Kitabı oxu: «BAT Boy 2»
Auftakt
Notfall
Erstkontakt
Wundertüte
Schlachtplan
Rede und Antwort
Attacke
Ansichtssache
Abgrund
Zu spät
Trick 17b
Suchen und Finden
Dank und Undank
Tatsachenkarussell
Zugriff
Kevin, allein im Dunkeln
Jetzt musst du springen
Der geschnappte Schnapper
Fehlerhafte Pläne
Austausch mit Hindernissen
Epilog
Nachwort
Über den Autor
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Auftakt
Notfall
Erstkontakt
Wundertüte
Schlachtplan
Rede und Antwort
Attacke
Ansichtssache
Abgrund
Zu spät
Trick 17b
Suchen und Finden
Dank und Undank
Tatsachenkarussell
Zugriff
Kevin, allein im Dunkeln
Jetzt musst du springen
Der geschnappte Schnapper
Fehlerhafte Pläne
Austausch mit Hindernissen
Epilog
Nachwort
Über den Autor
Impressum

Auftakt
Was bisher geschah:
Lucas Franke schreckt an seinem 13. Geburtstag aus einem seltsamen Traum hoch und hat von da an das Gefühl, dass etwas mit ihm vorgeht, das er sich nicht erklären kann. Nachdem er seiner Nachbarin Ines in den Sommerferien näher gekommen ist, trifft er sie in seiner neuen Schule zusammen mit ihrem Freund an. In einem Moment der Panik, als seine Sinneseindrücke ihn auf dem Schulhof fast überwältigen, macht Lucas die Bekanntschaft eines eigenartigen Lehrers namens Neumann. Dieser erkennt im Verhalten des Jungen etwas und nimmt ihn deshalb zu einer geheimnisvollen Veranstaltung mit. Dort erfährt Lucas, dass er zu einer besonderen Art von Menschen gehört. Sie selbst nennen sich »Begabte« und sind unter anderem in der Lage, die Gestalt verschiedener Tiere anzunehmen. Hinzu kommen geschärfte Sinne, erhöhte Körperkraft und einige weitere Fähigkeiten. Diese lernen sie in der Berliner Akademie für Transmutationen (kurz BAT) zu kontrollieren. Lucas stellt sich als besonders talentiert heraus. Er verbringt jede freie Minute in der BAT, die er seinen Eltern gegenüber als Jugendclub beschreibt. Dort wird er zufällig Ohrenzeuge einer geheimen Besprechung, in der es um eine Bombe geht und bei der ein für ihn unverständliches Wort eine Rolle spielt. Eines Tages folgt Ines ihm aus Neugier und bekommt durch einen Zufall ebenfalls Zugang zur BAT, ohne dass sie etwas von deren eigentlicher Bestimmung ahnt.
Auch sie erfährt etwas von dieser Bombe, und ihre Abenteuerlust wird gepackt. Im Verlauf ihrer Nachforschungen gerät sie schließlich in höchste Lebensgefahr.
Lucas saß auf einem unbequemen Stuhl und stierte vor sich hin. Es waren schon mehrere Stunden vergangen, seit sein Vater den entsetzten Bunges eine Geschichte darüber erzählt hatte, wie sie Ines vorhin in diesem Zustand fanden:
Zuerst hatten sie den Abend damit verbracht, Voyager in Enterprise-Kostümen zu genießen, die Paul von einem Geschäftsfreund aus den Staaten geschenkt bekommen hatte. Um Mitternacht war Lucas auf die Idee gekommen, Ines zum neuen Jahr alles Gute zu wünschen, da er Licht in ihrem Zimmer gesehen hatte. Aber niemand hatte auf die Anrufe reagiert. Lucas hatte jedoch nicht eher Ruhe gegeben, bis Betty und Paul sich dazu bereiterklärten, mal vorbeizuschauen. Auch auf das Klingeln an der Haustür hatte niemand reagiert. Sie ließen sich von Lucas erneut überreden, auch noch ums Haus zu gehen. Es war ihnen allen seltsam vorkommen, dass oben Licht brennen sollte, das restliche Haus aber vollkommen dunkel war. Dabei hatten sie erstaunt festgestellt, dass die Terrassentür nur angelehnt war. Sie waren dann durch die offene Tür ins Haus gegangen, wo sie letztendlich Ines – vollkommen angekleidet, aber ohne Bewusstsein – liegen gesehen hatten.
Lucas fühlte sich elend, was zum Großteil daran lag, dass er seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen hatte. Aber er brachte trotzdem keinen Bissen hinunter. Er machte sich bittere Vorwürfe, dass er Ines so lange nicht aus sich herausgelassen hatte – ja dass er sie überhaupt in sich aufgenommen hatte.
Es hatte schon allein über eine Stunde gedauert, bis ein Rettungswagen eingetroffen war. Bei der Feuerwehr war um genau 4 Minuten nach Zwölf der Zentralcomputer ausgefallen. Das ergab einen weiteren Punkt, für den er sich schuldig fühlte, denn das Rechenzentrum befand sich in Siemensstadt, wo er die Bombe fallengelassen hatte. Auf der Fahrt hierher ins Krankenhaus hatten mit einem Mal Ines‘ Organe versagt. Es war den Rettungssanitätern gerade noch so gelungen, sie lebend dort abzuliefern. Jetzt lag sie auf der Intensivstation. Maschinen übernahmen die Aufgaben, die ihr Körper nicht mehr zu leisten imstande war. Lucas blickte hinüber zu dem Bett, das – umringt von blinkenden Apparaten – durch eine Glaswand zu sehen war. Seine Finger nestelten fahrig an etwas herum, das er in seiner Hand hielt. Er blickte nach unten und entdeckte den Rucksack, den sie zusammen mit dem von Ines in der Siegessäule gefunden hatten. In diesem Moment erklang daraus ein Geräusch. Lucas ließ ihn vor Schreck fallen. Das Geräusch entpuppte sich bei näherem Hinhören als »Enter Sandman« von Metallica. Es spielte immer weiter. Voller Neugier stöberte Lucas im Rucksack herum, auf der Suche nach der Quelle des Songs. Kurze Zeit später hielt er etwas in der Hand, das er noch nie irgendwo gesehen hatte. Es musste ein Handy sein, aber auf Anhieb konnte Lucas keine Tastatur entdecken. Dann fand er heraus, dass es sich aufklappen ließ. Als er dies tat, wurde sein Erstaunen immer größer. Die Handys, die er kannte, konnten nur ziemlich hässliche Piepser von sich geben. Dieses hier spielte einen vollständigen Musiktitel und hatte darüber hinaus ein Farbdisplay, das sogar Bilder darstellen konnte. Auf diesem Display war nun ein Sarg zu sehen, auf dem mit blutroten Buchstaben »Blood Pride« geschrieben stand. Lucas starrte noch einen Moment darauf, dann drückte er die Annahme-Taste.
»Plague, was ist los? Warum hat es nicht geklappt?!«, dröhnte eine tiefe Stimme aus dem Hörer.
Notfall

ucas starrte den Hörer in seiner Hand mit einem Gesichtsausdruck an, als ob er erwarten würde, dass dieser sich jeden Moment in eine Kobra verwandelte.
»Hey, was ist los? Hat’s dir die Sprache verschlagen?«, rief der Mann am anderen Ende der Leitung ungeduldig.
»Plague spricht nicht mehr. Ich hab ihn gekillt«, sagte Lucas mit tonloser Stimme. Dann wurde ihm bewusst, was er da gerade gesagt hatte und er schlug sich erschrocken die freie Hand vor den Mund. Die andere hielt immer noch das Handy an sein Ohr.
»Wie? Was is los? Wer ist da!?«, sagte der Mann immer noch laut, aber nun etwas überrascht.
Auf Lucas‘ Gesicht breitete sich ein kaltes Grinsen aus.
Bist du bekloppt? Leg auf!, schrie die Stimme in seinem Hinterkopf, aber er hörte nicht auf sie. Von einer morbiden Neugier auf die Reaktion seines Gegenübers gepackt öffnete er den Mund. Er brannte darauf, dem Unbekannten von den letzten Sekunden in Plagues Leben zu berichten – dem Mann, der seinen Mentor auf den Stufen der Berliner Siegessäule getötet hatte.
»Was glaubst du eigentlich, was du hier machst? Das ist hier ne Intensivstation! Hier sind Handys verboten!«, herrschte ihn plötzlich eine Stimme an.
Lucas fuhr erschrocken hoch und blickte in das verärgerte Gesicht eines Pflegers, der sich vor ihm aufgebaut hatte.
»Oh ... äh, Tschuldigung. Das wusste ich nicht«, murmelte er.
Der Pfleger zeigte nur stumm nach rechts, wo auf einem Schild die Worte zu lesen waren: »Achtung Intensivstation. Benutzung von Mobiltelefonen verboten.«
»Wennde det nich lassen kannst, dann sieh zu, dassde Land jewinnst«, ergänzte er und zeigte in Richtung der Lifttüren am anderen Ende des Flurs.
Lucas setzte sich in Bewegung. Dabei hob er die Hand mit dem Telefon, die er eben hatte sinken lassen, wieder ans Ohr.
»Wer zum Teufel bist du und wo hast du das gottverdammte Handy her?«, grollte die Stimme des Mannes erneut daraus hervor.
»Ich bin …«, begann Lucas, brach dann aber ab, weil in seinem Kopf so etwas wie eine Alarmglocke zu schrillen begonnen hatte. Doch etwas in ihm wollte sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Etwas wollte davon berichten, wie jämmerlich dieser Typ auf der Flucht zugrunde gegangen war. Er hatte die friedliche Millenniumsfeier in ein Chaos verwandeln und dabei tausende unschuldiger Menschen zu Opfern bluttrinkender Vampire machen wollen. Aber schließlich endete er als Häufchen Asche.
»Ich bin jemand, der diesem Schwein das gegeben hat, was ihm zusteht«, sagte er mit fester Stimme, während er auf den Abwärts-Knopf des Aufzugs drückte.
… was?
»Okay jetzt hör‘ auf mit dem Quatsch und hol mir Plague ans Rohr«, grunzte der andere mit nur mühsam beherrschter Wut.
Ein Gong ertönte. Die Aufzugtüren öffneten sich. Entnervt trat Lucas in die Kabine und drückte den Knopf mit der ‘1‘. Er hoffte, dort weitertelefonieren zu können, weil sich in dieser Etage eine Cafeteria befand. Das Gespräch lief ganz und gar nicht nach seinem Geschmack, aber er hatte nicht vor, es dabei zu belassen. Die Türen schlossen sich. Der Lift begann, sich in Bewegung zu setzen.
»Zum letzten Mal«, blaffte Lucas den Unbekannten an. »Plague ist Toast! Wenn du willst, dann kannst du den Rest von ihm vom Boden in der Siegessäule abkratzen.«
… nein … nicht …
Aus dem Hörer war mit einem Mal ein seltsames Geräusch zu hören, aber Lucas war jetzt voll in Fahrt. Er schrie seine ganze Wut und Trauer darüber hinaus, dass Neumann nicht mehr lebte, stieß Beschimpfungen über Plague und seine Horde von Monstern aus.
… nicht weiter …
»Doch«, bellte Lucas. »Ich mach weiter! Ich …«
... bitte Lucas … nicht … noch … weiter …
Lucas verstummte. Er blickte auf das Display des Telefons, das ihm sagte, die Verbindung sei unterbrochen. Aber woher kam dann diese Stimme? Diese erschreckend vertraute Stimme.
»Ines?«, hauchte er.
… Lucas … ich geh … kaputt – ein schwaches Flüstern.
Seine Beine gaben nach, und Lucas rutschte an der Kabinenwand herunter in eine hockende Position. Was mochte es zu bedeuten haben, dass er sie hören konnte? Völlig verwirrt wanderte sein Blick vom nutzlosen Handy in seiner Hand in der Aufzugskabine umher, bis er an der sich ständig verändernden Stockwerksanzeige hängen blieb.
Ich halt nicht mehr lange – kaum noch wahrnehmbar.
In diesem Moment traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Er sprang auf, stopfte das Handy in seine Tasche und hämmerte wie wild auf der Tastatur des Aufzugs herum. Es war alles so klar. Wie hatte er es nur übersehen können? Es musste immer noch ein kleiner Teil von Ines in ihm geblieben sein. Deshalb wachte sie nicht auf. Als sie vorhin hinter dem Krankenwagen hergefahren waren, hatten sie an einer roten Ampel halten müssen und den Wagen daher aus den Augen verloren. Nachdem sie kurz darauf im Krankenhaus eingetroffen waren, hatten Ines‘ Eltern erzählt, dass sie kurz vor der Ankunft des Krankenwagens in der Klinik plötzlich einen Kreislaufzusammenbruch gehabt hätte. Also konnte man den Teil von Ines, den Lucas noch in sich trug, nicht beliebig weit vom Rest entfernen. Es war wohl wie bei einem Gummiband, das riss, wenn es zu stark gespannt wurde. Aber wie weit war zu weit? Er war in der siebten Etage losgefahren und nun war er schon fast in der zweiten Etage angekommen.
… Lucas …
Er hämmerte an die Tür – wohl wissend, dass es niemanden gab, der in einem Aufzug dafür sorgte, dass sich auf ein Klopfen hin Türen öffneten. Und doch kam der Lift zu einem Halt. Die Türen glitten sanft auseinander. Lucas fiel mehr durch den sich öffnenden Spalt hindurch, als dass er lief. Unvermittelt stand er vor einer Krankenschwester, die ihn entgeistert anstarrte.
»Treppenhaus«, keuchte Lucas.
»Äh, wie?«, stammelte die Schwester.
»Treppenhaus! Wo?«, rief er ungeduldig.
»Ach, warum fahren Sie denn mit dem Lift, wenn Sie wissen, dass es Ihnen nicht bekommt?«
Lucas bemerkte, wie sich die Präsenz von Ines, die er kurz vorher noch gar nicht wahrgenommen hatte, zu flackern begann, wie eine Kerze in einem starken Luftzug. Tränen begannen, ihm in die Augen zu steigen.
»Treppenhaus, bitte«, sagte er flehentlich.
»Da vorn«, sagte sie und zeigte nach rechts.
Zum Glück nicht noch weiter weg von ihr. Lucas rannte los.
Bereits auf dem übernächsten Treppenabsatz verfluchte er seine Entscheidung, nicht einen anderen Aufzug gerufen zu haben, der nach oben fuhr. Seine Beine fühlten sich an, als ob sie jeden Moment platzen wollten. Das Herz hämmerte wie wild in seiner Brust. Aber Lucas beschloss, es zu ignorieren, weil Ines‘ Präsenz immer schwächer wurde. Er ignorierte auch das Stechen in seiner Seite, während er Stufe um Stufe erklomm. Dann erspähte Lucas die ersehnte Sieben über einer Tür. Er machte noch einen mächtigen Satz, drückte den großen Entriegelungsbügel dabei hinunter und prallte mit voller Wucht dagegen. Der Aufprall presste die Luft aus seinen Lungen. Lucas taumelte rückwärts und kam sehr unsanft auf seinem Hintern zu sitzen. Japsend starrte er die Tür an.
… bitte … ich … kann … nicht …
Ines‘ Stimme schwebte als gepresstes Flüstern durch seinen Kopf – verbunden mit einem übelkeiterregenden Schwindelgefühl. Lucas spürte in seinem – oder ihrem? – Innern eine lauernde Dunkelheit, die danach trachtete, ihrer beider Bewusstsein zu umfangen. Er wusste, dass diese Umarmung zumindest für Ines eine endgültige sein würde. Das brachte ihn dazu, sich aufzuraffen und die Tür erneut zu bestürmen. Sie wollte sich nicht öffnen, so sehr er auch drückte und stieß. In diesem Moment meldete sich noch eine weitere Stimme in seinem Hinterkopf. Vielleicht war sie auch schon die ganze Zeit über da gewesen, nur hatte er sie in seiner Panik nicht bemerkt:
Hör auf, du Idiot. Das ist ne Fluchttür! Wohin wird die sich wohl öffnen?!
Aufstöhnend drückte Lucas den Bügel hinunter und zog an der Tür, die sich widerspruchslos öffnete. Er stürzte in den Gang, der nun nicht mehr so still und scheinbar friedlich dalag, wie er es gewesen war, als Lucas ihn verlassen hatte. Am entfernten Ende pulsierte hinter der Glastür ein rotes Licht. Ohne genau hinsehen zu müssen, wusste Lucas, dass dieses Alarmzeichen über der Tür von Ines‘ Zimmer leuchtete. Vor der Glastür, die den Zugang zur Intensivstation versperrte, stand eine Menschentraube, in der sich auch die Eltern von Ines befanden. Sie alle wollten hindurch, wurden aber von dem stämmigen Pfleger daran gehindert, der beschwörend auf sie einredete: »Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Sie können Ihrer Tochter jetzt nicht helfen. Das Notfallteam tut alles menschen… Hey, was soll das?«
Lucas war in vollem Lauf in die Menge hineingestürmt. Dann hatte er sich blitzschnell fallen lassen, um auf dem glatten Boden unter den ausgebreiteten Armen des Pflegers hindurchgleiten zu können. Er rutschte noch ein Stück weiter, nutzte die nächstgelegene Wand, um sich abzustoßen. Wie ein menschlicher Querschläger schoss er in Ines‘ Zimmer, das in diesem Moment von mehreren Personen bevölkert war. Eine davon hatte ihren Blick starr auf einige Anzeigen eines Gerätes über dem Kopfende ihres Bettes gerichtet und verlas laut die angezeigten Werte. Die zweite Person – eine Krankenschwester – fummelte an einem Tablett mit Fläschchen herum, aus denen sie Flüssigkeiten auf Spritzen zog. Die Dritte schien ein Arzt zu sein. Sie war dabei, zwei etwa handtellergroße metallische Gegenstände, die durch Kabel mit einem auf einem Rollwagen befindlichen Gerät verbunden waren, hochzunehmen. Sie alle stoppten abrupt, als Lucas mit einem lauten »Nein!« zwischen sie fuhr. Bevor einer von ihnen auch nur »Was zum Teufel …« sagen konnte, war er näher an Ines‘ Bett herangetreten und sah sie an. Sie sah erschreckend klein aus, so wie sie dort lag. Ihr Körper war fast komplett unter der Bettdecke verborgen, mit der man sie vor Auskühlung schützen wollte. Nur ihr Kopf und ein Arm schauten darunter hervor.
Hautkontakt. Ich brauche Hautkontakt, überlegte er fieberhaft. Also schied der Arm aus, denn er befand sich auf der falschen Seite des Bettes. Aber Lucas hatte keine Zeit mehr für große Überlegungen, denn in diesem Moment hatten die Drei ihre Überraschung überwunden. Auch der Pfleger trat aus dem Gang mit finsterer Miene durch die Tür. Lucas wollte mit zwei schnellen Schritten die kurze Distanz bis zum Kopfende des Betts überwinden, blieb aber an einem herumliegenden Kabel hängen. Er stolperte, fiel und landete mit seinem Gesicht mitten auf dem von Ines, wobei seine Lippen nur knapp die ihren verfehlten. Seine Hände suchten Halt, fanden aber nichts, um sich abzustützen, und so knallte er hart gegen die Metalleinfassung des Betts.
»Hast du den Verstand verloren?«, herrschte der Arzt Lucas an, während dieser auf Ines zu liegen kam.
Aber Lucas hörte ihn nicht, denn er war vollauf damit beschäftigt, das allerletzte Stückchen von Ines zu finden und es dorthin zu führen, wo es hingehörte.
»He, hast du mich nicht gehört?«, schnauzte der Arzt erneut, da Lucas keine Reaktion zeigte.
»Der hat vorhin schon Ärger gemacht«, meldete sich der Pfleger zu Wort. »Hat einfach telefoniert. Direkt unter dem Verbotsschild.«
»Aha, hmmm«, machte der Arzt, ohne jedoch seinen Blick dem Pfleger zuzuwenden. Fasziniert starrte er das Pärchen an, das dort vor ihm auf dem Bett lag – sie fast unter der Decke verborgen, er halb vom Bett herunterhängend. Was wollte dieser junge Kerl denn bezwecken? Stürmte hier herein und stürzte sich auf die Kranke. Dachte er etwa, dass er sein Mädchen wie der Prinz Dornröschen durch einen Kuss von den Toten erwecken könnte? Er wollte gerade die Paddles des Defibrillators beiseitelegen, um dem Unsinn ein Ende zu machen, als etwas geschah, das ihn diese Paddles komplett vergessen ließ. Sie entglitten seinen Händen und fielen zu Boden.
Sämtliche Warntöne, die eben noch das bevorstehende Multi-Organversagen der Patientin angekündigt hatten, verstummten mit einem Mal.
Dann gab sie einen unartikulierten Laut von sich, der kurz darauf zu einem »Lucas, wie konntest du!« wurde.
Er versuchte mühevoll, sich in eine senkrechte Position hochzustemmen, sodass er nicht in der Lage war, sich abzuwenden.
Die linke Hand des Mädchens traf ihn und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Vom Schwung, mit dem sie ihn schlug, löste sich sogar das Pulsoximeter von ihrem Zeigefinger. Es flog durch die Luft, bis es vom daran befestigten Kabel gebremst wurde.
Aber anstatt überrascht oder gar verärgert zu reagieren, sah Lucas sie nur traurig an.
Er murmelte: »Ja, tut mir leid, aber du weißt ja warum.«
Dann drehte er sich wortlos um und schlurfte mit hängendem Kopf nach draußen auf den Gang. Nicht einmal der Pfleger hielt ihn auf, denn er war viel zu sehr damit beschäftigt, mit offenstehendem Mund auf das Mädchen zu starren. Sie hatte sich aufgesetzt und schickte dem Jungen wütende und zugleich verwirrte Blicke hinterher. Dann schien sie sich ihrer Umgebung bewusst zu werden und fuhr zusammen.
»Huch, was ist los? Wo bin ich?«
Als wären diese Fragen ein Startschuss gewesen, erwachten die vier Personen aus ihrer Starre.
»Mach dir keine Sorgen. Wir tun das Menschenmögliche, dass es dir bald wieder besser geht«, sagte der Arzt. Er war automatisch auf eine der Floskeln verfallen, die er in seinem Job schon zu so vielen Menschen gesagt hatte.
»Wieso besser? Mir geht’s gut«, antwortete sie. »Wann kann ich hier raus?«
»Na ja, ganz so schnell wird das nicht gehen«, gab er zurück. »Immerhin wärst du eben fast …«
Dann verlor sich seine Stimme, denn ihm wurde bewusst, was er eben – überrumpelt von der plötzlichen Verbesserung des Zustandes – zu einer Minderjährigen gesagt hätte.
Aber das Mädchen enthob ihn eines Erklärungsnotstandes, denn sie sprudelte plötzlich los: »Aber das war doch bloß, weil Lucas … Ich war doch noch in … ähm …« Ihr Blick verlor sich.
In diesem Moment bahnten sich zwei Personen ihren Weg durch die Menschenmenge, die sich zwischenzeitlich auf dem Gang vor dem Krankenzimmer gebildet hatte. Die beiden stellten sich als die Eltern des Mädchens heraus. Der Arzt war froh darüber, ihnen von der erstaunlichen Genesung seiner Patientin berichten zu können. Das war endlich wieder ein Metier, das er verstand. Er hielt es auch nicht für nötig, ihnen von der Episode mit dem Jungen zu erzählen. Das würde nur zu unnötigen Fragen führen, die er weder beantworten konnte, noch wollte.
Mit unbewegter Miene trottete Lucas den Flur des Krankenhauses entlang in Richtung Lift. Innerlich tobte ein Chaos aus widerstreitenden Gefühlen. Triumph, weil er herausgefunden hatte, woran es gelegen hatte, dass Ines nicht aufgewacht war. Erleichterung, darüber, dass es geklappt hatte, das letzte Stückchen von ihr aus sich herauszulösen. Horror über das, was hätte passieren können, wenn er es nicht mehr rechtzeitig geschafft hätte. Enttäuschung über Ines‘ Reaktion. Aber hatte er denn überhaupt eine andere Reaktion erwarten können? Mit Sicherheit nicht. Im Verlauf des Abends hatte Ines bestimmt mehrfach Angst oder sogar Panik ausstehen müssen, zum Teil auch durch ihn selbst verursacht. Trotzdem musste Lucas zugeben, dass er darauf gehofft hatte, dass sich alles wieder einrenken würde, wenn Ines erst mal vollständig in ihren eigenen Körper zurückgekehrt wäre.
So viel zum Thema Wunsch und Wirklichkeit, dachte er resigniert. Dann kam er am Lift an und drückte auf den Äbwärts-Knopf. Er wollte nun endlich in die Cafeteria. Zwar hatte sich das mit dem Telefonieren inzwischen erledigt – das Gespräch kam ihm schon völlig unwirklich vor. Aber er wollte sehen, ob er seine Eltern fand, weil er sich danach sehnte, endlich nach Hause zu kommen. Vielleicht würde er im Schlaf etwas Vergessen finden können. Der Gong ertönte. Die Türen glitten auseinander. Überrascht stellte Lucas fest, dass er sie bereits gefunden hatte, denn sie standen in der Kabine.
»Luky, was …«, begann Betty, aber er trat nur zu ihnen in die Kabine und drückte wortlos auf den Knopf für das Erdgeschoss.
»Heißt das, Ines ist …?«
»Aufgewacht. Lasst uns fahren«, brummte Lucas.
»Ähm, Moment mal«, sagte Paul verwirrt. »Wie ist das denn passiert?«
Lucas blickte seinen Vater müde an.
»Ich kann jetzt nicht. Ich will auch nicht«, murmelte er. »Bitte. Ich will nur noch nach Hause.«
»Oh, ich dachte, du wolltest …«, setzte Paul an, aber Betty legte ihm die Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf.
»Lass gut sein Paul. Wir sollten wirklich besser fahren. Guck dir Lucas doch an. Der ist völlig fertig. Wer sollte es ihm auch verdenken. Er hat heute immerhin eine ganze Menge Menschenleben gerettet.«

Damit schloss sie Lucas in die Arme und drückte ihn ganz fest an sich. In diesem Moment war es ihm, als ob ein Damm tief in ihm bräche und er sackte schluchzend zusammen. Von der Fahrt nach Hause bekam Lucas fast nichts mit. Er dämmerte auf dem Rücksitz des Autos vor sich hin. Als sie schließlich angekommen waren, stieg er ohne noch etwas von sich zu geben die Treppe hinauf, ließ sich auf sein Bett fallen und hieß dankbar die Schwärze des Schlafs willkommen.
»Mann Mäuschen, da hast du uns aber nen ordentlichen Schrecken eingejagt«, sagte Tom, Ines‘ Vater.
»Ähm«, machte Ines.
»Was ist denn bloß passiert?«, fiel ihr Diana ins Wort.
»Also …«, begann sie erneut.
»Nun lass sie doch mal ausreden«, sprudelte Tom gleichzeitig hervor.
Ines sah ihre Eltern an. Dann brachen alle drei in erleichtertes Gelächter aus.
»Okay, jetzt nochmal von vorn«, sagte Tom, nachdem sich alle lachend umarmt hatten. »Was ist denn bloß los gewesen und warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?«
»Ja, also«, begann Ines, die froh darüber war, dass sie durch das Gruppenkuscheln noch ein wenig mehr Zeit gehabt hatte, ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken zu ordnen. Seit sie von Lucas aus dem dunklen Loch geholt worden war, in dem er sie eingekerkert hatte, war sie krampfhaft darum bemüht gewesen, mit dem klarzukommen, was sie in den letzten Stunden gesehen hatte. Aber viel mehr noch beschäftigte sie das, was sie nicht mehr sehen konnte. Dieses Nichts, in dem Lucas sie abgeladen hatte, war fast nicht zu ertragen gewesen. Kein Wort, kein Geräusch wahrzunehmen und noch dazu blind zu sein, hatte ihre Nerven fast zum Zerreißen gebracht. Viel schlimmer noch war jedoch das Gefühl gewesen, plötzlich zu fallen und immer weniger zu werden. Zum Glück hatte Lucas sie noch rechtzeitig bemerkt und aufgefangen. Irgendwie hatte er sie gerettet. Dafür musste sie ihm wohl dankbar sein, aber trotzdem würde sie es nicht vergessen, dass er sie so einfach mir nichts, dir nichts weggesperrt hatte.
»Ja, Maus?«, riss ihre Mutter sie aus den Gedanken.
»Ach, ich weiß auch nicht«, sagte Ines und versuchte, dabei möglichst müde zu klingen.
Sie hatte keine Ahnung, wie sie es ihren Eltern erklären konnte, dass sie sich ohne ihr Wissen nachts allein in Berlin herumgetrieben hatte – ganz davon abgesehen, dass sie zwischendurch entführt worden war. Dann fiel es ihr plötzlich ein. Das mussten sie gar nicht wissen! Für die beiden galt immer noch, dass sie bei ihrer Freundin übernachten wollte. Jetzt stand nur noch zu hoffen, dass sie nicht dort angerufen hatten, und Tina ahnungslos gewesen war.
Okay, Augen zu und durch, sagte sie sich.
»Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich dabei war, mich für Tina fertigzumachen. Dann wurde mir mit einem Mal ganz komisch. Ich dachte, dass ich mich nochmal kurz hinlegen könnte. Ja und dann bin ich hier aufgewacht.«
In diesem Moment wurde Ines der Fehler in ihrer Story bewusst. Sie hatte ja gar keine Ahnung, wo, wie und von wem sie gefunden worden war. Vorsichtig blickte sie ihre Eltern an, innerlich darum betend, dass es doch funktionieren würde.
Diana lächelte und strich Ines über die Wange.
»Na dann ist es ja gut, dass Lucas dich um Mitternacht besuchen wollte und er dich zusammen mit seinen Eltern gefunden hat. Ich glaub, der mag dich.«
»Was?«, fuhr Ines auf. Einerseits war sie froh, darüber, dass sie ihr die Geschichte abgekauft hatten, aber Lucas hatte sie aus dieser Sache möglichst heraushalten wollen.
»Huch, was ist denn mit dir? Ich dachte, du magst ihn auch«, sagte Diana mit einer beschwichtigenden Geste.
»Hmm … ja … nee … weiß nich«, grummelte Ines. »Aber was hat das denn mit heute zu tun?«
»Na ja, sie haben erzählt, dass Lucas dir eigentlich um Mitternacht ein gesundes neues Jahr wünschen wollte, weil er noch Licht bei dir gesehen hatte. Dann haben sie wohl gemerkt, dass irgendeine Tür offen war, sind rein und haben dich so gefunden. Wir sind dann kurz danach auch zu Hause angekommen, weil wir dich um zwölf nicht erreichen konnten. Blöderweise hatte Papa dann auch noch sein Handy vergessen, sodass wir Tinas Telefonnummer nicht dabei hatten. Kannst du dir das vorstellen? Papa ohne Handy? Na egal, auf jeden Fall haben sie dich mit dem Rettungswagen hergebracht. Und jetzt bist du wieder in Ordnung. Du fühlst dich doch okay?«
Den letzten Satz sagte ihre Mutter mit einem leicht flehenden Unterton in der Stimme, sodass Ines automatisch mit »Na klar« antwortete. Innerlich war sie sich dessen nicht so sicher. Irgendwie musste Lucas es geschafft haben, ein Stück von ihr mit sich herumzutragen. Was, wenn er nicht alles wieder zurückgegeben hatte? Und wieso zum Teufel hatte er es überhaupt gehabt? Alles, an das sie sich noch klar erinnern konnte, war gewesen, dass Herr Neumann und dieser Freak sie auf der Siegessäule gefangen gehalten hatten. Dann war Lucas gekommen – woher eigentlich? – und hatte sie anscheinend gerettet. Aber wie nur? Irgendwann zu dieser Zeit verlor sich ihre Erinnerung und wurde durch völlig abstruse Träume ersetzt – von Bomben … und Fischen … und Blitzen … und Drachen? Warum ausgerechnet Drachen? Und warum hatte sie das Gefühl, sie wäre dieser Drache gewesen? Sie mochte dieses ganze Fantasy-Gedöns nicht, also natürlich auch keine Drachen. Wieso sollte sie also davon träumen? Ines seufzte verwirrt.
»Ja, Maus?«, sagte Tom.
»Ach, Papi, ich bin doch ganz schön müde«, antwortete sie matt. »Ich glaube, ich lege mich noch ein bisschen hin.«
Ihre Eltern sandten hilfesuchende Blicke in Richtung des Arztes, der diskret ein wenig in Richtung Gang zurückgetreten war, um die Familie nicht zu stören. Dieser nickte beruhigend und antwortete auf die unausgesprochene Frage: »Keine Sorge. Jetzt kann nichts mehr passieren. Sie soll ruhig ein wenig schlafen. Wir müssen ohnehin noch ein paar Tests durchführen, um auszuschließen, dass es eine physische Ursache für den Zustand gibt, in dem ihre Tochter eingeliefert wurde. Die Ergebnisse erhalten wir frühestens morgen Vormittag. Wenn Sie möchten, dann können Sie gern nach Hause fahren. Oder wir besorgen Ihnen einen Ruheraum, wenn Sie gern hierbleiben wollen.«
»Ich geh hier nicht weg«, sagte Diana.
»Was meinst du?«, fragte Tom und drehte sich dabei zu seiner Tochter um.
Aber Ines war bereits eingeschlafen.
Erstkontakt

a der 2. Januar ein Sonntag war, startete die Schule erst am 3. Das war auch gut so, denn sowohl Ines als auch Lucas hätten ansonsten vom ersten Schultag kaum etwas mitbekommen. Das ganze Wochenende über dämmerten sie vor sich hin, schliefen oder starrten auf den laufenden Fernseher, ohne viel vom dort gezeigten Programm aufzunehmen. Lucas‘ Eltern betrachteten es mit Wohlwollen und einem gewissen Stolz über das, was er vollbracht hatte. Zwar verstanden sie einiges von dem, was auf der Siegessäule abgelaufen war, überhaupt nicht, hofften aber, dass Lucas es ihnen bald erklären würde. Andererseits wollten sie ihren Sohn nicht bedrängen, denn er schien von alldem nicht nur körperlich, sondern auch emotional sehr mitgenommen zu sein. Also übten sie sich in Geduld. Irgendwann würde er schon auf sie zukommen.
Diana und Tom waren weniger entspannt dabei, wenn sie Ines matt auf der Couch liegen sahen. Auch wenn der Arzt ihnen erzählt hatte, dass es bei ihr keine Anzeichen für eine Erkrankung gäbe, beruhigte sie dies nur teilweise. Es half auch nicht, dass Ines ihnen auf alle ihre vorsichtigen Fragen, den Silvesterabend betreffend, nur wortkarge und ausweichende Antworten gab.
Lucas war froh darüber, dass er seine Ruhe hatte. Es gab zu viele Dinge, die er in seinem Kopf erst mal ordnen musste, bevor er sich den Fragen seiner Eltern oder auch denen von Ines stellen konnte.
Fakt ist eins. An der BAT gibt es eigentlich nur normale Begabte.
Er scheute sich immer noch davor, das Wort Vampir zu benutzen.
Aber wie viel weiß ich denn eigentlich über die Lehrer dort? Bragulia ist zwar der Chef, aber er ist auch ziemlich vertrottelt. Der müsste schon ein absolutes Ass darin sein, sich zu verstellen. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Upuaut ist da schon eher so ein Kandidat. Den kann ich einfach nicht einschätzen und irgendwie ist er auch sonst ziemlich geheimnisvoll. Mandana ist ja gar nicht so viel älter, als ich. Von ihr kann ich es überhaupt nicht glauben, dass sie Blut trinken sollte. Und dann sind da ja auch noch die Augen.
Lucas schauderte bei dem Gedanken an Plagues Augen mit ihrer weißen Iris.
So etwas kann man nicht verbergen. Nein, Blutsauger gibt’s bei uns bestimmt nicht.
Wie kannst du dir da so sicher sein?, erklang die altbekannte Stimme aus seinem Hinterkopf. Immerhin hast du ja auch nicht gewusst, dass Neumann mit ihnen gemeinsame Sache macht.

Hat er nicht!, fuhr Lucas sich innerlich an. Dann merkte er, was er da tat und schloss kopfschüttelnd die Augen. Es konnte einfach nicht sein, dass Neumann bewusst mit bluttrinkenden Vampiren zusammengearbeitet hatte. Sicher, er kannte dieses Monster Plague. Er war auch an dem Plan beteiligt gewesen, der Berlin zu Silvester um Mitternacht in Dunkelheit und Chaos versinken lassen sollte. Aber er hatte es nur wegen Geld getan. Als Plague sich als Blutsauger zu erkennen gegeben hatte, war Neumann ehrlich erschüttert gewesen. Das konnte er nicht gespielt haben. Leider gab es keine Möglichkeit mehr, ihn dazu zu befragen, denn er war tot. Plague hatte ihn umgebracht, als er von der Siegessäule geflohen war. Bei diesem Gedanken spürte Lucas, wie ihm die Kehle eng wurde, und seine Augen zu brennen begannen. Er vermisste Neumann, diesen coolen, geheimnisvollen Typen, der ihm gezeigt hatte, was er war und ihm dann geholfen hatte, mit der Angst davor umzugehen. Ohne ihn wäre Lucas wahrscheinlich nicht einmal an die BAT gekommen, denn Neumann war es gewesen, der in ihm den Begabten erkannt hatte. Aber es tat einfach zu weh, an ihn zu denken. So zwang er sich dazu, seine Aufmerksamkeit auf den Fernseher zu richten. Glücklicherweise lief dort eine Action-Komödie, die Lucas dabei half, sich lange genug ablenken zu können, um vom Schlaf übermannt zu werden.
Verdammt, wie soll ich das bloß hinbekommen?
Ines starrte in das Gesicht, das der Spiegel ihr zeigte. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass es sich um ihr eigenes handelte, dann hätte sie es nicht erkannt. Blass war sie, mit dunklen Ringen um rot geäderte Augen. Das Haar stand ihr wirr um den Kopf – zumindest die Strähnen, die nicht auf dem tränenfeuchten Gesicht klebten. Eigentlich wusste sie gar nicht, warum sie weinte. Ines konnte sich an nichts vom Silvesterabend erinnern, dass die tiefe Trauer, die sie empfand, rechtfertigen würde. Genau genommen konnte sie sich an überhaupt nichts klar erinnern. Aber die Trauer war echt und deshalb musste sie herausbekommen, woher sie kam.
Ruf ihn doch endlich an, nörgelte eine Stimme in ihrem Kopf.
Ich kann nicht, antwortete sie sich selbst. Ich … habe Angst.
Jetzt war es heraus. Bei aller Notwendigkeit, zu wissen, was zu Silvester vorgefallen war, hatte sie doch trotzdem viel zu viel Angst davor, es wirklich herauszufinden. Tief in ihrem Innern befürchtete Ines, mit der Wahrheit nicht klarzukommen.
Aber würde sie mit der Unwissenheit fertigwerden?
Was wäre, wenn sie plötzlich von jemandem auf die Ereignisse angesprochen würde?
Wäre sie dann in der Lage, die Ruhe zu bewahren?
Könnte sie halbwegs vernünftige Antworten geben?
Oder würde sie womöglich wieder in Tränen ausbrechen?
Wenn Ines so in sich hineinhorchte, dann wäre vermutlich das Letztere der Fall. Nein, das konnte so nicht weitergehen. Sie stieß sich vom Waschtisch ab und drehte sich herum, um das Badezimmer zu verlassen und zum Telefon zu gehen. Auf dem Treppenabsatz zögerte Ines jedoch. Der Elan, der sie eben noch angetrieben hatte, war bereits wieder verflogen. Zögernd setzte Ines einen Fuß auf die nächste Stufe, zog ihn aber gleich wieder zurück, als hätte sie sich daran verbrannt. Mit hängendem Kopf trottete sie zurück zu ihrem Zimmer, nur um sich dort angekommen mit der Stirn gegen die geschlossene Tür zu lehnen.
Als Ines feststellte, dass sich die erhoffte Ruhe einfach nicht einstellen wollte, wartete sie noch eine Weile weiter, bis sie fühlte, dass sich innerlich eine Art Druck aufbaute. Schon kurze Zeit später war dieser Druck stark genug, dass sie das Gefühl hatte, sich von der Tür abstoßen zu können. Das tat sie dann auch, und diesmal reichte der Schwung dafür, dass sie nicht nur die erste Treppenstufe überwand, sondern direkt bis um Standort des Telefons vordrang. In dem Moment, als Ines das Handteil aus der Ladeschale nahm, kam ihre Mutter in den Flur. Sie hatte wohl aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrgenommen und war aus der Küche geeilt, um ihrer Tochter zu begegnen, in der Hoffnung, sie in ein Gespräch verwickeln zu können.
»Hallo Mäuschen, da bist du …«, begann sie, aber Ines schnappte sich nur das Telefon und stürmte, ohne ein Wort zu sagen, wieder die Treppe hoch.

»… ja wieder«, schloss Diana den eben begonnenen Satz lahm und schaute ihr hinterher. Zumindest bewegte sich Ines inzwischen wieder aus ihrem Zimmer. Das war doch schon einmal etwas.
»Luky? Bist du wach?«
Verdammt. Jetzt bin ich es wirklich wieder. Fast hätte ich es endlich geschafft gehabt. Die letzten paar Minuten des Films habe ich doch bloß noch als Geräusch wahrgenommen.
Er drehte seinen Kopf in Richtung Tür, wo er Betty stehen sah, und brachte sogar fast so etwas wie ein Lächeln zustande.
»Oh, gut«, sagte sie, als sie dies sah. »Ich hab jemanden für dich am Telefon.«
»Hmm, wen denn?«, murmelte Lucas, aber statt zu antworten, streckte seine Mutter ihm das Telefon entgegen.
»Ja?«, sagte Lucas und versuchte dabei, nicht allzu leidend zu klingen. Wenn Erik dran wäre, dann wollte er möglichst keinen Anlass zu Mitleid – oder noch viel schlimmer zu Nachfragen – geben. Die nächsten Worte, die er hörte, brachten jedoch alle Vorsätze ins Wanken.
»Hi, Lucas«, sagte Ines.
»Ohhh«, machte er, teils aus ehrlicher Überraschung, teils deswegen, weil er seiner Stimme nicht traute.
Doch dann geschah etwas, mit dem Lucas nicht gerechnet hatte. Ines lachte. Zuerst war es nur ein verhaltenes Kichern, aber es steigerte sich immer mehr, bis sie lauthals lachte. Und Lucas lachte mit, obwohl er eigentlich gar nicht wusste, warum. Er lachte, bis ihm die Tränen in den Augen standen, und bemerkte dabei erstaunt, wie befreiend es auf ihn wirkte.
Als sie sich beide wieder beruhigt hatten, räusperte sich Lucas und sagte: »Ja, hi Ines. Ähm. Warum hast‘n du gelacht?«
»Ach, na ja. Ich hab schon den halben Tag mit mir gekämpft, weil ich wusste, dass ich mit dir sprechen muss. Und eben beim Wählen habe ich mir die ganze Zeit gesagt ‘Wir müssen reden – wir müssen reden – wir müssen reden’. Und dann gehst du ran und sagst ‘Oh’.«
Lucas grinste. »Stimmt. Da hätte ich wohl auch lachen müssen.«
Doch dann wurde ihm bewusst, was als Nächstes geschehen würde, und das Grinsen erstarb.
»Ähm«, machte Ines.
Lucas schwieg, denn er hatte Angst davor, was sie gleich sagen oder fragen würde. Es trat eine unangenehme Pause ein, während die beiden krampfhaft nach Worten suchten, um weiterzumachen. Lucas hob seinen Blick und sah aus dem Fenster in die Richtung des Balkons, hinter dem sich Ines‘ Zimmer befand. Als er dort nicht nur ein erleuchtetes Fenster, sondern auch ihren Umriss erkannte, zuckte er schuldbewusst zusammen. Ihm wurde klar, dass es für Ines ungleich schwerer sein musste, den Anfang zu machen.
Also räusperte er sich erneut und fragte: »Gibt es etwas Bestimmtes, das du wissen willst?«
»Alles«, hauchte sie in ihr Telefon. »Ich will, nein ich muss alles wissen. Sonst werd ich noch verrückt. Was war das mit diesem Freak? Wo ist Neumann? Und was hast du mit mir gemacht? Wo war ich?«
Lucas ließ seinen Kopf hängen. Verdammt – das volle Programm. War sie überhaupt bereit dafür? War er es? Wo sollte er anfangen?
Er schluckte schwer. »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll«, gestand er.
»Na dann fang doch am besten mit dem Club an. Wenn ich es mir überlege, dann denke ich, dass ich nicht mal die Hälfte von dem weiß, was da so abgeht.«
Oh, Mist.
Das stimmte. Also war es sogar noch mehr, als nur das volle Programm. Das würde sie bestimmt nicht aushalten. Aber als Lucas in sich ging, stellte er fest, dass er eigentlich davon überzeugt war, dass Ines es doch aushalten würde. Das Nichtwissen war vermutlich noch schwerer zu ertragen. Lucas stand auf und trat an sein Fenster.
Ines‘ Silhouette im Blick sagte er mit möglichst fester Stimme: »Das geht so nicht. Ich muss zu dir kommen.«
»Was?!«, kam es prompt von ihr zurück.
Lucas schloss die Augen. Genau diese Reaktion hatte er befürchtet. Es hatte sich nichts geändert. Auch das gemeinsame Lachen vorhin war nichts weiter gewesen, als ein Zufall, der sie beide kalt erwischt hatte. Aber er blieb hart.
»Hör mal. Ich kann dir das nicht einfach am Telefon erzählen, so wie man nem Freund von einem Kinobesuch berichtet. Ich muss dir dabei in die Augen sehen. Also entweder lässt du mich vorbeikommen, oder du kannst lange auf die Erklärung warten.«
Lucas hörte, wie Ines tief Luft holte – wahrscheinlich um zu einer geharnischten Antwort auszuholen – aber dann ließ sie die Luft seufzend wieder entweichen.
»Na gut. Tu, was du nicht lassen kannst. Ich sag meiner Mutter Bescheid, dass du gleich rüberkommst«, murmelte sie und legte auf, ohne sich zu verabschieden.
Ein weiteres Mal starrte Lucas auf ein Telefon in seiner Hand. Dann stand er auf, zog sich schnell etwas an und spritze sich im Bad ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht. Danach ging er hinunter, um seinen Eltern zu sagen, dass er kurz zu Ines gehen würde.
»Ach, weiß du, es ist bestimmt ganz gut, dass du noch ein bisschen frische Luft bekommst, und ihr beide mal ein bisschen in Ruhe quatschen könnt«, sagte Lucas‘ Vater, während dieser das Haus verließ.
Wenn du wüsstest, was es mit dieser netten Plauderei auf sich hat, dachte Lucas, als er die Tür hinter sich schloss.
Der Spaziergang bis zu Ines‘ Haus dauerte nicht lange. Dort angekommen erblickte Lucas Ines, die in der Tür stehend auf ihn wartete.
»Hi«, begann er, wurde aber von Ines sofort gestoppt.
»Am besten gehen wir direkt hoch«, sagte sie. »Meine Eltern sind gerade beschäftigt.«
»Okay?«, machte Lucas zweifelnd, folgte ihr aber gleichwohl.
Oben angekommen führte Ines ihn in ihr Zimmer und schloss die Tür. Sie setzte sich auf ihre Bettcouch und sah Lucas erwartungsvoll an.
»Also gut. Dann schieß mal los.«
Lucas stand etwas belämmert da, weil ihm in diesem Moment klar wurde, dass er – abgesehen von der Aktion zu Silvester – zum ersten Mal in Ines‘ Zimmer war und das auch noch allein. Hilfesuchend sah er sich nach einer Sitzgelegenheit um, da er keine Lust hatte, wie bei einem Vortrag in der Schule stehen zu müssen.
Zu seinem großen Erstaunen sagte Ines: »Ach, Quatsch. Setz dich hier mit her. Ich glaub, ich habe insgesamt ein bisschen überreagiert. Aber das war alles echt …«
»Ist schon okay«, platzte Lucas heraus und setzte sich auf die Couch, bevor Ines es sich anders überlegen konnte. Dann sah er ihr fest in die Augen und sagte eindringlich: »Tu mir bitte den Gefallen und hör dir erst mal alles an, was ich zu sagen habe. Ich hoffe, dass ich in möglichst kurzen Worten zumindest das Wichtigste erzählen kann. Wenn du Fragen hast – und du wirst welche haben – dann beantworte ich sie gerne hinterher.«
»Na gut«, kam es von Ines zurück.
»In Ordnung«, begann Lucas. »Das alles hat schon vor über einem halben Jahr angefangen. Weißt du noch, als wir uns bei dem Footballspiel das erste Mal außerhalb der Schule begegnet sind?«
»Hmm.«
»Ich musste da plötzlich abhauen, weil mich der Lärm fast alle gemacht hat.«
»Aha.«
»Ja, und nicht nur das. Alles war plötzlich viel heller, lauter und irgendwie … mehr. Erst habe ich es gar nicht richtig bemerkt, aber als wir an die neue Schule gekommen sind, da wär ich fast ausgetickt, wenn Herr Neumann mich nicht gefunden hätte.«
»Stimmt. Du bist doch mit dem zusammengeknallt. Was ist eigentlich mit …«
»Später.«
»Aber …«
»Bitte lass mich weitermachen.«
»Na gut.«
»Neumann schien damals irgendwas bemerkt zu haben und hat mich dann in so einen Club eingeladen, wo ich angeblich Antworten auf diese Fragen bekommen sollte.«
»Der BAT-Club!«
»Genau. Aber hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, was das BAT zu bedeuten hat?«
»Ähm«, machte Ines. »Na ist doch eigentlich ganz einfach … ‘bat’ heißt Fledermaus.«
»Also Fledermaus-Club?«, bemerkte Lucas fragend.
»Och Mensch, jetzt nerv doch nicht«, sagte Ines und schubste ihn spielerisch.
Lucas war stark in Versuchung, jetzt mit ihr eine armlose Kabbelei einzugehen, aber er zwang sich zur Beherrschung.
Okay, schnall dich an. Showtime.
Er blickte Ines an, bis er sich sicher war, wieder ihre volle Aufmerksamkeit zu haben.
»Du hast gar nicht mal so unrecht, auch wenn BAT in Wirklichkeit eine Abkürzung ist. Und zwar für ‘Berliner Akademie für Transmutationen’.«
»Transmu … wasfürnzeug?«
»Transmutationen. Das bedeutet Umwandlung durch Veränderung des Erbguts.«
Zwischen Ines‘ Augen bildete sich über der Nasenwurzel eine tiefe Falte, als sie bei dem Versuch, Lucas‘ Worten eine Bedeutung zu entnehmen, die Stirn runzelte.
»Lass es mich so erklären«, fuhr er fort. »Wenn du als Mensch lieber eine … sagen wir mal, weil wir schon dabei sind, Fledermaus wärst. Was hindert dich dann daran, eine zu sein?«
»Was?!«, rief Ines völlig verwirrt.
»Dein Erbgut. Das hindert dich daran, denn deine Gene besagen, dass du nun mal ein Mensch bist.«
»Ist doch klar«, kam es von Ines zurück.
»Richtig. Aber was wäre, wenn du in der Lage wärst, deine Gene zu verändern, sodass sie nun ‘Fledermaus’ sagen?«
»Ja klaar«, bemerkte sie ungläubig.
Aber Lucas sah ihr ein weiteres Mal in die Augen und sagte: »Ja, klar.«
Ines blinzelte entgeistert.
»Du … du-du-du meinst …«
»Dass es Menschen gibt, die genau dazu in der Lage sind. Und die BAT ist ein Ort – wenn nicht sogar der Ort, wo sie lernen können, damit umzugehen.«
Ein Großteil der Farbe wich aus Ines‘ Gesicht. Sie sackte leicht zusammen, als sie diesmal Lucas fest in die Augen sah.
»Sag, dass das nicht wahr ist«, hauchte sie.
»Das kann ich nicht, denn es ist wahr. Und ich bin einer von ihnen. Ein Gestaltwandler.«
Lucas sprach nicht weiter, da er sich sicher war, dass Ines etwas sagen würde. Aber sie saß nur da und sah ihn mit großen Augen an. Also machte er weiter.
»Jeder von uns kann sich zuallererst in eine Fledermaus umwandeln. Später kommen dann möglicherweise noch andere Tiere dazu.«
»So wie … Löwen?«, fragte Ines dazwischen.
Lucas nickte. Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als er plötzlich ein eigenartiges Geräusch hörte, dass ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Dann aber merkte er, dass es sich um ein leicht hysterisches Lachen handelte, und dass es Ines war, die da lachte. Nun war es an ihm, verwirrt dreinzuschauen.
»Ähm, warum …«, begann er.
»Warum ich lache?«, presste Ines kichernd hervor. »Ich habe gerade an den Tag denken müssen, als ich in einem der Räume in der BAT etwas holen wollte und mit einem Mal vor einem Löwen stand. Dann bin ich wieder rausgestürzt und hab die Tür hinter mir zugeknallt, weil ich hoffte, dass Löwen keine Türen öffnen können. Aber sie öffnete sich doch. Da standest du und hast mir was von Projektoren erzählt. Aber das war keine Projektion, sondern du!«

»Ja, ich und Harald. Oder denkst du, ich dürres Gerippe kriege allein so nen großen Löwen hin?«
Ines brach in ein erleichtertes Gelächter aus, denn ihr war in diesem Moment ein Stein vom Herzen gefallen. Tief in ihrem Inneren hatte sie nie das geglaubt, was Lucas ihr damals als Erklärung angeboten hatte. Nur hatte sie sich nicht getraut, nachzufragen, aus Angst davor, dass er sie lediglich beruhigen wollte, weil mit ihr etwas nicht stimmte.
Lucas bemerkte, wie ein Teil der Anspannung aus Ines wich. Hoffnungsvoll stimmte er in ihr Lachen ein. Vielleicht konnte ja doch noch alles gut werden.
Nach einer Weile wischte sich Ines die Lachtränen aus den Augen und sagte: »Puh, das war gut. Und wie ging’s dann weiter? Was hat Neumann denn dazu gesagt, dass du nen Löwen kannst?«
»Hatte überhaupt keine Gelegenheit dazu, es ihm zu sagen, und …«
»Na ja, das kannst du ja später nachholen.«
»Ähm Lucas?«, ergänzte Ines, nachdem eine Weile Stille geherrscht hatte. Dann sah sie ihn genauer an und stutzte, denn Lucas war bleich geworden. Tränen rannen in Strömen seine Wangen hinunter.

»Lucas, was ist denn?«, fragte Ines vorsichtig, aber er schüttelte nur den Kopf und schwieg.
Er hatte geglaubt, hatte es inständig gehofft, dass er nach fast zwei kompletten Tagen, in denen er seiner Trauer freien Lauf gelassen hatte, besser mit den Tatsachen umgehen könnte. Aber nichts dergleichen war der Fall. Der Verlust war immer noch wie eine frisch geschlagene Wunde in seiner Brust, durch die sein Lebensmut entwich. Am liebsten hätte er sich einfach fallen lassen, in einen Schlaf, aus dem er nie mehr erwachen musste. Klar, Neumann war letztendlich einer von den bösen Jungs gewesen, aber Lucas konnte einfach nicht vergessen, was er alles für ihn getan hatte.
»Was ist denn nur los mit dir?«, fragte Ines von neuem und berührte ihn sanft am Arm.
Es war diese Berührung ihrer warmen Finger, die es Lucas ermöglichte, sich aus der Abwärtsspirale zu lösen, in die er sich begeben wollte. Er schniefte mit der Nase und hob den Kopf, um Ines anzusehen.
»Neum …« Lucas räusperte sich, weil seine Stimme ihm den Dienst versagte. »Neumann kann ich nix mehr erzählen.«
»Wieso? Na klar, morgen ist doch …«
»Er ist tot!«, sagte Lucas mit erstaunlich fester Stimme, aber viel lauter, als notwendig.
»Waas?«, rief Ines mit weit aufgerissenen Augen, die Hand vor den Mund geschlagen.
»Okay, die Kurzfassung«, sagte Lucas, der sich inzwischen wieder unter Kontrolle bekommen hatte. »Ich bin also in der BAT und kriege mit, dass sich irgendwelche Typen über diese Bombe unterhalten. Leider muss ich abhauen, als die das Gespräch beenden, damit mich keiner sieht. Daher weiß ich nicht, wer das war. Aber ich schaue hinterher in dem Kabuff nach, wo sie sich unterhalten hatten, und entdecke eine Zeichnung. Außerdem habe ich bei dem Gespräch so ein Wort mitbekommen.«
»Weitukäi«, bestätigte Ines.
Lucas stockte kurz, dann aber fiel ihm ein, dass Ines ja in ein Gespräch zwischen ihm und Harald geplatzt war, in dem es um dieses Wort ging. Er nickte.
»Richtig. Wir haben das ja wohl irgendwie beide kapiert, wann und wo es letztendlich abgehen sollte. Wie haben sie dich eigentlich erwischt?«
»Tja, erst hab ich es tatsächlich noch geschafft, aus dem Lieferwagen rauszukommen, ohne dass mich wer sieht. Aber dann habe ich Neumann mit Kevin und Dirk gesehen und bin ihnen hinterher, als sie zur Siegessäule sind. Die haben da von der Bombe gesprochen, und ich wollte doch wissen, was los ist. Plötzlich kommt dieses Monster von hinten und schleppt mich mit rein.«
Lucas hörte interessiert zu. Einerseits, weil es bisher noch keine Gelegenheit gegeben hatte, mit Ines darüber zu reden. Andererseits hoffte er, dass der Schrecken dessen, was er gleich erzählen musste, etwas geringer sein würde, wenn sie sich durch ihre Erzählung wieder ein wenig mit der Situation vertraut machen konnte.
Deshalb fragte er nach: »Warum hattest du eigentlich das Meta-Suit an?«
»Das was?«
»Na den schwarzen Anzug, den du unter deinen Klamotten getragen hast.«
»Ach, dieses komische Ding, das ich erst gar nicht angezogen bekommen habe, weil ich nicht wusste, wo der Einstieg ist?«
»Jep.«
»Das hat mir Herr Neumann gegeben, weil’s da oben so schweinekalt war.«
Und wieder wurde Lucas‘ Kehle bei der Erwähnung des Namens eng. Er schloss resigniert die Augen. Würde das jetzt ewig so weitergehen? Es war doch schließlich nicht mehr zu ändern. Tot war tot. Er öffnete seine Augen wieder und sah jetzt auch in denen von Ines Tränen stehen.
»Aber wie kann das nur sein? Was ist passiert?«, fragte sie.
»Erinnerst du dich noch daran, wie du oben auf der Siegessäule gestolpert bist?«
»Ja. Ich bin da gegen irgend so ein Ding geknallt und dann war ich … weg.«
»Na ja, fast«, bemerkte Lucas. »Das war nicht ein Ding, sondern ich, als ich gerade mitten dabei war, mich umzuwandeln. Da gibt es so eine Phase, in der alles zerfließt. Die musst du wohl erwischt haben.«
Ines klappte der Mund auf. Mit starr auf Lucas gerichtetem Blick stammelte sie: »Du … du meinst … ich war … in … dir drin?«
»Nee, ich glaube eher, dass wir beide eins waren«, entgegnete Lucas. Die Tatsache, dass außer ihr auch noch Harald dabei gewesen war, verschwieg er lieber. »Das war auch der Grund, warum wir miteinander reden konnten.«
»Nein«, stieß Ines hervor und rückte ein Stück von Lucas ab. »Du … wir … das geht nicht.«
»Geht es doch. Ich habe eine wohl sehr seltene Fähigkeit. Ich kann mich mit anderen Lebewesen verbinden und daraus ein großes Ganzes machen. Als du dann anfingst … na ja, ein bisschen hysterisch zu werden …«
»Wärst du das nicht?«, unterbrach Ines ihn.
»Ich hab ja nicht gesagt, dass das falsch war oder so. Aber das war leider das Letzte, was ich in diesem Moment gebrauchen konnte. Die Typen waren fast oben angekommen, und ich wollte sie aufhalten. Da musste ich was tun. Also habe ich dich irgendwo in mir … uns versteckt. Ich weiß nicht wie, aber es war so, als hätte ich dich irgendwo eingeschlossen.«
Lucas stockte einen Moment – innerlich auf eine Schimpfkanonade von Ines gefasst, die aber ausblieb.
»Aha«, machte sie nur, was er als Zeichen wertete, dass er fortfahren konnte. Und er tat es nur zu gern, denn es war seltsam wohltuend, dies mit Ines zu teilen.
»Ja, und dann ging alles total schnell. Ich hab mich denen in den Weg gestellt. Es ist zu einem Kampf gekommen. Plötzlich hat dieser Plague Neumann die Treppe runtergestoßen, um durch die Verwirrung, die daraus entstand, fliehen zu können. Als ich gecheckt habe, dass wir den nicht so ohne Weiteres einholen können, da hab ich mich in einen Zitteraal umgewandelt und ihm einen Stromstoß hinterhergeschickt. Aber dabei habe ich aus Versehen wohl ein bisschen übertrieben und sowohl Plague als auch den auf der Treppe liegenden Neumann zu Asche verbrannt. Danach haben wir es alle zusammen gerade noch so geschafft, diese Bombe wegzubringen, bevor sie losgegangen ist.«
»Was?! Die ist explodiert? Aber wo … wie?«, rief Ines und sprang von ihrer Couch auf.
»Das war keine Bombe, die explodiert«, beruhigte Lucas sie. »Eigentlich war es eher eine Art Maschine, die alle technischen Geräte auf einmal kaputtgemacht hätte oder so ähnlich. Wir waren schon recht nah am Stadtrand, als ich sie aus den Klauen verloren habe, und sie im Fallen losging.«
»Ähm Moment mal. Klauen?«, fragte Ines, die inzwischen in ihrem Zimmer auf und ab ging.
»Ich habe dir ja schon erzählt, dass ich mich mit anderen Personen oder Organismen verbinden kann. Als es kurz vor zwölf war, hatten wir die Vermutung, dass die einzige Chance, ein Chaos in der Innenstadt zu verhindern, darin bestand, dieses Bomben-Dings von da wegzubringen. Aber wie sollte das passieren? Da kam mir die Idee, dass es nur durch die Luft schnell genug gehen könnte. Also haben wir uns in etwas umgewandelt, das fliegen konnte und stark genug war, um diese Bombe schnell wegzutragen.«
»Was soll das eigentlich für ein Wesen sein, von dem du da sprichst? Und wenn es so groß und stark sein sollte, wie du sagst, dann würden Harald und du alleine dafür bestimmt nicht ausreichen, oder?«, fragte Ines. Ein seltsames Gefühl von Hoffnung beschlich sie in diesem Moment.
Lucas blickte sie unsicher an und sagte: »Aber versprich mir bitte, dass du weder lachst, noch ausflippst.«
»Okay«, antwortete Ines schnell, denn aus einem unerfindlichen Grund versprach sie sich eine wesentliche Erkenntnis von dem, was er gleich sagen würde.
»Na gut. Also wenn ich ‘wir’ gesagt habe, dann meinte ich damit Harald … und meine Eltern.«
»Mhmm«, machte Ines nur.
Sie fixierte Lucas mit ihrem Blick, so als ob sie sich jedes Detail und jede Regung von ihm einprägen wollte.
Von diesem Verhalten noch mehr verunsichert, rutschte dieser unruhig auf der Couch hin und her. Dann stand er ebenfalls auf, um ihr Aug in Auge gegenüberzustehen.
»Tja und dieses Wesen«, begann er zögernd. »Dieses Wesen habe ich aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt. Eigentlich gibt’s das gar nicht – denke ich.«
»Ja?«, ermunterte Ines ihn.
»Ich glaub, das Wort, das es am besten bezeichnen würde, ist … Drache.«
»Yes!«, rief Ines und fiel Lucas lachend um den Hals.
Endlich war es heraus. Sie hatte so sehr gehofft, dass er genau dieses Wort sagen würde, denn das bedeutete, dass all die verwirrenden Träume und Erinnerungen, die sie zu haben geglaubt hatte, wahr waren. Also hatte sie keinen Sprung in der Schüssel. Vor Erleichterung ganz trunken, gab sie Lucas einen dicken Kuss auf die Wange.
»Ups, oh entschuldigt bitte. Ich wollte nicht stören«, erklang es plötzlich hinter ihnen.
Ines ließ Lucas abrupt los und drehte sich um. Dort stand Diana, ihre Mutter, mit einem Tablett, auf dem sich eine Flasche Limonade, Gläser und Kekse befanden, in der geöffneten Tür.
»Ich wollte nicht … ich bin schon wieder weg«, murmelte sie, stellte das Tablett auf einen Tisch und verließ hastig das Zimmer.
»Arme Mama«, prustete Ines los. »Sie hält immer so viel darauf, dass sie nicht so ätzend ist, wie manche anderen Eltern es nun mal sind. Und jetzt platzt sie ausgerechnet rein, wo wir … na egal.«
Sie wurde rot, als sie sich vorstellte, wie es wohl für Diana ausgesehen haben mochte. Um ihr Erröten zu verbergen, aber auch keine peinliche Pause entstehen zu lassen, drehte Ines sich nach den Gläsern um. Dabei fragte ie das Erstbeste, das ihr durch den Kopf ging: »Sag mal, was macht dich eigentlich so sicher, dass Herr Neumann tot ist? Ich meine, es hat doch keiner gesehen, was passiert ist, als er die Treppe herunterfiel.«
Bei diesen Worten prallte Lucas von Ines zurück, als ob sie ihn geschlagen hätte. Hinter seinem Gesicht, aus dem alle Farbe gewichen war, überschlugen sich seine Gedanken.
Nein, nicht das. Sie konnte doch nicht meinen, dass er …
Ines ergänzte nichtsahnend: »Vielleicht hat dieser Freak ihn ja doch nur schwer verletzt und … Lucas!«
Erschrocken ließ sie eines der Gläser fallen, denn sie hatte sich in diesem Moment umgedreht und Lucas erblickt, der – kalkweiß im Gesicht – seinerseits sie fassungslos anstarrte. In diesem Moment wurde Ines klar, was sie mit den Worten, die sie eben gedankenlos gesagt hatte, für ihn angedeutet haben musste.
Schnell stürzte sie in Lucas‘ Richtung und rief zerknirscht: »Ach verdammt, das habe ich doch nicht …«
Aber der Schaden war bereits angerichtet.
Lucas bedachte sie mit einem leeren Blick und antwortete mit tonloser Stimme: »Nein, nein. Ist schon ganz richtig. Kann ja wirklich sein, dass Plague nicht stark genug zugetreten hat, und Neumann dann günstig gefallen ist, sodass er nur betäubt war. Kann auch sein, dass wir besser nach ihm hätten sehen sollen, als diesem Monster zu folgen. Und es kann natürlich auch sein, dass ich nicht so gottverdammt viel Energie hätte aufwenden müssen, um ihn zu stoppen. Vielleicht … ja vielleicht könnte Neumann dann immer noch leben.«
Er stieß ein freudloses Lachen aus und hob abwehrend die Hände, als Ines sich ihm nähern wollte.
»Jetzt musst du mich bitte entschuldigen«, krächzte Lucas mit zugeschnürter Kehle. Er stand auf, ging an Ines vorbei und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus.

Ines brauchte eine Weile, bis sie begriff, dass Lucas wirklich gegangen war. Einen Moment lang blickte sie ihre geschlossene Zimmertür an. Dann räumte sie das Geschirr wieder aufs Tablett, wischte die ausgeschüttete Limonade auf und brachte alles zusammen nach unten in die Küche. Zum Glück fragte ihre Mutter nicht nach, warum Lucas so plötzlich wieder weg war. So trollte Ines sich unbehelligt wieder nach oben, wo sie sich auf ihre Couch fallen ließ, um Löcher in die Luft zu starren. Kurze Zeit später bemerkte sie aus dem Augenwinkel etwas wie eine Bewegung. Als sie jedoch den Blick darauf richtete, stellte sie fest, dass es doch keine Bewegung gewesen war, sondern nur ein Lichtschein, der aus Lucas‘ Fenster drang. Also war er wieder zu Hause. Was er jetzt wohl tat? Ines ertappte sich dabei, in Gedanken schon auf dem Weg zum Telefon zu sein, um ihn anzurufen. Eine Aktion, die sie vorhin noch sämtliche Willensanstrengung gekostet hatte, deren sie fähig war, wirkte nun wie etwas, das sie ohne jegliche Mühe bewerkstelligen könnte. Aber Ines wusste, dass es im besten Fall keinen Sinn haben würde, weil er einfach nicht dranging. Im schlimmsten Fall … daran wollte sie gar nicht denken. Sie riss den Blick von dem kleinen Rechteck aus Licht los und versuchte, an etwas anderes zu denken. Nun ja, eigentlich nicht wirklich etwas anderes aber zumindest nicht mehr direkt an Lucas, sondern an das, was sie vorhin von ihm erfahren hatte.
Es war also tatsächlich nicht nur ein bloßer Jugendclub, der sich in diesem seltsamen Hinterhof befand. In Wirklichkeit war es eine Akademie. Eine Akademie für … wie hatte Lucas es genannt? Gestaltwandler. Menschen, die zu Tieren werden konnten. Unglaublich, dass sie sich wochenlang mitten unter ihnen aufgehalten hatte, ohne etwas zu merken – und ohne dazuzugehören. Aber gehörte sie denn wirklich nicht dazu? Hatte Amanda sie nicht gescannt? Ja, aber das war wohl nur dafür gewesen, um durch die Tür zu kommen. An diesem ominösen Check hatte sie vorsorglich nicht teilgenommen. Nur warum hatte Amanda so zufrieden ausgesehen, als sie sich in der BAT getroffen hatten? Wusste sie vielleicht doch etwas, das sie Ines nur nicht gesagt hatte? Und was war mit diesen Kaugummis gewesen? Es hatte ja glatt so geklungen, als ob die für irgendwas wichtig waren. Ines ließ sich das Gespräch mit Harald und Amanda noch einmal genau durch den Kopf gehen und kam zu dem Schluss, dass mit diesem Kaugummi etwas getestet worden war – vermutlich, ob sie auch ein Gestaltwandler war. Dumm nur, dass sie auf den letzten nicht wirklich geachtet hatte, sonst hätte sie … ja was denn? Sie würde es nie wissen, wenn sie nicht jemanden fragte. Aber Moment. Sie konnte ja jemanden fragen. Sie schoss hoch. Lucas würde bestimmt … Ines‘ Gedanken verebbten und mit ihnen auch das Lächeln, das eben noch dabei gewesen war, sich auf ihrem Gesicht auszubreiten. Sie raufte sich die Haare und ließ sich rückwärts auf die Couch sinken.
Wundertüte

n seinem Zimmer saß Lucas auf dem Bett und starrte einen Teller Nudeln an, so als ob dieser ihn soeben tödlich beleidigt hätte. Innerlich tobte ein Wettstreit aus Wut und Scham. Wut über das, was Ines eben gesagt hatte. Unbedacht oder nicht, wie konnte sie auch nur im Ansatz daran denken, dass er Neumanns Leben fahrlässig oder sogar absichtlich gefährdet hätte? In diesem Moment setzte die Scham ein und erinnerte Lucas daran, dass er es hätte überprüfen müssen. Hatte er sich denn sicher sein können, dass er bereits tot gewesen war, nachdem er die Treppe hinunterstürzte? Nein, das hatte er nicht. Diese Schuld würde Lucas von nun an sein ganzes Leben mit sich herumtragen müssen. Egal was sein Vater sagte. Auch wenn sein Mentor noch so tot ausgesehen hatte, als er dort auf dem Treppenabsatz lag. Neumann hätte auch nur bewusstlos gewesen sein können – sich dessen unbewusst, dass eine tödliche Gefahr in Form seines Schützlings auf ihn lauerte.
Lucas stöhnte, schob den Teller von sich weg und griff stattdessen nach dem Rucksack, den er seit Silvester mit sich herumschleppte. Irgendwie hatte dieses unförmige, NATO-oliv gefärbte Ding eine tröstliche Wirkung auf ihn, da ihm inzwischen klar geworden war, dass es Neumann gehört hatte. Lucas vergrub sein Gesicht in dem rauen Stoff. Dann fiel ihm etwas ein und er ließ den Rucksack aufs Bett sinken.
Wie kannst du eigentlich so sicher sein, dass es Neumanns Rucksack ist? Schließlich war da doch das Handy von dem Fiesling Plague drin, stellte die Stimme in Lucas‘ Hinterkopf diesen Einfall infrage.
Ist doch egal. Sie kommt mir einfach unheimlich bekannt vor. Das wäre ja wohl bestimmt nicht so, wenn es die von jemand anderem wäre, würgte er sich selbst gedanklich ab.
Aber woher kam das Handy denn dann?, beharrte die Stimme.
Wahrscheinlich hatte Plague selbst keine Tasche und hat es da eben mit reingepackt, brachte Lucas sie zum Schweigen.
Dann holte er tief Luft und tat etwas, das er – wenn er es recht bedachte – schon viel früher hätte tun sollen. Er öffnete den Rucksack und schüttete dessen Inhalt auf das Bett. Zum Vorschein kam außer einigen undefinierbaren Krümeln, Büroklammern und einer angefangenen Packung Kaugummis noch ein schwarzes Stück Stoff, das wohl ein Halstuch war. Außerdem sah Lucas eine Brieftasche, ein Schlüsseletui, einen kleinen Stecker mit einem daran befestigten Kabel und einen länglichen Gegenstand aus schwarzem Metall. Lucas besah sich zunächst das metallene Ding. Dieses war an der einen Seite griffartig geformt und hatte auf der anderen Seite ein leicht gegabeltes Ende, aus dem kurze glänzende Metallstifte ragten. Interessiert fuhr er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand über einen der Stifte. Als er gerade dabei war, sie sich noch einmal genau aus der Nähe anzusehen, betätigte Lucas mit seiner Rechten versehentlich einen Schalter, den er nicht bewusst wahrgenommen hatte. Sofort gab das Gerät ein summendes Zischen von sich. Lucas wurde schmerzhaft geblendet.
Vor Schreck warf er es von sich und schlug stöhnend beide Hände vors Gesicht. Er schloss die Augen, aber die unregelmäßig gezackte Linie, die so plötzlich direkt vor ihm erschienen war, geisterte weiterhin in seinem Gesichtsfeld herum. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde das Geisterbild wieder schwächer. Auch der Schmerz ließ nach. Lucas bückte sich und nahm den Apparat erneut – diesmal aber vorsichtiger – in die Hand. Bevor er noch einmal auf den Schalter drückte, hielt er das andere Ende wohlweislich von sich weg. Wieder erklang das Summen, und Lucas konnte aus sicherer Entfernung einen Lichtbogen erkennen, der sich zwischen den Metallstäben bildete.
Wahnsinn, das muss so ein Elektroschocker sein, wie sie ihn auch in Filmen haben, dachte er fasziniert. Gleichwohl legte er das Gerät beiseite, um sich den beiden anderen interessant aussehenden Gegenständen zu widmen.
Die Brieftasche enthielt außer ein paar D-Mark-Scheinen noch diverse Plastikkarten für verschiedene Zwecke, einen Führerschein und einen Personalausweis. Voller Neugier öffnete Lucas zuerst den mehrfach zusammengefalteten, aus einem undefinierbaren grauen Material bestehenden Führerschein. Er musste unvermittelt lachen, als ihm das Gesicht eines ungefähr 18-jährigen Neumann entgegenblickte. In Gedanken verglich er das Foto mit dem Bild aus seinem Gedächtnis. Der junge Neumann hatte zwar noch keine langen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haare. Im Gegenteil, er hatte sogar Locken. Aber die raubtierähnliche Aura war selbst auf diesem kleinen Bild zu spüren. Immer noch schmunzelnd legte Lucas den Führerschein beiseite und nahm nun den Personalausweis zur Hand. Die Abbildung auf diesem Stück Plastik glich exakt seinem Mentor. Schlagartig wich seine gute Laune wieder der Trauer, die ihn schon seit Tagen begleitet hatte. Dumpf vor sich hinstarrend drehte er den Ausweis in seinen Fingern hin und her. Würde das wirklich niemals aufhören? Dann stutzte Lucas, weil er bemerkt hatte, dass auch auf der Rückseite des Ausweises etwas stand. Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, welche Informationen auf so einem Dokument aufgeführt waren, denn selbst hatte er noch keinen. Also besah er sich die Angaben näher. Interessiert stellte er fest, dass dort nicht nur Größe und Augenfarbe, sondern auch die aktuelle Adresse aufgeführt waren. Sofort begann Lucas‘ Herz schneller zu schlagen, denn ihm war eine Idee gekommen. Er würde zu Neumann nach Hause gehen. Vielleicht konnte er dort etwas finden, das ihm helfen würde, die Beweggründe seines Lehrers zu verstehen. Das könnte ihm helfen, wieder Frieden mit sich und der Welt zu schließen.
Lucas sprang auf und blickte zur Uhr an der Wand. Halb Vier – noch nicht zu spät, um einen Spaziergang oder –flug zu machen. Aber Moment, wie sollte er denn dort hinein … Er fuhr herum und schnappte sich das Schlüsseletui vom Bett. Mit zitternden Fingern öffnete er es. Erleichtert ließ Lucas die Luft entweichen, von der er sich gar nicht bewusst gewesen war, dass er sie angehalten hatte. Im Etui befand sich außer mehreren Schlüsseln für Haustüren und einem kleinen Kästchen mit einem Druckknopf auch ein Schlüssel mit der Aufschrift Yamaha. Daran war ein silbern glänzender Anhänger aus den Buchstaben VMAX befestigt. Das mussten Neumanns Schlüssel sein. Lucas konnte sich nur zu gut an die berauschenden Fahrten als Sozius auf seinem Motorrad erinnern. Was für ein Gefühl musste es erst sein, selbst Herr über die unbändige Kraft dieser Maschine zu sein. Als er zusammen mit seinem Vater beim Kartfahren gewesen war, hatte Lucas es schätzen gelernt, als Lenker eines Gefährts im Rausch der Geschwindigkeit seine Runden zu ziehen. Wäre es nicht cool, auch mal auf der VMAX zu fahren? Wenn er doch nur … aber er konnte es doch! Gänsehaut bildete sich auf seinen Unterarmen, als er den Schlüssel aus dem Etui nahm und den Anhänger vor seinen Augen baumeln ließ. Er musste doch nur herausfinden, wo die Maschine am Silvesterabend geparkt worden war. Dann konnte ihn im Prinzip nichts mehr daran hindern, es zu tun.
Hast du sie noch alle? Du weißt doch nicht einmal, wie man so‘n Ding fährt, ließ sich die Stimme in seinem Hinterkopf vernehmen.
Ach was. Feinheiten. So schwer kann das doch nicht sein. Irgendwo finde ich bestimmt ein Buch, wo das drin steht, beendete Lucas die Diskussion mit sich selbst.
Dann machte er sich auf nach unten, um möglichst unauffällig nach einem Stadtplan zu suchen. Die Frage seiner Mutter, ob er ein Stück Kuchen haben wollte, verneinte er mit dem Hinweis darauf, dass er gerade erst die Nudeln gegessen hätte und daher keinen Appetit habe. Dabei bemerkte Lucas, dass er tatsächlich sogar ziemlich großen Hunger hatte. Wieder in seinem Zimmer angekommen nahm er sich daher den Teller, der er vorhin stehengelassen hatte. Sie waren natürlich inzwischen kalt, aber Lucas stopfte sie trotzdem in sich hinein. Danach breitete er den Stadtplan auf seinem Bett aus und suchte nach der Adresse. Kurze Zeit später hatte Lucas sie gefunden – mitten in Kreuzberg am Landwehrkanal gelegen. Das bremste seinen Elan ein wenig, denn Kreuzberg galt nicht unbedingt als das beste Pflaster in Berlin. Aber dann zuckte Lucas für sich mit den Schultern. Er hatte ja schließlich nicht vor, dort umherzuwandern. Er würde fliegen. Schnell schnappte er sich das Meta-Suit, das er am Neujahrsmorgen in seinem Zimmer in die Ecke gefeuert hatte, und zog es an. Ein paar normale Klamotten packte er zusammen mit dem Schlüsseletui in den kleinsten Rucksack, den er finden konnte. Schließlich wollte er nicht allzu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn er damit durch die Lüfte flog. Zufrieden stieg Lucas die Treppe hinunter und wollte gerade in Richtung Haustür gehen, als ihn eine Frage seines Vaters stoppte.
»Na Luky? Geht’s dir langsam besser?«, sagte Paul, der seinen Kopf aus der Küchentür in den Flur streckte.
»Na ja, muss ja«, erwiderte Lucas. »Morgen geht schließlich die Schule wieder los.«
»Stimmt. Mama und ich hatten schon überlegt, ob wir dich nicht besser noch ein-zwei Tage zu Hause lassen sollen.«
»Hmm, weiß nich«, meinte Lucas.
»Willst du dich nicht doch noch ein bisschen zu uns setzen?«, fragte Betty, die nun ebenfalls aus der Küche trat.
»Wisst ihr, ehrlich gesagt wollte ich gerade noch mal raus. Das vorhin mit Ines ist nicht ganz so gelaufen, wie ich es gehofft hatte, und …«
»Nee, okay, alles klar«, sagte Paul. »Mach ruhig. Aber sei zum Abendessen bitte zurück. Dann können wir ja noch einmal wegen morgen sprechen.«
»Danke«, sagte Lucas. Er war erleichtert darüber, sich nicht auch noch den Fragen, die sie bestimmt hatten, stellen zu müssen, bevor er – hoffentlich – einen Modus für sich gefunden hatte, um mit alledem umzugehen.
Lucas verließ das Haus, wandte sich aber sofort nach rechts und ging um die nächste Hausecke. Dort legte er die Kleidung, die er über dem Meta-Suit trug, ab. Er hockte sich hin, um sich gleich darauf als Rabe mit dem Rucksack in den Krallen in die Luft zu erheben. Lucas hatte bewusst diese Gestalt gewählt. Zum einen stellte er sich einen Raben am nachmittäglichen Himmel unverfänglicher vor, als beispielsweise einen Uhu. Zum anderen war ihm aufgefallen, dass sich Neumanns Wohnung ziemlich in der Nähe des Deutschen Technikmuseums befand. Dorthin hatte ihn seine erste nächtliche Exkursion als Rabe geführt. Seine Einschätzung erwies sich als richtig, denn es wurde niemand auf ihn aufmerksam. Die Orientierung anhand abgespeicherter Landmarken aus seinem Gedächtnis machte es ihm leicht, das Haus zu finden, das der Adresse aus Neumanns Ausweis entsprach. Nach einer kurzen Runde, über die Häuser und Straßen in der Umgebung fand der Vogel auch eine uneinsehbare Nische. Dort konnte er sich verstecken, um wieder menschliche Gestalt anzunehmen und sich anzuziehen. Dann trat Lucas vor die Häuserfront, um den Eingang zu suchen. An der angegebenen Hausnummer stutzte er allerdings, da sie fast vollkommen von einem Ladengeschäft eingenommen wurde. Lediglich auf der linken Seite des Geschäfts befand sich eine durch ein massives Tor verschlossene Einfahrt. Lucas trat an diese heran. Er fand dort ein Paneel aus Stahl mit der Aufschrift ‘X-Berg Lofts’. Es bot außerdem Platz für eine Zahlentastatur unter einem quadratischen, mit Schlitzen versehenen Bereich, neben dem sich fünf beschriftete Schildchen befanden. Auf den vier unteren waren Namen geschrieben, die auf irgendwelche Firmen hinwiesen, aber ganz oben stand einfach nur »B.N.«.
Bingo, ich hab dich, dachte Lucas zufrieden und holte das Schlüsseletui hervor.
Bereits kurze Zeit später war die Zufriedenheit jedoch der Frustration gewichen, da sich nirgendwo im Tor ein Schlüsselloch finden ließ. Aber dann kam ihm eine Idee und er drückte auf den Knopf des kleinen Kästchens, das sich ebenfalls im Etui befand. Nun ein weiteres Mal zufrieden, beobachtete Lucas das Tor, wie es fast lautlos nach innen schwang. In dem Durchgang, der so freigegeben wurde, brannte bereits die Beleuchtung. Auf der linken Seite des breiten Ganges wartete die geöffnete Tür eines Industrie-Fahrstuhls darauf, dass Lucas sie durchschritt. Nachdem er dies getan hatte, blickte er sich dort um. Er entdeckte ein weiteres Paneel mit fünf Namensschildern und daneben angebrachten Schlössern. Also zückte er nacheinander die Schlüssel aus dem Etui und probierte sie aus. Schon der zweite Schlüssel passte. Als Lucas ihn nach rechts drehte, schlossen sich die Türen des Lifts, und er setzte sich in Bewegung. Lucas konnte nicht sagen, ob es die Vibrationen des Liftmotors waren oder seine eigene Anspannung. Während der Zeit, die der Fahrstuhl bis zu seinem Ziel benötigte, wurde er immer kribbeliger, sodass er fast heraussprang, als sich die Türen schließlich wieder öffneten. Er trat in einen fast leeren Vorraum, dessen Wände aus rohem Ziegelmauerwerk bestanden. Wenn nicht die zwei blitzblanken Lichtelemente aus gebürstetem Edelstahl gewesen wären, dann hätte man denken können, dass sich alles noch im Bau befand. Auf beiden Seiten der gegenüberliegenden schwarzen Tür sandten sie gebündelte Lichtstrahlen nach oben und unten und verliehen dem Raum so ein eindeutig bewohntes Aussehen. Nun sah Lucas sich etwas genauer um. Er stellte fest, dass auf der rechten Seite des Raumes ein Bereich war, in dem wohl normalerweise Neumanns Motorrad stand. Es war mit mehreren Metallschränken und einer kleinen Werkbank ausgestattet.
Direkt bis vor die Wohnung fahren. Wie cool ist das denn?, dachte Lucas, wandte sich aber wieder der Tür zu. Er probierte dort noch einmal den Schlüssel aus dem Lift. Die Tür öffnete sich bereitwillig. In dem Moment, als Lucas Neumanns Wohnung betrat, flammten überall um ihn herum die verschiedensten Lampen auf. Sie tauchten den Raum vor ihm in ein angenehmes Licht. Bei dem, was er nun durch die Beleuchtung erkennen konnte, klappte ihm der Unterkiefer herunter. Das Schlüsseletui entglitt seinen Fingern und fiel zu Boden.
»What the f …«, entfuhr es Lucas‘ Mund, aber in diesem Moment fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, und er fuhr erschrocken herum. Niemand stand hinter ihm. Es war nur die Tür gewesen, die mit einem automatischen Schließmechanismus ausgestattet war. Langsam drehte er sich wieder dem Raum zu und versuchte dabei, alle sich ihm bietenden Eindrücke aufzunehmen. Direkt zu seiner Linken war ein abgeteilter Bereich, in dem Lucas das Bad vermutete. Der restliche Raum, der sich über die komplette Etage erstreckte, war ein einziges offenes Areal. Auf der rechten Seite waren große Rundbogenfenster in die Dachschräge eingelassen. Durch sie hatte man selbst im Winter und trotz des vorherrschenden Nebels, einen eindrucksvollen Blick über den Landwehrkanal und das dahinter liegende Kreuzberg. Hier befand sich in der vorderen Region eine Art Sportstudio mit Laufband, Hantelbank und Fitnessgeräten. Von Lucas aus gesehen hinter den Sportgeräten war ein Küchenbereich durch mehrere Schränke in verschiedenen Höhen abgeteilt worden. Vor der freistehenden Kochinsel war dieser in den Raum hinein durch einen breiten Tresen mit Barhockern davor begrenzt. Am gegenübergelegenen Ende des Zimmers befand sich auf einem durch drei flache Stufen erreichbaren Podest das, was man in einer normalen Wohnung als Wohnzimmer bezeichnen würde. Allerdings kam Lucas dieser Begriff angesichts der Ausdehnung von bestimmt fünfundzwanzig Metern Länge und zehn Metern Breite wie eine ziemliche Untertreibung vor. Eine große bequem aussehende Sitzgruppe umrahmte einen flachen Tisch. An der Wand dahinter war neben einem großen offenen Kamin der größte Flachbildfernseher angebracht, den Lucas außerhalb der BAT jemals gesehen hatte. Dieser Bereich wurde von einer Zwischendecke überspannt, an der vorn helle Stoffbahnen so angebracht waren, dass sie alles, was dahinter lag, abschirmten.
Wird wohl das Schlafzimmer sein da oben.
Das wirst du nie herausfinden, wenn du weiter wie angewurzelt hier herumstehst, bemerkte die Stimme aus seinem Hinterkopf.
Erst in diesem Moment stellte er fest, dass er sich wirklich noch keinen Schritt fortbewegt hatte. Auch die Schlüssel lagen immer noch dort auf dem Boden, wo er sie fallen gelassen hatte. Lucas bückte sich, hob sie auf und ging langsam weiter in die Wohnung hinein. Die ganze Zeit über ging ihm eins nicht aus dem Kopf: Alles, was er sah, musste eine Unmenge an Geld gekostet haben, selbst wenn es sich um eine Mietwohnung handelte. Woher hatte Neumann nur so viel Geld? Eigentlich war er doch total abgebrannt. Das musste er sein, denn warum hätte er sich sonst auf diese Sache mit Plague einlassen sollen? Langsam begann sich Lucas zu fragen, ob er diesen, trotz allem, was er über seinen ehemaligen Mentor wusste, überhaupt kannte. Alles um ihn herum schien so gar nicht zu ihm zu passen, aber irgendwie doch. Verwirrt schüttelte Lucas den Kopf und sah sich dann weiter um. Jetzt erblickte er auch den Grund dafür, warum es trotz der bereits fortgeschrittenen Dämmerung noch so viel Tageslicht in dem riesigen Raum gab. Das gesamte Dach auf der linken Seite war entfernt und durch eine aufwändige Konstruktion aus Stahl und Glas ersetzt worden. Die komplette Hausseite wirkte so wie ein einziges enormes Fenster. Innen war an der Glasfassade eine Stahltreppe angesetzt worden, über die man die obere Etage erreichen konnte. Außen befand sich eine gewaltige Dachterrasse mit Sonnenliegen und sogar einem kleinen Swimmingpool. Völlig entgeistert kletterte Lucas die Stufen der Treppe hinauf. Dabei fragte er sich erneut, ob er den Menschen, der hier wohnte, jemals auch nur ansatzweise gekannt hatte. Oben angekommen stellte er fest, dass er mit seiner Annahme, sowohl falsch, als auch richtig lag. Hier war zwar ein Schlafbereich, aber außerdem auch eine Art Bibliothek in einem stylisch eingerichteten Büro. Lucas blieb im vorderen Bereich, weil er sich, trotzdem er ja ganz allein war, nicht so recht traute, dieses privateste aller Zimmer zu betreten.
Wen soll das denn bitte stören?, merkte seine innere Stimme leicht belustigt an.
Ist mir egal. Auch wenn Ray nicht mehr auf dieser Welt ist, will ich da nicht rein, machte er sie mundtot.
Ein weiterer Grund dafür, im Büro bleiben zu wollen, war der Computer oder vielmehr die Computer, die auf dem großen Schreibtisch aufgebaut waren. Gleich zwei ein wenig unförmig aussehende Geräte aus leicht durchscheinendem blauen Material standen dort. Dazu noch ein großer Flachbildmonitor. Einer davon ließ an einem auf dem Monitor angezeigten Farbwechselspiel erkennen, dass er sogar eingeschaltet war. Lucas trat näher an den Schreibtisch heran und setzte sich auf den davor stehenden Chefsessel. Nun konnte er auch einige auf dem Schreibtisch verteilte Papiere – teils selbst beschrieben, teils ausgedruckt – sehen. Die Handschrift war größtenteils unlesbar – wahrscheinlich eine Art Kurz- oder Geheimschrift. Nur an den dazwischen befindlichen Skizzen konnte Lucas erkennen, dass sie sich mit dem Y2K-Projekt beschäftigen mussten. Da war zum Beispiel die Zeichnung des Großen Sterns mit der Siegessäule, die Neumann bei dem Telefonat mit Plague, das Lucas belauscht hatte, angefertigt hatte. Außerdem eine grobe Skizze des Gerätes, das sie als Bombe bezeichnet hatten, sowie einige sehr kompliziert aussehende Schaltpläne, auf denen ein paar rote handschriftliche Markierungen zu sehen waren. Ohne richtig zu wissen warum, griff Lucas nach der Computermaus und zog sie ein Stück zu sich heran. Sofort erwachte der Computer aus seinem Halbschlaf und zeigte einen mit diversen kleinen Icons übersäten Desktophintergrund, über den jedoch ein Fenster geblendet war. Dieses Fenster enthielt außer einem martialisch aussehenden Logo mit den danebenstehenden Buchstaben C. A. T. sowie dem Wort »Anmeldung« noch ein leeres Feld, in dem ein Cursor blinkte. Was Lucas auch versuchte, das Fenster ließ sich nicht schließen, um den Blick auf das, was dahinter lag, freizugeben.
Mist, ohne Passwort komme ich hier nicht weiter. Er runzelte genervt die Stirn.
Aber Lucas wollte unbedingt in die Tiefen dieses Rechners vordringen. Er hatte das Gefühl, dass er dort Antworten erhalten würde, die er weder auf dem Schreibtisch, noch irgendwo anders in der Wohnung finden könnte. Also begann er aufs Geratewohl, Passwörter einzugeben. Diese wurden immer umfangreicher und komplizierter, je länger sie ohne Erfolg blieben. Zwischendurch warf Lucas immer wieder hektische Blicke auf seine Uhr. Er hatte sich eine Deadline gesetzt, um rechtzeitig zum Abendessen zu Hause sein zu können. Schließlich waren es nur noch zwanzig Minuten, bis er seine Suche abbrechen musste. Vor lauter Verzweiflung gab Lucas als letzten Versuch eine Zeichenfolge ein, die er wegen ihrer Einfachheit als mögliches Passwort bisher ausgeschlossen hatte.
R-A-Y
Plong.
Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das aber sofort wieder verschwand, weil sich auf dem Bildschirm doch nichts getan hatte.
Aber woher war dann …?
Plong.
Lucas sah auf, denn ihm war bewusst geworden, dass das Geräusch nicht vom Rechner herrührte, sondern von weiter oben und zu seiner Linken gekommen war. Dort erblickte er sich selbst, denn durch die draußen inzwischen herrschende Dunkelheit wirkte die neben dem Schreibtisch befindliche Glasscheibe wie ein Spiegel. Er stand auf, ging zwei Schritte bis zum Fenster und schaute angestrengt nach draußen. In diesem Moment tauchte ein Schemen, der noch dunkler als die Umgebung war, direkt vor seinem Gesicht auf und flog gegen die Scheibe.
Plong.
Erschrocken prallte Lucas zurück, aber als sein Gehirn ihm weitere Information zu dem eben Geschehenen lieferte, wandelte sich sein Schreck in Erstaunen. Es war eine Fledermaus.
Mehrere Stufen auf einmal nehmend lief Lucas nach unten, um durch die unter der Treppe liegende Tür auf die Terrasse zu gelangen. Er schob sie auf und sprang nach draußen, um nach dem geflügelten Besucher Ausschau zu halten. Lange musste er nicht suchen, denn die Fledermaus hatte offensichtlich bemerkt, dass er nach draußen gegangen war, und kam nun auf ihn zugeschossen. Lucas wich nicht zurück, sondern streckte beide Hände zu einer Fläche zusammengelegt nach vorn aus. Jämmerlich fiepend ließ sich das kleine Tier darauf nieder und bewegte sich danach nicht mehr. Sofort machte Lucas kehrt und lief damit quer durch den großen Raum, bis er die Kochinsel erreicht hatte. Dort legte er das winzige Bündel vorsichtig ab und schaltete das Licht in der Abzugshaube ein. Als die Strahler die Kochfläche in gleißendes Licht tauchten, konnte Lucas den Grund für das Fiepen erkennen: Dort, wo sich normalerweise die Hinterbeine befinden würden, war nur ein undefinierbarer Klumpen, der entfernt an ein Stück schwarzen Stoffes erinnerte. Vorsichtig berührte Lucas das Material. Sofort begann die Fledermaus wieder zu fiepen. Es klang in seinen Ohren eindeutig schmerzerfüllt. Schnell ließ Lucas wieder los, denn er hatte herausgefunden, was er wollte. Bei dem Stoff handelte es sich um ein Stück eines Meta-Suits. Lucas holte tief Luft. Dann nahm er die Fledermaus von der Herdfläche herunter und legte sie auf den Küchenboden. Er kniete sich hin und beugte sich über sie. Nach einem weiteren tiefen Luftholen legte Lucas seine Hände vorsichtig auf das Tier und schloss seine Augen. Es erwies sich als weiser Entschluss, dass er sich zusammen mit dem Tier auf den Küchenfußboden begeben hatte. Als die Verbindung nach einer kurzen Konzentrationsphase hergestellt war, brandeten plötzlich heftige Schmerzen durch sein Bewusstsein. Hätte er noch gestanden, so wären ihm in der unvermittelt einsetzenden Agonie bestimmt die Beine eingeknickt. Wer weiß, was dann passiert wäre? Bei dem, was als Nächstes geschah, kam seine Konzentration allerdings arg ins Wanken, sodass er die Verbindung um ein Haar verloren hätte.
Lucas … Gott sei Dank!, erklang die Stimme von Balthasar Neumann in seinem Kopf.
Ray?! Aber du … wieso … Lucas konnte es nicht verhindern, dass seine Kinnlade vor Entgeisterung heruntersank und der Mund offen stehen blieb.
Später, kam es angestrengt von Neumann zurück. Kannst du mich aus diesem Körper rausholen? Ich … schaffe es … nicht.
Ohne weitere Zeit mit Worten zu verschwenden, vertiefte Lucas seine Konzentration und bemerkte nach einer Weile, wie der Widerstand des anderen schließlich versiegte. Erleichtert stellte er fest, dass in dem Maße, wie der Körper der Fledermaus in seinem eigenen aufging, auch der brutale Schmerz nachließ, bis er zuletzt ganz verschwand.
Danke, erklang Neumanns Stimme. Lucas hatte das Gefühl, dass sie von einem tiefen Seufzer begleitet wurde.
Er wartete noch eine Weile, um das Chaos seiner Gedanken und Gefühle zu ordnen, bevor er sich an Neumann wandte.
Ähm, Ray? Hast du ne Ahnung, was da auf der Siegessäule abgelaufen ist? Ich meine … du warst doch tot … oder?
Nein, Lucas. Das war ich zum Glück nicht.
Aber Plague hat doch … der Sturz … und dann hast du völlig leblos auf dem Treppenabsatz gelegen.
Stimmt. Plague hat mich frontal erwischt. Ich bin von dem Schwung ins Stolpern gekommen und rückwärts die Treppe hinuntergekullert. Allerdings hatte ich noch ein As im Ärmel – nämlich eine ganz besondere Art von Meta-Suit, das nur für besondere Einsätze vergeben wird. Es ist in der Lage, harte Schläge oder sogar abgefeuerte Kugeln durch eine schlagartige Verhärtung aufzufangen und abzuleiten. Das hat mich vor dem Tritt bewahrt und auch die Folgen des Sturzes gedämpft. Allerdings hält die Verhärtung einen Moment lang an, sodass man sich in der Zeit nicht bewegen kann. Außerdem hatte ich mir den Kopf gestoßen und war ziemlich benommen.
»Aha«, machte Lucas und erschrak über den geäußerten Laut selbst. Dann sammelte er sich wieder. Aber danach … der Blitz. Du warst doch … eingeäschert. So wie Plague.
Du hast ihn erwischt? Lucas bemerkte Triumph und Erleichterung in Neumanns Stimme.
Ja, genauso wie dich. Dachte ich.
Was war das eigentlich, was du da gemacht hast?
Ich hab zusammen mit Harald und meinem Vater einen Zitteraal erstellt und einen Stromstoß ausgelöst.
Moment. Du hast zusammen …? Und was hat dein Vater …? Ach, ist er derjenige, von dem du’s hast?
Ähm, ja, auch … Aber mir fällt da gerade etwas ein. Ich muss zum Abendessen zu Hause sein. Das schaffe ich nur, wenn ich sofort losfliege. Was machen wir denn jetzt?
Einen Moment lang überlegten die zwei Personen im Körper von Lucas fieberhaft, wie das neue Problem gelöst werden konnte. Dann ließ sich Neumann als Erster vernehmen.
Kannst du mich noch länger in dir behalten?
Keine Ahnung, aber ich wüsste nicht, warum das nicht gehen sollte.
In diesem Moment fiel Lucas etwas ein und er stutzte.
Sag mal, woher weißt du eigentlich, dass ich ein Merger bin?
Ach, so nennt man das. Ich habe irgendwann mal in der Bibliothek nach etwas gesucht. Dabei habe ich zufällig gehört, wie du dich mit jemandem über die erfolgreiche gemeinsame Erstellung eines Löwen unterhalten hast. Ich wollte dich dann eigentlich drauf ansprechen, aber bei all dem, was Ende letzten Jahres so los war, hab ich’s dann doch vergessen.
Das erinnerte Lucas daran, dass er sich gerade nicht nur mit einem Totgeglaubten, sondern auch mit einem Verbrecher oder zumindest Mittäter unterhielt.
Ray, kannst du mir bitte erklären, warum du zusammen mit diesem Monster …
Ja, Lucas, das kann ich. Und glaube mir. Auch wenn das jetzt abgedroschen klingt, aber es ist nicht so, wie du denkst. Das ist allerdings nichts, was ich jetzt in aller Schnelle erzählen will. Lass uns erst mal losfliegen.
Und so erhob Lucas sich vom Küchenfußboden, ging zur Terrassentür, um sie zu schließen und verließ das Haus, um so schnell er konnte nach Hause zu fliegen.
Das Essen stand schon auf dem Tisch, als Lucas durch die Haustür in die Diele trat.
»Ach, prima, da bist du ja«, rief Betty. »Wir wollten gerade schon bei Ines anrufen, um Bescheid zu sagen, dass wir so weit sind.«
»Hä? Wieso Ines?«, rutschte es Lucas heraus.
»Wieso? Warst du nicht nochmal drüben?«
»Nee, ich war … spazieren. Ich musste mir über ein paar Sachen Gedanken machen.«
»Spazieren? Bei dem Schweinewetter?!«, bemerkte Paul erstaunt.
»Ach, na ja, so kalt war’s nicht. Ich hab auch gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Aber jetzt bin ich doch ganz schön kaputt. Macht’s euch was aus, wenn ich nur schnell was esse und mich dann hinhaue?«
Paul und Betty wechselten einen Blick. Dann sagte Betty sanft: »Klar Luky. Und morgen bleibst du noch zu Hause.«
»Huch, wieso …«, begann Lucas, aber sein Vater sah ihm tief in die Augen.
»Glaub mir, du brauchst den freien Tag. Du hast mit mehr klarzukommen, als wir alle ermessen können.«
Wie sehr du doch recht hast.
Das Essen war erwartungsgemäß schnell vorüber. Trotzdem hatte er Mühe gehabt, seine Neugier und Ungeduld auf das, was er heute noch erfahren würde, zu bezähmen. Mit einer Schale Nachtisch in der Hand stieg Lucas danach leise, aber doch so schnell wir möglich, die Treppe hinauf und begab sich in sein Zimmer.
Ray, bist du noch da?
Na klar. Wo soll ich denn sonst sein?, kam die Antwort mit einem Grinsen in der Stimme.
Ach, weißt du, ich habe mich zwischendurch schon gefragt, ob ich das alles nur geträumt habe.
Nö, es ist alles wahr. Du warst bei mir zu Hause und hast mich aus diesem Gefängnis in Form einer Fledermaus befreit.
Warum war das eigentlich so? Und warum bist du nicht …
Tot?
Ja. Ich kann mir das einfach nicht erklären. Wir haben doch den Haufen Asche da liegen sehen, als wir wieder hoch sind.
Richtig. Da lag Asche. Aber es hätte mehr sein müssen.
»Hä?«, machte Lucas laut und erschrak erneut über das plötzliche Geräusch. Das rief ihm ins Bewusstsein, dass ansonsten völlige Stille herrschte, was in seinem Zimmer normalerweise nicht der Fall war. Also schaltete er das Radio ein, auch wenn ihn nicht interessierte, was dort lief.
Okay, jetzt nochmal. Was war das mit mehr Asche?
Der Haufen, den ihr gesehen habt, waren nur meine Klamotten. Kurz bevor mich dein Blitz getroffen – oder eher gerade so verfehlt – hat, war ich wieder so weit, dass ich einigermaßen klar denken und mich bewegen konnte. Meine Idee war, schnell zur Fledermaus zu werden und oben raus zu fliegen, um hinter Plague herhetzen zu können. Ich war mitten in der Umwandlung, aber ein kleines Teil des Spezialsuits an meinem Bein war noch nicht wieder flexibel und verhakte sich irgendwie, sodass ich weder vor, noch zurück konnte. Dann kam der Blitz, und nur der Berg von Kleidung, unter dem ich begraben war, bewahrte mich davor, ebenfalls ausgelöscht zu werden. Aber ein Teil meines Fußes – so klein er auch war – hat noch etwas von dem Stromstoß abbekommen und eine heftige Verbrennung davongetragen. Das waren die Schmerzen, die du vorhin gespürt hast.
Ach so. Aber warum sind die eigentlich jetzt weg?
Frag mich was Leichteres. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade nur als Teil von dir existiere.
Okay, das heißt, dass die wiederkommen, wenn ich dich hier rauslasse?
Auch das kann ich dir nicht sagen, antwortete Neumann nachdenklich. Ich hoffe, dass es nicht so ist, aber wissen kann ich’s nicht.
Aber wir können doch nicht ewig so bleiben.
Nee, keine Angst. Ich habe nicht vor, das so zu lassen. Aber das ist nichts, was wir jetzt noch klären können. Etwas anderes können wir allerdings sehr wohl jetzt klären, und du hast jedes Recht darauf, es zu erfahren.
Lucas holte tief Luft und hielt einen Moment lang den Atem an. Jetzt ging es also los. Spontan fragte er sich, ob er denn wirklich wissen wollte, was Neumann ihm zu erzählen hatte. Jedoch dauerte diese Unsicherheit nur wenige Sekunden. Natürlich wollte er wissen, wie sein Mentor – der Mann, von dem er geglaubt hatte, ihn zu kennen – an diesen Irren namens Plague geraten war. Und er wollte eine Erklärung dafür haben, warum dieser zumindest billigend in Kauf genommen hatte, dass Berlin mitten in der Millenniumsfeier in Angst und Chaos versinken würde. Lucas setzte sich auf sein Bett und wartete gespannt auf Neumanns Erklärung.
Na gut, begann dieser. Zuerst einmal musst du mir bitte verraten, wie du überhaupt auf die ganze Sache gekommen bist.
Na, das war damals, als Mandana mich die erste aktive Transmutation hat durchführen lassen. Sie wollte nach nem Ring in Eulenform suchen. Ich wusste nicht, wo sie hingegangen war und habe sie gesucht. Dabei bin ich zufällig zu der kleinen Kammer gekommen, in der du gesessen hast, um mit diesem Plague zu telefonieren.
Was, da hast du’s schon gewusst? Aber wieso ...
Moment, dachte Lucas. Ich hab ja nicht alles mitbekommen. Und deine Stimme habe ich nicht erkannt – sie kam mir nur irgendwie bekannt vor.
Aha. Und wie bist du darauf gekommen, ausgerechnet zu Silvester auf der Siegessäule aufzutauchen? Ich habe doch meine Notizen mitgenommen.
Als du weg warst, bin ich noch einmal zu der Kammer und habe da ein bisschen rumgeschnüffelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich auf der Schreibtischunterlage was durchgedrückt hatte. Das habe ich mit einem Bleistift, der da rumlag, einigermaßen sichtbar gemacht. Aber viel mehr, als die Skizze des Großen Sterns konnte ich nicht erkennen. Das war genauso mysteriös, wie dieses Wort.
Wort?
Ja. ‘Weitukäi’. Du glaubst ja nicht, wie lange ich gebraucht habe, um herauszufinden, dass es eigentlich ‘Y2K’ heißt. Später habe ich zufällig einen Nachrichtenbeitrag über die Aufbauarbeiten zur Millenniumsfeier gesehen und dabei die Struktur des Großen Sterns auf deiner Skizze erkannt. Da war mir mehr oder weniger klar, wann und wo da etwas abgehen würde. Doch ich glaube, dass ich letztendlich nichts unternommen hätte, wenn Ines nicht gewesen wäre.
Stimmt. Wo kam die eigentlich her?
Ich weiß auch nicht genau wie, aber sie ist auch in der BAT und hat dich und Plague ebenfalls belauscht, ohne euch erkennen zu können. Da habt ihr euch wohl genauer über das Wann und Wo unterhalten. Sie muss sich dann zu Silvester in der BAT auf die Lauer gelegt haben, ist dabei in den Lieferwagen geklettert und darin eingeschlossen worden.
Ach, deswegen. Du hättest mal mein Gesicht sehen sollen, als Plague sie vor sich her in den Vorraum der Siegessäule geschubst hat. Neumann konnte ein Glucksen nicht verhindern.
Okay, jetzt aber mal Butter bei die Fische. Was war da los?!, platzte Lucas heraus, der die innere Anspannung nicht mehr ertragen konnte.
Ist gut. Aber eins muss ich vorher noch sagen. Ich bewundere deinen Spürsinn und das, was du daraus gemacht hast. Nicht viele Jungen in deinem Alter wären mitten in der Nacht fast allein losgezogen, um sich einem potentiell gefährlichen Gegner entgegenzustellen.
Ach, na ja, dachte Lucas verlegen. Das war doch …
Nein, glaub mir. Das war alles andere, als normal. Ich kann das beurteilen, denn ich bin … verdeckter Ermittler bei der CAT.
What?!, dachte Lucas völlig perplex.
Tja, wieder so‘ne Abkürzung. CAT steht für ‘Control Authority for Transmutators’, also in etwa Kontrolleinrichtung für Transmutatoren. Das ist ne internationale Behörde, die seit ca. zwanzig Jahren dafür sorgt, dass möglichst alle, die die Begabung haben, nicht einfach damit machen können, was sie wollen.
Also ne Art Polizei für Trans …
... mutatoren, jep.
Warum denn nicht Transmutanten?
Wärst du gerne ein Mutant?
Nee, eigentlich nicht, dachte Lucas und musste schmunzeln. Und du bist da‘n verdeckter …
Ermittler. Genau.
Ist das so‘ne Art Geheimagent?
Na ja, ganz ruhig. Brauchst nicht gleich an James Bond zu denken, aber … ja irgendwie schon. Ich wurde vom Hauptquartier in Boston beauftragt, mich bei uns hier in Berlin umzusehen, ob ich Kontakt zu einer Gruppe bekommen kann, die irgendwas Schräges zum Millennium planen sollte.
Blood Pride, entfuhr es Lucas, dem plötzlich das Bild eines Sarges mit blutroten Buchstaben vor dem inneren Auge schwebte.
What the … wo hast du das denn her?!
War nur ne Idee wegen des Telefons.
Jetzt war es an Neumann, verwirrt zu sein.
Ähm, Moment mal. Was für‘n Telefon?
Ich hab deinen Rucksack oben auf der Säule gefunden. Den hattest du da wohl liegen lassen. Mit deinen Sachen drin. Und da hatte Plague anscheinend auch sein Telefon reingepackt. Ich habe das gar nicht richtig mitbekommen, aber als wir mit der tickenden Bombe abgezogen sind, da habe ich ihn auch mitgenommen. Dann, als eigentlich alles vorbei war, gab es plötzlich Probleme mit Ines. Wir sind alle zusammen ins Krankenhaus gerast. Als ich da so auf ner Bank sitze, höre ich mit einem Mal Musik. Erst nach ner Weile checke ich, dass die aus deinem Rucksack kommt. Ich mache ihn auf und finde so‘n Handy, aber eins, das es eigentlich gar nicht geben kann – so mit richtiger Musik und Farbe und zum Aufklappen. Das Ding hört nicht auf, zu klingeln. Also mache ich es auf. Auf dem Display innen ist ein Bild von nem Sarg mit der Aufschrift ‘Blood Pride‘. Dann geh ich dran, und ein Typ fragt Plague, warum irgendwas nicht geklappt hat.
Mit einem Mal war Stille in Lucas‘ Kopf. Er konnte Neumann zwar nicht sehen, aber er wusste, dass dieser noch da war. Und er wusste, dass sich, wenn er ihm in diesem Moment in Fleisch und Blut gegenüberstehen würde, ein breites Lächeln auf dessen Gesicht zeigen würde.
Geil!, war das Erste, was Neumann dann wieder dachte. Du weißt ja gar nicht, wie groß der Dienst ist, den du uns allen in dieser Nacht erwiesen hast. Nicht nur, dass du dieses Tier in die ewigen Jagdgründe geschickt hast. Du hast uns auch noch einen Zugang zu seiner Horde von Freaks besorgt. Zeig mal her. Wo ist denn dieses Handy?
Hier in deinem Rucksack. Lucas griff danach und hob ihn hoch.
Ah, gut. Das ist übrigens der einzige Fehler, den du gemacht hast.
Äh, was?
Das ist Plagues Rucksack, nicht meiner. Anstatt dass er das Handy in meinen Rucksack gepackt hat, habe ich meine Sachen bei ihm verstaut. Ich wollte die beiden Rucksäcke dann irgendwie vertauschen, um an sein Zeug zu kommen. Das habe ich dann zwar nicht mehr geschafft, aber zum Glück hast du den richtigen gegriffen.
Zur Antwort erhielt Neumann nur Schweigen.
Ähm, Lucas?, fragte er nach einer Weile, bekam aber immer noch keine Antwort.
Langsam, aber sicher war der Ältere ernsthaft beunruhigt, fügte sich jedoch notgedrungen in sein momentanes Schicksal. Ohne Körper mit Augen und Händen, die er dazu hätte benutzen können, um Lucas‘ Zustand zu erkunden, blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass dieser sein Schweigen brach.
Der erste Laut, der schließlich über Lucas‘ Lippen kam, war ein Schluchzen.
Junge, alles okay? Was ist mit dir?
Nach einem weiteren Moment erklangen Lucas‘ Gedanken: Alles in Ordnung Ray. Das ist es ja gerade. Es ist wirklich alles in Ordnung. Plague ist weg, Ines ist wieder wach und auch die Bombe hat keinen großen Schaden angerichtet. Mir ist gerade klar geworden, dass die Trauer, die mich seit den Ereignissen auf der Siegessäule von innen zerfressen hat, jeglicher Grundlage entbehrt. Sie hing nur mit der Vermutung zusammen, dass du tot wärst.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, der in ein übermütiges Gelächter überging. Neumann konnte nicht anders, als in Gedanken mitzulachen.
Wow, Wahnsinn, dachte Lucas, als sein Lachanfall geendet hatte. Ich fühl mich plötzlich, als könnte ich Bäume ausreißen. Jetzt können wir einfach so weitermachen, als ob zu Silvester nichts passiert wäre. Ich muss gleich nach unten und meinen Eltern sagen, dass ich morgen doch in die Schule kann.
Er sprang auf und lief in Richtung Tür.
Stop!, erklang da Neumanns Stimme in seinem Kopf.
Konsterniert blieb Lucas mit einem noch halb erhobenen Fuß stehen.
Was ist denn?
Na überleg mal. Was willst du denen denn erzählen? Dass du dich gerade in deinem Kopf mit dem Neumann unterhalten hast, von dem alle glauben, dass er tot sei? Auf die Art und Weise bekommst du bestimmt noch mehr als einen Tag Pause, und zwar in einer Einrichtung mit gepolsterten Wänden. Außerdem würde ich es ehrlich gesagt bevorzugen, offiziell als tot zu gelten. Das kann mir bei der Infiltrierung von ‘Blood Pride‘ einen Vorteil verschaffen.
Okay, aber wie wollen wir das machen?
Ganz einfach, indem wir nichts machen. Wenn ich nicht in der Schule erscheine, dann werden früher oder später Nachforschungen angestellt. Die werden ergeben, dass ich spurlos verschwunden bin.
Aber verschwunden heißt doch nicht tot, wandte Lucas ein.
Das ist mir, was Schule und BAT angeht, ziemlich egal.
In der BAT auch?, platzte Lucas enttäuscht heraus, da ihm klar wurde, dass so alles anders werden würde. Wer würde dann aber die Kurse geben? Und an wen sollte er sich wenden, wenn er Probleme hätte?
Hey, natürlich in der BAT. Gerade dort. Ich bin immer noch nicht durchgestiegen, wie die Leute da so ticken. Und jetzt überleg mal. Da du ja weiterhin dort bist, kannst du Augen und Ohren offen halten und mir berichten, wenn da was Seltsames vor sich geht.
Du meinst wohl, ich soll eine Art …
Agent für mich sein.
Cool … aber was ist, wenn ich Fragen habe? Und die Kurse – besonders Sport. Die brauchen dich doch. Ich brauche dich doch.
Ist doch kein Problem. Ich bin da für dich. Du kannst jederzeit bei mir auflaufen. Wenn du ne Frage hast, die sich nicht durch die Bibliothek klären lässt, dann stehe ich dir zur Seite – obwohl ich ja auch nicht allwissend bin. Und was Sport angeht; du hast ja gesehen, dass ich ne ganze Menge Platz habe. Da kannst du dich austoben, und ich kann dir noch das eine oder andere beibringen.
Aber wenn die dich doch suchen kommen, dann kannst du da nicht wieder hin.
Oh, keine Sorge. Die Adresse kennt keiner. Offiziell wohne ich in nem Ein-Zimmer-Wohnklo in Köpenick.
Lucas ließ sich das Gesagte durch den Kopf gehen und nickte dann. Als ihm bewusst wurde, dass Neumann es ja nicht sehen konnte, ergänzte er: Alles klar. Und was machen wir jetzt?
Ich schlage vor, wir … ähm du gehst jetzt schlafen.
Zuerst wollte Lucas protestieren, aber da bemerkte er, wie müde er war und so stimmte er zu. Er stand auf und ging ins Bad. Schon während des Zähneputzens fielen ihm die Augen zu. Den Weg zurück in sein Zimmer bewältigte er nur noch im Halbschlaf, der ihn bereits in dem Moment vollends übermannte, als sein Kopf das Kissen berührte.
Schlachtplan

as erste, was Lucas wieder wahrnahm, war ein seltsames Geräusch. Er öffnete ganz leicht ein Auge und linste zu seinem Radiowecker hinüber. Dabei stellte er fest, dass es bereits nach zehn Uhr war, und dass das Radio gar nicht lief. Aber warum hörte er dann Gesang? Als die Erkenntnis ihn traf, war er schlagartig hellwach.
Ray, bist du das?, horchte er vorsichtig in sich hinein – immer noch halb befürchtend, dass er den Verlauf des gestrigen Tages nur geträumt hatte.
Ah, du bist wach, kam es prompt zurück. Prima. Mir ist langsam die Beschäftigung ausgegangen.
Oh, bist du etwa schon früh aufgewacht?
Na ja, wie man’s nimmt. Ich habe gar nicht geschlafen.
Was? Oh, sorry, das wollte ich nicht.
Du konntest ja nicht wissen, dass das nicht einfach so klappt. Aber es war auch gar nicht schlimm. Ich war nicht müde und bin’s jetzt auch nicht. Außerdem hatte ich so Zeit, um mir Gedanken über das zu machen, was ab jetzt passieren kann und sollte.
Erleichtert stieß Lucas die Luft aus, die er vor Schreck angehalten hatte. Dann fragte er: Und was genau soll jetzt passieren?
He, nun mal langsam, kam es von Neumann zurück. Du bist doch gerade erst wach geworden.
Ja stimmt, aber ich habe sowas von tief geschlafen und fühle mich so gut wie lange nicht mehr. Die Tatsache, dass du noch da bist, hat mich wahrscheinlich davor bewahrt, vor Trübsinn einzugehen.
Aha. Na, wenn du das so siehst, dann gäbe es auf jeden Fall ein paar Dinge, die zu erledigen wären. Aber vorher hätte ich gern noch ein bisschen Input von dir. Du hast mir zwar schon ne ganze Menge von dem erzählt, was zu Silvester abgegangen ist, aber eins fehlt mir noch. Du hattest da kurz was angeschnitten, von dem wir wieder abgekommen sind. Ich wollte dich zum Schluss nicht mit der Frage belasten, weil du so fertig warst.
Ähm, und was war das?
Du scheinst ja inzwischen herausgefunden zu haben, von wem du die Begabung hast. Das würde mich brennend interessieren, denn so viel ich auch recherchiert habe, ich habe nirgendwo einen Eintrag über dich oder deine Eltern finden können. Ist es nun deine Mutter oder dein Vater?
Lucas stockte überrascht, da er mit dieser Frage nicht gerechnet hatte. Außerdem war er sich nicht sicher, ob er jemandem von seiner Herkunft erzählen wollte. Aber eigentlich war es doch Schwachsinn, damit hinter dem Berg zu halten. Und wenn es jemanden gäbe, dem er es erzählen sollte und auch wollte, dann war es Neumann.
Also dachte er – bevor er es sich anders überlegen konnte: Ehrlich gesagt sind es beide.
Prima, ich hatte mir doch gedacht, dass … Waas?!
In diesem Augenblick wurde es Lucas wieder klar, warum er es eigentlich niemandem anders, als den Personen, die es ohnehin schon wussten, hatte erzählen wollen. Aber jetzt war es heraus – unmöglich, es ungeschehen zu machen.
Nach einer Pause, die ihm endlos vorkam, meldete Neumann sich wieder zu Wort: Du verarschst mich doch jetzt nicht etwa. So als kleine Retourkutsche für den Schreck, den du meinetwegen erlitten hast?
Nee, keine Chance, antwortete Lucas, erleichtert darüber, dass sein Mentor es anscheinend doch nicht so schlecht aufnahm, wie es zuerst den Anschein gehabt hatte. Die sind mir echt beide hinterhergeflogen und haben mich überrascht, als ich mit Harald gerade nen Plan machen wollte. Soweit ich es verstanden habe, sind sie beide zuerst total ahnungslos von dem gewesen, was sie sind. Meine Mutter hat wohl irgendwas geahnt. Als sie dann den Zettel gefunden haben, den ich zu Hause deponiert hatte, als ich weg bin, ist sie meinem Vater gegenüber damit herausgerückt. Ich muss sie echt mal fragen, warum sie mich nicht angesprochen hat, als ihr ein Verdacht kam. Stattdessen hat sie sich von meiner Oma – also ihrer Mutter – was über ihre Vergangenheit erzählen lassen, obwohl die davon eigentlich nichts mehr wissen wollte.
Na gut. Dann bist du also ein Doppel. Hätte nie gedacht, dass ich mal so etwas erleben würde.
Lucas hatte das Gefühl, die gleiche Fassungslosigkeit zu erleben, die sein Mentor empfand. Dann meldete sich noch ein anderes Gefühl, nämlich Hunger. Er stand auf, um sich in der Küche etwas zum Essen zu machen. Dort fand er auch einen Zettel seiner Mutter, auf den sie geschrieben hatte, dass sie wegen einer Konferenz leider erst gegen fünfzehn Uhr wieder zu Hause sein würde. Im Grunde genommen passte das aber sehr gut, da Neumann ihm zwischenzeitlich erzählt hatte, was er an diesem Tag möglichst noch in Erfahrung bringen oder sogar erledigen wollte. Sie würden zuallererst in die BAT gehen, um in der Bibliothek nach dem Buch zu suchen, aus dem Lucas die Informationen über die Merger hatte. Vielleicht würde dort auch etwas darüber stehen, ob man Neumann gefahrlos wieder aus ihm herauslösen konnte. Wenn dem so wäre, würden sie es versuchen, aber nicht in der BAT, wo zunächst niemand etwas davon mitbekommen sollte, dass Neumann noch lebte. Irgendwie würden sie zu Neumann nach Hause kommen müssen, um das Buch studieren zu können. Lucas rieb sich die Hände, denn er konnte es kaum erwarten, wieder in den coolen Loft zu kommen. Dann jedoch fiel ihm etwas ein, das seine Euphorie wieder bremste.
Sag mal, wie sollen wir das denn eigentlich alles schaffen, bevor meine Ma wieder zurück ist? Ich hab ehrlich gesagt keinen Bock drauf, sie schon wieder anzuschwindeln. Wenn ich mir aber überlege, wo wir überall hin wollen, dann bliebe nur fliegen, um das einigermaßen in der Zeit zu schaffen. Nur fliegen geht ja auch nicht, wenn wir womöglich mehrere Bücher mitschleppen müssen. Das fällt am helllichten Tag doch auf.
Oh, mach dir darüber mal keine Sorgen, antwortete Neumann vergnügt. Dazu ist mir auch schon was eingefallen. Wir werden fahren.
Ich hab doch schon gesagt, dass das mit den Öffentlichen …, begann Lucas, wurde aber sofort von Neumanns Gedanken gestoppt.
Ich habe nix davon gesagt, dass wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Das tun wir auch nicht – zumindest nicht nur.
Hä?, machte Lucas.
Wir fahren bis zum Großen Stern und nehmen dort meine Maschine. Die steht bestimmt noch da, wo ich sie stehengelassen habe.
Und wie willst du die fahren?
Och, ich dachte mir, dass du das machst.
»Was?«, rief Lucas laut. Dann ergänzte er in Gedanken: Gei … oh verdammt.
Er war eben dabei gewesen, sich etwas Tee einzugießen und hatte sich diesen nun – abgelenkt durch die Idee seines Mentors – über die Finger geschüttet. Vom Schmerz wieder ernüchtert, fragte Lucas: Aber wie soll ich das Ding denn fahren?
Du hast mir doch irgendwann was davon erzählt, dass du Kartfahren warst. So viel schwerer ist Motorradfahren auch nicht.
Denkst du wirklich, dass ich das hinbekomme?
Du bist ein vielfältig talentierter junger Mann. Warum solltest du das nicht schaffen? Ich vertraue dir da vollauf.
Okaaay.
Lucas fühlte sich ob der Tatsache, dass Neumann ihm tatsächlich seine kostbare Maschine anvertraute, enorm geschmeichelt.
Nachdem die grundsätzlichen Dinge damit geklärt waren, machte Lucas sich flugs fertig, packte Plagues Rucksack wieder ein und verließ das Haus. Einen Zettel hinterließ er nicht, da er sich sicher war, dass er vor seiner Mutter wieder zurück sein würde. Die Fahrt mit Bus und Bahn zum Großen Stern kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, da es nichts gab, was man unterwegs noch hätte tun können, um sich abzulenken. Aber dann waren sie angekommen. Während Lucas die Stufen vom Bahnsteig der Station »Tiergarten« hinunterstieg, erklärte ihm Neumann, wo er hingehen musste, um zu dem abgestellten Motorrad zu kommen. Er wandte sich, der Beschreibung folgend, nach rechts und ging bis zur nächsten Kreuzung, wo er wiederum rechts abbog und unter den Bahngleisen hindurch ging. Hinter der Unterführung befand sich eine kleine Grünanlage, die allerdings im Moment alles andere als grün war. Lucas ließ seinen Blick über die kahlen Bäume und den matschigen Boden schweifen. Dann entdeckte er die in verwaschenen Tarnfarben gehaltene Persenning, unter der die VMax auf sie wartete. Schnell hatte Lucas die Befestigungshaken gelöst, die Plane abgenommen und in der seitlich angebrachten Tasche verstaut. Danach stand er vor dem Boliden und blickte ihn etwas ratlos an.
Und jetzt?
Na Schlüssel rein, starten und ab geht’s, kam es gut gelaunt von Neumann zurück.
»Spinnst du?«, entfuhr es Lucas. Erschrocken über seine eigene laute Stimme zuckte er zusammen. In Gedanken ergänzte er: Ich kann mich doch nicht einfach auf dieses Monster setzen und losfahren. Ich wüsste nicht mal, wo Gas und Bremse sind. Da lande ich doch direkt am nächsten Baum.
Ich verarsch dich doch bloß, erwiderte der Mann in seinem Innern mit schmunzelndem Geist. Pass auf. Ich hatte es mir so vorgestellt, dass du dich erst einmal draufsetzt. Ich erkläre dir die grundlegenden Dinge. Wenn’s klappt, dann fahren wir vorsichtig los. Wenn nicht, dann würde ich dich um einen Gefallen bitten.
Gefallen?
Ja. Ich glaube, dass du mir die Kontrolle über deinen Körper zumindest so weit überlassen könntest, dass ich anstatt von dir fahre. Wenn du mir so weit vertraust.
Habe ich das nicht schon im letzten Jahr getan, als ich mit dir in diesen seltsamen BAT-Club gegangen bin?
Wenn du das so siehst, dachte Neumann zufrieden. Aber ich möchte trotzdem erst einmal schauen, ob du’s auch selbst hinbekommst. So ganz geheuer ist es mir nämlich nicht, einen anderen Körper, in dem ich selbst drin stecke, fernzusteuern.
Und das taten sie dann auch. Trotz allen Respekts, den Lucas vor der brachialen Gewalt des Motorrads hatte, übte er fleißig mit Kupplung und Gas, bis er nicht mehr abwechselnd den Motor zum Aufbrüllen brachte, oder ihn abwürgte. Ein Blick auf seine Uhr beruhigte ihn insofern, als dass dieser Crashkurs bisher nur ungefähr eine halbe Stunde gedauert hatte. Wenn alles weiter so glatt lief, war noch genug Zeit, um die restlichen Dinge zu erledigen, die sie schaffen wollten.
Eine Weile später dachte Neumann: Okay. Das Wichtigste hast du einigermaßen drauf. Jetzt können wir da vorne vorsichtig auf die Straße rollen, damit du das Hochschalten und Bremsen angehen kannst.
Bist du sicher?, fragte Lucas, dem sofort angsterfüllte Schauer über Rücken und Arme liefen.
Du kannst mir ruhig glauben. Ich merke schon, wenn jemand mein Baby richtig oder falsch behandelt. Und du hast ein gutes Händchen. Außerdem bin ich ja noch da, um dir beim Fahren Tipps zu geben.
Also fuhr Lucas vorsichtig über den Bürgersteig und von dort auf die kleine Nebenstraße, die bis auf ein paar geparkte Autos völlig verlassen war. Nachdem auch die nächsten Übungen zur Zufriedenheit seines Lehrers verlaufen waren, machten sie sich auf den Weg nach Friedrichshain. Lucas konzentrierte sich darauf, Gas, Kupplung und Bremse richtig zu bedienen. Ansonsten ließ er sich von Neumanns Anweisungen leiten. Es dauerte nicht lange, bis er in der Lage war, die Fahrt zu genießen, aber da kamen sie auch schon in der Straße an, in der die BAT zu finden war.
Gut. Jetzt lass die Maschine mal lieber ein Stückchen weiter weg stehen. Ich will nicht, dass sie jemand erkennt.
Lucas machte ein enttäuschtes Gesicht, dass sein Mentor freilich nicht sehen konnte. Gleichwohl ergänzte dieser: Ich kann ja verstehen, dass es dir Spaß macht, jetzt wo du den Bogen einigermaßen raus hast, aber um die paar Meter geht’s doch nun wirklich nicht. Außerdem kannst du ja gleich wieder rauf auf den Hobel, wenn wir hier fertig sind.
Hast ja recht. Lucas hätte dabei geseufzt, wenn das in Gedanken möglich gewesen wäre.
Er lenkte das Motorrad vorsichtig an den Straßenrand und stellte es ab. Lucas ging auf die andere Straßenseite und lief dort noch ein wenig weiter. Dann war er an der Stelle angekommen, wo er erneut die Straße überqueren musste, um den Durchgang zum Hof zu erreichen, in dem sich der Eingang zur BAT befand. Verlassen und irgendwie unwirklich kam ihm dieser Hof vor, jetzt, wo keine Menschenseele hier war. Aber genau das war der Grund, warum sie vor der eigentlichen Öffnungszeit hergekommen waren. Auf diese Art und Weise würde die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu treffen, der nichts vom derzeitigen Gesundheitszustand Neumanns erfahren sollte, sehr gering sein. Lucas hielt auf den Eingang zu, über dem das Schild mit der Graffiti-Schrift vermeldete, dass sich hier der BAT-Club befände. Jedoch wurde er von dem Mann in seinem Innern gebremst.
Lass uns mal lieber durch den Seiteneingang gehen. Wenn wir vorne reingehen, müssen wir durch die Tür mit dem Retina-Scanner. Die registriert dann, dass du hier warst.
Oh, machte Lucas im Geist. Dabei musste er unwillkürlich grinsen. Wie schnell es einem doch in Fleisch und Blut überging, sich nur noch innerlich zu unterhalten, sodass er sogar ein so einfaches Geräusch nicht mehr laut äußerte.
Am seitlichen Eingang angekommen, kramte Lucas im Rucksack nach Neumanns Schlüsselbund. Dann schloss er die kleine unscheinbare Tür auf, die einen direkten Zugang ins Herz der Akademie ermöglichte. Am Fuß der Treppe, die er zuletzt hinuntersteigen musste, wandte er sich nach rechts und ging am Kollegiumsraum vorbei direkt zur Bibliothek. Dort hielt sich Lucas ebenfalls nicht lange auf, da er wusste, wonach er suchte. Das kleine Büchlein, aus dem er schon so viele wichtige Informationen entnommen hatte, stand immer noch genau dort, wo er es das letzte Mal hingestellt hatte. Lucas schnappte sich den dünnen Band und steckte ihn in den Rucksack.
Brauchen wir sonst noch was?, fragte er Neumann.
Hmm, glaub‘ nicht. Ich denke, wir sollten jetzt erst mal schnellstmöglich zu mir fahren und schauen, ob wir mein Problem gelöst bekommen. Wenn nicht, dann müssen wir zur Not nochmal her.
Lucas warf im Gehen einen Blick auf seine Uhr. Das könnte knapp werden, falls sie tatsächlich noch einmal hierher mussten. Aber darüber könnten sie sich ja immer noch Gedanken machen, wenn …
»Allo, ähm Lucas. Was machste du denn ier?«, erklang hinter ihm plötzlich eine Stimme.
Er fuhr herum und hob – obwohl er die Stimme eigentlich erkannt hatte – abwehrend die Hände. In diesem Moment bemerkte Lucas, dass er in der Linken immer noch seinen Motorradhelm hielt. Schnell ließ er sie wieder sinken.
»Herr Bragulia«, brachte er mit belegter Stimme hervor. In ihm wütete ein Chaos aus eigenen Gedanken und denen von Neumann, das es ihm unmöglich machte, mehr zu äußern.
»Si, si«, erwiderte Vincente di Bragulia, der Leiter der Akademie. Er blickte ihn freundlich, aber auch neugierig an. »Willste du schon übe für die neue Kurse? Und wie war deine Silvester?«
Inzwischen hatten sich die Gedanken in Lucas‘ Kopf wieder so weit beruhigt, dass er in der Lage war, zu antworten.
»Ach, wissen Sie, ein neues Jahr ist doch irgendwie wie das andere. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum die um dieses Millennium so einen Rummel gemacht haben.« Da ihm in diesem Moment eine Idee gekommen war, ergänzte er: »Und nein, ich bin nicht zum Üben hier. Herr Neumann hatte mich im letzten Jahr gebeten, ihm seinen zweiten Helm mitzubringen, den er mir mal geborgt hatte.«
Dabei hob er erneut die linke Hand.
»Ah, si, verstehe. Biste du verabredet mit Balthasar?«
»Öhm, nee. Ich wollte den Helm bloß hier lassen, damit ich ihn nicht wieder vergesse. Dann hatte ich noch spontan die Idee, mir vielleicht was zum Lesen mitzunehmen.«
Er machte eine vage Geste in Richtung der Bücherregale. Bragulia nickte.
»Iste immer gutt, von seine Wurzeln zu wisse. Na dann lass diech nicht aufhalte.«
Lucas hob die Hand zum Gruß und machte sich auf in die Richtung, aus der er vorhin gekommen war, als ihn Neumanns Stimme in seinem Kopf zusammenzucken ließ.
Stop!
Fast hätte Lucas laut nach dem Grund gefragt. Aber er konnte sich gerade noch beherrschen.
Was ist denn?, fragte er nun in Gedanken.
Du hast Vincente gerade erzählt, dass du mir den Helm hier lassen willst. Außerdem kommst du normalerweise nicht durch den Nebeneingang rein oder raus, nicht wahr?
Aber ich wollte doch bloß erklären, warum …
Ist ja auch in Ordnung. Gut, dass du so schnell reagiert hast. Aber jetzt sieh zu, dass du in den Kollegiumsraum gehst. Da müssen wir dann halt nen Moment warten, bis er weg ist, bevor wir wieder abhauen können.
So unauffällig wie möglich drehte Lucas sich in Richtung der Tür zu seiner Rechten und kramte dabei in seinem Rucksack herum. Er befürchtete, dass sein Verhalten von außen betrachtet zumindest seltsam ausgesehen haben musste. Daher versuchte er, durch das ausgiebige Herumkramen eine scheinbare Erklärung für sein Straucheln zu liefern.
»Brauchste du eine …«, kam es auch prompt von Bragulia.
»Nee danke, hab schon«, rief Lucas. Er zückte die Zugangskarte, die er schon die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte. Dann zog er sie schnell durch den Leseschlitz und betrat den dahinter liegenden Raum – darum bemüht, nicht allzu hastig zu wirken. Drinnen angekommen schloss Lucas schnell die Tür und lehnte sich dagegen. Verdammt. Es war gar nicht so einfach, in jeder der Personen, die für ihn innerhalb des letzten halben Jahres zu Vertrauten, ja fast sogar zu Freunden, geworden waren, nun potentielle Verschwörer sehen zu müssen. Er brauchte unbedingt einen Plan, wie er mit alledem umgehen sollte. Die Idee, eine Art Geheimagent zu werden, die ihm gestern noch ziemlich cool vorgekommen war, stellte sich in der Praxis als komplizierter heraus, als er es sich gedacht hatte. Lucas nahm sich vor, seinen Mentor ausführlich nach möglichen Verhaltensweisen zu befragen. Dann stieß er sich von der Tür ab und ging auf die Sitzgruppe zu, die vor dem Großbildfernseher stand. Dort ließ er sich in einen der bequemen Sessel fallen.
Was machen wir denn jetzt, solange wir warten? Und wie lange wollen wir eigentlich warten?
Nach einer kleinen Pause kam die Antwort: Ich glaube nicht, dass wir besonders lange warten müssen. Vielleicht ne Viertelstunde. Bis dahin können wir ja schon mal in deinem schicken Buch stöbern.
In diesem Moment fiel Lucas etwas ein und er fragte: Kannst du eigentlich alles sehen, was ich sehe?
Ja, solange du die Augen offen hast und dich nicht gerade auf etwas ganz anderes konzentrierst, nehme ich das wahr, was deine Augen sehen.
Ähm, was meinst du denn mit konzentrieren?
Na ja, als du vorhin total auf die Kupplung konzentriert warst, da hat alles zuerst geflackert und ist dann verblasst. Ich habe weder etwas gehört, noch gesehen. Ich schätze, wenn du es wolltest, dann könntest du mich komplett abschotten.
Aha, machte Lucas. Dann fiel ihm ein, dass es letztens mit Ines genau so gewesen war und er ergänzte: Stimmt, das habe ich sogar schon mal gemacht.
Na dann sollte ich dir wohl dankbar sein, dass du deine Sinne nach wie vor mit mir teilst, merkte sein Lehrer an.
Mach dich nicht lächerlich, antwortete Lucas sofort. Warum sollte ich das denn nicht tun?
Na, immerhin hast du mich ja noch bis gestern für nen Verbrecher gehalten – nen toten Verbrecher, um genau zu sein.
Diese Aussage traf Lucas ziemlich, zumal sie seinen eigenen Gedanken von gestern genau entsprach.
Oh, entschuldige, wenn ich irgendwie was Falsches gesagt habe, dachte Neumann.
Äh, wieso?
Du flackerst gerade.
Das klang für Lucas so seltsam, dass er unwillkürlich lachen musste.
So ist’s besser, dachte der Ältere erleichtert.
Lucas holte das Buch aus dem Rucksack. Er schlug es ungefähr in der Mitte auf, denn er wusste noch, dass sich der Hinweis auf die Merger in der hinteren Hälfte befunden hatte. Ein Inhaltsverzeichnis gab es seltsamerweise nicht. Nach einigem Blättern stieß Lucas wieder auf den Hinweis, der sein Leben innerhalb des letzten Jahres ein weiteres Mal grundlegend geändert hatte. Von einem eigenartigen Gefühl ergriffen, las er erneut die Zeilen, in denen von bei manchen Gestaltwandlern angeblich vorhandenen Fähigkeiten, andere Lebewesen in sich aufzunehmen, deren Eigenschaften anzunehmen und sogar Mischwesen aus mehreren verschiedenen Organismen zu erschaffen die Rede war. Dann kam das Ende des Teils, den Lucas damals geradezu verschlungen hatte. Was folgte, hatte ihn zu dieser Zeit nicht wirklich interessiert. Er war nur von dem Wunsch beseelt gewesen, etwas über Möglichkeiten und Gefahren des Aufnahme- und Herauslöseprozesses zu erfahren. Beim Gedanken daran musste Lucas schmunzeln, denn inzwischen hätte er durchaus ein weiteres Kapitel zum Thema Gefahren beitragen können. Man konnte offensichtlich auch Teile des anderen Organismus in sich behalten, obwohl die Gestalt desselben bereits wieder hergestellt war. Freilich bekam das diesem anderen Wesen nicht besonders gut – vor allem, wenn man sich zu weit voneinander entfernte.
Hey, Lucas. Schalt mal das Flackern ab. Ich kann nichts mehr erkennen.
Ertappt schüttelte Lucas kurz den Kopf, um seine abschweifenden Gedanken zu vertreiben. Er wandte sich wieder dem Text zu. Nach zwei weiteren Seiten wollte Lucas gerade einen Blick auf seine Uhr werfen. Es gab immer noch keinen Hinweis auf etwas, das ihnen bei der Frage, ob man seinen Lehrer gefahrlos herauslösen könnte, geholfen hätte. Doch erneut wurde er von einem Stopp! in seinem Kopf gebremst.
Schau doch bitte noch mal schnell ins Buch. Ich glaube, das könnte was sein.
Lucas tat wie ihm geheißen. Auf der rechten Seite, direkt unter der Überschrift »Mythen und Legenden«, entdeckte er einen Unterpunkt, der mit dem Titel »Heiler« versehen war. Der darunter stehende Text sagte ihnen beiden sofort, dass sie hier auf etwas Wichtiges gestoßen waren.
Auf den bisherigen Seiten haben wir uns zumindest noch in dem Bereich des Vampirismus bewegt, der durch wissenschaftliche Erkenntnisse – sollten sie sich auch auf noch so seltene Eigenschaften oder Fähigkeiten beziehen – belegt werden kann. Nun jedoch widmen wir uns einigen Gerüchten, die sich hartnäckig gehalten haben, obwohl bisher keinerlei Grundlage dafür gefunden werden konnte. Die Rede ist von besonderen Ausformungen der bereits in einem früheren Kapitel beschriebenen Merger oder Verbinder.
Angeblich soll es in früheren Zeiten Personen gegeben haben, die nicht nur in der Lage waren, sich mit anderen Menschen zu verbinden, sondern diese auch von vielfältigen Leiden zu befreien. Sie taten dies mutmaßlich, indem sie – z.B. bei schweren Knochenbrüchen – nach einer erfolgreichen Verbindung den ursprünglichen Zustand des Aufgenommenen wiederherstellten. Zu erklären wäre dies grundsätzlich dadurch, dass Knochenbrüche sich nicht in den Erbinformationen der Gene widerspiegeln. Es soll auch Hinweise darauf gegeben haben, in denen der Heiler sogar defekte Gene dergestalt verändern konnte, dass angeborene Blindheit oder andere körperliche Behinderungen verschwanden. Ein Beweis solcher Fähigkeiten würde ein völlig neues Licht auf Vorgänge werfen, die bisher nur als Wunder zu bezeichnen waren.
Lucas ließ das Buch sinken. Er keuchte auf. Hieß das etwa, dass …
Ähm, Lucas? Da du schon wieder flackerst, nehme ich an, dass du etwas Ähnliches wie ich denkst.
Kann sein. Selbst in Gedanken klang seine Stimme tonlos.
Aber wir sollten jetzt besser aufbrechen, damit unser Zeitplan nicht komplett durcheinander kommt.
Stimmt, bemerkte Lucas und erhob sich – froh über die Ablenkung. Er packte das Buch wieder zurück in den Rucksack, nicht ohne sich vorher die Seitenzahl, bei der er eben angekommen war, zu merken. Dann schulterte er den Beutel, griff sich den Helm und strebte auf die Tür zu. Als er seine Hand nach der Klinke ausstreckte, entfernte diese sich plötzlich und entzog sich so seinem Zugriff. Verständnislos starrte Lucas den Türgriff an, der mit einem Mal hinter etwas verschwand. Erst als er seinen Blick hob, stellte sich dieses Etwas als Gestalt von Ulrich Upuaut heraus. Dieser war mindestens ebenso erstaunt, direkt hinter der Tür auf jemanden zu treffen, wie Lucas es über den plötzlichen Rückzug der Klinke gewesen war. Einen Augenblick lang standen sich die beiden konsterniert gegenüber, dann lachten sie los.
»Hallo Lucas. Frohes neues Jahr«, begrüßte ihn Upuaut.
»Oh, danke Herr Upuaut. Für Sie auch«, gab Lucas den Gruß zurück. Einer plötzlichen Eingebung folgend, fügte er hinzu: »Ich hatte gehofft, Herrn Neumann hier anzutreffen, denn ich schleppe schon ewig den Helm mit mir herum, den er mir mal geborgt hat.«
»Hmm, den habe ich schon eine Weile nicht mehr hier gesehen. Das sieht ihm eigentlich gar nicht ähnlich. Früher habe ich mal gedacht, dass er hier wohnt, weil er immer schon da war, wenn ich in die BAT kam«, erwiderte der stellvertretende Leiter der Akademie. »Und wenn gerade du nicht weißt, wo er ist, dann bin ich völlig ratlos. Du bist doch eigentlich fast immer mit ihm zusammen hier gewesen, seit du dabei bist.«
Lucas brachte äußerlich ein schiefes Grinsen zustande. Innerlich fragte er sich das Gleiche, das auch sein Mentor dachte: Was soll das denn heißen?
»Na dann werd ich mal …«, begann er, seinen Abgang vorzubereiten.
»Oh ja, schönen Tag noch«, sagte der andere augenzwinkernd. »Ich hab auch noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen.« Dabei wedelte er mit einer zusammengefalteten Ausgabe einer Boulevard-Zeitung. Als Lucas im Gehen aus dem Augenwinkel einen Blick auf den Teil der Hauptschlagzeile erhaschte, hätten ihm um ein Haar die Knie versagt. Er schaffte es jedoch, ein Pokerface zu bewahren, bis er draußen auf dem Gang war, und sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
Froh darüber, es nicht laut aussprechen zu müssen, um nicht erneut unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dachte er: Ray, wir müssen auf dem Weg zu dir unbedingt noch so eine Zeitung kaufen. Hast du mitbekommen, welche das war?
Ja, aber was ist denn los? Neumann klang besorgt.
Vielleicht nichts … erklär ich dir später.
Inzwischen waren sie wieder an der Seitentür angekommen und verließen die BAT, ohne noch jemandem zu begegnen.
In zwei verschiedenen Räumen einige Meter unterhalb von Lucas blickte jeweils ein Augenpaar auf einen kleinen Bildschirm, der eine schlanke Gestalt zeigte. Mit einem von der Schulter baumelnden Rucksack und einem Motorradhelm in der Hand ging diese langsam über den Hof in Richtung Straße.
Rede und Antwort

ähr¥end der Fahrt zu Neumanns Loft funktionierte Lucas einfach nur, ohne richtig mitzubekommen, was um ihn herum vorging. Noch bevor er beim Motorrad angekommen war, hatte er in einem Kiosk die Zeitung gekauft. Ein Blick auf die Schlagzeile und ein darunter abgedrucktes Bild hatten seine Vermutungen bestätigt. So war er innerlich vollauf damit beschäftigt, darüber nachzudenken, was er daraus machen sollte. Die immer schwächer zu ihm dringenden Rufe seines Lehrers ignorierte Lucas ebenso, wie eine Ampel, die direkt vor ihm auf Gelb schaltete. Erst, als er hinter sich eine lautsprecherverstärkte Stimme hörte, die den Motorradfahrer aufforderte, rechts ran zu fahren, holte ihn dies wieder so weit in die Wirklichkeit zurück, dass er auch Neumann wahrnahm.
Mensch Lucas. Antworte verdammt noch mal! Was ist los?, erklang die ärgerliche Stimme in seinem Kopf.
Mist, brachte er hervor. Die Polizei. Ich soll rechts ran fahren.
Fast hatte er das Gefühl, seinen Mentor sehen zu können, wie dieser mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade in eine besonders große Zitrone gebissen, die Augen schloss.
Och nee, stöhnte Neumann. Aber anhalten musst du. Alles andere macht es noch schlimmer.
Aber was mach ich denn dann?, fragte Lucas mit einem Anflug von Beunruhigung.
Du zeigst ihm den Führerschein, bereust, was auch immer sie dir zur Last legen. Was …
Führerschein?! Ich hab doch keinen Führerschein, stammelte Lucas – nun ernsthaft panisch.
Oh, schh…ade, stimmt ja. Aber … kannst du mich noch … nachmachen?
Ja klar, dachte Lucas erleichtert und konzentrierte sich, während er anhielt.
»Na det war ja wohl schon fast kirschgrün«, sagte der Polizist, der inzwischen an den auf dem Motorrad sitzenden Lucas herangetreten war. »Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.«
»Ja, äh, Moment«, sagte dieser. Er begann, seinen Rucksack abzunehmen.
»Und erstma schön absteijen und den Helm abnehmen, wenn’s recht is«, forderte der Ordnungshüter.
»Ähm, okay ...«
Lucas verhaspelte sich während seiner Antwort in seinen Bewegungen und wäre fast zusammen mit dem Motorrad umgefallen.
»He, he. Nu ma langsam mit die jungen Pferde. Hamse etwa wat jetrunken?«, rief der Mann in grün. Er beäugte den Mann vor sich kritisch.
Lucas, der es doch geschafft hatte, den Seitenständer auszuklappen und abzusteigen, machte große Augen. Beschwichtigend hob er die Hände.
»Nein – nein, Herr … äh Wachtmeister.«
»Polizeiobermeister Kraft«, sagte sein Gegenüber nun in eindeutig schärferem Tonfall. »Und jetz Helm ab!«
Lucas, der das Gefühl hatte, dass Neumann bei jedem Lapsus, der ihm unterlief, gequält aufstöhnte, zwang sich zur Ruhe. Seine im letzten halben Jahr gewachsene Menschenkenntnis sagte ihm, dass diese Situation an einem Punkt angekommen war, wo sie jeden Moment kippen konnte. Wenn er Pech hatte, geschah das Kippen in eine Richtung, die bedeuten mochte, dass er zumindest den Rest des Tages auf einem Polizeirevier verbrachte.
Er nahm vorsichtig seinen Helm ab und sagte in einem möglichst ernsten Tonfall: »Entschuldigen Sie bitte, Herr Polizeiobermeister. Es ist das erste Mal, dass mir sowas passiert ist. Deshalb bin ich auch etwas aufgeregt.«
Der kritische Blick, mit den POM Kraft Lucas musterte, wurde ein wenig milder.
»Na denn zeigense jetz mal die Papiere.«
Lucas förderte aus den Tiefen des Rucksacks Neumanns Brieftasche zutage. Innerlich betete er dabei, dass er ohne Hilfe herausfinden würde, was der Führerschein und die Fahrzeugpapiere waren. Wenn er das nicht zustande brächte, dann würde der Polizist sicherlich an seinem Geisteszustand zweifeln, und ihm wäre eine Freifahrt in der Grünen Minna sicher. Zum Glück war beides gut zu erkennen. Lucas händigte Kraft die Papiere aus, der damit langsam um das Motorrad herumwanderte und anscheinend Angaben verglich. Dann kam er wieder auf Lucas zu und reichte sie ihm zurück.
»Nettet Maschinchen hamse da. Jeht bestimmt ab, wie Schmidts Katze«, sagte der Polizist im Plauderton.
Bevor Lucas antworten konnte, erklang Neumanns Stimme: Vorsicht! Stimm dem jetzt bloß nicht zu. Der will dich aufs Glatteis führen.
Froh über diese Schützenhilfe antwortete Lucas: »Och, na ja. Ist ja nicht so, als ob man das in der Stadt bräuchte. Aber es ist schön, zu wissen, dass ich könnte, wenn ich dürfte.«
Kraft ließ seinen Blick noch einen Moment auf Lucas ruhen, wie um ihn damit zu durchleuchten. »Wartense mal«, sagte er, ging zu seinem Fahrzeug und kam mit einer Apparatur zurück, die auf einer Seite ein Mundstück hatte. »Ich glaub’s zwar nich, aber der Ordnung halber pustense mal bitte hier rein.«
Lucas tat es. Der Polizist besah sich das Ergebnis.
»Na denn hat det wohl allet jestimmt, wat se jesacht ham. Okay, da lass ick mal Gnade vor Recht ergehen. Jute Fahrt. Aber sehn se zu, dass det nich nochmal passiert, sonst jibt et doch noch Punkte.«
Lucas verabschiedete sich, stieg wieder auf das Motorrad und startete den Motor. Im Losfahren hörte er auf einmal ein Geräusch, das ihn fast dazu brachte, gleich wieder anzuhalten. Aber dann erkannte er, dass es nur Neumann war, der lachte.
Was is‘n los?, fragte er ihn.
Einen Moment Gelächter später kam es von diesem zurück: Na stell dir mal vor. Ich fahr seit ungefähr fünfzehn Jahren Motorrad. Jetzt hätte ich fast mein erstes Ticket von der Polizei bekommen, obwohl ich es gar nicht war.
Stimmt, bemerkte Lucas und musste auch lachen. Das ist echt ziemlich seltsam.
Es dauerte nicht mehr lange, bis sie beim Loft angekommen waren. Lucas betätigte zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen den Öffnungsmechanismus. Dieses Mal wirkte das alles schon wie Routine. Oben angekommen, parkte er die Maschine auf dem dafür vorgesehenen Platz, legte den Helm auf ein Regal und ging durch die Eingangstür in die Wohnung. Sie kam ihm zwar immer noch riesengroß, aber nicht mehr so geheimnisvoll vor. Es war fast, als käme er nach Hause.
Okay, was nu?
Jetzt holst du dir erst mal ne Cola aus dem Kühlschrank. Du brauchst bestimmt ne Erfrischung.
Ja, Papa, dachte Lucas. Er musste schmunzeln. Aber gleichwohl ging er in den offenen Küchenbereich und holte sich ein kaltes Getränk, mit dem er sich auf den Küchenboden setzen wollte.
Nee, lass uns mal besser nach oben ins Schlafzimmer gehen, merkte sein Lehrer an. Keine Angst. Da befindet sich nichts, was nicht auch für deine Augen geeignet wäre.
Lucas setzte sich in Richtung Schlafzimmer in Bewegung. Im Nachhinein kamen ihm die Vorbehalte, die er gestern noch gehabt hatte, ein wenig kindisch vor. Trotzdem war er froh darüber, nun eine offizielle Einladung erhalten zu haben. Lucas erklomm die Treppe, ging vorbei an den im Büro herumstehenden Computern und schob die Tür zum Schlafbereich beiseite. Was er dort sah, überraschte ihn einigermaßen, denn das Interieur dort vermittelte den Eindruck, sich mitten in einer flauschigen Wolke aufzuhalten. Alles war in Weißtönen gehalten. Nirgendwo waren Ecken oder Kanten zu finden. Bei dem, was er bisher von Neumann kennengelernt hatte, wäre Lucas weniger verwundert gewesen, wenn sich hier eine Art Höhle befunden hätte.
Setz dich am besten aufs Bett. Und dann hol bitte nochmal das Buch raus, dachte der Ältere. Wir sollten erst noch einmal schauen, ob da drin mehr steht, als wir schon gefunden haben.
Lucas blätterte es an der Stelle auf, die er sich gemerkt hatte, und suchte nach zusätzlichen Informationen oder Vorsichtsmaßnahmen, fand aber nichts.
Vom Buch aufblickend, dachte er: Sollen wir’s probieren? Ich meine, immer vorausgesetzt ich bin tatsächlich so ein Heiler, dann müsste ich es doch hinbekommen, dich wieder in einem Stück und ohne die Verletzung wieder aus mir rauszulassen. Und wenn nicht …
Dann können wir daran auch nichts ändern, beendete Neumann den Satz.
Lucas holte tief Luft, schloss die Augen und ließ sie langsam wieder entweichen. Während er spürte, wie sich Ruhe in ihm ausbreitete, begann er, sich darauf zu konzentrieren, die Bestandteile seines Mentors in sich zu suchen. Er ließ sich Zeit, denn er wollte nicht wieder so ein Desaster wie mit Ines erleben. Als er meinte, alles eingesammelt zu haben, sah er vor seinem inneren Auge die Gestalt Neumanns entstehen. Dann vertiefte Lucas seine Konzentration und schritt im Geist um ihn herum. Es schien alles da zu sein. Eine Verletzung am Fuß oder anderswo war allerdings nicht zu erkennen.
Bereit oder nicht – jetzt geht’s los, dachte er und leitete die Herauslösung ein. Nach einem kurzen unangenehmen Moment, in dem er sich fühlte, als ob er sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb seines Körpers befände, spürte Lucas einen Kontakt verlorengehen. Voller ängstlicher Vorahnungen öffnete Lucas die Augen und erblickte eine Gestalt neben sich auf dem Bett. Als diese sich nicht rührte, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Hatte er vielleicht schon wieder etwas in sich vergessen? Oder hatte er Neumann, bei dem Versuch, ihn unversehrt herauszulösen, womöglich …?
Ein leises Stöhnen durchbrach die Stille und beendete damit Lucas‘ Befürchtungen.
Ray?, dachte er. Dann fiel ihm ein, dass ihn ja so niemand mehr hören konnte und er setzte zu sprechen an.
»Ray? Alles klar?«
Einen weiteren bangen Moment lang bekam Lucas keine Antwort. Dann jedoch regte sich die Gestalt seines Lehrers, und er murmelte: »Oh, verdammt ist das komisch, plötzlich wieder selbst etwas zu sehen, hören und fühlen. Ich hab dir zuerst ein paar Mal in Gedanken geantwortet, bevor ich geschnallt habe, dass da nicht mehr klappt.«
Zutiefst erleichtert atmete Lucas auf.
»Und? Hast du Schmerzen? Brauchst du irgendwas?«, fragte er.
»Ja. Ein halbes Schwein auf Toast«, kam es von Neumann prompt zurück. »Mann, hab ich nen Kohldampf – na ja, kein Wunder nach fast drei Tagen.«
Lucas blickte seinen Mentor verwundert an, dann brachen beide in ein erleichtertes Gelächter aus und fielen sich in die Arme. Eine Weile später ging Lucas nach unten in die Küche. Von dort holte er verschiedene Lebensmittel und Getränke, da Neumann feststellen musste, dass er mit Schwerkraft und Gleichgewicht noch nicht wieder richtig klarkam. So saßen sie dann schweigend auf Neumanns Bett und aßen. Zufällig fiel Lucas‘ Blick dabei auf die Uhr an der Wand. Er schoss hoch.
»Was‘n los?«, wollte der Ältere wissen.
»Ich muss los, sonst komme ich erst nach meiner Mutter wieder zu Hause an!«
»Oh, Mist. Ich kann dich noch nicht fahren. Da würden wir am nächsten Laternenpfahl landen.«
»Dann muss ich jetzt echt los. Kann ja nicht fliegen. Das würde mitten am Tag doch auffallen.«
»Okay, mach’s gut. Bis dann«, sagte Neumann und winkte matt. »Das, was du mir noch erzählen wolltest, kannst du ja morgen nachholen.«
Da fiel Lucas wieder die Tageszeitung ein, die er im Rucksack verstaut hatte. Ein ungutes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit.
»Ähm, ja mach ich«, stammelte er. Dann drehte er sich auf dem Absatz um. Er rannte die Treppe hinunter und aus der Wohnung hinaus. Die ganze Fahrt nach Hause über kämpfte er mit sich, ob er den Artikel sofort lesen sollte, zwang sich dann aber, doch noch zu warten. Er wollte nicht riskieren, eventuell dadurch eine Reaktion seinerseits zu provozieren, die in der Öffentlichkeit seltsam wirken mochte.
Als Lucas schließlich wieder zu Hause ankam, war noch niemand da. Zufrieden und erleichtert holte er sich etwas zu trinken aus dem Kühlschrank und begab sich in sein Zimmer, um endlich zu lesen. Aber dann dauerte es noch eine ganze Weile, ehe er sich tatsächlich dazu aufraffen konnte, die Zeitung herauszuholen und aufzuschlagen. Eigentlich hatte Lucas keine große Lust darauf, dass sein Leben noch komplizierter wurde. Das würde es aber bestimmt werden, wenn er das, was er vorhin überfliegen konnte, richtig gedeutet hatte. Letztendlich machte er sich jedoch klar, dass es nicht zu wissen den Artikel nicht ungeschrieben machte. Seufzend nahm er das Bündel Papier aus dem Rucksack und schlug die erste Seite auf. Überrascht stellte Lucas fest, dass der Artikel dort nicht zu sehen war. Also war es wenigstens nicht die Schlagzeile des Tages. Das war gut, denn dann konnte es sein, dass nur in dieser Zeitung etwas stand und nicht, wie er befürchtet hatte, in allen Lokalzeitungen. Lucas blätterte weiter und fand schließlich auf Seite 5, was er gesucht hatte. Direkt neben einem verwaschen aussehenden Foto, das eine dunkle Gestalt zeigte, die sich in einem Krankenzimmer über ein Bett beugte, war eine Überschrift zu lesen: ‘Dornröschen an Neujahr‘
Berlin. Aus den Klinikum hat uns am Neujahrstag eine Nachricht erreicht, die wohl zu dem Seltsamsten gehört, was das neue Jahrtausend zu bieten hat. Kurz nach Mitternacht wurde dort eine offensichtlich komatöse Patientin eingeliefert. Das Notfallteam tat alles Menschenmögliche, um das Leben des Mädchens, das kurze Zeit am seidenen Faden hing, zu retten. Plötzlich platzte ein unbekannter junger Mann in schwarzer Kleidung in das Krankenzimmer und gab der Schlafenden einen ungestümen Kuss. War dieses Verhalten allein schon dazu geeignet, die Anwesenden in Erstaunen zu versetzen, so lässt das, was als Nächstes geschah, tatsächlich an Wunder und Märchen glauben. Das Mädchen erwachte und konnte bereits wenig später geheilt die Klinik verlassen. Allein der Geistesgegenwart eines anwesenden Pflegers ist es zu verdanken, dass uns diese unglaubliche Geschichte, verbunden mit einigen Fotos, die er selbst mit seinem Handy schoss, überhaupt zur Kenntnis gelangt ist. Das Märchen vom Dornröschen scheint wahr geworden zu sein. Jedoch war es kein Prinz in schimmernder Rüstung, der es wieder zum Leben erweckt hat, sondern ein geheimnisvoller Junge in Schwarz, der genauso schnell wieder verschwand, wie er erschienen war. Wer ist dieser Junge? Und wer das Mädchen? Steckt hinter dieser zauberhaften Episode in der Millenniumsnacht vielleicht mehr, als wir alle ahnen? Leider zeigte sich die Klinikleitung nicht auskunftsbereit, sodass wir unseren Lesern nicht die Informationen liefern können, die sie mit Recht erwarten. Aber sobald uns neue Erkenntnisse im Dornröschen-Fall vorliegen, werden wir Sie umgehend informieren.
Lucas ließ die Zeitung sinken und wusste dabei nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dornröschen-Fall! Das klang ja so, als ob sie Verbrecher wären. Unglaublich. Aber trotzdem war es vielleicht nicht ganz so schlimm, wie es hätte sein können. Immerhin hatten sie keine Namen genannt und das hätten sie bestimmt getan, wenn sie ihnen bekannt gewesen wären. So nach dem Motto: Lucas F. aus B. und Ines B., ebenfalls aus B., wurden dabei beobachtet, als sie …
Nun gut, auch wenn seine schlimmsten Befürchtungen sich nicht verwirklicht hatten, würde er wohl nicht darum herumkommen, mit Ines darüber zu sprechen. Wenn sie nichts wusste, dann könnte sie eine unbedachte Äußerung von jemandem in der Schule oder sonst wo kalt erwischen. Lucas stutzte, als ihm bewusst wurde, dass er zwar heute nicht in der Schule gewesen war, dies jedoch nicht auch auf sie zutreffen musste. Er sprang auf, ließ die Zeitung auf den Boden fallen und lief die Treppe hinunter, um das Telefon zu holen. Unten lief er seiner Mutter in die Arme, die in diesem Moment nach Hause kam.
»Oh, Luky, dir scheint’s ja schon besser zu gehen«, begrüßte sie ihn.
»Hmmm«, brummte Lucas mit einem Lächeln und gab ihr einen flüchtigen Kuss. »Stimmt. Der Tag war, was das angeht, sehr ergiebig.«
Damit ließ er sie stehen und huschte zurück in sein Zimmer, bevor sie noch Fragen darüber stellen konnte, was denn so ergiebig gewesen war. Bereits während des Treppensteigens wählte der Ines‘ Nummer und lauschte gespannt dem Rufzeichen aus dem Hörer. Nach einer ganzen Weile meldete sich eine verschlafen klingende Stimme: »Hmmja? Wer’s da?«
»Ines, bist du’s?«
»Ja, wer is‘n da?«
»Oh gut, hier ist Lucas. Ich wollte nur hören, ob du heute …«

Den Rest bekam Ines nicht mit, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt war, verständnislos das Telefon anzustarren. Das war tatsächlich Lucas am anderen Ende der Leitung, aber er klang vollkommen anders. Fast so, als ob sie ihn am vergangenen Wochenende nicht mehrfach brüskiert hatte.
»… noch dran?«
»Äh wie?«, sagte sie. »Oh, tut mir leid. Ich bin irgendwie total verpennt. Was hattest du gesagt?«
Lucas‘ Stimme antwortete: »Ich wollte dich nur fragen, ob du heute in der Schule warst.«
»Nö. Meine Eltern haben gemeint, ich soll auf jeden Fall noch‘n paar Tage zu Hause bleiben. Die trauen mir wohl nicht ganz. Haben vielleicht Angst, dass ich nochmal zusammenklappe.«
»Aber du weißt doch jetzt, dass …«, begann Lucas.
»Ja, mir ist das klar«,unterbrach Ines ihn. »Aber denkst du, dass ich denen was von dem erzählen kann, was du mir gesagt hast? Die stecken mich doch sofort in die Klapse.«
»Okay. Da hast du natürlich Recht. Aber sag mal, meinst du, dass ich heute irgendwann mal vorbeikommen kann? Ich wollte dir noch was erzählen.«
»Klar. Wann denn?«
»Weiß ja nicht, wann du Zeit hast, aber am besten gleich.«
Ines sah an sich hinunter und musste sich ein Kichern verkneifen, als ihr Blick auf die quietschpinkfarbenen Hauspuschen in Häschenform fiel.

»Lass mir mal ne halbe Stunde Zeit, damit ich mich in einen präsentablen Zustand versetzen kann.«
»Alles klar. Dann also in ner halben Stunde«, sagte Lucas und drückte zufrieden auf die Auflegen-Taste.
Na bitte, das war doch schon mal was. Ines klang eigentlich ganz cool. Wenn das so weiterging, dann würde das Gespräch doch nicht so schwierig ablaufen, wie er befürchtet hatte. Er vertrieb sich die Zeit bis zum Losgehen mit Radiohören. Als im Programm die Lokalnachrichten angekündigt wurden, begann sein Herz, schneller zu schlagen. Nachdem dort aber kein Wort über einen Dornröschen-Fall zu hören war, beruhigte es sich wieder. Eine gute halbe Stunde später klingelte er an Ines‘ Haustür. Fast sofort wurde diese geöffnet.
»Ach, das passt ja. Wollte gerade in der Küche was holen«, bemerkte Ines leichthin, aber Lucas hatte das Gefühl, dass sie bereits dort auf ihn gewartet hatte. Er trat ein, und sie gingen gemeinsam die Treppe hinauf. Oben drehte sich Ines zu ihm um. Sie sah ihn erwartungsvoll und – wie er fand – auch ein wenig ängstlich an.
»Und? Wie geht’s dir«, fragte Ines unvermittelt.
»Oh, ganz gut. Jetzt, wo …«
Lucas brach ab, da ihm einfiel, dass niemand von Neumanns überraschender Auferstehung wissen sollte. Aber galt das auch für Ines? Immerhin war sie ja diejenige gewesen, dank der es Lucas gelungen war, die Katastrophe zu Silvester zu verhindern.
Pulsuz fraqment bitdi.