Kitabı oxu: «Im tiefsten Dunkel - Kriminalroman»
Burkhard Ziebolz
Im tiefsten Dunkel - Kriminalroman
Saga
Im tiefsten Dunkel – KriminalromanCopyright © 2000, 2019 Burkhard Ziebolz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726086799
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Prolog
Die Wasseroberfläche lag vor ihm wie ein riesiger, schwarzer Spiegel. Von der Tür aus sah Coubert jedes Detail des Bassins. Der Mond schien hell in dieser Nacht, fast so hell wie die Sonne tagsüber.
Keine Zeit für Schlaf, schon gar nicht, wenn ihn so viele Gedanken quälten. Sie begannen als sanftes Säuseln, bissen sich fest, zerrten an losen Stellen, und am Ende fegten sie wie ein Sturm durch jeden Winkel des Gehirns und ließen nichts zurück als Zweifel und Verwirrung.
Durch die Fenster des Wasserturms drängte das kühle Licht herein. Später würde der Mond sich in der Schwärze des Wassers spiegeln. Es war eines der Geheimnisse dieses verwunschenen Orts, dass nichts von dem, was unter der Wasseroberfläche war, sich jemals zu erkennen gab. Sogar an hellen Sommertagen, wenn das Licht spärlich durch die kleinen Fenster sickerte, reflektierte das Wasser lediglich seine Umgebung und enthüllte nichts von dem, was es bedeckte. Wenn es denn überhaupt etwas gab dort unten. Ein Physiker hätte sicherlich eine Erklärung dafür gefunden, aber Coubert, der nicht immer Coubert gewesen war, suchte nicht danach. Er nahm es hin und genoss die Magie, so wie er viele andere Dinge zu genießen gelernt hatte.
Wie oft hatte er nachts hier schon rauchend gestanden und in das Wasser geblickt, das in träger Dunkelheit einen langen Schlaf zu schlafen schien? Fast immer hatte er fast ängstlich auf etwas gewartet, war sich fast sicher gewesen, dass es kommen würde, die Ruhe zu stören. Vielleicht würde sich der klare Spiegel eintrüben, Schlieren werfen und Nebel aufsteigen lassen, aus denen sich dann Bilder von fremden Orten herausschälen. Bilder aus der Vergangenheit. Oder Bilder aus der Zukunft.
Oder das Silber des Wassers würde sich erheben in Säulen, die sich langsam zu menschlichen Körpern formten, rein silbern zwar, aber sonst in jeder Einzelheit wie die Bilder, die er tief in seinem Inneren vergraben hatte und die nun schon so lange tot waren.
Wesen der Vergangenheit. Darauf wartete er, wartete furchtsam, denn die Bilder konnten nichts Gutes bringen, sondern nur altvertraut Schlechtes. Sie konnten ihm nur das bringen, was er sowieso schon sah, jede Nacht, in seinen Träumen, wenn er sich in seinem Bett hin und her warf.
Aber niemals geschah etwas, immer nur war Frieden und Stille. Er stand und rauchte und sah auf die kleine Wasseroberfläche, und wenn ihm dann kalt wurde, zog er den Kragen enger und ging hinunter in sein Zimmer, zu der wenigen Habe, die ihm etwas bedeutete.
Manchmal aber, wenn er sich ganz schwach fühlte und seinen Gespenstern nicht zu trotzen vermochte, fuhr er mit dem winzigen Boot hinaus, von dem aus die Wartungs- und Reinigungsarbeiten an der Mauer gemacht wurden. Es war gerade groß genug für einen Mann. Er setzte sich, machte einen Schlag mit dem Paddel und befand sich sofort mitten auf dem kleinen See. Und seltsam, er war nur wenige Meter von der Treppe entfernt, hinter der seine Gegenwart lag, aber es schienen ihm viele Kilometer, und es schienen ihm viele Jahre, und er wurde ruhig.
Er beugte sich dann vornüber, barg den Kopf mit den widerspenstigen, schwarzen Haaren in den Händen und konnte endlich einmal ohne Schuldgefühl und Scham an das denken, was hinter ihm lag. Er konnte an sie denken, an ihre Jugend und Lebensfreude. Sie hatten wirklich gelebt, im tiefsten Sinne des Wortes, bis ein grausamer Tod sie ereilte. Sie hatten in die Zukunft geschaut, sie hatten Pläne gehabt und eine Zukunft – und sie hatten sicher mit allem gerechnet.
Nur nicht mit einem so bestialischen und unwürdigen Ende.
1. Kapitel
Die Tage vergehen in Gleichförmigkeit und Ruhe, und ich bin dankbar dafür. Ich bin dankbar dafür, hier oben so isoliert zu sein, wie man es inmitten einer Großstadt sonst nirgends sein kann, umgeben von meinen Büchern und den wenigen Dingen, die mir sonst noch gehören. Du weißt, dass ich Besitz immer als lästigen Ballast empfunden habe, aber einige wenige Dinge, so habe ich festgestellt, brauche ich doch.
Morgen besuche ich eine Auktion in einer kleinen Nachbarstadt.
Eine Reihe interessanter Folianten kommt zur Versteigerung, schon der Katalog liest sich rasend spannend wie ein guter Kriminalroman. Das Auktionshaus ist nicht unbedingt spezialisiert auf Bücher, sie haben alles und nichts, das eröffnet vielleicht die Chance auf einen wirklich guten Fang. Am liebsten sind mir immer die Posten des Katalogs, die nicht genau beschrieben sind. Konvolut von Büchern des neunzehnten Jahrhunderts, aus dem Nachlass einer jungen Dame – das birgt so viele Möglichkeiten, so viele Unwägbarkeiten, so viel Romantik. Warum hatte eine junge Dame so alte Bücher, warum verstarb sie jung? Dinge, die Stoff zum Nachdenken geben. Ein kleines Abenteuer, winzig im Vergleich zu dem, was mich früher umtrieb, aber es bringt ein wenig angenehme, kontrollierte Unruhe in mein Leben.
Ansonsten: alles beim Alten. Meine Aufgaben hier sind wenig anspruchsvoll und lassen mir Zeit für das, was wichtig ist. Ich treibe so viel Sport, wie ich kann. Ich fahre mit dem Fahrrad herum und schaue mir alles an. Ich lese viel, völlig verschiedene Dinge, Religionsgeschichte, Belletristik, Reisebeschreibungen, Philosophie. Nichts, das sich einen besonderen Platz in meiner Aufmerksamkeitsskala erwirbt. Es ist, als suche ich nach irgendetwas, nach etwas, das es wert ist, länger und intensiver beleuchtet zu werden.
Vorhin hatte ich einen meiner Anfälle von Kopfschmerz. Die Medikamente wirken sehr ordentlich, meist bin ich vollkommen schmerzfrei und klar. Nur ab und an ist es wie früher, wenn die Wirklichkeit versinkt in einer Abenddämmerung. Aber es ist nie für lange, schon nach ein paar Minuten bin ich wieder im Diesseits. Der Arzt sagte, dass es anfangs so sein würde. Die neuen Tabletten unterscheiden sich etwas von den alten.
Vor vierzehn Tagen war ich bei einer Auktion. Eine große Auktion mit vielen Posten, aller Art und Herkunft. Es gab Bilder in Öl und Tempera und Federzeichnungen. Es gab Möbel, es gab Schmuck in Hülle und Fülle, Plastiken, sogar ein paar alte Autos, die aussahen wie fabrikneu. Und es gab eine ganze Anzahl Bücher, Klassiker und solche, die einfach nur schön waren, und viele, die nichts weiter darstellten, aber zumindest eine gewisse Originalität hatten. Und im hintersten Winkel des Saales – ein grauer Karton.
Einer der Posten war ein Pappkarton voller Bücher ohne nähere Beschreibung. Die meisten Bücher waren in schlechtem Zustand – so schlecht, dass ihr Äußeres sicherlich ausreichte, bei den bibliophilen Besuchern der Auktion echten Ekel auszulösen. Keiner von denen ließ sich dazu herab, die Kiste auch nur anzufassen. Meist glitt ihr Blick darüber hinweg, als wäre sie nicht da.
Aber ich untersuchte sie gründlich.
Der Zustand war wirklich eine Schande, eine Wüste von schmutzig-brauner Grundfarbe. Einbände hingen nur noch an wenigen Fäden oder waren völlig verschwunden. Seiten fehlten, waren vergilbt, geknickt, zerrissen, angesengt. Es schien nichts als Ramsch zu sein, Überbleibsel alter Auktionen der letzten zwanzig Jahre, der Bodensatz edler Bibliotheken, Dinge, zu schäbig für die Regale der Sammler.
Auf den zweiten Blick jedoch ... Ich schlug die Bücher auf, eins nach dem anderen. Ich fand Geschichte und Geschichten, ein paar Reiseberichte aus dem neunzehnten Jahrhundert, einige technische Werke aus derselben Zeit, Spiegel einer Epoche, die für mich schon immer zu den spannendsten gezählt hatte. Alles in allem schien mir der Karton ein Engagement wert. Ich ersteigerte ihn für ein Butterbrot, brachte ihn nach Hause. Es waren nicht allein die Inhalte der Bücher, die mich dazu bewogen. Da war noch das Gefühl, dass, wenn ich nicht kaufte, das Ganze möglicherweise in den Papiermüll wandern würde. Ich wollte retten, was anderen nichts wert war, weil sie sich nicht die Zeit nahmen, hinter die Fassade zu schauen.
Es war der späte Abend des gleichen Tages. Ein Klingeln an der Tür zum Turm – nur wenige kennen die verborgene Klingel, sonst würde sie von nächtlichen Herumtreibern sicher andauernd gedrückt werden und mich in meiner Abgeschiedenheit stören.
Hier war jemand, der sie kannte.
Ich ging hinab, öffnete die obere Tür. Vor mir lagen die Treppenstufen, die hinunter zum Brunnen führten. Es war dunkel um das Becken herum, aber die Fontäne schoss hell wie ein Feuerstrahl viele Meter in die Höhe. Später würde sie in verschiedenen Farben angestrahlt werden, eine bonbonhafter als die andere. Ich fand das immer fürchterlich, aber es gefällt den Leuten, und auch an diesem Abend gab es eine große Menge an Zuschauern, die die Grünanlage bevölkerten, auf das Schauspiel warteten oder anderen Zuschauern beim Zuschauen zuschauten.
Im Licht der Parklaternen lag ein Päckchen vor der Tür, in braunes Papier gehüllt. Kein Bote, niemand in der Nähe, der den Anschein erweckte, ein Interesse an dem Päckchen zu haben. Ich hob es auf, zerriss die Verpackung. Ein Buch fiel mir entgegen, scheinbar so alt wie die, die ich vorher gekauft hatte. Und ein Zettel mit einer Handschrift, die gleichzeitig zerfahren und doch energisch wirkte.
Dies gehörte noch in Ihre Kiste. Bitte entschuldigen Sie die späte Lieferung. Mit freundlichem Gruß, Stefan Kringel.
Ich wog das geöffnete Päckchen nachdenklich in der Hand. Kringel war der Auktionator des Abends gewesen, ich erinnerte mich an sein Namensschild auf dem Stehpult. Dass er sich wegen dieses Päckchens extra zu mir herbemühte, war seltsam. Und noch seltsamer war, dass er es mir nicht persönlich übergeben hatte.
Dem Aussehen nach passte das Buch tatsächlich zu den anderen. Immer noch in der Tür stehend versuchte ich, das Buch zu öffnen – ohne Erfolg. Die Seiten waren miteinander zu einem festen Block verklebt.
Sie schützen den Inhalt, wie eine Auster die Perle beschützt, schoss es mir durch den Kopf.
Ich trat zurück ins Dunkel des Treppenhauses und schloss die Tür. Ich zog mich zurück, um nachzudenken. Ich würde einen Weg finden, das Buch zu öffnen.
Der Atem kam immer noch leicht, die Schritte ergaben sich wie von selbst. Zehn Kilometer in den Beinen und immer noch keine Anzeichen von Anstrengung. Bernie Trautmann spürte Zufriedenheit.
Sein Weg führte ihn durch den dunkelsten Teil des Waldparks. Er lief fast ausschließlich nachts, seitdem er begonnen hatte, regelmäßig Sport zu treiben. Am Anfang war es reine Scham gewesen, die ihn dazu brachte. Einhundertzehn Kilo bei einer Körpergröße von einem Meter fünfundsechzig führte man nicht unbedingt bei Tageslicht spazieren, wenn jeder es sehen und darüber grinsen konnte. Kein Trainingsanzug war geeignet, hier etwas abzumildern.
Trautmann atmete konzentriert. Ein, aus, ein, aus. Alle drei Schritte einmal. Sein Weg, bis dahin asphaltiert, zweigte ab. Die neue Strecke führte über Waldboden, festgetreten von Hunderten Läufern und Spaziergängern. Trotzdem hatte er das Gefühl, als federe der Boden, als käme er seinen Bewegungen entgegen.
Die hundert Kilo waren schon lange Vergangenheit, aber es gab noch einen Grund für seine nächtliche Sportaktivität:
Sein Beruf ließ ihm tagsüber wenig Zeit. Er war Verkaufskraft im Einzelhandel, Herrenkonfektion – probieren Sie doch mal diesen Anzug, die Farbe ist derzeit sehr angesagt – seine Arbeitszeit war geregelt durch die Öffnungszeiten der Geschäfte: Zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends. Bis er zu Hause war, war es – zumindest im Winter – schon lange dunkel. Morgens konnte er nicht laufen, das ließ sein Biorhythmus nicht zu, blieben also nur der Abend und die Nacht. Im Sommer war das wegen des schwül-warmen Klimas in der Stadt sowieso die beste Lösung.
Ein, aus, ein, aus. Trautmann spürte ein leichtes Ziehen im Knie. Hoffentlich blieb es dabei, ein größerer Schaden hätte ihm jetzt gerade noch gefehlt. Jeder wusste, wie schnell das gehen konnte, insbesondere Leute, die so viel Sport trieben, waren sehr gefährdet.
Die Wiese zu seiner Rechten hatte die Größe eines Fußballplatzes. Leichter Dunst waberte über ihr, im Licht des aufgehenden Mondes deutlich zu sehen. Überhaupt, der Mond. Er zeigte ihm immer mehr Details seiner Umwelt, je höher er stieg, trotz der Wolkendecke, die nur teilweise unterbrochen war. Schon konnte er einzelne Äste des Unterholzes identifizieren. In einigen Tagen war Vollmond, die Bäume würden Schatten werfen, so hell war es dann.
Das Ziehen im Knie wurde stärker. Ein, aus, ein, aus. Wie immer, wenn irgendetwas im System nicht stimmte, erhöhte sich automatisch seine Atemfrequenz, ohne dass er schneller gelaufen wäre. Vielleicht war es ja doch der Meniskus, oder es waren die Bänder. In letzter Zeit traten solche und ähnliche Beschwerden immer öfter auf. Die Schweißperlen auf seiner Stirn wurden dicker. Das Laufen war ihm Lebensinhalt geworden, seitdem er innerhalb von zwei Jahren fast dreißig Kilo abgenommen hatte. Nicht auszudenken, wenn er darauf würde verzichten müssen. Der Sport gab ihm alles, was ihm das Leben sonst verwehrte: Bestätigung fand er nur hier, und er konnte sie haben, wann immer er wollte.
Ein, aus, ein, aus. Der Weg wurde wieder dunkler, der Mond schien nur noch schemenhaft durch das dichte Blätterdach über ihm. Ein heller Fleck etwa zweihundert Meter schräg vor ihm im Wald erregte seine Aufmerksamkeit. Er fixierte ihn, konzentrierte sich darauf. Das lenkte ihn von seinem Knieproblem ab. Der Fleck schien abseits des Weges zu sein, zwischen den Bäumen. Er näherte sich mit allmählich schwerer und größer werdenden Schritten. Was war da nur? Der Farbe nach konnte es Papier sein, vielleicht das Stück eines leeren Zementsacks, durch den Wind hierher geweht.
Nur noch hundert Meter Abstand zu dem hellen Fleck, und immer noch hatte er keine Ahnung, was da lag. Über die Anstrengung der Bewegung legten sich andere Gefühle, Neugier zuerst, und dann eine Art unklarer Beklommenheit.
Fünfzig Meter noch. Konturen traten hervor, verdichteten sich. Schemen wurden Gewissheit.
Dann war er heran. Er blickte auf das Bündel zu seinen Füßen. Einen Augenblick war er unfähig, zu verarbeiten, was er da sah. Es war, als sähe er sich selbst und seine Umgebung im Fernsehen. So schützte sich seit jeher der Geist vor Dingen, die ihm Schaden zufügen konnten.
Dann sickerte das Bild glasklar in sein Bewusstsein. Bernie Trautmann machte drei Schritte zur Seite und übergab sich in das dürre Gras, das den Boden zwischen den Bäumen bedeckte.
»Ein Jogger hat sie gefunden.«
Trotz der späten Stunde war es noch warm, schwül und drückend, wie so oft im sommerlichen Rheintal.
Eine Kirchturmuhr schlug leise in der Ferne. Susanne Findeisen lauschte, konnte sich aber nicht richtig konzentrieren. So verpasste sie es, die Anzahl der Glockentöne mitzuzählen bis zum Ende. Sie blickte auf ihre Armbanduhr, ein letztes, teures Geschenk des Mannes, mit dem sie ihr halbes Leben verbracht hatte
Vier Uhr. Dünne Nebelschwaden strichen um die Baumstämme wie formlose Gespenster. Gott allein wusste, warum um diese Zeit Menschen joggen mussten – und dann auch noch hier, im hintersten Winkel des Waldparks. Sicher, der Park war leer wie sonst niemals, man hatte Platz, war unbeobachtet, aber war dies wirklich der Grund? Sie schüttelte in stillem Unverständnis den Kopf, ließ die Zigarettenkippe zu Boden fallen und drückte sie in den weichen Boden. Im gleichen Augenblick aber bückte sie sich wie ein Roboter, nahm die Kippe auf und steckte sie in die Außentasche der leichten, hellen Funktionsjacke. Die Routine jahrlanger Polizeiarbeit – keine zusätzlichen Spuren am Tatort produzieren, die man später wieder mühsam aus dem Beweispuzzle herausrechnen müsste.
Sie selbst hätte nach so einem Dauerlauf, der den gesamten Organismus und alle Drüsenfunktionen in Alarmzustand versetzte, nicht einschlafen können, das war mal klar.
»Laufen Sie auch, Wertheim?«
Ihr Assistent war noch nicht lange beim Morddezernat, und besonders viel passierte glücklicherweise nicht in der Stadt. Wertheims erste Leiche lag eine Woche zurück und hatte sich schnell als kriminalistische Niete entpuppt. Sie war dann doch auf die fatale Ähnlichkeit zweier Flaschen mit extrem unterschiedlichen Inhalten zurückzuführen gewesen. Die meisten Unfälle passierten immer noch im Haushalt.
Dies hier war der erste Einsatz, bei dem der junge Beamte bekommen sollte, was seine Stellenbeschreibung hergab und er sich eigentlich immer als Tagesgeschäft vorgestellte hatte.
Susanne Findeisen zog die Schultern hoch. Sie war Anfang vierzig, blonde, kurz geschnittene Haare, gefärbt, eine energische Nase, etwas zu groß für das schmale, leicht blasse Gesicht, fast einsachtzig groß und schlank – man konnte sie durchaus als attraktiv bezeichnen. Aber viel mehr als diese Äußerlichkeiten schätzten Wertheim und die anderen Kollegen der Dienststelle ihren Intellekt. Immer auf der Höhe eines Gesprächs, immer genau im Bilde, und wenn sie fragte, dann pfeilgenau ins Ziel. Ihr Verstand war schnell wie ein Florett. Manchmal, wenn sie in ihrer knappen, sachlichen Art einen Kommentar abgab, hatte der Zuhörer so ein Gefühl, als funkelte ihr Verstand zwischen den Worten wie ein Brillant zwischen Rheinkieseln.
Aber nicht jetzt, zu dieser nächtlichen Stunde.
»Wenn ich Zeit habe. Manchmal auch abends, aber niemals so spät. Ich kann nicht schlafen, wenn ich zu spät laufe.«
Sie gestattet sich ein leises Lächeln. »Wo ist der Zeuge?«
»Ich hab ihn nach Hause geschickt. Seine Aussage und die Adresse haben wir ja, und ich fand, er sollte duschen gehen.«
Hauptkommissarin Susanne Findeisen wandte sich um. Der Wald war taghell erleuchtet. Zwei großvolumige Strahler überschütteten Bäume und Sträucher verschwenderisch mit gleißendem Licht, ließen die Details plastisch hervortreten, soweit sie nicht von der Nebeldecke verhüllt waren. Zwei der Dienstfahrzeuge hatten es bis nahe an den Tatort geschafft und die ganze Ausrüstung abgeladen.
Einen Augenblick beobachtete sie die kleine Gruppe Männer und Frauen, die sich vorsichtig suchend zwischen den Bäumen bewegte. Die meisten lagen auf den Knien, suchten jeden Quadratzentimeter nach Spuren ab. Alle bewegten sich mehr oder weniger auf Kreisbahnen um das herum, was der Grund ihrer Anwesenheit war, wie Satelliten um einen Planeten.
Eine Zeremonie. Der Tanz um das Idol.
Eine Gruppe von vier Beamten in Uniform stand ein wenig abseits, die Männer unterhielten sich gedämpft und zigarettenrauchend. Einer der Uniformierten hatte die Leiche mit einer grauen Plane bedeckt, nachdem der Fotograf seine Arbeit getan hatte. Er und die anderen Beamten hier am Tatort hatten schon viel erlebt in ihrer Dienstzeit – ausgenommen Wertheim, dem noch der Flaum der Polizeischule hinter den Ohren klebte. So etwas wie dies hier war allerdings für alle neu.
Die Spurensicherung arbeitete schnell und ruhig, eine gut geölte Mechanik, viele Teile mit einem Ziel. Wenn gesprochen wurde, dann nur das Nötigste, sehr leise. Der Nebel schien die Geräusche noch zusätzlich zu dämpfen.
Findeisen blickte nach oben. Der Mond schien in den dicker werdenden Wolken zu ertrinken. Der Wetterbericht hatte für irgendwann am frühen Morgen Regen vorhergesagt; was bis dahin an Spuren nicht gesichert war, würde nur noch von geringem Wert sein.
Äste knackten im Dickicht. Müde wandte sich die leitende Ermittlerin in die Richtung, aus der ein dicker Mann mit rotem Gesicht schwerfällig wie ein Nashorn auf sie zustampfte. Er trug einen grauen, ehemals maßgefertigten Anzug, Relikt aus guten Tagen, der im Laufe der Jahre jede Eleganz eingebüßt hatte, und ein Hemd, das dringend gewaschen werden musste. An den Schuhen klebten loser Waldboden und kleine Blätter.
Sie seufzte. »Berliner. Sie wissen doch, das es verboten ist, den Polizeifunk abzuhören.«
Der Dicke kam schnaufend vor ihr zum Stehen. Er zog ein Taschentuch aus seiner Innentasche und wischte sich damit über den schwitzenden Schädel. Die wenigen, sorgfältig gescheitelten Haare büßten dabei ihre Ordnung völlig ein.
»Bis hierher, aber nicht weiter. Sie wissen ja – der Tatort ist tabu für die Presse.«
Die Hauptkommissarin war froh, dass die Plane über dem toten Mädchen lag.
Leo Berliner blickte sie treuherzig an. Dieser Hundeblick und ein gerütteltes Maß an Furcht- und Respektlosigkeit hatten ihn in seiner Jugend in den Sechzigern zu einem der vielversprechendsten Kriminalreporter der Republik gemacht, wußte die Hauptkommissarin von den älteren Kollegen. Er war bekannt gewesen bei allen großen Tageszeitungen, ein Star mit legendärer Spürnase. Nun aber stand er kurz vor der Rente. Er war ausgebrannt, das alte Feuer war verlodert. Es gab andere, jüngere, die ihn rechts und links überholt hatten und immer noch überholten. Er war zu langsam geworden für das schnelle Rennen um die Neuigkeiten.
»Haben Sie denn gar nichts für mich?«
Findeisens Blick war hart. »Seien Sie froh, dass ich Sie wegen des Polizeifunks nicht festnehme. Wir geben morgen eine Presseerklärung heraus, dann können Sie schreiben.«
»Mein Chef bringt mich um. Falls meine Bandscheibe das nicht schon vorher tut. Haben Sie eine Ahnung, was es mich an Schmerzen und Kraft gekostet hat, um diese Zeit aus dem Bett zu kommen? Nicht einmal für einen Kaffee war Zeit. Bitte, bitte, liebe Frau Hauptkommissarin, ich bitte sie ...«
Er schickte sich an, umständlich vor ihr niederzuknien, und zum zweiten Mal in dieser Nacht huschte ihr ein Lächeln über das kluge Gesicht. Sie hob abwehrend die Hand. »Sie werden sich schmutzig machen. Also schön. Wir haben ein junges Mädchen. Ein Jogger hat sie gefunden. Sie wurde ermordet.«
»Und weiter?«
»Überspannen Sie den Bogen nicht.«
Er blickte immer noch erwartungsvoll. »Verstehen Sie doch. Damit wird man nicht zufrieden sein. Man erwartet mehr von mir ...«
Man erwartet nichts von dir, dachte sie. Lehmann, die neue Kraft beim Mannheimer Morgen, war der Kriminalreporter der Zukunft und machte außerdem noch hervorragende Sportberichte. Eine Doppelbegabung war in den Zeiten knapper Budgets und spärlich besetzter Redaktionen fast schon Voraussetzung für eine einigermaßen ordentliche Laufbahn. Berliner war eigentlich schon draußen, wurde nur mehr geduldet. Ein Fossil war er geworden und hätte doch das Zeug zu einer Legende gehabt.
Die wenigsten Leute wussten, wann es Zeit war aufzuhören, dachte Findeisen mit einem Anflug von Wehmut. Ein paar hatten es geschafft: Der Mittelgewichtler Ottke zum Beispiel, Steffi Graf und James Dean, Letzterer allerdings eher unfreiwillig. Die Wenigsten fanden den richtigen Moment für einen Abgang in Würde. Ein Abgang in Würde. Das war ein Ziel, auf das es sich lohnte, hinzuarbeiten. Bis dahin allerdings gab es noch einiges zu tun.
Die Zahl der Nebelschwaden nahm zu. Vielleicht würde es doch keinen Regen geben. Wo es nebelte, fiel kein Regen.
»Mehr wissen wir noch nicht. Keine Zeugen, keine Identität, keine Hinweise auf den Täter. Die Frau ist verblutet, die genaue Ursache dafür muss die Obduktion ergeben. Sehen Sie, jetzt wissen Sie schon alles, was ich selber weiß und Ihre Kollegen erst heute Nachmittag erfahren werden. Und nun gehen Sie nach Hause und schonen Ihren Rücken.«
Sie sah ihm hinterher, wie er langsam und schnaufend seinen Weg zurückging. Bevor er außer Sichtweite geriet, wandte er sich noch einmal um und winkte ihr zu. Sie reagierte nicht.
Hinter ihr räusperte sich Wertheim. »Wir wären soweit.«
Sie nickte. Die Spurensicherer packten ihre Sachen, gingen im Gänsemarsch den Weg zurück zu den Fahrzeugen; der Vorderste leuchtete mit einer hellen Lampe. Einer der Uniformierten aus der Rauchergruppe sprach in ein Handy. Ein paar Minuten später erschienen zwei dunkel gekleidete Männer auf dem gleichen Weg, auf dem Berliner und die Spurensicherer entschwunden waren. Sie näherten sich der Toten in professionellem Respekt, nahmen sie vorsichtig auf und legten sie in eine Art Plastiksack mit Tragegriffen an den Enden.
Das Letzte, was Susanne Findeisen von der Leiche sah, war ein schwarzer, feuchter Haarschopf, unordentlich über einer schneeweißen, in unmenschlicher Qual verzerrten Stirn.
Dann schloss sich der Reißverschluss wie der Vorhang am Ende eines Theaterstücks.
2. Kapitel
Liam Coubert hatte sich schon immer für Bücher interessiert. Früher waren sie Abenteuer für ihn gewesen, jedes Buch eine neue Welt, eine andere Zeit. Er besuchte Schatzinseln, kämpfte gegen Indianer und erkundete den Orient, oder er flog mit Raumschiffen ins All und zu den Planeten. Später wurden sie ihm Freunde, einige begleiteten ihn über viele Jahre. In trüben Zeiten wurden sie ihm Trost, gestatteten ihm immer wieder kleine Fluchten, an den Tagen, an denen sich das Leben von seiner schwarzen Seite zeigte.
Und es hatte viele dieser Tage gegeben.
Mit der Zeit war so eine kleine Sammlung zusammengekommen. Er war kein typischer Leser, und er war kein typischer Sammler von Büchern. Er bevorzugte kein Genre, es waren auch nicht unbedingt die Erstausgaben oder die alten, in Leder gebundenen Folianten oder die bibliophilen Sonderausgaben, die ihn interessierten. Für Coubert war an einem Buch lediglich wichtig, dass es ihn irgendwie ansprach. Die ausschlaggebenden Reize konnten dabei vollkommen unterschiedlich sein. Er nahm ein Druckwerk in die Hand und wusste, mit diesem würde er eine Beziehung eingehen können für-eine gewisse Zeit oder für immer. Manchmal, wenn ein Klappentext vorhanden war, fand er den nötigen Anreiz dort, aber manchmal war es auch nur ein Element der Aufmachung, des Einbandes, oder es war der Umstand, dass es zu einer Zeit oder an einem Ort geschrieben worden war, die ihm interessant erschienen. Manchmal war es eine altertümliche Type, die sich beim Druck tief in das Papier gekerbt hatte und fast mit den Fingerkuppen zu lesen war. Bisweilen fand er eine merkwürdige, Fragen aufwerfenden Widmung – und schon war es um ihn geschehen. Niemals suchte er nach diesen Dingen, vielmehr hatte er das Gefühl, sie fanden ihn, wenn er in Antiquariaten, auf Flohmärkten oder Auktionen herumging und in dem wühlte, was andere meistens keines Blickes würdigten.
Da stand er nun, mit dem alten Buch in der Hand, dessen Inhalt in einem massiv verklebten Block alten Papiers verborgen war. Er wog es in der Hand. Coubert schätzte das Gewicht auf fast ein Kilo, was schwer war für ein Buch dieser Größe. Der Einband war aus stabilem Pappendeckel von fleckigem Hellbraun und zeigte keinerlei Schrift, keinerlei Hinweis auf Inhalt oder Verfasser. Nur eines war vorhanden und hob dieses Buch für Coubert von allen anderen ab. Auf dem, was er für die Rückseite des Bandes hielt, gab es einen Fingerabdruck, und wenn ihn nicht alle seine Erfahrungen täuschten, war es ein blutiger Finger gewesen, der diesen Abdruck verursacht hatte.
Langsam ging er die lange Treppe hinauf in die Wohnung, in Gedanken verschiedene Möglichkeiten durchspielend, die Seiten voneinander zu lösen. Coubert entschied sich dann für Wasserdampf. Die kleine Küche verfügte über einen Elektroherd. Schnell setzt er Wasser auf und stellt die Platte auf die höchstmögliche Stufe. Nach einiger Zeit bildeten sich am Grund des Topfes kleine Bläschen, die sich ablösten und nach oben stiegen. Es wurden mehr und mehr, und sie wurden größer und größer, und nach einer Viertelstunde stieg Dampf aus dem brodelnden Wasser. Er hielt das Buch hinein, sah zu, wie sich das Papier allmählich dunkler verfärbte. Mehr sah er aber nicht. Die Seiten blieben verklebt.
Er versuchte es noch eine Weile, dann gab er enttäuscht auf. Mittlerweile war es sehr spät geworden, und er beschloss, zu Bett zu gehen. Ein neuer Tag würde ihm vielleicht andere Ideen geben. Oder er konnte jemanden anrufen, der sich besser mit solchen Dingen auskannte.
Gegen Morgen erwachte er aus einem von Träumen zerrissenen, leichten Schlaf. Wie fast jede Nacht hatten ihn die Gespenster der Vergangenheit aufgesucht, seine Seele gegeißelt. Es war lange her, dass er eine Nacht wirklich gut geschlafen hatte. Manchmal, wenn er im Sommer in dem kleinen Park vor dem Turm in der Sonne saß, wurde das Verlangen nach einer Zeit völliger Entspannung fast übermächtig, das Sehnen nach tiefem, traumlosem Schlaf. Auch für sein Leiden wäre das von Vorteil gewesen. Keines der Schlafmittel, die er ausprobiert hatte, hatte ihm helfen können. Psychologische Hilfe konnte er nicht aufsuchen, ohne sich und seine Vergangenheit zu offenbaren – und dies wollte er auf keinen Fall.
Coubert stand auf, ging in die Küchenecke und drückte den Netzschalter der Espressomaschine. Lautlos begann sie ihr Leben, ein Kontrolllicht leuchtete auf, nach einer Minute ein zweites. Er drückte den Knopf an der Maschine, und lärmend startete der Automat den Spülvorgang. Sein Blick schweifte durch die Küche, die vom sanften Licht der Morgensonne erhellt war. Sie war schlicht und funktionell eingerichtet, der Kaffeeautomat war der einzige Luxus, den er sich hier gegönnt hatte.
Coubert blickte aus dem Fenster.
Die Stadt zu seinen Füßen erwachte gerade zum Leben, mit zögerlichen Bewegungen erprobte sie ihre Kraft. Die Morgenstunden von sechs bis acht Uhr waren ihm am liebsten. Im Sommer war es noch nicht zu heiß, und es war noch keinerlei Hektik zu spüren.
Er ließ Kaffee in einen einfachen Becher aus weißer Keramik laufen, gab Milch aus dem Kühlschrank hinzu. Dann fiel sein Blick auf das Buch, das er nach den vergeblichen Versuchen mit dem Wasserdampf neben dem Herd hatte liegen lassen. Irgendetwas daran war verändert. Er trat näher.
Der Papierblock war lockerer geworden. Als er ihn in die Hand nahm, sah er, dass sich die Seiten leicht voneinander trennen ließen.
Das Buch gab sein Innerstes frei.
Vorsichtig löste Coubert die erste Seite, sorgsam darauf achtend, dass keine Partikel der darunter liegenden Seite kleben blieben. Es gelang sehr gut. Das Buch erwachte unter seinen Händen zum Leben.
Was dort gedruckt stand, war alt klingendes Französisch, aber er hatte keine Schwierigkeiten damit. Die Zeit in der Legion hatte ihn vieles gelehrt, und einiges davon verursachte keinen Ekel in ihm.
Er las es, einmal, zweimal, und dann noch mal, um völlig sicher zu sein.
Ein Kürzel, das er zwar nicht kannte, dessen Sinn sich ihm aber im Zusammenhang erschloss. Namen, die ihm bekannt waren, aus dem berühmtesten Werk von Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo. Die Hauptfigur, Edmond Dantes. Dann ein Hinweis auf die Nebenhandlung, Dantes’ Zeit vor der Rache, auf die er so lange zuarbeitete. Ein Stück Historie, die Ereignisse im Janina zur Zeit der Türkenherrschaft, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Noch ein Hinweis auf Geschichte, auf das Schicksal des Herrschers von Janina, Ali Pascha und seiner Familie. Dann wechselte der Ort, von den Resten eines riesigen Schatzes war die Rede, der irgendwo hingebracht worden war, in deutsche Lande, an einen Ort in dem Mittelgebirge, das als Pfalz bekannt war und nicht weit von Mannheim entfernt lag.
Coubert ließ das Buch sinken. Entweder hatte jemand vor sehr langer Zeit seiner Fantasie freien Lauf gelassen, oder er hatte hier etwas sehr Interessantes gefunden.
Immer weiter öffnete sich der Band, immer mehr Seiten wurden in Freiheit entlassen. Schließlich waren alle sauber voneinander getrennt. Er war am Ende angekommen. Als sich die letzte Seite umblättern ließ, sah er es: eine kleinformatige Fotografie. Offenbar war sie erst vor Kurzem hineingebracht worden. Zumindest sahen die Tesafilmstreifen neu aus, die sie in ihrer Position in der Mitte des Buchdeckels hielten. Der hintere Einband hatte sich deutlich leichter vom Rest gelöst als die anderen Blätter, auch das ein Hinweis darauf, dass an dem Buch manipuliert worden war. Er sah sich das Foto an, führte es nahe an sein Gesicht. Das Bild einer Frau und eines Mannes.
Kalter Schweiß brach Liam Coubert aus. Das Bild flackerte vor seinen Augen, und ihm war, als würde der Boden unter ihm Wellen schlagen und ihn abwerfen wie ein störrischer Gaul.
Vor vielen Jahren, Anfang der Neunziger, war ich für drei Wochen auf Urlaub in einem gottverlassenen Nest im Piemont. Vallumida ist ein kleines Weindorf ohne größere Bedeutung in der Szene der Vinophilen, und heute würde ich sicher den Weg dorthin nicht mehr finden. Damals wollte ich ausspannen, mich von ein paar herben Schlägen erholen, die mit einem Mädchen zu tun hatten, mit einem großen Versprechen, mit Plänen und mit vernichteten Hoffnungen.
Drei Wochen. Das Hotel war gut und ziemlich klein, es gab nur wenige andere Gäste dort, darunter ein deutsches Paar. Wir kannten uns vom Sehen, morgens beim Frühstück, manchmal abends im Restaurant. Keiner hatte Interesse am anderen, wir wollten nur unsere Ruhe. Ein wirklicher Kontakt kam nicht zustande. Dennoch begegneten wir uns zwangsläufig immer wieder.
Die beiden waren nur zum Frühstück im Hotel, danach verschwanden sie gleich mit dem Auto, waren den ganzen Tag unterwegs und kamen erst spät wieder. Viele von denen, die das Piemont bereisen, tun das. Sie sind auf den Weingütern unterwegs und verkosten die letzten Jahrgänge. Diese beiden allerdings waren anders. Sie hatten bei ihrer Rückkehr immer etwas Gehetztes im Blick, in den Bewegungen, sogar in der Sprache. Es war, als hätten sie sich bei einer sportlichen Aktivität verausgabt, und nun lief ihr Kreislauf immer noch auf Hochtouren und ließ sie nicht zur Ruhe kommen.
Bei ihr, einer schlanken Frau Mitte dreißig, mit langem, schwarzem Haar, wirkte das ganz seltsam auf mich. Immer dieses Wegschauen und dem anderen nicht in die Augen sehen können, ruckartige, unsichere Bewegungen, aufgeregtes, leises Reden – irgendwie machte mich das auch an. Sie war hübsch auf eine leicht kränkliche Weise, blass, mit schmalem Gesicht. Die Hüften waren breit und passten nicht recht zum Rest des Körpers. Dennoch, sie hatte eindeutig etwas erotisch Anziehendes. Der Mann war mittelgroß, schlank und wirkte sehr sportlich. Ich hörte, wie die Bedienung die beiden mit Signore und Signora Calvin ansprach. Sie waren aber sicherlich keine Italiener, wenngleich sie ganz gut – besonders die Frau – die Sprache konnten. Waren sie aber allein, sprachen sie deutsch.
Wenn sie überhaupt sprachen.
Zu der Zeit, als wir dort waren, erlebte das Piemont ein paar der übelsten Morde, die es dort jemals gegeben hatte. Morde, wie sie bestialischer nicht hätten sein können. Junge Frauen verschwanden und wurden wiedergefunden, zu Tode gefoltert auf besonders sadistische Art. Ich las es in den Zeitungen, mein Italienisch reichte dafür gerade aus.
Es waren zwei Mädchen, die im Abstand von wenigen Tagen gefunden wurden. Der Mörder hatte die Leichen so platziert – genauer gesagt, sie hatten sich selber platziert, aber er hatte es zugelassen –, dass man sie finden musste. Wahrscheinlich wollte er, dass man sein Werk bewunderte. Zumindest behaupteten die Psychologen das, die in den Artikeln die Taten des wahnsinnigen Mörders kommentierten.
Die Frauen waren jung und schlank, und sie hatten lange, dunkle Haare. Auf den Bildern sahen sie aus wie jüngere Schwestern der Frau, die ich jeden Tag beim Frühstück mit ihrem Partner sah. Die Polizei vermutete, dass es mehrere Täter waren, die die Morde gemeinschaftlich begingen. Sadisten, Perverse, fehlgeleitete Sektierer vielleicht. Wie immer gab es Hinweise aus der Bevölkerung, brandheiße Spuren, über die nichts verraten werden durfte, aber keine konkreteren Informationen. Man wollte den Tätern nicht zeigen, wie weit die Ermittlungen schon gediehen waren.
Dieses Paar in meinem Hotel, es ging mir nicht aus dem Kopf. Irgendetwas stimmte nicht mit den Leuten. Sie redeten kaum, wenn man sie sah, weder mit anderen noch untereinander, außer, wenn sie von ihren Streifzügen zurückkamen. Redeten sie mit Fremden, zum Beispiel mit dem Personal des Hotels, dann waren sie freundlich, auf eine sehr bemühte, fast schon verkrampfte Art. Sie schienen nur darauf zu warten, dass das Gegenüber etwas sagte, dem sie zustimmen konnten.
Zustimmung schafft Akzeptanz.
Zwei junge Frauen im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren. Die eine Hausfrau und Mutter zweier Kinder, die andere eine Kosmetik-Verkäuferin. Ihr Leiden hatte lange gedauert, ich konnte mir vorstellen, was in ihnen vorgegangen war, wie sich Panik und Hoffnung abgewechselt hatten und immer wieder von Schmerzen ausgelöscht wurden wie Kreideschrift auf einer Schultafel.
Man macht sich diese Gedanken, wenn man viel Zeit hat.
Als ich den Fall zu verfolgen begann, war gerade die zweite Tote gefunden worden. Die Leiche wurde in einem Waldstück entdeckt, etwa siebzig Kilometer von unserem Hotel entfernt. Keine Stunde Fahrt mit dem Auto. Über die Ähnlichkeit der Ermordeten mit meiner schönen Mitbewohnerin muss sich wohl die Verbindung hergestellt haben, jedenfalls, mir fiel auf, dass an keinem der beiden Mordtage – sollten meine Informationen über den Tathergang aus der Zeitung stimmen – das Paar zum Abendessen im Hotel gewesen war.
Du wirst sagen, dass das nichts zu bedeuten hatte. Ich wäre heute geneigt, dir Recht zu geben. Aber damals – du weißt, wie es ist, wenn man Urlaub hat nach einer langen Zeit der Anspannung. Man fällt in ein Loch, Zeit im Überfluss ist etwas Ungewöhnliches, mit dem man erst wieder umzugehen lernen muss.
Teils war es Langeweile, teils Neugier, teils nur ein Spiel. Ich begann, die beiden systematisch zu beobachten. Beim Abendessen suchte ich mir einen Platz in der Nähe ihres Tisches. Die Hoffnung, sie belauschen zu können, erfüllte sich nicht, denn sie waren meist schweigsam. Sie aßen wenig und sehr schnell, und dann verschwanden sie sofort auf ihr Zimmer. Beim Frühstück war es ähnlich, nur dass sie sich sofort danach in ihren Campingbus setzten und fortfuhren. Meist kamen sie am späten Nachmittag wieder zurück. Nur an den Mordtagen waren sie erst so spät ins Hotel genommen, dass ich es nicht mehr gesehen hatte. In jedem Fall war es erst nach elf Uhr gewesen.
Bis auf das schon Gesagte gab es keine Anhaltspunkte dafür, dass mit ihnen etwas nicht stimmte. Du wirst sagen, dass dies nicht besonders viel war, aber damals reichte es mir aus. Die Tatsache, dass sie vor und nach dem Essen die Köpfe zu einem kurzen Gebet – jedenfalls hielt ich es dafür – senkten, ließ Rückschlüsse auf Religiosität zu. Zwar stand ich allen Kirchen und ihren Organen immer sehr kritisch gegenüber, ein Verdachtsmoment war dies aber sicher nicht.
Natürlich blieb mein Interesse den beiden nicht verborgen. Mein Eifer muss wie eine Flagge vor mir hergeweht haben. Nach ein paar Tagen gewann ich den Eindruck, dass sie meine Gegenwart als störend empfanden und darauf reagierten. Sie schienen es bewusst so einzurichten, dass wir uns nicht einmal zu den Mahlzeiten sahen, sie änderten ihre Essenszeiten fast jeden Tag, und meist waren sie schon fort, wenn ich zum Frühstück kam. Sie entzogen sich. Und je weniger ich sie sah, umso mehr blühte meine Fantasie.
Die Zeitungen kamen mit immer grausameren Details der Mordfälle. Man beschrieb das Offensichtliche, das Muster der Fälle, die Ähnlichkeit der Opfer untereinander. Aber ich war, so meinte ich, der Einzige, der den Schlüssel zur Lösung in der Hand hielt. Denn ich hatte noch einen Zusammenhang erkannt: In den Zeitungen ging es damals noch um einen anderen Fall. Eine ganz andere Geschichte, weniger spektakulär, aber für mich ganz klar mit den Morden verwandt.
Jemand schlug Engeln und Heiligen die Hände ab.
Ich bin Gabriel. Früher war ich jemand anderes, jemand ohne Bedeutung. Ich lebte ein Leben in Sicherheit, Bescheidenheit und Mittelmaß. Ich träumte von einer Frau, einem Kind, einer Familie. Von einem anderen Job, besser als der alte, von einem Reihenhaus, einem neuen Auto. Ich hatte Freunde, mit denen ich am Wochenende ins Kino ging, wanderte und mich manchmal betrankt. Ich hatte Urlaub, den ich an der See oder in den Bergen verbrachte. Ich hatte ein Sparbuch und ein paar Aktien. Ich hatte Träume, von Karriere und von noch mehr Wohlstand. Ich wusste, ich würde das kriegen, und bis dahin hatte ich alles, was ich immer gewollt hatte.
Nur kein richtiges Leben.
Der Entschluss zu werden, was ich bin und immer war, war nicht mal schwer. Es war wie damals als Kind, wenn ich einen Hang hinunterlief. Der erste Schritt kostet Überwindung, alle anderen gehen wie von selbst.
Es trieb mich vorher schon um, in meinen Träumen, später in meinen wachen Gedanken. Ich wollte Dinge tun, unbeschreibliche Dinge, aber ich konnte es nicht, denn der andere stand mir im Wege. Der andere verhinderte, dass ich der werden konnte, der ich immer schon war, er verhinderte es mit seiner kleinbürgerlichen Moral, mit seiner kindlichen Religion, mit seinem naiven Verständnis von Gut und Böse und von dem, was die Welt zusammenhält.
So trug ich es ein Jahr oder zwei mit mir herum. Ich war eine Raupe, hässlich und unbeholfen.
Was die Welt zusammenhält. Darüber dachte ich nach, wenn ich Zeit hatte, und eines Tages wusste ich es, ich konnte die Kraft identifizieren, die unsere Systeme antreibt, im Osten wie im Westen und wahrscheinlich über die engen Grenzen unseres Planeten hinweg. Es war eine Gewitternacht im Sommer, heiß und drückend wie ein Backofen, als mich Gottes Erkenntnis traf wie ein Pfeil ins Herz – schmerzhaft, aber am Ende stand die Befreiung. Ich trat über in eine Welt der Kühle, der Beherrschung. Ich bewegte mich auf einmal schneller, nahm die Bewegungen anderer um mich herum wie in Zeitlupe wahr. In dieser Nacht wurde ich Gabriel.
War es wirklich mein Wille? Ich denke, er war es nicht allein. Ich glaube, dass es Gottes ausdrücklicher Wunsch war, den er in seiner unendlichen Güte so in meinen Kopf einpflanzte, dass er mir wie mein eigener erschien.
Ich saß aufrecht im Bett, starrte in die Dunkelheit vor dem Schlafzimmerfenster, die unregelmäßig vom Zickzack der Blitze erleuchtet wurde. Ich war schweißnass, und meine Lippen bewegten sich lautlos.
Ich bin Gabriel. Ich bin Gabriel. Ich bin Gabriel. Vollstrecker Gottes. Ich tat, was er mir eingab, ich war SEIN Werkzeug. Und ich wusste, solange er mit mir war, konnte ich alles tun, was ich wollte. Und Gott würde immer mit mir sein.
Was die Welt zusammenhält, das ist die Angst. Ich überwand sie in dieser Nacht, aus der Raupe wurde ein Schmetterling, elegant, kraftvoll, allem überlegen. Ich stand außerhalb aller Systeme, sah mich zum Himmel aufsteigen, hell glühend wie Lava im Licht der aufgehenden Sonne.
Ich war Gabriel.
Neben mir bewegte sich eine Frau in den Kissen. Es war die Frau des anderen, der mir im Weg stand. Ich spürte ihre Wärme, roch sie, hörte ihren Atem, der regelmäßig wie das Ticken einer Uhr die Nacht einteilte. Im Licht des nächsten Blitzes sah ich ihre blonden, feinen Haare, strubbelig zerzaust, die feinporige, rosige Haut, die der andere so gern gestreichelt, die roten, halbgeöffneten Lippen, die er so gern geküsst hatte.
Ich tötete die Frau und das Kind noch vor dem ersten Hahnenschrei. Ich schnitt ihnen die Kehlen durch und sah ihr Leben rot in den Kissen des Nachtlagers versickern. Kurz bevor das Kind starb, öffnete es die Augen, die mich eisblau ansahen. Kein Laut, kein schmerzverzerrtes Gesicht, nur dieser Blick, der erlosch wie eine Kerze im Wind.
Ich spürte nichts, nur ein Brennen im Hals. Ich tauchte meinen Finger in ihr Blut und schrieb damit Gott auf die glatte, in leichtem Erstaunen gerunzelte Stirn.
Gabriel wurde geboren in dieser Nacht aus dem Blut der Frau.
Dann zog ich mich an und verließ das Haus. Ich nahm nur ein paar Kleider mit und etwas Bargeld. Mehr brauchte ich nicht, nur ein bisschen Geld für die ersten Stunden. Ich wusste, dass es mir von nun an an nichts mehr mangeln würde. Der Herr würde für mich sorgen. Ich sollte seine Arbeit tun, also würde er für mich sorgen. Ich war sein Bote, und ich war unbesiegbar.
Ich ging durch die Straßen der Stadt, mit neuen Sinnen. Ich sah und hörte Dinge, die niemand sonst sehen und hören konnte. Die Menschen lagen vor mir wie offene Bücher, in denen ich Zukunft und Vergangenheit las: Du stirbst morgen, du in einem Jahr. Deine Frau ist krank, und deine betrügt dich. Du schlägst dein Kind, du schändest es.
Die ganze Schlechtigkeit der Welt. Sie würde meine neue Aufgabe sein. Ich würde vernichten, was sich SEINER Ordnung entgegenstellte, was sie missbrauchte, was sie auf perverse Art für andere Zwecke nutzte.
Ich lebte eine Weile auf den Straßen, ohne mich zu verbergen. Anfangs studierte ich manchmal eine Zeitung am Kiosk, sah das Gesicht der Frau und mein eigenes, aber das interessierte mich nicht. Ich hatte mich schon sehr verändert, niemand erkannte mich. Bald würde ich gehen, hinaus in die Welt. Und ich würde nicht allein sein.
Ich beobachtete. Und bald sah ich, dass es einen Typus Mensch gab, der Keim war für das Dunkle, der es anzog, der andere damit infizierte. Es war ein besonderer Typus Frau.
Einige Monate später begann ich mein Werk. Die ersten wurden gerichtet, wie es ihnen bestimmt war. Über viele Jahre tat ich, was ich tun musste, und ich glaubte, es sei gut. Ich verfeinerte meine Arbeit immer mehr, ich fand den richtigen Weg.
Dann aber, nach einiger Zeit, keimte etwas in mir, eine Unzufriedenheit. ER nahm das Opfer an in seiner grenzenlosen Güte, aber es blieb eine kleine, eine winzig kleine Unsicherheit. Waren sie wirklich die, die es treffen sollte? Konnte es sein, dass ich mich irrte? Ich haderte mit mir, wälzte mich im Schlaf, stöhnte unter der Last der Verantwortung. Es musste etwas geben, das mir half, das Urteil zu fällen. Ich betete um Erlösung, um ein Zeichen. Und ich wurde erhört, ER schickte mir, was ich brauchte.
Ich fand den Ort. Die Stätte würde mir zukünftig Zuflucht sein in Zeiten der Not, denn niemand kannte sie und niemand konnte sie finden außer mir. Und, was noch viel wichtiger war – sie würde die Stätte des Gerichts werden, die Probe, die über Schuld und Unschuld entschied.
Wertheim beeilte sich. Nach dem ungewohnten Einsatz in der letzten Nacht mit den für ihn noch neuen Ermittlungstätigkeiten hatte er den Morgen verschlafen wie der Bär den Winter. Aus der Theorie wohl wissend, wie wichtig die ersten Stunden nach Entdeckung einer Tat sind, war ihm sein Zuspätkommen nun doppelt peinlich.
Er hastete den Korridor entlang. Sein Büro lag neben dem der Findeisen. Vielleicht hatte sie seine Abwesenheit noch nicht bemerkt. Wertheim konnte sich denken, dass sie am Morgen eine Menge Dinge zu tun gehabt hatte. Einer der wichtigeren Termine war sicher ein Gespräch mit dem Polizeipräsidenten gewesen, in dem sie ihn über den neuen Mordfall unterrichtet hatte.
Doktor Manfred Strasser war seit fünf Jahren Kopf der Mannheimer Polizei. Er hatte nach dem Studium der Kriminologie eine Bilderbuchkarriere hingelegt, was einerseits seinen Fähigkeiten, sich im rechten Augenblick in Szene zu setzen, andererseits einem unglaublichen Glück bei der Aufdeckung von Kapitalverbrechen in seinem Einflussbereich zu verdanken war. Nicht, dass er selber jemals etwas dazu beigetragen hatte – tatsächlich war er völlig unkreativ, ein guter Verwalter ohne die Spürnase, die ein Ermittler braucht. Aber er hatte alle Ergebnisse so effektiv unter die Leute gebracht, dass sie ihm zugeschrieben wurden, ohne dass er selber etwas dazu hätte tun müssen. Mittlerweile hatte er sich sogar auf Bundesebene einen Namen gemacht, der richtige Mann am richtigen Ort, und nicht wenige Leute im Justizministerium trauten ihm durchaus eine Karriere in der Politik zu.
Bei allem Dusel und dem daraus resultierenden Erfolg der letzten Jahre hatte er aber nicht vergessen, wer ihm dies alles beschert hatte. Seine Leute waren ihm wichtig, wobei ihm selber nicht ganz klar war, ob aus reeller Loyalität oder weil sie ein wichtiges Werkzeug zum Erreichen seiner Ziele waren; möglicherweise war beides der Fall. Wie auch immer, das Resultat war, dass er sich vor sie stellte, wann immer es nötig war. Und er tat, was er konnte, um sie mit Schulungen und moderner Ausrüstung noch besser und effektiver zu machen.
Dieselben Leute, die ihn schon in der Landespolitik sahen, betrachteten genau dies als seine größte Schwäche. »Seine Truppe ist seine Achillesferse«, hieß es in diesen Kreisen, »eines Tages wird einer seiner Leute Mist bauen, und er wird darüber stolpern und sich den Hals brechen.«
Susanne Findeisen saß im Augenblick von Wertheims Eintreffen bei Strasser und erstattete Bericht. Der graumelierte Enddreißiger hörte aufmerksam zu, nahm jedes Wort konzentriert auf, wälzte es schon im Kopf, wog seinen Wert ab und gab ihm eine mediengerechte Form.
»Die Spurensicherung hat nichts?«
»Nicht viel. Sie starb nicht dort, wo ihr die tödlichen Verletzungen beigebracht worden waren. Tatsächlich muss sie noch eine längere Strecke aus eigener Kraft gelaufen sein.«
»Wie weit kann man ... unter solchen Umständen denn laufen?« Strasser zog die gebräunte Stirn in kritische Falten. Er wirkte erholt; sein letzter Urlaub lag nur eine Woche zurück – der Versuch einer Versöhnungsreise auf die Malediven mit seiner zweiten Frau.
Susanne Findeisen wippte in dem Freischwinger vor dem Schreibtisch ihres Chefs. »Fast dreihundert Meter. Wir fanden ihre Hände an einem Waldweg, etwa dreihundert Meter vom Fundort des Körpers.«
Strasser stand auf, entnahm dem Humidor im Regal hinter seinem Stuhl eine Havanna und wog sie nachdenklich zwischen den Fingern. In seinem Büro durfte geraucht werden. »Das ist furchtbar. Ich darf?« Reine Formsache, aber er hielt die Zigarre kurz hoch, wartete Findeisens Nicken ab und entzündete sie dann ohne allzu viel Zeremoniell.
»Wir fanden sehr viel Blut am eigentlichen Tatort. Ein paar Reifenspuren. Zwei Zigarettenkippen, von denen ich aber nicht glaube, dass sie vom Täter – oder von den Tätern – stammen. Sie sahen schon sehr alt aus. Des Weiteren fanden sich im Gebüsch ein benutztes Präservativ und reichlich Kleenex und Toilettenpapier. Die Stelle ist nicht weit von der Straße entfernt.«
Strasser nickte nachdenklich. Bei allem Horror – die Details würden für Aufsehen sorgen, sollten sie bekannt werden der Fall hatte die Art Brisanz, die die Öffentlichkeit mobilisierte. Was nicht unbedingt von Vorteil sein musste.
»Wir schließen daraus, dass die Tat ziemlich schnell vonstatten ging. Der Täter musste damit rechnen, jederzeit gestört werden zu können. Hohes Risiko – wäre hinter ihm jemand in den Weg gefahren, hätte er ihm die Ausfahrt versperrt. Der Waldweg ist eine Sackgasse.«
»Vielleicht wusste er das nicht.« Der Polizeipräsident blies eine Rauchwolke von sich.
»Das kann natürlich sein. Das Mädchen war übrigens nackt.«
»Vergewaltigung?«
»Das wissen wir noch nicht. Ihre Kleider sind verschwunden, der Täter muss sie mitgenommen haben.«
»Gut, vielen Dank zunächst. Für heute Nachmittag werde ich eine Pressekonferenz einberufen. Halten sie sich bitte gegen drei Uhr zur Verfügung.«
Findeisen schloss einen Moment die Augen. Strasser ließ wirklich keine Chance aus, die Arbeit der Truppe und natürlich sich selbst in Szene zu setzen. Sie war da eher zurückhaltend. In Anbetracht der Tatsache jedoch, dass sie in der Nacht schon ein paar Informationen an Berliner gegeben hatte, war die Pressekonferenz aber vielleicht keine schlechte Lösung. »Ist gut. Wir zeigen ein Bild, vielleicht kennt sie jemand. Bis drei Uhr müssten auch die Ergebnisse der Gerichtsmedizin vorliegen.«
Strasser nickte sein abschließendes, verabschiedendes Nicken, Signal dafür, dass andere, wichtigere Aufgaben auf ihn warteten.
Hauptkommissarin Findeisen verließ das elegante Büro, das mit alten englischen Möbeln den unaufdringlichen Charme eines Londoner Clubs des neunzehnten Jahrhunderts verströmte. Strasser, der sich gerne mit schönen Dingen umgab, hatte es vorschriftswidrig, aber geschmackvoll aus dem Privatbesitz seiner Familie ausgestattet.
Ihr eigenes Arbeitszimmer war eher schlicht mit Möbeln bestückt, die dem Dienststellenstandard entsprachen. Ein Schreibtisch mit angegliedertem Besprechungstisch, zwei Besucherstühle, Aktenschrank, Regal mit Ordnern, Computer, Telefon. Alles sauber und ordentlich, sie hasste es, wenn zu viel Papier oder etwas anderes auf der Arbeitsplatte herumlag. Alles hatte seinen Platz in ihrem Büro, und was sie nicht unmittelbar brauchte, war abgelegt, fortgeräumt oder sonst wie unsichtbar gemacht. Der Schreibtisch eines Menschen, so glaubte sie fest, gab Aufschluss über die Art, wie er dachte. Sah es hier unordentlich aus, so galt das auch für das, was in seinem Kopf vor sich ging.
Florian Wertheim saß auf einem der Besucherstühle und blickte ihr unschuldig entgegen.
Sie nickte ihm mit ernster Miene zu und setzte sich hinter den Schreibtisch. »Sie sind zu spät. Ihr Wagen war heute früh nicht auf dem Parkplatz.«
Er seufzte. »Tut mir leid. Ich hab verschlafen. Aber ich hab dafür schon die Vermisstenmeldungen durchgesehen. Wir haben ein Mädchen, dessen Beschreibung auf die Tote passt.«
Susanne Findeisen nickte wieder. »Weiter ...?«
»Verena Brenner. Gestern von ihrer Mutter als vermisst gemeldet, davor zwei Tage verschwunden.«
»Angenommen, sie ist es, und sie ist letzte Nacht getötet worden. Wo war sie in der Zeit davor?«
»Vielleicht bei Freunden. Die Mutter erwähnte, dass sie einen Streit mit ihr gehabt habe. Danach sei sie aus dem Haus gelaufen.«
Die Hauptkommissarin stand auf, ging hinüber zur Kaffeemaschine, wo seit einer Stunde das starke, koffeinhaltige Gebräu durch permanente Hitzeeinwirkung immer stärker und koffeinhaltiger wurde und fast schon die Fließeigenschaften von Bitumen entwickelte. »Auch eine Tasse?«
Wertheim schüttelte verneinend den Kopf. Seine Ansprüche an Aroma und Konsistenz von Kaffee lagen deutlich über dem Durchschnitt der Dienststelle. Meist verzichtete er daher ganz darauf, wenn er im Büro war, obwohl er in letzter Zeit be sich einen Gewöhnungseffekt festgestellt hatte.
Sie goss sich einen Becher ein, strich sich die kurzen Haare zurück und nahm einen vorsichtigen Schluck.
»Also schön. Gibt’s schon was aus dem Labor?«
»Ich hab angerufen, aber sie wissen ja, wie Saalfelder ist. Er rückt wenig raus, bevor der Bericht wirklich fertig ist. Immerhin konnte ich von ihm erfahren, dass die Tote offenbar nicht missbraucht wurde. Der Bericht kommt so in etwa einer Stunde, sagt er. Offenbar hat Strasser ihm auch schon Dampf gemacht.«
Susanne Findeisen setzte sich wieder an den Schreibtisch. »Fahren Sie zu der Mutter? Vielleicht können Sie anhand von Bildern schon mal vorchecken, ob das Mädchen überhaupt unsere Tote sein kann. Sollte sie es sein ...«
» ... dann bitte ich die Frau heute Nachmittag zur Identifizierung.«
Seine Chefin nickte. »Besser noch, Sie bringen sie gleich mit.«
Wertheim wandte sich um, war schon beinahe an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte. Ihm war etwas eingefallen
»Es ist nur ...«
»Ja?«
»Ich habe so etwas noch nie gemacht. Wie bringe ich der Frau das bei?«
Sie beugte sich vor, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und musterte ihn prüfend. »Da gibt es kein Patentrezept. Es ist immer anders, und es wird ihnen immer wieder nahe gehen. Aber noch wissen wir ja nicht, ob sie das Opfer ist. Bisher ist es lediglich ein Verdacht. Die Frau ist noch nicht die Mutter der Toten, sondern lediglich eine Zeugin von vielen. Vielleicht versuchen Sie mal, das so zu sehen.«
Er fixierte einen Augenblick den alten Linoleum-Boden, dann blickte er ihr ins Gesicht. Ja, die Brücke, die sie ihm da baute, reichte ihm aus, fürs Erste. »Bis dann.«
Eine Sekunde später war er fort. Findeisen schüttelte eine Zigarette aus der Packung auf dem Schreibtisch, nahm sie auf, steckte sie sich zwischen die ungeschminkten Lippen, zündete sie aber noch nicht an.
Wertheim war ein unproblematischer Charakter, pragmatisch und zielorientiert, das hatte sie gleich im ersten Augenblick ihres Kennenlernens registriert, bis auf einen Aspekt: Er musste immer einen Weg für seine Gefühle finden. Sie sah es gleich, wenn ihn etwas bedrückte, und sie merkte, wenn es nötig war, ihm zu helfen. Ganz sicher war das bei der Polizeiarbeit von Nachteil, aber sie hoffte, dass sich das mit der Zeit geben würde.
Der Mord war grausam und unmenschlich in seinen Details, aber absolut faszinierend in kriminalistischer Hinsicht. Sie hatte es sich schon vor langer Zeit abgewöhnt, sich von blutigen Details den Blick trüben zu lassen. Ohne diese Distanz konnte niemand so einen Job machen. Sie interessierte sich nur für Spuren, Details, Hinweise, Theorien. Sie beobachtete, analysierte, wertete, wie ein Forscher – fast wie ein Computer bei der Lösung eines rechnerischen Problems. Manchmal, wenn sie darüber nachdachte, fühlte sie sich deshalb schlecht. War sie derart abgebrüht, abgestumpft, dass sie nicht mehr fühlen konnte, was normale Menschen angesichts solcher Gräuel empfanden? Am Ende solcher Überlegungen kam aber immer die beruhigende Gewissheit: Wenn du nicht wärest, wie du bist, würdest du nicht deine Fälle lösen können, sondern immer nur in fassungsloser Lähmung auf das starren, was die Oberfläche der Tat war.
Sie musste darunter blicken, unter die Oberfläche, tief und immer tiefer darunter.
Und sie erinnerte sich. Irgendetwas hatte sich schon in der Nacht im Wald in ihr geregt, eine leise, wispernde Stimme. »Du kennst dieses Szenario. Es ist dir schon früher begegnet. Du hast darüber gelesen.« Sie ließ das Feuerzeug aufschnappen.
Natürlich. Es war einige Jahre her. Ein Fall in Oberitalien, wenn sie sich recht entsann. Auch in Deutschland waren die Zeitungen voll davon gewesen wegen der spektakulären Umstände. Auch hier gab es Opfer mit der gleichen Verstümmelung. Mehrere Opfer. Auch ihnen wurden die Hände abgehackt, bevor ihr Mörder sie laufen ließ.
Sie zog an der Zigarette, beobachtete die Glut an der Spitze. Es gab zwei Möglichkeiten, und beide waren gleich schlecht. Entweder, jemand kopierte den damaligen Fall. Oder sie hatten es mit der Serie von damals zu tun, die sich fortsetzte.
Liam Coubert war ein Stück die Planken, die Haupteinkaufsstraße der Stadt, hinaufgegangen. Irgendwann wandte er sich nach links, über die Kapuzinerplanken. Er ging langsam zwischen den Ständen des kleinen Sommermarkts hindurch. Früchte und Obst, geflochtene Körbe, kleine Metallarbeiten, Gewürze, Kerzen. Geduldige Gesichter des Verkaufspersonals bedeckten sich mit einem professionellen Lächeln, sobald sich jemand in der Öffnung ihres Standes zeigte, wurden aber sofort wieder ernst, wenn sich der Besucher zurückzog.
Nichts davon sah Coubert wirklich. Er passierte Geschäfte und Lokale und war umgeben vom flirrenden Leben des frühen Nachmittags. Er ging vorwärts wie eine Maschine, wie ein Roboter, ohne Kenntnis zu nehmen von allem. Seine Gedanken waren bei dem kleinen Foto, das er in der Hand trug und wieder und wieder anschauen musste. Und jedes Mal, wenn er das tat, wehte ihn ein eiskalter Hauch an.
Das Bild, das er in dem alten Buch gefunden hatte, war das Foto eines Mannes und einer Frau. Sie standen so dicht nebeneinander, dass sie sich berührten. Ihre Körperhaltung drückte die Vertrautheit vieler gemeinsamer Jahre aus, aber gleichzeitig auch eine gewisse Distanz. Sie hätten vielleicht Berufskollegen sein können, oder Mitglieder der gleichen Kirchengemeinde oder des gleichen Sportvereins.
Aber das waren sie sicher nicht.
Die Frau war diejenige, die Coubert vor vielen Jahren im Piemont getroffen hatte, an der Seite des Mannes, den er für einen Mörder hielt. Sie sah etwas älter aus als damals, die Haare eine Spur kürzer, der Körper etwas gerundeter und nicht mehr mit jener morbiden Ausstrahlung von damals. Sie wirkte aber immer noch genauso attraktiv – vielleicht sogar noch attraktiver.
Der Mann aber, der so vertraut neben ihr stand, war ganz ohne Zweifel er selber, Liam Coubert.
Das Blut rauschte in seinen Ohren und schien den Straßenlärm zu übertönen.
Es konnte nicht sein.
Er zwang sich zu Ruhe, betrat eine kleine Kaffeebar, stellte sich am Tresen an. Das Paar vor ihm konnte sich nicht entscheiden, schwankte zwischen Latte Macchiato und irgendeinem Tee mit Aromazusatz. Als er an der Reihe war und die Verkäuferin ihm einen Blick aus eisblauen Augen schenkte, nahm er Milchkaffee. Er trug ihn hinaus zu einem der wenigen Stühle vor dem Lokal, die noch frei waren, und setzte sich, nah an den fließenden, niemals endenden Verkehr der Kunststraße. Die Stühle waren an der Fassade des Hauses aufgereiht, immer zwei nebeneinander, mit einem kleinen Tisch dazwischen.
Der Kaffee brachte ihn zurück in die Realität. Beim zweiten Schluck arbeitete sein Gehirn schon wieder normal. Er sah sich das Foto noch mal an.
Es war klein, entsprach keinem der gängigen Formate. Die Kanten wirkten, als wäre es aus einem größeren Bild ausgeschnitten worden. Die Oberfläche war hochglänzend. Das Bild war ziemlich dunkel, der Vordergrund durch einen Blitz erleuchtet. Er und die Frau standen vor einem Haus, das im Hintergrund nur schwer auszumachen war.
»Kann ich etwas für sie tun?«
Er blickte auf. Es war die Verkäuferin, die ihm gerade den Kaffee verkauft hatte. Sie blickte auf ihn herab, das Gesicht fragend besorgt. Kleine Falten hatten sich auf ihrer ansonsten glatten Stirn gebildet. Coubert schätzte sie auf Anfang zwanzig.
»Sie wirkten vorhin so ... abwesend. Fehlt Ihnen etwas?«
Coubert lächelte sie an. Nicht sein normales Lächeln, das war ihm abhanden gekommen, sondern ein verzerrtes, gefälschtes. Der Schatten eines Lächelns, aber offenbar immer noch gut genug, um ihn anziehend wirken zu lassen und die junge Frau zu beruhigen. »Mir geht es gut. Aber danke der Nachfrage.« Er sah ihr hinterher, wie sie zurück in den Laden ging. Sie bewegte sich gut, sehr geschmeidig, wie ein Tier in der freien Wildbahn. Daran und an ihr langes, blondes Haar würde er sich später erinnern, wusste er.
Das Haus auf dem Bild. Es schien groß und aus rotem Sandstein in einem Stil erbaut zu sein, wie in den Weindörfern der Pfalz die reicheren Winzer im späten neunzehnten Jahrhundert ihre Häuser gebaut hatten. Davor ein Zaun aus Metallstäben. Dahinter Bäume, Wald, Park oder Garten, die Größe der Fläche war schwer zu schätzen. Irgendwie kam ihm die Szenerie so bekannt vor, als sei er in einem anderen Leben schon einmal dort gewesen.
Er drehte sich um, schaute durch das Schaufenster ins Lokal. Das Tresenmädchen lächelte ihm zu.
Coubert trank aus. Es war lange her, dass eine Frau Notiz von ihm genommen hatte. Das lag nicht an seinem Äußeren – tatsächlich war ihm klar, dass er von vielen Frauen als attraktiv eingestuft wurde. Aber er war in den letzten Jahren allem aus dem Weg gegangen, was eine persönlichere Bindung ergeben hätte. Er hatte ein paar alte Freunde, aber die meisten waren weit weg, und er hielt lediglich brieflichen Kontakt mit ihnen. Er wollte nicht, dass andere ihn sahen, wenn er einen seiner Anfälle hatte. Nach all den Jahren war es immer noch nicht selbstverständlich für ihn, dass er zeitweise ohne Kontrolle über seinen Körper war. Die Krankheit hatte ihm den Weg aus der Legion freigemacht, dafür war sie gut gewesen. Obwohl er sie mit Medikamenten einsperren konnte wie ein wildes Tier im Käfig, schwebte sie immer wie eine unsichtbare Drohung über ihm. Und wenn sie auftrat, dann nahm sie ihm alle Würde – so empfand er das –, und darum schickte er sich in seine selbstgewählte Isolation.
Coubert stand auf, winkte der Frau zu. Sein Lächeln diesmal war echt. Sie nickte grüßend zurück.
Sein Kopf wurde jetzt immer freier. Es gab nur ein paar Möglichkeiten, was den Ursprung des Bildes anbelangte. Entweder war es gefälscht. Oder er war gar nicht der Mann auf dem Bild.
Er blickte die Straße hinunter. Das Schaufenster des Ladens an der Ecke. Es war ein Geschäft für Friseurbedarf. Die Bedienung, die offenbar selber viel Zeit auf ihre Haare verwandte, blickte gelangweilt in den Straßenverkehr. Ihre Augen waren auf einen Punkt sehr weit weg gerichtet. Coubert ging auf sie zu. Seinerseits veränderte sich die Sicht, er fokussierte plötzlich auf das Glas des Schaufensters. Der Atem stockte ihm, schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Unvermittelt blieb er stehen.
Eine ältere Frau mit krummem Rücken und vollen Einkauftaschen, die hinter ihm gegangen war, konnte gerade noch anhalten. In Mannheimer Mundart leise schimpfend, den Blick zu Boden gesenkt, ging sie in einem kleinen Bogen an ihm vorbei. Graue Locken wurden über die Gedankenlosigkeit der Mitmenschen geschüttelt.
Was Coubert in der Scheibe gesehen hatte, war wohl das Spiegelbild eines Spiegelbildes gewesen. Fast nur ein Schemen, war es blitzschnell aus seinem Gesichtsfeld entschwunden.
Der Mann. Der Mann, den er vor vielen Jahren im Piemont getroffen hatte und den er für einen sadistischen Mörder hielt, war hier in der Stadt. Und an seiner Seite war eine Frau, sehr ähnlich seiner Gefährtin von damals.
Blitzschnell fasste er sich, ging schneller, bog um die Ecke. Von hier aus konnte er die kurze Straße einsehen, die zu der Haupteinkaufstraße der Stadt führte, die sich vom Wasserturm zum Paradeplatz hinzog.
Ein Punk, die Haare kurz und kanariengelb. Ein alter Mann an einem Gehstock. Zwei Schülerinnen, etwa zehn Jahre, mit dicken, schweren Schultaschen. Kein hochgewachsenes, schlankes Paar.
Coubert lief schnell weiter, bis zur nächste Ecke, blickte die Planken hinauf bis zum Wasserturm und hinunter bis über den Paradeplatz hinaus. Nichts. Was er gesehen hatte – oder gesehen zu haben glaubte – war verschwunden. Es konnte nicht sein. Er begann, an seiner Wahrnehmung zu zweifeln. Und wie immer, wenn etwas bei ihm außerhalb normaler gesundheitlicher Rahmenbedingungen ablief, stellte er die Frage nach den Auswirkungen seiner Krankheit. Vielleicht sollte er mit dem Doktor reden. Vielleicht stimmte etwas nicht mit seiner Medikamenteneinstellung.
3. Kapitel
Coubert hielt das Buch in der Hand und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Das Foto war ihm ein völliges Rätsel. Er sah es sich wieder und wieder an. Er wusste, dass er nicht der Mann auf dem Bild war. Die Ähnlichkeit war groß, aber es gab kleine Details, die nicht zu ihm passten. Soweit man das auf dem relativ kleinen Bild beurteilen konnte.
Er zog an seiner Zigarette.
Das Buch war eine Handschrift, ein Notizbuch oder Ähnliches. Der Text war in französischer Sprache. Französisch war für Coubert wie eine zweite Muttersprache. Aber dieses Buch machte ihm dennoch anfangs große Probleme. Es war der altmodische Stil, der zum antiken Einband des Buches passte. Nach einiger Zeit aber hatte er sich an die Sprache gewöhnt. Er las sich ein, und dann ging es immer besser.
Er hatte es sich gerade bequem gemacht, mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa, als das Telefon klingelte. Es war der Auktionator, der die Versteigerung geleitet hatte, bei der Coubert das Buch gekauft hatte. Der Mann, sein Name war Kringel, wirkte aufgeregt. Irgendjemand, so berichtete er, hatte sich bei ihm nach Coubert erkundigt, beziehungsweise nach dem Mann, der die Kiste alter Bücher ersteigert hatte. Er wollte seine Adresse von ihm haben. Offenbar hatte er dem Auktionator erzählt, dass er selber Interesse an den Büchern gehabt hätte, aber leider zu spät zur Auktion gekommen war. Jetzt, so sagte er, wollte er versuchen, Coubert über ein gutes Angebot einen neuen Handel schmackhaft zu machen.
Coubert fand das nicht besonders glaubwürdig, zog man den Zustand und die Auswahl der Bücher in Betracht. Schnell erklärte sich auch die Aufregung und Unsicherheit des Auktionators – es war sein schlechtes Gewissen. Er erzählte, er habe dem Anrufer die Geschichte nicht abgekauft. Er hatte ihm ein paar Fragen gestellt und gemerkt, dass dieser keinen blassen Schimmer hatte, um was für Bücher es sich handelte.
Dann aber, gab er am Ende zu, hatte er dem Anrufer Couberts Adresse gegeben.
Coubert überlegte. Das war ein starkes Stück, datenschutzrechtlich äußerst kritisch, zumal Kringel Auktionator war. Diese Leute leben, besonders bei größeren Geschäften, von ihrer uneingeschränkten Diskretion und Seriosität. Sollte das bekannt werden, würde es dem Auktionshaus nachhaltig schaden.
Der Anrufer sei eine Frau gewesen, die einen sehr merkwürdigen Eindruck auf ihn gemacht habe. Der Stimme nach musste sie so um die Vierzig gewesen sein. Sie war konfus, gab an, Coubert zu kennen. Dazu passte aber nicht, dass sie seine Adresse nicht hatte, und mit dem Plan, ihm die Bücher wieder abzukaufen, hatte es schon einmal gar nichts zu tun. Kringels Erklärungen machten es Coubert nicht unbedingt leichter zu begreifen, warum er ihr die Adresse gegeben hatte.
Er konnte es nicht erklären. Die Frau sei ihm so hilfsbedürftig vorgekommen. Tatsache war wohl, dass er etwas getrunken hatte, in leichtsinniger Stimmung war, eine Frau in Not, irgend so etwas – und da war es ihm rausgerutscht.
Und dann wurde es wirklich mysteriös. Coubert fragte nach dem Buch, das vor seiner Tür gelegen hatte; Kringel gab an, nichts darüber zu wissen.
Wenn er es nicht gewesen war, der das Buch vor Couberts Tür gelegt hatte, wer dann?
Die Ereignisse in der Locanda del Bosco Grande, die Leute, die ich des Mordes verdächtigte und die mir immer mehr aus dem Weg gingen. Und je mehr sie dies taten, desto mehr brannte sich der Verdacht gegen sie in meinen Geist ein, hielt mich in einem Zustand ständiger Unruhe und Anspannung. Ich kann nicht behaupten, dass der Urlaub damals besonders erholsam gewesen wäre.
Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Es wurde in mir zur Besessenheit. Ich wollte es wirklich wissen, und ich dachte, ich könnte einen Hinweis bekommen, wenn ich ein Gespräch mit den beiden beginnen würde. Vielleicht, wenn ich das Gespräch auf die Morde brachte, würden sie etwas von sich geben, dass mir ein Stück weiterhalf, ein kleines Mosaiksteinchen oder etwas, das auch nur meinen Verdacht weiter kräftigte.
Ich wollte sie eines Morgens ansprechen, wollte mich zu ihnen setzen beim Frühstück. Die Nacht davor konnte ich nicht schlafen, wälzte mich hin und her, während der Mond durch das Fenster schien und ein helles Viereck auf den Boden malte. Ich überlegte, wie es werden würde, was genau ich sagen wollte. Ich war nie sonderlich geschickt mit dem gesprochenen Wort, aber ich glaubte, es könnte nicht fehl gehen, wenn ich einen guten Plan hätte.
Als endlich der Wecker klingelte, war ich wie gerädert. Natürlich wurde alles anders, als ich es mir ausgedacht hatte. Ich betrat den Speisesaal, die beiden waren noch nicht zu sehen.
Ich griff mir die Zeitung. In den Gazetten gab es damals noch einen anderen Fall, der die Gemüter bewegte. In einigen Kirchen der Toskana, meistens kleineren, die nicht so stark den Touristenströmen ausgesetzt waren, kam es zu bestimmten mutwilligen Sachbeschädigungen. Jemand schlug den Figuren der Engel und Heiligen in den Gotteshäusern und auf den Friedhöfen die Hände ab. Der oder die Vandalen waren absolut spezialisiert, es waren nur die Hände, und diese verschwanden ebenso wie die Täter spurlos. Keine Zeugen, keine Verdächtigen. Zweimal war dies bisher geschehen – und beide Male war es am Abend vor den Morden an den Frauen gewesen.
Und an diesem Morgen berichtete das Blatt wieder von einem solchen Fall. Und wenn ich Recht hatte, würde an diesem Tag wieder ein Mord geschehen.
Das Paar erschien, betrat schnell den Speisesaal. Sie streiften mich mit schnellen Blicken, zu beiläufig, um desinteressiert zu wirken. Ich fühlte, sie mussten sich zwingen, mich nicht anzustarren, so wie ich mich zwang, den Blick nicht in ihre Richtung zu lenken.
Von der Terrasse der Locanda hatte man einen wunderschönen Blick über ein kleines, angrenzendes Tal, bis zu einer Hügelkette in etwa zwei Kilometern Entfernung. Ich sah hinaus ins Grün, während ich mir Kaffee und Weißbrot schmecken ließ. Im Glas des Fensters beobachtete ich die beiden Menschen, denen mein Interesse galt.
Der Mann – Calvin – war mittelgroß, schlank und drahtig. Er musste Mitte dreißig sein, aber sein Haar war schon von einem metallisch glänzenden Grau durchzogen. Sogar jetzt, zu morgendlicher Stunde am Frühstückstisch, wirkte er energiegeladen wie eine Sprungfeder. Unter dem dunkelgrauen Button-down-Hemd schienen eiserne Muskeln ihre Arbeit zu verrichten, das verriet die Art, wie er sich bewegte. Alles an ihm atmete Kraft und Geschmeidigkeit.
Die Frau war fast so groß wie er, schwarzhaarig und von beinahe ätherischer Blässe. Wenig ätherisch wirkte ihr Körper, drall, mit breiten Hüften und großen Brüsten. Ich hatte einmal gehört, wie er sie Bettina nannte.
Die beiden hatten mit dem Frühstück begonnen, sollte ich mich nun zu ihnen setzen? Ich war mir immer noch nicht klar darüber, wie ich das Gespräch anfangen sollte. Vielleicht ging es auch anders. Ein zufälliges Treffen nach dem Frühstück, draußen vor dem Haus. Bei den Autos vielleicht. Ich würde sie etwas zu ihrem Auto fragen, so würden wir ins Gespräch kommen. Ich würde versuchen, ihre sicherlich vorhandenen Bedenken zu zerstreuen, sie würden Vertrauen fassen, und dann wäre ich an der Quelle.
Ich erhob mich, verließ den Raum. Fast war ich sicher, dass ihre Blicke mir folgten.
Der Lieferwagen ragte aus der Reihe kleiner Fahrzeuge mit italienischen Kennzeichen hervor wie ein Monolith. Ich zündete mir eine Zigarette an, während ich mich ihm näherte. Ich umrundete das Fahrzeug, ging näher heran. Blickte durch das Fenster. Auf der Ladefläche, halb unter einer Decke verborgen, lag ein Meißel, mit grauem Steinstaub eingezuckert. Und unter der Decke, die ebenfalls grau bepudert war, schien noch mehr verborgen zu sein. Buckel, Wellen und Täler, aber es war unmöglich, etwas Genaues auszumachen.
Ich klemmte mir die Zigarette in den Mundwinkel, fasste auf den verchromten Türgriff, drückte ihn herunter. Es war abgeschlossen.
»Kann ich helfen?«
Calvins Stimme klang wie rostiges Eisen. Ich fuhr zusammen. Er musste sich angeschlichen haben, lautlos wie ein Indianer. Ich sah die Frau, wie sie bewegungslos, die Arme vor der Brust verschränkt, im Inneren des Hauses am Fenster stand.
Die nächste Minute lang bot ich grauenhafte, stotternde Verlegenheit, planloses Herumplanschen in einem Meer von Unsicherheit und Verlegenheit. Ich erinnere mich dunkel, dass ich etwas von Bildhauerei stammelte, angereichert mit vagen Anmerkungen zur Schönheit der hiesigen Architektur. Calvin blickte mich kalt an, ging auf nichts ein, sagte nichts, fixierte mich nur. Ich machte mich davon, so schnell ein Rückzug möglich war, verkroch mich für eine Stunde auf meinem Zimmer.
Als ich wieder herunterkam, waren die beiden fort.
Ich setzte mich in mein Auto und fuhr ziellos in der Gegend herum. Betrachtete den Sonnenuntergang von einem Parkplatz in den Bergen aus, rauchte, trank Wein aus einer Flasche aus dem Supermarkt. Kam spät nach Haus, ohne Ambitionen, die beiden zu treffen. Ich legte mich ohne Abendessen ins Bett und schlief bald ein.
Der nächste Tag brach an. Er veränderte mein ganzes Leben und machte mich zu dem, was ich heute bin.
Ich wachte sehr früh auf, durch lärmendes Rumoren auf dem Flur vor meinem Zimmer. Ich vernahm die beschwörenden Worte des Nachtportiers, der fast verzweifelt in weinerlichem Ton auf jemanden einredete. Eine raue Stimme antwortete ihm kurz und feindselig. Die Schritte mehrerer Menschen näherten sich meiner Tür, dann klopfte es energisch.
Der Portier rief mich beim Namen. »Sind Sie wach?«
Ich hatte mich halb aufgerichtet. Eine Hand tastete nach der Zigarettenpackung auf dem Nachttisch. »Was ist denn los?«
»Hier sind einige Herren von der Polizei, die sich mit Ihnen unterhalten wollen ...«
Augenblicklich wurde er unterbrochen. Ein Schlüssel kratzte im Schloss, die Tür öffnete sich.
Sie waren zu viert: der Portier und drei untersetzte Männer, denen man den Beruf schon von Weitem ansah.
»Signore? Sie verstehen unsere Sprache?«
Ich nickte bestätigend.
»Gut. Dann darf ich Sie bitten mitzukommen. Ziehen Sie sich an.«
Der Wortführer war der Kleinste und Kompakteste der Gruppe, mit tiefer, etwas verquollener Stimme, starker Hang zur Gewichtszunahme, schlecht sitzender, schwarzer Anzug, eine schreiend bunte Krawatte. Sein dunkles Gesicht mit den noch dunkleren Bartschatten drehte sich hierhin und dorthin, blickte misstrauisch in jede Ecke des Zimmers. Er wirkte deplatziert an diesem Ort, an dem es um Urlaub und Wohlbefinden ging. Sein Teint und überhaupt alles an ihm sahen so aus, als käme er aus dem Süden des Landes, aus den Gegenden, wo es für die meisten keine Hoffnung auf einen Job und eine Zukunft gab.
Die beiden anderen würdigten mich keines weiteren Blickes, sondern begannen, den Raum systematisch zu durchsuchen.
Ich zog eine Zigarette aus der Schachtel. Ich machte mir zwar keine großen Sorgen, aber das Verhalten der Polizisten irritierte mich. Sie wirkten sich ihrer Sache so sicher, bewegten sich so selbstverständlich in meinem privaten Umfeld, als wäre ich nur als Gegenstand vorhanden. Und sie sahen so aus, als wären ihnen meine bürgerlichen Rechte völlig gleichgültig. Aber ich war in Italien, da wurden diese Dinge vielleicht anders gehandhabt.
»Worum geht es denn?«
»Die Zigarette weg!«, sagte der Kleine, nicht laut, aber laut genug.
Ich tat, wie mir geheißen, langsam, ohne Hast, dann sah ich ihn abwartend an. Sein Haaransatz zog sich bis tief in die Stirn hinein, und er hatte eine für sein flächiges Gesicht zu kleine Nase.
Er wandte sich zum Fenster, beobachtete mich aber weiter in der Spiegelung der Fensterscheibe. Offenbar besann er sich auf die international allgemein gültigen Formen für Gelegenheiten wie diese.
»Ich bin Commissario Trussadi«, stellte er sich vor, »das sind Benelli und Comina. Wir haben einen Anruf erhalten. Der Anrufer bringt sie in Verbindung mit einigen unschönen Vorfällen in dieser Region.«
Er beobachtete mich immer weiter. Ich begegnete seinem Blick in der Fensterscheibe.
»Genau gesagt, mit den Mädchenmorden.«
Mir wurde heiß wie bei einem Fieberschauer. Mit vielem hatte ich gerechnet, aber damit nicht.
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Aus schmalen Augen beobachtete mich der Commissario, dann bedeutete er mir mit einem Nicken des Kopfes, den Hörer abzunehmen.
4. Kapitel
Abschrift des Tonbandprotokolls der Einvernahme Commissario Trussardi, Novo Ligure, 14. Mai 1992, in Erwiderung auf das gegen ihn angestrengte Verfahren wegen Verletzung der Dienstpflichten.
T: Der Verdächtige legte den Hörer auf. Ich stand sehr dicht neben ihm und hätte es gehört, wenn der Anrufer gesprochen hätte. Tatsache ist, dass dies nicht der Fall war. Allerdings könnte schon der Anruf als solcher eine Warnung gewesen sein. Wir vermuten, die Taten wurden von mindestens zwei Personen ausgeführt, so hätte gut der Komplize am Telefon sein können.
A: Das wissen Sie aber nicht. Was machte der Mann denn allgemein für einen Eindruck auf Sie?
T: Der Verdächtige wirkte die ganze Zeit über keineswegs so schlaftrunken, wie es die späte Stunde nahegelegt hätte. Er schien hellwach und hatte seine Sinne beisammen. Auf meine Frage nach der Identität des Anrufers antwortete er: »Ich weiß es nicht.« Dabei wirkte er aber so, als hätte er zumindest eine Ahnung. Comina fand dann den Ohrring. Er sah eindeutig so aus wie der andere, den wir im Falle Elsa Trevi bei der Leiche gefunden hatten. Comina zeigte ihn mir, indem er das Schmuckstück mit seinem Körper gegen die Blicke des Verdächtigen abschirmte.
A: Guter Mann, der Comina. Der Verdächtige konnte den Schmuck also nicht sehen?
T: So dachte ich zunächst. Wenn ich mich allerdings jetzt darauf besinne, dann hätte er es vielleicht doch gekonnt. Wie schon gesagt, stand ich dicht bei der großen Fensterscheibe. Ich denke, dort hätte sich der Schmuck spiegeln können. Wie auch immer – ich wies Comina und Benelli an, weiterzusuchen. Den Verdächtigen forderte ich auf, sich anzukleiden. Er kam der Aufforderung nach, erhob sich und suchte einige Kleidungsstücke im Zimmer zusammen. Dann bat er mich, sich im Badezimmer umkleiden zu dürfen. Ich gestattete dies unter der Voraussetzung, dass die Tür dabei offen bliebe. (handschriftliche Anmerkung am Rande der Akte: Widerspruch zu Aussage Benelli vom 13. Mai 1992).
A: Sie hatten den Mann also die ganze Zeit über im Blickfeld? T: Anfangs schon. Dann aber nahm die weitere Suche meiner Mitarbeiter einen Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Er war zu diesem Zeitpunkt schon vollständig angezogen und packte gerade einige Toilettensachen ein. Ich war, wie gesagt, einen Moment lang abgelenkt – genau da fiel die Tür zu. Ich reagierte sofort, sprang hinzu und versuchte sie wieder zu öffnen. Benelli und Comino unterstützten mich dabei. Der Riegel hielt allerdings, und wir konnten nichts ausrichten.
A: (unverständlich).
T: Wie? Natürlich. Ich erkundigte mich sofort beim Portier, ob das Bad ein Fenster hatte und wohin es ging. Er gab an, dass es zum Garten hinausging. Ich schickte Benelli sofort nach unten, damit er unter dem Fenster Posten beziehen konnte. (handschriftliche Anmerkung am Rande der Akte: ebenfalls Widerspruch zu Aussage Bennelli) Allerdings war ich wegen der Lage des Zimmers im zweiten Stock und der Tatsache, dass die Etagen Altbauhöhe hatten, beinahe sicher, dass hier eine Flucht nicht möglich war.
A: Was offenbar ein Trugschluss war.
T: Das muss ich leider einräumen. Als Benelli unten ankam, war der Verdächtige schon fort. Er hatte einen neben dem Haus stehenden Baum als Fluchtweg nach unten genutzt. An diese Möglichkeit hatte ich nicht gedacht.
A: (unverständlich)
T: Ja, leider. Die weitere Durchsuchung des Zimmers am folgenden Morgen ergab, dass es ihm gelungen war, sein ganzes Geld und die Personalpapiere mitzunehmen. Unsere umgehend eingeleitete Fahndung hatte keinen Erfolg, er war offenbar innerhalb sehr kurzer Zeit sehr weit gekommen.
Anm. des Protokollanten: Weitere Ausführungen s. Einvernahme Trussardi zum Verlust seines Dienstfahrzeuges, Novo Ligure, 22.Mai 1992
Nach seinem Stadtspaziergang war Liam Coubert in den Turm zurückgekehrt. Nach dem ganzen Durcheinander und den Ungereimtheiten hatte er das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit entwickelt, und wenn es einen Platz gab, wo er beides bekam, dann war das seine kleine Wohnung im Wasserturm, mitten in der Innenstadt und doch ganz weit von ihr entfernt.
All das Seltsame der letzten Stunden – das Foto und wie es seinen Weg zu ihm gefunden hatte, der Anruf von Kringel, dem Auktionator, er selber, Coubert, mit der Frau des Mannes mit den grauen Haaren – war rätselhaft und aus seiner Sicht nicht zu erklären. Er war nicht geneigt, es für Zufall oder eine Aneinanderreihung seltsamer Ereignisse zu halten. Im Gegenteil, er wollte der Sache auf den Grund gehen. Irgendwer hatte gewollt, dass er das Foto bekam, und diesen jemand musste er finden. Vielleicht fand sich in dem Buch noch irgendwo ein Hinweis.
Er öffnete die Metalltür. Er besaß einen von insgesamt drei Schlüsseln zum Turm, die anderen beiden lagen sicher verwahrt bei der zuständigen Dienststelle der Stadtverwaltung. Langsam kletterte er die vielen Stufen der Treppe hinauf, betrat die Wohnung und sah sich um.
Er besaß nur wenige Möbel, und sie waren ein Sammelsurium origineller, neuer und alter, teilweise antiker Stücke. Nichts passte richtig zum anderen. Dennoch ergänzten sich alle Komponenten, keine wollte der anderen die Schau stehlen.
Das Buch lag noch da, wo er es hatte liegen lassen, auf einem Nähtischchen des späten neunzehnten Jahrhunderts, das er für wenig Geld einem Antiquitätenhändler aus Ludwigshafen abgerungen hatte. Coubert schlug das Buch auf. Seite für Seite blätterte er sich vorwärts. Die Handschrift war klein und akribisch und einigermaßen gut zu lesen. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass der Text von einer Frau geschrieben worden war, ohne dass er dieses Gefühl hätte begründen können. Er las quer, die Jahre in der Legion hatten ihn eine schnelle Auffassung des Französischen gelehrt. Je mehr er las, umso mehr nahm ihn der Text gefangen. Er begann, genauer zu lesen, nicht mehr nur oberflächlich. Dann las er Wort für Wort, Silbe für Silbe, und eine neue Art Aufregung nahm ihn gefangen und lenkte ihn etwas ab von der anderen, persönlichen, die das Foto initiiert hatte.
Die Namen aus dem Grafen von Monte Christo tauchten in anderen Zusammenhängen auf als im Original von Alexandre Dumas. Auch die Schauplätze waren andere, teilweise tauchten italienische Ortsnamen auf, und mit Fortschreiten der Geschichte auch immer mehr deutsche und elsässische. Es las sich wie etwas, das vielleicht die Quelle für den Grafen hätte sein können, oder wie eine Variation des Stoffes, die später entstanden war.
Thema con variazioni.
Nach einer Weile stieß er auf eine Bleistiftanmerkung im Text. Die Stelle war eine Ortsbeschreibung, ein kleines Dorf in der Pfalz, irgendwo zwischen Mannheim und Straßburg. Der Ortsname war nicht genannt. Das war seltsam, denn eigentlich hätte das doch die Kerninformation sein sollen, die Basis. Coubert hatte den Eindruck, der Autor würde den Namen der Ortschaft ganz bewusst umgehen, so wie ein später Wanderer den Ort eines grauenhaften Verbrechens meiden würde. Die Beschreibung war mit einem Stern markiert, fünfzackig in der Art eines Pentagramms. Er erinnerte sich, blätterte schnell ans Ende des Buches. Dort, wo das Bild eingeklebt gewesen war, war ein Zwilling des Sterns aufgemalt. Coubert hatte es wegen der Aufregung mit dem Foto fast vergessen.
Wenn wirklich hinter all dem ein Sinn lag, war das ein Hinweis. Er sagte ihm zumindest, dass das Bild und die Textstelle miteinander zu tun hatten. Vielleicht gäbe es an dem bezeichneten Ort etwas, das ihn weiterbrachte.
Im besten Fall bezeichnete die Textstelle den Ort, an dem das Bild gemacht worden war.
Der Geruch. Wenn nur der Geruch nicht wäre. Mit den Bildern kam sie zurecht, in all den Jahren hatte sie sich an Blut, Mageninhalt und Hirn gewöhnt. Aber der Geruch störte Susanne Findeisen immer noch. Es waren Lösungsmittel, Desinfektionsflüssigkeiten, und darunter, gut verdeckt aber immer vorhanden, meinte sie noch etwas anderes, etwas Süßliches wahrnehmen zu können. Es drang ihr in die Nase und erinnerte sie daran, dass sie vom Tod umgeben war.
Jochen Saalfelder war klein und dick und hatte eine Glatze, in der sich das Deckenlicht spiegelte, und die von einem Kranz aus starken, schwarzen Haaren gesäumt war. Der Kontrast war wegen seiner hellen Haut sehr stark. Die Haare standen senkrecht auf der Kopfhaut wie die Borsten eines Igels. Mit seiner runden Metallbrille und den leichten Hängebacken erinnerte er entfernt an Heinrich Himmler.
Dazu passten sein forsches Auftreten und seine laute, bellende Stimme. Susanne Findeisen war nie richtig klar geworden, mit wem sie es da wirklich zu tun hatte. Weder sie noch irgendjemand aus dem Kollegenkreis war jemals zu dem privaten Saalfelder durchgedrungen. Man wusste lediglich, dass er verheiratet und kinderlos war, dann endete die allgemeine Saalfelder-Kenntnis.
»Freut mich, Sie wieder einmal hier zu haben, Frau Hauptkommissarin.« Sein Auftreten entsprach der alten Schule und war über jede Kritik erhaben.
»Freut mich ebenfalls, lieber Doktor. Obwohl der Anlass ja wie immer ein sehr trauriger ist.«
Er schüttelte bekümmert den Kopf. »Ja, ja. Wie immer, wenn ich einen so jungen Menschen sehe, bin ich besonders erschüttert. Daran werde ich mich niemals gewöhnen.« Mit sachlichem Gestus wies er auf eine der blankmetallenen Pritschen im Rückraum des großen, weiß gekachelten Saals. »Wollen wir?« Auf ihre nickende Zustimmung zog er mit einem Ruck das weiße Laken ab.
Findeisen betrachtete die Tote. Was immer sie im Leben gewesen war, wie attraktiv, wie stark sie gefunkelt haben mochte in ihrem Umfeld – der Tod hatte sie zu einem Gegenstand degradiert. Sie wirkte-klein und mager, und ihre Haut war fast so weiß wie das Laken, unter dem sie gelegen hatte. Die Polizistin sah die Schnitte, wo Saalfelder aktiv gewesen war. Sie sah die Stummel der Handgelenke, nun blutleer. Jemand hatte die abgetrennten Hände direkt daneben gelegt, mit etwas Abstand, aber in etwa an die Stelle, an der man sie erwartet hätte.
»Kein leichter Tod.«
Saalfelder zuckte kühl mit den Achseln. »Nicht viel schlimmer als das, was wir sonst hier so haben. Die Hände wurden mit einer scharfen Klinge abgetrennt, Schwert, Säbel, Machete – was genau, ist uns noch unklar. Sie ist dann eine ganze Strecke gelaufen, das wissen Sie ja schon. Schließlich wurde sie zu schwach und brach dort zusammen, wo sie gefunden wurde. Es liegen keine Anzeichen für ein Sexualdelikt vor, Vagina, Mund, After, alles tiptop, ohne entsprechende Spuren.«
»Gibt es Fesselspuren?«
»An Händen und Füßen.«
Findeisen tippte sich mit dem Fingernagel an die Schneidezähne. Sie tat das oft, wenn sie nachdachte. »Sie wurde also in den Waldpark gebracht, dort hackte man ihr die Hände ab, dann ließ man sie in den Tod laufen.«
Saalfelder blinzelte sie durch seine dicken Brillengläser an. »In den Tod laufen. Sehr poetisch ausgedrückt. So muss es gewesen sein.«
Eine Weile standen sie da und sahen die Tote an. Ein junges Mädchen, hübsches Gesicht, gute Figur. Sicher gab es Freunde und viele Männer, die sie bewundert hatten und gerne kennen gelernt hätten. Freundinnen, die nicht so gut aussahen und sie beneideten. Eltern, die stolz auf sie waren. Man hatte sie wahrgenommen, sie hatte einen Platz im Leben vieler Menschen gehabt.
Jetzt war sie fort.
Saalfelder nahm die Brille ab und begann, sie akribisch mit einem Taschentuch zu putzen. Sie war nicht schmutzig oder verschmiert gewesen. »Da ist noch etwas. Vor ihrem Tod hat sie noch eine komplette Mahlzeit zu sich genommen. Irgendwas mit Krabben, Chateaubriand, Mousse au Chocolat als Dessert. Das Ganze mit Rotwein und Cognac am Ende. Offenbar in einem der besseren Lokale der Region, wenn ich die Qualität anhand des Magen- und Darminhalts richtig beurteilt habe.«
»Wie lange vor ihrem Tod war das?«
»Etwa zwölf Stunden.«
»Das hilft uns nicht. In zwölf Stunden kommt man sehr weit.«
Saalfelder schob die Brille wieder an ihren Platz. »Der Körper wies eine Reihe von Abschürfungen auf, die mit rotem Lehm verunreinigt waren. Die Wunden waren alle sehr oberflächlich, zumeist an Armen, Beinen und Hüften.«
»Kampfspuren?«
»Nein, dazu sind sie nicht tief genug. Es ist, als sei sie wiederholt an etwas gestoßen oder gestoßen worden, das mit rotem Lehm bedeckt war. Der Kraftaufwand dabei war eher gering. Ich kann mir das im Moment noch nicht erklären.«
Findeisen überlegte. Nirgendwo im Waldpark – soweit sie es wusste – gab es roten Lehm.
Saalfelder räusperte sich. »Ach ja, wir konnten auch ein Schlafmittel im Magen nachweisen. Offenbar wollte der Täter sich nicht allein auf die Wirkung des Weines verlassen. Wie stark es bei ihr wirklich gewirkt hat, werden die weiteren Untersuchungen ergeben.«
Findeisen hatte sich die Frage »Wer macht so was?« schon lange abgewöhnt. Es gab immer jemanden, der es machte, und die Gründe waren selten nachvollziehbar. Menschen, die Mord als Lösung für ein Problem sehen konnten, hatten sich zwar von der allgemein gültigen Moral sehr weit entfernt, handelten aber nach einer bestimmten Logik: Ich töte jemanden, und dann passiert dieses und jenes (oder es passiert eben nicht), das mir zum Vorteil gereicht. Das war noch leicht. Sie seufzte. Der neue Fall sprach aber eine andere Sprache. Das war keine bloße Beseitigung gewesen, dazu waren die Umstände zu bizarr. Sie konnte sich vage vorstellen, was in dem jungen Mädchen vorgegangen sein musste, während sie schon ohne Hände vor ihrem Peiniger davonlief. Angst und Panik, das Bewusstsein, irreparabel verletzt zu sein, der furchtbare Schmerz, das langsame Versagen der Kräfte, der Sturz – das Bewusstsein, dass ihr Blut und damit ihre Lebenszeit im Waldboden versickerten.
Das Bewusstsein, zu sterben.
»Wie lange kann es gedauert haben?«
»Nur ein paar Minuten. Sie wurde ohnmächtig und stürzte, und dann war es auch schon vorbei.«
»Kann es ein Täter gewesen sein, oder müssen wir von mehreren ausgehen?«
Saalfelder rollte kurz die Augen nach oben, als müsse er einige komplizierte Berechnungen anstellen. »Das Schlafmittel war nicht sehr konzentriert. Geht man davon aus, dass sie sich stark gewehrt hat, dann sind es meiner Ansicht nach mindesten zwei gewesen. Einer, der sie festgehalten hat, und einer, der ihr die Hände abtrennte«, antwortete er dann, dabei sah er sie an, als wolle er sagen, jetzt habe ich es dir aber noch mal so richtig schwierig gemacht.
In der Tat, so war es auch. Verbrechen wie dieses waren meist die Handlung von geisteskranken Einzeltätern. Es war äußerst selten, dass sich zwei mit der gleichen Passion zusammenfanden und sozusagen im Team arbeiteten.
»Es ... muss etwas wie einen Klotz, ein Hackbrett gegeben haben, auf dem die Gelenke aufgelegt wurden. Ein Widerstand, sonst hätten sich die Knochen nicht durchtrennen lassen. Entsprechende Druckspuren gibt es an den Gelenken.« Jetzt klang die Stimme des Pathologen eher mutlos, als hätte er vor den Abgründen der Welt kapituliert.
In die Stille, die sich zwischen Saalfelder und Susanne Findeisen einstellte, tröpfelten nach einer kleinen Weile Schritte. Leise zunächst, dann immer lauter erfüllten sie den Gang vor der Pathologie. Konnten Schritte traurig sein? Sie klangen jedenfalls so – langsam, verhalten, zögernd, so würde man auf einer Beerdigung voranschreiten.
Wertheim betrat den Raum, wie immer picobello in Schale. Neben ihm ging eine zierliche, etwa vierzig Jahre alte Frau mit geröteten Augen. Sie war nachlässig gekleidet und sah aus, als hätte man sie sehr unvermutet aus häuslicher Tätigkeit gerissen und hierher geführt.
Saalfelder deckte ganz ruhig wieder das Laken über die Leiche.
Wertheim wies mit der Hand auf die Frau. »Das ist Frau Ströbel aus Neckarau. Ihre Tochter wird seit vier Tagen vermisst. Hauptkommissarin Findeisen, sie leitet die Ermittlungen in dem neuen Fall. Doktor Saalfelder, unser Pathologe.«
Auch diese Vorstellungen wurden durch knappe Handzeichen auf die genannte Person begleitet.
Saalfelder verbeugte sich kurz und trat dann zurück, als wolle er mit der Besucherin und ihrem Anliegen so wenig wie möglich zu tun haben.
Findeisen nahm die ausgestreckte Hand der Frau; sie war eiskalt, der Händedruck matt und kraftlos. »Danke, dass Sie gekommen sind. Wir wissen nicht ... Es ist nur ... diese Ähnlichkeit mit der Beschreibung Ihrer Tochter.« In so etwas war sie noch nie gut gewesen. Wenn es darum ging, in sensiblen Situationen Worte zu finden, schnitt sie meist ganz gut ab, aber angesichts von Trauer und Leid büßte sie diese Fähigkeit komplett ein. »Hatte Ihre Tochter ...«
»Nicole«, ergänzte Frau Ströbel mit tonloser Stimme.
»Ja. Hatte Nicole irgendwelche Merkmale, an denen man sie erkennen kann? Leberflecken, Tätowierungen, etwas in der Art?«
»Sie hatte eine kleine Rose am rechten Fußknöchel. Sie hat sie sich im letzten Jahr machen lassen. Das haben jetzt alle.«
Findeisen wechselte eine schnellen Blick mit Saalfelder, der ihr bestätigend zunickte.
»Dann darf ich Sie jetzt bitten«, forderte sie die Frau mutlos auf.
Sie traten an den Stahltisch, und bedächtig zog der kleine, dicke Pathologe das Laken vom Gesicht der Ermordeten. Zögernd trat die Frau an den Tisch, ganz nahe. Fast eine Minute stand sie dort und sah auf das Opfer herunter. Dann drehte sie sich zu Findeisen um, und lautlose Tränen liefen über ihre Wangen.
5. Kapitel
Es war nicht sonderlich schwierig gewesen, die Polizisten zum Narren zu halten und mich der Verhaftung zu entziehen.
Natürlich war das damals eine Kurzschlussreaktion gewesen, für die ich mich nachher hätte ohrfeigen können. Ich war schließlich unschuldig, was hätte ich also zu befürchten gehabt? Jetzt allerdings, mit dieser Flucht als zusätzlichem Indiz, musste ich für die Polizei der Täter sein.
Mit der Zeit gewann ich aber eine andere Einsicht. Ich hatte für keinen der Morde ein Alibi, fiel mir auf. Immer war ich allein im Auto unterwegs gewesen, und das war für jeden leicht herauszufinden. Der Mann, der mich in der Nacht meiner Flucht im Hotelzimmer angerufen hatte, war mit Sicherheit Calvin, und eben der hatte mich sicherlich auch bei der Polizei denunziert. Die Tatsache, dass ich wach und schnell am Telefon war, hatte ihm gezeigt, dass seine Rechnung aufgegangen war.
Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte mich einsperren lassen. Der nächste Mord der Serie hätte ja erwiesen, dass ich nicht der Täter war. Und dass es weitergehen würde, daran zweifelte ich nicht. Das Wenige, was ich von wahnsinnigen Serienmördern wusste, sprach da eine klare Sprache.
Aber dann wieder – was, wenn es doch der letzte gewesen wäre? Wenn Calvin mit seiner Partnerin nur das Revier wechselte, um weit fort von hier an anderer Stelle weiterzumachen? Es gab Gegenden dieser Erde, da konnten Dinge, wie er sie tat, geschehen, ohne dass irgendeine Zeitung darüber berichtete und ohne dass die Kunde darüber ins Ausland drang. In diesem Fall hätte ich im Gefängnis gesessen bis zum Sankt Nimmerleinstag.
Letztlich kann man nicht wissen, wie alles geworden wäre. Ich glaube aber, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Über einige Zwischenstationen schlug ich mich weiter nach Süden durch. In einer der Hafenstädte an der Westküste schaffte ich es auf einen griechischen Frachter, der Kühlschränke nach Korsika brachte. Zum Glück nahm der Kapitän es mit den Papieren nicht so genau. So landete ich in Bastia. Von dort nahm mich ein Skipper auf seiner Segelyacht »Hand gegen Koje« mit nach Marseille.
Ich war ziemlich am Ende zu dieser Zeit, ungepflegt, abgemagert, ohne Geld in der Tasche und ohne Idee, was aus mir werden würde. Im Spiegel zeigte sich mir das Bild eines von allen gejagten Wolfs. Die Zeitungen hatten über mich berichtet. Allerdings waren die Berichte nur kurz gewesen, die Behörden hatten offenbar ein Interesse daran, die genaueren Umstände meiner Flucht nicht zu breit zu streuen. Und es hatte seither keine weiteren Frauenmorde im Piemont gegeben. Für die Öffentlichkeit und die Polizei war alles klar.
Hilfe aus Deutschland hatte ich nicht zu erwarten, das wusste ich. Wen hätte ich fragen sollen? Niemand hätte mir damals geholfen. Die Tatsache, dass ich heute diese Arbeit und die Wohnung im Turm habe, ist sicherlich auch die Folge des schlechten Gewissens eines meiner damaligen Freunde. Er würde das niemals zugeben, aber ich weiß es und nehme es ihm nicht mehr übel. Ich hatte nach meiner Flucht ein paar Gelegenheitsjobs gehabt, Kellner, Handlanger am Bau, einmal Hilfsarbeiten auf einem Bauernhof. Aus Sicherheitsgründen blieb ich nie lange an einem Ort, hetzte immer gleich weiter. Ohne ein richtiges Ziel zu haben und eher zufällig, schien ich wie ein Baum im Fluss langsam einem imaginären Ziel entgegenzutreiben.
Bis ich nach Marseille kam.
Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Ein lauer Sommerabend, die Straßen so belebt wie jeden Abend in dieser lauten, umtriebigen Stadt. Ich ging langsam durch die Häuserzeilen. Mein Magen knurrte. Seit dem Frühstück, einem aus einem Mülleimer geklaubten Stück Brot, hatte ich nichts mehr zu mir genommen. Ichwar ziemlich verzweifelt, mein Repertoire an Überlebenstechniken aufgebraucht. Fast schon überlegte ich, mich den Behörden zu stellen. Allmählich näherte ich mich den Stadtgrenzen, irgendetwas trieb mich weiter. Irgendwo bog ich um eine Straßenecke und sah es: La Malmousque.
Ein großer, weißer Gebäudekomplex, direkt am Meer. Ein Torbogen, eine rot-weiße Schranke, ein Wachhäuschen. Und darüber das Schild.
Legion Etrangere.
Mein Weg lag deutlich vor mir. Ich trat der Legion bei. Mit der spartanischen Lebensweise hatte ich weniger Probleme als ich gedacht hatte, sie kam meinem Charakter eher entgegen. Meine Laufbahn lief ab wie ein Uhrwerk.
Vier Monate Grundausbildung in Castelnaudary bei Toulouse. Danach Fallschirmjägerausbildung in Calvi auf Korsika. Dann sechs Monate auf Mayotte, weit draußen im Indischen Ozean. Beförderung zum Unteroffizier nach drei Jahren, gleichzeitig bat ich um die französische Staatsbürgerschaft, die mir bereitwillig gewährt wurde.
Ich war kein schlechter Soldat, und die Legion war nicht schlechter zu mir als zu anderen. Ich habe dort Freunde gefunden, die diese Bezeichnung wirklich verdienen. Trotzdem – als nach fünf Jahren mein Vertrag endete, hatte ich keine Ambitionen, ihn zu verlängern. Ich habe viele Dinge gelernt in dieser Zeit, und das meiste davon kann ich heute nicht mehr brauchen. Ich habe viel gesehen in den fünf Jahren, und das meiste möchte ich lieber vergessen. Dennoch war kein Augenblick davon sinnlos, insbesondere wenn ich mir vor Augen führe, welche Möglichkeiten ich gehabt hätte.
Wie auch immer. Eines Tages, ich mochte etwa zwei Jahre in der Legion gewesen sein, bekam ich eine französische Zeitung in die Hände. Sie berichtete von einem Mordfall, der den damaligen in Italien sehr ähnlich war. Der Journalist hatte gut recherchiert und die Parallele bereits gezeigt. Diesmal geschah die Untat in Deutschland, genauer gesagt in Frankfurt. Und auch diesmal tappte die Polizei bezüglich des Täters völlig im Dunkeln.
Ich überlegte, ob dies der geeignete Moment sei. Ich hätte zur Polizei gehen können, um mich zu rehabilitieren. Ich diskutierte darüber sogar extensiv mit einem Kameraden aus der Legion. Serge war aus ähnlichen Gründen wie ich bei dem Verein gelandet, allerdings war dies bei ihm kein Zufall gewesen, sondern wohl eher eine Frage der Zeit. Sein Vorstrafenregister im Bereich Kapitalverbrechen war, wenn man ihm glaubte, ziemlich komplett. Die Aufdeckung eines Drogenschmuggels im Gesamtwert von mehreren Millionen Dollar durch die amerikanische Bundespolizei hatte es nötig gemacht, sich schnell eine neue Identität zuzulegen.
Serge war es jedenfalls, der mir vom Gang zur Polizei abriet. In Italien, so sagte er, sehe man viele Dinge anders. Außerdem konnte ein Mord in Deutschland nach so langer Zeit natürlich vom gleichen Täter ausgeführt werden. Was aber, wenn dies als Tat eines Trittbrettfahrers ausgelegt würde? Jedenfalls war für ihn nicht nachvollziehbar, wie mir der neue Mord helfen könnte.
Nach einigem Überlegen schloss ich mich seiner Sichtweise an. Ich saß immer noch in der Falle, und wenn ich Pech hätte, würde man sogar versuchen, mir auch den neuen Mord anzuhängen.
Ich blieb also besser, wo ich war.
»Was soll ich sagen? Nicole Ströbel war eine lebenslustige, junge Frau, sportlich, aufgeschlossen, attraktiv, genau der Typ, den wir hier im Verkauf brauchen.«
Walter Brenner wies in die imaginäre Runde, so als wäre hier in seinem Büro der Ort, an dem Kundenkontakte zum täglichen Brot gehörten. Brenner war als Abteilungsleiter zuständig für den Bereich »Running und Walking« des Sporthauses an den Kapuzinerplanken – und damit Vorgesetzter der Ermordeten. Er war Ende dreißig. Wie die meisten Angestellten des Hauses war er schlank und wirkte trainiert. Wertheim hatte bei ihm seine Runde begonnen.
Die Vernehmung von Nicoles Mutter hatte wie erwartet keinerlei verwertbaren Erkenntnisse gebracht. Die Frau war nicht zu trösten gewesen in ihrem Kummer. Sie schien ohnehin sehr wenig darüber zu wissen, wer ihre Tochter eigentlich war. Wie so viele Eltern sah sie in ihr immer noch das kleine Mädchen, das sie früher zur Schule gebracht und dem sie bei Bedarf ein Pflaster auf die aufgeschlagenen Knie geklebt hatte. Zuletzt gesehen hatte sie ihre Tochter einige Tage vor dem Mord. Am Tag ihres Verschwindens hatte sie noch mal mit ihr telefoniert. Nicole hatte sie in der Mittagspause angerufen und gefragt, ob es ihr gut gehe.
Brenner war kooperativ und wirkte aufrichtig bekümmert über den Verlust seiner Angestellten, die er offenbar sehr geschätzt hatte. »Natürlich kannte ich sie nicht ganz so gut wie die Kollegen, die direkt mit ihr in der Kundenbetreuung gearbeitet haben. Aber ich denke, ich kann Ihnen einiges über sie erzählen.«
Wertheim hatte sein kleines Notizbuch mit dem roten Bändchen und dem Gummi, das die Seiten im Ruhezustand zusammenhielt, hervorgeholt. Er nutzte diese Art Gedächtnisstütze, seit er sie bei seiner Chefin gesehen hatte. Susanne Findeisen prägte seinen Alltag mehr, als er es sich oft eingestehen wollte, und ohne dass sie es darauf angelegt hätte. Es war einfach nur so, dass er viele Dinge, die er an ihr beobachtete, als logisch und sinnvoll und zielführend einstufte und sie daher häufig übernahm.
Brenner lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und fixierte ein Plakat, das ihm gegenüber an der Wand hing. Wenn ich eine Superheldin wäre, wäre ... meine Geheimwaffe stand dort zu lesen, neben dem Bild einer schlanken, im Sportdress gekleideten Frau, die dem Betrachter leicht aggressiv entgegenblickte. Die Art der Geheimwaffe zu ergründen, blieb offenbar der Fantasie eben dieses Betrachters überlassen.
»Sie war wirklich gut im Verkauf. Wissen Sie, wir haben es oft mit Kollegen zu tun, die nicht die richtige Einstellung zu ihrer Arbeit haben. Nicole brachte diese Einstellung mit. Im Kundengespräch konnte sie sich selber ganz hinten anstellen, und das merkt der Gesprächspartner, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie besaß eine Art Anpassungsfähigkeit, die ihr spontane Sympathie einbrachte, und das spiegelte sich natürlich auch in den Verkaufsergebnissen.«
Wertheim hatte noch nichts notiert, spielte vielmehr mit dem dünnen, goldenen Kugelschreiber, den ihm seine Mutter zu Weihnachten geschenkt hatte. »Wissen Sie etwas über ihr Privatleben?«
Für einen kurzen Moment schien Unsicherheit über das Gesicht des Abteilungsleiters zu flattern wie der Schatten eines Vogels. »Nichts, oder vielmehr nur sehr wenig. Sie hatte viele Freunde im Haus, bei Betriebsfeiern stand sie oft im Mittelpunkt – war ja auch ein sehr hübsches Mädchen. Einen festen Freund hatte sie nicht. Sie trieb viel Sport – Fitnessstudio und Laufen – und wohnte in einer ruhigen, kleinen Wohnung ganz hier in der Nähe. Keine Haustiere, ganz unauffällig. Sie kam meist zu Fuß zur Arbeit, hatte aber auch ein Auto, einen Mini.«
Für einen durchschnittlichen Vorgesetzten wusste er doch ziemlich viel, fand Wertheim. Speziell die Bemerkung zur Größe und Lärmbelastung der Wohnung war ganz interessant. Nun machte er sich doch eine Notiz. »War sie mit irgendeinem der Mitarbeiter besonders befreundet?«
Brenner spitzte den Mund, überlegte einen Moment. »Keine Ahnung. Ich denke, da können Ihnen die Kollegen aus der Abteilung mehr sagen.«
»War Nicole zufrieden mit ihrer Stellung?«
»Ich denke, das war sie, ja.«
»Ist Ihnen in letzter Zeit irgendetwas Ungewöhnliches an ihr aufgefallen? Merkwürdige Freunde, die sie abholten, seltsame Verhaltensweisen, irgendwas in der Art?«
Brenner zuckte mit den Schultern. »Leider nein. Aber wie gesagt, so nah zusammen haben wir auch nicht gearbeitet. Sie war einfach nur eine sehr nette, fähige und attraktive Mitarbeiterin. Wir sind sehr traurig, sie verloren zu haben.«
Der dauernde Wechsel zwischen professioneller Absonderung von Floskeln und ehrlichem Interesse war nicht zu übersehen. Brenner, der sich während des Gesprächs immer wieder durch seine langsam grau werdenden Haare fuhr, hatte vielleicht mehr mit Nicole Ströbel zu tun gehabt, als er zu Protokoll geben wollte.
Der Rest der Befragung ergab keine neuen Anhaltspunkte. Brenner hatte seine Mitarbeiterin im Geschäft gesehen, einen Tag bevor sie verschwunden war. Sie war gerade in einem Verkaufgespräch gewesen und hatte ihn nur kurz gegrüßt. Er betonte dies, als sei dies etwas Ungewöhnliches gewesen.
Wertheim bedankte sich und klappte sein Notizbuch zusammen.
Die nächste Befragung – Steffen Mitterweger, Anfang zwanzig, schlank und sportlich, arbeitete in der gleichen Abteilung wie Nicole Ströbel – brachte fast identische Fakten. Auch Mitterweger betonte die Attraktivität und die Kontaktfreudigkeit des Mädchens, darüber hinaus schien er kaum etwas zu wissen.
Pulsuz fraqment bitdi.