Kitabı oxu: «Seewölfe Paket 8»

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Impressum

© 1976/2015 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

ISBN: 978-3-95439-497-5

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 141

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 142

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 143

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 144

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 145

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 146

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 147

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 148

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 149

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 150

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Nr. 151

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 152

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 153

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 154

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 155

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 156

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 157

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 158

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 159

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 160

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10


1.

Gleichmäßig blies der Wind aus Osten, und die lange Dünung hob und senkte die „Elizabeth Bonaventura“ in gleichmäßigen Abständen. Es sah aus, als atme die große Galeone tief ein, sobald sie den Bug hob, und als atme sie tief aus, wenn sich der Bug wieder in das nächste Wellental senkte.

Die der portugiesischen Küste vorgelagerten Berlenga-Inseln waren seit einer halben Stunde zu sehen. In einer weiteren Stunde würden sie auf Backbord erscheinen und schließlich achteraus verschwinden.

Admiral Francis Drake, der das Flaggschiff befehligte, hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und blickte auf den Stand der Flögel.

Das Flaggschiff lief Südkurs, auf Steuerbordbug liegend mit Backbordhalsen.

Drake kontrollierte den Rudergänger und warf dann einen Blick auf den Kompaß, ein zweiter Blick aus den grauen Augen traf den Rudergänger.

„Hundertachtzig Süd liegt an, Sir“, meldete der Rudergänger.

Der Admiral gab keine Antwort, er nickte nur und nahm seine Wanderung, die schweigend von Backbord nach Steuerbord erfolgte, wieder auf. Ab und zu blieb er an der Schmuckbalustrade stehen, drehte sich gemächlich um, und dann suchten seine kühlen grauen Augen die See hinter ihnen ab.

Achteraus war bis auf einen kleinen portugiesischen Zweimaster, der dicht unter Land segelte, kein anderes Schiff zu sehen.

Die Stirn des Admirals umwölkte sich leicht, während seine linke Hand über den gepflegten rötlich-braunen Spitzbart strich.

Nein, von seinem Verband war immer noch nichts zu sehen, der segelte noch weit hinter der Kimm, seit der fürchterliche Sturm bei Cabo Finisterre das Geschwader auseinandergeblasen hatte. Es waren gute, fast neue und stark armierte Galeonen, die selbst härtesten Stürmen zu trotzen vermochten.

In Drakes Verband segelten die „Golden Lion“ unter Vizeadmiral William Borough, die „Dreadnought“ unter Kapitän Robert Seymour, und die „Rainbow“, die Kapitän John Wight befehligte.

Weitere drei schwerarmierte Galeonen Londoner Kaufleute unter dem Flaggschiff „Mercant Royal“ gehörten dem Geschwader an, dem sich noch sieben kleinere Kriegsschiffe und elf leichte Segler für Depeschen-, Wacht- und Aufklärungsdienste anschlossen.

Treffpunkt dieser Flotte war Lissabon, und so wußte jeder der Kapitäne, welchen Punkt er anzusteuern hatte.

Drake war für dieses Unternehmen von Ihrer Majestät, Königin Elizabeth I. mit allen Vollmachten ausgestattet, denn über England begann sich etwas zusammenzubrauen.

Agenten hatten die Zusammenziehung von Schiffen gemeldet, deren Angriff sich gegen England richten würde. Drakes Aufgabe war es, diesen kriegsmäßigen Aufmarsch zu verhindern, dabei blieb ihm sein Vorgehen selbst überlassen, einschließlich der Möglichkeit, die spanischen Schiffe in ihren Häfen anzugreifen.

Da Francis Drake das ständige Zaudern seiner Königin kannte, hatte er zur Eile gedrängt und war ausgelaufen, teilweise mit gepreßten Leuten an Bord.

Was Francis Drake nicht wußte, war die Tatsache, daß die Königin von England ihre Vollmacht widerrufen hatte – zu spät allerdings, denn das nachgeschickte Depeschenboot erreichte das längst ausgelaufene Geschwader nicht mehr und kehrte unverrichteter Dinge wieder um.

An diesem frühen Abend schrieb man den, 24. April 1587. Es war der Zeitpunkt, als die „Elizabeth Bonaventura“ die Berlenga-Inseln passierte.

Drake war so in Gedanken versunken, daß er das dezente Räuspern hinter seinem Rücken bereits zweimal überhört hatte. Erst jetzt drehte er sich um.

Thomas Fenner, der bei Drake als eine Art Stabschef fungierte, deutete eine leichte Verbeugung an. Drake schätzte diesen Mann, der ein Könner mit guten taktischen Qualitäten, ein ausgezeichneter Seemann, aber auch ein Rauhbein mit dem Hang zum Raufen und Kämpfen war, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot.

„Der Verband bereitet Ihnen Sorgen, Sir“, sagte Fenner. „Ich sah Sie bereits öfter achteraus zum Horizont blicken.“

„Ich würde es nicht direkt Sorgen nennen, Mister Fenner“, erwiderte Drake ruhig. „Es sind gute, stabile Schiffe, und ich bin sicher, daß sie den Sturm bei Cabo Finisterre überstanden haben, genau wie wir auch. Der Sturm wird sie hart gebeutelt haben, aber ich schließe aus, daß wir auch nur ein einziges Schiff verloren haben. Es sind ausnahmslos verläßliche Leute, die diesen Verband befehligen, sie sind nur, wie es bei solchen Stürmen üblich ist, versprengt worden.“

„Der Ansicht bin ich auch, Sir“, sagte Fenner. „Vermutlich sind wir ihnen eine Tagesreise voraus.“

„Kaum mehr als eine halbe Tagesreise, Mister Fenner, denke ich.“

Thomas Fenner widersprach nicht, er nickte nur, drehte sich dann um und warf einen Blick auf die Berlenga-Inseln, die sie jetzt passiert hatten und die Backbord achteraus langsam kleiner wurden.

Eine Viertelstunde lang unterhielten sich die beiden Männer, bis eine tiefe Baßstimme aus dem Ausguck ihr Gespräch unterbrach.

„Deck! Dreimaster zwei Strich Backbord voraus auf Nordkurs!“

Der Admiral ließ sich das Spektiv geben und warf einen langen Blick hindurch, ehe er es an Thomas Fenner weiterreichte.

„Ein phantastisches Schiff“, sagte Drake leise. „Sehen Sie es sich genau an, Mister Fenner, und dann sagen Sie mir, was Sie davon halten.“

Zunächst sagte Fenner gar nichts. Er preßte das Spektiv ans Auge und sah lange hindurch.

„Donnerwetter“, murmelte er beeindruckt. „Eine herrliche Dreimastgaleone, ein Anblick wie man ihn selten geboten kriegt, Sir. Es trägt viel Segelfläche, denn es hat außergewöhnlich lange Masten. Aber diese Linienführung muß ich loben. Ich hätte den Dons eine derart ranke Bauweise nie zugetraut.“

„Es kann auch ein Portugiese sein, Mister Fenner.“

Wieder ergriff Drake das Spektiv. Fenner sah, wie er fasziniert den Kopf schüttelte und etwas murmelte.

„Nein, er zeigt keine Flagge, leider. Aber das tun wir ja auch nicht. Haben Sie das Achterkastell gesehen, Mister Fenner? Es ist flach, sehr flach sogar. Ich möchte wissen auf welcher Werft es gebaut wurde.“

In Fenner gewann wieder das alte Rauhbein die Oberhand. Er begann lüstern zu grinsen und fuhr sich, immer noch grinsend, mit der Hand über das Kinn.

„Es ist fast zu schade, es zu durchlöchern“, sagte er langsam. „Andererseits ist es ein leckerer Braten, den wir uns nicht entgehen lassen sollten.“

Lauernd wartete er auf die Reaktion des Admirals, doch Francis Drake reagierte zu seinem Leidwesen nicht. Er musterte immer noch den schlanken Dreimaster und war von der Bauweise und der Linienführung stark beeindruckt.

„Ein Don oder ein Portugiese“, sagte er mehr zu sich selbst. „Wirklich ein ausgezeichnetes, ein prächtiges Schiff.“

„Wenn wir uns begegnen“, begann Fenner wieder, als handele es sich um eine Nebensächlichkeit, „dann hat dieser Don die Luvposition, Sir.“

„Das ist richtig.“

„Möglich, daß er uns unter Feuer nimmt, und es sieht so aus, als habe er gute Geschütze.“

Fenner stützte die Hände auf die Schmuckbalustrade und starrte angelegentlich ins Wasser.

„Das ist in der Tat möglich“, gab Drake zu und verbarg sein Lächeln hinter einem betont ausdruckslosen Gesicht.

Er kannte Fenner, dem es jetzt mächtig in den Fäusten juckte, diesem Don oder Portugiesen eins aufzubrennen. Aber Drake ließ sich vorerst noch Zeit und wartete insgeheim darauf, wie weit Fenner ihn wohl noch animieren würde.

Das ließ auch nicht lange auf sich warten. Fenner begann, immer ungeduldiger zu werden, und von der Kuhl her starrten bereits die ersten Männer unschlüssig zu ihnen hoch.

„Laut unserer Order können wir ihn doch ein bißchen kitzeln“, sagte Fenner und versuchte seine Ungeduld zu verbergen. Doch sein lüsternes und erwartungsvolles Grinsen war immer noch nicht aus seinem Gesicht verschwunden.

Auch Francis Drake verspürte plötzlich Appetit, diesem Gegner eine Breitseite aufzubrennen. Drake war ein Mann, der immer wieder Erfolge vorweisen wollte, und der jetzt die Gelegenheit sah, weiteren Ruhm einzuheimsen. Dieser Brocken, der ihm entgegensegelte, konnte der Auftakt sein, mit dem der spanische Tanz begann, gleich, ob der schlanke Dreimaster jetzt Portugiese oder Spanier war.

Er war, wie Fenner schon ganz richtig bemerkte, ein leckerer Braten, der Drake das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Nein, den schmackhaften Happen wollte er sich nicht entgehen lassen.

„Einen Strich Backbord!“ befahl er und sah gleichzeitig, wie Fenner sich die Hände rieb.

„Gefechtsbereitschaft, Sir?“ fragte Fenner eifrig.

„Richtig, Mister Fenner! Sie haben doch Appetit auf diesen Braten, er muß nur noch gespickt werden“, sagte Drake etwas überheblich, und es störte ihn auch nicht, daß der Gegner die Luvposition behielt. Drake wollte ihn überraschen, ganz plötzlich, wie es seine Art war, wie ein hungriger reißender Wolf.

Admiral Francis Drake, von der Königin zum Ritter geschlagen, ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß der leckere Braten ein Teufelsbraten war, vom Satan persönlich zubereitet und daher so zäh, daß sich an ihm bisher noch jeder die Zähne ausgebissen und ein schadhaftes Gebiß davongetragen hatte.

2.

Zu jenem Zeitpunkt war die große, allein segelnde Galeone auf der „Isabella VIII.“ längst gesichtet worden.

„Er zeigt keine Flagge“, sagte Philip Hasard Killigrew. „Aber hier in der Nähe der iberischen Küste kann es nur ein Don oder ein Portugiese sein. Ein beachtlicher Brocken jedenfalls, und er segelt mutterseelenallein.“

Ein paar Male blickte der schwarzhaarige Mann, den sie den Seewolf nannten, durch das Spektiv.

„Ein herrlicher Brocken“, sagte auch Ben Brighton anerkennend und blickte in das narbige Gesicht des Profos und Zuchtmeisters der „Isabella“, Edwin Carberry, der grimmig vorausstarrte und die Armierung des vermeintlichen „Schneckenfressers“ taxierte.

„Eine lausige Nuß, die man knakken sollte“, sagte Carberry, „denn da haben sich ganz sicher die Würmer eingenistet.“

„Knoblauchfressende Würmer“, sagte der junge Dan O’Flynn. „Wozu haben wir eigentlich unseren großen Nußknacker!“

„Noch will er ja gar nichts von uns“, sagte der Seewolf, über den Eifer seiner Männer lachend, die es wieder einmal nicht erwarten konnten, sich mit den Spaniern anzulegen, obwohl ein heißes Tänzchen gerade hinter ihnen lag, an dem sich die Spanier zu Tode getanzt hatten, und jetzt noch in glühenden Schuhen herumliefen.

Sie hatten ihnen wirklich übel mitgespielt, und nachdem sie im Hafen von Cadiz zwei Zweidecker mit Pulverfässern in die Luft gesprengt hatten, war da der Teufel los.

Hasard hatte einen wahrhaft genialen Plan ausgeheckt, wobei ihm allerdings der Zufall in Form einer Galeere geholfen hatte. Und Bill, dieser verflixte Bengel, hatte alles ins Rollen gebracht und dabei gleichzeitig verhindert, daß die „Isabella“ durch die Spanier entdeckt worden war. Das Bürschchen wurde anschließend von der ganzen Crew wild gefeiert.

Nachdem in Cadiz die Hölle losgebrochen war, hatte sich die „Isabella“, vorbei an spanischen Galeonen, Karacken und Zweideckern aus Cadiz geschlichen.

Jetzt begegneten sie wieder einem Don oder einem Portugiesen, der Unterschied spielte keine große Rolle.

Schon beim Anblick dieses großen Kastens erwog Hasard die Möglichkeit, dem Burschen ein heißes Tänzchen zu liefern, aber noch gab er sich ruhig und gelassen.

Er sah jedoch, wie Carberry langsam, aber sicher immer nervöser wurde und grimmig das narbige Gesicht verzog.

„Nicht mehr lange, und wir begegnen uns“, hörte er den Profos vorwurfsvoll murren.

„Ein sehr logischer Schluß“, gab Hasard zu. „Eine Begegnung erfolgt zwangsläufig, sobald sich zwei Schiffe aufeinander zubewegen. Aber noch ist es nicht so weit.“

Die Männer, die auf dem Achterkastell standen, Brighton, Dan O’Flynn, der Profos und Hasard blickten angestrengt nach dem vermeintlichen Feind und verfolgten genau die Manöver.

Aber auf der großen Galeone tat sich nichts. Sie lief genauso unter vollen Segeln wie die „Isabella“ auch, sie änderte auch nicht ihren Kurs, und so würde die Begegnung in einem Abstand von etwa einer knappen Meile erfolgen.

Pete Ballie, der Rudergänger, hielt das schwere Ruder mit seinen mächtigen Fäusten umklammert, und weil die „Isabella“ auf Backbordbug mit Steuerbordhalsen segelte, war der Druck auf das Ruderblatt entsprechend stark, und seine Oberarmmuskeln traten scharf hervor.

Hasard warf einen Blick auf das Geschützdeck und verkniff sich erneut ein Lächeln.

Al Conroy, der Waffen- und Stückmeister, stand in der unauffälligen Haltung eines Mannes da, der nur auf einen Befehl zu lauern schien, um ihn blitzschnell auszuführen. Und, der Seewolf glaubte seinen Augen nicht zu trauen, da schlich auch der Kutscher in fast der gleichen Haltung umher, und ganz „zufällig“ hatte er ein Messingbecken mit glühender Holzkohle in der Hand. Die anderen Seewölfe auf der Backbordseite standen ebenso unauffällig herum.

„Die Kerle riechen, daß es gleich losgeht“, sagte Hasard kopfschüttelnd zu Ben, „obwohl noch keiner etwas befohlen hat.“

„Ein Zeichen, daß sie sofort auf dem Posten sind“, erwiderte der untersetzte Bootsmann. „Sie spüren deine Gedanken schon im Voraus, denn schließlich hast du sie darauf getrimmt. Seien wir stolz auf diese Räuberbande.“

„Ja, das bin ich, ich könnte mir keine bessere Crew vorstellen. Nanu, unser Freund ändert ja plötzlich den Kurs“, sagte Hasard überrascht.

Auch die anderen bemerkten das Manöver und blickten den Seewolf fragend an.

„Er ist ungefähr einen Strich nach Backbord gegangen“, sagte Ben Brighton und wischte sich die Haare aus der Stirn. „Das bedeutet nichts anderes, als daß …“

„… er das gleiche vorhat wie wir“, erwiderte der Seewolf. „Ist die vordere Drehbasse klar, Al?“ rief er zu Conroy hinunter.

„Aye, Sir!“ schrie der Stückmeister zurück. „Auch die Backbordbreitseite ist klar!“

„Er soll nicht merken, was wir vorhaben, Al“, sagte Hasard. „Traust du dir zu, dem Burschen mit einem sauberen Schuß aus der Drehbasse Blinde und Bugspriet wegzublasen?“

Eigentlich wußte er, daß diese Frage überflüssig war, denn Al Conroy hatte sein Können mehr als einmal unter Beweis gestellt.

„Selbstverständlich, Sir!“ rief Al zurück, und dabei sah er fast ein wenig gekränkt aus.

„Dann tue es, sobald die Position günstig ist. Ich überlasse es dir, du bist der Waffenmeister. Aber versammelt euch nicht auf der Back, du gehst allein oder nimmst nur einen Mann mit.“

„Verstanden, Sir!“ rief Al Conroy und eilte aufs Vordeck, nur gefolgt von Smoky, dem Decksältesten.

Unterdessen errechnete Dan, daß die Begegnung auf zwei entgegengesetzten Kursen in etwa zweihundert Yards Abstand erfolgen würde.

Da beide Schiffe hart gesegelt wurden, würden, sie auch dementsprechend schnell aneinander vorbeilaufen und sich wieder das Heck zeigen.

Hasard erläuterte sein Vorhaben kurz und bündig.

„Damit wir nicht in den Genuß seiner Breitseite gelangen“, sagte er, „werden wir nach dem ersten Schuß sofort abdrehen, dem Gegner das Heck zeigen und ostwärts weitersegeln, südlich also auf die Sandbänke der Berlenga-Inseln zu. Vermutlich wird der Kerl nicht so schnell reagieren, und mit etwas Glück geht seine Breitseite ins Leere. Ich weiß nicht, ob der Don sich hier auskennt, aber wir haben hier vor ein paar Jahren einmal einen Gegner ausgesetzt, und ich kenne die tückischen Sandbänke noch genau.“

„Ich habe sie auch noch gut in Erinnerung, Sir“, sagte Pete Ballie, „ich würde in einer einigermaßen mondhellen Nacht noch hier durchfinden.“

Auch die meisten anderen entsannen sich der damaligen Sache, als sie hier einen Gegner aussetzen. Allerdings war das schon eine ganze Weile her.

„Hopp, hopp, ihr Kakerlaken“, sagte Ed zu den Männern in der Kuhl. „Schert euch gefälligst an die Brassen und Schoten und schlaft nicht ein, wenn wir den Kurs ändern, oder glaubt ihr etwa, unsere stolze Lady kann das alles allein, was, wie? Willig, ihr Läuseknacker, sonst spielt uns der Don zu einem Tänzchen auf, und ihr endet auf der Galeere wie die Burschen in Cadiz.“

Die Entfernung zu dem „Feind“ betrug noch etwa vierhundert Yards.

Der Irrtum wurde auf beiden Seiten nicht bemerkt, und von dem Ausgang dieser schicksalhaften Begegnung hatte auch noch niemand eine Ahnung. Wie sollten sie auch! Jeder hielt den anderen für einen Don, dem sie es ganz einfach zeigen mußten. Es war eine merkwürdige Situation, und nie hätte Hasard sich träumen lassen, daß ihm hier sein alter Kapitän Francis Drake von der „Golden Hind“ entgegensegelte, jener Drake von dem er sich vor langer Zeit im Zorn losgesagt hatte.

Francis Drake hielt die schlanke Galeone immer noch für einen Portugiesen oder Spanier, und auch er wollte so unauffällig wie möglich dicht an den Gegner heransegeln, um ihn ganz plötzlich zu überraschen. Das harmlos dahinsegelnde Schiff sollte sich von einer Sekunde zur anderen in eine feuerspeiende Festung verwandeln.

Der stämmige, untersetzte Admiral lächelte gegen seinen Willen, und als Fenner dieses Lächeln sah, erschien auch auf seinem Gesicht wieder das lüsterne Grinsen, dem Gegner eins zu verpassen, ohne daß der wußte, was ihm so plötzlich geschah.

„Lassen Sie erst feuern, wenn wir uns begegnen“, sagte Drake noch einmal. „Die Geschwindigkeit beider Schiffe ist groß, die Begegnung erfolgt sehr schnell, und wenn er die Breitseite voll geschluckt hat, sind wir schon weg und setzen dann noch die achteren Drehbassen blitzschnell ein.“

„Das ist ganz nach meinem Geschmack, Sir“, sagte Fenner anerkennend.

„Noch etwas, Mister Fenner: Sofort nach der Feuereröffnung zeigen wir die englische Flagge, damit dieser Philip auch genau weiß, mit wem er es zu tun hat, und bei wem er sich bedanken kann. Wie sieht es jetzt bei ihm an Deck aus? Einzelheiten zu erkennen?“

„Er ist nicht gefechtsbereit, Sir. Die Stückpforten sind geschlossen, ein paar Männer tummeln sich in der Kuhl, zwei andere befinden sich auf der Back. Die Kerle schlafen, Sir, aber wir werden sie gleich wecken.“

„Überwachen Sie das selbst, Mister Fenner“, ordnete Drake an. Aus seinem Gesicht war jetzt das Lächeln verschwunden, es wurde wieder ernst und verschlossen.

„Aye, aye, Sir“, sagte Fenner steif und ging auf das Batteriedeck, denn die Entfernung schrumpfte jetzt schnell zusammen.

Drake heimste im Stillen weiteren Ruhm für sich ein. Nachdem er eine ganze Weile fast reglos an der Schmuckbalustrade gestanden hatte, nahm er die für ihn typische Wanderung wieder auf und verschränkte dabei die Hände auf dem Rücken.

Er lächelte über Fenners besorgte Worte, der Gegner hätte die günstige Luvposition.

In diesem Falle tat es nichts zur Sache, ob Luv oder Lee, das blieb bei dieser kurzen Begegnung völlig gleich. Daraus würde niemandem ein Vorteil erwachsen, der Don konnte ihm bei der flüchtigen Begegnung nicht den Wind aus den Segeln nehmen.

Aus zusammengekniffenen Augen musterte er die Mannschaft, hörte das Brüllen des Profos, der etliches zu bemängeln hatte, und sah schließlich, daß unter Fenners Aufsicht alles seine Ordnung hatte.

Blieb noch dieser Don, dachte er überheblich, ein Brocken, den man im Vorbeigehen verspeiste, und dem jetzt eine höllische Überraschung bevorstand.

Drake, der immer alles gründlich und gewissenhaft tat, überzeugte sich durch einen Blick auf den Kompaß, daß sein Flaggschiff genau auf dem Kurs lag, den er angegeben hatte. Auch den Stand der Flögel und Segel überprüfte er mit einem schnellen Blick.

Die Schoten waren durchgeholt, es gab nichts zu bemängeln.

Der Tanz konnte losgehen.

Hasard blickte auf seinen Waffenmeister Al Conroy, der sich an Deck gekniet hatte und das Ziel aufnahm. Smoky reichte ihm gerade die Lunte.

Hundertfünfzig Yards, schätzte Hasard, der Al Conroy freie Hand gelassen hatte, um aus der für ihn günstigsten Position zu feuern.

„Jetzt könnte er ja mal so ganz langsam die Ladung herauslassen und dem lausigen Don zeigen, wer …“

Ed Carberrys Worte wurden von einem nachhallenden Dröhnen überlagert, das die Schiffsplanken erzittern ließ.

Vor dem Bug entstand eine rauchgraue Wolke, als die Drehbasse ihren tödlichen Eisenhagel mit wildem Gebrüll ausspie.

Ein paar Sekunden vergingen, dann schlug es drüben mit unglaublicher Präzision in den Bugspriet der heransegelnden Galeone ein.

Der schwere Bugspriet knickte ein wie morsches Treibholz, sackte weg und riß die obere und untere Blinde mit sich. Ein Gewirr aus Tauen, zerfetzten Segeln und zersplittertem Holz bildete augenblicklich einen wüsten Haufen, der über Bord klatschte, von einigen Stangen noch gehalten wurde und sich nur schwerfällig von dem Schiff löste.

Dabei geriet die Galeone leicht aus dem Kurs und scherte weiter nach Steuerbord aus.

Auf der „Isabella“ rissen die Seewölfe die Arme hoch und brüllten Al Conroys Namen, der mit diesem sauberen Schuß den Bug der Galeone in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte.

Zur weiteren Begeisterung blieb allerdings keine Zeit mehr, denn jetzt scheuchte der Profos die Männer an die Schoten und Brassen, und der Rudergänger der „Isabella“ wirbelte das schwere Rad herum, um nach Hasards Anweisungen nach Osten abzulaufen, in Richtung der gefährlichen Sandbänke.

Ben Brighton grinste über das ganze Gesicht und rieb sich die Hände.

„Der kann gar nicht mehr feuern“, sagte er voller Schadenfreude, „denn jetzt ist er beschäftigt. Er muß seinen Kurs korrigieren, und da wir hart ablaufen, kann er nicht mehr seine Breitseite voll einsetzen. Mann, das haben wir diesem lausigen Don aber gründlich vermiest. Ein Meisterschuß war das!“

Auch der Seewolf lachte laut.

„Was Al treffen will, das trifft er auch“, sagte er anerkennend.

„Damit hat der Don nicht gerechnet.“

Inzwischen wurden die Segel nachgetrimmt, die „Isabella“ ging auf den neuen Kurs und zeigte dem angeschossenen Gegner das Heck. Der Don trieb so weit aus dem Kurs, daß man von ihm jetzt ebenfalls nur noch das Heck sah.

Jetzt erst fanden die Seewölfe Zeit, ihre Begeisterung noch lauter hinauszubrüllen. Dieses spanische Tänzchen gefiel ihnen allen, dieses „An-der-Nase-Herumführen“ eines Gegners, der sie überlisten wollte und dann doch das Nachsehen hatte.

Francis Drake blieb kühl und gelassen. Er war ein Mann der sich beherrschen konnte, aber wenn es die Umstände erforderten, konnte er ebenso schnell explodieren.

Noch war er ganz der kühle überlegene Mann, der wohl die Gefahr kannte und das Risiko abzuschätzen vermochte, der sich diesem Gegner aber in seiner leicht überheblichen Art doch stark überlegen fühlte. Als gewieftem Taktiker unterlief ihm dabei der Fehler, einen Gegner zu unterschätzen, selbst wenn der offensichtlich zu schlafen schien.

So wurde es für den Admiral eine bittere Lehre.

Als es auf der ranken Galeone plötzlich aufblitzte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. In der ersten Sekunde hielt er den gewaltigen Blitz für eine Sinnestäuschung, doch als der Donner dröhnend über die See rollte, strafften sich seine Schultern.

Das war der Augenblick, in dem sich alles gleichzeitig abzuspielen schien und sich die Ereignisse überschlugen.

Er hörte das ohrenbetäubende Krachen bis aufs Achterdeck, er sah, wie der Bugspriet auseinanderbarst, wegknickte und, die obere und untere Blinde mit sich reißend, in der See an der Steuerbordseite verschwand.

Sofort gierte das Flaggschiff aus dem Kurs, das Heck schwang herum, die Galeone fiel nach Steuerbord ab, weil die Last der beiden Segel und der Bugspriet hemmend wirkte, bis sie sich endlich durch die letzten Tampen vollständig lösten.

Drake war zutiefst erschüttert. Sekundenlang stand er da, unfähig sich zu rühren, dann wurde sein Gesicht weiß vor Wut. Er drehte sich um und brüllte den Rudergänger an, den nicht die geringste Schuld traf.

„Auf Kurs bleiben, habe ich gesagt!“ schrie er. „Verlassen Sie den Kurs nicht, Mann, oder ich lasse Sie auspeitschen!“

„Sir, ich …“

„Halten Sie den Mund!“ schrie Drake. „Wagen Sie es nicht, mir zu widersprechen! Zurück auf den alten Kurs!“

Zornbebend sah er, wie der vermeintliche Don sofort nach dem Treffer abdrehte und ihnen das Heck zeigte.

Francis Drake beugte sich über die Schmuckbalustrade. Seine grauen Augen schleuderten wütende Blitze, und die Männer duckten sich unter der peitschenden harten Stimme, die erbarmungslos wie eine Geißel auf sie einhieb.

„Unfähiges Pack!“ schrie der Admiral außer sich. „Mister Fenner, sofort aufs Achterdeck!“

Fenner, noch überraschter als der tobende Admiral, hastete mit fliegendem Atem die Holzstufen des Niedergangs hoch und fuhr sich nervös mit der Hand über das Gesicht.

„Damit hat keiner gerechnet, Sir, wir …“

„Schweigen Sie! Lassen Sie feuern, sofort!“

Drake wußte selbst, daß der beim Gegner keinen Treffer mehr landen konnte, aber seine Wut war grenzenlos, daß der Don ihn einfach so übertölpelt hatte, und darum tobte er seinen englischen Dickschädel auf dem Achterkastell aus.

Fenner gab den Befehl zum Feuern sofort weiter, und die verstörten Leute befolgten ihn blindlings, aus Angst vor der scharfen, erbarmungslosen Stimme des Admirals und seines Stabschefs.

Die „Elizabeth Bonaventura“ erbebte unter dem Abschluß einer gewaltigen Breitseite, die tonnenweise Eisen und Blei wahllos in die Gegend spie.

Eine Pulverwand entstand vor dem Schanzkleid, die der Wind jedoch rasch auseinandertrieb.

Fenner registrierte aus den Augenwinkeln, daß die Kugeln in einer Entfernung von mindestens zweihundert Yards in die See klatschten und dort gewaltige Fontänen hochrissen.

Er wollte sagen: Nicht getroffen, Sir, aber das verkniff er sich im letzten Augenblick, als er Drakes Gesicht sah. Das hatte jetzt seine weiße Farbe verloren und wirkte blutrot.

„Das ist mir noch nie passiert“, fauchte Drake. „Dabei hatten wir das Überraschungsmoment einwandfrei auf unserer Seite. Wie konnte das geschehen, Mister Fenner? Was sind das für Satansbraten, die uns mit einem einzigen Schuß den Bugspriet einschließlich der Segel wegschießen?“

„Ein Zufallstreffer, Sir“, versuchte Fenner den aufgebrachten Admiral zu beruhigen, aber Drake war noch lange nicht so weit, daß er seine Ruhe wiedergefunden hatte.

„Ja, ein Zufallstreffer!“ schrie er. „Nur nutzt uns diese Erkenntnis verdammt wenig. Wie stehen wir da! Weshalb ließen Sie das Feuer nicht eher eröffnen, Mister Fenner?“

„Ich handelte nach Ihren Anweisungen, Sir! Sie betonten ausdrücklich, das Feuer erst dann zu eröffnen, wenn …“

Drake winkte erbittert ab. Er sei ein Mann, wie er sich ausdrückte, der es nicht gewohnt sei, sich hinterrücks und heimtückisch übertölpeln zu lassen.

„Der Schiffszimmermann soll mir einen genauen Bericht darüber geben, wie es am Bug aussieht, und bis wann der Schaden behoben sein kann. Veranlassen Sie das Mister Fenner!“

„Sofort, Sir!“

Fenner schickte einen Läufer nach vorn, der den Schiffszimmermann instruierte, doch der hatte mittlerweile schon aus eigenem Entschluß gehandelt und sich den Schaden besehen.

Drake griff, immer noch hochrot im Gesicht und vor Zorn bebend, nach dem Spektiv und richtete es auf das andere Schiff, das ihnen diese überraschende und peinliche Niederlage beschert hatte.

In Drakes Augen war es eine Niederlage, ihm, dem Admiral des Flaggschiffs Ihrer Majestät, den Bugspriet und die Segel wegzuschießen. Und das ohne jede Warnung, überfallartig, „heimtückisch und hinterrücks“. Daß er das gleiche vorgehabt hatte, übersah er dabei in seiner Wut.

„Wir werden diesen Kerlen folgen, Mister Fenner, auch ohne Bugspriet und Blinde. Er ist auf Ostkurs gegangen und muß zwangsläufig kreuzen. Mit Gottes Hilfe werden wir ihn unter Land erwischen. Die vorderen Drehbassen werden ausgerichtet, und sobald er in deren Bereich gelangt, zertrümmern wir ihm das Heck. Spätestens unter Land werden wir ihn stellen. Ich werde nicht eher ruhen, bis ich den Kapitän dieser Galeone hier auf dem Achterdeck vor mir knien sehe.“

„Aye, aye, Sir“, erwiderte Fenner beklommen. Er wurde das dumpfe Gefühl nicht los, es hier mit einem ganz besonders ausgekochten Burschen zu tun zu haben.

Nein, diesen Makel konnten sie als Engländer nicht auf sich sitzen lassen, solche Kleinigkeiten verkraftete der unbeugsame und harte Sir Francis Drake nicht. Er ließ sich nicht beschämen, zumindest von keinem Spanier oder Portugiesen, dazu hatte er schon zu viele von ihnen vor seinen Rohren gehabt.

So etwas untergrub seinen guten Ruf und stärkte nicht gerade die Moral seiner Leute. Deshalb setzte er sich verbissen und stur auf die Fährte der Galeone, die ihnen immer noch das Heck zeigte.

Der Schiffszimmermann erschien auf dem Achterkastell und erstattete seine Meldung.

„Die Bugspiere einschließlich eines Teiles des Klüverbaumes ist weggeschossen, Sir“, sagte er. „Es läßt sich mit Bordmitteln nur sehr schwer beheben, aber ich werde es selbstverständlich sofort in Angriff nehmen. Wir haben eine Ersatz-Spiere an Bord, und der Segelmacher hat auch noch Rahsegel vorrätig.“

Drake hörte mit steinernem Gesicht zu. Schließlich nickte er.

„Gehen Sie gleich an die Arbeit, Mister Blake, und suchen Sie sich so viele Leute aus, wie Sie benötigen. Ich wünsche, daß die Blinde und Oberblinde bald wieder gefahren werden können. Sie werden es schon schaffen, die Bugsprietstange einzusetzen, daran zweifle ich keine Sekunde. Vorrang haben jedoch die Waffenmeister an den vorderen Drehbassen. Passen Sie auf, daß Sie denen nicht ins Gehege geraten, Mister Blake!“

„Aye, aye, Sir!“

Der Zimmermann, ein sonst rauhbautziger Bursche, verbeugte sich und eilte davon. Er hatte einen Heidenrespekt vor dem Admiral, und so verärgert wie heute hatte er ihn noch nie erlebt.

Erst nach und nach beruhigte sich der Admiral, aber jeder sah, daß es innerlich in ihm kochte und brodelte. Von da an ließ er auch die fremde Galeone keine Sekunde mehr aus den Augen.

Er hatte diesen Gegner unterschätzt, das gestand er sich selbst etwas später vorbehaltlos ein, und jetzt galt es, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Ein zweites Mal sollte ihm das nicht mehr passieren.

Die „Elizabeth Bonaventura“ drehte noch weiter in den Wind und jagte dem anderen Schiff nach, das in eigenartigen Schlägen zu kreuzen begann.

Drake runzelte die Stirn und fragte sich was dieser Bursche wohl mit seinen merkwürdigen Kreuzschlägen bezweckte. Auf diese Art und Weise konnte er ihm nicht entwischen, das kostete ihn nur Zeit.

Und weit und breit war kein anderes Schiff zu sehen, das diesem Spanier eventuell helfen konnte.

Nach einer Weile wechselte der Gegner erneut den Kurs. Er drehte von Ost auf Ostsüdost und schließlich nach Südost.

Drake und Fenner verfolgten das Manöver aus schmalen Augen.

„Zweifellos segelt dieser Bastard schneller als wir, aber er hat Angst, in den Bereich unserer Geschütze zu geraten. Hat der Stückmeister sofort wieder nachladen lassen?“

„Wir sind gefechtsbereit, Sir“, antwortete Fenner diensteifrig und hoffte, daß die üble Laune des Admirals bald vorübergehen möge, denn jetzt schienen Drake die Manöver des anderen brennend zu interessieren.

„Sehr gut, ich denke, diesmal pakken wir ihn von der anderen Seite. Geben Sie Befehl auf die Stationen, aber warten Sie noch einen Augenblick, Mister Fenner, ich will sehen, wie er manövriert, um ihn besser packen zu können.“

„Er segelt stur Südostkurs, Sir. Wenn wir nach Süd …“

Drake sah seinen Stabschef gelassen an.

„Ich weiß, was ich zu tun habe, Mister Fenner“, sagte er kühl und einigermaßen beherrscht. „Wir gehen wieder auf Südkurs und verlegen ihm den Weg. Sollte er erneut den Kurs ändern, haben wir nicht viel verloren. Er gerät damit in den Bereich unserer Kanonen.“

„Dann werden wir es ihm heimzahlen, Sir“, versprach Fenner mit grimmigem Gesicht. „Sollen wir die englische Flagge zeigen?“

Drake überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf.

„Noch nicht, erst wenn wir ihn vor den Rohren haben.“

Hasard blickte wieder durch das Spektiv und nickte anerkennend.

„Ein zäher Bursche, das muß man ihm lassen. Seit wir ihm die Blinde weggeschossen haben, ist bei ihm an Bord der Teufel los, und jetzt will er es wissen.“

„Er segelt wie der Teufel hinter uns her“, sagte Ben und grinste. „Wie ein wütender, bis zum Bersten angefüllter Teufel, aber er schafft es nicht, wir sind schneller.“

Er sah, wie der Seewolf die Lippen verzog, bis man seine weißen Zähne blitzen sah. Ja, jetzt war dieser schwarzhaarige Satan wieder in seinem Element, jetzt dachte er mit Haken und Ösen, um den Gegner aufs Kreuz zu legen, nachdem er mit ihm Katze und Maus gespielt hatte.

„Pete! Kursänderung auf Ostsüdost. Die anderen an die Brassen und Schoten, aber noch nicht dichter holen. Wir ändern später noch einmal den Kurs auf Südost.“

Brighton und Big Old Shane warfen sich einen Blick zu. Der alte Waffenschmied von der Feste Arwenack, stieß dem Bootsmann leicht den Daumen in die Rippen.

„Sieh ihn dir an“, sagte er mit seiner tiefen Stimme. „Sieh ihn dir genau an, diesen Teufelsbraten. Weißt du, was er jetzt gerade ausheckt?“

Brighton brauchte immer erst etwas Anlauf, bis er in Fahrt geriet, aber dann war er voll da.

„Ich kann es mir denken“, sagte er leise, „er will den Burschen in die Falle locken. Aber es ist ein Spanier oder ein Portugiese, und ich nehme an, daß der sich hier noch besser auskennt als wir. So einfach wird das nicht gelingen.“

„Abwarten, Ben. Der Bursche ist blind vor Wut, ihm geht es nur darum, die Scharte auszuwetzen, und ein blindwütiger Gegner begeht Fehler und bemerkt sie meist zu spät. Früher oder später wird er aufbrummen.“

Hasard drehte sich um und klemmte das Spektiv unter die Achselhöhle.

„Der Name ist kaum zu erkennen“, sagte er, „irgend etwas mit ‚naventura‘ am Ende. Liegt der Kurs an, Pete?“

„Liegt an, Sir!“

„Du weißt, daß du jetzt höllisch aufpassen mußt“, schärfte der Seewolf seinem besten Rudergänger noch einmal ein. „Ich lasse jetzt die Blinde wegnehmen, damit du bessere Sicht hast. Zwei Mann stehen auf der Bank und geben dir Zeichen, für alle Fälle.“

Die große Sandbank, die sie jetzt umsegelten, sah man kaum. Aber das Wasser auf ihr war nicht tiefer als eineinhalb Faden. Pete Ballie segelte die „Isabella“ hart daran vorbei, bis ihm von der Back aus Zeichen gegeben wurden, daß das Wasser wieder tiefer wurde.

„Neuer Kurs Südost!“ rief Hasard.

Die Segel wurden getrimmt, der Wind fiel jetzt dwars ein. Der Seewolf blickte wieder zu der Galeone hinüber.

„Ich hoffe, daß er in seinem Eifer versuchen wird, uns den Weg zu verlegen“, sagte er ruhig. „Wenn er sich hier allerdings sehr gut auskennt, fällt er nicht darauf herein. Ändert er aber den Kurs auf Süd, dann brummt er auf und wir können uns die Hände reiben.“

„Und wenn nicht?“ fragte Ben.

„Dann haben wir ihn ein bißchen geärgert und versuchen es später noch einmal.“

Ein paar Minuten vergingen, in denen fast alle gespannt nach dem Segler blickten.

„Er fällt ab!“ schrie Dan begeistert. „Er geht tatsächlich auf Südkurs.“ Hasard stemmte die Fäuste in die Hüften und ließ keinen Blick mehr von dem Schiff.

Gleich darauf hörten sie ihn lachen, so laut, wie er schon lange nicht mehr gelacht hatte. Es war ein höhnisches Lachen voller Schadenfreude, in das die Seewölfe sofort einfielen. Die „Isabella“ erzitterte unter diesem Höllengelächter, und ein paar der Männer krümmten sich und höhnten über den Gegner, denn der bäumte sich plötzlich auf, als er die Sandbank rammte. Und dann saß er fest.

Francis Drake bemühte sich immer noch, seinen Zorn zu unterdrükken. Nach außen hin schaffte er es auch, aber innerlich fühlte er sich mit Wut bis zum Bersten angefüllt.

Man sah es ihm an, wenn er, die Hände auf dem Rücken verschränkt, von einer Seite zur anderen lief, an dem fast reglos stehenden Fenner vorbei, vor dem Schanzkleid wieder umkehrte und seine rastlose Wanderung erneut aufnahm.

Es ging ihm alles nicht schnell genug, er wollte dem Spuk ein Ende bereiten, und so blieb er ruckartig stehen, als von der Back her ein heller Schrei gellte.

Drake verstand ihn nicht. Er blickte irritiert nach vorn und sah dann Fenner an.

In diesem Augenblick hob eine unsichtbare Riesenfaust die „Elizabeth Bonaventura“ ruckartig aus dem Wasser und stoppte sie auf der Stelle.

Der Stoß war so gewaltig, daß die Masten erzitterten, die Rahen wild zu schwingen begannen und auf Deck zu stürzen drohten: Wie durch ein Wunder blieben sie oben.

Dafür warf der Stoß die Männer um. Das Schiff erzitterte in allen Spanten und Fugen, knirschend, krachend und schlurfend wühlte es sich in den Sand.

Drake kippte nach vorn, verlor den Halt und stürzte, streckte jedoch noch geistesgegenwärtig die Hände vor und milderte seinen plötzlichen Sturz dadurch etwas ab.

Thomas Fenner verlor das Gleichgewicht und knallte in voller Länge auf die Planken, und als er schmerzhaft das Gesicht verzog, fiel der Rudergänger wie ein nasser Sack über ihn.

Drake versuchte, sich einigermaßen würdevoll zu erheben. Er hatte das Gefühl, jemand habe ihm ein glühendes Messer ins Herz gestoßen.

Er verspürte keinerlei Schmerz, aber die Erkenntnis, wie ein blutiger Anfänger auf eine Sandbank gelaufen zu sein, versetzte ihm einen so nachhaltigen Schock, daß er geraume Zeit keine Worte fand. Er stand nur da, zutiefst gedemütigt. Er fühlte sich von Gott persönlich bestraft und verachtet, und dann stieg der Zorn in ihm hoch wie eine Riesenwoge, die ihn überschwemmte.

Was die schockierten Männer vorhin erlebt hatten, war nichts im Vergleich zu dem, was sie jetzt sahen und hörten.

Niemand entsann sich, den Admiral schon einmal in einer ähnlichen Verfassung gesehen zu haben.

Der stämmige, untersetzte Mann brüllte und tobte, hob beide Fäuste hoch und schüttelte sie in ohnmächtigem Zorn. Vor Zorn bebend und lauthals fluchend drohte er allen, die er sah, bis ihm nach einer Weile buchstäblich die Luft ausging und er sich fast heiser geschrien hatte.

Fenner schlich geknickt davon, brüllte den Profos an und befahl ihm laut, er solle endlich die verdammten Segel ins Gei hängen, oder ob er wünsche, daß sich die lausige Galeone noch tiefer in den Sand wühlen solle.

Die Männer arbeiteten schweigend und bedrückt und beeilten sich höllisch, denn jetzt würde der große Tanz erst richtig beginnen. Sie kannten Drake, der brauchte einen Schuldigen, auch wenn er sich selbst genügend Mitschuld gab. Niemand wollte jetzt mit dem Rudergänger tauschen, denn dem ging es mit Sicherheit zuerst an den Kragen.

Brüllend verlangte Drake, man solle Flagge zeigen, um sich zu erkennen geben.

Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis die englische Flagge hochgezogen wurde.

Die „Isabella“ hatte inzwischen angeluvt, war durch den Wind gegangen und lief jetzt mit achterlicher Brise Westkurs, in Richtung der gestrandeten Galeone.

Die Kanonen waren feuerbereit, die Stückpforten hochgezogen. Die Seewölfe lauerten darauf, sofort zu feuern, sobald die gestrandete Galeone das Feuer eröffnen würde.

„Er wird es nicht wagen, zu feuern“, versicherte Carberry. „Denn dann weiß er genau, was ihm blüht. Wir können ihn in aller Ruhe auseinandernehmen, und so dämlich wird der Don nicht sein, denn jetzt ist er so hilflos wie ein Säugling.“

„Zeigt dem Kerl unsere Flagge“, befahl Hasard, „damit er weiß, mit welch ehrenwerten Leuten er es zu tun hat. Der Schreck wird ihm in die Knochen fahren, und wir werden ihn zum Streichen seiner eigenen Flagge auffordern, falls er sie zeigt.“

Die „Isabella“ segelte weiter. Die Entfernung schmolz ziemlich schnell zusammen, als Hasard plötzlich die Augen zusammenkniff und angestrengt zu dem vermeintlichen Spanier starrte.

Dort ging jetzt ebenfalls die Flagge hoch. Sie wurde als gebundenes Päckchen hochgezogen, ein harter Ruck an der Flaggleine, und sie entfaltete sich und wehte aus.

Hasard verschluckte sich fast. Er drehte sich verblüfft um und sah seine Männer an.

„Was seht ihr?“ fragte er rauh.

„Die – die englische Flagge“, stammelte Dan O’Flynn konsterniert. „Das ist sicher ein Trick“, setzte er hinzu.

Stumm und verdattert sahen sich die Männer an, blickten dann wieder auf die englische Flagge der Galeone und schüttelten immer wieder die Köpfe, als könnten sie es nicht begreifen.

„Wenn das stimmt“, murmelte der Seewolf, „dann haben wir unsere eigenen Landsleute unter Feuer genommen, wir Idioten!“

Er ließ Segel wegnehmen und die „Isabella“ wieder in den Wind drehen, denn jetzt wollte er es genau wissen.

Gleich groß war die Verblüffung auf dem Flaggschiff, als die heransegelnde Galeone die englische Flagge zeigte.

Drake, dem fast die Galle platzte, kriegte einen neuen Schock. Schnaufend stieß er die Luft aus und umklammerte mit seinen Händen die Schmuckbalustrade, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Dieser Bastard“, murmelte er fassungslos. „Dieser lausige Kerl! Wenn das ein Engländer ist, lasse ich mit dem Kapitän dieser Galeone das Deck aufwischen. Das ist die größte Schweinerei, die mir je passiert ist. Das ist einfach unbegreiflich.“

„Sollen wir ihm eine Breitseite verpassen, Sir?“ fragte Fenner mit hochrotem Kopf. „Da steckt doch sicherlich ein Trick dahinter, die schießen uns jetzt zusammen.“

„Nein, wir feuern nicht“, sagte Drake entschieden. „Er wird vermutlich damit rechnen und sich vorbereitet haben. Wenn sich jedoch da drüben auch nur ein einziger Schuß löst, jagen wir alles Eisen aus den Rohren.“

Aber drüben löste sich kein Schuß. Die Segel wurden aufgegeit bis auf die Fock und dann ging die Galeone in den Wind.

Zum ersten Male sah Drake den Namen des Schiffes.

„Isabella VIII.“ stand dort, und dieser Name ließ den Admiral plötzlich sehr nachdenklich werden und etwas in ihm anklingen, das schon lange der Vergangenheit angehörte.

3.

Die Aufregungen rissen nicht ab. Sie häuften sich in geradezu grotesker Weise.

Hasard, der durch überlegtes Taktieren die Vorteile immer auf seiner Seite hatte und den Gegner wie eine Marionette bewegte, erhielt jetzt fast einen Schlag ins Gesicht, als er den grimmigen untersetzten Mann mit dem rötlichbraunen Spitzbart erkannte.

Die Erkenntnis, Francis Drake vor sich zu haben, warf ihn fast um.

Er erkannte ihn auf Anhieb, dieses unverwechselbare Gesicht, die harten grauen Augen, die so kühl blikken konnten, und die stämmige Figur.

Blitzartig rollten längst vergangene Ereignisse vor seinem geistigen Auge ab.

Er starrte Drake in die Augen, der starrte genauso entgeistert zurück, und in diesem Augenblick rollten die Ereignisse noch einmal vor Hasard ab.

Hasard war auf die „Marygold“, die Drake damals befehligte, gepreßt worden, zusammen mit dem damaligen Bürschchen Daniel O’Flynn, dem vorlauten rotzfrechen Bengel. Dort hatte er auch zum ersten Male den Profos Edwin Carberry kennengelernt, der sich seiner damals so „liebevoll“ angenommen hatte. Bei der dann folgenden Prügelei zog Carberry den kürzeren, und Hasard verschaffte sich den ersten Respekt.

Die drei Jahre dauernde erste Weltumsegelung begann, bis Hasard das Kommando über die „Isabella“ erhielt. An der Westküste Südamerikas stießen die beiden unnachgiebigen Männer dann hart zusammen. Anlaß war der Profos Carberry, der auf Drakes Befehl und nach einem Bordgericht den Höfling Thomas Doughty wegen schwerer Verfehlungen hatte köpfen müssen.

Der Bruder des Hingerichteten, John Doughty, sann auf Rache, bis seine Stunde endlich kam.

In dieser Sturmnacht hatte Carberry Wache, und als die Gischt über die „Golden Hind“ stäubte, kriegte er einen Stoß ins Kreuz und flog über Bord. Carberry gelang es, sich am nachgeschleppten Beiboot festzuklammern, doch Doughty war das nicht entgangen, und so kappte er kurzerhand die Leine und ließ das Boot treiben. Erst nach unglaublichen Strapazen erreichte Carberry Land und geriet an die Spanier, die ihn fast zu Tode folterten, bis der Seewolf ihn in Trujillo befreite. Was der Profos dabei durchgestanden hatte, war mit Worten kaum noch zu beschreiben.

Kurz darauf traf der Seewolf wieder mit Drake zusammen. Seine Forderung, den verbrecherischen Doughty vor ein Bordgericht zu stellen, lehnte Drake kategorisch ab.

Daraufhin entstand das schwere Zerwürfnis zwischen den beiden Männern, aber Drake stellte sich vor Doughty und dachte nicht daran, ihn zu bestrafen.

Hasard wandte sich verächtlich von ihm ab, und er glaubte noch heute, Drakes letzte Worte zu hören.

„Hier trennen sich nun also unsere Wege, Killigrew!“

„Grüßen Sie den Mörder“, hatte der Seewolf kalt erwidert, „eines Tages hole ich ihn mir vor die Klinge, und dann erhält er das, was Sie zu feige sind, hier zu vollbringen!“

Drake steckte diese moralische Ohrfeige mit verbissenem Gesicht ein, aber er vergaß sie nie, denn er war nachtragend und trotzig, obwohl Hasard das moralische Recht auf seiner Seite hatte. Drake war nicht der Mann, der vergessen konnte, zumal Hasard sich vor den Profos stellte – in Drakes Augen eine Unmöglichkeit, denn der Profos zählte nach seiner Ansicht zum gemeinen Schiffsvolk und stand rangmäßig weit unter dem Höfling Doughty.

Von da an hatten sich die Wege der beiden Männer getrennt und sie sahen sich nicht mehr wieder – bis zum heutigen Tag.

Drakes Innerstes wurde tief erschüttert, als auch er den Mann erkannte. Die langen schwarzen Haare, in denen der Wind spielte, die eisblauen Augen, die ihn spöttisch und zugleich auch höhnisch musterten, die Narbe, die auf der Stirn begann und sich bis zur Wange zog.

Der Seewolf! Philip Hasard Killigrew! Der wilde unnachgiebige Kerl, der aus einer ganz bestimmten Sorte Eisen geschmiedet war, dieser unbeugsame, harte Bursche, der ihn gedemütigt hatte und dann stolz davongesegelt war.

Nein, Drake hatte ihn nicht vergessen, auch den grimmig blickenden narbengesichtigen Kerl nicht, der neben ihm stand, breit wie eine Rah, und dessen narbiges Gesicht sich ebenfalls zu einem ganz infamen Grinsen verzog.

Drake hielt mühsam die Tränen blanker Wut zurück, die seine grauen Augen wässerig werden ließen. Ein buntes Kaleidoskop wirbelte durch seinen Schädel und verursachte eine Rebellion in seinem Magen. Gedankensplitter schossen ihm durch den Kopf, zusammenhanglos, verwirrend. Bugspriet, Sandbank, aufgelaufen, auf den miesen, hinterhältigen Trick dieses überlegenen Kerls hereingefallen, der es sich ohne weiteres erlauben konnte, zu grinsen und ihm, dem Admiral des Flaggschiffes, blanken Hohn an den Kopf zu werfen.

Das ging Drake unter die Haut, das hinterließ brennende Wunden, die nicht zu heilen waren, das demütigte ihn zutiefst, ließ ihn klein und häßlich werden und zugleich vor Wut kochen.

Seine Erbitterung äußerte sich in einem Ächzlaut, der qualvoll aus seinem zuckenden Mund brach. Er fühlte sich wie ein Seekranker, dessen Magen längst leer war und sich in Krämpfen wand.

Dieser schwarzhaarige Bastard, dachte er benommen. Was niemand wagte, er wagte es, er schoß ihm die Blinde weg, lockte ihn schlitzohrig hinter sich her, ließ ihn eiskalt auf eine Sandbank auflaufen und kehrte dann siegessicher zurück, um ihn zu verspotten.

Hatte er es vielleicht anders verdient, dachte Drake bitter. War er nicht wie ein Narr hinter diesem Killigrew hergesegelt und prompt in die Falle gelaufen? Bestand dieser dreimal verfluchte Killigrew nicht aus ständig neuen Tricks?

Er glaubte, die Mannschaft tuscheln zu hören, wie sie verächtlich über ihn grinsten, wie er an Ehre und Ansehen verlor, von einem lausigen Bastard derart geleimt und schachmatt gesetzt worden zu sein.

Aber die Demütigungen gingen noch weiter.

Carberry, der Profos der ehemaligen „Golden Hind“, unter seinem, Drakes, Befehl stehend, bog sich, hielt sich die Pranken vor den Bauch und begann so schauerlich laut und brüllend zu lachen, daß Francis Drake in heller Wut zum Degen griff und ihn aus der Scheide riß.

Das schien diesen häßlichen narbigen Kerl aber nur noch mehr zu amüsieren, denn jetzt sprang er auf seinen mächtigen Beinen in die Höhe, lachte, bis ihm Tränen in die Augen traten und er sich nicht mehr beruhigen konnte.

Ein verdammtes Schiff voller brüllender und hüpfender Gestalten, dachte Drake, denn jetzt fiel der ganze Chor ein, zeigte zu der aufgelaufenen Galeone, erkannte Francis Drake natürlich auch und lachte, lachte immer schauriger. Und auf der „Elizabeth Bonaventura“ standen sie da, geknickt, beschämt, gedemütigt und mußten sich das Gebrüll dieser Horde rot- schwarz- und blondhaariger Decksaffen anhören, ob sie wollten oder nicht.

Drake war wie betäubt, und er zuckte zusammen, als auf der „Isabella“ der Anker klatschend ins Wasser fiel.

„Sie, Killigrew!“ tobte Drake und schüttelte die Faust, weiß vor grenzenloser Wut im Gesicht. „Das werden Sie büßen, das verspreche ich Ihnen, so wahr ich hier stehe! Dafür gibt es keine Entschuldigung, niemals! Weshalb haben Sie nicht die englische Flagge gezeigt, um diesen Irrtum zu vermeiden!“

Haßerfüllt starrte er in die eisblauen Augen des Seewolfs, der ihn überlegen grinsend musterte, und dem man seine Gedanken fast an der Stirn ablesen konnte.

Seine Stimme durchfuhr Drake wie der Schlag einer Peitsche. Sie klang spottend und trotzdem sehr gelassen.

„Weshalb taten sie das nicht, Sir? Hatten Sie keine Zeit mehr dazu? Nein, natürlich nicht, Sie mußten ja wie ein blutiger Anfänger die Sandbank entern!“

Wieder gab es unter den rauhen Kerlen Gelächter, das der Seewolf mit einer Handbewegung stoppte.

„Ich befehle Ihnen …“ brüllte Drake.

Doch die kühle Stimme unterbrach ihn wieder. „Sie haben mir nichts zu befehlen, Sir, nicht soviel!“ Hasard schnippte mit den Fingern. „Ich bin Ihnen nicht unterstellt, und ich habe auch nicht die Absicht, mich Ihnen jemals unterzuordnen. Das nur zu Ihrer Information! Ich bin und bleibe ein freier Mann, solange bis mich der Teufel holt.“

„Selbst dem wird er sich nicht unterordnen, Sir!“ schrie Carberry mit seiner Donnerstimme dazwischen, und wieder begann lautes Gelächter und brandete wie eine heiße Woge herüber.

„Hoffentlich holt der Teufel Sie heute noch“, zischte Drake in verständlicher Erregung. Immer wieder mußte er sich zusammenreißen, um sich nicht mit lautem Gebrüll über diese elende Schmach ins Meer zu stürzen und zur „Isabella“ hinüberzuschwimmen.

Der Seewolf stand breitbeinig auf dem Achterdeck und lachte. Er empfand diese Situation als köstlich, und er nutzte sie auch rigoros aus, so wie es andere an seiner Stelle auch getan hätten.

Drake erhielt nur die Quittung für sein damaliges Verhalten, egal welchen Rang er auch heute bekleiden mochte. Der Seewolf dachte nicht daran, vor einem Admiral zu kuschen.

„Man sollte sich seinen vermeintlichen Gegner vorher immer sehr genau ansehen, ehrenwerter Sir.“ höhnte er. „Sonst beißt man auf Eisen, und das hat schon so manchen, die Zähne gekostet. Ich will aber nicht nachtragend sein, Sir. Selbstverständlich bin ich gern bereit, Sie von der Sandbank wieder herunterzuziehen. Wir haben ja Erfahrung darin, oder haben Sie vergessen, daß ich Sie damals in Irland, im Blackwater, schon einmal von einer Sandbank geholt habe? Das war die ‚Marygold‘, wenn ich mich richtig entsinne, Sir. Und es war wieder einmal Ihr Starrsinn, der Sie auflaufen ließ, obwohl ich Sie warnte, nicht zu dicht unter Land zu segeln.“

Der Hohn aus den Worten troff wie zäher Sirup über Francis Drake.

Dieser schwarzhaarige Bastard verstand es meisterhaft, ihm vor der gesamten Mannschaft den Rest zu geben. Er deckte schonungslos seine Schwächen auf, die Drake bemüht war, zu verbergen.

Drakes Nerven vibrierten, auf die anderen wirkte er wie ein Pulverfaß, an dem die Lunte brannte.

Er legte alle Kraft in seine Stimme und brüllte: „Scheren Sie sich zum Teufel, Killigrew, fahren Sie zur Hölle! Ich verzichte auf Ihre Hilfe, ich pfeife darauf. Holen Sie den Anker auf, und verschwinden Sie aus meiner Nähe, sonst lasse ich, bei Gott, eine Breitseite auf Sie feuern!“

Hasard lachte stoßartig auf.

„Ehrenwerter Sir!“ rief er zurück. „Sie wollen doch nicht leichtsinnig das Leben Ihrer Crew und das Ihrer Seesoldaten aufs Spiel setzen! Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber ich verspreche Ihnen, daß Ihre ‚Elizabeth Bonaventura‘ anschließend nur noch aus einigen rauchenden Planken besteht! Sie wissen, daß ich mein Wort halte!“

Drake blickte hilflos auf Fenner, der diese Ungehörigkeit des Seewolfs als permanente Ohrfeigen empfand und mit den Zähnen knirschte.

Er hätte vor Wut heulen können, und deutete mit dem Daumen aufs Batteriedeck hinunter, wo die Geschütze standen. Dabei legte er fragend den Kopf schief.

„Ich sollte ihn wirklich zusammenschießen lassen“, murmelte der Admiral. „Dieser impertinente Kerl geistert wie ein Alptraum durch mein Leben.“

„Eine Breitseite ist schnell abgefeuert, Sir“, sagte Thomas Fenner hitzig. „Er kann nur acht Kanonen einsetzen, wir hingegen können ihn total in die Luft blasen.“

Drake schüttelte müde und entsagungsvoll den Kopf.

„Er hat irgendeinen Trumpf in der Hand, das weiß ich, denn sonst könnte er nicht so selbstsicher auftreten. Nein, nein, es geht nicht, daß sich Engländer von Iberiens Küsten gegenseitig bekriegen. Unsere Situation ist prekär genug, Fenner. Wir werden genug zu tun haben, um uns aus dieser Lage selbst zu befreien.“

Fenner hatte den Admiral noch nie so demoralisiert gesehen, und so wandte er sich mit einem Schulterzucken ab.

„Befehlen Sie ihm noch einmal, zu verschwinden!“ rief Drake dem Mann nach.

Fenner trat ans Schanzkleid und brüllte ebenfalls aus voller Kraft hinüber: „Der Admiral verlangt, daß sie augenblicklich verschwinden, Killigrew! Ein drittes Mal wird die Aufforderung nicht wiederholt!“

„So sparen Sie wenigstens den Atem!“ rief Hasard zurück. „Aber wir werden trotzdem bleiben, richten Sie das dem ehrenwerten Admiral aus. Wir werden ihn beschützen, damit kein Malheur passiert, wenn hier Spanier oder Portugiesen aufkreuzen. Wir werden über euch wachen wie besorgte Väter.“

„Jawohl, Sir!“ brüllte der Profos. „Wir behüten euch wie eine Mutter ohne Brust, denn was wollt ihr gegen die Dons ausrichten! Ihr werdet ja nicht mal mit einem fertig! Ihr seht ja nicht einmal die Sandbänke, wenn nicht ständig einer mit der Laterne vor dem Schiff hergeht und euch leuchtet!“

Erneut brandete wieherndes Gebrüll auf. Auf der „Isabella“ amüsierte man sich köstlich, wogegen man auf dem Flaggschiff pausenlos Ohrfeigen einsteckte und nicht der geringste Anlaß bestand, auch nur verschämt zu grinsen.

Drake aber wußte, daß er in eine böse Falle gelaufen war, die ihnen allen zum Verhängnis werden konnte, falls die Dons hier auftauchten, denn diesen fetten englischen Brokken ließen sie sich ganz sicher nicht entgehen, so hilflos wie er war.

Er konnte diesen Killigrew nicht mehr sehen, bei seinen Worten wurde ihm speiübel, und er würde diese Niederlage auch nie verkraften, das wußte er, nie in seinem Leben.

„Sie übernehmen vorläufig das Kommando an Deck, Fenner“, sagte er müde, und über seinen grauen Augen schien ein trüber Schleier zu liegen. „Wir warten ab. Gefechtsbereitschaft bleibt bestehen. Ich glaube, der heutige Tag war etwas anstrengend für uns.“

„Ja, das glaube ich auch, Sir. Aye, aye, Sir, ich lasse Sie wecken, falls etwas Unvorhergesehenes eintritt.“

„Ich habe nicht gesagt, daß ich mich schlafen lege, Mister Fenner“, erwiderte Drake hochmütig. „Ich kann nur den Anblick dieses Schiffes nicht mehr ertragen, ohne krank zu werden.“

„Ich verstehe, Sir.“

Drake ließ die Schultern hängen, als er ging.

„Sie verstehen gar nichts“, murmelte er. „Sie können es auch gar nicht verstehen, es ist reichlich kompliziert.“

Fenner sah ihm nach, als er ging. Ein gebrochener Mann, mit dem er plötzlich Mitleid empfand. Drake schien nicht mehr derselbe zu sein, nicht mehr der harte unbeugsame Admiral.

Genau genommen, dachte Fenner, sah er aus wie ein müder alter Mann, der die Lust am Leben verloren hat.

Und das alles hatte der schwarzhaarige Kerl mit ein paar Worten bewirkt?

Fenner sah zu der Galeone des Seewolfs hinüber. Ihn fror plötzlich, einfach so, aus keinem besonderen Anlaß. Vielleicht waren es die Augen dieses Höllenhundes, die so kalt wie Polareis schimmern konnten.

Drake war noch keine Viertelstunde fort, als er wieder an Deck erschien. Er sah etwas frischer aus und seine Schultern hatten sich wieder gestrafft, aber er vermied es, zu der Galeone des Seewolfs hinüberzublikken.

„Ich war vorhin wohl etwas durcheinander, Mister Fenner“, sagte er kühl. „Natürlich warten wir nicht ab, sondern beginnen unverzüglich mit der Arbeit. Ich möchte nicht auf diesen Killigrew zurückgreifen müssen, es wäre zu beschämend. Wir versuchen selbst, uns herunterzuziehen. Lassen Sie Anker ausbringen, der Profos und der Bootsmann verstehen ihr Handwerk. Treiben Sie die Leute ordentlich an, lassen Sie eine Extraration Rum an die Mannschaften ausgeben. Natürlich sollen Sie das nicht selbst tun, Mister Fenner, geben Sie den Befehl weiter, tut mir leid, wenn ich mich immer an Sie wende, aber Sie verstehen mich schon.“

„Aye, Sir, ich werde alles veranlassen.“

Nachdem die Ration Rum ausgegeben worden war, begann auf der „Elizabeth Bonaventura“ eine äußerst schweißtreibende Arbeit.

Da wurden Boote zu Wasser gelassen, da wurde gebrüllt, geschrien und geflucht, und über allem stand später der Mond und blickte seelenruhig und milde herunter.

4.

Bei Beginn der Nacht gab, es keine fauleren Burschen als die Seewölfe auf der „Isabella“.

Sie hockten ausnahmslos an Deck und sahen gespannt und belustigt auf das Treiben gegenüber.

Einige hingen faul und träge wie große Spinnen in den Webleinen der Wanten, andere hockten mit herabbaumelnden Beinen auf dem Handlauf des Schanzkleides, und ein großer Teil saß auf der Kuhlgräting und verfolgte interessiert, wie die aufgescheuchten Seesoldaten und Mannschaften wohl ihr Schiff vom Dreck ziehen wollten.

Daß ihr Tun von kräftigen und ironischen Kommentaren gewürzt wurde, verstand sich von selbst.

Carberry lehnte däumchendrehend am Schanzkleid und grinste, als die Kerle den schweren Anker ausbrachten und sich verzweifelt abmühten, ihn ins Boot zu hieven.

„Ha, ihr triefäugigen Kanalratten!“ schrie Ed. „Ihr müßt das Boot austrimmen. Ihr stellt euch an wie Nachttopfsegler!“

„Halt dein Maul, du Narbengesicht!“ schrie einer der Seesoldaten sauer zurück. „Ihr hockt da wie faule Hunde!“

„Klar, wir sind ja auch nicht so bescheuert und segeln auf Sandbänken spazieren.“ Carberry hob dozierend den Zeigefinger hoch. „Merke, du Kakerlake“, sagte er, „wer kein Wasser unter dem Kiel hat, sollte nicht zur See fahren, du lausiger Sandrutscher!“

„He, ihr Schlickrutscher!“ rief Smoky und schwenkte eine halbvolle Weinflasche. „Stellt euch doch mit hundert Mann auf die Sandbank und hebt den Kasten vorn hoch, dann gehts besser!“

Unter dem anfeuernden Gebrüll der Seewölfe wurden die Männer von Drake wütend und sauer und schrien lautstark zurück.

Matt Davies hob seine Hakenprothese, die im Mondlich blitzte.

„Hier, ihr müden Säcke, damit ziehe ich euer Schiffchen ganz allein vom Dreck!“

Auch der herkulische Gambianeger Batuti ließ sein fürchterliches Englisch vom Stapel und grinste.

„Sitzen wie faules Krokodil auf Sandbank, und wenn kommen Dons, werden euch Feuer machen unter Achtersteven, bis Hosen qualmen.“

Er zuckte zurück, als zwei kleine Gestalten wie die Teufel an ihm vorbeirasten, eine dritte verfolgend, die mit einem Affenzahn übers Deck fegte, mit einem wilden Satz in die Wanten sprang und blitzschnell aufenterte.

Hasard und Philip, die Zwillingssöhne des Seewolfs, hatten den Schimpansen Arwenack aus der Kammer gelassen und scheuchten ihn jetzt über Deck, sein Gekecker nachahmend.

Mit einem Satz wollten sie in die Wanten. Arwenack nach, der sich bis in den Topp verzogen hatte.

Old O’Flynn kriegte einen der wilden Rangen gerade noch am Genick zu fassen und hielt ihn fest. Wie angenagelt blieb auch der andere, Philip, stehen und blickte den alten O’Flynn treuherzig an.

„Wollt ihr Rotznasen wohl den Affen in Ruhe lassen!“ schrie er. „Das geht ja hier zu wie in einem Tollhaus. Verschwindet in eure Kojen, ihr Lümmel!“

„Nix verstehen“, sagte Hasard prompt, und auch der andere Lümmel grinste den Alten an und sagte: „Auch nix verstehen, Sir!“

„Ihr Wasserflöhe, ihr lausigen, ihr versteht ganz gut. Holzbein, du verstehen?“ fragte er Hasard.

Der Junge, seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, und der clevere der beiden, nickte ernsthaft.

„Holzbein“, wiederholte er. „Da, Feuer an Schiff!“

Der Alte fiel auf den lausigen Trick herein und drehte sich um. Er sah zwar kein Feuer, aber er wußte, daß ihn die beiden Burschen wieder einmal kräftig geleimt hatten, denn als er herumfuhr, waren die Kerlchen längst verschwunden und jagten wieder wie junge Hunde über Deck. Und von der Back tönte im Duett aus kreischenden Kehlen der Ruf: „O’Flynn, Holzbein, du verstehen?“

„Ich werde euch das Holzbein noch überziehen“, versprach der Alte grimmig und handelte sich dabei einen strafenden Blick seines Sohnes Dan ein, dessen Rückgrat früher oftmals Bekanntschaft mit dem Holzbein geschlossen hatte.

Als es Hasard zu viel wurde, pfiff er einmal durch die Finger. Die beiden standen wie aus dem Boden gewachsen vor ihm und bauten sich rechts und links vor ihm auf.

Hasard strich ihnen über die schwarzen Haare und beugte sich ein wenig hinunter.

„Genug jetzt, Hasard und Philip“, sagte er, preßte die Hände zusammen und legte sie unter den schiefgehaltenen Kopf.

„Jetzt geht es in die Kojen, ihr Banausen. Schlafen, verstanden?“

„Aye, aye, Sir“, ertönte es im Chor, und beide grinsten wie auf ein geheimes Kommando.

„Dann ab mit euch!“

Wenn Hasard etwas sagte oder durch Zeichen andeutete, wie eben das Schlafen, begriffen die beiden sofort. Sie wurden brav wie die Lämmer und marschierten ab.

Der Seewolf sah ihnen nach und lächelte, wie sie einträchtig nebeneinander gingen, die kleinen Entermesser stolz im Leinengürtel tragend, die sie Ferris Tucker in einer schwachen Stunde abgeluchst hatten. Dabei hatten sie mit ihm gefeilscht – in der ausgekochten Manier altorientalischer Bazar-Händler, bis Tucker endlich nachgegeben hatte.

Die beiden waren sehr selbständig, clever und mit allen Wassern gewaschen, obwohl sie erst sieben Jahre alt waren. Aber die Selbständigkeit hatten sie bei der Gauklertruppe gelernt und bei jenen Leuten, die mit ihnen durch den ganzen Orient gezogen waren.

Auf der Sandbank ging das Gebrüll weiter. Fluchende und schwitzende Männer brachten einen weiteren Anker aus, um sich mit deren Hilfe von der Sandbank zu ziehen. Mancher Tropfen Schweiß wurde dabei vergossen, und zwischen den Leuten bewegte sich brüllend und fluchend der Profos der „Elizabeth Bonaventura“, ein grobschlächtiger Kerl, bärbeißig und voller Grimm, der die Leute fast pausenlos anbrüllte und auch mit der Faust nach ihnen schlug.

„Der kann es bald noch besser als du, Ed“, sagte Smoky grinsend.

Carberry warf dem Decksältesten einen finsteren Blick zu.

„Das bezweifle ich“, sagte er, „oder soll ich es dir erst beweisen?“

„Ich glaube es dir auch so“, versicherte Smoky hastig.

Brighton legte dem Profos einen Arm auf die Schulter.

„Wenn man ins gesetzte Alter kommt, wird man ruhiger“, sagte er grinsend. „Oder könnt ihr euch über Ed beschweren? Er ist wirklich etwas ruhiger geworden, weil er eine gut eingespielte Mannschaft hat und keine Hitzköpfe.“

„Was – gesetztes Alter?“ rief Carberry. „Das könnt ihr zum alten O’Flynn oder zu Will Thorne sagen, ihr lausigen Affenärsche, aber nicht zu mir! Ich bin noch lange nicht im gesetzten Alter, auch wenn ich mir in aller Ruhe ansehe, wie diese Schlickrutscher sich abmühen, ihren Kahn wieder flottzukriegen.“

Daraufhin wandten sich die Blicke der anderen wieder Drake und seiner Mannschaft zu, die sich immer noch erfolglos abmühten, das große Schiff von der Sandbank zu ziehen.

„Wetten, daß sie es nicht schaffen?“ fragte Gary Andrews. „Die murksen morgen noch daran herum.“

„Das schaffen sie auch nicht“, versicherte der Rudergänger Pete Ballie, der die „Isabella“ so haarscharf und exakt an den Sandbänken vorbeigesteuert hatte. „Die sind viel zu hart aufgebrummt, und wenn sie nicht leichtern, bleiben sie hocken.“

Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann, lehnte sich an die Nagelbank des Großmastes zurück.

„Das gibt einen Mordspaß, wenn sie die schweren Kanonen aus dem Batteriedeck hieven“, sagte er. „Drake wird einen Tobsuchtsanfall kriegen.

Später wird er auf die Idee verfallen und doch noch Hasards Hilfe annehmen.“

„Das glaubst du doch selbt nicht“, sagte Tuckers Freund Carberry und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. „Der stolze Drake krepiert lieber auf der Stelle, als daß er das Angebot annimmt.“

„Da kommt Hasard“, sagte der Kutscher, „hören wir doch mal seine Meinung über Drake.“

Der Seewolf erschien in der Kuhl und blickte auf das Gewimmel. Unzählige Leute schufteten im Schein blakender Schiffslaternen. Es war ein riesiges Gewimmel, auf den ersten Blick ein scheinbares Durcheinander, und es sah so aus, als wüßte niemand, was er eigentlich tat.

Der Seewolf hatte die Worte gehört und schüttelte den Kopf.

„Nein, Drake wird uns nicht bitten“, sagte er, „oder ich müßte mich schon sehr täuschen. Sein Stolz als Admiral läßt das nicht zu, er ist bokkig und dickköpfig, nachtragend wie ein Elefant, und er beißt sich eher die Zunge ab, als mich um Hilfe zu bitten. Wir haben Zeit, warten wir es ab, ob sie es schaffen. Aber so, wie es den Anschein hat, sieht es nicht danach aus.“

„Weil der Kahn zu schwerfällig ist“, sagte Tucker nickend.

Er sah, wie sich einer der Seesoldaten über das Dollbord des Bootes lehnte und sich erbrach. Mit beiden Händen hielt er sich den Bauch.

„He!“ rief Ferris. „Kotzen könnt ihr auch an Land, deshalb braucht ihr nicht zur See fahren.“

Die Bemühungen gingen pausenlos weiter. Drake hatte jetzt achtern zwei Anker ausbringen lassen, mit deren Hilfe er sich achteraus von der tückischen Sandbank zu ziehen gedachte. Rudelweise stemmten sich die Männer in die Winschen, bis die Trossen steif waren und zu singen begannen.

Doch das Flaggschiff rührte sich nicht.

Sie sahen, wie Drake vom Achterkastell aus mit den Händen mal hierhin mal dorthin zeigte und Befehle schrie.

Er ließ noch mehr Männer an den Winschen arbeiten, bis sie sich gegenseitig auf die Füße traten.

Länger als drei Stunden kämpften sie verbissen darum, das schwere Schiff zu bewegen. Vergeblich, es rührte sich keine Handbreite von der Stelle.

Eine Pause wurde eingelegt. Die erschöpften Männer ruhten sich aus, saßen ausgelaugt an Deck herum und tranken heiße Brühe.

Danach ging es weiter. Drake ließ leichtern, und einen Teil der schweren Geschütze nach achtern bringen, bis sich der Bug ein kleines Stück höher aus dem Wasser hob.

Auch das nutzte nichts, alle Mühe war vergebens. Die Galeone des Admirals hatte, sich zu tief in den Sand gesetzt.

Gegen Mitternacht sah der Admiral ein, daß er es allein nicht schaffte.

Er ließ den Stabschef und Kapitän Thomas Fenner zu sich in die Kapitänskammer bitten und starrte verbissen auf den mit Karten übersäten schweren Tisch.

Fenner sah, was den Admiral bedrückte, der nicht so recht mit der Sprache herausrückte. Sollte er seine Ansicht etwas geändert haben? dachte Fenner. Das war kaum vorstellbar, dazu war Drake viel zu starrköpfig und eigensinnig.

„Ich sagte vorhin, es wäre beschämend, diesen Killigrew um Hilfe zu bitten, Mister Fenner, Sie erinnern sich?“

„Ja, Sir.“

„Nun“, Drake seufzte tief. „Ich sehe ein, daß es nicht anders geht. Wir hatten nicht den geringsten Erfolg aufzuweisen, obwohl die Leute Schwerstarbeit geleistet haben. Schließlich geht es nicht um unser persönliches Wohl, es geht um England. Ich bin mir über meine Lage durchaus im klaren und muß meine Beschämung in diesen speziellen Fall zurückstellen. Es geht leider nicht anders, wir werden Killigrews Hilfe anfordern müssen, wohl oder übel.“

Thomas Fenner schluckte trocken. Also hat der Alte doch seine Meinung geändert, dachte er. Das mußte ihm wie ein glühendes Messer ins Herz gehen, wenn er den Seewolf um Hilfe bat. Es würde ihn erniedrigen, demütigen, aber ihm blieb tatsächlich kein anderer Weg.

Fenner sah das ein, insgeheim war er auch bereit, diesen demütigen Weg zu gehen, und er würde diesem Killigrew schon einbleuen, was er zu tun hatte.

„Darf ich das so auffassen, Sir, daß ich …“

Drake nickte und breitete die Hände auf dem Tisch aus. Dann stieß er sich leicht ab und erhob sich ruckhaft.

„Ich wüßte keinen geeigneteren Mann als Sie“, sagte er. „Lassen Sie sich hinüberpullen und erinnern Sie Killigrew an das Hilfsangebot. Ich weiß, wie Sie sich jetzt fühlen, Mister Fenner, aber ich denke, Sie verstehen mich.“

„Aye, aye, Sir“, sagte Fenner heiser und erhob sich ebenfalls. „Verlassen Sie sich auf mich, ich werde mit diesem Killigrew schon fertig.“

„Seien Sie vorsichtig“, warnte Drake mit erhobenem Finger. „Killigrew ist nicht irgendwer, der ist aus einem besonderen Holz geschnitzt. Sie haben einen scharfzüngigen ausgekochten Fuchs vor sich, Mister Fenner, dem es an jeglichem Respekt mangelt. Dieser Mann ist ein Freibeuter, er hat es gewagt, sogar Ihrer Majestät, der Königin, die kalte Schulter zu zeigen und zu trotzen. Es dauert sehr lange, bis man sein Vertrauen gewinnt. Er traut nur seinen eigenen Kerlen und sonst niemandem“, setzte Drake bitter hinzu.

„Ich traue mir zu, diesen Burschen in seine Schranken zu verweisen, Sir. Er wird wissen, wie weit er zu gehen hat. Wir sind schließlich auch nicht irgendwer.“

„Ich habe Sie gewarnt“, sagte Drake nur, als die beiden Männer an Deck gingen und Fenner das kleine Boot bestieg.

5.

Die Nacht war immer noch mondhell. Einige der Seewölfe, denen es zu langweilig geworden war, hatten ihre Kojen aufgesucht.

Drakes Schiff war hell erleuchtet. Es lag da wie ein zum Sprung hingeducktes Tier. Es mußte meilenweit zu sehen sein.

Der Seewolf, der das Manöver der Soldaten und Seeleute immer noch beobachtete, straffte sich und zeigte auf das kleine Boot, das von zwei Männern gepullt wurde, während ein dritter wie eine Statue regungslos auf der achteren Ducht saß und seine Blicke unverwandt auf die „Isabella“ richtete.

Das Boot lief direkt auf die Galeone zu.

„Sieht aus, als kriegten wir Besuch“, sagte Hasard zu seinen Männern, die sich jetzt zum größten Teil in der Kuhl aufhielten.

Carberry musterte den Mann, der so reglos dasaß und zu Stein erstarrt schien.

„Wenn das nicht einer von Drakes Häuptlingen ist, fresse ich den Besan mitsamt der Lateinertakelung“, sagte er laut.

„Ruhe!“ rief Hasard. „Natürlich will der Mann zu uns, ich bitte mir daher aus, daß nicht gelacht wird.“

„Weshalb nicht?“ fragte Luke Morgan. „Wir haben doch genügend Grund zum Lachen, Sir!“

Hasard warf ihm einen kühlen Blick zu.

„Ich wiederhole mich nicht gern, Luke. Wir haben Drake und seine Leute genügend gedemütigt, und das bis zu dem Punkt, der einen Mann verbittert. Ich sage also noch einmal: Kein Gelächter, was immer der Mann auch will. Ich werde schon mit ihm fertig.“

„Aye, aye, Sir.“ Morgan schluckte und senkte den Kopf. Abwartend sah er dem Boot entgegen, das jetzt dicht vor der Bordwand der „Isabella“ im Wasser trieb.

Hasard hatte die Jakobsleiter bereits außenbords ausbringen lassen und stand ruhig und gelassen in der Kuhl.

„Ich bitte, an Bord kommen zu dürfen, Mister Killigrew“, sagte der Mann, der jetzt aufrecht stand und den Seewolf aus kühlen Augen einer blitzschnellen Musterung unterzog.

„Mein Name ist Thomas Fenner, Kapitän, Sir!“ setzte er schnell hinzu, als von seiten des Seewolfs keine Reaktion erfolgte.

Hasard lud ihn mit einer Handbewegung ein und nickte.

„Bitte, Mister Fenner“, sagte er.

Während Fenner aufenterte, blieben die beiden Männer im Boot sitzen und taten so, als interessiere sie die „Isabella“ nicht im geringsten. Sie nahmen keine Notiz von ihr, aber den Seewölfen entging nicht das heimliche Lauern in ihren Augen, die begehrlichen Blicke, die sie auf den ranken Dreimaster warfen, und wie sie ihn immer wieder unauffällig musterten.

Fenner schob sich an einer schweigenden Mauer Seewölfe vorbei. Er sah in harte kühle Gesichter, erblickte riesige hünenhafte Gestalten und schluckte unmerklich, als er den Profos sah, der die Arme über der Brust verschränkt hatte und ihn spöttisch musterte. Dabei vergaß Fenner durchaus nicht die erbärmliche Rolle, die sie soeben noch gespielt hatten, und er ahnte auch, was diese harten Kerle über ihn und ganz besonders den Admiral dachten.

Denen stand ein lausiges, unsichtbares Grinsen in den harten Gesichtern, auch wenn sie bemüht waren, dieses Grinsen nicht unverhüllt zu zeigen.

„Darf ich Sie in meine Kammer bitten?“ fragte Hasard.

Thomas Fenner, der die Scharte gar zu gern wieder auswetzen wollte, verneinte hochmütig.

„Nicht nötig, Killigrew“, sagte er herablassen. „Wir haben nicht sehr viel miteinander zu besprechen.“

Hasards Blick wurde eisig, das winzige Lächeln aus seinen Mundwinkeln verschwand.

„Bewahren wir doch die Höflichkeitsformen“, sagte er kalt. „Ich werde versuchen, sie auch zu wahren, Kapitän Fenner.“

Fenner lief rot an, murmelte etwas und ärgerte sich über diesen einen Satz des Seewolfs bereits halbtot. Der Kerl ließ aber auch nichts aus, dachte er, der nahm jede Gelegenheit wahr, um ihn auch weiterhin kühl und distanziert zu demoralisieren.

„Admiral Drake ist nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt, daß er Ihre Hilfe annimmt, Kapitän Killigrew. Natürlich haben wir darüber diskutiert …“

„Natürlich“, sagte Hasard ausdruckslos, und diese Wiederholung seines Wortes begann Fenner schon wieder aufzuregen.

„Wie gesagt“, brummte er und räusperte sich wiederholt, „der Admiral ist also bereit. Er wird Sie dann empfangen und Ihnen seine Befehle unterbreiten.“

„Wie nett von ihm, wirklich sehr großzügig“, erwiderte Hasard trokken.

Er sah Fenner in direkt verletzender Weise an, bis der wieder knallrot anlief und sich ärgerte.

Fenner wartete irritiert auf weitere Antwort, doch die Gesichter, die ihn anstarrten, wirkten wie nackter Hohn. Er war sicher, daß die Kerle heimlich über ihn lachten, und niemand dachte daran, ihm zu antworten.

Wieder schluckte er und sah den Seewolf an. Dann wanderte sein Blick zu dem Profos weiter, der sehr langsam seine mächtige Pranke hob und sich mit ausgestreckten Zeigefinger andächtig an der Schläfe zu kratzen begann. Ebenso langsam nahm er die Riesenpranke wieder herunter, trat ans Schanzkleid und spie in einem langen Strahl über Bord.

Im ersten Impuls hätte Fenner vor Wut am liebsten laut aufgeschrien und gebrüllt, denn er ahnte nur allzu gut, was diese Geste bedeutete.

„Ich warne Sie“, klangen ihm immer noch Drakes Worte im Ohr, aber er hatte sie auf die leichte Schulter genommen, und jetzt befand er sich in einer recht peinlichen Situation.

„Also, ich warte“, sagte Fenner hochnäsig.

„Auf was bitte, warten Sie, Kapitän Fenner?“ fragte Hasard ironisch.

„Auf Ihre Antwort, Mann!“ schrie Fenner, dem jetzt die Pferde durchgingen wegen dieser Unverschämtheit. „Sie werden sich dem Admiral gefälligst unterordnen, nach allem was Sie angestellt haben. Das ist ein Befehl, Mister Killigrew. Sie haben keinen Hampelmann vor sich!“

Hasard tat so, als müsse er das erst noch feststellen, dann zuckte er gelassen mit den Schultern.

„Natürlich will ich kein abwertendes Urteil fällen“, sagte er, „das mit dem Hampelmann haben Sie gesagt. Aber ich muß Sie in aller Form ersuchen, Mister Fenner, hier auf meinem Schiff nicht herumzubrüllen. Und noch etwas, Mister Fenner“, sagte er fast freundlich, und jetzt erschien auch wieder ein feines Lächeln in seinem harten Gesicht, „ich denke nicht im Traum daran, mich dem Admiral unterzuordnen. Wir sind freie Männer und nicht an die Admiralität gebunden, und wir bleiben freie Männer, solange wir leben. Wenn Sie das gütigst zur Kenntnis genommen haben, dann besteigen Sie Ihr Boot und richten Sie Sir Francis Drake meinen verbindlichsten Gruß aus. Er hat mein Hilfsangebot abgelehnt, brüllend und laut, und wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich läßt, drohten Sie uns sogar noch mit einer Breitseite. Sie werden verstehen, daß ich das nicht teilnahmslos hinnehmen kann. Im übrigen ist der ehrenwerte Admiral an seiner Misere selbst schuld. Er ist nun einmal beutegierig und lief blindlings hinter uns her. Das wertet fast seine seemännischen Qualitäten etwas ab. Und dann will er mir auch noch auf der Nase herumtanzen und mich kommandieren? Zum Teufel, Mister Fenner!“

„Was? Sie wagen es“, schrie Fenner mit hochrotem Schädel, „die seemännischen Qualitäten eines Sir Francis Drake anzuzweifeln? Sie sind wohl nicht bei Trost, Killigrew! Es gibt keinen besseren Mann als Drake.“

„Dann seien Sie froh, daß Sie ihn haben. Im Entern von Sandbänken hat er jedenfalls erstklassige Qualitäten.“

„Auf was bilden Sie sich etwas ein?“ schrie Fenner, der mitunter einfach keine Erwiderung auf des Seewolfs Worte fand.

„Auf meine Freiheit, Fenner! Sonst auf nichts. Stolpern Sie nicht, wenn Sie von Bord gehen, vergessen Sie nicht, den Admiral zu grüßen und richten Sie ihm aus, er möge sich gefälligst persönlich an Bord meines Schiffes bemühen, wenn er etwas will. Ihre Bekanntschaft war mir eine Ehre, Sir!“

Fenner war sprachlos. Er sah sich fassungslos nach allen Seiten um und glaubte noch immer, sich verhört zu haben.

Aber die Augen, die zurückblickten, gaben ihm überdeutlich zu verstehen, was die Männer von seinem Kommandoton hielten.

Nichts, dachte er erschauernd, sie hielten überhaupt nichts von ihm, und dieser schwarzhaarige Bastard dachte nicht im Traum daran, einem Befehl Drakes zu gehorchen. Der zeigte nicht nur die Zähne, dieser Kerl, der zeigte ein Prachtgebiß wie ein reißender Wolf, ein Seewolf.

„Sie verlangen, daß der Admiral sich selbst herbemüht? Sie müssen größenwahnsinnig sein, Sie – Sie … Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“

„Dann ruhen Sie sich meinetwegen bis in alle Ewigkeit auf der Sandbank aus“, erwiderte Hasard trokken. „Sie selbst schaffen es ja doch nicht, die Galeone auch nur eine Handbreite aus dem Dreck zu ziehen.“

„Sie werden noch von uns hören!“ schrie Fenner. „Sie werden jedes Ihrer Worte noch bereuen, das verspreche ich Ihnen! Vielleicht hängen Sie eines Tages noch an der Großrah eines Mastes und genießen einen weiten Ausblick!“

„Der wird dann sicher auf Ihrer gestrandeten Galeone wohlwollend ruhen, Fenner. Fallen Sie nicht von der Jakobsleiter, manche Stürze können sehr unangenehm sein!“

Damit war Fenner verabschiedet.

Er warf einen letzten fassungslosen Blick auf den Seewolf, schüttelte dann den puterroten Kopf, schnaufte erregt und stieg über das Schanzkleid, düstere Prophezeiungen vor sich hinmurmelnd.

Noch während er ins Boot stieg, packte ihn eine unbeschreibliche Wut, und bevor er hineinsprang, hämmerte er mit beiden Fäusten voller Zorn und hilfloser Enttäuschung wie ein Wilder an die Bordwand.

„Bestes Holz, Sir“, versicherte Ferris Tucker freundlich, der ihm ausdruckslos nachblickte. „Da geht so schnell nichts kaputt. Es bleiben nicht mal Kratzer, selbst wenn man zufällig mal irgendwo aufläuft.“

Fenner wartete nicht mehr länger, er wandte den Seewölfen den Rükken zu und schrie die beiden Männer an, endlich loszupullen.

„Ich wette, er heult jetzt“, sagte Matt Davies. „Deshalb dreht er sich auch nicht mehr um. Wie weh muß ihm ums Herze sein!“

Ein paar Seewölfe prusteten los, bis Carberry ihnen sein grimmiges Gesicht zuwandte.

„Wenn ich jemanden lachen höre“, sagte er im Plauderton und ohne jeden Ausdruck, „dann jage ich ihn solange in die Wanten; bis er mit einem ellenlangen grauen Bart zurückkehrt. Habt ihr das kapiert, ihr Hafenratten, ihr verwanzten, was, wie?“

Sie lachten auch nicht mehr, sie warfen ihrem Kapitän nur einen bewundernden Blick zu, denn der hatte Fenner und Drake mit ein paar Worten so tief gekränkt, wie es noch niemand getan hatte.

Fenner schien tatsächlich zu heulen.

Fenners Rückkehr ließ den erwartungsvollen Francis Drake fast in die Knie gehen und setzte allem die Krone auf.

Mit vor Zorn versagender und immer wieder überkippender Stimme erstattete er dem Admiral Bericht.

Er wagte kaum, dem Admiral dabei in die Augen zu blicken.

Der erwartete und befürchtete Tobsuchtsanfall folgte auch sofort danach.

Drake hörte erst schweigend zu, dann verfärbte er sich, und Fenner sah, wie seine Hände zu zittern begannen. Diese Reaktion setzte sich fort, bis Drakes Schultern vor Wut bebten, sein Kopf knallrot anschwoll und er sich ruckartig umdrehte, weil auch er glaubte, sich verhört zu haben.

Was Fenner dann zu hören kriegte, übertraf alle seine befürchteten Erwartungen. Er hatte Drake jetzt schon ein paarmal tobend und brüllend erlebt, aber diesmal erinnerte es Thomas Fenner an eine Nierenkolik, bei der der bedauernswerte Patient sich die Lunge aus dem Hals schrie.

Dabei sparte der sonst so zurückhaltende und immer auf Würde bedachte Admiral auch nicht mit Kraftausdrücken. Im Gegenteil: Er wandte sie lautstark an und tobte sich aus, bis ihm vor Erregung die Stimme versagte.

Er würdigte Fenner keines Blickes mehr, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand unter Deck in der achteren Kammer.

Er ließ sich auch vorerst nicht mehr blicken. Kapitän Thomas Fenner blieb hilflos und verwirrt auf dem Achterdeck zurück und dachte über die Ungerechtigkeit der Welt nach.

6.

Weit nach Mitternacht, der Mond schien unverändert von einem klaren Himmel, wurden aus dem Ausguck der „Isabella“ vier langgestreckte Schiffe gesichtet.

Der blondhaarige Schwede Stenmark meldete sie aus dem Ausguck, auf den Hasard keine Sekunde lang verzichtete.

„Vier Galeeren!“ rief er zum Deck hinunter. „Sie laufen von der Küste auf uns zu.“

Im Nu war alles auf den Beinen. Hasard, der sich in seine Kammer zurückgezogen hatte, erschien fast gleichzeitig mit Ben Brighton auf dem Achterdeck, legte die Hand über die Augen und suchte die See ab.

Da krebsten sie heran, anfangs schwerfällig, als suchten sie mühsam nach dem Ziel, doch dann wurden sie immer schneller, änderten den Kurs und hielten auf die „Elizabeth Bonaventura“ zu.

„Kein Wunder“, sagte der Seewolf, „das Licht lockt sie magisch an. Sie scheinen es schon seit einer ganzen Weile bemerkt zu haben. Ben, Feuerbereitschaft, Anker auf! Klar Schiff zum Gefecht!“

„Aye, Sir! Alle Mann auf Stationen!“

Der Ruf hallte über das Deck, und von überall tauchten die Seewölfe auf, schnell und wendig wie Riesenameisen aus einem Bau erschienen sie und besetzten ihre Stationen.

Das Flaggschiff bot einen Anblick wie eine brennende Riesenfackel, die die Nacht ringsum erleuchtet.

Schiffslaternen brannten, Fackeln waren entzündet worden, überall flackerte Licht und tauchte das Schiff in Helligkeit.

Natürlich hatte das den Spaniern keine Ruhe gelassen, und so krebsten sie jetzt mit vier Galeeren heran, um sich der Beute zu bemächtigen.

Auf dem Vordeck der „Isabella“ wurde der Anker gehievt, die Männer legten sich hart in die Spillspaken, während in der Kuhl die Culverinen überprüft und einsatzbereit gemacht wurden. Kugeln und Pulverfässer wurden gemannt, die allgemeine Hektik lief nach einem genau ausgetüftelten Schema ab. Jeder hatte seinen ganz bestimmten Platz, jeder kannte seine Handgriffe im Schlaf, es saß alles auf Anhieb, ohne daß es großer Worte bedurft hätte.

Hasard blickte durch das Spektiv und nickte dem Gefechtsrudergänger Pete Ballie zu, der schon längst seinen Posten eingenommen hatte und am Ruder stand.

„Pete“, sagte er ruhig, „wir umsegeln die Sandbank und legen uns vor die Galeone. Sobald die Galeeren auf Schußweite heran sind, eröffnen wir das Feuer. Achte auf die Sandbank, damit es uns nicht so ergeht wie dem ehrenwerten Admiral. Ich möchte mich nicht bis auf die Knochen blamieren!“

„Aye, aye, Sir. Ich kenne sie jetzt noch besser, es wird uns nichts passieren“, versprach Pete.

Die Segel wurden gesetzt, die Doppelblinde blieb im Gei hängen, damit die Sicht besser war, und als der Anker vor dem Bug baumelte, nahm die „Isabella“ langsam Fahrt auf.

Auf den vier Galeeren standen Segel, die der Wind straff blähte.

Die Riemen tauchten nach wie vor ins Wasser, und der Seewolf glaubte das nervtötende Geräusch der Schlagmänner bis hierher zu hören.

Sie waren schnell und wendig, diese Galeeren. Sie wurden jetzt zu einer Kette auseinandergezogen und erhöhten die Fahrt.

Hasard sah zu der Galeone hinüber, die jetzt achterlich verschwand, und auf der alles wie erstarrt schien.

Im Schein der Laternen und Fakkeln erkannte er Francis Drake und fragte sich, wie dem Mann jetzt wohl zumute sein mochte. Er mußte sich noch hilfloser als ein Säugling fühlen, und ohne die „Isabella“ wäre er jetzt vermutlich eine leichte Beute der Spanier geworden.

Für Drake bedeutete das nicht gerade einen neuen Meilenstein auf dem Weg zum Erfolg. Er konnte wirklich nicht viel mehr unternehmen, als ein paar Kanonen abzufeuern. Jedenfalls war er total manövrierunfähig.

Hasard blickte ihn nicht an, und auch Drake vermied es, seinem Blick zu begegnen. Noch waren sie nicht miteinander fertig, es würde noch ein weiteres Tänzchen geben.

Hasard gab dem Waffenmeister Al Conroy noch einmal letzte Informationen.

„Wir segeln auf sie zu, feuern die vorderen Drehbassen ab, Al, lassen dann eine Breitseite folgen, wenden, und setzen die achteren Drehbassen ein. Anschließend kriegen sie noch die andere Breitseite zu spüren.“

Conroy verstand. Genauso hätte er auch gehandelt, und er verschwand wieder wie ein Blitz.

Batuti und der graubärtige Waffenschmied Big Old Shane enterten fast gleichzeitig auf, unter den Armen ihre mächtigen Bögen, die auf unglaublich weite Distanz die verheerenden Brandpfeile verfeuern konnten.

Ferris Tucker war damit beschäftigt, seine gefürchteten Höllenflaschen zu überprüfen und zu verteilen, die unter den Gegnern Panik verbreiteten. Gleichzeitig lud er die Gestelle mit den chinesischen Brandsätzen, dem unlöschbaren Höllenfeuer.

Hasard ließ noch einmal den Profos rufen.

„Ich bitte mir allerstrengste Disziplin aus, Ed“, sagte er, „und möchte kein unnötiges Gebrüll hören. Die Männer sind auf ihren Posten und wissen, was sie zu tun haben. Wir führen einen nächtlichen Blitzangriff, und wir werden uns bemühen, so sauber und schnell zu kämpfen, daß Drake die Spucke wegbleibt.“

„Aye, aye, Sir!“ Wir werden es ihm zeigen, daß wir unseren Namen zu Recht tragen, Sir! Drake soll staunen!“

Der Profos verschwand fast lautlos.

Auf der ersten Galeere blitzte es einmal kurz auf, ein Schuß löste sich und rollender Donner fegte über die See.

Sie hielten sich jetzt so, daß sie höchstens im Bereich einer Breitseite lagen, und jederzeit davonjagen konnten, falls die „Isabella“ drehte.

Die Kugel donnerte mehr als zweihundert Yards von der Galeone entfernt ins Wasser und riß eine kleine Fontäne hoch.

„Imponiergehabe“, sagte Hasard verächtlich. „Nur ein Einschüchterungsversuch der Spanier.“

Er gab Batuti und Big Old Shane ein Zeichen, und sofort darauf flogen zwei glühende Pfeile durch die Nacht. Schnurgerade zogen sie ab, suchten sich ihren Weg durch die Luft und fielen in einem Bogen nach unten.

Der erste Pfeil traf, der zweite verfehlte die eine Galeere nur um ein paar Yards.

Der brennende Pfeil bohrte sich ins Deck, die Pulverladung entzündete sich und bildete einen kleinen Glutball.

Männer eilten herbei und versuchten das Feuer zu löschen. Es gelang auch sofort, aber schon folgten der dritte und der vierte Pfeil. Diesmal trafen beide und erneut loderten kleine Feuer auf.

Hasard gab ein Zeichen.

Tucker hielt die glimmende Lunte an zwei der chinesischen Brandsätze. Augenblicke später wurde die Nacht von einem infernalischen Schrillen und Heulen zerrissen. Wie glühende Schlangen sausten die Brandsätze pfeifend, kreischend und mißtönend auf ihrer Bahn davon.

Bei den Galeeren zerplatzten sie in der Luft, und nun folgte das, was den Männern auf Drakes Flaggschiff einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte.

Sie hatten etwas Ähnliches noch nie erlebt. Starr und unbeweglich sahen sie auf das einmalige Schauspiel. Niemand sprach auch nur ein Wort. Das Geschehen schlug sie in ihren Bann.

Ein Vorhang aus roten, blauen und grünen Flammen entstand in der Luft, dicht über zwei Galeeren. Prasselnd und knackend fiel ein farbenprächtiger Feuerregen nieder und setzte zwei der Galeeren schlagartig in Brand.

Ein Inferno tobte plötzlich los, und die Brände, die jetzt aufflackerten, wurden immer zahlreicher.

Das Segel der ersten Galeere verging in einem Feuersturm, es lohte auf und verschwand. Das zweite Segel begann zu glühen, bis es eine Flammenwand schlagartig überzog. Gleichzeitig wurde der Bug in blutrotes strahlendes Licht getaucht.

Die zwei Galeeren gerieten aus dem Rudertakt, es wurde nicht mehr gepullt, man hörte Männer vor Angst brüllen und schreien.

Anscheinend wurden sie von ihren Ketten befreit, denn die Riemen hingen im Wasser, und an Deck erschienen mehr Leute, als zur normalen Besatzung eigentlich gehörten.

Die ersten Männer sprangen über Bord, als die beiden brennenden Galeeren zusammenstießen, und durch den Anprall einen wilden Funkenregen erzeugten.

„Drehbassen und Breitseite!“ rief der Seewolf.

Die vorderen drehbaren Geschütze schwenkten herum und entluden ihren verheerenden Eisenhagel.

Fast gleichzeitig, die „Isabella“ schwang gerade herum um die beiden anderen Galeeren anzuvisieren, donnerte die Breitseite los, ließ die Galeone stark krängen und eine Wand aus Rauch entstehen, die langsam zum Achterdeck trieb.

Hasard stand hochaufgerichtet auf dem Achterkastell. Sein Gesicht war unbewegt, er hustete nicht, als die Qualmwolke kurz das Deck einhüllte und langsam verwehte.

Aber drüben hatte es viermal eingeschlagen. Einer der Galeeren wurde ein Teil des Bugs weggefetzt, die andere erhielt zwei Treffer mitschiffs oberhalb der Wasserlinie und drehte sofort ab, riesige klaffende Löcher im Rumpf.

Sofort fuhr die „Isabella“ das nächste Manöver.

Segel nachtrimmen, Hartruder und klar bei erneuter Breitseite.

Sie war überflüssig.

Der blitzartige Angriff hatte die Spanier in Panik gebracht. Sie dachten nur noch an Flucht, als auch auf der dritten Galeere heller Feuerschein aufzuckte.

Hier schien der Teufel persönlich heranzusegeln und seine glosende Hölle auszuspeien, sein schwefliges Feuer, das alles versengte und verbrannte.

Die Spanier sahen ihr einziges Heil nur noch in rascher Flucht. Die letzte noch fast intakte Galeere wurde zum Land getrieben, gepullt von Sträflingen, die keinen Schlagmann mehr brauchten, die ihr Leben in Gefahr sahen und alles gaben, was sie an Kräften noch hatten.

Shanes letzter Brandpfeil erwischte sie allerdings noch, und nun zuckte auch dort ein kleines Feuer auf und breitete sich schnell aus.

Damit war das Gefecht beendet. Der Seewolf hatte nicht vor, die angeschlagenen und brennenden Galeeren weiter zu verfolgen. Er hatte dafür gesorgt, daß der hilflosen „Elizabeth Bonaventura“ nichts passiert war und der Angriff der Spanier blitzschnell, sauber und präzise zurückgeschlagen wurde, und zwar so, daß es nichts zu bemängeln gab.

Insgesamt hatten die vier Galeeren sieben Schuß abgefeuert, zu mehr hatte es nicht gereicht.

Sie pullten zur Küste zurück, halb zerstört und unbrauchbar, und sie würden sich mit Sicherheit hier nicht mehr blicken lassen.

„Klart auf!“ rief Hasard. „Wir kehren auf denselben Platz zurück und gehen dort vor Anker. Ich nehme an, der Admiral wird erneut sehr beschämt sein.“

Er wußte nicht, wie recht er mit seinen Worten hatte, denn auf dem Flaggschiff gab es einen Mann, der den Seewolf sehr gut kannte.

Der Koch Mac Pellew, der sauertöpfische, ewig mißgelaunte und pessimistische Eigenbrötler, sah aus schmalen Augen und mit zusammengekiffenen Lippen dem Angriff zu und schüttelte immer wieder fassungslos den Kopf.

Mac Pellew war nicht zum Lachen geboren, er sah immer so aus, als hätte er gerade ein Faß Essig verschluckt, aber jetzt bemerkten die beiden Hilfsköche des Flaggschiffes, wie sich sein Mund öffnete, seine Zahnstummel sichtbar wurden und er die Lippen zu einem Grinsen auseinanderriß, das direkt schauerlich wirkte.

„Ha“, hörten sie ihn schadenfroh murmeln, „der zeigt es denen aber! Das ist noch ein Kerl, ein richtiger, harter.“

„Was brabbelst du da dauernd?“ fragte einer der Hilfsköche. „Hast du Zahnschmerzen, weil du dein Maul so aufreißt?“

„Schnauze“, brummte der übelgelaunte Koch, und schickte einen gallebitteren Blick zum Achterkastell wo Drake wie ein Denkmal aus Stein stand und mit verkniffenem Gesicht dem Angriff zusah.

„Da kann er sich was abschneiden, der Sir Admiral“, brabbelte er vor sich hin. „Immer wenn er in der Scheiße sitzt, kann der Seewolf ihn raushauen. Haha, erst läuft er auf, daß mir die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen, und dann muß er noch beschützt werden.“

Seine Stimme wurde verächtlich. Mac Pellew war bekannt dafür, daß er kein Blatt vor den Mund nahm und immer ruhig blieb.

„Kanalratte“, hörten die entsetzen Hilfsköche ihn murmeln, und einer bedeutete ihm durch Zeichen, er möge still sein, weil in diesem Augenblick Kapitän Thomas Fenner herantrat.

Aber Mac Pellew dachte gar nicht daran, er sah den Kapitän auch nicht.

„Große Töne kotzen“, ereiferte er sich mißmutig. „Die Hände auf den Hintern halten und hin und her laufen, das kann er. Soll er doch jetzt mal zeigen, was er kann, dieser Sir Admiral! Der Seewolf – das wäre ein Admiral.“

Fenner riß den Koch mit einem Ruck herum und sah ihm in die Augen.

„Ich lasse Sie einpökeln, Kerl!“ schrie er. „Was sind das für ketzerische Reden? Was faseln Sie da? Sie haben wohl die Neunschwänzige noch nicht ausprobiert?“

Mac Pellew sah ihn sauer an. Er kriegte weder einen roten Schädel, noch regte er sich auf.

„Ich sage nur die Wahrheit“, erklärte er. „Oder ist der Killigrew vielleicht aufgebrummt? Wir waren das doch! Und was hätten wir wohl gegen die Galeeren ausgerichtet, Sir?“

„Zusammengeschossen, natürlich!“ schrie Fenner.

Mac Pellew kicherte, dann wandte er sich ab und ignorierte die Worte des Kapitäns, indem er ihn einfach stehen ließ und in seiner Kombüse verschwand.

Aber selbst da meckerte er weiter, brummte vor sich hin, fluchte auf Drake und dessen Unvermögen und verstummte schließlich nach einer Weile.

„Melden Sie mir den Mann morgen früh!“ sagte er zu dem Bootsmann. „Aber vergessen Sie das nicht!“

„Aye, aye, Sir, ich werde ihn melden!“

Fenner kehrte zum Achterkastell zurück. Dort stand Drake, sah durch ihn hindurch und schien überhaupt nichts wahrzunehmen.

„Das war also sein Trumpf“, sagte Fenner. „Dieses merkwürdige Feuer. Was mag es nur sein?“

„Das weiß ich nicht, Mister Fenner“, antwortete Drake eisig. „Ich bin nicht an Bord des Flaggschiffes, um herauszufinden, mit welchen Finten und Tricks dieser Killigrew arbeitet. Haben Sie mich verstanden?“

„Selbstverständlich, Sir. Ich wollte nur bemerken, daß es ziemlich schnell ging, die Galeeren in die Flucht zu schlagen.“

„Die Bemerkung sei Ihnen gestattet“, sagte Drake, und seine Stimme klang immer noch eiskalt.

Er dachte nicht im Traum daran, mit Fenner darüber zu diskutieren, wie der Seewolf es geschafft hatte, diese vier angriffslüsternen Spanier zu vertreiben.

Erst als der Anker der „Isabella“ klatschend ins Wasser fiel und die ranke Galeone ihren vorherigen Platz wieder einnahm, zuckte der Admiral zusammen.

Was in seinem Innern vorging, wußte niemand, man sah es ihm auch nicht an, aber die Männer deuteten diesen steinernen Gesichtsausdruck ganz richtig. Der Seewolf hatte dem Admiral imponiert, allerdings war Drake nicht der Mann, der das offen zugab. Er stritt und haderte lieber mit sich selbst herum, als seine Gefühle zu offenbaren.

Lange stand er so, unbeweglich, fast starr, rang mit sich und seinem Gott und zog seine Konsequenzen.

Wäre der Seewolf nicht gewesen, so sagte er sich, dann hätte es hier ein Blutbad gegeben, und das hätte hauptsächlich auf dem Flaggschiff stattgefunden.

Dieser Mann beschämte ihn erneut zutiefst, und Drake bemühte sich ständig, seine eigenen Gefühle zu analysieren.

Wie es den Anschein hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als den beschwerlichen steinigen Weg zu gehen und Killigrew um etwas zu bitten, was ihm zutiefst zuwider war.

Drake betrachtete die Dinge auch etwas nüchterner. Ohne fremde Hilfe, in diesem Fall die Hilfe Killigrews, kam er nicht mehr flott, und das konnte er sich in seiner Eigenschaft als Führer des Verbandes einfach nicht leisten.

Es würde ein bitterer, dorniger Weg für ihn werden, aber er mußte ihn gehen, ob er wollte oder nicht, es gab keine andere Alternative für ihn.

Er gab sich einen Ruck, straffte sich und verließ das Achterkastell.

Sein Gesicht war eine Maske, und er preßte die Zähne so hart aufeinander, daß es schmerzte.

Sollte Killigrew seinen Triumph haben, sollte er über ihn dominieren oder ihn herablassend behandeln, es ging nicht anders, er würde ihn bitten müssen.

In der Kuhl überzeugte er sich noch einmal, wie weit die Arbeiten fortgeschritten waren. Sie schritten überhaupt nicht fort, es ging nicht voran, das Flaggschiff lag wie ein Wal auf dem Trockenen fest, der sich aus eigener Kraft nicht mehr freizuschwimmen vermochte.

Die Mannschaften wichen vor Drake zurück, sobald er aufkreuzte, senkten die Köpfe und gaben eine Gasse frei.

Kühl blickte er sich um, dann krümmte er den Zeigefinger und winkte den Profos herbei.

„Sir!“ schrie der Profos überlaut und nahm Haltung an.

„Brüllen Sie nicht so“, sagte Drake ruhig. „Suchen Sie acht Leute aus, lassen Sie das große Boot damit bemannen. Sofort, Profos, Beeilung!“

„Aye, aye, Sir!“

Drake deutete mit der Hand zur „Isabella“ hinüber.

„Sie fahren mit dem kleinen Boot voraus, Profos, und melden Killigrew meine sofortige Ankunft!“

„Aye, aye, Sir!“

Dem Profos ging erst jetzt der Sinn der Worte auf, er sah den Admiral verwirrt an, blickte dann ebenfalls zu der Galeone des Seewolfs und fragte: „Sagten Sie Killigrew, Sir?“

„Wenn Sie nicht mehr gut hören, Profos, dann sind Sie für den Decksdienst untauglich. Sie werden dann ab sofort Dienst in der Kombüse tun!“

„Aye, aye, Sir!“

Der Profos schwang sich in das kleine Boot, ergriff die Riemen und begann wie ein Wilder zu pullen.

Drake folgte ihm gemessen, in voller Uniform, den Blick ausdruckslos und abweisend nach vorn gerichtet.

7.

Das Deck war aufgeklart, blitzschnell, wie Hasard es angeordnet hatte. Es sah so aus, als wäre in den letzten Stunden nichts geschehen.

„Jetzt scheint es ernst zu werden“, sagte Brighton, als er den Profos des Flaggschiffes und dahinter das große Boot erkannte, die beide auf sie zuhielten.

„Drake persönlich“, sagte der Seewolf fast andächtig. „Ich hätte es nicht geglaubt, ihn als Bittsteller zu sehen, kann mir aber vorstellen, was in dem Mann vorgeht. In seinem Innern muß ein chaotisches Durcheinander herrschen.“

Diesmal lachte niemand, als der Profos die Bordwand erreichte und nach oben blickte.

„Der Admiral, Sir!“ schrie er.

Hasard, Ben Brighton und Dan O’Flynn warfen sich einen bedeutsamen Blick zu.

Hasard nickte und unterstrich seine Bereitwilligkeit durch eine knappe Handbewegung.

Gleich darauf ging das größere Boot bei der „Isabella“ längsseits, und Francis Drake bestieg die Jakobsleiter.

An Bord der schlanken Galeone hatte es sich blitzschnell herumgesprochen, wer da gerade erschien. Aber die Seewölfe standen nicht neugierig herum, sondern verhielten sich still und abwartend, jeder befand sich auf seinem Posten, als sollte das Schiff augenblicklich in Gefechtszustand versetzt werden.

Drake erschien mit völlig ausdruckslosem Gesicht. Er hatte sich vorzüglich in der Gewalt, streifte Hasard mit einem kühlen Blick und sah sich schnell um.

Dem Admiral entging nichts. Er sah, daß das Schiff bereits aufgeklart war und die Männer abwartend auf ihren Stationen standen.

Auf Zucht und Ordnung hält der Seewolf, das muß man ihm lassen, dachte er. Sein Blick wanderte weiter und suchte die Stelle, von der man die eigenartigen Feuerpfeile abgeschossen hatte, aber er konnte nichts entdecken, was auch nur entfernt darauf hingedeutet hätte. Merkwürdig, wie sie das getan hatten, er begriff es nicht.

Drake gab dem Seewolf nicht die Hand, aber er sah ihm in die Augen und straffte sich. Zu seinem Leidwesen bemerkte er allerdings auch, daß sich der Seewolf durch seine Position als Admiral keineswegs beeindrukken ließ.

„Darf ich Sie nach achtern bitten, Sir?“ fragte Hasard.

Drake nickte und bewegte sich mit hölzern wirkenden Schritten auf das Achterkastell zu.

In der hell erleuchteten Kapitänskammer bat Hasard den Admiral, Platz zu nehmen.

Drake tat es sichtlich widerwillig und behielt sein ernstes abweisendes Gesicht bei.

„Sie haben mich nun genügend beschämt, Kapitän Killigrew, und Sie haben es auch ausgekostet“, begann Drake die Unterhaltung. „Ich glaube, ich kann es Ihnen nicht verübeln, außerdem weiß ich, daß ich in Ihrer Schuld stehe. Ich bin also hier, um Sie an Ihr Hilfsangebot zu erinnern und Sie zu bitten, mir zu helfen.“

„Ja, Sir“, sagte Hasard. „Ihr Kapitän pochte auf Rechte und Befehle, denen ich mich nicht unterstellen kann. Ich denke, Sie verstehen mich, Sir!“

„Vielleicht, Kapitän Killigrew. Ich kenne Ihren unbändigen Freiheitsdrang, ich bin mehrfach damit konfrontiert worden.“

Hasard lehnte sich zurück und warf einen Blick in die kühlen grauen Augen des Admirals. Sein Gesicht mit dem sauber gestutzten Bart lag im Halbschatten der Lampe, so daß sich die Regungen darauf nur schlecht ablesen ließen. Hasard wußte trotzdem, wie es um den Admiral stand. Er balancierte auf dem schmalen Grat, sein Gesicht zu verlieren und war nicht in der Lage Befehle zu erteilen, er mußte um etwas bitten, und dieses Bitten entsprach überhaupt nicht seiner Natur. Es war ihm fremd, und daher kostete es ihn unsägliche Überwindung.

Hasard wollte das demoralisierende Spiel auch nicht, unnötig in die Länge ziehen, denn Drake hatte längst jenen Punkt erreicht, da es ihm gallebitter aufstieß.

„Ich habe Hilfe zugesagt und halte dieses Angebot auch weiterhin aufrecht, Sir. Wir können gleich mit der Arbeit beginnen. Außerdem werde ich veranlassen, daß mein Schiffszimmermann Ihnen einen neuen Bugspriet zimmert. Schließlich haben wir ihn auch weggeschossen.“

Drake zuckte unmerklich zusammen. Dieser Killigrew mochte sich jetzt eben vielleicht nichts dabei gedacht haben, aber es saß dennoch wie eine kleine Ohrfeige, dachte er erbittert. Jedenfalls wurde er immer wieder an das blamable Verhalten erinnert.

Er wollte einwenden, daß sein eigener Zimmermann sich bereits mit dem Bugspriet beschäftige, aber wenn er an den rothaarigen Hünen Ferris Tucker dachte, dann wußte er auch, daß dem niemand das Wasser reichen konnte.

Schließlich nickte er und wollte aufstehen.

Hasards fast beiläufige Worte ließen ihn jedoch wie angenagelt sitzen bleiben.

„Wir haben bereits einen spanischen Mittelmeer-Verband außer Gefecht gesetzt, Sir“, sagte er ruhig. „In Spanien kocht und brodelt es, Gerüchte schwirren herum, daß ein englischer Verband unterwegs sei. Die Agenten und Spitzel haben nicht geschlafen, man munkelt so allerlei.“

Drake kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf. Sofort war der alte Jäger wieder munter.

„Das weiß man also“, sagte er leise. „Weiß man auch, aus wie vielen Schiffen dieser Verband besteht und wer ihn befehligt?“

„Das entzieht sich meiner Kenntnis, Sir. Ich selbst ahne es. Was ist aus Ihrem Verband geworden?“

„Ein schwerer Sturm hat ihn zersprengt, der Verband ist auseinandergerissen worden, doch nach meiner Schätzung wird er im Laufe des morgigen Tages, spätestens übermorgen, querab von Lissabon bei dem vereinbarten Treffpunkt eintreffen. Ich hoffe, daß alle Schiffe diesen Stürm überstanden haben. Was weiß man über diesen Verband noch, Kapitän Killigrew?“

„Nur, daß man ein Unternehmen gegen spanische Häfen plant, wie gemunkelt wird.“

Drake versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch der Seewolf sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete und der Admiral fieberhaft überlegte.

„Wir müssen so schnell wie möglich von dieser Sandbank herunter“, sagte der Admiral. „Wenn der Verband im Laufe des morgigen Tages den Treffpunkt erreicht, und ich sitze dann immer noch fest, dann …“

Dann, mein Lieber, bist du bis auf die Knochen blamiert, dachte Hasard. Du willst es nur nicht zugeben und schützt jetzt Eile vor, Besorgnis bis ins Uferlose.

Drake sprach nicht weiter. Er erhob sich abrupt, verschränkte die Hände auf dem Rücken und begann ungeduldig zu wandern. Vor den bleiverglasten Heckscheiben blieb er stehen und sah, den Rücken Hasard zugewandt, hinaus. Der Seewolf sah Drake als untersetzte Silhouette gegen das Mondlicht, und im Hintergrund das aufgebrummte Schiff, auf dem sich Männer vergeblich abmühten, es wieder flott zu kriegen.

Sie gaben nicht auf, zäh und verbissen schufteten sie noch immer, versuchten es erneut und hatten doch keine Hoffnung, jemals aus eigener Kraft freizukommen.

Drakes Gedanken kreisten augenblicklich um einen ganz bestimmten Punkt. War es möglich, daß dieser Seewolf ihn schon einmal angegriffen hatte, überlegte er. Waren sie aufeinander losgegangen, ohne zu wissen, wen sie vor sich hatten? So wie jetzt vor ganz kurzer Zeit? Fast glaubte er es, doch seine Gedanken rissen jäh ab, als Hasard das Schott der Kammer aufriß und nach Ed Carberry und Ben Brighton rief.

Carberry, durchfuhr es Drake, der narbengesichtige Profos, durch den alles in die Brüche gegangen war. Was sollte der denn hier?

Wieder einmal begann Drake, sich ausgesprochen unwohl zu fühlen, und als die beiden Männer kurz danach eintraten, wandte er sich nur sehr langsam um.

Der Profos stand im angelehnten Schott. Er schlug die Augen vor Drake nicht nieder, und der Admiral hielt diesem ruhigen überlegenen Blick nicht lange stand. Himmel, dachte er, was war nur aus diesen Kerlen geworden! Er hatte erwartet, einen ziemlich undiziplinierten Haufen vorzufinden, eine Horde Seezigeuner, aber er entdeckte das genaue Gegenteil.

Das Schiff befand sich in einem einwandfreien blitzsauberen Zustand, die Kerle waren sauber gekleidet und benahmen sich durchaus dizipliniert, zurückhaltend und korrekt, fast eisig höflich, dabei aber durchblicken lassend, daß sie vor ihm, dem Admiral, keinen Respekt empfanden. Sie akzeptierten ihn lediglich und wußten, daß er auf ihre Hilfe angewiesen war.

Diese Erkenntnis war für Drake wiederum bitter, und so streifte er den Seewolf mit einem langen nachdenklichen Blick.

„Sir?“ fragte Carberry und schob sein Rammkinn vor.

„Wir beginnen unverzüglich mit der Arbeit“, sagte Hasard. „Ben wird das Bergungskommando zusammenstellen, und du wirst es leiten. Ed!“

Drake wurde so steif, als hätte er einen Ladestock verschluckt. Sein Gesicht verfärbte sich leicht, und sein Atem ging etwas schneller.

Verdammt! Dieser Seewolf war impertinent genug, ausgerechnet dem Profos Carberry das Bergungskommando zu übergeben! Ausgerechnet Carberry, seinem ehemaligen Profos, diesen Kerl vom gemeinen Schiffsvolk, den er einmal abwertend weit hinter John Doughty gestellt hatte.

Das hatten weder der Profos noch Hasard jemals vergessen, und schon gar nicht Drake in seiner Starrköpfigkeit, auch wenn er sich nicht gern daran erinnerte.

Jetzt aber brachen die alten Wunden wieder auf, und er mußte auch diese moralische Ohrfeige zähneknirschend einstecken. Innerlich kochte er vor Wut als der Profos Haltung annahm und ihn selbst nur mit einem kurzen gleichgültigen Blick streifte.

„Aye, aye, Sir!“ schrie Ed mit seiner Donnerstimme.

Dann drehte Ben Brighton sich um, und der Profos folgte ihm. Sein mächtiges Kreuz füllte den gesamten Rahmen des Schotts aus.

„Carberry ist ein sehr guter Mann mit viel Erfahrung“, sagte Hasard im Plauderton, und Drake glaubte die feine Ironie aus den Worten deutlich heraus zu hören.

Am liebsten hätte er diesen Killigrew in den Schlund eines Zwanzig-Pfünders gesteckt und weit hinaus auf die See geschossen.

„Sie werden das am besten beurteilen können, Kapitän Killigrew“, sagte er gepreßt, „obwohl ich an Ihrer Stelle dem Bootsmann Brighton das Kommando überlassen hätte. Aber ich will Sie nicht bevormunden, und ich glaube, Ihre Beweggründe auch zu verstehen.“

Sein Mund verzog sich zu einem entsagungsvollen Lächeln, doch seine Augen blieben ernst und kühl. Es war nicht mehr als ein bloßes schmerzliches Verziehen seiner Lippen.

Er rang sich mühsam die weiteren Worte von den Lippen.

„Ich stehe in Ihrer Schuld, Mister Killigrew. Es war eine Glanzleistung, wie Sie den Angriff dieser spanischen Galeeren abgewehrt haben. Ich glaube“, setzte er leise hinzu, „wir hätten kein sehr gutes Bild abgegeben, eben wegen unser äußerst prekären Lage.“

„Meine Mannschaft ist gut aufeinander eingespielt und hat auch die nötige Erfahrung“, antwortete Hasard, und wiederum sah er, wie Drake leicht zusammenfuhr.

Himmel, er wollte nicht ständig Ohrfeigen verteilen, doch alles, was er sagte, kriegte Drake in den falschen Hals und empfand es als Arroganz oder Überlegenheit. Verdammt, war seine, Drakes Mannschaft, nicht ebenfalls gut aufeinander eingespielt?

Nein, sie war es zweifellos nicht, wie er vor sich selbst zugeben mußte. Es war ein zusammengewürfelter Haufen teilweise mit, teilweise ohne Erfahrung, und die Seewölfe hatten ihnen Jahre voraus, die nicht mehr aufzuholen waren. Das hatten sie ihm immer wieder knallhart bewiesen.

Drake gingen immer wieder die Meldungen im Kopf herum, wonach längst bekannt war, daß sich ein englischer Verband den spanischen Häfen näherte, um sie zu überfallen. Das bereitete ihm Sorgen, aber mit dem Seewolf wollte er jetzt nicht weiter darüber diskutieren, es blieb keine Zeit mehr. Sie mußten von der Sandbank herunter, und zusammen würden sie es auch schaffen, davon war er überzeugt.

Auf dem Deck war inzwischen Gepolter zu hören. Boote wurden abgefiert, Kommandos erklangen und Schritte polterten. Die „Isabella“ war jäh zum Leben erwacht.

„Wir sehen uns später“, sagte Drake. „Im Augenblick danke ich Ihnen für Ihre Hilfe, Mister Killigrew.“

„Keine Ursache, Sir. Das Kommando unter Carberry wird sein Bestes tun, das verspreche ich Ihnen.“

Drake verschluckte sich fast, als er aus der Kammer trat. Er sah den Profos an Deck stehen und staunte über die Schnelligkeit, mit der alles vonstatten ging.

Ja, dachte er beklommen, in dem narbengesichtigen Burschen hatte er wirklich einen guten Mann verloren, da halfen alle inneren Ausflüchte nicht. Das war ein Kerl aus Eisen, auch wenn er zehnmal zum niederen Schiffsvolk zählen mochte. Drake entsann sich jedenfalls nicht, einen gleichwertigen Mann an Bord zu haben.

Gemessen und würdevoll bestieg er das Boot und ließ sich zur „Elizabeth Bonaventura“ zurückpullen.

8.

Sehr spät in dieser Nacht wurde in der Nähe der Sandbank geschuftet und geschwitzt.

Die „Isabella“ war ankerauf gegangen und befand sich jetzt achterlich vom Flaggschiff.

Carberry hatte mit zwei Booten Anker ausgefahren und sie weit hinter der Galeone in den Grund gesetzt.

Einige der Seeleute Drakes begriffen nicht so recht, was der narbengesichtige Profos plante, und sie mußten sich so manches spöttische Wort anhören, wenn Carberry die Arme in die Hüften stemmte und seine Donnerstimme erhob.

„Ja, begreift ihr lausigen Kojenpisser denn nicht, wie das Manöver abläuft, was, wie? Die Trossen werden jetzt auf dem Flaggschiff belegt und laufen über unsere Winschen. Willig, willig, ihr Kanalsegler, pullt sie hinüber! Belegt das!“

In Drakes Beibooten mühten sich fluchende und schwitzende Männer ab, die schweren Taue hinüberzuwuchten. Es war eine Plackerei, eine schweißtreibende Arbeit, und immer wieder passierte es, daß Drakes Männer fast hilflos dastanden, und sich viele der Handgriffe erklären lassen mußten, was Carberry immer wieder mit saftigen Flüchen begleitete.

Vom Achterdeck des Flaggschiffes sahen Drake und Thomas Fenner zu. Sie zuckten jedesmal zusammen, wenn der Profos von triefäugigen Kakerlaken, Kanalratten und Affenärschen sprach und den Burschen Feuer unter den Achtersteven versprach, wenn sie nicht hart zupackten und sofort kapierten, was er wollte.

„Was sind das nur für Männer!“ sagte Kapitän Fenner immer wieder kopfschüttelnd zu Drake. „Diese Kerle klotzen heran, packen zu, und schon sitzt jeder Handgriff. Es ist beschämend, daß unsere Mannschaft das nicht schafft. Sie ist nicht halb so gut aufeinander eingespielt wie diese Seewölfe. Die stekken uns ganz verächtlich in die Tasche.“

Drakes Lippen waren zwei schmale Striche.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte er ungeduldig, „aber Sie haben diesen Killigrew selbst kennengelernt und wissen nun, wie er ist. Und die Kerle sind genauso hart, unnachgiebig und erfahren wie er. Sie haben die ganze Welt umsegelt, Fenner, haben Erfahrungen gesammelt, und sind von diesem Seewolf immer wieder hart rangenommen worden. Unsere Leute sind zu einem Großteil gepreßt und schlecht ausgebildet, sie sind mürrisch und plagen sich für einen bescheidenen Sold ab. Die haben keine Lust, und sie sind auch nicht frei wie Killigrews Seewölfe. Vielleicht ist das der feine Unterschied.“

Unterdessen wurden immer mehr Taljen und Blöcke eingesetzt, um den Kraftaufwand so gering wie möglich zu halten. Die Trossen wurden mit den Taljen und Blöcken verschäkelt und durchgesetzt.

Die ersten Männer stemmten sich in die Spillspaken und warteten auf das Kommando. Auch auf dem Flaggschiff brüllten Bootsmänner und der Profos und trieben die Leute ans Spill.

Ed Carberry umrundete mit dem Beiboot zuerst die „Isabella“, dann das Flaggschiff, überprüfte die Ankertrossen, untersuchte die Taljen und Blöcke und sah hinauf. Im Mondlicht sah sein Gesicht noch narbiger und grimmiger aus als bei Tage.

„Legt euch in die Spaken, wenn ich es sage, ihr lausigen Sandrutscher!“ rief er hinauf. „Und setzt alle Kräfte ein, sonst fressen euch die Dons mit Haut und Haaren, wenn sie hier aufkreuzen. Orientiert euch nach uns, richtet euch genau nach dem Kommando!“

Überall lauerten sie an den Spaken der Spills. Zu dritt und zu viert standen sie eng beisammen, die Muskeln gespannt, die Blicke nach vorn gerichtet.

„Hol durch!“ schrie Ed.

Unter lautem Gebrüll, sich gegenseitig anfeuernd, legten sich die Männer in die Spillspaken. Sie traten auf der Stelle, bis die erste Trägheit der steifen Trossen überwunden war, und stemmten sich dann hart von den Planken ab.

Anfangs schienen die Trossen brechen zu wollen, in den Taljen und Blöcken knarrte und quietschte es, und dann ging es nicht mehr weiter. Die Trossen waren zum Zerreißen gespannt.

„Ruht euch ja nicht aus, ihr Müdmänner!“ brüllte Ed. „Geht keine Spanne zurück, holt durch, holt durch! Willig, willig!“

Sturzbäche von Schweiß liefen über die Gesichter. Die Muskeln traten hart hervor, und es hatte den Anschein, als würden die Kräfte der Männer unter dem ungeheuren Zug schon jetzt erlahmen.

„Das ist nur der Anfang“, sagte Carberry. „Das dauert solange, bis der Kasten kapiert, daß er nicht mehr dagegen an kann, und dann gibt er nach. Hol weiter durch!“

Was er brüllte oder schrie, galt nur für die anderen. Den Seewölfen brauchte er es nicht zu sagen, die wußten, was sie zu tun hatten und feuerten sich gegenseitig an.

Auf der „Isabella“ ging plötzlich ein Schrei hoch.

„Ar-we-nack!“ brüllte jemand, und sofort pflanzte sich der alte Kampfschrei der Seewölfe fort, jagte den Soldaten und Seeleuten einen kalten Schauer über die Rücken und animierte sie dazu, alles herzugeben, was in ihren Kräften stand.

Schaurig laut und beängstigend klang dieses „Ar-we-nack“ durch die Nacht, bis es unter dem Kiel des Flaggschiffes zum ersten Male hörbar zu knirschen begann. Der Ruck war durch das ganze Flaggschiff zu spüren. Es wälzte sich schwerfällig über den Sand, das Spill drehte sich für Augenblicke schneller, es ging etwas leichter, und die „Elizabeth Bonaventura“ rutschte eine Handbreite achteraus.

Dieser Erfolg wurde von einem orkanartigen Brüllen begleitet und stachelte die Männer an. Dazwischen klang Carberrys Stimme wie Donnergrollen.

„Holt durch, holt durch!“ schrie er. „Holt weiter durch, ihr Rübenschweine, bis euch das Wasser im Hintern kocht. Seid ihr Säuglinge oder Wickelkinder, was, wie?“

Carberrys Worte versetzten Drakes Seeleute in Raserei und nötigten ihnen einen ungeheuren Kraftaufwand ab. Wenn sie sich in die Spaken legten und schrien, dann war das blanke Wut, und die ließen sie im Geiste an dem tobenden und brüllenden Profos aus, ganz so wie Ed das beabsichtigt hatte. Was sie in den Händen hielten, waren Knüppel, um den Profos damit zu erschlagen, diesen narbigen Rauhbautz, der sie zutiefst beleidigte.

Ed hockte im Boot, grinste fürchterlich und schrie sich die Kehle heiser, bis die ersten Flüche erschallten.

„Du Hund, du lausiger!“ schrien einige, mit Wut bis zum Bersten angefüllt. „Warte es nur ab! Dir werden wir es schon zeigen!“

„Ha, ihr kraftlosen Säcke!“ brüllte Carberry zurück. „Ihr habt ja keinen Mumm in den Knochen!“

Ihr Brüllen steigerte sich, und ihre Wut wuchs, und gleich darauf erfolgte der nächste Ruck. Unter dem Kiel schabte es, die schwere Galeone legte sich unmerklich auf die Seite, und als sie sich erneut grimmig in die Spaken legten, zog sich das Flaggschiff wie von Geisterhänden bewegt, noch weiter achteraus.

Carberry versprach, lockte, drohte und bepöbelte die Kerle, versprach ihnen die Hölle auf Erden, drohte ihnen mit der Neunschwänzigen und schaffte es, den Haufen Kerle in eine niegekannte Raserei zu versetzen, indem er sie lauthals beleidigte und mit allem möglichen Ungeziefer verglich.

„Die hassen ihn so, daß sie ihn später totschlagen werden“, sagte Thomas Fenner erschüttert.

„Aber er erreicht, was er will“, erwiderte Drake. „Und wenn wir frei sind, werden sie ihn nicht totschlagen, sondern ihm um den Hals fallen. Dieser Mann hat eine unglaubliche Begabung mit den Leuten genau richtig umzuspringen. Im Geist haben sie ihn tausendmal umgebracht.“

Fenner sagte gar nichts mehr. Ein neuer Ruck erfolgte und brachte sie wieder ein Stück von der Sandbank herunter. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis das Flaggschiff frei war, denn jetzt wollten es die tobenden Männer ganz genau wissen, um dem Profos zu beweisen, daß sie es schafften und er Unrecht hatte.

Am Horizont begann es dämmrig zu werden. Da hatten sie sich längst die Kehlen heiser geschrien und waren total erschöpft. Sie hatten auch keinen Haß mehr auf den Profos, denn sie erkannten seine Taktik, mit der er bis aufs Blut gereizt und immer wieder angespornt hatte.

Das Flaggschiff war frei, es hatte wieder Wasser unter dem Kiel.

Drake ließ an die Männer Rum ausgeben, und als Carberry an Bord kletterte, sahen sie ihn stumm an, bis einer der Soldaten erschöpft grinsend das Gesicht verzog und auf ihn deutete.

„Seht euch diesen Himmelhund an“, sagte er, „seht euch diesen häßlichen Klotz genau an. Wollten wir ihn vorhin nicht in einzelne Fetzen reißen? Ich sage Hurra, er kriegt die Hälfte von meinem Rum.“

„Hätte ich von euch gar nicht erwartet, ihr Hurensöhne!“ sagte Ed und grinste sie an.

Die Hurra-Rufe wurden lauter und lauter, und dann war Ed Carberry der Held des Tages. Sie ließen ihn hochleben und schrien, bis Francis Drake sich oben auf dem Achterdeck an Fenner wandte, der wie gebannt auf die Szene starrte.

„Ein merkwürdiger Vorgang“, sagte er. „Zuerst wollten sie ihn umbringen, und jetzt küssen sie ihm die Stiefel. So ähnlich habe ich mir das gedacht. Können Sie sich in die Lage des Schiffsvolkes versetzen, Mister Fenner?“

„Nein“, sagte Fenner erschüttert, „nein, Sir, das kann ich nicht, wirklich nicht.“

„Mitunter begreife ich es auch nicht. Vielleicht hätte ich ihn damals doch nicht so zurückstellen sollen.“

Das Flaggschiff schwamm jetzt. Die beiden Schiffe lösten sich vorsichtig voneinander und suchten tieferes Wasser auf.

Ferris Tucker, Big Old Shane und der Zimmermann des Flaggschiffes waren damit beschäftigt, einen neuen Bugspriet zu zimmern. Tucker verwendete dazu das afrikanische Hartholz, das sie auf der „Isabella“ mitführten, eine Holzsorte, die sich bisher allerbestens bewährt hatte.

Dabei konnte der Schiffszimmermann von Tucker einiges lernen, was Schnelligkeit und äußerste Genauigkeit betraf, denn Big Old Shane und Tukker waren ebenfalls aufeinander eingespielt, so daß alles reibungslos und ohne große Worte verlief und der Zimmermann sich immer wieder verblüfft den Schädel kratzte, wenn er Tucker bei der Arbeit zusah. Der rothaarige Kerl schien den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als neue Bugspriets einzusetzen.

Und wenn er seine riesengroße, beängstigend scharfe Axt hoch über den Kopf schwang, dann schlug er nie daneben, und traf immer genau das, was er auch wollte.

Der Respekt vor den Seewölfen wuchs, gleichzeitig aber bemerkte die Mannschaft auch, daß der Admiral immer wieder nachdenklich auf die Seewölfe blickte und seine eigene Crew fast geringschätzig musterte. Sie alle wußten, daß sie sich von diesen Kerlen eine große Scheibe abschneiden konnten, denn die hatten es ihnen in dieser Nacht überdeutlich bewiesen, was echte Seemannschaft hieß.

Einige vertrugen das nicht, andere nahmen es gelassen hin, und der Rest war ziemlich beschämt.

Im Morgengrauen ging es ankerauf, und die Segel wurden gesetzt. Beide Schiffe schwangen auf Südkurs und nahmen Fahrt auf.

9.

Das erste Schiff, das im Laufe des Morgens gesichtet wurde, war die „Dreadnought“ unter Kapitän Robert Seymour, die von Norden heransegelte und sich dem Flaggschiff anschloß.

Die „Elizabeth Bonaventura“ und die „Isabella“ segelten langsam weiter, damit die anderen Zeit hatten, aufzuschließen.

Etwas später gesellten sich die „Rainbow“ unter Kapitän John Wight, die „Golden Lion“ geführt von Vizeadmiral William Borough und zwei schwerarmierte Galeonen der Londoner Kaufleute hinzu.

Der Verband wuchs im Laufe des Tages weiter an, als weitere Segler hinzustießen. Einige der Schiffe, die für Aufklärungs- oder Wachdienste eingesetzt waren, lagen in der Größenordnung von fünfundzwanzig, fünfzig und hundert Tonnen.

Hasard sah immer wieder zu den Schiffen hinüber, die jetzt eine beachtliche Kampfkraft darstellten. Fast stündlich begann der Verband anzuwachsen.

„Wie hat Drake sich das eigentlich vorgestellt?“ fragte Ben Brighton den Seewolf. „Sollen wir zu allem Ja und Amen sagen, was er anordnet? Nehmen wir Befehle von ihm entgegen? Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht.“

„Drake ließ sich nicht genau darüber aus, er will erst eine Lagebesprechung ansetzen, sobald der Verband komplett ist. Ich bin bereit, kräftig mitzumischen, allerdings nicht unter Drakes Kommando, sondern frei und unabhängig. Das habe ich dem Admiral in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben.“

„Und wie hat er es aufgenommen?“

„Wie ich es erwartet habe. Er war leicht verärgert, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen.“

„Vermutlich, weil er in unserer Schuld steht. Drake kann so etwas nicht verkraften. Er ist der Admiral, und die anderen haben gefälligst zu gehorchen.“

„Er hat viel eingesteckt“, sagte Hasard, „und es hat ihm auch zu denken gegeben. Ich weiß nicht, ob er seine Ansicht über uns revidiert hat, ich weiß auch nicht, was er denkt, ich kann nur Vermutungen anstellen. Ein Mann seines Kalibers begreift nicht, daß wir frei sein wollen, er sieht nur seine Karriere, die ihm über alles geht. Dabei verliert er etwas die Übersicht. Er denkt nicht sehr viel weiter, er führt das aus, was ihm aufgetragen wird und versucht ständig, Ruhm an seine Flagge zu heften, um noch besser und glorreicher dazustehen.“

„Ja, so wird es wohl sein“, sagte Ben nachdenklich. „In der Gesellschaft bornierter Höflinge und Intriganten färbt das alles ein wenig ab. Ich möchte in diesen Kreisen jedenfalls nicht verkehren.“

„Dazu wirst du auch kaum Gelegenheit erhalten. Wir bleiben, was wir sind, und eher holt mich der Teufel lotweise, als daß ich mich Drake unterstelle.“

„Konsequenz imponiert dem Admiral aber“, sagte Ben.

„Mag sein, es ist mir gleichgültig. Er wird es jedenfalls nie zugeben. Wir haben ihm bewiesen, was wir können, und daraus soll er Konsequenzen ziehen, wie er will. Ich liege mit Drake nur nautisch auf einem Kurs, und das nur vorübergehend. Geistig haben sich unsere Wege längst getrennt.“

Sie segelten weiter, den Tag hindurch, dann in die Dämmerung und in die Nacht hinein, und immer wieder stießen kleinere und größere Schiffe zu dem Verband.

Am 26. April erreichte der Verband siebzehn Meilen querab von Lissabon seinen Treffpunkt.

Noch immer stießen vereinzelte Schiffe zu ihnen, die im Lauf des Tages herankrebsten und sich anschlossen.

Die Ansammlung wurde größer und wuchs beängstigend an.

Ein einmastiger Segler von fünfundzwanzig Tonnen galt als verloren. Vermutlich war er bei dem fürchterlichen Sturm am Kap untergegangen. Niemand hatte ihn seither gesehen.

Am Nachmittag näherte sich ein kleines Boot der „Isabella“, in dem der Profos des Flaggschiffes saß. Er enterte auf und grüßte den Seewolf respektvoll.

„Admiral Drake läßt Ihnen seine Einladung zu der angesetzten Lagebesprechung überbringen, Sir, und fragt an, ob er mit Ihrer Anwesenheit rechnen kann.“

„Wo hast du denn diese geschwollenen Sätze her?“ fragte Carberry den Mann und grinste.

„Die habe ich auswendig gelernt“, knurrte der Profos. „Man hat sie mir zehnmal vorgekaut.“

„Ja, ich werde daran teilnehmen, lassen Sie den Admiral das wissen, Profos. Sind die anderen schon da?“

„Sie sind unterwegs, Sir?“

„Gut, fiert das Beiboot ab“, befahl Hasard. „Zwei Mann genügen, die mich hinüberpullen.“

Als der Profos wieder abenterte, grinste der junge O’Flynn.

„Dann wirst du dich ja in sehr erlauchter Gesellschaft bewegen, Hasard. Stinkvornehme Herren, denen der Kalk durch die Gebeine rieselt. Glaubst du, du wirst dich wohlfühlen?“

„Halt die Schnauze, Mister O’Flynn“, sagte Carberry gemütlich, „sonst stopfe ich sie dir! Der Seewolf ist keinem unterstellt, egal, was die Kerle auch immer denken, kapiert!“

„Was, wie?“ sagte Dan. „Das hast du eben noch vergessen.“

Carberry, trat einen Schritt vor, aber Dan räusperte sich nur und drehte sich um. Grinsend verschwand er.

„Ich werde mich ganz sicher nicht wohlfühlen“, sagte Hasard. „Da hat Dan ganz recht, ich bin es nicht mehr gewohnt.“

„Du wirst schon mit ihnen fertig, wenn sie überhaupt etwas von dir wollen“, meinte Brighton. „Die trauen sich doch gar nicht, sich mit dir anzulegen.“

Etwas später war das Boot unterwegs und pullte dem Flaggschiff entgegen, wo bereits andere Boote lagen. Neue gesellten sich hinzu, und Hasard sah die ersten Kapitäne, die oben an Deck empfangen und zu Drakes Kammer geleitet wurden.

Einige waren stutzerhaft gekleidet und hatten hochmütige und blasierte Gesichter aufgesetzt.

Als Hasard in Drakes Kammer erschien, verstummte das Geraune, und alle Augen starrten ihn an.

Er gab den Blick gelassen zurück, zählte einschließlich Drake, fünfzehn Kapitäne und nickte ihnen zu. Auch Fenner war dabei, der den Seewolf mit einem wohlwollenden Blick bedachte.

Drake erhob sich und deutete auf den Seewolf. In der Kammer wurde es totenstill.

„Ich möchte Ihnen Kapitän Philip Hasard Killigrew vorstellen, Gentlemen“, sagte er, „von der ‚Isabella acht‘.“

Mißtrauische Blicke wurden auf den Seewolf gerichtet, die ehrenwerten Herren murmelten etwas und blickten ziemlich hochmütig und arrogant aus ihrer Kleidung.

Drake stellte nun seinerseits die Gentlemen mit einer schnellen Handbewegung vor, aber Hasard konnte die Namen, die da auf ihn einprasselten nicht alle behalten. Lediglich ein Mann stach aus der Menge hervor: William Borough, der Kommandant der „Golden Lion“, der dem Seewolf freundlich zunickte.

„Killigrew?“ hörte er sie tuscheln. Sie genierten sich nicht, seinen Namen durchzukauen und genüßlich in die Länge zu ziehen.

„Killigrew – der Seewolf“, sagte einer, ein blasierter aufgeblasener Typ, der Hasard fast geringschätzig musterte. „Da war doch vor einigen Jahren mal etwas. Hieß es nicht, dieser Mann habe Konflikte mit der Königin gehabt?“

„Er soll einen Teil der Schätze beiseite geschafft haben“, murmelte unüberhörbar ein anderer, „Schätze, die eigentlich der Krone zustanden und gehörten.“

„Ach, das ist der Killigrew?“

Irgendwo an der langen Tafel wurde leise und hämisch gekichert. Zwei gekkenhaft gekleidete Männer zwinkerten sich zu.

Hasard musterte sie eisig. Von ihm strömte eine eiskalte und gefährliche Atmosphäre aus, die den stutzerhaft gekleideten Kapitän schlagartig verstummen ließ.

Einen kurzen Augenblick sah er in die eisblauen Augen, dann blickte er auf die Tafel, scharrte mit den Füßen und begann unruhig zu werden, als der Blick des Seewolfs immer noch unheilverkündend auf ihm hing.

„Gentlemen“, sagte Drake kalt, „ich wünsche hier keine Reibereien und keinen Streit. Ich muß Sie bitten, sich zusammenzunehmen. Falls Sie persönliche Differenzen haben, dann tragen sie die nicht hier aus! Ich habe eine Lagebesprechung angesetzt und keinen Klatschabend.“

Die Männer schwiegen sofort. Aber dem Seewolf entging nicht das versteckte Grinsen, mit dem sie zum Ausdruck brachten, wie sie über ihn dachten.

Er sah sie lange an, einen nach dem anderen unterzog er eine genaue Musterung.

Nein, er paßte nicht mehr in diese Kreise und fühlte sich beileibe nicht wohl. Dan O’Flynn hatte das ganz richtig gesehen. Hier saßen wirklich verstaubte karrieresüchtige Burschen herum, die sich von den Höflingen, Intriganten und Lordschaften wie Pembroke kaum unterschieden. In Plüsch und Pomp, Samt und Seide saßen sie da, verstaubten Marionetten ähnlich, die man auf irgendeinem Speicher oder Keller vergessen hatte. Engstirnige, bornierte Gents, voller Überheblichkeit, die mit Macht nach oben drängten, zur Spitze gehören wollten und auf ihrem Weg nach oben keine Hinterhältigkeit scheuten.

Lediglich dieser Borough unterschied sich von ihnen deutlich. Das schien ein aufrechter, ehrlicher und offener Mann zu sein, mit klaren Augen und geradem Blick, der nicht den Kopf senkte oder dämlich grinste, wenn man ihn ansah.

Auch die Kapitäne der Kauffahrer unterschieden sich nicht sonderlich von den anderen. Sie hatten die Gelegenheit beim Schopf gepackt und gierten nach Ruhm, Beute und Ansehen. Nach Hasards Ansicht waren es Leisetreter, die den offenen, ehrlichen Kampf scheuten und nur aus dem Hintergrund operierten.

Seine Lippen kräuselten sich verächtlich, und als Kapitän Borough das sah, und die Gedanken hinter der Stirn des Seewolfs zu erkennen glaubte, da begann er plötzlich zu lächeln, und nickte Hasard ein zweites Mal freundlich zu.

Der Seewolf gab dieses Lächeln zurück. Zwischen den beiden Männern bestand ein plötzliches Einvernehmen und Verstehen.

Drake hatte spanischen Rotwein kredenzen lassen und nahm am Kopfende der Tafel Platz.

„Ich möchte Ihnen jetzt mitteilen, um was es geht, meine Herren“, sagte er. „Unser Verband wird weitersegeln in Richtung Cadiz. Dort werden wir blitzartig den Hafen überfallen und angreifen. Für seine Allerkatholischste Majestät, König Philip, wird das ein überraschender Schlag sein, trotz allem, was ich bisher gehört habe, was uns aber nur am Rande interessiert. Ich halte es zu einem großen Teil für Gerüchte. Angeblich ist man unterrichtet, daß ein englischer Verband unterwegs sei, wie Kapitän Killigrew andeutete.“

Hasard rührte sich nicht. Er hob den Becher und trank einen Schluck. Über den Rand des Bechers sah er dabei Francis Drake genau in die Augen.

„Cadiz also“, sagte Borough mit seiner klaren Stimme. „Das wird den Dons sicher einen Schock versetzen. Dürfen wir über das Vorgehen mehr erfahren, Sir? Einzelheiten, wie wir operieren, wie sich der Verband aufgliedert, und was der Dinge mehr sind.“

Drake musterte den Kapitän, der als siegreicher Führer eines Seegefechtes gegen die Dänen hervorgegangen war, und dabei ausgezeichnete Qualitäten bewiesen hatte.

„Ich sagte, wir überfallen Cadiz, Kapitän Borough“, erwiderte Drake scharf. „Das genügt vorerst.“

„Es tut mir leid, wenn ich Ihnen widerspreche, Sir“, sagte der Kapitän ruhig. „Aber wenn wir den Hafen überfallen und angreifen, dann muß dem ein detaillierter Plan zugrunde liegen. Aus diesem Grund bitte ich um nähere Einzelheiten. Es erscheint mir gelinde gesagt, absurd, Sir, wenn wir im ganzen Verband einfach drauflossegeln und jeder das tut, was ihm gerade einfällt.“

„Das erscheint Ihnen absurd?“ brauste Drake auf. „Ich habe Ihnen einen klaren und unmißverständlichen Befehl gegeben, Kapitän, und Sie wagen es von absurd zu sprechen! Für Einzelheiten haben wir vor Cadiz Zeit, noch sind wir nicht da.“

Hasard sah, wie Borough rot anlief und seinen Weinbrecher mit der Hand umkrampfte.

Sehr ruhig und gelassen hob Hasard den Kopf.

„Ich teile die Ansicht Kapitäns Borough“, sagte er. „Ich kenne auch den Hafen von Cadiz genau. Man hat mich in der Festung von Cadiz zum Tode durch Erschießen verurteilt, aber meine Männer haben dort eingegriffen und mir zur Flucht verholfen, bevor die Dons ihr Urteil vollstrecken konnten. Das liegt jedoch schon einige Jahre zurück und ist kaum noch einer Erwähnung wert. Etwas anderes interessiert in diesem Zusammenhang allerdings mehr, Sir!“

Er sah Drake an und erkannte, daß dem Admiral das alles überhaupt nicht paßte, denn Drake trommelte nervös mit den Fingern seiner Rechten auf der Tischplatte herum. Aber Hasard war das völlig gleichgültig, es galt, Drake vor einem schweren Fehler zu bewahren und unnötige Verluste an Menschenleben und Schiffen zu vermeiden.

„Ich mußte in einer Bucht etwa fünfzig Meilen südlich von Cadiz Schutz suchen, um nicht von den spanischen Verbänden entdeckt zu werden“, fuhr er fort und berichtete, was sich dort, und auch später, alles auf der Reede von Cadiz zugetragen hatte.

Drake starrte ihn an. Seine Gesichtsfarbe hatte eine unnatürliche Blässe angenommen.

„Sie wollen damit sagen, Mister Killigrew, daß Sie also insgesamt drei der großen spanischen Zweidekker, unter ihnen die Admirals-Galeone, versenkt haben?“

Der Seewolf nickte kühl und warf gleichzeitig einen Blick auf Borough, der sich interessiert vorgeneigt hatte und ihn mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen ansah.

Drake sprang auf, er konnte sich nicht mehr beherrschen.

„Wissen Sie eigentlich, Mister Killigrew, daß Sie mit Ihrer Eigenmächtigkeit mein ganzes Unternehmen gefährdet haben?“ schrie er außer sich vor Wut. „Ich werde Sie …“

Auch der Seewolf hatte sich erhoben und blitzte Drake an.

„Nichts werden Sie, Admiral, gar nichts. Von einer Eigenmächtigkeit meinerseits kann gar keine Rede sein, denn ich habe nicht gewußt, daß Sie mit Ihrem Verband in diesen Gewässern kreuzen. Trotzdem rate ich Ihnen, von Ihrem Plan Abstand zu nehmen. Die Spanier sind durch den Verlust ihrer drei Schiffe gewarnt, die Reede von Cadiz wird bestimmt überwacht – ich denke an Galeeren. Wenn Sie so vorgehen, wie Sie das vorhaben, dann wird es bei Ihnen schwere Verluste geben. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen, Sir.“

Drake atmete schwer. Dann blickte er Hasard kühl an.

„Das alles war sehr interessant und aufschlußreich, Mister Killigrew“, sagte er eisig, „aber auch ich kenne den Hafen und habe die Details im Kopf. Es ist also nicht nötig, daß Sie mir Angriffsvorschläge unterbreiten. Ich danke Ihnen trotzdem für Ihr Engagement.“

Er warf Hasard einen verletzenden Blick zu und freute sich insgeheim, dem Seewolf eine der vielen Ohrfeigen, die er erhalten hatte, zurückgegeben zu haben.

„Keine Ursache“, sagte Hasard ebenso kalt. „Dann darf ich mich wohl von Bord melden.“

„Heißt das, Sie haben nicht die Absicht, für England zu kämpfen?“ rief Drake mit rotem Kopf.

„Sie haben mich mißverstanden, Admiral. Natürlich werde ich jederzeit für England kämpfen, aber ich möchte nicht das Leben meiner Männer vorsätzlich gefährden, indem ich mich einem närrischen, planlosen Unternehmen anschließe. Ich sehe darin leider keinen Sinn, Sir! Es war mir ein Vergnügen, Gentlemen.“

Aus den Augenwinkeln registrierte Hasard, wie die erlauchten Gentlemen in eine merkwürdige Starre verfielen, wie Drake einen puterroten Kopf kriegte und pausenlos schluckte und Kapitän William Borough ganz offen grinste und alle Mühe hatte, über Killigrews Worte nicht laut zu lachen.

Drake stand wie festgeschraubt am Tisch, sah ihm wütend nach und setzte sich empört, als Hasard den Raum verließ.

Nein, dachte der Seewolf, als er zur Kuhl ging, Konzepte dieser Art behagen mir ganz und gar nicht. Entweder legt Drake seine Karten offen auf den Tisch, so daß man jederzeit mitspielen kann, oder aber er deckt sie zu und spielt allein weiter. Deshalb setze ich nicht das Leben meiner Männer aufs Spiel. Das hieße nichts anderes, als Drake blindlings in seinem Kielwasser zu folgen und den Affen zu spielen.

Ein leichtes Lächeln lag auf Hasards Lippen, als er ins Boot stieg und sich zurückpullen ließ.

„Das ging aber schnell“, sagte Ed. „Veranstalten die anderen jetzt einen Saufabend?“

„Sie begnügen sich mit dummem Geschwafel und hören einem störrischen Hitzkopf zu, der gar nicht daran denkt, sie in seine Pläne einzuweihen. Ich habe die Karten hingeschmissen, Ed. Wir gehen ankerauf und lösen uns von dem Verband.“

„Richtigen Streit mit Drake?“ fragte der Profos.

„Meinungsverschiedenheiten. Wir haben grundlegend andere Ansichten. Während Drake irgendwo dort oben auf dem Mond hockt, stehe ich noch auf der Erde. Wir heizen den Dons selbst ein und gehen Kurs auf Cadiz.“

„Das wird Drake aber freuen, Sir.“

„Sicher, er hatte ja schon lange nichts mehr zu lachen. Mir ist dieses bornierte Hornochsengeschwader zuwider, bis auf eine Ausnahme, und das ist Kapitän Borough. Der nimmt kein Blatt vor den Mund und wird mit Drake noch öfter zusammenrasseln.“

Auf der „Isabella“ wurden kurz darauf der Anker gehievt und die Segel gesetzt.

In diesem Augenblick sah Hasard auch, wie Kapitän Borough über das Deck stürmte und das Flaggschiff verließ. Die anderen blieben noch und redeten Drake vermutlich so nach dem Maul, wie er es wünschte.

Außerdem hatte Drake schamhaft verschwiegen, auf welche Art und Weise er den Seewolf erneut kennengelernt hatte. Von der Sandbank und der blamablen Niederlage war kein einziges Wort gefallen, das hatte Drake immer noch nicht verkraftet.

Während die „Isabella“ weiterhin Südkurs lief, ließ der Seewolf vor seinem geistigen Auge noch einmal den Hafen Cadiz erstehen und überlegte sein Vorgehen.

Es wurde mit der gesamten Mannschaft genau besprochen.

Am 28. April 1587 erreichte die Galeone spät nach Mitternacht den Hafen und schlich ungesehen in eine winzige Nebenbucht südlich von Puerto de Santa Maria, genau der Stadt und Festung von Cadiz gegenüber. Dort versteckte sie sich und ging vor Anker. Zu dieser Zeit hielt Drake die zweite Besprechung ab und rasselte prompt mit Kapitän Borough zusammen.

„Sobald wir Cadiz erreichen“, sagte Drake, „wird es blitzartig und nach alter Freibeuter-Art überfallen, Gentlemen. Und damit Schluß und basta.“

„Ich muß Ihnen noch einmal widersprechen, Sir“, sagte Borough zum Entsetzen der anderen Kapitäne. „Ich sehe in diesem Überfall keinen richtigen Sinn, er scheint mir zu konzeptlos. Ich schließe mich der Meinung des offenbar sehr überlegt handelnden Kapitäns Killigrew voll und ganz an. Der Mann denkt in ganz anderen Dimensionen, er plant sorgfältig, wägt ab und trifft dann seine Entscheidung. Das hat ihn auch bis heute am Leben erhalten, und ich bedaure es zutiefst, daß er uns verlassen hat und weitersegelte. Sie hätten auf ihn hören sollen, Sir!“

„Zum Teufel!“ brauste Drake auf. „Ich befehlige das Flaggschiff, Kapitän Borough, und ich verbitte mir jede Einmischung von Ihrer Seite. Ihr Befehl lautet ganz einfach und verständlich, dem Flaggschiff zu folgen, nicht mehr und nicht weniger.“

„Und was sollen wir sonst noch tun, wenn wir dem Flaggschiff folgen, Sir?“ fragte der Kapitän aufsässig.

„Sie sollen auf alle Spanier, die Sie sehen, feuern. Zu was, zum Teufel, haben Sie denn Ihre Kanonen!“

Borough verzog das Gesicht und ließ seinen Blick über die anderen Gesichter wandern, die zu jedem Wort Drakes nur nickten.

„Schön“, sagte er patzig, „dem Flaggschiff folgen und auf jeden Spanier feuern, sehr einleuchtend, Sir.“

„Damit ist die Besprechung beendet, Gentlemen“, sagte Drake. „Ich hoffe, Sie haben nun auch endlich begriffen, Kapitän.“

„Aye, Sir, jedes Wort. Es war ein völlig klarer Befehl, und demnach kann auch nichts schiefgehen.“

Hohn troff aus seinen Worten, als er ging, und um seine Mundwinkel lag ein verächtliches Zucken.

So wie Drake das plant, gibt es ein Malheur, dachte er. Aber bitte, er war der Admiral, er mußte ja alles besser wissen als die anderen, sonst hätte er es nicht so weit gebracht.

10.

Noch spät in der Nacht, gegen Morgen fast, nahmen Dan O’Flynn und der Schiffsjunge Bill, der sich schon in der Bucht südlich von Cadiz so hervorragend bewährt hatte, in dem Boot Platz und pullten davon, um auszukundschaften, was sich im Hafen tat.

Im Morgengrauen stieß Dan den Jungen an.

„Siehst du es?“ fragte er. „Da tut sich etwas, Bill. Vier Galeeren rudern in die untere Bucht bei Port Real.“

Der Junge nickte aufgeregt. Sie hatten sich so vorzüglich verborgen, daß sie niemand sah, und selbst wenn man sie gesehen hätte, sie wären kaum aufgefallen.

„Und noch zwei rudern heran“, sagte Dan gleich darauf. „Mann, da tut sich wirklich eine ganze Menge. Du spielst wieder den Fühlungshalter zur „Isabella“, Bill!“

„Klar, sowieso, denen werden wir es schon zeigen, was?“

Dan entsann sich grinsend, wie der Bengel den Spaniern schon einmal einen üblen Streich gespielt hatte, an eine Galeere herangeschwommen war und dem verblüfften Kapitän eine haarsträubende Geschichte in allerbestem Spanisch untergejubelt hatte, auf die die Dons auch prompt hereingefallen waren. Der Bengel hat sich ganz schön gemausert, dachte er und beobachtete weiter, was sich vor ihren Augen tat.

Die sechs Galeeren ruderten heran. Gleichmäßig tauchten die Riemen ins Wasser, das Tam-tam des Schlagmannes war deutlich zu hören, und im beginnenden Morgengrauen erkannte man bereits die Gestalten auf dem Deck.

Es waren schwerbewaffnete Galeeren, und sie waren äußerst wendig und schnell, wenn es darauf ankam.

Jetzt sahen sie schon deutlicher, wie die Kriegsgaleeren mit mittlerer Geschwindigkeit in die untere Bucht ruderten.

Dan versuchte sich vorzustellen, wie Francis Drake es wohl anstellen würde, wenn er so völlig konzeptlos in den Hafen segelte.

Die Kriegsgaleeren konnten ihm und dem Verband zum Verhängnis werden, denn man sah sie von der großen Reede aus nicht.

Sie aber konnten blitzschnell heranschießen und das Feuer eröffnen.

„Zisch ab“, sagte Dan, „du hast selbst gesehen, wie sie hier aufmarschieren, und berichte dem Seewolf alles haarklein. Du kennst den Weg ja noch!“

„Und du? Bleibst du noch hier?“

„Ja, ich beobachte weiter, was sich tut.“

„Soll ich noch einmal zurückkehren?“ fragte Bill.

„Nicht nötig, ich kehre mit dem Boot zurück, sobald die ersten Mastspitzen an der Kimm auftauchen. Und jetzt hau endlich ab, Mann!“

Schon daß Dan ihn „Mann“ genannt hatte, erfüllte den Bengel wiederum mit Stolz. Bevor er verschwand, sicherte er erst das Gelände, sah noch einmal auf die Wrackteile, die aus dem Wasser ragten und die von den versenkten Schiffen stammten und lief dann los.

Etwas später kehrte er ungesehen auf die „Isabella“ zurück und erstattete dem Seewolf haarklein Bericht.

„Prächtig, Bill“, lobte ihn Hasard. „Du wirst von Tag zu Tag besser.“

Hasard wandte sich an Ben, den Profos, Smoky, Conroy und die anderen, die sich auf dem Achterdeck aufhielten und das Unternehmen Cadiz immer wieder erörterten.

„Drake segelt von Nordwesten heran“, sagte er, „und er wird sein blaues Wunder erleben, wenn die Galeeren aus dem unteren Hafen plötzlich auftauchen und sich ihm stellen.“

„Er rennt genau in sein Verderben“, prophezeite Ben.

„Und das werden wir verhindern. Wie sieht es aus? Sind die Schiffe schon in Sicht?“

Im Großtopp saßen drei Ausgucks, aber da es am Horizont noch dunkel war und Wolken darunter hingen, die die Kimm verbargen, sahen die Männer noch nichts.

„Das Schiff in Gefechtsbereitschaft versetzen“, ordnete der Seewolf an. „Wenn ich nachher das Zeichen gebe, setzt ihr die englische Flagge, dann hoch mit allen Segeln und nichts wie drauf auf die Dons!“

„Wir versuchen also, den Galeeren den Weg zu verlegen“, sagte Ben Brighton, „und eröffnen das Feuer in dem Augenblick, wenn sie sich herausschieben.“

„Genau das“, erwiderte Hasard.

„Wenn wir Pech haben, fangen wir die ersten Kugeln“, sagte der Decksälteste Smoky, „und der Sir Admiral steht wieder glänzend und in alter Frische da.“

„Wir taktieren besser, denn wir haben einen Plan, während Drake ihn nicht hat. Der Lagebesprechung nach zu urteilen, weiß von seinen Leuten überhaupt niemand, was er tun soll.“

Davon, daß eine zweite Lagebesprechung stattgefunden hatte, wußte man auf der „Isabella“ noch nichts. Außerdem hatte sie ohnehin nicht viel eingebracht, und so glaubte man immer noch an ein planloses Vorgehen des Admirals.

Nur sehr langsam wurde es an der Kimm hell, während der Hafen wesentlich heller wirkte.

Auf den Reeden lagen Schiffe, dickbauchige Galeonen, gewaltige Brocken darunter, hinter denen sich die „Isabella“ dreimal verstecken konnte. Dazwischen lagen kleine und kleinste Segler.

„Mastspitzen an der Kimm!“ rief Jeff Bowie aus dem Ausguck.

Carberry rieb sich in der Vorfreude kommender Ereignisse die gewaltigen Pranken und stieß Ferris Tukker an.

„Zeit, daß mal wieder ein paar lausige Affenärsche das große Fürchten lernen“, sagte er fröhlich. „Was, glaubst du, wird hier in kurzer Zeit los sein?“

„Der Teufel persönlich“, sagte Tukker.

„Einer nur?“ Der Profos lachte. „Sind alle Mann auf den Stationen, Smoky? Wie sieht es vorn aus?“

„Alles klar, Ed. Der Tanz kann losgehen, die Kanonen sind geladen, Al Conroy leckt sich schon ständig die Lippen.“

Etwas später war der Verband unter Admiral Sir Francis Drake bereits deutlich zu erkennen, wie er von Nordwesten unter Vollzeug auf die Reede von Cadiz zusegelte.

Voran die große Galeone, das Flaggschiff, gefolgt von der „Golden Lion“ unter Kapitän William Borough, im Kielwasser und etwas zu breit angelegter Formation die anderen, ganz zum Schluß die kleineren Schiffe.

Hasard sah dem Aufmarsch besorgt entgegen.

„Hölle und Teufel“, murmelte er, „was hat sich Drake nur dabei gedacht? Oder sieht jemand darin einen sinnvollen Aufmarsch?“

„Bisher nicht“, sagte Ben, „bisher sieht es so aus, wie du es vermutet hast.“

In Cadiz schien zu dieser Zeit immer noch alles zu schlafen, als sich der englische Verband dem Hafen näherte. Auf einigen Schiffen blakten trübe, rußgeschwärzte Laternen, auf anderen gab es überhaupt kein Licht. Die einzigen, die anscheinend hellwach und bereit waren, schienen die bisher noch unsichtbaren Galeeren zu sein.

Aber diese Ruhe konnte auch nur vorgetäuscht sein, dachte der Seewolf, und sobald der Admiral den Hafen anlief, konnte alles schlagartig zum Leben erwachen, um ihm einen heißen Empfang zu bereiten.

Immer wieder beobachteten sie die anderen Schiffe auf der Reede, und ab und zu zeigte sich auch mal eine Gestalt, aber man sah sie nur, wenn man in die Wanten stieg.

Auf der Galeone des Seewolfs standen die Männer bereit, den Anker zu hieven. Die anderen warteten darauf, Segel zu setzen, so daß ihr Schiff blitzschnell manövrierfähig war.

Auf dem Deck glühte Holzkohle in den Messingbecken, immer noch wurden Kugel gemannt, Pützen bereitgestellt, Sand auf das Deck gestreut und Lunten entzündet.

Der einzige, der sich wegen des bevorstehenden Aufmarschs nicht sonderlich aufregte, war der Kutscher.

Er latschte über Deck, langte mit einer Kelle in einen dampfenden Kessel und verteilte an die Männer kochendheißen Tee, den er ordentlich mit Rum umgerührt hatte.

„Ihr friert ja wie die Henker“, sagte er, „das wird euch gut tun, ihr Lausekerle, euch erwärmen und eure Gemüter aufheizen, wenn die Dons ausgeschlafen haben.“

Die Seewölfe schlürften behaglich das heiße Gebräu und warteten ab, bis sich der Verband näher heranschob.

Es war ein imposanter Anblick, als die Flotte heransegelte und sich dem Hafen näherte.

Zu dieser Zeit kehrte auch Dan O’Flynn mit dem Beiboot zurück und bezog seinen Posten, nachdem er Hasard noch einmal alles haarklein berichtete, was er gesehen hatte.

„Der Kerl ist verrückt“, stellte der Profos fest, als der Verband sich kurz vor dem Hafen befand und den Kurs änderte. „Die beharken sich ja gegenseitig bei dieser Formation.“

Von da an hatte er keine Zeit mehr, denn Hasard gab das Zeichen zum Ankerhieven und Segelsetzen.

Auf der „Isabella“ begann es hektisch zu werden.

„Trabt wie die Pferde um das Spill herum“, sagte der Profos. „Denkt daran, daß vor jeder Spake eine Flasche Rum hängt, die ihr erst dann kriegt, wenn der Anker oben ist.“

Er packte selbst mit zu, jede Hand wurde jetzt gebraucht.

Die Seewölfe trabten im Kreis herum, stumm und verbissen hievten sie den schweren Anker hoch, bis er auftauchte.

Auf dem Achterdeck bezog Pete Ballie seine Position am Ruder, und gleich darauf wurden die Segel gesetzt, bis sie sich im Wind leicht blähten.

Die „Isabella“ nahm langsam Fahrt auf.

An den Geschützen lauerten die Männer, glimmende Lunten in der Hand, auf das Zeichen zum Angriff.

Das war der Zeitpunkt, zu dem Drake in den Hafen einlief. Auf allen Schiffen waren die Stückpforten hochgezogen.

„Die Galeeren!“ schrie der Ausguck.

Aus der unteren Bucht ruderten sie heran. Die mächtigen Riemen zerteilten das Wasser. Die erste Galeere fegte heran, änderte den Kurs, die zweite, dritte und die vierte folgten augenblicklich. Zwei weitere hielten sich zurück, um etwas später in den beginnenden Kampf eingreifen zu können.

Drake hatte sie offensichtlich noch immer nicht gesehen, denn er segelte unbekümmert weiter – nach Freibeuter-Art, wie er selbst gesagt hatte, um blitzartig zuzuschlagen.

Aus dem Nebenarm rauschte die „Isabella“ heraus, genau in dem Moment, als Drake die Galeeren erkannte, die sich ihm sofort zum Kampf stellten.

„Hoch mit der Flagge und Feuer frei!“ schrie Hasard.

Ein vielstimmiges Gebrüll antwortete ihm. Am Mast stieg die englische Flagge hoch, und die ranke Galeone segelte jetzt, die „Elizabeth Bonaventura“ deckend, den Galeeren entgegen.

Der Hafen erbebte plötzlich, als die Galeeren das Feuer eröffneten. Gelbrote Blitze zuckten auf, ein wildes Donnern fegte über den Hafen, und die ersten beiden Galeeren spien ihren tödlichen Eisenhagel aus.

Da sie durch das plötzliche Auftauchen des neuen Gegners völlig verblüfft waren, feuerten sie in die Mitte, noch während sie abdrehten.

Gewaltige Fontänen stiegen aus dem Hafenbecken, hoben sich in den Himmel und fielen in sich zusammen.

Ein Orkan aus glühendem Eisen fegte über die „Isabella“ weg, als die dritte Galeere ihren Hagel ausspie.

Die vierte schob sich auf das Flaggschiff zu, als es auf der „Isabella“ wild aufblitzte.

Drake reagierte immer noch nicht, weil er durch das Auftauchen der Galeeren überrascht war und nicht damit rechnete, daß sie sich sofort zum Kampf stellten.

Vor der Bordwand der „Isabella“ entstand eine gewaltige Rauchwolke, als die Siebzehn-Pfünder aus den Rohren der Culverinen jagten und ihr Ziel suchten.

In der angreifenden Galeere, die Drake entgegenfuhr, entstand ein großes gezacktes Loch dicht an der Wasseroberfläche. Die Riemen hingen wie erstarrt aus den Bordwänden, als die Eisenkugel den Bug aufriß. Dann kehrte Leben in sie zurück, und die Kerle pullten wie die Wilden.

Vier Siebzehn-Pfünder schlugen in die andere Galeere und verwandelten das Deck einschließlich der Aufbauten in einen Trümmerhaufen aus Holz.

Auch die vorderen schwenkbaren Drehbassen spuckten ihren Blei- und Eisenhagel aus und überzogen die Spanier mit einem wütenden Feuer.

Während eine der Galeeren Wasser zog und sich langsam auf die Seite neigte, verholten sich die anderen in die untere Bucht zurück und schluckten auch noch die restlichen Siebzehn-Pfünder aus den Culverinen des Seewolfs.

Auf der „Golden Lion“ riß sich Kapitän William Borough die Kopfbedeckung vom Schädel und sprang vor Begeisterung auf dem Achterkastell in die Höhe.

„Das ist ein Kerl!“ schrie er. „Ein tollkühner Satansbraten. Drei Hurras für ihn, Männer!“

Seine Crew ließ sich das nicht zweimal sagen, und sie stimmte ein Gebrüll an, das weit über Cadiz zu hören war.

„Drei Hurras für den Seewolf!“ schrien sie, und ihr Ruf blieb auf den anderen Schiffen nicht ungehört. Dort fiel man ebenfalls in den Chor ein, und wieder ertönten Hurras, die die Seewölfe anfeuerten und die Begeisterung der englischen Seeleute lautstark zum Ausdruck brachten.

Auf der „Elizabeth Bonaventura“, Drakes Flaggschiff, wurde die allgemeine Begeisterung vom Admiral selbst jedoch nicht geteilt.

Drake starrte verbissen voraus, konnte aber nicht umhin, das blitzartige tollkühne Manöver des Seewolfs insgeheim zu bewundern. Er sah wie Kapitän Thomas Fenner plötzlich grinste und etwas sagen wollte, aber Drakes eisiger Blick brachte ihn noch rechtzeitig zur Besinnung und ließ ihn schweigen.

„Damit hatte ich nicht gerechnet, Sir“, sagte Fenner. „Ich dachte, er wäre weitergesegelt und hätte uns im Stich gelassen.“

Drake gab keine Antwort, ihn wurmte es, und der Zorn stieg wieder einmal wie eine glühendheiße Woge in ihm hoch. Er rang nach Luft, reckte sich und schüttelte den Kopf.

„Wenn wir gerecht bleiben wollen, Sir“, hörte er den Kapitän wie aus weiter Ferne sagen, „dann müssen wir zugeben, daß diese Breitseite der Galeere uns voll erwischt hätte, denn wir segelten genau auf sie zu, und haben sie erst dann gesehen, als es bereits zu spät war.“

„Wollen Sie jetzt ein Loblied anstimmen, Mister Fenner, oder darf ich Sie daran erinnern, daß auch wir Kanonen an Bord haben, die feuerbereit sind?“ fragte der Admiral bissig.

Drake wünschte den Seewolf und seine Männer weit fort, nach Möglichkeit bis auf den Mond. Denn er hatte sich diesen Überfall ganz anders vorgestellt, und nun war ihm der Seewolf mit seinem tollkühnen Angriff im allerletzten Augenblick doch noch einmal zuvorgekommen, und die Hurra-Rufe der anderen Engländer galten ihm ganz allein.

Drake gab den Feuerbefehl, und jetzt sprachen auch seine Kanonen und die Hurra-Rufe der anderen Engländer galten ihm ganz allein.

„Sie kehren zurück“, sagte Ben Brighton. „Die ersten beiden drehen wieder bei.“

Die angeschlagenen und durch den blitzartigen Überfall etwas verwirrten Spanier hatten sich neu formiert, bis auf die eine Galeere, die mit Schlagseite ablief und im unteren Teil des Hafens verschwand.

Dafür griffen jetzt die beiden noch in Reserve gehaltenen Kriegsgaleeren in den Kampf ein.

Sie hielten vorerst noch respektvollen Abstand und suchten nach einer Lükke, um sich von Backbord an die „Isabella“ heranzuschieben.

Hasard erkannte diese Absicht jedoch sehr schnell.

„Nachladen, schneller!“ rief er. „Nach Backbord weiter ablaufen, Pete! Setzt die vorderen Drehbassen ein.“

In der Kuhl wurden die Wischer in die Kanonen geschoben, in die Bodensätze der Kanonen wurde Pulver gefüllt, Siebzehn-Pfünder wurden in die Schlünde geschoben, und schon nach erstaunlich kurzer Zeit war die Dreimastgaleone des Seewolfs wieder feuerbereit.

Sie segelte jetzt auf Kollisionskurs der Kriegsgaleere entgegen, aus der lautes Gebrüll tönte.

„Die Kerle werden es doch nicht wagen, uns zu rammen“, meinte der junge O’Flynn. „Dann müßten sie ja bescheuert sein.“

„Das tun sie ganz gewiß nicht, sie werden kurz vorher abdrehen, um uns eine Breitseite zu verpassen, jedenfalls werden sie das versuchen.“

Sie hatten jetzt keine Zeit mehr, sich um die anderen Engländer zu kümmern, denn die Galeere hielt immer noch den Kurs stur auf den Bug der „Isabella“ gerichtet.

„Feuer frei für die Drehbassen!“ rief Hasard.

Er sah, daß der Schiffszimmermann Ferris Tucker seine Höllenflaschen an Deck gebracht hatte, uns sie an Batuti und Big Old Shane verteilte.

„Werft, soweit ihr könnt“, sagte er.

Die Flaschen, ganz normale Weinflaschen, die Ferris mit gehacktem Blei, Eisen und Steinen gefüllt hatte, waren verkorkt und bis an den Hals mit Pulver im oberen Teil gefüllt. Eine Lunte ließ sie zur berechneten Zeit krepieren. Die Höllenflaschen funktionierten auch unter Wasser.

Wieder hackten die Drehbassen ihren tödlichen Hagel in die Galeere, siebten den Bug und rissen Löcher.

„Noch härter Backbord, Pete“, sagte der Seewolf.

„Aye, aye, Sir!“

Pete Ballie war überhaupt nicht aus der Ruhe zu bringen. Wie ein Klotz stand er am Ruder, er schien nicht einmal den Lärm zu hören, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf das Schiff, um es immer in der richtigen Position zu halten.

„Recht so, Pete!“

Batuti holte weit aus. Er konnte nicht nur unheimlich weit mit dem Bogen schießen, er verstand sich genauso gut auf das Speerwerfen, und ob er eine Flasche schleuderte oder einen Speer, blieb im Prinzip das gleiche.

Die Flasche sauste durch die Luft, beschrieb einen Bogen und flog auf das Deck, wo die Spanier standen und die Kanonen abfeuern wollten. Gleichzeitig warf big Old Shane die nächste Höllenflasche, dann der Gambianeger wieder die dritte.

Es gab einen Blitz, ein Feuerschein zuckte auf dem Deck der Galeere auf und hüllte alles in Rauch und Feuer.

Erst jetzt änderte sich der Kurs des Schiffes, und drüben versuchten sie verzweifelt, eine weitere Breitseite abzufeuern.

Bei zwei Kanonen gelang das nur, die anderen konnten nicht mehr eingesetzt werden, denn an den Kanonen standen keine Soldaten mehr.

„Verdammt!“ schrie Smoky. „Das gibt wieder Arbeit für Will.“

Im Focksegel erschienen zwei Löcher, als hätte ein Unsichtbarer sie dort sauber hineingestanzt.

„Feuer!“ erklang der Befehl.

Zwei Culverinen fuhren wie bösartige Tiere zurück, als sie mit einem grellen Blitz ihre Kugeln ausspuckten. Die Brooktaue spannten sich und fingen den Rückstoß auf.

Sofort danach schlug es in der Galeere erneut ein. Ein Teil der Riemen verschwand wie wegrasiert, und die Galeere drehte sich hilflos im Kreis. Auf der anderen Seite pullten die Gefangenen weiter und drehten das Schiff noch weiter herum.

Hasard drehte sich um und blickte aus schmalen Augen nach achtern. Ausnahmslos jedes Schiff aus Drakes Verband hatte die englische Flagge gesetzt und suchte sich seinen Gegner.

„Verdammt, ist das ein zäher Brokken“, sagte Ferris Tucker zu dem Profos, „alle Achtung vor den Kerlen, die geben immer noch nicht auf, obwohl sie fast absaufen.“

„Die kriegen wir schon noch“, versprach Carberry grimmig und hielt die glimmende Lunte an das Zündkraut, als der Gegner, der sich als überaus zäh erwies, eine ungünstige Position erwischte.

Der brüllende Abschuß ließ sich mit dem Auge verfolgen. Die Distanz betrug nicht mehr als achtzig Yards, als die Kugel auf die Reise ging.

Diesmal fetzte sie den Bug auseinander. Carberry hatte die Kugel direkt neben den Einschlag der anderen gesetzt, und jetzt erschien ein großes gähnendes Loch in dem Bug.

Den Schlagmann hatte es längst erwischt, an Deck lagen Verwundete herum, und aus dem Innern, von den Ruderbänken, erklangen angstvolle Schreie.

„Ein lausiger Mist ist das!“ schrie Ed aufgebracht. „Wenn sie schon absaufen, dann sollen sie die armen Teufel wenigstens von ihren Ketten losschließen. Himmel, es kotzt mich jedesmal aufs neue an, gegen Galeeren zu kämpfen, ganz einfach aus dem Grund, weil die Männer da unten total hilflos sind.“

Sie kannten die barbarischen Galeeren aus eigener betrüblicher Erfahrung, und die meisten von ihnen hatten selbst auf den Ruderbänken gesessen und sich die Seele aus dem Leib geschunden. Dazu waren sie bei jeder Gelegenheit noch ausgepeitscht worden, und so konnten sie mit dem Gegner mitfühlen.

„Nicht mehr weiterfeuern!“ rief Hasard, als er sah, daß von der Galeere keine Gefahr mehr drohte. Auch er wollte nicht, daß die Gefangenen elend absoffen, ohne Hilfe ertranken und umkamen.

Schwerfällig und angeschlagen trieb das Schiff in der See, doch dann schienen sich die Ruderer selbst befreit zu haben, denn plötzlich wimmelte es an Deck von ihnen.

Wie sie es geschafft hatten, blieb dem Seewolf ein Rätsel, vielleicht hatte es der Einschlag einer Kugel bewirkt, vielleicht hatte jemand im letzten Augenblick sich doch erbarmt und die Kette aufgeschlossen.

Er sah, wie die Männer kopfüber ins Wasser sprangen, schreiend und fluchend und aufklatschend in der See verschwanden, und er gönnte es ihnen.

Sollten sie an Land schwimmen, zum Teufel, sie würden vorerst doch nichts gegen sie unternehmen können.

Er ließ das Schiff auf neuen Kurs bringen, und wandte sich einer weiteren Galeere zu, die sich herangeschlichen hatte.

„Die anderen sind weg“, sagte Ben, „sie haben sich bis auf die eine in den unteren Hafen zurückgezogen. Ha, jetzt hauen die auch ab“, unterbrach er sich.

Der Takt wurde schneller geschlagen, die Kriegsgaleere wich der heransegelnden „Isabella“ aus und suchte ihr Heil in einer blitzschnellen Flucht.

„Wir treiben sie zurück!“ schrie der Profos.

Seine Worte waren in dem Geschrei, dem Donner der Abschüsse und dem allgemeinen Getümmel kaum zu verstehen, aber Carberry nickte grimmig, als die „Isabella“ herumschwenkte und die Verfolgung der Galeere aufnahm.

Sie erreichte sie jedoch nicht mehr. Die Galeere, voller Panik gerudert, war schneller und verschwand im unteren Hafenbereich, wohin auch die anderen gerudert waren.

Inzwischen waren Stunden vergangen, und der Überfall auf Cadiz nahm seinen Lauf.

In der scheinbaren Konzeptionslosigkeit von Drakes Verband, waren gewisse klare Ansätze zu erkennen.

Hasard nahm an, daß Kapitän Borough daran einen besonders großen Anteil hatte, denn immer, wenn er die „Golden Lion“ sah, ging der Kapitän tollkühn, aber überlegt vor und setzte seine Männer keinem unnötigen Risiko aus.

Inzwischen hatte sich der Himmel leicht bewölkt, und über dem Hafen von Cadiz bildeten sich dunkle Rauchwolken.

Hasard blickte über sein Schiff, sah die rußgeschwärzten Gesichter der Seewölfe und den Schweiß, der ihnen wie Wasser auf den Gesichtern stand.

Sie hatten pausenlos zu tun, es gab keine Ruhe, und wenn sie nicht an den Kanonen waren, wischten; luden, feuerten, dann standen sie an den Nagelbänken, klarierten die Fallen, trimmten Segel nach oder kümmerten sich um den Nachschub an Kugeln.

„Das sieht nach einem totalen Chaos aus“, sagte Big Old Shane. „Und das dürfte eine Weile dauern.“

„Es wird noch schlimmer werden, denn noch haben wir den Höhepunkt des Überfalls längst nicht erreicht. Ich würde das eher als eine Art Vorgeplänkel bezeichnen. Ist von unseren Männern jemand verwundet?“

„Nein, bisher gab es keinen Ausfall. Wir haben zwei Löcher im Focksegel und einen Kratzer in der Bordwand. Bisher hat uns von den Dons noch keiner ernsthaft erwischt. Die kreuzen hier wie die Verrückten herum, ziellos, voller Panik, und einige haben sich bereits verzogen.“

„Sie formieren sich nur neu“, sagte Hasard. „Das ist die Ruhe vor dem Sturm, Shane.“

Ferris Tucker erschien auf dem Achterdeck. Auch sein Gesicht war schwarz, nur seine Augen leuchteten weiß, und seine roten Haare hingen ihm verschwitzt ins Gesicht.

„Keine Schäden“, meldete er und wischte sich mit beiden Händen über das nasse Gesicht. Er zeigte nach oben auf das Segel.

„Wenn wir das als Schaden bezeichnen wollen, will ich nicht mehr Ferris Tucker heißen. Wir hatten Glück und einen Schutzengel. Hoffentlich hält das so an.“

„Hoffentlich“, sagte auch der Seewolf, und gab an Pete Ballie den Befehl, an den Wind zu gehen und anzuluven.

Al Conroy lud unterdessen immer wieder nach. Er war hier und dort, tauchte überall wie aus den Planken gewachsen auf und kontrollierte alles. Es ging ihm nicht schnell genug, er trieb die Leute an, brüllte und gab Befehle.

„Nicht mehr lange, dann geht der Tanz weiter, und wir müssen jedes Rohr nachgeladen haben, sonst holt euch der Teufel! Und mich auch“, sagte er hinzu.

Der alte O’Flynn hinkte über das Deck und verschwand unten im Achterdeck. Er hatte alle Hände voll zu tun, um die Söhne des Seewolfs zu beruhigen, die an das Schott mit den Fäusten hämmerten und unbedingt an Deck wollten.

O’Flynn hatte sie eingesperrt, denn es konnte nur zu leicht passieren, daß den beiden etwas zustieß. Er hörte sie fluchen, aber er verstand den Sinn der Worte ohnehin nicht, denn sie brüllten in der ihm unbekannten Sprache, aber er begriff durchaus, daß sie ihn meinten und es nicht gerade feine Worte waren, die sie ihm durch das geschlossene Schott zuriefen. Ihr Gebrüll mischte sich mit dem Keckem des Affen und dem Kreischen des Aracanga-Papageis, und was dabei herauskam, tat dem alten O’Flynn in den Ohren weh.

Er verzog schmerzhaft das Gesicht und schlich davon.

Hier oben an Deck war der Teufel los, aber da unten waren zwei kleine Teufel los, und wenn er den Schimpansen dazurechnete, waren es drei, die da um die Wette heulten, tobten, brüllten und schrien.

Selbst am späten Nachmittag gab es immer noch keine Ruhe, das Schießen ging weiter, und die Spanier hatten sich von dem ersten Schock erholt und begannen damit, ihre Schiffe zusammenzuziehen und Ordnung in den Hafen zu bringen.

Immer wieder brüllten die Geschütze auf, ein Eisenhagel nach dem anderen ging über den Hafen, und dazwischen klang das Donnern der Festungstürme, wenn die Kanonen von dort feuerten.

Die „Isabella“ war wieder aufgeklart worden, neuer Sand wurde an Deck gestreut, Kugeln und Pulver aus der Pulverkammer gemannt und an Deck gestellt.

Hasard sah zu dem Flaggschiff des Admirals. Er sah Francis Drake an Deck stehen, und fragte sich zum wiederholten Male, was in dem Manne vorgehen mochte.

Einmal begegneten sich ihre Blicke und verfingen sich ineinander, dann blickte Drake gleichgültig zur Seite und wandte dem Seewolf den Rükken zu.

„Der hat es gerade nötig“, sagte Carberry, „gerade der! Obwohl du ihm jede Hilfe geleistet hast, bleibt der Kerl störrisch wie ein alter Esel. Er ist unbelehrbar, und außerdem wette ich, daß er Gift und Galle spuckt, denn du hast ihm den ganzen Auftakt vermasselt, Sir! Wahrscheinlich hätte er lieber den ersten Eisenhagel geschluckt, als von uns beschützt zu werden.“

„So ist er nun mal“, sagte Hasard. „Ich bin längst über den Punkt hinaus, da ich mich ständig über ihn ärgere. Wir segeln jetzt dort hinüber, Ed“, sagte er und zeigte nach Backbord. „Von dort aus haben wir eine günstige Position und können sofort wieder eingreifen.“

„Aye, aye, Sir.“

Es dauerte keine halbe Stunde mehr, bis sich die Spanier formiert hatten und weiterkämpften.

Noch vor dem Abend begann Cadiz unter dem Kanonendonner der vereinigten englischen Schiffe zu erbeben.

Was der Seewolf als Vorgeplänkel bezeichnet hatte, erwies sich als richtig.

Jetzt ging es los, und über Cadiz tat sich die Hölle auf, eine brüllende gnadenlose Hölle.

Die Hafenstadt hatte etwas Ähnliches noch nicht erlebt …


1.

Kriegsgaleere Backbord achteraus!“ brüllte Bill, der Schiffsjunge der „Isabella VIII.“, vom Hauptmars hinunter aufs Achterdeck.

Philip Hasard Killigrew fuhr fluchend herum. Diese spanischen und portugiesischen Galeeren vermehrten sich wie die Karnickel, vor allem hier und heute. Hier – das war die große Reede von Cadiz, heute – das war der 29. April 1587 am späten Nachmittag.

Auf gut englisch gesagt war es ein gottverdammter Tag, und Philip Hasard Killigrew fragte sich allen Ernstes, welcher Teufel ihn geritten haben mochte, sich mit seinen Männern und der „Isabella“ für Sir Francis Drake zu schlagen, für jenen Mann, von dem er sich 1579 drüben in der Neuen Welt nach einer erbitterten Auseinandersetzung getrennt und ihm den Gehorsam aufgekündigt hatte.

Das war eine alte Geschichte, die mit Edwin Carberry, dem ehemaligen Profos von Drake, zusammenhing. An Carberry war ein Mordversuch unternommen worden, Hasard hatte eine Bestrafung des Täters verlangt, Drake hatte sie verweigert – weil der Täter ein Mann höheren und vornehmeren Standes als Carberry war. Es war dies eine Frage des Prinzips gewesen, sowohl für den damaligen Kapitän Francis Drake als auch für den seinerzeit noch sehr jungen Philip Hasard Killigrew, der bereits als Kapitän fuhr. Kapitän Drakes Prinzip beruhte auf der vermeintlich gottgewollten Ordnung, daß ein Mann adeliger Herkunft nicht wegen einer Missetat an einer Person des niederen Volkes belangt werden dürfe. Kapitän Killigrews Prinzip hingegen war genau das Gegenteil. Er vertrat den Standpunkt, daß vor Gott alle gleich seien und aus diesem Grunde eine Untat nicht mit zweierlei Elle gemessen werden könne. Mordversuch blieb Mordversuch, gleichgültig, ob ihn ein „Sir“ oder ein Kuhtreiber beging.

Prinzip gegen Prinzip – es hatte damals zum Bruch zwischen Francis Drake und Philip Hasard Killigrew geführt. Und, weiß Gott, der Mann, den man den „Seewolf“ nannte, war der moralische Sieger geblieben.

Erst jetzt waren sie sich wieder begegnet, diese beiden so unterschiedlichen Männer. Francis Drake war zum Admiral avanciert und Befehlshaber eines englischen Flottenverbandes, der seit dem Nachmittag dieses 29. April 1587 drauf und dran war, die spanische Hafenstadt Cadiz samt der hier versammelten Schiffe in Stücke zu schießen.

Nur – und das erregte Philip Hasard Killigrew bis zur Weißglut – war dieser Überfall auf Cadiz alles andere als ein sorgfältig geplantes Unternehmen. Nein, Sir, das war es nicht. Dieser Admiral Drake schlug wie wild und blindlings mit dem Knüppel drauf, statt planvoll und taktisch vorzugehen. Hatte dieser Korsar Ihrer Majestät der Königin von England nichts dazugelernt?

Vor knapp anderthalb Stunden erst hatte die „Isabella“, die sich am Vortag heimlich in einen Seitenarm der Bai von Cadiz geschlichen hatte, einen Angriff von sechs spanischen Kriegsgaleeren auf das Flaggschiff Admiral Drakes, die „Elizabeth Bonaventura“, mit Erfolg abgewehrt und damit wieder einmal dem sehr ehrenwerten Admiral aus der Patsche geholfen. Denn so ganz ungeschoren hätte die „Elizabeth Bonaventura“ den wütenden und fast selbstmörderischen Angriff der sechs Galeeren keineswegs überstanden, da sie nahezu deckungslos dem eigenen Verband vorausgesegelt war.

Aus Dummheit oder Tollkühnheit hatte Drake die Gefahr heraufbeschwören, von seinem Verband abgeschnitten und vom Rammsporn einer der sechs Galeeren aufgespießt zu werden.

Das hatte Hasard verhindert.

Die englischen Seeleute hatten der „Isabella“ zugejubelt. Der Admiral indessen war steinernen Gesichts mit seinem Flaggschiff an der „Isabella“ vorbeigerauscht und zur Zeit immer noch damit beschäftigt, volle Breitseiten auf Cadiz abzufeuern.

Und mit ihm um die Wette böllerten – mangels anderer Befehle – die drei anderen Galeonen der königlichen Lissy – die „Golden Lion“, die „Dreadnought“ und die „Rainbow“ sowie die drei schwerbestückten Galeonen der Londoner Kaufleute, deren Flaggschiff die „Merchant Royal“ war. Von den etwa neunzehn leichteren Kriegsschiffen von zweihundert bis hinunter zu fünfundzwanzig Tonnen gar nicht zu sprechen.

Das Durcheinander war perfekt.

Pulverqualm zog über die Reede, in der Hafenstadt begannen Brände aufzuflammen, und in das Krachen der Breitseiten mischten sich die Glocken der Kathedrale, der Kirche San José und der Kirche Santa Catalina, die Sturm läuteten.

Und kein englisches Schiff war detachiert, die riesige Reede nördlich und östlich von Cadiz abzusichern. Wie die Irren hämmerten sie ihre Breitseiten in die Stadt.

Ostwärts, Cadiz fast genau gegenüber, mündete der Rio San Pedro in die große Reede. Dort stand die „Isabella“ – abwartend und abseits der englischen Kanonaden auf Cadiz. Und aus dem San Pedro schob sich nunmehr wie eine Spinne mit unzähligen Beinen jene spanische Kriegsgaleere, die Bill gemeldet hatte.

Ohne Zweifel war sie giftig, diese Spinne. Auf jeder Bordseite zählte Hasard dreißig Riemen, also sechzig Riemen, die in gleichmäßigem Takt eintauchten, durchgezogen wurden, auftauchten und zurückruckten. An jedem Riemen saßen mindestens drei Männer, vermutlich Galeerensklaven, also einhundertachtzig Ruderer.

Hasard haßte Galeeren. Sie waren weder Fisch noch Fleisch. Zwei Pfahlmasten trug diese Galeere. Ihre beiden Lateinersegel waren aufgetucht. Ja, sie sah aus wie eine riesige Spinne, häßlich, böse, drohend.

Aber das war es nicht, was Hasards Widerwillen erregte. Nein, er dachte an die armen Kerle, die dort unsichtbar für ihn auf den Ruderduchten saßen, angekettet, unterernährt, von Peitschenhieben gezeichnet, dreckstarrend und in Lumpen gehüllt.

Es war dies die entwürdigendste Form menschlichen Daseins. Ihre Unfreiheit bedeutete, wehrlos zu sein. Daran konnte ein Mann zerbrechen. Ohnmächtig war er seinem Schicksal ausgeliefert. Nicht er entschied aus eigenem Willen und mit eigener Kraft über Leben und Tod, sondern der Kapitän, der die Galeere führte.

Nur Kapitäne mit einem Herzen aus Stein konnten solche Galeeren befehligen. Und ihre Zuchtmeister waren Henkersknechte.

Für einen kurzen Moment dachte Hasard an seinen Vater, den Malteser-Ritter Godefroy von Manteuffel, den er von einer Piraten-Galeere befreit hatte. Und er dachte gleichzeitig an die Männer seiner Stammcrew, die auf einer spanischen Galeere gefangengesetzt waren und die er gleichfalls – zusammen mit seinem ersten Offizier und Bootsmann Ben Brighton – hatte befreien können.

Nein, er hatte keinen Grund, überhaupt keinen, diesen verdammten Galeeren etwas abzugewinnen. Sie waren eine Schande für die Seefahrt insgesamt, aber auch für jene Länder, die sich ihrer bedienten.

Das war alles klar, und man konnte als ehrlicher Seemann und ritterlicher Korsar eigentlich nichts Besseres tun, als die See von diesen häßlichen Schiffsgebilden zu säubern.

Aber Philip Hasard Killigrew hatte Skrupel. Eine volle Breitseite auf die Galeere bedeutete das Todesurteil für einhundertachtzig Männer, von denen vermutlich der Großteil wegen läppischer Vergehen zum Galeerendienst verurteilt worden war. Vielleicht befanden sich auch englische Landsleute oder Niederländer oder Männer anderen Glaubens unter den Rudersklaven. Und gerade das war das Infame, das Unmenschliche.

Alles das schoß Hasard durch den Kopf, während er aus schmalen Augen die aufrückende Galeere beobachtete.

Ben Brighton, der neben ihm stand, räusperte sich.

„Sieht aus, als wollten die uns einen Achterstich mit ihrem Bugpiekser verpassen“, sagte er.

„Hm“, sagte Hasard unentschlossen, „kann sein, kann auch nicht sein.“ Aber dann lächelte er plötzlich. „Sie hat ihren Kurs geändert.“

„Du freust dich darüber?“

„Klar. Soll sich doch jemand anderes mit ihr herumprügeln.“

Ben Brighton schüttelte den Kopf. „Verstehe ich nicht.“

Hasard zeigte seine weißen Zähne. Wenn er das tat, sah er immer ziemlich wild aus.

„Verlängere mal die jetzige Kurslinie der Galeere, Ben“, sagte er. „Wo führt die hin?“

Ben Brightons Augen wanderten vom Bug der Galeere, die sich jetzt etwas achterlicher als querab an Steuerbord der „Isabella“ befand, weiter voraus und endete dort, wo die sieben schweren englischen Galeonen versammelt waren und ihren dröhnenden Eisenhagel auf die Stadt ausspuckten. Und dann blitzten seine grauen Augen auf, und ein breites Grinsen zog über sein Gesicht.

„Na?“ fragte Hasard.

„Sie geht auf das Flaggschiff unseres verehrten Admirals los“, sagte Ben Brighton.

„Genau.“ Hasard nickte grimmig. „Und ich schätze, keiner dieser verdammten Idioten – Sir Francis inbegriffen – merkt, was sich da auf sie zubewegt. Außerdem ist der Don, der die Galeere kommandiert, gerissen genug, den Pulverqualm als Dekkung auszunutzen. Er steuert Zickzack-Kurse, aber sein Generalkurs weist stur auf die ‚Elizabeth Bonaventura‘. Wenn ich richtig schätze, hat er die Absicht, seinen Rammsporn dem Flaggschiff mittschiffs zwischen die Planken zu jagen. Das gibt ein Loch, durch das du bequem eine Kuh in den Schiffsbauch spazieren lassen kannst.“

„Mein lieber Mann“, sagte Ben Brighton andächtig. „Ich gönn’s ihm, verdammt, ich gönn’s ihm, damit er endlich mal einen nassen Arsch kriegt!“

„Er“, das war der sehr ehrenwerte Admiral, auf den sie alle an Bord der „Isabella“ einen ziemlichen Piek hatten.

„Er ja“, sagte Hasard, „die anderen aber leider auch, und das geht mir nun doch gegen den Strich.“

Ben Brighton seufzte. „Weiß schon Bescheid, Sir. Wir müssen mal wieder Kindermädchen spielen und unseren lieben guten Francis davor bewahren, nasse Hosen zu kriegen.“ Und schon brüllte Ben Brighton zu Ed Carberry auf die Kuhl hinunter, die Segel aus dem Gei zu nehmen.

Pete Ballie, der am Ruder stand, erhielt von Hasard den Befehl, der Galeere zu folgen. Da der Wind von Südwesten wehte, konnte die „Isabella“ mit dichtgeholten Segeln den Galeerenkurs gut anlegen.

Auf der Kuhl begann Ed Carberry herumzutoben. Da sie alle auf ihren Manöver- oder Gefechtsstationen waren, hatten sie auch mitgekriegt, was sich jetzt anbahnte. Und sie wußten auch genau, warum ihr Kapitän nicht auf die Galeere geschossen hatte, als sie an der Steuerbordseite der „Isabella“ vorbeigezogen war – er hatte an die armen, wehrlosen Schweine auf den Ruderduchten gedacht und deshalb nicht den Feuerbefehl gegeben.

Da war keiner unter den Männern des Seewolfs, diese Entscheidung zu kritisieren. Im Gegenteil. Längst war auch den wildesten Draufgängern und Kämpfern innerhalb der Crew die Fairneß und ritterliche Kampfweise ihres Kapitäns in Fleisch und Blut übergegangen.

Darum war es auch ihnen ein Greuel, gegen Galeeren zu kämpfen – weil sich dieser Kampf zwangsläufig gegen die Wehrlosen richtete, die angekettet nicht die geringste Chance hatten, zu überleben, wenn ihre Galeere ihre letzte Reise in die Tiefe antrat.

Das empörte sie: einem Mann das Recht zu nehmen, kämpfend zu sterben, dem Tod die Zähne zu zeigen – und ihm vielleicht doch von der Schippe zu springen.

Und jetzt sah es so aus, als sollten ausgerechnet sie es sein, diese furchtbare, hassenswerte Henkerrolle zu spielen – weil der sehr ehrenwerte Sir Francis mit seinem Flaggschiff Gefahr lief, von einem Rammsporn aufgespießt zu werden.

„Ist das eine Scheiße“, knurrte der bullige, narbengesichtige Edwin Carberry erbittert. „Wären wir diesem Rübenschwein bloß nie begegnet!“

Jeder wußte, wen der Profos mit „Rübenschwein“ meinte – Sir Francis Drake. Und sie dachten an die Begegnung vor ein paar Tagen bei den Berlenga-Inseln, als sie der nicht Flagge zeigenden „Elizabeth Bonaventura“ den Bugspriet weggeschossen und sie anschließend auf die Sände gelockt hatten.

„Von mir aus könnte der verdammte Kahn heute noch dort schmoren“, sagte Matt Davies, der Mann mit der Hakenprothese am rechten Unterarm. „Und wir Blödmänner haben denen auch noch geholfen, ihren Kahn wieder flott zu kriegen.“

„Halt’s Maul, Mister Davies“, sagte Ed Carberry, und wenn er „Mister Davies“, statt „Affenarsch“ oder „Kombüsenwanze“ oder schlicht „du Hurensohn“ sagte, dann war es höchst gefährlich, den Profos weiter zu reizen.

Aber sie waren alle gereizt – wegen des sehr ehrenwerten Admirals, wegen der Galeere, überhaupt wegen der Tatsache, an einem Unternehmen beteiligt zu sein, bei dem sie bisher ständig den Part hatten spielen müssen, die Fehler des sehr ehrenwerten Admirals zu korrigieren.

Wie auch jetzt!

Und das stank ihnen. Es stank ihnen, daß da blindwütig auf die Stadt losgehämmert wurde, statt auf der Reede auf die Pirsch zu gehen und sich die fettesten Brocken herauszuholen. Da lagen nämlich einige dickbäuchige Handelsfahrer mit verdächtig tiefer Wasserlinie, die verriet, daß das Innenleben der Laderäume bestimmt nicht nur mit Luft ausgefüllt war, o nein, Sir. Wer ein Seewolf war, der hatte im Laufe der Jahre gelernt, wo eine Wasserlinie rund um das Schiff zu verlaufen hatte, wenn es volle Ladung führte.

Mit grimmiger Miene sahen die Seewölfe, wie einige dieser fetten Brocken bereits ankerauf gingen, um sich in Gegenden zu verholen, wo die Luft weniger eisenhaltig und nicht zu erwarten war, daß sich rauhe Gesellen mit wildem Gebrüll und Entermessern zwischen den Zähnen an Bord schwangen.

Inzwischen hatte die „Isabella“ Fahrt aufgenommen, lag über Steuerbordbug gut am Wind und rauschte hinter der Galeere her. Hasard spähte voraus und nickte zufrieden – die „Isabella“ holte merklich auf. Fast automatisch flog sein Blick über die Segel, um ihren Stand zu kontrollieren.

Und dann wurde sein Blick starr. Für einen Moment preßte er die Lippen zusammen. Als er dann etwas sagte, nahm er die Lippen kaum auseinander, und sein Blick war weiterhin auf den Fockmars gerichtet.

„Mister O’Flynn“, sagte er mit eisiger Schärfe, „hättest du vielleicht die Güte, mir zu erklären, was die beiden Jungens im Vormars zu suchen haben?“

Old Donegal Daniel O’Flynn zuckte zusammen. Er stand querab von Hasard am Backbordschanzkleid des Achterdecks, schaute jetzt auch zum Vormars und kriegte Stielaugen.

Über dem Rand der Segeltuchverkleidung vom Vormars waren zwei schwarzhaarige Schöpfe sichtbar – die Schöpfe von Hasard Killigrew Junior und von Philip Killigrew Junior, den Zwillingen des Seewolfs, sieben Jahre jung, frech und der Schrecken der gesamten „Isabella“-Crew.

„Daß mich doch der Schlag trifft“, murmelte Old O’Flynn verstört. „Heute morgen, als das Theater hier losging, hab ich sie achtern in der Kammer eingesperrt …“

„Jetzt hocken sie jedenfalls im Vormars“, knurrte Hasard wild. „Wir gehen ins Gefecht, und deine beiden Enkel genießen dort oben die schöne Aussicht.“

„Ha!“ sagte Old O’Flynn aufgebracht. „Meine beiden Enkel? Das sind deine Teufelsbraten …“ Er verstummte und zog den Kopf ein. Hasards Blick war mörderisch.

Aber dieser Blick blieb nicht so, denn in diesem Moment wuchs die kleine Gestalt von Hasard Junior hinter der Segeltuchverkleidung hoch – allerdings nur bis zur Brust – und dann die von Philip Junior. Und dann schwenkte Hasard Junior die Ärmchen und brüllte mit den paar Brocken Englisch, die er inzwischen gelernt hatte, zum Achterdeck hinunter, man möge doch verdammt noch mal abfallen, weil von der Galeere her die Drehbassen auf die „Isabella“ gerichtet würden.

„Pete!“ zischte Hasard. „Fall sofort ab!“ Mit einem Blick zur Galeere hatte er gesehen, daß dort tatsächlich die Drehbassen gerichtet wurden. Aber nicht nur die Drehbassen, auch die Relingsbüchsen hinter der Brustwehr der Steuerbordseite.

„Aye, aye, Sir, abfallen“, sagte Pete Ballie mit stoischer Ruhe und legte Ruder.

Die „Isabella“ schwenkte nach Steuerbord. Da sie bereits fast querab achterlich von der Galeere gesegelt war, begann sie jetzt, dem Gegner die schmale Silhouette zu zeigen und das Heck zuzudrehen.

„Schickt die Schoten!“ drang Carberrys grollendes Organ über die Kuhl.

„Frage Feuer frei, Sir?“ Das war Al Conroy, der Stückmeister der „Isabella“. Er stand an der achteren Backbord-Drehbasse. „Ich könnte der verdammten Galeere einen Schuß ins Ruder verpassen.“

„Feuer frei, Al“, sagte Hasard mit zusammengebissenen Zähnen.

Sekunden später krachte Al Conroys Schuß, Eisen schlug mit unerhörter Wucht in das Heck der Galeere, und Holztrümmer wirbelten in die Luft. Es war ein Meisterschuß. Al Conroy mußte den Ruderschaft getroffen haben, denn das Galeerenruderblatt sprang plötzlich wie ein Korken aus dem Wasser, blieb schief in der unteren Halterung hängen, tanzte wild auf und ab und gab der Galeere einen Drall nach Backbord.

Das genau war der Moment, als auf der Galeere die Drehbassen und Relingsbüchsen ihre Ladungen ausspuckten. Im Wasser auf der Backbord- und Steuerbordseite der „Isabella“ stiegen Fontänen hoch und fielen wieder zusammen. Ein Stück Eisen raste durch die Heckgalerie und schlug mit einem klatschenden Laut in den Besanmast.

Old O’Flynn starrte es andächtig an. Das Ding war gezackt wie ein Sägeblatt. Hasard ignorierte das Ding.

„Feiner Schuß, Al“, lobte er Al Conroy. Und: „Pete, anluven, zurück auf den alten Kurs am Wind!“

„Aye, aye, anluven, alter Kurs“, sagte Pete Ballie.

„Holt dicht die Schoten!“ röhrte Ed Carberry. „Holt dicht, ihr müden Säkke!“

Und dann stemmte er die Fäuste in die Hüften, starrte zum Vormars hoch und brüllte: „In drei Sekunden seid ihr kleinen Rübenschweinchen hier unten auf der Kuhl, oder der alte Profos holt euch, und dann gibt’s ein Tänzchen mit dem Tauende, daß ihr meint, die Englein jubilieren zu hören!“

Alle Männer der „Isabella“ schauten zum Vormars hoch. Auf ihren Gesichtern lag ein verstecktes Grinsen, das aber auch Anerkennung ausdrückte. So jung die beiden Söhnchen des Seewolfs waren, sie mauserten sich bereits und griffen aktiv in das Kampfgeschehen ein – als Gefechtsbeobachter. Wie die Lausekerle es allerdings geschafft, hatten, ungesehen und unbemerkt in den Vormars zu entern, das war ihnen völlig schleierhaft.

Hasard Junior und Philip Junior reckten sich über die Segeltuchverkleidung und grinsten zu Carberry hinunter.

„Ha?“ rief Hasard Junior und hielt die linke Hand gewölbt hinter das linke Ohr, um anzudeuten, daß er schwerhörig sei. „Viel Krach hier oben, nix verstehen von altes Profos!“

„Na wartet, ihr Hosentrompeter“, sagte Ed Carberry grimmig und setzte sich in Bewegung. Und Matt Davies fuhr er an: „Grins’ nicht so dämlich, du triefäugiger Beachcomber!“

Aber Matt Davies grinste weiter und mit ihm die anderen Seewölfe. Sie kannten ja ihren Profos. Von Gefechtsbereitschaft konnte allerdings im Moment nicht groß die Rede sein, aber das war zu verkraften, weil man auf der Galeere zur Zeit vollauf damit beschäftigt war, das zerschossene Ruder mit Axthieben vom Heck zu lösen.

Ed Carberry enterte indessen an den Fockluvwanten hoch, um zum Vormars zu gelangen. Als er ihn erreichte, fuhren die beiden „Hosentrompeter“ wie kleine Kastenteufelchen hoch, schwangen sich auf die Vorstengewanten der Luvseite, flitzten kichernd nach oben, sausten am Vorstengestag hinunter zum Bugspriet, kasperten freihändig über das Rundholz zur Back und verschwanden wie der Blitz im Vorkastell.

Das Gelächter an Bord der „Isabella“ übertönte den rollenden Kanonendonner.

Hasard selbst wußte nicht, ob er lachen oder fluchen sollte.

Ed Carberrys narbiges Gesicht mit dem wüsten Rammkinn war hochrot, seine Miene war gallebitter, als er abenterte. Aber dann mußte er selbst grinsen, es blieb ihm nichts anderes übrig.

Die beiden kleinen Kerlchen waren zu fix für ihn. An Deck hätte er sie erwischt, aber in der Takelage waren sie ihm überlegen. Da turnten sie mit einer Behendigkeit und Sicherheit herum, als seien sie Affen wie der Bordschimpanse Arwenack. Und das Wort Angst schienen sie auch nicht zu kennen.

An diesem Punkt seiner Überlegungen wurde Carberrys Gedankenkette unterbrochen – von einem orgelnden Mißton. Instinktiv zog er den massigen Schädel ein. Auch die grinsenden Gesichter der Seewölfe versteinerten — und sie waren kampferfahren genug, sich platt an Deck zu werfen. Vorsicht war bei ihnen der bessere Teil der Tapferkeit – dank Hasards Schulung. Darum lebten sie auch noch und hatten dem Sensenmann immer wieder ein Schnippchen geschlagen.

Aber die Ursache des orgelnden Mißtons erreichte nicht auf dem Deck der „Isabella“ ihr Ziel. Sie lag höher. Sie fegte – auf ihrer Endstrekke mit einem heulenden Ton, der durch Mark und Bein ging nahezu vierkant in die Segeltuchverkleidung des Vormarses.

Dort zerfetzte sie Segeltuch samt der hölzernen Rundumverkleidung, zerspellte den Marsunterboden, schlang sich um den Fockmast – im Schußdrall –, kerbte ihn mit glühenden Rillen und sauste am Mast entlang nach unten.

Ed Carberry stand eine Fußbreite neben dem Ding und stierte es verbissen an.

Das Ding war eine von diesen verdammten Kettenkugeln, die man einsetzte, um die Takelage eines feindlichen Schiffes zu zerstören.

Welches Schiff diese Kettenkugel auf die „Isabella“ abgefeuert hatte, war auch später nicht mehr feststellbar. Carberry meinte zwei Tage danach, irgendein totaler Vollidiot von Artillerist auf dem Flaggschiff des sehr ehrenwerten Admirals Drake hätte diesen Fehlschuß getan. Aber das war nicht beweisbar.

Jedenfalls – ob Zufallstreffer oder nicht – diese Kettenkugel hätte Hasard Junior und Philip Junior etwa in Höhe der Oberschenkel getroffen und an dieser Stelle amputiert.

Und weil Ed Carberry in den Vormars gestiegen war, um die beiden „Hosentrompeter“ von dort an Deck zu holen, waren Hasard und Philip diesem fürchterlichen Schicksal entgangen.

Ursache und Wirkung – das war es.

„Mein Gott“, sagte Matt Davies und starrte abwechselnd von der Kettenkugel zu Ed Carberry und hinauf zum Vormars und wieder zur Kettenkugel.

Dieses fürchterliche Geschoß schmauchte noch, und niemand hätte gewagt, es anzufassen. Es bestand aus mehreren Kettengliedern, an deren Enden zwei eiserne Kugeln von der Größe einer Kokosnuß hingen. Wenn diese beiden durch die Kette verbundenen Kugeln um sich selbst wirbelnd auf die Reise geschickt wurden, dann rissen sie nieder und zerstörten, was auf ihrer Bahn lag, bis sich ihre von einer Pulverexplosion getriebene Kraft verbraucht hatte.

Die Schenkelknochen von zwei siebenjährigen Jungen hätten dieser wirbelnden Kraft kaum etwas von ihrer Wucht genommen.

Und wenn Matt Davies „mein Gott“ sagte, dann drückte er damit aus, was alle Seewölfe dachten.

Nur etwa drei Minuten später im Ablauf der Geschehnisse – und es hätte nicht nur die Zwillinge, sondern auch Edwin Carberry erwischt, der die beiden Jungs aus dem Vormars hatte holen wollen. Dem Profos hätte die Kettenkugel vermutlich das breite Kreuz gebrochen.

Keiner der Seewölfe verspürte Lust, diesen Gedanken zu Ende zu spinnen. Da konnte es einem kalt werden. Kalt? Es konnte einem kalt und warm werden. Nein, nicht warm – heiß, glühend heiß, kochend heiß.

Wer auch immer seine Hand über die „Isabella“ und ihre Männer samt der beiden kleinen Seewölfe hielt – er hatte aufgepaßt und nicht zugelassen, daß Furchtbares passierte. Aber einmal würde er vielleicht nicht aufpassen. Und wen würde es dann treffen? Und traf es jemanden, wäre es dann vermeidbar gewesen?

Auf dem Achterdeck fuhr Hasard zu Old Donegal Daniel O’Flynn herum — es waren kaum Sekunden vergangen, seit die Kettenkugel den Vormars zerschlagen hatte und dann auf die Decksplanken gefallen war.

„Mister O’Flynn“, sagte er eisig, und dieses Mal wählte er die förmliche Anrede, „wenn Sie sich überfordert fühlen, zwei Jungen unter Verschluß zu halten, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, Sie würden mir das mitteilen, bevor ein Unglück passiert. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt, Mister O’Flynn?“

„Das haben Sie, Mister Killigrew, Sir“, knurrte der Alte zurück. „Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, daß mir das, was da eben passiert ist, als Großvater dieser beiden Lümmel genauso unter die Haut geht wie Ihnen als Vater. Und als diese beiden Lümmel ihre Mutter und Sie Ihre Frau verloren, Mister Killigrew, Sir, da verlor ich meine Tochter, wenn ich sehr höflich daran erinnern darf. Meinen Sie nur ja nicht, Ihr Schmerz über den Verlust sei tiefer als meiner gewesen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich fühle mich keineswegs überfordert. Und dieses Mal pfeife ich auf Ihre väterliche Order, Ihren Söhnen Schonzeit zu gewähren. Dieses Mal hat’s gescheppert. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt, Mister Killigrew, Sir?“

Die Seewölfe, die mitgehört hatten, waren starr. So scharf und förmlich hatte noch keiner von ihnen Old Donegal Daniel O’Flynn erlebt. Da bahnte sich wohl ein handfester Familienkrach an – zu einem Zeitpunkt, da die „Isabella“ bereits im Gefecht stand. Und die Sache war verdammt zweischneidig.

Fühlte sich Philip Hasard Killigrew als Vater angesprochen und zurechtgewiesen oder hatte Old O’ Flynn es gewagt, dem Kapitän der „Isabella“ Paroli zu bieten?

Das konnte nicht gutgehen. Aber sie irrten sich.

Philip Hasard Killigrew sagte mit zusammengepreßten Zähnen: „Sehr gut, Donegal! Auf was wartest du noch? Laß es scheppern, aber so, daß sie’s auch spüren. Absolution wird nicht mehr erteilt.“

„Aye, aye, Sir“, sagte der alte O’ Flynn und setzte sich mit seinen Krükken in Marsch.

„Donegal“, sagte Hasard hinter ihm. Der Alte stoppte und blickte über die Schulter zurück. „Ich würde es selbst tun“, fuhr Hasard fort, „aber ich kann jetzt nicht das Achterdeck verlassen.“

„Geht klar.“ Old O’Flynn nickte und humpelte zum Niedergang. Eine halbe Minute später verschwand er im Vordeck – bewaffnet mit einem Tauende.

„Hm“, murmelte Donegal Daniel O’Flynn Junior, genannt Dan, „bei mir pflegte er für diesen Zweck sein Holzbein einzusetzen, aber ich schätze, das Tauende ist wirksamer.“

Das waren die richtigen Worte zur rechten Zeit. Ein verstohlenes Grinsen glättete die verkniffenen Mienen der Seewölfe. Insgeheim hatten sie ihrem alten Donegal zugestimmt. Die Schonzeit für die beiden Lümmel war vorbei. Die Kerlchen waren aus der Achterdeckskammer ausgebüxt, um während eines Gefechts vom Vormars aus Abenteuer zu erleben, und das hätte ihr Leben kosten können – ihr Leben und das jenes Mannes, dem sie es eigentlich zu verdanken hatten, daß sie der Kettenkugel entgangen waren.

Und niemand mochte daran denken, was wäre, wenn es Edwin Carberry, den Profos der „Isabella“, nicht mehr gäbe. Nein, das durfte einfach nicht sein – eine „Isabella“ ohne den grimmigen, eisenharten, fluchenden Mann mit dem goldenen Herzen war nicht mehr vorstellbar. In diesen Minuten spürten sie es ganz intensiv, was Carberry für sie bedeutete.

Hasard war davon nicht ausgenommen – darum ja auch hatte er den alten Donegal so angeraunzt und im Grunde genommen tief verletzt.

Die wuchtige Riesengestalt Old Shanes schob sich neben Hasard. Nur für ihn hörbar sagte er: „Es ist alles in Ordnung und gut so, aber denke darüber nach, ob du deine beiden Söhne in eine Kammer einsperren darfst wie Jagdhunde in einen Zwinger, wenn zur Jagd geblasen wird.“

Hasard schaute den ehemaligen Schmied und Waffenmeister der Feste Arwenack überrascht an. „Wie meinst du das, Shane?“

„Ich meine, daß wir uns hüten sollten, ihren Ausflug in den Vormars als Ungehorsam anzulegen“, erwiderte Old Shane ernst. „Du kannst sie nicht an die Kette legen. Daß du es nicht kannst, beweist ihr Ausbrechen aus der Achterdeckskammer. Aber es beweist noch etwas anderes. Daß sie nämlich nicht bereit sind, Untätigkeit hinzunehmen, wenn alles, um sie herum in Aktion ist. Sie sind eben keine Duckmäuser. Sie müssen nur lernen, sich einzuordnen, aber das erreichst du bestimmt nicht, indem du sie einsperrst …“

Bills Ruf aus dem Hauptmars unterbrach ihn.

„Galeere steuert wieder auf das Flaggschiff zu!“

2.

Stärker als zuvor wünschte sich Philip Hasard Killigrew mit der „Isabella“ weit weg von Cadiz, weit weg von diesem unsinnigen Draufloshämmern, weit weg von einem Admiral, der – wie auch sein Schiffsvolk – seine Aufmerksamkeit auf die Hafenstadt konzentrierte und nicht zu bemerken schien, was sich von Riemenschlag zu Riemenschlag näher auf seine Backbordseite zuschob.

Ja, der Mann, der diese Kriegsgaleere kommandierte, gab noch nicht auf. Nun war eine Galeere kein Segelschiff wie eine Galeone, bei der ein Verlust des Ruderblatts verheerende Folgen haben konnte. Zwar ließ sich der Kurs einer Galeone auch ohne Ruder mittels der Segel stabilisieren. Man konnte auch durch Trimmen der Segel Kursveränderungen vornehmen, das heißt, steuern. Aber das war weiter nichts als eine Notlösung, ganz zu schweigen von der Abdrift oder dem Unvermögen, einen schnellen Kurswechsel durchzuführen. In einem Gefecht wirkte sich das katastrophal aus.

Die Galeere hingegen blieb manövrierfähig – wenn auch nicht mehr ganz so wendig. Sie konnte mit den Riemen gesteuert werden. Sie konnte sogar auf der Stelle drehen, wenn auf der einen Bordseite an- und auf der anderen Bordseite gegengerudert wurde.

Alles das schoß Hasard durch den Kopf, während er gleichzeitig Kurs und Geschwindigkeit des Gegners schätzte und dann feststellte, daß die Galeere in der Peilung nicht auswanderte. Das bedeutete, daß die Galeere und die „Isabella“ auf Kollisionskurs lagen. Sie liefen in einem spitzen Winkel aufeinander zu.

Am Ende des gedachten Winkels aber lag das Flaggschiff Admiral Drakes, die „Elizabeth Bonaventura“.

Hasard begann zu schwitzen. Da bahnte sich eine Situation an, die ihm gar nicht gefiel. Die Gesamtsituation war sowieso verfahren genug. Fest stand, daß dieser wahnwitzige Galeerenkommandant stur wie ein andalusischer Kampfstier zum Rammstoß entschlossen war. Aller Wahrscheinlichkeit nach beruhte das auf der Erkenntnis, daß man spanischerseits die „Elizabeth Bonaventura“ als das Flaggschiff des englischen Verbandes erkannt hatte.

Da lohnte sich dieser selbstmörderische Einsatz. Er würde sich noch mehr lohnen und dem Kampf geschehen einen völlig anderen Verlauf geben, wenn es gelang, nach dem Rammstoß zu entern und sich den englischen Admiral zu schnappen. Vielleicht wußten die Spanier sogar, daß der englische Admiral der verhaßte „El Draque“ war.

Wenn diese Überlegungen stimmten, dann würde der spanische Galeerenkommandant tatsächlich auf Biegen und Brechen seinen Angriff auf das Flaggschiff fortsetzen. Vielleicht war er noch dazu einer von diesen ehrgeizigen Hunden, die sich selbst und ihrer Umwelt immer wieder beweisen mußten, was sie doch für tüchtige Kerle wären.

Wie dem auch sei, es mußte etwas geschehen, um diesen Angriff zu stoppen, bevor er unmittelbar an das Flaggschiff herangetragen wurde.

Das bedeutete aber auch, nunmehr von der Rücksichtnahme auf die Galeerensträflinge abgehen zu müssen. Immerhin konnten sie versuchen, ihre Schüsse so zu plazieren, daß sie armen Kerle nicht unmittelbar betroffen wurden.

Hasard wandte sich zu Al Conroy, dem Stückmeister, um und sagte: „Übernimm die Drehbassen vorn auf der Back, Al. Ich will, daß du versuchst, diesem verdammten Don den elend langen Rammsporn wegzuschießen. Wenn du das geschafft hast, konzentriere dein Feuer auf das Bug- und das Achterkastell sowie auf die Brustwehr vor dem Laufgang, hinter der die Drehbassen und Relingsbüchsen aufgestellt sind. Beeil dich!“

„Aye, Sir.“ Al Conroy flankte über die Schmuckbalustrade und lief nach vorn.

„Ben, übernimm die Culverinen“, sagte Hasard zu seinem Ersten. „Für euch gilt das gleiche wie für Al, klar?“

„Klar.“

„Dann los. Ihr habt Feuer frei!“

Ben Brighton sprang zur Kuhl hinunter.

„Shane, Batuti“, sagte Hasard, „heizt ihm mit Brandpfeilen ein, nehmt die Pfeile mit den Pulverladungen. Schießt auf die Kastelle und Kampfplattformen. Postiert euch vorn bei Al auf der Back. Ab mit euch!“

Der Gambianeger und Big Old Shane, ein schwarzer und ein weißer, grauhaariger Riese, nickten knapp und verschwanden nach vorn. Sie waren – neidlos von allen anerkannt – die besten Bogenschützen an Bord der „Isabella“. Natürlich benutzten sie Langbogen. Die Präzision ihrer Weitschüsse war unübertrefflich, ihre Schußfloge atemberaubend.

Eine knappe halbe Minute war nach Hasards Befehlen vergangen, da verwandelte sich die „Isabella“ auf ihrer Backbordseite in ein fauchendes, flammenspuckendes Ungeheuer. Ein Eisenhagel raste hinüber zu der Galeere. Kometengleich, mit einem schmalen Rauchschweif versehen, flitzten Pfeile zum Bug- und Heckkastell.

Hasard wedelte die Rauchschwaden weg, die ihm die Sicht versperrten, und spähte zu dem Rammsporn der Galeere. Ein Grinsen glitt über sein tiefbraunes, scharfgeschnittenes Gesicht. Von dem Ding war nur noch ein Stummelchen übrig, das keinem mehr wehtun würde. Wieder einmal hatte Al Conroy seine einzigartige Schießkunst unter Beweis gestellt.

Die Sorge, daß die „Elizabeth Bonaventura“ von einem Rammsporn aufgespießt wurde, war also behoben.

Im übrigen hatte die Kanonade der anderen Seewölfe ebenfalls ihr Ziel erreicht. Am übelsten schien es das Vorkastell erwischt zu haben – das war nur noch ein Trümmerhaufen, auf dem einzig der Fockpfahlmast noch stand, wenn auch schief und von einem Wirrwarr umgestürzter Lafetten, in die Luft ragender Bronzerohre verschiedenen Kalibers und zerfetzter Holzteile umgeben.

Hasards Blick wanderte weiter. Die Brustwehr war ziemlich zerhackt, aus dem Achterkastell schlugen Flammen. Gerade zerplatzte die protzige vergoldete Hecklaterne mit einem scharfen Knall und vergoß ringsum brennendes Öl. Bei den Dons dort auf dem Achterkastell brach das aus, was die Seewölfe mit „Zustand“ bezeichneten.

Hasard schüttelte den Kopf. Wieder einmal fragte er sich, wann die Spanier eigentlich begriffen, wie gefährlich diese ungeschützten, riesigen Lampen auf Schiffen waren. Eine Musketenkugel genügte, um diese Dinger explodieren zu lassen.

Genau dort, wo die Schiffsführung sich aufhielt, um den Überblick bei Manövern oder Gefechten zu haben, wurde sie durch diese idiotischen Hecklaternen gefährdet.

Am achteren Flaggenstock hinter der zerplatzten Hecklaterne lohte die Flagge Seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs von Spanien, in einer Flamme auf und wölbte sich bizarr, als lebe sie und leide unter den Schmerzen des Verbrennungstodes. Das Bild in der Mitte der Flagge mit den Wappenzeichen von Kastilien und Leon, Aragon, Sizilien, Granada und Portugal sowie dem gestickten Orden vom Goldenen Vlies samt der Königskrone zerfloß und wurde ein Fraß der gierigen Flammen.

Das war nur die Flagge.

Aber das herumspritzende, brennende Öl hatte auch Menschen getroffen. Sie schlugen um sich und rissen sich die Kleidung vom Körper. Zwei Männer – das sah Hasard – stürzten sich kopfüber von der Achterdecksplattform ins Wasser.

Die Galeere wurde von den Rudersklaven weiter vorangetrieben. Nichts schien sie aufhalten zu können – weder die schweren Treffer im Vor- und Achterkastell noch die um sich greifenden Flammen.

Ein eisiger Schreck durchfuhr Hasard.

Die Kriegsgaleere war zum Brander geworden – und er hatte sie mit seinem Beschuß dazu werden lassen! Wenn sie voll brennend das Flaggschiff erreichte und es schaffen sollte, sich dort zu vertäuen, dann war die Hölle los!

Seine Stimme fuhr wie Peitschenschlag über die Decks: „Sofort Feuer einstellen!“

Verwundert wandten die Männer ihm ihre rauchgeschwärzten Gesichter zu.

„Ed!“ schrie Hasard. „Holt dicht die Schoten! Wir gehen so hoch an den Wind wie irgend möglich! Wir müssen der Galeere den Weg abschneiden, bevor sie sich brennend an Drakes Flaggschiff legt! Kapiert!“

„Aye, aye, Sir!“ brüllte Carberry zurück.

„Pete, höher ’ran!“ befahl Hasard. „So hoch wie möglich, aber nicht kneifen!“

„Aye, aye, Sir“, sagte Pete Ballie und legte behutsam Ruder.

Hasard spähte zu der Galeere hinüber. Dort war der Ruderschlag erhöht worden. Der Kommandant – wenn er noch lebte – hatte begriffen, daß nur noch diese schlanke Dreimast-Galeone zwischen ihm und dem Flaggschiff stand. Wenn er seine Geschwindigkeit ausspielte, konnte es durchaus sein, daß er das Flaggschiff unangefochten erreichte. Der Lohn würde ein brennendes Inferno für die Engländer sein.

Hasard knirschte unbewußt mit den Zähnen. Jetzt ging es um jeden Yard, um jeden Zoll. Wenn der Wind raumte, also achterlicher einfiel, würde die gewonnene Höhe ausreichen, um der Galeere den Weg zu verlegen. Schralte der Wind, fiel also vorlicher ein, dann konnte Pete Ballie diesen Kurs nicht mehr halten und mußte abfallen. Die Galeere würde ihnen davonlaufen.

Dann blieb als letztes Mittel nur noch, ihre Steuerbordseite in Höhe der Wasserlinie zu perforieren, damit sie schnell vollief und absoff.

Das aber war das Todesurteil für die Rudersklaven.

Fluchend hieb Hasard die rechte Faust auf die Schmuckbalustrade. Die Peilung zu der Galeere wanderte langsam aus – sie war schneller als die „Isabella“. Wie viele Yards hatte sie noch bis zur „Elizabeth Bonaventura“? Zweihundert Yards etwa. Zweihundert Yards bis zur Ewigkeit!

Das anfeuernde Brüllen der peitschenschwingenden Antreiber und Aufseher schallte zur „Isabella“ herüber. Diese Bastarde! Sichtbar waren sie nicht, die Galeere war in Rauch und Qualm gehüllt, dazwischen zuckte und züngelte das Orangegelb und Rot der Flammen. Nur achtern sah Hasard undeutlich Gestalten, die sich bemühten, das Feuer zu dämpfen.

Natürlich – dort befand sich die hohe Schiffsführung, die etwas dagegen hatte, Verbrennungen hinzunehmen. Von dort ging der unbarmherzige Wille aus, das tödliche Brander-Instrument an den Feind zu bringen, mochte das niedere Schiffsvolk samt der ehr- und rechtlosen Rudersklaven dabei die Höllenqualen des Feuertodes erleiden. Was kümmerte das Kommandant und Offiziere!

Für einen kurzen Augenblick erwog Hasard die Möglichkeit, die Riemen auf der Steuerbordseite der Galeere mit gezieltem Beschuß zu zerstören.

Aber als er das dachte, spürte er den Wind, der ihn von Luv plötzlich anwehte.

Der Wind raumte!

Noch im Aufatmen zischte Hasard: „Höher ’ran, Pete, nutz den Drücker aus!“

„Aye, aye, Sir!“

Der Bug der „Isabella“ schwang um ein paar Grad nach Backbord – nicht zuviel und nicht zuwenig, genau richtig. Die Segel standen prall, etwas neigte sich die „Isabella“ nach Lee und jagte schäumend durchs Wasser.

Durch das Höherlaufen verkürzte sich der Weg zu der Galeere. Gebannt starrte Hasard hinüber. Ja, jetzt war die „Isabella“ wieder schneller – Windkraft gegen Muskelkraft! Segel gegen Riemen! Drüben bei der Galeere war eine Steigerung der Geschwindigkeit nicht mehr möglich. Die Grenze menschlicher Kraftleistung war erreicht – durch rücksichtslose Ausbeutung. Jetzt konnte auch der Zusammenbruch sehr schnell erfolgen, das jähe Absinken der Leistung, der Punkt totaler Erschöpfung.

Der Wind raumte noch stärker. Hasard brauchte nichts mehr zu befehlen. Pete Ballie luvte bereits an – vorsichtig, einfühlsam, aber doch auch lauernd, um noch mehr Höhe zu gewinnen.

„Fein, Pete“, sagte Hasard.

Der grauäugige, blonde, stämmige Rudergänger mit den Fäusten, die so groß wie Ankerklüsen waren, grinste zu seinem Kapitän hinüber, nur für einen Augenblick, dann wurde sein Gesicht wieder ernst und konzentriert.

„Pete“, sagte Hasard, „wenn wir diesen Kurs durchhalten und die Galeere nicht abschwenkt, rammen wir sie genau in Höhe des Vorkastells – was wir aber nicht tun werden, um uns nicht die Schnauze zu verbiegen. Etwa zehn Yards vor ihr – ich sag dir, wenn’s soweit ist – legst du Ruder, so daß wir in den Wind gehen und an der Galeere vorbeischurren. Ich will ihr die Riemen auf ihrer Steuerbordseite abrasieren. Alles klar?“

„Alles klar, Sir.“ Pete Ballie nickte. „Und dann entern?“

„Du sagst es.“ Hasard grinste wie ein Wolf, wandte sich zur Schmuckbalustrade und rief zur Kuhl hinunter: „Ben, alles klarmachen zum Entern!“

Ben Brighton zeigte verstanden, und dann begann auch er zu grinsen. Dieses Grinsen setzte sich auf den Gesichtern der Seewölfe fort. Hasard sah, wie Ed Carberry sich bückte, die Kettenkugel aufhob, die den Vormars getroffen hatte, und prüfend in der Hand wog. Offensichtlich plante er, sie den Dons um die Ohren zu schlagen.

Hasard drehte sich zu Ferris Tukker, dem rothaarigen, riesigen Schiffszimmermann der „Isabella“ um, der die achteren Drehbassen übernommen hatte. Ferris Tucker hatte bereits seine Axt in den Fäusten und starrte lüstern auf die Galeere.

„Daraus wird nichts, Ferris“, sagte Hasard sanft, „einer muß ja schließlich unsere alte Tante bewachen, oder?“

„Ist das ein Befehl?“

„Ja.“

Ferris Tucker nickte. „Geht in Ordnung, aber du kannst mir ruhig ein paar Philipps aufs Achterdeck schicken, damit ich nicht einschlafe. Ich könnte inzwischen auch den verdammten Vormars reparieren.“

„Danach, Ferris, danach.“ Hasard lächelte.

Aus dem Vordeck humpelte Old O’Flynn mit seinen Krücken heran, überquerte die Kuhl, warf einen kurzen Blick zu der Galeere hinüber, grinste zufrieden und enterte den Niedergang zum Achterdeck hoch.

„Na?“ fragte Hasardd.

„Ich hab ihnen den Hintern versohlt, daß das Tauende nur so geraucht hat“, erwiderte Old O’Flynn grimmig. „Meinst du, die haben einen Mucks getan? Nichts davon. Am liebsten hätten sie mir die Krücken geklaut, diese Lümmel.“

Hasard hatte Mühe, ernst zu bleiben. „Und wo stecken sie jetzt?“

„In der Vorpiek. Strafe muß sein.“ Ein Funkeln trat in Old O’Flynns Augen. „Sie müssen stehen, auf ihrem Hintern können sie ’ne ganze Weile nicht sitzen.“

„Gut so“, sagte Hasard. „Danke, Donegal.“

„Die nächste Tracht kannst du ihnen verpassen“, sagte Old O’Flynn verbissen. „Ich mußte immer an Gwen denken.“

Gwendolyn Bernice Killigrew, geborene O’Flynn, ertrunken in einem Sturm vor der Küste Englands …

Hasard preßte die Lippen zusammen. Old O’Flynn hatte eine unnachahmliche Art, ihn jetzt daran zu erinnern. Er wischte die Gedanken an Gwen beiseite.

Old O’Flynn stampfte zum Besanmast und löste dort von einer Klampe den Bootstaljenläufer, der zur Besansaling hochlief und den sie häufig benutzten, wenn sie achtern ein Beiboot einsetzten oder an Deck hieven wollten.

„Was soll das denn?“ fragte Hasard.

Old O’Flynn schlang einen dicken Knoten in das Läuferende, nahm das Ende zwischen die Beine, so daß der dicke Knoten an seinem Hintern anlag, klemmte sich eine Krücke unter die Arme, umfaßte den Taljenläufer und brummte: „Hiev mich hoch, Mister Killigrew, Sir. Oder soll ich beim Entern vielleicht zuschauen?“

Das war’s wohl. Hasard konnte schon wieder lächeln. Zusammen mit Ferris Tucker hievte er Old Donegal Daniel O’Flynn am Besanmast hoch bis zur Saling. Dort schaukelte der Alte und spähte mit grimmiger Miene hinüber zur Galeere.

Noch fünfzig Yards.

Hasard trat zum Ruderhaus. „Aufpassen, Pete, gleich geht’s los.

Pete Ballie nickte schweigend.

„Ben!“ rief Hasard. „Seht zu, das Vorkastell zu besetzen. Ich möchte nicht, daß die Kerle unter Umständen das Flaggschiff entern, falls wir zu dicht dort herantreiben!“

„Aye, aye, Sir!“

Noch zwanzig Yards!

Entsetzte Gesichter starrten von der Galeere her auf die heranrauschende „Isabella“. Männer brüllten Befehle. Ein paar Musketen blafften und hieben ihr Blei in die Bordwand der „Isabella“. Das waren noch nicht einmal Mückenstiche. Die Schiffshaut der Galeone bestand aus solidem eisenhartem Eichenholz. Die Seewölfe hatten sich längst hinter das Schanzkleid geduckt.

„Jetzt, Pete!“ zischte Hasard.

Pete Ballie legte Ruder, die „Isabella“ schwang nach Backbord in den Wind. Tausendfach geübt wurden die Segel sofort aufgegeit, die Rahen schwangen in Längsschiffsrichtung. Der Winddruck auf die Segel war weg, aber die „Isabella“ mit der Masse ihres Schiffskörpers hatte auch ohne den Windantrieb noch genügend Fahrt drauf, um das auszuführen, was Hasard geplant hatte.

Es begann bei den Steuerbordbugriemen der Galeere. Zwei Yards von deren Bordwand entfernt wurden die schweren Riemen wie dürre, ausgetrocknete Hölzer weggeknickt, zersplittert, aus den Duchten geprellt.

Der Bug der „Isabella“ schnitt durch die riemenstarrende Front der Galeere und zerbrach sie. Nichts, gar nichts vermochte ihre auslaufende Fahrt zu bremsen, erst die eigene Trägheit.

Da flogen bereits von der „Isabella“ die Enterhaken zu der Galeere hinüber und verkrallten sich dort, wo sie Widerstand fanden. Die „Isabella“ rutschte mit ihrer vollen Steuerbordbreitseite krachend gegen die Bordwand der niedrigeren Galeere. Flinke Hände holten die Lose der Entertaue durch und belegten sie.

Und schon gellte der Kampfschrei der Seewölfe über den Hafen und steigerte sich zum rhythmischen, abgehackten Ruf.

„Ar-we-nack! Ar-we-nack! Ar-we-nack!“

Und Hasards Stimme peitschte wie ein Trompetensignal über die Decks.

„Entert sie! Drauf, Männer der ‚Isabella‘! Es lebe die Königin!“

„Es lebe die Königin!“ brüllten die Seewölfe und sprangen hinter ihrem Kapitän hinunter auf die Galeere.

Und ein Mann stieß sich von der Saling des Besanmastes ab, sitzend auf einem Tau, das Holzbein vorgestreckt.

Old Donegal Daniel O’Flynn!

Wie ein riesiger, lebender Pendel schwang er über das Vorkastell der Galeere, das Holzbein pflügte über drei behelmte Spanier und stieß sie wie Puppen außenbords. Und die Krücke, die er wie ein Ritter beim Lanzenturnier unter den rechten Arm geklemmt hatte, fegte zwei andere Spanier von den Füßen.

Ferris Tucker, der einzige, der an Bord der „Isabella“ zurückgeblieben war und den Flug des Alten verfolgt hatte, riß die Augen auf – und dann lachte der Riese. Er lachte derart, daß er sich den Bauch halten mußte. Die schwere Axt fiel ihm auf die Zehe, und da hüpfte er.

Der gellende Kampfruf ließ Francis Drake zusammenzucken. Sein Kopf fuhr herum, und sein Blick traf auf Kapitän Thomas Fenner, seinen Stabschef. Bei dem stand der Mund offen, als habe er die Absicht, einen ganzen Kloß in seine Futterluke zu schieben.

Sieht der dämlich aus, dachte Drake und knurrte: „Was war das, Fenner?“

Fenner stürzte vom Steuerbordschanzkleid auf dem Achterdeck der „Elizabeth Bonaventura“ hinüber zum Backbordschanzkleid.

Drake rührte sich nicht von der Stelle, seine Finger trommelten einen Marsch auf das Holz des Schanzkleides, sein Blick war wieder auf Cadiz gerichtet.

Kapitän Fenner, ziemlich blaß, tauchte wieder neben ihm auf.

„Die – die Seewölfe!“ stieß er hervor.

Der Admiral runzelte die Stirn. „Wer, bitte, Mister Fenner?“

„Äh, Kapitän Killigrews ‚Isabella‘, Sir.“

„Müssen die so brüllen?“

„Sie entern eine spanische Kriegsgaleere.“

„Wie bitte?“

Kapitän Fenner trampelte sich vor Aufregung auf die Füße. „Sie – sie entern eine spanische Kriegsgaleere, Sir“, wiederholte er. „Entschuldigung, Sir, ich vermute fast, Killigrew hat sie noch rechtzeitig geschnappt, bevor sie uns mit ihrem Rammsporn …“

Der Admiral hörte schon nicht mehr zu. Mit drei Sätzen war er am Backbordschanzkleid.

„… aufspießen konnte“, vollendete Kapitän Fenner und schüttelte den Kopf.

Der Admiral indessen stierte mit fassungslosen Augen auf das chaotische Geschehen, das sich etwa dreißig Yards von der „Elizabeth Bonaventura“ entfernt abspielte.

Und da wurde auch der sehr ehrenwerte und tapfere Admiral blaß um die Nasenspitze.

Er sah den zerschossenen Stummel von Rammsporn, er sah das zerfetzte und zertrümmerte Vorkastell, er sah die Brände an Bord der Galeere – und er sah die wilden Kämpfer der „Isabella“, pulvergeschwärzt im Gesicht, aus dem grell das Weiß der Augen und Zähne herausleuchtete, er sah ihre Fäuste fliegen, mit denen sie Schlag um Schlag die Galeere von Spaniern leerräumten, er sah die Spanier ins Wasser fliegen wie Putzlumpen, er sah den verrückten Alten, der an einem Tampen über der Galeere hin und her schwang und mit seinem Holzbein die Spanier gleich reihenweise von den Füßen holte.

Das alles sah der Admiral.

Und erschüttert murmelte er: „Mein Gott – und sie kämpfen alle nur mit den Fäusten, bis auf den Alten und den verdammten Carberry, der mit einer Kettenkugel zuschlägt.“

Und dann zuckte er wieder zusammen, weil die röhrende Stimme von Ferris Tucker, dem so ausgezeichneten Schiffszimmermann der „Isabella“, auch zu ihm herüberdrang.

Und dieser Tucker brüllte: „He, Arwenacks! Der sehr ehrenwerte Admiral sieht euch jetzt zu! Zeigt’s ihm, wie wir Arwenacks zu kämpfen pflegen, wenn es gilt, ein Flaggschiff, auf dem alles pennt, davor zu bewahren, von einem Philipp gerammt und geentert zu werden. Zeigt’s ihm und den anderen Pennern, damit sie begreifen, daß wir sie wieder mal mitten aus der Scheiße holen!“

Francis Drake wurde käseweiß, Sekunden später lief sein Gesicht puterrot an.

Das war doch die Höhe der Dreistigkeit!

Und das Johlen und das Gelächter erst, das diese „Arwenacks“ von der Galeere zu ihm herüberschickten, während sie ihre Fäuste sogar auf die Helme der spanischen Seesoldaten droschen. Ja, wie kämpften die überhaupt! Erst jetzt fiel es dem Admiral auf. Das war ja völlig verrückt. Mit den Handkanten schlugen sie auch zu. Und plötzlich hebelten sie einen Spanier an, als sei der eine Feder – und schon flog der Kerl in hohem Bogen ins Wasser. Einfach so, als seien die spanischen Panzer aus Watte.

Natürlich konnte der sehr ehrenwerte Admiral nicht wissen, daß die Seewölfe diese Kampfesweise von den Mönchen auf Formosa gelernt hatten. Er schluckte und starrte, und dann schluckte er wieder.

Denn die Galeere war von Spaniern leergeräumt und Kapitän Killigrews scharfe Stimme ertönte.

„Löscht das Feuer! Zerbrecht die Ketten der Rudersklaven!“

Erst dann wandte sich der riesige, schwarzhaarige Mann langsam um und blickte zu dem Admiral am Backbordschanzkleid der „Elizabeth Bonaventura“ hinüber. Auf der Kuhl des Flaggschiffs und auf der Back tauchten immer Männer auf, traten ebenfalls ans Backbordschanzkleid und reckten die Hälse. Da war wohl keiner, der nicht begriff, was sich in Feuerlee des Flaggschiffs abgespielt haben mußte, ohne daß sie es bemerkt hätten.

Der Admiral sah es aus den Augenwinkeln und fluchte insgeheim.

Diese Blamage!

Die Kanonen waren verstummt. Die Pulverschwaden trieben im Südwest über die Reede dem Land zu.

„Sir!“ rief die helle Stimme Kapitän Killigrews, die wie klirrendes Eisen klang, zum Flaggschiff hinüber. „Es war uns eine Ehre, Sie, Ihre Männer und Ihr Schiff noch rechtzeitig vor dem Rammstoß dieser Kriegsgaleere und dem Kampf Mann gegen Mann bewahrt zu haben! Ich frage mich allerdings, ob es in der englischen Marine üblich geworden ist, während eines Gefechts auf den Rundum-Ausguck zu verzichten! Oder fahren die Schiffe Ihrer königlichen Majestät von England jetzt mit Schlafmützen zur See?“

Das saß! Oh, und wie das saß!

Und dazu das Grinsen dieser verdammten „Arwenacks“!

Der Admiral holte tief Luft, um diesen unverschämten Kapitän Killigrew mit der gehörigen Lautstärke zusammendonnern zu können.

„Ich verbitte mir …“ Weiter gelangte er nicht.

Wie ein Messer schnitt Hasards Stimme dazwischen. „Sie haben sich gar nichts zu verbitten, Sir, allenfalls dürfen Sie sich bei den Männern der ‚Isabella‘ dafür bedanken, daß sie unter Einsatz des eigenen Lebens Ihr verdammtes Flaggschiff vor einer Katastrophe bewahrten. Aber das ist wohl zuviel verlangt! Sie haben sich deshalb nichts zu verbitten, weil wir Männer der ‚Isabella‘ nicht unter Ihrer Befehlsgewalt stehen – und wir werden uns hüten, das je zu tun, solange Starrsinn, Selbstherrlichkeit, Holzhackermethoden, mangelnde Strategie und Taktik sowie Ignoranz zu Ihren Führungsprinzipien gehören! Lassen Sie es sich gesagt sein, Sir, Ihr Unternehmen auf Cadiz, wie es sich bisher präsentiert hat, ist eine Schande für England und für Ihre Majestät, die Königin!“

Ja, das war der Rebell Philip Hasard Killigrew, und er lachte nur, als der Admiral brüllte, er verlange Satisfaktion für diese unerhörten Beleidigungen.

Dieses Lachen brachte den sehr ehrenwerten Admiral vollends zur Raserei.

„Sie werden sich mir zum Duell stellen, Killigrew!“ schrie er mit überschnappender Stimme.

„Aber Sir!“ rief Hasard zurück. „Ich duelliere mich nur mit einem gleichwertigen Gegner – bei allem Respekt, ich will doch nicht zum Mörder werden!

„Sie …“ Der Admiral brach ab und ruckte den Kopf vor. Sein Blick war nicht mehr auf den verdammten Kapitän Killigrew gerichtet, sondern mehr nach links.

Hasard wandte den Kopf.

„Daß mich doch der Schlag trifft“, hörte er die Stimme Old Donegal Daniel O’Flynns, der am Besanmast der „Isabella“ gerade von Ferris Tucker von seinem Höhensitz abgefiert worden war. Und dann weiteten sich auch seine Augen.

Hände in den Hosentaschen, die kleinen, geraden Näschen in die Luft gereckt, so verließen Hasard Killigrew Junior und Philip Killigrew Junior das Schott zum Vordeck und stelzten steif wie Bohnenstangen zum Achterdecksschott. Sie würdigten niemanden eines Blickes und zeigten Mienen, die ihre ganze Verachtung für diese Welt ausdrückten. Sie marschierten hintereinander – Hasard Junior als der Erstgeborene voran. Er hatte sogar die Lippen gespitzt und flötete eine unbekannte Melodie in den Himmel. Im Gänsemarsch verschwanden sie im Achterdecksschott.

Ein paar Sekunden herrschte totales Schweigen auf beiden Seiten.

Es wurde von dem Räuspern des Admirals unterbrochen.

„Wer – wer ist das denn?“ fragte er verdattert.

„Meine Söhne, Sir“, erwiderte Hasard verbiestert und warf Old O’Flynn einen wilden Blick zu.

„Ihre – was?“

„Meine Söhne, Zwillinge Hasard und Philip Killigrew.“ Jetzt mußte sich Hasard auch räuspern.

„Wo haben Sie die denn her?“

„Geklaut“, sagte Hasard lakonisch.

„O Gott“, sagte der Admiral erschüttert, „o Gott, noch zwei von diesen Teufelsbraten aus Ihrem Geschlecht! Hört das denn nie auf? Geklaut, sagten Sie? Das versteh ich nicht.“

„Ich auch nicht“, sagte Hasard ruppig, „ich versteh überhaupt nichts mehr.“

„Hm – äh – ja“, erneutes Räuspern des Admirals, „ich – also – es hat mich sehr gefreut …“ Der Admiral wischte sich über die Stirn. „Was wollte ich sagen? Ach ja, Sie haben gut gekämpft, Kapitän Killigrew! Sie und Ihre Männer! Ausgezeichnet! Das Flaggschiff wurde vor Schaden bewahrt, äh, sehr gut, sehr gut.“

„Danke, Sir.“ Hasard verbeugte sich leicht und starrte verstohlen zum Achterdecksschott der „Isabella“.

„Äh, ja“, sagte der Admiral, räusperte sich wieder und wischte sich über die Stirn, „ich – ich habe das eben nicht so gemeint, nicht wahr? Sie sind aber auch der sturste Bock, der mir jemals begegnet ist, Kapitän Killigrew. Und frech sind Sie auch. Was sie gesagt haben, hat mir noch keiner gewagt, zu sagen.“

Philip Hasard Killigrew grinste. „Einmal ist immer das erste Mal, Sir, das hängt mit den Jungfrauen zusammen!“

Brüllendes Gelächter brandete auf.

Und der Bann war gebrochen.

3.

„Sir“, sagte Hasard, „wir haben noch zwei, drei Stunden bis zum Sonnenuntergang und sollten uns sofort die Schiffe auf der Reede vornehmen, bevor wir weitere Unternehmungen planen.“

Die Kapitäne des englischen Verbandes waren in der Admiralskammer der „Elizabeth Bonaventura“ unter Vorsitz Francis Drakes versammelt. Dort hatte sie Drake zusammenrufen lassen – eine gute Viertelstunde nach seinem „Burgfrieden“ mit Kapitän Killigrew.

„Warum das?“ fragte Kapitän Robert Seymour mit arrogant hochgezogener linker Augenbraue, was seinem Gesicht das Ansehen eines beleidigten Gockels gab. Er war der Kommandant der „Dreadnought“, einer der vier Kriegs-Galeonen der königlichen Lissy.

Hasard trank einen Schluck vom Rotwein des Admirals und musterte den Kapitän mit seinen eisblauen Augen.

„Weil diese Schiffe sonst – wie bereits andere – die Reede verlassen und für uns nicht mehr erreichbar sein werden“, erwiderte er gelassen.

„Unsinn“, erklärte Kapitän Seymour, „davon habe ich nichts bemerkt, die ganze Reede ist noch voll von Schiffen.“

„Daß Sie davon nichts bemerkt haben“, sagte Hasard süffisant, „kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie bemerkten ja auch nichts von dem Angriff der spanischen Kriegsgaleere, obwohl Sie mit Ihrer ‚Dreadnought‘ direkt hinter dem Flaggschiff lagen. Waren eigentlich Ihre Ausgucke besetzt, Mister Seymour?“

Der Kapitän fuhr von seinem Stuhl hoch. „Was erlauben Sie sich …“

„Ruhe!“ Der Admiral pochte energisch mit den Fingerknöcheln der rechten Hand auf die Eichentischplatte. „Ich bitte mir etwas mehr Zurückhaltung aus, Gentlemen, kann aber nicht verhehlen, daß der leise Tadel Kapitän Killigrews in vollem Maße zutrifft. Die Ausgucks Ihrer Schiffe, Gentlemen, haben in sträflicher Weise versagt und ihren Pflichten nicht genügt.“ Er räusperte sich, was bei ihm in der letzten Dreiviertelstunde besonders häufig geschah, und fügte hinzu: „Das gilt natürlich auch für die Ausgucks des Flaggschiffs, nicht wahr, Kapitän Fenner?“

Kapitän Fenner zog den Kopf ein und murmelte: „Jawohl, Sir, ich werde die Burschen zur Verantwortung ziehen.“

„So?“ sagte der Admiral gedehnt und starrte zur Decke hoch. „Ist es bei uns üblich geworden, daß auf unseren Schiffen nunmehr die Ausgucks die Verantwortung für die Schiffsführung übernommen haben, Mister Fenner?“

„N-nein, natürlich nicht, Sir.“ Kapitän Fenner duckte sich noch weiter und warf Hasard einen giftigen Blick zu.

„Sehr schön, Mister Fenner“, sagte der Admiral und schaute immer noch zur Decke hoch. „Dann frage ich mich wirklich, um was Sie sich als Kommandant der ‚Elizabeth Bonaventura‘ eigentlich kümmern, wenn nicht auch um die Überwachung der Pflichten eines Ausgucks.“ Der Admiral nahm den Blick von der Decke und ließ ihn über die betretenen Gesichter seiner Kapitäne wandern. „Ich sagte ‚Überwachung‘, Gentlemen, denn ein Kapitän kann unmöglich Stunde um Stunde jedes einzelne Detail an Bord seines Schiffes überprüfen. Dafür hat er seine Offiziere und seine Maaten, die sein verlängerter Arm sind. Aber wenn diese Männer bereits ihre Pflichten und Aufgaben vernachlässigen – ohne daß es der Kapitän bemerkt –, dann steht es schlecht um das Schiff. Und dann hat der Kapitän versagt, nicht seine Offiziere, Maaten und Seeleute.“

Die Kapitäne des Admirals stierten auf die, Tischplatte oder in ihre Rotweingläser, als gelte es, dort die Rätsel dieser Welt zu ergründen. Hasard saß ruhig zurückgelehnt und fixierte ein an der hölzernen Wandverkleidung fest verschraubtes kleines Ölgemälde, das Ihre Majestät, Elisabeth I., darstellte.

Spöttisch schien sie die sehr ehrenwerten Kapitäne samt Admiral aus ihren dunklen Augen zu mustern.

Na, dachte Hasard, schön bist du nicht, verehrte Lissy, aber doch irgendwie faszinierend, faszinierender als diese Runde von hochnäsigen Gockeln, von denen einige bis auf die Schultern reichende, in zierliche Locken gedrehte Perücken trugen, unter denen es ihnen jetzt bei der Strafpredigt ihres Admirals mächtig heiß wurde.

Wie aus weiter Ferne vernahm er die Stimme des Admirals.

„Oder meint einer der Gentlemen, ihr Admiral sei dafür zuständig, die Ausgucks zu kontrollieren?“

Schweigen, das Stieren auf den Tisch oder in die Rotweingläser wurde noch intensiver.

„Dieser sehr junge Kapitän Killigrew, Gentlemen“, fuhr der Admiral fort, „fragte mich vor etwa einer Dreiviertelstunde, ob die Schiffe Ihrer Königlichen Majestät von England jetzt mit Schlafmützen zur See führen. Mit Schlafmützen!“

„Unerhört!“ murmelte Kapitän Seymour.

„Wie bitte?“ fragte der Admiral.

„Äh – ich finde das unerhört, Sir“, erwiderte Kapitän Seymour gepreßt.

Der Admiral runzelte die Stirn. „Ausnahmsweise haben Sie einmal recht, Mister Seymour. Es ist wirklich unerhört, daß unsere Ausgucks Schlafmützen sind. Es ist nicht nur unerhört, sondern eine Schande. Das meinten Sie doch, nicht wahr?“

Kapitän Seymour wurde rot wie eine überreife Tomate und stotterte: „Nanatürlich, Sir.“

„Natürlich“, sagte der Admiral, und der Hohn in seiner Stimme war nicht zu überhören, „Ich danke Ihnen, Mister Seymour, daß Sie das als einziger in dieser Kapitänsrunde so klar und treffend ausgesprochen haben. Sagen Sie, Mister Seymour, wie würden Sie denn nun die Kapitäne bezeichnen, die eine Besatzung von Schlafmützen befehligen?“

Der Kapitän Seymour blieb stumm.

„Nun“, fuhr der Admiral fort und seufzte, „ich bemerke schon, daß ich Sie mit meiner Frage offensichtlich überfordere, Mister Seymour. Es ist ja auch peinlich, sich mit Trottel oder Oberschlafmütze oder Versager bezeichnen zu müssen, nicht wahr?“ Des Admirals Stimme wurde scharf. „Ich stelle folgendes fest, Gentlemen: Vor über einer Dreiviertelstunde verließ eine spanische Kriegsgaleere östlich unseres Standortes den Rio San Pedro und nahm Kurs auf das Flaggschiff. Zu diesem Zeitpunkt hätte sie gesichtet werden müssen. Nichts davon! Kein Mann an Bord unserer Schiffe, kein Offizier und kein Kapitän hielt es für nötig, einen Blick nach Feuerlee – in diesem Falle nach Osten – zu tun. Ein Schiff, das nicht zu unserem Verband gehört, die ‚Isabella‘ des Kapitän Killigrew, sichtete die Galeere, nahm die Verfolgung auf und konnte buchstäblich im letzten Moment verhindern, daß die ‚Elizabeth Bonaventura‘ gerammt und nach dem Rammstoß geentert wurde. Die Überraschung wäre perfekt gewesen, und ich überlasse es dem Scharfsinn der Gentlemen, darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn die Spanier mich in ihre Gewalt gebracht hätten. Erpressung wäre wohl noch die mildeste Folge gewesen.“

Der Admiral schwieg und seine scharfen grauen Augen wanderten von einem Kapitän zum anderen.

Hasard wunderte sich insgeheim. Merkte keiner der anwesenden Kapitäne, daß der Admiral kräftig dabei war, seine eigene Wäsche weiß zu waschen?

Doch, einer hatte es bemerkt: Viceadmiral William Borough, Kommandant der „Golden Lion“ – nach Hasards Ansicht der beste Seeoffizier in dieser Kapitänsversammlung, ein Mann mit Rückgrat, klarem Verstand und seemännischem Geschick.

Borough sagte mit eisiger Stimme: „Ich darf meine Männer, Offiziere und mich wohl von Ihren Vorwürfen ausklammern, Sir. Zu dem Zeitpunkt, von dem Sie sprachen, stand die ‚Golden Lion‘ im Südkanal zwischen Las Puercas und Cadiz. Die Mündung des Rio San Pedro ist von dieser Position aus nicht sichtbar. Im übrigen haben meine Gefechtsbeobachter den strikten Befehl, den gesamten Rundumbereich ständig unter Kontrolle zu halten. Ich verwahre mich in aller Form dagegen, daß meine Offiziere und Männer als Schlafmützen, Trottel oder Versager bezeichnet werden!“

Der Admiral hatte die Augen zusammengekniffen. „Sie standen im Südkanal, während wir Cadiz beschossen? Verdammt, was hatten Sie da zu suchen, Mister Borough, Sir?“

Der Viceadmiral lächelte kalt. „Die ‚Golden Lion‘ kämpfte die Batterien des Forts San Sebastian nieder, Sir. Es liegt mir nicht, Frauen und Kinder und alte Leute zusammenzukartätschen oder deren Häuser in Schutt und Asche zu legen. Ich kämpfe gegen Soldaten, nicht gegen unschuldige Menschen. Außerdem darf ich Sie wohl daran erinnern, Sir, daß ich Sie bei den letzten beiden Kapitänsbesprechungen hier in diesem Raum danach fragte, wie unser Verband beim Angriff auf Cadiz vorgehen solle. Ihre letzte Antwort lautete: dem Flaggschiff folgen und auf alle Spanier feuern. Nach meiner Auffassung über ein solches Unternehmen ist das eine sehr magere Befehlsausgabe, wobei Ihr Aufmarsch weder voraus noch achteraus noch seitwärts gesichert war. Ich betone in diesem Falle das Wort ‚seitwärts‘, denn die spanische Kriegsgaleere griff Ihr Flaggschiff von der Seite her an.“

„Was soll das heißen?“ fragte der Admiral scharf.

„Das soll heißen, daß Sie es versäumten, für eine genügende Flankensicherung zu sorgen, Sir. Ihre Vorwürfe bezüglich der Ausgucks mögen berechtigt sein, aber wenn Sie in einer Formation segeln, in der Ihre eine Flanke – die Feuerleeseite – ungedeckt ist, dann müssen Sie sich nicht wundern, wenn der Gegner an dieser Stelle angreift. Und das haben Sie zu verantworten, Sir, nicht die Kapitäne.“

Der Admiral bewahrte mühsam seine Fassung. „Soll das eine Kritik an meinen Maßnahmen sein, Mister Borough, Sir?“

„Sie haben doch gar keine Maßnahmen getroffen, Sir“, erwiderte Borough unerschrocken. „Aber bitte, wenn Sie meine Hinweise als Kritik auffassen, dann ist das Ihre Sache.“

„Sie steuern Kollisionskurs, Mister Borough, Sir“, sagte der Admiral drohend. „Denn Sie haben hier nicht zu kritisieren, sondern zu gehorchen. Ihr Alleingang im Südkanal war bereits eine Insubordination, wenn nicht deutliche Mißachtung meines Befehls, dem Flaggschiff zu folgen.“

„So?“ fragte der Viceadmiral mit kaltem Hohn. „Dazu darf ich feststellen, daß ich am Tampen des Verbandes hing. Oder hatten Sie eine Reihenfolge festgelegt? Nein, das hatten Sie nicht. Also bildete ich den Schluß, zumal sich die Kapitäne und Kommandanten der anderen Schiffe in die Haare gerieten, welche Positionen sie hinter dem Flaggschiff einnehmen sollten. Ich ließ ihnen als höflicher Mensch den Vortritt.“

Mit arroganter Stimme fragte Kapitän Seymour: „Sie waren wohl zu feige, die Degenspitze unseres Verbandes zu sein, Mister Borough, Sir?“

„Die Degenspitze?“ Der Viceadmiral grinste geringschätzig. „Diese Position übernimmt doch wohl ein Flaggschiff, oder?“

„Mein Schiff segelte hinter dem Admiral“, erklärte der Gockel Seymour und reckte die Brust, „um jederzeit bereit zu sein, dem Flaggschiff in gefährlichen Situationen beizustehen.“

„Wie im Falle der Kriegsgaleere, nicht wahr, mein lieber Seymour?“ sagte der Viceadmiral gemütlich. „Aber da waren Sie wohl zu sehr damit beschäftigt, Ihre Artillerie auf wehrlose Frauen und Kinder abzufeuern. Hatten Sie denn Verluste, mein Guter? Wurde Ihre Kanonade von der Stadt aus beantwortet?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Kapitän Seymour von oben herab. „Der Feind hatte unserem trefflichen Feuer nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.“

„Na, wie sollte er auch, mein lieber Seymour! Es wäre städtebaulich wirklich ein Novum, in die Bürgerhäuser Kanonen einzubauen, woraus folgert, daß Sie mit Ihrer Degenspitze an völlig nutzlosen Stellen herumgestochert haben!“

Der Admiral schaltete sich wieder ein, ziemlich gereizt.

„Das zu beurteilen, steht Ihnen nicht zu, Sir!“ fauchte er.

Jetzt wurde der Viceadmiral massiv.

„Ich wurde von diesem Perückenkapitän der Feigheit bezichtigt und stelle dazu fest, daß nur zwei Schiffe echte Feindberührung hatten – die ‚Isabella‘ des ausgezeichneten Kapitäns Killigrew und meine ‚Golden Lion‘. Mit echter Feindberührung meine ich das Gefecht mit einem wehrhaften, soldatischen Gegner, bei dem mir selbst die Kugeln um die Ohren fliegen, nicht aber das sinnlose Draufloshämmern auf Häuser, in denen Frauen und Kinder wohnen, die sich nicht wehren können. Eine solche Kriegsführung ist eines Soldaten Ihrer Majestät der Königin unwürdig!“

In der Admiralskammer brach tumultartiger Lärm los. Noch während er tobte, stand Hasard mit lächelnder Gelassenheit auf – ein Riese, der sich etwas ducken mußte, um mit dem Kopf nicht gegen die Dekkenbalken zu stoßen.

Der Lärm verstummte. Verärgerte, empörte, wütende Gesichter starrten zu ihm hoch – mit Ausnahme des Viceadmirals.

Hasard sagte: „Ich darf mich empfehlen, Gentlemen. Mein Vormars wurde zerschossen, und eine Menge Arbeit wartet auf mich. Im übrigen teile ich Viceadmiral Boroughs Ansichten über eine Kriegsführung, die Frauen und Kinder und Wehrlose verschont. Statt deren Häuser zu zerschießen, sollte man sein Feuer besser auf die Forts und Batterien konzentrieren …“

„Sie schaffen es ja noch nicht einmal, eine Kriegsgaleere zu versenken!“ unterbrach ihn Kapitän Seymour höhnisch. „Sie lassen diese Galeere sogar noch davonrudern!“

„Richtig, Mister Seymour, ich bewundere bei Ihrer sonstigen Schlafmützigkeit, daß Sie das bemerkt haben“, erwiderte Hasard ruhig. „Offensichtlich reicht aber Ihr Verstand nicht aus, eine solche Handlungsweise zu begreifen. Ich erkläre es Ihnen gern. Galeeren werden mittels der Muskelkraft angeketteter Sklaven vorangetrieben. Ein angeketteter Mann ist für mich ein wehrloser Mann. Wenn ich eine Galeere versenke, dann verurteile ich diesen Mann zu einem erbärmlichen, furchtbaren Tod. Ich bin kein Henker und erst recht kein Mörder.“

„Pah!“ erklärte Kapitän Seymour. „Das sind doch alles nur Verbrecher! Abschaum ist das, Gesindel …“

Hasard umrundete mit zwei Sätzen den Tisch, packte den Perückenkapitän am Kragen, riß ihn hoch, schüttelte ihn und drückte ihn mit eiserner Faust gegen einen hölzernen Stützpfosten.

„Sagten Sie Gesindel, Sie Hampelmann?“ fauchte er. „Dann lassen Sie sich von Admiral Drake erklären, welche Männer mein Bootsmann und ich vor über sieben Jahren als Rudersklaven von einer spanischen Galeere befreiten! Das waren gute, tapfere englische Seeleute, die kämpfend und zum Teil schwerverwundet vor der irischen Küste in spanische Hände gefallen waren! Bei Gott, Scheißkerle wie Sie sollten wie räudige Hunde davongejagt werden, Sie sind eine Beleidigung für die englische Marine!“

Und dann klatschten zwei Ohrfeigen, und dem Kapitän flog die Perükke vom Kopf. Aus der Perücke stieg eine Puderwolke. Die Kopfhaut des sehr ehrenwerten Kapitäns hingegen war recht grau. Und da er auf dem Kopf geschwitzt hatte, war das Grau da und dort der helleren Hautfarbe gewichen, woraus zu schließen war, daß Robert Seymour, Kommandant Ihrer Majestät Schiff „Dreadnought“, mit Wasser und Seife auf Kriegsfuß stand und daher keineswegs als ein Muster der Reinlichkeit bezeichnet werden konnte.

Das tat Hasard auch nicht.

Noch in das schreckerstarrte Schweigen hinein sagte er: „Ich muß mich korrigieren – in der Marine Ihrer Majestät der Königin fahren nicht nur Schlafmützen zur See, sondern auch Schweinigel. Und so was wagt, ehrliche, saubere Seeleute zu beleidigen und Abschaum und Gesindel zu nennen.“ Angewidert wandte Hasard den Blick und schaute den Admiral an, in dessen Gesicht es wetterleuchtete. „Fürwahr, Sir, ich muß mich wundern, mit was für Kapitänen Sie sich umgeben – mit Ausnahme Viceadmiral Boroughs. Ich bin hier wohl wirklich überflüssig.“

„Sind Sie jetzt fertig?“ fragte der Admiral eisig.

„Allerdings.“

„Dann gebe ich Ihnen genau eine Viertelminute Zeit, sich bei Kapitän Seymour zu entschuldigen.“ Der Admiral drehte eine kleine Sanduhr um, die vor ihm stand.

Hasard verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte amüsiert, während er den ausrinnenden Sand beobachtete.

Als der Sand ausgelaufen war, fragte er: „Und jetzt?“

„Betrachten Sie sich als unter Arrest stehend“, sagte der Admiral schneidend. „Vor einem Bordgericht werden Sie Ihre Unverschämtheiten zu verantworten haben.“

„Sie vertragen die Wahrheit nicht, Drake“, sagte Hasard verächtlich. „Wenn ich jemals Achtung vor Ihnen hatte, dann mußte ich wohl mit Blindheit geschlagen gewesen sein. Ich hätte es wissen müssen. Damals, auf der ‚Golden Hind‘, deckten Sie ja auch einen Meuchelmörder, genauso wie Sie sich jetzt auf die Seite eines schwachsinnigen Großmauls stellen. Sie wollen mich vor ein Bordgericht zerren? Dazu müssen Sie mich erst einmal haben!“

„Wache!“ brüllte der Admiral.

Hasard war mit einem Satz bei dem Schott und knallte von innen die beiden schweren Riegel vor. Er drehte sich um und lehnte sich leicht dagegen. Sein scharfgeschnittenes, braungebranntes Gesicht hatte sich verändert. Es drückte einen unbezähmbaren Willen aus, eine wilde Entschlossenheit, sich zur Wehr zu setzen.

Seine eisblauen Augen bohrten sich in die Augen des Admirals.

„Na los, Drake“, sagte er, und jetzt klirrte wieder Eisen in seiner Stimme, „versuchen Sie’s doch mal. Oder brauchen Sie einen Handlanger? Wie wär’s mit Ihnen, Seymour?“ Hasards eisblaue Augen funkelten den Kapitän an. „Sie faselten doch was von Degenspitze. Jetzt haben Sie Gelegenheit, Ihrem bedrängten Admiral zu helfen …“

Hinter Hasard wurde gegen das Schott gewummert.

„Sir! Die Wache ist zur Stelle!“ rief eine Stimme.

„Hauen Sie ab!“ rief Hasard, zog seine doppelläufige Reiterpistole und richtete sie auf den Admiral. „Bestellen Sie Mister Carberry von der ‚Isabella‘, der unten an der Jacobsleiter im Beiboot wartet, er möge sich sofort hier beim Admiral melden. Das ist ein Befehl!“

„Jawohl, Sir.“ Schritte entfernten sich.

Viceadmiral Borough grinste breit. Die anderen Gentlemen saßen wie Holzfiguren. Kapitän Seymour lehnte mit wackligen Knien an dem Stützpfosten. Der Schweiß zog neue, helle Bahnen auf seiner Kopfhaut, tropfte vom Kinn auf den weißen Rüschenkragen und hinterließ dort wiederum dunkle Flecken.

Keuchend sagte der Admiral: „Nehmen Sie diesen Mann fest, Mister Seymour!“

„Er – er bedroht uns mit einer Pistole, unser – unser aller Leben ist in – in höchster Gefahr.“ Jetzt kriegte der Kapitän auch noch Zuckungen im Gesicht.

„Meins nicht“, sagte Viceadmiral Borough gemütlich und streckte die Beine aus.

Der Admiral fuhr zu ihm herum. „Ich befehle Ihnen, diesen Mann festzunehmen, Mister Borough, Sir!“

Der Viceadmiral zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keinen Grund, zumal ich der Ansicht bin, daß hier weiß Gott kein Anlaß vorliegt, den sehr ehrenwerten und tapferen Kapitän Killigrew vor ein Bordgericht zu stellen. Kapitän Killigrew ist ein freier Mann und untersteht nicht Ihrer Disziplinarordnung, Sir. Wenn er sich gegen eine Festnahme zur Wehr setzt, dann ist das sein gutes Recht. Ich finde es im übrigen ziemlich beschissen, einen Mann, der Sie und Ihr Flaggschiff gerettet hat, derart zu behandeln. Seymour müßte sich bei Kapitän Killigrew entschuldigen – nicht umgekehrt.“

„Wollen Sie mich etwa belehren?“ fuhr der Admiral hoch.

„So ist es, Sir“, erwiderte Borough ruhig, „denn Ihre Fehler beginnen sich in beängstigender Weise zu häufen …“

Erneutes Wummern unterbrach ihn.

„Carberry zur Stelle, Sir!“ ertönte die mächtige Stimme des Profos.

Hasard schob die beiden Riegel zurück und öffnete das Schott. Carberrys wuchtige Gestalt tauchte auf. Mit einem Blick sah er die Pistole in Hasards Faust – und schon zog er seine aus dem breiten Gürtel.

„Gibt’s Ärger, Sir?“ fragte er beachtlich leise.

„Ein bißchen, Ed. Der Admiral wollte mich festnehmen lassen und vor ein Bordgericht stellen.“ Hasard grinste.

„Der soll bloß“, sagte der Profos drohend und betrat die Admiralskammer. Er hatte keinerlei Hemmungen, und sein Blick war mörderisch, mit dem er die Runde der Kapitäne streifte, bis er den Admiral „ins Visier“ nahm. Da wurde sein Blick nicht nur mörderisch, sondern von greller Wildheit. Und seine massige Gestalt duckte sich, als sei er bereit, wie ein Tiger über den Tisch zu springen, um dem Admiral an die Gurgel zu gehen.

„Immer mit der Ruhe, Ed“, sagte Hasard sanft.

„Wie? Was? Der will dich festnehmen und vor ein Bordgericht stellen?“ grollte der Profos der „Isabella“. „Warum? Weil du und wir sein Scheißflaggschiff davor bewahrten, zur Hölle zu gehen, wo es hingehört?“ Der Profos schlich auf den Tisch zu, und die sehr ehrenwerten Kapitäne drückten sich in ihre Stühle zurück, als sei dieser fürchterliche Profos mit dem häßlichen, zernarbten Gesicht und dem Rammkinn ein Barbier, der mit gewetztem Messer auf ihre Kehlen losging. Und auch der Admiral rutschte mit seinem Stuhl zurück.

Aber Carberry sagte ganz leise und sehr besänftigend: „Hör zu, Mister Drake, Sir, für uns Arwenacks bist du ein paar Nummern zu klein. Uns schaffst du nicht, uns schaffst du niemals, denn sollte Kapitän Killigrew von deinen Rübenschweinen je auch nur ein Haar gekrümmt werden, dann wird jeder Mann der ‚Isabella‘-Crew zur Bestie. Und dann machen wir deine ‚Elizabeth Bonaventura‘ zur Wildsau, die in keine Suhle mehr paßt. Ist das klar?“

„O Gott“, ertönte die Stimme des Kapitäns Seymour, „o Gott, was ist das denn für ein Wüstling?“ Er umklammerte mit nach hinten verschränkten Armen den Sützpfosten, um nicht in die Knie zu gehen.

Carberry fuhr zu ihm herum. „Halt’s Maul, Mister, hier redet der Profos der ‚Isabella‘ …“ Er stutzte und schob den Kopf vor. „Bist du Kapitän oder was?“

„Kommandant der ‚Dreadnought‘, bitte sehr.“

„Scheißschiff, wenn der Kommandant einen Kopf wie eine Jauchetonne hat! Noch nie gewaschen, was, wie? ‚Dreadnought‘? ‚Dreadnought!‘ Lag die nicht hinter dem Flaggschiff, als die Dons mit der Galeere angriffen?“

„Jawohl“, sagte Kapitän Seymour gehorsam, und es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte „Sir“ hinzugefügt.

Aber das tat Edwin Carberry, und er wurde plötzlich sehr förmlich.

„Sir“, sagte er, „als zweites Schiff der Linie, das ein Flaggschiff zu dekken hat, hätte man besser eine Kuh hinterhersegeln lassen sollen, die hätte schärfere Augen gehabt!“

Viceadmiral William Borough lachte dröhnend. Die Kapitäne saßen mit verstörten Gesichtern da. Und der Admiral begriff, daß er handlungsunfähig war. Dieser Killigrew hatte ihn elegant ausmanövriert. Nicht nur ihn – die Kapitäne waren wie gelähmt. Ein einziger Mann hatte über zwanzig Kapitäne in Schach gehalten! Nicht einer hatte gewagt, gegen ihn vorzugehen. Er, der Admiral, hatte einen Befehl gegeben und war nicht in der Lage, diesen Befehl auch durchzusetzen.

Und mit dem Erscheinen dieses furchtbaren Carberry hatte sich das Blatt endgültig gewendet. Oder nicht? Sollte er das ganze Schiff alarmieren, um diese beiden Kerle überwältigen zu lassen?

Dieser verdammte Killigrew schien Gedanken lesen zu können, denn er sagte: „Versuchen Sie nicht, uns aufzuhalten oder daran zu hindern, von Bord zu gehen, Sir. Es würde ein Blutbad geben. Nach dem, was mir hier von Ihnen geboten wurde, habe ich keinerlei Veranlassung mehr, auf jemanden Rücksicht zu nehmen. Das ist eine Warnung, eine ernste Warnung, denn im Gegensatz zu Ihren Schlafmützen sind meine Männer zur Zeit gefechtsbereit. Sag’s ihm, Ed, damit er nicht denkt, daß ich bluffe.“

Grinsend erklärte Carberry: „Unser Kapitän hatte so einen Riecher, daß es hier Stunk geben könne. Das ist so seine Art, Unvorhergesehenes möglichst auszuschalten. Nun, alle Waffen der ‚Isabella‘ sind feuerbereit und auf das Flaggschiff gerichtet – nicht auf die Besatzung wohlgemerkt, aber auf so heikle Stellen wie das Ruder oder den Bugspriet, den unser Stückmeister ja bereits einmal mit einem sauberen Schuß abrasierte …“

„Wie bitte?“ fragte Viceadmiral Borough verblüfft. „Sie hatten mit der ‚Elizabeth Bonaventura‘ Gefechtsberührung? Oder habe ich mich verhört, Mister Carberry?“

„Keineswegs, Sir …“

„Das war ein Versehen!“ fiel ihm Admiral Drake schroff ins Wort. „Schweigen Sie, Profos!“

Carberry wirbelte herum und funkelte den Admiral an. „Was soll ich? Schweigen? Hier soll wohl was vertuscht werden? Das könnte dir so passen, Sir! Aber alle sollen es hören, daß du oben bei den Berlenga-Inseln scharf darauf warst, die ‚Isabella‘ zu vernaschen. Aber da kriegte dein Flaggschiff fix was auf die Schnauze, und danach manövrierte dich Kapitän Killigrew auf die Sände, von denen wir dich dann herunterholen mußten, weil ihr es aus eigener Kraft nicht fertig brachtet. Jawohl, so war das, und mit Ruhm beklekkert hast du dich bestimmt nicht, Sir. Und vielleicht darf ich auch daran erinnern, daß die ‚Isabella‘ in der betreffenden Nacht, in der die ‚Elizabeth Bonaventura‘ auf Dreck saß und nicht loskam, vier spanische Galeeren in die Flucht jagte, die dem festsitzenden Flaggschiff zu Leibe rükken wollten!“ Carberry redete sich in Wut. „Seitdem sind wir ständig damit beschäftigt, für dieses verdammte Flaggschiff das Kindermädchen zu spielen und dabei unser Leben zu riskieren. Mir reicht’s, Mister Drake, Admiral, Sir! Bis hier oben steht mir das!“ Carberry deutete den Pegel seines Gemütszustandes in Höhe seines Rammkinns an. „Das schmeckt mir vielleicht! Das Maul aufreißen, meinen Kapitän vor ein Bordgericht stellen wollen! Mir den Mund verbieten!“ Und wieder wurde er förmlich, der Profos. „Was denken Sie eigentlich, wer Sie sind? Vielleicht der liebe Gott? Admiral! Daß ich nicht lache! Da ist mein Kapitän mehr Admiral als Sie. Und weil Sie das wissen, hakken Sie auf ihm herum, Sie Admiral, Sie! Nannten die Spanier Sie jemals ‚El Draque‘, den Drachen? Die müssen blind gewesen sein. Weil Sie nämlich kein Drache, sondern eine miese Filzlaus sind …“

„Ed, das reicht“, unterbrach ihn Hasard ruhig. „Es hat auch gar keinen Zweck, denn er begreift es nicht. Ein Mann, der die Umstände unseres Zusammentreffens bei den Berlenga-Inseln verschweigt, tut es deswegen, weil er Angst hat, seinen Glorienschein zu verlieren. Aber den hat er hier vor Cadiz erst recht verloren. Wir haben damit nichts mehr zu schaffen.“ Er lächelte dem Viceadmiral zu und verließ mit Ed Carberry die Admiralskammer.

Eine schweigende Runde blieb zurück. Immerhin waren einige Gesichter sehr nachdenklich geworden. Der Admiral sah aus, als habe er Essig getrunken.

Einzig Kapitän Seymour, nun nicht mehr von einer Pistole bedroht, fühlte sich wieder stark, nachdem er sich die Perücke schief über den schmutzigen Kopf gestülpt hatte.

„Eine Unverschämtheit!“ stieß er hervor. „Eine Frechheit! Man hätte diese beiden Kerle überwältigen müssen!“

„Halten Sie doch den Mund, Sie Idiot!“ sagte der Admiral bissig. „Wegen Ihnen ist es zu dieser Auseinandersetzung gekommen, Sie Degenspitze!“ Des Admirals Stimme wurde wütend. „Auf Ihren Quatsch über die Galeerensklaven konnte Killigrew gar nicht anders reagieren, denn es waren seine Leute, die er damals mit meiner Genehmigung von einer spanischen Galeere herunterholte. Zu Ihrer Kenntnis: Die Spanier pflegen mit Vorliebe englische Gefangene als Rudersklaven auf ihre Galeeren zu stecken, aber auch sogenannte Ketzer, niederländische Rebellen wie die Geusen oder schlicht Männer, die sie pressen. Daran sollten Sie denken, wenn sie mit einer Galeere ins Gefecht geraten.“

„Aber – aber wieso sollte er sich dann bei mir entschuldigen?“ fragte der Kapitän fassungslos.

„Weil ich wußte, daß er es nicht tun würde!“ brüllte der Admiral. „Und ich hätte einen Grund gehabt, ihn festzusetzen!“ Er hieb die Faust auf die Tischplatte. „Aber selbst dazu waren Sie nicht in der Lage, Sie Schlappschwanz! Und wo blieb Ihre Ehre? Zwei Ohrfeigen empfingen Sie – und jede Menge Beleidigungen, Gründe genug für ein Duell auf Degen oder Pistole, um eine solche Schmach nicht auf sich sitzen zu lassen.“

„Ja, ja“, sagte Viceadmiral Borough so vor sich hin, „wie der Herr, so das Gesinde.“

„Wollen Sie mich provozieren, Mister Borough, Sir?“ fragte Drake schneidend.

„Aber nicht doch, Sir“, erwiderte der Viceadmiral gelassen, „ich meine nur, daß ein Führer nie einen Befehl geben sollte, den er nicht selbst in der Lage ist, auszuführen. Sie hätten Kapitän Killigrew doch selbst festnehmen oder überwältigen können, oder? Und wenn Sie es nicht tun, was verlangen Sie dann von Kapitän Seymour?“

Der Admiral wich einer Antwort aus. Abrupt stand er auf und sagte: „Es ist genug geredet worden, handeln wir jetzt. Die Reede muß von feindlichen Schiffen gesäubert werden. Gehen Sie ankerauf. Mein Befehl lautet: Vernichten Sie spanischen oder portugiesischen Schiffsraum, oder entern und beschlagnahmen Sie die Ladegüter, wenn sie ihnen wertvoll erscheinen. Vorwärts, Gentlemen!“

„Und wer sichert wen?“ fragte der Viceadmiral.

„Das ist völlig überflüssig. Wir sind bereits Herren der Lage.“

„Ah so“, sagte der Viceadmiral und verließ kopfschüttelnd die Admiralskammer.

4.

So ganz unerecht hatte der Admiral nicht, als er erklärt hatte: „Wir sind bereits Herren der Lage.“ Denn auf der großen, äußeren Reede nordöstlich von Cadiz herrschte eine ziemliche Panik, die einen geschlossenen, massiven Widerstand gegen den englischen Überfall verhinderte – abgesehen von den todesmutigen Angriffen oder Kriegsgaleeren.

Aber deren Aktionen hatte das „Kindermädchen“ – wie sich Ed Carberry ausgedrückt hatte – unterbunden: Philip Hasard Killigrews „Isabela“. Und später hatten die Seewölfe mit Grimm beobachtet, wie die fettesten Brocken ankerauf gingen und fluchtartig die Reede verließen.

Deren Kapitäne mußten gewitzte Burschen sein, wenn sie sich nicht davon hatten einlullen lassen, daß der englische Kampfverband über Cadiz hergefallen war. Für viele hatte es wirklich so ausgesehen, als planten die Engländer, Cadiz im Sturm zu erobern. Hätten sie sonst die Stadt derart massiv unter Feuer genommen?

So traf jetzt das Verhängnis jene Kapitäne sowie deren Schiffe und Mannschaften, die geglaubt hatten, der Kelch ginge an ihnen vorüber. Da waren einige, die gehörten zu dem Typ Mensch, der bei einem Gewitter den unfrommen Wunsch hegt, der Blitz möge nicht sein Haus, sondern das des Nachbarn treffen. Daß sie Narren waren, erkannten sie zu spät.

Einige hatten auch aus Phlegma nicht die Reede verlassen oder sich damit getröstet, so schlimm würde es schon nicht werden.

Einer war allerdings unter den Handelsfahrern, ein siebenhundert Tonnen schwerer Brocken, der aus Genua stammte und für den Levantehandel gebaut und entsprechend armiert war. Er hatte die Heimreise antreten und nur auf günstigen Wind warten wollen. Beladen war er bis unter die Luken mit Koschenille, dem schönen, roten Farbstoff der Schildlaus, mit Kampescheholz, Häuten und Wolle für Italien.

Bei dem nach Süden tendierenden Südwestwind hatte der genuesische Kapitän es vorgezogen, sein Auslaufen noch zu verschieben. Aber seine gesamte Besatzung war an Bord – im Gegensatz zu vielen der anderen Schiffe auf Reede.

Dieser Kapitän hatte ebenfalls überlegt, ob es nicht besser sei, sich zu verziehen, als die Engländer vor der Bucht aufgetaucht und dann über Cadiz hergefallen waren. Aber er war geblieben – einmal aus der Überlegung heraus, daß Genua nicht mit England in Fehde lag und demnach als neutral zu betrachten war, und zum anderen vertrat er die persönliche Ansicht, daß es ihn weiß Gott nichts anging, wenn sich Spanier und Engländer aus welchen Gründen auch immer in die Haare gerieten.

Ihm war der eine so genehm wie der andere, und wenn Genua mit Spanien Handel trieb, dann konnte es das genausogut mit England tun, ohne daß gleich alle Welt schrie, Genua liebäugele mit der einen Seite mehr als mit der anderen.

Der Kapitän hatte nichts gegen England, und er hatte nichts gegen Spanien, allenfalls traten seiner Meinung nach die Spanier etwas zu hochnäsig auf. Und ein bißchen zu raffig waren sie wohl auch, wenn man bedachte, was sie alles aus der Neuen Welt heranschleppten. Konnte man es da den Engländern verübeln, daß sie sich ein Scheibchen von dem Kuchen abschneiden wollten? Nein, das konnte man nicht.

Kapitän Mauritio Sulla war kein Mensch mit komplizierten Gedankengängen, er hatte Verstand und Herz, und die Genueser Kaufmannschaft hatte sehr genau gewußt, wem sie den Siebenhundert-Tonner anvertraute, denn Sulla war Seemann aus Passion, und den nordafrikanischen Piraten hatte er noch immer und zu jeder Zeit die Zähne gezeigt.

Im übrigen war sein Schiff für derartige Überfälle bestens bestückt — mit je zwanzig schweren Messingkanonen auf jeder Seite. Daß der gewissenhafte Kapitän Sulla seine Männer auf den Umgang mit diesen Kanonen getrimmt hatte, versteht sich von selbst. Die algerischen Piraten wußten davon ein Liedchen zu singen, denn allemal hatten sie sich blutige Nasen geholt, wenn es sie nach diesem Brocken gelüstet hatte.

Am Vormittag dieses 29. April 1587 hatte Kapitän Sulla sein Schiff aus dem Pulk der vor Anker liegenden anderen Fahrzeuge gelöst und sich an den Außenrand der Reede verholt. Er wollte sofort lossegeln können, sobald der Wind günstiger stand. Das hatte den einfachen, seemännisch richtigen Grund, daß er es vermeiden wollte, sich bei einem drehenden Wind zwischen einer Masse hin und her schwojender Schiffe hindurchmogeln zu müssen.

Denn da war ein Gewirr der verschiedenartigsten Schiffe aus aller Herren Länder – von den Spaniern beschlagnahmte holländische Segler, Handelsschiffe aus dem Norden, Schiffe der spanischen Amerikaflotte, Handelsfrachter beladen mit edlen Sherry-Weinen, Mittelmeerschiffe wie der genuesische Siebenhundert-Tonner, Galeonen, Barken, Urcas, Karavellen, kurz ein Sammelsurium aller möglichen Typen.

Und wer aus einem solchen Pulk ankerauf ging, um auszulaufen, der mußte bei drehenden Winden verdammt aufpassen, wenn er klarfahren wollte.

Mit Gelassenheit hatte Kapitän Mauritio Sulla den englischen Überfall auf Cadiz betrachtet.

Aber dann, am späten Nachmittag, war seine Gelassenheit in Argwohn umgeschlagen. Das genau war der Zeitpunkt, als sich die Panik auszubreiten begann, weil der englische Verband plötzlich schwenkte und Kurs auf die Ankerlieger der großen Reede nahm.

Was da heranrückte, sah gar nicht gut aus, und als der Verband auseinanderfächerte und den weiten Bereich der Reede einkreiste, da ahnte Kapitän Sulla, was die Glocke geschlagen hatte. Unwillkürlich drängte sich ihm das Bild von hungrigen Wölfen auf, die um eine Schafherde ihren tödlichen Ring bilden.

Sulla verfluchte seinen Entschluß, nicht wie die anderen dicken Brokken das Weite gesucht zu haben, als die Engländer noch mit Cadiz beschäftigt waren.

Jetzt war es zu spät.

„Klar Schiff zum Gefecht!“ peitschte seine grimmige Stimme über die Decks.

Kaum hatte er das befohlen – und das gab ihm die Genugtuung, richtig zu handeln –, erschienen die ersten Mündungsfeuer vor den Rohren der englischen Schiffe, und der Kanonendonner rollte über die Reede.

Warnschüsse waren es, wie Kapitän Sulla feststellte.

Warnschüsse, um die Schafherde einzuschüchtern!

Bei den Schiffen, die am Südrand der großen Reede ankerten, sah es aus, als spucke das Wasser Fontänen hoch. Sulla kannte dieses Bild, und es war für ihn wieder genauso erregend wie vor sechzehn Jahren, als er unter Giovanni Andrea Doria, dem Führer der genuesischen Seestreitkräfte bei der Schlacht von Lepanto, an Bord der „Marquesa“ gegen die türkische Flotte gekämpft hatte.

Damals hatte er zum ersten Male die kalte Schönheit fontänengischtender Kugeleinschläge bewundert – ganz abgesehen von der erleichternden Gewißheit, daß jede Fontäne eine verschossene Kanonenkugel bedeutete, die ihr Ziel nicht erreicht hatte.

Später hatte er gelernt, wie man als Kanonier oder Stückmeister einen Gegner mittels der beobachteten Fontänen „eingabelt“, das heißt, die Weit- oder Kurzschüsse zu korrigieren und ebenso der Seite nach zu verbessern. Hinzu kam das Schießverfahren beim laufenden Gefecht, also mit dem Gegner parallel segelnden Kurs, und beim Passiergefecht, bei dem eigener und Gegnerkurs aneinander vorbeiführen.

Kapitän Sulla bewegte unruhig die breiten Schultern. Das hier war eine andere Situation, denn sein Schiff lag gewissermaßen an der Kette. Ankerauf gehen, Segel setzen und in den Atlantik steuern – dazu war es zu spät. Wenn sie es wollten, würden ihn die Engländer so oder so erwischen. Eine schwache Hoffnung flakkerte noch in ihm, daß sie seinen neutralen Status respektieren würden.

Aber unter Umständen festliegende Zielscheibe zu sein, dieser Gedanke behagte ihm ganz und gar nicht. Unter Segeln — und da war er erfahren genug – hatte man immer noch die Chance, auch einen stärkeren Gegner ausmanövrieren oder ihm davonsegeln zu können.

Aber diese Chance hatte er mit seinem Ausharren verspielt.

„Schiff ist gefechtsklar“, meldete sein erster Offizier.

Sulla nickte stumm.

„Die werden uns doch nicht angreifen“, sagte der Erste zweifelnd.

„Weiß man’s?“ Sulla zuckte mit den Schultern, kniff die Augen zusammen und beobachtete, wie auf fünf Schiffen am Südrand der Reede die Flagge gestrichen wurde. „Die ergeben sich“, murmelte er, „das eine Schiff ist die französische Karavelle, die südlich von unserem Ankerplatz gelegen und Sherry übernommen hatte.“ Sulla fluchte. „Auf neutrale Schiffe nehmen die Brüder offenbar, keine Rücksicht. Oder sind die auf Sherry scharf?“

„Im Saufen waren die Engländer schon immer gut“, sagte der Erste philosophisch. Er war ein schlanker, geschmeidiger Mann namens Silvio Carlone. Seit fünf Jahren fuhr er unter dem Kommando des Kapitäns, und er hatte es noch keine Minute bereut.

Kapitän Sulla hob das Spektiv ans rechte Auge und blickte hindurch.

„Sie entern die Karavelle“, sagte er verbissen. „Keiner wehrt sich, nicht einer, auch bei den anderen Schiffen nicht. Selbst bei den spanischen Amerikaseglern haben sie die Hosen voll und die Flagge gestrichen. Dabei sind sie weitaus besser bestückt als alle anderen. Feiges Pack!“

„Und was werden wir tun?“ fragte der Erste, obwohl er die Antwort seines Kapitäns bereits kannte.

„Kämpfen“, sagte Kapitän Sulla lakonisch, „mir nimmt keiner mein Schiff weg.“

Silvio Carlone nickte. Mit dieser Entscheidung war er durchaus einverstanden. Denn so hatten sie es immer gehalten, und warum sollte es jetzt anders sein?

Trotzdem sagte er: „Diese vier englischen Kriegsgaleonen werden uns ganz schön zum Tanzen bringen.“

„Wir sie auch“, knurrte Kapitän Sulla und schob das Spektiv zusammen. „Die erste dreht bereits auf uns zu.“

„Sollen wir sie ins Visier nehmen?“

„Abwarten. Mal sehen, wie weit er’s treibt“ Kapitän Sulla trat ans Backbordschanzkleid des Achterdecks und blickte der Galeone entgegen.

Die segelte bis auf Rufweite an den Siebenhundert-Tonner heran und ging in den Wind. Die Segel wurden ins Gei gehängt.

Ein betreßter Mensch, aufgetakelt wie ein Gockel, eine Lockenperücke auf dem Kopf, stand am Steuerbordschanzkleid des Achterdecks und schrie etwas zu dem Genuesen hinüber.

Sulla grinste und brüllte zurück: „Verstehe kein Englisch!“

Der betreßte Mensch winkte einen Mann heran und redete erregt auf ihn ein.

Der nickte, trat ans Schanzkleid und rief: „Kapitän Seymour, Kommandant Ihrer Majestät Schiff ‚Dreadnought‘, fordert Name und Heimathafen ihres Schiffes!“ Er rief es in spanischer Sprache.

Kapitän Sulla rief zurück: „Bestellen Sie Ihrem Kapitän, daß er gar nichts zu fordern hätte! Wir sind Genuesen und mir ist nicht bekannt, daß sich die Republik Genua mit England im Kriegszustand befindet. Folglich sollte Ihr Kapitän die seemännische Etikette wahren. Also kann er mich um eine Auskunft bitten, zu fordern, ich wiederhole es, hat er nichts.“

Mit Genugtuung bemerkte Kapitän Sulla, daß der englische Kapitän vor Wut platzte, als ihm der Dolmetscher die Antwort übersetzt hatte.

„Silvio“, sagte er leise zu seinem Ersten, „die Kanoniere sollen unsere Stükke auf das Achterdeck des Engländers und seine Masten richten.“

Der Erste nickte verstanden und sprang zur Kuhl hinunter.

Der Dolmetscher rief: „Was haben Sie geladen?“

„Eingepökelte Kakerlaken in Erdbeer-Sauce!“ schrie Kapitän Sulla. „Und was haben Sie geladen?“

Wüstes Palaver auf dem Achterdeck der englischen Kriegsgaleone. Der Kapitän mit der Lockenperücke brüllte den Dolmetscher an, und der brüllte zurück. Offenbar schien der englische Kapitän anzunehmen, sein Dolmetscher habe verkehrt übersetzt oder wolle ihn verulken. Aber da schaltete sich ein anderer Mann ein und schien die Übersetzung des Dolmetschers zu bestätigen. Auch er wurde von dem englischen Kapitän angebrüllt – wohl etwa in dem Sinne, er sei nicht gefragt worden und habe deshalb das Maul zu halten.

Kapitän Sulla begann sich zu amüsieren.

Nach einem erregten Disput schrie der Dolmetscher: „Kapitän Seymour fordert Sie auf, die Flagge zu streichen und ein Prisenkommando an Bord kommen zu lassen!“

„Ich habe vor nordafrikanischen Piraten nicht die Flagge gestrichen, und ich werde es auch nicht vor englischen Halsabschneidern tun!“ rief Kapitän Sulla. „Ein Prisenkommando hat nichts bei mir an Bord zu suchen. Sollte es wagen, zu entern, werden wir uns zur Wehr setzen. Sagen Sie das Ihrem Kapitän. Außerdem weise ich ihn darauf hin, daß ein Angriff auf mein Schiff ein Angriff auf die Republik Genua ist! Was Sie hier auf der Reede vor Cadiz mit den Schiffen anderer Länder tun, ist übelste Piraterie. Wenn die vor Ihnen den Schwanz einziehen, ist es deren Sache. Wir Genuesen jedenfalls sind es nicht gewohnt, uns von Piraten auf der Nase herumtanzen zu lassen. Wir sind friedliche Handelsfahrer, aber unsere Friedfertigkeit hat dort ihre Grenzen, wo wir angegriffen werden. Meine Kanonen sind gefechtsklar, um Ihnen eine Breitseite zu verpassen!“

Kapitän Sulla hob das Spektiv ans Auge, um die Wirkung seiner Worte auf den englischen Kapitän besser beobachten zu können. Er sah ein schwitzendes, blasiertes Gesicht, das sich von Satz zu Satz der Übersetzung mehr verzerrte. Was für ein widerlicher Kerl, dachte der Kapitän.

Beim letzten Satz des Dolmetschers zuckte der englische Kapitän zusammen, warf einen nervösen Blick auf das genuesische Schiff und verschwand hastig hinter der Dekkung des Besanmastes.

„So ein Feigling“, murmelte Kapitän Sulla voller Verachtung. Gleichzeitig gab ihm diese Erkenntnis die Hoffnung, daß seine Worte gewirkt hatten und den Engländer zum Rückzug veranlaßten. Vielleicht war ihm dieses Eisen zu heiß, um es anzufassen, vielleicht auch befürchtete er diplomatische Verwicklungen. Aber letztlich war das alles gleichgültig, Hauptsache, sein Schiff blieb ungeschoren.

Eine Weile passierte gar nichts, dann sah Kapitän Sulla an der Flaggleine des Besanmastes drei Signalflaggen hochsteigen, deren Bedeutung ihm natürlich fremd war. Gleichzeitig hantierten Kanoniere an einem Heckgeschütz und lösten hintereinander drei Böller.

Sulla spähte über die Reede. Ein paar Minuten später wurde ihm klar, was Böller und Signalflaggen zu bedeuten hatten, denn zwei der Kriegsgaleonen nahmen Kurs auf die „Dreadnought“. Eine dritte Kriegsgaleone dümpelte auf der Süd-Reede, offensichtlich dazu abgestellt, die Aktionen auf der Reede selbst gegen eventuelle Galeerenvorstöße aus der kleinen Reede, also der Bai von Puntales, zu sichern.

Und was war mit dieser merkwürdigen Dreimastgaleone, deren schlanke Formen und niedrige Aufbauten Kapitän Sulla bereits am Vormittag aufgefallen waren? Gehörte sie zu den Engländern oder nicht? Sie hatte die angreifenden spanischen Galeeren vertrieben. Und jetzt pirschte sie um die Reede herum, als habe sie mit alledem nichts zu tun, jedenfalls beteiligte sie sich nicht an der Aktion der Engländer, die einen Ankerlieger nach dem anderen zum Streichen der Flagge zwangen und dann besetzten.

Kapitän Sulla erschien es, als überwache diese schnittige Galeone die Aktionen und Bewegungen der vier Kriegsgaleonen. Aber was sollte das?

Seine Aufmerksamkeit wandte sich wieder den beiden heransegelnden Kriegsgaleonen zu. Eine lief westwärts, schwenkte dann nach Norden und verbaute damit seinem Schiff einen eventuellen Durchbruch seewärts.

Die andere geite die Segel auf und glitt langsam an der „Dreadnought“ vorbei. Von Bord zu Bord brüllten sich deren Kommandanten etwas zu – herrisch der spitzbärtige Mann auf dem Achterdeck der hinzugekommenen Galeone, verstört dieser Kapitän Seymour auf der „Dreadnought“.

Kapitän Sulla blickte durchs Spektiv auf den spitzbärtigen Mann – und dann stieß er einen wilden Fluch aus, denn selbst in Genua waren Bilder dieses Mannes aufgetaucht, der nach Magellan die Welt umsegelt hatte: Francis Drake, von den Spaniern als „El Draque“ gehaßt und gefürchtet.

„Der hat mir noch gefehlt“, murmelte er und biß die Zähne zusammen.

Die Galeone Drakes setzte wieder die Segel, lief ab, schwenkte und glitt von Steuerbord achtern auf Sullas Schiff zu.

Jetzt befand er sich in der Zange.

Der Spitzbart brauchte keinen Dolmetscher. Seine Stimme war so scharf wie eine Degenklinge.

„Streichen Sie die Flagge, oder wir schießen Sie zusammen!“ schrie er.

Für einen winzigen Augenblick fragte sich Kapitän Sulla, ob er angesichts dieser Übermacht aufgeben solle. Aber dann stieg der Trotz in ihm hoch. Das Recht war auf seiner Seite. Und für sein Recht hatte man zu kämpfen, oder man war ein Hundsfott.

Silvio Carlone starrte von der Kuhl aus zu ihm hoch, sein eigentlich hübsches Gesicht war hart und kantig – und auch trotzig. Ihre Augen trafen sich, und Carlone nickte unmerklich.

Kapitän Sulla straffte die Schultern, und jetzt war seine Stimme genauso scharf wie die des spitzbärtigen Mannes. Und er rief nur zwei Worte, die ein Befehl waren.

„Feuer frei!“

Dort, wo der genuesische Kauffahrer vor Anker lag, herrschte das, was man mit Inferno bezeichnete. Man hätte es auch Hölle nennen können.

Drei englische Kriegsgaleonen hatten sich um den Genuesen versammelt und schossen ihn systematisch zusammen.

Hinzugesellt hatten sich vier der kleineren englischen Kriegssegler, die aus ihren leichteren Stücken Feuer und Blei spuckten.

Und der Genuese feuerte nach allen Seiten zurück. Er kämpfte. Er wehrte sich, zerschossen, entmastet und eigentlich nur noch ein Trümmerhaufen. Und immer wieder flammte es bei ihm auf – Zeichen, das noch Leben in ihm war, auch wenn es dem Ende zuneigte.

So mochten die Spartaner gekämpft haben. Oder die letzten Goten, als sie, der Sage nach, am Vesuv ihren Verzweiflungskampf gegen die anstürmenden Krieger des Narses durchfochten und Teja, Nachfolger des gefallenen Totila, tödlich verletzt den Rückzug seiner Männer deckte.

Hier gab es keinen Rückzug. Wohin auch?

Aber am zerschossenen, nach Steuerbord gekippten Besanmast wehte immer noch die Flagge Genuas, zerfetzt, durchlöchert, angesengt.

Von Westen flammte die untergehende Sonne rotes Licht über die Reede.

Seit zwei Stunden wehrte sich der genuesische Kauffahrer gegen die Engländer wie ein umstellter, verwundeter Keiler gegen die Meute der zuschnappenden Jagdhunde.

Nördlich dieser Szenerie eines Todeskampfes stand die „Isabella“ des Philip Hasard Killigrew.

Noch nie hatten die Seewölfe so etwas erlebt. Und sie hatten gedacht, die barbarische Furchtbarkeit des Krieges zur See bis in die letzten Winkel kennengelernt zu haben. Aber das hier war etwas anderes. Hier spürten sie plötzlich die Anklage, die der kämpfende Genuese England entgegenschleuderte. Diese Anklage war nicht nur seine stumme Erbitterung, als einzelner gegen eine Übermacht kämpfen zu müssen. Nein, es war die Anklage, daß hier Unrecht geschah, daß ein Friedfertiger mit brutaler Gewalt zusammengeknüppelt wurde. Ja, hier ging Gewalt vor Recht.

Hier wurde Recht vergewaltigt.

Da war keiner an Bord der „Isabella“, der nicht Scham empfunden hätte. Viel war an diesem Tage geschehen, sehr viel, aber was sich hier abspielte, war eine Eskalation alles dessen, was sie von Stunde zu Stunde mehr empört hatte.

Engländer, Männer ihrer eigenen Heimat, mißachteten die ungeschriebenen Gesetze der Menschlichkeit und wußten nicht mehr zwischen Freund und Feind, zwischen Sinn und Unsinn, zwischen berechtigter kriegerischer Aktion und wilder Zerstörungswut, zwischen Hilflosen und soldatischen Käpfern zu unterscheiden.

Mit einem Wort: Diese Engländer waren zu Wegelagerern geworden.

Kapitän Sulla hatte sie „Halsabschneider“ genannt. Aber das wußten die Seewölfe nicht.

Sonst herrschte das Lachen – nachmal auch ein wildes Lachen – an Bord der „Isabella“ des Philip Hasard Killigrew. In den Stunden dieses Tages aber hatten sie es verlernt. Sie hätten weinen können. Ihre Gesichter hatten sich verändert – so verändert, daß sich Philip Hasard Killigrew fast betroffen fragte, ob er diese Männer wirklich kannte.

Aber ihre Mienen spiegelten ihre Erschütterung.

Und wie mochte er selbst aussehen? Seit zwei Stunden stand er nahezu unbeweglich, wie erstarrt, am Backbordschanzkleid des Achterdecks und blickte hinüber zu diesem ungleichen Kampf eines einzelnen gegen die Übermacht.

Und als er das dachte und versuchte, sein Gesicht zu entspannen, merkte er, wie verkrampft es war.

Nur lag die Ursache noch tiefer.

Er, Philip Hasard Killigrew, hatte dieses Massaker ausgelöst. Wie eherne Glockenschläge hallten die eigenen Worte durch seinen Kopf.

„Sir, wir haben noch zwei, drei Stunden bis zum Sonnenuntergang und sollten uns sofort die Schiffe auf der Reede vornehmen, bevor wir weitere Unternehmungen planen.“

Ja, das waren seine Worte gewesen – und der Admiral hatte sie in die furchtbare Tat umgesetzt, in eine Tat, die so nicht gemeint gewesen war.

Denn der Admiral war über alle hergefallen – nicht nur über die spanischen oder portugiesischen Ankerlieger, wie es Hasard zwar gemeint, aber nicht klar genug ausgedrückt hatte. Und er, Hasard, hatte vorausgesetzt, daß der Admiral verstanden hätte, was er empfohlen hatte.

Furchtbarer, tödlicher, konnte kein Mißverständnis sein. Und es war vor seinen Augen geschehen.

Hätte er noch eingreifen können?

Natürlich – aber dieses Mal unter Verlust der eigenen Männer und des eigenen Schiffes, das mit seiner Ladung für die Königin bestimmt war.

Dieser Philip Hasard Killigrew war ein ganzer Mann, und er ging mit sich selbst zu Gericht. Er war sein eigener Richter, und er verurteilte sich, weil er seine Worte nicht gewogen und später nicht gehandelt, sondern nur zugesehen hatte, wie das Verhängnis seinen Lauf nahm.

Das habe ich nicht gewollt – diese Entschuldigung galt für ihn nicht, und er verachtete sie, weil der Mann, der sie benutzte, damit bewies, daß er zu feige war, für die Folgen seiner Handlungsweise einzustehen. Und wenn er diese Folgen im voraus nicht bedacht hatte, dann war das ebenfalls keine Entschuldigung, sondern nichts weiter als sträfliche Dummheit.

Jeder Schuß aus den englischen Rohren verkündete den Urteilsspruch: Du bist schuldig, Philip Hasard Killigrew! Du hast Wind gesät und erntest Sturm, wie es in der Bibel steht!

Drüben auf der „Dreadnought“ des Kapitäns Seymour johlten die Kanoniere, als die Kettenkugel eines ihrer Geschütze die seitlich über die Bordwand ragende Besanstange des Siebenhundert-Tonners zerspellte und die genuesische Flagge im Wasser versank.

Sie johlten, als hätten sie einen Volltreffer gelandet und mit diesem einzigen Schuß den Gegner versenkt. Aber dieser Gegner sank noch nicht, auch wenn er bereits zum Wrack geschossen war und sein Vorschiff tiefer im Wasser lag als das Achterschiff.

Aber das Johlen schlug in Wutgeschrei um, als plötzlich zwei Männer auf dem zertrümmerten Achterdeck ganz hinten am Heck einen langen Bootshaken aufrichteten und verkeilten. Und an diesem Bootshaken entfaltete sich eine Ersatzflagge, wehte aus und zeigte, daß niemand auf diesem Wrack bereit war, sich zu ergeben.

Und wie zum Hohn auf das Johlen und das Wutgeschrei krachte eine der Messingkanonen an Bord des Handelsfahrers, spuckte ihr Eisen aus und zerhieb den Kranbalken vorn an der Steuerbordseite der „Dreadnought“, an dem der Anker waagerecht festgelascht war. Der Anker löste sich aus der Laschung, baumelte schwungvoll hin und her, zerschrammte die Bordwand – und dann rauschte die Ankertrosse aus, was nur passieren konnte, wenn sie aus Schlampigkeit nicht richtig belegt worden war. Der Anker ging wie ein Stein auf Tiefe und nahm die voll auslaufende Ankertrosse mit auf die Reise. Ihr letztes Ende flutschte wie eine geölte Schlange aus der Ankerklüse, peitschte Bruchteile von Sekunden zuckend durch die Luft und verschwand samt Anker auf Nimmerwiedersehen.

Kapitän Seymour brüllte seinen ersten Offizier an, der erste Offizier widmete die Kraft seiner Stimmbänder dem dritten Offizier, der für Vorschiff und Back zuständig war, der dritte Offizier fiel über den Bootsmann Vordeck her, der Bootsmann knallte den Headman der Ankergäste zusammen, und der Headman trat dem Sailor George Trigger in den Hintern, weil der für die Ankertrosse zuständig war. Den Tritt weitergeben, das konnte der Sailor George Trigger nicht, weil er der letzte in der Hackordnung an Bord der „Dreadnought“ war. Nach ihm gab’s nichts mehr zu treten.

Aber denken konnte der Sailor George Trigger, und er dachte voller Inbrunst; Rutscht mir doch alle den Buckel ’runter, ihr Viertel-, Halb- und Vollidioten. Denn das war seine Einteilung der Ränge an Bord der „Dreadnought“. Und der Vollidiot war Kapitän Robert Seymour.

Und wieder krachten die Stücke an Bord der englischen Kriegsgaleone, als müsse der ausgerauschte Anker gerächt werden – teuer genug war er ja samt der mehr als männerarmdikken Trosse aus geschlagenem Sisalhanf, die etwa sechsmal länger als die „Dreadnought“ war.

Solche und ähnliche Schäden hatte die „Dreadnought“ bereits seit ihrer „Schlacht“ gegen den Genuesen in jeder Menge, und allmählich summierte sich das, zumal sie es war, auf die der Genuese immer wieder sein Feuer richtete.

Kapitän Seymour fand das „empörend“. Und noch mehr ärgerte er sich, als der Admiral die „Elizabeth Bonaventura“, die „Rainbow“ sowie die vier kleineren Kriegssegler jetzt abzog, um sie mit dem Ausräumen des Beuteguts der auf Reede geenterten Schiffe zu beschäftigen, während er selbst den Befehl erhielt, den verdammten Genuesen zu versenken.

Versenken!

Damit entschwand dem Kapitän Seymour für immer die Hoffnung, nach all den Mühen reiche Frucht zu ernten und sieh ein bißchen die Taschen zu füllen. Denn bestimmt hatte dieser halsstarrige Genuese etwas Wertvolles an Bord, sonst würde er sich nicht so verbissen zur Wehr setzen. Jawohl, genau das war der Beweis. Dieser freche Kapitän wollte nicht, daß er, Kapitän Robert Seymour, Kommandant eines Kriegsschiffes Ihrer Königlichen Majestät, die Schätze, eroberte, die in den Laderäumen des Handelsfahrers verborgen waren.

Darum hatte er sich auch widersetzt, ein Prisenkommando an Bord kommen zu lassen.

Er hatte Edelsteine an Bord! Gold! Silber! Kostbare Perlen!

Der Adamsapfel des Kapitäns Seymour tanzte auf und nieder, weil er vor Erregung Schluckauf kriegte.

Kapitän Seymour unterlag dem Trugschluß, andere Kapitäne mußten die gleichen Motive haben wie er. Und hätte er gewußt, was die Laderäume des Siebenhundert-Tonners bargen, dann hätte er für die Tapferkeit Kapitän Sullas wohl nur ein Achselzucken übrig gehabt und ihn für verrückt erklärt.

Als das Flaggschiff des Admirals abgelaufen und hinter anderen Seglern verdeckt war, fuhr er zu seinem ersten Offizier herum und schnarrte: „Lassen Sie sofort die Pinaß aussetzen, Mister Cummings! Wir werden diesen genuesischen Tropf entern und ihm zeigen, was er für ein Zwerg gegen uns ist!“

Cummings war zusammengezuckt. „Entern? Aber der Admiral …“

„Interessiert mich nicht!“ pfiff ihn Kapitän Seymour an. „Hier befehle ich, und ich befehle, daß geentert wird, verstanden?“ Er reckte die Brust. „Ich selbst werde das Enterkommando gegen den Feind führen und den Sieg an unsere ruhmreiche Flagge heften.“

Er riß den Degen aus seiner Scheide, fuchtelte mit ihm in der Luft herum, und als er ihn nach hinten schwenkte, um ausholen zu demonstrieren, wie Holz gehackt wird, spießte er den Hut des Steuermanns auf – nicht den Kopf, denn der Steuermann hatte sich noch rechtzeitig abgeduckt.

Der Hut steckte auf dem Degen wie eine Manschette. Lächerlicher konnte ein Degen nicht aussehen.

„Lassen Sie diesen Unsinn!“ schrie Kapitän Seymour den Steuermann an.

„Entschuldigung, Sir“, sagte der Steuermann gelassen. „Es ist man gut, daß es nur der Hut und nicht mein Kopf ist.“

„Schweigen Sie!“

„Aye, aye, Sir, aber Sie sollten wirklich aufpassen, ob jemand hinter ihnen steht, wenn Sie zeigen, wie Sie den Sieg an unsere ruhmreiche Flagge zu heften gedenken.“

Kapitän Seymour lief krebsrot an. „Cummings, notieren Sie diesen Mann wegen unverschämter Reden gegenüber dem Kommandanten. Ich verurteile ihn zu drei Tagen verschärftem Bordarrest, verstanden?“

„Aye, aye, Sir. Steuermann Phipps drei Tage verschärfter Bordarrest wegen unverschämter Reden gegenüber dem Kommandanten. Soll Phipps die drei Tage sofort absitzen oder erst, wenn wir wieder in Plymouth sind?“

„Wie bitte?“

Cummings wiederholte seine Frage.

Und darauf sagte der Kapitän: „Ach lassen Sie mich doch mit solchen Lappalien zufrieden! Ich habe jetzt an Wichtigeres zu denken. Warum ist die Pinaß noch nicht ausgesetzt, Mister Cummings? Muß ich mich hier an Bord um alles kümmern?“

Edward Cummings, erster Offizier auf Ihrer Majestät Schiff „Dreadnought“, Dienstzeit in der Marine Ihrer Majestät fünfzehneinhalb Jahre, davon mindestens dreizehn Jahre Bordkommandos, dieser Edward Cummings war nahezu reif, einen Mord zu begehen.

Aber er spuckte nur nach Lee – symbolisch. Und er dachte, die Spukke könnte dieser verdammte Seymour sein, wenn er bei Nacht und schwerem Wetter außenbords geht – natürlich unterstützt von einem kräftigen Schubs.

Und später, als sein ehrenwerter Kapitän bereits unten in der Pinaß das Enterkommando anbrüllte, sagte er zu dem Steuermann: „Die drei Tage Verschärften kannst du vergessen, Phipps.“

„Geht klar“, sagte der Steuermann Phipps und grinste.

5.

„‚Dreadnought‘ läßt ein schweres Beiboot zu Wasser!“ schrie Bill vom Hauptmars hinunter. „An Bord zwanzig Seesoldaten!“

Hasard zeigte verstanden. Er hatte es selbst bereits gesehen.

„Die wollen entern“, sagte Ben Brighton neben Hasard. Das hätte eine Feststellung sein können, aber wie es Ben sagte, klang es erbittert und empört. Und er hatte ja völlig recht. Sie enterten ein sterbendes Schiff. Es war so unsinnig wie alles, was an diesem Tage geschehen war.

„Die Suppe versalz ich diesem Perückengockel“, knurrte Hasard, und es war wie eine Befreiung für ihn, als er seinen Entschluß faßte. Und dieses Mal pfiff er auf die Folgen.

„Na endlich“, murmelte Ben Brighton wie erlöst. Aus seinem Gesicht verschwand der verkniffene Zug, den es angenommen hatte, seit der Genuese zusammengeschossen wurde. „Der Perückengockel persönlich führt das Enterkommando“, fügte er hinzu, und das wiederum klang, als freue sich Ben Brighton darauf, an diesem Abend ein am Spieß gebratenes Spanferkel verspeisen zu können.

„Du bleibst an Bord, Ben“, sagte Hasard, und dann hagelten seine Befehle, die schlagartig alles in Bewegung brachten.

Waren Minuten vergangen? Fast schien es so.

Jedenfalls schob sich plötzlich die „Isabella“ zwischen die „Dreadnought“ und das genuesische Wrack, während ein Beiboot der „Isabella“ von kräftigen Armen gepullt heranschoß und der Pinaß des Kapitäns Seymour den Kurs auf den Siebenhundert-Tonner verlegte – wie zufällig sah das aus.

In diesem Beiboot der „Isabella“ befanden sich nur acht Männer: Philip Hasard Killiggew, Edwin Carberry, Big Old Shane, Batuti, Smoky, Stenmark, Matt Davies und Dan O’Flynn.

Die Besatzung an Bord der „Dreadnought“ riß die Augen auf, als sie in die gähnenden Rohrmündungen der Steuerbordbreitseite der „Isabella“ starrte. Und sie sah, daß die Kerle hinter den Stücken die Lunten am Brennen hatten.

Eine kühle Stimme auf dem Achterdeck der „Isabella“ rief: „Laßt die Pfoten von den Waffen, oder wir jagen euer Schiff in die Luft!“

„Verstanden!“ rief Cummings auf dem Achterdeck der „Dreadnought“, und Ben Brighton sah, daß dieser Offizier über das ganze Gesicht grinste.

„Ich glaub fast, dem haben wir einen Gefallen getan“, sagte Ferris Tucker, der neben Ben Brighton stand und das Grinsen gesehen hatte.

„Glaub ich auch“, erwiderte Ben Brighton trocken. „Und weißt du, was ich noch glaube?“

„Na?“

„Der freut sich, wenn wir seinem Kapitän den Marsch blasen und er ist verhindert, dem Gockel zu helfen, weil wir ihm gewissermaßen die Pistole vorhalten.“

„Sag ich doch“, brummte Ferris Tucker. „Die müßten uns noch dafür bezahlen, daß wir ihnen einen Gefallen tun.“ Er blickte hinüber zu der Pinaß und dem Beiboot der „Isabella“, die auf Kollisionskurs lagen, das heißt, auf Hasards Beiboot wurde nicht mehr gepullt, weil sie bereits ihr Ziel als schwimmende Barrikade erreicht hatten, während die Pinaß wie ein wütender Schwan heranschnaubte. „Da tut sich gleich was“, sagte Ferris Tucker.

Und ob sich was tat!

„Aus dem Weg!“ brüllte Kapitän Seymour. „Aus dem Weg, Sie verfluchter Bastard!“ Er stand aufrecht vor der Heckducht und fuchtelte wieder mit seinem Degen durch die Luft, als gelte es, weitere Hüte aufzuspießen. „Gleich ramme ich Sie!“

Hasard lachte schallend, ließ plötzlich anrudern, und als die Pinaß am Heck des Beibootes vorbeischoß, warf er fast lässig ein Entertau mit einem Haken zu der Pinaß hinüber. Der Wurf saß, denn Hasard brauchte nur etwa knapp zwei Yards zu überbrücken.

Der Haken verkrallte sich hinter dem Heckdollbord. Blitzschnell belegte Hasard das Ende, das er noch in der Hand hielt, an einer Klampe seiner Heckducht.

„Rudert an, Arwenacks!“ peitschte seine Stimme.

Und die Seewölfe ruderten an!

Während sie sich vorwarfen, flogen die Riemen zurück, stießen ins Wasser, wurden mit berstender Kraft durchgeholt, daß es in den Rundsein nur so krachte, aus dem Wasser gerissen, und der neue Schlag begann.

„Hool weg!“ brüllte Ed Carberry, Schlagmann auf der Backbordseite. „Hool weg!“

Neben ihm saß Big Old Shane. Und diese beiden Brocken von Mannsbildern mit ihren Bärenkräften reichten schon aus, dem Beiboot auf Anhieb und mit dem ersten Schlag einen wüsten Pull vorwärts zu geben.

Das passierte alles innerhalb von Sekunden, noch bevor die Rudergasten Kapitän Seymours begriffen, was sich hier abspielte. Kapitän Seymour selbst begriff überhaupt nichts. Mit seinem Degen hätte er das Entertau nur mit einem einzigen Hieb zu kappen brauchen – und dann wäre das Spiel anders gelaufen.

Aber Kapitän Seymour gehörte eben nicht zu den Männern, die auf unerwartete Situationen blitzschnell und instinktsicher reagierten.

Er glotzte mit blöden Augen auf das Entertau, das seine Pinaß mit dem Beiboot des verdammten Killigrew verband, sah, wie das Tau steifkam, aus dem Wasser schnellte – und dann holte ihn bereits dieser furchtbare Ruck von den Beinen.

In der Pinaß flog alles durcheinander – Seesoldaten, Rudergasten, Bootssteurer, Kapitän, Waffen, eine Kiste mit Pistolenmunition, Pulverfässer, Fußbretter, Tauwerk.

Kapitän Seymour prallte vor und zurück und bohrte seinen Degen neben der rechten Hand des Bootssteurers durch die Bodenbeplankung der Pinaß. Der Degen rutschte bis zum Korb durch – und dann sprudelte dort das Wasser und benäßte die rechte Hand des Kapitäns, die den Degengriff eisern umklammerte.

„Hool weg!“ dröhnte Carberrys Stimme. „Hool weg!“

Und das Beiboot der „Isabella“ zog die Pinaß der „Dreadnought“ – Heck zu Heck einander zugekehrt – hinter sich her, als sei die Pinaß ein Korken oder ein leichtes Stück Balsaholz und nicht ein Fahrzeug, das mit zwanzig schwerbewaffneten Seesoldaten, acht Rudergasten, einem Kapitän und einem Bootssteuerer besetzt war.

In der Pinaß rappelte sich Kapitän Seymour fluchend hoch, nahm die linke Hand noch zur Hilfe, stemmte seine Beine fest ein – das linke auf dem Bauch eines Seesoldaten – und zerrte am Degengriff.

Nicht! hatte der Bootssteurer noch schreien wollen, aber es war bereits zu spät. Kapitän und Degen flogen achtern gegen die Ducht und zerbrachen die Ruderpinne, und aus dem Dreiecksloch, das die Degenklinge sauber gestanzt hatte, sprudelte nicht mehr, sondern schoß das Wasser.

Die Bilge war im Nu voll.

Der Bootssteuerer riß sich die Jakke vom Leib, fetzte den Ärmel ab, warf sich vor und stopfte den Ärmel in das Leck.

Jetzt quoll das Wasser nur noch. Immerhin reichte es den Männern in der Pinaß bereits bis zu den Knöcheln – so sie saßen oder standen. Einige lagen auch noch unter den Duchten oder zwischen dem Bootsinventar und waren fluchend damit beschäftigt, sich aufzurichten.

Das war schwierig, weil nach jedem „Hool weg“ des fürchterlichen Narbenmannes in dem anderen Beiboot die Pinaß einruckte, als erhalte sie den Schlag von mehreren Schmiedehämmern.

Kapitän Seymour schrie sinnlose Befehle.

Er schrie: „Mir nach, Männer der ‚Dreadnought‘!“

Und: „Entert die Piraten!“

Und: „Klar bei Lunten!“

Und: „Klar Schiff zum Gefecht!“

Er wollte noch viel mehr brüllen, aber da hakte ihm der Seesoldat, dem er den linken Stiefel in den Bauch gestemmt hatte, den rechten Fuß um den Knöchel, und als wieder der heftige Ruck erfolgte, zog er synchron mit, damit es nicht so auffiel. Später behauptete er auch, da sei ihm was beim Aufstehen im Weg gewesen, und das habe er eben umgerissen.

Er riß also den Kapitän mit Erfolg um. Dieses Mal verlor der Kapitän den Degen und richtete mit ihm auch keinen Schaden an. Aber er stieß sich den Kopf an der ersten Ruderducht und war deswegen geistig ein bißchen gelähmt, was seiner Pinaßbesatzung die Qual ersparte, aus sinnlosen Befehlen etwas Vernünftiges zu drechseln.

Und Edwin Carberry brüllte immer noch unentwegt sein: „Hool weg! Hool weg!“

Das nun ging dem Bootssteurer allmählich gegen die Ehre, und da er ein Mann war, der ein „Fair play“ durchaus zu schätzen wußte, packte ihn der seemännische Berufsehrgeiz.

„Klar bei Riemen!“ pfiff er seine Bootsgasten an.

Die Riemen polterten in die Rundseln.

„Ruder an! Hooool weg! Hoool weg!“ Und er hämmerte die zerbrochene Ruderpinne auf die Heckducht, um jedem Riemenschlag den richtigen Takt zu geben.

So geschah es, daß die Rudergasten zweier englischer Beiboote in einem Kraftduell gegeneinander anruderten – die einen in die eine, die anderen in die entgegengesetzte Richtung.

Das hatte die Marine Ihrer Majestät der Königin noch nicht erlebt. Und die Kulisse auf der Reede vor Cadiz war wohl auch nicht die richtige Arena für derlei Kurzweil. Aber das kümmerte die Männer auf den beiden Beibooten nicht.

Von der Kriegsgaleone brüllten sie: „Dread-nought! Dread-nought! Dreadnought!“

Und die Seewölfe auf der „Isabella“ schmetterten ihr: „Arwenack! Arwenack! Arwe-nack!“

Einmal gewann die Pinaß an Raum, dann wieder das Beiboot der „Isabella“, der Kampf Riemen gegen Riemen, Muskelkraft gegen Muskelkraft wogte hin und her, aber vielleicht waren Hasards Männer härter und zäher. Vielleicht auch trieb sie ihre explosive Wut, ihr angestauter Grimm über die Geschehnisse des Tages, über den ungleichen Kampf der englischen Schiffe gegen ein einzelnes genuesisches Schiff zu einer unerhörten Steigerung ihres Krafteinsatzes.

Ihr Riemenschlag wurde schneller und dabei noch kraftvoller, und er war exakter in der Riemenführung. Da wurde nicht gekrebst, da wurden keine Riemen verkantet. Die Blätter hieben ins Wasser wie scharfe Äxte, kein Spritzer wurde dabei aufgewirbelt, aber wenn die Blätter nach dem Zuschlag aus dem Wasser gerissen wurden, dann stoben an dieser Stelle acht Gischtfahnen davon, als habe dort eine Orkanbö zugeschlagen.

Noch einmal stemmten sich die Pinaß-Rudergasten gegen die drohende Niederlage, aber sie kämpften gegen Giganten. Es war, als seien sie in einen ungeheuerlichen, riesigen Sog geraten, der sie unaufhaltsam ansaugte.

Das Ende erfolgte jäh.

Der Riemen des Backbord-Bugmanns schnitt unter, weil er ihn verkantet hatte. Der Kerl kriegte den Riemen nicht mehr aus dem Wasser, dann krachte der Riemen seines Vordermanns gegen den schräggestellten Riemen, Holz splitterte – und schon entstand auf der Backbordseite der Pinaß das, was der Seemann schlicht mit „Wuhling“ zu bezeichnen pflegt, nämlich ein totales Durcheinander sich gegenseitig behindernder Riemen.

Und da die Kerle auf der Backbordseite herumzappelten, verbissen oder fluchend an ihren Riemen rucksten oder sie dem Vordermann ins Kreuz stießen, geriet auch die Steuerbordseite durcheinander.

Damit war das Duell entschieden. Die Seewölfe waren unbestritten und eindeutig Sieger.

Sie zogen die Pinaß wie einen zerfledderten Scheuerlappen hinter sich her und pullten eine Ehrenrunde um die „Dreadnought“.

Die Männer auf der „Isabella“ konnten wieder lachen, und sie lachten sich halbtot über „die müden Säcke“ – wie es Ferris Tucker trefflich formulierte.

Kapitän Sulla, mehrfach verwundet wie alle seine Männer, faßte sich an den Kopf und gelangte zu der Überzeugung, zwischen Verrückte geraten zu sein. Er und seine Männer hatten alles mitangesehen, staunend, perplex, fassungslos.

Diese Engländer mußten von einem anderen Stern stammen oder so ähnlich. Und der eine oder andere bekreuzigte sich verstohlen, denn es konnte ja durchaus sein, daß man es in diesem Hexenkessel mit den Abgesandten des gehörnten Gottseibeiuns zu tun hatte. Das war alles nicht mehr zu begreifen.

Aber eins stand fest: Diese schlanke Dreimastgaleone hatte sich tollkühn und dreist vor die englische Kriegsgaleone geschoben und damit verhindert, daß das blutige Gemetzel fortgesetzt wurde. Sechs ihrer Kameraden hatten in diesem ungleichen Kampf mit dem Leben bezahlt. Und die Lebenden hatten mit ihrem Dasein abgeschlossen. Sie würden mit ihrem sterbenden Schiff untergehen, denn da war kaum einer, der das Schwimmen gelernt hatte. Warum sollte man auch? Wer schwimmen konnte, verlängerte die Qualen des Todes – und die See hatte noch jeden geholt, der schiffbrüchig oder über Bord gegangen war.

Hatten sie eine Galgenfrist? Wohl kaum, ihre beiden Beiboote waren nur noch Trümmer.

Im Schiffsbauch ihres Siebenhundert-Tonners gurgelte und schmatzte das Wasser, das durch die Lecks eindrang. Langsam, fast widerwillig, sackte das Schiff tiefer. Es stöhnte, als leide es furchtbare Qualen. Die Verbände ächzten und knarrten. Das waren Geräusche, die daran gemahnten, sich selbst auf das Ende vorzubereiten.

Kapitän Sulla stieg langsam vom Achterdeck zur Kuhl hinunter. Er war barhäuptig, und der Abendwind spielte mit seinen grauen Haaren. Das Blut aus einer Stirnwunde war geronnen und hatte bizarre Bahnen auf seinem Gesicht gezeichnet.

Er trat zu seinen Männern und blickte jeden einzelnen stumm an. Schmerz stand in seinen Augen, zwei tiefe, müde Falten kerbten die beiden Mundwinkel.

„Ich danke euch“, sagte er leise. „Ihr wart die besten Männer, die ein Kapitän haben konnte. Unsere Reise ist zu Ende.“ Er blickte zu den sechs Toten, die nebeneinander lagen, von einer Segelplane zugedeckt. „Laßt uns beten!“ Und er faltete die Hände.

Etwas stieß gegen die Bordwand. Unwillig wandte Kapitän Sulla den Kopf.

Ein riesiger schwarzhaariger Mann mit eisblauen Augen schwang sich über das zersplitterte Schanzkleid, und Kapitän Sulla erkannte jenen Mann, der die schlanke Dreimastgaleone führte.

Dieser Mann verbeugte sich leicht und sagte: „Ich heiße Philip Hasard Killigrew, Kapitän der ‚Isabella‘.“ Er sprach ein tadelloses Spanisch, ohne jeden fremden Akzent. „Ich möchte Ihnen und Ihren tapferen Männern helfen, Kapitän, wie es Brauch unter christlichen Seeleuten ist. Mein eigenes Beiboot liegt bereits längsseits, um Sie und Ihre Männer zu übernehmen. Mein zweites Beiboot wurde ausgesetzt und wird gerade hierhergepullt.“

Kapitän Sullas Augen waren schmal geworden. „Sie sind Engländer?“

Hasard nickte stumm.

Scharf sagte Kapitän Sulla: „Dann haben wir uns als Ihre Gefangenen zu betrachten?“

Hasard lächelte. „Nein, als meine Gäste. Ihnen ist Unrecht geschehen. Ich möchte einen Teil davon abtragen. Ich verpflichte mich, Sie dorthin zu bringen, wohin Sie es wünschen. Ich werde Ihnen ferner den Verlust Ihres Schiffes samt Ladung ersetzen. Mein Feldscher, ein ausgezeichneter Mann, wird sich um Ihre Verwundeten kümmern.“

Das alles sagte dieser riesige Mann. Er sagte es ruhig, bestimmt, überzeugend. Und er sagte es mit Würde.

Kapitän Sulla kannte Menschen. Er verstand es, in ihren Gesichtern zu lesen, ihre Mienen und ihren Ausdruck zu deuten. Er gestand sich, einem solchen Mann noch nie begegnet zu sein. Eins war gewiß: Dieser Mann war ohne Fehl und Tadel. Er konnte ihm vertrauen.

Impulsiv streckte er Hasard die Rechte entgegen.

„Danke, Kapitän Killigrew“, sagte er, „ich nehme Ihr Angebot an.“

Hasard ergriff die Rechte und drückte sie fest. Es war ein Handschlag zwischen zwei Ehrenmännern.

„Ich heißte Sulla, Mauritio Sulla“, sagte der genuesische Kapitän.

Hasard lächelte wieder. „Ein berühmter Name, wenn ich an den römischen Reiterführer und Feldherrn Lucius Cornelius Sulla denke.“

Kapitän Sulla strahlte. „Sie wissen von ihm? Man behauptet in meiner Familie, von ihm abzustammen.“

„Warum nicht?“ sagte Hasard nachdenklich. „Sie kämpften gut, Kapitän Sulla. Hätten die anderen Schiffe nicht eingegriffen, dann wäre jetzt wohl Seymours ‚Dreadnought‘ ein Trümmerhaufen.“

Kapitän Sulla musterte Hasard aufmerksam. „Wie Sie das sagen, klingt es, als hätten Sie sich darüber gefreut.“

„Hätte ich auch“, sagte Hasard trocken.

„Sie gehören nicht zu Admiral Drakes Verband?“

„Nein“, erwiderte Hasard schroff. „Ich verurteile Drakes Vorgehen hier in Cadiz ganz entschieden …“

Carberrys zernarbtes, häßliches Gesicht tauchte über dem Schanzkleid auf.

„Entschuldigung, Sir“, unterbrach er Hasard, „aber ich glaube, wir sollten uns beeilen. Der Perückenkapitän ist wieder in Aktion.“

Zuvor, nach der Ehrenrunde, hatten sie das Enterseil wieder losgeworfen, und die Pinaß war mit schlappem Schlag in Richtung der „Dreadnought“ gepullt worden. Die Riemen hatten sich auf und ab bewegt wie die zerrupften Flügel einer vergreisten Nebelkrähe.

Offenbar hatte sich Kapitän Seymour wieder erholt, bevor die Pinaß die Kriegsgaleone erreicht hatte, um dort hochgehievt zu werden. Denn das war die Absicht des Bootssteurers gewesen, ganz abgesehen davon, daß ihm das Cummings, der erste Offizier, auch zugerufen hatte.

So ging das ganze Theater wieder von vorn los.

Die Pinaß schwappte heran, während die Seewölfe bereits damit beschäftigt waren, die Verwundeten in die beiden Beiboote zu übernehmen.

„Was geht hier vor?“ schrie Kapitän Seymour schon von weitem. Er kollerte wie ein Truthahn und schwenkte wieder seinen Degen. Daß der ein bißchen verbogen war, hatte er noch gar nicht bemerkt. Zwei Männer pützten mit Ölfässern Wasser aus der Bilge.

Hasard, der einen Genuesen, dessen Bein verletzt war, behutsam in das eine Beiboot gehoben hatte, wandte sich gelassen um und erwiderte: „Wir bergen Schiffbrüchige, wie Sie sehen. Oder haben Sie Bratpfannen vor den Augen, Seymour?“

Kapitän Seymour reckte den Hals und ignorierte Hasards Frage.

„Wo ist das Gold?“ schrie er.

„Was für Gold?“

„Das Gold, das dieser genuesische Pfeffersack geladen hat, verdammt noch mal! Es gehört mir – mir!“ Der Kapitän Seymour pochte mit dem Degenknauf an seine Brust. „Sie – Sie haben hier nichts zu suchen, Sie hergelaufener Bastard! Ich habe das Schiff erobert, es ist meine Beute, nicht Ihre! Verschwinden Sie! Ich war zuerst hier, jawohl, das kann Admiral Drake bezeugen. Ich werde mich bei ihm beschweren, ich …“

„Allmählich langt’s“, sagte Hasard scharf. „Und jetzt hören Sie mir mal zu, Mister Seymour. Erstens: Das Schiff wurde von Ihnen nicht erobert, sondern lediglich von insgesamt sieben englischen Schiffen, darunter drei schweren Kriegsgaleonen, sinnlos und bar jeder ritterlichen Kampfesweise zusammengeschossen Zweitens: Das Schiff hat kein Gold geladen, sondern Koschenille, Kampeschoholz, Häute und Wolle für Italien, wie mir Kapitän Sulla sagte. Drittens: Wenn Sie mich noch einmal zu beleidigen wagen, dann hole ich Sie mir vor die Klinge meines Degens, und dann dürfen Sie Ihre puderstinkende Perücke festhalten, weil Sie meinen, in einen Orkan geraten zu sein. Viertens: Meine Männer und ich werden hier erst verschwinden, wenn wir auch den letzten Genuesen geborgen haben. Und sollten Sie es wagen, uns daran zu hindern – das gilt auch für Ihre Seesoldaten und Bootsgasten –, dann werden meine Männer und ich Ihnen zeigen, wie gekämpft wird. Und diesen Kampf schlagen wir bis zuletzt durch, das heißt, wir werden Ihre ‚Dreadnought‘ dorthin schicken, wo sie hingehört: in die Hölle! Haben Sie mich verstanden, Sie größenwahnsinniger Hampelmann?“

„Ich will das Gold!“ schrie Kapitän Seymour wie von Sinnen.

Da handelte der eiserne Carberry.

Er gab seinem Beiboot – Hasard befand sich in der anderen Jolle – einen Stoß, indem er sich mit dem Bootshaken von der Bordwand des Genuesen abdrückte, das Beiboot schwenkte an der Vorleine herum, schlug längsseits der Pinaß, Carberry sprang hinüber, wischte den Degen lässig mit dem linken Unterarm beiseite – und dann krachte ein langhergeholter Schwinger unter das Kinn Kapitän Seymours.

Das war ein Schlag!

Der Kapitän stieg wie eine langgestreckte Rakete in die Luft, beschrieb auch deren Flugbahn, überschritt den Scheitelpunkt, neigte sich wieder und stieß, Kopf voran, wie ein flüchtender Frosch ins Wasser.

Carberry streichelte andächtig die Knöchel seiner rechten Faust, drehte sich gemütlich zu den Seesoldaten und Bootsgasten um und fragte freundlich: „Noch jemand von euch Rübenschweinen, der ein Bad nehmen will?“

Keiner wollte.

Sie glotzten zu der einsam auf dem Wasser schwimmenden Perücke, die wie eine Qualle im Seegang auf und nieder schwappte, während sich die Löckchen auffieselten und lange Strähnen bildeten.

„Ed“, sagte Hasard etwas besorgt, „ich glaube, du hast ein bißchen zu hart zugelangt.“

„Klar“, sagte Carberry ungerührt, „was sein muß, muß sein. Oder meinst du, der kann nicht schwimmen?“

„Kannst du denn schwimmen, wenn du betäubt bist?“

Carberry riß die Augen auf. „Verdammt, da hast du auch wieder recht.“ Er starrte zu der Perücke, dem einzigen Requisit, das von Kapitän Seymour noch sichtbar war. Dann fluchte er lästerlich, daß es eigentlich zu weit ginge, solche „Rübenschweine“ auch noch vor dem Absaufen bewahren zu müssen – und hechtete ins Wasser.

Die Seewölfe grinsten.

Die Bootsgasten und Seesoldaten der Pinaß glotzten immer noch, offensichtlich schwer überfordert, was irgendwelche Entscheidungen betraf. Vielleicht hofften sie auch im stillen, ihr sehr ehrenwerter Kapitän möge doch tunlichst bei den Fischen bleiben, für immer und ewig. Fest stand jedenfalls, daß ihm keiner freiwillig nachgesprungen wäre, um ihn herauszuholen, denn nicht einer hatte auch nur den kleinen Finger gerührt, als der Kapitän ins Wasser flog.

Als Hasard bereits nervös wurde, tauchte Carberry auf – den Kapitän am Wickel.

Lebte er noch? Carberry schleppte ihn hinter sich her wie einen Mehlsack.

Am Dollbord der Pinaß stemmte er den Kapitän rechtshändig hoch und knurrte: „Wahrnehmen!“

Drei Bootsgasten packten zu.

Und das war der Moment, da der Kapitän wieder lebendig wurde. Er spuckte einem der drei Bootsgasten einen Strahl Wasser ins Gesicht, brüllte los, als solle er geschlachtet werden, zappelte wie ein Fisch an der Angel, rutschte den Bootsgasten wieder aus den Händen und ging erneut auf Tiefe.

Carberrys Fluchkanonade hätte eine Nonne in Ohnmacht fallen lassen. Dann baute er eine Ente, die zum Gründeln wegtaucht, und verschwand von der Wasseroberfläche. Die Bootsgäste starrten mit langen Hälsen über Bord. Blasen blubberten hoch, das Wasser geriet in Wallung.

Als Carberry zum zweiten Male auftauchte, fluchte er bereits wieder. Kapitän Seymour indessen war stumm, aber nicht vor Schreck, sondern weil Carberrys Jagdhiebe – auch unter Wasser – von ganz besonderer Güte waren.

Wiederum zum zweiten Male knurrte er sein: „Wahrnehmen!“ Und er fügte hinzu: „Jetzt reicht’s mir aber. Beim nächsten Mal könnt ihr euren lausigen Kapitän allein auffischen. Oder ihr laßt ihn absaufen, das wäre mir fast noch lieber.“

Die Bootsgasten nickten voller Verständnis und zerrten ihren triefenden Kapitän an Bord.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Perücke des Kapitäns sattsam Wasser gesogen und sackte sanft auf Tiefe. Der Kapitän würde sich in London eine neue anfertigen lassen müssen. Aber vielleicht hatte er auch eine Ersatzperücke.

Den Bootsgasten war das piepegal, aber genau wegen dieser verdammten Perücke kriegte Kapitän Seymour prompt einen Tobsuchtsanfall, als er Sekunden später in die Wirklichkeit zurückkehrte und feststellte, daß sein Kopf entblößt und die Perücke auch auf dem Wasser nicht mehr zu sichten war.

Nach seiner Logik war sie ihm geklaut worden. Sein Verdacht richtete sich zuerst auf seine Bootsgasten, dann auf die „verdammten Kerle“ der „Isabella“, im besonderen aber auch den Profos, den nun wiederum Hasard zurückpfeifen mußte. Denn Carberry war drauf und dran, zurückzuschwimmen und die Pinaß erneut zu entern, um, wie er fluchend verkündete, „diesem Rübenschwein endgültig den Hals umzudrehen.“

An dieser Stelle auf der Reede von Cadiz war das perfekte Theater im Gange, das sich von der Tragödie des zerschossenen, allmählich sterbenden genuesischen Handelsfahrers in eine Komödie gewandelt hatte, dessen Hauptdarsteller der bis zur Weißglut gereizte Profos und die lächerliche Clownsfigur des Kapitäns waren.

Dessen Energien konzentrierten sich nun allerdings wieder auf die eigentliche Ursache dieses Hickhacks. Die Erinnerung hatte sich wohl in seinem Denken durchgesetzt. Und wieder trieb ihn die Gier nach dem vermeintlichen Gold an.

Dieses Mal meinte er, besonders schlau zu sein. Er ließ die Pinaß auf die andere Seite des Siebenhundert-Tonners pullen, nachdem er den Seewölfen, Carberry und Hasard einen vernichtenden Blick zugeworfen hatte. Die Seewölfe kratzte das nicht. Die vernichtenden Blicke eines Kapitäns Seymour waren nicht von jener Art, daß einem die Knie weich werden konnten.

Die Seewölfe bargen die letzten verwundeten Genuesen und pullten sie hinüber zur „Isabella“. Indessen enterte Kapitän Seymour mit den Seesoldaten das sinkende Schiff – Seymour mit Blindheit geschlagen, was den Zustand des Handelsfahrers betraf, die Seesoldaten mit zögerndem Mißtrauen und einer gesunden Portion Angst. Letzteres beruhte auf der allseits bekannten Tatsache, daß es nicht gut war, in die Strudel eines sinkenden Schiffes zu geraten.

Es kam, wie es kommen mußte.

Kaum hatten Kapitän und Seesoldaten die Kuhl des bereits stark vorlastigen Schiffes betreten, da barst in den Laderäumen irgendein Schott oder eine Querwand. Dann setzte deutlich hörbar ein Rauschen ein. Der Bug neigte sich noch mehr.

Die Seesoldaten sahen sich bleich und stumm an, entledigten sich ihrer schweren Ausrüstung – und sprangen außenbords. Das war natürlich befehlswidrig, aber sie handelten nach dem Motto: Rette sich, wer kann! Im übrigen waren sie längst zu der Ansicht gelangt, daß das Gold, von dem ihr Kapitän ein bißchen irre gefaselt hatte, wohl nur in dessen Phantasie existierte. Und wegen nichts ein sinkendes Schiff zu entern, war ja nun wirklich der Gipfel des totalen Unsinns.

Da stand nun der Kapitän Seymour, Kommandant einer schweren englischen Kriegsgaleone, ohne Perücke, ohne Degen – der ruhte jetzt zwischen Muscheln und Wassergewächsen und würde niemandem mehr wehtun – und starrte seinen entschwindenden Seesoldaten nach.

Die plumpsten einer nach dem anderen ins Wasser wie überreife Pflaumen, die vom Baum fallen, tauchten weg, schossen wieder hoch und paddelten zu der Pinaß, wo sie an Bord gezerrt wurden.

„Mir nach“, murmelte der Kapitän ziemlich sinn- und nutzlos – und sprang auch. Es war reiner Herdeninstinkt, der diese Reaktion bei ihm auslöste.

Er wurde ebenfalls aufgefischt.

Wenn die Seesoldaten gedacht hatten, jetzt würde die Toberei erneut losgehen, dann wurden sie angenehm enttäuscht. Der Kapitän sagte gar nichts, bis auf den kurzen Befehl, man möge zur „Dreadnought“ zurückpullen.

Hinter ihnen sank der Siebenhundert-Tonner.

Kapitän Seymour drehte sich nicht ein einziges Mal um. Als er frierend und mit den Zähnen klappernd über die Jacobsleiter auf sein Schiff stieg, stand die „Isabella“ unter vollen Segeln und glitt majestätisch an der „Dreadnought“ vorbei der offenen See zu.

Erbittert stellte Seymour fest, daß dieser verdammte Kapitän Killigrew ihm wie zum Hohn am Besanmast die genuesische Ersatzflagge gehißt hatte. Kapitän Sulla hatte sie geborgen, bevor er als letzter seiner Männer sein Schiff verlassen hatte. Jetzt wehte sie stolz auf der „Isabella“.

„Kanaille“, murmelte Kapitän Seymour.

6.

Admiral Francis Drake behauptete später, er habe in Cadiz „den Bart des Königs von Spanien versengt“. Tatsächlich waren auf der Reede und im Hafen an die vierzig Schiffe gekapert, verbrannt oder versenkt worden, darunter im inneren Hafen, also der Bai von Puntales, in einem gesonderten Angriff eine schwere Galeone, die dem Marquis von Santa Cruz gehörte und von den Spaniern insgeheim zum Flaggschiff ihrer geplanten Invasionsflotte gegen England vorgesehen gewesen war.

Das wurde alles erst später bekannt.

Immerhin waren – abgesehen von den neutralen Schiffen – viele der Schiffsladungen für Lissabon bestimmt, wo sie von der Armada übernommen werden sollten. Es war ja nicht leicht, derart viele Schiffe für ein Landungsunternehmen auszurüsten und deren Besatzungen zu verpflegen.

Der Überfall des Admirals auf Cadiz entsprach seiner freibeuterischen Praxis, wie er sie drüben in der Neuen Welt durchgeführt und erprobt hatte. Dieses Unternehmen war ein aggressiver Akt, aber man sagte, der Zweck heilige die Mittel, und jene, die später das Für und Wider dieser Aggression abwogen, meinten, der Admiral habe England eine Atempause verschafft. Denn nur ein Jahr später segelte die größte Flotte, die die Welt damals gesehen hatte, gegen das Inselreich, um sich für „den versengten Bart“ zu rächen und dem englischen – Zwerg das Fürchten beizubringen.

Das war nun wiederum ebenfalls ein aggressiver Akt, und so mag es eine Ironie der Geschichte sein, daß man den Überfall des Admirals auf Cadiz in einem milderen Licht sah oder sogar geneigt war, ihn als einen – wenn auch etwas fragwürdigen – Akt der Notwehr zu betrachten.

Der Admiral ging in die Geschichte ein.

Der Kapitän Philip Hasard Killigrew nicht. Taten der Menschlichkeit werden selten bekannt. Und wer sie ausübte, wurde sogar oft genug als Narr oder hoffnungsloser Weltverbesserer angesehen.

Die „Isabella“ segelte unter genuesischer Flagge südwärts. Sie hatte nach England zurückkehren sollen – nach einer vieljährigen Weltumseglung, aber die Würfel waren anders gefallen.

Das hing mit dem Entschluß und dem Versprechen des Kapitäns Killigrew zusammen, den Genuesen zu helfen. Und kein Mann seiner Besatzung murrte. Zu tief saß in ihnen die Scham über das wölfische Gebaren der Drakeschen Schiffe.

Auch Wut steckte noch in ihnen, denn Carberry, ihr Profos, hatte nicht geschwiegen. Er hatte berichtet, daß der verdammte Admiral versucht hätte, ihren Kapitän bei seinem Besuch auf dem Flaggschiff festsetzen zu lassen, um ihn dann vor ein Bordgericht stellen zu können.

Das war nun wirklich die Höhe der Undankbarkeit. Es war der Gipfel, zumal man diesen Admiral ja mehrmals aus den gefährlichsten Situationen herausgepaukt hatte.

Natürlich wußten sie nicht oder ahnten nicht, daß der Admiral mit seinem Verband vor Cadiz noch mehrfach in Situationen geriet, die nun wieder dem rebellischen Viceadmiral Borough die Haare zu Berge stehen ließen.

Da mußten die Engländer nachts einen Angriff spanischer Brander abwehren. Und am nächsten Tag fuhren die Spanier um das gefährdete Cadiz herum schwere Feldschlangen auf, die mit gar nicht mal so schlechten Weitschüssen die englischen Schiffe zwangen, sich etwas mehr zurückzuhalten.

Später kreuzte der Verband Drakes vor Kap Sankt Vicente und plünderte das Kastell, wo der sagenhafte Prinz Heinrich, „der Seefahrer“, eine reichhaltige und einmalig kostbare Bibliothek über Navigation, Astronomie und das Seewesen zusammengetragen hatte. Die englischen Barbaren zeigten auch in diesem Falle keine sonderliche Rücksichtname, wie das in Zeiten der Gewalt so üblich ist. Vieles wurde ein Raub der Flammen.

Ja, alles das wußten die Seewölfe nicht. Ihr Kapitän hatte den Genuesen versprochen, sie dorthin zu bringen, wohin sie es wünschten, und das war die Hafenstadt Cartagene an der spanischen Mittelmeerküste, wo die genuesischen Kaufleute ein festes Handelskontor errichtet hatten und Kapitän Sulla weitere Unterstützung erhalten würde.

Hasard hätte die tapferen Genuesen auch bis nach Genua gebracht, aber Kapitän Sulla hatte das als für Hasard unzumutbar abgelehnt.

Sie hatten sich angefreundet, die beiden Kapitäne. Und fast war es so, als seien die genuesischen Seeleute voll in die Crew der Seewölfe integriert. Der Kutscher hatte sich ihrer Blessuren angenommen, und die Seewölfe hatten alles getan, um den Genuesen über den Verlust ihres Schiffes hinwegzuhelfen.

Die Meerenge von Gibraltar hatte die „Isabella“ unangefochten bei Nacht passiert. Dann steuerte Hasard nach Weisung Kapitän Sullas entlang der spanischen Küste, getarnt als Genuese, denn das hatten sie so vereinbart, falls spanische Kriegssegler allzu neugierig werden sollten.

Jetzt erst hatte Hasard Zeit, um mit seinen beiden Söhnen das längst fällige Hühnchen zu rupfen, obwohl der Zorn in ihm bereits abgeklungen war. Nur beschäftigte ihn sehr stark die Frage, wie die beiden „Rübenschweinchen“ – wie Carberry sie nannte – es geschafft hatten, aus der Vorpiek auszubrechen, in die sie Old O’Flynn weisungsgemäß eingesperrt hatte.

In Begleitung Carberrys und Old O’Flynns wurde mit Hasard und Philip Junior eine Ortsbesichtigung vorgenommen.

Großvater, Vater und der Profos hatten todernste Mienen aufgesetzt, und den beiden Bürschchen schwante nichts Gutes, als man den Marsch zur Vorpiek antrat.

Einen Ausbruchsversuch verhinderte der Profos, als die beiden Kerlchen nach Passieren des Schotts zum Vordeck plötzlich wie auf Verabredung kehrtmachten und unter Carberry, der hinter ihnen ging, durchzuschlüpfen versuchten.

Indessen kannte Carberry bereits so einige Tricks seiner beiden kleinen „Rübenschweinchen“ und war vorbereitet. Er langte mit seinen Riesenpranken links und rechts zu, erwischte die Zwillinge jeweils am Schlafittchen, hob sie mühelos hoch und trug die beiden zappelnden Gestalten der Einfachheit halber gleich bis zur Vorpiek, wo er sie abstellte, aber am Kragen weiter festhielt.

„So“, sagte Hasard und musterte seine beiden Knaben mit strengem Blick, „da wären wir also.“ Er räusperte sich, weil er das versteckte Grinsen in den Augen Carberrys und Old O’Flynns sah, und fuhr fort: „Ich möchte jetzt wissen, auf welche Weise ihr die Vorpiek, in die euer Großvater euch eingesperrt hatte, verlassen habt.“

„Hm“, sagte Hasard Junior.

„Hm“, sagte auch Philip Junior.

Und dann herrschte wieder Schweigen.

„Ich höre nichts“, sagte Hasard, „und ‚Hm‘ ist auch keine Antwort.“

Die beiden Kerlchen verständigten sich mit einem Blick, und Hasard Junior sagte: „Gibt’s wieder Hiebe?“

„Man beantwortete eine Frage nicht mit einer Gegenfrage, Söhnchen“, erwiderte Hasard, „und ob’s wieder Hiebe gibt, hängt ganz davon ab, wie ihr euch verhaltet. Also, ich will meine Frage näher erklären, damit ihr kapiert, um was es hier geht. Diese Vorpiek ist ein Raum, in den wir unsere Gefangenen einsperren …“

„Philip und ich sind keine Gefangenen“, erklärte Hasard Junior selbstbewußt und mit Trotz in der Stimme. „Wer uns einsperrt, dem büxen wir wieder aus, das ist – äh – Ehrensäbel.“

Ehrensäbel! Wo hatten sie denn nun diesen Ausdruck wieder her? Hasard runzelte die Stirn. Dieses Pärchen schnappte aber auch jeden Ausdruck auf, einschließlich der wilden Flüche und wüsten Bezeichnungen des grimmigen Carberry.

Ehrensäbel hin – Ehrensäbel her, Hasard sagte: „Vielleicht läßt du mich erst einmal ausreden, Sohn. Ich mag nicht gern unterbrochen werden, wenn ich etwas erkläre. Also, die Vorpiek ist der Raum für unsere Gefangenen. Wenn ihr es schafft, aus diesem Raum auszubrechen, dann sollte das auch eventuellen Gefangenen möglich sein. Das bedeutet, daß es dann für die Besatzung und unsere ‚Isabella‘ gefährlich wird. Wir haben solche Situationen schon erlebt. Darum ist es für uns wichtig, von euch zu erfahren, wie ihr das angestellt habt. Nur dann können wir dafür sorgen, daß die Vorpiek entsprechend abgesichert wird. Ist das klar?“

„Klar“, sagte Hasard Junior.

„Klar“, sagte Philip Junior.

Sie nickten sich zu, grinsten sich an und marschierten in die Vorpiek.

„Zuriegeln!“ befahl Hasard Junior.

Vater Hasard, Old O’Flynn und Carberry blieben draußen vor dem Schott. Carberry schob die beiden schweren Riegel vor, die oben und unten des Schotts befestigt waren.

„Da bin ich aber gespannt“, brummte Old O’Flynn und starrte auf das Schott und die Riegel.

Da tat sich überhaupt nichts.

Sie warteten, und es passierte immer noch nichts.

Die drei Männer starrten sich an und warteten weiter. Hasard kaute auf seiner Unterlippe herum.

„Wollen die uns verkohlen?“ fragte Carberry.

Etwa fünf Minuten waren vergangen. Hasard trat an das Schott und entriegelte wieder. Er betrat als erster die Vorpiek, Old O’Flynn und Carberry drängten nach.

Die Vorpiek war leer.

„Das gibt’s doch gar nicht“, murmelte Carberry fassungslos. „Die können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“

Hasard und Old O’Flynn waren ebenfalls völlig perplex.

Und dann krachte hinter ihnen das Schott zu, und sie hörten, wie die beiden Riegel vorgeschoben werden. Sie hörten aber noch mehr, nämlich das Kichern der beiden „Rübenschweinchen“.

„Hölle und Teufel!“ tobte Carberry los. „Wenn ihr das verdammte Schott nicht sofort öffnet, bezieht ihr die Senge eures Lebens, das verspricht euch der alte Carberry!“

Die beiden Knaben hinter dem Schott lachten sich halbtot, dann wurde wieder entriegelt, und das Schott schwang auf.

Hasard war es seinerzeit nicht aufgefallen, aber jetzt sah er es – und er roch es. Hasard Junior und Philip Junior waren pitschnaß, und sie stanken. Sie stanken nach Bilgewasser. Und damit wurde Vater Hasard klar, wie sie es geschafft hatten, die Vorpiek zu verlassen – durch die Bilge unter den Innenplanken entlang, die den Boden des untersten Decks bildeten. Sie mußten sozusagen direkt auf dem Kiel entlanggekrochen sein, und das war eine ganz beachtliche Leistung, weil sie Geschmeidigkeit, Abgebrühtheit gegen den Bilgeunrat und Mut verlangte.

Es waren schon Satansbraten, diese beiden. Hasard begann schallend zu lachen.

„Da lacht der noch“, brummte Old O’Flynn unwillig. „Darf ich vielleicht auch mitlachen?“ Er hatte noch nicht begriffen, wie der Ausbruch von den Zwillingen bewerkstelligt worden war.

Hasard Junior demonstrierte es.

Er trat wieder in die Vorpiek, feixte Old O’Flynn an, zog ein Messer, bückte sich und hebelte eine Bodenplanke an. Darunter schwappte das Bilgewasser. Wie eine Schlange schlüpfte und zwängte er sich durch den Spalt, stieß das Messer von unten in die zur Seite geschobene Planke, rückte sie an die alte Stelle – und war weg.

Hasard verließ die Vorpiek und betrat den Gang, der zur Vorpiek führte. Gespannt schaute er dort auf die Bodenplanken. Eine Minute später wurde an einer Stelle eine Planke von unten hochgestemmt, und der schwarze Schopf seines Sohnes tauchte auf. Als er den Spalt verließ, brachte er eine tote Ratte mit. Die war noch nicht lange tot, weil sie blutete. Der Junior hielt sie am Schwanz fest und erklärte lakonisch, die sei ihnen vorhin „über den Weg gelaufen“.

Das Rätsel ihres Ausbruchs war also gelöst. Philip Junior hatte ebenfalls ein Messer. Damals hatten sie beide mit den Messern die betreffenden Bodenplanken in harter Arbeit gelockert und dann ausgehoben. Ferris Tucker würde die Nägel erneuern müssen, die faßten natürlich nicht mehr.

Aber eins war klar: Ein ausgewachsener Mann würde auf diesem Wege niemals ausbrechen können. Er würde in der Bilge steckenbleiben und vermutlich auch ersticken oder absaufen. Nur Jungen von der Größe, aber auch Verwegenheit der Zwillinge war es möglich, sich durch diesen Fluchtweg zu winden und zu schlängeln. Und Nerven gehörten dazu.

Das alles begriffen jetzt auch Old O’Flynn und Ed Carberry. Und sie staunten. Die angedrohte Senge war längst vergessen.

„Das – das ist das Tollste, was mir je untergekommen ist“, bekannte der Profos kopfschüttelnd. „Kriechen diese beiden Rübenschweinchen einfach durch die Bilge wie lausige Kakerlaken. Wenn das der alte Tucker hört, bringt er es glatt fertig und vernagelt auch noch die Bilge. Aber unsereiner würde auf diese Weise nie türmen können, was, wie?“

„Das dachte ich auch schon“, sagte Hasard. „Nehmen wir aber an, unter eventuellen Gefangenen befindet sich ein Junge, dann müssen wir damit rechnen, daß er auf diesem Wege seine Leute befreit, vorausgesetzt, sie haben irgendein Werkzeug wie die Messer meiner Söhne, um eine Planke zu lockern. Ed, denke daran, wir können Gefangene gar nicht scharf genug kontrollieren und untersuchen, ob sie Waffen oder Werkzeuge bei sich haben.“

Carberry nickte. „Geht klar, Sir.“ Er grinste die beiden Kerlchen an. „Schätze, ich stopfe euch jetzt in einen Zuber mit heißem Wasser. Ihr stinkt ja wie vergammelte Kanalratten. Marsch, ab mit euch! Der Kutscher soll heißes Wasser bereiten und Schmierseife herausrücken, verstanden?“

„Geht klar“, sagte Hasard Junior lässig.

„Geht klar“, sagte auch Philip Junior lässig.

Beide schoben ab. Hasard Junior schlenkerte die tote Ratte.

„He!“ rief Carberry. „Wo willst du mit dem Biest hin?“

„Zum Kutscher“, erklärte Hasard Junior über die Schulter.

„Wieso das denn?“

„Haben Vertrag mit dem Kutscher“, erwiderte Hasard Junior in einem Ton, als ginge das den Profos einen feuchten Dreck an.

„Was für einen Vertrag, verdammt?“ knurrte Ed Carberry.

„Na, eben ’n Vertrag, Himmelarsch!“

Carberry duckte sich und fauchte: „Ich will wissen, was das für ein Vertrag ist, Mann!“

Der „Mann“ grinste. „Für jede tote Ratte dürfen Philip und ich mal in die Kandisdose langen.“

„Aha“, sagte Carberry verdattert.

„Jawohl“, sagte Hasard Junior.

„Jawohl“, sagte auch Philip Junior und fügte hinzu: „Wir haben schon siebzehnmal in die Kandisdose gelangt.“ Und dann sagte er „Au!“, weil ihm sein Bruder auf die Zehen getreten war.

Carberry schob mißtrauisch den Kopf vor. „Was sollte das denn nun wieder? Schummelt ihr etwas? Betrügt ihr den Kutscher und klaut ihm die jeweils abgelieferte Ratte, was, wie? So viele Ratten gibt’s nämlich gar nicht auf unserer alten Tante.“

„Hast du sie denn gezählt, Mister Profos, Sir?“ fragte Hasard Junior schlagfertig.

Das hatte Carberry allerdings nicht, und er konnte es auch gar nicht, weil es ein Ding der Unmöglichkeit war. Da saß er also ganz schön in der Patsche.

Und daher sagte er nur: „Wenn ich mitkriege, daß ihr den Kutscher mit euren toten Ratten leimt und sie ihm zwei- oder gar dreimal andreht, dann gibt’s keinen Kandis mehr zu kosten, sondern das Tauende, klar?“

„Wir sind Männer von Ehre“, erklärte Hasard Junior.

„Jawohl, wir sind Männer von Ehre“, sagte auch Philip Junior, „das ist Ehrensäbel!“

Und damit schoben sie endgültig ab.

„Söhne hast du“, sagte Old O’Flynn kopfschüttelnd. „Ich weiß gar nicht, wo das noch hinführen soll.

Das wußte Philip Hasard Killigrews allerdings auch nicht.

„Die landen noch mal im Tower“, prophezeite Old O’Flynn düster.

„Quatsch“, sagte Edwin Carberry. „Und wenn schon. Die schaffen es auch, aus dem Tower wieder auszukneifen.“

„Glaub ich auch“, sagte Hasard.

Die Beute rissen die Seewölfe erst bei den Azoren. Da hatten sie die Genuesen unter Kapitän Sulla längst in Cartagena abgesetzt, und Hasard hatte – wie versprochen – Kapitän Sulla im Einverständnis mit seiner Crew eine kleine Truhe überreicht, deren Inhalt an Perlen und Schmuckstücken den Wert des gesunkenen Siebenhundert-Tonners bei weitem überstieg.

Unbemerkt hatten sie dann wieder Gibraltar passiert, aber nordwärts steuernd – weit abgesetzt von der spanischen Küste – waren sie in einen Sturm geraten, der aus Nordosten heranpfiff und drei Tage und drei Nächte dauerte.

Zähneknirschend war Hasard vor dem Sturm hergelaufen. England rückte wieder in weite Ferne.

Als der Sturm dann abflaute, stand die „Isabella“ bei den Azoren vor Sao Miguel, und es war der 18. Juni – ein Tag, der wieder Sonne und ein handiges Lüftchen brachte, also ein Wetterchen, das alles an Mühsal und Plackerei wieder vergessen ließ.

Und eine weitere Entschädigung segelte von Süden in Form einer überladenen, riesigen portugiesischen Karacke heran. Ja, sie war so überladen, daß sie ihre Güter sogar an Deck gestaut hatte. Und darum waren auch ihre Kanonen abmontiert worden – ein sträflicher Leichtsinn, wie Hasard meinte.

Dieser fette Happen war ebenfalls in den Sturm geraten und ziemlich zerzaust. Seine Besatzung war demoralisiert, und der portugiesische Kapitän strich ergeben die Flagge, als er von Hasard freundlich dazu aufgefordert wurde.

Die Karacke hieß „San Felipe“, und sie barg – wie das Enterkommando feststellte – eine hübsche Menge von Gold, Silber und randvolle Kisten mit Juwelen aus Indien sowie Pfeffer, Zimt, Nelken, Kaliko, Seide und Elfenbein.

Da war guter Rat teuer, denn die „Isabella“ war selbst knüppelvoll. Hasard überlegte ernsthaft, ob er diesen Brocken bis auf die Juwelen nicht wieder sausen lassen sollte. Irgend etwas störte ihn auch. Er hatte diese Karacke „so im Vorbeigehen“ erwischt und kampflos besetzt. Das war das eine.

Das andere war tatsächlich die nüchterne Überlegung, daß sie, die Seewölfe, satt an Beute bis zum Platzen waren. Sie gehörten nicht zu jenen, die den Hals nicht voll genug kriegen konnten und dennoch stopften und stopften, bis sie daran erstickten.

Das alles behagte Philip Hasard Killigrew überhaupt nicht, und er wurde wütend über sich selbst, weil er seine Unschlüssigkeit verdammte.

„Was ist los?“ fragte Ben Brighton, der Hasards Zaudern bemerkte.

„Mann“, sagte Hasard schroff, „wir sind bis zum Kragen voll. Kannst du mir mal erzählen, wo wir mit dem ganzen Kram hinsollen?“

„Ach so.“ Ben Brighton rieb sich den Nasenrücken. Dann grinste er. „Mal was anderes, wie? Erst halten wir den fetten Kahn an, schicken unser Enterkommando ’rüber, merken, daß wir uns an dem überfuttern – und lassen ihn wieder laufen.“

„So ähnlich.“ Hasard starrte zu der „San Felipe“, wo Carberry auf weitere Befehle wartete.

Es kam alles ganz anders, wie der Zufall so spielt.

Dieses Mal hatte Dan O’Flynn mal zur Abwechslung von seinen Navigationsaufgaben den Ausguck im Großmars übernommen. Seine Augen waren bekanntlich die schärfsten an Bord der „Isabella“.

„Deck!“ rief er scharf. „Schiffsverband im Osten! Segelt auf uns zu!“

Hasard wirbelte herum und setzte das Spektiv ans rechte Auge. An der östlichen Kimm standen feine Nadelspitzen. Er ließ das Spektiv wieder sinken, sprang an das Schanzkleid der Steuerbordseite und rief zur „San Felipe“ hinüber: „Ed! Zurück an Bord! Sofort! Dan hat einen Schiffsverband ostwärts gesichtet!“

Fünf Minuten später war das Enterkommando zurück.

„Deck!“ schrie Dan O’Flynn vom Hauptmars, Aufregung in der Stimme. „Voraus segelt die ‚Elizabeth Bonaventura‘! Ich erkenne sie genau. Es ist Admiral Drakes Verband!“

„Was will der denn hier?“ fragte Ben Brighton fassungslos. „Muß der uns überall hinterherrennen?“

Hasard zuckte mit den Schultern, und dann glitt plötzlich ein breites Lächeln über sein Gesicht. Er schlug die rechte Faust in die linke Handfläche.

„Das ist es, Ben, genau das ist es!“ sagte er.

„Was ist was?“

„Wir schenken dem Admiral die ‚San Felipe‘!“

„Bist du verrückt?“

„Nein! Mann, kapierst du nicht? Wir verpassen ihm damit eine Ohrfeige. Die ‚San Felipe‘ ist unsere Beute – aber wir sind ja so großzügig. Wir überlassen sie ihm, gnädig wie wir sind, verstehst du?“

Jetzt begann auch Ben Brighton zu grinsen. „Das ist gut, das ist sehr gut. Das beweist, daß wir es gar nicht nötig haben, noch fette Brocken zu schlucken. Ob er das kapiert?“

„Klar kapiert er das, Ed Carberry wird ihm nämlich allein entgegensegeln – mit der Jolle, so allein wie damals, nachdem ihn Doughty über Bord gestoßen hatte. Und Ed wird dem Admiral das Geschenk präsentieren!“ Hasard fuhr herum. „Ed! Laßt die Jolle noch unten. Komm ’rauf, ich hab dir was zu sagen!“

Der Profos enterte den Niedergang zum Achterdeck hoch, bereit zum Befehlsempfang. Als es ihm Hasard gesagt hatte, zeigte er sein wüstes Grinsen, vor dem es einen grausen konnte.

„Das wird ein Spaß“, sagte er und rieb sich die Pranken.

Fünf Minuten später segelte er mit der Jolle dem Flaggschiff des Admirals entgegen, mit nacktem, muskulösem Oberkörper, ein Mann aus Eisen und so grimmig wie der Tod. Dieses grimmige Grinsen blieb wie eingefroren in seinem wüsten, narbigen Gesicht.

Er kreuzte einfach den Kurs des Flaggschiffes, so daß es gezwungen wurde, in den Wind zu gehen und die Segel aufzugeien.

„Mann!“ brüllte Francis Drake von Achterdeck hinunter. Er hatte Carberry längst erkannt – und an der Kimm auch die „Isabella“. „Was spazieren Sie denn hier allein im Atlantik herum?“

„Sir!“ brüllte Carberry zurück. „Das brauche ich manchmal, seit ich damals im Stillen Ozean allein mit einem Boot der ‚Golden Hind‘ spazierengehen mußte. Erinnern Sie, Sir? Ich hab mich damals so daran gewöhnt, daß ich das jetzt jeden Monat einmal brauche, sonst drehe ich durch.“

„Sind Sie verrückt?“

„Nein, Sir, ich bitte an Bord kommen zu dürfen!“

„Wollen Sie wieder stänkern?“

„Aber Sir! Ich habe noch nie gestänkert. Mein Kapitän schickt mich. Er wäre gern selbst erschienen, aber er muß dahinten aufpassen wegen des Dingsda!“

„Was für ein Dingsda?“

„Das soll ich Ihnen ja gerade melden, Sir. Mein Genick wird allmählich steif, Sir!“ Daß Carberry dabei so höllisch grinste, bewies, daß sein Genick keinesfalls steif war.

Aber der Admiral ließ dennoch eine Jacobsleiter ausbringen. Carberry, er hatte das Segel gestrichen, wriggte die Jolle an die Jacobsleiter, vertäute sie dort und turnte die Sprossen hoch.

„Melde mich an Bord, Sir“, sagte er artig, als er vor dem Admiral stand. „Hatten Sie eine gute Zeit vor Spaniens Küsten?“

„Profos, Profos“, sagte der Admiral, „ich nehme nicht an, daß mich Ihr Kapitän das fragen wollte. Also?“

„Ich meine, Sir, mit meiner Frage, ob Sie den Dons viel haben wegschnappen können. Hat es sich gelohnt – so wie damals mit der ‚Cacafuego‘, die wir dann in ‚Silberkacker‘ umtauften, erinnern Sie noch, Sir?“

„Ja, ich erinnere mich“, erwiderte der Admiral etwas unwirsch. „Wenn Sie es genau wissen wollen, eine solche Beute ist mir noch nie wieder vor den Bug gelaufen – leider.“

Carberry grinste.

„Doch“, sagte er, „nämlich jetzt! Empfehlung von Kapitän Killigrew, Sir. Wir haben dort hinten bei Sao Miguel so einen fetten Brocken aufgebracht – eine Karacke. Sie hat Gold, Silber, Juwelen, Pfeffer, Zimt, Nelken, Kaliko, Seide und Elfenbein bis über die Luken geladen. Ich habe mich selbst davon überzeugen können, weil ich das Enterkommando führte, Sir.“

Der Admiral starrte den Profos mit offenem Mund an.

„Jawohl, Sir“, fuhr Carberry fort, „den Brocken haben wir also aufgebracht, und Kapitän Killigrew bewacht ihn solange, bis Sie da sind. Er möchte Ihnen die Karacke als Geschenk überreichen, Sir, denn wir können mit der Ladung nun wirklich nichts mehr anfangen, weil wir selbst bis zur Oberkante unserer Luken voll sind. Aber Sie freuen sich doch sicherlich, oder?“

Der Admiral sah ziemlich rot aus.

„Oder freuen Sie sich nicht, Sir?“ fragte Carberry freundlich und mit seinem wüsten Grinsen. „Aber Sie sollten sich freuen, denn wie Sie eben sagten, scheint Ihr Raid vor Spanien nicht allzuviel eingebracht zu haben, was, wie?“

Der Admiral schluckte, dann räusperte er sich die Kehle frei, schluckte wieder und quälte sich ein Lächeln ins Gesicht.

„Danke, Mister Carberry, vielen Dank! Meine Empfehlung an Kapitän Killigrew. Ich – äh – nehme sein Geschenk an.“

Carberry strahlte. „Ich bin entzückt, Sir. Habe ich nicht einen feinen Kapitän, Sir?“

„Äh – ja, das haben Sie, Mister Carberry“, quetschte der Admiral heraus, jetzt bereits sichtlich nervös. Er spähte voraus, wie um sich zu vergewissern, ob ihm die Beute auch nicht entginge.

„Ich melde mich von Bord, Sir“, sagte Carberry, „und freue mich, daß Sie so kampflos und ohne viel Mühe und Bedrängnis so eine andere Art ‚Silberkakker‘ einstreichen können. Das freut auch meinen Kapitän ganz besonders und alle Männer von der ‚Isabella‘, die jederzeit bereit sind, für Sie Ihr Leben in die Schanze zu schlagen. Aber das wissen Sie ja, nicht wahr, Sir?“

Der Admiral nickte nur stumm – und steckte den Hohn ein, der aus den Worten des Profos sprach.

Ed Carberry enterte ab.

Und der Admiral segelte einer Beute entgegen, die, wie sich später herausstellte, einen Wert von 114000 Pfund Sterling hatte. Und das war eine Summe, die den Wert aller gekaperten, versenkten oder verbrannten Schiffe und Ladungen in der Bucht von Cadiz um das Dreifache überstieg.

Der Kapitän Killigrew hatte dem Admiral Drake ein wahrhaft königliches Geschenk übergeben …


1.

Der Sturmwind, auflandig und von staubfeinem Nieselregen begleitet, grub sich in Pinho Brancates Bartgeflecht und zerrte daran. Er schien diesem rauschenden Vollbart und dem ganzen wuchtigen Mann mit den breiten Schultern den Kampf angesagt zu haben. Der aber ließ sich nicht umwerfen, nicht einmal aus dem Gleichgewicht bringen. Wie eine aus dem Gestein der wilden Küstenlandschaft gehauene Statue stand Pinho da, breitbeinig und mit vor der Brust verschränkten Armen.

Unbewegt war seine Miene, und er schien sich der Anwesenheit seiner Frau Emilia nicht bewußt zu sein. Sie hatte neben ihm auf den schroffen Klippfelsen verharrt. Der Wind heulte und zerzauste ihre schwarzen Haare.

Schweigend blickten sie eine Weile auf den schäumenden Atlantik. Das Bild der aufsteigenden und gischtend gegen die Felsen anspringenden Wogen drohte jede Minute in der herabsinkenden Dunkelheit zu verschwinden.

Jenen schwärzlichen Widerstand draußen im Wasser, nur eine Viertelmeile von der Küste entfernt, der für die Brancates von so großer Bedeutung war, konnte man bereits nicht mehr erkennen.

Ohne den Kopf zu wenden sagte Pinho Brancate: „Wenn der Wind in dieser Nacht auch nur ein einziges Schiff weit genug auf Legerwall drückt, gibt es endlich wieder Arbeit für uns.“

„Es wird höchste Zeit“, entgegnete Emilia, eine verblühte herbe Schönheit aus der Serra da Guardunha, mit Würde. „Unsere Vorräte sind fast aufgebraucht, und in dem ausgehöhlten Ziegelstein, den wir als Versteck für unsere bescheidenen Besitztümer benutzen, befindet sich kein einziger Piaster mehr.“

„Das Riff läßt uns nicht im Stich, Emilia.“

„Die hungrigen Mägen wollen zu essen haben.“

„Laß mich nur machen“, erwiderte der große, bärenstarke Mann. „Mich und meine beiden Söhne.“

„Gott schicke uns ein Schiff“, äußerte Emilia ihren frommsten Wunsch.

„Dessen Mannschaft wir retten können“, murmelte Pinho, und seine Frau fügte sofort hinzu: „Dessen Ladung wir bergen können.“

Der Sturmwind dauerte an, nahm an Stärke zu und beugte die Wipfel der Pinien und Zypressen, die weiter landeinwärts standen. Pinho Brancate schritt aufrecht von den Klippfelsen zu dem eine halbe Meile entfernt stehenden Steinhaus zurück. Seine Frau hielt sich an seinem Arm fest, um nicht doch noch umgerissen zu werden. Pinho sah zu dem einsamen Licht, das nun in der Dunkelheit erschien und ihnen den Weg nach Hause wies.

Dort, in dem roh aus Granitgestein und primitiven Schindeln zusammengefügten Haus, erwartete sie der Rest der Familie. Charutao, mit seinen vierundzwanzig Jahren der älteste Sohn Pinhos und Emilias. Iporá, der nur ein Jahr jünger war als sein Bruder. Die Mädchen Josea, zwanzig Jahre, Segura, siebzehn, sowie die dreizehnjährige Franca. Schließlich noch die Abuela, die Großmutter, wie alle sie nannten – Pinhos Mutter, von der keiner mehr genau wußte, wie alt sie wirklich war.

Pinho dachte an seine große Familie und sagte: „Die ganze Nacht über werden wir auf dem Posten sein, Emilia.“

„Ja, dies ist eine zu wichtige Nacht für uns. Keiner von uns kann es sich erlauben, die Zeit mit Schlafen zu vergeuden.“

„Auch die Mädchen erhalten ihre Aufgabe.“

„Vergiß nicht die kleine Bucht im Süden, Pinho.“

„Segura und Franca sollen dort Wache halten“, beschloß Pinho Brancate, der bei sich zu Hause uneingeschränkte Befehlsgewalt genoß wie ein Kapitän an Bord eines Segelschiffes. „Falls irgendein Fahrzeug in die Bucht verholt, melden sie es uns – und wir sehen dann zu, daß wir das Beste für uns herausholen.“

Sie sahen sich an. Pinho schnitt eine Grimasse, zog dann die ziemlich füllige Frau mit den kräftigen Hüften zu sich heran und hob sie ein Stück hoch. Emilia strampelte mit den Beinen. Er ließ sie wieder zu Boden, sie lachten beide und legten schneller schreitend das letzte Stück Weg zurück, das sie noch von dem Haus trennte.

Jeder Fremde mußte bei seiner Ankunft vor dem Haus bestätigen, daß es weitaus größer war, als man von weitem den Eindruck hatte. Es konnte noch viel mehr Menschen ein Dach über dem Kopf bieten als denen, die bereits darin wohnten.

Und so unterhielt Pinho Brancate sein Heim als eine Art Herberge in einem Landstrich einer der ungastlichsten Gegenden Portugals, die nur selten von einem Reiter oder Wanderer besucht wurde. Hätte Pinhos die Seinen in dieser Umwelt tatsächlich unterhalten sollen, so wäre die ganze Familie inzwischen längst eines bitteren Hungertodes gestorben.

Die niedrige Eingangstür knarrte leicht in ihren eisernen Angeln, als sie von innen geöffnet wurde.

Die Gestalt eines schlanken, von einer durchaus nicht geizigen Natur reif ausgestatteten Mädchens erschien vor dem Licht, das im Inneren des Hauses flackerte.

„Josea!“ rief Pinho Brancate. „Wir sind wieder da!“

„Ist es schon soweit?“ fragte das Mädchen.

„Nein, aber mit ein wenig Glück kriegen wir heute nacht noch alle Hände voll zu tun“, sagte Emilia zuversichtlich.

Nordwärts segelte der stattliche Fünferverband portugiesischer und spanischer Schiffe, der an diesem Abend die Felsenküste passierte. Er bestand aus einer Viermast-Galeone, zwei Galeonen mit je drei Masten und zwei lateinergetakelten Karavellen, die jeweils zwei Masten führten: „Candia“, „Sao Sirio“, „Sao Joao“, „Extremadura“ und „Santa Angela“.

Nordwärts segelte die „Candia“ schon seit geraumer Zeit, denn sie hatte in der Walfischbucht im fernen Südafrika den Kommandanten Lucio do Velho und dessen Bootsmann Ignazio, der aus Porto gebürtig war, aufgelesen.

Kurs nach Lissabon hatte die stattliche Viermast-Galeone seither eingeschlagen. Do Velho hatte das Schiff, das man ihm in Manila übergeben hatte, ohne Rücksicht auf Verluste vorangetrieben und keine zeitraubenden Reisepausen eingelegt.

Das Ergebnis war gewesen, daß ein Teil der Mannschaft vom Skorbut dahingerafft worden war. Do Velho war der Ansicht, daß ein solches Opfer selbstverständlich war – falls es nicht auf seine ganz persönlichen Kosten ging.

Er selbst war ja dem Tod mit knapper Not entronnen, ebenso Ignazio – beide waren dem Teufel sozusagen von der Schippe gesprungen. Es war ein regelrechtes Wunder, daß sie ausgerechnet im Land der Buschmänner doch noch mit heiler Haut davongekommen waren.

Entsprechend hatten sich die hochdekorierten Almirantes und Comodoros ausgedrückt, denen Lucio do Velho in Lissabon seinen Bericht erstattet hatte. Do Velho war nun ein „Milagrolado“, ein vom Wunder Heimgesuchter.

Ignazio wurde dieser Ruhm nicht zuteil, denn do Velho hatte rechtzeitig darauf hingewiesen, daß der etwas einfältige Mann natürlich nur noch am Leben war, weil er, do Velho, sich für ihn eingesetzt hatte. Die Realität sah etwas anders aus. Aber die lag weit hinter ihnen im tiefsten Afrika.

Die hohe Admiralität konnte do Velho nachempfinden, was er durchgestanden hatte, als er diesen verfluchten Engländer Philip Hasard Killigrew gehetzt hatte. Anschaulich hatte do Velho, der ein geborener Mime war, dargestellt, daß er den Seewolf schon in der Bengkalis-Bucht hätte stellen und vernichten können – wenn nicht ein unvorhersehbarer Fall „höherer Gewalt“ eingetreten wäre.

Und so war es dann immer wieder ein böser Zufall, ein peinliches Zusammentreffen von Unglück und Naturereignissen gewesen, das Lucio do Velho den Triumph vorenthalten hatte.

Rügen konnte und wollte man diesen Kommandanten in Lissabon nicht, danach stand niemand der Sinn. Zu frisch war die Niederlage, die das spanisch-portugiesische Königreich im allgemeinen und die Armada im besonderen erlitten hatte – der Überfall Admiral Drakes auf Cadiz.

Nach einem solchen Schlag der Engländer konnte nicht einmal König Philipp II. persönlich einem do Velho vorwerfen, er sei ein Versager. Seine Allerkatholischste Majestät konnte im Augenblick nur gereizt in den dunklen Sälen des Escorial auf und ab wandern und auf Vergeltung sinnen.

Wie aber sollte er sich rächen, wenn seine glorreiche und unüberwindliche Armada durch Drakes Raid in Cádiz so empfindlich getroffen worden war?

Erschüttert hatte Lucio do Velho in Lissabon den Bericht einiger Augenzeugen vernommen. Laut zu wettern hatte er begonnen, als er gehört hatte, daß auch ein Schiff an Drakes Seite gewesen sei, das er anhand der Beschreibungen nur allzu gut wiedererkannte: die „Isabella VIII.“. Zornig hatte do Velho seinen Vorgesetzten Aufschluß darüber gegeben, wer der Kapitän und die Mannschaft dieses „Teufelsschiffes“ war und daß es auf der Welt nur eine große, schnittige Galeone mit so hohen Masten und einer so tolldreisten Crew gäbe.

Nichts hatte do Velho halten können.

Er hatte beantragt, daß alle verfügbaren Kriegsschiffe im Hafen von Lissabon seinem Kommando unterstellt wurden und er Jagd auf den englischen Bastard, den Todfeind, machen durfte – und dies hatte man ihm auch bewilligt. Mehr als die portugiesischen Galeonen „Sao Sirio“ und „Sao Joao“ sowie die spanischen Karavellen „Extremadura“ und „Santa Angela“ hatte man ihm an Schiffsmaterial für die Zusammenstellung eines Verbandes jedoch nicht bewilligen wollen, da der Hafen und die Stadt Lissabon nicht ungeschützt bleiben durften.

Verbissen führte do Velho seinen neuen Verband nach Norden.

Juni war es geworden, aber Lucio do Velho hoffte, wenigstens den Seewolf auf der Heimreise nach England noch zu stellen und vor die Kanonen fordern zu können.

Alle Ermahnungen der Almirantes und der Comodoros, der Feind sei zu stark, hatten do Velho nicht von seinem Vorhaben abhalten können.

„Der Seewolf ist ein Einzelgänger“, sagte do Velho an diesem Abend, bevor ihn die bedenkliche Entwicklung des Wetters an Oberdeck rief. „Wenn man den Schilderungen recht geben darf, die wir in Lissabon vernommen haben, hat Killigrew zwar Seite an Seite mit Francis Drake, dieser Kanaille, gefochten. Aber wie ich Killigrew kenne, hat er sich inzwischen wieder von Drake getrennt und ist allein unterwegs.“ Ober das Pult in der schwankenden Kapitänskammer der „Candia“ hinweg blickte er Ignazio an, den er zu einer kurzen Lagebesprechung herbeigeordert hatte. „Glaubst du etwa, ich wüßte nicht, wie dieser tollwütige Lobo del Mar sich verhält?“

„Senor Comandante“, beeilte sich Ignazio zu sagen. „Keiner kann ihn besser einschätzen als Sie.“

„Ich will ihn einholen.“

„Sie schaffen es, Comandante!“

„Ignazio, das sagst du nur, weil du keine eigene Meinung hast“, sagte der eitle Portugiese verächtlich. „Du läßt den Dingen ihren Lauf und harrst der Dinge, die da kommen – im Guten wie im Argen. Was für ein hirnloser Einfaltspinsel du doch bist. Was wärest du ohne mich?“

„Nichts, Senor Comandante“, erwiderte Ignazio pflichtschuldigst, während er sich in der immer bedrohlicher schwankenden Kammer an einem der Schapps festhielt.

„Ohne mich wärst du verloren.“

„Aber immerhin habe ich es zum Bootsmann gebracht!“ rief Ignazio gegen das Sturmbrausen an, das von außen hereindrang.

„Weil ich dich dazu ernannt habe!“

„Si, Senor!“

„Allein bist du eine Null, Ignazio, und vergiß nicht, daß ich dich immer noch wieder degradieren kann!“ Do Velho brüllte es fast, er redete sich in Eifer und Zorn. Er brauchte einen Ausgleich für sein gestörtes seelisches Gleichgewicht, und immer wieder mußte der bullige Mann aus Porto für de Velho als Prügelknabe herhalten.

„Aber Senor“, sagte Ignazio. „Wenn es erforderlich ist, kann ich mächtig dreinschlagen und schwer aufräumen. Ich will mich bewähren, ich warte nur auf die Gelegenheit dazu.“

Do Velho ging die untertänige Verhaltensweise des Bootsmanns auf die Nerven, obwohl er gleichzeitig genau wußte, daß es seine Schuld war, wenn Ignazio sich derart unterwürfig benahm.

Mühsam beherrscht erwiderte do Velho: „An Bord der ‚Isabella‘ hättest du richtig dreinschlagen sollen. Da hättest du dich bewähren können – als die ‚Santa Monica‘ uns angriff und die Seewölfe die Chance nutzten.“

Ignazio schwieg. Senor Comandante, warum schmieren Sie mir das immer wieder aufs Brot, hätte er gern gesagt, aber er hütete sich, es auszusprechen, denn Lucio do Velho hätte nicht gezögert, ihn für eine so aggressive Frage zu bestrafen.

Der Westsüdwest-Wind raste pfeifend gegen die „Candia“ und die anderen Schiffe des Verbandes an. Weit krängte die Viermast-Galeone nach Steuerbord. In do Velhos Kammer purzelten zusammengerollte Karten und einige andere Utensilien vom Pult.

Iganzio taumelte durch den schräggestellten Raum, dessen Fußboden ein stark abschüssiger Hang geworden war. Er fiel, rappelte sich wieder auf und versuchte, do Velhos Karten und Gerätschaften aufzulesen. Doch die Tücke des Objekts siegte. Immer wenn der Bootsmann zugreifen wollte, kollerten die Gegenstände ein Stück weiter.

Ignazio kroch auf allen vieren durch die Kapitänskammer.

Do Velhos barsche Stimme stoppte ihn. „Hör auf! Wir haben Wichtigeres zu tun. Unsere Anwesenheit an Oberdeck ist nötig, wir müssen zusehen, daß wir Sturmsegel setzen, Manntaue spannen, die Luken und Schotten verschalken, Kurs halten und nicht zu nah unter Land geraten. Steh gefälligst auf und begleite mich, Ignazio!“

Der Mann aus Porto hielt inne und schaute auf.

Ihre Blicke trafen sich.

„Sieh mich nicht so dämlich an!“ rief Lucio do Velho aufgebracht. „Ich weiß, was du sagen willst – daß es besser wäre, bei dieser Windstärke und diesem Seegang eine geschützte Bucht anzulaufen und das Abklingen des Sturmes abzuwarten. Aber daraus wird nichts! Wir reiten den Sturm ab, koste es, was es wolle!“

Ignazio erhob sich und folgte seinem Comandante wankenden Ganges durchs Achterkastell der „Candia“ zum nächsten Schott. Er wußte, daß es keinen Zweck hatte, irgendwelche Einwände zu erheben. Do Velho ließ sich nicht beirren oder von seinen Plänen abbringen. Nordwärts führte sein Weg, immer weiter nordwärts, und er ließ sich nicht durch einen läppischen Sturm aufhalten.

Zu groß war sein Haß auf Philip Hasard Killigrew, zu groß sein Verlangen, Spaniens Todfeind endlich zur Strecke zu bringen.

Er erreichte das Schott zur Kuhl und öffnete den Auslaß. Regen peitschte Lucio do Velho ins Gesicht. Er hielt sich mit beiden Händen fest und brüllte seine Befehle.

Zu diesem Zeitpunkt trieb der Verband bereits auseinander. Wenig später verloren sowohl die zwei Dreimast-Galeonen als auch die beiden Zweimast-Karavellen jeglichen Kontakt zu ihrem Flaggschiff „Candia“. Und auch untereinander wurden sie weit auseinandergerissen.

Jeder war seinem Schicksal ausgeliefert.

Das, was man in Regen und hereinbrechender Dunkelheit noch von der Felsenküste erkennen konnte, schien vor dem Bug der „Isabella VIII.“ wild auf und ab zu tanzen. Für einen Moment gab Hasard sich der Illusion hin, die Dimensionen und Elemente wären durcheinandergeraten und die Rollen anders verteilt. Die „Isabella“ lag als ruhender Pol unbewegt in der See, während die Wogen ganz Iberien hochhoben und durchschüttelten.

„Schön wär’s“, sagte der Seewolf. „Aber leider doch zu schön, um wahr zu sein.“ Er stand auf der Back seines Schiffes und hielt sich an den Fockwanten fest. Der Sturmwind drückte die Galeone genau auf die Küste zu. Nur noch das Großsegel war gesetzt, aber auch das schien zuviel zu sein.

Smoky, der Decksälteste, war neben seinen Kapitän getreten. Auch er klammerte sich an den Wanten fest, kniff die Augen zusammen und fragte: „Was hast du gesagt? Ist was nicht in Ordnung?“

„Ich habe nur laut gedacht, Smoky. Es wäre großartig, wenn man Spanien und Portugal zusammen aus den Angeln heben könnte.“

„Aye, Sir, aber ohne auf Grund zu laufen!“

„Würdest du lieber durch den Sturm segeln?“

„Das nicht. Bill hat die kleine Bucht in der Dämmerung gerade noch erkannt – und sie kommt uns wie gerufen“, antwortete Smoky. „Nur wär’s mir lieber gewesen, wir hätten die Wassertiefe ausloten können!“

„Du kannst es ja mal versuchen“, schrie Old Donegal Daniel O’Flynn, der sich an sie herangearbeitet hatte und so verstehen konnte, was sie sprachen. „Sobald du dich über die Galion hinausbeugst, steigt die Seehexe aus den Fluten auf und reißt dir was ab, Smoky!“

„Mann – rutsch mir doch den Bukkel runter“, knurrte Smoky.

Hasard drehte sich zu den beiden um. „Wir haben auflaufendes Wasser, und daher hoffe ich, daß wir mit Riffs und anderen Untiefen keine Scherereien kriegen. Möge der Herrgott unser Stoßgebet erhören! Im Moment macht mir nur eines Sorgen. Wir haben zuviel Fahrt drauf.“ Er blickte nach achtern und schrie: „Ed, he, Ed! Profos!“

„Sir?“ dröhnte das mächtige Organ Edwin Carberrys durch das Sturmtoben. „Hier bin ich!“

„Das Großsegel wegnehmen, Ed!“

„Geit auf das Großsegel!“ brüllte der Profos. „Los, weg mit dem Fetzen! Sitzt ihr auf euren Ohren, ihr triefäugigen Kakerlaken? Oder habt ihr Bohnen darin stecken? Hopp, hopp, willig, willig, schneller, schneller, ihr Satansbraten, oder ich bringe euch auf Trab. He, Matt Davies, hast du Schlick auf den Augen? Hölle, der Himmelhund sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, dabei baumelt das Fall genau vor seinen Schielaugen herum. Kutscher, du fällst noch über deine eigenen Füße, wenn du nicht aufpaßt, wohin du trittst! He, Sir John, du Geier, wenn ich dich zu fassen kriege! Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, hier rumzuflattern?“

Es war die altbekannte Musik, aber eigentlich waren die Männer der „Isabella“ recht froh darüber, ihren Profos mitten im Sturm so angeregt brüllen und fluchen zu hören. Wenn Carberry nämlich nicht mehr lärmte, war die Lage wirklich ernst, oder, anders ausgedrückt: Solange er brüllte, waren er und die Crew gesund, und längst nicht alle Zeichen standen auf Sturm.

So herrschte bei Hasards Männern Zuversicht. Die „Isabella“ war eine „mit Schätzen bis zur Halskrause vollgestopfte Lady“, wie Ferris Tukker zu sagen pflegte, sie hatte beachtlichen Tiefgang, aber trotzdem, man würde es schon schaffen, die „verdammte Bucht“ anzulaufen.

Carberry stieß einen beruhigten, grunzenden Laut aus, als das Großsegel im Gei hing. Der Wind aus Westsüdwest bauschte jetzt nur noch die Blinde unter dem Bugspriet. Die „Isabella“ lief allmählich langsamer, hatte aber immer noch genügend Geschwindigkeit, um bis in die Bucht zu laufen, die man jetzt mehr ahnen als sehen konnte.

Carberrys linke Hand löste sich vom Manntau und schoß hoch. Sie unterbrach Sir Johns Flugbahn. Der karmesinrote Aracanga krächzte und kreischte erbost, aber alles Geplärr und Flügelschlagen nutzte ihm nichts. Carberry war unerbittlich. Er stopfte sich den Papagei ins Wams und sagte: „So, und da bleibst du jetzt, bis du keinen anderslautenden Befehl erhältst, du Nebelkrähe. In dem Scheißwind könnten wir dich leicht verlieren, und was tun wir dann, he?“

Darauf wußte Sir John selbstverständlich keine Antwort zu geben. Er lugte aus des Profos’ Wamsausschnitt hervor, hütete sich aber, noch weiter hervorzukrabbeln, weil er wußte, daß der Profos dann wirklich rabiat wurde.

Carberry hielt nach allen Seiten Ausschau. Sollten sich Philip und Hasard, diese Lümmel, erdreisten, ihre naseweisen Gesichter aus einer Luke oder einem Schott hervorzustrecken, würde er ihnen gehörig den Marsch blasen.

Aber die Söhne des Seewolfes zeigten sich nicht. Sie blieben unter Deck – im Mannschaftslogis, das bei Sturm und Gefecht zu ihrem Refugium geworden war. Kinder vergaßen schnell, aber die Erinnerung an das, was nördlich von Tanger in der Straße von Gibraltar geschehen war, schien unauslöschlich in den beiden Siebenjährigen zu sein. Einer von ihnen war über Bord gegangen, und der Seewolf hatte ihn nur knapp vor dem Ertrinken retten können.

Einer der beiden, aber, Teufel auch, welcher war es gewesen? Philip oder Hasard? Carberry stieß einen ellenlangen Fluch aus. Hol’s der Henker, er hatte es immer noch nicht gelernt, die Zwillinge auseinanderzuhalten. Sie ähnelten sich wie ein Ei dem anderen. Und man konnte schließlich nicht ständig nach den Haifisch-Symbolen suchen, die Keymis, dieser Schurke, seinerzeit auf ihre Schulterblätter hatte tätowieren lassen.

Der Profos lenkte seine Gedanken in andere Bahnen. Er legte den Kopf in den Nacken und spähte zum Großmars hinauf.

„Bill!“ brüllte er. „Bursche, bist du noch da, oder hat es dich von deinem Posten gerissen?“

„Alles in Ordnung, Mister Carberry“, antwortete Bill, der Schiffsjunge und Ausguck der „Isabella“, von seinem luftigen Standort.

„Kannst du die Bucht noch sehen?“

„Nein, Sir.“

„So ein Mist“, sagte der Profos. „Dann müssen wir uns jetzt doch in die Bucht hineintasten wie blinde Seehunde.“

„Ja“, sagte Matt Davies, der sich gerade in seiner Nähe befand. „Nach dem Leitsatz: Wenn es bummst, noch einen Yard.“

„Der Teufel soll dich und deine blöden Sprüche holen, Davies!“ rief Carberry in den Sturm.

„Das mußt du auch gerade sagen, Profos“, erwiderte Matt. Er sagte es aber nur halblaut, so daß Carberry ihn nicht verstehen konnte. Das war gut so, denn Ed Carberry als der Zuchtmeister und Hüter der Borddisziplin konnte fuchsteufelswild werden, wenn man ihm Kontra gab.

Ben Brighton hatte sich zu Hasard, Smoky und Old O’Flynn auf die Back gesellt. Angestrengt blickten die Männer voraus, und immer wieder gab der Seewolf Anweisungen nach achtern.

Rudergänger Pete Ballie tat sein Mögliches, um die „Isabella“ sicher in die Felsenbucht zu dirigieren. Der Schweiß der Anstrengung lief ihm übers Gesicht. In diesen Minuten hing alles von ihm ab.

Endlich rauschte das Schiff durch die Einfahrt der Bucht, die sich nun doch als breiter erwies, als die zweiundzwanzig Männer anfänglich angenommen hatten.

Mit dem letzten achterlichen Schub, den die „Isabella“ durch den Sturmwind erhielt, drehte Pete Ballie bei, ohne Gefahr zu laufen, daß das Schiff querschlug – bis auf die Blinde hingen ja sämtliche Segel im Gei.

Hasards Befehle tönten durch die Dunkelheit. Der Anker klatschte ins Wasser und sank tief, bis er Grund fand. „Hurra!“ rief Bill aus dem Großmars. „Wir haben es geschafft!“

Hasard lächelte seiner Crew zu. Er winkte den Kutscher heran und sagte: „Ich spendiere eine Ration Whisky für die gesamte Mannschaft. Laß die Kerle aber nicht zu tief in die Flasche gucken. Wir befinden uns immerhin in feindlichem Gebiet und müssen heute nacht Posten aufstellen, die in der Lage sind, anrückende Dons rechtzeitig zu erkennen.“

„Aye, Sir.“

„Ich rechne bei diesem Wetter mit keinem Angriff von Land her“, sagte der Seewolf. „Aber man muß trotzdem immer auf alles gefaßt sein.“

Er ahnte nicht, wie knapp sie dem Unheil schon entronnen waren. Keine Meile weiter nördlich erstreckte sich das gefährliche Riff, das schon manchem Schiff, das sich zu dicht unter Land gewagt hatte, zum Verhängnis geworden war. Auf die scharfkantigen Unterwasserfelsen zu laufen, wäre auf jeden Fall ein größeres Verhängnis gewesen als eine Auseinandersetzung mit den Spaniern oder Portugiesen.

2.

Alvaro Monforte, der Kapitän der portugiesischen Kriegsgaleone „Sao Sirio“, hatte allen Grund, auf die Seefahrt, auf den Sturm und auf Lucio do Velho zu fluchen und den Auftrag, der ihn und seine Männer hierher geführt hatte, bis in die tiefsten Schlünde der Hölle zu verdammen.

Das Flaggschiff „Candia“ war seit einer halben Stunde nicht mehr zu sehen. Und die Galeone „Sao Joao“, die Karavellen „Extremadura“ und „Santa Angela“? Auch über ihr Schicksal war Monforte nichts bekannt, denn er hatte auch sie längst aus den Augen verloren.

Unaufhaltsam strebte die „Sao Sirio“ der portugiesischen Küste entgegen. Monforte hatte natürlich Sturmsegel setzen lassen, aber es gelang ihm nicht, den Nordkurs zu halten. Zu heftig orgelte der Westsüdwest-Wind.

Die „Sao Sirio“ taumelte als Nachzügler des Verbandes in den Wogen des Atlantiks allein, den Naturgewalten ausgeliefert.

Monforte wünschte dem Kommandanten Lucio do Velho die Pest an den Hals, denn seiner Meinung nach verhielt sich der Mann geradezu unmenschlich. Rechtzeitig beim Schlechterwerden des Wetters hätte der Comandante sich darum bemühen müssen, einen geschützten Platz an der Küste anzulaufen. Es war verantwortungslos, einen ganzen Verband dem Sturm preiszugeben.

Aber so war es immer gewesen, wenn do Velho Jagd auf den Seewolf gemacht hatte. Ohne Rücksicht auf Mann und Material ging er vor, und damit handelte er sich den Haß seiner Untergebenen ein. In der Tat war er der starrsinnigste, skrupelloseste Geschwaderführer, den die Armada je gesehen hatte. Bis zur Meuterei hatte do Velho seine Männer getrieben, ohne jedoch seine Fehler einzusehen. Der einzige Mann, der in unerklärlicher Treue und Ergebenheit zu ihm hielt, war Ignazio, der Bootsmann der „Candia“.

„Senor!“ rief der erste Offizier der „Sao Sirio“ von der Kuhl zum Achterdeck hinauf. „Der Fockmast hat eine Bruchstelle. Wir wissen nicht, wie lange er noch hält!“

„Bis zur Küste ist es nicht mehr weit!“ schrie Alvaro Monforte zurück. „Solange müssen wir durchhalten, um jeden Preis! Wir suchen einen geschützten Ankerplatz und warten das Ende des Sturms ab!“

Der Erste blickte ihn sekundenlang schweigend an.

„Sagen Sie das den Männern“, befahl Monforte gereizt.

„Si, Senor.“

Der Erste verschwand in den Gischt- und Regenschleiern, die die Kuhl überzogen. Er wußte so gut wie sein Kapitän, daß sie es nicht schaffen würden, irgendwo vor Anker zu gehen. Bei jedem Versuch, sich vor den weiteren Entwicklungen des Sturmes zu schützen, mußten sie mit ihrem Schiff an der Küste zerschellen, von der sie wußten, daß sie in dieser Gegend steil und felsig war.

Aber es war gut, sich an seine Hoffnung zu klammern. So vermessen es auch war, an einen glücklichen Ausgang des Abenteuers zu denken – die Männer der „Sao Sirio“ hielten mit aller Macht daran fest.

Ein neuer Brecher tobte über die Decks des Schiffes. Alvaro Monforte mußte seinen Platz auf dem Achterdeck räumen, wenn er nicht außenbords gespült werden wollte. In den Manntauen hangelte er auf die Kuhl hinunter und verständigte sich mit seinen Seeleuten und Soldaten, die in ungewohnter Einigkeit darum kämpften, die Masten und Rahen, das laufende und stehende Gut vor den Hieben des Wetters zu retten.

Monforte arbeitete sich mit seinem ersten Offizier, dem Schiffszimmermann und zwei Helfern bis zur Back vor. Sie versuchten, den Fockmast durch zusätzliche Laschungen zu sichern. Der Zimmermann klomm in den Luvwanten des Fockmastes hoch, um eine der Laschungen anzubringen.

Wild tanzte das Schiff in den Wogen. Es heulte und pfiff, knarrte und dröhnte, und das Rufen der Besatzung ging in dieser immer lauter werdenden Höllenmusik unter.

Längst hatte der Ausguck der „Sao Sirio“ auf Monfortes Befehl hin den Großmars geräumt. Aber er hätte die geschützt liegende Felsenbucht an der nahen Küste auch dann nicht erkannt, wenn er sich noch auf seinem Posten befunden hätte. Zu dunkel war es geworden. Die Portugiesen konnten auf diese knappe Distanz nicht einmal die drohend aufragenden Klippfelsen sehen.

Plötzlich brach der Fockmast.

Mit ihm gingen auch die Wanten, die Pardunen, Schotten, Brassen und Fallen außenbords. In den Webeleinen der Luvwanten hing der Schiffszimmermann. Sein Gesicht war in Todesangst verzerrt, er versuchte, sich zu retten, indem er bis auf die Rüsten der Backbordseite hinabgelangte, doch es mißlang.

Ein einziger Aufschrei gellte über Deck, als der Zimmermann in den Fluten versank. Er tauchte nicht wieder auf. Alle hatten sein Ende mitverfolgt, und die Furcht vor einem ähnlich schrecklichen Tod wuchs ins Uferlose.

Monforte wußte, daß er die Panik nicht mehr bremsen konnte, wenn er nicht eisern blieb. Mit barscher Stimme erteilte er seine Befehle. Die Männer kappten das laufende und stehende Gut des Fockmastes und hieben schließlich mit Äxten auf den Stumpf ein, an dem er noch hing. Zu sehr krängte die „Sao Sirio“ jetzt nach Steuerbord, sie drohte wegen der Last des zerstörten Mastes querzuschlagen.

Wütend hackten die Männer auf das splitternde Holz ein. Der Fockmast war ihr Feind geworden, er führte ihren Untergang herbei. Je rascher sie sich seiner entledigten, desto größer wurde die Chance, das Unglück weiter hinauszuzögern.

Wie lange dauerte es aber noch, bis der Sturm sie endgültig vernichtete? Keiner dachte darüber nach, keiner äußerte die gräßliche Ahnung, die sie alle gepackt hatte.

Der Fockmast lag frei. Er löste sich von Bord der Galeone, rutschte ganz in die aufgewühlte See und war wenig später samt seiner Rahen und seinem übrigen Beiwerk in den Fluten untergetaucht.

Die Galeone richtete sich wieder ein wenig auf. Ein erlöster Ausdruck stand auf den Gesichtern der Männer zu lesen – jedoch nur für kurze Zeit.

Es war noch nicht vorbei. Das Inferno stand ihnen noch bevor. Fast zielstrebig jagte die „Sao Sirio“ auf ihr Verhängnis zu. Sie schien die Nähe der gefährlichen Unterwasserfelsen zu suchen, und doch, es war ein furchtbarer Zufall, daß das Schiff ausgerechnet in Richtung des Riffs gedrückt wurde.

Von der Existenz des Riffs erfuhren die Portugiesen erst, als sich das Schicksal nicht mehr abwenden ließ. Giganten und Dämonen der Tiefsee schienen jäh mit riesigen Hämmern auf den Kriegssegler einzuschlagen, so hörte es sich an. Da war ein Dröhnen und Krachen, das alles andere übertönte, und ein gewaltiger Ruck lief durch das ganze Schiff. Monforte spürte, wie seine Galeone hochgehoben wurde, und er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte.

Dann schrie es auch der erste Offizier: „Wir laufen auf!“

Niemand konnte sich auf den Beinen halten. Alle fielen, als die „Sao Sirio“ ihren Rumpf auf das schartige Riff setzte, die Felsen die Planken wie lächerliches Weichholz knackten und Wasser rauschend durch die Lecks eindrang.

Das Schiff krängte mehr und mehr. Alvaro Monforte sah Männer über das Deck schießen und hörte sie brüllen, als sie im Strudel der Fluten übers Schanzkleid glitten und in der See verschwanden. Er klammerte sich an einem Manntau fest, schloß die Augen in ohnmächtigem Entsetzen und flüsterte: „Ave Maria, heilige Mutter Gottes, barmherzige Jungfrau Maria, steh uns bei.“

Urmächte richteten sich zu allen Seiten der Galeone auf, Klauen der Finsternis schienen sich nach den Männern auszustrecken. Die „Sao Sirio“ brach auf dem, Riff auseinander, neue Schläge trafen sie. Seeleute, Soldaten und Offiziere wurden wild durcheinandergewirbelt.

„Die Beiboote abfieren!“ rief der Kapitän noch. Aber er selbst war sich im klaren darüber, wie unsinnig diese Order war. Auch die Boote zerschellten. Alles ging im Brüllen und Tosen des Sturmes unter.

Die Männer bekreuzigten sich und bekannten ihre Sünden, flehten um Gnade und Erbarmen. Einige sprangen freiwillig ins Wasser, denn die „Sao Sirio“ war jetzt eine tödliche Falle, die jeden Augenblick alle noch Lebenden unter ihren Trümmern begraben konnte.

Monforte stieß sich den Hinterkopf an einem über Deck trudelnden Balken des zerfetzten Schanzkleides. Es dröhnte in seinem Schädel, fast schwanden ihm die Sinne. Er wußte nicht mehr, wo der erste Offizier war, wo die anderen Offiziere, wer noch lebte, wen es erwischt hatte – er sah nur eine düstere, wogende Masse aus Leibern vor sich. Er hörte das Geschrei und das Heulen aller Dämonen der Hölle, das Orgeln von Feuerstürmen. Und er glaubte, gleichzeitig bronzene Glocken tönen zu hören und die Apokalyptischen Reiter herangaloppieren zu sehen.

Alles brach in sich zusammen, alles versank in erlösender Finsternis.

Alvaro Monforte befand sich auf einer schwarzen Rutschbahn geradewegs in den Höllenschlund. Ein letzter Gedanke gab ihm ein, daß dieses Abtreten von der Weltbühne doch letztlich genauso war, wie er es sich in seinen finstersten Träumen immer vorgestellt hatte.

Monforte tauchte in das Fegefeuer ein, aber es war erstaunlicherweise nicht heiß, sondern kalt, ernüchternd. Er drehte sich um die Körperachse und arbeitete verzweifelt mit Händen und Füßen wie ein in den Fluß geworfener Hund. Etwas schnürte seine Kehle zu, etwas drückte heftig auf seine Brust, aber er hatte dann doch das Gefühl, Auftrieb zu haben und nach oben zu schießen.

Konturen glitten an ihm vorbei, er sah wieder, gewahrte Düsteres, Undefinierbares – Felsen? Wrackteile? Menschen?

Er geriet endlich mit dem Kopf über Wasser, schnappte japsend nach Luft und griff instinktiv nach dem ersten Gegenstand, der ihm zwischen die Finger geriet. Es war ein Stück Schiffsbalken, ein letztes trauriges Andenken der „Sao Sirio“. Monforte erschien der Balken in diesem Augenblick wie ein Geschenk des Himmels. Er klammerte sich daran fest, bewegte die Beine und trieb durch die Sturmsee.

Wohin? Er wußte es nicht.

Ein Kopf tauchte neben ihm aus dem Wasser auf. Monforte erkannte seinen ersten Offizier und streckte eine Hand nach ihm aus. Er packte den Haarschopf des Mannes und zerrte ihn zu sich heran. Mit letzter Kraft hielt sich auch der Erste an dem Schiffsbalken fest.

Zwischen Wogenhängen und brüllenden Schlünden schossen sie dahin und stammelten ihre Gebete.

„Es ist aus, Capitán!“ stieß der erste Offizier aus.

„Nein, Reto!“ Zum erstenmal nannte der Kapitän seinen Untergebenen bei dessen Vornamen. „Wir schaffen es! Wir schwimmen – bis zum Ufer!“

„Si, Senor.“

„Es kann nicht mehr weit sein.“

„Si, Senor. Ich glaube aber, die Entfernung ist immer noch groß genug!“ schrie Reto, der Erste, verzweifelt. „Wir saufen trotzdem ab.“

„Sind Sie wahnsinnig?“

„Ich sage nur, wie es ist!“

„Reißen Sie sich zusammen!“

„Jawohl, Kapitän“, würgte Reto hervor. „Ersaufen wir zusammen.“

„Land!“ schrie Monforte plötzlich. „Ich sehe es – das Land! Die Küste!“

„Strand“, stammelte Reto.

„Nein, es sind Felsen. Wir müssen aufpassen, daß wir nicht darauf zerschmettert werden.“

Alvaro Monforte blickte über die Schulter zurück und sah zu seinem Entsetzen einen riesigen Brecher, der grollend und gischtend auf sie zurollte. Zweifellos würde er sie hochheben und bis zu den Klippfelsen befördern – wenn er sie nicht schon auf halbem Weg ertränkte.

3.

Der Seewolf hatte an Land drei Doppelposten aufziehen lassen, die nach jeweils acht Glasen abgelöst wurden. Er wollte in jeder Hinsicht die Gewißheit haben, daß die Portugiesen oder die Spanier ihn nicht von Land her überraschen konnten. Nach dem Überfall auf Cadiz mußten die Dons geradezu versessen darauf sein, Drake und dessen Mitstreiter zu jagen. Und auch sonst war es klug, keine Vorsichtsmaßnahme auszulassen. Während ihrer Fahrten um den Erdball hatten die Seewölfe immer wieder erleben müssen, welch unglaubliche Überraschungen in unbekannten Gegenden auftreten konnten.

Matt Davies und Dan O’Flynn hatten freiwillig den ersten Doppelposten übernommen, der den nördlichen Bereich des Buchtufers kontrollierte. Sie hockten in einer Felsennische knapp unterhalb des höchsten Punktes der Klippen und unterhielten sich gedämpft, während die Brandung gegen die Küste donnerte und das Seewasser in der Bucht gischtete und rauschte.

Dan O’Flynn hob plötzlich den Kopf. „Matt, da war etwas.“

„Wie meinst du das? Kriegen wir jetzt etwa auch noch ein Gewitter aufs Haupt?“ fragte der Mann mit der Hakenhand verdutzt.

„Nein, glaube ich nicht. Ich habe ein Krachen gehört, als ob Holz zerbricht.“

„Was denn, mitten im Sturm?“

„Matt, wer gute Augen hat, hat auch gute Ohren.“

„Meistens ja, und es ist bekannt, daß deine fünf Sinne geschärft sind“, entgegnete Matt Davies. „Aber wie du diesen – diesen Laut durch dieses elende Getöse hindurch mitgekriegt haben willst, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel.“

„Und da war noch etwas anderes – ein Schrei.“

„Teufel, und das soll mir entgangen sein?“

„Matt“, sagte der junge O’Flynn. „Du warst eben doch wohl mehr auf unser Gespräch konzentriert.“

Der Hakenmann holte tief Luft. „Und ich sage, du täuschst dich, Dan. Weißt du was? Im Sturm glauben manche Leute, die Meersirenen singen und den Wassermann grölen zu hören – angefangen bei deinem Alten.“

„Jetzt hör aber auf“, entrüstete sich Dan.

Sie waren drauf und dran, sich in die Haare zu kriegen, aber Dan O’Flynn bog den Streit auf seine Art ab, indem er sagte: „Hör zu, Matt, ich steige jetzt kurz auf die Klippfelsen und sehe oben nach dem Rechten, klar?“

„Einverstanden. Du hast ja selber schuld, wenn du naß wirst.“

Dan beachtete Matts griesgrämige Miene nicht weiter. Er grinste sich eins, als er die Nische verlassen hatte und Matt ihn nicht mehr sehen konnte.

Beim Aufstieg in die höhergelegene Felsenregion mußte Dan darauf achtgeben, nicht auszurutschen und schneller auf den schmalen Streifen Kiesstrand zurückzukehren, der rund zwanzig Yards unter ihm lag, als ihm dies zu Fuß möglich gewesen wäre. Wind und Regen erschwerten das Klettern, der rauhe Untergrund war naß und glitschig.

Dans Haare waren durchnäßt, als er auf dem kleinen Plateau anlangte, das gleichsam einen natürlichen Aussichtspunkt auf den Klippfelsen darstellte. Matt und Dan hatten diesen Platz entdeckt, als sie das Terrain inspiziert hatten. Etwas später hatten sie sich dann in die trockene Nische zurückgezogen, von wo aus sie immer wieder Erkundungsgänge in die nähere Umgebung unternehmen wollten.

Dan richtete sich auf. Zu seinen Füßen erstreckte sich die Bucht, in der er mit Mühe die „Isabella VIII.“ liegen sehen konnte. Das Beiboot, mit dem Matt, er und die anderen Wachen auf dem Kiesstrand gelandet waren, war von hier aus schon nicht mehr zu erkennen.

Dan drehte sich im heulenden Wind und blickte nach Nordwesten auf die offene See hinaus. Er versuchte zu ergründen, welche Ursache die Geräusche gehabt haben mochten. Sie schienen aus jener Richtung herübergedrungen zu sein, aber er erspähte nichts. Eine Wand aus Gischt und Regen baute sich vor ihm auf.

Unvermittelt erstarrte seine Gestalt. Wieder hatte ihn etwas stutzig gemacht – ein Laut hinter seinem Rücken.

Das Zusammenschlagen zweier Steine mochte es gewesen sein, vielleicht durch den Sturmwind hervorgerufen. Aber Dan war auf der Hut. Plötzlich fuhr er herum. Er strauchelte fast, weil der Wind ihn aus dem Gleichgewicht warf, fing sich aber wieder und zog die Pistole aus dem Ledergurt seiner Hose.

Zwischen den Felsen, die etwas weiter landeinwärts lagen, erkannte er die Umrisse einer menschlichen Gestalt.

Nein, Matt Davies war das nicht, und auch keiner der anderen beiden Doppelposten, soviel war Dan sofort klar. Erstens kroch kein Seewolf einem Kameraden hinter dem Rücken herum, ohne sich zu erkennen zu geben. Und zweitens handelte es sich bei dieser Gestalt – Dan sah es ganz deutlich – um eine ausgesprochen schlanke, fast schmächtige Person.

Ähnlichkeit damit hätte allenfalls der Kutscher aufweisen können. Oder Bill, der Schiffsjunge. Aber die befanden sich an Bord der „Isabella“ und rührten sich garantiert nicht von dort fort.

Dan hob die Pistole und spannte den Hahn.

„Halt, stehenbleiben!“ rief er.

Die Gestalt war zwischen den Felsen verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Dan war nicht nur neugierig geworden, mit wem er es wohl zu tun haben konnte, er witterte jetzt auch Gefahr und nahm die Verfolgung auf. Mit einem Satz war er zwischen den Felsen, die das kleine Plateau säumten, und hetzte geduckt auf nassem Geröll dahin.

Er stolperte und fiel, hatte sich aber schnell wieder aufgerappelt. Fluchend hastete er weiter.

Mit einemmal hatte er die mysteriöse Gestalt wieder vor sich, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Schlagartig tauchte sie wieder hinter mächtigen Steinquadern unter. Da nutzte es nichts, daß er seine Aufforderung wiederholte, der Wind trug seine Worte fort und zerstreute sie, mit seinem Heulen schien er sich über den jungen Mann lustig zu machen.

Dan beschloß, dem Fremden einen Warnschuß über den Kopf zu jagen, sobald dieser sich wieder zeigte. Im Sturm konnte das Krachen nur ein paar Yards weit zu hören sein. Dan wollte ein gewisses Risiko, weiter im Landesinneren vernommen zu werden, eingehen. Hauptsache, er konnte diesen rätselhaften Beobachter einschüchtern und stoppen.

Doch es kam anders.

Die Bewegung über seinem Kopf registrierte er etwas zu spät. Von einem der Quader schwebte die Gestalt plötzlich auf ihn nieder, und ehe er die Pistole auf sie richten konnte, hatte sie ihn erreicht, warf ihn mit ihrem Gewicht nieder und begrub ihn unter sich.

Sie lagen auf dem Gestein ineinander verkeilt und balgten sich. Dan hatte die Pistole aus der Hand verloren. Er hätte sich für seinen Leichtsinn und für seine Unachtsamkeit selbst ohrfeigen können.

Durch den Regen, der in sein Gesicht prasselte, konnte er erkennen, daß sein Gegner ein Junge war. Vielleicht war er ein oder zwei Jahre älter als Bill, der Moses. Seine Züge waren jedoch erheblich weicher als die von Bill, der im Laufe der Zeit schon ein richtig harter Seemann geworden war.

Was, und von so einem Milchgesicht läßt du dich unterkriegen? schoß es dem jungen O’Flynn durch den Kopf. Er fühlte es heiß in sich aufsteigen, seine Ohren schienen plötzlich zu glühen. Er war in seiner Ehre berührt – das ließ er nicht auf sich sitzen.

Mit einem Ruck befreite er sich, als der Knabe ihm gerade einen Fausthieb verpassen wollte. Dan setzte nach, packte zu und erwischte die Handgelenke des Gegners. Er warf die schlanke Gestalt von sich ab, richtete sich halb auf und preßte den Gegner mit dem Rücken gegen die nächste Felswand, ehe dieser noch irgend etwas unternehmen konnte.

„So, jetzt ist das Spiel aus“, sagte Dan grimmig. „Hast du dir eingebildet, du könntest mich niederschlagen? Da mußt du früher aufstehen, Freundchen.“

Der Junge musterte ihn aus großen, dunklen Augen. Angst flackerte in diesen ausdrucksvollen Pupillen auf.

„Ich verstehe nicht“, antwortete er auf portugiesisch.

„Richtig, in meiner Wut habe ich englisch gesprochen“, sagte Dan nun auf spanisch. Portugiesisch konnte er nicht, zwischen beiden Sprachen bestanden doch ganz erhebliche Unterschiede. Er fixierte sein Gegenüber. „Kapierst du jetzt, was ich sage?“

„Sir. Du bist – ein Inglés?“

„Ire“, behauptete Dan der Vorsicht halber. Er konnte nicht wissen, was sich aus dieser Begegnung noch ergab, bestimmt war es besser, sich von vornherein nicht als Feind zu erkennen zu geben. Irland, auch ein erbitterter Gegner Englands, unterhielt beste Beziehungen zu dem Vereinigten Königreich Spanien-Portugal.

„Ich habe Angst vor dir“, sagte der Jüngling mit erstaunlich heller Stimme. Er sprach jetzt ein nicht akzentfreies Spanisch.“

„Warum hast du mich angegriffen?“ wollte Dan wissen.

„Ich dachte, du würdest auf mich schießen.“

„Du hättest dich von Anfang an anders verhalten können“, erwiderte Dan. „Warum hast du mich bespitzelt? Warum bist du davongelaufen? Ich mußte ja mißtrauisch werden. Was hast du hier überhaupt verloren, noch dazu bei einem solchen Wetter?“

„Es ist Zufall, daß ich hier bin.“

Dan lächelte spöttisch. „Hör mal, das mußt du jemandem erzählen, der sich die Hose mit der Kneifzange anzieht. Junge, ich glaube, ich nehme dich mit auf unser Schiff. Da kannst du unserem Kapitän deine Lügen auftischen.“

„Ich bin kein Junge …“

Was dann? wollte Dan O’Flynn aufgebracht fragen, aber er verkniff es sich, denn plötzlich war es ja offensichtlich. Mit einemmal fiel ihm auf, daß sich die Brustpartie des „Knaben“ erstaunlich hervorwölbte und daß „der Portugiese“ erheblich mehr Haar unter seiner Mütze tragen mußte, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

Sie standen sich im Regen gegenüber, zwei triefend nasse Gestalten, und ihre Blicke verfingen sich ineinander.

Dan räusperte sich, dann meinte er: „Das wird ja immer schöner. Was hat denn ein Mädchen in einer Sturmnacht wie dieser auf den Klippfelsen zu suchen?“

„Ich werde es dir sagen, ganz bestimmt.“

„Weißt du was? Du scheinst ein hübsch ausgekochter Satansbraten zu sein, Querida.“

„Ich heiße Segura.“

„Also schön, Segura. Mein Name ist Dan. Wollen wir jetzt mit offenen Karten spielen oder nicht?“

„Du bist kein Pirat?“ fragte sie zaghaft.

„Nein. Soll ich es dir schwören?“

„Nicht nötig“, erwiderte sie in kindlich wirkender Weise. „Laß mich jetzt meine Schwester rufen. Ich glaube, sie kommt um vor Angst.“

„Was? Deine Schwester?“

„Franca – sie hat sich zwischen den Felsen versteckt.“

„Meinetwegen“, sagte Dan O’Flynn, der plötzlich doch daran glaubte, zuviel von dem von Hasard spendierten Whisky in sich hineingegossen zu haben. „Ich hoffe, dein Schwesterlein schießt mich nicht über den Haufen und sticht mir auch kein Messer in den Leib“, fügte er hinzu.

Segura steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen grellen Pfiff aus. Keine halbe Minute verstrich, und eine noch zierlichere Gestalt löste sich aus der Dunkelheit und aus dem Grauschwarz der häßlichen Felsen.

Eine kindliche Schönheit, die Segura stark ähnelte, aber noch nicht ihre weiblichen Reize hatte. Franca trat neben ihre Schwester, richtete ihren feindseligen Blick auf den jungen Mann und hielt sich an Seguras Arm fest.

„Das wird ja immer besser“, stammelte Dan O’Flynn. Verdammt, warum stammelst du eigentlich? fragte er sich ärgerlich. Er leckte sich die Lippen, um das trockene Gefühl loszuwerden, das plötzlich in seinem Mund spürbar wurde. Er suchte nach Worten, aber Segura und Franca wichen jetzt einen Schritt zurück. Sie hatten sein hastiges Zungenspiel völlig falsch ausgelegt.

„Du gieriger Hund“, stieß die halbwüchsige Franca aus. „Bilde dir ja nicht ein, du könntest uns mißbrauchen. Zu zweit sind wir stark, verstanden?“

Sie sprach reines Protugiesisch, aber Dan hatte trotzdem keine Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Er holte tief Luft, fuhr sich mit der Hand übers Kinn und rief dann: „Ihr habt sie wohl nicht mehr alle! Glaubt ihr, ich sei derart heruntergekommen und verwildert, daß ich mich an – an zwei Bohnenstangen wie euch vergreife?“

Bohnenstangen, das Wort beleidigte die hübsche schwarzhaarige Segura zutiefst. Sie blickte zu Boden, während ihre kleine Schwester den Fremdling weiterhin zornig anfunkelte.

„Wie alt seid ihr eigentlich?“ erkundigte sich Dan.

„Dreizehn und siebzehn“, gab Franca zurück. „Aber das geht dich einen Dreck an.“

„Warum verrätst du es mir dann?“ Dans Mundwinkel zuckten amüsiert.

„Ich könnte mir auf die Zunge beißen, daß ich es getan habe“, zischte die kleine Amazone. „Aber mehr erfährst du nicht, du Hundesohn. Komm her und kämpfe, wenn du Mut hast. Wir verteidigen unsere Ehre, nicht wahr, Segura, unsere Ehre …“

„Hör auf“, sagte Segura.

Dan wollte energisch werden, aber in diesem Moment ertönte hinter ihm Matt Davies’ Stimme.

„Dan, wo steckst du Himmelhund denn bloß? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Hölle und Teufel, wie kannst du so ganz allein durch den Sturm krauchen und dich so weit von unserem Stützpunkt entfernen? Weißt du, was ich glaube, Dan O’Flynn?“

Dan drehte sich um und sagte: „Sag’s mir, Matt.“

Matt Davies blieb wie vom Donner gerührt zwischen zwei Felsblöcken stehen. Er hatte jetzt die Sicht frei auf Dan und die beiden Mädchen. „Ich, äh – ich bin der Meinung, du hast zuviel Whisky gesoffen“, stieß er verblüfft hervor.

„Ja, ich fühle mich auch so richtig betrunken, Matt.“

„Das da – ist das eine Hallu … eine Hallu …“

„Nein, es ist keine Halluzination“, entgegnete Dan. Er sah sich wieder zu den Mädchen um und stellte fest, daß Segura sich jetzt ihrer Mütze entledigt hatte – trotz des Regens. Langes schwarzes Haar fiel in lockiger Pracht auf ihre Schultern hinab.

„Ich verstehe nicht, was ihr auf englisch redet“, sagte sie mit verkniffener Miene. „Aber ich bin bereit, dir zu zeigen, was die ‚Bohnenstange‘ zu bieten hat, Fremder. Ich lasse mich von dir nicht beleidigen.“

„Allmächtiger“, stotterte Matt, der wie jeder Seewolf des Spanischen mächtig war. „Himmel, nein, bei allem, äh – Wohlwollen, laß deine Bluse auf dem Leib, Senorita.“

„Also, das wird ja immer verzwickter“, sagte Dan. „Segura und Franca, wollt ihr jetzt endlich mit der Wahrheit rausrücken, was ihr hier tut, oder müssen wir tatsächlich zu drastischeren Mitteln greifen?“

Segura sah zu Matt. „Ihr seid keine Piraten, Ire?“

Matt schaute Dan an, verstand dessen Zeichen und schüttelte den Kopf. „Kauffahrer aus Dublin, die zwar dem Teufel ein Ohr absegeln, sonst aber nichts Arges tun.“

„Bringt uns zu eurem Kapitän“, sagte das Mädchen.

Alvaro Monforte hatte wieder das Bewußtsein verloren. Innerlich hatte er mit seinem Dasein abgeschlossen, als er sich der neuen Situation bewußt wurde, in der er sich befand.

Die Nässe umgab ihn, hüllte ihn ein, ließ ihn zittern. Irgendwo weiter unten war das Donnergrollen der Brandung. Als der Kapitän den Kopf hob und Augen und Mund öffnete, stob Gischt in seinen Mund. Er spuckte aus, schüttelte sich, klammerte sich dann aber entsetzt fest, weil er abzurutschen drohte.

Verzweifelt schaute er sich um.

Er lag bäuchlings auf einem gewaltigen Felsen, einem Brocken mitten in der Sturmbrandung unweit des eigentlichen Ufers. Mächtig und drohend ragten die Klippen in die Nacht auf. Sie waren stumme Riesen, die sich jeden Augenblick auf den Schiffbrüchigen stürzen konnten.

Trugbilder gaukelten an Monfortes geistigem Auge vorbei. Sie zehrten an den Nerven des zerschundenen Mannes und ließen ihn aufstöhnen. Aber dann besann er sich darauf, daß er der Capitán eines portugiesischen Kriegsschiffes war, ein Mann der Armada, ein Seemann ohne Furcht und Tadel – solange er noch lebte, konnte ihn nichts in die Knie zwingen.

Der Balken seines zerstörten Schiffes war fort, er konnte sich an nichts mehr festklammern. Wo Reto, der erste Offizier, steckte, wußte Monforte nicht, er wagte nicht, über das Schicksal des Mannes weiter nachzudenken.

Wie ein Wunder mutete es an, daß der gewaltige Brecher Monforte auf den Felsen gespült hatte, ohne ihm sämtliche Knochen im Leib zu brechen und seinem Leben ein Ende zu bereiten. Nein, er sollte noch nicht sterben. Seine Stunde war noch nicht gekommen.

Mit dieser Erkenntnis vollzog Monforte seine nächsten Handlungen. Die Gewißheit, ein Wunder erfahren zu haben, verlieh ihm Kraft und seelischen Auftrieb.

Er wagte es, sich von dem Felsen ins Wasser gleiten zu lassen, und brachte es fertig, die restliche Distanz zum Ufer durch Schwimmen zu überbrücken. Er blieb auf grobem grauen Kies liegen und atmete heftig. Wogen leckten über seinen Rükken, umspülten seinen ganzen Körper und schienen ihn noch jetzt ertränken zu wollen.

Endlich richtete Monforte sich wieder auf. Er taumelte in Gischt und Schaum an den steil aufragenden Klippfelsen entlang und suchte nach einem Einstieg, nach einem Weg ins Landesinnere. Immer wieder blickte er auch zudem Platz, an dem sich seiner Überzeugung nach das Riff befinden mußte. Aber er konnte weder die tückische Felsenbarriere noch die Reste seiner Galeone entdecken.

Er verharrte, als er eine Männerstimme hörte.

„Capitán!“

„Reto!“ stieß Monforte aus. „Heilige Mutter Gottes, er lebt …“

„Capitán, hierher!“

Alvaro Monforte strebte auf den Klang der Stimme zu. Er fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht und stieß ein trockenes Schluchzen aus, bevor er den ersten Offizier der „Sao Sirio“ erreichte. So fühlte er sich freier, etwas von der Tonnenlast, die auf seinen Schultern und auf seinem Gemüt zu liegen schien, löste sich auf.

Die Gestalt des Ersten schälte sich jetzt aus der Dunkelheit. Mitten im Fels stand Reto, und erst beim Näherkommen stellte der Kapitän fest, daß der Mann in eine Art Bresche getreten war, die in das zerklüftete Gestein hinaufführte.

„Zu Ihren Diensten, Kapitän“, sagte Reto. „Bei mir sind noch drei Männer, die etwas weiter oben auf dem Pfad stehen.“

Monforte blieb dicht vor ihm stehen. „Dios – wir können also noch hoffen. Vielleicht – vielleicht haben sich alle retten können. Ich meine, die – die noch lebten, als wir über Bord gingen.“

„Begraben Sie diese Hoffnung, Kapitän“, sagte der Erste.

„Wir sind die einzigen Überlebenden“, fügte der hinter ihm stehende Mann hinzu. Er war ein einfacher Soldado, der, um nicht in die Tiefe der See gezogen zu werden, seinen Eisenhelm und seinen Brustpanzer aufgegeben hatte. Noch bevor er das auseinanderbrechende Schiff verlassen hatte, hatte er sich dieser schweren Teile seiner Montur entledigt, und nur so war er dem schrecklichen Schicksal entgangen, das seine Kameraden getroffen hatte.

Etwas weiter oben in der Felsenpassage befanden sich die anderen beiden Männer der Galeone. Einer von ihnen stieg jetzt zwei, drei Schritte nach unten in die unmittelbare Nähe des Ersten und des Soldados. Monforte erkannte das Gesicht des Decksältesten der „Sao Sirio“. Der vierte Überlebende des Unglücks war einer der einfachen Decksleute, wie der Kapitän nun ebenfalls feststellte.

„Senor“, sagte der Decksälteste. „Wir haben wie die Besessenen gesucht, als wir hier ans Ufer gespült worden sind. Aber wir haben nur angetriebene Leichen gefunden. Die Leichen unserer Kameraden. Es werden immer mehr, Senor, nach und nach finden sie sich an dieser elenden Küste ein. Alle.“

Alvaro Monforte geriet ins Wanken. Sein verwirrter Geist hatte sich den erschütternden Tatsachen verschlossen, aber jetzt traf ihn die Wahrheit mit unnachgiebiger Härte.

Alle waren sie tot – bis auf fünf Mann. Mehr als zwei Dutzend Mann stark war die Besatzung der „Sao Sirio“ gewesen. Über zwanzig Männer hatten ihr Leben in den Fluten gelassen.

Über zwanzig!

Monfortes Hände ballten sich zu Fäusten. Er stand vor den kalten, nassen Felsen und schlug plötzlich auf sie ein. Er hielt inne, preßte die flachen Hände gegen das Gestein und traf Anstalten, in seiner ohnmächtigen Verzweiflung und Hilflosigkeit die Stirn dagegenzurammen.

Reto erkannte das Vorhaben seines Kapitäns. Er stellte sich hinter ihn und hielt ihn an den Schultern fest.

„Capitán“, sagte er eindringlich. „Was nutzt es, wenn Sie sich selbst umbringen? Wem bringt das etwas ein?“

„Niemandem“, sagte der Decksälteste, dessen etwas komplizierter Name Tarquinho lautete. „Seien Sie vernünftig, Capitán. Wir vier wissen, daß Sie keinerlei Schuld tragen an dem, was geschehen ist. Sie haben Ihr Bestes getan, um uns vor dem bitteren Ende zu bewahren.“

Monforte stand eine Weile wie gelähmt da, dann ließ er endlich von dem Felsen ab. Sein Blick war fest, als er die letzten Männer seiner Besatzung der Reihe nach ansah.

„Sie haben Recht“, erwiderte er langsam. „Und ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie trotz allem noch zu mir halten. Ich sehe das durchaus nicht als selbstverständlich an. Meuterer hätten aus Ihnen werden können, Deserteuere der spanisch-portugiesisichen Marine – und doch bleiben Sie der Krone treu. Ich danke Ihnen.“ Er drehte sich um und blickte auf die See hinaus. Regen und Sturmwind fuhren heftig in sein hartes Gesicht, aber er kümmerte sich nicht darum.

„Eines schwöre ich“, sagte Monforte. „Wenn wir je wieder mit dem Kommandanten Lucio do Velho zusammentreffen, ziehe ich ihn für sein unverantwortlidhes Verhalten zur Rechenschaft. Wahrscheinlich werde ich mich der Insubordination schuldig machen, aber das nehme ich in Kauf. Hundertmal. Im Gedenken an die toten Männer der ‚Sao Sirio‘.“

„Und wir schwören, daß wir Ihnen dabei beistehen, Capitán“, entgegnete Reto, der Erste Offizier. „Koste es, was es wolle.“

„Koste es, was es wolle“, murmelten die anderen drei im Chor.

„Laßt uns die Toten bestatten“, sagte Monforte.

Tarquinho antwortete: „Wir haben es bereits versucht, aber es gibt an diesem Ufer nicht genug Steine, um die Leichen ausreichend zu beschweren. Wir finden hier nur große Brokken und den Kies, aus dem die Leichname aber wieder freigeschwemmt werden, wenn wir sie darin eingraben. In der See können wir unsere toten Kameraden auch nicht beisetzen, nicht bei diesem Wetter, nicht ohne ein Boot.“

„Wir würden selbst dabei draufgehen“, fügte Reto hinzu. „Capitán, es gibt hier vorläufig nichts mehr für uns zu tun.“

Monforte, der um Jahre gealtert wirkte, nickte langsam. „Das sehe ich ein. Verlassen wir jetzt diesen Ort und sehen wir zu, daß wir irgendwo einen trokkenen Platz zum Verweilen finden. Morgen, so hoffe ich, läßt der Sturm nach. Dann werden wir unsere Toten mit allen seemännischen Ehren bestatten. Anschließend werden wir versuchen, in die nächste größere Ortschaft zu gelangen und von dort aus eine Depesche nach Lissabon weiterzuleiten, in der wir der Admiralität von unserem Unglück berichten.“

„Vielleicht finden wir auch ein Schiff oder wenigstens eine Schaluppe, mit der wir heimwärts segeln können“, meinte Tarquinho.

„Möglich auch, daß der Comandante im Abklingen des Sturmes umzukehren versucht und nach uns fahndet“, sagte der Soldat.

Monforte musterte ihn. „Ich glaube nicht daran, aber ich würde dem Senor do Velho einen gebührenden Empfang bereiten, das versichere ich dir, Soldado.“

Er schritt an den Männern vorbei und übernahm die Führung der Gruppe. Vorsichtig klomm er in der mit Geröll gefüllten Felsspalte nach oben. Reto, Tarquinho, der Soldat und der Decksmann folgten ihm schweigend. Ihr Respekt vor dem Kapitän war größer denn je. Sie wußten, daß er es mit seinen Ankündigungen ernst meinte. Sich jedoch offen gegen einen do Velho aufzulehnen, bedeutete nicht nur ein jähes Ende der Karriere von Alvaro Monforte, es war auch mit Meuterei gleichzusetzen. Und darauf stand das Todesurteil. Lucio do Velho würde nicht zögern, für den Kapitän die Höchststrafe zu fordern, die die militärischen Gesetze vorsahen.

Monforte war also bereit, sich für seine Männer zu opfern. Er fühlte sich mit ihnen verbunden und hatte sie nie als die „Chusma“, das gemeine, primitive Schiffsvolk, betrachtet, sondern die gesamte Besatzung menschlich behandelt – ohne dabei jedoch an Autorität zu verlieren. Sogar zwischen Soldaten und Seeleuten hatte es unter Monforte eine größere Verständigung gegeben als auf anderen spanischen oder portugiesischen Seglern. Monforte, der alles andere als ein sturer Vorgesetzter war, war in diesem Punkt seiner Zeit voraus.

Seine vier Begleiter empfanden Hochachtung für ihn. Ohne große Absprache waren sie sich einig, daß sie für ihren Kapitän durchs Feuer gehen würden, falls das nötig war.

Der Aufstieg endete hinter einem Durchlaß, der so schmal war, daß sich der breit gebaute Tarquinho nur mit Mühe hindurchzwängen konnte. Dann aber standen die fünf Männer auf der Höhe der Klippfelsen und schauten sich um.

„Wir wandern landeinwärts“, entschied Monforte. „Nach Osten scheint das Felsland etwas abzufallen, und wahrscheinlich gibt es dort auch Vegetation. Wenn wir schon kein Dorf und keine Hütte finden, in der wir bis morgen früh unterkriechen können, können wir uns doch wenigstens im Wald ein einfaches Lager herrichten.“

Die bis auf die Haut durchnäßten Männer strebten weiter voran. Sie erreichten schon nach wenigen Minuten die ersten geduckten Pinien, die am Fuß des Hanges wuchsen, den sie nun hinter sich gebracht hatten. Von diesen knorrigen Nadelbäumen aus sah Reto als erster das Licht, das nordöstlich versetzt in der Dunkelheit schimmerte.

„Capitán“ sagte er. „Sehen Sie doch. Sollten wir nicht doch lieber unsere Marschrichtung ändern?“

„Einverstanden“, erwiderte Monforte kurz entschlossen.

4.

Die komplette Crew der „Isabella“ war auf den Beinen, als das Boot durch das bewegte Wasser der Bucht auf die Galeone zusteuerte. Alles äugte zu dem „Besuch“ hinüber, den Dan und Matt da herantransportierten, und man bedauerte insgeheim Batuti, Gary Andrews, Sam Roskill und Bob Grey, die weiterhin an Land Wache schoben und daher bei diesem Ereignis nicht mit dabeisein konnten.

„Mann“, sagte Blacky. „Also, das haut doch nun wirklich dem Faß den Boden aus.“

„Zwei Weiber“, raunte Jeff Bowie. „Wo in aller Welt haben diese Himmelhunde die Frauenzimmer bei dem Sturm bloß aufgetrieben? Herrgott noch mal, da denkst du, du bist in einer Gegend gelandet, in der der Hund erfroren ist – und dann so was.“

„Vielleicht haben die Mädchen hier irgendwo ein Nest“, sagte Luke Morgan.

„Witzbold“, knurrte Old O’Flynn, der sich zwischen die Gestalten geschoben hatte, die das Steuerbordschanzkleid der Kuhl belagerten. „Erzähl noch so einen dämlichen Witz. Du denkst, da oben hinter den Felsen steht ein richtiges Bordell, was?“

Lukes Miene verfinsterte sich. „Und wenn es so wär? Was würdest du dann sagen, Old Hinkebein?“

„Wie war das?“ giftete der Alte. „Wiederhole, wie du mich genannt hast, du alter Stinkstiefel.“

„Ich sagte Old Hi …“

„Hört doch auf“, mischte sich jetzt Will Thorne ein. „Seht euch lieber an, was für schöne lange schwarze Haare das eine Mädchen hat.“

„Sie hat nicht nur die schönen Haare“, sagte Jeff.

„Aber die andere ist ja noch ein Kind“, stieß Blacky plötzlich verblüfft aus. „Ho, wer wird sich daran denn vergreifen?“

Luke Morgan kratzte sich am Kinn. „Tja, das ist eine berechtigte Frage. Männer, und wenn ich mir die Schwarzhaarige jetzt aus der Nähe betrachte, dann habe ich den leisen Verdacht, daß sie auch nicht sehr viel älter ist.“

„Da stimmt was nicht“, murmelte Old O’Flynn. „Da geht was nicht mit rechten Dingen zu, sage ich.“

„Fehlt bloß noch, daß du behauptest, Dan und Matt hätten zwei Wasserhexen oder Sumpfsirenen ins Boot geladen“, sagte Blacky grinsend. „Na, habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen?“

„Ja, du“, erwiderte Dans Vater. „Lach du nur. Eines Tages werdet ihr alle sehen, was ihr von eurem Spott habt. Mit gewissen Dingen scherzt man nicht. Euch holt alle noch der Sensenmann.“

„Donegal“, erklang in diesem Augenblick Big Old Shanes drohende Stimme. Der ehemalige Schmied und Waffenmeister von Arwenack-Castle war hinter die Sprecher getreten. „Donegal“, wiederholte er. „Es wäre nicht das erstemal, daß du mit deiner verdammten Unkerei ein Unheil heraufbeschwörst. Hör auf mit dem Gefasel.“

„Du glaubst doch selbst an Spuk und Gespenster“, begehrte der Alte auf.

„Nein. Aber ich glaube daran, daß du heute nacht noch ein Bad im Teich nimmst – mit deinem elenden Holzbein.“

„Ihr könnt mich alle mal“, sagte Old Donegal. Damit war für ihn die Unterredung beendet. Finster blickte er zu seinem Sohn und zu Matt Davies hinunter, die soeben mit dem Beiboot an der Bordwand der „Isabella“, angelegt hatten.

Den Mädchen brauchten Dan und Matt nicht erst zu helfen. Die klommen schon behende an der Jakobsleiter empor. Gewandt wie die Katzen überbrückten sie die Distanz bis zur Kuhl, kletterten übers Schanzkleid und blieben auf der Kuhl stehen, als ob dies alles eine Selbstverständlichkeit wäre.

Die Seewölfe musterten ihre unerwarteten Gäste in einer Mischung aus Überraschung und Belustigung.

Bill, der Moses, der um diese Stunde nicht im Großmars weilte, betrachtete die portugiesischen Mädchen, als handle es sich um ein Weltwunder. Philip und Hasard, die Zwillinge – sie durften jetzt, in der geschützten Bucht, an Oberdeck sein –, staunten ebenfalls nicht schlecht.

Der Seewolf trat langsam auf die Mädchen zu. Sein Blick wanderte an ihren Gestalten auf und ab. Hosen trugen diese beiden ländlichen Schönheiten, Blusen aus grobem Kattun und Jacken, in die jede von ihnen zweimal hineingepaßt hätte. Pitschnaß waren sie, und Franca nieste jetzt, als der große schwarzhaarige Mann mit den eisblauen Augen vor ihnen stehenblieb, zweimal kräftig.

Dan O’Flynn und Matt Davies waren nun ebenfalls aufgeentert. Dan gab seinem Kapitän hinter dem Rükken der Mädchen ein Zeichen. Hasard verstand es. Als Ire sollte er sich ausgeben, keinesfalls als das, was er wirklich war.

„Also“, sagte der Seewolf auf spanisch zu den Mädchen, mein Name ist Philip Drummond, ich bin der Kapitän dieses Schiffes, das mit Fracht für Dublin vor drei Tagen Lissabon verlassen hat. Mit wem habe ich denn das Vergnügen?“

„Sie heißen Segura und Franca“, erklärte Dan, bevor die Siebzehn- und die Dreizehnjährige den Mund auftun konnten. „Ich habe sie oben auf den Klippen aufgelesen, und sie behaupten, sie wollten uns nicht belauern. Sir, ich habe es für meine Pflicht gehalten, sie dir vorzuführen. Außerdem haben sie selbst den Wunsch geäußert, mit dir zu reden“.

„Ach“, entgegnete Hasard. Er zog die Augenbrauen hoch. Er begegnete Seguras Blick, einem glühenden Blick aus phantastischen dunklen Augen, und wußte, daß dieses Mädchen es faustdick hinter den Ohren haben mußte.

„Gehen wir in meine Kammer“, sagte er. „Dort könnt ihr eure Kleidung ein wenig trocknen, Mädchen. Wenn wir noch lange im Regen stehen, holt ihr euch garantiert eine Erkältung.“

„Sir“, sagte Dan O’Flynn. „Ich weise dich darauf hin, daß die beiden Ladys dein Anerbieten falsch auslegen könnten. Sie glauben einfach nicht daran, daß wir anständige Kerle sind, die Kinder beschützen, statt sich an ihnen zu vergehen.“

Wieder fühlte Segura sich in ihrer Ehre gekränkt. Kinder? Wer sagte diesem frechen jungen Kerl denn, daß sie immer noch so naiv war, wie er es sich vielleicht einbildete? Sie würde ihm schon noch beweisen, daß sie nicht so unbedarft war, wie er annahm.

Hasard hob den Kopf und schaute zu seinen Männern. „Freunde, dies ist eine heikle Situation. Ben, Ferris, Shane, Smoky und Donegal, ihr begleitet uns. Dan und Matt, ihr kommt natürlich auch mit, zum Berichterstatten. Alle anderen begeben sich wieder auf ihre Posten.“ Er sah Segura und Franca an, deutete eine Verbeugung an. „Senoritas, ich versichere euch, daß euch kein Härchen gekrümmt wird.“

„Gut“, antwortete Segura. „Dem Ehrenwort eines irischen Kapitäns vertrauen wir.“

„Ich bin gerührt.“

„Ihr scheint wirklich keine Piraten zu sein – und auch keine gottverdammten Engländer, die in letzter Zeit verstärkt unsere Küsten verunsichern“, sagte die Siebzehnjährige. „Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Capitán Drummond.“

Der Seewolf räusperte sich. „Das hört sich aufrichtig an. Gehen wir jetzt.“ Er dirigierte die beiden auf das Achterdecksschott zu. Seine Männer folgten ihnen, und wenig später saßen sie in der leicht schwankenden Kapitänskammer beieinander.

Es war nicht das erstemal, daß Hasard sich als Captain Drummond ausgab und behauptete, Schiff und Mannschaft seien irischer Herkunft. Er hatte sich ausgezeichnet in der Gewalt, und seine Crew spielte hervorragend mit, aber dennoch berührte es sie unangenehm, daß diese Mädchen eine so schlechte Meinung von den Engländern hatten. Das Volksempfinden ging mit den Entscheidungen von Regierungen nicht immer konform, aber in diesem Fall schien man auch in den entlegensten Gegenden Portugals davon überzeugt zu sein, daß England es verdiente, früher oder später von der Armada mit Kanonenfeuer vom Erdball getilgt zu werden.

Im Moment konnte Hasard daran nichts ändern. Aber er nahm sich im stillen doch vor, wenigstens einen Versuch zu unternehmen, um die Mädchen und ihre Angehörigen davon zu überzeugen, daß nicht alle Engländer Teufel waren.

Nachdem Dan O’Flynn geschildert hatte, was sich oben auf den Klippfelsen zugetragen hatte, fragte der Seewolf die Mädchen: „Warum habt ihr solche Angst vor Piraten?“

„Weil wir schon oft überfallen worden sind“, antwortete Franca.

„Die ganze Familie fürchtet sich vor Seeräubern“, erklärte nun auch Segura. „Und es kommt tatsächlich immer wieder vor, daß die Schufte diese Bucht ansteuern, um einem Sturm auszuweichen. Schon zweimal hätten sie uns um ein Haar erwischt. Wenn wir nicht Hals über Kopf unser Haus verlassen hätten und ins Landesinnere geflüchtet wären, hätten sie uns die Hälse umgedreht. Die Bucht scheint Freibeuter geradezu magisch anzuziehen.“

„Und es gibt keine portugiesischen Verbände, die mit diesem Gesindel aufräumen?“ erkundigte sich Hasard.

„Das schon, aber es passiert immer wieder, daß die Piraten den Verfolgern entschlüpfen und sich verstekken“, stieß Franca aufgeregt hervor. „Capitán, du glaubst ja nicht, wie viele Halunken sich gerade in dieser Küstengegend noch herumtreiben.“

„Deshalb halten wir in vielen Nächten Wache“, sagte Segura. „Gerade bei Sturm.

„Euer Vater schickt euch bei diesem Wetter hinaus“, fragte Hasard erstaunt.

„Wir tun das freiwillig“, erwiderte Segura. „Wir sind eine große Familie, und jeder leistet seinen Beitrag, um seine Eltern und seine Geschwister zu schützen.“

„Wie heißt euer Vater?“

„Pinho Brancate.“

„Und wie groß ist eure Familie?“

„Außer uns beiden und Vater wären da Emilia, unsere Mutter“, gab Segura bereitwillig bekannt. „Und Josea, unsere Schwester. Sie ist drei Jahre älter als ich. Zwei Brüder haben wir auch, das hättest du nicht gedacht, nicht wahr, Capitán? Sie heißen Charutao und Iporá. Die älteste bei uns zu Hause ist die Abuela, die Großmutter, Vaters Mutter.“

„Ein stolzer achtköpfiger Clan“, meinte der Seewolf. Er sandte einen bedeutungsvollen Blick zu seinen Männern hinüber, dann wandte er sich wieder an die Mädchen. „Und wovon lebt ihr, wenn man fragen darf?“

„Von ein bißchen Landwirtschaft und Viehzucht“, entgegnete Segura. „Außerdem haben wir ein großes Steinhaus. Vater hat daraus eine Herberge gemacht, in der wir Reiter und Wanderer beköstigen.“

„Keine Seeleute?“

„Selten, weil wir vor allen, die vom Meer kommen. Angst haben.“

„Richtig, richtig“, erwiderte Hasard. „Das sagtest du ja schon. Nun, Segura, ich freue mich, daß ihr Schwestern so mutig seid und eure Familie verteidigt. Wißt ihr, was wir jetzt tun? Ein paar von uns begleiten euch nach Hause. Ihr müßt euch dringend an einem Feuer wärmen und trocknen. Da wir an Bord unseres Schiffes nur noch knapp Trinkwasser haben, ergreifen wir die Gelegenheit beim Schopf und nehmen ein paar kleine Fässer mit, die wir bei euch in der Herberge füllen.“

Franca lachte und klatschte begeistert in die Hände. „Fein, unser Padre wird euch sicher gern helfen, Capitán Drummond. Er ist ein guter Mann.“

Segura pflichtete ihr durch ein Nicken bei. „Und es ist auch genug Wasser da. Bei uns auf dem Hof gibt es einen großen Brunnen, der nie versiegt.“

„Ausgezeichnet“, sagte Hasard. „Dieser Brunnen kommt uns wie gerufen. Ferris, geh schon voraus und sag dem Kutscher Bescheid, er soll die Fässer bereitstellen.“

„Aye, Sir.“

„Dan und Matt, ihr kehrt auf eure Posten an Land zurück. Bis zu eurer Ablösung sind es noch vier Glasen. Wir setzen allerdings mit euch über und marschieren querfeldein, sobald wir die Felsen hinaufgeklettert sind“, sagte der Seewolf. „Segura und Franca werden uns führen.“

„Aye, aye, Sir“, antwortete Dan. „Aber wen meinst du mit ‚wir‘?“

„Ich suche noch die Männer aus, die mich zum Haus der Brancates begleiten“, sagte Hasard. „Kehren wir jetzt an Oberdeck zurück. Ich will keine Zeit verlieren, da ich annehme, daß Padre Brancate sich um seine Töchter sorgt, wenn sie sich in Kürze nicht bei ihm zurückmelden.“

Segura lächelte. „Ja, das stimmt. Wir sollen uns jede Stunde bei ihm melden, damit er weiß, daß wir noch wohlauf sind. Andernfalls läßt er nach uns suchen.“

„Ein großartiger Vater“, entgegnete Hasard. „Ich muß ihn unbedingt kennenlernen.“

Sie hatten fast ausschließlich spanisch gesprochen, aber als sie jetzt nacheinander die Kammer des Seewolfs verließen, wandte sich Ben Brighton auf englisch an seinen Kapitän.

„Du glaubst doch wohl nicht, mir sei die Ironie entgangen, mit der du gesprochen hast, wie?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

Ben hielt Hasard im dunklen Achterdecksgang am Arm zurück und raunte: „Bist du ganz sicher, daß die Mädchen kein Englisch verstehen?“

„Dan behauptet es.“

„Darauf können wir uns wohl verlassen“, erwiderte Ben. „Dan läßt sich so leicht nicht ins Bockshorn jagen. Darf ich ganz ehrlich reden?“

„Frei von der Leber weg, Ben.“

„An dem, was die Mädchen uns da erzählt haben, ist doch was faul.“

„Oberfaul, Ben.“

„Die wollen uns einen Bären aufbinden …“

„Und gerade deshalb will ich mir die Herberge ihres Erzeugers mal aus der Nähe ansehen“, sagte der Seewolf. „Ferris, Dan und die anderen haben natürlich auch gemerkt, daß ich mißtrauisch bin. Nur Segura und Franca ist nichts aufgefallen, und das ist so gut. Sie denken, wir gehen ihrem netten Märchen über die Angst vor Piraten und anderen Haderlumpen gründlich auf den Leim.“

„Diese Segura hat sich sehr aufmerksam in deiner Kammer umgesehen, Hasard.“

„Meinst du, das sei mir entgangen? Die Kostbarkeiten, die ich in den Schränken aufbewahre, haben es ihr angetan. Durch die verglasten Türen hat sie garantiert den goldenen Tukan, das goldene Malteserkreuz, die Smaragdkrone der Chibchas und andere Kleinigkeiten erkennen können“, erwiderte Hasard. „Ich kann verstehen, daß ein Mädchen da fasziniert ist, aber die Art, wie sich Seguras Gesichtsausdruck verändert hat, will mir nicht gefallen, Ben.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

„Völlig.“

Sie traten durchs Schott auf die Kuhl hinaus. Es regnete noch immer, aber der Sturmwind hatte etwas nachgelassen und auch die Schiffsbewegungen wurden allmählich ruhiger. Hasard trat vor die Querwand des Achterkastells. Er stand frei und glich durch geschickte Beinarbeit das Schlingern der Galeone aus.

„Profos“, sagte er. „Du begleitest mich. Ben, Ferris und Shane, ihr seid ebenfalls mit von der Partie. Schnappt euch die Fässer, wir entern in das Boot ab. Donegal!“

„Sir?“

„Du übernimmst während unserer Abwesenheit das Kommando über die ‚Isabella‘.“

„Danke, Sir. Soll ich gefechtsklar gehen?“

Der Alte hatte es auf englisch gesagt, und Hasard vergewisserte sich durch einen Blick zu Segura und Franca, daß sie es nicht verstanden hatten. Aus den Mienen der Mädchen ließ sich jedenfalls nichts Derartiges ablesen, kein Aufleuchten der Erkenntnis war in ihren Augen.

„Ja“, entgegnete der Seewolf. „Und wenn wir in zwei Stunden nicht wieder hier sind, schickst du einen Stoßtrupp los. Das Haus befindet sich keine Meile entfernt in nördlicher Richtung, soweit ich verstanden habe. Dort müßt ihr nach uns suchen, wenn wir nicht wieder erscheinen.“

„Aye, Sir.“

Die Männer blickten sich verstohlen untereinander an. Es war jetzt allen klar, daß Hasard Unrat witterte. Der Seewolf, Ben Brighton, Ferris Tucker, Big Old Shane und Edwin Carberry – das war schon eine „Elitetruppe“ für sich, und aus der Tatsache, daß sich Hasard persönlich an Land begab, sprach der Verdacht, der ihn bewegen mußte.

Er ließ sich nicht aufs Kreuz legen und ging den Dingen auf den Grund. Wenn sich hinter dem scheinbar harmlosen Benehmen der Mädchen eine Falle verbarg, dann wartete Hasard nicht ab, bis sie tatsächlich zuschnappte. Er forcierte die Entwicklung der Dinge – eine Taktik, die er schon oft mit Erfolg angewandt hatte.

Hasard lächelte Segura und Franca zu, die jetzt etwas unschlüssig am Schanzkleid stehengeblieben waren.

„Entschuldigt“, sagte er auf spanisch. „Aber ich habe meinen Männern noch ein paar Anweisungen geben müssen, ehe wir uns zum Ufer pullen lassen können. Ich will nicht, daß die Ladung unseres Schiffes in irgendeiner Weise gefährdet wird.“

Segura blickte ihm tief in die Augen. „Was habt ihr denn für Fracht, Capitán Drummond?“

„Getreide“, erwiderte Hasard, ohne eine Miene zu verziehen. „Weizen und Gerste aus Portugal für die leeren irischen Speicher. In unserem Heimatland hungern die Menschen, Segura.“

„Schrecklich“, sagte sie.

„Weißt du wirklich, wie das ist, wenn man nichts zu beißen hat?“

„Ja. Ich habe es erfahren. Am eigenen Leib.“

5.

Sie schritten auf das Licht im Nordosten zu und hatten den schmalen Gürtel aus Pinien und Zypressen hinter sich gebracht, als Kapitän Alvaro Monforte abrupt stehenblieb.

„Da ist jemand“, sagte er gepreßt. „Dort, links von uns.“

Reto und Tarquinho lenkten ihre Blicke in die von ihrem Vorgesetzten angegebene Richtung. Auch der Soldat und der Decksmann der „Sao Sirio“ – sie hießen Tulio und Josefe – spähten nach links.

So gewahrten sie alle die drei Männer, die sich ihnen näherten. Eine wuchtige und zwei schlanke Gestalten in Wind und Regen waren es. Sie hoben im Näherkommen die Hände und riefen etwas.

Monforte und seine Begleiter hatten unwillkürlich zu den Waffen gegriffen. Ihre Pistolen waren durch das Seewasser unbrauchbar geworden, aber sie hatten noch Degen und Säbel, mit denen sie sich notfalls ihrer Haut wehren konnten.

„Wenn das Wegelagerer sind“, zischte Monforte, „haben sie kein leichtes Spiel mit uns. Wir sind zu fünft. Solange keine anderen Männer auftauchen, sind wir in der Überzahl und erledigen sie, selbst wenn sie uns mit Pistolen zu Leibe rücken.“

„Ich glaube, die haben keine feindlichen Absichten“, sagte Tulio, der Soldat.

„Der Mann in der Mitte ruft wieder etwas“, meinte Tarquinho, der Decksälteste. „Himmel, wenn man es nur verstehen könnte. Capitán, er hat einen mächtigen Vollbart, glaube ich.“

„Wer seid ihr?“ schrie Monforte den drei Männern zu.

„Companhero“, erwiderte der Bärtige, „habt Vertrauen zu uns! Wir wollen euch helfen! Was ist euch passiert?“

„Wer seid ihr?“ wiederholte der abgekämpfte, argwöhnische Kapitän seine Frage.

Der Bärtige blieb stehen, und sofort verhielten auch die beiden anderen ihren Schritt. „Pinho Brancate und seine Söhne Charutao und Iporá“, entgegnete er. „Wir sind friedfertige Bewohner der Küste, ehrbare Leute. Der Wind hat Schreie zu unserem Haus herübergetragen, und wir wollten nach dem Rechten sehen. Wir haben unten auf dem Kieselstrand Männerleichen entdeckt. Was hat das zu bedeuten? Habt ihr damit zu tun? Was ist geschehen?“

„Tretet näher“, forderte Monforte die drei auf. „Habt ihr Waffen?“

„Nein, wir haben keine“, sagte Pinho Brancate mit sonorer Stimme.

Die Männer der „Sao Sirio“ musterten ihn und seine Söhne und stellten fest, daß die drei tatsächlich weder Schuß- noch Hieb- oder Stichwaffen bei sich führten. Das überzeugte sie vollends von der Harmlosigkeit der Brancates. Monforte, Reto, Tarquinho, Tulio und Josefe nahmen nacheinander die Hände von ihren Degen und Säbeln.

Nachdem Alvaro Monforte den Vater und dessen beide Söhne eingehend betrachtet hatte, sagte er: „Wir sind Schiffbrüchige. Unsere Galeone ‚Sao Sirio‘ ist keine Viertelmeile vor der Küste auf ein tückisches Riff gelaufen. Nur wir fünf sind ihrem Untergang lebend entkommen.“

Brancate bekreuzigte sich. „Das Riff“, murmelte er. „Das verfluchte Riff, immer wieder fordert es Opfer. Es ist schon vielen Schiffen zum Verhängnis und vielen braven Männern zum Friedhof geworden. Sie sind der Capitán, Senor?“

„Ja.“

„Ich spreche Ihnen hiermit mein Beileid aus. Kann ich irgendwie helfen? Gibt es noch irgend etwas zu tun?“

Monforte nannte seinen Namen. Er stellte auch seine vier Männer vor, und die Brancates schüttelten ihnen nacheinander die Hände.

Charutao und Iporá hatten eine andere Statur als ihr Vater, aber aus der Nähe fiel doch ihre große Ähnlichkeit mit Pinho Brancate auf. Ihre Züge waren ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, das konnte auch nicht das Bartgestrüpp verbergen, das Pinho Brancates Kinn und Wangen überwucherte. Sehnige junge Männer waren Charutao und Iporá, augenscheinlich strotzten sie vor Gesundheit.

„Senor Brancate“, sagte Monforte. „Sie sind Fischer, nehme ich an?“

„Nein. Ich habe keine Beziehung zum Meer, wenn wir auch nicht weit davon entfernt leben. Mehr noch, ich hasse die See.“

„Das ist ungewöhnlich …“

„Mein Vater ertrank darin“, versetzte der Bär von einem Mann gedämpft. „Ich kann es nicht vergessen und immer, wenn ich die Abuela, meine Mutter, anschaue, erinnere ich mich an die furchtbare Szene, die ich miterlebte, ohne etwas tun zu können.“

Monforte nickte. „Ich kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen zumute ist, glauben Sie es mir. Ich habe mehr als zwanzig meiner Männer einen grausigen Tod sterben sehen. Sie haben folglich auch kein Boot, wie ich annehme?“

„Nein. Wir leben von der Landwirtschaft – meine Familie und ich. Außerdem betreiben wir nebenher noch eine bescheidene Herberge, Capitán.“

„So. Ich hatte gehofft, mit Ihrer Hilfe die Leichen meiner Männer nach seemännischem Zeremoniell bestatten zu können.“

Brancate hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Verzeihen Sie mir, aber mit einem Boot kann ich wirklich nicht dienen.“

„Im Morgengrauen könnten wir einen der Fischer aufsuchen, die in der Umgebung wohnen“, sagte Charutao, der ältere der Brüder. „Wenn wir einen dieser Männer um seine Schaluppe bitten, wird er uns gewiß nicht die Tür weisen.“

„Danke“, erwiderte Monforte. „Warten wir also bis zum Anbruch des neuen Tages.“

„Warten wir in meinem Haus“, sagte Pinho Brancate. „Wir werden ein Feuer im Kamin entzünden, Capitán, Sie und Ihre Männer können sich trocknen. Wir beköstigen Sie und geben Ihnen ein weiches Bett, in dem Sie sich ausruhen können. Ich weiß, ich weiß, Ihnen ist nach diesem entsetzlichen Unglück nicht nach Schlaf zumute, aber Sie werden schon noch einsehen, daß Sie ein wenig Schlummer bitter nötig haben.“

„Wahrscheinlich“, erwiderte Monforte erschöpft. „Aber wir können Ihre Dienste nicht bezahlen, mein werter Brancate. Wir haben keinen einzigen Escudo in der Tasche.“

„Das ist auch nicht notwendig“, sagte Brancate. Er beschrieb eine theatralische Gebärde und hob abwehrend beide Hände. „Nie würde ich von Ihnen Geld annehmen!“

„Aber die Armada wird Sie dafür entlohnen, daß Sie uns Unterkunft gewähren“, fuhr Monforte fort. „Die ‚Sao Sirio‘ war eine Kriegsgaleone, wir unterstehen dem Oberkommando der Admiralität von Lissabon.“

Brancate nahm plötzlich Haltung an. Auch die Gestalten seiner Söhne versteiften sich.

„Um so größer ist die Ehre, Sie in meinem bescheidenen Heim willkommen zu heißen“, sagte der Bärtige. „Ich bin stolz darauf, Männer der siegreichen, unüberwindlichen Armada unter meinem Dach zu wissen. Es würde mich zutiefst kränken, wenn Sie sich mir in irgendeiner Weise verpflichtet fühlen würden.“

Monforte erhob keinerlei Einwand, er fühlte sich zu schwach dazu. „Danke. Ich wäre froh, wenn wir jetzt zu Ihrer Herberge gehen könnten.“

Brancate übernahm sofort die Führung. Nur noch die nächste Hügelkuppe hatten sie zu überqueren, dann rückte das Licht, das die Männer der Galeone schon vorher entdeckt hatten, rasch näher und entpuppte sich als ein quadratisches, voll ausgeleuchtetes Fenster in einer hohen Hausmauer. Das von Monforte anvisierte Ziel war also mit dem Heim der Brancates identisch, der Kapitän konstatierte es mit einer Art beruhigendem Gefühl. Hier, in dieser solide gebauten Oase mitten im Sturm, schien man wirklich sicher zu sein vor weiteren Unbilden der Natur.

Die Eingangstür des Steinhauses wurde von innen geöffnet, als sie nur noch ein paar Schritte davon entfernt waren. Alvaro Monforte sah eine vom Alter gebeugte Frau in dem dämmrig leuchtenden Viereck erscheinen. Sie wandte Monforte ihr zerknittertes Greisengesicht entgegen und musterte ihn aus klaren Augen.

„Was wollt ihr hier?“ stieß sie heiser aus. „Geht fort, weit fort, ihr habt hier nichts verloren. Ihr habt euch den falschen Platz zum Verweilen ausgesucht, glaubt es mir.“

„Madre“, herrschte Pinho Brancate die Alte an. „Wie oft soll ich dir noch sagen, daß du die Tür nicht anfassen sollst? Wo stecken denn Emilia und Josea? Dios, der Wind könnte dich glatt zu Boden werfen. Abuelita, sei doch nicht so starrsinnig.“

„Mich wickelst du nicht ein, du raffinierter Hund“, zischte die Alte. „Mir kannst du nichts vorgaukeln, ich durchschaue dich.“

Brancate schob sich an dem Kapitän vorbei und drängte seine Mutter mit sanfter Gewalt ins Haus. Sie schimpfte weiter, aber er ging nicht darauf ein, sondern beförderte sie in einen Nebenraum des großen Kaminzimmers, in das Charutao und Iporá die Gäste jetzt geleiteten. Pinho Brancate zog die Holzbohlentür des Nachbarraumes zu, legte einen Riegel vor und begab sich mit entschuldigendem Grinsen zu seinen Besuchern zurück.

„Die Abuela ist nicht mehr ganz richtig im Kopf“, sagte er. „Sie dürfen ihr nicht übelnehmen, was sie sagt.“

„Natürlich tun wir das nicht“, entgegnete Monforte matt.

Tarquinho schaute zu dem bärtigen Riesen auf. „Viele Leute werden im Alter wunderlich. Ich habe einen achtzig Jahre alten Vater, der körperlich noch völlig auf der Höhe ist. Manchmal aber läuft er ohne jeglichen Anlaß von zu Hause weg, und es bereitet unglaubliche Mühe, ihn wiederzufinden.“

„Ja, ja“, meinte Pinho Brancate. „Wem sagen Sie das, Amigo mio. Einmal wollte sich die Abuela von den Klippen stürzen. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um sie zurückzuhalten.“

„Leben und Tod“, murmelte Alvaro Monforte. „Nur ein Hauch trennt beides voneinander. Welchen Wert hat das Leben eines Menschen? Wie leichtfertig darf man damit umgehen? Wer gibt uns das Recht dazu, über anderer Leute Schicksal zu befehlen?“

Brancate gab seinen Söhnen einen Wink. Sie verließen das geräumige Kaminzimmer. Brancate setzte sich zu seinen nassen, entnervten Gästen an den klobigen Zypressenholztisch und faltete die mächtigen Hände.

„Senor Capitán“, sagte er ruhig. „Sie sind jetzt verbittert, aber Sie müssen einsehen, daß das Leben weitergeht – nicht nur für Sie, auch für diese vier Männer hier. Ich verstehe nichts von der Seefahrt, das habe ich Ihnen ja schon erklärt. Aber ich weiß, daß man an Bord eines Segelschiffes immer mit dem Unfaßbaren rechnen muß – mit dem Tod. Wer dem Sturm entrinnt, ist zum zweitenmal geboren.“

„Sie können mich nicht begreifen“, entgegnete Monforte. „Sie kennen nicht alle Hintergründe, Brancate.“

„Haben Sie Schuldgefühle, Capitán? Machen Sie sich Vorwürfe?“

„Dazu habe ich keinen Grund.“

„Wirklich nicht“, fügte der erste Offizier der „Sao Sirio“ bekräftigend hinzu – mehr für seinen Kapitän als für den Besitzer der Herberge. „Capitán Monforte hat alles getan, um sein Schiff und seine Mannschaft vor dem Verderben zu retten.“

„Gott gebe, daß alle Männer so werden wie Sie“, sagte Brancate ergriffen zu seinem Gegenüber.

Monforte fixierte ihn. „Senor, ich möchte weder zum Helden ernannt werden noch einen Glorienschein erhalten. Bitte, verlieren wir kein Wort mehr über die Vorfälle dieser Nacht. Es geht mir nur um eins – um Gerechtigkeit.“

„Man hat Ihnen – ein Unrecht angetan?“ fragte der Bärtige verdutzt.

„Unser Schiff gehörte einem Fünferverband an“, sagte Tarquinho, der Decksälteste. „Unser Capitán ist der Meinung, es war ein Fehler des Kommandanten, dem Sturm trotzen zu wollen. Wir hätten irgendwo Schutz vor dem Wetter suchen sollen.“

„Schweigen Sie“, fuhr Monforte den Mann an. „Wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben, diese Details an einen unbeteiligten Dritten weiterzuverraten?“

„Niemand, Senor“, antwortete Tarquinho irritiert.

„Sie werden von jetzt an keine Einzelheiten mehr ausplaudern, die unseren Verband und unseren Auftrag betreffen“, erklärte Monforte barsch.

„Nein, Senor“, sagte Tarquinho erschrocken. „Und verzeihen Sie mir. Ich habe – nicht mehr daran gedacht, daß …“

„Schon gut“, entgegnete der Kapitän merklich ruhiger. „Es ist ja nicht so tragisch. Ich bin völlig fertig. Mir ist hundeelend zumute, da dreht man leicht durch.“

Pinho Brancates ließ seine Besucher nicht aus den Augen. Ein geheimer Auftrag? fragte er sich. Der Capitán will nicht, daß ich darüber etwas erfahre. Nun, im Grunde schert es mich ja auch einen feuchten Kehricht, was für eine Mission dieser Verband hat. Nur ein wichtiger Punkt wäre da zu beachten …

Er beugte sich vor und sagte: „Senores, sicherlich wird der Geschwaderführer nach der ‚Sao Sirio‘ suchen lassen, sobald der Sturm nachläßt und es hell wird.“

„Bei der Hast, mit der er den Verband vorantreibt, wird er sich mit uns, den ‚Nachzüglern‘, nicht aufhalten“, erwiderte Monforte erbittert. „Ich schätze eher, er behält seinen Nordkurs bei und wartet darauf, daß die anderen Schiffe seinen Vorsprung aufholen.“

„Aber so erfährt er nie, daß es die ‚Sao Sirio‘ zerschmettert hat“, stieß Brancate in gut gespielter Entrüstung aus. „Und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis jemand die, äh, traurigen Überreste des stolzen Schiffes birgt.“

„Zu bergen gibt es da nichts mehr“, erwiderte der Kapitän. „Und die ‚Sao Sirio‘ als reiner Kriegssegler hat ja auch keine Reichtümer befördert, wenn man einmal von ihrer Armierung und ihrer sonstigen Ausrüstung absehen will. Kurzum, alle Bestrebungen des Comandanten in dieser Richtung wären vergebliche Liebesmühe. Ein Zeitverlust. Man kann darauf verzichten. Verstanden, Brancate?“

„Ja. Durchaus.“

„Aber schließen wir das Thema jetzt ab.“

„Einverstanden, Senor Capitán.“ Pinho Brancate erhob sich von seinem Stuhl, trat an den gemauerten Kamin und kauerte sich davor. Er schürte die Glut, bis die Flammen munter emporzüngelten, und legte Holz nach. Im Nu bullerte und knisterte das Feuer, und ein hellerer Schein zuckte durch den großen Raum. Brancate wandte sich um und lud seine Gäste durch eine Geste ein näherzurücken.

Sie nahmen gern an. Mit ihren Sitzgelegenheiten begaben sie sich dicht vor das Feuer. Es war Juni und trotz des Sturmes eine laue Nacht, aber nach dem unfreiwilligen Bad in der See tat die Wärme wohl, die nun an ihren Gliedmaßen emporkroch.

Eine Zimmertür öffnete sich, und Charutao und Iporá kehrten in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Schwester zurück. Emilia eilte auf die fünf Männer der Galeone zu, begrüßte sie und überschüttete sie mit Freundlichkeit. Die jungen Männer holten sich Stühle und setzten sich ebenfalls an den Kamin.

Josea, die Zwanzigjährige, hatte eine unaufdringliche Art, sich in dem Kaminzimmer zu beschäftigen. Sie förderte aus einem der schweren Schränke eine Korbflasche Rotwein und Becher zutage, holte Brot, Schinken, Hartwurst, Käse und stellte alles auf den Tisch.

Monforte registrierte sofort, daß seine Begleiter nur noch Augen für dieses schöne, gutgewachsene Mädchen hatten.

„Emilia“, brummte Pinho Brancate. „Kannst du nicht besser auf die Abuela aufpassen? Sie hat unsere Gäste natürlich sofort auf ihre Art begrüßt. Wo, zum Teufel, hast du gesteckt?“

„Im Stall bei den Tieren. Konnte ich denn ahnen, daß du jemanden mitbringst?“

„Du weißt doch, wie oft wir in Sturmnächten Schiffbrüchige zu uns nach Haus geholt haben.“

„Ja, das stimmt. Und du bist ja extra deshalb aufgebrochen, weil du nachsehen wolltest, ob wieder ein Unheil am Riff geschehen war“, entgegnete die stämmige Frau. „Verzeih, Pinho, daß ich so unaufmerksam gewesen bin. Senores, verzeihen auch Sie.“

„Ach, Schwamm drüber, das ist doch nicht der Rede wert“, sagte Reto, der Erste Offizier. Er hatte wie die anderen aus Joseas Hand einen Becher voll dunklem Rotwein entgegengenommen und als erster von diesem vorzüglichen Tropfen gekostet. Es war ein herrliches Gefühl, den Wein die Kehle hinabrinnen zu lassen, und Joseas Anwesenheit trug ebenfalls zu einer gewissen Gemütswandlung bei. Fast aufgeräumt prostete Reto den Brancates zu. „Ihr habt viel für uns getan, und wir werden es euch nie vergessen.‘“

Pinho Brancate hob seinen Becher und stieß mit ihm an, er trank aber nicht, sondern setzte das Gefäß auf dem Kaminsims ab.

„Ich hoffe wirklich, daß ihr uns stets in Erinnerung behaltet, Senores“, sagte er salbungsvoll.

6.

Reto, der Erste, schlief zuerst ein. Er hatte sich an den Tisch gesetzt und von dem Brot und dem Schinken gekostet. Mit der berückend schönen Josea hatte er noch ein Gespräch beginnen wollen, aber dann waren ihm die Augen zugefallen. Er ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken, legte die Arme auf und begann sanft zu schnarchen.

„Es war zuviel für ihn“, sagte Traquinho. „Er hätte nicht soviel Wein trinken sollen.“

„Ja, das ist ein süffiger Tropfen“, sagte Pinho Brancate lächelnd. „Wir bauen selbst keinen Wein an, weil er am Meer nicht gedeiht, aber weiter im Landesinnern habe ich einen guten Companhero, der mir jedes Jahr einige Fässer davon für wenig Geld verkauft.“

„Ehrlich gesagt, ich bin auch sehr müde“, sagte Tulio, der Soldat. „Auf dein Angebot, bis zum Morgen in einem eurer Gästezimmer auszuruhen, würde ich jetzt nicht verzichten, Brancate.“

Josefe, der Decksmann, gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. „Gleichfalls. Himmel, ich fühle mich so schwer, als hätte ich Blei in den Gliedern.“

„Senor Capitán“, sagte Tarquinho, dem jetzt auch die Augen zufielen. „Dürfen wir uns ein paar Stunden hinlegen, oder ist es vermessen, darum zu bitten?“

Alvaro Monforte schaute auf. Der Wein, die Wärme des Kaminfeuers – Herrgott, ihm war der Kopf auch schon halb nach vorn gesunken, und er hatte schon gar nicht mehr richtig verstanden, was gesprochen worden war. Ein wirrer Traum hatte in seinem Geist Gestalt angenommen. Jäh verblaßte jedoch das Produkt seiner bewegten Phantasie, er blinzelte seinen Decksältesten an. „Tarquinho, wir fünf haben den Schlaf bitter nötig, nehme ich an.“

Pinho Brancate stand auf und winkte seinen Söhnen und den Frauen zu. „Los, bewegt euch. Josea, richte die Zimmer her. Emilia, zünde die Öllampen im Obergeschoß an, damit unsere Freunde sich nicht die Köpfe stoßen. Senores, wir haben eine wunderschöne Kammer mit vier Betten und eine mit einem Bett – ich schlage vor, Sie schlafen separat, wie es Ihrem Dienstgrad zusteht, Capitán.“

„Einverstanden“, sagte Monforte mit schwerer Zunge. „Tarquinho und Josefe, ihr kümmert euch um den Ersten.“

„Das erledigen wir schon“, sagte nun Charutao und schritt mit seinem Bruder auf den schlafenden Ersten zu. Sie packten ihn unter den Armen, zogen ihn von seinem Platz hoch und hoben ihn offenbar mühelos so weit an, daß seine Füße den Holzfußboden nicht mehr berührten.

Josea hatte eine Tür geöffnet und war vorausgeeilt. Emilia folgte ihr über die Stufen der Treppe ins Obergeschoß. Sie entfachte mittels eines glimmenden Dochtes die Öllampen, die in eisernen Halterungen an den Wänden des oberen Flures angebracht waren.

Den Schluß der Prozession bildeten die Männer. Charutao und Iporá schritten hinter ihrem Vater, dem Kapitän, Tarquinho, Tulio und Josefe. Geschickt hoben sie die Beine des tief schlafenden ersten Offiziers über jede Stufe. Sie konnten sich ein Grinsen jetzt nicht mehr verkneifen.

Vom Flur des Obergeschosses führten vier oder fünf Türen in dahinter befindliche Räume, soviel stellte der Kapitän Monforte in seinem tranceartigen Zustand noch fest. In einem rechts liegenden Raum war das schöne junge Mädchen verschwunden. Emilia schlüpfte jetzt ebenfalls hinein. Wenig später konnten die Männer eintreten. Sie befanden sich in dem Vier-Betten-Raum. Emilia und ihre Tochter hatten durch eine Verbindungstür bereits das nächste Zimmer aufgesucht, das für Monforte bestimmt war.

Charutao und Iporá betteten Reto mit größter Behutsamkeit auf eins der Grasmatratzenlager. Tarquinho, Tulio und Josefe konnten nun auch nicht länger widerstehen, sie sanken jeder auf eine Ruhestatt.

Alvaro Monforte wankte auf die Verbindungstür zu. Er glaubte, jeden Augenblick in den Knien einzusakken. Pinho Brancate war neben ihm, stützte ihn und redete auf ihn ein. Monforte verstand nicht mehr, was der Mann sagte. Er entfloh in seine Traumwelt, diesmal endgültig.

Charutao und Iporá sahen ihrem Vater und dem Kapitän nach, dann blickten sie auf die vier Männer der „Sao Sirio“ hinunter.

„Sie schlafen“, sagte Charutao. „Diese Narren.“

„Still“, zischte Iporá Er trat neben die Betten, beugte sich über jeden Mann und hob prüfend die Augenlider an. Erst dann nickte er bestätigend. „In Ordnung, sie schlummern wirklich fest.“

Charutao verzog den Mund zu einem hämischen Grinsen. „Hör mal, glaubst du denn, das Gebräu der Abuela verfehlt seine Wirkung? Mutter hat doch genug davon in den Wein gekippt.“

„Aber die Abuela will kein Schlafmittel mehr zubereiten.“

„Vater zwingt sie dazu.“

„Du glaubst, sie könnte eines Tages einen Trick versuchen und statt des Kräuterelixiers eine harmlose Brühe kochen, von dem kein Kind einschläft?“

„Das wagt sie nicht“, sagte Charutao. Er tat einen Schritt auf den Ersten zu, griff an den Gurt und zückte einen Dolch, den er unter dem Hemd versteckt in den Hosenbund geschoben hatte. „Ich schätze, der Capitán, dieser verdammte Trottel, pennt inzwischen auch selig. Besorgen wir es diesen Hunden also. Je eher wir es erledigt haben, desto besser.“

Iporá stürzte auf ihn und griff nach seinen Handgelenken. „Bist du wahnsinnig? Du weißt doch, daß wir hier im Haus niemanden umbringen sollen. Wenn Josea das sieht …“

„Josea, Segura, Franca werden sich daran gewöhnen. Eines Tages müssen sie ja doch die Wahrheit erfahren. Warum sollen wir uns solange mit diesen fünf Figuren aufhalten? Zu holen gibt es bei ihnen ja doch nichts, zum Teufel. Nur ihre Waffen können wir in bare Münze umsetzen. Ein Hungerlohn.“

„Sei still“, sagte Iporá gedämpft. „Denk doch daran, daß wir die Kanonen ihres Schiffes bergen und verscherbeln können. Das bringt uns etwas ein.“

„Der Aufwand lohnt nicht. Einmal haben wir Schiffsgeschütze vom Grund des Riffs heraufgeholt, aber das war eine wahnsinnige Arbeit, und das Entgelt dafür war spärlich. Hast du das vergessen?“

„Nein“, antwortete ihm eine Stimme von der Verbindungstür zwischen den beiden Kammern her. Pinho Brancate war zu ihnen zurückgekehrt. Er blickte seinen ältesten Sohn so drohend an, daß dieser den Dolch sofort in den Hosenbund zurückschob.

Der bärtige Riese trat dicht vor seine Söhne hin. „Du hast Recht, Charutao“, raunte er. „Aber deswegen dürfen wir diese fünf Dummköpfe noch lange nicht ermorden. Laß dir so was nie wieder einfallen, verstanden? Oder du nimmst ein Bad im Brunnen.“

Charutao war bleich geworden. „Jawohl, Padre. Nur – was geschieht jetzt mit den Kerlen?“

„Ein Mißgeschick wird ihnen widerfahren. Sie treten zu nah an den Rand der Klippen und stürzen ab. Sie brechen sich den Hals, die Ebbe trägt sie in die See hinaus, und kein Hahn kräht mehr nach ihnen. Wer aufs Riff läuft, ersäuft, das ist doch klar. Ich glaube, der Handkorb von Monfortes Degen ist aus Silber. Dafür kriegen wir doch ein hübsches Sümmchen, und wieder halten wir uns für eine Weile über Wasser.“

„Über Wasser“, zischte Charutao. „Aber das große Geld verdienen wir nie, Padre.“

Pinho Brancates dunkle Augen begannen gefährlich zu glimmen. „Unzufrieden, Söhnchen?“

„Ich – nein, Padre.“

„Dann schweig. Wer aufsässig wird und das Maul zu weit aufreißt, erhält von mir eine Lektion, merk dir das.“

Er wollte weiterreden, den Zeitpunkt für die „Aktion Klippfelsen“, festlegen und Einzelheiten mit seinen Söhnen durchsprechen, da ertönte aus dem Erdgeschoß des Hauses anhaltendes, dumpfes Klopfen.

„Das ist die Abuela“, stieß der Bärtige aus. „Zum Teufel mit ihr. Sie ahnt natürlich, daß wir dabei sind, diese fünf traurigen Gestalten auszuplündern und zu beseitigen. Wartet hier, ich beruhige sie schon.“

Er verließ den Raum mit den vier Betten, hastete den Flur entlang und nahm die Treppe mit ein paar Sätzen. Unten angelangt, schob er den Riegel vor der Kammer seiner Mutter zurück und öffnete die Tür. Er schob sich in den Raum, ehe sie sich in das Kaminzimmer zwängen und womöglich nach oben laufen konnte.

Aus haßlodernden Augen blickte die alte Frau ihren Sohn an. Sie wollte mit den Fäusten gegen seine Brust trommeln, aber er hielt sie fest und drängte sie mit sanfter Gewalt tiefer in den Raum.

„Madre, Madre“, sagte er. „Was ist denn nur in dich gefahren?“

„Das weißt du!“

„Abuelita, ich schwöre dir …“

„Schwöre nicht! Versündige dich nicht! Ihr habt sie umgebracht, habt sie erstochen, nicht wahr?“

„Aber, aber“, sagte er mit erzwungenem Lachen. „Wer wird denn so etwas tun?“

„Lüg mich nicht an!“ schrie sie.

„Hör zu, ich habe wirklich keine Ahnung, wovon du sprichst.“

Sie senkte den Kopf und versuchte sich zu befreien. Sie trampelte auf der Stelle, aber es hatte alles keinen Zweck. Sie war ein schwaches, gebrechliches Etwas im Klammergriff des Riesen, dessen Geburtstag sie mehr als einmal verflucht hatte.

Sie beruhigte sich. „Du willst allen erzählen, ich sei nicht mehr ganz richtig im Kopf“, zischelte sie. „Aber nicht alle werden es glauben, nicht alle, hörst du? Ich bin nicht verrückt, ich bin ganz normal.“

„Aber sicher doch, Abuelita“, erwiderte er freundlich. „Sonst könntest du uns den Trank doch gar nicht mehr richtig zusammenbrauen.“

„Ich braue nichts mehr, darauf kannst du dich verlassen“, zürnte sie.

Pinho Brancate wurde stockernst. „Ich versichere dir, daß die bei uns Einkehrenden, die wir um ihre Habseligkeiten erleichtern, nicht schlecht von uns behandelt werden. Wir schleppen sie nur fort und setzen sie irgendwo aus. Wenn sie aufwachen, wissen sie nicht mehr, wo sie gewesen sind und was passiert ist. Zufrieden, Madre? Sieh mich nicht so strafend an. Ich bin doch dein treusorgender Sohn, der sich bislang aufopfernd um dich gekümmert hat.“ Er beugte sich leicht vor und fuhr leise und eindringlich fort: „Und wenn du jetzt noch länger tobst und dich nicht endlich brav verhältst, mache ich meine alte Drohung wahr.“

Ihre Augen weiteten sich. „Du Schuft! Das – das würdest du tun?“

„Ich setze dich in das kleine Boot, das in unserem Keller liegt, und schicke dich aufs Meer hinaus, jawohl. Dann holen dich die bösen Seedämonen und Wassergeister, und du kehrst nie mehr zu uns zurück.“

Er ließ sie los. Sie setzte sich auf ihren Stuhl und barg das Gesicht in den Händen.

Im Freien näherten sich plötzlich Schritte. Pinho Brancate trat neben das engbrüstige Fenster im Zimmer seiner Mutter, lehnte sich mit der Schulter gegen das Mauerwerk und spähte hinaus.

Gestalten näherten sich dem Haus – Männer. Der bärtige Riese zuckte kaum merklich zusammen. Angestrengt blickte er zu den Fremden, die genau auf die Eingangstür zusteuerten. Wer waren diese fünf Kerle? Woher stammten sie und was wollten sie?

Seine Züge glätteten sich erst wieder, als er im Gefolge der fünf Unbekannten seine zwei Töchter erkannte. Segura und Franca – sie hatten die Männer also gebracht!“

„Ein Schiff“, murmelte Brancate. „In der geschützten Bucht muß ein Schiff liegen, seine Besatzung hat sich auf diese Weise vor dem Sturm gerettet. Vielleicht schickt der Himmel uns diesen Kahn, vielleicht gibt es dort mehr zu holen als bei den Männern der ‚Sao Sirio‘.“

Er wandte sich vom Fenster ab, pirschte auf Zehenspitzen durch den Raum und glitt durch den Türspalt wieder in das Kaminzimmer. Die Tür riegelte er zu, dann lief er zur Treppe, hetzte die ersten Stufen hoch und rief: „Emilia! Zur Hölle, Emilia, wo steckst du denn bloß wieder?“

Schritte polterten von oben heran, das Gesicht seiner Frau schob sich über das Treppengeländer. „Was ist? Was willst du?“

„Fesselt und knebelt die fünf Männer, wir können sie jetzt nicht fortschaffen. Sperrt die Kammertüren zu, damit keiner hinein kann“, raunte der bärtige Mann ihr zu. „Es sind neue ‚Kunden‘ im Anmarsch, meine Liebe, und wir wollen sie gebührend empfangen und darauf achten, daß sie Monforte und seine Leute nicht entdecken.“

„Gut, ich kümmere mich darum“, sagte Emilia. Sie hastete zu den Schlafzimmern zurück und rieb sich zufrieden die Hände.

7.

Der Seewolf blieb vor dem Haus der Brancates stehen. Sein Blick wanderte über die breite Fassade, taxierte die Maße, blieb an Fenstern und Türen hängen und verharrte schließlich auf der Eingangstür, auf die Segura und Franca jetzt zustrebten.

Rechnete man das Kellergeschoß mit, das halb ins Erdreioch eingelassen war, verfügte das Gebäude über drei Stockwerke. Es handelte sich nicht um die üblichen Fischer- oder Bauernhütten, nein, dies war ein solider Bau, der Jahrhunderte überdauern konnte und nicht nur den acht Brancates, sondern nach Hasards Schätzungen auch einer größeren Familie genügend Platz bieten könnte.

Das war sie also, die Herberge. Hasard blickte weiter nach rechts und stellte fest, daß auch der Ziehbrunnen vorhanden war, von dem die Mädchen gesprochen hatten. Soweit schien alles zu stimmen, die Frage war nur, ob das Haus auch tatsächlich so gastlich war, wie Segura und Franca behaupteten.

Hasard schaute sich zu seinen Begleitern um und gab ihnen ein Zeichen. Mit gemischten Gefühlen folgten sie ihm zum Eingang. Ben Brighton blickte sich lauernd nach allen Seiten um und hatte schon die Hand auf den Griff seiner Radschloßpistole gelegt – für den Fall, daß sie jemand aus dem Hinterhalt zu überraschen trachtete.

Jeder hatte sich ein kleines, leeres Faß unter den linken Arm geklemmt, aber die rechte Hand blieb frei. Hasard hatte es seinen vier Männern nicht einzuschärfen brauchen, ständig auf der Hut zu sein. Sie paßten von sich aus auf, denn ihre Erfahrung sagte ihnen, daß nichts, aber auch gar nichts unmöglich war und die ganze Welt voller böser Zufälle war.

Hasard trug zusätzlich zu seinem leeren Wasserfäßchen eine Ledertasche an einem Schulterriemen bei sich. Doch sie behinderte ihn keineswegs so sehr, daß er nicht mehr in der Lage war, rasch eine doppelläufige sächsische Reiterpistole zu ziehen, falls es notwendig wurde.

Shane und Ferris schritten dicht nebeneinander her. Der graubärtige Riese malte sich schon aus, wie es war, wenn gleich die Tür des Hauses aufschwang und ein Trupp wilder Kerle ins Freie stürmte. Ferris Tukker fragte sich immer wieder, wie, zum Teufel, sie eigentlich in diese verzwickte Situation hatten hineinschliddern können.

Das alles wegen dieser vorlauten zwei Mädels, sagte sich der Profos, der ganz hinten in der Gruppe stapfte. Na wartet, wenn ihr was gegen uns ausgeheckt habt, ihr Satansbraten, dann haue ich euch den Hintern voll, soviel ist sicher!

Er packte sein Fäßchen fester — bereit, es jedem Angreifer mit aller Kraft auf den Schädel zu wuchten.

Mit einemmal entdeckte er Sir John. Der Papagei zog seine Kreise über dem mächtigen Profos-Schädel, gurrte und ließ sich zielsicher auf Carberrys Schulter nieder. Zärtlich zupfte er seinem Herrn am Ohrläppchen herum.

„Sir John, du Mißgeburt“, grollte der Profos. „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst an Bord bei Old O’Flynn bleiben? Warum bist du mir wieder nachgeflogen, was, wie?“

Hätte Sir John den Inhalt dieser Worte verstanden und wäre er in der Lage gewesen, Sinnvolles in der Sprache der Menschen auszudrükken, so hätte er jetzt geantwortet, daß er den alten O’Flynn nun mal nicht leiden konnte.

So aber krächzte er nur: „Beidrehen! Mann über Bord!“

Carberry verspürte Lust, sich den Vogel von der Schulter zu pflücken und ihm den Hals umzudrehen, aber er beherrschte sich. Er blickte sich statt dessen um und prüfte, ob ihnen etwa auch die Zwillinge nachgelaufen waren. Zuzutrauen war es Philip und Hasard, aber Gott sei Dank, sie tauchten nirgendwo auf.

Segura hatte versucht, die Tür zu öffnen, aber von innen schien ein Riegel vorgeschoben zu sein.

„Padre! Madre!“ rief sie.

Daraufhin schlurften von innen Schritte heran. Jemand hantierte an der Tür, ein Balken schien zur Seite gezogen zu werden – die Tür öffnete sich.

Der Bärtige, der das Rechteck der Tür mit seiner Gestalt ausfüllte, war das Betrachten wirklich wert. Ein echter Koloß war er. Was den Umfang seines Bartgestrüpps sowie seine Körpermaße betraf, konnte er es mit Big Old Shane durchaus aufnehmen. Shane war um ein paar Zoll breiter und größer als Hasard, Ferris und Carberry. Er blickte Pinho Brancate denn auch ziemlich mißbilligend an. War es nicht eine Zumutung, daß jemand es wagte, ihm ähnlich zu sehen?

Brancate breitete die Arme aus und setzte eine Miene auf, als sei er von einer wunderbaren Erscheinung überwäligt.

„Segura, Franca, meine Töchter – por Dios, wen bringt ihr denn da nur mit?“

Segura setzte es ihm auseinander, während sie alle eintraten. Der Vollbärtige schüttelte „Captain Philip Drummond!“ und dessen Begleitern spontan und hocherfreut die Hände.

Segura und Franca berichteten abwechselnd, was sich auf den Klippfelsen abgespielt hatte. Pinho Brancate hörte zu, nickte hin und wieder, schaute zu seinen fünf Besuchern und lud sie durch Gesten ein, doch an dem großen Zypressenholztisch Platz zu nehmen.

Auf dem Tisch zeugte inzwischen nichts mehr davon, daß hier kurz zuvor fünf Schiffbrüchige beköstigt worden waren. Und auch die übrigen Spuren im Kaminzimmer, die einen Verdacht hätten wachrufen können, hatte die flinke Emilia beseitigt, nachdem sie Josea, Charutao und Iporá im Obergeschoß ihre Anweisungen gegeben hatte.

Nur die Korbflasche Wein, Schinken, Wurst und Brot waren auf der wuchtigen Tischplatte zurückgeblieben – als Zeichen, daß die Familie hier über kurz oder lang ihre Abendmahlzeit einzunehmen gedachte.

Als die Mädchen ihre Schilderung beendet hatten, lächelte Pinho seinen neuen Gästen wohlwollend zu. Dann drehte er sich um und rief: „Emilia! Emilia, wo in aller Welt steckst du wieder?“

Emilia trat ein, umarmte kurz und heftig ihre Töchter, begrüßte die Seewölfe und begann auf eine Gebärde ihres Mannes hin, Becher auszuteilen.

„Ja, ja, die Piraten“, sagte Pinho Brancate in einer Mischung aus Portugiesisch und Spanisch. „Sie haben ja gehört, welchen Ärger wir mit diesem Lumpenpack haben, Capitán Drummond. Zweimal haben wir in kopfloser Flucht unser Haus verlassen. Zweimal! Wir haben uns wie die Tiere im Wald verstekken müssen – und als wir nach dem Verschwinden dieser Kerle zurückkehrten, wissen Sie, wie wir da unser Heim vorfanden?“

„Ich kann es mir vorstellen“, entgegnete Hasard. „Alles in allem müssen wohl auch wir, meine Männer und ich, froh darüber sein, bislang an der portugiesischen Küste keinen Seeräubern in die Hände gefallen zu sein.“

Emilia bejahte aufgeregt. „Das müssen Sie, Senor Drummond. Herrje, was hätte Ihnen alles passieren können!“

Hasard wechselte einen kurzen Blick mit seinen Männern. Er wandte sich wieder den Gastgebern zu und zog die Ledertasche auf seine Knie.

Die Seewölfe hatten die Fäßchen in der Nähe der Tür abgesetzt und dann an der klobigen Tafel Platz genommen. Carberry, Shane und Ferris mit dem Rücken zum Kamin, Hasard und Ben ihnen gegenüber an der anderen Seite des Tisches.

„Seltsam“, sagte der Seewolf. „Dabei dachte ich, man hätte allenfalls an den afrikanischen Küsten noch die Seeräuber zu fürchten. In Lissabon, wo ich Holz für den Schiffsbau löschte und Getreide für Irlands Kornspeicher übernahm, wurde mir außerdem versichert, daß die Küsten Iberiens ausgezeichnet bewacht seien – durch die Armada.“

Pinho räusperte sich. Emilia griff zur Korbflasche und schenkte Carberrys Glas als erstes voll.

„Im Prinzip ist das wahr“, erklärte der bärtige Portugiese. „Aber unsere glorreiche Armada wird immer wieder abgelenkt und anderswo gebraucht – was man meistens geflissentlich verschweigt, damit ja keiner glaubt, die Zahl der Schiffe, die Spanien-Portugal zur Verfügung stehen, sei begrenzt.“

„Aha“, erwiderte Hasard, ohne überzeugt zu wirken. „Aber unter uns könnten wir doch ruhig ehrlich sein. Welche Routen segeln die Galeonen Philipps II. denn gerade? Sind sie in die Neue Welt unterwegs? Oder kämpfen sie gegen die dreisten Barbaresken, die vielleicht einen neuen Schlag gegen die christliche Welt planen?“

„Es braut sich was zusammen“, sagte Brancate mit Verschwörermiene. „Ich habe vernommen, daß ein Angriff auf Cadiz stattgefunden hat.“

„Durch die Muselmanen?“

„Nein, durch die Engländer.“

Ben Brighton hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Brancates zusammenfuhren.

„Die englischen Bastarde“, sagte Hasards Erster und Bootsman in täuschend echt gespielter Wut. „Sie begnügen sich nicht mehr damit, gegen uns zu kämpfen, sie fallen jetzt auch über unsere Verbündeten her. Der Teufel soll sie holen!“

Carberrys Augen weiteten sich. Fast hätte er Ben angebrüllt, was ihm denn eigentlich einfalle, das eigene Nest zu beschmutzen, aber rechtzeitig besann er sich darauf, daß sie ja „Iren“ waren. Trotzdem, er mußte seinen Ärger über Bens Äußerung herunterspülen, mit einem kräftigen Schluck Wein.

Er setzte seinen Becher an, ehe Hasard ihn daran hindern konnte. Mit einem tiefen Zug leerte ihn der Profos. Er leckte sich die Lippen, stieß einen wohligen Laut aus, und Emilia schickte sich an, sofort von der dunkelroten Flüssigkeit nachzugießen.

Hasard hatte jetzt eine bauchige Flasche aus seiner Ledertasche gezogen und setzte sie auf dem Tisch ab.

„Aber nein, nein“, sagte er. „Den Begrüßungstrunk liefere ich, das lasse ich mir nicht nehmen. Ben, entkorke die Flasche und schenke die Becher voll. Senor Brancate, beleidigen Sie mich nicht, indem Sie diesen edlen Tropfen ablehnen. Sie wollen doch wohl nicht ihren eigenen Wein trinken, während ich Ihnen einen Riojo kredenze, den mir ein spanischer Freund von der Hafenkommandantur in Lissabon mit auf die Reise gegeben hat?“

„O nein, natürlich nicht“, entgegnete Pinho, der sich ausgezeichnet in der Gewalt hatte. „Hierzulande weiß man, was es heißt, das Geschenk eines Gastes abzulehnen.“ Er schob seinen leeren Becher zu Ben, und Ben kippte ihn lächelnd voll.

Carberry wollte Emilia auffordern, ihm doch noch etwas von dem „vorzüglichen portugiesischen Landwein“ einzuschenken, aber der Seewolf schoß einen derart drohenden Blick auf ihn ab, daß er es sein ließ.

Allmählich dämmerte es dem Profos. Er lehnte sich zurück, starrte ausdruckslos auf einen imaginären fixen Punkt und schob seinen Becher gleichfalls zu Ben Brighton hinüber. Ben bediente den Profos, wie es sich gehörte, und der Profos hob seinen Becher, prostete dem Seewolf zu und sagte nicht sonderlich laut: „Auf unser aller Wohl, Sir. Auf daß alle Piraten und Hundesöhne krepieren, Sir.“

Er stürzte den kostbaren Riojo in einem Zug hinunter.

Ben musterte Edwin Carberry besorgt. Wenn der Profos leise sprach, war Holland in Not. Dann konnte es passieren, daß er den Großmast aus dem Kielschwein hob und sich mit dem Großsegel die Nase putzte, dann verschlang er vielleicht auch Sir John samt seinen bunten Federn und derben Sprüchen. Während sich draußen das Wetter zusehends beruhigte, standen hier alle Zeichen auf Sturm, denn Ed hatte begriffen, warum sein Kapitän auf keinen Fall von dem Wein der Brancates kosten wollte.

Pinho Brancate hob seinen Becher. „Auf die Freundschaft zwischen Spanien, Portugal und Irland, Senores!“

„Ja“, sagten die Seewölfe. „Auf gute Freundschaft!“

Sie tranken den Riojo, dann lehnte sich Brancate zu Hasard hinüber und sagte jovial: „Sagen Sie, Capitán Drummond, haben Sie denn tatsächlich Getreide geladen? Keine Waffen, wie?“

„Waffen für Irland? Nein, die geraten auf anderem Weg in unser Land“, erwiderte Hasard. „Außerdem haben wir Korn genauso dringend nötig wie Flinten und Schwarzpulver, das dürfen Sie mir glauben, mein Freund. Ich meine, der Hunger ist Irlands ärgster Feind.“

„Ja, Hunger ist schlimm“, murmelte Emilia.

Hasard packte aus, was er außer dem Wein in seiner Ledertasche mitgebracht hatte – Speckseiten, Mehl, Zucker, Salz und ein frisches Huhn aus der Vorratskammer des Kutschers. Seit der letzten Proviantübernahme waren die Seewölfe mit Eßwaren recht gut eingedeckt. Sie konnten diese Kleinigkeiten erübrigen. Hasard wollte das Spiel auf die Spitze treiben und die Brancates menschlich herausfordern. Er wollte einfach sehen, wie weit das Spiel ging.

„Segura und Franca haben mir erzählt, daß Ihre Familie früher einmal großen Hunger gelitten hat“, sagte er. „Das hat mich zutiefst beeindruckt, und ich wollte auf meine Art zur Besiegelung dieser Freundschaft beitragen.“ Er schob die Lebensmittel auf Emilia zu, aber die lehnte es sofort gestenreich ab, anzunehmen.

„Das können wir nicht akzeptieren!“ rief nun auch Pinho Brancate. „Auf gar keinen Fall! Sie beschämen uns, Capitán Drummond!“

„Ach wo“, antwortete der Seewolf. „Nun nehmen Sie schon hin, Senor. Sie können sich dafür mit etwas Trinkwasser revanchieren, das wir gern in unsere mitgebrachten Fässer füllen würden.“

„Gut“, sagte Brancate. „Aber Sie kriegen noch mehr von uns, nicht nur Wasser.“

„Ja, das glaube ich“, brummte der Profos schläfrig. Er wollte noch etwas hinzufügen, bevor Hasard, Ben, Shane oder Ferris ihn daran hindern konnten, aber dann verschlug es ihm doch die Sprache, denn die restlichen Mitglieder der Brancate-Familie waren eingetreten.

Charutao, Iporá – und Josea.

Den Söhnen des Herbergswirts schenkten die Seewölfe kaum Beachtung, wohl aber der schönen Josea. Sie grüßte freundlich, wechselte ein paar Worte mit ihren Schwestern und half dann der Mutter, Schinken und Wurst zu schneiden und den Besuchern das einfache Mahl auf Tellern vorzusetzen.

Segura stellte eifersüchtig fest, daß ihre ältere Schwester dem Seewolf immer wieder Blicke zuwarf. Hasard merkte das auch, und ein belustigter Ausdruck spielte um seine Mundwinkel. Er stand plötzlich auf.

„Danke, Senor Brancate“, sagte er. „Aber bevor wir etwas zu uns nehmen, erledigen wir die Sache mit dem Wasser. Sie wissen schon: erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

„Wirklich?“ Brancate zuckte mit den Schultern, dann grinste er breit und zufrieden. „Also schön, wie Sie meinen, Capitán Drummond. Aber ich möchte Ihnen einen dieser wirklich vorzüglichen Schinken schenken, die wir in Eigenproduktion herstellen. Josea kann Sie nach oben in den Speicher begleiten, wo die Schinken und Würste aufgehängt sind, während einer meiner Söhne und ich Ihren Kameraden dabei helfen, Wasser aus dem Brunnen heraufzuziehen.“

„Eine gute Idee“, erwiderte Hasard. „Ich schlage Ihr Angebot nicht ab, Senor, weil ich weiß, daß Sie dann wirklich gekränkt wären.“

„So ist es.“

„Senor“, sagte Emilia zu Ben Brighton. „Gehen Sie mit Charutao in den Keller hinunter. Ich möchte, daß Sie etwas von unserer vorzüglichen Kuhmilich in eins Ihrer Fäßchen abzapfen. Die Männer an Bord Ihres Schiffes werden dankbar für diese Abwechslung sein.“

„Ben, das geht in Ordnung“, sagte Hasard.

Carberry gähnte und erinnerte sich zu spät daran, daß man in der Gegenwart von Ladys am besten die Hand vor den Mund hielt.

„Sir, ich komme natürlich mit“, sagte er in seiner Muttersprache, weil Spanisch jetzt viel zu anstrengend war. „Ich mache mich auch nützlich, aye, Sir, so wahr ich hier stehe.“

„Sitze“, brummte Ferris Tucker. „Ed, es wäre besser, wenn du dich irgendwo hinlegen könntest. Du bist ja völlig fertig. Vierundzwanzig Stunden ununterbrochen auf den Beinen – das setzt einem früher oder später eben doch zu.“

„Was, ich? Vierundzwanzig Stunden?“ Carberry verstand die Welt nicht mehr. Nach seiner Rechnung waren höchstens fünfzehn oder sechzehn Stunden vergangen, seit er seinen Achtersteven aus der Koje im Logis der „Isabella“ gewuchtet hatte – und warum waren die anderen auf einmal so besorgt um ihn?

„Im Nebenzimmer steht eine Liege, Senor“, sagte Pinho Brancate, „dort können Sie sich ausruhen. Bitte keine falsche Bescheidenheit. Segura und Franca, ihr begleitet unseren Freund in das Hinterzimmer hinüber, anschließend geht ihr nach oben und zieht euch trockenes Zeug an. Es nutzt doch nichts, daß ihr vor dem Kamin hockt, ihr holt euch ja noch den Tod nach dem vielen Regen, den ihr abgekriegt habt.“

„Ja, das meine ich auch“, entgegnete Hasard. „Aber jetzt brauchen die Mädchen ja nicht mehr Wache bei der Bucht zu halten. Meine Männer besorgen das. Falls irgend jemand Ungebetenes mit hinterhältigen Absichten auftaucht, geben sie uns Bescheid.“

Segura und Franca verließen mit dem wankenden Carberry den Raum – nicht, ohne noch einen mißgünstigen Blick auf Josea abgeschossen zu haben.

Der Profos seinerseits sandte der schönen Josea einen sehnsüchtigen Blick nach. Er wünschte sich, jetzt an Hasards Stelle sein zu können und mit dem bezaubernden Mädchen die Treppe hinaufzusteigen.

Statt dessen ließ er sich im Nebenraum auf einer Art Pritsche nieder und schlief sofort ein.

8.

Es stimmte: Vom Obergeschoß des Hauses führte eine kurze Stiege bis unter das Dach, und dort baumelten von dicken Balken die Schinken und Würste, von denen Pinho Brancate so schwärmerisch gesprochen hatte. Hasard kletterte hinter Josea die Sprossen der Stiege hinauf und hatte Gelegenheit, ihre schwingenden Hüften zu bewundern. Er hätte einigermaßen beruhigt sein können, als sie jetzt auf dem Dachboden-Speicher verharrte und im Schein eines Talglichtes, das das Mädchen hielt, zu der Pracht schauten, die da aufgehängt worden war. Aber er wurde das dumpfe Gefühl nicht los, daß man sie überwältigen wollte.

„Suchen Sie sich den schönsten aus“, sagte Josea, als sie auf die Schinken zutraten. „Mein Vater will, daß Sie aufs beste bedient werden.“

„Und Sie, Senorita?“

Ihr Blick traf seine eisblauen Augen. Ihre Züge waren weich, unbeschreiblich weich und ebenmäßig – und voller Verheißung. „Ich tue, was der Padre sagt.“

„Dann beraten Sie mich.“

„Man muß ein Geschenk kosten, um zu wissen, wie es schmeckt“, erwiderte sie leise. „Ist Ihnen das nicht bekannt – Capitán?“

„Ich heiße Philip mit Vornamen.“

Sie blieb dicht vor ihm stehen und wandte sich ganz zu ihm um. „Vater würde mich schlagen, wenn er wüßte, daß Sie Josea zu mir sagen.“

„Noch habe ich es nicht getan.“

„Sind alle Iren so – so zurückhaltend?“

Verdammte Koketterie, dachte Hasard, raffiniertes Biest, aber ich lasse mich von dir nicht einwickeln.

„Iren sind Hitzköpfe voller Temperament“, antwortete er verhalten. „Hat dir noch keiner gesagt, daß sie den Portugiesen ähneln, Josea?“

„Nein. Von dir könnte ich viel lernen, oder?“

„Das kommt ganz darauf an.“

„Du bist ein kluger Mann, Philip.“ Sie legte ihm die Hände auf die Schultern. „Es spricht aus deinen Worten, aus deiner Art, dich zu bewegen, daß du weit herumgereist bist und viele Erfahrungen gesammelt hast.‘“

„Ein Narr wird höchst selten Schiffskapitän.“

„Ich mag kluge Männer, und wenn sie zudem noch so gut aussehen wie du, verliere ich den Verstand“, wisperte sie. Sie schloß die Augen. Ihre Hände schoben sich um seine Schultern herum, glitten tiefer, ihr Mund näherte sich seinen Lippen. Stille umgab sie. Man konnte nicht hören, was unten im Haus gesprochen und getan wurde. Sie schienen sich jetzt in einer völlig anderen Welt zu befinden. Hasard erwiderte den Kuß des Mädchens. Weich, warm und verlangend waren diese Lippen – und für einen Augenblick ließ er sich doch von ihren Reizen und Liebkosungen gefangennehmen.

Die Rechnung für seine Leichtfertigkeit kriegte er sofort präsentiert.

Joseas rechte Hand fuhr an seinen Gurt. Sie tat aber nicht, was die meisten Mädchen in dieser Situation nun zweifellos getan hätten – sie verhielt sich völlig anders. Plötzlich hatte sie seine doppelläufige Reiterpistole gezückt, entschlüpfte seiner Umarmung und wich zwei Schritte zurück.

O ja, sie konnte mit der Waffe umgehen. Schnell spannte sie beide Hähne des Radschlosses und zielte auf Hasards Brust.

„Philip Drummond“, zischte sie. „Zwinge mich nicht, auf dich zu schießen. Glaub mir, ich tue es, falls du Widerstand leistest.“

Der Seewolf hatte sich in der Gewalt. Hatte er nicht die ganze Zeit über fest damit gerechnet, daß die Brancates hinter dem Mantel der Herzensgüte und Hilfsbereitschaft ganz bestimmte Absichten verbargen? War dies nicht endlich der Beweis dafür? Die Schleier der Scheinheiligkeit waren gefallen, aber trotzdem erschütterte es ihn, daß ein Mädchen wie Josea an diesem Komplott teilnahm. Er mußte doch um seine Fassung kämpfen.

„Wenn das deine persönliche Art zu scherzen ist, dann hör sofort damit auf“, sagte er leise. „Gib die Pistole her.“

„Nein. Wir gehen jetzt zu Segura und Franca. Sie werden dich fesseln und knebeln, und ich rate dir, nicht zu schreien, um deine Leute zu warnen. Ich will dich nicht töten, aber in dem Fall wäre ich dazu gezwungen, wie gesagt.“

„So ist das also.“ Hasard lächelte hart. „Ich hatte also wirklich recht mit meinen Ahnungen.“

„Versuche nicht, mich zu überlisten“, wisperte sie drohend. „Gehen wir jetzt. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Drei hübsche Mädchen, eins davon noch ein Kind, spielen die Lockvögel“, sagte der Seewolf unbeirrt. „Das habt ihr euch fein ausgedacht. Normalerweise gebt ihr den Gästen, die ihr ausplündern wollt, wohl von eurem Wein zu trinken, nicht wahr? Nur, damit habe ich insgeheim gerechnet …“

„Womit?“

„Daß ein Schlafmittel darin ist. Als ich vor einigen Jahren von einer Preßgang an Bord eines Schiffes verschleppt wurde, hatte man vorher auch versucht, mir einen Schlaftrunk einzutrichtern. Es klingt absurd, aber in gewisser Weise kann man von Nathaniel Plymson, diesem Schlitzohr, doch auch was lernen. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, Josea. Mein Profos ist leider darauf hereingefallen und schlummert nun selig. Warum gebt ihr euren ‚lieben Freunden‘, die euch besuchen, nicht gleich Gift zu trinken?“

„Schweig“, raunte sie mit wütend verzerrter Miene. „Wir sind keine Mörder. Die Abuela bereitet den Schlaftrunk zu, wir betäuben die Leute, denen wir etwas von ihrem Besitz abnehmen, und setzen sie später einige Meilen von hier entfernt aus, damit sie nie zurückfinden.“

„Wer das glaubt, wird selig.“

Josea rückte unwillkürlich näher auf ihn zu. „Nie würde ich einen Menschen umbringen, nie, hörst du?“ sagte sie leidenschaftlich. „Und das gleiche gilt für meine Eltern, Schwestern und Brüder. Im übrigen handeln wir aus Notwendigkeit, wenn wir hin und wieder jemanden um sein Hab und Gut erleichtern. Wir wollen nie wieder Hunger leiden, nie wieder. Du weißt nicht, wie grausam das ist.“

„Jeder rechtfertigt sich auf seine Weise“, erwiderte er so ruhig wie möglich. „Aber der wirkliche Schurke ist euer Vater, der euch zu Dieben und Strandräubern erzogen hat.“

„Schweig!“

„Woher willst du eigentlich wissen, daß es bei uns etwas zu holen gibt?“

„Segura und Franca haben uns bei Tisch Zeichen gegeben. Wir haben eine geheime Gestensprache.“

„Ziemlich ausgekocht.“

„An Bord eures Schiffes müssen Segura und Franca Wertvolles gesehen haben. Gold, Silber und Juwelen.“

„In meiner Kammer. Dachte ich es mir doch, daß sie diese Entdeckung so schnell wie möglich weiterverraten würden.“

„Ich wette, daß ihr kein Getreide befördert, Capitán“, flüsterte sie. „Ihr habt etwas ganz anderes an Bord.“

„Und wenn es so wäre?“

„Wir werden eure Kameraden dazu zwingen, uns das Schiff zu überlassen. Sie werden es nicht wagen, das Leben ihres Kapitäns und vier seiner besten Seeleute aufs Spiel zu setzen. Während sie sich in den Beibooten aus der Bucht entfernen, werden wir die Galeone von oben bis unten durchsuchen und uns nehmen, was uns gefällt. Später könnt ihr euer Schiff wiederhaben, aber dich, Philip, und deine vier Kameraden lassen wir natürlich an einem anderen Platz wieder frei …“

Es war weniger der Gedanke an den Schatz in den Frachträumen der „Isabella“, der Hasard zum Handeln trieb. Vielmehr bangte er um das Leben seiner Männer, denn Josea konnte ihm viel über ihre „Diebesehre“ erzählen, er glaubte einfach nicht daran, daß Pinho, Charutao und Iporá Ben Brighton, Ferris Tucker, Shane und den Profos mit Samthandschuhen anfaßten.

Unvermittelt tat er einen Schritt auf das Mädchen zu. Ehe sie es sich versah, hatte er ihren Arm mit der Reiterpistole gepackt und halb herumgedreht. Er entriß ihr die Waffe, die Gott sei Dank nicht losging, packte Josea grob mit der freien Hand und zerrte sie zu sich heran.

Die Pistole, deren Hähne immer noch gespannt waren, stopfte er sich in den Gurt zurück. Dann hielt er Josea die rechte Hand vor den Mund und preßte ihn zu, bevor sie einen Schrei von sich geben konnte.

„Du hast dich selbst verraten“, raunte er ihr ins Ohr. „Und eigentlich bin ich froh, daß du es nicht fertigbringst, wirklich auf jemanden zu feuern und ihn zu töten. Vorwärts, gehen wir jetzt zu Segura und Franca. Sie warten auf uns.“

Er drängte sie zur Stiege, verhielt aber, bevor er mit ihr nach unten stieg.

„Wo halten die Mädchen sich auf?“ fragte er sie leise. „Im Obergeschoß? Rede!“ Er riß ihren Kopf ein Stück weiter in den Nacken zurück. Sie wertete es als offene, brutale Drohung und nickte ängstlich.

„Führe mich zu der Kammer, in der sie stecken“, befahl Hasard.

Segura und Franca hatten in einer der Kammern bereits Stricke und einen Knebel zurechtgelegt, mit denen sie den Seewolf in ein „kunstgerechtes Paket“ verwandeln wollten. Franca hielt überdies einen hölzernen Hammer in der rechten Faust – auf Anweisung ihres Vaters hin sollte sie das Opfer damit ins Reich der Träume schicken. Da der Trick mit dem gepanschten Wein ja nur bei dem einen Kerl halbwegs funktioniert hatte, mußte man sich eben einer drastischeren Methode bedienen, um die Männer des Schiffes außer Gefecht zu setzen.

Jemand drückte die Türklinke herunter, und Segura sagte: „Tritt ein, Josea, es ist alles soweit fertig.“

Keine Sekunde zweifelten Segura und Franca daran, daß Josea Erfolg gehabt hatte. Die List mit dem Speicher, der voller Schinken und Würste hing, hatten die Brancates schon oft ausgeführt, und Joseas Reizen war dabei noch jeder Narr erlegen.

Nur: Ein solcher Narr war der Seewolf eben nicht.

Er trat mit seiner Gefangenen in den Raum, drückte die Tür hinter sich ins Schloß und sagte: „Segura und Franca, ihr wollt doch sicher nicht, daß eurer Schwester etwas geschieht. Ich warne euch. Wenn ihr schreit oder sonstwie Alarm schlagt, vergesse ich mich.“

Segura und Franca fuhren zu ihm herum.

Sie sahen, daß der schwarzhaarige Mann mit den kühnen eisblauen Augen Josea fest im Griff hatte. Er preßte sie fest an sich, hielt ihr den Mund zu und drückte ihr die Schneide eines großen, furchterregenden Messers an die Gurgel.

Segura und Franca standen mit stockendem Atem da. Niemals hätten sie mit einer solchen Überraschung gerechnet. Segura taumelte und mußte sich auf den Rand des einfachen Bettes setzen, das zur Ausstattung des Zimmers gehörte.

„Tu das nicht“, flüsterte sie entsetzt. „Laß sie in Ruhe – bitte.“

„Laß sie frei“, flehte Franca, der der Schock aus den weit aufgerissenen Augen abzulesen war.

„Segura“, sagte der Seewolf. „Du fesselst und knebelst jetzt deine kleine Schwester. Danach tust du das gleiche mit Josea. Na los, beeil dich, oder soll ich meine Drohung ausführen?“

Segura nickte verstört und ging an die Arbeit. Keinen Augenblick dachte sie ernsthaft daran, etwas gegen den Seewolf zu unternehmen. Ihre Furcht, Josea könnte etwas zustoßen, war viel zu groß. Der familiäre Zusammenhalt der Brancates war tatsächlich groß, vor allem zwischen den Schwestern. Sie hatten sich geschworen, sich gegenseitig zu beschützen.

Dieses feierliche Gelübde gipfelte nun darin, daß Segura die beiden Schwestern tatsächlich mit den Stricken band, ihnen Knebel in die Münder stopfte und sie auf das Bett verfrachtete.

Hasard stand mit leicht abgespreizten Beinen im Raum, das Messer hielt er immer noch in der Faust, um Segura abzuschrecken. Nie hätte er es sich einfallen lassen, den Mädchen auch nur die Haut zu ritzen, aber er wußte nicht, welches andere Mittel er anwenden sollte, um sie einzuschüchtern und am Schreien zu hindern.

Segura drehte sich zu ihm um. „Jetzt bin ich dran, nicht wahr, Capitán?“

„Du hast es erraten.“

Sie blickte ihn durchdringend an, etwas in ihren Zügen veränderte sich. Plötzlich begann sie, an ihrer grobleinenen Bluse herumzunesteln.

„Du kannst mich haben, Philip“, flüsterte sie. „Ich sträube mich vor dir nicht. Du gefällst mir, und wenn du endlich das Messer wegsteckst, können wir in eins der Nebenzimmer gehen und uns auf angenehmere Weise die Zeit vertreiben.“ Sie lächelte unendlich verführerisch. „Falls es dich nicht stört, daß Josea und Franca uns zusehen, können wir es aber auch gleich hier erledigen.“

„Segura“, sagte er. „Ich verpasse dir zwei Ohrfeigen – zwei, nicht nur eine, wenn du jetzt nicht augenblicklich parierst.“

Sie wich vor ihm zurück, nahm die restlichen Stricke vom Fußboden auf und ließ es sich dann mit angstgeweiteten Augen gefallen, daß er sie fesselte und knebelte. Der letzte Versuch, den Seewolf zu umgarnen und hereinzulegen, war gescheitert.

Hasard verließ die Kammer, pirschte aber zu den anderen Zimmern des Obergeschosses weiter, ehe er nach unten zurückkehrte. Einem inneren Antrieb folgend, durchsuchte er auch diese Räume.

Fast hätte er einen Pfiff der Verwunderung ausgestoßen, als er in den letzten beiden auf den Flur mündenden Kammern die fünf gefesselten Männer entdeckte. Sie hatten Knebel zwischen den Zähnen stekken, aber sie hätten auch ohnedem nicht geschrien, denn sie lagen im tiefsten Schlaf.

Portugiesischer Landwein, dachte Hasard grimmig, na warte, du Hund von einem Banditenwirt!

Der Profos lag auf dem Rücken und schnarchte.

Wenn ich an der Koje horche, pflegte er gelegentlich zu den Männern der „Isabella“ zu sagen, dann könnt ihr mich wegtragen, dann kann der Kahn absaufen und die ganze Welt untergehen – dann wache ich nicht auf.

Im Grunde stimmte das auch: Matt Davies behauptete, Carberry schnarche und grunze wie ein Walroß und es sei eine Zumutung, in seiner Nähe zu schlafen. Auch das entsprach im Prinzip der Wahrheit, und doch gab es eine Möglichkeit, den Profos abrupt aus dem Reich der Träume hochzuscheuchen und sein gräßliches Schnarchen mit einem Schlag abreißen zu lassen.

Diese Möglichkeit hieß Sir John. Der karmesinrote Arancanga krabbelte dem Profos auf dem Bauch herum, erklomm dann seine Brust und seinen Hals und anschließend das mächtige Rammkinn, das wie ein Amboß in das Dunkel des Raumes aufragte.

Sir John begann nun, seinem Herrn an der Nase herumzuknabbern. Als auch das nichts nutzte und der Profos sich nicht rührte, zwackte Sir John ihm zweimal kräftig in den unteren Teil der Nase. Böse Zungen bezeichneten die Profos-Nase als eine „Kartoffel“ oder als eine „Gurke“, aber „Rüssel“ schien doch am treffendsten zu sein, denn wenn man einem Elefanten in den Rüssel biß, wurde er garantiert fuchsteufelswild.

Nicht anders erging es nun dem Profos. Der Schmerz reichte aus, um ihn aus den finsteren Sphären seiner Träume auf die Welt mit all ihrem Elend und ihren Ungerechtigkeiten zurückzubefördern. Unter Normalumständen wäre Ed Carberry hochgefahren, hätte einen Schwall übelster Wörter losgelassen und versucht, Sir John zu greifen. Da er aber nach wie vor benommen von dem „vorzüglichen portugiesischen Landwein“ war, schlug er vorerst nur verdattert die Augen auf, ließ ein wölfisches Knurren vernehmen und richtete sich schwerfällig mit dem Oberkörper auf.

Sir John schlug mit den Flügeln und gurrte begeistert. Er hüpfte auf die gewaltige Profos-Brust zurück und freute sich mächtig darüber, daß er seinen Herrn zum Leben erweckt hatte.

„Du verlauste Vogelscheuche“, lallte Carberry. „Hätte ich dich doch nie vom Amazonas mitgebracht. O Hölle und Teufel, was ist das doch alles für ein verdammter Mist hier!“

Umständlich erhob er sich von dem einfachen Lager, schaute sich um und wurde aus der Situation immer noch nicht schlau. In seinem Kopf wühlte und wirbelte es, als bewegten sich dort Mühlsteine. Immerhin war es schon eine beachtliche Leistung, sich unter der Wirkung des Schlafmittels einfach auf der Pritsche aufzusetzen. Carberry dachte darüber nach, allmählich ging ihm ein ganzer Kerzenleuchter auf, aber er drohte doch immer wieder auf die Liege zurückzusinken.

Sir John krächzte empört, als sich plötzlich eine Tür öffnete.

Carberrys Körper straffte sich. Eine Glocke in seinem Hirn schien Alarm zu schlagen. Er tastete nach seinen Waffen. Sie waren fort, man hatte sie ihm abgenommen, aber immerhin konnte er noch von Glück sagen, daß man ihn nicht gefesselt hatte. Offenbar hatte Brancate dies nicht für notwendig erachtet.

Die Tür schien nicht die zu sein, durch die er, Carberry, in diesen Raum gelangt war, soviel wurde ihm bewußt – und, in der Tat, es war wirklich die Verbindungstür zwischen diesem Raum und der Kammer, in der die Abuela von ihrem Sohn gefangengehalten wurde.

Carberry sah eine schmale Gestalt, die sich in sein Zimmer schob.

„Wer da?“ brummte er unruhig. Er erhielt keine Antwort. Sir John flog von der Pritsche auf, Carberry erhob sich ganz und stand schwankend wie eine Pappel im Sturmwind. Dann vernahm er eine flüsternde Frauenstimme.

„Fremder, hab keine Angst vor mir!“

Josea, dachte Carberry sofort, Himmel, dieses Prachtstück von einem Frauenzimmer ist zu Besuch aufgekreuzt. Habe ich’s mir doch gedacht! Na, die Weiber wissen eben, wo die größten Qualitäten verborgen sind!

Sie verharrte neben dem einzigen niedrigen Fenster des Raumes. Carberry schob sich auf sie zu. Er beugte sich mit verzückter Miene zu ihr hinunter und wollte irgend etwas Unsinniges, völlig Unangebrachtes sagen, das ihm gerade einfiel – da erstarrte er.

Statt in das zarte Antlitz Joseas zu blicken, hatte er das zerknitterte Gesicht einer Greisin vor sich. Ein abgemagertes Gesicht war das, faltige, ledrige Haut spannte sich über die Knochen und erfüllte die Höhlungen mit schlaffen Runzeln.

„Hol’s der Henker“, entfuhr es dem Profos, „des Teufels Großmutter höchst persönlich!“

„Fremder“, zischte die Alte. „Ich will dir helfen und dich retten, denn unter diesem Dach darf kein weiteres Unheil geschehen. Verstehst du mich?“

„Mit Ach und Krach.“

„Hör mir gut zu. Einer deiner Freunde ist mit Charutao in den Keller hinuntergestiegen. Du mußt ihn als ersten niederschlagen.“

„Wen?“ fragte Carberry verwirrt.

„Charutao natürlich, wen denn sonst?“ sagte die Abuela ärgerlich. „Anschließend solltest du ins Freie gehen und den beiden beistehen, die gerade von Pinho und Iporá, diesen schmutzigen Bastarden, zum Brunnen begleitet werden. Dort wollen sie Wasser holen, aber Pinho und Iporá werden sie niederknüppeln, das schwöre ich dir. Und wenn sich deine Freunde zu sehr wehren, werden meine Leute nicht zögern, sie im Brunnen zu ersäufen.“

„Ja, da hört sich doch alles auf“, murmelte Carberry, der sich jetzt schon sehr viel nüchterner und wacher fühlte.

„Schließlich wäre da noch der Schwarzhaarige, der mit Josea zum Dachboden hinaufgestiegen ist“, wisperte die Alte. „Um ihn bereite ich mir aber die wenigsten Sorgen.“

„Ich auch. Hasard kann sich am besten von uns allen helfen, und von dem Mädchen läßt er sich nicht um den Finger wickeln.“

„Vorwärts, ich zeige dir jetzt eine Treppe, die in den Keller führt“, sagte die Abuela. „Beeil dich. Und tu mir einen Gefallen, Ja? Im Stall liegt ein Boot, eine lächerliche, häßliche Nußschale. Zerstör sie. Zerschlag das elende Ding, verstanden, mein starker Freund?“

„Ja, Rose von Portugal“, antwortete der Profos. „Wir schaukeln das schon. Ich verspreche es dir. Ich habe jetzt nämlich die Nase voll.“

9.

Shane und Ferris hatten im Kaminzimmer noch einen Schluck Riojo-Wein zu sich genommen und von dem Schinken gekostet, bevor sie mit Pinho Brancate und dessen jüngstem Sohn das Haus verlassen hatten. Als sie zum Ziehbrunnen hinter der Herberge marschierten, jeder mit zwei Fäßchen unter dem Arm, wandte Ferris Tucker sich leise an den graubärtigen Riesen.

„Shane, ob der Schinken wohl vergiftet ist?“

„Was, das fällt dir jetzt ein?“

„Mir ist eben erst der Verdacht gekommen. Der Wein, den diese Galgenstrikke uns unterjubeln wollten, scheint ja mit einem Schlafmittel angereichert zu sein.“

„Ferris“, zischte Big Old Shane. „Hast du denn nicht gesehen, wie sich auch Pinho Brancate einen ordentlichen Kanten von dem Schinken zwischen die Kiemen geschoben hat?“

„Darauf habe ich nicht geachtet.“

„Du bist ein gottverdammter Klamphauer. Was hast du mir für einen Schreck eingejagt!“

„Shane, ob es wohl richtig war, den Profos in dem Hinterzimmer zurückzulassen?“

„Natürlich. In seinem Tran wäre er uns jetzt bloß zur Last gefallen. Wir dürfen die beiden Kerle nicht aus den Augen lassen. Wäre Carberry mit von der Partie, hätten sie außerdem mit ihm leichtes Spiel.“

„Du denkst, die greifen uns an?“

„Ja“, antwortete Shane. „Willst du noch mehr wissen?“

„Nein, das reicht mir“, sagte Ferris voll Grimm. „Still jetzt, die Burschen drehen sich nach uns um.“

Die beiden Brancates hatten den Ziehbrunnen hinter dem Haus erreicht. Pinho wandte den Kopf und lächelte seinen „irischen Gästen“ zu, man konnte seine untadeligen Zähne im Mondlicht schimmern sehen, das jetzt durch eine Lücke in den Wolkenbänken fiel. Iporá war bereits damit beschäftigt, den Holzkübel aus der Tiefe des Brunnens heraufzuziehen.

„Das Wetter bessert sich“, sagte der Herbergswirt. „Der Wind hat, merklich nachgelassen, und bestimmt hat sich auch die See beruhigt.“

„Jawohl, es klart auf“, sagte Big Old Shane. Er setzte seine Fässer neben dem gemauerten Brunnen ab, entkorkte die Öffnungen und richtete sich mit einem knappen Blick in den Himmel wieder auf. „Im Morgengrauen können wir dann wohl den Anker hieven, die Bucht verlassen und weitersegeln, um unsere Reise fortzusetzen – wenn alles gutgeht.“

„Ja, wenn alles gutgeht“, echote Ferris Tucker. Er hatte seine Fässer ebenfalls zu Boden gelassen und harrte der Dinge, die da folgen würden.

Iporá hielt plötzlich in seiner Tätigkeit inne und blickte ziemlich entgeistert in den Brunnen hinunter. Seine Stimme klang hohl von den Innenwänden wider, als er zu seinem Vater sagte: „Padre, da ist was – ein Widerstand. Ich kann den Kübel nicht hochziehen.“

Pinho trat neben ihn. „Laß mich mal“, brummte er, aber so sehr er auch zerrte und ruckte, der Kübel ließ sich keinen Zoll höher ziehen.

„Senores“, sagte Pinho Brancate in gespielter Verzweiflung. „Können Sie nicht mal mit anpacken? Zu viert schaffen wir es vielleicht.“

„Oder das Tau reißt“, widersprach der rothaarige Schiffszimmermann. „Hat denn so was die Welt schon gesehen? He, Senor, kannst du mit deinem eigenen Brunnen nicht umgehen?“

Der Herbergswirt überhörte dies geflissentlich. Er schien ganz in seine Tätigkeit vertieft zu sein.

Big Old Shane und Ferris Tucker traten an den Brunnenrand, hüteten sich aber, sich über den Mauersims zu beugen.

Pinho Brancate und sein Sohn fuhren plötzlich zu ihnen herum. Der Kübel, bislang noch von beiden am Seil festgehalten, sauste in die Tiefe und klatschte Sekunden später unten ins Wasser, weil die Portugiesen das Seil losgelassen hatten. Statt dessen hatten sie sich mit dicken Knüppeln bewaffnet, die in eigens dafür angebrachten Eisenhalterungen an der Brunneninnenseite gehangen hatten. Ohne daß die „lieben Freunde“ es gemerkt hatten, hatten die Brancates blitzschnell zu diesen Waffen gegriffen.

Das Versteck der Knüppel war Pinhos glorreiche Erfindung. Er war sehr stolz darauf, denn schon mehrfach hatte es sich als eine wahrhaft grandiose Einrichtung bewährt.

Die Freundlichkeit war wie weggewischt aus Pinhos und Iporás Mienen. Ohne Warnung droschen sie auf den ehemaligen Schmied von Arwenack und Hasards rothaarigen Schiffszimmermann ein. Sie dachten, leichtes Spiel zu haben, weil sie das Überraschungsmoment ausnutzen – aber bei Shane und Ferris waren sie an die Falschen geraten.

Überrascht waren die beiden keineswegs, sie hatten ja mit einem Ausfall der zwielichtigen Portugiesen gerechnet. So erfolgte ihre Reaktion jetzt gedankenschnell. Ferris sprang zur Seite. Iporá schlug mit dem Knüppel ins Leere und wurde durch die Wucht des Hiebes aus dem Gleichgewicht gebracht. Es riß ihn nach vorn.

Big Old Shane blockte den brutalen Schlag des Vollbärtigen ab, indem er den rechten Fuß hochschwingen ließ. Seine Stiefelspitze traf Pinhos Knüppelarm an dessen Unterseite, und zwar so heftig, daß der bullige Mann aufstöhnte.

Den Knüppel ließ er aber nicht los.

Ferris war herumgefahren und hatte sich auf Iporá geworfen. Dadurch wurde der Halunke nun vollends aus der Balance gebracht, er fing sich nicht mehr, sondern landete bäuchlings im Matsch vor dem Brunnen. Ferris’ große Faust landete mit dumpfem Laut in Iporás Nacken, aber der Bursche wurde nicht bewußtlos. Er konnte einiges einstekken. Lesen und Schreiben hatte Brancate seinen Sprößlingen nicht beigebracht, vom Rechnen ganz zu schweigen. Wohl aber praktische Nahkampfmethoden! Iporá wälzte sich herum, wehrte Ferris’ Hagel von Hieben ab und versuchte, den Knüppel wieder hochzubringen und ihn dem Rothaarigen mitten ins Gesicht zu schlagen.

Shane duckte sich und vollführte eine halbe Körperdrehung, als Pinho Brancate erneut den Knüppel auf sein Haupt niedersausen ließ. Das Rundholz, dicker und schwerer als ein Belegnagel oder eine Handspake, verfehlte Shanes Kopf und knallte auf seine linke Schulter. Greller Schmerz zuckte durch Shanes Körper, aber er hatte sich in der Gewalt und schaffte es, Brancates Waffe festzuhalten, ehe dieser das Holz wieder zu sich zurückziehen konnte.

Shane und Pinho zerrten an beiden Enden des Knüppels. Pinho trachtete den graubärtigen Riesen bis an den Brunnen zu befördern und ihn gegen die Mauer prallen zu lassen. Shane ließ sich nicht vom Fleck bewegen. Es war ein Ringen der Giganten, sie rissen beide wie verrückt an dem Rundholz, aber das Kräfteverhältnis schien fünfzig zu fünfzig zu sein. Sie liefen rot in den Gesichtern an, und ihre Schläfenadern traten schwellend hervor.

Ferris landete einen Hieb auf Iporás Schulter. Für einen Augenblick war der Portugiese gelähmt, und Tucker ergriff seine Chance. Mit einem weiteren Schlag fegte er Iporá den Knüppel aus den Fäusten, er segelte ein Stück durch die Nachtluft und blieb auf dem Untergrund liegen – unerreichbar für den jungen Brancate.

Iporá revanchierte sich mit einem Haken und hielt seinen Gegner durch eine Serie von weiteren Boxhieben in Atem.

Ferris kippte hintenüber, sprang aber auf, bevor Iporá sich auf ihn stürzen konnte. Mit zwei Schritten zurück war Ferris beim Brunnen angelangt und wartete den nächsten Angriff ab.

Pinho Brancate zerrte plötzlich nicht mehr an seinem Knüppel, er stieß ihn in die entgegengesetzte Richtung und traf Big Old Shanes breite Brust. Shane keuchte, behielt aber seinen festen Stand bei. Er war außerdem so geistesgegenwärtig, die hölzerne Waffe rasch nach unten zu drücken. Sie schrammte über seinen Leib, aber auch das ertrug er. Brancate stolperte auf Shane zu, beide ließen fast gleichzeitig den Knüppel los, und dann rammte Shane dem Herbergswirt mit einem saftigen Fluch die Faust unters Kinn.

Pinho Brancate taumelte zurück, strauchelte und fiel auf den Rücken. Er breitete die Arme aus, und es hatte den Anschein, als ob er der Bewußtlosigkeit und Kapitulation nahe war.

Ferris ließ den anstürmenden Iporá auflaufen, packte ihn dann jählings am Hals und schob ihn mit aller Macht an seiner Körperflanke vorbei auf den Brunnen zu. Da nutzte es nichts mehr, daß Iporá entsetzt aufstöhnte und wild gestikulierte. Ferris dirigierte ihn so auf den gemauerten Sims zu, daß Iporás Kinnlade mit dem Stein kollidierte.

Iporá brach zusammen. Ferris stieß einen Laut der Genugtuung aus.

Shane schritt mit ausgebreiteten Armen auf den liegenden Pinho Brancate zu.

„Laß dich umarmen, Compadre“, sagte er grollend. „Mich kannst du nicht ins Bockshorn jagen. Du bist noch längst nicht erledigt. Stell dich, damit ich dir den Rest geben kann.“

Brancate warf sich im Matsch herum und begann zu kriechen. Er gelangte plötzlich an eine kleine Erhebung, die weder Shane noch Ferris zuvor entdeckt hatten. Der Buckel entpuppte sich als ein aus Steinen zusammengefügtes längliches Gebilde, das oben durch ein Brett abgedeckt war. Ehe Shane es verhindern konnte, hatte der bärtige Portugiese das Brett zur Seite geräumt und förderte aus dem darunter freiwerdenden Hohlraum etwas zutage.

Eine Flinte.

Genauer, ein Tromblon. Big Old Shane identifizierte den Typ der Waffe einwandfrei, als Brancate auf ihn anlegte und den Hahn spannte. Charakeristisch für diese auch Blunderbuss oder Blunderbüchse genannte Flinte war die trichterförmig erweiterte Mündung. Auch die Seewölfe verfügten an Bord ihres Schiffes über solche Tromblons. Wenn sie mit gehacktem Blei und Eisen geladen waren, entwickelten diese Schießeisen eine verheerende Wirkung.

Also noch ein geheimes Waffenversteck, das der ausgekochte Brancate für alle Fälle in der unmittelbaren Nähe seines Hauses angelegt hatte! Er spielte den Harmlosen, Gutmütigen, aber er war für alle Eventualitäten gerüstet. Shane brauchte sich keinen Illusionen hinzugeben. Selbstverständlich war das Tromblon geladen, und es befand sich dank der Abdeckung des Verstecks auch in völlig trockenem Zustand. Es regnete nicht mehr, folglich gab es wirklich keine Hoffnung, daß die Waffe etwa durch Feuchtigkeit unbrauchbar geworden war.

„Was habt ihr mit meinem Sohn getan?“ schrie Pinho Brancate. „Ich bringe euch um, ihr dreckigen Bastarde! Ich mache euch fertig – so, wie ich alle anderen Hurensöhne abserviert habe, denen ich die Taschen leerte! Verreckt!“

Er war außer sich vor Wut und hatte jede Beherrschung verloren. In seinem Zustand war er zu allem fähig, auch zum Amoklauf. Shane konnte seine Pistole nicht zücken, Brancate hätte auf jeden Fall zuerst abgedrückt. Und Ferris? Von dem war auch keine Hilfe zu erhoffen. Er stand neben dem Brunnen, war durch das Mauerwerk nicht gedeckt und befand sich zudem noch in einer Schußlinie mit Big Old Shane, so daß der Portugiese sie mit einem einzigen Schuß aus dem Tromblon niederstrecken konnte.

Brancate erhob sich mit haßverzerrtem Gesicht.

Er wußte nicht, daß seine drei Töchter, die gefesselt und geknebelt in einer Kammer des oberen Geschosses lagen, jedes seiner Worte verstanden hatten und in diesem Augenblick für sie eine Welt zusammenbrach, weil sie immer geglaubt hatten, der Padre und die beiden Brüder verschonten ihre Opfer.

Brancate bemerkte ebensowenig, daß rund drei Yards über ihm der Seewolf eins der engen Fenster geöffnet hatte und auf ihn niederblickte.

Charutao hatte Ben Brighton zwar sofort nach dem Abstieg in die Stall- und Kellerräume bewußtlos schlagen wollen, aber Hasards Erster und Bootsmann hatte ihm keine Gelegenheit dazu geboten. Immer wieder hatte er nach dem Brancate-Sproß geblickt – und Charutao zögerte aus berechtigtem Anlaß, sich mit dem stämmigen Mann anzulegen. Zu griffbereit ragte der Kolben der Radschloßpistole aus Bens Gurt auf, und sicherlich wußte der „Ire“ auch vorzüglich mit der Waffe umzugehen. Also war Vorsicht geboten, Charutao mußte schon warten, bis Ben ihm den Rücken zuwandte.

Charutao führte Ben gehorsam in den Nebenraum des Stalles, in dem die Fässer mit der Frischmilch aufgebockt standen. Nebenan war das Rumoren der Kühe, der Maultiere, Schafe und Ziegen zu vernehmen, die den bescheidenen Reichtum der Familie darstellten.

Charutao steckte einen Trichter aus gehämmertem Blech in die Öffnung des Fäßchens, das Ben mitgebracht hatte. Danach schöpfte er aus einem der offenen, vertikal aufgestellten Behälter mittels einer Art Muck Milch und füllte sie um. Glukkernd lief die weiße, fette Flüssigkeit den Trichter hinab.

Dann kam der Augenblick. Durch ein gewolltes Mißgeschick Charutaos lokkerte sich der Trichter. Er löste sich aus dem Spundloch des Fäßchens und landete klappernd auf dem Steinboden. Ben beging einen Fehler, als er sich danach bückte. Der Brancate-Sproß nutzte die Gelegenheit, indem er die Muck ins Faß fallen ließ und sich eine Schaufel griff, die ganz in seiner Nähe an der Wand lehnte.

Er wollte Ben Brighton die Schaufel so fest über den Hinterkopf ziehen, daß dieser für die nächsten Stunden nicht mehr aufwachte.

Aber da war plötzlich eine zweite Hand, die sich um die seine schloß, als er die Schaufel gepackt hatte. Verdutzt wandte Charutao sich um.

Er blickte in das wüste Narbengesicht des Mannes, den Segura und Franca in das Hinterzimmer geführt hatten und von dem alle annahmen, daß er im tiefsten, ohnmachtähnlichen Schlaf lag – alle außer der Abuela.

„Por Dios, der Profos“, konnte Charutao noch stammeln. Dann trachtete er zwar, seine Hand von dem Schaufelgriff zu lösen, aber Carberry klammerte sie fest, hielt den jungen Schurken in seiner Nähe, während er seine andere, freie Faust hochzog und sie auf den Gegner abfeuerte.

Charutao glaubte, von einem der Maultiere des väterlichen Stalles voll ins Gesicht getroffen worden zu sein. Er prallte zurück, stöhnte auf und konnte dann doch endlich rückwärts stolpern, weil Edwin Carberry ihn jetzt freigelassen hatte.

Charutao strauchelte über das halb mit Milch gefüllte Seewölfe-Fäßchen und stürzte, wollte sich dann jedoch wieder aufrappeln. Aber diesmal war Ben Brighton schneller. Ein nicht minder wuchtiger Hieb des Ersten der „Isabella“, und der älteste Brancate-Sohn sank bewußtlos zusammen und streckte alle viere von sich.

Sir John flatterte durch den Kellerraum und stieß die schönsten Flüche aus seiner Sammlung aus, auf englisch und auf spanisch.

„Mann, wie konntest du wissen, daß ich hier unten bin und der Knabe mich niederschlagen wollte?“ fragte Ben.

Carberry grinste säuerlich. „Ein Engel hat euch in dem Kaminzimmer beobachtet, wohl durchs Schlüsselloch des einen Nebenraums. Dann hat er’s mir geflüstert, was hier läuft. Ein Engel, der so um die siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt ist.“

„Ed, weißt du auch wirklich, was du sagst?“ erkundigte Ben sich besorgt.

„Ja. Lauf nach oben und sieh zu, daß du Brancates Frau und die Mädchen zurückhältst, damit sie ja nicht nach draußen können, wo Shane und Ferris jetzt wahrscheinlich mit diesem Vollbart und seinem zweiten Sohn alle Hände voll zu tun haben. Mann, nun lauf schon – nach oben, ins Kaminzimmer zurück. Von der Abuela, der Oma, haben wir übrigens keine Hinterhältigkeiten zu erwarten.“

„Und was tust du?“ fragte Ben verblüfft.

„Ich hab hier noch kurz was zu erledigen“, erwiderte der Profos. „Ich will ein kleines Boot kaputtschlagen. Warum, das weiß ich selbst nicht genau. Aber ich hab’s versprochen.“

In diesem Moment war von draußen das Gebrüll Pinho Brancates zu vernehmen. Ben Brighton hielt sich nicht mehr damit auf, sich über Carberrys merkwürdiges Benehmen zu wundern – er stürmte los.

10.

Hasard kauerte auf der Fensterbank und hatte die Hände links und rechts von sich an den hölzernen Rahmen gelegt. Er wartete noch, bis der zornige Herbergswirt seinen Standort geringfügig verändert hatte – dann ließ er sich vornüberkippen und hechtete sich auf den Mann. Die zweieinhalb oder drei Yards freier Fall waren in einem Atemzug überbrückt. Brancate registrierte noch, daß über ihm etwas war, aber ehe er sich darauf einstellen konnte, hatte der Seewolf ihn erreicht.

Schwer landete Hasard auf Brancates Gestalt und riß ihn mit sich zu Boden. Es gab einen klatschenden Laut, als sie im Matsch aufschlugen. Brancate brachte es mit einem mörderischen Fluch noch fertig, das Tromblon hochzureißen. Hasard rang mit ihm, Shane und Ferris duckten sich instinktiv, dann ging die Flinte los und entließ ihre höllische Ladung in den Nachthimmel.

Hasard und der bärtige Portugiese wälzten sich im Schlamm. Über und über waren sie mit dem schwärzlichen Morast besudelt, als der Seewolf es endlich fertigbrachte, dem Kerl die Faust unters Kinn zu rammen. Brancate gab einen gurgelnden Laut von sich, schien aber immer noch nicht genug zu haben.

Hasard schlug wieder und wieder zu, während der Wirt versuchte, seine mächtigen Hände um den Hals des Gegners zu schließen. Brancate schaffte dies noch, aber dann verließ ihn unter dem Einfluß eines neuen Kinnhakens jegliche Kraft. Schlaff sank er in den Morast zurück.

Der Seewolf richtete sich auf. Er keuchte, wischte sich Schlamm aus dem Gesicht und drehte sich zu seinen heraneilenden Männern um.

„Shane und Ferris“, sagte er. „Fesselt diesen Mörder und schafft ihn ins Haus. Mit Iporá verfahrt ihr genauso. Ferris, du hast ihn doch wohl hoffentlich nicht zu heftig traktiert?“

„Der Bursche lebt, ich habe eben an seiner Brust gehorcht“, erwiderte der rothaarige Zimmermann grimmig. „Wir sollten auch nach weiteren versteckten Waffen Ausschau halten.“

„Ja, tut das.“ Hasard wollte sich dem Haus zuwenden, aber in diesem Augenblick öffnete sich schon die Tür, und Ben Brighton trat mit Emilia ins Freie.

Die kräftige Frau wehrte sich nach Leibeskräften, aber gegen Ben konnte sie sich nicht behaupten. Als sie das einsah, verlegte sie sich darauf, den wakkeren Ben mit den wohl unflätigsten und gemeinsten Verwünschungen zu überschütten, die die portugiesische Sprache kannte.

„Was ist mit Charutao?“ wollte Hasard von Ben wissen.

„Der liegt im Keller, außer Gefecht gesetzt. Der Profos hat mitgeholfen, den Lümmel zu überwältigen.“

„Und die Abuela?“

„Die hat uns geholfen, wenn ich Ed richtig verstanden habe.“

„Aha“, sagte Hasard. „Dann hätten wir sie ja alle zur Räson gebracht. Übrigens, unsere drei jungen Amazonen liegen sorgfältig verpackt in einer der Kammern des oberen Stockwerks. Ich gehe jetzt rauf und sehe nach, ob sie schon versuchen, ihre Stricke durchzunagen.“ Er trat an den Brunnen und hievte den hölzernen Kübel hoch, der natürlich nie irgendwo hängengeblieben war. Er goß sich einen Schwall Wasser ins Gesicht, ließ das Naß an sich herablaufen und befand sich somit in einem leidlich sauberen Zustand.

„Das Wasser scheint in Ordnung zu sein“, stellte er nüchtern fest. „Wir können die Fässer also tatsächlich damit füllen, sobald wir mit der Familie Brancate fertig sind. Ben, Shane, Ferris, erledigt das bitte. Ich gehe jetzt nach oben. Übrigens, wußtet ihr, daß sich außer uns noch weitere fünf ‚Gäste‘ in diesem aufnahmebereiten Haus aufhalten?“

Sie sahen ihm verblüfft nach, als er jetzt zum Eingang schritt und das Kaminzimmer durchquerte.

Hasard verhielt auf halbem Weg, denn soeben erschien Carberry mit dem bewußtlosen Charutao auf der Bildfläche. Grinsend ließ der Profos den Burschen auf die Holzbohlen des Fußbodens sinken. Er vergewisserte sich, daß er immer noch im Reich der Träume lag, trat dann an den Tisch und goß Riojo-Wein in einen unbenutzten Becher.

„Melde mich zum Dienst zurück, Sir“, sagte er. „Das mit dem Wein war ein Mißgeschick, das mir so schnell nicht wieder passiert.“

„Ich hatte dich nicht rechtzeitig warnen können, Ed.“

„Ich hätte selbst aufpassen müssen. Verdammt, ich war wohl geistig weggetreten. So ein Pech aber auch …“

„Schwamm drüber, Ed.“

„Aye, Sir.“ Carberry griff sich den Becher, marschierte bis vor die Tür der Abuela-Kammer, drückte den Riegel zur Seite und sagte: „Du kannst rauskommen, Oma, das Gefecht ist vorbei.“ Ihm fiel ein, daß er englisch gesprochen hatte, darum wiederholte er das Gesagte in seinem grauenvollen spanischen Kauderwelsch. Erstaunlicherweise schien die Abuela verstanden zu haben.

Sie verließ ihr Zimmer, blieb vor dem häßlichen Riesen stehen und fragte: „Ist das Boot kaputt, Fremder?“

„Si, Rose von Portugal. Du kannst es im Kamin verfeuern, dazu taugt es vielleicht noch.“

„Das werde ich tun“, entgegnete sie mit Würde. „Und nun laßt uns auf den Sieg anstoßen.“ Sie nahm den Becher aus des Profos’ schwieliger Hand entgegen, trank ihn in einem Zug leer und wandte sich an den überraschten Seewolf.

„Kapitän, ich schwöre dir, daß die drei Mädchen nicht wußten, was sie taten. Pinho, dieser Bastard von einem Vater, hatte ihnen immer vorgelogen, daß er und seine Söhne die Ausgeplünderten mit dem Maultierkarren fortbrachten und irgendwo in der Einöde aussetzten. Das ist nicht wahr. Sie haben sie von den Klippen gestürzt oder anders beseitigt. Nie hätten Josea, Segura und Franca dabei als Komplicen mitgemacht.“

„Ich glaube Ihnen“, antwortete Hasard. „Vielen Dank, Senora.“

Er stieg die Stufen zum Obergeschoß hoch und suchte die miteinander verbundenen Zimmer auf, in denen er die fünf gefesselten und geknebelten Männer entdeckt hatte. Er befreite sie, aber sie schliefen immer noch – aussichtslos, sie wachrütteln zu wollen.

Hasard begab sich in die angrenzenden Räume und befreite Josea, Segura und Franca, die immer noch nebeneinander auf der Bettstatt lagen, von ihren Knebeln.

„Wenn ich wüßte, daß ihr keine Dummheiten anstellt, würde ich euch auch eure Fesseln abnehmen“, sagte er.

„So töricht sind wir nicht“, erwiderte Josea mit vibrierender Stimme. „Nicht mehr. Der Padre hat sich selbst verraten und des mehrfachen Mordes überführt. Wir wußten nicht, daß er ein solcher Verbrecher ist, aber wir wollen mit ihm und allen anderen, die bei dem schrecklichen Komplott als Mitwisser dabeiwaren, nichts mehr zu tun haben.“

„Ist das jetzt ehrlich?“ fragte Hasard. Er sah Josea in die großen, dunklen, traurigen Augen.

„Ja“, flüsterte sie. „Und ich bin bereit, für diese meine Worte zu sterben.“

„Ich sorge dafür, daß ihr drei nicht belangt werdet“, entgegnete der Seewolf. Er begann, ihre Fesseln zu lösen, wurde aber kurz darauf durch Schritte unterbrochen, die die Treppe herauf polterten.

Hasard stand auf und trat auf den Flur. Zu seinem Erstaunen erkannte er in der Gestalt, die soeben die letzten Stufen hinter sich brachte, Dan O’Flynn.

Der junge Mann schritt auf ihn zu und sagte: „Da staunst du, was? Nun, die vier Glasen, die Matt, mir, Batuti, Gary, Sam und Bob noch an der Wachablösung fehlten, waren um. Wir wollten gerade an Bord der ‚Isabella‘ zurückkehren, da vernahmen wir alle den Schuß, der hier fiel. Mein Vater ordnete an, ein Trupp Freiwilliger solle sofort losziehen und nach dem Rechten sehen.“

„Du und die anderen fünf?“

„Ja, Sir.“

Hasard lächelte. „Danke für euren schnellen Einsatz, aber hier ist bereits alles geregelt. Los, hilf mir, die Mädchen loszubinden, sie haben eben den Schock ihres Lebens erfahren. Da man gerade dabei ist, Wahrheiten auszuplaudern, halte ich es auch für angebracht, unsere wahre Identität preiszugeben. Wir werden ihnen eben ganz einfach beibringen, daß nicht alle Engländer Teufel sind.“

„Ja, ich finde auch, das wird langsam Zeit“, meinte Dan. Er erblickte in dem offenen Baum hinter Hasard die drei Mädchen und grinste Segura, die ihn fast flehend anschaute, aufmunternd zu.

Nach Mitternacht drehte der Wind. Es blies jetzt nicht mehr aus Westsüdwest, sondern aus Nordwesten. Der Sturm hatte sich gelegt, nur eine mäßige Dünung bewegte die See, und Lucio do Velho konnte die Manntaue entfernen lassen und die normale Besegelung gegen die Sturmsegel seiner Viermast-Galeone „Candia“ austauschen. Unter den letzten zum Land strebenden Wolkenfetzen kletterte er auf das Achterdeck seines nur leicht lädierten Schiffes und hielt eine kurze Ansprache an die Offiziere und das Schiffsvolk.

„Wir haben es geschafft“, sagte er. „Dem Himmel sei Dank, aber bitte vergessen Sie auch nicht, daß es meiner vorbildlichen Schiffsführung zu verdanken ist, wenn wir im Sturm kein größeres Unheil erlitten haben. Der beste Beweis für die Richtigkeit meiner Manövrierkunst ist die Tatsache, daß wir die anderen Schiffe unseres Verbandes aus den Augen verloren haben, Senores. Die Kapitäne der ‚Sao Sirio‘, der ‚Sao Joao‘, der ‚Extremadura‘ und der ‚Santa Angela‘ waren meiner großen Strategie, gegen den Wetterfeind ins Feld zu ziehen, nun einmal nicht gewachsen.“

„Wir wollen nicht hoffen, daß sie alle gesunken sind, Senor Comandante“, erwiderte der erste Offizier. „Beten wir zum Himmel, daß sie nur den Kontakt zu uns verloren haben und uns bald wieder einholen.“

Do Velho blickte mißbilligend zu dem Ersten. Wie konnte dieser Gimpel es wagen, ihn einfach zu unterbrechen? Do Velho wollte ihm eine geharnischte Antwort geben, doch dann überlegte er es sich doch anders. Bei aller Überheblichkeit erschien es auch ihm nicht angebracht, den abgekämpften, physisch und nervlich ausgelaugten Männern Standpauken bezüglich ihres Benehmens zu halten.

„Bei den derzeitigen Windverhältnissen können wir darauf nicht hoffen“, erwiderte Lucio do Velho nur. „Die Schiffe müssen kreuzen, um den Nordkurs halten zu können.“

„Das dauert eine halbe Ewigkeit“, sagte Ignazio, der Mann aus Porto. „Senor, ich glaube, soviel Zeit können wir nicht verlieren.“

Do Velho musterte seinen Bootsmann unter hochgezogenen Augenbrauen. „Wie? Ja, richtig, Ignazio. Ich würde den Seewolf allein jagen, wenn ich könnte, aber ich kann auf die Unterstützung der beiden Galeonen und der Karavellen nicht verzichten. Wir müssen klug vorgehen, klug und taktisch.“

„Wie ist also Ihre Order, Senor Comandante?“ erkundigte sich Ignazio.

„Wir halsen und segeln mit raumem Kurs an der Küste entlang“, sagte do Velho bissig. „Liegt das denn nicht auf der Hand, Bootsmann?“

„Nein – ich meine, selbstverständlich, Senor.“

„Wir müssen in diesen sauren Apfel beißen“, sagte do Velho. „Je eher wir die Segler unseres Verbandes wiedergefunden haben, desto besser. Ich brauche einen vollständigen, schlagkräftigen Verband, bevor ich meine Mission weiterführen kann.“

Die Offiziere – ausgenommen Ignazio – blickten sich untereinander an. Sie fragten sich im stillen, ob es nicht genauso klug, nein, intelligenter gewesen wäre, das Toben des Sturmes an einem geschützten Ort abzuwarten. In diesem Fall wäre der Verband komplett geblieben, und er hätte jetzt, gegen Morgen, ohne weiteren Verzug wieder nordwärts segeln können.

Aber es lohnte sich nicht, mit dem eingebildeten Kommandanten darüber zu diskutieren. Auf Kriegsschiffen wurde nicht debattiert, auf Schiffen der Armada wurden die Befehle der höchsten Vorgesetzten ausgeführt – und damit basta.

Im Morgengrauen richtete Alvaro Monforte sich endlich von seiner Bettstatt auf und vernahm den Bericht des „Captains Philip Drummond“. Josea, Segura und Franca hatte der Seewolf reinen Wein einschenken können, was seine Herkunft betraf — dem Kapitän eines portugiesischen Kriegsschiffes gegenüber durfte er das aber weiß der Himmel nicht tun.

So hatte Hasard die Mädchen zum absoluten Stillschweigen verpflichtet, nachdem er von ihnen erfahren hatte, um wen es sich bei den fünf schlafenden Männern handelte.

Monforte nickte verdrossen, als Hasard geendet hatte.

„So“, sagte er. „Das war also die großartige ‚Hilfe für Schiffbrüchige‘. Por Dios, in was für ein Räuber- und Mördernest sind wir doch geraten. Erst der Untergang unserer Galeone – und dann dies. Wenn Sie und Ihre Männer nicht gewesen wären, Capitán Drummond, hätten der Erste, der Decksälteste, der Soldado, der Decksmann und ich jetzt am Fuß der Klippfelsen neben den Leichen unserer Kameraden gelegen.“

Dan war eingetreten und meinte: „Ich habe mich also doch nicht verhört, als ich Matt von dem Krachen und Schreien erzählte. Himmel, wenn wir gleich die Felsen hinuntergeklettert wären, hätten wir vielleicht noch etwas für Ihre Mannschaft tun können, Capitán Monforte.“

„Nein, sicherlich nicht. Da war absolut nichts mehr zu machen – wir waren alle unserem Verhängnis ausgeliefert, niemand konnte seinem Schicksal entgehen. Senor Dummond, helfen Sie uns, unsere Toten mit seemännischen Ehren zu bestatten?“

„Darauf können Sie sich verlassen. Darf auch ich Sie um einen Gefallen bitten?“

„Das ist doch selbstverständlich.“

„Schaffen Sie die Brancates mit dem Maultierkarren in die nächste Stadt, wenn wir in See gehen“, sagte der Seewolf. „Sie werden verstehen, daß wir keine Zeit damit verlieren können und es außerdem viel mehr Gewicht hat, wenn Sie die Verbrecher an die Gerichtsbarkeit ausliefern und vortragen, was geschehen ist und welche Schuld Pinho, Emilia, Charutao und Iporá Brancate auf sich geladen haben.“

„Ja, das sehe ich ein. Aber was ist mit der alten Frau und den drei Mädchen, Capitán?“

„Sie haben sich einer gewissen Komplicenschaft schuldig gemacht“, entgegnete Hasard ernst. „Aber sie wußten nicht, daß es Beihilfe zum Mord war. Die Abuela hat mitgeholfen, die vier Oberhalunken festzunehmen, und Josea, Segura und Franca sind bereit, gegen ihre Eltern und Brüder auszusagen. Ich finde, das hat Gewicht genug.“

„Wir könnten sie also vor einer Gefängnisstrafe bewahren, wenn ich mich dafür einsetze“, sagte Monforte.

„Tun Sie es?“

„Ja. Da dieser Vorschlag von einem Mann wie Ihnen erfolgt, Capitán Drummond, kann ich nur einwilligen. Sicherlich täuschen Sie sich nicht, wenn Sie mir zu verstehen geben, daß die Abuela und die Mädchen keine neuen Schandtaten aushekken.“

„Sie tun es ganz sicher nicht.“

Monforte stand auf, trat ans Fenster und blickte zur See, die man in der Ferne unter milchigen Schleiern mehr ahnen als sehen konnte. „Sie gehen also wieder in See – mit welchem Kurs?“

„Nordwärts“, antwortete Hasard. „Heim nach Irland. Dublin ist unser Heimathafen.“

„Sollten Sie unterwegs meinem Comandante begegnen, dann grüßen Sie ihn von mir“, sagte Monforte bitter. „Richten Sie ihm aus, daß ich ein Disziplinarverfahren gegen ihn anstrengen werde – weil er meine Männer auf dem Gewissen hat.“

„Hat er sich so verantwortungslos verhalten?“

„Ja. Ich kenne keinen Verbandsführer, der so rücksichtslos ist wie er.“

„Kann man seinen Namen erfahren?“ fragte Dan O’Flynn.

„Lucio do Velho“, erwiderte Alvaro Monforte freimütig.

Hasard und Dan blickten sich an. Sie standen da wie vom Donner gerührt und waren heilfroh, daß der portugiesische Kapitän sie in diesem Augenblick nicht beobachtete.

„Man nennt ihn den ‚Milagrolado‘“, fuhr Monforte wie im Selbstgespräch fort. „Ja, er scheint in Südafrika wie durch ein Wunder dem sicheren Tod entgangen zu sein. Ich kenne nicht die ganze Geschchte, aber ich lege auch keinen Wert darauf, sie zu erfahren. Mir geht es nur um eins: daß man do Velho zur Ordnung ruft – ja, daß man ihn degradiert.“

„Capitán“, sagte der Seewolf, der sich jetzt wieder gefaßt hatte. „Erzählen Sie mir mehr über diesen Lucio do Velho. Vielleicht bin ich ihm irgendwo schon einmal begegnet. Und vielleicht treffe ich ihn wirklich schon bald wieder und kann ihm tatsächlich sagen, was Sie mir mit auf den Weg geben.“

Monforte wandte sich um und musterte Hasard. „Auch das würden Sie allen Ernstes für mich tun?“

„Dies und noch einiges mehr würde ich do Velho auseinandersetzen“, erklärte der Seewolf.

Nur Dan O’Flynn verstand, wie das gemeint war, denn Monforte konnte ja nicht ahnen, daß Hasard die Spur seines Erzfeindes wiedergefunden hatte …


1.

Es waren erbarmungswürdige Gestalten, die der Ausguck im Großmars der Viermast-Galeone „Candia“ an diesem milden, sonnigen Junimorgen 1587 in einem Boot an der südlichen Kimm erblickte. Eben erst waren sie aufgetaucht, so unvermittelt, als hätte es sie vorher nie gegeben, aber schon vermochte der Ausguck auf seinem luftigen Posten die Einzelheiten ihrer Gesichter auseinanderzuhalten. Die Luft war klar, der Wind aus Nordwesten hatte die milchigen Schleier fortgekehrt, die im Morgengrauen über den Atlantik gezogen waren.

Deutlich hoben sich die Männer in der Jolle durch die kreisrunde Optik des Spektivs vom Hintergrund ab. Sie hockten zusammengesunken auf den Duchten und schienen von den Seglern, die sich auf sie zubewegten, überhaupt keine Notiz zu nehmen.

Und doch mußten sie sie bemerkt haben, denn wenn der Ausguck der „Candia“ das kleine Boot gesichtet hatte, dann mußten die Schiffbrüchigen die Galeone und die Karavelle des einst so stolzen Verbandes allemal entdeckt haben – auch ohne Fernrohr. Die Sonne stand noch als glutiger Feuerball im Osten über dem Festland und konnte keinen Mann, der nach Norden Ausschau hielt, blenden. Ja, auf diese Distanz mußten die Bänner im Boot ihre Retter mit bloßem Auge sehen können.

„Senor Comandante!“ schrie der Ausguck der „Candia“ aufs Deck hinab. „Treibendes Boot voraus! Wir segeln genau darauf zu!“

Im selben Augenblick ließ auch der Ausguck der spanischen Kriegskaravelle „Santa Angela“ einen Ruf vernehmen. Auf beiden Schiffen liefen Offiziere, Decksleute und Soldaten nach vorn und erklommen das Vorkastell, um die Entdeckung ebenfalls in Augenschein zu nehmen.

Erst jetzt hoben einige der entkräfteten, zerlumpten Gestalten in dem Boot die Hände und winkten den beiden Schiffen träge zu. Sie fanden augenscheinlich nur noch einen winzigen Rest Energie, um Zeichen zu geben und heisere Schreie auszustoßen – das Pullen hatten sie längst aufgegeben. Das Segel, das nur noch in Fetzen an dem niedrigen Mast des Bootes hing, konnte ihr Fahrzeug auch nicht mehr voranbewegen, so daß sie den Meeresströmungen ausgeliefert waren und mit unbestimmtem Kurs an der portugiesischen Küste entlangtrieben.

Die Erschöpfung und die Verzweiflung hatten diese Männer zu willenlosen Marionetten in der unendlich wirkenden Weite der Wasserwüste werden lassen.

Sie waren nervlich zerrüttet und körperlich nahezu zugrunde gerichtet. Die Geschehnisse der Sturmnacht hatten sie nachhaltig gezeichnet, Hunger und Durst hatten ein Weiteres bewirkt. Sie hatten sich hingesetzt, hatten vor sich hingestarrt, kein Wort mehr gesprochen und auf den Tod gewartet.

Lucio do Velho stand jetzt an der vorderen Schmuckbalustrade der Back der „Candia“ und spähte durch sein Spektiv zu den Schiffbrüchigen hinüber. Zu seinen Füßen erstreckte sich die Galionsplattform der großen Galeone, darunter rauschte die Bugsee. Der frische raume Wind blähte die Blinde unter dem Bugspriet, wie er die gesamte Besegelung der „Candia“ wölbte und dem Schiff beachtliche Fahrt verlieh. Sie war kein altes Schiff, diese Viermast-Galeone, sie war vielmehr erst knapp mehr als zwei Jahre alt und in ihrer Bauweise, Manövrierfähigkeit und Geschwindigkeit einer der modernsten Kriegssegler, den die Armada zu bieten hatte.

Respektvollen Abstand hielten die Offiziere der „Candia“ von ihrem Kommandanten – ganz zu schweigen von dem „gemeinen Schiffsvolk“, das auf diesem wie allen anderen Kriegsschiffen des Vereinten Königreiches Spanien-Portugal aus Seeleuten und Soldaten bestand. Keiner traute sich zu nah an diesen äußerlich nicht sonderlich auffälligen, seinen Charaktereigenschaften nach jedoch zu fürchtenden Mann heran.

Keiner, außer Ignazio. Der bullige Mann aus Porto war auch diesmal vom Achterdeck aus seinem Kapitän nachgeeilt und verharrte nun neben ihm, um ihm mit „Rat und Tat“ zur Seite zu sein. Keiner ertrug den beißenden Spott und die Ungerechtigkeiten des Lucio do Velho so geduldig wie dieser Ignazio, keiner verfügte über ein so dickes Fell wie er. Wie Ignazio es fertigbrachte, unter do Velhos Fuchtel zu existieren, da doch unzählige gestandene Kerle an der Unberechenbarkeit des Kommandanten zerbrochen waren – dies war sein Geheimnis.

Wahrscheinlich wußte er es selbst nicht genau, warum er do Velho in solcher Treue verbunden war, warum er noch nicht desertiert oder wegen Insubordination bestraft war. Mit Leichtigkeit hätte do Velho diesem recht einfältigen Bootsmann der „Candia“ etwas anhängen können, wie es seiner überheblichen, unduldsamen Wesensart entsprach. Do Velho drohte es auch immer wieder an, daß er Ignazio degradieren und von seinem Schiff weisen würde, aber letztlich setzte er es dann doch nicht in die Tat um. Im Gegensatz zu dem Bootsmann war er sich dabei über die Gründe seines Handelns voll bewußt.

Ignazio hatte ihm, do Velho, schon zweimal das Leben gerettet. Einmal bei Formosa und einmal in Südafrika, im Land der Buschmänner. So absurd es klang: Solange Ignazio an do Velhos Seite weilte, schien der Tod immer wieder an ihnen vorbeizuschlüpfen und der Höllenfürst sie zu verachten.

Dies war ausschlaggebend für Lucio do Velho, sonst hätte er sich des geistig ganz und gar nicht beschlagenen Mannes längst entledigt.

Do Velhos Gesicht war ausdruckslos und undurchdringlich. Ohne sichtliche Gemütsregung betrachtete er die Männer im Boot.

„Senor!“ rief der Ausguck. „Es sind die Männer der ‚Extremadura‘, ich habe sie erkannt!“

„Ja“, sagte do Velho. „Ungefähr ein Drittel der Besatzung, und der Kapitän ist nicht mit dabei.“

„Vielleicht stoßen wir noch auf das zweite Boot der Karavelle“, erwiderte Ignazio.

„Das glaubst du wirklich?“

„Ich hoffe es, Senor.“

Do Velho würdigte seinen Bootsmann nicht einmal eines Seitenblicks, er schaute weiter durch sein Spektiv voraus.

„Ich habe das untrügliche Gefühl, daß wir die einzigen Überlebenden des Untergangs der ‚Extremadura‘ vor uns haben“, sagte er. „Gäbe es auch das zweite Beiboot noch, dann hätten die Insassen versucht, den Kontakt mit den Kameraden nicht zu verlieren. Aber dir, Ignazio, fehlt natürlich der Scharfsinn, um eine solche Feststellung zu treffen.“

Der Mann aus Porto entgegnete diesmal nichts. Was hätte er auch sagen sollen? Daß er nur versuchte, die Situation zu beschönigen, da doch offensichtlich war, daß sie einen Fehler begangen hatten, als sie dem Sturm getrotzt hatten, statt sich unter Land oder in einer Bucht vor dem Toben des Wetters zu schützen? Ein paar ehrliche Worte hätten in diesem Fall garantiert bewirkt, daß do Velho die Beherrschung verloren hätte. Den Kommandanten durfte keiner kritisieren, auch wenn er seine Untergebenen mal nach ihrer Meinung fragte.

„Sieh sie dir an“, sagte do Velho. „Eigentlich sollten sie hocherfreut sein, daß wir umgekehrt sind und sie gefunden haben. Aber sie können nicht einmal richtig winken, und ihre Gesichter gleichen Totenmasken. Ein undankbares Volk ist das.“

„Ja“, antwortete Ignazio. „Eigentlich sind sie es gar nicht wert, daß man sie auffischt, Senor.“

„Ach? Sollen wir also an ihnen vorbeisegeln und sie ihrem Schicksal überlassen?“ fragte der Kommandant lauernd.

„Aber nein, Senor!“

„Siehst du“, sagte do Velho voll Verachtung. „Du solltest es dir wirklich abgewöhnen, mir nach dem Mund zu reden. Ich kriege es ja doch heraus, daß du gegen deine Überzeugung sprichst. Du bedauerst diese traurigen Figuren doch noch, gib es ruhig zu.“

„Sie haben viel durchstehen müssen.“

„Und wir? Haben wir nicht genauso die Zähne zusammenbeißen und gegen das Wüten der Natur kämpfen müssen?“

„Sicher, Senor Comandante.“

Lucio do Velho ließ das Spektiv sinken und sah seinem Bootsmann in die Augen. Sein Blick war bohrend, vernichtend, und insgeheim wünschte sich der Kommandant, Ignazio möge darunter zusammenzukken und vor Respekt zerfließen.

Aber das tat der Mann aus Porto nicht. Seine Verhaltensweisen waren phlegmatischer Natur, außerdem kannte er seinen Vorgesetzten ja nun lange genug, um sich nicht durch jede Geste, jeden Blick einschüchtern zu lassen. Er schob nur seine Unterlippe ein wenig vor und hielt dem tödlichen Ausdruck in do Velhos Augen stand.

„Aber wir haben das bessere Schiff, wolltest du doch sagen“, fuhr do Velho seinen Bootsmann an. „Gib es zu. Wir waren im Vorteil, weil die ‚Candia‘ jeden Sturm abreiten kann, nicht aber die vier Schiffe, die sich in unserer Begleitung befanden.“

„Wir haben den besseren Schiffsführer, Senor Comandante.“

„Du bist ein elender Stiefellecker, Ignazio.“

„Danke, Senor.“

Ohne eine Miene zu Verziehen, fuhr do Velho fort: „Aber es stimmt. Ob man den Tücken der See trotzt, hängt in erster Linie vom Kapitän, nicht von seinem Schiff ab. Auch der Kapitän der ‚Santa Angela‘ ist ein Könner, dieses Lob muß ich ihm erteilen, denn im Gegensatz zum Kapitän der ‚Extremadura‘ hat er es verstanden, seine Karavelle einigermaßen glimpflich durch den Sturm zu bringen.“

„Senor, si.“

„Wir drehen bei und nehmen die Schiffbrüchigen über. Ein Teil entert bei der ‚Santa Angela‘ auf, einen Teil nehmen wir an Bord. Ich habe unter den Männern im Boot den ersten Offizier der ‚Extremadura‘ erkannt. Mit diesem Mann will ich reden. Er wird also bei uns auf der ‚Candia‘ untergebracht.“

„Verstanden, Senor.“

Ignazio wandte sich um und gab den Befehl weiter. Rufe hallten über Deck. Auch drüben auf der „Santa Angela“ wurde auf ein Zeichen von Bord des Flaggschiffes hin die Order zum Beidrehen gegeben. Fast gleichzeitig richteten die Viermast-Galeone und die Zweimast-Karavelle ihr Vorschiff in den Wind, nahmen Zeug weg und glitten mit verringerter Fahrt auf das Boot zu.

Wirklich, die Schiffbrüchigen zeigten keine Begeisterungsstürme, sondern sahen dem Ende ihres unglücklichen Abenteuers eher apathisch entgegen. Sie hatten zuviel erlitten und waren zu abgekämpft, um lachen, weinen, gestikulieren oder lärmen zu können. Aber ihre Teilnahmslosigkeit lag zum Teil auch darin begründet, daß sie alles andere als ein Wiedersehen mit dem Kommandanten Lucio do Velho herbeigesehnt hatten.

Do Velho hatte in Lissabon durch seine Hartnäckigkeit einen neuen Verband zusammenstellen können, mit dem er den Seewolf jagte, aber niemand hatte sich darum gerissen, sich ihm anzuschließen, denn do Velho galt als einer der ungnädigsten, unmenschlichsten Geschwaderführer. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt, er war als „El Milagrolado“, einer, der vom Wunder heimgesucht worden war, berühmt und berüchtigt geworden. In der Tat erschien es wie ein Wunder, daß Ignazio und er nach allem, was ihnen im Land der Buschmänner zugestoßen war, noch am Leben waren. Aber die meisten seiner Untergebenen wünschten sich inständig, jenes Wunder wäre nie geschehen.

Auch jetzt, als die „Candia“ zunächst alle Schiffbrüchigen in Lee übernahm, zeigte der Kommandant nicht den Anflug von Humanität. Der Anblick der Gestalten, die mehr tot als lebendig wirkten, rührte ihn nicht.

Im Gegenteil, er empfand es eher noch als richtig, mit dem ersten Offizier der „Extremadura“ im barschen Tonfall zu verfahren.

„Senor, wo steckt Ihr Kapitän?“

Der Erste der Karavelle nahm vor do Velho Haltung an. Er räusperte sich, um seiner Stimme etwas von ihrer Heiserkeit zu nehmen, aber er hatte Mühe, nicht auf die gleiche rüde Art zu antworten.

„Mit Sicherheit noch an Bord der ‚Extremadura‘, Senor Comandante“, erwiderte er.

„Das heißt, das Schiff ist nicht gesunken?“

„Das heißt, unser Capitán hat mit der ‚Extremadura‘ den ewigen Frieden gefunden, und zwar auf dem Grund der See, Senor.“

„Und da wagen Sie es noch, Witze zu reißen?“ Do Velho brüllte es fast.

„Ich antworte nur auf Ihre Fragen, Senor“, entgegnete der erste Offizier mit bewundernswerter Ruhe.

„Sie werden sich wegen Ihrer dreisten Art noch zu verantworten haben“, sagte do Velho eisig unterkühlt. „Und nicht nur deswegen. Sie werden noch sehen, was Sie sich eingehandelt haben, als Sie Ihr Schiff und Ihre Kameraden im Stich gelassen haben.“

„Mehr als die Hälfte der Besatzung war bereits vor die Hunde gegangen, als der Capitán uns den Befehl gab, von Bord zu springen“, verteidigte sich der Erste. „Die ‚Extremadura‘ sank wie ein Stein, es gab keine Hoffnung mehr. Wir nahmen an, der Capitán würde uns folgen, Senor Comandante, deswegen gingen wir außenbords und griffen uns das Boot, das irgend jemand noch abgefiert hatte.“

„Sie haben ja ein erstaunliches Geschick, Tatsachen zu verdrehen“, meinte do Velho in seiner unvergleichlich ätzenden Art. „Aber damit kommen Sie bei mir nicht durch. Bei mir nicht! Ich weiß, daß die ‚Extremadura‘ hätte gerettet werden können!“

„Ich schwöre, daß ich die Wahrheit gesprochen habe!“ rief der entsetzte erste Offizier. „Meine Leute können es bestätigen. Gott ist unser Zeuge, daß die Dinge sich so abgespielt haben, wie ich es gesagt habe!“

Lucio do Velho winkte ab. Ignazio ließ die übrigen Schiffbrüchigen, die jetzt aufbegehren wollten, zur Ordnung rufen. Stille trat ein, nur unterbrochen durch das Knarren der Rahen und Blöcke.

„Lassen wir das jetzt“, sagte der Kommandant schließlich. „Wir vergeuden nur unsere Zeit. Die ‚Santa Angela‘ haben wir wiedergefunden. Von der ‚Extremadura‘ wissen wir, daß sie nicht mehr existiert. Was aber ist aus den beiden portugiesischen Galeonen ‚Sao Sirio‘ und ‚Sao Joao‘ geworden?“

„Wir wissen es nicht, Senor“, erwiderte der Erste der gesunkenen Karavelle, als sich alle Blicke auf ihn richteten. „Im Sturm verloren wir jeden Kontakt zu den anderen Schiffen.“

„Welches Schiff haben sie als letztes gesehen?“ fragte der Kommandant ungehalten.

„Die ‚Sao Joao‘.“

„In was für einem Zustand befand sie sich?“

„In einem besseren als unsere Karavelle.“

„Und die ‚Sao Sirio‘?“

„Wir verloren sie sehr früh aus den Augen“, sagte der erschöpfte Mann. „Ich sah sie achteraus in Regen und Dunkelheit verschwinden. Sie schien ein Spielball der Wellen geworden zu sein.“

Do Velhos Miene war jetzt eher verkniffen als arrogant. Er hatte die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt und grübelte nach, ob es sich überhaupt lohnte, nach dem Rest des Verbandes zu forschen. Rasch faßte er seinen Entschluß.

„Senores, wir segeln weiter. Die Hälfte der Männer von der ‚Extremadura‘ wechselt jetzt mit einem Boot an Bord der ‚Santa Angela‘ über, dann setzen wir wieder die Segel und fahren mit südlichem Kurs weiter an der Küste entlang.“

Eine halbe Stunde später trafen das Flaggschiff „Candia“ und die lateinergetakelte Karavelle „Santa Angela“ etwa fünfzehn Meilen von der Küste entfernt auf die arg lädierte Galeone „Sao Joao“, die vor dem Wind trieb. Der Sturm hatte ihr den Besanmast zerschlagen, wie ein Baum war er gefällt worden. Mit nur noch zwei Masten und unzureichender Takelung hatte der Kapitän getrachtet, das Land zu erreichen.

Jetzt gab es ein Wiedersehen, das in etwas angenehmerer Atmosphäre als das zwischen Schiffbrüchigen und Rettern verlief – Lucio do Velho fand in einem Gespräch von Bord zu Bord sogar ein paar lobende Worte für den Kapitän der „Sao Joao“, der sich so tapfer gehalten hatte.

Mit neuen Segeln wurde die „Sao Joao“ versorgt, dann konnte sie sich den beiden anderen Schiffen anschließen. Die Suche nach dem Rest des Verbandes ging weiter, immer an der Küste entlang in Richtung Süden.

Der Rest des Verbandes – das konnte jetzt nur noch die „Sao Sirio“ sein. Do Velho hatte seine Zweifel, daß das Schiff den heftigen Sturm überstanden hatte, aber er wollte endgültige Gewißheit haben und ließ nicht locker, bis er die ganze Wahrheit erfuhr.

Sie offenbarte sich ihm nicht sehr viel später, und seine düsteren Ahnungen wurden mit einem Schlag bestätigt.

Der Ausguck der „Candia“ sichtete zunächst die Steilküste, der sie sich jetzt genähert hatten, und dann die Schatten, die unweit dieses ungastlichen Ufers aus der See ragten. Sofort wies er seinen Kommandanten darauf hin.

Do Velho richtete wieder sein Spektiv auf die Entdeckung.

„Ein Riff“, sagte er zu den Männern des Achterdecks. „Ein sehr gefährliches Riff. Wir haben jetzt ablaufendes Wasser, und man kann die Felsen aus den Fluten hochwachsen sehen. Bei Flut sind sie aber völlig verdeckt. Einer, der die Gegend nicht genau kennt, muß unweigerlich mit seinem Schiff auflaufen, falls er in Ufernähe gerät. Der auflandige Wind konnte heute nacht ein Schiff leicht auf Legerwall drücken.“

Ignazio, der sich ebenfalls mit einem Fernrohr bewaffnet hatte, stieß plötzlich einen bestürzten Laut aus, eine Mischung aus Seufzen und Keuchen. „Senor, ich sehe Schiffstrümmer auf dem Riff.“

„Ich sehe sie auch, du Narr!“

„Sie meinen doch wohl nicht, daß es die Wrackteile der – mein Gott, laß es nicht wahr sein.“

„Warum so melodramatisch, Bootsmann?“ entgegnete do Velho. „Ich habe keinen Zweifel daran, daß wir die total zertrümmerte ‚Sao Sirio‘ vor uns haben. Warum soll man sich Illusionen hingeben, wenn die Tatsachen unverkennbar sind?“

Ignazio ließ das Spektiv sinken. „Ich frage mich, was aus dem Kapitän und seiner Mannschaft geworden ist. Monforte – so heißt der Capitán doch, nicht wahr, Senor? Ob er noch lebt? Ob sich die Besatzung an Land retten konnte?“

„Darauf, werter Ignazio, können uns die Wrackteile weiß Gott keine Antwort geben“, erwiderte do Velho bissig.

2.

Hasard blickte noch einmal in Joseas dunkle, traurige Augen, ehe er in das am Ufer der Bucht bereitliegende Beiboot der „Isabella VIII.“ stieg und an Bord seines Schiffes zurückkehrte.

„Du glaubst also nicht mehr, daß alle Engländer gottverfluchte Schufte sind?“ fragte er sie.

„Nein, ganz bestimmt nicht. Unter den Ingléses gibt es gute und schlechte Leute, genau wie bei uns.“

Hasard lächelte. „Hoffentlich ist das nicht nur ein Lippenbekenntnis. Nein, nein, du brauchst jetzt nicht zu beteuern, daß du aufrichtig bist. Ich will dir vertrauen, Josea. Laß dir zum Abschluß nur noch eins gesagt sein. Der Kampf, den wir gegen Spanien-Portugal führen, hat nichts mit unserer Einstellung zu der Bevölkerung dieser beiden Länder zu tun. Man findet überall Freunde, wenn man nur will, und wir haben sogar einmal einen Spanier an Bord unseres Schiffes gehabt.“

„Teilt deine Königin diese Ansichten?“

„Die ‚Isabella‘ gehört nicht der offiziellen englischen Flotte an, Josea.“

„Aber wer bist du dann eigentlich, Lobo del Mar?“

„Ein Korsar – und ein Rebell, wenn du so willst.“

Eines ist sicher“, sagte sie leise. „Ich werde dich nicht vergessen. Es tut mir leid, daß ihr schon wieder aufbrechen müßt. Könnt ihr nicht noch bleiben?“

Segura und Franca, ihre jüngeren Schwestern, standen dich hinter ihr, blickten den großen Mann mit dem schwarzen Haar und den eisblauen Augen an und drückten allein durch ihr Mienenspiel die gleiche Bitte aus: Ja, bleib doch noch, Seewolf!

Hasard schaute an den Klippfelsen hoch, die die geschützt liegende Bucht säumten. Ganz oben stand die Abuela, die Großmutter Brancate, eine urwüchsige, knorrige Gestalt, die mit dem schroffen Gestein verwachsen zu sein schien. Sie hatte die halbe Meile Weg vom Haus der Brancates zur Bucht nicht gescheut. Mitgelaufen war sie, um den Seewölfen. Adios zu sagen, und in diesem Augenblick hob sie ihren Stock und winkte Hasard damit zu.

Auch der Profos Carberry, der gerade in dem zweiten Beiboot zur „Isabella“ übersetzte, blickte zu der alten Frau hinauf. Er grinste, richtete sich dann kerzengerade auf und brüllte in seinem fürchterlichen spanischen Kauderwelsch: „Leb wohl, Rose von Portugal, und nochmals vielen Dank für den guten Landwein. Wir werden das Zeug schon alle kriegen. Und natürlich passen wir auf, daß wir die Flaschen nicht verwechseln, du kannst dich darauf verlassen!“

„Na“, sagte Big Old Shane, der auf der Ducht hinter Carberry saß. „Da würde ich mal nicht so sicher sein. Es gibt Leute, die vor lauter Zerstreutheit den falschen Wein saufen. Und dann buddeln sie ab und pennen ein, wie man so schön sagt.“

Der Profos drehte sich halb zu ihm um. „Sag mal, auf was willst du eigentlich anspielen, du alter Eisenbieger?“

„Ach, ich meine das nur so“, erwiderte Shane mit breitem Grinsen.

Ferris Tucker, Ben Brighton, Dan O’Flynn und die anderen im Boot begannen zu lachen.

„Ihr Heringe“, brummte Carberry. „Paßt bloß auf, daß ihr nicht baden geht. Das kann euch nämlich ganz schnell passieren, wenn ihr nicht eure dämlichen Schandmäuler haltet.“

Es wurmte ihn mächtig, daß sie ihn wegen seines Ungeschicks auf den Arm nahmen. Etwas zu voreilig hatte er nämlich Pinho Brancates Gastfreundschaft angenommen und einen Becher von dem „vorzüglichen portugiesischen Landwein“ in sich hineingekippt. Daß dem Rebensaft eine gehörige Dosis Schlafmittel beigepanscht war, hatte er etwas später dann am eigenen Leib erfahren.

Die Abuela hatte gegen ihren Willen den Schlaftrunk zubereitet, weil ihr Sohn Pinho ihr immer wieder angedroht hatte, er würde sie in einem kleinen Boot den Dämonen der See ausliefern, falls sie sich weigere. Carberry hatte dieses Boot im Keller des Hauses inzwischen zerstört – und die Abuela war zufrieden.

Fässer und Korbflaschen verschiedener Größen waren an Bord der „Isabella“ gemannt worden, nachdem die unerfreuliche Episode in der Herberge der Brancates überstanden gewesen war. Trinkwasser aus dem Brunnen befand sich in den Fässern, die Korbflaschen enthielten weißen und roten Wein, wobei der Großteil davon tatsächlich naturrein und unverfälscht war, wie die Abuela und die drei Mädchen glaubhaft versichert hatten. Vorsichtshalber und für alle Fälle hatte der Seewolf aber auch den Rest des Schlaftrunks mitgenommen – der schwappte in drei besonders gekennzeichneten Flaschen.

Hasard richtete seinen Blick wieder auf die Mädchen. „Und ihr werdet nun wirklich keine Seeleute mehr in euer Haus locken und überrumpeln?“

„Wir schwören es“, sagte Josea.

„Wer am Riff Schiffbruch erleidet, dem werden wir helfen“, versicherte Segura. „Nur das – ohne uns zu bereichern.“

„Und wovon wollt ihr leben?“

„Von ehrlicher Arbeit“, antwortete die dreizehnjährige Franca.

„Das ist seltsam“, entgegnete der Seewolf. „Ich glaube euch wirklich. Vielleicht muß ich es eines Tages bereuen. Aber auf eins könnt ihr euch verlassen: Sobald sich mir die Gelegenheit dazu bietet, komme ich wieder und prüfe nach, ob ihr Wort gehalten habt.“

Josea musterte ihn ernst. „Seit wir durch einen reinen Zufall vernommen haben, daß unser Vater und unsere Brüder uns hinters Licht geführt haben, ist alles anders. Für uns ist eine Welt zusammengebrochen. Unsere Eltern und unsere Brüder – sie haben uns angelogen und uns für ihre verbrecherischen Zwecke ausgenutzt. Niemals hätten wir mitgemacht, wenn wir gewußt hätten, daß sie ihre Opfer von den Klippen stürzten, statt sie irgendwo auszusetzen und unbehelligt zu lassen.“

„Der Padre sagte uns immer wieder, der Schlaftrunk raube einem Mann auch die Erinnerung“, fügte Segura bitter hinzu. „Deswegen glaubten wir ihm. Wir dachten, keiner der um sein Hab und Gut Erleichterten würde jemals in Erwägung ziehen, zu uns zurückzukehren, weil er eben nicht mehr wußte, wie ihm geschehen war.“

Franca sagte: „Du solltest auch von den Klippen stürzen, Lobo del Mar. Du und deine Männer. Und genauso sollte es dem Capitán Monforte und seinen Freunden ergehen.“

„Pinho, Emilia, Charutao und Iporá haben ihre gerechte Strafe verdient“, sagte Hasard. „Vergeßt aber nicht, daß sie eure Eltern und eure Brüder sind. Vielleicht bereut ihr noch, daß ihr ihnen trotz allem nicht mehr beigestanden habt.“

„Nein“, sagte Josea, und es klang fast erschreckend hart. „Wir können sie nicht bedauern. Jetzt nicht mehr. Mörder gehören hingerichtet, so bitter das auch für die Familie ist. Aber wir haben die Abuela, die uns als guter Geist des Hauses zur Seite steht.“

Hasard drehte sich zum Beiboot um. Matt Davies und die anderen Insassen blickten ihn fragend an. Ja, es wurde Zeit, daß auch sie sich an Bord der Galeone begaben. Je länger sie jetzt noch in der Bucht verweilten, desto gefährlicher wurde dieses Versteck für sie.

Die See hatte sich beruhigt, und ein frischer Wind aus Nordwesten konnte schon bald die Konfrontation mit einem gegnerischen Schiff oder gar mit einem ganzen Verband herbeiführen. Die Spanier und Portugiesen kontrollierten ihre Küsten scharf, denn nach dem Überfall auf Cádiz waren sie außer sich vor Wut. Es war gut, jetzt Abstand zu ihnen zu gewinnen.

Hasard wandte sich wieder zu den Mädchen um. „Der Richter, dem Capitán Monforte die vier übergibt, wird Pinho, Emilia, Charutao und Iporá schwerlich nachweisen können, was sie in den vergangenen Jahren getan haben. Nur Alvaro Monfortes Wort hat Gewicht, die Aussage eines Kapitäns der unüberwindlichen Armada. Wegen des Versuchs, die Männer der ‚Sao Sirio‘ nach allen Regeln der Kunst auszuplündern, wandern eure Angehörigen sicherlich für einige Jahre hinter Gitter. Wenn sie wieder freigelassen werden, wird ihnen die Lust vergangen sein, ihre Mitmenschen auszunehmen.“

Josea seufzte. „Hoffentlich.“

„Hin und wieder bringen wir ihnen etwas zu essen in den Kerker“, sagte Franca. „Nicht wahr, das tun wir doch, oder?“

„Ja, ja“, erwiderte Segura. „Aber darüber brauchen wir uns jetzt noch nicht den Kopf zu zerbrechen.“

Hasard griff in die Tasche. „Das finde ich allerdings auch. Sorgen müßt ihr euch vielmehr um euren Lebensunterhalt machen. Es ist furchtbar, hungern zu müssen, ihr habt es am eigenen Leib erfahren, und ich will nicht, daß ihr wieder in so große Not geratet.“ Er brachte einen kleinen ledernen Beutel zum Vorschein. „Ja, Josea, es stimmt, wir befördern natürlich kein Getreide für die irischen Speicher in den Frachträumen unseres Schiffes. Ihr könnt erraten, was ein Korsar als Ladung mit sich führt.“

„Schätze“, flüsterte Segura. „Haufenweise Kostbarkeiten – wie die in deiner Kammer, Lobo del Mar. Mein Gott.“

Hasard drückte Josea den Lederbeutel in die Hand. „Ich hoffe, ihr habt ein sicheres Versteck irgendwo in eurem Haus. Keiner außer euch darf von diesem Beutel wissen.“

„Sicher!“ rief Franca begeistert aus. „Der ausgehöhlte Ziegelstein in der Kammer unserer Madre und unsres Padre! Einen besseren Platz gibt es nicht!“

„Na also“, sagte der Seewolf lächelnd.

„Einen Augenblick“, stieß Josea jetzt hervor. „Das können wir aber nicht annehmen, Hasard. Erst werdet ihr in unserer Herberge angegriffen und riskiert euer Leben, und dann übergibst du uns auch noch ein Geschenk.“

„Mein Geschenk an drei blühende Schönheiten“, entgegnete der Seewolf. „Ihr dürft es nicht zurückweisen, denn vielleicht hängt eure Zukunft davon ab. Eure Zukunft ist mir nicht gleichgültig. Haben wir uns jetzt verstanden?“

Joseas Augen schimmerten feucht, als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, dem Seewolf die Hände auf die Schultern legte und ihm einen Kuß gab. Sie verlor dabei den Lederbeutel aus den Händen. Er fiel auf die Kieselsteine des Ufers.

Franca bückte sich und hob den Beutel auf.

Hasard löste mit sanfter Gewalt Joseas Hände von seinen Schultern. Er verabschiedete sich auch von Segura und Franca, indem er sie väterlich auf die Wange küßte, kehrte dann auf dem Absatz um und ging zum Boot.

Josea und Segura hielten ihre Tränen nicht mehr zurück. Francas Abschiedsschmerz wurde indes durch den Inhalt des Beutels gelindert. Das Mädchen hatte sich auf die Steine gehockt und die kleine, weiche Ledertasche geöffnet. Perlen und Goldschmuck glitten in ihre Hand, als sie den Beutel umstülpte und schüttelte.

„Por Dios“, hauchte sie überwältigt. „Santissima Madre, das darf nicht wahr sein.“

Das Beiboot der „Isabella“ dümpelte im Flachwasser. Matt Davies, Batuti und die anderen Rudergasten saßen auf den Duchten und hielten die Riemen bereit, um loszupullen.

Hasard watete ein Stück durchs Wasser und kletterte auf die Heckducht. Er ergriff die Ruderpinne und gab seinen Männern das Zeichen zum Pullen.

Kaum hatte das Boot sich in Bewegung gesetzt, da erklang aus dem Großmars der „Isabella“ ein Ruf. Hasard hatte alle Posten an Land abgezogen. Die komplette Crew befand sich an Bord der „Isabella“, und als Ausguck war wieder Bill, der Moses, in den Großmars aufgeentert.

„Sir!“ rief der Junge. „Schiffe im Nordwesten! Ich habe ihre Mastspitzen soeben hinter den Felsen auftauchen sehen!“

„Besuch“, sagte der Seewolf gepreßt. „Verdammt und zugenäht, wir hätten doch eher in See gehen sollen. Wenn das Dons sind, sitzen wir in der Falle.“

Die Männer begannen wie besessen zu pullen.

Kaum an Bord der „Isabella“ angelangt, enterte Hasard mit Dan O’Flynn in den Vormars auf, um sich selbst ein Bild von der Lage zu verschaffen. Mit ihren Kiekern spähten sie über die Klippfelsen nach Nordwesten – dorthin, wo sich das Riff befand, von dem die Brancate-Mädchen ihnen mittlerweile erzählt hatten.

Nur die Masten waren von den fremden Schiffen zu erkennen, einen Ausblick auf ihre Aufbauten und Rümpfe ließen die sichtversperrenden Felsen nicht zu.

„Drei Schiffe“, sagte Dan O’Flynn.

„Eine lateinergetakelte Zweimast-Karavelle und zwei Galeonen, wie es den Anschein hat“, meinte der Seewolf. „Auf jeden Fall zwei Rahsegler, einer mit zwei, der andere mit vier Masten. Sie führen die spanische Flagge, wir brauchen uns also keinen Hoffnungen hinzugeben, es etwa mit Freibeutern zu tun zu haben.“

„Nein. Aber eine Galeone mit zwei Masten, hältst du das wirklich für möglich?“

Hasard grinste. „Ich halte es für möglich, daß die Galeone im Sturm schwer angeschlagen worden ist und einen Mast eingebüßt hat, so wie sein Rigg durchs Spektiv aussieht.“

„Richtig, das kann natürlich sein. Mann, bin ich denn heute total vernagelt?“

„Vergiß die Mädchen, Dan.“

„Das habe ich schon getan.“

„Es wird ernst, mein Freund. Wir kriegen gleich ein genaueres Bild von den Seglern dort, denn sie sind nach meiner Schätzung inzwischen an dem Riff vorbei und steuern mit raumem Kurs fast direkt auf die Einfahrt der Bucht zu.“

„Der Teufel soll sie holen! Konnten die nicht aufs Riff brummen?“

„Nicht bei Ebbe, Dan.“

„Hölle, sie haben die Felsen aus dem Wasser ragen sehen“, wetterte der junge Mann. „Und genauso entdecken sie gleich auch die Bucht, die bei diesem Wetter und dieser klaren Sicht höchstens ein Blinder verfehlen könnte. Wer sind die Hunde? Eine Patrouille, die die Küste nach Störenfrieden absucht?“

„Dan, schau genau hin. Sollten wir den Viermaster nicht kennen?“

Dan ließ den Kieker sinken und kratzte sich am Hinterkopf. „Also, gesetzt den Fall! Da wäre doch ein ganz klarer Widerspruch. Gut, wir wissen jetzt, daß Monforte mit seiner ‚Sao Sirio‘ dem Verband von do Velho angehörte und dieser Verband aus fünf Schiffen bestand. Wir wissen ferner, daß Lucio do Velho, dieser Bastard, wie durch ein Wunder unser letztes Rendezvous in der Walfischbucht überlebte und auch seine ‚Candia‘ wiederfand. Aber ich frage dich, wieso sollte der nach Süden zurücksegeln, da er doch geradezu versessen darauf zu sein scheint, Nordkurs zu halten?“

„Stellen wir jetzt keine Mutmaßungen an“, erwiderte Hasard. „Monforte wollte ja auch nichts über den Auftrag sagen, mit dem do Velho unterwegs ist. Soweit ließ unser Freund die Geheimhaltung einem ‚Iren‘ gegenüber eben doch gelten.“

„Sir!“ rief Bill aus dem Großmars zu ihnen herüber. „Die Schiffe geraten ziemlich nahe an uns heran!“

„Danke, Bill“, erwiderte der Seewolf. „Von jetzt an nicht mehr rufen, verstanden? Der Gegner könnte uns hören.“

„Aye, Sir“, sagte Bill.

Hasard und Dan enterten wieder ab. An Deck herrschte rege Tätigkeit. Die Beiboote waren hochgehievt und festgezurrt worden, jetzt bedienten die Männer unter Carberrys barschen Anweisungen das Gangspill auf der Back, um den Anker zu hieven.

„Ben, Ferris, Shane, Smoky“, sagte der Seewolf. „Wir machen gefechtsklar. Haltet auch die Höllenflaschen und die Brandsätze bereit, die wir noch haben, vergeßt nicht, Brandpfeile vorzubereiten.“

Sekunden später wurden die Culverinen der „Isabella“ ausgerannt, die Drehbassen auf Vor- und Achterdeck geladen, sowie alle weiteren Vorbereitungen für einen eventuellen Kampf getroffen. Routinemäßig wickelte die Crew jeden Handgriff ab, und im Nu hatte sich die Galeone in eine schwimmende Bastion verwandelt. Brüllen durfte auch Carberry nicht mehr, aber das Ganze lief doch nicht ohne sein Gefluche und Gemecker ab, denn wenn der Profos nicht mehr fluchte, fehlte der Suppe die Würze, wie der Kutscher gelegentlich zu sagen pflegte.

Carberry „flüsterte“ also, was bei ihm mit normalem Sprechen gleichbedeutend war. Wehe, wenn er wirklich mal richtig flüsterte! Dann war Holland in Not und knüppeldicker Verdruß in Sicht, denn jedem Höllensturm geht meist eine beängstigende Ruhe voraus.

Zum Auslaufen bereit lag die „Isabella VIII.“ in der Felsenbucht. Ihr Bug wies nach Norden. Hasard ließ die Fock setzen, um seinem Schiff ein wenig Fahrt zu verleihen und es von der Einfahrt wegzumanövrieren. Falls der Feind von außen nur einen Blick in die Bucht warf, sollte er die „Isabella“ nicht sehen.

Josea, Segura und Franca waren inzwischen in die Felsen aufgestiegen und hatten sich zu ihrer Abuela gesellt. Die alte Frau, immer noch im Vollbesitz ihrer Sinne, hatte die fremden Schiffe ebenfalls entdeckt und bedeutete den Mädchen in diesem Moment, sich ruhig zu verhalten. Die vier duckten sich hinter die Steinquader, zwischen denen Dan O’Flynn am Vorabend seine erste Begegnung mit Segura und Franca gehabt hatte.

Hasard kontrollierte die Gefechtsstationen nur kurz, er konnte sicher sein, daß seine Männer es nicht an der nötigen Sorgfalt mangeln ließen. Der Kutscher lief noch auf und ab und streute Sand an Oberdeck aus, der der Crew im Gefecht einen sicheren Stand auf den Planken sicherte und außerdem das Ausbreiten von Feuersbrünsten eindämmte. Hasard schritt an ihm vorbei, erklomm die Hauptwanten und enterte zu Bill in den Großmars auf.

Arwenack, der Schimpanse, leistete dem Jungen dort oben Gesellschaft. Der Affe rückte bei Hasards Erscheinen respektvoll zur Seite, hob die Augenbrauen, furchte die Stirn und beobachtete mit wachsender Besorgnis, wie der Kapitän und der Moses nach Backbord blickten und sich unterhielten. Ärger würde es geben, das hatte auch Arwenack bereits begriffen. Er stellte sich sozusagen seelisch darauf ein. Wenn es ganz hart kam, würde er sich unter Deck verkriechen, aber nur im äußersten Notfall.

Von dem Viermaster, der den beiden anderen Schiffen voraussegelte, war jetzt etwas mehr zu erkennen. Hasards Blick durchs Spektiv wanderte an den Masten und Rahen und am Rigg der Galeone auf und ab. Erinnerungen wurden in ihm wach, und sein Herz schlug plötzlich schneller.

„Ich habe keinen Zweifel mehr, Bill“, sagte er.

Bill, der von den Ereignissen im Haus der Brancates und von Alvaro Monfortes Schilderungen noch keinen genauen Bericht vernommen hatte, erwiderte: „Sie meinen – Sie haben das Schiff erkannt, Sir?“

„Ja. Es ist die ‚Candia‘.“

„Die Galeone des Hetzers“, sagte der Schiffsjunge. „Allmächtiger, da können wir aber wirklich auf ein heißes Gefecht gefaßt sein, Sir. Da werden die Fetzen fliegen.“

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir haben zwar die denkbar ungünstigste Position, falls die Kerle uns hier aufstöbern und das Feuer auf uns eröffnen, aber wir werden ihnen trotzdem eine Überraschung bereiten, Bill, das schwöre ich dir.“

„Und dann wagen wir den Durchbruch, nicht wahr?“

„Mit Todesverachtung, jawohl.“

„Sir, ich wünsche diesem Kommandanten do Velho und seinen Leuten, daß sie sich vor Schreck die Hosen vollmachen, sobald sie uns zu Gesicht kriegen“, sagte der Moses.

Hasard mußte lachen, obwohl ihm nicht gerade danach zumute war. „Ein wirklich frommer Wunsch, Junge, aber ich habe meine Zweifel, daß er in Erfüllung geht.“

Pulsuz fraqment bitdi.