Kitabı oxu: «Das Geheimnis von Nevermore»
C. S. Poe
Das Geheimnis von Nevermore
Snow & Winter Band 1
Aus dem Englischen von Simone Richter
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: The Mystery of Nevermore
Aus dem Englischen von Simone Richter
Widmung der Übersetzerin:
Für Nico, meine Lieblingszwiebel
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Vulp – shutterstock.com
© Reinhold Leitner – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-482-7
ISBN 978-3-96089-483-4 (epub)
Inhalt:
Es ist Weihnachten in New York City und der Antiquar Sebastian Snow hat nur zwei Wünsche: sein Geschäft erfolgreich zu führen und seine Beziehung zu dem ungeouteten CSU Detective Neil Millett zu retten. Doch als in Snows Antiquarisches Imperium eingebrochen und ein Herz unter den Fußbodendielen gefunden wird, kann Sebastian nicht anders, als dem Mysterium auf den Grund zu gehen.
Schon bald besteht sein Alltag aus Mordermittlungen, die mit den makaberen Geschichten von Edgar Allen Poe zusammenhängen, und seine Verstrickung in den Fall droht seiner Beziehung zu Neil den Garaus zu machen. Als wäre das nicht kompliziert genug, fängt Sebastian auch noch an, Gefühle für den leitenden Detective der Mordkomission, Calvin Winter, zu entwickeln.
Sebastian und Calvin müssen zusammenarbeiten, um das Geheimnis der literarischen Morde aufzudecken, und zwar bevor Sebastian zum nächsten Opfer wird.
Während die Gefahr immer größer scheint, und die sexuelle Anziehung zu Calvin immer intensiver, hat Sebastian auf einmal zwei neue Wünsche: lebendig aus diesem Schlamassel herauszukommen und mit Calvin glücklich zu werden.
Widmung
Für Josh, den Meister des Mysteriösen.
Du hast mir den Mut gegeben, meine Stimme wiederzufinden.
Kapitel Eins
Da war etwas faul. Und das nicht im übertragenen Sinne. Etwas stank, als würde es verrotten.
»Scheiße«, murmelte ich leise vor mich hin. Ich stand in der Tür meines Antiquariats und hielt mir die Nase zu. Tupperware. Es musste ein altes Mittagessen sein.
Es war ein winterlicher, trüber Dienstag in New York City und wir waren nur zwei Wochen von Weihnachten entfernt. Durch heftige Schneefälle war die ganze Stadt schon um 7 Uhr morgens weiß bedeckt, was einen eher unheimlichen und dämpfenden Effekt hatte. Ich war extra früh in meinen Laden, Snows Antiquarisches Imperium, in Downtown Manhattan gekommen, weil ich mich um neu erworbene Ware kümmern wollte. Stattdessen tropfte nun geschmolzener Schnee von meinem Mantel auf die Fußmatte und ich versuchte, herauszufinden, woher dieser wahnsinnig furchtbare Gestank kam.
Ich hängte schnell meine Jacke und meinen Hut auf, schlüpfte aus meinen Stiefeln und in meine schon etwas abgenutzten Loafer. Dann fuhr ich mir mit den Fingern durch meine widerspenstigen Haare und strich ein paar Falten an meinem Pullover glatt, während ich durch die kleinen, vollgestopften Gänge wanderte. Hier und da hielt ich kurz an, um eine alte Lampe anzumachen, bevor ich wieder dem Geruch folgte. Das Leuchten der Lampen war gedämpft, was den Laden wie eine kleine Höhle erscheinen ließ.
Als ich beim Tresen angekommen war, auf dem eine alte Kasse aus Messing stand, stieg ich ein paar Stufen hinauf auf die erhöhte Verkaufsfläche und ließ meinen Blick durch das Geschäft schweifen. Hier roch es sogar noch schlimmer. Ich griff in meine Pullovertasche und tauschte meine Sonnenbrille gegen eine Lesebrille mit schwarzen Rändern aus. Als ich die Schreibtischlampe neben mir anschaltete, zuckte ich kurz zusammen und sah schnell zur Seite. Grübelnd starrte ich die Tür zu meiner Rechten an, die etwas offen stand. Es war eine winzig kleine Kammer, die als Büro diente. Es gab einen Computer, einen Tisch und einen Minikühlschrank für alle Fälle. Stank vergessenes Thai-Essen wirklich so schlimm?
Ich trat ein, öffnete den Kühlschrank und roch zögerlich an ein paar Menüboxen. Okay, ich sollte dringend sauber machen, aber nicht mal der halb aufgegessene Burrito war die Ursache des Geruchs.
Auf dem Weg zurück zur Kasse stöhnte ich laut auf, als ich mich umsah. Etwas musste gestorben sein. Vielleicht eine Ratte? Ich zuckte bei dem Gedanken zusammen, womöglich ein Nagetier aus New York City in meinem Laden zu finden, ging aber trotzdem in die Hocke und fing an, Boxen und Tüten beiseitezuschieben, um nach der vermeintlichen Ratte zu suchen.
Ein sanftes Klingeln wies mich darauf hin, dass die Tür geöffnet wurde. »Guten Mor… Was ist das für ein Geruch?« Mein Assistent Max rief nach mir. »Sebastian?«
»Hier drüben«, murrte ich.
Max Ridley war ein lieber Kerl. Er hatte gerade sein Kunststudium abgeschlossen und relativ schnell gemerkt, dass das seine Miete nicht zahlen würde. Er war klug und kannte sich gut mit Geschichte aus. Also hatte ich ihm einen Job an dem Tag angeboten, an dem er in den Laden gekommen war, um einen Bewerbungsbogen auszufüllen. Max war groß und hatte breite Schultern. Er war ein gut aussehender junger Mann, der vermutlich bisexuell war, oder vielleicht wollte er einfach mal alles ausprobieren. Ich hatte schon genug Geschichten bei unserem morgendlichen Kaffee, beim Lesen der Post und bei der Preisetikettierung der Ware gehört, um zu wissen, dass jeder Max’ Typ zu sein schien. Vielleicht war ich altmodisch, aber ich war eher der Beziehungstyp.
»Gott, das Wetter ist furchtbar. Meinst du, wir werden heute viel zu tun haben?« Max kam langsam durch den Laden auf mich zu.
»Normalerweise ja«, antwortete ich und sah ihn über den Tresen hinweg an.
»Was hast du über Nacht stehen lassen?«
»Nichts. Ich glaube, eine Ratte ist gestorben oder so was.«
»Kann ich das Licht anschalten? Das würde das Suchen einfacher machen.«
»Ich habe jetzt schon Kopfschmerzen«, widersprach ich und duckte mich, um weiterhin Gegenstände unter dem Tresen hervorzuräumen.
Ich wurde mit Achromatopsie, also völliger Farbenblindheit, geboren. Das bedeutete, dass ich absolut keine Farben sehen konnte. Menschen haben zwei Arten von Licht reflektierenden Zellen in den Augen, die sogenannten Zapfen und Stäbchen. Die Zapfen nehmen Farbe bei ausreichend Licht wahr, Stäbchen Schwarz-weiß bei schwachem Licht. Meine Zapfen funktionierten nicht. Überhaupt nicht. Die Welt existierte für mich nur in verschiedenen Grautönen und ich hatte Schwierigkeiten, bei hellem Licht überhaupt zu sehen, weil Stäbchen nicht für Tageslicht gemacht waren. Normalerweise trug ich eine Sonnenbrille oder meine speziellen, rot getönten Kontaktlinsen als Extraschutz.
»Ich habe meine Kontaktlinsen vergessen und der Schnee war zu hell.«
»Auch mit Sonnenbrille?«
»Ja. Verdammt, wo kommt dieser Geruch her?« Ich richtete mich wieder auf und sah mich um.
Max deutete auf die Kasse. »Hier stinkt es am meisten.«
»Stimmt.« Ich ging zurück zu den Stufen und rutschte direkt aus, als sich ein Dielenbrett unter mir lockerte.
Max reagierte sofort und fing mich auf, bevor ich auf dem Boden aufkam. Er hielt mich fest und mein Gesicht wurde gegen seine Achsel gedrückt. »Hattest du gestern wieder Streit mit Neil?«
»Wieso?« Ich wartete auf seine Erklärung und versuchte, mich aus seinem haltenden Griff zu befreien.
»Du ziehst heute schlechtes Karma an.«
»Es war kein Streit. Es war … Weißt du was? Ich werde nicht darüber reden, während der Geruch von Verwesung meinen Laden durchzieht.« Ich drehte mich um und beugte mich hinunter, um das lose Brett zu begutachten. Eine schlechte Idee. Der beißende Geruch von Verwesung stieg in meine Nase und ich musste den Drang zu würgen unterdrücken.
»Ich glaube, du hast es gefunden«, raunte Max und blickte über meine Schulter auf den Fußboden. »Ich hole eine Tüte.«
Ich nickte still, hielt meine Nase zu und starrte in das Loch im Boden. Es, das Ding, war nicht dunkel wie eine tote Ratte. Es machte mir nicht den Anschein, als hätte es Fell, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich einen guten Blick für Details hatte. »Max? Komm mal her.«
»Was?« Seine Stimme drang aus dem kleinen Büro, aus dem er kurze Zeit später mit einer Mülltüte bewaffnet zurückkehrte. »Was gibt’s?«
»Sieh dir das mal an.«
»Oh komm schon, dafür zahlst du mir nicht genug.«
»Nein, ich denke nur nicht, dass es eine Ratte ist.«
Max kniete sich hin und warf einen kurzen Blick in das Loch, bevor er sich schnell zurücksinken ließ. »Was zum Teufel?«
Ich starrte den Boden an. »›Reißt die Dielen auf! Hier! Hier! Es ist das grauenhafte Klopfen seines Herzens!‹«
»Was?«
»Poe«, antwortete ich.
»Gott, du bist so seltsam, Seb«, murmelte Max.
»Was soll ich sonst sagen?« Ich deutete auf das verrottende Fleisch. »Es ist ein Herz.«
»Wen hast du umgebracht?«
»Ich rufe die Polizei.«
Dem Beamten am Telefon erklären zu müssen, dass ich die Polizei nicht wegen einer Leiche rief, sondern weil es irgendwo eine Leiche gab, der ein wichtiger Teil fehlte, war mit Sicherheit das Seltsamste, das ich je getan hatte. Zugegebenermaßen hatte die Situation mein Interesse geweckt, allerdings gab es 101 andere Dinge in meinem Leben, für die ich keinerlei Motivation verspürte; und jemandes verwesendes Herz unter meinem Fußboden zu finden, schoss direkt an die Spitze dieser Liste.
Max versprühte fast eine ganze Dose Lufterfrischer, während wir auf die Polizei warteten. »Riecht nach frisch gewaschener Kleidung«, bemerkte er und fing an die Schrift auf der Dose zu lesen.
»Oh, sehr gut«, sagte ich.
»Frische Wäsche und Tod«, korrigierte Max sich nach einer Pause. »Manchmal möchte ich auch lieber sterben, als meine Schmutzwäsche zum Waschsalon bringen zu müssen.«
»Max«, seufzte ich.
»Sorry.«
Ich verschränkte meine Arme, blickte in den hinteren Bereich des Ladens und sah den Berg an Kartons, den ich dort hatte stehen lassen. Wenn neue Ware bei uns ankam, mussten wir die Gegenstände gewissenhaft prüfen, mit einem Preis versehen und im Laden platzieren. Wenn etwas zu wertvoll war, um es einfach im Laden auszustellen, legten wir es für Auktionen beiseite. Die Kartons, und ein paar weitere, die ich in meiner Wohnung gelagert hatte, waren schon dabei, einzustauben. So viel zu meinem Vorhaben, mich endlich darum zu kümmern.
Jemand klopfte an unsere Tür und ich stand auf, um sie aufzuschließen. »Guten Morgen.«
»Guten Morgen«, begann einer der uniformierten Polizisten. »Wir haben einen Anruf erhalten.«
»Es befindet sich ein Körperteil unter meinem Fußboden«, antwortete ich schnell und führte sie rasch durch die Gänge in Richtung Kasse. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Polizist am Telefon gedacht hatte, ich wäre verwirrt oder hätte eine Panikattacke. Diese Beamten waren offensichtlich hier, um mich zu beruhigen, aber sie folgten mir widerstandslos. Der Polizist nahm seine Mütze ab, als er vor dem Loch im Boden in die Hocke ging. Er blickte nur schnell hinein, bevor er den Kopf schüttelte und sich wieder aufrichtete.
»Brigg!« Er drehte sich zu seiner Partnerin um und sie kam ein bisschen näher.
Ich beobachtete die beiden, als sie kurz miteinander sprachen, bevor die Beamtin ihr Funkgerät in die Hand nahm. »Also«, sagte ich, »müssen wir den Katastrophenschutz holen oder so was?«
»Sagen Sie mir Ihren Namen?« Der Polizist griff nach dem Notizbuch, das an seinem Gürtel befestigt war.
»Sebastian Snow.«
»Und Ihnen gehört der Laden?«
»Ja.«
»Gehört Ihnen das Gebäude?«
»Nein, schön wär’s.«
Er sah auf. »Wann ungefähr hatten Sie das Gefühl, dass sich etwas im Laden befindet?«
»Meinen Sie … das?« Ich ließ meinen Blick Richtung Boden wandern. »Als ich die Tür heute Morgen öffnete. Ich konnte es riechen, das war so um sieben Uhr.«
»Hat noch jemand anderes Zugang zu dem Laden?« Der Beamte warf Max über meine Schulter einen Blick zu.
»Max hat die Schlüssel, aber ich bin der Einzige, der den Sicherheitscode kennt«, erklärte ich.
In Wahrheit hatte auch mein Partner Neil Millett, mit dem ich nun seit vier Jahren zusammen war, die Schlüssel und den Code, aber seinen Namen in der Gegenwart von Polizisten zu nennen, wäre ein bisschen kompliziert. Er war ein Kriminalbeamter bei der Spurensicherung der NYPD und weit davon entfernt, sich zu outen. So weit sogar, dass die einzigen Menschen, die wussten, dass wir zusammenlebten, Max und mein Vater waren. Neil wollte nicht, dass andere Polizisten wussten, dass er schwul war, und als ich mit 29 eine Schwäche für diesen sexy Kriminalbeamten entwickelt hatte, war mir das egal gewesen. Aber jetzt war ich 33 und es ging mir ein bisschen an die Substanz.
Der Polizist machte ein paar Notizen. »Haben Sie Kameras? Sie haben viele Gegenstände hier, die sehr teuer aussehen.«
»Ich habe eine, aber die hat vor einem Monat den Geist aufgegeben.« In letzter Zeit war ich ein bisschen mental angeschlagen und hatte nicht die Energie gefunden, mich um bestimmte Dinge zu kümmern, inklusive der Kamera. Was eigentlich überhaupt nicht in meiner Natur lag. Neil hatte es sich zur Aufgabe gemacht, meine angeschlagene Stimmung ständig zu thematisieren. Was mich nur noch wütender machte.
Der Beamte notierte sich meine Kontaktdaten und fragte dann auch nach Max’. Es folgten noch ein paar Fragen, bevor Brigg zwei Polizisten durch den Laden führte, die keine Uniform trugen. Als ich mich nun in dem überfüllten Gang umsah, bemerkte ich, dass noch eine Frau hereingekommen war, die einen medizinisch aussehenden Koffer bei sich trug.
Ohne Vorwarnung wurde die Deckenbeleuchtung eingeschaltet und der ganze Raum verschwand. Ich bedeckte schnell meine Augen und wandte mich ab. Ich stolperte und tastete herum, um Halt am Tresen zu finden. Max, der versuchte, das Herz und die Polizei zu meiden, reichte mir schnell meine Sonnenbrille, als jemand meinen Namen rief.
»Mr. … Snow, richtig?«
Ich drehte mich zu der Stimme um, während ich meine Sonnenbrille aufsetzte, und stellte fest, dass noch zwei weitere Polizisten eingetreten waren. Die Frau, die mich angesprochen hatte, war vielleicht in meinem Alter und konnte nicht viel größer als 1,50 m sein. Der Mann war groß und breit und es war offensichtlich, dass er unter seinem Anzug sehr muskulös war. Er sah älter aus als Neil, der 37 Jahre alt war, und seine Haare waren hell, also ging ich von blond aus. Schnell verengte ich meine Augen, um ihn besser sehen zu können. Er hatte Sommersprossen. Viele davon. Irgendwie hatte ich eine Schwäche für Männer mit Sommersprossen. Wangen, Nase, Stirn, er hatte sie überall, was ihn auf den ersten Blick sehr lieb erscheinen ließ. Vielleicht waren seine Haare doch rot.
»Sebastian Snow«, bestätigte ich.
Die Beamtin streckte mir ihre Hand entgegen. »Ich bin Detective Quinn Lancaster und das hier ist mein Partner Detective Calvin Winter.«
»Uh, hi.«
Lancaster lächelte. »Wie läuft das Geschäft, Mr. Snow?«
»Kann nicht klagen«, sagte ich ein bisschen verwirrt. Es war interessant, eine Person ihrer Größe zu sehen, die so viel Selbstbewusstsein ausstrahlte, dass ich mich niemals trauen würde, sie infrage zu stellen.
»Was können Sie mir über Ihre Kunden sagen?«
Ich zuckte mit den Schultern, bevor ich meine Arme verschränkte. »Normale Leute, manche haben viel Geld, manche suchen nach Kuriositäten. Anzugträger, Hipster, hier kommt jeder mal rein.«
Sie nickte. »Wäre es in Ordnung, wenn Sie Ihre Sonnenbrille abnehmen würden?«
»Kann ich nicht.«
Lancaster warf Winter einen kurzen Blick zu, bevor sie fragte: »Wieso nicht?«
»Ich bin lichtempfindlich. Wenn Sie die Deckenbeleuchtung ausmachen, kann ich sie abnehmen«, erklärte ich und deutete zur Decke.
Winter wandte sich ab und rief den uniformierten Beamten etwas zu. Das Licht ging aus und der Laden wurde wieder nur noch von den sinnvoll platzierten Stehlampen beleuchtet.
»Besser?« Lancasters Ton war weder spöttisch noch unfreundlich, was ich zu schätzen wusste.
Ich schob die Sonnenbrille nach oben, sodass sie auf meinem Kopf saß, und setzte meine normale Brille wieder auf. »Danke«, sagte ich schnell.
»Das nennt man Photophobie, oder?«
»Ich habe Achromatopsie.«
»Verstehe.« Sie fragte mich nicht nach Einzelheiten. »Ist Ihnen in den letzten paar Wochen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Nicht wirklich.«
»Wer hat das Körperteil gefunden?«
»Ich, als ich reingekommen bin. Es hat furchtbar gestunken und ich habe versucht, herauszufinden, woher der Geruch kommt.«
»Hatten Sie vor Kurzem einen Einbruch oder wurden Gegenstände gestohlen?«
»Nein«, antwortete ich. »Was ist hier los? Ich gehe davon aus, dass das hier etwas Größeres ist, sonst würden Sie mich nicht so ausfragen.«
»Warum denken Sie das?«
Ich lebe mit einem Polizisten zusammen, wollte ich sagen. Vier Jahre mit Neils Geschichten hatten bei mir ein, zugegebenermaßen ungesundes, Interesse an Whodunit-Mysterien geweckt. Statt das zu sagen, zuckte ich nur mit den Schultern.
Zum ersten Mal meldete sich Winter zu Wort. »Kennen Sie Bond Antiquitäten?«
»Ja, der Laden ist an der Kreuzung zwischen der Bond Street und Lafayette«, erwiderte ich.
»Wie würden Sie Ihre Beziehung zu dem Besitzer beschreiben?«
»Ich weiß nicht, was das mit der Situation zu tun hat«, bemerkte ich. »Mike Rodriguez und ich kennen uns seit einer ganzen Weile.«
»Kommen Sie gut miteinander aus?«
»Er ist meine Konkurrenz. Was ist los?«
»Sebastian«, rief auf einmal eine vertraute Stimme nach mir.
Ich ignorierte Detective Winter und sah an ihm vorbei. Neil bahnte sich seinen Weg zu mir und befreite seinen Mantel von Schnee. Ich war sowohl glücklich als auch frustriert, ihn zu sehen. Schließlich hatte ich ihn nicht angerufen, um ihm zu erzählen, was passiert war, also gab es eigentlich keinen Grund für ihn, hier zu sein. Fragend drehte ich mich zu Max um, doch dieser hob abwehrend seine Hände und schüttelte den Kopf.
»Was ist los?« Neil sah mich durchdringend an, als er bei uns angekommen war. Er wandte sich den beiden anderen Detectives zu und zog seine Dienstmarke aus seiner Manteltasche hervor. »Detective Millett, CSU.«
Lancaster schien nicht interessiert zu sein. »Detective Lancaster, Mordkommission«, antwortete sie mit einem kurzen Kopfnicken. »Mein Partner, Winter. Wir haben noch keine Spurensicherung angefordert.«
»Mordkommission?« Sicher, theoretisch bedeutete ein Herz ohne Körper etwas Düstereres als einen Medizinstudenten, der seinen Kurs nicht bestehen konnte, weil seine sowieso schon verstorbene Testleiche kein Herz mehr hatte. Aber das Wort Mord zu hören, schockierte mich dann doch. Mein Blick fiel auf Neil, der ein bisschen nervös und besorgt zu sein schien. Für eine Minute freute ich mich, weil er um mich besorgt war. Mit einem Schlag verflog der ganze Ärger, den ich Neil gegenüber dachte zu haben, und ich wollte ihn einfach nur umarmen.
»Sebastian ist … ein Freund«, sagte Neil schließlich.
»Freund«, wiederholte Winter in einem Ton, der mir nicht sonderlich gefiel.
»Er rief mich an.«
Verdammt, Neil. Er war so fest davon überzeugt, seine Autorität zu verlieren, nur weil er außerhalb der Arbeit ein normales Leben führte, dass ich nach vier Jahren immer noch nur ein Freund war.
»Wir sind gerade dabei, Mr. Snow ein paar Fragen zu stellen«, sagte Winter, bevor seine Augen wieder zu mir wanderten. Sein Blick war intensiv genug, um mich bis auf meine Knochen auszuziehen. »Sonntagnacht wurde bei Mr. Rodriguez eingebrochen.«
»Das tut mir leid zu hören«, sagte ich und wandte mich endlich von Neil ab. »Wurde etwas gestohlen?«
»Die Ermittlungen dauern noch an. Er hat aber Sie beschuldigt.«
»M-Mich?« Ich war überrascht. »Was …? Mike denkt, ich sei bei ihm eingebrochen?«
»Warum würde er das behaupten?«, fragte Winter.
»Keine Ahnung«, sagte ich schnell.
Da meldete Lancaster sich wieder zu Wort. »Wo waren Sie Sonntagnacht? Nach acht.«
Neils Verzweiflung konnte ich im ganzen Körper spüren. Ich war mit ihm zu Hause gewesen. Gegen acht hatten wir es gerade miteinander getrieben, bevor sich das Ganze vorzeitig in einen Streit verwandelt hatte, der bis neun gedauert hatte. Dort war ich gewesen. »Daheim«, sagte ich einfach. »Okay, ich beantworte keine Fragen mehr ohne einen Anwalt. Ich habe angerufen, weil ich ein menschliches Herz in meinem Laden gefunden habe, und jetzt beschuldigen Sie mich, jemanden ausgeraubt zu haben.«
Neils Hand war an meinem Ellbogen und er nahm mich beiseite. Er zerrte mich bis zum anderen Ende des Ladens und drehte sich zu mir um. »Was zum Teufel geht hier vor sich?«, flüsterte er.
»Was hier vor sich geht? Was tust du hier?«
»Ich bin Polizist, Sebby.«
»Nenn mich nicht so.«
»Was für ein menschliches Herz? Wieso hast du mich nicht angerufen?«
Es war mir, ehrlich gesagt, gar nicht in den Sinn gekommen, Neil anzurufen. Ein, zwei Jahre zuvor wäre es vielleicht meine erste Reaktion gewesen, meinen Freund von der Polizei anzurufen, um dieses kleine Problem zu klären. Doch jetzt hatte ich diesen Gedanken überhaupt nicht gehabt. Das war beunruhigend. »Nette Lüge, die du da erzählt hast, übrigens«, sagte ich, statt ihm zu antworten. »Ich hab dich angerufen? Wieso zum Teufel bist du hergekommen, wenn nicht, um für mich da zu sein?«
»Hör auf«, flüsterte er. »Wir fangen diesen Streit nicht noch mal an.«
»Geh zurück an die Arbeit, Neil. Alles ist gut«, sagte ich.
»Du hast nicht …?«, er zögerte.
»Ihnen von uns erzählt? Nein. Ich weiß mittlerweile Bescheid.«
Neil knirschte mit den Zähnen. Er sah wütend aus. Er drehte sich zu den anderen Polizisten um und fragte: »Ist das Calvin Winter?«
»Was? Ja, wieso?«
»Pass auf, was du zu ihm sagst.«
»Wieso, Neil?«
»Weil ich gehört habe, dass er homophob ist«, sagte er.
Ohne nachzudenken, antwortete ich: »Du bist homophob.«
Neil sah wieder zu mir, mit einem komischen Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten konnte. »Nett, sehr nett, Sebby«, murrte er nach einem Moment.
Ich konnte es nicht zurücknehmen, aber als ich zu Neil aufsah und an all unsere kürzlichen Auseinandersetzungen dachte, war mir das eigentlich ziemlich egal. »Geh wieder an die Arbeit«, sagte ich noch mal. »Wir reden zu Hause, hinter verschlossenen Türen.« Ich machte ihn wütend und ich konnte nicht damit aufhören. Keine Ahnung, was in mich gefahren war, aber Neil und ich stichelten schon seit Wochen gegeneinander. Entweder provozierte ich ihn oder er sagte Dinge, die mir unter die Haut gingen. Das war noch nie zuvor passiert.
Neil sagte nichts mehr. Er drehte sich um, während er seinen Mantel schloss, und lief still und leise an den anderen Polizeibeamten vorbei, als er den Laden verließ.
Ich atmete tief ein. Hatte ich das wirklich gerade gesagt? Zu dem wichtigsten Mann in meinem Leben? Frustriert schob ich meine Brille wieder ein Stück nach oben, nachdem sie auf meiner Nase heruntergerutscht war. Lancaster stand bei der Frau mit dem Medizinkoffer und lächelte, als sie langsam auf mich zukam.
»Gute Neuigkeiten, Mr. Snow.«
»Oh?«
»Es ist nicht menschlich.«
Wer, Neil?
»Das Herz?«
»Es ist das Herz eines Schweins«, sagte sie.
»Eine kleine Erleichterung.« Ich atmete nochmals tief ein und hatte das Gefühl, hart daran arbeiten zu müssen, entspannt zu bleiben. »Also kann ich den Laden aufmachen?«
»Es hat kein Verbrechen stattgefunden. Es scheint, als wollte Ihnen jemand einen Streich spielen. Ich schlage vor, Sie investieren in ein besseres Sicherheitssystem.«
Kein Verbrechen. Meine Intuition sagte etwas anderes. Zwei Detectives von der Mordkommission waren sofort hier aufgeschlagen und hatten mit mir Fragerunde gespielt. Nicht nur wegen des armen Schweins, sondern auch wegen Mike Rodriguez. Letzteres fand ich immer noch extrem seltsam. Wieso würde die Polizei die Zeit von Detectives verschwenden, wenn dabei nichts herumkam? Und das erklärte auch noch nicht, wie das Schweineherz überhaupt in meinen Laden gekommen war.
Lancaster bedankte sich für meine Zeit und ich murmelte irgendetwas zurück. Sie wandte sich ab, um mit der Gerichtsmedizinerin zu gehen.
Anders als Winter, der statt auf den Ausgang, auf mich zukam. »Ihr Freund machte einen eher unglücklichen Eindruck.«
Ich legte meine Stirn in Falten und blickte auf. Während ich etwas kleiner war, nur um die 1,80 m, waren Neil und Winter gut einen halben Kopf größer. Neil war schmal, so wie ich, was im starken Kontrast zu Detective Winters muskulöser Statur stand. Er war mir gerade nahe genug, sodass ich seine Sommersprossen sehen konnte, die für mich wie kleine graue Schönheitsflecken aussahen. Noch besser könnte ich sie betrachten, wenn ich näher bei ihm stünde oder sein Gesicht durch eine Lupe ansähe. Beides war übrigens etwas, was ich nicht empfehlen würde, wenn man jemanden gerade erst kennengelernt hatte. Im Vergleich dazu waren seine hellen Augen so strahlend und klar, dass sie mich fast ein wenig nervös machten. Sie erinnerten mich an die Kristalle, die man im Natural History Museum bestaunen konnte. Sie waren wunderschön, aber schienen müde zu sein. Fast, als hätten sie etwas gesehen, was ihn stetig auslaugte und abgehärtet hatte. In Winters Gegenwart fühlte es sich an, als würde die ganze Luft aus dem Raum gesogen werden. Es war sowohl einschüchternd als auch beruhigend, in seiner Nähe zu sein. Außerdem roch er gut. Ein bisschen würzig vielleicht. In jedem Fall ganz anders als Neils Parfum.
»Ich bin nicht bei Mike eingebrochen«, sagte ich noch einmal.
Sein Blick wanderte zu den Kartons hinter mir. »Was ist das alles?«
Schnell sah ich über meine Schulter und dann wieder zu ihm. »Neue Ware.«
»Woher stammt sie?«
»Bond Antiquitäten«, antwortete ich. »Ich habe sie von einer Nachlassauktion.«
Er griff in seine Jackentasche und ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn er seine Pistole herausgeholt hätte, wenn ich bedachte, wie frei ich mit ihm sprach. Stattdessen gab er mir seine Visitenkarte. »Falls Ihnen noch etwas einfällt.«
»So etwas wie, dass ich ein paar Schweine umgebracht habe?« Ich ließ die Karte schnell in meiner Hosentasche verschwinden.
»Haben Sie noch einen schönen Tag, Mr. Snow.« Er drehte sich um und verließ den Laden.
Der Schneesturm schien Kunden davon abzuhalten, mein Geschäft aufzusuchen. An jedem anderen Tag würde ich mir Sorgen machen, denn so kurz vor den Feiertagen war es wichtig, gute Verkaufszahlen zu haben. Aber ich konnte mich auf nichts konzentrieren, was mit dem Imperium zu tun hatte. Mein Salat, den ich neben mir an der Kasse abgestellt hatte, ertränkte sich langsam im Vinaigrette-Dressing, nachdem ich nur die Hälfte hatte essen können.
»Wie wäre es mit einer Bifokalbrille?«
Ich blickte auf und sah, dass Max mich anstarrte, bevor er sich einen zweiten Stuhl holte und sich zu mir setzte. »Was?«
»Die Lupe ist ein bisschen komisch. Du holst sie aus deiner Tasche, als seiest du ein altmodischer Detektiv.«
»Ich bin mal die Treppen hinuntergestolpert, als ich jünger war und eine Bifokalbrille getragen habe«, antwortete ich, während ich die Lupe weglegte und irgendwelche Dokumente und Rechnungen auf einen Stapel sortierte. »Hab mir meinen Arm gebrochen.«
»Autsch.« Max begann, mit der Gabel in der Schüssel in meinem Salat herumzurühren. Bestimmt hatte er vorgehabt, mir mein Mittagessen zu klauen. Doch bei dem traurigen Anblick, den mein Salat bot, musste er seine Meinung geändert haben. Stattdessen fragte er: »Also, wieso war Neil hier?«
»Weiß ich nicht.« Ich stand auf, brachte die Post in das kleine Büro und legte sie dort auf den Tisch. Die morgendliche Aufregung beschäftigte mich sehr. Normalerweise hatte ich montags geschlossen, doch die näher rückenden Feiertage brachten mich oft dazu, meine üblichen Öffnungszeiten zu ändern. Das bedeutete, dass ich gestern geöffnet hatte. Als ich den Laden letzte Nacht kurz nach sechs abgeschlossen hatte, hatte das jemandem 13 Stunden Zeit gegeben, um einzubrechen.
Max und ich verbrachten den restlichen Vormittag damit, unser Inventar durchzugehen, um festzustellen, dass offenbar nichts entwendet wurde. Das war, was mich am meisten irritierte. Wieso sollte jemand in ein Antiquariat einbrechen und den Sicherheitsalarm ausschalten, nur um dann nichts zu stehlen? Das hieß, dass jemand eingebrochen war, ein verwesendes Schweineherz unter meinem Fußboden platziert hatte und wieder verschwunden war, ohne auch nur einen alten Knopf mitzunehmen. Noch mehr störte mich die Sache mit Mike Rodriguez. Ich hatte für Mike ein paar Jahre lang gearbeitet, bevor ich meinen eigenen Laden eröffnet hatte. Ich respektierte sein Wissen und den Erfolg seines Antiquariats, denn er war seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Geschäft, aber er war ein griesgrämiger alter Mann. Er mochte mich nicht wirklich, als ich für ihn gearbeitet hatte, und ich war mir ziemlich sicher, dass er sich ein wenig verarscht gefühlt hatte, als ich mit allem, was ich bei ihm gelernt hatte, schließlich meinen eigenen Laden eröffnet hatte. Mike hatte sich auf kostbarere Antiquitäten spezialisiert. Georgische und viktorianische Möbel, Kleidung, Gemälde und andere Kunstgegenstände. Mein Interesse lag woanders. Das Imperium war voller Bücher, alter Dokumente, Landkarten, Fotos und anderen Dingen aus vergangenen Jahrhunderten. Die Menschen mochten seltsame und skurrile Gegenstände, wie einen viktorianischen Handschuhspanner oder Tränenfläschchen. Das Imperium war ziemlich erfolgreich nach nur ein paar Jahren im Geschäft und ich vermutete, dass Mike beleidigt war.
Ich verließ das Büro, lehnte mich an den Türrahmen und verschränkte meine Arme. Mike und ich waren nicht unbedingt gut aufeinander zu sprechen, jedenfalls schickten wir uns keine Weihnachtskarten, aber wie zum Teufel kam er zu dem Schluss, dass ich der mögliche Einbrecher sein könnte? Hatte er drei Jahre gewartet, um sich an mir zu rächen? Es war nicht einmal Rache, es war vielmehr eine Beleidigung meiner Integrität und Person.
»Oh Mann, schau mal, wie heftig es schneit«, grummelte Max, während er durch das Fenster dem Schneesturm zusah.
Jingle Bells ertönte zufälligerweise aus den Lautsprechern des Ladens. Dashing through the snow passte gut zu dem Wetter draußen. Die ganze Stadt wurde langsam immer mehr unter Schnee begraben.
»Mach doch heute ein bisschen früher Feierabend, Max.«
»Wirklich?«
»Na klar, ich wette, U-Bahnfahren macht heute keinen Spaß«, sagte ich, während ich zum Tresen wanderte.
»Gehst du auch heim?«
Ehrlich gesagt war ich versucht, Mike einen Besuch abzustatten und ihn zu fragen, was los war, aber das klang nicht nach meiner besten Idee. Vielleicht sollte ich ihn lieber anrufen, das würde einen weniger bedrohlichen Eindruck machen. Auch wenn er sich wie ein Arschloch verhielt und mich beschuldigte, bei ihm eingebrochen zu sein, so hatten wir doch ein paar Jahre eng zusammengearbeitet und ich wollte sichergehen, dass es ihm gutging. »Vermutlich.«
»Dann geh ich mit dir raus«, erwiderte Max und begann, die Kasse zu leeren und das Geld zu zählen.
Das Telefon des Ladens klingelte und ich hob den Hörer ab. »Snows Antiquarisches Imperium.«
»Ich bin’s.«
Neil. Ich riss mich zusammen. »Hey.«
»Bist du beschäftigt?«
»Wir schließen heute vorzeitig. Das Wetter wird immer schlimmer und Max muss mit der U-Bahn nach Brooklyn.«
»Ich mache jetzt Feierabend«, sagte er. »Ich komme bei dir vorbei.«
»Ich kann nach Hause laufen.«
Neil holte tief Luft. »Sebby, bitte streite nicht mit mir. Nur dieses eine Mal. Lass mich dich abholen.«
Wieso wurde ich wütend, nur weil er mich nach Hause fahren wollte, statt mich durch dieses scheußliche Wetter laufen zu lassen? »Okay, danke.«
»Soll ich etwas fürs Abendessen mitbringen?«
»Ich hatte vor, zu kochen«, antwortete ich zaghaft. Langsam war ich es leid, von Fast Food zu leben. Neil konnte überhaupt nicht kochen, was bedeutete, dass ich mich in die Küche stellen musste, wenn ich Lust auf Hausmannskost hatte.
»Das klingt toll«, meinte er erfreut. »Ich bin in spätestens zwanzig Minuten da.« Er legte auf.
»Neil holt mich ab. Du kannst schon mal gehen, ich kümmere mich um den Rest«, sagte ich zu Max.
Max lachte, als er mit dem Geldzählen fertig war. »Danke, Seb.«
»Ich ruf dich morgen an, falls wir wegen des Wetters geschlossen bleiben müssen.«
»Okay. Ich richte mich aber darauf ein, zu kommen, bis du mir etwas anderes sagst.« Innerhalb weniger Momente hatte er all seine Sachen eingepackt und verschwand durch die Tür im Schneesturm.
Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, sperrte ich ab und begann, meine Sachen zusammenzusuchen. Ich verstaute meinen Laptop in meiner Laptoptasche für den Fall, dass wir morgen den Laden geschlossen lassen mussten. Wenn ich schon daheim bleiben müsste, könnte ich wenigstens anfangen, die neue Ware, die ich noch zu Hause hatte, zu katalogisieren. Allerdings hatte ich das schon seit zwei Wochen vor und bisher noch nicht die Energie dafür gehabt. Als ich endlich die Lichter ausmachte, den Sicherheitsalarm anschaltete und in meine Winterkleidung schlüpfte, parkte Neil in seinen schwarzen BMW schon vor der Tür.
Das Auto war noch ein Streitgrund zwischen uns. Ich hatte keinen Führerschein, weil Menschen mit Achromatopsie besonders viele Tests absolvieren mussten, um ein Auto fahren zu dürfen. Darauf hatte ich schlicht und ergreifend keine Lust. Vor allem machte es in einer Stadt, die so ein großartiges öffentliches Verkehrsnetz bot, keinen Sinn. Trotzdem hatte ich mich mit Neil geeinigt, zusammen ein Auto zu kaufen und mich finanziell daran zu beteiligen, damit wir hin und wieder Urlaub außerhalb von New York machen konnten. Neil hatte einen teuren Geschmack. Er wollte einen Luxusschlitten und da gab es für ihn keinen Kompromiss. Das verstand ich einfach nicht. Wir hätten so viel Geld sparen können mit einem sinnvollen Gebrauchtwagen. Die Auseinandersetzung hatte damit geendet, dass ich mich geweigert hatte, Geld für ein solches Auto auszugeben. Das hatte er zwar akzeptiert, aber mir gleichzeitig gesagt, ich sollte mich verpissen. Natürlich hatte ich aus Trotz versucht, bisher jede Fahrt abzulehnen.
Im Auto war es warm, als ich die Beifahrertür öffnete und mich setzte. Die Scheibenwischer mussten hart arbeiten, um den schweren, klebrigen Schnee von der Scheibe zu entfernen. Neil hörte irgendwelche Weihnachtslieder und sah wieder mal cool und sexy aus. Ich musste zugeben, dass er wirklich gut hinter dem Lenkrad dieses Autos aussah.
Er lächelte. »Bereit?«
»Jepp.«
Neil fuhr los. Wir waren langsam auf den von Schnee bedeckten Straßen unterwegs.
»Du wirst morgen eingeschneit sein, wenn man dem Wetterbericht glauben kann«, raunte er mir zu.
»Musst du zur Arbeit?«
»Im öffentlichen Dienst gibt es kein schneefrei. Ist dir warm genug?«
Ich grummelte eine Antwort vor mich hin und war dann still. Wir wohnten in einem überfüllten Manhattaner Apartment, das eigentlich viel zu klein war für zwei Leute, aber dafür sehr nahe am Imperium lag. Normalerweise dauerte es nicht lange, um dort anzukommen, aber die Straßen waren komplett bedeckt. Das ein oder andere Auto vor uns war bereits ins Rutschen gekommen und Neil blieb Gott sei Dank lieber vorsichtig.
Bei der Gelegenheit studierte ich sein Profil und dasselbe hübsche Gesicht, das ich seit Jahren kannte. Er hatte mir gesagt, er hätte braune Augen. Seine Haare waren anscheinend hellbraun und Neil hatte sie mit einem Milchkaffee verglichen. Welche Farbe auch immer sie hatten, ich fand Neil schon immer attraktiv. Und er alterte wahnsinnig gut. Wenn ich ihn ansah, sah ich den Mann, in den ich mich verliebt hatte. Wieso stritten wir uns nur noch? Mein Vater sagte, es läge daran, dass es mich kirre machte, wieder einen Teil von mir verstecken zu müssen. Ich hatte mein Coming-out, aber wegen Neils Paranoia konnte ich trotzdem nicht frei leben. Jahrelang hatte ich das bestritten, aber langsam bekam ich das Gefühl, dass mein Dad vielleicht doch recht haben könnte. Neil war meine erste ernsthafte Beziehung und es hatte mich aus der Bahn geworfen, als ich herausgefunden hatte, dass er nicht geoutet war. Ehrlich gesagt warf es mich immer noch aus der Bahn.
»Tut mir leid«, sagte ich leise.
»Was tut dir leid?«
»Dass ich heute Morgen so unfreundlich war.« Ich starrte meine Hände an. »Wieso warst du eigentlich im Imperium?«
Er seufzte. »Ich habe zufällig gehört, dass Detectives zu der Adresse geschickt wurden, und gedacht, es sei etwas passiert. Ich habe gedacht, dir sei etwas passiert.«
»Danke, dass du dir Sorgen gemacht hast.« Ich lachte kurz und schüttelte den Kopf. »Das klingt so komisch.«
»Ich weiß, was du meinst.« Er nahm kurz eine Hand vom Lenkrad, um mir liebevoll auf mein Knie zu klopfen.
Neil ließ mich an unserer Straße raus, um dann einen Parkplatz zu finden. Ich betrat das Gebäude und ging die drei Stockwerke zu unserer kleinen Wohnung nach oben über alte, knarzende Treppenstufen. Die Leitungen machten laute Geräusche, als die Boiler ansprangen. Ich hängte Mantel und Hut auf und verstaute meine Stiefel im Schrank. Dann ließ ich meine Tasche auf die Matratze unseres Doppelbetts fallen, bevor ich ein paar Lampen in der Wohnung anschaltete. Ich wusste, dass Neil es nicht mochte, in einer so dunklen Wohnung zu leben, aber er war höflich und arrangierte sich, ohne sich zu beschweren, damit ich meine Sonnenbrille hier drinnen nicht aufsetzen musste. Eine lange Zeit hatte ich versucht, mein Handicap vor ihm geheim zu halten. Das war aber zunehmend schwieriger geworden, als er angefangen hatte, Sachen zu fragen wie: Kannst du mir mein dunkelblaues Hemd geben? Oder beim Mexikaner: Reichst du mir die grüne Salsa? Es war schließlich herausgekommen, als er meinen zusammengeklappten Gehstock in meiner Tasche gefunden hatte, als er nach einem Kondom gesucht hatte. Ich musste kurz lachen, als ich den Kühlschrank öffnete und an den Moment zurückdachte. Die Stimmung war jedenfalls im Eimer gewesen und ich hatte geglaubt, er würde sofort mit mir Schluss machen. Beide Freunde, die ich vor ihm gehabt hatte, hatten mich wegen meines „Zustands“ verlassen. Es war nicht lebensbedrohlich, aber es war eine Last. Neil war bei mir geblieben und das war alles, was zählte.
Ich hörte ihn an der Tür, als er seinen Mantel und seine Schuhe auszog, während ich Zwiebeln und Paprika zerkleinerte. Ich gab das geschnittene Gemüse in einen Kochtopf und öffnete zwei Dosen Tomatensoße.
»Spaghetti?« Neil kam in die Küche geschlendert. Er kannte den Geruch gut.
»Wir müssen bald einkaufen gehen«, antwortete ich. »Wir haben nicht viel Auswahl.«
Er ging einen Schritt an mir vorbei und öffnete den Kühlschrank. »Willst du ein Bier?«
»Klar, warum nicht?«
Geschickt öffnete er die Bierflaschen und stellte eine neben mir auf die Küchenzeile, bevor er sich mir gegenüber an die Wand lehnte. »Also, sag mir, was heute Morgen passiert ist.«
Ich erzählte die ganze Geschichte noch einmal und es kam mir mittlerweile vor, als hätte ich das schon hundertmal getan. Währenddessen fing ich an, die Soße mit Salz, Pfeffer, Tabasco und anderen Gewürzen, die wir im Küchenschrank hatten, zu verfeinern. »Aber es war nicht menschlich. Es war ein Schweineherz.«
»Was haben die Detectives gesagt?«
Abwesend zuckte ich mit den Schultern. »Lancaster hat gesagt, ich solle wieder normal öffnen und mich um ein besseres Sicherheitssystem kümmern.«
»Und dieser Winter-Typ?«
Über meine Schulter warf ich ihm einen fragenden Blick zu. »Wieso magst du ihn nicht?«
»Ich habe dir gesagt, wieso.«
»Er hat aufgehört, mich über Mike auszufragen, und ist dann ebenfalls gegangen.« Ich hatte mich wieder der Soße zugewandt, aber hielt inne und sah Neil noch mal an. »Du hast nichts davon gehört, oder? Dass bei Mike eingebrochen wurde?«
Neil schüttelte den Kopf, bevor er von seinem Bier trank. »Ist vielleicht in einer anderen Abteilung gelandet.«
»Wieso, denkst du, würde Mike mich beschuldigen, bei ihm eingebrochen zu sein?«
»Weil er ein Arsch ist.«
»Ja, aber …«
»Nichts aber«, unterbrach Neil mich. »Er hatte es schon immer auf dich abgesehen, Seb.«
Ich nahm einen Schluck Bier und dachte über meinen nächsten Kommentar nach. »Ehrlich gesagt habe ich darüber nachgedacht, ihn nachher anzurufen.«
Neil starrte mich an, als ob mir ein zweiter Kopf gewachsen wäre. »Bist du bescheuert?«
»Wie bitte?«
»Sebby, halt dich da raus. Lass die Polizei herausfinden, was Mike passiert ist. Sei kein Idiot und belästige ihn nicht.«
»Wer hat denn etwas von Belästigung gesagt? Ich will nur fragen, ob er okay ist.«
»Egal«, antwortete Neil. »Die Polizei kann es nicht brauchen, dass du ihn kontaktierst, nachdem er mit dem Finger auf dich gezeigt hat, okay?«
Was Neil sagte, machte natürlich Sinn. Und wer würde da besser Bescheid wissen als ein Polizist? Ich trank noch mal von meinem Bier und konzentrierte mich dann voll und ganz aufs Abendessen. Neil riss mich kurze Zeit später aus meinen Gedanken, als er meinen Namen sagte.
»Seb, versprich mir, dass du deine Nase nirgendwo reinsteckst, wo sie nicht hingehört.«
»Wieso denkst du, dass ich so etwas tun würde?«
Die Frage brachte Neil zum Lachen. »Weil ich weiß, dass du die Aufregung magst. Die zweihundert Mystery-Romane im Wohnzimmer bestätigen das.«
»Das sind keine zweihundert«, versuchte ich mich zu verteidigen. Und selbst wenn. Ich fand Spannung super.
»Seb«, sagte er wieder, dieses Mal noch ernster.
»Ich versprech’s.« Langsam wurde ich ein bisschen sauer. »Du hast ja recht. Ich verstehe das.« Bevor Neil noch etwas antworten konnte, bemerkte ich: »Wie das Herz in den Laden gekommen ist, ist aber noch nicht geklärt.«
»Hm?«
»Wie kommt ein Schweineherz unter meinen Fußboden, Neil?« Ich drehte mich zu ihm um. »Ich habe es da nicht deponiert und ich war derjenige, der den Laden gestern abgeschlossen hat. Das Tor habe ich ganz sicher zugesperrt und den Sicherheitsalarm habe ich auch eingeschaltet.«
»Es war vermutlich ein Streich«, meinte er schulterzuckend.
»Ein Streich?«, wiederholte ich. »Von wem?«
»Weiß ich nicht. Kinder, Teenager. Jemand, der nicht ganz dicht ist. Komm schon, du bist wahnsinnig beschäftigt, wenn du im Laden bist. Du und Max könnt nicht ständig alles im Blick haben.«
Natürlich hatte Neil ein Stück weit recht. Den heutigen Tag ausgenommen, war es sehr hektisch und voll in letzter Zeit. Es waren immer mal wieder mehrere Kunden gleichzeitig im Laden gewesen, es war neue Ware geliefert worden, Artikel waren für eine Auktion abgeholt worden und ich hatte gar nicht alles überblicken können, was vor sich gegangen war.
»Aber wozu?«
»Wozu gibt es Hotdog-Wettessen?«, entgegnete Neil mit einem Grinsen. »Menschen machen ab und zu dumme Sachen, Seb.«
»Vermutlich hast du recht. Es ist aber schon ein bisschen dramatisch. ‚Das verräterische Herz.’«
»Das was?«
»Poe«, erklärte ich. »›Es ist das grauenhafte Klopfen seines Herzens!‹«
»Oh, ja, ich glaube, das habe ich in der Schule gelesen«, erwiderte Neil nachdenklich.
»Ein alter Mann mit einem blinden Auge wird ermordet und zerteilt. Der Mörder denkt, er höre das Herz unter seinen Fußbodendielen, wo er die Leiche versteckt hat«, versuchte ich ihm auf die Sprünge zu helfen. »Er dreht durch vor Schuldgefühlen, während die Polizei wegen einer vermeintlichen Ruhestörung bei ihm ist.«
»Verdammt.«
»Zum Glück bin ich nur farbenblind.« Ich konnte mir ein bisschen Sarkasmus nicht verkneifen.
Während des Essens sahen wir uns einen Krimi im Fernsehen an, was bedeutete, dass sich Neil eigentlich 45 Minuten lang nur darüber beschwerte, dass sich die Spurensicherung am Tatort falsch verhielt und niemand so schnell DNA-Ergebnisse zurückbekam. Verärgert schaltete Neil schließlich um und wir landeten bei Kevin – Allein zu Haus.
»Ich wollte das schon immer machen«, sagte Neil, als wir später am Abend im Dunklen saßen und Wein tranken.
»Macaulay Culkin sein?«
»Die Bösewichte schnappen.«
»Das tust du«, meinte ich. »Nur mit Spielzeug für große Jungs. Du bist ein bisschen zu alt, um Treppen zu teeren oder Spielzeugpistolen zu benutzen.«
Neil legte mir seinen Arm um die Schultern und ich machte es mir gemütlich. Es war schön, den Abend zusammen zu genießen, ohne sich wegen Nichtigkeiten zu streiten. Bestimmt dachte Neil dasselbe, denn er lehnte sich näher zu mir und küsste mich auf den Kopf.
»Hey«, murmelte er.
»Hey, was?« Ich sah auf. Meine Sicht war wesentlich besser im Dunklen und ich konnte Neils Gesichtsausdruck gut erkennen.
»Wieso hauen wir nicht ab?«
»Wohin?« Ich musste lachen.
»In das Zimmer nebenan.« Neil lehnte sich nach vorn und legte unsere Brillen auf den Couchtisch, bevor er aufstand.
Auch ich erhob mich und nahm Neil bei der Hand, die er mir entgegenstreckte. Er führte mich in unser überfülltes Schlafzimmer, hob meine Tasche vom Bett und schloss die Tür.
»Hast du Angst, dass uns jemand sehen könnte?«
Er hielt kurz inne, bevor er sich zu mir umdrehte. »Um die kalte Luft draußen zu lassen, Seb«, korrigierte er mich in einem Ton, den ich als seinen Sebastian-du-stellst-dich-ganz-schön-an-Ton kennengelernt hatte. Ich mochte es nicht, weil er diesen Tonfall normalerweise nur benutzte, wenn wir im Begriff waren, eine Diskussion über seine Sexualität zu führen.
Neils Hand fand meine Taille, die andere meinen Hinterkopf und er küsste mich heftig. Er schmeckte ein wenig süßlich und ein wenig bitter, was ungefähr unsere ganze Beziehung zusammenfasste. Seit wir zu Hause angekommen waren, hatte er irgendwie seine Anzugjacke und Krawatte verloren und ich half ihm schnell aus seinem übrig gebliebenen Hemd und der Hose. Neil war währenddessen damit beschäftigt, mich meiner Hose und meines Pullovers zu entledigen. Er lachte kurz auf.
»Was ist?«
»Du kleidest dich wie ein Opa«, flüsterte er mir zu.
»Ich mag den Pullover.«
»Er ist älter als du.«
»Ich versuche nicht, einen Fashion-Wettbewerb zu gewinnen.«
Kleidung einzukaufen, war sehr stressig für mich. Kaufhäuser waren zu hell und es gab offensichtlich ein Konzept von „sich beißenden Farben“. Wenn ich neue Kleidung brauchte, ging ich idealerweise mit meinem Dad zu einem Secondhandladen und ließ ihn ein paar Kleidungsstücke in Farben aussuchen, von denen er sagte, dass ich nichts falsch machen könnte, wenn ich sie mit anderen Farben kombinierte. Wir brauchten im Normalfall nur zehn Minuten.
»Wir kaufen dir bald einen schöneren Pullover«, sagte Neil und begann, meinen Nacken zu küssen.
»Ich mag den aber«, antwortete ich.
»Er ist vom Wohltätigkeitsladen.«
»Ja und? Ich muss keine dreihundert Dollar für einen ‚Ralph Lauren’-Pullover ausgeben, wenn mich der hier wunderbar warm hält.«
»Bist du fertig, Sebby?« Neil starrte mich eindringlich an. »Willst du dich jetzt gerade wirklich streiten?«
Das wollte ich natürlich nicht. Ich war es leid, ständig zu streiten. Ich hasste es, dass jedes unserer Gespräche damit endete, dass einer von uns frustriert war. In fast kompletter Dunkelheit starrte ich Neil an und auf einmal überkam mich ein bekannter, aber furchtbarer Gedanke. Ich war nicht die Person, die Neil wirklich wollte. Wir stritten uns nur noch wegen Kleinigkeiten wie meinem Pullover. Wieso war es ihm so zuwider, dass ich etwas trug, das schon ein bisschen abgenutzt war? Er wollte, dass ich immer chic und modisch auftrat, so wie sein verdammtes Auto.
»Seb?«
Schnell schüttelte ich den Kopf, legte meine Arme um seinen Hals und küsste ihn. Vorsichtig strich ich ihm durch die Haare und versuchte, die von mir zerstörte Atmosphäre wiederherzustellen.
Wann hat sich unsere Beziehung so verändert?
Er schubste mich aufs Bett und küsste meine Brust und meinen Bauch entlang.
Vielleicht, als wir zusammengezogen sind.
Neil drehte mich sanft auf den Bauch und ich hörte das Klacken einer Plastikflasche, bevor ein warmer, öliger Finger seinen Weg in mich fand.
Wann bin ich so defensiv geworden? So bitter und nachtragend meinem Partner gegenüber?
Seine Hände waren an meiner Hüfte und er hob mich leicht an, bevor er unsanft in mich eindrang.
Als er anfing, in mich zu stoßen, biss ich die Zähne zusammen.
Ich mag nicht, wer ich geworden bin.
Kapitel Zwei
»Wir erleben gerade rekordverdächtige Schneefälle in New York City. Experten gehen davon aus, dass es den ganzen Dezember so weitergeht«, meldete der Meteorologe im Fernsehen am nächsten Morgen.
Ich saß an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer und hatte meine Augen fest auf den Fernseher gerichtet, während ich dabei war, eine Schüssel Cornflakes zu vernichten und meinen morgendlichen Kaffee zu trinken. Es war definitiv ein Tag, um meine liebste Tasse herauszukramen. Auf ihr war die Grinsekatze aus Alice im Wunderland zu sehen, und wenn sie heiß wurde, verschwand die Katze und nur das breite Grinsen blieb übrig.
Es ist das seltsamste Ding, das ich je gesehen habe!
»… dreißig Zentimeter über Nacht und wir gehen davon aus, dass den Tag hindurch noch mal mindestens das Doppelte dazukommt. Anwohner werden deshalb gebeten, zu Hause zu bleiben. Wir erwarten Windböen von sechzig Stundenkilometern in Manhattan und umliegenden Gebieten. In Long Island können diese sogar mit bis zu neunzig Stundenkilometern durch die Straßen fegen.«
Während ich mir einen weiteren Löffel voll labbriger Cornflakes in den Mund schob, grunzte ich die Frau im Fernsehen an. Ich hatte Max bereits eine SMS geschickt und ihm gesagt, dass er auf keinen Fall zur Arbeit kommen sollte. Der öffentliche Nahverkehr war komplett eingestellt worden, nachdem der Bürgermeister in einer Ansprache vor dem Wetter gewarnt und seine Sicherheitsbedenken bekundet hatte. Die Stadt, die niemals schlief, war zum kompletten Stillstand gekommen.
Statt mich also in den Schneesturm zu begeben, griff ich nach dem Buch, das auf dem Tisch lag, und schlug es an der mit Lesezeichen markierten Stelle auf. Ich nahm eine meiner vielen Lupen zur Hand und fing an, zu lesen, bis Neil aus dem Schlafzimmer kam. Er war gerade dabei, in seine Anzugjacke zu schlüpfen, und sah mich kritisch an.
»Cornflakes und Mystery?«
»Japp«, murmelte ich, bevor ich von der Seite aufsah und ihn anblickte. »Mörder warten nicht bis nach dem Frühstück, Watson.«
Neil verzog das Gesicht. »Du bist nicht Sherlock.« Er zeigte auf die Schüssel vor mir. »Das ist purer Zucker.«
»Ich werde dran denken, demnächst mal zum Zahnarzt zu gehen«, konterte ich und aß einen weiteren Löffel Cornflakes.
Er ignorierte meinen Kommentar, was gut war, denn das hätte unweigerlich zu einer weiteren Auseinandersetzung geführt. »Du bleibst heute zu Hause, richtig?«
»Ja, Max kann sowieso nicht in die Stadt kommen.« Ich hatte mir fest vorgenommen, den Tag zu nutzen, um die Kartons neuer Ware durchzugehen, die ich in der ganzen Wohnung verteilt hatte. Aber bisher hatte mich die übliche Begeisterung noch nicht gepackt. Früher hatte ich mich voller Enthusiasmus in meine Arbeit gestürzt und es geliebt, mich durch Schätze zu wühlen, die so viel Geschichte in sich trugen. Nun war es, als hätte jemand einen Becher über eine Flamme gestülpt und den ganzen Sauerstoff genommen. Ich vermisste die Aufregung. Irgendwie fühlte ich mich nicht mehr wie derselbe Sebastian, der ich am Anfang des Jahres gewesen war. Ehrlich gesagt war ich nicht mehr derselbe Sebastian, seit Neil bei mir eingezogen war. »Ich glaube, dass Mike etwas Ähnliches passiert ist wie mir«, bemerkte ich nebenbei. Ich legte die Lupe weg und öffnete die Cornflakesschachtel, um meine Schüssel aufzufüllen.
»Was?« Neil war gerade dabei, seine Haare in Form zu bringen, und stand vor dem Spiegel neben der Eingangstür.
»Ich meine nur, wenn die Detectives, die gestern im Imperium waren, auch zu seinem Einbruch gerufen wurden …«
»Hör auf, Sebby. Du verschwendest nur deine Zeit, wenn du darüber nachdenkst.«
»Wie kannst du das nicht seltsam finden?«
»Tue ich, aber Detective Lancaster hat recht. Es hat kein Verbrechen stattgefunden.«
»Jemand ist eingebrochen.«
»Da haben wir gestern schon darüber geredet.«
Ich verrührte die neuen Cornflakes in meiner Schüssel mit der noch übrig gebliebenen Milch. »Eine kurze Unterhaltung mit Mike würde das alles aufklären.«
»Seb, ich mein’s ernst.« Neil drehte sich zu mir um und sah mich eindringlich an. »Wenn du zu ihm rübergehst, werde ich dich ganz sicher nicht vom Gefängnis abholen, wenn sie dich verhaften.«
»Gut zu wissen, wo für dich die Grenzen in unserer Beziehung sind.«
Neil schüttelte den Kopf und schnappte sich seine Jacke und Schuhe. »Ich gehe.« Er sah mich noch mal an. »Geh nicht zu Mike.«
»Ja, Herr Gefängnisdirektor«, murmelte ich und hob meine Hand, um ihm zu salutieren. »Wirst du anrufen, um sicherzustellen, dass ich meine Ausgangssperre einhalte?«
»Süß, Sebby.« Er öffnete die Tür. »Sei brav.«
»Ich bin keine zwölf Jahre alt mehr, Neil«, rief ich ihm hinterher, aber er schloss die Tür, während ich sprach. Einen Moment später fing mein Handy auf dem Tisch an zu klingeln. Das Display zeigte mir, dass Dad anrief.
»Guten Morgen, Kleiner«, sagte William Snow in einem erfreuten Ton. »Das ist ein ganz schöner Schneesturm, was?«
»Hey, Dad.«
»Ich störe dich nicht, oder?«
»Nein. Wie geht’s dir?«
»Ganz gut, ich bin nur ein bisschen unruhig. Maggie und ich konnten heute nicht, wie üblich, spazieren gehen. Bleibst du heute daheim?«
Nachdem ich gerade den Mund voll Cornflakes hatte, summte ich einfach als Antwort. »Es macht nicht viel Sinn, wenn ich den Laden aufmache bei dem Wetter, denke ich«, erklärte ich, als ich wieder sprechen konnte.
»Ist Neil auch zu Hause?«
»Nein, er musste zur Arbeit.« Mein Blick schweifte wieder zum Fernseher. »Steht bei dir heute irgendwas an?«
»Nee«, antwortete er.
»Kann ich vorbeikommen?«
»Klar, aber soweit ich weiß, fahren keine Taxis.«
»Das macht nichts.« Langsam stand ich auf und trug meine leere Schüssel in die Küche. »Ich werde mein Glück zu Fuß versuchen.«
»Ist alles okay, Sebastian?«
»Klar«, sagte ich, als ob ich es glauben würde, wenn ich es nur laut aussprach. »Wir sehen uns später.«
Wir verabschiedeten uns und legten auf.
Zurück im Schlafzimmer, wühlte ich mich durch einen Haufen Wäsche, die im Schrank von ihren Bügeln gerutscht war und sich am Boden gesammelt hatte. Ich schlüpfte in eine helle Jeans und streifte ein weißes, oder vielleicht doch eher graues, T-Shirt über. Im Badezimmer stellte ich mich vor den Spiegel und strich mir über wie Wangen, während ich überlegte, mich zu rasieren. Letztendlich kam ich zu dem Entschluss, dass es den Aufwand nicht wert war. Stattdessen fuhr ich mir ein paarmal mit den Fingern durch meine Haare, wusch mein Gesicht und putzte meine Zähne. Ich sprühte mir Deo auf und zu guter Letzt setzte ich noch meine rot eingefärbten Kontaktlinsen ein. Meinem Dad nach veränderten die Linsen meine Augenfarbe von einem Haselnussbraun in ein sehr dunkles Braun. Sie schützten mich vor Licht, und das Beste war, dass ich meine Sonnenbrille mit Sehstärke problemlos darüber aufsetzen konnte.
In dem Moment, als meine Stiefel in den tiefen Schnee einsanken, bereute ich meine Entscheidung, rauszugehen. Es schneite immer noch mit voller Wucht und die Stadt war so still, dass es fast unheimlich war. Ich traf nur wenige andere mutige Menschen, die sich ihren Weg durch den Schnee bahnten, während ich versuchte, so schnell wie möglich die Wohnung meines Vaters zu erreichen. Die Straßen waren leer, nur ein paar Fahrzeuge des Winterdienstes fuhren in der Nähe auf und ab. Fast alles hatte geschlossen. Die einzige Ausnahme schien ein alter Waschsalon und das Café daneben zu sein. Schnell kaufte ich ein paar frische Donuts, die hoffentlich als Ablenkung dienen würden, damit Dad mich nicht auf mein eher glanzloses Erscheinungsbild ansprach.
Nach 25 Minuten stand ich endlich vor der Eingangstür zu Dads Gebäude. Normalerweise würde ich für den Weg nur 15 Minuten brauchen, aber normalerweise befanden wir uns auch nicht in einer Schneeapokalypse.
Während ich darauf wartete, das vertraute Summen des Türöffners zu hören, versuchte ich, mir den Schnee von meinem Mantel und meinem Schal zu klopfen. In diesem Haus war ich aufgewachsen. Es handelte sich dabei um eines dieser Vorkriegsgebäude, das offensichtlich von einem Architekten gut durchgeplant worden war. Es hatte wahnsinnig viel Charme und war wunderschön. Dad hatte hier schon als Teenager gewohnt und war einer der wenigen Glücklichen, die eine preisgebundene Miete zahlten. Andernfalls wäre er sicherlich bereits gezwungen gewesen, seine Wohnung aufzugeben und in das Umland der Stadt zu ziehen. Vor allem jetzt, wo er gerade erst in Rente gegangen war.
Das erwartete Summen erklang und die Tür wurde entriegelt. Ich hastete hinein und die Treppen hinauf, bevor ich an der Tür klopfte.
»Es ist offen!«
In dem Moment, als ich die Tür öffnete, wurde ich von einem riesigen Pitbull empfangen. Er hüpfte auf seinen Hinterbeinen und begann, mein Gesicht und die Sonnenbrille abzulecken. »Oh Maggie, komm schon, jedes Mal!«
»Runter«, befahl mein Vater in einem strengen Ton. »Das machst du nur bei Sebastian«, schimpfte er mit seiner Prinzessin etwas sanfter. Natürlich eilte sie sofort an seine Seite und wackelte glücklich mit dem Schwanz.
»Hey, Dad«, sagte ich, nachdem ich die Tür geschlossen und meine Winterbekleidung abgelegt hatte. Ich nahm meine Sonnenbrille ab und versuchte, sie mit meinem T-Shirt von der Hundespucke zu befreien.
»Ich hatte schon Angst, du seiest in dieser wilden, arktischen Tundra verloren gegangen«, bemerkte Dad mit einem leisen Lachen.
»Fast«, antwortete ich, holte meine normale Brille aus meiner Jackentasche und platzierte die Schachtel mit Donuts auf dem Tisch. Als er dabei war, die Kaffeemaschine einzuschalten, erblickte er sie aus den Augenwinkeln. »Was ist das?«
»Ich war kurz bei Little Earth.«
»Die mag ich am liebsten.«
»Weiß ich«, antwortete ich und holte eine kleine Tüte aus dem Inneren der Schachtel, in der sich zwei Hundekuchen befanden. Little Earth war ein lokaler Geheimtipp und bekannt für seine großartigen Donuts, aber auch Hunde kamen hier voll auf ihre Kosten, dank der selbst gemachten Leckerlis im Angebot. »Versprichst du mir, dass du nicht mehr an mir hochspringst?«, fragte ich Maggie.
Ganz brav setzte sie sich vor mich hin und sah mich voll nervöser Aufregung an.
Vorsichtig hielt ich ihr die Leckereien hin und sie schnappte sie mir beide zeitgleich aus der Hand. »Klar«, meinte ich. »Natürlich wirst du mich wieder anspringen.«
»Bist du gerade erst aufgestanden?«, fragte Dad und sah mich mit einer unbeeindruckten Miene an.
»Ich hab mir die Zähne geputzt«, erwiderte ich, lehnte mich gegen die Küchenzeile und sah mich um.
Die Wohnung hatte sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert. Sie war groß und geräumig und wenn man reinkam, fand man auf seiner Rechten direkt eine schöne, gut ausgestattete Küche. Am Ende der Wohnung konnte man durch große Erkerfenster auf die Straße blicken und direkt davor stand ein kleiner Esstisch. In der Mitte der Wohnung war eine Couch, die von Bücherregalen umringt war. Die Regale platzten schon aus allen Nähten und direkt vor der Couch hatten Dad und ich vor ein paar Jahren ein ordentliches Entertainmentsystem installiert. Den Flur runter fand man das Badezimmer und mein altes Kinderzimmer, das jetzt als Büro diente. Allerdings benutzte Dad es so gut wie nie, seit er in den Ruhestand gegangen war. Sein Schlafzimmer war direkt hinter der Küche. Dad hatte alle Vorhänge zugezogen, was er immer tat, wenn ich ihn besuchen kam, und die Lampen leuchteten in ihrer schwächsten Einstellung.
»Du hast deine Haare vergessen«, sagte Dad. Er zog meine Aufmerksamkeit auf sich, als er anfing, meine wilderen Strähnen glatt zu streichen. »Und habe ich dir nicht beigebracht, wie man sich rasiert?«
Ich lachte leise und fuhr mir über meine Stoppeln. »Ich hab heute unerwarteterweise frei.«
Er grummelte vor sich hin, als er zwei Tassen und einen Teller für die Donuts aus dem Schrank holte. »Maggie hätte heute trainieren gehen sollen, aber die Tierheime haben alle zu.«
»Ist wahrscheinlich besser so.«
Dad war 63 Jahre alt und hatte vor seinem Ruhestand 30 Jahre lang amerikanische Literatur an der New York University unterrichtet. Er konnte mit der ganzen freien Zeit nicht umgehen und ich hatte ihm vorgeschlagen, einen Hund zu adoptieren, bevor er wahnsinnig werden würde. Hier kam seine kleine Prinzessin Maggie ins Spiel. Sie und Dad nutzten nun all ihre freie Zeit mit ehrenamtlicher Arbeit. Sie halfen Tierheimen dabei, gerettete Pitbulls in der Stadt zu rehabilitieren.
Maggie rannte quer durch die Küche, hielt neben mir an und streckte mir das quietschende Spielzeug entgegen, das sie in ihrem Maul trug.
»Neues Spielzeug?« Ich warf es sanft durch den Raum.
»Es ist gut, manchmal ein neues Spielzeug zu haben«, antwortete mein Dad. »Hunden kann langweilig werden.«
Maggie brachte das quietschende Ungetüm wieder zu mir zurück. Ich warf es noch mal, bevor ich meinen Dad anstarrte. Wir sahen uns wahnsinnig ähnlich. Er war gut gealtert und ich hoffte, dass das vererbbar war. Wir hatten dasselbe dunkelbraune Haar, auch wenn seins mittlerweile eher grau war. Sagte er zumindest. Wir hatten beide buschige Augenbrauen und einen Gesichtsausdruck, den meine Ex-Freunde einst als süß und ein bisschen dämlich, aber liebenswert bezeichnet hatten. Man konnte es auch so ausdrücken: Sexy war keins der Adjektive, die Dad oder ich je zu hören bekommen hatten.
»Kaffee?«
»Gern«, sagte ich und Dad gab einen Schluck Milch in beide Tassen.
»Du hast aufgebracht geklungen am Telefon.« Er fing an, den Kaffee einzugießen.
»Wirklich?« Ich nahm die Tassen und brachte sie zu dem kleinen Esstisch.
»Ist alles okay mit Neil?«
Ich setzte mich langsam hin und drehte mich dann zu ihm um. Er kam mir mit dem Teller Donuts entgegen. »Alles okay.«
Dad sah mich kritisch an, als er sich zu mir setzte. »Ja?« Das war eine rhetorische Frage.
»Es ist okay«, sagte ich. »Es geht in letzter Zeit ein bisschen drunter und drüber, das ist alles.«
»Hauptsächlich drunter«, murmelte Dad. Er nahm sich einen Donut und brach ihn in zwei Hälften, bevor er genüsslich in eine reinbiss.
Es machte keinen Sinn, ihm zu widersprechen, also blieb ich still und griff nach meinem eigenen Donut.
»Das ist nicht gesund, Sebastian.«
»Die Donuts?«
Er fand das nicht sonderlich lustig. »Du hast genug durchgemacht, als du ein Teenager warst. Du solltest kein Drama in deinen Dreißigern mehr haben müssen.«
»Dad, ich wurde in der Schule wegen meiner Kleidung gehänselt. Nicht, weil ich schwul bin. Erinnerst du dich an den Tag, als ich aus Versehen eine violette Hose mit einem gelben T-Shirt anhatte?« Ich konnte immer noch nicht verstehen, wieso das so ein Fashion-Fauxpas war.
»Ist egal«, meinte Dad. »Du bist erwachsen. Ich werde nicht hier sitzen und dir bei deiner Wahl eines Partners reinreden.«
»Weiß ich zu schätzen.« Ich rieb meine Hände aneinander, um sie von übrig gebliebenen Donutkrümeln zu befreien, verschränkte sie dann hinter meinem Kopf und lehnte mich zurück. »Gestern ist etwas Seltsames im Imperium passiert«, fing ich an und versuchte, damit die Unterhaltung in eine andere Richtung zu lenken.
Nachdem ich Dad die ganze Geschichte erzählt hatte, fragte er: »Das verräterische Herz?«
Ich lachte kurz auf. »Das ist genau das, woran ich dachte.«
Mein Vater kannte Literatur in- und auswendig, vor allem die von einer so begabten, gequälten Seele wie Edgar Allan Poe. Wir hätten ihm schließlich moderne Detektivgeschichten zu verdanken, hatte mein Vater immer gesagt, als ich aufgewachsen war. Poe hatte geholfen, Science-Fiction zu dem zu machen, was es heute war, und hatte es geschafft, Geschichten mit verschlüsselten Botschaften populär zu machen. Dad konnte tagelang von amerikanischen Schriftstellern und ihrem Einfluss auf die Literatur erzählen.
»Es ist seltsam, oder?«
»Es ist definitiv nicht sehr weihnachtlich. Wie ist es unter deinen Fußboden gekommen?«
»Keine Ahnung. Neil meint, dass mir jemand einen Streich gespielt habe, während Max und ich zu beschäftigt waren, um richtig aufzupassen.«
Dad dachte für einen kurzen Moment angestrengt nach und fing an, seinen dritten Donut zu essen. »Ich habe nichts über Mike und seinen Laden in den Nachrichten gehört. Das tut mir leid für ihn.«
»Das kommt bestimmt daher, dass im Fall des Einbruchs immer noch ermittelt wird.« Ich trank meinen Kaffee und schaute zu, wie mein Vater sich von Maggie ablenken ließ. »Hey, Dad«, sagte ich leise und stellte meine Tasse ab. »Kann ich dich etwas fragen?«
»Klar«, antwortete er und wuschelte über Maggies großen Kopf.
»Wieso hast du nicht mehr geheiratet? Nachdem Mom abgehauen ist?«
Er hielt kurz inne und sah mich dann an. »Das kommt gerade aus dem Nichts.«
»Ich bin nur neugierig«, meinte ich mit einem Schulterzucken.
»Na ja, ich war zu beschäftigt damit, dich großzuziehen.«
»Du ziehst mich nicht mehr groß.«
»Ein Vater hat nie Feierabend.«
»Ich will nur nicht, dass du einsam bist. Das ist alles.«
Er grunzte. »Du denkst, ich sei einsam, Sebastian?«
Es schien besser, das nicht zu beantworten, daher zuckte ich nochmals mit den Schultern.
»Bin ich nicht. Aber willst du etwas wissen?«
Will ich?
»Was denn?«
»Es ist nie gut, wenn man seine eigenen Gefühle auf jemand anderes projiziert.«
New York City hatte über acht Millionen Einwohner. Acht Millionen. Und ich war einsam. Ich war mit Neil jetzt schon seit vier Jahren zusammen. Damals hatte ich mich Hals über Kopf in den intelligenten, sexy Polizisten verliebt, und vor sechs Monaten hatte ich ihn endlich gefragt, ob er bei mir einziehen wollte. Das hatte sich wie ein großer Schritt in die richtige Richtung angefühlt. Ich dachte, dass Neil sich bestimmt nicht mehr verstecken wollen würde, wenn wir erst einmal zusammenwohnten. In meinem Kopf hatte ich mir das so schön vorgestellt: Er wäre out and proud und wenn Leute uns zusammen sähen, würden sie wissen, dass ich sein Partner war.
Leise schnaubte ich vor mich hin, als ich nach dem Besuch bei meinem Dad den Gehweg entlanglief. Neil und ich lebten nun zusammen in dieser kleinen Wohnung und ich hatte mich noch nie so weit von ihm entfernt gefühlt. In den ganzen letzten vier Jahren nicht. Alles war vor sechs Monaten den Bach runtergegangen und ich sah das jetzt erst richtig ein. Frohe verdammte Weihnachten, Sebastian.
Es war kalt und der Wind war stark genug, um mich hin und her zu schleudern. Trotzdem beschloss ich, auf meinem Heimweg bei Mike vorbeizuschauen und mit ihm zu reden. Ob Neil dem zustimmte oder nicht, war mir egal. Ich war verflucht noch mal erwachsen, und wenn ich Mike fragen wollte, wieso er mich beschuldigte, ihn bestohlen zu haben, dann konnte ich das tun.
Obwohl Mikes Laden nicht weit von Dads Wohnung entfernt war, war ich komplett durchgefroren, als ich endlich bei der Bond Street ankam. Die Autos am Straßenrand waren unter mindestens 30 cm Schnee begraben, aber trotzdem konnte ich den Umriss von Mikes berühmten 1957er Chrysler New Yorker erkennen. Angeblich war die offizielle Bezeichnung der Farbe des Autos Babyrosa, aber die Nachbarn nannten es immer das Hubba-Bubba-Mobil. Vermutlich wäre der Witz lustig, wenn ich wüsste, welche Farbe Hubba Bubba hatte. Immerhin war mir beim Anblick des Autos klar, dass Mike zu Hause war. Er wohnte in einer Wohnung direkt über seinem Laden.
Schnellen Schrittes ging ich zu den Treppen auf der Seite des Gebäudes, die direkt zu seiner Wohnung führten, aber hielt inne, noch bevor ich die erste Stufe erreichte. In Bond Antiquitäten war es dunkel, aber die schwere Eingangstür stand offen. Gerade mal weit genug, um ein bisschen im Wind hin und her zu schwingen. Schnee war bis in das Ladeninnere vorgedrungen und bedeckte dort den Boden. Die Haare in meinem Nacken stellten sich auf, als ich der Tür zusah, wie sie vor und zurück schwang. Ich sah mich um, konnte aber niemanden auf der Straße erkennen. Meine Hände fingen an, zu schwitzen, als ich zur Türklingel von Mikes Wohnung hastete und den Knopf drückte.
Niemand antwortete.
»Komm schon, du alter Grießgram«, murmelte ich vor mich hin und klingelte noch mal, und noch mal.
Hastig joggte ich zurück zur Straße und versuchte, ein Lebenszeichen durch die Fenster zu erkennen. Aber mit dem Schnee und meiner nicht vorhandenen Fähigkeit, gut zu sehen, konnte ich nicht ausmachen, ob das Licht an war oder nicht. Mike könnte einfach in seinen Laden hinuntergelaufen sein, um etwas zu holen. Er war vermutlich drinnen und wohlauf, während ich hier wie ein Idiot an der Bordsteinkante stand. Aber wieso hatte er kein Licht an? Wieso hatte er die Tür in diesem Sturm offen gelassen?
Knarz. Knarz.
Mike sollte wirklich dringend die Scharniere der Eingangstür ölen. Ich war kurz davor, laut zu lachen, so absurd fand ich es, dass das in diesem Moment mein erster Gedanke war. Mein nächster Gedanke sagte mir, dass ich die Polizei rufen sollte. Aber was dann? Sollte ich ihr sagen, dass ich gerade vor dem Laden stand, dessen Besitzer mich vor Kurzem erst beschuldigt hatte, bei ihm eingebrochen zu sein? Ich zog mein Handy aus meiner Tasche und war kurz davor, eine Nummer einzutippen. Das erschien mir zumindest eine gute Idee zu sein. Was, wenn erneut jemand eingebrochen war?
Die zwei Einser waren bereits getippt, bevor ich innehielt. Was tat ich da? Ich konnte zur Tür gehen und selbst nachsehen. Das war nun wirklich kein Grund zur Panik.
»Mike?«, rief ich in den dunklen Raum hinein und klopfte an der Tür. Ganz langsam öffnete ich sie weiter.
Knaaaaarz.
»Mike? Ich bin’s, Sebastian Snow«, rief ich noch mal und trat ein. »Du hast deine verdammte Tür offen gelassen. Der Boden ist ganz nass«, sprach ich in die hartnäckige Stille hinein. »Ich komme jetzt rein, okay?«
Ich machte einen Schritt nach vorn, bevor ich die Tür hinter mir schloss, und schaute mich vorsichtig um. Die relative Dunkelheit des Ladens, weil kein Sonnenlicht durch die großen Fenster schien, machte es mir leichter, die Umrisse der Stühle und Tische zu erkennen. Ich war lange nicht mehr hier gewesen und die Anordnung war neu.
Ich fühlte mich schuldig, dass ich noch mehr Schnee und Matsch über den antiken Holzboden verteilte, während ich um die Auslagen herumging. Es war mittlerweile offensichtlich, dass Mike nicht hier war und die offene Tür bedeutete, dass etwas nicht stimmte. Ich sollte verschwinden, doch ich tat, was jeder Idiot tun würde: Weitersuchen. Die Stille war irgendwie falsch. Es war, als beträte man einen Raum, von dem man wusste, dass sich eine andere Person darin versteckte. Man glaubte, die Anwesenheit der anderen Person hören zu können, tat es aber doch nicht wirklich.
Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter und ich wischte meine verschwitzten Hände an meiner Jeans ab. Am Ende des T-förmigen Grundrisses blieb ich stehen und sah mich um. Hier hinten waren überall hohe Regale. Auf Augenhöhe konnte ich einige der ausgestellten Waren erkennen. Hauptsächlich waren es Accessoires für Frauen: Broschen, Handschuhe und so etwas. Leider konnte ich nicht sehen, was rechts oder links von mir war, ohne die Gänge zu betreten.
Mike ist nicht hier. Schau, dass du wegkommst, du Idiot!
Aber es machte nicht den Anschein, als ob ich akut in Gefahr war. Ich wollte nur sichergehen, dass ich gründlich gesucht hatte, bevor ich darüber nachdachte, die Polizei anzurufen, um … was immer ich dachte, melden zu müssen. Ich atmete vorsichtig ein und bewegte mich nach links, bevor ich in etwas Flauschiges hineinlief. Mit einem kurzen Aufschrei sprang ich zurück und sah auf.
Was zum Teufel? Es sah aus wie eine Katze. Aber wie eine tote. Definitiv eine tote. Sie musste tot sein. Die Arme baumelte von einem Seil, das um ihren Hals gebunden war. Mein Herz fing an, zu rasen, und mein Atem wurde immer schneller und panischer. Mein Blick wanderte das Seil entlang und ich erkannte, dass das andere Ende am Deckenventilator festgemacht war. Nein danke, für das hier war ich definitiv nicht zu haben.
Ich drehte mich um, rutschte auf dem nassen Boden aus und hielt mich an einem Regal fest, um aufrecht stehen zu bleiben. Eine Figur stand regungslos da und starrte mich von der rechten Seite des Ts an. Panisch hastete ich zurück zum Mittelpunkt des Ts und bog in den Hauptgang ab, um so schnell wie möglich zurück zur Tür zu kommen, als ich über etwas Großes und Festes auf dem Boden stolperte. Mit einem spitzen Schrei fiel ich hin und landete direkt auf dem Gegenstand. Erst dann bemerkte ich, dass alles um mich herum klebrig war.
»Oh mein Gott«, hörte ich mich flüstern, als ich mich mit den Händen auf dem Boden abstützte und zitternd wieder aufstand.
Mike starrte mich aus leblosen, halb offenen Augen an. Ein ordentliches Stück von seinem Kopf fehlte. Blut hatte sich um ihn herum gesammelt und verteilt wie ein Heiligenschein.
Kapitel Drei
Heute war ein beschissener Tag. Und der Preis für die Untertreibung des Jahres ging an: Sebastian Snow.
Natürlich musste ich die Polizei rufen. Die Sekunden, nachdem ich Mike gefunden hatte, erschienen mir immer noch surreal. Ich war auf meinen Hintern zurückgefallen und von der Leiche weggestrampelt. Meine Hände und Jacke waren voller Blut. Für einen Moment saß ich benommen auf dem Boden, während mein Herz gegen meine Brust pochte und ich versuchte, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen.
Was soll ich tun? Heilige Scheiße.
Dann kam mir ein Gedanke: Detective Winter. Er hatte mir gestern seine Visitenkarte gegeben. Ich hatte überlegt, sie einfach wegzuschmeißen, hatte sie letztendlich aber doch in meine Tasche gesteckt. Nichts erschien mir in dem Moment sinnvoller und sicherer, als ihn anzurufen. Er arbeitete schließlich bereits an dem Einbruch, den Mike gemeldet hatte. Er würde helfen. Er wusste bestimmt, was zu tun war.
Ich wischte mir meine zitternden Hände an meiner Levi’s ab und suchte in meinen Taschen nach der Karte. Benommen wählte ich die Nummer und hielt das Handy an mein Ohr.
Es klingelte einmal. Zweimal. Dreimal.
Oh Gott, bitte. Bitte heben Sie ab.
Ich stand auf. Meine Beine zitterten, ich fühlte mich benebelt und machte mich schon bereit, mich zu übergeben, als ich eine grummelnde Stimme durch das Handy hörte.
»Detective Winter.«
»I-Ich brauche Hilfe«, sagte ich sofort. Es gab doch nichts Besseres, als direkt zum Punkt zu kommen.
»Wer ist da?« Winters Stimme hörte sich besorgt an.
»Sebastian Snow.«
»Snow?«
»Sie waren gestern …«
»Ich weiß, wer Sie sind. Was ist los?«
Wie sollte ich das nur erklären? Ich atmete tief ein und sagte schließlich mit einer Stimme, die möglicherweise zu gefasst klang: »Es gab einen Unfall in Mikes Laden. Bond Antiquitäten.« Ich drehte mich zu den Regalen um. Jemand hatte dort gestanden. Wieso war die Person nicht auch hinter mir her? Sie war es, die Mike das angetan hatte. Oder?
»Was für einen Unfall?«, fragte Winter.
Ich antwortete nicht. Gedanklich entfernte ich mich von dem Anruf, als ich langsam wieder auf den Anfang des T-Umrisses zuging. Wenn ich jetzt rausrannte, würde der Mörder entkommen und niemand erfahren, was dem armen, gottverdammten Mike zugestoßen war. Ich hatte eine Scheißangst, aber ich bewegte mich weiter vorwärts.
»Sebastian? Sind Sie noch da? Sebastian«, meldete sich Winter wieder.
»Sch«, zischte ich.
»Geht es Ihnen gut?«
Ich war schon fast an der Abzweigung angekommen. Etwas stimmte nicht. Dieser Typ, oder diese Frau, hätte schon längst herauskommen müssen. Die Person hätte meinen Anruf hören müssen, oder zumindest Winter durch das Handy. Ein letztes Mal holte ich tief Luft und sah um die Ecke.
Die Person stand dort immer noch. Sie trug ein voluminöses, viktorianisches Kleid und einen passenden Hut auf dem Kopf. Es handelte sich um eine Schaufensterpuppe.
»Oh Fuck«, flüsterte ich und seufzte erleichtert auf.
»Reden Sie mit mir«, befahl Winter. »Sind Sie verletzt?«
»Nein«, sagte ich leise. Ich kam mir wie ein Idiot vor. »Aber Mike.«
»Ich schicke einen Krankenwa…«
»Dafür ist es zu spät.«
Für einen kurzen Moment war es still am anderen Ende. Dann sagte er: »Ich bin auf dem Weg. Bleiben Sie, wo Sie sind.«
In den folgenden zehn Minuten stand ich neben dem Kassenschalter des Ladens und starrte Mike an. Jedes Mal, wenn ich wegsah, wanderte mein Blick zurück, als müsste ich ihn im Auge behalten, damit er nicht aufstand und mich für ein neues Gehirn attackierte. Ich schluckte die Übelkeit herunter, die meine Kehle hinaufstieg. Es war mir nicht möglich, draußen zu warten. In meinem Zustand, und voller Blut, würde ich vermutlich die Nachbarn beunruhigen.
Als ich das Gefühl hatte, nicht eine Sekunde länger allein in diesem Laden sein zu können, ohne meinen Verstand zu verlieren, fuhr ein Krankenwagen mit Blaulicht, aber ohne Sirene vor. Drei Polizeiwagen stießen hinzu, gefolgt von einem Zivilfahrzeug, aus dem Winter und Lancaster ausstiegen. Sie eilten über die Straße und zum Eingang des Ladens mit uniformierten Polizisten hinter sich.
Winter stoppte kurz, als ich mich zu ihm umdrehte.
»Ich kann das erklären«, sagte ich und hob unterwürfig die Hände. Vermutlich sendete ich das falsche Signal.
»Wo ist er?«, wollte Winter wissen und sah dann in die Richtung, in die ich deutete. Er drehte sich um und befahl den Polizisten hinter sich, die Räumlichkeiten zu durchsuchen. Sie setzten sich sofort in Bewegung, um den ganzen Laden abzusperren.
Winter und Lancaster befreiten ihre Handwaffen aus ihren Holstern. Winter näherte sich langsam der Leiche, dicht gefolgt von Lancaster. Das war interessant. Ich wusste, dass sie nicht die volle Verantwortung hatte, auch wenn sie am Tag davor die Befragung durchgeführt hatte.
Sie verschwanden für ein paar Momente zwischen den Regalen, bevor der Tatort als sicher galt. Polizeibeamte kamen wieder zum vorderen Bereich des Ladens. Ein paar von ihnen gingen nach draußen, um auch die Straße um den Laden herum abzusperren.
Winter gab Befehle durch sein Handy und ich hatte fast schon Mitleid mit der armen Haut am anderen Ende. Als er auflegte, stand er vor Mikes leblosen Körper und sah auf ihn herab. Er kniete sich hin, um sich die Leiche genauer anzusehen, ohne sie zu berühren. Nach einer kurzen Pause stand er wieder auf und verlangte nach Licht, bevor er anfing, den Boden zu studieren. Einer der Polizisten fand den Lichtschalter und ich zuckte kurz zusammen, als meine Umgebung unter blendendem Weiß verschwand. Mit meiner blutverschmierten Hand setzte ich meine Sonnenbrille auf.
Mit vorsichtigen Schritten achtete Winter darauf, nicht in meine Spur aus geschmolzenem Schnee und Blut zu treten, und kam dann wieder auf mich zu.
»Mr. Snow.«
»Detective Winter.«
»Beschenken Sie alle Männer in Ihrem Leben mit Mordfällen zu Weihnachten oder nur die ganz besonderen?« Er schob seine Hände in seine Manteltaschen, als er vor mir stehen blieb.
Scheiße.
Wieso hatte ich gedacht, dass es eine gute Idee wäre, ihn anzurufen? »Kann ich es erklären?«
»Ich bitte darum«, sagte er. Er knurrte sogar fast.
Holprig fing ich an, ihm eine Kurzfassung der Geschehnisse meines Tages zu geben. Von Dads Wohnung bis zu Mikes Laden. Ich erzählte ihm von meiner Suche nach Mike, der nicht da gewesen zu sein schien, und stoppte bei dem toten Mike, der vor uns lag. »Wollen Sie, dass ich es ihnen noch mal rückwärts erzähle?«, fragte ich, als ich fertig war.
»Wieso?«
»Weil Sie aussehen, als würden Sie darüber nachdenken, welche Größe meine Gefängnisuniform haben müsste. Wenn ich lügen würde, wäre es schwieriger für mich, die Geschichte rückwärts zu erzählen.«
Das brachte ihn dazu, kurz aufzulachen. »Ist das so, ja? Wieso sind Sie in den Laden reingegangen, wenn er doch offensichtlich geschlossen war?«
»Habe ich Ihnen doch schon gesagt: Die Tür war offen.«
»Und Sie haben nicht gedacht, dass das ein wenig seltsam ist?«
»Also … doch, ich dachte, dass das komisch ist. Aber Mike wohnt nur ein Stockwerk höher. Ich dachte, er sei vielleicht kurz runtergekommen, um etwas zu holen.«
»Wieso sind Sie eingetreten, als Sie keine Antwort erhalten haben?«
»Weiß ich nicht«, gab ich zu. »Irgendetwas schien nicht zu stimmen.«
»Wieso haben Sie da nicht die Polizei gerufen?«
»Hab ich doch.« Ich zeigte auf ihn.
Für einen kleinen Moment war Winter still. Er kam mir vor wie ein Mann, der verzweifelt versuchte, seine Geduld nicht zu verlieren. »Und was ist passiert, als Sie mich angerufen haben?«, fragte er schließlich.
Ich warf einen Blick auf meine verklebten Hände. »In dem T-Umriss im hinteren Teil des Ladens … Ich … Da war eine Katze.«
»Eine Katze?«
»Ja, eine tote Katze. Ich meine, sie hing von der Decke. Und als ich in die entgegengesetzte Richtung rannte, war da eine blöde Schaufensterpuppe hinter mir, die aussah wie eine Person. Da bekam ich Angst. Ich konnte Mike nicht sehen, bis ich über ihn stolperte. Mit dem Gesicht voraus.«
»Ah.«
»Also dachte ich, die Schaufensterpuppe sei die Person, die Mike umgebracht hat. Sie wissen, wer ich bin und wer Mike ist. Ich dachte nicht daran, irgendjemand anderes anzurufen. Können wir das hier vielleicht später fortführen? Ich würde mich wirklich gerne umziehen.«
Winter schüttelte seinen Kopf und deutete mit einem stumpfen Finger auf mich. »Bewegen Sie sich nicht.«
»Kommen Sie schon, Detective, ich bin voller Blut!«
Doch der Arsch hatte sich bereits von mir abgewandt und ging weg.
Ich sah ihm nach und konnte ihn dabei beobachten, wie er sich mit Detective Lancaster dem T näherte. Schnaubend verschränkte ich meine Arme, bevor ich sie schnell wieder hängen ließ. Das war’s dann wohl mit meiner Jacke. Und meiner Jeans. Bestimmt würde ich meine Haut in der Dusche wund schrubben müssen, um das Blut loszuwerden.
Nun stand ich also hier. Ein Polizist hatte sich in meiner Nähe positioniert und beobachtete mich, mit einer Hand auf seinem Holster. Irgendwie bekam ich den Eindruck, dass er sich nicht überwinden müsste, mir ins Knie zu schießen, falls ich einen Fluchtversuch unternehmen sollte. Das war der Moment, in dem mich die Ernsthaftigkeit der Situation überfiel. Ich versuchte, mir weiszumachen, dass alles gut werden würde. Sie würden bestätigen, dass alles, was ich gesagt hatte, der Wahrheit entsprach, nachdem sie die Spurensicherung von jemandem wie Neil durchführen ließen.
Oh Gott. »Neil …« Er würde mich umbringen. Ich tat mein Bestes, um mir eine glaubwürdige Geschichte einfallen zu lassen, die nicht nach Ich habe es gehasst, von dir wie ein Kind behandelt zu werden, und wollte mich dir widersetzen klang, als Winter auf mich zukam, gefolgt von einer kleinen Frau mittleren Alters. »Also, noch mal zum Thema Umziehen«, begann ich.
»Wir brauchen Ihre Kleidung.«
»Sie …? Was?«
»Beweise.« Er nickte der Frau zu, mit der er gekommen war.
»Wir brauchen bitte Ihre Jacke und Jeans und alles, was darunter ist«, bestätigte sie, während sie sich Latexhandschuhe überzog.
»Ich habe Mike nicht umgebracht«, protestierte ich und sah Winter dabei direkt an.
»Sie sind mit seinem Blut bedeckt«, erwiderte er. »Wir haben Sie allein in seinem Laden vorgefunden. Nur Sie und die Leiche.«
»Aber ich war es, der Sie angerufen hat, direkt, nachdem ich ihn gefunden habe!« Meine Stimme wurde etwas lauter.
»Wir brauchen nur Ihre Kleidung«, sagte er in einem ernsten Ton und kam einen Schritt näher. »Aber wenn Sie sich weiter so anstellen, nehme ich Sie gerne mit aufs Revier und ziehe Sie selbst aus.«
Wow. Ich schluckte hart und räusperte mich. »Kann ich jemanden anrufen?«
»Wieso?«
»Es gibt nichts, was ich statt meiner Kleidung anziehen kann, und die brauchen Sie ja anscheinend so dringend. Ich … Bitte lassen Sie mich einen Anruf tätigen.«
Nach einem kurzen Moment, in dem Winter über meine Bitte nachzudenken schien, nickte er kurz.
Erleichtert zog ich mein mit Blut besprenkeltes Handy aus meiner Hosentasche und rief Neil an.
»Seb?«, begrüßte er mich. »Ist alles in Ordnung?«
»Nein«, gab ich zu. »Kannst du heimgehen und …?«
»Ich bin auf der Arbeit.«
»Weiß ich, aber hör zu. Bitte geh heim.« Ich sprach leise und blickte auf, um sicherzugehen, dass Winter mir nicht zuhörte. Doch der war damit beschäftigt, sich mit der Frau zu unterhalten, die darauf wartete, mich nackt zu sehen. »Kannst du mir bitte Kleidung zum Wechseln mitbringen? Und eine Jacke? Und sie dann zu Bond Antiquitäten bringen?«
»Was ist los?«
»Erklär ich dir, wenn du da bist. Bitte beeil dich.«
Er beeilte sich. Innerhalb von zwanzig Minuten war Neil vor Ort, was sicherlich nicht ungefährlich gewesen war bei dem Wetter. Ich war ihm dankbar, denn das Blut war mittlerweile getrocknet und fühlte sich wahnsinnig unangenehm an. Nervös sah ich Neil dabei zu, wie er seine Dienstmarke vorzeigte und sofort reingelassen wurde. Er hatte einen Rucksack dabei und blickte sich wachsam um.
»Detective Millet?«, fragte Winter und trat in Neils Weg, bevor ich ihn mit meinem Aussehen schockieren konnte.
Neil drehte sich um, als sein Name fiel. »Oh, Winter. Hallo.«
»Bist du Teil meines Spurensicherungsteams? Du bist spät dran.«
Neil schüttelte den Kopf. »Nein … ich bin nicht …« Offensichtlich war er mit der Situation überfordert.
»Neil«, rief ich ihm zu.
Er sah mich über seine Schulter hinweg an und ich konnte seinen erschrockenen Gesichtsausdruck trotz der Entfernung und der Lichter erkennen. Das bedeutete, dass er bestimmt völlig ausflippen würde, in drei, zwei, eins …
»Seb? Was zum Teufel?«, fragte er, als er auf mich zukam. »Um Himmels willen, das ist nicht deins, oder?«
»Nein. Neil, es tut mir leid, dass ich anrufen musste. Aber die Polizisten brauchen meine Kleidung als Beweisstück und ich wollte keinen NYPD-Einteiler anziehen.«
»Beweisstück für was?«, wollte Neil wissen.
»Mike ist tot«, sagte ich und deutete auf mich. »Ich meine, nein! Oh Gott, nein, ich habe ihn gefunden. Ich bin über ihn gestolpert. Sein Kopf war … Kann ich einfach meine Kleidung haben?« Die Erschöpfung in meiner Stimme war klar erkennbar und ich versuchte halbherzig, nach dem Rucksack zu greifen.
»Nein, erzähl mir, was passiert ist.«
»Du und Mr. Snow kennt euch also gut?«, fragte Winter, der sich leise an uns herangeschlichen hatte.
»Freunde«, antwortete Neil ernst.
Es erschien mir besser, nichts dazu zu sagen. Außerdem war ich zu gestresst und nervös, um mich groß über Neils Lüge zu ärgern.
»Freunde, die die Apartmentschlüssel vom anderen haben?«
»Ich bin nur hier, um Sebastian Kleidung zu bringen.« Neils Stimme war rau, als ob seine Aussage mit einer Drohung versehen war. Er sah mich an und hielt mir den Rucksack entgegen. »Wir reden später.« Er war bereits dabei, den Laden zu verlassen, bevor ich etwas erwidern konnte.
Als Neil aus unserem Sichtfeld verschwunden war, wandte sich Winter wieder mir zu. Ich starrte stur zurück. Statt mich im Moment auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, fing ich an, über die Neugier in Winters Augen nachzudenken. Und diese Sommersprossen. Gott, die waren sogar auf seinem Nacken verteilt und verschwanden unter dem Kragen seines Hemds. Ich war gerade dabei, mir zu überlegen, wie weit dieser Sommersprossenpfad wohl ging, als …
»Ziehen Sie sich aus.« Er zeigte auf die Frau, die bereits wieder an meiner Seite war, um auf ihre Beweisstücke zu warten.
»Winter«, rief Lancaster, als sie wieder in den Laden kam, gefolgt von einem Mann, bei dem es sich bestimmt um den Gerichtsmediziner handelte.
Winter funkelte mich noch einmal wütend an, bevor er wegging.
Die Frau, die auf meine Kleidung wartete, hieß Martha Stewart, bei der keine familiäre Verbindung bestand, wie sie mir gleich mitteilte, und wusste absolut nicht, was Privatsphäre war. »Kleiner, wenn du denkst, dass ich versuche, einen Blick zu erhaschen, brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, sagte sie, während sie meine Jacke vorsichtig in eine große Plastiktüte steckte und mit einem dicken Edding draufschrieb, um was es sich handelte.
»Nein?«, fragte ich und versuchte, die Tatsache zu ignorieren, dass ich nun von der Taille aufwärts nackt war. Halb nackt in einem kalten Raum mit einem halben Dutzend Polizisten um mich herum, und einem Gerichtsmediziner, der gerade dabei war, ein Thermometer in den toten Körper meines ehemaligen Chefs zu schieben.
»Du bist nicht mein Typ«, erklärte sie mir, als sie mein T-Shirt verpackte.
»Wetten, dass Sie das zu all den Männern sagen, damit sie nicht rot werden?«
»Ha, ha. Ich hab eine Frau, Süßer«, sagte Martha beiläufig. »Hosen runter. Komm schon, ich hab hier einen Haufen zu tun.«
Oh.
»Sie sind auch nicht mein Typ, Martha.«
»Oh, habe ich gemerkt«, sagte sie und kicherte kurz.
»Was soll das denn heißen?«
»Das heißt, dass du ganz sicher nicht meine weiblichen Vorzüge begutachtest, aber sehr wohl fähig bist, einen gewissen, rothaarigen Mann zu bestaunen.«
Ich versuchte gar nicht erst, abzustreiten, dass ich Detective Winter attraktiv fand. »Er ist also rothaarig?«
Sie sah mich neugierig an.
»Ich bin farbenblind«, erklärte ich.
»Oh, ja. Seine Haare sind rot. Eher eine Art Orange, du weißt schon, dieses leicht Feurige.«
»Ich weiß es nicht, aber ich nehme Sie beim Wort.« Mein Blick fiel wieder auf Mike. Der Gerichtsmediziner kniete neben ihm und unterhielt sich mit Winter, der wirklich gut darin war, wie diese sexy, imposanten Teufelskerle im Fernsehen auszusehen. Es war dumm von mir, Winter anzustarren, während ich mich meiner Hose entledigen sollte. Ein kurzer Blick in Winters konzentriertes Gesicht reichte, um mir einen Ständer zu bescheren. Von all den Orten, Momenten und Personen, die einen erregen konnten, war das hier die denkbar ungünstigste Option von allen.
»Hey.« Martha schnipste mit ihren Fingern.
»Kann ich mein neues Shirt anziehen?«, fragte ich, um das Ausziehen meiner Hose noch etwas hinauszuzögern.
Sie seufzte laut und hielt ihre Spiegelreflexkamera hoch. »Moment, ich muss noch ein Foto machen.«
»Whoa, was, von mir? Komplett?«
»Noch nie hab ich einen so prüden Kerl getroffen«, murmelte sie. »Streck deine Hände aus, Handflächen nach unten.«
Martha machte einige Fotos von meinen Händen aus verschiedenen Blickwinkeln und dann von meiner Brust, wo sich ein kleiner Blutfleck befand. Als sie fertig war, durfte ich endlich mein neues T-Shirt anziehen und hatte genug Zeit, meine untere Region wieder zu beruhigen. Schnell zog ich den Rest meiner Kleidung aus und musste noch mal für eine Runde Fotos herhalten, bevor Martha beschloss, dass sie fertig mit mir war. Sie wartete geduldig, bis ich wieder komplett angezogen war.
»Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Martha«, sagte ich. Ich war mir nicht sicher, was ich sonst zu einer Frau sagen sollte, nachdem ich mich für sie ausgezogen und sie Fotos von mir gemacht hatte. Wäre ein Dankeschön besser gewesen?
Als Antwort summte sie nur kurz, während sie ihre Kamera und meine verpackte Kleidung in ihre Tasche verschwinden ließ. »Darf ich dir einen Tipp geben?«
Ich war dabei, mir meine neue Jacke anzuziehen, die für einen kühlen Herbsttag viel eher geeignet war als für den Schneesturm draußen. Mit nur einem Arm in der Jacke pausierte ich kurz. »Ja?«
»Mach es nicht so schwierig für Winter, sonst verhaftet er dich schneller, als du herzlos sagen kannst.«
Was sollte das denn heißen? »Äh …«
»Er hat schon alles gesehen«, sagte sie mit einem warnenden Ton. »Und er hat für nichts davon Geduld.« Nachdem sie das gesagt hatte, ließ Martha mich allein.
Irritiert schob ich meine Sonnenbrille hoch und verschränkte meine Arme. Auf einmal war mir saukalt, aber das lag nicht an der Temperatur. Angst war es, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Okay, ich sollte mal einen Schritt zurücktreten und die ganze Situation objektiv betrachten. Neil hatte mir einiges über Verbrechen und Beweisstücke beigebracht und ich musste das irgendwie zu meinem Vorteil nutzen. Es war absolut nicht in meinem Interesse, als Verdächtiger zu gelten oder, noch schlimmer, von Winter verhaftet zu werden.
Rigor Mortis, also die Leichenstarre, setzt ungefähr zwei Stunden nach dem Tod ein und der menschliche Körper verliert im Schnitt 1,5 Grad Körpertemperatur in der Stunde. Ich musste allerdings bedenken, dass die Tür zum Laden für eine fraglich lange Zeit offen stand, was die Körpertemperatur der Leiche hatte beeinflussen können. Wenn die Leichenstarre aber wie üblich nach zwei Stunden eingesetzt hatte, konnte ich davon ausgehen, dass der arme Mike seit …
Hastig drehte ich mich um und blinzelte, um die Zeit auf der Uhr hinter mir abzulesen.
Der Polizeibeamte, der mich schon die ganze Zeit beobachtet hatte, fragte: »Haben Sie etwas Besseres zu tun?«
»Ich kann die Uhrzeit nicht lesen.«
Er warf einen kurzen Blick an die Wand hinter mir. »Es ist kurz nach zwölf.«
In Ordnung, ich war bereits seit fast einer Stunde hier. Das hieß, dass es ungefähr 11 Uhr war, als ich Mike gefunden hatte. Also war es gut möglich, dass er heute Morgen um 8 Uhr umgebracht worden war. Ich hatte ein Alibi. Meinen Vater, den Mitarbeiter bei Little Earth … Ich würde sogar Neil mit hineinziehen, wenn es meine Unschuld bewies.
Als ich wieder aufsah, nachdem ich mögliche Alibis an meinen Fingern abgezählt hatte, stand Winter vor mir. Er hatte einen komischen Gesichtsausdruck, den ich nicht genau deuten konnte. War er amüsiert? Nachsichtig? Neugierig? Schwer zu sagen.
»Hi«, sagte ich.
»Ich habe noch ein paar Fragen.«
Im Hintergrund gab Lancaster Befehle, als eine Trage hereingebracht wurde, um Mikes Körper abzutransportieren.
Mach’s gut, Mike …
»Wo waren Sie heute Morgen um sieben Uhr?«, fragte Winter.
Aha. »Mike ist erst seit ein paar Stunden tot?«
»Beantworten Sie mir einfach die Frage.«
Hatte ich es doch gewusst. Rigor Mortis fing im Gesicht an. Bei den Augen, dem Kiefer, den Nacken hinunter. Mikes ganzer Körper war noch nicht steif, was bedeutete, dass er angegriffen worden war, als ich mit anderen Menschen zusammen gewesen war. Wenn man außerdem den Schnee in Betracht zog, der sich im Eingangsbereich angesammelt hatte, passte das ungefähr mit den vorausgesagten Schneefällen zusammen.
»Sieben? Da war ich zu Hause.«
»Was haben Sie gemacht?«
»Da müsste ich gerade aufgewacht sein und darüber nachgedacht haben, aufzustehen.«
»Leben Sie allein, Mr. Snow?«
Ich konnte den Muskel in meinem Hals spüren, der sich zusammenzog. Wenn ich ja sagte, würde ich einen Detective belügen, was nie gut war. Wenn ich verneinte, würde Winter die Kontaktinformationen von der zweiten Person haben wollen. Würde es Neil etwas ausmachen? Natürlich, aber wenn es darum ging, seinen Freund zu schützen, würde er sich sicherlich einem Kollegen gegenüber outen, von dem er dachte, dass er homophob war … Oder? Es machte mir zu schaffen, dass ich die Antwort auf diese Frage nicht wusste. »Nein, nicht direkt«, hörte ich mich selbst sagen.
Winter sah mich erwartungsvoll an.
»Mein … mein Freund. Ich lebe mit meinem Freund zusammen. Er war zu Hause, er wird das bestätigen.«
»Da bin ich mir sicher«, sagte Winter in einem Ton, den ich nicht genau deuten konnte. »Geben Sie mir bitte seine Kontaktdaten.« Er holte einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus seiner inneren Jackentasche hervor.
Leise gab ich ihm Neils Handynummer. Ich beobachtete Winter, als er sie aufschrieb. Es gab nun keinen Weg mehr zurück. »Neil Millett.«
Er hielt inne und sah mich an. »Von der Spurensicherung?«
»Ja.«
Winter machte ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Gelächter und einem Grunzen klang, als er Neils Namen aufschrieb.
»Was?«
»Nichts, ich bin nur nicht überrascht.«
»Was? Davon, dass ich schwul bin?«
»Das war offensichtlich«, bemerkte er, ohne aufzusehen.
Das war mir neu. Ich dachte eigentlich nicht, dass ich stereotypisch schwul rüberkam. »Mir war nicht bewusst, dass ich mein Neonlicht noch an habe.«
»Ich werde mich bei Mr. Millett melden«, sagte Winter.
»Oh, toll«, murmelte ich sarkastisch.
»Erzählen Sie mir von Ihrem Morgen.«
»Ab sieben?« Als er nickte, holte ich tief Luft. »Na gut. Also, ich lag für eine Weile im Bett. Neil stand auf, um zu duschen. Nach einer Weile ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee und Frühstück. Dann sah ich mir die Nachrichten an. Kurz vor acht ging Neil zur Arbeit. Mein Vater rief an, nachdem er gerade weg war, und ich zog mich an, um ihn besuchen zu gehen. Auf dem Weg machte ich kurz Halt bei Little Earth und kaufte ein paar Donuts und Hundekuchen. Es war so kurz vor elf, als ich die Wohnung meines Vaters verließ.« Geduldig gab ich Winter die Nummer und Adresse meines Vaters, dann die vom Café. »Es wäre mir unmöglich gewesen, Mike etwas anzutun, und das wissen Sie«, sagte ich. »Oder? Er wurde so gegen sieben getötet. Davon geht der Gerichtsmediziner aus.«
Winter antwortete mir nicht, als er Notizblock und Stift wieder in seine Tasche steckte.
»Ich kann nicht Auto fahren und überhaupt: Neil hatte das Auto. Sie wissen, dass ich zu all diesen Orten gelaufen bin. Ich kann gar nicht genug Zeit gehabt haben. Es ist genau so passiert, wie ich es gesagt habe«, versuchte ich, ihm klar zu machen.
»Haben Sie das alles von Millett gelernt?«
»Nein, das basiert alles auf den untrüglichen Fakten, die ich bei CSI und Law & Order gesehen habe«, erwiderte ich.
Überraschenderweise erdrosselte Winter mich nicht an Ort und Stelle.
»Ich habe absolut keinen Grund, Mike etwas anzutun«, versuchte ich es weiter. »Überhaupt keinen. Was wäre das Motiv?«
»Das Motiv ist nicht immer der ausschlaggebende Punkt.«
»Natürlich ist es das«, sagte ich defensiv.
»Sie sind kein Verdächtigter«, murmelte Winter und wechselte damit das Thema.
Die Erleichterung, die mich durchfuhr, ließ mich fast zu Boden sinken. »Wirklich?«
Tu nicht so überrascht.
»Wirklich«, bestätigte er. »Aber ich will trotzdem nicht, dass Sie die Stadt verlassen, haben Sie verstanden?«
»Wo sollte ich denn hin? Nach Jersey laufen?«
»Ich sollte Sie allein schon für Ihre Klugscheißerei verhaften.«
»Vermutlich«, bestätigte ich. Ich hielt meine Hände hoch. »Kann ich mir das Blut jetzt endlich abwaschen?«
»Gehen Sie raus zum Krankenwagen.« Winter nickte kurz dem uniformierten Polizisten zu, der weiterhin in meiner Nähe stand. »Stellen Sie sicher, dass Mr. Snow sich ordentlich waschen kann, und fahren Sie ihn dann nach Hause.«
Der Polizist nickte und sagte mir, ich sollte ihm folgen.
Es war bereits Mittag, als ich zu Hause ankam.
Kapitel Vier
Bereits wenige Momente, nachdem ich in die Wohnung gekommen war, war ich dabei, die Dusche anzuschalten. Die Kleidung, die Neil mir vorbeigebracht hatte, ließ ich einfach auf einen Haufen auf den Boden fallen, bevor ich in die Badewanne stieg. Ich seifte mich gründlich ein und fing dann an, mich mit einem Waschlappen ordentlich abzuschrubben. Es war mir egal, dass die Sanitäter mir geholfen hatten, meine Hände sauber zu machen. Wenn man eine Leiche angefasst hatte, nein, kopfüber in das trocknende Blut einer Leiche gefallen war, wollte man einfach nur duschen. Auf ewig.
Als ich mich für sauber genug erklärt hatte, lehnte ich mich gegen die kalten Fliesen an der Wand. Meinen Kopf beugte ich leicht nach vorn, sodass der Wasserstrahl der Dusche auf meinen Hinterkopf prasselte. Mann, war ich erschöpft. Mord war ziemlich ermüdend. Wie konnten Leute wie Detective Winter damit jeden Tag umgehen?
Eher eine Art Orange, du weißt schon, dieses leicht Feurige.
Mir war mittlerweile bewusst, dass Farbe ein ziemlich komplexes Konzept war. Es gab nicht einfach nur Orange, es gab verschiedene Töne, die alle ein bisschen unterschiedlich waren. Jede Abstufung schien einzigartig zu sein und verschiedene Emotionen bei Menschen hervorzurufen. Was bedeutete also „feuriges Orange“? Calvin Winter, mit Haaren, die einer Orange glichen? Einem Kürbis? Ich glaubte außerdem, mal gehört zu haben, dass manche Verkehrsschilder orange waren … Feurig als Beschreibung war schon schwierig für mich. Manche Menschen hatten mir gesagt, dass Feuer gelblich wäre, während andere meinten, es wäre eher rot. Feuer könnte aber auch aussehen wie die Flamme, die aus einem Gasofen kam, und ich wusste, dass die blau war. Aber diese Beschreibungen und Namen von Farben halfen mir überhaupt nicht weiter. Für mich war Calvin grau. Seine Augen waren grau und seine Sommersprossen waren grau. Ich würde niemals die exakte Farbe, die seine Haare zu haben schienen, kennenlernen. Wieso also war ein Mann, der für mich dieselbe Farbe hatte wie ein Sonnenuntergang oder Hundescheiße, so für mich aus dieser gedämpften Welt herausgestochen, wie es noch niemand vor ihm getan hatte? Ich konnte es mir nicht erklären. Zumindest nicht ganz.
Calvin … Wann war er überhaupt zu Calvin in meinem Kopf geworden, anstelle von Winter? Er war heiß, das konnte ich nicht abstreiten. Er war so anders als Neil und das nicht nur, was seinen Körperbau und seine Haare betraf. Er war ein bisschen rau und ein bisschen hart, aber er hatte eine Energie, die einen sofort in seinen Bann zog. Und eine etwas zurückhaltende Persönlichkeit. Außerdem hatte er ernsthaft besorgt geklungen, als er mit mir am Telefon gesprochen hatte, und ganz anders, als Miss Martha Stewart mir mit ihrem Herzlos-Kommentar hatte weismachen wollen. Neil hatte sich nicht gesorgt. Zumindest nicht um mich persönlich. Immerhin war ich mitten in einen Tatort geraten, wo ein Mann ermordet worden war, und er war nicht mal lange genug geblieben, um sicherzustellen, dass es mir gut ging.
Ich hob meinen Kopf und wischte mir über die Augen. Das heiße Wasser hatte einen reinigenden Effekt und sowohl mein Körper als auch mein Kopf fühlten sich besser. Dann erinnerte ich mich daran, dass mein Schwanz beim bloßen Anblick Calvins steif geworden war. Unfassbar. Es war ja nicht so, als hätte er mich angefasst oder mir gesagt, was für dreckige Dinge er mit mir anstellen wollte. Verdammt, er hatte mich nicht mal angesehen. Er war in dem Moment mit einer Leiche beschäftigt gewesen, nicht mit mir.
Ich lehnte mich wieder gegen die Wand und drückte meine Handballen gegen meine Augen. War es in Ordnung, eine andere Person attraktiv zu finden als die, mit der man in einer ernsthaften Beziehung war? Es war schon eine Weile her, seit ein Mann, der nicht Neil war, mich so erregt hatte, wie ich es in Bond Antiquitäten gewesen war, und normalerweise musste sich Neil sogar bemühen, um mich so weit zu kriegen. Allein der Gedanke an Sex und Calvin ließ meine Hand nach unten gleiten, um mich in die Hand zu nehmen. Das war kein gutes Zeichen. Das war nicht gesund, oder? Über einen anderen Kerl zu fantasieren, der nicht Neil war, und den ich definitiv nicht haben konnte, weil ich mit Neil zusammen war. Mehr oder weniger. Und außerdem stand Calvin nicht auf Männer. Bei mir kam zwar die homophobe Ausstrahlung nicht an, an der Neil festhielt, aber ich hatte auch nicht das Gefühl, mit einem schwulen Mann zu reden.
Mittlerweile war ich wieder hart geworden und da war es egal, ob Calvin schwul oder hetero war. Ich schloss meine Augen und stellte mir vor, dass seine Hand mich berührte, statt meine eigene. Groß und muskulös, mit Schwielen an seinen Handflächen, die halfen, mich mit der perfekten Geschwindigkeit und dem richtigen Druck, den ich brauchte, zu berühren. Ich dachte darüber nach, wie es wäre, mit ihm zusammen nackt zu sein. Seine starken Arme um mich gelegt. Sein ganzer Körper nichts als Muskeln, eine leicht behaarte Brust und überall bedeckt von Sommersprossen.
Überall.
Scheiße, noch nie hatten mich Sommersprossen so geil gemacht. Ein bisschen härter, ein bisschen schneller. Ich bekam nur halb mit, wie mein Atem schneller und schwerer wurde. In meiner Fantasie drückte sich Calvin an mich, mein Schwanz zwischen uns, als er mir einen runterholte. Sein Gesicht kam meinem Ohr immer näher, bevor er an meinem Ohrläppchen saugte. Er wollte mich ficken und ich … ich wollte das noch mehr.
Schlagartig öffnete ich meine Augen und stöhnte, als ich plötzlich zum Höhepunkt kam. Das hatte sich ja dann wohl geklärt. Vielleicht hatte Calvin kein Interesse daran, mit mir zu schlafen, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass ich mich ihm sofort und ohne mit der Wimper zu zucken hingeben würde. Ich räusperte mich, weil ich doch ein bisschen peinlich berührt war von meinen Gedanken, und wusch mich noch mal, bevor ich das Wasser abstellte.
Erschöpft trocknete ich mich ab und schlüpfte in neue Kleidung, dann ging ich in das Wohnzimmer und machte den Fernseher an. Es schneite immer noch, sagte man mir. Großartige Berichterstattung.
»Nach diesem Sturm kommt direkt der nächste, der New York City voraussichtlich innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden erreichen wird. Es wird ein kleines Zeitfenster geben, in dem Anwohner rausgehen können, um ihre Autos vom Schnee zu befreien und einkaufen zu gehen, bevor wir mit einer erneuten Schneeladung von fünfundzwanzig bis dreißig Zentimetern rechnen müssen«, sagte der Wettermann.
»Wundervoll.«
Ich stand wieder auf, ging in die Küche und machte mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Dabei versuchte ich, mich davon zu überzeugen, dass ich mir nicht gerade einen runtergeholt hatte bei dem Gedanken an einen Polizisten, der mich heute Morgen fast in Handschellen gelegt hätte. Okay, das stimmte nicht ganz. Calvin hatte gesagt, ich zählte nicht zu den Verdächtigen, aber nachdem er mir befohlen hatte, die Stadt nicht zu verlassen, hatte er mir doch das Gefühl gegeben, von besonderem Interesse zu sein. Ich schauderte. Das war keine Position, in der ich sein wollte.
Aus einem unserer Küchenschränke lachte mich eine Dose Suppe an. Schnell entfernte ich den Deckel und schüttete die New England Clam Chowder in einen Topf. Als ich dem Inhalt beim Köcheln zusah, dachte ich über den Tag nach. Irgendwie war der Tatort seltsam gewesen. Womit war Mike attackiert worden? Einem Schlachtmesser? Die Wunde an seinem Kopf war riesig gewesen … Ich schluckte schwer, um den sauren Geschmack in meinem Hals loszuwerden. Da war noch etwas Seltsameres gewesen, es war …
»Die Katze«, sagte ich auf einmal. Das arme Tier war mit einem Seil um seinen Hals aufgehängt worden. Was sollte das? Eine Warnung vielleicht? Hatte Mike sich auf die falschen Leute eingelassen und war gerade aus Versehen reingekommen, als die Katze aufgehängt worden war? Was ich noch viel komischer fand als die Wunde oder die Katze, war, dass mir die Geschichte irgendwie bekannt vorkam.
Hastig lief ich aus meiner Küche und versuchte, mich zwischen ein paar Kartons neuer Ware vorbeizuzwängen, die ich längst hätte auspacken sollen. Mein Ziel war das Bücherregal im Wohnzimmer. Die Nachrichtensprecher diskutierten gerade über das Verbot, an der Straße zu parken, was für den morgigen Tag gelten sollte, während ich versehentlich mehrere Stapel Bücher umstieß, für die im Regal kein Platz mehr gewesen war. Eventuell hatte ich ein, zwei Mystery-Romane zu viel, in denen es um eine alte Jungfer und ihre Katzen ging. Endlich, im untersten Regalfach, fand ich, wonach ich gesucht hatte. Meine alte und abgenutzte Ausgabe von Edgar Allan Poe: Gesammelte Werke.
Literatur war seit jeher wichtig in unserer Familie. Was kein Wunder war bei meinem Vater. Zu seiner Enttäuschung hatte ich nie eine Leidenschaft für Faulkner oder Hemingway entwickelt, aber Poe hatte mir schon immer gefallen. Meine Faszination galt diesem offensichtlich schwer depressiven Mann, der eine solch gequälte Seele gehabt zu haben schien und der es geschafft hatte, daraus Kunst zu erschaffen. Wie die meisten Künstler hatte er mit seinen Werken weitaus besser nach seinem Tod verdient.
Ich ging das Inhaltsverzeichnis durch, bis ich endlich fand, wonach ich suchte. Seite 387, Der schwarze Kater. Schnell eilte ich zum Tisch, nahm meine Lupe zur Hand und fing an, zu lesen. Schwach konnte ich mich daran erinnern, die Geschichte in der Highschool gelesen zu haben, und daran, dass ich wahnsinnig verstört gewesen war. Die Details der Geschichte waren mit den Jahren verblasst und ich wollte sie definitiv nicht auffrischen, weshalb ich die Seiten auf der Suche nach der Szene mit dem Tod des Katers nur überflog. Pluto. So hieß er.
»Eines Morgens«, las ich, »legte ich kaltblütig eine Schlinge um seinen Hals und hängte es an dem Ast eines Baumes auf.«
Und da hatten wir es. Eine erhängte Katze. Die Katze in Mikes Laden war auch schwarz gewesen. Kopfschüttelnd starrte ich die Wörter in dem Buch an. Das war seltsam. Nein, es war unfassbar beunruhigend. Vielleicht bildete ich mir diesen Zusammenhang zwischen Poes Worten und den Geschehnissen bei Mike nur ein. Aber wieso war Poe dann das Erste, woran ich gedacht hatte? Nicht nur in Mikes Fall, sondern auch bei mir im Laden? Ich las weiter, ließ die Details der Geschichte wieder in mein Bewusstsein strömen. In der Geschichte ging es um einen Mann, der verrückt geworden war, nachdem er alkoholabhängig geworden war. Er hatte seine Frau umgebracht, indem er ihr eine Axt …
»In ihren Kopf …«
Da brannte etwas. Schnell rannte ich in die Küche. Das war’s dann wohl mit Mittagessen. Ich schaltete den Ofen aus und öffnete die Jalousien. Als das zu grelle Tageslicht durch die Scheibe fiel, verzog ich das Gesicht und kniff meine Augen zusammen. Mit fast ganz geschlossenen Augen öffnete ich das Fenster, damit der Rauch entfleuchen konnte.
Kurzerhand streckte ich meinen Kopf heraus und atmete tief ein. Fakt war, dass jemand Sonntagnacht bei Mike eingebrochen war und der alte Griesgram mit dem Finger auf mich gezeigt hatte. Fakt war, dass ich Dienstagmorgen ein verrottendes Schweineherz unter meinen Fußbodendielen gefunden hatte. Und Fakt war, dass ich Mike am Mittwochmorgen tot in seinem Laden gefunden hatte. Und dann war da noch die Katze. Was war bei dem Einbruch passiert? Die Detectives hatten mir darüber keine Auskunft gegeben. Ich ging davon aus, dass etwas Merkwürdiges passiert sein musste, sonst hätte jemand wie Mike nie um Hilfe gerufen. Nicht, dass ich mir vorhin viele Gedanken darüber gemacht hatte, aber der Laden hatte alles andere als leer geräumt ausgesehen. Es war alles an Ort und Stelle gewesen, soweit ich das beurteilen konnte.
Während der Topf mit der verbrannten Suppe mit Wasser volllief, fragte ich mich, was ich übersah. Was hatte Poe mit dem Ganzen zu tun? Überhaupt irgendetwas? Bildete ich mir den Zusammenhang zwischen dem, was passiert war, und seinen Geschichten nur ein? Mike und ich hatten nicht sonderlich viel gemeinsam. Uns beiden gehörte ein Antiquariat und wir lebten beide in Manhattan. Das war’s. Ich hatte zwar mal für ihn gearbeitet, aber das war Jahre her. Wir waren weder Freunde noch Feinde. Ich war 33, Mike musste bereits Mitte 50 gewesen sein. Ich war ein schwuler Mann in einer festen, wenn auch beschissenen Beziehung. Mike war hetero und war schon immer alleinstehend gewesen.
Während ich anfing, den Topf abzuschrubben, dachte ich drüber nach, ob ich Calvin anrufen sollte. Vielleicht hatte ich ein paar nützliche Gedanken für … was auch immer dieser Fall war. Mittlerweile war ich davon überzeugt, dass die Person, die mir ein Schweineherz gebracht hatte, auch hinter Mikes Tod steckte. Erschrocken hielt ich kurz inne. Könnte das Herz eine Warnung für mich sein? Aber wofür? War ich die nächste Person, die mit einer Axt im Kopf vorgefunden werden würde?
»Du bist kein Cop«, erinnerte ich mich. »Was Mike passiert ist, ist furchtbar, aber es ist nicht dein Job, den Übeltäter zu finden. Halt dich da raus, sonst wirst du noch verhaftet.«
Das würde jede normale Person davon abhalten, sich in einen Mordfall verwickeln zu lassen. Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht auf meine eigene Warnung gehört. Aber ich war wütend. Wütend auf Mike, wütend auf Neil, wütend auf viele Menschen. Außerdem hatte sich jemand mit meinem Geschäft angelegt. Da fand ich es nur gerechtfertigt, dass ich mich nicht davon losreißen konnte.
Hektisch wischte ich meine Hände an meiner Hose ab und suchte mein Handy. Ich hielt es so nahe an mein Gesicht, dass ich die kleine Schrift lesen konnte, und tippte auf den Kontakt Calvin Winter, bevor ich auf das kleine grüne Telefon drückte.
Er antwortete nicht und seine Mailbox sagte mir, ich sollte eine Nachricht hinterlassen.
»Ähm, hallo. Hier ist Sebastian. Snow. Sebastian Snow …«
Er kennt deinen Namen, halt die Klappe und komm zum Punkt.
»Ich habe eine Vermutung, wer Mike umgebracht haben könnte. Es mag eventuell weit hergeholt klingen, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich es Ihnen trotzdem gern sagen. Könnten Sie mich zurückrufen?«
Schon bei der Hälfte der Nachricht fing ich an, mich wie ein Idiot zu fühlen. Immerhin war ich Zivilist, kein Polizist. Meine Gedanken würden hier nicht weiterhelfen. Menschen, die Fälle wie diese lösten, waren jene wie Neil und Calvin. Vielleicht sollte ich Neil von meinem Einfall erzählen. Falls er noch mit mir redete.
Mir wurde schlagartig bewusst, dass die Mailbox immer noch lief und ich schon eine Weile still gewesen war. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe«, murmelte ich und legte auf.
Meine Energie sackte komplett ab und ich schlief fast den ganzen Nachmittag. Was mich schließlich aufweckte, war ein Rotkardinalpaar, das in dem Baum direkt vor dem Schlafzimmerfenster ein Nest baute. Kardinäle waren ein Leben lang zusammen, wenn sie sich erst mal gefunden hatten. Das hatte ich vor ein paar Jahren gelernt, als ich hier eingezogen war. Glückspilze. Bestimmt kamen sie prächtig miteinander aus.
Immer noch erschöpft drehte ich mich auf meinen Rücken. Meine Augen schmerzten. Offensichtlich war ich mit meinen Kontaktlinsen eingeschlafen. Großartig. Das Zimmer war ziemlich dunkel und die Uhr gab an, dass es kurz nach sechs war. Das hieß, dass Neil jede Minute heimkommen würde. Langsam griff ich nach meiner Brille auf dem Nachtschrank und erhob mich, bevor ich Geräusche in der Küche hörte. Eine Schranktür ging auf, Dosen wurden verschoben … Wenn man vom Teufel sprach.
Als ich aus dem Schlafzimmer kam, kratzte ich mich abwesend am Hinterkopf. Einen Moment lang fragte ich mich, ob Calvin Neil nach seinem Alibi gefragt hatte. In der offenen Tür zur Küche blieb ich letztlich stehen und Neil drehte sich zornig zu mir um. Alles klar, Feindseligkeit war notiert.
»Hi, Neil«, sagte ich, lehnte mich gegen den Türrahmen und verschränkte meine Arme.
Er antwortete nicht. Stattdessen schlug er die Schranktür so fest zu, dass die Teller klapperten.
»Also …«
»Dein Freund hat mich auf der Arbeit besucht«, unterbrach Neil mich.
»Mein Freund?«
»Detective Winter.« Er sah mich immer noch wütend an.
»Aha.«
»Sag nicht aha, Sebby. Du hast es ihm gesagt. Du hast es ihm verdammt noch mal gesagt.«
»Was? Dass ich ein Alibi habe, das mich vor dem Gefängnis rettet?«, fragte ich. »Natürlich habe ich es ihm gesagt. Wie kommst du eigentlich dazu, auf diesem hohen Ross zu sitzen? Du musstest mir neue Kleidung zu einem Tatort bringen und du bist nicht einmal lange genug geblieben, um sicherzustellen, dass es mir gutgeht!«
»Was habe ich dir heute Morgen gesagt?«, fragte Neil und kam auf mich zu. »Ich habe dir gesagt, du sollst auf keinen Fall zu Mike gehen. Du hast es versprochen. Und was hast du gemacht? Du bist hingegangen.«
»Ich habe gar nichts versprochen. Außerdem hätte ich verletzt sein können …«
»Und das wäre deine eigene verdammte Schuld gewesen!«
Für einen Moment war ich sprachlos. Es war unvorstellbar für mich, jemals so wütend auf Neil zu sein, dass ich nicht sofort Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, wenn er in Schwierigkeiten steckte. Vorangegangene Auseinandersetzungen wären da zweitrangig. Alles, was zählen würde, wären seine Gesundheit und Sicherheit. »Du bist unglaublich«, sagte ich.
»Fick dich, Sebastian«, knurrte er zwischen seinen Zähnen hindurch. »Du hast einem Polizisten gesagt, dass ich schwul bin. Das ist jetzt offiziell. Weißt du, wie schnell sich das verbreitet? Du hast meine ganze Lebensgrundlage in Gefahr gebracht.«
Ungläubig hielt ich meine Hände in die Luft. »Sorry, ich habe kurz vergessen, dass sich alles immer nur um dich dreht, Neil. Unsere ganze Beziehung ist von Anfang an nach deinen Bedingungen gelaufen.«
»Sebby …«
»Hör auf, mich so zu nennen. Gott, ich hasse es.«
Neil schüttelte den Kopf und versuchte, sich um mich herum aus der Küche zu winden.
Um ihn aufzuhalten, trat ich einen Schritt vor. »Oh nein«, fing ich an. »Du kannst nicht einfach gehen, ohne mit mir zu reden.« Als ich eine Hand auf Neils Brust legte, schubste er mich. Mit einem ordentlichen Rums knallte ich gegen den Türrahmen, als er sich an mir vorbeischob.
»Was meinst du, wie ich mich fühle?«, rief ich ihm nach, als er in Richtung Schlafzimmer flüchtete. »Derjenige zu sein, für den du dich seit vier Jahren schämst. In der Öffentlichkeit wirst du schon nervös, wenn ich nur einen Tick zu nahe neben dir gehe.«
»Halt die Klappe, Sebastian.«
»Ich habe dich heute gebraucht, Neil«, sagte ich, als ich ihm ins Schlafzimmer folgte. »Ich hatte Angst und ich hätte verhaftet werden können. Ich hätte meinen Partner gebraucht und du bist einfach gegangen.« Verwirrt sah ich ihm dabei zu, wie er Kleidung in eine Tasche stopfte. »Wo zum Teufel willst du hin?«
»Ehrlich gesagt schlafe ich lieber in meinem Auto, als dich ansehen zu müssen, Seb.«
»Oh, das ist nett. Wirklich nett«, keifte ich. »Wir sind an einem kritischen Punkt in unserer Beziehung und du verschwindest einfach.«
»Stimmt«, sagte Neil und sah endlich auf. »Tue ich. Ich will nicht mit dir reden, ich will dir nicht zuhören. Du hast mich so wütend gemacht, Sebastian, dass … Ich kann dich nicht einmal anschreien, weil ich zu wütend bin.«
»Und was sagt das über uns, Neil?«
Was passierte hier gerade? Hatte er ernsthaft geglaubt, dass unsere Beziehung für immer ein Geheimnis bleiben würde? So konnte ich nicht leben. Die Realität, dass ich Neil aufgeben musste, wenn er sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, jemals öffentlich mit mir zusammen zu sein, schmerzte.
Er antwortete mir nicht und packte stattdessen weitere Sachen ein.
»Neil«, versuchte ich es erneut, dieses Mal verzweifelter.
Wortlos schloss er die Tasche und schubste mich beiseite, als er den Raum verließ.
Ich folgte ihm wie ein Welpe. »Du willst wirklich einfach so gehen?«
Stille.
»Neil, ich kann so nicht weitermachen.« Entschlossen stellte ich mich ein wenig aufrechter hin.
Er zog seine Jacke und Schuhe an.
»Neil, verdammt noch mal!« Es war nicht möglich, zu streiten und zu diskutieren, wenn er nicht kompromissbereit war. »Wenn du jetzt gehst, tausche ich das Schloss aus.«
»Verpiss dich, Seb«, keifte er, öffnete die Tür und ging.
Pulsuz fraqment bitdi.