lage ... es kam immer etwas dazwischen.«
»Immer, bis zum Jahr 1938.«
Sein Gastgeber atmet schwer. Er hat sich bisher kühl und distanziert gegeben, aber allmählich kann er die Maske nicht mehr aufrechterhalten; man merkt, daß sie ihm schwer wird wie Blei.
»Und du? Hast du Ettore in diesen Jahren gesehen?«
Himmelreich schaut ihn verächtlich an.
»Als ob du das nicht wüßtest. Einmal, auf einem Kongreß in Stockholm. Aber wir hatten immer Verbindung.«
»Und Irmgard? Wie war dein Kontakt zu Irmgard?«
Victors Gesicht verdüstert sich. Kein angenehmes Thema, aber es gehört zur Geschichte, ist vielleicht einer der wichtigsten Bestandteile.
»Tja, Irmgard. Das ist eine merkwürdige Sache. Bald nachdem Majorana zurückgefahren war, hat sich unser Verhältnis etwas abgekühlt, ohne daß ich genau weiß, woran es lag. Wir sahen uns kaum noch, und auch die Zahl der Briefe wurde weniger, bis sie endlich gar nicht mehr schrieb. Sie zog aus ihrer Wohnung aus, in einen anderen Teil Münchens, und lebte dort in einem ... in einem sehr merkwürdigen Haus.«
Er verstummt.
»Was für ein Haus?«
»Ich habe sie mal besucht, es war das letzte Mal, das wir uns gesehen haben. Eine düstere alte Villa, mit einer düsteren Ausstrahlung.«
Wieder wird er still, versucht die Erinnerung zurückzuholen.
»Jedenfalls eine seltsame Ausstrahlung. Als ich durch die Tür trat, war mir, als würde ich irgendwie meine Dimension verlassen, alles dort drinnen war anders als ich es kannte. Die alten Möbel entstammten keiner mir bekannten Stilrichtung, die Bilder an den Wänden zeigten eine mir unbekannte Symbolik, und es hing ein Geruch in der Luft, den ich nicht identifizieren konnte.«
»Lebte sie allein?«
»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Gesehen habe ich niemanden, aber ein- oder zweimal habe ich während des Besuches merkwürdige Geräusche gehört. Das hätte aber auch ein Tier sein können. Meine Schwester war ganz anders als früher, ruhig, fast abweisend. Sie zeigte keine Emotionen, nicht die kleinste Freude. Die ganze Zeit meines Besuches hatte ich das Gefühl, sie wartet nur darauf, daß ich gehe, um irgend etwas sehr Dringendes zu tun.«
»Danach hast du sie nicht mehr getroffen?«
»Nicht mehr bis 1938.«
Der andere weicht Himmelreichs Blick aus, aber seine Neugier ist ungebrochen.
»Hat sie nur zu dir den Kontakt abgebrochen? Was ist mit ihren Freunden?«
»Zu allen, die ich kenne. Auch meine Eltern hat sie nicht mehr getroffen, was diesen fast das Herz brach. Wir wußten nicht einmal, wovon genau sie lebte.«
»Ja wirklich. Das ist mehr als seltsam. Und du und Majorana – wie vertraut wart ihr eigentlich zu dieser Zeit?«
Die Fragerei wird immer detaillierter und Himmelreich hat mehr und mehr das Gefühl, ausgehorcht zu werden. Am Anfang hat er nichts dagegen gehabt, er will ja alles loswerden, über alles reden, mit jemandem, der weiß, wovon er spricht. Aber jetzt ist er im Zweifel: Gibt er zuviel preis? Andererseits, was kann der andere noch anfangen mit seinem Wissen?
»Wir waren ziemlich vertraut. Ettore hatte nicht viele Freunde, und seine wenigen pflegte er.«
»Hat er dir gegenüber jemals eine Gruppe erwähnt, die Die Wächter genannt werden?«
Die Beiläufigkeit der Frage steht in krassem Gegensatz zu ihrem seltsamen Inhalt. Er sagt werden, als gäbe es die Gruppe noch, was immer sie sein mochte.
»Wer ist das?«
»Hat er die Gruppe erwähnt?«
»Nein. Er hat nie über eine solche Gruppe gesprochen. Wer sind die Wächter?«
Der andere beugt sich vor, greift eine Medikamentenpackung vom Tisch und öffnet sie hastig. Er drückt eine kleine, grüne Pille aus der Folie, steckt sie sich in den Mund und schluckt sie mit etwas Wasser aus dem Glas, das ebenfalls auf dem Tisch steht.
Er atmet schwer, einen Moment, den Blick auf das Glas gerichtet und eine Hand über seinem Herzen an den Körper gelegt, dann ist er wieder bereit.
»Was sie sind, weiß ich nicht; ich halte sie für eine Art Freimaurerloge. Irgendwann stießen wir auf den Namen, in Ettores Umfeld, konnten aber niemanden damit identifizieren.«
Victor ist jetzt hellwach, jede Faser seines Körpers ist gespannt.
»Ja?«
Winklers Tonfall verändert sich, wird ruhig und sachlich, die Stimme tief und tönend. Ein Profi in einer Standardsituation. Victor sieht ihn unwillkürlich vor seinem geistigen Auge in einem Büro irgendwo auf der Welt, Vietnam vielleicht oder Chile, vor einer Gruppe seiner Agentenkollegen über einen Fall dozieren.
»Es scheint sich um eine sehr alte Gemeinschaft zu handeln, und sie scheint international zu agieren. Schon damals war sie in Deutschland und in den USA und in vielen anderen Ländern parallel tätig und hielt dort Kontakt zu vielen Leuten unterschiedlicher Profession und Herkunft. Und sie scheinen auf ein bestimmtes Ziel zuzuarbeiten, das wir nicht kennen.«
Teil 2: 1938
»Wir können die Zukunft gar nicht vorhersagen, allenfalls erfinden.« Dennis Gabor, deutscher Physiker
13.
Die vier Männer sitzen sich schweigend gegenüber. Der große Raum, einer der verschwiegensten des Reichstages, ist mit dunklem Holz vertäfelt. Um einen großen, runden Tisch stehen Stühle, ledergepolstert aus massivem Ebenholz. Die Wände schmücken zwei riesige Schlachtengemälde aus dem vorigen Jahrhundert, glorifizierender Abgesang einer anderen Epoche.
Friedrich von Callwitz registriert die stilvolle Umgebung ohne echte Begeisterung. Das einzig Wichtige hier ist für ihn die Tatsache, daß der Raum abhörsicher ist und sich die Türen von innen verschließen lassen.
Er erhebt sich von seinem Platz, und sein leicht gebräuntes Gesicht mit der Narbe – wie die meisten Juristen war er während des Studiums in einer schlagenden Verbindung tätig, was neben der Narbe auch ein kleines Leberleiden zur Folge hatte – wendet sich den anderen zu.
»Meine Herren, ich darf Sie zu unserer heutigen Besprechung recht herzlich begrüßen. Vielen Dank, daß Sie alle es einrichten konnten, so kurzfristig hierher zu kommen. Ich weiß, wie beschäftigt sie sind, und eine längere Vorbereitungsphase wäre mir lieber gewesen. Leider zwingen uns die Umstände, sehr schnell zu arbeiten.«
Kurze Pause. Seine Gesprächspartner blicken abwartend, nur Schneider, der direkt ihm gegenüber in seinem bequemen Stuhl mehr liegt als sitzt, kann seine Erregung nicht zügeln.
»Es war wirklich nicht einfach, zumal wir nicht mal den Grund unserer Zusammenkunft kennen. Hätte sich nicht das Ministerium massiv stark gemacht, säße ich sicher nicht hier. Vielleicht sagen Sie uns also erst mal, worum es geht. Ach ja, und vielleicht stellen Sie sich auch mal vor.«
Schneider ist recht gut mit einigen Parteibonzen bekannt, weiß Callwitz. Keine großen Kaliber, aber groß genug, um ihm etwas mehr Luft und eine etwas lautere Stimme zu geben als den meisten anderen.
»Professor Schneider, im Sinne eines reibungslosen Ablaufs unserer Gespräche möchte ich Sie bitten, mich nicht zu unterbrechen, weder jetzt noch in Zukunft.«
Schneiders Augen werden groß und rund, während der andere spricht, aber Callwitz´Stimme, messerscharf den Raum durchschneidend, erstickt jeden Protest und überhaupt jede Regung. Sie sehen sich an, einen kurzen Moment lang, und der Professor sieht etwas in den Augen des drahtigen Mannes auf der anderen Tischseite, das ihn stumm macht und einen leisen Schauer über den Rücken treibt.
Callwitz ist klug genug, nicht auf eine Antwort zu warten. Die absolute Unterordnung wäre zwar schön, aber er braucht Schneider, so wie er die anderen beiden braucht: nicht als ausführende Organe, sondern als kreative Teammitglieder.
Unterordnung verträgt sich nun mal nicht mit Kreativität.
»Aber Sie haben recht, Sie müssen wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Mein Name ist Heinrich Schmidt, Offizier der Reserve mit Sonderauftrag.«
Das kurze, ruckartige Nicken, das die letzten Worte begleitet, wirkt tatsächlich äußerst militärisch. Daß er weder seinen Dienstgrad noch seine Einheit nennt, fällt den Anwesenden zwar auf, aber inzwischen kommt keiner mehr auf die Idee, tiefergehende Fragen zu stellen. Sie sitzen einfach da, wie Maschinen, die einer bestimmten Aufgabe harren, und warten, was er ihnen an Rohmaterial hinwirft. Und tief im Innern hoffen sie, dieses Material würde geeignet sein, ihnen irgendwann zur Rechtfertigung vor sich selber zu dienen.
»Der Einfachheit halber übernehme ich die Vorstellung aller. Professor Wilhelm Schneider.«
Wieder ein zackiges Nicken, diesmal in Richtung Schneiders.
»Brillanter Physiker. Dozent an der Universität München, Mitarbeiter in mehreren nationalen und internationalen Arbeitsgruppen. Autor zahlreicher Artikel und Bücher, und einer unserer führenden Köpfe in bezug auf Waffentechnologie. Ihr Buch Die Wissenschaft – Waffe für Volk und Vaterland habe ich mit großem Interesse gelesen. Alle Achtung.«
Schneider liegt entspannt in der Lehne des Stuhles, die Befriedigung über die Art und Weise der Vorstellung und die Würdigung seiner Arbeit ist offensichtlich. Wie leicht die Leute zu manipulieren sind für den, der die Mechanismen kennt, denkt Callwitz. Und diejenigen, die sich für intelligent halten, sind noch viel leichter zu beeinflussen als die anderen.
»Siegmund Reininger.« Die Kopfbewegung richtet sich nun gegen den Mann rechts neben Callwitz. Mittelgroß, mit sorgenvoll faltigem Gesicht wie eine Bulldogge, den kahlen Kopf umkränzt von nur noch wenigen grauen Haaren, ist er die umauffälligste Person, die Callwitz und die anderen jemals gesehen haben. Sein hellbrauner, schlecht sitzender Anzug verstärkt diesen Eindruck noch. Vor einer grauen Wand würde er verschwimmen wie ein Chamäleon, denkt Callwitz.
»Herr Reininger ist Psychoanalytiker aus Düsseldorf. Zu seinen Patienten zählen vorwiegend Mitglieder des Adels und der sonstigen gehobenen Gesellschaft, besonders geschätzt ist er in Fällen, in denen absolute Diskretion erforderlich ist. Es waren sogar schon ein deutsches Regierungsmitglied und zwei Mitglieder europäischer Königshäuser bei ihm. Darüber hinaus betätigt er sich intensiv in der fachbezogenen Forschung; seinen Arbeiten auf den Gebieten der unterschwelligen Beeinflussung und der Analyse psychischer Schwächen haben keine große Verbreitung gefunden, sind aber in Expertenkreisen hochgeschätzt.«
Reiningers Gesichtsausdruck wird bei Callwitz´ Worten immer besorgter und entspannt sich bis zum Schluß nicht mehr. Seine Stimme ist tief und volltönend und will beim ersten Zuhören so gar nicht zu ihrem Besitzer passen.
»Sie wissen sehr viel über meine Arbeit. Mehr, als Sie oder sonst irgend jemand darüber wissen sollte.«
»Nicht nur über Ihre Arbeit. Wir wissen – ich weiß – so ziemlich alles über Sie, und auch über die anderen Herren hier habe ich umfangreiche Dossiers, die die Archive des Reichstages besser niemals verlassen sollten. Das Material umfaßt alle Aspekte Ihres Daseins, und sind sie noch so verborgen.«
Er blickt um sich. Reininger scheint bei seinen Worten immer kleiner zu werden, die anderen nehmen sie mit vielsagendem Gleichmut auf. »Aber ich bin Ihnen noch jemanden schuldig.«
Die charakteristische Kopfbewegung weist in Richtung des dritten Mannes.
»Vincente Sacchi. Chef de Salle im Restaurant des Hotels Vier Jahreszeiten in Hamburg. Gebürtig aus Catania auf Sizilien, ist er seit 1927 in Deutschland und war in dieser Zeit in einigen der besten Hotels des Reiches tätig.«
Sacchi nickt freundlich in die Runde. Er ist groß und schlank wie Callwitz selber, mit dunklem Haar, einer kühn vorspringenden Nase und dunkelbraunen Augen. Obwohl nicht durch akademische Meriten ausgezeichnet, macht er in diesem Kreis keinen eingeschüchterten oder unterwürfigen Eindruck.
»Kommen wir nun zur Aufgabe dieser Gruppe.«
In der kleinen Kunstpause fixiert er nacheinander alle Anwesenden.
Bis auf Schneider weicht jeder seinem Blick aus. Sie werden funktionieren, denkt er.
»Wir werden uns in den nächsten Wochen intensiv mit dem Profil einer bestimmten Person auseinandersetzen. Der Mann ist derzeit Professor und Dozent an der Universität in Neapel. Er weiß Dinge, die dem Reich in diesen Zeiten von großem Nutzen sein werden. Wir werden den Geist und die Seele des Professors studieren, sie zerlegen und wieder zusammensetzen wie einen Baukasten, solange, bis wir sie völlig verstanden haben.«
Callwitz´ Blick hält die Männer gefangen, und wieder spüren sie die Kraft, die in diesem Mann steckt; sie wird sie in der nahen Zukunft zusammenhalten und das letzte an Leistung aus ihnen herausholen. Callwitz´ linkes Auge ist leicht zusammengekniffen.
»Dann, wenn der Mann vor uns liegt wie ein offenes Buch, werden wir eine Methode erdenken, ihn zu beeinflussen. Er wird sein Wissen preisgeben. Unsere Regierung ist sehr an ihm interessiert. So wichtig ist er, daß ich in dieser Sache direkt an den Führer berichte.«
Eine Lüge, aber eine sehr wirkungsvolle. Hitler ist niemand, der von der Kraft der Physik überzeugt ist, im Gegenteil, er zweifelt ihren Nutzen eher an. Dennoch – das Schweigen, das Callwitz´ Worten folgt, zeugt von dem Eindruck, den seine kleine Ansprache gemacht hat.
Schneider faßt sich als erster.
»Was soll ein Kellner bei diesem Vorhaben nützen?« fragt er in abfälligem Ton, wobei er den Italiener ansieht, als wäre er ein schädliches Insekt.
»Oder ein Physiker?« ergänzt Sacchi mit spöttischem Interesse. Sein Deutsch ist nahezu akzentfrei.
Callwitz strafft seine hochgewachsene Gestalt. Er hat mit einem kleinen Konflikt zwischen Schneider und Sacchi gerechnet. Schneiders anmaßender Charakter läßt nichts anderes zu. Reininger würde sich schon aufgrund seines Berufes aus jedem Streit heraushalten, er ist zu jeder Zeit Beobachter und Analyst, kein Protagonist.
»Jeder hier wird seinen Beitrag leisten, da können Sie ganz sicher sein. Herr Schneider hat die gleiche Profession wie unsere Zielperson – die Physik. Und Herr Sacchi ... nun Herr Sacchi ist unsere wichtigste Informationsquelle überhaupt, denn er kennt den Mann, um den es geht, seit seiner Kindheit.«
Reininger räuspert sich. Ihm ist als einzigem schon klar, welchen Part genau er bei dem Projekt spielen wird.
»Und wer ist diese überaus wichtige Person?«
Callwitz läßt einige Sekunden verstreichen, als zögere er, es auszusprechen.
»Der Name des Mannes ist Ettore Majorana.«
Dem Psychoanalytiker sagt der Name nichts, aber Schneiders Gesicht verzieht sich zu einem erstaunten und erkennenden Lächeln. Und auch Sacchi lächelt, aber sein Lächeln ist eine Maske aus Eis, hinter der eine unheilvolle Glut schwelt, und als er spricht, ist seine Stimme weich, schmeichelnd und ölig:
»Es freut mich, dem Reich und meinem eigenen Land auf diese Weise dienen zu können.«
14.
Wenn ich es nicht tue, werden es andere tun.
Ein gutes Argument für den, der sich sowieso schon entschlossen hat. Für den, der noch mit sich ringt, ist es gar keines.
Majoranas Blick ist auf die eng beschriebenen Seiten gerichtet, die vor ihm auf dem Tisch liegen, aber er sieht nichts von dem, was dort steht. Seine Gedanken kreisen seit Wochen um das, was er herausgefunden hat, die Frucht seiner Arbeit, eigentlich die Essenz seines ganzen bisherigen Lebens. Er könnte stolz sein, aber er ist es nur bedingt, denn er hat etwas verloren in den letzten Jahren: die Unbedarftheit des Idealisten. Er kann seine Arbeit nicht mehr losgelöst von der Welt und ihren Problemen betrachten, sondern sieht immer auch auf den Kontext und die Auswirkungen. Das macht ihn unsicher und läßt ihn zweifeln an dem Wert dessen, was er tut.
Was er fühlt, ist nicht die Qual eines Malers, der sein Werk vorstellt und besorgt darüber nachgrübelt, ob es wohl vor den kritischen Augen der Welt bestehen wird – denn dabei ist er sicher. Und es ist nicht die fiebrige Spannung, die ein Schauspieler fühlt, kurz bevor er auf die Bühne hinaustritt, um sein Innerstes zu offenbaren.
Ettores Leiden ist nicht egoistischer Natur; seine Zweifel schließen mehr ein als die eigene Persönlichkeit.
Ihn beschäftigt nichts weniger als die Frage: Werde ich eines Tages der Urheber der Apokalypse sein?
Majorana sieht schlecht aus in diesen Tagen, sein Äußeres ist ungepflegt. Das Gesicht ist hager, die Haare seit Wochen nicht geschnitten. Er geht kaum aus, im Institut läßt er sich nur zu den Vorlesungen sehen; zweimal die Woche, und jedesmal ist er froh, wenn es vorbei ist und er wieder zurück kann in die definierten Grenzen seines kleinen Reiches.
Denn er muß sich vorbereiten auf den größten Schritt, den er in seinem Leben je gemacht hat.
Er atmet durch, greift zu der Zigarettenschachtel auf dem Tisch.
Vor acht Wochen sind sie zum ersten Mal gekommen.
Drei Männer klopfen an die Tür seines Zimmers im Hotel Bologna, in dem er heute immer noch wohnt. Lange Mäntel aus derbem Stoff, ähnlich denen des Militärs. Der eine unverkennbar Offizier, in Haltung und Aussehen übermäßig korrekt. Die anderen im Hintergrund stehend, bäuerlich derbe Gesichter, aus denen wenig Intelligenz spricht.
Handlanger, Werkzeuge. Gefährlich ist nur der Offizier, der sich als Moretti vorstellt.
Ettore läßt sie nicht herein. Nicht beim ersten Mal jedenfalls.
Es sei eine Sache des nationalen Interesses, sagt Moretti. Man kenne Majoranas Arbeiten, die alten, und – wichtiger – seine aktuellen, die noch nicht veröffentlicht sind. Er könne dem Staat nützlich sein, nützlicher als jeder andere. Er sei eine Ausnahmeerscheinung, sein Wissen einmalig in Italien, wahrscheinlich auf der ganzen Welt.
Ettore fühlt sich nicht geschmeichelt, nur erschreckt. Er hört schweigend zu, während er den Offizier anschaut. Die Handlanger lehnen massig an der Wand hinter Moretti, demonstrieren Langeweile, aber er spürt ihre abschätzenden Blicke die ganze Zeit. Er läßt sich die Ausweise zeigen, liest Abteilungsbezeichnungen, die er nicht versteht. Sie kommen vom Innenministerium, soviel wird ihm klar.
»Ich überlege es mir.«
Moretti nickt, freundlich lächelnd. Sie wenden sich um, gehen.
Ettore schließt aufatmend die Tür und lehnt sich von innen dagegen. Er fühlt die Bedrohung fast körperlich, obwohl sie nicht ausgesprochen wurde. Und er macht sich Sorgen.
Woher kennen sie seine derzeitigen Arbeiten? Keiner kennt sie, außer einer Handvoll Kollegen.
Zwei Tage später sind sie wieder da.
Der Druck wächst, von Stunde zu Stunde. Majorana macht sich keine Gedanken über die eigene Zukunft – er wird schon irgendwie klar kommen, egal, wie er sich entscheidet. Aber da sind noch seine Verwandten, die Mutter, die Brüder, um deren Schicksal er sich sorgt.
So werden sie ihn schließlich kriegen, ahnt er. Seine Achillesferse. Wer liebt, ist verwundbar. Und Ettore liebt die Seinen.
Er drückt die Zigarette im Aschenbecher aus.
Das Zimmer im Bologna hat er seit Februar. Es ist besser als im Terminus, wo er zuerst gewohnt hat. Das Hotel ist sauberer, die Möbel sind besser, das Ambiente, wenn schon nicht stilvoll, ist zumindest stilvoller.
Und es gibt keine Fragen.
Ettore raucht schweigend, auf dem Bett liegend, und läßt den Blick durch den Raum wandern. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank, dazwischen überall – sogar auf dem Boden – seine Akten und Notizen: ein Bild des vollkommenen Chaos. In ihrem letzten Brief hat seine Mutter gefragt, wann er sich endlich eine richtige Wohnung in Neapel mieten wird. Ein ordentlicher Professor, Inhaber des Lehrstuhles für theoretische Physik der Universität, und hat immer noch keine Wohnung. Das geht doch nicht, Junge.
Er lächelt. Wie sie sich immer noch um ihn sorgt. Er könnte sie niemals im Stich lassen. Er schuldet ihr so viel.
Majorana steht auf und zieht sich Jackett und Mantel an, wobei er die brennende Kippe mit der jeweils freien Hand weit von sich hält, um die Kleidung nicht zu versengen. Er nimmt den Stapel Papier an sich, den er in den letzten zwei Stunden aus seinen Unterlagen extrahiert hat, und schiebt ihn in eine Mappe aus Schweinsleder.
Bevor er das Zimmer verläßt, löscht er sorgfältig das Licht.
Der Nachtportier heißt Luigi, ein schlanker kleiner Mann in einer makellosen Uniform, die Kragenspitzen mit silbernen Schlüsseln verziert. Er kommt aus dem Piemont, ist nach dem Krieg hier hängengeblieben. Jemand aus dem Norden kriegt in Neapel kaum eine Chance, zumindest bei den Leuten nicht, zu tief verwurzelt sitzt die Mißgunst, der Neid des armen Südens auf den reichen Norden. Ettore fragt sich, warum der Mann überhaupt noch hier ist.
Luigi schlägt diskret die Augen nieder.
»Signor Professore gehen noch aus?«
»Die Pflicht, Luigi. Es kann spät werden.«
»Natürlich. Was getan werden muß, muß getan werden.«
Das ist mehr, als sich der kleine Mann sonst erlaubt, eine Nuance nur. Gewöhnlich enthält er sich jeglichen privaten Kommentars, wobei egal ist, ob der Gast irgendein Tourist aus der Provinz oder ein düster dreinblickender, schweigsamer Physiker von Weltruf ist. Aber er glaubt zu wissen, wo der Professor um diese Zeit noch hin will. Ein Mann in den besten Jahren, und die Stadt ist voller Mädchen, käuflich und nicht käuflich, die nur auf Leute wie ihn warten.
Er seufzt in leiser Wehmut.
»Gute Nacht, Professore.«
»Gute Nacht, Luigi.«
Ettore tritt fröstelnd auf die Straße. Es ist Februar und für neapolitanische Verhältnisse ausgesprochen kalt. Er zieht den Hut in die Stirn und schlägt den Mantelkragen hoch.
Siebenmal hat er bislang mit Moretti gesprochen, der seine Schrauben auf subtile Weise immer weiter angezogen hat. Er macht das gut, ist ein wirklicher Künstler auf seinem Gebiet. Schon nach dem vierten Mal hat Ettore es nicht mehr ausgehalten.
Majorana trägt seit fünf Jahren eine Adresse im Kopf mit sich herum; den Zettel, auf dem sie anfangs stand, hat er weisungsgemäß vernichtet. Die Adresse ist ein Postfach in Mailand, eine Nicht-Person in einem Pseudo-Verlag. Er hat einen Brief dorthin geschickt, mit einem Text, der direkt neben der Adresse in den Windungen seines Gehirns geruht hat. Ganz unverfänglich, ein Ersuchen um Veröffentlichung eines Manuskriptes, das er nachschicken würde.
Der Sizilianer geht unbeirrt voran. Es ist zehn Uhr, die Straßen der Stadt quellen über vor brodelndem Leben. Es ist Karneval in der Stadt, Männer, Frauen und Kinder flanieren durch die Straßen, kostümiert oder nicht, lachen, singen und trinken. Ettore geht immer weiter, niemand beachtet ihn. Er läßt den Lärm der belebten Straßen und Plätze hinter sich und betritt dunklere Wege, nur einen Steinwurf von seinem Hotel entfernt.
Sein Schatten verschwindet blitzschnell in den engen Gassen der Altstadt, wie eine Eidechse, die in einen Holzstoß huscht.
15.
Der Hustenanfall hallt wider im Zimmer und dauert fast eine halbe Minute. Himmelreich steht auf, das Badezimmer geht draußen vom Flur ab. Es ist so unordentlich dort wie überall in der Wohnung. Durch ein kleines Milchglasfenster, hoch oben an der Wand, sieht er, daß es mittlerweile draußen dunkel geworden ist.
Suchend blickt er um sich, dann füllt er ein mit Zahnpasta beschmiertes Glas mit Wasser und trägt es zurück zu dem Kranken, der es sofort austrinkt. Es hilft, ein paar keuchende Laute entringen sich noch seiner Brust, dann wird er ruhiger.
»Du machst dir reichlich viel Mühe mit einem zum Tode Verurteilten.«
»Du hast ein Recht auf menschenwürdige Behandlung, wie jeder andere auch.«
Sie sehen sich jetzt direkt in die Augen, das erste Mal, seit sie zusammengetroffen sind. Keiner weicht dem Blick des anderen aus, und Victor glaubt einen Moment, unter den Falten im Gesicht des anderen den zu erkennen, der er früher war, wie frisches Gewebe unter der zu groß gewordenen Schuppenhaut eines Reptils. Aber schon verdeckt ein leicht spöttisches Lächeln wieder alle Gefühlsregungen, bequeme Maske, die ihm die Jahre hindurch zur zweiten Persönlichkeit geworden ist.
»Irmgard.«
Der Name, in den Raum geworfen, transportiert kein Gefühl, kein Bedauern, wie Victor betroffen feststellt. Er dient allein der Beschwörung einer Erinnerung.
Himmelreich nimmt den seltsam stickigen Geruch wahr, der in der Wohnung herrscht. Es riecht, als wäre lange nicht gelüftet worden, und dann mischen sich Aromen wie von Arzneien darunter, und ein paar andere Dinge, die er nicht kennt.
Das Innere der Pyramide. Grabgerüche.
Er räuspert sich.
»Woher wußten die Italiener so viel über Ettores Arbeit? Er hatte mit kaum jemanden in Italien über seine Gedanken gesprochen. Nicht einmal sein alter Mentor Fermi wußte alles.«
»Sacchi hat ihnen auf die Sprünge geholfen, ohne Wissen der Deutschen. Italien war ihm halt immer noch näher als das Reich, obwohl es letztendlich kaum einen Unterschied machte.«
»Und wer war dieser Sacchi?«
»Ein alter Bekannter von Majorana. Früher ein Freund, soweit Majorana überhaupt je Freunde hatte.«
»Ich war einer.«
»Du warst einer... Bist du sicher? Egal. Also Sacchi stammte auch aus Sizilien und hatte mit Ettore die Schule besucht. Wie dicke sie miteinander waren, weiß ich nicht, aber irgendwann drehte sich das um, und aus Sympathie wurde Abneigung. Komisch übrigens, daß ich dir das erzählen muß, wo es doch wohl Interna eurer damaligen Recherchearbeit sind.«
»Ich war nur ein kleines Rad, und auch nur für kurze Zeit. Der Hintergrund der Geschichte fehlt mir völlig.«
Der letzte Schluck Wasser verschwindet im faltigen Hals des Mannes. Er hält das Glas noch einen Moment in der Hand und betrachtet es nachdenklich, als könne er auf dem Boden die Bilder der Vergangenheit sehen.
Es ist Himmelreich, der das Gespräch wieder aufnimmt: »Vielleicht war es Neid auf das, was Ettore erreicht hatte. Sacchi war einfacher Kellner; das mit dem Chef de Salle hatte sich Callwitz nur ausgedacht, um die Akzeptanz des Mannes zu erhöhen. Man kann sich vorstellen, wie die Vergleiche ausfielen, die in Catania über die beiden angestellt wurden.«
»Wer sollte sie verglichen haben?«
»Was weiß ich? Die Familien vielleicht, unter sich, die Freunde und Bekannten. Mein Sohn, dein Sohn, so etwa in der Art. Jedenfalls gab Vincente Sacchi dem italienischen Geheimdienst den entscheidenden Tip. Er selber wußte natürlich nichts von Ettores Arbeit, aber er reichte einfach die Informationen weiter, die er von Callwitz bei den Besprechungen im Reichstag bekam.«
Winkler entgegnet: »Sehr bequem, und er bekam sogar noch Geld dafür. Er muß sich köstlich amüsiert haben, zumal er auch noch Ettore reichlich Ärger machen konnte. Woher hatte Callwitz eigentlich sein Wissen? Von dir doch wohl nicht.«
»Einmal habe ich Hartmann in Ettores Unterlagen wühlen sehen, als er nicht da war. Vielleicht war ich nicht der einzige Agent der Gestapo am Leipziger Institut. Und in Neapel hatten sie sicher auch jemanden.«
»Wie auch immer. Die Italiener waren bestimmt nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel.«
»Das weiß ich nicht. Sie mußten vorsichtig sein, um sich Majorana als engagierten Mitarbeiter zu erhalten. Unter Druck hätte er nichts geleistet, jedenfalls nicht unter massivem Druck. Dieser Moretti war ein ausgeschlafener Fuchs, ohne Skrupel und sehr intelligent in der Einschätzung seines Objektes, und versuchte es subtiler, dosierter. Seine Zielrichtung war Ettores Familie.«
»Er hing sehr an seiner Mutter«, sagt Himmelreich.
»Und an seinen Brüdern. Nie hätte er zugelassen, daß ihnen durch seine Schuld etwas zustößt.«
»Darüber war er zu kriegen, und das wußten alle Beteiligten.«
Winkler bestätigt: »Ja. Darüber war er zu kriegen, und vielleicht noch über deine Schwester Irmgard.«
16.
Es wird immer dunkler, dieser Bezirk Neapels hat wenig Straßenbeleuchtung. Ettore ist das recht; wo er hingeht, will er nicht gesehen werden. Er marschiert schnellen Schrittes, die Stirn nachdenklich gefurcht, und nach kurzer Zeit steht er vor einem Grundstück, das etwas zurückgezogen von der Straße liegt.
Kein Haus steht hier, nur ein alter, baufälliger Schuppen inmitten eines verwilderten Gartens. Ein wenig abseits gibt es ein paar Mauerreste. Welches Gebäude auch immer sich hier erhob, es ist schon seit langer Zeit zerstört, und Ettore, der die Geschichte des Hauses kennt, ist froh darüber, daß es nicht länger existiert. Vor vielen Jahren wurde hier eine ganze Familie ausgelöscht, ermordet von fremder, bis heute imbekannter Hand.
Vorsichtig schaut er sich um, aber hier ist das unnötig. Keinen Spaziergänger zieht es nachts an diesen Ort. Er betritt das Grundstück, betritt einen schmalen Pfad niedergetretenen Grases, und steuert zielsicher den Schuppen an. Ein paar Meter bevor er ihn erreicht, zieht er einen Schlüssel aus der Tasche. Schloß und Türscharniere hat er frisch geölt, lautlos öffnet sich die schiefe Tür. Majorana schiebt eine Kiste beiseite, räumt ein paar staubige Decken weg, zieht ein Fahrrad aus einem verborgenen Verschlag und rollt es ins Freie. Er schließt den Schuppen sorgfältig hinter sich ab, schwingt sich in den Sattel des Rades, und im nächsten Augenblick ist er wieder unterwegs.
Die Straße fliegt unter ihm dahin, kühle Nachtluft weht ihm ins Gesicht. Er versucht, sich abseits der belebten Straßen zu halten. An einer Stelle fährt er die Via Toledo entlang, ein Stück unterhalb der Stelle, wo bald mit den Arbeiten zum Novecento-Gebäude begonnen werden soll. Der Faschismus hinterläßt seine Spuren im Weichbild der Städte, auch in Neapel. Wenig später kreuzt er die Via Foria.
Sein Ziel ist Capodimonte.
Die Fahrt dauert etwa zwanzig Minuten, dann erreicht Ettore eine kleine Pension am Stadtrand. Er schiebt das Fahrrad in den Flur und stellt es ordentlich an die mit gelber Ölfarbe gestrichene Wand.
Der Portier sitzt in seinem winzigen Glaskasten am Eingang wie in einem Vogelhäuschen; er hat weit weniger Platz als sein Kollege im nobleren Bologna. Aber auch er kennt den jungen Mann, der sein Zimmer so unregelmäßig benutzt, und immer nur sehr spät kommt, allerdings unter anderem Namen.
»Dottore Grimaldi. Auch mal wieder im Lande?«
Und Ettore, eingedenk der Rolle, die er zu spielen hat, antwortet lächelnd:
»Sie wissen ja, die Verwaltung ruft mich nur, wenn es wirklich brennt.«
Sie tauschen noch ein paar höfliche Floskeln aus, dann ersteigt er die Treppe in den ersten Stock, eine schiefe, dunkle Holzstiege, auf der sich ein verschlissener roter Läufer in Falten zu Tal windet.
Keiner wird ihn hier suchen.
Er zieht den Schlüssel aus der Tasche. Niemand darf mein Zimmer betreten, wenn ich nicht da bin – das war die Bedingung, unter der er sich hier eingemietet hat. Ettore wohnt nicht hier, nutzt das Zimmer nur als eine Art Archiv und Lager. Er räumt selber auf, legt manchmal Wäsche, die er vorher bewußt schmutzig macht, vor die Tür und nimmt frische dort entgegen. Kein Kontakt zu irgendwem außer dem Nachtportier, dessen Brillengläser, die dick wie Flaschenböden sind, Fischaugen in sein ansonsten konturloses Gesicht malen. Der Nachtportier ist auch der einzige, der ein paar nichtssagende Antworten hat, wenn jemand nach Ettore fragen sollte. Man hat ihn darauf vorbereitet, und ein Trinkgeld in ausreichender Höhe stellt sicher, daß er sich an das Abgesprochene hält.
Der Raum ist kleiner als sein anderes Zimmer, aber dennoch fühlt er sich hier wohler. Dem ist so, weil er das Zimmer mit etwas teilt, das ihm mehr wert ist als alles andere: Seine Gedankenwelt ist hier, aufgezeichnet in zwei Kladden voller Formeln, Zahlenreihen und stichwortartigen Bemerkungen. Das Material – so weiß Ettore – wird ihn selber überleben, in welcher Form und unter welchem Namen auch immer, und es ist jetzt schon Geschichte.
Majorana ist vor vierzehn Tagen zum ersten Mal hierher gekommen. Außer dem Extrakt seiner Unterlagen gibt es nur wenige Dinge, die er hierher gebracht hat; Wertgegenstände und ein paar persönliche Sachen.
Ein Blick auf die Uhr. Eine halbe Stunde gibt er sich, eine halbe Stunde in einer Umgebung, in der er sich völlig frei fühlen darf.
Er zieht das Jackett aus, legt sich auf das Bett und greift zu seiner Zigarettenpackung. Lang ausgestreckt, den Blick zur Decke gerichtet, überdenkt er den Plan. Er hat keine Angst vor dem, was er auf sich nehmen will, aber vor den Konsequenzen, die sich für seine Familie ergeben werden. Der Tod schmerzt nicht die Toten, aber die, die zurück bleiben, werden leiden.
Es gibt keinen anderen Weg.
Und dann sind da noch die anderen, die, die ihm jetzt helfen. Sie wollen etwas von ihm, müssen etwas von ihm wollen, sonst wären sie nicht so bemüht. Alle sind sie hinter dem her, was er in seinem Kopf mit sich herumträgt, obwohl keiner genau weiß, was es ist.
Auch seine Helfer werden enttäuscht sein, so oder so.
Ettore dämmert in den Schlaf, die Zigarettenkippe verglüht im Aschenbecher auf dem Nachtschrank, Rauch steigt als dünner senkrechter Faden auf, wie vom Altar eines Brandopfers. Sein letzter Gedanke gilt einem Mann, einem kleinen, schlanken Mann, in braunem Anzug und mit ledrig dunklem Gesicht, der auf ihn zukommt und sagt:
»Ettore. Wir haben viel zu reden.«
17.
Der Februar ist kühl und naß in Leipzig. Es wird den ganzen Tag nicht richtig hell, der Himmel hängt schwer wie Blei über der Stadt.
Victor Himmelreich ist immer noch hier, nach all den Jahren. Was als kleine Spionageaktion begonnen hat, ist zu seinem Beruf und seiner Berufung geworden. Er hat sich bewährt, hat getan, was ein guter Wissenschaftler tut, und wartet seit einem halben Jahr auf die Zulassung zur Doktorprüfung, die er schon längst hätte bekommen sollen. Aber es ist vieles anders geworden in den Jahren.
Das Parteibuch zählt jetzt mehr als die wissenschaftlichen Meriten. Heisenbergs Ruf ist immer noch makellos – hatte er doch den Nobelpreis schon bekommen bevor Hitler auf dem Kanzlersessel saß –, aber viele in der Partei und in der Regierung haben Zweifel an seiner Loyalität dem Regime gegenüber. Es ist nicht mehr unbedingt eine Empfehlung für einen höheren Posten, Heisenbergs Schule zu entstammen.
Es ist spät. Himmelreich hat noch an einem Vortrag für den nächsten Tag gearbeitet, den er vor den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Institutes halten wird. Das Publikum hat sich geändert, die Internationalität ist verschwunden, ebenso wie die jüdischen Kollegen. Die Nationalsozialisten haben ihre Augen kritisch auf die Physik geworfen, haben sie gemäß ihrem Weltbild in jüdisch und arisch unterteilt. Die Ergebnisse jüdischer Forscher werden angezweifelt, wo immer es geht – teilweise mit hanebüchenen Begründungen – und Heisenberg und seine Leute begeben sich mit ihren Theorien oft in bedenkliche Nähe zur jüdischen Physik.
Er nimmt die Brille ab, reibt sich die brennenden Augen. Die Dummheit ist es, die alles zerstören wird, denkt er. Leute, die zu dumm sind, um zu verstehen, versuchen, sich ein Gebiet wie die Physik zugänglich zu machen, und sie tun dies, indem sie ihre naiven kleinen Spielregeln zur allgemeingültigen, letzten Weisheit erheben. Jüdische Physik – es ist wirklich zum Lachen. Diejenigen, die das Wort geprägt haben, haben nicht einmal ansatzweise versucht, zu verstehen, was sie da als falsch bezeichnen. Wichtige Gesetzmäßigkeiten, die Ausgangsthesen auch für die Arbeit arischer Forscher waren, sollen auf einmal nichts mehr wert sein?
Dumm sind sie, aber sie haben die Macht, ihre Dummheit zum Gesetz zu machen. Der Schwachsinn breitet sich aus wie eine Epidemie, und auch die intellektuelle Oberschicht ist mehr und mehr befallen.
Wissenschaftlich zweitklassige Forscher haben jetzt das Sagen in der Gemeinde der Physiker, Leute, die sich nicht durch ihre Arbeiten qualifiziert haben, sondern durch kritiklose Regimetreue; ein Mann wie Stark, der international kaum anerkannt ist, ist Präsident der Physikalisch- Technischen Reichsanstalt geworden und drückt allem seinen Stempel auf.
Was Victor dabei am meisten zum Wahnsinn treibt, ist, daß diese Leute, seine Forscherkollegen, den wissenschaftlichen Fortschritt aufhalten. So unfähig sie als Physiker sind, so clever sind sie in anderer Hinsicht. Sie erkennen sicherlich, was sie tun, aber sie machen weiter, für sich selber und die eigene Karriere sind sie bereit, einen falschen Weg zu gehen und die Wissenschaft einen großen Schritt rückwärts machen zu lassen.
Mit ein paar Handgriffen packt er die Unterlagen in seine Aktentasche. Wie schön war es früher, damals vor fünf Jahren, als er in Leipzig anfing. Zu der Zeit zählte noch die Leistung eines Mannes, nicht seine politische Weltanschauung.
Victor sieht auf die Uhr, es ist kurz nach elf . Als er aus seinem Büro tritt, merkt er, daß er einer der letzten im Haus ist. Nur in Heisenbergs Zimmer, ein paar Schritte den Gang hinunter, brennt noch Licht, und bei einem der Doktoranden ebenfalls.
Vor dem Haus schlägt er den Kragen seines Regenmantels hoch. Es nieselt, und Nebel liegt über der Stadt wie eine dicke Wolldecke, unter der jedes Geräusch erstickt.
Er geht langsam die Straße hinunter, immer noch in Gedanken bei seinem Referat für den morgigen Tag. Wahrscheinlich mache ich mir viel zu viele Sorgen, denkt er. In seiner Grundkonzeption ist er ein sehr gründlicher Mensch und nie zufrieden mit dem, was er gerade getan hat. Die Unzufriedenheit ist es, die ihn in seiner Arbeit vorantreibt, wie Heisenberg ihm einmal nachsagte. Er grinst.
Plötzlich bemerkt er, daß er nicht allein unterwegs ist. Etwas, jemand, bewegt sich parallel zu ihm auf der anderen Straßenseite, nur wenige Meter von ihm entfernt und durch die Nebelfetzen verborgen wie durch einen halb durchsichtigen Schleier.
Himmelreich blickt hinüber. Beide gehen sie eine Weile nebeneinander her, getrennt nur durch das Band des Asphaltes, und dann verweht der Nebel für einen Moment wie Rauch und schließt sich gleich wieder, aber Victor glaubt erkannt zu haben, wer ihn da begleitet. Aufregung durchschießt seinen Körper wie eine Serie glühender Nadeln, und er bleibt stehen.
»Ettore!«
Auch der andere steht still, nun wieder völlig verborgen in milchigem Weiß. Dann löst sich seine Starre. Er bewegt sich auf Victor zu, und dieser erkennt zu seinem Erstaunen, daß es nicht Ettore ist, daß der Mann vor ihm seinem Freund nicht einmal entfernt ähnlich sieht.
Er ist alt und trägt einen abgetragenen, braunen Anzug; seine Gestalt ist klein und zierlich, die Haltung verkrümmt. Je näher er kommt, desto besser sieht Victor sein Gesicht, braun und von Wind und Wetter gegerbt, mit einem dünnen Schnurrbart und einer riesigen, gekrümmten Hakennase.
Dann steht er vor ihm, und sein Mund verzieht sich zu einem unmerklichen Lächeln. Nur wenige Worte entringen sich undeutlich krächzend seiner Kehle, wenige Worte, die Victor Himmelreichs Leben für immer beeinflussen werden.
»Irmgard braucht dich. Und Ettore braucht dich.«
Pulsuz fraqment bitdi.