Kitabı oxu: «BAT Boy»
Überraschung
Ab in die Ferien
Ein Hotel am Meer
Die neue Schule
Warten, nichts als warten
Enthüllung
Ausflug
Die BAT
Brecher
Erklärungen
Nächtlicher Angriff
Auf und davon
Weitukäi?
Man sieht sich oder auch nicht
Allein
Zufälle
Ein Experiment
Weitukäi!
Zufällige Begegnungen
Die erste Verbindung
Erkenntnisse
Bombentransport
Familiengeschichten
Endspiel
Mitternacht
Epilog
Nachwort
Über den Autor
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Überraschung
Ab in die Ferien
Ein Hotel am Meer
Die neue Schule
Warten, nichts als warten
Enthüllung
Ausflug
Die BAT
Brecher
Erklärungen
Nächtlicher Angriff
Auf und davon
Weitukäi?
Man sieht sich oder auch nicht
Allein
Zufälle
Ein Experiment
Weitukäi!
Zufällige Begegnungen
Die erste Verbindung
Erkenntnisse
Bombentransport
Familiengeschichten
Endspiel
Mitternacht
Epilog
Nachwort
Über den Autor
Impressum

Überraschung
Ich jage durch die Schwärze der Nacht.
Ich bin da, und um mich herum sind viele andere.
Zusammen sind wir auf der Suche.
Unsere Schreie zeichnen uns den Weg.
Ein herrliches Gefühl von Freiheit umgibt mich
und durchdringt meinen Körper.
Meine Mutter ist da und flüstert mir etwas zu.
Lucas ...
Sie lächelt mir zu, und ich fühle mich
als hätte ich das ganze Jahr über Geburtstag.
... Geburtstag, Lucas ...
Aber ich habe etwas vergessen – ich wollte etwas tun.
Überraschen wollte ich sie – genau das war es.
Aber jetzt ist es zu spät – es ist zu spät.
Zu spät ...
»... zu spät zum Spiel. Luky, Schätzchen, du musst doch noch deine Geburtstagskerzen auspusten.«

it einem Mal war Lucas wach. Das war es, was er vergessen hatte. Seitdem er sich erinnern konnte, hatten ihm seine Eltern immer einen wunderschönen Geburtstag bereitet. Und nun, nach dreizehn Jahren, hatte Lucas beschlossen, sie mit einem von ihm zubereiteten Frühstück zu überraschen. Er hatte es sich fest vorgenommen, doch jetzt war es zu spät. Er hatte verschlafen, sodass ihm wahrscheinlich nicht einmal genug Zeit blieb, um mit seinen Eltern irgendeine Art von Frühstück zu sich zu nehmen.
Lucas schoss hoch und ... KRACH!! Der Schwung, mit dem er seinen Kopf eben noch angehoben hatte, wurde abrupt von etwas Hartem gebremst. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn.
Stöhnend und sich die Stirn reibend öffnete er die Augen und sah, was ihn aufgehalten hatte. Irgendwie musste er sich in der Nacht im Schlaf gedreht haben, sodass er mit dem Kopf unter dem Bücherbord gelegen hatte, das am Fußende seines Bettes ein Stück herüberragte.
Jetzt bemerkte Lucas auch Betty, seine Mutter. Sie hockte mit einem entsetzten Gesichtsausdruck neben seinem Bett, der zeigte, dass sie sich Vorwürfe machte, ihn aus dem Schlaf geschreckt zu haben.
»Morgen Mam«, murmelte er – immer noch seine Stirn reibend. »Keine Sorge. Ist nichts passiert.«
»Na ja«, kam es von ihr zurück. »Wenn wir heute Fasching hätten, und du dich als Einhorn verkleiden wolltest, dann wäre das wohl wirklich nichts, aber ...«
Er sah sie verständnislos an. Als er sie fragen wollte, was sie meinte, traf sein Blick zufällig den Spiegel Kleiderschrankes. Lucas sah sich im Bett sitzen. Mitten auf seiner Stirn erhob sich eine beachtliche Beule, die gerade dabei war, ihre Farbe von fast weiß in knallrot zu verändern. Nur am oberen Ende – direkt unter dem Haaransatz – befand sich eine immer noch weiße, dreieckige kleine Delle, die von etwas herrühren musste, das sich unter dem Bord befand.
Lucas wollte sich das Bord von unten betrachten, um herauszufinden, woher diese Delle stammen mochte. Aber sobald er sich nach vorn beugte, kehrte der Schmerz spontan wieder. Ihm wurde fast schwarz vor Augen.
Betty fing ihn auf und bugsierte ihn vorsichtig zurück ins Bett. Lucas setzte an, zu protestieren.
»Aber Mam, das Spiel, die Kerzen, ich ...«
»Papperlapapp«, schnitt sie ihm das Wort ab. »Du bleibst erst mal kurz liegen und machst die Augen zu. Ich bin gleich mit einem Eisbeutel zurück.«
»Aber wie komme ich denn zum Spiel? Ich habe doch versprochen, dabei zu sein.«
»Papa fährt dich hin. So spät ist es ja noch gar nicht. Deine Kerzen kannst du auch noch auspusten, wenn du wieder hier bist. Und jetzt: Sitz, Platz und Aus!«
Das sagte sie immer dann, wenn sie keine Widerrede duldete. Sie war in einer eher ländlichen Gegend aufgewachsen und ihre Eltern hatten zwei Schäferhunde gehabt – hatten sie eigentlich immer noch. Wie hießen die beiden noch mal? Luchs und ... Seine Gedanken drifteten ab.
Er war fast dabei, wieder einzuschlafen, als seine Mutter mit dem Eisbeutel auftauchte. Die Kälte erzeugte zwar zuerst erneut Schmerzen, aber dann war es richtig angenehm.
»Wo ist eigentlich Paps?«, fragte Lucas, während er den Beutel auf seine Stirn drückte.
»Der disponiert gerade um. Er bringt den Kuchen nach oben – und dein Geschenk.«
In diesem Moment hörte man auch schon jemanden die Treppe hochsteigen. Es klang, als wäre dieser Jemand recht schwer beladen.
Unter einigem Ächzen und leisem Fluchen kam sein Vater Paul ins Zimmer. Bei dem, was er trug, stellte dies geradezu eine zirkusreife Nummer dar: Unter dem einen Arm klemmte ein nur notdürftig zusammengeklapptes Teleskop. Auf der anderen Hand balancierte er einen Teller mit der Geburtstagstorte.
Das war ein Anblick, bei dem Lucas spontan grinsen musste, denn er stellte sich vor, wie sein Vater damit die Treppe heraufgekommen war.
Seine Mutter war über dieses Schauspiel allerdings weniger erfreut. Sie rief stirnrunzelnd: »Sag mal Paul, wäre es nicht besser gewesen, wenn du den Tisch gleich auch noch mit hochgebracht hättest? Vielleicht hättest du den ja auf dem Kopf tragen können. Also mal im Ernst: Muss das denn sein? Ich habe mir solche Mühe mit der Torte gegeben, und du riskierst, dass sie bei dieser Aktion runterfällt.«
»Na ja Schatz, du kennst mich doch. Lieber ein bisschen anstrengen, statt zwei Mal zu laufen.« Paul grinste verlegen und zwinkerte Lucas dabei mit einem Auge zu.
Der hatte allerdings nur noch Augen für das Teleskop. Es war von beachtlicher Größe. Wenn man es recht bedachte, so schien es fast unmöglich, dass man es sich einfach unter den Arm klemmen konnte. Es musste eine Brennweite von mindestens 900 mm haben.
Lucas war Hobby-Astronom, was allerdings ohne eigenes Teleskop recht schwierig war. Er hatte sich daher darauf verlegt, das meiste in Büchern nachzuschlagen und hin und wieder in der Sternwarte vorbeizuschauen, um die Sterne mal live erleben zu können. Aber nun ...
»Cool, Paps. Ich wette, damit kann man sogar das Auge des Jupiters erkennen«, sagte er.
»So weit hinaus willst du?«, fragte Paul. »Ich dachte, fürs Erste reicht das neue Haus um die Ecke. Die Leute sind gerade eingezogen und da ist doch so eine süße ... Auu.«
Ein Rippenstoß seiner Frau hatte ihn gestoppt. Was folgte, war eine der gutmütigen Kabbeleien, die im Haus der Frankes an der Tagesordnung waren. Lucas nahm diesmal nicht aktiv daran teil, sondern lehnte sich zurück und genoss still das Geplänkel seiner Eltern, das er so liebte. Sie warfen sich scheinbar todernste Argumente an den Kopf, verloren dabei aber nie das belustigte Glitzern in den Augen.
Dann fiel sein Blick auf die Uhr. Er stellte fest, dass er sich nun besser fertig machen sollte, wenn er es noch zum Spiel schaffen wollte.
Bei dem Spiel handelte es sich immerhin um das Semifinale im Berliner Schul-Football, an dem die Mannschaft seiner Schule teilnahm.
Nicht, dass er in diesem Team etwas zu suchen gehabt hätte. Er war nicht unbedingt der sportliche Typ: zwar recht groß, aber eher dünn und schlaksig. Er hatte Ausdauer, doch fehlte es ihm an der Art Killerinstinkt, der es den Sportlern in seiner Klasse ermöglichte, an oder über ihre Grenzen zu gehen, um die Punkte zu holen, die sie brauchten. Allerdings war er passionierter Zuschauer und feuerte seine Klassenkameraden an so oft es ihm möglich war.
Diesmal konnten sie es wirklich gebrauchen, denn sie waren noch nie so weit gekommen, und der Gegner war der Meister der letzten drei Jahre.
Also machte er sich fertig. Dann kühlte Lucas noch einmal seine Stirn, während er darauf wartete, dass sein Vater den Wagen aus der Garage holte.
Die Fahrt zum Stadion dauerte eine Weile. Also hatte er noch Gelegenheit, die Augen zu schließen und seinen Schmerzen beim Abklingen zu helfen. Als Paul ihn besorgt ansprach, erwiderte er nur, dass er schließlich seine Kräfte beisammenhalten müsste. Dann waren sie da.
Sein Vater verabschiedete sich von Lucas und fuhr nach Hause – nicht ohne vorher noch einmal einen prüfenden Blick auf die Beule zu werfen. Diese war jedoch durch das Kühlen nicht so extrem gewachsen, wie es erst den Anschein gehabt hatte.
Lucas winkte kurz. Dann wandte er sich in Richtung der Kabinen. Er wollte seine Freunde vor dem Spiel treffen, denn zwischen den vielen Zuschauern rund um das Feld würde er später sicherlich nicht erkannt werden. Er trat durch die Tür und sofort gab es ein großes Hallo über seine "Kopfverletzung". Alle hatten den einen oder anderen Scherz auf seine Kosten parat.
Nur Erik, sein ältester Freund, verschonte ihn damit, wofür Lucas ihm dankbar war, denn durch das ganze Gejohle kehrten seine Kopfschmerzen wieder zurück. Erik fragte ihn nur, ob alles in Ordnung sei. Als Lucas dies bejahte, musterte er ihn noch einmal und drückte ihm dann ein Coldpack aus dem Erste-Hilfe-Kasten in die Hand.
Während Lucas, nun wieder seine Beule kühlend, den Weg zu seinem Platz einschlug, musste er an Erik denken.
Als Person war dieser von einem krassen Gegensatz geprägt: Er hatte ein eher rundes Gesicht mit vielen Sommersprossen, das normalerweise von einer Nickelbrille geziert wurde. Seine rotblonden Haare waren glatt nach unten gekämmt und vermittelten den Eindruck, dass er seine Frisur durch einen auf den Kopf gestülpten Topf erhielt, um dessen Rand einfach herumgeschnitten wurde. Wen dieser Anblick jedoch dazu verleitete, auf dem vermeintlichen Muttersöhnchen herumzuhacken, der konnte schnell sein blaues Wunder erleben. Als amtierender Jugendmeister seiner Gewichtsklasse im Karate wusste Erik, seine zweifellos vorhandene Kraft auch entsprechend einzusetzen. Darüber hinaus war er auch noch einer der besten Schüler in der Klasse. Vielleicht war es gerade diede Tatsache, dass er seine Fähigkeiten nicht – wie so viele seiner Altersgenossen – quasi auf einem Schild vor sich hertrug, die ihn Lucas so sympathisch machte.
Schließlich war er auf seinem Stammplatz unten direkt am Feld auf Höhe der 50-Yard-Linie angekommen. Mit einem leisen Seufzer ließ er sich auf die Bank fallen.
Die meisten Umsitzenden musterten nur kurz seine Beule, bedachten ihn mit der einen oder anderen Aufmunterung. Dann wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spielfeld zu, denn dort fand gerade der Einmarsch statt. Es handelte sich zu einem großen Teil um die Freundinnen der Spieler seiner Schulmannschaft oder um nicht eingesetzte Cheerleader.
Nur Ines, ein Mädchen aus seiner Klasse, stand von ihrem Platz auf und setzte sich neben ihn.
»Hey, was hast du denn gemacht? Das sieht ja finster aus.«
»Alles halb so schlimm«, sagte Lucas in dem Versuch, neben all den Athleten auf dem Spielfeld möglichst nicht allzu uncool zu wirken. »Hab beim Aufstehen mein Bücherregal mitgenommen …«
Der Anflug von Coolness, der ihn gerade noch umgeben hatte, schwand mit einem Mal, und er kam sich ziemlich dumm vor.
Zu seiner Überraschung fing Ines nicht laut zu lachen an, was ihm angesichts des eben Gesagten durchaus legitim vorgekommen wäre. Sie grinste nur kurz und sagte: »Dein Zimmer scheint ja eine interessante Aufteilung zu haben.«
Sie stand wieder auf und setzte sich zurück zu ihrer Freundin, mit der sie das Spiel ansah.
Lucas sah ihr nach und ärgerte sich über sich selbst. Von allem, was er vielleicht hätte sagen können, war ihm spontan das Dämlichste eingefallen, was man sich vorstellen konnte. Und selbst dann hätte er noch …
Ein Aufschrei der Menge unterbrach seine Gedanken. Er wandte sich schnell dem Spielfeld zu, auf dem seine Leute gerade dabei waren, einen Touchdown zu machen.
Das Spiel brachte ihn schnell auf andere Gedanken, da eine packende Szene die nächste jagte, sodass er automatisch voll in seiner Rolle als Fan aufging.
Das erste Quarter war fast vorüber, als die Kopfschmerzen anfingen.
So etwas hatte er noch nie erlebt. Es war nicht die Art von Kopfschmerzen, die er bisher kennengelernt hatte: dumpf dröhnend oder hin und wieder auch mal ein kurzes Stechen. Nein, es war, als ob glühende Blitze zwischen seinen Ohren hin und her fegten. Er glaubte fast, den Schmerz regelrecht hören zu können, während dieser sich zischend einen Weg durch sein Gehirn bahnte.
Lucas sank leicht auf seinem Sitz zusammen. Nach kurzer Zeit meinte er, einen Zusammenhang ausmachen zu können: Die Schmerzen schienen immer aus der Richtung zu kommen, wo am lautesten geschrien oder geklatscht wurde. Als Erik – er erkannte ihn nur noch undeutlich durch einen Schleier aus Tränen, die ihm mittlerweile über das Gesicht liefen – dann einen weiteren Touchdown erzielte, und die um ihn herum Sitzenden schreiend aufsprangen, wurde ihm kurz schwarz vor Augen.
Lucas sprang auf und rannte rücksichtslos auf den nächsten Ausgang zu, nicht auf die verständnislosen Blicke der anderen achtend. Schließlich war er aus dem Stadion heraus. Dort hockte Lucas sich japsend an eine Mauer. Er presste beide Hände fest auf die Ohren. Plötzlich verschwanden die Schmerzen so abrupt, wie sie gekommen waren. Er sah sich um und stellte erleichtert fest, dass wohl niemand das seltsame Schauspiel beobachtet hatte.
Lucas erhob sich vom Boden und trottete langsam auf den Ausgang zu. Er entschied sich dazu, den anderen später zu erzählen, was vorgefallen war. Nach kurzem Suchen fand er eine Telefonzelle und rief seine Eltern an. Er erzählte ihnen zwar nichts von den seltsamen Schmerzen, bat aber darum, dass Paul ihn abholte, da ihn das Spiel aufgrund seiner Beule doch zu sehr anstrengte.
»Das war vernünftig von dir«, sagte Paul, als er ihm half, ins Auto einzusteigen.
»Vernünftig? Wieso?«, wollte Lucas wissen.
»Du siehst aus wie ein Teller bunte Knete. Ich finde es gut, dass du es nicht übertrieben hast und wir dich vielleicht noch aus dem Krankenhaus hätten holen müssen.«
»Also Paps, jetzt übertreibst du aber«, sagte Lucas, musste dabei aber daran denken, wie knapp das wohl wirklich gewesen war.
Jetzt fühlte er sich eigentlich schon wieder richtig gut, nur dass Paul das Autoradio so laut aufgedreht hatte, störte ihn ein wenig. Lucas wollte seinen Vater schon darauf ansprechen. Als er aber aus dem Augenwinkel heraus den Regler am Radio sah, stellte er fest, dass dieser sogar niedriger als sonst eingestellt war. Also ließ er die Frage bleiben, wunderte sich aber trotzdem darüber, warum er die Lautstärke als nervtötend empfand.
Zu Hause angekommen stiegen sie beide aus dem Wagen. Lucas bemerkte sofort einen unverkennbaren Geruch, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
»Sag mal, hat Mam etwa Ente zum Essen gemacht?«, wollte er wissen.
»Kann sein«, antwortete sein Vater achselzuckend. Er sog hörbar die Luft durch die Nase ein schüttelte dann aber den Kopf.
Lucas hatte sich nicht getäuscht. Als sie die Tür öffneten, duftete es im ganzen Haus nach Entenbraten. Sie setzten sich direkt an den Tisch, wo bereits das restliche Essen darauf wartete, auf die Teller verteilt zu werden. Schließlich kam auch das Hauptgericht; fein zerteilt auf einer großen Platte.
Lucas nahm sich eine Keule. Als er sie auf seinen Teller legen wollte, hatte er das Gefühl, zum ersten Mal in seinem Leben zu sehen, wie wunderschön gebratenes Fleisch aussieht. Es changierte in den herrlichsten Brauntönen. Dann stieg ihm der wundervolle, würzig-aromatische Duft in die Nase. Hatte er schon jemals etwas so unglaublich Gutes gerochen?
Er konnte sich nicht beherrschen. Anstatt die Keule wie alle anderen auf seinen Teller zu legen, biss er herzhaft hinein. Was dann geschah, hätte Lucas nie erwartet. Das feine Aroma von herrlich aufeinander abgestimmten Kräutern, Salz und sogar einem Hauch von Karamell explodierte förmlich auf seiner Zunge und ließ ihn wohlig aufstöhnen.
»Wow, Mam«, entfuhr es ihm. »Sowas Köstliches habe ich noch nie gegessen. Ist das ein neues Rezept?«
Im Raum herrschte Stille.
Lucas öffnete die Augen und bemerkte dabei überhaupt erst, dass er sie geschlossen gehabt hatte. Er sah seine Eltern an, die ihn ihrerseits mit einem erstaunten Gesichtsausdruck anstarrten.
Dann fing Betty an zu prusten. Als Lucas bewusst wurde, wie seine Aktion von eben auf sie gewirkt haben musste, da konnte auch er nicht mehr an sich halten. Zusammen lachten sie, bis ihnen die Tränen kamen.
Danach nahm sich jeder etwas Ente und begann zu essen. Während des Essens unterhielten sie sich über das Spiel und das, was für den heutigen Tag noch geplant war.
Lucas bekam von der Unterhaltung jedoch nicht besonders viel mit. Er musste sich immer wieder daran hindern, angesichts der verschiedenen Speisen in ähnliche Entzückensschreie auszubrechen, wie es ihm bei dem ersten Stück Ente passiert war. Als sie alle genug gegessen hatten, sagte er seinen Eltern, dass er sich doch einen Moment aufs Ohr legen würde, denn er fühlte sich ziemlich kaputt.
Oben in seinem Zimmer angekommen öffnete er das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Außerdem mochte er es, ein wenig zu dösen, während draußen im Garten die Vögel zwitscherten.
Er legte sich auf sein Bett und schloss die Augen – nur um sie kurze Zeit später wieder zu öffnen und das Fenster zu schließen. Die Vögel gaben sich heute wirklich alle Mühe. Man hatte glatt das Gefühl, sie hätten sich allesamt dazu verabredet, auf dem Apfelbaum, der neben seinem Fenster stand, ein Konzert zu geben. Oder lag es an seinen Ohren? Immerhin hatte ihm ja auch das Geschrei im Stadion sehr zu schaffen gemacht.
Lucas zuckte hilflos mit den Schultern, bevor er sich wieder hinlegte. Aber zum Schlafen war es viel zu hell im Zimmer. Das hatte ihn doch sonst nie gestört. Hatte er es neuerdings nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Augen? Mit einem weiteren Schulterzucken ließ er die Jalousie herunter, legte sich in seinem nun stockfinsteren Zimmer zufrieden aufs Bett und versank schnell in tiefen Schlaf.

Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er durch ein heftiges Hämmern an seiner Tür geweckt wurde. Herein kam Betty, die fast sofort gegen etwas stieß und mit einem leisen Fluch stehen blieb.
»Junge«, rief sie. »Hier ist es ja total dunkel. Wie hast du denn ohne Licht in dein Bett gefunden?«
»Weiß nich«, murmelte Lucas. »Hab einfach einen Fuß vor den anderen gesetzt. Warum weckst du mich den jetzt überhaupt schon? Und warum hast du fast die Tür eingeschlagen?«
»Ich hab doch bloß ganz leise geklopft. Und wieso schon? Du hast immerhin drei Stunden geschlafen. Es ist jetzt Kaffeezeit, und Onkel Bert kommt gleich.«
Das weckte Lucas komplett. Onkel Bert, das bedeutete, dass auch Tante Susi und – viel schlimmer noch – Kevin bald da sein würden. Bert war nicht wirklich sein Onkel. Er war ein alter Schulkamerad seines Vaters, der aber in all seiner Liebenswürdigkeit ein derart einnehmendes Wesen hatte, dass man ihm einfach nichts abschlagen konnte. Aus diesem Grund war es auch zur Gewohnheit geworden, dass er zusammen mit seiner Frau Susann und seinem inzwischen 15-jährigen Sohn Kevin zu jeder Familienfeier kam, und zwar egal ob nun wirklich gefeiert wurde oder nicht. Sie waren alles in allem ziemlich anstrengend. Aber da sie auch immer dann zur Stelle waren, wenn Not am Mann war, wurde meist darüber hinweg gesehen, dass sie sich selbst einzuladen pflegten.
Nur heute hätte Lucas wirklich auf sie verzichten können. Er konnte sich schon ungefähr vorstellen, was ihm Kevin, der sich genauso gern reden hörte wie Thomas Gottschalk, heute für Weisheiten zum Besten geben würde. Kevin hatte nämlich ein zu seiner gewinnenden Art passendes ansprechendes Äußeres, was ihn zu einem Mädchenschwarm machte. Er wurde auch nicht müde, seine manchmal etwas minderbemittelten Mitmenschen an seinem Know-how teilhaben zu lassen.
Und da klingelte es auch schon an der Tür. Lucas seufzte und machte sich zusammen mit seiner Mutter auf den Weg nach unten, um seine Gäste zu begrüßen. Sie kamen gerade unten an, als Bert wie ein riesiger Tanzbär durch den Eingang gewankt kam und lauthals nach seinem Geburtstagskind rief.
Lucas sagte: »Hallo Onkel Bert.«
Daraufhin wurde er in seiner Bärenumarmung gefangen. Als das beendet war, hörte Lucas schon die spitze Stimme von Susann, die ihn »ihren Süßen« nannte. Bei ihrem Ausruf zuckte Lucas unwillkürlich zusammen, denn die Worte trafen ihn wie Messerstiche – die Kopfschmerzen hatten wieder angefangen.
Susann stockte kurz – wahrscheinlich hatte sie sein Zucken mitbekommen – kam dann jedoch schnell zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, wobei sie die Beule bemerkte. Nach einer kurzen Aufmunterung ließ sie ihn mit Kevin allein und murmelte dabei verschwörerisch grinsend etwas von »Jungsangelegenheiten«.
»Hallo Alter, Leben noch frisch?«, begrüßte ihn Kevin.
»Kann nicht besser klagen«, antwortete Lucas.
»Du siehst echt übel aus mit dem Ding da.«
»Ja, ich weiß, das habe ich heute schon von mehreren Leuten gehört.«
»Waren auch Mädels dabei? Da hättest du dich doch mal ordentlich trösten lassen können.«
»Ja klar, aber das mit dem Trösten hat leider nicht geklappt, weil …«
»Ich glaube, du machst da was falsch. Du musst einfach …«
Und schon war Kevin voll in seinem Element. Er erklärte Lucas in allen Einzelheiten, wie man eine solche Situation ausnutzen sollte. Darüber verging die Zeit, bis der Kuchen auf dem Tisch stand. Sie setzten sich alle an den Terrassentisch. Nun wurden erneut die Kerzen auf Lucas’ Geburtstagstorte entzündet, damit er sie ausblasen konnte.
Er schaffte es auch mit einem Zug, aber als danach von allen Anwesenden auf Berts Drängen hin ein Geburtstagsständchen gesungen wurde, passierte es: Durch das Dröhnen von Berts Bass zur Linken und Susanns Falsett von rechts kamen die Kopfschmerzen mit einer solchen Wucht wieder, dass Lucas erneut schwarz vor Augen wurde. Aber diesmal verlor er dabei das Gleichgewicht und kippte nach hinten.
Das Nächste, was er sah, waren die ängstlichen Gesichter der vier Erwachsenen, die sich über ihn beugten. Sie hatten ihn inzwischen auf die Couch im Wohnzimmer gebracht und ihm einen kalten Lappen auf die Stirn gelegt. Als er sich bewegte, glätteten sich ihre Sorgenfalten.
»Sag mal Luky, was machst du denn da für Sachen?«, fragte ihn Betty besorgt.
»Wieso, was war denn?«, fragte Lucas noch etwas desorientiert zurück.
»Du bist umgekippt, als wir dein Geburtstagsständchen gesungen haben«, sagte Paul, der neben Betty an der Couch hockte. »Du hast uns einen mächtigen Schrecken eingejagt.«
»Hmmja, komisch. Weiß auch nicht so genau, wieso, aber plötzlich ist, mir schwindlig geworden«, murmelte Lucas nachdenklich.
»Aber nu is ja wieder alles klar oder siehst du mich doppelt?«, dröhnte Onkel Bert von hinten.
Lucas musste unwillkürlich über die unerschütterliche Leichtigkeit des Daseins, wie es in Berts Welt nun einmal der Fall war, grinsen – auch wenn er es bevorzugt hätte, dass dieser nicht so sehr brüllen würde. Oder waren es wieder nur seine eigenen Ohren, die es so wahrnahmen?
Die Umstehenden nahmen sein Grinsen erleichtert als Zeichen seiner Besserung zur Kenntnis. Also gingen Lucas und Kevin erst einmal hoch in sein Zimmer, um sich die Zeit bis zum Abendessen zu vertreiben. Zuerst spielten sie ein wenig mit seiner Spielekonsole. Hierbei konnte Kevin es mal wieder nicht lassen, seine vorhandene – oder eingebildete – Kenntnis der verschiedenen Spiele in Form von mehr oder weniger hilfreichen Zwischenrufen während Lucas’ Spielzügen kundzutun.
Schließlich verlor jedoch Kevin die Lust am Spielen und fragte Lucas: »Was hast’n eigentlich eingefahren?«
»Geschenke ... zum Geburtstag«, fügte er aufgrund des fragenden Ausdrucks auf Lucas’ Gesicht hinzu.
»Ach so«, sagte dieser. »Hier, das Teleskop«, ergänzte er – wohl wissend, dass dies den guten Kevin kaum von den Füßen reißen würde. Der stand eher auf die Art von Geschenken, die einen Knopf zum Einschalten hatten.
»Oh, ah ja«, kam es auch prompt von Kevin zurück. »Nettes Ding. Is für deine Astrologie, oder?«
»-nomie«, verbesserte ihn Lucas automatisch, obwohl er es hätte wissen sollen, dass sich daraus vermutlich eine völlig sinnlose Diskussion ergeben würde. Er war es nur inzwischen so leid, von Leuten, die gar nicht wussten, worum es bei seinem Hobby ging, in die Schublade von Horoskopseiten gesteckt zu werden. Und so hatte sein Mund reagiert, bevor sein Verstand ihn hätte abschalten können.
»Hä?«, war dann auch logischerweise Kevins Antwort darauf.
Lucas zögerte kurz, während er abwog, ob es die Sache überhaupt wert wäre, Kevin den Unterschied zwischen Astrologie und Astronomie zu erklären. Aber dann entschied er sich dazu, es doch zu tun, da Kevin es sicherlich nicht akzeptieren würde, wenn er einer Konfrontation aus dem Weg ging. Also stellte er kurz dar, worum es sich bei den beiden Themengebieten handelte.
Kevin hörte sich Lucas’ Worte mit einem jovialen Gesichtsausdruck an, den auch Eltern manchmal aufsetzen, wenn sie ihren Dreijährigen beim mühsamen Erzählen eines Witzes zuhören.
»Na ja, wie auch immer«, gab er schließlich zur Antwort und fingerte am Teleskop herum. »Mit dem Ding kann man also ganz schön weit gucken. Is das nur für den Himmel oder kann man das auch für richtige Beobachtungen benutzen? Ich hab da vorhin beim Kommen so ne niedliche kleine Schnalle gesehen, die sich ein paar Häuser weiter auf dem Balkon gesonnt hat. Vielleicht möchte die uns ja mal was zeigen.« Er grinste und suchte mit dem Teleskop die Umgebung ab.
Eine Welle von Abscheu überkam Lucas, als er dies hörte. Genau genommen war es zwar ungefähr das, was auch Paul scherzhaft heute Morgen angedeutet hatte. Nur aus Kevins Mund klang die Sache so widerlich, dass es Lucas geradezu schüttelte.
In diesem Moment rief Kevin jedoch bereits: »BINGO, die kleine Lady zeigt sich für uns von ihrer besten Seite. Komm und sieh dir das an!«
Lucas sprang von dem Stuhl, auf dem er bis eben noch gesessen hatte. Er war mit einem Satz bei Kevin – allerdings nicht um seinen Fang zu begutachten, wie dieser dachte, sondern um dieser ekligen Vorstellung ein Ende zu machen.
Aber es war schon zu spät: Die abendliche Sonne hatte sich auf der Linse des Teleskops gespiegelt und so das Mädchen, das eben noch auf dem Balkon gelegen hatte, darauf aufmerksam gemacht, was ein paar Häuser weiter vor sich ging. Wüst schimpfend war sie denn auch aufgesprungen und in ihrem Zimmer verschwunden. Lucas hatte sie dabei – auch ohne Teleskop – erkennen können.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube: Es war Ines!
Eine Wut, wie er sie noch nie erlebt hatte, brandete in ihm auf und brach sich ihre Bahn.
Er schrie: »Lass das sein du Schwein!« Dabei gab er Kevin einen heftigen Stoß.
Dieser Stoß hatte allerdings eine Wirkung, die sich Lucas in seiner Wut zwar ausgemalt, aber nicht wirklich beabsichtigt hatte.
Kevin flog quer durchs Zimmer. Er landete mit einem lauten Krachen an der Tür, die durch die Wucht des Aufpralls sofort aufsprang. Er rappelte sich schreiend auf und stolperte die Treppe hinunter zu seinen Eltern. Noch ehe es Lucas überhaupt geschafft hatte, seine Verwunderung über das eben Geschehene zu überwinden und die Treppe ebenfalls hinab zu steigen, hatte Kevin – immer noch schreiend – seine Eltern dazu bewegt, sich anzuziehen und zur Tür hinaus zu gehen.
Als er gerade unten ankam, hörte er nur noch, wie Onkel Bert, in der Haustür stehend, mit seinem Vater sprach.
In einem Tonfall, der zeigte, dass er mit dieser Situation überhaupt nichts anzufangen wusste, sagte er: »Also ich versteh ja jede Menge Spaß, aber ich glaub, euer Sohn hat doch ein Ding weg bekommen, als er gegen das Brett geknallt ist. Ihr solltet den mal untersuchen lassen.«
Die Tür fiel ins Schloss. Seine Eltern drehten sich mit einem völlig verdatterten Gesichtsausdruck zu ihm um.
Lucas wollte es ihnen erklären: Kevin, das Teleskop, das Mädchen – Ines (O mein Gott, Ines!). Aber alles, was er hervorbrachte, war ein undeutliches Gurgeln. Dann war seine Kehle wie zugeschnürt.
Paul brachte ein gequältes Lächeln zustande und sagte: »War wohl doch alles ein bisschen viel. Willst du noch was essen?«
Lucas schüttelte den Kopf.
»Willst du gleich ins Bett?«, fragte Betty.
Lucas nickte. Er drehte sich langsam um und war dabei wieder in sein Zimmer zu gehen, als er seinen Vater murmeln hörte: »Hat wohl ein Ding weg ... Solltet ihn untersuchen lassen … Der spinnt wohl, dieser zahnlose …«
»Paul, halt’s Maul!«, bellte Betty.
Sein Vater machte ein Geräusch wie ein getretener Hund. Lucas fuhr herum. Er starrte seine Eltern an. Beide starrten mit einem Gesichtsausdruck, der gleichzeitig Schreck und Unverständnis widerspiegelte, zurück.
Dann sagte seine Mutter geistesabwesend: »Vielleicht sollten wir jetzt besser alle ins Bett gehen.«
Lucas nickte verstört, drehte sich wieder herum und schlurfte in sein Zimmer. Er fühlte sich zum Umfallen müde – kein Wunder, bei all den seltsamen Dingen, die an diesem Tag geschehen waren. Aber Lucas fand lange Zeit keinen Schlaf, sondern grübelte über das, was er gesehen hatte, nachdem er sich zu seinen Eltern umdrehte. Er fragte sich wieder und wieder, ob er sich nur getäuscht hatte.
Die Augen seiner Mutter – sie hatten nicht belustigt geglitzert.
Ab in die Ferien

ie nächsten Tage verliefen vergleichsweise ereignislos. Lucas’ Eltern erwähnten die Sache mit keinem Wort. Er war ihnen dankbar dafür, denn er hatte wirklich keine Lust die Situation in Gedanken nochmals zu durchleben – ganz zu Schweigen davon, sie Erwachsenen, auch wenn es seine Eltern waren, zu erzählen. Wenn er jedoch in der Schule Ines über den Weg lief, versuchte er meistens möglichst unauffällig zu wirken. Lucas wusste zwar nicht, ob sie ihn damals erkannt hatte, wollte es aber auf keinen Fall zu einer Konfrontation kommen lassen, erst recht nicht in der Schule.
Das Schuljahr neigte sich schließlich seinem Ende zu. Damit würde auch eine der ersten großen Veränderungen in seinem Leben auf Lucas zukommen: der Wechsel an die Oberschule.
Er hatte sich zusammen mit seinen Eltern die eine oder andere Schule angesehen. Sie hatten sich letztendlich zusammen für ein in nicht allzu großer Entfernung gelegenes Gymnasium mit gutem Ruf entschieden. Außer Lucas würden dort auch noch einige seiner bisherigen Klassenkameraden zur Schule gehen, was ihm den Wechsel als nicht so schlimm erscheinen ließ.
Lucas’ Eltern hatten sich für die Sommerferien eine Rundtour durch Italien ausgedacht.
Als Lucas sie darauf ansprach meinte Paul augenzwinkernd: »Na, ist doch wohl klar. Wir wollen unsere Dreisamkeit noch einmal so richtig auskosten. Wer weiß, ob du im nächsten Jahr noch mit Mama und Papa in den Urlaub fahren willst, jetzt wo du ein ‘großer Junge’ bist.«
Lucas sah seinen Vater verständnislos an.
»Dreizehn ist ein wichtiges Alter«, meinte Betty träumerisch.
»Ähm, wieso?«, fragte Lucas.
»Weiß auch nicht«, antwortete sie stirnrunzelnd. »Da war was. Irgendwie bin ich immer der Meinung gewesen, dass es ein besonderes Alter ist.«
»Hat wohl damit zu tun, dass du jetzt ein Teenager bist«, sagte Paul mit feierlicher Miene. »Mein Sohn. Auch wenn du es noch so sehr möchtest. Es führt leider kein Weg daran vorbei, dass du kein Kind mehr bist.«
Lucas wollte etwas entgegnen, aber da prustete Betty schon hinter seinem Rücken los und er konnte nicht anders als mitzulachen.

Dann war es endlich so weit: Direkt nach der Zeugnisausgabe ging Lucas nach Hause und half seinen Eltern bei den letzten Vorbereitungen. Das Auto, mit dem sie die nächsten drei Wochen durch Italien gondeln würden, war schon fertig gepackt. Es ging nun nur noch darum zu überprüfen, ob auch an alles gedacht worden war.
Kurze Zeit später saßen sie alle drei zusammen im Wagen und rollten auf die Autobahn. Das erste große Stück der Fahrt verschlief Lucas auf dem Rücksitz. Er empfand die Lautstärke zwar zunächst als etwas störend. Einen Moment lang wunderte er sich darüber, warum ihm der Lärm nicht schon früher aufgefallen war, aber schließlich übermannte ihn die Monotonie der Autobahn.
Er wachte erst auf, als sie ihren Übernachtungsstopp kurz vor der österreichischen Grenze erreichten. Nach dem Abendessen stellte Lucas zur eigenen Verwunderung fest, dass er schon wieder müde war. Also ging er gleich ins Bett, während sich seine Eltern noch auf einen Drink in die Hotelbar begaben.
Während der folgenden Tage fuhren sie – mal über die Autobahn, mal über Landstraßen – kreuz und quer durch Italien. Mal gab es Kultur und mal Sonnenbaden. Dabei verloren sie jedoch nie ihr eigentliches Ziel aus den Augen: Innerhalb der ersten Woche wollten sie Apulien am Sporn des italienischen Stiefels erreichen. Paul hatte für diese Region zwei Tipps von einem Bekannten erhalten, der dort schon mehrfach Urlaub gemacht hatte. Nummer eins war ein landestypisches Hotel mit Familienanschluss, von dem der Bekannte immer geschwärmt hatte. Als Alternative war noch eine neue traumhafte Anlage direkt am Meer genannt worden.
Dort angekommen mussten sie aber erschreckt feststellen, dass Familienanschluss in diesem Fall wörtlich zu nehmen war: So hätten sie sich unter anderem das Bad mit der Wirtsfamilie teilen müssen, was sowohl Lucas als auch seine Eltern freundlich aber bestimmt ablehnten.
Leider erwies sich auch Plan B als Pleite, denn die neue Anlage war so neu, dass sie noch gar nicht komplett fertiggestellt war. Schließlich saß Lucas zusammen mit seinen Eltern in einer Trattoria und brütete dumpf über einem Stapel Landkarten.
»Es nutzt wohl letztendlich alles nichts«, sagte Paul schließlich. »Ich denke, wir müssen uns eingestehen, dass das ein Reinfall war. Was haltet ihr davon, wenn wir der Küstenstraße noch ein wenig folgen und dann noch durch den Foresta Umbra die Biege wieder hochwärts machen?«
Er wies auf einen Punkt auf der Karte.
»Mit ein bisschen Glück finden wir wenigstens auf dem ‘Teutonengrill’ noch irgendwo ein Zimmer für den Rest des Urlaubs.«
Lucas und Betty blickten missmutig drein, denn ein Urlaub auf den fein parzellierten Stränden der Touristenhochburgen rund um Rimini war nicht unbedingt das, was sie bevorzugten. Nach einigen anderen Überlegungen sahen sie aber ein, dass dies wohl die einzige Möglichkeit sein würde, überhaupt noch etwas vom Urlaub zu haben.
Es war bereits Nachmittag, als sie weiter die Küstenstraße entlang fuhren, auf der Suche nach dem Abzweig in Richtung Norditalien.
Die Landschaft, die an den Fenstern des Wagens vorbeizog, konnte man nur als traumhaft bezeichnen. Als sie aus Vieste gestartet waren, hatten sie sich noch auf Meereshöhe befunden. Jetzt hatte sich die Straße jedoch erhoben und führte an einem Steilhang entlang, sodass man hinter dem üppigen Grün der Wälder das Meer sehen konnte.
Lucas blickte traumverloren auf die schier endlose blaue Fläche, die sich in weiter Ferne am Horizont mit dem Himmel vereinigte. Plötzlich stellte sich jedoch ein Gefühl ein, das zu den sanften Bildern gar nicht passen wollte. Lucas vermutete, dass ihm durch das ständige Gekurve um die Serpentinen mehr und mehr übel wurde.
Was denn noch alles?, fragte er sich in Gedanken. Reicht es nicht, dass ich mit Helligkeit und Lautstärke nicht mehr so gut klarkomme? Muss jetzt auch noch mein Gleichgewichtssinn verrückt spielen?
»Paps, kannst du mal bitte irgendwo anhalten?«, presste er mühsam zwischen den Zähnen hervor, denn er fürchtete nun, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
»Huch, du bist ja ganz grün im Gesicht!«, stellte Betty fest, die sich zu ihm herumgedreht hatte. »Ja, Paul, fahr doch bitte mal rechts ran. Ich müsste nämlich auch mal.«
»Was denn, schon wieder? Dass ihr Frauen immer ständig auf die Toilette gehen müsst ... Wir sind doch gerade erst losgefahren«, entgegnete Paul amüsiert. Als Fahrer machte ihm die Kurverei vermutlich nichts aus.
»Falls es dich interessiert, wir sind schon über eine Stunde unterwegs. Und wenn du schon nicht für mich anhalten willst, dann tu es doch für unser Kind – oder wenigstens für deinen Wagen, damit er nicht mit unserem Mittagessen dekoriert wird!«, schnappte Betty zurück.
»Mann, war doch bloß’n Scherz«, sagte Paul. »Da vorn ist eine Haltebucht.«
Als der Wagen zum Stehen gekommen war, sprangen Lucas und Betty aus dem Wagen und gingen in verschiedene Richtungen.
Lucas stellte spontan fest, dass die Übelkeit – nun, da er nicht mehr in dem schlingernden Wagen saß – merklich nachließ. Er wählte den Weg über die Straße hin zu einer hüfthohen Mauer, die die Grenze zum Abhang darstellte. Er lehnte sich dagegen und atmete tief durch. Dabei ließ er seinen Blick über den Wald und die Küste schweifen. Mit einem Mal entdeckte er etwas, das ihn dazu veranlasste, sich unvermittelt weit über die Steinwand zu beugen, um es genauer sehen zu können.
Mit einem Aufschrei sprang Paul aus dem Wagen und erreichte zusammen mit seiner Mutter die Stelle, wo Lucas sich eben wieder aufrichtete.
»Sag mal, bist du noch ganz richtig im Kopf? Was sollte denn die Aktion?!«, herrschte ihn Paul an.
Aber Lucas drehte sich nur freudestrahlend um und sagte: »Das isses!«
»Was ist was?«, wollte Betty wissen.
»Unser Urlaub!«, jauchzte Lucas. Er wies mit der Hand auf eine schmale Straße, die zwischen den Pinien verschwand und zu einem weiter hinten gelegenen Bauwerk führte, das stark nach einem Hotel aussah.
Ein Hotel am Meer

aul neigte sich ebenfalls über die Mauer und murmelte: »Hmmm, sieht aus, als könntest du recht haben. Wahrscheinlich führt die Straße da hin. Aber vielleicht auch nicht. Meint ihr wirklich, dass wir uns auf den Umweg einlassen sollten? Es ist doch schon ganz schön spät, und wir müssen zusehen, dass ...«
Weiter kam er nicht, denn er hatte sich beim Sprechen wieder aufgerichtet. So erblickte er Lucas und Betty, die beide wie zwei Wackeldackel nickend und grinsend nebeneinander standen.
»Na ja, dann schau mer mal. Wenn’s erst mal was für diese Nacht wird, dann brauchen wir uns wenigstens darum keine Gedanken mehr zu machen.«
Sie stiegen wieder in den Wagen und bogen an der einige hundert Meter weiter einmündenden Straße ab.
Der Begriff Straße schien in diesem Fall allerdings tatsächlich etwas übertrieben zu sein, denn es war eher eine Schotterpiste, die sich hinein in den Pinienwald wand. Als sie langsam anfingen, sich Gedanken darüber zu machen, ob das Abbiegen wirklich so eine gute Idee gewesen war, kamen sie an eine Schranke, die ihnen den Weg versperrte. Dahinter standen zwei Männer, die sie neugierig musterten.
Paul stieg aus und redete auf die beiden ein. Im Versuch, entweder durchgelassen zu werden oder wenigstens eine Information zu bekommen, ob sie auf dem richtigen Weg wären, benutzte er außerdem beide Hände.
Die beiden lächelten und kauderwelschten in ihrem Süditalienisch zurück, wobei sie mindestens ebenso stark mit den Armen in alle möglichen Richtungen wedelten.
Lucas und Betty waren inzwischen ebenfalls ausgestiegen und gesellten sich dazu.
Lucas lauschte eine Weile. Dann fragte er einen der Männer auf Italienisch: »Ist das der Weg zu dem Hotel am Meer, das wir von der Küstenstraße aus sehen konnten?«
Der Angesprochene strahlte Lucas an und nickte eifrig. Er bedeutete seinem Kollegen wortreich, dass er die Schranke öffnen und die Urlauber durchlassen solle.
Währenddessen hatten sich Lucas’ Eltern zu ihm umgedreht. Beide starrten ihn an.
»Du kannst Italienisch?«, fragte Paul.
Lucas fragte sich das in diesem Moment ebenfalls.
Natürlich hatte er nirgendwo Italienisch gelernt. Warum auch? Aber wieso hatte er eben offensichtlich das Richtige gesagt? Ein Blick auf die beiden Italiener, die inzwischen neben der offenen Schranke standen und sie erwartungsvoll anblickten, bestätigte ihm dies. Also sagte er das Erste, was ihm in den Sinn kam.
»Hab ich mal irgendwo im Fernsehen gehört. Scheint ja auch geklappt zu haben«, sagte er achselzuckend und setzte sich wieder ins Auto. Innerlich empfand er die gleiche Fassungslosigkeit, wie seine Eltern sie demonstrierten.
Nach einer kurzen Wegstrecke kamen sie zu einem Parkplatz, wo sie ihren Wagen stehen ließen und zur Rezeption gingen. Dort stellte sich zu Lucas’ Erleichterung heraus, dass der Pförtner durchaus Deutsch verstand und auch sprach. So musste er nicht noch einmal ausprobieren, ob er sich wirklich auf Italienisch unterhalten konnte.
Das Hotel hätten sie sich schöner nicht wünschen können: Mehrere zweistöckige, weiß gekalkte Gebäude waren in unregelmäßigen Abständen in einen Nadelwald an der Steilküste drapiert worden. Das Haupthaus mit Rezeption, Bar, Innenhof und Restaurant befand sich direkt am Rand einer etwa 25 m hohen Klippe. Davor ragten in einiger Entfernung weitere hohe Felsen mitten aus dem azurblauen und kristallklaren Meer. Sie mussten vor langer Zeit einmal davon abgebrochen sein. Einer dieser Felsen sah tatsächlich aus wie ein Tor, durch das man in die fast grenzenlose Weite der Adria blicken konnte. Die Luft war erfüllt vom salzigen Aroma des Meeres und dem würzigen Duft des Waldes. Von überall her drang das Rauschen des Meeres und das Zirpen von Grillen an ihre Ohren.
In Lucas’ Kopf verbanden sich die Eindrücke zu einer Sinfonie aus Farben, Formen, Düften und Klängen, die ihm unfreiwillig Tränen der Rührung in die Augen trieben. Jedoch verströmte die Umgebung eine Ruhe, die nicht danach zu trachten schien, ihn zu überwältigen, sodass er es einfach nur genießen konnte.
Im Restaurant wurde ihnen ein herrliches Abendessen aus Antipasti, verschiedenen Nudelgerichten und frischem Salat serviert. Sie merkten erst jetzt, wie hungrig sie waren, und schlugen sich die Bäuche voll.
Lucas war mittlerweile so an die Geschmacksexplosionen beim Essen gewöhnt, dass es ihm immer leichter fiel, die verzückten Laute, die ihm entweichen wollten, zu unterdrücken.
Als sie im Anschluss auf ihr Zimmer geführt wurden, sahen sie, dass ihr Gepäck bereits dort war. Das Zimmer befand sich in der oberen Etage eines etwas abseits gelegenen Hauses. Zu ihrer großen Freude entdeckten sie außerdem eine riesengroße Dachterrasse, von wo sie einen fantastischen Blick über Baumwipfel und Meer hatten.
Als Lucas später auf seinem Bett lag und durch ein Fenster auf die wunderschöne Landschaft schaute, die draußen allmählich in Schatten versank, fühlte er sich unendlich glücklich und zufrieden. Um auszuschließen, dass dies alles nur ein Traum war, aus dem er wieder erwachen musste, kniff er sich kräftig in die Wange. Der sofort aufflammende Schmerz war definitiv dazu geeignet, ihn in die Wirklichkeit zurückzubringen. Leider verebbte dieser nicht wieder, sondern behielt auch Minuten später eine unangenehme Intensität.
Das kann ich so nicht lassen.
Er stand auf und ging ins Bad, um sich ein feuchtes Handtuch zum Kühlen zu holen. Wenn ihn der Schmerz nicht bereits in die Realität befördert hätte, dann wäre er spätestens beim Blick in den Spiegel dort angelangt. Das, was Lucas sah, ließ ihn vor Schreck die Augen weit aufreißen: Auf seiner rechten Wange prangte ein beachtlicher tiefroter Bluterguss. Dort, wo sich die Fingernägel in sein Fleisch gegraben hatten, befand sich sogar etwas Blut.
Verdammte Sch..., fuhr es ihm durch den Kopf. Was hab ich denn da gemacht? Hab ich wirklich so stark zugedrückt?
Aber egal, warum es dazu gekommen war, so ließ sich der Effekt doch nicht übersehen. Ein feuchtes Handtuch würde schwerlich genügen, um den Schaden, den er sich selbst zugefügt hatte, zu beheben.
Lucas blickte sich hilfesuchend um, als es klopfte.
Seine Eltern konnten das nicht sein, die hatten einen Schlüssel. Also ging er zur Tür und öffnete sie.
Draußen stand ein Zimmermädchen mit einem glänzenden Gegenstand in den Händen. Sie setzte sofort zu einem wahren Redeschwall an. Darin ging es um ihre Schwester, ihren Verlobten und eine ganze Kette von unglücklichen Umständen, die letztendlich dazu geführt hätten, dass sie es noch nicht geschafft hatte, ihnen als neuen Gästen den Willkommens-Sekt aufs Zimmer zu bringen.
Lucas versicherte ihr ebenso wortreich, dass seine Eltern ihr das nicht übel nehmen, sondern sich im Gegenteil sogar herzlich bedanken würden.
Schließlich übergab sie ihm den Sektkübel, in dem sich eine eisgekühlte Flasche befand, und verließ ihn sichtlich erleichtert.
Als er gerade die Tür geschlossen hatte, meldete sich eine Stimme aus seinem Hinterkopf: Du hast es schon wieder getan.
Was habe ich schon wieder getan?
Italienisch geredet. Du glaubst doch wohl nicht, dass die dich verstanden hätte, wenn du Deutsch gesprochen hättest. Außerdem sprach sie ja auch Italienisch.
Das hatte sie tatsächlich. Und er hatte sie verstanden. Die Erklärung, die er sich und seinen Eltern vorhin gegeben hatte, war mit einem Mal wie weggewischt. Zurück blieb nur das unbestimmte Gefühl, dass etwas in ihm vorging, was er selbst nicht unter Kontrolle hatte.
Seufzend trug Lucas den Kübel zum Tisch, wo er ihn abstellte. Dabei fiel sein Blick auf das darin langsam vor sich hinschmelzende Eis.
Bingo! Das ist wesentlich besser, als nur ein nasser Lappen.
Er nahm sich drei Eiswürfel, wickelte sie in das Handtuch, das er immer noch in der Hand hielt, und begab sich wieder ins Bett. Dort fing er an, die puckernde Wange zu kühlen, während seine Gedanken um die Seltsamkeiten des Tages kreisten. Aber dann forderte der lange ereignisreiche Tag seinen Tribut, und er versank in traumlosem Schlaf.

Der nächste Morgen dämmerte golden heran, als Lucas wieder erwachte.
Er schlug die Augen auf, sah durch das Fenster das sanfte Grün der Bäume und lächelte still vor sich hin. Dann stand Lucas leise auf. Er ging auf die Terrasse, um den Anblick der aufgehenden Sonne zu genießen. Eine Weile lang stand er einfach nur da. Wie ein Schwamm sog er den Frieden dieses Augenblicks in sich hinein, als ob er ihn dort sicher für schlechte Zeiten aufbewahren wollte. Sonnenaufgänge hatte er schon immer geliebt. Da hörte er, wie sich seine Eltern noch ein wenig schlaftrunken unterhielten, und ging wieder ins Zimmer zurück, um sich umzuziehen.
Das wunderbare Gefühl von Urlaub genießend, schlenderten sie zusammen den Weg zum Restaurant entlang, um zu frühstücken. Wiederum erwies sich die Hotelanlage als gut ausgestattet. Es gab alles, was man für einen Start in den Tag gebrauchen konnte: frisch gepressten Orangensaft, eine Auswahl von Müsli und Cornflakes, verschiedene Eiergerichte und eine große Auswahl an Brot.
Das ausgedehnte Frühstück weckte Lucas’ Lebensgeister erst so richtig. Er beschloss, sich nun den Rest des Hotelgeländes anzusehen, denn dazu hatte er gestern nach der unangenehmen Fahrerei keine rechte Lust gehabt. Er ging zur Rezeption, um nachzusehen, ob es dort so etwas wie einen Lageplan der Anlage gäbe, damit er sich besser orientieren könnte. Während er dort noch am Tresen herumstöberte, hörte er plötzlich eine Stimme, die ihm das Herz in die Kehle springen ließ.
»Nee, das ist ja‘n Ding! Lucas, was machst du denn hier?«
Lucas drehte sich langsam um. Obwohl er die Stimme auf Anhieb erkannt hatte, hoffte er doch, sich zu irren.
Vor ihm stand Ines zusammen mit zwei Erwachsenen, vermutlich ihren Eltern. Alle zusammen lächelten sie Lucas freundlich an. Das brachte sein Herz dazu, wieder ein wenig langsamer zu schlagen. Er beförderte schnell ein etwas schief geratenes Grinsen in sein Gesicht.
»Hi«, sagte er nur.
Ines und ihre Eltern werteten dies offensichtlich als Zeichen seiner Überraschung, denn sie gingen nicht weiter auf diese wortkarge Begrüßung ein. Ines stellte ihre Eltern als »Tom und Diana Bunge« und ihn als »Lucas aus meiner alten Klasse« vor.
Dann verabschiedeten sich ihre Eltern mit den Worten: »Na, dann hast du ja doch noch jemanden in deinem Alter gefunden.«
Nun waren sie beide allein und Lucas fühlte das dringende Bedürfnis, sich in eine Stehlampe oder so zu verwandeln. Er fand es zwar gut hier jemanden zu haben, mit dem man gemeinsam etwas unternehmen konnte, aber musste es ausgerechnet Ines sein? Nicht, dass er sie nicht mochte. Im Gegenteil. Ines hatte ihm von allen seinen Mitschülerinnen immer am besten gefallen. Aber als er ihre Stimme gehört hatte, war sofort wieder die Sache mit Kevin und dem Teleskop aus der Halb-Vergessenheit aufgetaucht. Er fühlte schon, wie sich seine Ohrenspitzen vor Scham röteten.
Doch in diesem Moment half Ines ihm unverhofft aus der Patsche, indem sie sagte: »Schön, dass du es bist. Ich meine, stell dir mal vor, ich hätte hier Bonzo getroffen.«
Damit verflüchtigte sich der Schock vollends, sodass Lucas nicht anders konnte, als sie strahlend anzulächeln. Nicht weil er sich freute, dass sie ihn Bonzo vorzog – dem Klassenrowdie, der ständig über alles und jeden herzog. Nein, ihre Reaktion zeigte ihm, dass Ines es nicht wusste. Sie hatte ihn nicht erkannt. Also würde er ihr jetzt nicht dafür Rede und Antwort stehen müssen. Wie dumm war er gewesen, sich die ganze Zeit über davor zu drücken, ihr über den Weg zu laufen, aber egal: Das war jetzt vorbei. Es gab doch Gerechtigkeit auf dieser Welt.
Durch sein Lächeln musste auch Ines lachen. Sie machten sich zusammen auf, die Gegend zu erkunden. Ines war bereits einen Tag vorher angekommen. Sie fuhr schon seit Jahren hierher, nur dass in diesem Jahr außer ihnen nur Eltern mit kleineren Kindern hier Urlaub machten. So lernte Lucas in den folgenden Tagen jeden Winkel der Hotelanlage kennen.
Auch seine Eltern verstanden sich gut mit Ines’ Eltern. Während diese sich tagsüber am Strand oder abends in der Bar vergnügten, ging Lucas zusammen mit Ines mehr und mehr eigene Wege. Sie verbrachten die meisten Abende damit, Spaziergänge durch die Anlage zu machen oder auf Lucas’ Terrasse zu sitzen und sich über Gott und die Welt zu unterhalten.
Nach ein paar Tagen änderte sich jedoch irgendetwas. Unmerklich zunächst, aber dann doch immer spürbarer beschlich Lucas das Gefühl, dass in Ines eine Veränderung vorgegangen war, die er nicht einordnen konnte. Es war in ihren Blicken und in der Art, wie sie sprach, ja sogar in ihren Bewegungen.
Als er einen Tag später seine Mutter darauf ansprach, lächelte sie nur und sagte: »Schön, dass du es bemerkt hast, aber an der Erkenntnis musst du wohl doch noch ein bisschen arbeiten.«
Als sie Lucas’ verständnislosen Blick auffing, ergänzte sie: »Kannst du dir das nicht vorstellen? Sie hat sich in dich verliebt, mein Großer.«
Mit dieser Information hatte Lucas nicht gerechnet. Es war ihm, als ob in seinem Kopf plötzlich zwei Lautsprecher angeschaltet worden waren, von denen jeder etwas anderes von sich gab.
Die erste Stimme jubilierte: Sie liebt dich, sie liebt dich. Das Leben ist toll ...
Die zweite Stimme hingegen sah die Sache ein wenig anders: Das kann doch nicht sein. Mam verarscht dich doch. Ines kann sich doch nicht ausgerechnet in dich verknallt haben ...
Dieser Widerstreit war ihm offensichtlich vom Gesicht abzulesen, denn Betty sagte: »Du kannst mir ruhig glauben. Ich erkenne sowas ganz gut. Sogar Papa hat schon ein paar Andeutungen in der Art gemacht.«
Das ließ die zweite Stimme in seinem Kopf verstummen. Zurück blieb nur eine seltsame Leichtigkeit. Er hatte glatt das Gefühl zu schweben. Stattdessen musste er sich setzen, weil ihm auf einmal die Knie ganz weich wurden.
»Echt jetzt? Und was nun?«
»Na was denkst du denn?«, fragte Betty lächelnd zurück.
»Das wollte ich doch gerade von dir wissen«, sagte Lucas flehentlich. In seinem Bauch machte sich spontan ein ungutes Gefühl breit. Was sollte jetzt passieren? Was würde man – was würde Ines nun von ihm erwarten?
»Nein, nein«, kam es von seiner Mutter zurück. »Ich meine magst du sie denn auch?«
»Machst du Witze? Sie ist das tollste Mädchen, das ich mir vorstellen kann«, antwortete Lucas sofort. Noch während er sprach, wunderte er sich darüber, dass er es tatsächlich jemandem erzählt hatte.
»Na dann sag ihr das auch. Deine Gedanken kann sie nicht lesen.«
»Und wie!?«, entfuhr es ihm. Panik kam in ihm auf. Wie sollte er das bloß anstellen? Bei seiner Mutter eben war ihm das so rausgerutscht. Aber sich nun vor Ines hinzustellen und ihr seine Gefühle zu offenbaren kam ihm nahezu unmöglich vor. Im Geist sah er sich wie in einem dieser alten Filme vor ihr knien. Er gestand ihr seine Liebe, woraufhin Ines aber nur mäßig interessiert lächelte, sich dann umdrehte und ihn wie einen Idioten aussehen ließ.
Lucas’ Mutter holte ihn aus diesen Träumen zurück, indem sie sagte: »Versuch jetzt am besten nichts übers Knie zu brechen. Du hast jetzt eine Idee, was das mit euch zu bedeuten hat. Um ihr aber etwas in der Art zu sagen, musst du dir erst einmal deiner eigenen Gefühle klar werden. Außerdem sollte dafür auch das Drumherum stimmen.«
»Hmmmm«, überlegte sie weiter. »Du hast doch gesagt, dass Ines dir von einer einsamen Bucht erzählt hat, die sie nie besuchen konnte, weil weil man dort nur mit einem Boot hinkommt. Das wäre jetzt vielleicht die ideale Gelegenheit, um das Schlauchboot auszuprobieren. Dann hätte es Papa nicht, wie ich ursprünglich fand, völlig unnötigerweise eingepackt. Ich denke, wenn ich ihm die Umstände schildere, dann holt er es bestimmt aus dem Wagen, auch wenn wir übermorgen schon wieder los müssen.«
Das rief Lucas fast schmerzhaft ins Gedächtnis, dass dieser Urlaub und die schöne Zeit mit Ines schon so bald enden würden.
Paul war sofort Feuer und Flamme. Er sprintete zum Auto und kam schon nach kurzer Zeit mit dem riesigen Sack zurück, in dem das Boot verstaut war. Er ließ es sich auch nicht nehmen, es sofort persönlich aufzupumpen.
Lucas war dieser verschwörerische Eifer schon fast zu viel, aber auf der anderen Seite freute er sich auch auf die Bootsfahrt. Jetzt musste er nur noch Ines von seiner Idee berichten. Er fand sie schließlich lesend am Strand und erzählte ihr, dass er seinen Vater dazu überreden konnte, das Schlauchboot doch noch in Betrieb zu nehmen.
Sie blickte ihn schelmisch über den Rand ihres Buches hinweg an und antwortete in einem übertrieben altmodischen Tonfall: »Aber mein Herr. Was sollen denn die Leute denken, wenn ich mit Ihnen ganz allein auf das Meer hinaus fahre?«
Lucas hatte das Gefühl, in voller Fahrt gegen eine Mauer zu knallen, sodass er – mit einem Mal verlegen – vor ihr stand.
»Ähm, na ja, ich hatte nur gedacht, wo du doch diese Bucht noch nie ...«
»Manno, ich hab dich doch bloß auf den Arm genommen. Klar komm ich mit. Wollen wir gleich los?«
»Äh, klar«, konnte Lucas nur noch sagen.
Warum musste das alles immer nur so kompliziert sein? Dieses ständige Hin und Her, das er von seinen Eltern eigentlich kannte, kam ihm nun, da er selbst darin einbezogen war, ganz schön anstrengend vor. Ob es seinen Eltern auch so ging? Die wirkten dabei immer so locker.
Ines war inzwischen aufgestanden und hatte ihre Sachen in einem Rucksack verstaut. Gemeinsam mit Paul, der vom Aufpumpen des 2-Mann-Bootes immer noch ziemlich kaputt war, hievten sie es ins Wasser. Ines stieg ein, Lucas schob es vom Strand weg und sprang dann auch hinein. Er schnappte sich die beiden Ruder. Dann sah er Ines erwartungsvoll an.
»Ja? Was denn?«, fragte sie.
»Weißt du, wo’s langgeht?«
»Ach so, natürlich. Wir müssen uns links an der Felswand entlang halten, dann sollten wir sie in ein paar Minuten sehen.«
Lucas ruderte los. Für eine Weile saßen sich die beiden einfach nur still gegenüber und genossen den Augenblick. Das Boot glitt sanft über die fast spiegelglatte Oberfläche des kristallklaren Meeres. Über ihnen wölbte sich ein unbeschreiblich blauer Himmel, an dem hin und wieder Möwen vorbeizogen. Es dauerte nicht lange, da zeigte Ines auf einen Punkt hinter Lucas.
»Sieh mal. Das muss sie sein.«
Er drehte sich um und sah in einiger Entfernung einen Rücksprung in der zerklüfteten Steilküste. Dieser bildete eine Öffnung, die groß genug für eine Motoryacht war. Mitten darin befand sich ein aufgetürmter Haufen aus großen Felsen, die wie Bauklötze aussahen, die ein Riesen-Kind nach dem Spielen vergessen hatte. Die warme Nachmittagssonne schien in die verlassene Bucht. Bis auf das Plätschern der Ruder und den vereinzelten Schrei einer Möwe war nichts zu hören.
Lucas fühlte sich plötzlich wie ein großer Entdecker oder ein Schiffbrüchiger, der endlich das rettende Gestade entdeckt. Er musste sich den typischen Schrei »Land!« geradezu verkneifen, ruderte aber trotzdem schneller.
Es dauerte nicht lange, da waren sie am Strand der Bucht angekommen. Dort zogen sie das Boot ein Stück aus dem Wasser, setzten sich dann in den Sand und sahen sich um.
»Wow, jetzt weiß ich endlich, was ich in den ganzen Jahren verpasst habe«, brach Ines das Schweigen.
»Hmmja, wie im Paradies«, antwortete Lucas.
»Na dann gib mir mal nen Apfel, Adam.«
Lucas schoss sofort die Röte ins Gesicht. Hieß das jetzt ...? Wollte sie ...? Verdammt, warum musste das nur alles immer so schwer zu verstehen sein?
Ines schien seine Reaktion bemerkt und auch die Gedanken, die durch seinen Kopf geschossen waren, zumindest teilweise erraten zu haben, denn sie wurde ebenfalls rot. »Ich meinte einen Apfel aus dem Picknick-Korb«, sagte sie verlegen grinsend. Sie zeigte auf den Behälter, der hinter Lucas stand.
Die Situation war so absurd, dass beide mit einem Mal losprusteten. Lucas zog – immer noch lachend – den Korb zu sich heran. Er holte für Ines einen Apfel und für sich eine Banane heraus. Als er dies tat, fing Ines erneut an, prustend zu lachen und er ließ sie wieder fallen. Stattdessen nahm er sich ein paar Trauben.
Ihre Blicke trafen sich. In diesem Moment wunderte sich Lucas darüber, warum ihm das jetzt überhaupt nicht peinlich war. Er hatte glatt das Gefühl, dass er sich ihr gegenüber tatsächlich offenbaren konnte.
Wieder einmal fing Ines seine Stimmung erstaunlich gut auf.
»Ist echt witzig. Eigentlich müsste ich jetzt im Boden versinken, aber es macht mir gar nichts aus.«
»Stimmt«, antwortete Lucas. »Ist wirklich witzig ... sag mal, ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber ich ...«
Weiter kam er nicht, denn Ines war im gleichen Moment aufgesprungen und rief – bereits auf den in einiger Entfernung liegenden Felshaufen zurennend – über die Schulter: »Wer zuerst oben ist!«
Lucas starrte ihr hinterher. Eben noch war alles so einfach gewesen und nun das. Seufzend erhob er sich und rannte grübelnd hinter Ines her. Warum hatte sie das getan? Hatte er richtig gesehen? Ihm war so, als ob er in ihren Augen so etwas wie Angst aufblitzen gesehen hatte.
Zusammen mit Ines erreichte er die Felsen. Sie kletterten, so gut es ging, daran hoch. Lucas war gerade dabei, Ines zu überholen, als sie plötzlich anhielt und rief: »Boah, schau mal da!«
Lucas sah in die Richtung, die ihre Hand wies und erkannte, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.
Inmitten der Felsen war eine von unten nicht sichtbare Lücke, durch die eine Art Becken entstand. Dieses schien eine Verbindung zum Meer zu haben, denn das Licht, das die Nachmittagssonne auf das Meerwasser fallen ließ, drang von unten in das Becken. So erstrahlte das Wasser dort in einer leuchtenden Mischung aus Türkis und Violett. In diesem so außergewöhnlich illuminierten Bereich tummelten sich aberhunderte kleine Fische, die mit ihren silbernen Leibern glitzernde Reflexe in das Wasser zauberten. Die ganze Szenerie wirkte, als ob sie durch ein Fenster in eine völlig andere Welt blicken könnten.
Entzückt machte Ines Anstalten, hinunterzuklettern, aber Lucas hielt sie zurück.
»Ich glaub nicht, dass das eine gute Idee wäre. Das geht da so steil runter. Da kommt man bestimmt nicht mehr richtig hoch«, bemerkte er, als er ihren verärgerten Blick sah.
Ines wirkte zwar enttäuscht, nickte dann aber und folgte Lucas auf den obersten Felsen.
Von dort konnte man eine weitere, noch kleinere Bucht erkennen, die im Gegensatz zu der, in der sie gelandet waren, einen ganz feinsandigen Strand hatte. Eigentlich war es nur eine vom Meerwasser ausgewaschene Höhlung in der Klippe, aber sie lag noch ganz im Sonnenschein. Daher beschlossen sie, herunterzuklettern und sich dort ein wenig zu sonnen.
Die ganze Zeit über rang Lucas innerlich mit sich. Wie sollte er es bloß anstellen, das zu sagen, was er schon die ganze Zeit sagen wollte? Immerhin war diese Höhle so klein, dass Ines nun kaum noch Möglichkeiten haben würde, wieder aufzuspringen und wegzurennen. Sie konnte höchstens ins Wasser springen. Schließlich kam er zu dem Schluss, einfach anzufangen und zu sehen, was dabei herauskam.
»Ähm, ich wollte dir unbedingt ...«, begann er, doch er kam wiederum nicht weit, denn ein rasches »Warte!« von Ines bremste ihn aus. Sie hatte sich ihm gegenüber kerzengerade aufgesetzt und sah ihm in die Augen.
»Bevor du jetzt das sagst, von dem ich glaube ... hoffe ... fürchte, dass du es sagst, habe ich nur eine Bitte. Sei ehrlich, egal was es ist. Ich kann auch damit klarkommen, wenn es nicht das ist, was ich denke oder will, solange es ernst gemeint ist.«
Dann blickte sie Lucas erwartungsvoll an.
In Lucas wirbelten ihre Worte herum und machten ihn ganz konfus. Hatte sie »hoffe« gesagt? Ja, das hatte sie, aber sie hatte auch »fürchte« gesagt. Und sie hatte gesagt: »Sei ehrlich!«
Und da war es wieder. Das Gefühl, das ihn beschlichen hatte, als er ihre Stimme hier zum ersten Mal gehört hatte. Nun jedoch war es zu einer Gewissheit geworden. Er musste da jetzt durch und zuallererst musste er ihr die Sache mit dem Fernrohr erklären. Entweder würde sich alles andere dann sowieso erledigt haben oder er hätte freie Bahn, Ines mit gutem Gewissen zu sagen, was er für sie empfand.
»Ja, gut«, begann er, während er im Kopf noch die Worte ordnete, die er gleich sagen wollte. »Es ist schon eine Weile her. Vielleicht erinnerst du dich noch daran.«
Ines’ Augen blickten ihn an. Sie sah nicht wütend aus, dachte Lucas. Er begann, zu hoffen, dass sie sich möglicherweise doch nicht mehr erinnern konnte oder es sie gar nicht interessierte.
»Na ja, also zu meinem ...«
»Ciao ragazzi!«, tönte es über das Wasser zu ihnen hin. Ines sog erschreckt die Luft ein und Lucas verschluckte sich mitten im Satz.
Beide drehten sich zu der Stimme um, die sie gerade aufgeschreckt hatte. Ein Stückchen entfernt schipperte ein kleines Motorboot um die Felsen herum und zog ihr Schlauchboot hinterher. Im Motorboot saß Luigi, der Bademeister, Strandwächter und Betreiber des kleinen Imbiss-Standes am Hotelstrand. Er winkte ihnen zu. Als er näher kam und ihre Gesichter deutlicher erkennen konnte, bemerkte er mit einem leichten Lächeln: »Abe gestehrt? Mi dispiace. Abär eure Boot ... ähm triebe auf dän Wassär.«
Lucas sah sich verwundert um, denn er wusste, dass sie das Boot auf den Strand gezogen hatten. Dann erkannte er, dass es inzwischen schon recht spät war und die abendliche Flut eingesetzt hatte. Wahrscheinlich hatte das Wasser doch das Boot erreicht. Ohne es so recht zu wollen, wusste Lucas, dass er Luigi dankbar sein sollte, denn ohne Boot hätten sie wohl oder übel zum Hotelstrand schwimmen müssen. Das wäre in der einsetzenden Dämmerung und bei der Entfernung sicherlich kein Vergnügen geworden.
Luigi grinste und winkte wieder. »Kommte här. Isch farre eusch.«
Lucas sah Ines an, die auch recht erleichtert wirkte. Sie beugte sich zu Lucas herüber und raunte ihm zu: »Lass uns das Reden auf nachher vertagen. Es sieht so aus, als ob es heute noch eine tolle Nacht wird. Da haben wir noch viel Zeit.«
Sie stand auf, watete ins Wasser und schwamm dann das Stück bis zu Luigis Boot.
Lucas folgte ihr. Als er am Boot angekommen war, hatte Luigi Ines bereits herausgezogen und machte ihr zweideutige Komplimente. Lucas mühte sich damit ab, den Rand des Bootes zu fassen zu bekommen, um sich ebenfalls hineinziehen zu können.
Anstatt ihm zu helfen, fuhr Luigi damit fort, mit Ines zu radebrechen, wie schön das Sonnenlicht auf ihren Haaren glänzte.
In Lucas wuchs der Zorn. Dieser Typ ließ ihn doch tatsächlich hier im Wasser hängen, während er seinem Mädchen schöne Augen machte! Seine Wut wurde in Sekundenschnelle so stark, dass er, als er schließlich den Bootsrand zu fassen bekam, mit aller Kraft zog. Mit einem Satz schnellte er aus dem Wasser und landete schnaubend im Boot, das durch sein Reißen bedenklich schwankte.
Luigi starrte Lucas einen Moment lang erschrocken an, dann brachte er ein schiefes Lächeln zustande. »Ah, scusa. Abe bei die schene Mädchen ganz vergesse.«
»Stronzo!«, schoss es Lucas aus dem Mund, bevor er sich hätte daran hindern können.
»Wa?«, rief Luigi und funkelte ihn bedrohlich an.
»Es ging schon so!«, sagte Lucas und funkelte nicht minder bedrohlich zurück. Von hinten in seinem Kopf schrie eine Stimme Lucas panisch an: Hast du sie noch alle? Der ist doch mindestens anderthalb Köpfe größer als du und doppelt so breit!
Aber irgendetwas hinderte Lucas daran, jetzt klein beizugeben.
Vielleicht war es dieses Etwas, dass Luigi letztendlich davon abhielt, Lucas einfach wieder zurück ins Meer zu schubsen und mit Ines davon zu fahren. Er zuckte mit den Schultern und drehte sich um. »Wolle wia jetz zu Hause fahre?«
Lucas grunzte zustimmend. Auch Ines nickte geistesabwesend, während sie Lucas immer noch mit offenem Mund anstarrte.
Die Fahrt zurück im Motorboot dauerte nicht lange. Als sie am Hotelstrand ankamen, erblickten sie sofort ihre Eltern, die es sich in ein paar zusammengestellten Liegestühlen bequem gemacht hatten. Während der Fahrt hatten sie alle ihre Fassung wiedergewonnen, sodass niemand von der knisternden Spannung, die kurz vorher noch geherrscht hatte, etwas mitbekam.
Lucas’ Mutter strahlte ihn an. Sie hatte dabei einen fragenden Gesichtsausdruck, der ihn spontan wieder an den eigentlichen Zweck seines Ausfluges mit Ines erinnerte.
Er brachte ein kleines Grinsen zustande und zuckte dabei mit den Schultern, was den Gesichtsausdruck seiner Mutter in ein fragendes Stirnrunzeln verwandelte. Er winkte ab und flüsterte: »Später.«
Es war inzwischen ohnehin Zeit zum Abendessen. Also trennten sich die beiden Familien, um sich umzuziehen. Kaum war Ines mit ihren Eltern verschwunden, da wurde Lucas auch schon von Betty mit Fragen bestürmt. »Wo wart ihr denn? War’s schön? Hast du was sagen können? Was hat sie gesagt? Wo kam denn Luigi her ...?«
»Schatz, wenn du so weiter machst, dann wirst du nie etwas davon erfahren, denn dann hast du Lucas totgequatscht«, unterbrach sie Paul.
Seine Mutter schaute ihn zwar leicht säuerlich an, hörte jedoch auf Fragen zu stellen. Stattdessen sah sie Lucas aufmunternd an.
Lucas erzählte ihnen von den Versuchen und wie sie irgendwie immer fehlgeschlagen waren.
»Mach dir nichts draus«, sagte Betty schließlich. »Das wird heute Abend bestimmt noch was.«
»Ja, hoffentlich«, antwortete Lucas. »Sie fahren doch morgen schon ab.«
»Ja, aber wir haben uns für heute nach dem Essen noch in der Bar zum Klönen verabredet. Da werdet ihr bestimmt eine Chance haben, euch davonzumachen.«
Lucas hoffte das auch. Nachdem er es sich gestattet hatte, sich auf seine Gefühle einzulassen, hielt er es bei dem Gedanken, dass sie sich morgen wieder trennen sollten, kaum aus. Auch während des Essens konnte er sich nur schwer auf die Fülle an Speisen konzentrieren. All die Pasta und Salate, frisch gefangener Fisch und Pizza ließen ihn eher kalt. Er stopfte immer nur hin und wieder geistesabwesend einen Bissen von dem, was ihm seine Mutter auf den Teller lud, in den Mund. Selbst die Geschmacks-Sensationen der verschiedenen Gerichte ließen ihn diesmal kalt.
Ines schien es ähnlich zu gehen, denn sie mümmelte nur ein wenig an dem Salat herum, der vor ihr stand. Jedoch vermied sie es, die Blicke, die Lucas ihr von Zeit zu Zeit zuwarf, zu erwidern.
Lucas’ Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Hatte er sich etwa geirrt? Hatte er sie mit seiner Aktion mit Luigi vielleicht erschreckt oder verärgert? Das Essen schien sich endlos in die Länge zu ziehen. Als sie schließlich beim Cappuccino angelangt waren, hielt Lucas es nicht mehr aus.
»Ich brauch jetzt mal ein bisschen frische Luft. Kaffee mag ich sowieso nicht«, sagte er. Damit stand er auf und ging auf die Terrasse, von der aus man einen atemberaubenden Blick über das Meer auf den Sonnenuntergang hatte.
Lucas stand an der schmiedeeisernen Brüstung und betrachtete das überwältigende Farbenspiel von Sonne und Meer. Als er schon dabei war, sich zu fragen, ob dieser Abend vielleicht doch nicht so toll werden würde, wie der Nachmittag den Anschein erweckt hatte, tippte ihm jemand auf die Schulter.
Ines stand hinter ihm und lächelte ihn an. »Schönes Plätzchen hast du dir da ausgesucht. Hier sollten wir gleich wieder hingehen. Aber erst wollen unsere Eltern noch auf den schönen Urlaub anstoßen, und ich glaube, unsere Anwesenheit ist da gefragt«, sagte sie und verdrehte dabei belustigt die Augen.
Lucas musste grinsen. Was die Erwachsenen immer so wichtig daran fanden, aus irgendwelchen Anlässen einen zu trinken. Er folgte Ines zur Bar, wo ihre Eltern es sich schon in einer Ecke gemütlich gemacht hatten und sie zu sich winkten. Ihre Gläser waren bereits gefüllt. Auch in denen von Ines und Lucas befand sich eine klare bernsteinfarbene Flüssigkeit.
»Zur Feier des Tages haben wir entschieden, dass ihr auch mal einen heben dürft«, rief ihnen Paul mit einem leichten Schwips in der Stimme zu.
Alle lächelten sie an und bedeuteten ihnen, dass sie ihre Gläser nehmen sollten. Sie taten wie ihnen geheißen, rochen aber zunächst an dem Getränk. Es roch undefinierbar süß, aber nicht unangenehm.
»Na denn auf einen tollen, leider fast zu Ende gegangenen, Urlaub und das, was noch daraus werden kann. Hoch die Tassen!«, ließ sich Ines’ Vater leutselig vernehmen.
Alle tranken, auch Ines und Lucas. Das Getränk schmeckte quietschsüß – viel süßer als der Geruch es hatte vermuten lassen. Während Lucas auch ein Mandelaroma erkennen konnte, sackte eine angenehme Wärme durch seinen Körper bis zu seinen Füßen.
Dann begannen die Dinge, schief zu laufen.
Lucas lauschte gerade seinem Vater, wie dieser davon erzählte, dass sie sich mit Diana und Tom – Ines’ Eltern – so gut verstanden, wie mit kaum jemand anderem. Da hörte er auch in seinem Kopf wieder eine leise Stimme flüstern. Er konnte aber nicht verstehen, was sie sagte. Erst als sein Vater bei der Erkenntnis angekommen war, dass sie zu Hause fast Nachbarn seien, wurde die Stimme deutlicher.
Nein! Nein, tu das nicht!
Inzwischen hatte sich die Wärme in seinem ganzen Unterleib ausgebreitet und er hatte den Eindruck, langsam mit hinuntergezogen zu werden. Er kam sich mit einem Mal vor wie in einem dieser Filme, wo der Hauptdarsteller versucht, ein schreckliches Ereignis zu verhindern. Aber er selbst hat das Gefühl, sich nur in Zeitlupentempo bewegen zu können und kann daher nur ohnmächtig zusehen, wie das Unheil seinen Lauf nimmt.
Verzweifelt kämpfte Lucas gegen die sich immer weiter in seinem Körper ausbreitende, lähmende Wärme an. Er versuchte, seinen Vater irgendwie dazu zu bringen, das Thema zu wechseln, ohne selbst überhaupt richtig zu wissen, was dieser denn so schlimmes sagen könnte. Aber bevor Lucas den Mund aufmachen konnte, um etwas – irgendetwas – zu sagen, da war es auch schon zu spät.
Mit einer plötzlichen erstaunlichen Klarheit konnte Lucas Paul von seinem Geburtstagsgeschenk und dem, was ihm dazu scherzhaft eingefallen war, berichten hören. Im gleichen Moment hörte Lucas ein Poltern und drehte sich erschrocken zu der Geräuschquelle um.
Es war Ines. Sie war offensichtlich abrupt aufgestanden und hatte dabei ihren Stuhl umgestoßen.
Als sein Blick ihre aufgerissenen Augen traf, verengten sich diese zu Schlitzen.
Sie zischte ihm zu: »War’s das?! Los sag schon! Ist. Es. Das. Gewesen?«
Lucas’ Herz rutschte ihm buchstäblich in die Hose. Er hatte auf einmal das Gefühl, sämtliche Kraft würde durch ein defektes Ventil an seinem Rücken entweichen und ihn als kleines Häufchen Elend zurücklassen.
Sie hatte es nicht vergessen. Im Gegenteil, sie schien es, ebenso wie er, geradezu bildlich vor sich zu sehen. Und sie wirkte fuchsteufelswütend. Aber sie kannte nicht die ganze Wahrheit. Sie musste ja denken, dass er es gewesen war, der sie beobachtet hatte.
»He, was is nu?!«, riss es Lucas aus seinen Gedanken. Er wurde sich schlagartig bewusst, dass ihn alle anstarrten. Nicht nur die an ihrem Tisch Sitzenden, sondern alle in der gesamten Bar sahen wegen des Aufruhrs, der soeben stattgefunden hatte, zu ihm herüber.
»Nein«, antwortete Lucas mutlos.
»Was nein? War es nicht dein Fernrohr?«
»Doch, aber ...«
»Warum sagst du dann ‘Nein’?«
»Ich ... du ... du verstehst das nicht richtig ...«
»Oh, doch! Ich hab verstanden und ich hoffe, auch du verstehst, dass ich daraus meine Konsequenzen ziehe!«
Ines drehte sich auf dem Absatz herum und stampfte aus der Bar in die klare, sternfunkelnde Sommernacht.
Nur langsam sickerte es in Lucas’ Verstand, was da eben passiert war. Ebenso langsam realisierte er, dass ihn immer noch alle anstarrten.
Paul sah mit schreckgeweiteten Augen zu ihm herüber und brachte kein Wort heraus.
Betty berührte ihn sacht am Arm und sagte: »Komm, geh ihr nach.« Mit einem lächelnden Blick auf Lucas’ entsetztes Gesicht fügte sie hinzu: »Ich denke, tief in ihr drin hofft sie, dass du es tust.«
Als Lucas sich gerade daran machte, aufzustehen und Ines zu folgen, hörte er allerdings noch jemand anderen etwas sagen, das ihn nun wieder davon abhielt.
Es war Tom – Ines’ Vater – der mit einer Stimme, die die Verwirrung in seinem Gesicht widerspiegelte, zu ihm sprach: »Ich glaube nicht, dass das jetzt so eine gute Idee wäre. Wenn ich das, was Paul eben erzählt hat, mit dem zusammenreime, was hier gerade abgelaufen ist, dann bist du wohl der Letzte, den Ines jetzt sehen möchte. Ich hab ihr zwar versprochen, darüber nichts zu erzählen, aber ich denke, zur Erklärung muss ich das jetzt doch tun.« Er räusperte sich. »Nur so viel: Einer der Gründe, warum wir bei euch in die Nachbarschaft gezogen sind, war der, dass wir aus unserer bisherigen Wohnung raus mussten. Ines ist dort immer wieder von einem Nachbarn beobachtet worden und so weiter. Wenn du ... nun auch ...«
»Ich hab das aber doch gar nicht! Das war alles ganz anders«, brauste Lucas auf, aber Betty legte ihm die Hand auf den Arm und er beruhigte sich wieder.
Tom schnitt eine Grimasse, die den Widerstreit, der sich gerade in seinem Kopf abspielen musste, erkennen ließ. Er sagte zu Lucas: »Ich glaub dir das sogar, aber im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass Ines das auch tun würde.«
Diana erhob sich und wandte sich zum Gehen. »Entschuldigt ihr mich bitte? Ich will mal nach ihr sehen. Tom, du kannst ja dann nachher nachkommen.«
»Ach weißt du, ich komme doch gleich mit. Wir haben ja morgen noch eine weite Strecke vor uns. Nichts für ungut Leute. Wir sehen uns dann morgen beim Frühstück«, sagte Tom und folgte seiner Frau.
Nun waren sie also allein – soweit man das in einer überfüllten Bar so nennen konnte. Die anderen Barbesucher hatten jedoch zwischenzeitlich ihre unterbrochenen Gespräche wieder aufgenommen, sodass sie nun keiner mehr beobachtete.
Lucas drehte sich zu seinen Eltern um, die beide aussahen, als wüssten sie mit dieser Situation nicht so recht umzugehen. Paul hielt immer noch sein Glas in der Hand und dreht es verkrampft hin und her.
»Mensch, Junge, das tut mir ...«
»Ach Quatsch, gar nichts tut dir leid!«, polterte Lucas. »Ihr versteht gar nichts und es interessiert euch auch gar nicht. Es hat euch ja auch damals nicht interessiert, was an meinem Geburtstag passiert ist, sonst hättest du eben nicht so einen Müll erzählt!«
Er sprang auf und rannte aus der Bar, ohne noch einen weiteren Blick auf seine Eltern zu werfen, die ihm mit offenen Mündern hinterher sahen. Das war sehr unfair gewesen. Im Grunde war Lucas seinen Eltern sogar immer dankbar gewesen, dass sie ihn nicht nach den Vorkommnissen seines Geburtstages gefragt hatten. Aber eine heiße Wut war in ihm aufgebrandet, und er hatte sie geradezu verletzen wollen.
Lucas stürmte durch die Nacht, ohne auf seinen Weg zu achten. Schließlich stellte er fest, dass seine Schritte ihn zu einem kleinen Felsvorsprung an der Klippe geführt hatten. Sie war auf der landwärtigen Seite von einem dichten Gebüsch abgeschirmt, man hatte von dort aus allerdings einen schönen Blick übers Meer. Im Normalfall wäre er heute mit Ines hergekommen, um die letzten Stunden ihres gemeinsamen Urlaubs zu genießen, aber was war schon normal? Er ließ sich auf dem Felsen nieder.
Dabei dachte er darüber nach, ob das, was er in den letzten Jahren immer wieder von Verwandten oder Freunden zu hören bekommen hatte, tatsächlich ein Fünkchen Wahrheit enthielt. Er hatte es bisher immer für abergläubischen Schwachsinn gehalten. Aber wie er nun so dasaß, fragte er sich, ob sie vielleicht doch anfingen, recht zu haben.
Ja, gut, er war am 13. Juni 1986 geboren worden. Ja und es war außerdem ein Freitag gewesen, doch musste das nun gleich bedeuten, dass er vom Pech verfolgt sein würde? Nein, sicherlich nicht, zumindest bisher nicht. Aber an seinem 13. Geburtstag hatte es angefangen ... Ja, was eigentlich? Würde er von nun an vielleicht doch vom Pech verfolgt werden? Und wie lange würde das dauern? Ein Jahr? Für immer?
Während er noch darüber grübelte, hörte er zwei Stimmen, die sich in einiger Entfernung an ihm vorbei bewegten. Es waren seine Eltern.
»Was ist bloß in den gefahren und verdammt noch mal wo ist der jetzt?«, hörte Lucas seinen Vater grummeln.
»Paul, beruhige dich doch. Für Luky muss in dem Moment eine Welt zusammengebrochen sein. Da hat er ein bisschen überreagiert.«
»Überreagiert ist gut. So habe ich ihn noch nie erlebt. Und dann rennt er einfach weg und ist verschwunden.«
»Mach dir mal nicht solche Sorgen. Er wird schon nichts Dummes tun. Vertrau unserem Sohn einfach. Wir lassen die Tür unverschlossen, dann kann er später ins Bett kommen.«
Die Stimmen erstarben, als sie durch eine Hecke, um die Lucas’ Eltern bogen, verschluckt wurden.
Lucas war nun wieder allein mit sich. Er fuhr fort, auf das Meer und die darüber schwebende Mondsichel zu starren, bis schließlich die sanfte Dunkelheit des Schlafes ihn umfing.

Ich schwebe, jage, gleite
Das silberne Licht über mir
Bricht sich in der spiegelnden Fläche hoch oben
Lautlos durch das Dickicht
Und um die Felsen
Bin ich auf der Suche
Nach Beute
Aber es wird so kalt
So kalt
Lucas schrak aus dem Schlaf hoch. Ihm war eiskalt. Wie konnte das sein? War er etwa auf dem Felsvorsprung eingeschlafen?
Als sich seine Augen nach einem Moment der Desorientierung an die Dunkelheit gewöhnt hatten, stellte er fest, dass er sich nicht mehr auf dem Felsen über dem Meer, sondern in seinem Bett befand. Er konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, nach Hause gegangen zu sein – geschweige denn ins Bett. Außerdem war das Bett klatschnass. Er war es ebenfalls.
Das erklärte zwar die Kälte, warf jedoch gleichzeitig die Frage auf, warum er sich in ein nasses Bett gelegt hatte. Und warum zur Hölle war dieses Bett überhaupt nass?
Er sah sich vorsichtig im Zimmer um. Auf der anderen Seite schliefen seine Eltern halb sitzend im Bett. Sein Vater hatte sogar noch eine Brille auf. Ein aufgeschlagenes Buch lag auf der Bettdecke. Sie mussten auf ihn gewartet haben und dabei eingeschlafen sein.
Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, glitt Lucas aus dem Bett und zog zuerst das tropfnasse T-Shirt aus. Beim Ausziehen lief ihm etwas Wasser übers Gesicht. Er bemerkte, dass es salzig schmeckte. Also blieben zwei Möglichkeiten übrig: Entweder hatte er dermaßen geschwitzt, dass er alles durchweicht hatte oder er war baden gewesen und hatte sich nicht abgetrocknet. Nach einer kurzen Prüfung des Bettlakens, bei der er Reste von Tang und ein paar Muscheln fand, kam er zu dem Schluss, dass die letztere Variante stimmen musste.
Er konnte sich immer noch nicht daran erinnern, irgendwas davon getan zu haben. Lucas beschloss, sich darüber jetzt keine Gedanken mehr zu machen, sondern lieber für ein trockenes Bett zu sorgen. Er hatte das Gefühl, dass ihm jeder Knochen im Leib wehtat. Also besorgte er sich leise ein paar trockene Handtücher und eine andere Decke.
Taumelnd vor Müdigkeit versetzte er sich und das Bett in einen halbwegs schlaftauglichen Zustand. Dann legte Lucas sich wieder hin. Er war schon wieder eingeschlafen, als sein Kopf das Kissen berührte.

Ein weiteres Mal erwachte Lucas noch vor seinen Eltern, weil die Vögel vor seinem Fenster einen, wie es schien, ohrenbetäubenden Lärm machten. Ein Strahl der Morgensonne fiel in das Zimmer und tauchte ausgerechnet den Platz, wo sein Bett stand, in ein leuchtendes Orange.
Er kniff die Augen zu und überlegte einen Moment lang. Was war geschehen? Was sollte er nun tun?
Lucas kam zu dem Schluss, dass alles Verstecken oder das Vermeiden irgendwelchen Ärgers ihm letztendlich nur noch mehr Probleme eingebracht hatte, als er vorher zu haben geglaubt hatte. Es nützte alles nichts; er musste allen die Wahrheit sagen. Einfach nur die Wahrheit.
Wie er da so in seinem Bett lag, kam ihm die Sache wirklich fast lächerlich einfach vor. In der Realität gestaltete es sich dann aber doch etwas komplizierter, als er es sich erhofft hatte.
Als seine Eltern wach wurden, nutzte er ihre Schlaftrunkenheit aus, um sich für seinen Ausbruch am Abend zu entschuldigen und ihnen die Vorkommnisse während seiner Geburtstagsfeier zu erzählen. Als er geendet hatte, machte sein Vater ein Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen – und zwar auf eine besonders saure.
»Ach du Schande, jetzt kapier ich überhaupt erst, was da gestern abgelaufen ist. Ines muss ja geglaubt haben, dass du ...«
»Hhmm«, antwortete Lucas matt.
»Und ich Riesenrindvieh erzähl es dann auch noch genau so, dass es erst recht so aussehen muss. Mann, sorry, das hab ich nicht gewollt.«
»Ist ja eigentlich auch meine Schuld«, winkte Lucas ab. »Ich hätte euch ja nur gleich berichten müssen, was passiert war.«
»Sag mal und das stimmt tatsächlich? Kevin ist bis zur Tür geflogen? Mensch, da steckt ja ganz schön Bumms dahinter«, sagte Paul grinsend und tätschelte Lucas den Arm.
Betty war – wie es schien – in nicht ganz so guter Stimmung. Während Lucas’ Schilderung war sie immer stiller und ganz blass geworden. Als sie nun merkte, dass sie von Lucas und Paul angesehen wurde, sagte sie leise: »Stellt euch doch bloß mal vor, was alles hätte passieren können. Ich hatte gedacht, dass es sich um eine harmlose Kabbelei zwischen euch Kindern gehandelt hat, aber das klingt ja ... gewaltig ...«
»Mam, du glaubst mir doch aber, dass ich das nicht mit Absicht gemacht habe«, rief Lucas und sah sie flehentlich an.
Da klarte sich ihr Blick wieder auf.
»Oh, nein, natürlich glaube ich dir. Ich hab mich nur so erschrocken. Wenn Kevin sich was getan hätte ...«
Dann schüttelte sie den Kopf, wie, um die Bilder darin zu verscheuchen, und grinste ein erstaunlich hämisches Grinsen.
»Aber es ist ja glücklicherweise wohl nichts Ernsthaftes passiert. Vielleicht war es auch ein wenig heilsam für Kevins aufgeblasenes Ego. Damit ist er ja kaum noch durch die Tür gekommen.«
Alle drei sahen sich an und fingen schallend an zu lachen. Dieses Lachen war wie Balsam für Lucas’ Seele. Er konnte kaum genug davon bekommen.
Solchermaßen gestärkt wagte Lucas sich dann auch an den nächsten Punkt auf seiner Tagesordnung: Er musste es Ines erzählen und sie um Verzeihung bitten, dass er es ihr nicht schon viel früher gesagt hatte.
Allerdings konnte er sie weder in der Hotel-Lobby noch am Strand oder im Restaurant finden, sodass sich sein anfänglicher Elan allmählich aufzulösen begann. Zweifel und leichte Panik machten sich langsam breit.
Schließlich fand er sie auf dem Parkplatz, wo sie mit ihren Eltern dabei war, noch einige letzte Dinge im Auto zu verstauen.
Als sie ihn sah, verfinsterte sich ihr Gesicht und ihr Körper nahm eine abweisende Haltung ein. Aus dem Hintergrund wollte ihre Mutter zu ihr treten, aber ihr Vater hielt sie sanft am Arm zurück und schüttelte schweigend den Kopf.
Lucas blieb in ein paar Metern Entfernung von Ines stehen und machte eine beschwichtigende Geste.
»Was ...«, begann sie, aber Lucas schnitt ihr das Wort ab.
»Ines, sei bitte so gut und lass mich das sagen, was ich dir sagen will – was ich dir eigentlich schon die ganze Zeit sagen wollte. Wenn ich jetzt wieder aufhöre, dann bringe ich wahrscheinlich nie wieder im Leben einen zusammenhängenden Satz raus.«
Ines holte Luft, ließ sie dann aber doch wieder langsam entweichen. Ihre Arme vor dem Körper verschränkt blieb sie stehen, wo sie war, und starrte Lucas angriffslustig an.
»Gut. Also das, was ich dir seit Tagen, eigentlich Wochen, hätte erzählen sollen, ist Folgendes: Ja, wir wohnen fast in direkter Nachbarschaft und ja, zu meinem Geburtstag habe ich ein Teleskop bekommen, aber nicht, um dich damit zu beobachten. Ich interessiere mich für Astronomie.«
»Ach, ja?«, schoss es aus Ines’ Mund. »Wie viele Monde hat der Jupiter?!«
»Sechzehn«, kam es von Lucas fast automatisch zurück. »Io, Europa, Ganymed, Callisto, Amalthea, Himalia, Elara, Pasiphae, Sinope, Lysithea, Carme, Ananke, Leda, Adrastea, Thebe und Metis.«
»Oh, also ähm ... ich wusste gar nicht, dass er überhaupt welche hat«, sagte Ines kleinlaut. Dabei starrte sie ihn an, als ob sie ihn vorher noch nie gesehen hätte. Dann schien sie ihr Starren zu bemerken und ergänzte schnell: »Wolltest du noch was sagen?«
Sie hatte sich ihm immer noch nicht richtig zugewandt, aber ihre Züge wirkten um einiges weniger abweisend.
»Na ja, wir, das heißt ich, hatte an meinem Geburtstag Gäste. Das war übrigens der Tag, an dem wir uns im Stadion getroffen haben.«
Ines runzelte kurz die Stirn, während sie überlegte, was Lucas wohl meinen könnte, aber dann glätteten sich die Falten. »Ach ja und du hattest so eine riesige Beule auf der Stirn. Wir haben kurz gesprochen und dann warst du plötzlich weg.«
»Ja, mein Kopf hat so gedröhnt, dass ich da raus musste.«
»Hhmm.«
»Also was ich eigentlich sagen wollte, ist: Ich hatte Besuch von Kevin, einem alten Kumpel. Dieser gute alte Kevin war der Meinung, er müsste unbedingt rausfinden, ob man mit dem Teleskop auch was ‘Richtiges’ beobachten kann. Er fand dich. Als ich das mitgekriegt habe, da bin ich ausgerastet und hab ihn rausgeschmissen.«
»Aha«, murmelte Ines und blickte Lucas forschend an. »Warum hast du mir das denn nicht schon viel früher gesagt?«
Lucas begutachtete seine Zehenspitzen. Ja, warum hatte er es eigentlich nicht getan? So betrachtet erschien es als das einzig Sinnvolle.
»Mann, weißt du, ich hab mich einfach so für ihn geschämt. Da hab ich versucht, nicht mehr dran zu denken. Es kam erst wieder hoch, als ich dich hier in der Lobby getroffen habe.«
Ines schien gegen ihren Willen lächeln zu müssen. »Ach, und deshalb hast du mich so angesehen, als ob ich King Kong wäre.«
Lucas machte eine Grimasse. »Mmmhja, stimmt.«
Eine Pause trat ein, in der beide nicht so recht wussten, was sie als Nächstes sagen sollten. Die Geräusche um sie herum, die sich während des eben geführten Gespräches geradezu ausgeblendet hatten, füllten diese Pause aus: Vögel zwitscherten, der Wind rauschte in den Bäumen und ein paar Zikaden fingen schon mal an, für das allmittägliche Zirpkonzert zu üben.
Schließlich räusperte sich Tom. »Also Leute, ich störe ja nur ungern, aber wir müssen echt langsam los, wenn wir heute Abend in unserer Nachtunterkunft angekommen sein wollen.«
Ines bedachte ihren Vater mit einem seltsamen Blick.
Lucas fragte sich später immer, ob er darin Erleichterung oder Zorn gesehen hatte – oder vielleicht beides.
Dann sah sie zurück zu Lucas. »Also weißt du, das ist im Moment alles ein bisschen viel auf einmal. Ich glaube, es ist besser, wenn wir es erst mal dabei belassen. Wir sehen uns dann ja irgendwie zu Hause.«
»Also dann macht’s gut und kommt heil nach Hause«, antwortete Lucas ein wenig lahm. Er konnte in diesem Moment einfach nicht sagen, ob er diesen Schluss nun gut finden sollte oder nicht. Und war es denn überhaupt ein Schluss? Für den Moment? Für wie lange?
Sein Vater riss ihn aus den Gedanken. Er war zusammen mit seiner Mutter hinter ihm aufgetaucht und schwenkte ein Paket.
»He, Ihr wollt doch wohl nicht einfach ohne Eure Wegzehrung aufbrechen?«
Tom stutzte. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Ihr habt doch nicht etwa ...?«
»Oh, doch«, kam es von Betty zurück. »Hausgemachte Pasta, von Alfredo persönlich, mit ... äh wie hieß die Soße noch mal?«
»Ist doch egal – Hauptsache sie schmeckt«, ließ sich Diana vernehmen. »Danke ihr Lieben. Zu Hause werden wir uns mal revanchieren.«
»Wenn wir überhaupt jemals zu Hause ankommen«, sagte Tom mit gespielter Verzweiflung, während er in den Wagen stieg.
Die anderen beiden lachten und stiegen ebenfalls ein. Dann setzte der Wagen aus der Parklücke zurück. Er fuhr gemächlich den Schotterweg bis zur Schranke und außer Sichtweite.
Die neue Schule

ucas vertrieb sich den letzten Tag des Urlaubs mit seinen Eltern. Sie hatten viel Spaß, aber insgeheim dachte Lucas immer wieder daran, wie viel Spaß es wohl mit Ines gemacht hätte.
Dann kam auch für sie der Morgen der Abreise. Obwohl es doch alles in allem eine sehr schöne Zeit gewesen war, freuten sie sich auch auf Zuhause.
Die Fahrt zurück kam ihnen unheimlich lang vor, aber letztendlich kamen sie an.
Während des Restes der Ferien versuchte Lucas immer wieder mal zufällig auf Ines zu treffen, was ihm aber nie gelang.
Dann brach die letzte Ferienwoche an. Im Haus der Frankes begann es, hektisch zu werden. Unterlagen mussten ausgefüllt und Material musste besorgt werden, denn schließlich begann das neue Schuljahr ja an einer anderen Schule. Langsam wurde Lucas ein wenig nervös – zum einen aus Vorfreude, zum anderen auch ein bisschen aus Angst, ob auch alles gut gehen würde.
Der erste Schultag selbst verlief dann jedoch ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Insgesamt war alles ziemlich geschäftsmäßig. Man begab sich in den Raum, der laut einem im Foyer der Schule aushängenden Plan zu der Klasse gehörte, der man zugewiesen worden war.
Lucas stellte fest, dass er einige Gesichter kannte. Außer ein paar seiner bisherigen Klassenkameraden waren offensichtlich auch einige Mitschüler aus anderen Klassen seiner Grundschule nun in seiner Klasse.
In dem allgemeinen Gewimmel entdeckte er plötzlich Ines. Dabei stellte er erstaunt fest, dass sie im Urlaub gar nicht darüber gesprochen hatten, auf welche Schule sie gehen würden. Er hob die Hand, um sie zu begrüßen, ließ sie aber sofort wieder sinken.
Anstatt ihn zu bemerken, hatte sich Ines eben zu einem wesentlich älteren Schüler umgedreht, der von hinten an sie herangetreten war und ihr die Augen zugehalten hatte. Gemeinsam gingen die beiden nun Arm in Arm die Treppe zu den Klassenräumen hoch.
Lucas blieb mit einem Gefühl im Magen, das stark an einen Eisklumpen erinnerte, in der Menge stehend zurück.
Da war sie wieder. Diese Stimme in seinem Kopf, die ihm zu sagen schien: Siehst du. Es geht weiter. Gewöhn Dich lieber daran, dass du ein Pechvogel bist.
Er schüttelte heftig den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben. Dann stieg er langsam ebenfalls die Treppe hinauf. In seinem Klassenraum angekommen setzte Lucas sich auf einen der freien Plätze und wartete auf das, was da noch kommen mochte.
Was kam, war ihr erster Lehrer – vielmehr die erste Lehrerin. Sie rauschte in einem Schwall von Parfumduft durch die Tür und schloss diese leise hinter sich. Sofort war der gesamte Raum von diesem schweren süßen Duft erfüllt, sodass sich einige der Jungen verstohlene Blicke zuwarfen und verhalten kicherten.
Erik, neben den Lucas sich gesetzt hatte, raunte ihm zu: »Die scheint zu Hause Parfum als Leitungswasser zu haben.«
Lucas verbiss sich einen Lachanfall.
Die Lehrerin stellte sich als Frau Gensicke vor. Sie war eher zierlich, hatte hellbraunes gewelltes Haar und trug einen langen Faltenrock zusammen mit einer arg gerüschten Bluse. Ihr Alter war schwer einzuschätzen – irgendwo zwischen 30 und 50.
Die Schüler erfuhren von ihr, dass sie ihre Klassenlehrerin sei. Sie würden bei ihr Deutsch und Französisch haben. Außerdem gab sie ihnen den Stundenplan und einige Informationen über Arbeitsmaterial, das sie sich noch beschaffen müssten. Als die Glocke zum Stundenende klingelte, entließ sie sie in die Pause und schwebte wieder aus dem Klassenraum.
Kaum, dass sie verschwunden war, hörte Lucas Uwe – einen Jungen, den er aus der alten Schule kannte – sagen: »Macht bitte mal einer die Fenster auf? Diese Wolke ist ja kaum zu ertragen.«
Unter allgemeinem Gelächter wurden die Fenster geöffnet, und alle begaben sich auf den Pausenhof.
Als Lucas auf dem Hof ankam, wusste er zunächst nicht so recht, was er machen sollte. Vor ihm tummelte sich die Masse der Schüler im Sonnenschein, der ihm fast schmerzhaft in die Augen stach. Lag es nur daran, dass es drinnen so viel dunkler gewesen war, oder war die Sonne heller als sonst?
Er schlenderte ein wenig herum, bis er ein schattiges Plätzchen erreicht hatte. Lucas wollte sich gerade hinsetzen, als ihn ein schier trommelfellzerfetzender Lärm zusammenschrecken ließ. Direkt nebenan hatten ein paar ältere Schüler damit begonnen, mit mehreren Getränkedosen Fußball zu spielen. Die Umstehenden johlten und gaben lautstark Kommentare dazu ab. Eigentlich waren das die üblichen Geräusche einer Pause auf dem Schulhof, aber für Lucas hätte es genauso gut ein startendes Flugzeug sein können.
Sein Kopf begann zu schmerzen – erst die Sonne und nun dieser Lärm. Das wollte er sich nicht antun und so sprang er wieder auf, um sich erneut nach einem geeigneten Platz umzusehen. Der einzige Platz, an dem er sich weder dem Krach, noch der sengenden Sonne ausgesetzt sah, befand sich am Rand zum Schulgarten. Dort jedoch herrschte jedoch ein Geruch nach den im Garten befindlichen Blumen und Kräutern sowie dem Komposthaufen vor, von dem Lucas sofort speiübel wurde. Auch das waren Gerüche, die er eigentlich mochte, aber heute waren sie ihm einfach zu viel.
Mühsam und inzwischen auch ziemlich entnervt rappelte er sich wieder hoch. Er lief an der Hauswand entlang, in der Hoffnung, dass er vielleicht die Pause im Klassenraum verbringen könnte. Er hatte nun nur noch Augen für die halb offene Eingangstür und die dahinter liegende dunkle Stille, sodass er fast rannte.
Plötzlich trat ihm eine schattenhafte Gestalt in den Weg und er stieß mit ihr zusammen.
Der Aufprall presste Lucas die Luft aus den Lungen und er setzte sich unfreiwillig rückwärts auf den Boden.
Der Schatten über ihm beugte sich nun zu ihm herunter und streckte ihm eine Hand entgegen.
Verdutzt blickte Lucas in das Gesicht eines Mannes, der ihn etwas seltsam anlächelte.
Er war vollständig in Schwarz gekleidet und hatte sogar bei dieser Hitze einen weiten Mantel an. Sein schwarzes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden und an seiner linken Hand einige Ringe, wie Lucas sie noch nie gesehen hatte. Sie alle schienen verschiedene Tiere darzustellen.
»Hoppla«, sagte der Mann. »Alles in Ordnung?«
»Ja«, murmelte Lucas geistesabwesend und immer noch auf das Erscheinungsbild des Mannes starrend. Dann bemerkte er, was er da tat und sprang hastig auf.
»Entschuldigung, dass ich Sie umgerannt habe, Herr ... ähh.«
»Nein, du musst dich nicht entschuldigen. Ich hab dich beobachtet. Als ich sah, dass du vermutlich gleich in Panik gerätst, wollte ich dich aufhalten. Ist also eigentlich eher meine Schuld.«
»Äh, wie jetzt?«, hüpfte es Lucas aus dem Mund, bevor er noch die Zeit dazu hatte, sich darüber Gedanken zu machen, dass das ziemlich unhöflich klingen musste.
Was hatte dieser Mann gerade gesagt? Panik? Und warum hatte er ihn beobachtet? Das war doch alles ganz schön eigenartig, obwohl, wenn er es recht bedachte, dann war die Sache mit der Panik wirklich nicht so weit hergeholt. Er hatte tatsächlich so etwas wie Panik verspürt, als er eben über den Schulhof gelaufen war.
Der Mann schien seine Gedanken zu erraten, denn als Lucas ihn wieder ansah, lächelte er wieder sein Mona-Lisa-Lächeln und sagte: »Ja, ich habe dich beobachtet, weil mir gleich aufgefallen ist, dass du da etwas mit dir herumträgst …«
»Nein, nicht im wörtlichen Sinn«, sagte er lachend, als Lucas sich umsah und seinen Rucksack nach ungewöhnlichen Merkmalen absuchte. »Ich meine das eher im übertragenen Sinn. Du hast da etwas, von dem du noch nicht so richtig weißt, wie du damit umgehen sollst. Du erinnerst mich ein bisschen an mich selbst nach meinem 13. Geburtstag.«
Lucas zuckte zusammen und starrte den Mann erneut an. Da war es wieder! Konnte man ihm das inzwischen schon ansehen? Und wenn ja, was konnte man ihm denn ansehen? Schwebte am Ende schon so etwas wie ein großes L wie Looser – für alle anderen außer ihm sichtbar – über ihm, an dem man erkennen konnte, was los war?
»Entschuldigung, aber was meinen sie damit?«, war er gerade im Begriff zu fragen, als es zum Pausenende klingelte.
»Lass uns da später mal drüber reden. Wie wäre es heute nach der Schule?«
»Hmmja gut, aber wo finde ich Sie?«
»Ich finde dich schon. Bleib einfach auf dem Hof.«
Dann wurde Lucas von der Menge der ins Schulhaus drängenden Schüler erfasst und befand sich kurz darauf wieder im Klassenraum.
»Sag mal stimmt das, dass du dich mit Mister Spooks angelegt hast?«, wollte sein Nachbar zur Linken gleich von ihm wissen.
»Mister wer?«, fragte Lucas.
»Na, Spooks«, kam es von dem Jungen, der Andreas hieß und einen größeren Bruder an der Schule hatte. »Der, der so gruselig aussieht.«
»Ach, du meinst den in Schwarz?«
»Ja ja, diesen Grufti-Typ.«
»Na wie ein Grufti kam er mir eigentlich nicht vor. Er war eher nett. Ich hab ihn umgerannt und dann hat er ...«
Lucas brach ab, denn ihm war gerade eingefallen, dass er nicht unbedingt große Lust dazu hatte, Andreas vom Rest des Gesprächs zu erzählen.
Glücklicherweise kam in diesem Moment der nächste Lehrer durch die Tür, sodass es Lucas erspart blieb, auf weitere Fragen seines Banknachbarn antworten zu müssen. Der Lehrer war mittelgroß, trug braune Cordhosen, ein Oberhemd, das oben aufgeknöpft gelassen war und ein dunkles Tuch um den Hals. Sein Kopf wurde von einer etwas wirren Mähne dunkelbraunen Haares umrahmt. Auf der Nase trug er eine Nickelbrille. Insgesamt konnte man ihn sich eher mit einem großen Café-au-lait in einem Pariser Bistro sitzend vorstellen, als in einem Klassenzimmer. Und er hatte eine weitere unverkennbare Eigenschaft.
»G-g-good mo-morning boys and g-girls«, sagte er, während er seine Unterlagen auf den Lehrertisch fallen ließ. »My n-name is Mister Mannf-fred.«
Es handelte sich unzweifelhaft um ihren Englischlehrer. Mr. Mannfred brachte es fertig, dass die Klasse sich nach der etwas drögen ersten Stunde schnell komplett auf ihn konzentrierte. Allerdings weniger wegen dem, was er zu sagen hatte, sondern wie er es sagte. Sein Stottern zog sich durch den gesamten Unterricht. Man bekam das Gefühl, dass sich alle ein Kichern verkneifen mussten. Auch sonst war der Unterricht nicht unbedingt uninteressant, da Mr. Mannfred immer die eine oder andere Anekdote parat hatte, um seine Ausführungen zu garnieren.
Als er nach Stundenende schließlich den Klassenraum verließ, hob sofort ein intensives Gebrabbel an.
»Das ist ja ne Type ...«
»Habt ihr gehört, was er mir geantwortet hat, als ich ihn nach der letzten Aufgabe gefragt habe?«
»Das ist doch gar nichts. Habt ihr gesehen, was er zwischendurch mit seinen ...«
Plötzlich hallte ein lautes »Spooks!« durch den Raum, sodass alle verstummten und Andreas ansahen, der soeben durch die offene Tür gestürmt war. Die allgemeine Aufmerksamkeit ließ ihn stehenbleiben. Er deutete aus der Tür und sagte: »Hey Leute, setzt euch lieber hin. Ich glaube, Spooks kommt zu uns.«
Sie taten es und sahen dann alle erwartungsvoll zur offenen Tür.
Nach einer Weile, die ihnen allen ziemlich lang vorkam, glitt tatsächlich die dunkle Gestalt, die Lucas bereits vom Schulhof kannte, durch die Tür. Die Art wie Spooks ging, machte selbst den kurzen Weg zwischen Tür und Lehrertisch zu etwas Aufsehenerregendem. Er bewegte sich geschmeidig, ja geradezu gefährlich wie ein Raubtier.
Lucas wurde klar, wieso dieser Mr. Spooks einen Ruf wie Donnerhall hatte.
Spooks ließ sich lässig auf der Kante des Lehrertischs nieder und sah die Klasse an, die gespannt zurückschaute.
»Morgen Herrschaften«, sagte er in einer leisen, aber sonoren Stimme, die absolut zu seiner sonstigen Erscheinung passte. »Ich bin euer Geschichtslehrer. Mein Name ist Balthasar Neumann. Ich bevorzuge auch so genannt zu werden, selbst wenn man in diesem Haus durchaus auch andere Namen zu kennen glaubt.«
Neben Lucas lief Andreas knallrot an.
»Wie ihr sehen werdet, kann man mit mir ganz einfach klarkommen. Alles, was ich verlange, ist Disziplin und den Willen zu lernen.«
In der ersten Reihe meldete sich ein Mädchen.
»Ja bitte, wie heißt du?«
»Simone, Herr Neumann.«
»Und was möchtest du wissen?«
»Ähm, Herr Neumann, die Tür ist noch offen.«
»Stimmt und das wird auch so bleiben.«
Simone und der Rest der Klasse sahen ihn etwas verwirrt an.
»Du möchtest wissen, warum? Ganz einfach. Wenn bis zum Ende der Stunde niemand hereingekommen ist, der sich wegen der Lautstärke wundert, warum die Tür offen ist, dann habt ihr eine erste Vorstellung davon, was ich mit Disziplin meine.«
Die Stunde verlief vermutlich in etwa so, wie Herr Neumann sie sich vorgestellt hatte. Zum Stundenende ließ er sich lässig von der Tischkante gleiten und sagte im Hinausgehen: »Okay. Darauf lässt sich aufbauen. Das nächste Mal bitte genau so. Übrigens, ihr habt heute Glück, denn Eure letzte Stunde fällt aus. Herr Brecher, euer Sportlehrer, ist heute bei einem Wettkampf.«
Alle Schüler atmeten auf und begannen, ihre Sachen einzupacken. Nur Andreas blieb, etwas belämmert aussehend, auf dem Platz neben Lucas sitzen.
Lucas blickte fragend auf ihn hinab. Als Andi den Blick bemerkte, ließ er einen leisen Seufzer hören. »Ausgerechnet ‘Knochen-Brecher’! Hätten wir nicht bei jemand anderem Sport haben können?«
Lucas setzte sich interessiert wieder hin, denn er wusste ja, dass Andi durch seinen Bruder, der an der Schule in der 10. Klasse war, gute Insiderinformationen hatte.
»Knochen-Brecher?«, fragte er Andi.
»Yo, Karl Brecher, auch Knochen-Kalle oder eben Knochen-Brecher genannt. Der echt heftigste Sportlehrer, den man hier bekommen kann.«
Andi wollte gerade noch weiter erzählen, da hörten sie Herrn Neumanns Stimme durch den sich leerenden Raum. »Oh, Lucas. Gut, dass du noch da bist. Bleib doch bitte gleich noch hier, dann können wir kurz reden.«
Diese Worte hatten eine seltsame Wirkung auf Andi. Er fing hastig an, seine Sachen in die Tasche zu stopfen und floh dann geradezu aus dem Klassenraum. Nun waren sie beide allein.
»Na das hat ja dann noch besser geklappt, als wir dachten. Jetzt müssen wir uns nicht erst gegenseitig suchen«, bemerkte Neumann lächelnd.
Lucas wollte gerade zu einer Frage ansetzen, da fiel ihm wieder ein, dass sie sich nach der Schule verabredet hatten. Allerdings fühlte er sich bei dieser Erkenntnis trotzdem nicht so richtig wohl. Auf dem Schulhof war es ihm unproblematisch vorgekommen – er war sogar darauf gespannt gewesen. Aber jetzt so ganz allein hier im Klassenraum zu stehen war ihm eher unheimlich.
Herr Neumann schien seine Gedanken zu erraten. »Lass uns doch vielleicht einfach ins Café um die Ecke gehen. Da redet es sich besser als hier in diesem leeren Raum.«
Lucas nickte und folgte ihm.
Sie wandten sich zunächst zum Lehrerzimmer, wo Neumann seine Tasche holte. Danach gingen sie in das kleine Café, das seinen Unterhalt fast allein durch die nahe Schule bestritt. Dort fanden sie nur noch einen Platz im Innenraum, denn draußen war alles mit einer schnatternden Schar von Schülern aller Klassen besetzt, die das schöne Wetter genossen.
Herr Neumann bestellte für sie beide einen Eistee. Dann saßen sie einander schweigend gegenüber. Als Lucas sich langsam unwohl zu fühlen begann, brach Neumann das Schweigen. »Du fragst dich natürlich, warum ich das hier alles veranstalte.«
»Hmmm«, brummte Lucas vorsichtig.
»Okay, aber bevor ich loslege, muss ich dich noch um etwas bitten, das dir vielleicht ezwas eigenartig vorkommen wird. Vertraust du mir?«
»Ähm ja ... warum nicht«, sagte Lucas zögernd, während eine leise Stimme in seinem Hinterkopf ihn fragte, wie lange er Neumann schon kenne, dass er das sagen könne.
»Gut, dann stecke doch bitte deinen Finger mal kurz in dieses Teil hier.«
Neumann hielt einen kleinen Apparat aus matt glänzendem Metall hoch, den er aus seiner Tasche gezogen hatte.
»Ich bin mir zwar eigentlich sicher, aber ich muss mich vergewissern.«
Lucas runzelte die Stirn bei dem Versuch, den Worten des Lehrers einen Sinn zu entnehmen.
»Ja, ich weiß. Das ist schwer zu verstehen. Ich erkläre dir nachher alles.«
Lucas machte Anstalten, seinen Finger in eine kleine Öffnung an dem Gerät zu stecken. Er fragte sich währenddessen, warum er das überhaupt tat, erst recht für jemanden, den er gerade erst kennen gelernt hatte und dessen Spitzname nicht von ungefähr Mr. Spooks war. Aber aus einem unerfindlichen Grund vertraute er ihm. Und außerdem war er inzwischen brennend neugierig.
»Nicht wundern, es pikst einmal kurz«, sagte Neumann freundlich.
Lucas hielt kurz inne, beschloss dann aber doch, jetzt keinen Rückzieher zu machen. Er steckte den Finger hinein. Es gab einen kurzen Stich und er zog den Finger schneller wieder zurück als er das eigentlich beabsichtigt hatte. Dann sah er seinen Lehrer an, der inzwischen mit einem gespannten Gesichtsausdruck auf eine Anzeige an der anderen Seite des Geräts sah.
Der Apparat gab ein eigenartiges Fiepen von sich. Das Display leuchtete grün auf.
Mit einem höchst zufriedenen Ausdruck schaute Neumann auf und begegnete Lucas’ Blick. »Dacht ich’s mir doch«, triumphierte er und saß einen Augenblick lang sinnierend da. Dann schien er sich bewusst, zu werden dass Lucas wartete.
»Ja gut. Du hast deinen Teil der Abmachung erfüllt. Jetzt bin ich dran. Antworten ... Okay, sagen wir mal, dass mir der Tester hier gerade bestätigt hat, dass du in der Tat nicht so bist wie die meisten andern in deinem Alter.«
Ja klar, dachte Lucas. Die anderen haben Glück und ich nicht. Die haben eine Freundin oder so und ich nicht. Was ist das jetzt gewesen? Der Nieten-Test?
Neumann unterbrach diese Gedanken.
»Es ist wirklich nicht ganz einfach zu erklären. Fakt ist aber, dass du etwas Besonderes bist.«
»Was soll denn da so besonders sein?«, entfuhr es Lucas, der auf irgendetwas gehofft hatte, das ihm die jüngste Vergangenheit erklären würde. Er wollte etwas, das es ihm einfacher machte, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Lucas fing an, sauer zu werden auf diesen Mann, der ihn hier in einem Café dazu gebracht hatte irgendeinen hirnverbrannten Test mitzumachen. Vielleicht standen hinter der nächsten Ecke seine neuen Schulkameraden und lachten sich schlapp über diesen Looser, der alles mit sich machen ließ.
Aber anstatt ihn wegen seines Benehmens zu tadeln oder tatsächlich auszulachen, wurde Neumann ganz ernst. »Hör mal. Ich weiß, das ist eine ganz bescheuerte Situation. Du hoffst darauf, dass ich dir ein paar Eigenartigkeiten in deiner jüngsten Vergangenheit mit einer Erklärung versehen kann. Deswegen bist du jetzt sauer, weil ich nur drum herum rede. Aber ich schwöre dir, es gibt eine Erklärung und sie ist so fantastisch wie plausibel – ich kann sie dir aber jetzt nicht erzählen. Nicht hier und nicht jetzt. Kannst du am Freitag in den BAT-Club kommen? Der ist in Friedrichshain. Ich würde dich von irgendwo abholen und auch wieder nach Hause bringen.«
Lucas starrte seinen Lehrer mit leicht gerunzelter Stirn an. Diese Situation wurde allmählich immer absurder. Erst dieser Test und jetzt beschwor er ihn geradezu, in irgendeinen Club zu kommen.
»Ähm, seien Sie mir nicht böse, aber ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Also ich ... ich war noch nie in so einem Club. Was ist denn das? Was passiert da?«
»Du brauchst keine Angst zu haben, dass da etwas passiert, was du nicht willst.« Neumann lächelte ihn an. »Im Grunde genommen ist das nur ein Treffen von Leuten, die dir Antworten geben können. Vielleicht sind da auch noch ein paar andere so wie du. Glaub mir bitte einfach, dass das etwas ist, was für dich von grundlegender Bedeutung sein wird.«
Lucas sah ihn schweigend an. Der Mann schien es ernst zu meinen. Nach alldem, was er heute schon angedeutet hatte, hatte dieser das Etwas – was immer es auch war – wohl auch. Lucas beschloss, es wirklich wissen zu wollen und nickte.
»Gut!« Neumann strahlte ihn an, was bei seinem ansonsten eher coolen Äußeren ziemlich unpassend wirkte. »Also pass auf: Ich hole dich am Freitag hier von der Schule um ... sagen wir mal 14 Uhr ab. Bis 19 Uhr müssten wir wieder zurück sein. Ist das okay?«
»Da muss ich erst meine Eltern fragen.«
»Klar. Sag mir einfach in der Woche Bescheid.«
Sie standen auf und verließen das Café. Als sie ins Freie traten, stach der helle Sonnenschein Lucas sofort wieder schmerzhaft in die Augen. Er wagte einen kurzen Seitenblick auf Neumann, dem das Licht überhaupt nichts auszumachen schien. Sofort begannen wieder Zweifel an dem zu nagen, was er eben noch als Hoffnung in sich gefühlt hatte: Er ist so wie ich – irgendwie ist er so wie ich.
Du hast dich geirrt, flüsterten sie. Wie kann er denn so wie du sein, wenn ihm alles das gar nichts ausmacht. Er hätte doch vorhin auf dem Hof genauso panisch werden müssen.
Mit einem Mal wieder ziemlich niedergeschlagen machte Lucas sich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen beantwortete er artig alle Fragen seiner Mutter, ohne jedoch richtig bei der Sache zu sein. Seine Lehrer und ganz besonders Herrn Neumann erwähnte Lucas nur kurz. In seinem Kopf kreiste alles weiter um die Frage: War da etwas Besonderes an ihm und was sollte das sein? Wie sollte er diese Ungewissheit bloß bis Freitag aushalten? Da fiel es ihm wieder ein. »Ach, Mam. Ich bin Freitag von einem aus der Schule eingeladen worden. Von drei bis sieben oder so. Meinst du, das geht in Ordnung?«
Betty schaute ihn etwas überrascht an.
»Na, da hast du ja ganz schön schnell neue Freunde gefunden.«
»Hmm«, antwortete Lucas nur, denn er wollte eigentlich nicht näher auf das Thema eingehen.
Seine Mutter tat ihm auch den Gefallen und fragte nicht weiter nach. »Ich denke, das ist kein Problem. Wohin soll’s denn gehen?«
»Ach, der hat da so einen Club, wo wir uns ein bisschen austauschen können«, sagte Lucas und wusste dabei eigentlich gar nicht, was er damit meinte.
»Oh, schön«, nahm Betty den Ball auf. »Vielleicht hat da ja einer noch ein größeres Teleskop oder so.«
Lucas stutzte kurz. Dann merkte er, dass seine Mutter das Wort Club automatisch mit einer der wenigen Freizeitaktivitäten in Verbindung gebracht hatte, die sie von ihm kannte. Er nickte eifrig.
»Kann schon sein. Muss mal sehen, ob das was ist.«
»Ja, mach mal. Und im Zweifelsfall rufst du halt an, wenn’s doch länger dauert. Dann kann Papa dich ja auch abholen.«
»Ach, ich denk, das wird schon so gehen. Aber schau mer mal.«
Lucas nahm sich ein paar Kekse und ging in sein Zimmer. Er war froh, dass alles so gut gelaufen war. Er ließ die Jalousien an seinen Fenstern halb herunter, um die Helligkeit auf ein für ihn erträgliches Maß zu bringen. Danach legte er sich auf sein Bett. Es dauerte nicht lange, da war er eingedöst. In seinem Kopf kreiste alles um die Frage: Wann ist denn endlich Freitag?
Warten, nichts als warten

ie Woche verging langsam und ohne große Ereignisse. In der Schule lernten sie nach und nach alle ihre neuen Lehrer kennen. Da war zum Beispiel Gertrude Zank, eine ältliche aber dennoch beinharte Lehrerin, bei der sie Erdkunde und Sozialkunde hatten.
Eriks Kommentar zu ihr war: »Die sieht echt so aus, als würde sie nach der Schule auf nem Besen nach Hause reiten.«
Dann gab es noch Herrn Jemineh, den Mathe- und Physik-Lehrer. Er war irgendwie mittelalt und recht unscheinbar. Allerdings hatte er einen trockenen Humor, mit dem er seine Stunden gerade so würzte, dass auch die öde Theorie nicht immer nur langweilig war.
Chemie hatten sie bei Antonio Meyer, einem kleinen Deutsch-Italiener. Dieser hatte trotz seiner zwanzigjährigen Laufbahn als Lehrer immer noch einen derartigen Akzent, dass er bereits seine erste Stunde der unfreiwilligen Komik preisgab.
Den Abschluss bildete Herr Dr. Gormann der Biologie-Lehrer. Er ließ die Schüler vom ersten Augenblick an spüren, dass er seine Arbeitskraft an einer bloßen allgemeinbildenden Schule für absolut vergeudet hielt. Schon kurz, nachdem er das »Dr.« seines Namens an die Tafel geschrieben hatte, schien er förmlich einen halben Meter größer zu werden. Sofort danach fing er an, sie alle mit der ihm eigenen herablassenden Art zu behandeln. Schnell kamen sie sich vor, als wären sie Zweijährige, die sich auf eine Veranstaltung ihrer Eltern verirrt hatten.
Als es schließlich Freitag wurde, waren Lucas’ Neugier und Anspannung mittlerweile schier ins Unermessliche gestiegen. Den Tag über folgte er dem Unterricht nur mit einem halben Ohr. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu den kommenden Ereignissen, von denen er überhaupt noch gar nicht wusste, ob sie ihm das bringen würden, was er sich erhoffte. Im Grunde genommen war er sich nicht einmal klar darüber, was er sich erhoffte. Das machte ihn geradezu wahnsinnig vor Ungeduld.
Zum Glück hatten sie in der letzten Stunde Sport. Lucas versprach sich davon eine Art von Ablenkung, die anders sein würde, als es normaler Unterricht wäre. Wie sehr er damit recht haben würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht.
Sie hatten sich umgezogen und lungerten nun in der Sporthalle herum. Während sie auf ihren Lehrer warteten, unterhielten sie sich angeregt über die nun fast vergangene erste Schulwoche. Obwohl Lucas eigentlich nicht der Sinn danach stand, beteiligte er sich auch am Gespräch und vergaß darüber schließlich doch fast seine Ungeduld.
Plötzlich gellte ein schriller Pfiff durch die Halle, der sie alle zusammenzucken ließ. Sie drehten sich hastig zu der Geräuschquelle um. Dann sahen sie ihn.
Karl Brecher war ein wahrer Bulle von einem Mann: groß und muskulös, mit Stiernacken und einem kantigen Schädel, auf dem sich ein Bürstenhaarschnitt befand. Diese imposante Erscheinung steckte in einer Art Trainingsanzug, den er wahrscheinlich aus einem Army-Shop hatte. Die Hosen waren in Tarnfarben gescheckt und auf dem Muscleshirt, das er dazu trug, befand sich ein Bundesadler.
»Scheiße, das ist Knochen-Brecher, raunte ihm jemand ins linke Ohr. Wenn ich das richtig gehört habe, dann war der mal beim BGS, aber sie haben ihn wegen irgendwas rausgeschmissen.«
Mehr konnte Lucas nicht verstehen, denn Brecher hatte zu sprechen begonnen – vielmehr war es wohl das, was er für Sprechen hielt.
In einem Ton, der Lucas stark an den des Drill-Sergeants aus »Ein Offizier und Gentleman« erinnerte, schrie er quer durch die Halle: »So, Freunde des Schweißes. Dann mal schön in einer Reihe anjetreten und Maul halten! Ick bin hier der Scheff und in meinem Unterricht jibt et nur zwei Rejeln. Erstens: Et wird jemacht, wat ick sage und zweitens: Schnauze halten. Kommprie?«
»Avez-vous«, entwischte es aus Lucas’ Mund in die eingetretene Stille hinein.
Neben ihm sog jemand scharf die Luft ein.
Lucas sah sich aus den Augenwinkeln verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit um. Er konnte nicht glauben, was er gerade getan hatte. Bereits zwei Sekunden nachdem ihnen von ihrem Lehrer, der sich geradezu für ihren Gott zu halten schien, die Zwei Gebote gegeben worden waren, hatte er eines davon gebrochen. Aber vielleicht hatte Brecher die gemurmelten Worte ja gar nicht gehört oder wusste nicht, wer sie ausgesprochen hatte.
So schnell, wie sie gekommen war, verschwand seine Hoffnung auch wieder.
Brecher baute sich in diesem Moment vor Lucas auf und schaute auf ihn hinab. Er musste zwar nicht besonders viel hinabschauen, denn Lucas war ziemlich groß, aber er kam sich neben diesem Fleischberg trotzdem um einiges kleiner vor.
»Wat war dit?«, herrschte Brecher Lucas an.
»Entschuldigung, es war nur weil ...«, murmelte er mit gesenktem Blick.
»Ick kann dich nich hören!«, brüllte Brecher ihm ins Gesicht und erinnerte Lucas damit erneut an einen Drill-Sergeant.
»Sir, Entschuldigung, Sir!«, schrie er daraufhin zurück. »Ich nahm an, dass Sie auf Französisch ‘Habt ihr verstanden’ sagen wollten und das heißt nicht nur ‘Compris’, sondern ‘Avez-vous compris’.«
Stille lastete schwer auf der ganzen Sporthalle während der Lehrer den strammstehenden Lucas mit einer Mischung aus Verwunderung und Wut anstarrte.
»Findest dit wohl lustich, wa?«, knurrte Brecher. »Na denn wolln wa ma sehn, ob de dit jetz ooch noch lustich findest. Ihr da!« Er drehte sich zu dem Ende der Reihe um, das sich am nächsten zu den Geräteräumen befand. »Holt drei Matten, ein Pferd und ein Sprungbrett. Zack-Zack!«
Schweigend machten sich die Angesprochenen an die Arbeit. Die anderen Schüler waren inzwischen ein Stück von Lucas abgerückt und musterten ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid.
Er selbst wusste gar nicht so recht, wie er sich fühlen sollte. In ihm herrschte eine große Leere. Was würde das jetzt wohl werden? Jedenfalls bestimmt kein Spaß – so viel stand fest. Brecher wollte hier an ihm ein Exempel statuieren, um seine Autorität von vornherein klarzustellen.
Er war zu den Schülern, die die Geräte holten, hinübergegangen und dirigierte sie mit fuchtelnden Händen. Als sie fertig waren, drehte sich Brecher mit einem niederträchtigen Grinsen zu Lucas um.
»So, Schlaumeier. Jetz will ick ma sehn, ob du ooch noch wat anderet bewegen kannst, als dein Mundwerk. Anlauf nehmen und rüber über det Ding!« Er zeigte auf das Pferd, das längs aufgestellt worden war. »Und keene Angst mein Kleener. Wennde uff die Schnauze fliechst, denn helf ick dir.«
Lucas sah sich in der Halle um. Überall standen seine Klassenkameraden möglichst unauffällig in der Gegend herum. Keine Frage, die Ansage von Brecher hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Mit zitternden Knien, aber äußerlich doch bemüht, sich davon möglichst wenig anmerken zu lassen, trottete Lucas zum Anlaufpunkt und stellte sich auf. Er wagte noch einen vorsichtigen Blick in die Runde, aber niemand traute sich, ihm zu begegnen.
Lucas zuckte mit den Schultern. Das war es nun also: Seine erste Sportstunde an dieser Schule würde wohl damit enden, dass er von einem zufrieden schmunzelnden Karl Brecher an die Mannschaft eines Rettungswagens übergeben würde.
»Ick hab noch jesacht: Mach det nich. Aber denkense der hat uff mich jehört?«, klang Brechers Stimme in Lucas’ Gedanken, und das grinsende Gesicht schaute in falscher Anteilnahme auf ihn hinab.
Mit einem Mal änderte sich etwas. Lucas konnte nicht genau sagen, was mit ihm vorging, aber irgendwas ging vor. Sein Herz, das ohnehin schon einen wilden Tanz in seiner Brust aufgeführt hatte, fühlte sich nun an, als ob es sich dazu entschieden hätte, seinen Brustkorb zu zertrümmern, um dem feixenden Brecher ins Gesicht zu springen. Lucas hatte das Gefühl, dass sich alle Muskeln fast bis zum Zerreißen spannten. Eine Wut stieg in ihm auf und füllte sein ganzes Bewusstsein aus.
Dieser Typ – Lehrer oder nicht – sollte ihm nicht den Tag verderben. Er hatte Besseres zu tun als sich hier von diesem Möchtegern-Gott vorführen zu lassen! Er musste sich heute noch mit Neumann treffen, um endlich Klarheit in all die Fragen zu bringen, die ihn die ganze Zeit seit ihrem letzten Gespräch umtrieben.
Ohne es selbst richtig zu merken, sprintete Lucas mit einer Vehemenz los, die einige nahe bei ihm stehenden Schüler zusammenzucken ließ. Er rannte auf das Sprungbrett zu. Dabei hatte er das Gefühl, dass sich sein ganzes Leben quasi auf diesen rechteckigen Punkt vor ihm auf dem Boden fokussierte. Seine Füße hämmerten auf den Boden der Turnhalle, immer schneller, immer schneller. Als er das Brett erreichte, sprang er ab und – Dunkelheit umfing ihn.
Lucas erschrak. Er wollte aufschreien, aber er brachte keinen Ton heraus. Tatsächlich konnte er weder sich noch irgendjemand anderen hören.
War’s das jetzt?, fragte er sich still, während er das Gefühl hatte, endlos durch leeren Raum zu schweben. Bin ich etwa tot?
Aber bevor Lucas die Möglichkeit hatte sich eine Antwort auf diese Frage zu überlegen, drang plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm an seine Ohren. Einerseits war er erneut erschrocken über diesen Lärm. Andererseits war er aber auch froh über die Tatsache, dass er offensichtlich doch noch am Leben zu sein schien.
Er drehte den Kopf und stellte wiederum erstaunt fest, dass er auch wieder etwas sehen konnte. All seine Mitschüler stürmten jubelnd auf ihn ein, klopften ihm auf die Schulter und schüttelten ihm die Hände.
Lucas blickte verständnislos in die Runde.
Andi, der grinsend wie ein Honigkuchenpferd vor ihm stand, rief: »Mann, das war echt abgefahren. Wo hast du denn das gelernt?«
»Was gelernt? Ich meine was ...«, stammelte Lucas zurück.
»Na den Stunt, den du da eben hingelegt hast. Muss so was wie‘n Doppelsalto oder so gewesen sein. Weiß nich, war irre schnell«, antwortete Andi.
Lucas wandte sich um und stellte fest, dass er auf der anderen Seite des Pferdes stand. Irgendwie musste er also tatsächlich da rüber gekommen sein.
»Keine Ahnung.« Er grinste Andi zu. »Ich hab einfach ...«
»Darf man die Mädels ma störn?«, hörte Lucas die Stimme von Brecher hinter sich.
Diesmal brüllte er nicht, aber in der Stimme lag ein Unterton, der es Lucas eiskalt den Rücken hinunterlaufen ließ.
»Ick wollte nur unserm Turner-As zu seiner Leistung gratulieren«, fügte er hinzu. Dabei streckte er Lucas seine Hand hin.
Lucas ergriff sie und dann drückte Brecher mit einer Kraft zu, die Lucas’ Knochen knirschen ließ. Diesem schossen vor Schmerz sofort Tränen in die Augen, aber Brecher ließ nicht los.
Zwischen seinen grinsend gebleckten Zähnen zischte er Lucas zu, sodass nur er es hören konnte: »Na warte, Freundchen. Det machste nich noch mal mit mir.« Und dann an alle gewandt fügte er hinzu: »Bravo, bist‘n Juter. Sehter Leute, sowat könnt ihr ooch jerne ma machen, wenn euch nach Quatschen oder so is. Vielleicht ham wa hier inner Klasse noch mehr Sportskanonen.«
Dann ließ er Lucas’ Hand los und blickte auf die Uhr. »Schade, det hat jetz allet leider‘n bisschen lange jedauert. Nu bleibt uns bloß noch Zeit, ne Runde zu laufen. Zwanzig Minuten ab jetz und uff jeder zweiten Gerade einen Sprint!«
Das Gesumme der Stimmen, das eben noch ertönt war, erstarb schlagartig, als Lucas’ Mitschüler die letzten Worte hörten.
Mit hängendem Kopf reihte sich Lucas schweigend in die Reihe der anderen ein und fing an zu laufen.
Als sie nach der Stunde im Umkleideraum ihre Sachen zusammenpackten, fragte er sich, ob er sich jemals schon so fertig gefühlt hatte.
Dann trat einer seiner Klassenkameraden an ihn heran und sagte immer noch mit hochrotem Kopf: »Tu uns allen den Gefallen und halt deine Zunge in Zukunft in Zaum. Auf so ne Aktion hab ich nicht so bald wieder Bock.«
Lucas blickte in die Runde. Er stellte fest, dass ihn fast alle mit Blicken ansahen, die ungefähr das aussagten, was der Junge eben angesprochen hatte.
Nur Andi und Erik zuckten mit den Schultern und versuchten zu grinsen.
Lucas beschloss, sich die Bitte zu Herzen zu nehmen. Im Grunde genommen hatte er ja selbst keine Lust darauf, von Brecher drangsaliert zu werden. Wer wusste schon, was der sich beim nächsten Mal einfallen lassen würde.
Enthüllung

achdem Lucas seine Sachen gepackt hatte, ging er hinaus auf den Schulhof, wo er sich schnell einen schattigen Platz suchte. Da freitags nur wenige Klassen bis zur sechsten Stunde Unterricht hatten, war der Hof schon ziemlich leer. Er setzte sich auf eine der Bänke, um auf Herrn Neumann zu warten.
Andi und Erik kamen an ihm vorbei. »He, was los? Willst du hier übernachten?«, riefen sie ihm zu, aber er winkte nur ab und sagte, dass er noch auf jemanden warten müsse. Die beiden schnitten eine Grimasse und trollten sich nach Hause.
Lucas lehnte sich zurück. Er genoss die momentane Ruhe. Nur die zwitschernden Vögel waren zu hören – gelegentlich unterbrochen von Schülerstimmen, die sich gegenseitig ein schönes Wochenende wünschten. Er schloss die Augen und döste vor sich hin. Als er sie wieder öffnete, blickte er direkt in das lächelnde Gesicht von Neumann. Lucas hatte ihn zwar nicht kommen gehört, aber irgendwie hatte er gewusst, dass er da war.
Das Lächeln des Lehrers wurde breiter. »Ah, du hast mich bemerkt – gut«, sagte er und ergänzte, bevor Lucas etwas erwidern konnte: »Ich habe gehört, dass du eben einen großen Auftritt hattest.«
»Hä?«, entfuhr es Lucas. »Verzeihung, was hatten sie gesagt?«
»Na, die Sache mit Brecher«, entgegnete Neumann immer noch schmunzelnd.
»Oh, das! Na ja, das ... aber woher wissen Sie denn das?«
»Das war nicht schwer zu erfahren. Ich hab Brecher ins Lehrerzimmer kommen sehen – der hat echt geschäumt vor Wut. Bevor jemand etwas sagen konnte, da hat er auch schon losgelegt: Was du denn für ein Typ wärst, kein Respekt lalala. Und dann hättest du auch noch die ganze Klasse aufgehetzt. Mann, das hätte ich gern mit angesehen.«
»So lustig war es nun auch wieder nicht«, bemerkte Lucas. »Über ein Pferd sollte ich springen! Ich dachte, er trägt mich hinterher in nem Eierbecher nach Hause.«
»Aber du hast es geschafft, oder?«
»Ja, irgendwie schon, aber ich weiß nicht wie.«
»Das habe ich mir gedacht«, sagte Neumann nickend.
»Wieso gedacht, was ...?«, wollte Lucas fragen, aber Neumann sagte nur: »Später. Deswegen haben wir uns doch heute getroffen. So, was ist, wollen wir los?«
Lucas sprang geradezu von der Bank auf. Er folgte Neumann über den Hof.
Dieser lief zu einem Schuppen neben dem Fahrradverschlag, den er aufschloss und darin verschwand. Gleich darauf kehrte er mit zwei Helmen in der Hand zurück, von denen er Lucas einen zuwarf.
Dieser fing ihn auf. Er fragte sich dabei kurz, was er damit anfangen sollte, als sein Blick auf das Motorrad fiel, das Neumann gerade bestieg. In diesem Moment hatte Lucas das Gefühl, sich mit der flachen Hand an die Stirn schlagen zu müssen. Natürlich würden sie Motorrad fahren. Er konnte sich kein Fortbewegungsmittel vorstellen, das so gut zu Neumann passte, wie dieses.
Es war eine Vmax, schwarz und chromblitzend, schlicht, aber die Kraft, die in ihr steckte, war förmlich zu spüren.
Voller Vorfreude setzte er sich den Helm auf und kletterte hinter Neumann auf den Soziussitz, als ihm etwas einfiel. Seit seine Eltern fast einen guten Freund bei einem Unfall verloren hatten, standen sie dem Motorradfahren ziemlich skeptisch gegenüber. Sie würden es bestimmt wissen wollen, wenn er nun als Beifahrer auf ein Motorrad stieg.
»Was gibt’s?«, fragte Neumann, der sein Zögern bemerkte.
»Ach, nichts«, antwortete Lucas und ließ sich auf den Sitz fallen, aber als sie vom Schulhof und dann Richtung Stadt fuhren, dachte er: Hoffentlich sieht mich niemand.
Die Fahrt dauerte nicht lange, aber Lucas genoss sie in vollen Zügen. Er mochte dieses Gefühl von Freiheit, das ihm das Motorradfahren vermittelte. Er ließ die Häuser und Straßenbäume an sich vorbeiflitzen und spürte die Kraft der Beschleunigung – obwohl Neumann gar nicht so schnell fuhr.
Dann waren sie an einem unscheinbaren Mietshaus in einer von recht hohen Bäumen bewachsenen, engen Seitenstraße angekommen, die für die Innenstadt üblich waren. Sie fuhren durch ein Tor auf einen Hinterhof. Dieser war allerdings nicht wie ein normaler Hof von hohen Mauern geprägt, sondern öffnete sich nach hinten auf ein brachliegendes Grundstück und dahinter liegende Bahngleise.
Lucas schaute sich um, nachdem er vom Motorrad abgestiegen war und den Helm abgenommen hatte. Er entdeckte ein flaches Gebäude, das sich an einen verfallen aussehenden Seitenflügel des Mietshauses anlehnte.
Der gesamte Bau war über und über mit Graffiti besprüht und sah insgesamt recht sonderbar aus.
Neumann schien sich jedoch an diesem Aussehen nicht zu stören, denn er hielt direkt auf den Eingang zu. Lucas folgte ihm.
Über dem Eingang hing ein Schild, dessen Aufschrift man erst dann richtig erkennen konnte, wenn man unmittelbar davor stand. In graffiti-typisch verschlungenen Buchstaben stand dort »BAT-Club« geschrieben. Neumann trat ein und winkte Lucas, ihm zu folgen.
Im Eintreten dachte Lucas, dass es sich wohl um eine Art Jugendclub handeln musste. Er konnte ein Bistro, einige Flipper und Billardtische, sowie einen dunklen Durchgang mit einem Schild »Disco« erkennen.
Neumann ging mit ihm sofort ins Bistro, wo sich schon einige Leute befanden. Es war eine etwas seltsame Mischung von Menschen, die hier saß, stand oder herumlief. Die meisten schienen – soweit sich das sagen ließ – in Lucas’ Alter zu sein, aber man konnte auch einige Erwachsene sehen. Dann fiel ihm ein, dass auch er ja mit einem Erwachsenen da war und er zuckte für sich leicht mit den Schultern.
Neumann bedeutete ihm, an einem freien Stehtisch zu bleiben, während er hinter den Tresen ging, um dort mit einem Mann zu sprechen.
Lucas sah, wie Neumann dem Mann einen metallisch glänzenden Gegenstand gab. Er glaubte, diesen als den Apparat zu erkennen, mit dem der Lehrer letztens bei ihm irgendetwas gemessen hatte.
Der Fremde beäugte den Gegenstand kurz, nickte dann und sagte etwas zu Neumann, der daraufhin wieder zu Lucas zurückkam.
»Komm, wir müssen nicht hierbleiben«, sagte er. Dabei legte er Lucas einen Arm auf die Schulter und führte ihn in Richtung einer Tür, die sich neben dem Tresen befand.
Als sie durch die Tür getreten waren, kamen sie in einen fast leeren großen Raum. Dieser war wie eine Art Auditorium nach unten abfallend in den Boden hineingebaut worden. Sie setzten sich an einen von um die 50 Tischen, die in kleiner werdenden Halbkreisen auf den einzelnen Stufen des Raumes aufgestellt waren. Zu ihnen gehörten jeweils zwei Stühle.
Lucas ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. An drei weiteren Tischen saß jeweils ein Junge oder Mädchen zusammen mit einem Erwachsenen. Nach den ratlos aussehenden Blicken zu urteilen, die er von dem einen oder anderen auffing, wussten auch sie nicht mehr als er. Dann beobachtete er die Erwachsenen und stellte fest, dass sie ebenfalls etwas gemeinsam hatten. Alle vermittelten den Eindruck nur mühevoll unterdrückter Vorfreude auf etwas. Lucas hob den Blick und sah nun in das lächelnde Gesicht von Neumann, der ihm zuzwinkerte.
»Jetzt ist es gleich so weit«, flüsterte er ihm zu. »Wir müssen nur noch darauf warten, wer von denen da draußen ebenfalls ausgewählt wird.«
Aha. Also bin ich anscheinend zu etwas erwählt worden – aber wozu?
Die Ungeduld, die durch die Herfahrt etwas in den Hintergrund getreten war, kam mit Macht wieder zurück. Sie vermittelte ihm das Gefühl, auf einem Ameisenhaufen zu sitzen.
Um sich irgendwie abzulenken, wandte er sich wieder an Neumann: »Wissen die da draußen, um was es geht?«
»Nee, das wäre nicht gut«, kam es von Neumann zurück, der sich aber sofort wieder bremste und nicht weitersprach. Aber das, was er gesagt hatte, weckte nun erst recht Lucas’ Interesse.
»Wieso denn nicht gut?«, bohrte er weiter.
Neumann grinste verlegen. »Na ja, wie soll ich es sagen? Es entscheidet sich ja erst noch, wer etwas mit uns zu tun hat und wer nicht. Für die, die nichts mit uns zu tun haben, wäre jede Information zu viel. Die könnten damit nichts anfangen.«
In Lucas regten sich ob dieser Geheimniskrämerei inzwischen trotz all seiner undefinierten Hoffnungen und Ungeduld leichte Zweifel, ob es richtig gewesen war, sich auf das alles hier einzulassen. Er schaute Neumann mit einer hochgezogenen Augenbraue fragend an.
Dieser legte ihm die Hand auf den Arm. »Lucas, ich schwöre dir, dass du in einer halben Stunde genau weißt, wovon ich gesprochen habe und mir zustimmst. Bitte hab noch dieses bisschen Geduld. Ich weiß es ist viel verlangt, aber es lohnt sich wirklich.«
Lucas blickte in Neumanns Augen und glaubte, darin eine Ernsthaftigkeit zu erkennen, die seine Zweifel wieder schwinden ließ. Er nickte und lehnte sich im Stuhl etwas zurück, um seine Anspannung abzuschütteln.
Es dauerte nicht lange, aber Lucas kam es trotzdem wie eine halbe Ewigkeit vor, da öffnete sich plötzlich die Tür, durch die sie auch eingetreten waren. Eine lange Reihe von Jungen und Mädchen kam zusammen mit ihren Begleitern herein. Alle suchten sich einen Platz, um sich hinzusetzen. Als auch die Letzten eingetreten waren, schloss sich die Tür wieder.
Lucas vernahm dabei ein leises Klicken, das ihm verriet, dass sie sich auch verriegelt hatte, um nun niemanden mehr herein (oder hinaus?) zu lassen.
Neumann, der Lucas’ Reaktion darauf bemerkte, legte ihm wiederum die Hand auf den Arm und schüttelte mit geschlossenen Augen leicht den Kopf.
Lucas blieb sitzen, aber der nagende Zweifel war wieder da.
Nun allerdings wurde im Saal das Licht gedimmt und die Spots für das Podium angeschaltet. Dies nahm Lucas Aufmerksamkeit in Anspruch, sodass der Zweifel ein weiteres Mal in den Hintergrund trat. Durch eine Tür neben dem Podium traten mehrere Personen ins Licht und setzten sich auf dort stehende Stühle.
Nur eine Person blieb stehen. Es war ein Mann, der eigentlich nur durch eines auffiel – seine Unauffälligkeit. Er war irgendwie mittelalt und mittelgroß. Sein Haar hatte eine Farbe, die wie eine Mischung sämtlicher Haarfarben aussah. Auch das Gesicht wies keine markanten Merkmale auf. In einer Menschenmenge wäre er so wenig aufgefallen wie ein Sandkorn in der Wüste. Als der Mann aber zu sprechen begann, hatte er eine sonore Stimme, die den ganzen Raum zu füllen schien, obwohl er nicht sonderlich laut sprach.
Neben Lucas machte Neumann eine Bewegung, die ihm signalisierte, dass auch er das fühlte, was Lucas in diesem Moment durch den Kopf ging: Jetzt geht’s endlich los!
»Guten Tag meine Damen und Herren«, sagte der Mann auf dem Podium. »Ich nehme an, dass Ihnen diese Anrede bisher nicht oder nur selten zuteilwurde. Aber nichtsdestoweniger halte ich sie für die richtige Wahl, denn Sie unterscheiden sich von circa 95% aller anderen Menschen in einem wesentlichen Punkt. Und genau dieser Punkt ist der Grund dafür, dass Sie heute hier sind.«
Er machte eine bedeutungsvolle Pause, in der die Totenstille, die im Raum herrschte, schwer auf den Anwesenden lastete.
»Bevor ich aber fortfahre, möchte ich mich bei Ihnen vorstellen. Mein Name ist Ullrich Upuaut und ich bin stellvertretender Leiter der BAT. Sie werden sich nun sicherlich fragen ‘Was zur Hölle ist eine BAT?’. Nun, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen: Der ausgeschriebene Name der BAT lautet ‘Berliner Akademie für Transmutationen’ und Sie alle sind hier, weil Sie das sind, was die restliche Weltbevölkerung unter der Bezeichnung ‘Vampir’ zu kennen glaubt.«
Sofort brach ein wahrer Tumult los, als alle anwesenden Mädchen und Jungen aufgeregt durcheinander riefen.
Einige von ihnen – darunter auch Lucas – waren aufgesprungen. Sie ließen ihre Blicke unstet im Raum hin und her wandern, während sie nach einer Fluchtmöglichkeit vor diesem Irren dort unten suchten.
Jemand legte Lucas die Hand auf den Arm und er zuckte zusammen, während er scharf die Luft einsog. Sein Herz hämmerte zum zweiten Mal an diesem Tag wie wild in seiner Brust. Dann erweiterte sich sein Gesichtsfeld ein wenig.
Er blickte nach unten und erkannte das lächelnde Gesicht von Neumann, der ihm bedeutete, sich wieder zu setzen. Seine Lippen formten die Worte »Bleib ruhig«, die Lucas durch das Geschrei ringsum aber nicht hören konnte. Seltsamerweise lag in dieser Geste etwas derart Beruhigendes, dass Lucas sich tatsächlich hinsetzte.
»Warte bitte noch eine Weile ab, bis du dir ein Urteil bildest«, rief Neumann durch den sich allmählich wieder legenden Lärm.
Lucas blickte sich um und begriff nun auch, warum hier zu jedem Jungen oder Mädchen auch ein erwachsener Begleiter vorhanden war. Ohne diese hätte es hier vermutlich bald eine Massenpanik gegeben. Als er dann wieder in Richtung Podium blickte, stellte er fest, dass der Redner mit dem komischen Namen ebenfalls ganz ruhig geblieben war. Anscheinend wartete er nur darauf, dass sich seine Gäste wieder beruhigten, so wie man auf das Vorüberziehen eines kurzen Sommergewitters wartet.
Schließlich begann er erneut: »Mir ist klar, dass Sie sich jetzt bestimmt fragen, zu was für einem Verrückten Sie Ihre Betreuer hier gebracht haben. Die Erklärung, was es mit dem Vampirismus auf sich hat, ist jedoch recht umfangreich. Deshalb möchte ich der pauschalen Aussage von eben nun eine Demonstration folgen lassen, die Ihnen eine grundsätzliche Vorstellung davon vermittelt, was ich damit meine.«
Er drehte sich um und winkte die drei Personen, die sich auf die Stühle gesetzt hatten, heran. Es waren zwei unterschiedlich alte Jungen und ein Mädchen, die zum Redner traten.
»Bevor wir gleich beginnen, möchte ich Sie bitten, diese Demonstration aufmerksam aber ruhig zu verfolgen«, meldete Upuaut sich noch einmal zu Wort. »Es kann Ihnen nichts passieren. Und trauen Sie ruhig Ihren Augen.«
Er bat den ersten Jungen – augenscheinlich den ältesten der drei – nach vorn. Dieser tat zunächst etwas, mit dem Lucas am allerwenigsten gerechnet hatte, denn er zog sich bis auf die Unterhose aus. Als Kommentar kam dazu von Upuaut, dass dieses letzte Kleidungsstück angelassen würde, damit nicht der Eindruck entstünde, dass es sich hier um etwas Anstößiges handle.
Lucas beobachtete den Jungen und wurde das Gefühl nicht los, dass er ihn kannte. Allerdings wurden seine Gedanken durch das, was nun passierte schnell verdrängt. Er hatte nur noch Augen für den Jungen auf dem Podium.
Dieser hatte sich hingehockt und von Upuaut etwas aus einer schillernden Dose bekommen. Er steckte es in den Mund und schloss die Augen. Dann begann er, langsam vor und zurück zu wippen. Er wippte und wippte und schien dabei etwas vor sich hin zu murmeln.
Und dann geschah es: Vor den Augen aller Zuschauer verschwammen zuerst die Umrisse seiner Gestalt, dann löste er sich zu einer undefinierbaren Masse auf, nur um sofort daraus die Gestalt eines schwarzen Hundes anzunehmen.
Der Hund erhob sich von dem Platz, auf dem er gesessen hatte, und trabte seitlich vom Podium hinunter. Dann machte er kehrt. Plötzlich flitzte er mit der Schnelligkeit eines Jagdhundes auf der Spur seiner Beute wieder hinauf, sprang mit einem Riesensatz über alle drei dort stehenden Stühle und kam dahinter zum Stehen. Während dieser ganzen Prozedur hatte er immer noch die Unterhose an, aber niemand lachte darüber. Alle waren von dem, was dort eben vor sich gegangen war, in Bann geschlagen.
Der Hund legte sich auf den Boden. Dann verwandelte er sich wieder zurück in den Jungen, der lässig in die Runde grinste und sich wieder anzog.
Jetzt wurde das Mädchen nach vorn gebeten. Sie mutierte zu einer Katze mit Hemd und Höschen, die behände an einem Pfeiler hinaufkletterte und aus etwa 3 Meter Höhe wieder heruntersprang.
Als sich zum Schluss der zweite Junge in eine Fledermaus verwandelte, um über den Köpfen der Anwesenden eine Runde zu fliegen, waren in der ansonsten herrschenden Stille hie und da erschreckte Laute zu hören. Während der Junge sich danach hinter einem Sichtschutz wieder anzog, trat Upuaut vor und blickte in die Runde.
»Ich denke, dass Ihnen dies viel mehr gesagt hat als ich es mit Worten vermocht hätte. Allerdings will ich nicht versäumen, Ihnen nochmals eines zu versichern: Es handelte sich bei dem eben Gesehenen nicht um einen dieser Spiegeltricks, mit denen findige Leute, die sich selbst Magier nennen, die Sinne ihrer Zuschauer täuschen. Es war auch keine Zauberei, wie sie in einigen beliebten Büchern beschrieben wird. Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas wie Zauberei auf dieser Welt gibt. Allerdings würde es mich nicht überraschen, denn sie ist voller Wunder, von denen wir kaum eine Vorstellung haben. Nein, das, was unsere drei Begabten hier gezeigt haben, ist möglich aufgrund eines hochkomplizierten biochemisch-physikalischen Prozesses, den bisher nicht einmal die klügsten von uns ergründen konnten. Fakt ist aber, dass hierfür ein besonders seltenes Gen zuständig ist, das Sie alle in Ihren Erbanlagen tragen.«
Erneut hob Gemurmel an im Raum, aber Upuaut hob seine Hände und es legte sich rasch wieder.
»Einige von Ihnen werden sich an einen kleinen metallischen Gegenstand erinnern, in den sie ihren Finger gesteckt haben. Die anderen haben vorhin einen Kaugummi zum Testen bekommen, der seltsam geschimmert hat, als sie ihn wieder ausgespuckt haben. Nun, beide Verfahren dienten dem Nachweis des Gens, von dem ich eben berichtet habe. Dieser Nachweis ist bei Ihnen allen positiv ausgefallen.«
Lucas blickte zu Neumann, der ihm zuzwinkerte, und flüsterte: »Was ist denn mit den ganzen anderen, die auch mit uns da draußen waren?«
Neumann konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Na ja, sagen wir mal so: Die haben momentan einen netten Nachmittag im BAT-Club. Für die einen wird er langweilig genug sein, sodass sie keine Lust mehr haben werden, noch einmal herzukommen. Andere werden heute Nacht mit einer starken, aber ansonsten harmlosen Übelkeit zu kämpfen haben, die ihnen einen erneuten Besuch verleiden wird. Und die, die wieder herkommen, haben da draußen einen netten kleinen Jugendclub, in dem sie ihre Zeit verbringen können, bis sie auf bessere Ideen kommen.«
»Hmm, klug gemacht«, murmelte Lucas, der sich auch ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.
Upuaut fuhr fort: »Vielleicht haben Sie schon festgestellt, dass Sie alle ungefähr in demselben Alter sind. Das stimmt, denn das Gen fängt ungefähr zum 13. Geburtstag an zu arbeiten und nimmt einige Veränderungen in Ihren Körpern vor.«
Bei diesen Worten begannen viele der Mädchen und Jungen sich oder ihre Nachbarn zu mustern, als wären sie auf der Suche nach einem Zeichen, das sie vom Rest der Menschheit unterschied.
»Diese Veränderungen sind zum großen Teil nicht sichtbar. In der Tat werden sie von manchen zunächst gar nicht bemerkt oder als unerklärliche Seltsamkeit abgetan. Aber ich habe auch schon von Jungen – meistens sind es Jungen – gehört, die fast wahnsinnig geworden sind, weil sie mit der Flut von Eindrücken, die ihre immer schärfer werdenden Sinne ihnen lieferten, einfach nicht klargekommen sind.«
In diesem Moment dämmerte bei Lucas eine Erkenntnis. Er sah Neumann mit offenem Mund an.
»Das haben Sie bemerkt! Auf dem Schulhof. Ich wär da fast durchgedreht, und Sie haben mir erzählt, dass Ihnen das bekannt vorkommt.«
Neumann nickte lächelnd und wies mit dem Kopf wieder zum Redner.
»Manchmal kommt es zu spontanen Gefühlsausbrüchen – meist eher aggressiver Natur. Immer wieder wird auch von Blackouts berichtet. Das sind Momente, in denen sich das Bewusstsein komplett ausklinkt und man dabei die seltsamsten Dinge tut, ohne sich hinterher daran erinnern zu können. Das alles sind Veränderungen, die Sie momentan sicherlich nicht als besonders angenehm empfinden, aber wir hier in der Akademie können Ihnen helfen, damit umzugehen. Viel mehr als das. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihre Sinne abschotten und sie kontrollieren können. Nicht zuletzt bringen wir Ihnen bei, wie Sie eine kontrollierte und reversible Transmutation in Ihr Tier vornehmen können. Wir bieten Ihnen diese Informationen – und das kostenlos – weil wir selbst alle einmal in dieser Situation waren. Wir wissen, wie wichtig diese Hilfe sein kann – wenn Sie sie wollen. Jeder von Ihnen hat die freie Wahl, zu entscheiden, ob er oder sie unsere Unterstützung annehmen will oder nicht. Im letzteren Fall bitten wir Sie jedoch, niemandem von der Akademie zu erzählen, denn Sie können sich sicherlich vorstellen, dass der Rest der Menschheit uns eher skeptisch gegenübersteht.«
Upuaut machte eine Pause. Lucas stellte zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass tatsächlich ein paar der anderen Anstalten machten zu gehen.
Unglaublich! Wie können die sich diese Chance entgehen lassen?
Er blickte zu Neumann, aber dieser zuckte nur mit den Achseln und winkte ab.
»Aber meinen Sie, dass die tatsächlich nichts sagen, wenn sie doch offensichtlich so wenig davon überzeugt sind?«, fragte Lucas.
»Ich fürchte«, sagte Neumann mit gespielter Nachdenklichkeit. »Ich fürchte, sie werden zu denen mit der unerklärlichen Übelkeit gehören und eigenartigerweise werden sie sich auch nicht mehr an all das hier erinnern können. Aus diesem Grund machen wir auch immer wieder mal so etwas wie ein kleines Fest im Club oben, wo wir den Test mit dem Kaugummi ganz nebenbei durchziehen. Diejenigen, die die Gabe haben, aber beim ersten Mal nicht mitmachen wollen – vielleicht, weil sie einfach noch nicht so weit sind – können auch später noch einsteigen. Sie erinnern sich ja nicht mehr daran, schon einmal hier gewesen zu sein. Den anderen können wir auch nicht helfen. So, komm, lass uns mal nach unten gehen. Ich will doch endlich wissen, was du bist.«
»Na, welches Tier«, ergänzte er, als er Lucas’ fragendes Gesicht sah.
Sie standen auf und gingen zusammen nach unten zum Podium, wo sich inzwischen eine Schlange von Mädchen und Jungen gebildet hatte, die vor einem Vorhang standen.
Während sie darauf warteten, dass Lucas an die Reihe kam, erzählte Neumann ihm noch ein wenig mehr von den Dingen, die Lucas brennend interessierten, seit er die Worte des stellvertretenden Leiters der Akademie gehört hatte.
Es sah so aus, als ob jeder, der die Gabe hatte, wie Neumann es nannte, grundsätzlich in der Lage war, in eine Fledermaus zu transmutieren. Das Wort verwandeln wollte er nicht benutzen, denn das klang ihm zu sehr nach Hokuspokus. Außer der Fledermaus gab es aber immer noch ein weiteres Tier – manchmal mit der Zeit sogar mehrere – zu denen ein Begabter werden konnte. Um dies herauszufinden, gab es wiederum ein Gerät, das einige scherzhaft Mitternachtssonne nannten.
Lucas wusste nicht so recht, was er sich darunter vorstellen sollte. Einige der Umstehenden grinsten nur und sagten ihm, dass er das ja gleich herausfinden würde.
Mittlerweile waren sie ganz am vorderen Ende der Schlange angekommen. Sie standen direkt vor dem dunkelblauen Vorhang und warteten darauf, dass Lucas eingelassen werden würde. Während er so dastand, ließ Lucas seine Gedanken wandern.
Er fragte sich mit einem Mal, was seine Eltern eigentlich von alledem denken würden, wenn er ihnen davon berichtete. Würden sie es für einen Scherz halten? Würden sie ihn ernst nehmen? Oder würden sie ihm womöglich verbieten, wieder herzukommen? Der letzte Gedanke erschreckte ihn ein wenig – vor allem, weil er von allen der Wahrscheinlichste war. Er beschloss also, sich die ganze Sache erst einmal noch ein bisschen genauer anzusehen, ehe er ihnen etwas davon erzählte. Wer wusste schon, ob er vielleicht selbst bald entdeckte, dass das hier alles nur Blödsinn wäre. Wozu sie also unnötig damit belasten?
Der Vorhang öffnete sich und beendete damit Lucas’ Überlegungen. Er trat ein und fand sich in einem sanft erleuchteten Raum wieder. Hinter ihm schloss sich sacht eine Tür. An der Art, wie sich dadurch die Geräusche in diesem Raum veränderten, glaubte Lucas zu erkennen, dass er sich in einer schalldichten Kabine befand.
Er sah sich um und entdeckte einen Mann, der hinter einem Tisch saß. Darauf stand ein Gerät, das vage Ähnlichkeit mit den Geräten hatte, wie sie von Optikern oder Augenärzten benutzt wurden. Der Mann winkte ihm zu. Lucas setzte sich auf die andere Seite des Geräts. Dann nahm der Mann einen kleinen Becher aus einem Regal hinter sich und hielt ihn Lucas hin.
»Hallo«, sagte der Mann. »Keine Angst. Trink erst mal das hier.«
»Ist gegen Übelkeit«, ergänzte er und zwinkerte dabei mit einem Auge.
Lucas sah ihn einen Moment lang zweifelnd an. Dann glätteten sich seine Gesichtszüge und er antwortete lächelnd: »Ach, ist das eine Art Gegenmittel?«
Sein Gegenüber nickte anerkennend. »Respekt. Du kapierst schnell. Ja, in der Tat. Irgendwie müssen wir ja dafür sorgen, dass nur diejenigen von uns wissen, die auch wirklich hierbleiben wollen. Drück doch jetzt bitte deine Stirn dort gegen diese Platte und schau durch die beiden Okulare. Wundere dich nicht, wir müssen den Kopf fixieren, um das Ergebnis nicht zu beeinträchtigen.«
Während er dies hörte bemerkte Lucas, dass eine Art Spange seinen Kopf festhielt, sodass er ihn weder vor, noch zurück oder seitwärts bewegen konnte.
»Gut«, kam es von dem Mann. »Wir fangen am besten gleich an, dann hast du es hinter dir. Nachher kannst du dir dann das Ergebnis ansehen.«
»Okay, das bedeutet also, dass ich hinterher noch sehen kann«, sagte Lucas skeptisch.
Der Mann lachte. »Ist eigentlich halb so schlimm.«
»So, los geht’s«, sagte er und betätigte einen Schalter.
Vor sich sah Lucas nun eine helle Fläche, über die sich geometrische Muster kreisend hin und her bewegten. Dann froren sie ein. Mit einem Mal erschien etwas Dunkles in der Mitte der Fläche, das alles herum zu verschlucken schien. Lucas standen schlagartig die Haare zu Berge.
Die Schwärze breitete sich rasend schnell in seinem ganzen Gesichtsfeld aus. Lucas’ Herz begann wild in seiner Brust zu hämmern, während kalter Schweiß ihm über den Nacken lief.
Es war nicht die Art von Dunkelheit, wie sie durch Abwesenheit von Licht hervorgerufen wird. Vielmehr erinnerte sie Lucas an ein Un-Licht, von dem er vor kurzem in einem Horror-Roman gelesen hatte, den er seinem Vater aus dem Bücherschrank stibitzt hatte. Schon damals hatte dies ihm wesentlich mehr Schwierigkeiten beim Einschlafen bereitet als vieles von dem, was sonst noch in dem Buch passiert war.
Und auch jetzt glaubte Lucas, dass ihm einige schlaflose Nächte bevorstehen würden – wenn er hier überhaupt wieder herauskäme. Es schien wie ein Schwarzes Loch alles um ihn herum geradezu in sich aufzusaugen.
Er stöhnte und versuchte, sich davon irgendwie zu befreien, aber die Spange hielt ihn fest – oder war es der Sog? Lucas spürte hinter seinen Augen einen Druck, als ob sie jeden Moment aus ihren Höhlen springen wollten.
Die totale Finsternis erfüllte sein ganzes Bewusstsein und er dachte zum zweiten Mal in dieser Woche: Das war’s. Jetzt bist du wirklich ...
Aber dann war es vorbei. So schnell, wie es angefangen hatte, hörte es wieder auf. Lucas fühlte, dass auch die Fixierungsspange losgelassen hatte.
Mit einem Keuchen stieß er sich von dem Apparat weg und rutschte dabei vom Stuhl.
Der Mann hinter dem Gerät machte eine entschuldigende Geste.
»Sorry, aber unsere Wissenschaftler haben leider immer noch keinen Weg gefunden, wie man den Test ohne dieses Folterinstrument durchziehen kann. Willst du dir jetzt das Ergebnis ansehen?«
Lucas, der immer noch schwer atmend auf dem Boden hockte, sah den Mann erst nur mit leerem Blick an. Dann sickerte die eben an ihn gestellte Frage in sein Bewusstsein und befreite ihn von der Starre, die ihn befallen hatte.
Er nickte langsam und ging mit seltsam ungelenken Schritten um den Tisch herum zu dem Mann, der auf einen kleinen Bildschirm schaute.
Dort begannen bunte Lichter, sich umeinander zu winden. Schließlich erschien daraus die Gestalt eines ... aber schon hatte sie sich wieder aufgelöst, um in den Lichtern zu verschwinden.
Der Mann runzelte die Stirn. Er betätigte ein paar Knöpfe.
Der Bildschirm flackerte und wurde dunkel. Dann begannen wieder die Lichter damit, ihren Tanz aufzuführen, um sich in einen ... und schon war es wieder vorbei.
Der Mann fluchte leise. Er warf Lucas einen Seitenblick zu. Dann entschuldigte er sich und ging kurz in einen Nebenraum, aus dem er mit zwei Personen zurückkam. Der eine war Upuaut. Der andere war der älteste der drei, die vorhin an der Vorführung teilgenommen hatten. Von Nahem betrachtet, kam er Lucas umso mehr bekannt vor.
Als ob ihm dies im Gesicht geschrieben stand, sagte der Junge nun: »Ich kenn dich doch. Bist du nicht bei mir auf der Schule?«
Die plötzliche Erkenntnis, die sich für Lucas aus dieser Frage ergab, war wie eine Dusche eiskalten Wassers. Natürlich kannte er diesen Jungen. Er war der, den er gleich am ersten Schultag gesehen hatte, als dieser den Arm um Ines legte und sie durch die Menge von ihm wegführte.
»Stimmt doch, oder?«, ließ es Lucas aus seinen Gedanken hochfahren. Er stellte fest, dass sein Gegenüber auf eine Antwort wartete.
»Hhmm, ja. Bin gerade neu reingekommen«, murmelte er.
Dann wurde die Aufmerksamkeit der beiden durch ein schrilles Piepsen wieder auf die Männer gelenkt, die sich an dem ominösen Apparat zu schaffen gemacht hatten.
»Neustart«, erklärte Upuaut an die Jungen gewandt. Als er Lucas’ Gesichtszüge dabei entgleisen sah, ergänzte er: »Keine Sorge. Deine Daten sind gespeichert. Du musst da nicht noch mal ran.«
Lucas konnte ein erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken, worüber sie alle zusammen lachen mussten.
Als der Bildschirm wieder mit den bunten Lichtern gefüllt war, sagte Upuaut zu dem anderen Mann: »Versuch mal, die sekundären Protokolle um ein paar Prozent zu verlagern. Manchmal bringt das was.«
Und tatsächlich kam eine flackernde Gestalt zum Vorschein, die allerdings so schwer zu erkennen war, dass man sie kaum zuordnen konnte. Manchmal sah sie aus wie ein Hund oder nein, kleiner, eine Maus oder Ratte ... Jeder glaubte etwas anderes darin zu sehen. Schließlich hatten sie alle genug vom Rätseln und ließen es sein.
»Seltsam«, sinnierte Upuaut leise vor sich hin. »So ein schwaches Bild und doch ... Ein Halb kannst du wohl nicht sein. Eher ein Viertel oder Achtel. Aber du hast es zweifellos ... Na ja, dann sagen wir doch mal, dass dein Tier die Ratte ist. Die schien mir noch am deutlichsten zu erkennen zu sein. Wenn du es doch ganz genau wissen willst, dann müssen wir es wohl oder übel noch mal mit dem Ding hier versuchen.« Bei seinen Worten tätschelte er den Kasten auf dem Tisch.
»Ratte ist toll«, kam es sofort aus Lucas’ Mund geschossen, der sich mit dem Gedanken, sich noch einmal von dieser Höllenmaschine durchleuchten zu lassen, überhaupt nicht anfreunden konnte.
Als sie aus dem Vorhang traten, kam Neumann sofort heran und fragte Lucas fast aufgeregt: »Und? Was ist es?«
»Scheint ne Ratte zu sein«, antwortete Lucas. Er bemühte sich, den leicht enttäuschten Ausdruck auf Neumanns Gesicht zu übersehen, während sie wieder zu ihren Plätzen gingen.
»Was hat denn eigentlich so lange da drin gedauert?«, wollte Neumann wissen.
»Weiß auch nicht so genau. Erst funktionierte die Maschine nicht richtig, danach haben wir ewig rumgerätselt, was es nun sein könnte. Dann hat Herr Upuaut was von Vierteln und Achteln erzählt – was meinte der denn damit?«
Neumann, der stehengeblieben war und gedankenverloren in die Luft gestarrt hatte, schreckte auf. »Wie? Achtel ... ach, so ... ja. Das hat was mit der Vererbung zu tun. Wenn zwei Partner, von denen einer ein Begabter ist, ein Kind zeugen, dann ist das Kind im Normalfall ein ‘Halb’, weil es halb und halb ist. Verstehst du? Ja, aber manchmal lässt die Gabe auch ein – zwei Generationen aus, sodass die Erbanlagen nur noch zu einem Viertel oder Achtel vom Begabten stammen. Das ist ja wirklich eigenartig. Ich war mir so sicher, dass du ein ‘Halb’ sein musst, aber ist ja letztendlich auch egal. Du hast es.«
»Hmm«, machte Lucas, der das Gefühl hatte, dass es irgendwie doch nicht egal war.
Sie setzten sich wieder an ihren Platz und warteten darauf, dass auch die anderen Platz nahmen. Schließlich erschien Upuaut. Er bedeutete ihnen, ruhig zu sein.
»Es ist mir eine Ehre, Ihnen nun den Leiter unserer Akademie, Vincente di Bragulia, vorstellen zu dürfen«, sagte er mit einem leichten Lächeln in der Stimme, das den Inhalt des eben Gesagten Lügen strafte. Dann trat er zur Seite.
Hinter dem Vorhang kam ein Mann zum Vorschein, der sich neben Upuaut aufstellte. Der Unterschied zwischen den beiden hätte größer nicht sein können. Er wirkte dadurch, dass sie direkt nebeneinander standen, umso krasser. Upuaut mit seinem Dutzendgesicht, mittelgroß, mittelalt und auch ansonsten irgendwie mittel wurde um mehr als einen Kopf überragt von der eindrucksvollen Gestalt Bragulias.
Dieser sah aus, als ob er frisch als Sieger aus einem Graf-Dracula-Ähnlichkeitswettbewerb hervorgegangen wäre. Er hatte aristokratische Züge, pechschwarzes Haar, das straff zurückgekämmt war und an den Schläfen silberne Strähnen aufwies. Gekleidet war er in ein altertümlich wirkendes Gewand, das seine Wirkung noch verstärkte. Aber dann öffnete er den Mund und die gebannte Stille im Raum ob seiner Erscheinung wich einem gedämpften Gemurmel.
»Liebäh Kinndärr«, sprach er mit einer hellen unsicheren Stimme und einem grauenhaften italienischen Akzent. »Ische eiße eusch härrzelisch willkomme bei die Akademije.«
Er breitete die Arme aus und neigte kurz den Kopf. Dann wandte er sich abrupt um, rauschte vom Podium und verschwand.
Lucas blickte Neumann fragend an. Dieser antwortete ihm schmunzelnd: »Du hast noch eine von seinen guten Reden erwischt. Normalerweise stottert er dabei noch.«
»Aber er ist ein exzellenter Wandler«, ergänzte er wie zur Ehrenrettung. »Wenn es stimmt, was man sagt, dann beherrscht er sogar zehn verschiedene Tiere.«
Upuaut, der ebenfalls leicht schmunzelte, stand nun wieder allein auf dem Podium und begann ein weiteres Mal zu sprechen. »So, nun da Sie alle ein wenig besser über sich Bescheid wissen, wird es Zeit dafür, dass ich Ihnen sage, was wir alles für Sie tun können. Die Bestimmung Ihres Tiers ist ja schließlich nur der erste Schritt auf Ihrem Weg. Wir können Ihnen die notwendigen Verfahrensweisen beibringen, um Transmutationen durchzuführen, ohne sich dabei selbst zu gefährden, denn ganz ungefährlich ist der Umwandlungsprozess natürlich nicht. Außerdem können Sie Techniken erlernen, die es Ihnen ermöglichen, sich gegen die geschärften Sinne abzuschotten oder sie sich nutzbar zu machen – ganz so, wie Sie es wünschen. Darüber hinaus gibt es noch verschiedene Kurse über die Geschichte des Vampirismus, Sprachen, Sport und manche Wissenschaftszweige. Eine Liste aller Kurse und Veranstaltungen finden Sie an den oberen und unteren Ausgängen. Diejenigen, die sofort noch einen oder mehrere Kurse besuchen möchten, benutzen bitte den unteren. Die, die für heute erst einmal genug haben, kommen durch den oberen nach draußen. Aber für Sie alle gilt: Sie können jeden Tag ab 15 Uhr herkommen, um Kurse zu besuchen. Benutzen Sie einfach den Eingang, durch den sie vorhin gekommen sind. Bei dem Test vorhin ist die auch die Netzhaut Ihrer Augen gescannt und abgespeichert worden. Sie wird an der Tür automatisch kontrolliert und gibt ihnen den Durchgang frei. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei dem, was auch immer Sie jetzt tun werden.«
Beifall brandete auf. Er schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Lucas war zusammen mit Neumann aufgesprungen. Er pfiff und johlte, bis er heiser war. Dann machten sich die Anwesenden langsam in die eine oder andere Richtung auf. Lucas war rasend interessiert an den Kursen und hätte am liebsten alle sofort besucht. Er machte Anstalten nach unten zu gehen, wurde aber von Neumann gebremst. Als Lucas ihn überrascht und fast verärgert ansah, tippte er auf seine Uhr. »Es ist schon halb sieben durch. Du musst doch um sieben zu Hause sein.«
Enttäuschung machte sich in Lucas breit und er seufzte. Dann fiel ihm ein, dass seine Mutter ja etwas von Späterkommen gesagt hatte. Seine Miene hellte sich auf. »Nee, Moment, sie hat gesagt, ich kann anrufen, wenn’s später wird.«
Er strahlte Neumann an, aber dieser winkte vorsichtig ab. »Wenn du gleich beim ersten Mal schon mit Späterkommen anfängst, dann lassen dich deine Eltern vielleicht irgendwann gar nicht mehr her. Vielleicht solltest du es heute nicht übertreiben. Ich kann dich ja morgen wieder mit hernehmen. Okay?«
Die Worte – obwohl sie freundlich ausgesprochen worden waren und auch logisch klangen – versetzten Lucas einen leichten Stich.
Warum war Neumann, nachdem er ihn zuerst so dermaßen heiß auf dieses Treffen gemacht hatte, nun plötzlich so ruhig? Er hinderte ihn geradezu daran, mehr zu erfahren. Hatte es womöglich damit zu tun, dass er nur eine Ratte war? Er hatte ja vorhin einen etwas enttäuschten Eindruck gemacht. Vielleicht hatte er ja Pläne gehabt, in denen eine einfache Ratte nicht vorkam, und wollte ihn nun loswerden.
Er sah Neumann resigniert an, der eine beschwichtigende Geste machte. »Komm, lass uns abhauen. Ich verspreche dir, dass du morgen alles nachholen kannst. Habe ich meine Versprechen je gebrochen?«
Lucas schüttelte den Kopf. Er trottete hinter Neumann auf den oberen Ausgang zu. Dort nahm er sich im Vorbeigehen ein Infoblatt und steckte es, ohne es anzusehen, in seinen Rucksack.
Die Fahrt nach Hause war kurz. Lucas empfand sie als nicht halb so aufregend wie die Hinfahrt. Neumann ließ ihn eine Ecke vor dem Haus, in dem Lucas wohnte, absteigen. Lucas empfand dies insgeheim als ganz angenehm. Wer wusste schon, was seine Eltern sonst zum Thema Motorrad gesagt hätten.
Als er durch das Gartentor auf das Grundstück trat, konnte er durch die geschlossenen Fenster riechen, was es zum Abendessen gab. Diesmal wunderte er sich nicht mehr darüber. Im Gegenteil tröstete ihn dieser Beweis seiner Andersartigkeit über die letzten Enttäuschungen hinweg. Außerdem wurde ihm bewusst, dass Neumann mit seiner Einschätzung der Situation doch recht gehabt haben mochte. Was hätte er sich wohl von seiner Mutter wegen des Essens anhören dürfen, wenn er kurz vorher angerufen hätte, um zu sagen, dass er noch dabliebe?
Seine Eltern empfingen ihn bereits am Esstisch sitzend und mit erwartungsvollen Gesichtern.
»Na, wie war’s?«, fragten sie im Chor und mussten darüber unvermittelt kichern.
Lucas lachte mit. Das Lachen hellte seine Stimmung wieder auf, sodass sich ein plötzlicher Redefluss Bahn brach. »Das war echt cool. Lauter Leute in meinem Alter. Die haben da ein Bistro und eine Disco, man kann Kurse machen. Sport und Wissenschaften ... seht mal.« Während er sprach, hatte er in seinem Rucksack gekramt und brachte nun den Kursplan zum Vorschein. Aber noch in dem Moment, als er ihn seinen Eltern hinhielt, zuckte er plötzlich innerlich zusammen. Er hatte sich nicht einmal angesehen, was darauf stand. Was würden seine Eltern sagen, wenn sie dort etwas von Vampiren und Mutationen lasen?!
Doch zu seiner großen Erleichterung schien der Plan sehr neutral gehalten zu sein, denn sie lasen das Blatt interessiert und ohne Stirnrunzeln durch. Danach ließ Paul einen leisen Pfiff ertönen.
»Meine Herren, das is aber’n Programm. Und was soll das kosten?«
»Nichts«, antwortete Lucas.
»Was? Das kann ich mir ja nun gar nicht vorstellen. Oder ist das irgendwas Kirchliches?«
»Nee, das sind ganz normale Leute. Sie haben gesagt, dass sie wollen, dass die heutige Jugend was Sinnvolles zu tun hat und nicht irgendwo rumhängen muss.«
»Aha. Hhmm. Über wen hast du das nochmal erfahren?«
»Na, das war bei mir in der Schule. Da hat einer der Lehrer von erzählt und so ...«
Lucas wurden die Fragen langsam unangenehm. Was würde denn das jetzt werden?
Dann mischte sich allerdings seine Mutter, die inzwischen wieder in die Küche gegangen war, um das Essen zu holen, in das Gespräch ein: »Ach Paul, jetzt lass Luky mal in Ruhe mit deiner Fragerei. Die Hauptsache ist doch, dass es ihm Spaß gemacht hat. Das hat es doch, oder?«
»Ja, war echt Klasse«, sagte Lucas strahlend.
»Ich hatte mich nur ein bisschen gewundert, warum du mit einer Miene wie ‘sieben Tage Regenwetter’ hier hereingekommen bist.«
»Na ja, das hatte was damit zu tun, dass ich eigentlich noch dableiben wollte.«
»Ach, Mensch, dann hättest du doch anrufen können. Das wäre kein Problem gewesen.«
»Hatte ich auch schon überlegt, aber der, der mich dahin mitgenommen hat, meinte, dass ich es beim ersten Mal nicht gleich übertreiben soll. Nicht, dass ihr hier noch wer weiß was denkt.«
Lucas’ Eltern sahen erst einander und dann ihn an. Sein Vater nickte anerkennend mit dem Kopf.
»Scheint mir ja ein recht vernünftiger Junge zu sein. Da brauchen wir uns wohl keine Sorgen zu machen«, murmelte Paul.
»Na dann können wir ja endlich essen«, bemerkte Betty, die mit einer dampfenden Schüssel dastand.
Das Essen verlief sehr angenehm. Sie ließen sich die Speisen schmecken und redeten über dies und das, aber tief in Lucas begann ein Zweifel, langsam an ihm zu nagen.
Hätte er seinen Eltern nicht besser alles so sagen sollen, wie es passiert war? Warum hatte er es denn nicht getan? Und: War das eigentlich jetzt schon lügen?
Als das Essen beendet war, sagte Lucas seinen Eltern »Gute Nacht«. Er ging direkt nach oben in sein Zimmer, da er sich ziemlich erledigt fühlte. Dort nahm er sich zunächst das Buch, das er zurzeit las. Aber obwohl der Protagonist es dort mit so außergewöhnlichen Wesen wie einem dreiköpfigen Hund zu tun bekam, vermochte ihn die spannende Geschichte nicht von dem abzulenken, was ihm permanent durch den Kopf ging:
War eine Ratte ausreichend, um Neumann davon zu überzeugen, dass er es wert wäre, ihn auf Dauer mit zu den Kursen zu nehmen? Würde er das überhaupt dauerhaft tun? Wie sollte Lucas sonst dorthin kommen? Und wie sollte er das auf die Dauer mit seinen Eltern regeln? Könnte er ihnen die Wahrheit sagen? Was war überhaupt die Wahrheit? Eine Ratte ...
Während er noch so dalag und grübelte war er eingeschlafen. Das Buch lag aufgeklappt auf seiner Brust, so als ob es ihn vor irgendetwas beschützen wollte.
Pulsuz fraqment bitdi.