Kitabı oxu: «Miss of the Match»

Şrift:


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Carina Isabel Menzel


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind

zufällig und nicht beabsichtigt.

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© Copyright 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten.

Taschenbuchauflage 2017

Lektorat: Melanie Wittmann

Titelbild gestaltet mit Bildern von: © synGGG und A. Dudy - Adobe Stock lizenziert

ISBN: 978-3-86196-682-1 Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-282-1 E-Book (2020)

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Inhalt

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Widmung

Für Mama und Carola

*

1

Die Menge tobt. Jubelschreie von beiden Seiten. Die Leute johlen, grölen. Brüllen den Namen des Spielers, der das Tor geschossen hat. Unablässig. Bald fangen meine Ohren an zu dröhnen. Ich werde geschubst und zur Seite gedrängelt. Jetzt, da wir führen, steigt das Fieber. Schweißnasse Trikots reiben sich an mir. Irgendwer hält meine Schulter umklammert. Nicht weit von mir qualmt es. Der beißende Geruch von Zigarettenrauch liegt in der Luft, vermischt sich mit dem von billigem Dosenbier, Schweiß und Deo. Ekelhaft. Die Luft ist aufgeheizt von der Körpertemperatur der Menschen. Tropisch.

Schweiß läuft mir in die Augen. Es brennt und ich muss blinzeln. Verpasse das nächste Tor. Das Dröhnen in meinem Kopf schwillt an, als die Menge erneut beginnt zu schreien. Eine Tröte direkt an meinem Ohr. Ich will mich zu dem Übeltäter umdrehen und ihn anschnauzen, doch ich stecke fest. Zwischen den ganzen Fans. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Panik steigt in mir auf. Die Tröte erklingt erneut. Dann noch mal. Ist das Spiel endlich vorbei?

Gut, dann kann ich hier raus. Doch niemand macht Anstalten, sich vom Fleck zu bewegen. Langsam nimmt mir die stickige Luft den Atem. Mein Mund wird trocken. Ich ringe nach Luft. Die Menge kocht. Aufgeheizte Körper dicht aneinandergedrängt. Zwängen mich ein.

Ich spüre kaum das klebrige Zeug, das irgendwer über mir verschüttet. Höre die gemurmelte Entschuldigung nicht. Vor meinen Augen flackert es. Die Riesenleinwand verschwimmt. Immer noch der Druck von allen Seiten. Schiefes Gegröle. Vereinzelte Schreie. Ich schnappe nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Bekomme keine. Spüre, wie der Auflauf um mich herum dichter und dichter wird ...

Schweißgebadet fahre ich hoch, haue mir dabei den Kopf an der Dachschräge an und atme keuchend ein und aus. Nur ein Traum. Alles nur ein Traum.

Mein Herz rast. Ich fahre mir mit der Hand durch das wirre Haar, während mein Blick das Zimmer scannt. Keiner da außer mir. Keine Menschenmassen.

Es ist noch dunkel, durch die Vorhänge fällt ein winziger Streifen Mondlicht ins Zimmer und beleuchtet meinen Schreibtisch. Die Ordner liegen da wie immer. Das Schreibzeug ist hingeworfen, genauso wie ich es gestern Abend dort zurückgelassen habe. Alles ist so, wie es gehört. Ich bin nicht in einer Menge Fußballfans erstickt.

Langsam beruhigt sich mein Herz und ich kann wieder normal atmen. Die Leuchtziffern meines Weckers zeigen Viertel nach drei an. Erschöpft lasse ich mich zurück in die Kissen sinken und starre die dunkle Decke an. Immer noch schwirrt mir das Bild meines Traums im Kopf umher. Albträume, die von Fußball handeln. Ich muss grinsen, doch es vergeht mir, als sich mein Kopf mit einem stechenden Schmerz bemerkbar macht.

Ich setze mich vorsichtig wieder auf, schwinge die Beine aus dem Bett und tapse barfuß in Richtung Badezimmer. Ich mache mir nicht die Mühe, Licht anzuknipsen. Obwohl ich erst seit vier Wochen hier wohne, finde ich schon zum Badezimmer, ohne mich vorher in die Küche zu verlaufen. Die Fliesen sind angenehm kühl unter meinen Füßen. Hier gibt es kein Fenster und mir bleibt nichts anderes übrig, als eine gefühlte Ewigkeit nach dem Lichtschalter zu tasten, der nur aus einem winzigen Schalter inmitten lauter Kabel besteht, weil mein Bruder Marc, der all den Kram, zu dem ich nicht fähig bin, übernimmt, noch nicht dazu gekommen ist, eine Verkleidung zu kaufen und anzuschrauben. Gott sei Dank hängt hier eine Energiesparlampe, sodass das Licht nur langsam hell wird und sich meine Augen allmählich daran gewöhnen können. Ich lasse mir kaltes Wasser über die Arme und das Gesicht laufen, dann knülle ich einen Waschlappen zusammen, tränke ihn und presse ihn gegen meinen Hinterkopf. Der Schmerz lässt augenblicklich etwas nach. Aus dem Spiegel starrt mir eine übermüdete, ungeschminkte Cynthia entgegen. Blass, dunkle Ringe unter den Augen. Meine rotbraunen Haare stehen in alle Richtungen ab, auf meinem Hals sind hektische rote Flecken zu sehen. Wieder kommen mir die Bilder aus meinem Traum in den Sinn. Das darf ich keinem erzählen, sonst werde ich ausgelacht.

Ich verlasse das Badezimmer und mache mich direkt auf den Weg in die Küche. Schlaf kann ich jetzt sowieso vergessen. Ich lasse mich auf einen noch halb in Kartonpapier eingepackten Barhocker sinken, ziehe eine Tasse heran und stelle die Kaffeemaschine an. Das laute Klopfen und Rattern wird meine Nachbarn wecken, aber sei’s drum. Die sind sowieso beide Ärzte und vielleicht haben sie Glück und arbeiten gerade, sodass sie mein Krach nicht zu kümmern braucht. Außerdem haben sie mich sowieso nicht gerade gern, weil ich Bekanntschaft mit ihnen gemacht habe, als Marc und ich mein Bett lautstark die Treppe hochgeschleppt und sie damit aufgeweckt haben. Zum ersten Mal gesehen habe ich sie also, wie sie wütend im Bademantel vor ihrer Wohnungstür herumschrien. Damals waren sie nämlich zu Hause gewesen, nachdem sie die ganze Nacht in der Notaufnahme verbracht hatten. Und ich will nicht wissen, wer nachts so in die Notaufnahme eingeliefert wird. Ganz verziehen haben sie mir das bis heute nicht und sprechen nur das Nötigste mit mir.

Nach dem ersten Schluck Kaffee fühle ich mich schon um einiges wacher. Es dauert noch ein paar Stunden, bis ich mich fertig machen muss. Mein Blick schweift durch das provisorische Wohnzimmer, das direkt an die offene Küche angrenzt. Eigentlich steht noch nichts drin außer einem Sofa und einem Fernseher, der noch nicht angeschlossen ist. Gestern habe ich versucht, ein IKEA-Regal aufzubauen, bin aber kläglich daran gescheitert.

Ich könnte staubsaugen, den ganzen Dreck wegmachen, den Marc und die anderen gestern beim Kabelverlegen hinterlassen haben. Sägespäne und Putzbrocken sind über den gesamten Boden verteilt. Seufzend rutsche ich vom Hocker. Das wird das größte Problem in meiner eigenen Wohnung werden: Ordnung halten und regelmäßig staubsaugen.

Bis vor einem Monat habe ich noch bei meinen Eltern etwas außerhalb von Berlin gewohnt und meine Mutter hatte eigentlich schon vor Jahren beschlossen, mir mein Zimmer selbst zu überlassen, aber wenn es ihr zu unordentlich wurde, hat sie eben doch mal durchgesaugt. Meine Mutter kann Unordnung beim besten Willen nicht leiden. Mir dagegen fehlt einfach immer die Motivation, irgendetwas aufzuräumen, und meistens höre ich nach zehn Minuten wieder auf, weil es sowieso nur ein Etwas-von-einem-Schrank-in-den-anderen-Stopfen ist. Nur ist meine Mutter jetzt nicht mehr hier und räumt mir hinterher. Und ich will die Wohnung ja nicht komplett zumüllen.

Ich stecke das Radio in eine der wenigen funktionierenden Steckdosen und drehe es laut, damit ich es auch beim Staubsaugen hören kann. Natürlich läuft der WM-Song. Ich kann ihn langsam nicht mehr hören, obwohl die Fußballweltmeisterschaft noch nicht mal begonnen hat. Dieses typische Gute-Laune-Lied sollte mich eigentlich wacher machen, aber es nervt mich nur noch mehr. Genau wie ich diese dämlichen Karten mit den einzelnen Spielern überall herumfliegen sehe, auf der Straße, in der Uni, selbst wenn ich meinen Cousin Clemens vom Kindergarten abhole, kommen die kleinen Kinder auf mich zugerannt. „Hast du den und den ...“

Die Kassiererinnen im Supermarkt, in dem man die Dinger ab zehn Euro Einkaufswert geschenkt bekommt, wissen inzwischen, dass sie mich gar nicht erst fragen müssen, wenn sie kein barsches „Nein, ich sammel den Scheiß nicht“ hören wollen.

Mal ehrlich: Welcher Idiot hat sich ausgedacht, dass die Fußball-WM dieses Jahr in Deutschland ausgetragen werden muss? Ich bin schon froh, dass ich diesen albernen Hype nur alle vier Jahre ertragen muss, wenn im Radio die aktuellen Lieder nur noch zu Fußballhymnen umgedichtet laufen, wenn im Fernsehen auf allen Kanälen nur über Stadien diskutiert, Spiele analysiert und verschwitzte Fußballspieler interviewt werden, wenn überall Plakate herumhängen und alles, was es irgendwo zu kaufen gibt, irgendwie mit Fußball angepriesen wird, und wenn sich kein originelles Wortspiel mit Fußball oder WM daraus basteln lässt, zumindest von einem Nationalspieler beworben wird. Ich hoffe jedes Jahr, dass Deutschland möglichst früh rausfliegt (was es leider eigentlich nie tut), damit wenigstens das größte Chaos vorbei ist. Aber dieses Jahr ist es einfach furchtbar. Wenigstens hat man nicht angefangen, Stadien zu bauen, aber es reicht ja auch nicht, die Mannschaften aus der ganzen Welt in einfachen Hotels unterzubringen, nein, es wurden Millionen rausgeworfen, um wahnsinnige Anlagen zu bauen, jede einzelne mit eigenem Trainingsplatz, mehreren Pools und Schlafzimmern, wie sie nicht mal in den teuersten Hotels zu finden sind. Wirklich, das Geld könnte man auch anders verwenden. Bei uns in Deutschland ist es zwar kein so vieldiskutiertes Theam, weil es keine Slums oder so gibt, aber trotzdem.

Seit Anfang des Jahres kennt Berlin kein anderes Thema mehr als die anstehende WM. Schon im Januar haben die Sportmoderatoren im Fernsehen hitzige Diskussionen über den diesjährigen Weltmeister geführt und die Bäcker haben schon zur Faschingszeit angefangen, ihre Brötchen in Fußballform zu backen. Und spätestens seit dem Sommeranfang sind alle am Durchdrehen. Ich habe das Gefühl, mich in einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold zu befinden, wenn ich durch die Innenstadt gehe. Fahnen in diesen Farben werden ja bei jeder WM aus den Fenstern gehängt, aber ich glaube, dieses Jahr ist die Zahl sogar noch um das Dreifache gestiegen.

Ich drücke ein paar Knöpfe am Radio, weil der Reporter wieder anfängt, über irgendwelche Strategien des Trainers zu fachsimpeln, und wechsle auf den Klassiksender. Die sprechen wenigstens über Menschen, die wirklich zu etwas fähig waren, zum Beispiel Bach, und nicht über Typen, die einen Ball neunzig Minuten über den Rasen kicken, versuchen, ein Tor zu treffen, ab und zu rumschreien, andere umrempeln und sich dabei noch besonders intelligent vorkommen.

Während Händels Wassermusik durch mein Wohnzimmer dudelt, staubsauge ich und räume etwas auf, dann nehme ich aus einem der Umzugskartons das nächstbeste Buch, setze mich auf die ausgepackte Hälfte des Sofas und lese mit dem Licht der nackten Glühbirne an der Decke, bis sich die ersten Sonnenstrahlen den Weg durch die Fenster suchen und ich endlich zu meinem normalen Morgenprogramm übergehen kann.

*

2

„Kiki, ich hör dich nicht, ich bin auf dem Weg zur Bahn, verdammt!“

Das Hupen eines Autos direkt hinter mir verschluckt die Antwort meiner besten Freundin. Ich zwänge mich, das Handy an mein Ohr gepresst, durch den dichten Berufsverkehr in Richtung Bahnhof Zoo. In drei Minuten geht meine Bahn, und wenn das Gedrängel auf der Straße vor mir nicht bald lichter wird und sich für mich irgendwo eine Möglichkeit ergibt, zwischen den ganzen hupenden Autos hindurch einen Weg auf die andere Straßenseite zu finden, kann ich zwanzig Minuten dumm rumstehen und auf die nächste warten.

„Kiki, hör mal, ruf mich später noch mal an, ich ...“

Ha, jetzt. Eine Lücke. Ich beeile mich und hetze auf die andere Straßenseite, ohne die verärgerten Gesichter der Autofahrer zu beachten. Auf dem Gehweg angekommen werfe ich einen Blick auf die Uhr und beschleunige meine Schritte. Noch zwei Minuten.

„Ich wollte einfach wissen, ob du heute Mittag mitkommst!“, brüllt Kiki mir ins Ohr.

Ich beachte die rote Ampel zwischen mir und dem Bahnhofsgebäude nicht und beginne zu rennen, klemme mir das Handy zwischen Schulter und Ohr und krame gleichzeitig in meiner Tasche nach dem Ticket. „Kommt drauf an, wohin“, antworte ich und quetsche mich unsanft durch eine Gruppe Rocker, die den Eingang blockiert. Einer pfeift mir hinterher, doch ich beachte ihn nicht.

„Na ja, ich muss noch ein paar Einkäufe erledigen ...“ So wie Kiki klingt, weiß sie genau, dass ich absagen würde, wenn ich wüsste, was für Einkäufe sie wirklich zu erledigen hat. Wahrscheinlich wieder irgendeine Messe, auf die niemand mitwill und die wieder an mir, ihrer besten Freundin seit der zehnten Klasse, hängen bleibt. Na danke.

„Von mir aus. Ich ruf dich in einer halben Stunde noch mal an.“

Ohne auf Kikis Antwort zu warten, beende ich das Telefonat, stecke das Handy in meine Hosentasche und komme gerade rechtzeitig zum Bahnsteig, als die Bahn abfährt.

„Mist“, fluche ich und lasse mich auf einen der blauen Metallsitze sinken, die jetzt, da fast alle Passanten in der Bahn sind, endlich mal frei sind.

Neben mir sitzt eine kleine Gruppe Teenagermädchen mit Schultaschen, die sich zu viert über eine Zeitschrift beugen. Zwei kichern unentwegt, während eine andere nur leicht gelangweilt danebensitzt und frustriert wirkt. Die vierte, die das Heft in der Hand hält, zählt etwas an ihrer Hand ab und ruft jetzt genervt: „Jetzt seid doch mal leise, Mann, ich muss mich konzentrieren!“

Ich lasse meinen Blick zu dem Heft wandern. Welche Spielerfrau wärst du?

Oh Gott, Himmel hilf. Ich schüttele nur den Kopf und sehe wieder weg. Mein Blick bleibt an einer riesigen Werbetafel hängen, die mir gegenüber über den Gleisen hängt. Chipswerbung. Und dem Trikot nach zu schließen, ist der Typ, der die Tüte Championchips breit grinsend in die Kamera hält, einer der deutschen Fußballspieler.

Das bemerkt wohl auch gerade das frustrierte Mädchen neben mir, die wahrscheinlich nicht als Spielerfrau ihres Lieblingsspielers auserkoren wurde, denn auf einmal wird sie ganz aufgeregt und macht ihre Freundinnen auf das Plakat aufmerksam, die daraufhin in ein dreistimmiges hysterisches „Oh, mein Gott!“ ausbrechen.

Es wird mir zu dumm. Ich stehe auf und stelle mich zu einer Reisegruppe Senioren, die etwas weiter abseitsstehen. Vielleicht nerven die mich nicht mit ihrem Fußballgetue.

„Das schaffen die nie, ich sag’s dir. Im eigenen Land mit so einem Trainer. Ich sag’s dir, Adelheid, damals 1974 ...“

Das gibt’s doch nicht! Am liebsten hätte ich geschrien. Entschlossen packe ich meinen iPod aus, um für den Rest der Wartezeit etwas anderes zu hören.

„Noch zwei Tage, meine Herrschaften, ist das nicht ein wunderbarer Gedanke?“ Professor Schelm strahlt die Menge gelangweilter Studenten an, die sich jetzt, da er von seinem eigentlichen Thema, der Translation der Aminosäuren, abgeschweift ist und auf die Weltmeisterschaft zu sprechen kommt, in ihren Bänken etwas aufrichten und interessiert nach vorne zum Rednerpult sehen. Nur ich werde noch gelangweilter. „Die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land“, der Professor streicht seinen weißen Kittel glatt, den er eigentlich nur anhat, um schlauer zu wirken, „ist eine Ehre für uns alle, nicht wahr? Es ist mit das größte Ereignis in eurem bisherigen Leben, oder? Ich meine, die WM wurde natürlich schon in Deutschland abgehalten, aber es ist doch einfach wunderbar, sich auf ein derartiges Ereignis freuen zu können, habe ich recht?“

Auf allen Seiten wird begeistert auf die Tische geklopft. Professor Schelm tritt hinter seinem Pult hervor und fährt sich durch die wenigen silbergrauen Haare, die er noch auf dem Kopf hat. Er rückt seine Brille zurecht und sein Blick wandert durch die Reihen.

„Wir alle werden natürlich hinter unseren Spielern stehen, nicht wahr?“

Das ist eine der Sachen, die ich an unserem Professor nicht leiden kann. Er muss sich immer erkundigen, ob er auch richtig liegt, egal, was er von sich gibt.

Zustimmendes Geklopfe und ein gerufenes „Aber hallo!“ sind die Antwort.

„Natürlich ist Fußball ein Sport und Sport ist anstrengend, auch für den Körper, oder?“ Er grinst nun übers ganze Gesicht und ich ahne schon, was jetzt kommt.

Jennifer neben mir offenbar nicht, denn sie beugt sich rüber, wobei ihre zehntausend Armreifen klimpern, und flüstert mir begeistert zu: „Endlich mal ein Thema, das alle interessiert.“

Ha, danke. Ihr betörendes Vanilleparfum hüllt mich ein und ich muss niesen.

„Gesundheit!“, kommt es aus mehreren Ecken.

Sie sind echt alle wach, kaum hat jemand das Thema WM angesprochen. Unglaublich.

Herr Schelm nutzt es aus. „Sie wissen gar nicht, was genau im Körper beansprucht wird, wenn er solchen Leistungen ausgesetzt ist, oder?“ Er hat seinen Vortrag beendet und begibt sich wieder hinters Pult, wo er seinen Zeigefinger anfeuchtet und eine Seite in seinem Ordner umblättert, bevor er uns wieder ansieht. „Doch genau das werden Sie jetzt erfahren.“

Ich muss grinsen und diesmal bin ich diejenige, die sich interessiert aufrichtet. Ich hab’s gewusst. Allgemeines Stöhnen macht sich breit. Die Studenten sinken wieder tiefer in ihre Sitze. Jennifer neben mir sieht ernsthaft beleidigt aus.

„Superüberleitung, Professor!“, erlaubt sich jemand, voller Ironie zu rufen.

Der Professor hebt die Schultern und tippt auf das Papier vor sich. „Wir sind hier schließlich nicht ausschließlich zum Spaß.“

Meine Füße sind eingeschlafen. Ich wackele mit den Zehen, um die Taubheit zu vertreiben. Kiki neben mir wippt ungeduldig auf der Stelle auf und ab.

„Können die nicht ein bisschen hinmachen?“, motzt sie. „Warum lassen die nicht einfach mehr Leute rein? Haben die Schiss, wir rennen uns da drin gegenseitig über den Haufen?“

„Es war deine Idee hierherzukommen“, gebe ich zurück.

„Zum Glück. Das hätte ich komplett vergessen.“ Rafael sieht von seinem Smartphone auf, auf dem er zum Zeitvertreib irgendein schwachsinniges Spiel spielt. Natürlich in der WM-Edition.

„Du hättest es spätestens dann gemerkt, wenn du am Sonntag ohne dagestanden wärst.“ Sophie lacht und wirft ihre Haare zurück. Auch sie wirkt ungeduldig und trommelt mit den Fingern auf den Pfeiler neben sich.

Ich muss ebenfalls grinsen. Normalerweise habe ich nichts dagegen, etwas mit meinen Freunden zu unternehmen, aber heute hätte ich gut und gerne daheimbleiben können. Trikots shoppen können sie auch ohne mich. Aber nein, ich muss unbedingt mit, als Beraterin. Meiner Meinung nach ist es sowieso völlig schwachsinnig, sich für neunzig Euro eines dieser unförmigen Dinger zu kaufen, mal davon abgesehen, dass man sie eh nie anziehen kann außer zur WM- oder EM-Zeit, ohne komisch angesehen zu werden. Und was hat man davon, wenn Deutschland tatsächlich gewänne, ein ungültiges Trikot mit einem Stern zu wenig auf der Brust zu besitzen? Okay, die Antwort meiner Freunde kenne ich sowieso: neues kaufen.

Schon alleine das hier würde mich davon abhalten. Wir stehen seit zwanzig Minuten in einer Schlange, die zweimal um das Gebäude herumführt, nur um in diesen Laden reinzukommen, der sich WM-Store nennt. Er hat bestimmt drei Stockwerke und extra zur Weltmeisterschaft mussten mehrere Geschäfte ausziehen. Jetzt hängen draußen Plakate von der Nationalmannschaft, dem Maskottchen und den Stadien, sodass man nicht ins Innere sehen kann. Kiki hat sich geweigert, ihr Trikot im Internet zu bestellen, weil sie Angst hat, es könnte nicht rechtzeitig zum Eröffnungsspiel da sein, deswegen sind wir hier und vor uns stehen noch mindestens dreißig Leute. Die Schlange scheint nicht kürzer zu werden und es darf immer nur eine begrenzte Anzahl Kunden in den Store, in dem übrigens nicht nur Trikots verkauft werden, sondern laut Kiki alles, was etwas mit der WM zu tun hat. Sie hat mir vorhin gesagt, dass sie sich geschworen hat, nur ein Trikot zu kaufen und sonst nichts, denn wahrscheinlich würde sie da drin verführt werden, alles einzutüten.

„Was wird hier eigentlich verkauft, wenn keine WM ist?“, frage ich in die Runde.

„Nichts. Dann lebt der Typ, dem das gehört, von seinen Zinsen“, antwortet Rafael, ohne aufzusehen. „Der ist der Einzige, der Trikots im Laden verkauft. Was glaubst du, was der für einen Umsatz macht?“ Ich schüttele den Kopf. Oh Mann.

Nach weiteren zwanzig Minuten sind wir endlich vorne in der Schlange und werden von einem Typen im Deutschlandtrikot eingelassen. „Willkommen im Paradies“, grinst er, hält die Tür auf und ich frage mich, ob er den ganzen Tag über überhaupt etwas anderes sagt und ob ihm dieses Dauergrinsen nicht langsam wehtut. Neben ihm steht ein als WM-Maskottchen verkleideter Mensch ‒ ein ziemlich lächerlicher, knallbunter Igel im Trikot ‒ und winkt affig.

„Alter Schwede!“, staunt Rafael, nachdem wir den Laden betreten haben.

„Oh mein Gott!“, kreischt Sophie begeistert, während Kiki einfach nur dasteht und sich überwältigt umblickt. Selbst ich bin für einen Moment sprachlos.

Das Geschäft scheint sich in die Unendlichkeit zu ziehen. Und alles, was man sich zu einer Fußballweltmeisterschaft nur wünschen kann, türmt sich um herum und vor mir auf. Angefangen bei Trikots. Die Kleidung von so ziemlich jedem Team der Welt ist hier zu finden, ordentlich sortiert nach Shirts, Hosen, Strümpfen, Trainingsjacken und Schuhen. Besonders teuer sind die Matchworn-Trikots, getragene Trikots der Nationalspieler. Hoffentlich sind die wenigstens gewaschen. Wahrscheinlich nicht. Das war’s auch schon mit bunt, sonst ist alles in drei Farben gehalten: Schwarz. Rot. Gold. Regale bis zur Decke voller Fanartikel. Flaggen fürs Auto und Überzieher für die Außenspiegel. Perücken in allen Größen und Formen. Etwas weiter hinten Wände voller Blumenketten. Noch weiter hinten Tröten und Kastagnetten, Pfeifen und Trommeln. Wir stehen auf Kunstrasen und direkt neben dem Eingang wird Torwandschießen, Tischkicker, Human Soccer oder FIFA angeboten, über etliche Fernseher flimmern Aufzeichnungen der deutschen Nationalmannschaft bei den letzten Weltmeisterschaften. Die Mitarbeiter tragen alle eigene Trikots mit ihrem Namen auf dem Rücken. Die Menschen sind beladen mit Fanartikeln, Kinder rennen begeistert durch die Gegend, schreien ausgelassen und wedeln mit ihren Errungenschaften.

„Wahnsinn“, haucht Kiki. „Los, sehen wir uns um.“

Im zweiten Stockwerk geht es genau so weiter. In Kühlregalen, die sich über die ganze Wand ziehen, stehen ordentlich Cola- und Bierdosen sowie -flaschen, signiert von den deutschen Spielern und Trainern. Überall Plakate und Pappaufsteller mit den einzelnen Typen in Trikots, die auf die Menschenmassen, die überall stehen und staunen, herabblicken. Das hier scheint eine Art Lebensmittelabteilung zu sein, denn etwas weiter hinten finden wir Gummibärchen, Kekse und alles erdenklich Essbare in Fußballform und Schwarz-Rot-Gold.

Ein Stockwerk höher gibt es Stuhl- und Sofabezüge. Bettwäsche. Handtücher. T-Shirts, sogar Cocktailkleider und High Heels in den Deutschlandfarben. Geräumige Umkleiden bieten Platz zum Anprobieren. Aus Hunderten Lautsprechern schallen Fußballlieder und WM-Hymnen und die ausgelassenen Besucher grölen laut mit.

Der vierte Stock ist noch geschlossen. Laut Kiki finden dort während der WM Public Viewing und anschließend (wenn das Spiel gewonnen wurde) Partys statt.

Wir verbringen mehrere Stunden nur damit, uns umzusehen und die einzelnen Dinge zu bestaunen. Ich bin völlig überwältigt von dem Ganzen, sodass ich komplett vergesse, dass es etwas mit Fußball zu tun hat. Sophie bringt mich sogar dazu, eines der Cocktailkleider anzuprobieren, von denen sie sich später eines kauft, und Kiki zwingt mich, ein Trikot anzuziehen und davon Bilder in der Umkleidekabine zu schießen. Als Beweis, dass ich auch mal ein Trikot anhatte.

„Wenn sie erst mal Weltmeister sind, wirst du stolz darauf sein“, behauptet sie.

Wir stehen ewig vor den Kühlregalen, weil meine Freunde exakt die Coladosen mit den Unterschriften ihrer Lieblingsspieler haben wollen, aber sie sind nicht die Einzigen, die die Regale aus- und umräumen, bis sie die richtigen Dosen gefunden haben. Die passenden Trikots sind schnell gefunden, und als wir am Abend das Gebäude verlassen, schleppen Rafael, Sophie und Kiki ganze Tüten voller Fanzeugs mit nach Hause - so viel zum Thema „Nur ein Trikot kaufen“.

*

3

„Der Countdown läuft“, jubelt der Sprecher, der seine Nachrichten heute im Deutschlandtrikot präsentiert. Marc hat den Fernseher endlich zum Laufen gekriegt und ist gerade dabei, mein missglücktes IKEA-Regal auseinanderzuschrauben, um es richtig zusammenzufügen. Ich stehe in der Küche und räume die Schränke ein. Zum Glück hat der Vorbesitzer die Ausstattung komplett drin gelassen. Die schönste ist sie zwar nicht, aber ich kann mich daran gewöhnen und es spart mir außerdem einen Haufen Geld.

Trotzdem ist meine Wohnung noch längst nicht fertig. Ich muss seufzen bei dem Gedanken, was noch alles vor uns liegt. Und Marc und seine Kumpels werden in der nächsten Zeit auch nicht mehr so oft zum Helfen anrücken können. Weltmeisterschaft. War ja klar. Morgen um sechs Uhr abends ist das Eröffnungsspiel. Ich bin so ziemlich die Einzige, die keine Karte hat. Kiki wollte mich überreden, dann würde ich mal diese einzigartige WM-Stimmung erleben und es komme ja gar nicht so auf Fußball oder auf den Sieg an, sondern darauf, Spaß zu haben und neue Leute kennenzulernen. Und vor allem darauf, diese einzigartige Stimmung zu erleben, doch sie hat mich nicht überzeugt. Mich kriegen keine zehn Pferde in ein überfülltes Fußballstadion, in dem lauter Wahnsinnige und vielleicht noch ein paar Hooligans sitzen, in dem es so laut ist, dass man es zwanzig Kilometer weiter noch hört, und in dem Bier bis zum Umfallen gesoffen wird. Nein, danke. Und weil bei Fußball die Leute, warum auch immer, doppelt so verrückt drauf sind wie bei irgendeinem anderen Sport, ist das Eröffnungsspiel für mich überhaupt nichts. Somit werde ich den Abend wohl alleine verbringen müssen, aber mein Gott. Es gibt Hunderte Möglichkeiten, sich irgendwie zu beschäftigen.

Jens, ein Kumpel von Marc, kommt in die Küche. „Der Flur ist gestrichen“, meint er, lässt sich auf einen Barhocker sinken, wischt sich den Schweiß von der Stirn und fährt sich durch die wirren blonden Haare. „Hast du irgendwas zum Trinken?“

„Im Kühlschrank steht Wasser“, antworte ich. In der letzten Zeit ist es so warm geworden, dass ich selbst das Mineralwasser kühl lagern muss, damit ich es nicht halb siedend trinken muss.

„Gut.“ Jens erhebt sich und schlurft zum Kühlschrank hinüber. „Wir müssen auch gleich weitermachen, damit wir die Diele heute noch schaffen.“

„Nichts da.“ Die Tür wird erneut aufgestoßen und Sven kommt herein, beladen mit weißen Pappschachteln vom Chinesen. „Erst das Vergnügen, dann die Arbeit.“

Nun kriecht auch Marc unter dem Sofa hervor, unter dem er die Kabel für die Stereoanlage positioniert hat. „Dafür wäre ich auch.“ Er klopft den Staub von seinen Klamotten, schlendert in die Küche und will eine der verführerisch nach gebratenen Nudeln duftenden Schachteln ergreifen, doch Sven weicht aus.

„Erst Hände waschen“, meint er mit einem Kopfnicken auf Marcs schwarze Finger, dann stellt er die Schachteln auf der Arbeitsplatte ab und küsst mich. „Hey.“

Ich lächele. „Hey. Wie war’s in der Uni?“

Er zuckt mit den Achseln. „Wie immer. Nicht wirklich spannend.“

„Kann ich verstehen“, grinse ich.

Sven und ich führen seit drei Jahren das, was Kiki offiziell eine Beziehung nennt, und ich muss gestehen, dass ich damit eigentlich sehr glücklich bin. Blöd ist nur, dass wir uns nicht so oft sehen können, denn Sven studiert Medizin und muss deshalb oft tagelang büffeln, um irgendeine Prüfung zu bestehen. Dagegen komme ich mir mit meinem Biologielehramtsstudium mickrig vor.

Ich nehme eine der Schachteln und ziehe den Deckel ab. Bei dem Anblick des dampfenden süß-sauren Hähnchens läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

„Eigentlich komisch.“ Sven schnappt sich eins und steckt es sich in den Mund. „Sogar der Chinese veranstaltet Public Viewing. Ich meine, ist der überhaupt für Deutschland?“

„Wahrscheinlich nicht“, entgegne ich. „Aber irgendwie müssen die doch ihre Kunden anlocken.“

In letzter Zeit ist mir extrem aufgefallen, dass so gut wie jeder noch so kleine Biergarten ein Schild vor dem Haus stehen hat. WM live. Ich frage mich, ob man überhaupt irgendwo essen gehen kann, ohne dass auf einem Fernseher in der Ecke ein Spiel übertragen wird. Na, lustig, in ein paar Tagen haben Sven und ich Jahrestag und ich würde liebend gerne irgendwo hingehen, wo keine Leute im Trikot herumsitzen und die Spieler im Fernseher anfeuern oder beschimpfen. Jens hat sich eine Schachtel genommen und beißt in ein dampfendes Hühnchen. „Geht ihr zum Eröffnungsspiel?“, nuschelt er mit vollem Mund.

„Aber hallo!“, rufen Sven und Marc gleichzeitig.

Ich schüttle den Kopf. „Nö. Ich mach’s mir hier gemütlich. Vielleicht gehe ich auch einkaufen oder so. Dann muss ich an der Kasse wenigstens nicht Schlange stehen.“

Jens schüttelt verständnislos den Kopf. „Du bist mir unheimlich.“

Ich zucke mit den Schultern. „Lieber unheimlich als fußballwahnsinnig“, meine ich, nehme mir noch ein Hühnchen und setze mich auf die Küchenanrichte. „Mal was ganz anderes, Sven: Ich hoffe, du hast einen Anzug.“

„Anzug?“ Für einen Moment starrt er mich verständnislos an. „Ach so. Ja, natürlich.“

„Ich wollte nur sicher sein. Nicht, dass du an Emmas Hochzeit am Ende im Trikot auftauchst, weil du nichts anderes mehr hast.“

Meine Cousine Emma heiratet nämlich in vier Tagen. Weil sie in Rottweil lebt, werden Sven und ich schon einen Tag früher fahren. Ich hab mir mein Kleid schon vor einem Vierteljahr gekauft, plus Schuhe und Schmuck, aber Sven erledigt so etwas immer auf den letzten Drücker und ich habe keine Lust, mich auf der Hochzeit für meinen Freund schämen zu müssen, nur weil er nichts Vernünftiges im Schrank hat.

„Sag mal, ist an dem Tag nicht ein Deutschlandspiel? Haben die da einen Fernseher?“ Er sieht so ernsthaft verunsichert aus, dass ich lachen muss.

„Dann schaust du eben mal kein Deutschlandspiel.“

„Ey, komm, das ist ja wohl beschissen“, motzt er und auch Marc sieht etwas säuerlich aus.

Ich fasse es nicht. „Ihr seid echt unmöglich.“ Ich stehe auf und gehe genervt aus dem Zimmer. Sollen sie sich ohne mich bei Jens ausheulen.

„Du hasst Fußball, oder?“ Sven kommt ins Schlafzimmer und rubbelt sich im Gehen mit dem Handtuch über die nassen Haare. Er lässt sich neben mich auf das Bett sinken und sieht mich lächelnd an.

„Ich kann dieser Sportart einfach nichts abgewinnen“, entgegne ich und verschränke die Arme vor der Brust. „Wenn man es als Hobby spielt, habe ich ja nichts dagegen, aber ich verstehe nicht, warum so ein entsetzlicher Hype darum gemacht wird.“

„Ist halt Fußball“, erwidert Sven schlicht.

Ich schnaube. „Aber warum? Andere Weltmeisterschaften sind nicht halb so populär.“

„Ach, das verstehst du nicht. Wenn du dich einfach mitziehen ließest, könntest du es nachvollziehen. Weißt du, Fußball bringt Leute zusammen, Fußball vereint Nationen ...“ Sein Ton wird schwärmerisch. „Fußball-WM ist einfach ... einzigartig, verstehst du?“

Sein Geschwafel erscheint mir eher albern, deshalb schüttele ich verständnislos den Kopf. „Nicht wirklich.“

„Aber du würdest es verstehen, wenn du einfach mitkämst. Probier’s doch mal aus. Ich war auch kein Fußballfan, bevor ich diese einzigartige WM-Stimmung mal hautnah miterlebt habe. Und die kann man nicht beschreiben. Du musst es fühlen, um es nachzuvollziehen.“ Er legt das Handtuch beiseite und knipst die Nachttischlampe aus. Ein schwacher Streifen Mondlicht erhellt sein Gesicht. Seine Augen leuchten.

„Das hast du auch gesagt, als du mich letztes Mal in den Free-Fall-Tower geschleppt hast. Und hinterher war mir den ganzen Tag übel, falls du dich daran noch erinnerst“, meine ich sarkastisch.

Sven lächelt immer noch, er legt sich neben mich und streicht mir einzelne Haarsträhnen aus dem Gesicht. Seine Finger wandern über meine Wangen, fahren über meine Lippen, dann beugt er sich vor und küsst mich. Ich schließe instinktiv die Augen und werde von dieser wunderbaren Wärme erfüllt, die nur Sven mir bescheren kann. Doch er hat sich so schnell wieder von mir gelöst, dass ich nicht dazu komme, seinen Kuss zu erwidern.

„Aber das ist etwas ganz anderes.“ Er nimmt meine Hände und schiebt seine Finger zwischen meine.

Ich seufze, die Augen immer noch geschlossen. „Mir wird schon bei dem Gedanken an brüllende Menschenmengen schlecht. Und jetzt hör auf, über dieses verdammte Thema zu sprechen. Du weißt, du kriegst mich nicht rum.“

Er schüttelt den Kopf. „Ich werde dich nie verstehen, Cynthia.“

Ich spüre, wie sich sein Gesicht erneut dem meinen nähert und diesmal lässt er sich Zeit. Seine Hände wandern meine Arme hoch, graben sich in meine Haare, und noch während wir uns küssen, lösen sie sich wieder und streifen meinen Rücken hinunter bis zum Saum meines Schlafshirts. Ich öffne die Augen, als er beginnt, meinen Hals zu küssen. Überall dort, wo seine Lippen meine Haut berühren, bleibt eine prickelnde Stelle zurück. Meine Hände ruhen auf seinen Schultern, während seine sich unter meinem Shirt einen Weg zu meinem BH-Verschluss suchen.

Ich schließe die Augen wieder und seufze. „Ich werde dich auch nie verstehen, Sven.“

*

4

„Ich kann es immer noch nicht glauben.“ Kiki rutscht unruhig auf meinem Sofa herum und zupft nervös an ihrer Blumenkette. Sie hat mir als „Nervennahrung für später“ Kinderschokolade mitgebracht, von deren Packungen einem seit Neuestem die Nationalspieler als Kinder entgegengrinsen. Nur hat Kiki, wie es mir scheint, Nervennahrung um einiges nötiger als ich. Alle paar Sekunden schnellt ihr Blick auf ihre Uhr und sie wird von Minute zu Minute zappeliger.

Ich lehne mich zurück. Ich bin genervt. Sehr sogar. Seit heute Morgen sind alle Leute, denen ich begegne, furchtbar euphorisch drauf, hetzen herum und können keine Minute stillsitzen. Und alles wegen dieses blöden Eröffnungsspiels. Meine Wohnung ist leider näher am Stadion als Kikis und sie hat schon vor zwei Stunden geklingelt, um hier zu warten, damit ihr Weg nicht so weit ist. Sophie und Rafael haben, wie halb Berlin, vor dem Stadion gecampt, um einen guten Platz zu bekommen, und vor einer guten Stunde hat Sophie völlig aufgekratzt angerufen und in ihr Handy gebrüllt, dass gerade die deutsche Nationalmannschaft in ihrem Bus angekommen ist und sie es tatsächlich geschafft hat, alle auf ihrem Trikot unterschreiben zu lassen. Sophie steht auf die halbe Nationalmannschaft und schwärmt mir andauernd von ihnen vor. Eigentlich schaut sie Fußball nur wegen der Spieler - ich habe mich mit diesen Typen noch nie auseinandergesetzt, kenne sie eigentlich nur flüchtig aus der Werbung oder von diesen vermaledeiten Sammelkarten und finde sie auch nicht attraktiver als andere Männer, nur weil sie Fußballspieler sind.

Das gleiche Trikot wie Sophie, nur ohne Autogramme, trägt Kiki auch gerade, zusammen mit einer schwarz-rot-goldenen Perücke und Make-up in Deutschlandfarben, außerdem baumelt diese verdammte Blumenkette um ihren Hals, an der sie schon die ganze Zeit herumfummelt, als hinge ihr Leben daran. Noch eine halbe Stunde, dann wird sie aufbrechen und sich ins Getümmel stürzen.

Sven ist heute Morgen schon um sieben Uhr abgehauen, um sich mit Jens und Marc vor dem Stadion zu treffen, obwohl das Spiel erst um achtzehn Uhr beginnt. Aber was am meisten nervt: Die Nachbarn neben mir haben wohl keine Karten fürs Stadion bekommen und deshalb bestimmt zwanzig Freunde eingeladen, mit denen sie schon seit zwei Stunden am Durchdrehen sind. Ich kann mich also auf einen ziemlichen Krach gefasst machen, sobald das Spiel beginnt. Hoffentlich verliert Deutschland wenigstens, dann rasten sie nicht so aus und lassen mich in Ruhe.

„Kiki, beruhig dich. Ist doch nur ein Fußballspiel, Mann.“

„Aber was für eins, Cynthia! Sicher, dass du nicht doch mitkommen willst?“ Meine Freundin nimmt ihr Glas und trinkt es in einem Zug leer, dann steht sie auf und tigert im Zimmer umher.

„Ja, ich bin mir sicher. Brauchst du irgendwas zur Beruhigung oder so?“, grinse ich, aber Kiki ist schon auf dem Weg zur Toilette, um zum bestimmt siebzehnten Mal aufs Klo zu rennen.

Mein Gott, bin ich froh, dass ich nicht so fußballverrückt bin. Ich glaube, das ist eher ein Fluch als ein Segen, wenn ich mir die Leute so anschaue. Die Bäckerin heute Morgen hat mir mit zittrigen Händen die falschen Brötchen eingepackt, während sie mich verunsichert mit irgendwelchen Prognosen für das heutige Spiel vollgeschwatzt hat. Was hat man denn bitte für einen Spaß an der WM, wenn man die ganze Zeit zittern muss, ob das deutsche Team weiterkommt? Da ist es doch wesentlich entspannter, wenn einem völlig egal ist, wer Weltmeister wird. Emma sieht das übrigens genau so, sie nimmt sich die Spiele immer auf und schaut sie nur an, wenn Deutschland wirklich gewonnen hat, dann muss sie nicht die ganze Zeit bibbern, aber Hardcore-Fußballfans wie Kiki können sich das nicht leisten.

Diese kommt gerade von der Toilette zurück und nimmt ihre Jacke vom Sofa. „Ich haue dann mal ab“, verkündet sie und rückt die alberne Perücke zurecht. „Mach dir einen schönen Abend.“

„Danke“, entgegne ich und stehe auf, aber Kiki ist schon verschwunden.

Da will man sich einmal freiwillig um seine Bankgeschäfte kümmern und dann hängt das Internet. Genervt haue ich auf die Tastatur, aber der Computer steht still, ich kann nicht mal mehr die Sanduhr bewegen, die sich seit einer guten halben Stunde auf dem Desktop befindet. Seit das Internet wegen Überlastung abgestürzt ist und sich mein Browser erst wiederherstellen musste. Ätzend. Es hockt doch alle Welt im Stadion oder vor dem Fernseher, warum muss man dann noch im Internet nach den Ergebnissen schauen? Das Eröffnungsspiel hat vor einer Viertelstunde begonnen, und weil es in der Wohnung nebenan bis jetzt noch relativ still ist, gehe ich davon aus, dass noch kein Tor gefallen ist. Ist mir auch herzlich egal.

Ich schiebe meinen Laptop zur Seite. Das hat heute keinen Sinn mehr. Wenn sowieso niemand Zeit für mich hat, kann ich auch meinen Stoff für die Uni lernen. Demnächst sind die ersten Prüfungen und ich kam bisher noch nicht dazu, mir irgendetwas anzusehen.

Ich ziehe meine Unitasche heran und nehme die Ordner und Bücher heraus. Gerade habe ich meine Mitschriften aufgeschlagen und will mich daran machen, sie zusammenzufassen, als plötzlich meine Nachbarn und ihre Gäste so laut zu schreien anfangen, dass ich im ersten Moment furchtbar erschrecke. Bis mir kommt, dass wahrscheinlich ein Tor geschossen wurde. Warum sind die Wände nur so dünn? Die Leute da drüben schreien sich die Seele aus dem Leib, tröten lauthals und grölen irgendetwas, sie stampfen mit den Füßen auf den Boden und ich warte ungeduldig, bis sie sich einigermaßen beruhigt haben und der Lärm abebbt. Von draußen dringt Gehupe bis zu mir hoch, aber Verkehrslärm bin ich gewohnt.

Ich habe eine ganze Seite und ein bisschen geschrieben, als das zweite Tor fällt. Es ist inzwischen kurz vor Ende der ersten Halbzeit, wenn ich richtig rechne, und die Deutschen scheinen leider nicht schlechter zu werden, denn ohne Vorwarnung geht drüben wieder der Lärm los und ich lasse mich stöhnend zurücksinken. Offensichtlich sind meine Nachbarn jetzt auch nicht mehr gar so nüchtern, denn die Jubelschreie halten länger an und die Fangesänge sind mindestens doppelt so schief wie beim ersten Tor. Ich hoffe, dass die andere Mannschaft schon drei Tore oder mehr hat, dann würde Deutschland nicht gewinnen und meine Nachbarn würden wenigstens nicht bis spät nachts feiern und Lärm machen. Von Autokorsos und Partys auf der Straße mal abgesehen. Aber wenn ein gegnerisches Tor gefallen wäre, hätte ich das mitbekommen. Dann wären die da drüben sicher in die andere Richtung ausgerastet.

Eine ganze Weile habe ich jetzt meine Ruhe. Ich kann mehrere Seiten zusammenschreiben, nur ab und zu höre ich einzelne Flüche und Schreie oder eine Tröte, aber es stört mich nicht weiter. Zwischendurch merke ich, dass Halbzeitpause ist, denn ich höre Schritte sowohl in der Wohnung neben als auch über mir, Toilettenspülungen rauschen.

Rafael hat erzählt, dass die Arbeiter im Wasserwerk die Spiele anschauen müssen, um in der Halbzeitpause irgendeinen Knopf zu drücken, damit mehr Wasser in die Leitungen gepumpt wird, weil zu dem Zeitpunkt ganz Deutschland aufs Klo rennt. Kiki meinte, sie würde ihr Studium sofort abbrechen, um in einem Wasserwerk zu arbeiten („Ich mein ... hallo? Fußballschauen und dafür noch bezahlt werden, wie geil ist das denn?!“). Mir tun die armen Kerle eher leid.

Nach einer Viertelstunde kehrt wieder Ruhe ein, das Spiel geht weiter. Nicht lange, dann fällt offensichtlich das drei zu null. Ich bin gerade dabei, die verschiedenen Kreuzungsschemata leise vor mich hin zu murmeln, als es wieder laut wird. Ich werde aus meiner Konzentration gerissen und räume verärgert mein Zeug zusammen. Ich glaube kaum, dass es einen Sinn hat, heute zu lernen. So wie es aussieht, wird Deutschland gewinnen und dann wird es so laut sein, dass ich meinen Prüfungsstoff sowieso vergessen kann. Ist das nicht langweilig, wenn ein Spiel so früh entschieden ist?

Ich stehe auf und beschließe, ins Bett zu gehen. Dann muss ich mich später nicht über den Krach ärgern. Wenn ich schlafe, bekomme ich das einfach nicht mit.

Doch leichter gesagt als getan. Nachdem ich mich gerade ausgezogen und ins Bett gelegt habe, wird anscheinend mit Fäusten an die Schlafzimmerwand, die direkt an die Nachbarswohnung angrenzt, getrommelt. Auftakt zum nächsten Jubelgeschrei. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Meine Nachbarn haben offenbar beschlossen, dass Deutschlands Sieg nichts mehr im Wege steht, und beginnen schon damit, die Siegerparty zu feiern. Na großartig! Ich schließe die Augen und versuche, den Lärm irgendwie auszublenden, aber es geht nicht. Ich zähle Schäfchen, höre Musik und singe laut mit, aber das Gejubel drüben ist lauter. Ich kann meinen iPod so laut drehen, dass er mich warnt, ich solle meine Ohren schonen ‒ meine Nachbarn übertönen die Musik immer noch. Ich verziehe mich mit meinem Bettzeug in die Küche, das von der Nachbarwohnung am weitesten entfernte Zimmer. Ohne Erfolg.

Irgendwann wird das Spiel ja hoffentlich vorbei und die Fans müde sein. Ich lege mich wieder ins Bett und sage Formeln auf, bis es mir schließlich gewaltig stinkt. Die Party ebbt einfach nicht ab. Entschlossen stehe ich auf, schnappe mir im Gehen meinen Bademantel, werfe ihn über und marschiere zielstrebig auf die Tür nebenan zu. Dort ist der Krach fast unerträglich. Im Hausflur stehen mehrere leere Bierkästen, über die ich fast stolpere, vor der Wohnungstür meiner Nachbarn liegen zwei Pizzakartons. An dem Geruch erkenne ich, dass sie noch gefüllt sein müssen. Kommt davon. Wenn man so laut feiern muss, bekommt man eben nicht mit, wenn der Pizzabote klingelt. Warum der dann so dumm ist und die Pizzen nicht für seine eigene WM-Party wieder mitnimmt? Ich schüttele den Kopf. Wahrscheinlich hat er so viel zu tun, dass es ihm auf das eine oder andere Trinkgeld nicht ankommt.

Dann werden sie wahrscheinlich auch mich nicht hören. Egal. Versuchen kann ich es ja. Entschlossen drücke ich den Klingelknopf, so fest es geht. Nichts passiert. Noch einmal. Wieder nichts. Wütend haue ich mit beiden Fäusten gegen die Tür. Nach drei Versuchen wird die Tür endlich aufgerissen, dröhnende Musik und laute Stimmen kommen mir entgegen wie eine Flutwelle. Automatisch trete ich einen Schritt zurück. Ein junger Mann, vielleicht so alt wie ich, mit beflecktem Trikot, schief sitzender schwarz-rot-goldener Lockenperücke und Bierflasche in der Hand steht mir gegenüber.

„Ahh, Pizza is da!“, lallt er und bricht in schallendes Gelächter aus. „Kommsu auch rein? Willsu mitfeiern?“

Ich kann nichts erwidern, denn in dem Moment springt ein mindestens genauso betrunkenes Mädchen, ich schätze es auf das gleiche Alter, von hinten auf den Rücken des Mannes und kreischt: „Deutschland ist Weltmeister!“

„Tut mir wirklich leid, aber ich finde den Lärm, den Sie veranstalten, nicht angemessen, wenn Sie verstehen, was ich meine“, versuche ich es, obwohl ich weiß, dass diese Menschen ganz bestimmt nicht kapieren, was ich meine.

Das Paar starrt mich einen Moment lang verständnislos an, dann kichert das Mädchen hysterisch, lässt sich vom Rücken des Mannes gleiten, fährt sich durch die langen blonden Haare und hält mir seine Bierflasche hin. „Komm rein und schau den Rest vom Spiel mit uns an.“

Ich schüttele verärgert den Kopf. „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie etwas zu laut sind. Ich würde gerne schlafen und ...“

Bevor ich meinen Satz zu Ende führen kann, drängelt sich Luisa, meine Nachbarin, die das Ganze hier organisiert hat, zwischen den Menschen hindurch. Sie ist immerhin schon Mitte dreißig und betrinkt sich nicht mehr ganz so haltlos. „Cynthia?“ Auch sie trägt ein Trikot und hat auf den Wangen Klebetatoos in Deutschlandfarben, etwas genervt schiebt sie die albern kichernde, junge Frau zur Seite. „Ist etwas?“

Ich komme mir unter ihrem besorgten Blick vor wie ein kleines Mädchen, das alleine daheim ist und die Anweisung bekommen hat, wenn es unter dem Bett spuke, sich an die liebe, nette Nachbarin zu wenden, die sicherlich helfen werde, die Gespenster zu vertreiben.

„Es ist sehr laut“, meine ich verärgert. „Ich würde gerne schlafen und ... ich habe morgen eine wichtige Prüfung“, füge ich flunkernd hinzu.

Luisa runzelt die Stirn. „Oh, das ... das tut mir wirklich leid, aber ...“ Sie sieht etwas ratlos aus. Als wolle sie sagen: „Ist ja schön und gut, dass du morgen deine Prüfung verkackst, aber wir wollen hier nun mal eine WM-Party feiern.“ Fehlt nur noch das Schulterzucken. „Muss halt sein.“

Ich schnaube entrüstet, bevor mir einfällt, dass sie gar nichts dergleichen gesagt hat.

Luisa sucht sichtlich bemüht nach irgendetwas Zuversichtlichem, das sie mir mitteilen kann. „Vielleicht kann ich meinen Gästen sagen, dass sie etwas leiser ...“

Von wegen. Plötzlich schwillt der Lärm wieder an und ich denke mir, dass die Gegner der Deutschen ja wohl nicht so blöd sein und noch ein Tor reinlassen werden, aber irgendwer brüllt: „Vier zu null!“, und mir wird klar, dass das Spiel vorbei ist, die Party allerdings gerade erst richtig anfängt. Schließlich muss man jetzt den Sieg feiern. Autohupen dringen von draußen herein. Irgendwer schmeißt eine Luftschlange in Deutschlandfarben direkt vor meine Füße und im Hintergrund sehe ich vier oder fünf trikotbekleidete Typen in einer Polonaise durch den Flur trampeln, während sie in einer völlig falschen Tonlage die deutsche Nationalhymne grölen.

Ich sehe ein, dass es wirklich keinen Zweck hat. „Ist okay. Vielleicht werde ich jetzt leichter einschlafen.“ Ich ringe mir ein falsches Lächeln ab. „Jetzt wo die größte Aufregung vorbei ist.“ Ich drehe mich auf dem Absatz um und gehe zurück zu meiner Tür.

„Gute Nacht!“, ruft Luisa mir noch hinterher, bevor sie die Pizzakartons reinholt und die Tür schließt.

Der Lärm wird augenblicklich etwas gedämpft, aber nicht lange und er kommt mir wieder genauso laut vor. Langsam beginnt mein Kopf zu dröhnen. Ich lehne mich entnervt und verzweifelt gegen die Wohnungstür. Diese WM macht mich jetzt schon krank.

*

5

„Es war unglaublich!“ Kiki sitzt auf meinem Bett, tippt auf ihrem Handy herum und sieht nur ab und zu davon auf. „Echt, ich freu mich so dermaßen aufs nächste Spiel. Nur glaub ich, dass es gegen Ghana schwieriger wird als gegen Portugal. Vielleicht verlieren wir sogar. Ich mein, wir haben gute Spieler, aber selbst wenn wir verlieren, können wir trotzdem noch Gruppenerster werden, kommt halt drauf an, wie hoch wir verlieren und ...“

„Kiki!“, unterbreche ich sie entnervt. Es sind schon zwei Tage vergangen seit dem Eröffnungsspiel, aber seitdem kennt sie kein anderes Thema mehr. Sie hat mir von jeder Sekunde der Eröffnungsfeier haarklein berichtet und jede Spielminute so oft durchanalysiert, dass ich mich mit diesem Spiel inzwischen wahrscheinlich besser auskenne als die, die es gesehen haben. Aber langsam geht mir ihr Geschwärme etwas auf den Keks. Allerdings ist es immer noch erträglicher als das von Sophie, die mir strahlend die einzelnen Spieler beschreibt und die „offizielle Spielerfrisur der WM“, die sie so sexy findet, und wer nach dem Spiel alles sein Trikot ausgezogen hat und wie sie die ganzen Spielerfrauen beneidet. Sie sitzt neben Kiki und starrt auf den laufenden Fernseher an der Wand, in dem Interviews gezeigt werden. Alle paar Minuten macht sie uns darauf aufmerksam, welcher unglaubliche Typ jetzt gerade wieder ein paar schlaue Sprüche von sich gibt.

„Such dir einen Freund, Sophie“, bemerkt Kiki. „Dann hört dieses peinliche Teenager-Getue vielleicht mal auf. Echt, du bist keine sechzehn mehr!“

„Peinliches Teenager-Getue? Komm erst mal aus dem Kindergarten raus!“, fährt Sophie sie plötzlich an. „Wer lässt sich denn immer noch mit seinem Grundschulspitznamen anreden, Kristina?“

Kiki grinst spöttisch. „Musst es ja nicht tun. Es zwingt dich niemand dazu.“

Ich wende mich meinem Kleiderschrank zu. Tolle Freundinnen. Eigentlich sind sie hier, um mir zu helfen. Morgen fahren Sven, Marc und ich zu Emmas Hochzeit und mir ist beim Einräumen des Schranks ein Kleid in die Hände gefallen, das ich bestimmt schon seit fünf Jahren nicht mehr getragen habe, und jetzt kann ich mich nicht entscheiden, welches ich übermorgen anziehen soll. Ich nehme die beiden Kleider heraus und lege sie aufs Bett.

Die beiden hören sofort auf, sich anzugiften. „Oh, mein Gott, wie wunderschön!“ Sophie beugt sich über das marineblaue Cocktailkleid, das ich eigentlich anziehen wollte. „Zieh das an, bitte!“

„Nein.“ Kiki lässt entschieden ihr Handy sinken und nimmt das andere, ein weinrotes, bodenlanges Abendkleid, zur Hand. Es stammt von meiner Mutter und war ihr irgendwann zu klein. Daraufhin hat sie es mir geschenkt. Ich habe es auf meinem Abschlussball getragen und es passt mir immer noch. „Das hier ist viel eleganter.“

„Ich weiß nicht, vielleicht ...“ Sophie wiegt den Kopf hin und her. „Es wirkt fast schon zu elegant.“

Kiki schüttelt den Kopf. „Das ist eine Hochzeit, Sophie! Keine Party, wie du sie kennst!“

„Aber Cynthia hat gesagt, Emmas Mann ...“

„Zukünftiger Mann.“

„Mein ich ja, Emmas zukünftiger Mann ist Italiener. Und die Italiener feiern immer Partys, egal, aus welchem Anlass, glaub mir.“

Kiki ist immer noch nicht überzeugt. „Aber der Ausschnitt ist zu tief.“

„Was soll das heißen? Es wird Cynthia ja wohl niemand aufs Dekolleté glotzen, wenn Sven danebensteht.“

„Hast du ’ne Ahnung! Mein Ex schaut mir immer absichtlich ins T-Shirt, wenn mein Freund danebensteht. Nur um ihn eifersüchtig zu machen.“

Ich muss lachen. „Das nächste Mal bitte ich nur eine von euch, mir zu helfen.“ Ich setze mich zu meinen Freundinnen aufs Bett. „Ich dachte mir, bodenlange Kleider sind vielleicht nicht mehr so in Mode.“

„Na und?“ Kiki richtet sich auf. „Dann bringst du sie wieder in Mode! Die Tochter meines ehemaligen Kunstlehrers ...“

„Ja, Kiki, ist gut“, unterbricht sie Sophie. Dann wendet sie sich an mich. „Cynthia, zieh einfach an, worin du dich am wohlsten fühlst.“

„Das hast du schön gesagt“, meint Kiki mit einem spöttischen Unterton.

„Ja ...“ Ich schaue unschlüssig von einem Kleid zum anderen. „Mal sehen, ich nehme einfach beide mit. Kann mich ja kurzfristig entscheiden.“

„Ich würde so gerne mitkommen.“ Sophies Blick wird verträumt. „Ich will auch mal wieder auf eine Hochzeit.“

„Dann such dir einen Mann und heirate. Hab ich dir schon hundertmal gesagt. Wenn du nicht bald mit deinen Fußballern aufhörst, findest du nie einen“, meint Kiki ernst.

Sophie lächelt triumphierend. „Ich sag dir, ich werde die Vierundzwanzig heiraten.“

„Ach ja?“ Kiki lacht trocken. „Wie willst du denn bitte an den drankommen?“

Sophie sieht uns verschwörerisch an. „Ich habe Connections.“

Kiki muss sichtlich eine spöttische Grimasse unterdrücken. „Und woher bitte?“

Sophies Lächeln verschwindet. „Bist du jetzt eifersüchtig oder was?“

„Ich mein ja nur. Denk doch mal realistisch, glaubst du, der gibt sich mit einer Archäologie-Studentin zufrieden, wenn er jede haben kann? Irgendwann angelt der sich ein Unterwäschemodel wie jeder andere auch.“ Kiki schüttelt den Kopf.

„Wer sagt das denn bitte?“ Sophie richtet sich auf, in ihrem Gesicht bilden sich hektische rote Flecken. „Nur weil so gut wie jeder Spieler mit einem Model zusammen ist? Ich denke realistisch, Kiki, ich kenne ihn. Persönlich!“ Sie gerät in Rage. „Vielleicht nicht ich, aber meine Tante ist mit seiner Mutter eng befreundet. Und das seit Jahren! Wir saßen, glaub ich, sogar mal zusammen im Sandkasten. Und du meinst, der sucht sich seine Freundin nach dem Beruf aus? Man kann doch nicht steuern, in wen man sich verliebt. Was, wenn er sich in eine Putzfrau verguckt? Oder in eine Arbeitslose? Dann liebt er sie trotzdem. Man verliebt sich in einen Menschen, nicht in den Beruf!“ Zornig steht sie auf, nimmt ihre Tasche und stürmt mit einem „Nur weil du mit einem langweiligen Datentechniker zusammen bist“ aus dem Zimmer. Ich höre ihre Absätze auf dem Parkett klappern und kurz darauf die Haustür schlagen.

Kiki schnaubt. „Jetzt hat sie sich selbst widersprochen.“

Ich seufze. „Das musste ja jetzt sein.“

Meine Freundin starrt mich an. „Die macht sich ernsthaft Hoffnungen bei dem! Ich würde ja sagen, das ist lächerlich, aber das ist keine bloße Schwärmerei mehr. Sie ist total besessen von dem Gedanken, an ihn ranzukommen, irgendwann fängt sie an, ihn zu stalken.“

„Wenn sie sagt, sie kennt ihn ...“

„Du hast doch gehört, was sie gesagt hat! Ihre Tante kennt seine Mutter. Das ist einfach naiv.“ Kiki ist immer noch sauer.

„Wer ist denn die Vierundzwanzig überhaupt?“, frage ich vorsichtig.

Kiki überhört meine Frage. „Welches Kleid ziehst du denn jetzt an?“

Sven liegt neben mir und atmet gleichmäßig, während ich an die Decke starre. Morgen früh werden wir um sieben Uhr im Zug nach Rottweil sitzen und zu Emmas Hochzeit fahren. Was heißt morgen - heute. Denn es ist schon weit nach Mitternacht und ich kann immer noch nicht einschlafen. Es ist schwül im Zimmer und ich schwitze, obwohl ich bis auf die Unterwäsche nichts trage und meine Bettdecke irgendwo auf dem Boden herumliegt. Das Mondlicht lässt bizarre Silhouetten über die Decke tanzen. Ich drücke mein Gesicht in die kühle Seide des Kissens und warte darauf, dass der Schlaf kommt. Meinetwegen kann es auch ein Albtraum von Fußball sein, aber im Moment scheint sich mein Ruhemodus nicht einschalten zu wollen.

Ich denke an Sophie. Man könnte meinen, sie kann jeden haben. Blonde Haare, hübsches Gesicht, eine Oberweite, um die sie genug Kommilitoninnen beneiden. Sie folgt jedem Trend, trotzdem hatte sie schon zwei Freunde, die sie nach einer Woche sitzen ließen, weil sie gemerkt haben, dass Sophie ein Mensch ist und keine Barbie, mit der sie machen können, was sie wollen. Jedes Mal hat Sophie sich bei mir ausgeheult, jedes Mal musste ich sie trösten. Ich habe ihr immer gesagt, sie solle sich nicht willkürlich Typen herauspicken, sondern auf den richtigen warten. Nur was, wenn der nicht kommt? Ich habe gut reden, denn ich habe Sven. Kiki hat Jonas, ihren langweiligen Datentechniker. So langweilig ist der gar nicht, bevor Kiki mit ihm zusammen war, und sogar noch am Anfang ihrer Beziehung, habe ich heimlich auf ihn gestanden.

Sophie meint immer zu mir, sie könne es sich leisten, wählerisch zu sein. Aber ein Fußballspieler der Nationalelf? Mag sein, dass die alle gut aussehen, und vielleicht kennt Sophie den einen wirklich, aber es erscheint mir ungefähr so realistisch, eine Beziehung mit einem Fußballer zu führen wie mit einem Popstar. Und Sophie kennt ihn noch nicht mal persönlich - sie hängt ihm irgendeinen Charakter an, der zu ihm passt, aber sie wird enttäuscht sein, wenn er vor ihr steht und ganz anders tickt.

Ich würde mich für Sophie freuen, aber sie hätte doch kein Privatleben mehr. Sie steht zwar gerne im Mittelpunkt, aber ob der Status Spielerfrau das Richtige für sie wäre? Würde sie nicht abheben? Was würde aus ihrer Freundschaft zu Kiki und mir werden? Oder wäre sie frustriert, dass sie immer nur im Schatten ihres Freundes stehen, immer nur als Anhängsel angesehen werden würde? Wie würde sich das auf die Beziehung auswirken?

Mir dröhnt der Kopf und stöhnend setze ich mich auf. Ich nehme mein Handy vom Nachttisch. Vor zwei Wochen war Emmas Junggesellinnenabschied, und weil ich am Tag danach eine Prüfung gehabt hatte, konnte ich ihre Einladung leider nicht annehmen. Vielleicht hat sie ja Lust, mir Bericht zu erstatten.

*

6

Den nächsten Tag bekomme ich nur im Halbschlaf mit. Bis um fünf Uhr habe ich mit Emma telefoniert. Ich habe sie mehrmals aufgefordert, ins Bett zu gehen, aber sie hat das Telefonat als willkommene Gelegenheit gesehen, mich mit ihren Sorgen bezüglich ihres Hochzeitstages vollzujammern, und als gnädige Cousine habe ich mir natürlich alles angehört und beruhigend auf sie eingeredet. Leider - denn als Sven aufstand, war ich gerade eingeschlafen, und als er fertig angezogen an der Tür stand und noch mal das Gepäck durchsah, war ich gerade erst auf dem Weg ins Badezimmer.

Zum Bahnhof fährt zum Glück Sven. Er scheint frustriert, dass ich nicht wirklich zu einem Gespräch aufgelegt bin, aber als Marc, der mit uns fährt, einsteigt, kommt etwas Leben ins Auto. Während ich vor mich hin döse, fachsimpeln sie eifrig über das morgen anstehende Spiel und beschweren sich darüber, dass man die Hochzeit doch auch auf einen anderen Tag hätte legen können.

Sosehr ich mich auch bemühe, im Zug kann ich nicht schlafen. Ich versuche es mit Musik, höre den Akku meines iPods leer und will mit Svens Musik weitermachen, aber als ich sehe, dass er im Moment nur irgendwelche So-klingt-die-WM-Alben mit diversen Fußballhymnen gespeichert hat, lasse ich es sein.

In Rottweil steigen wir aus und müssen in der Jugendherberge, in der wir übernachten werden, ewig in der mit Deutschlandflaggen und Blumenketten geschmückten Eingangshalle herumsitzen und warten, bis wir auf die Zimmer können. Noch bevor ich mein Bett mit der üblichen umständlichen Jugendherbergsbettwäsche beziehen kann, klappe ich zusammen und sinke in einen traumlosen Schlaf, bis Sven und Marc mich verärgert wecken - in Anzug und Krawatte.

„Cynthia! Herrgott, in einer Stunde ist die Trauung!“, schreit Marc mich wach.

Ich schrecke hoch. Schon der nächste Morgen? Ich habe echt nichts mehr mitgekriegt, nachdem ich eingeschlafen bin. Dem Himmel sei Dank, bin ich nun halbwegs fit. Eine Stunde? Mist.

Blitzschnell springe ich aus dem Bett, vergesse, dass es ein Hochbett ist, humpele zum Bad, stelle mich zwei Minuten unter die kalte Dusche und lasse mir von Sven die Haare föhnen, während ich in das blaue Cocktailkleid schlüpfe. Jetzt bin ich froh, dass die Zeit so knapp ist, da kann ich gar nicht lange herumstehen und überlegen, welches Kleid ich anziehen soll. Insgesamt brauche ich nur rekordverdächtige zwanzig Minuten, um mich anzuziehen, zu schminken und zu frisieren. Als ich in meine Sandalen schlüpfen will, merke ich allerdings, dass meine Strumpfhose eine Laufmasche hat und ich meine Ersatzstrumpfhose nicht finden kann. Ich hasse zwar meine Beine, beschließe aber trotzdem, ohne Strumpfhose zu gehen. Jedoch ist mein Fuß angeschwollen (verdammtes Hochbett!) und das Riemchen meiner Sandale geht nicht zu, egal, wie sehr ich daran reiße.

„Scheiße!“, fluche ich und sehe panisch zu Marc empor, der ungeduldig im Türrahmen lehnt. „Was soll ich denn jetzt machen? Ich kann doch nicht mit diesen ausgelatschten Dingern in die Kirche gehen.“

Mein Bruder muss sich sichtlich ein Grinsen verkneifen. „Geht offensichtlich nicht anders.“

Sven kommt aus dem Bad. „Zieh doch einfach das andere Kleid an“, schlägt er achselzuckend vor.

„Oh Gott, ja. Danke, Sven, du bist ein Schatz!“, rufe ich und erlaube es mir tatsächlich noch, meinem Freund einen Kuss auf die Wange zu drücken, der einen roten Lippenstiftabdruck hinterlässt, bevor ich mich fluchend aus dem blauen Kleid schäle und in das rote steige. Der Reißverschluss am Rücken klemmt etwas, aber das ist mir jetzt egal. So sieht man wenigstens meine Beine nicht. Etwas widerwillig schnüre ich meine Sneakers zu und ziehe das Kleid lang, damit es über meine Fußspitzen fällt. Sieht irgendwie spießig aus. Egal jetzt.

Pünktlich zum Glockenspiel kommen wir in die Kirche. Zum Glück sind wir noch vor der Braut da, trotzdem sehen uns die anderen Gäste etwas kritisch an, und kaum sitzen wir, wird Emma von ihrem Vater durch den Mittelgang hereingeführt. Gerührt greife ich nach Svens Hand. Emmas Kleid ist atemberaubend, und weil sie sich eigentlich nie schminkt, ist es ein ungewohnter Anblick, sie so perfekt gestylt zu sehen.

Bei den ersten Worten des Pfarrers dämmere ich noch etwas vor mich hin. Das Adrenalin von vorhin, nachdem ich aus dem Schlaf gerissen wurde, ist abgeflaut. Die einlullenden Worte des näselnden Pfarrers, und dass er immer wieder auf die Weltmeisterschaft und das heutige Spiel zu sprechen kommt, tun ihr Übriges.

Nach dem ersten Lied, bei dem mir sogar die Augen zufallen und Sven mich verärgert anstößt, muss ich mich mit den Kindern, die bei uns in der zweiten Reihe sitzen, herumplagen. Sie scheinen den Gottesdienst genauso spannend zu finden wie ich, kriechen unter den Bänken herum, nerven sich gegenseitig oder ihre Eltern und tuscheln so laut, dass man es in der letzten Reihe noch hört. Ich bemühe mich vergebens, setze sie auseinander oder weise sie im Flüsterton zurecht, sie strecken mir allerdings höchstens die Zunge raus oder ignorieren mich ganz.

Kein Wunder, das sind Cousins, Neffen oder Nichten von mir, die mich nie als Respektsperson angesehen haben und daher auch jetzt nicht einsehen, warum sie auf mich hören sollten. Erst als aus den hinteren Reihen von einer der angespannten Mütter ein Stapel Fußballsammelkarten nach vorne gereicht wird, herrscht Ruhe. Ich schüttele fassungslos den Kopf, während sich die Kinder aufgeregt über die Karten beugen.

Meine Aufgabe bis zum Jawort ist es von da an, die auf den Boden fallenden Karten aufzuheben, damit die Kinder nicht wieder unter den Bänken herumkriechen. Sophies Schwarm fällt mir wieder ein, aber als ich auf den Karten nachschauen will, was für ein Typ die Vierundzwanzig ist, wollen die Kleinen sie mir nicht zeigen.

Beim Jawort, bei dem Emma erste Tränen vergießt (ich bin froh, dass ich ihr gestern geraten habe, Taschentücher in ihren kleinen Beutel zu packen), muss ich unwillkürlich seufzen und Sven sieht mich etwas merkwürdig von der Seite an. Erleichtert schließe ich daraus, dass er mir wohl nicht so bald einen Heiratsantrag machen wird. Ich glaube, im Moment fühle ich mich noch zu jung für eine Hochzeit. Ich will erst mal mein Studium beenden und dann vielleicht, aber jetzt ... Andererseits: Würde Sven mich in naher Zukunft fragen, könnte ich dann ablehnen?

Nach dem Gottesdienst haben Emma und Ricardo, offiziell nun ihr Mann, einen Fototermin, und während sie weg sind, stehen wir Gäste vor der Kirche herum. Brezeln und Käsebrötchen werden angeboten, Sekt wird ausgeschenkt und ich muss einer Reihe Leute die Hand schütteln, die ich nicht im Entferntesten kenne, und so tun, als würde ich mich freuen, sie zu sehen. Außerdem treffe ich meine Mutter Lisbeth. Sie und mein Stiefvater Karl kommen auf mich zu, während ich mit Sven an einem der Tische stehe und von Marc erklärt bekomme, wer die Gruppe Leute ist, von der wir gerade eben überschwänglich begrüßt wurden, und woher ich die Frau kenne, die zu mir gesagt hat, dass ich groß geworden sei.

„Cynthia, da bist du ja!“ Meine Mutter kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. „Und du hast sogar mein Kleid an, wie schön.“ Sie drückt mich an sich und über ihre Schulter hinweg weiche ich Karls Blick aus. Schon immer habe ich das Gefühl, er findet mich irgendwie reizvoll, denn er starrt stets so ungeniert auf meine Oberweite, dass ich nun hoffe, dass Sophies Argument, in Svens Begleitung würde niemand in meinen Ausschnitt glotzen, auch wirklich stimmt. Ich frage mich echt, was meine Mutter damals dazu veranlasst hat, Karl zu heiraten.

Dem muss ich zum Glück nur die Hand schütteln und leider feststellen, dass Sophies Aussage keineswegs richtig ist. Am liebsten hätte ich das Kleid höher gezogen, aber das geht ja nicht, weil sonst jeder meine ausgelatschten Schuhe sehen kann.

„Willst du einen Sekt, Kind?“ Meine Mutter wuselt um mich herum und kommt mit einem Glas wieder.

„Danke, ich hab noch.“ Ich hebe mein halbvolles Glas Orangensaft hoch. Alkohol ist nicht so meins, seit ich Kiki auf der Abschlussfahrt der Realschule dabei zusehen musste, wie sie völlig bleich im Gesicht auf den Bordstein kotzte und hinterher den ganzen Abend nur noch wirres Zeug redete.

„Mama, heute Abend ist Fußball.“ Marc nimmt sich ein Käsebrötchen und beißt frustriert hinein. Als ob unsere Mutter etwas dafür oder es ändern könnte.

„Die Gaststätte hat einen Fernseher“, wirft Karl ein. Mit meinem Bruder hat er sich schon immer prächtig verstanden. Vielleicht wegen ihrer gemeinsamen Fußballsucht. Karl und Marc haben sich früher jedes Spiel zusammen angesehen, egal, welche Liga oder welche Meisterschaft.

„Echt?“, mischt sich Sven hellauf begeistert ein. „Ich dachte schon, ich müsste es mir hinterher ansehen.“

Auch Marc wirkt um einiges erleichtert. „Werden wir da schauen können?“

Karl hebt die Schultern. „Ich weiß es nicht, ich habe es nur gehört.“

„Na, besser als nichts.“ Sven strahlt.

Meine Mutter nimmt mich am Arm und wir entfernen uns von den Männern, die sofort wieder in ihrem Element sind. „Das hatte ich befürchtet“, sagt sie kopfschüttelnd.

„Und selbst wenn nicht, hat doch jeder ein Smartphone“, grinse ich. „Anderthalb Stunden wird da nichts laufen.“

Meine Mutter lacht. „Wann ist denn das Spiel?“

„Das fragst du mich?“ Ich muss ebenfalls lachen. „Ich habe keine Ahnung.“

„Es freut uns natürlich sehr, dass ihr alle gekommen seid, um diesen besonderen Tag mit uns zu verbringen.“ Emma strahlt in die Fotolinsen, die auf ihr ruhen. Diese Rede, bevor das Buffet im Restaurant eröffnet wird, hat sie gestern Nacht mit meiner Hilfe geschrieben. „Schließlich wollen wir, Ricardo und ich, diesen Tag in besonders guter Erinnerung behalten. Und wie kann man etwas besser in Erinnerung behalten, als wenn man es gemeinsam mit den wichtigsten Menschen erlebt?“

Vereinzelte Lacher. Ich bin froh, dass Emma nicht, wie sie gestern noch meinte, einen Zettel in den Händen hält. Sie befürchtete, sie könne sich diesen ganzen Text nie im Leben merken. Dafür klappt es ganz gut.

„Ich erinnere mich noch gut an die erste Begegnung mit jedem Einzelnen von euch.“ Emma lächelt sehnsüchtig. „Teilweise war ich noch ganz klein, teilweise schon in der Schule oder noch älter. Und bei jedem von euch wusste ich von Anfang an: Du bist besonders. Du wirst einmal einer dieser wichtigen Menschen sein. Tja“, sie lässt ihren Blick über die Menge schweifen, „und jetzt seid ihr hier. Und ich hoffe sehr, dass ihr noch eine Weile hierbleiben werdet und diese Momente mit uns genießt.“ Sie nickt abschließend und grinst mir zu. Ich hebe triumphierend den Daumen.

Ricardo räuspert sich kurz. „Ja, auch von meiner Seite den herzlichsten Dank. Es wurde eigentlich schon alles von meiner lieben Frau ‒ jetzt darf ich sie endlich offiziell so nennen ‒ gesagt. Ich wollte jedoch noch mal meinen Freunden danken, dass sie mich überredet haben, meinen Junggesellenabschied nicht gestern zu feiern ... sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht hier. Zumindest nicht so wach.“ Er macht eine kurze Pause, um die Leute zu Ende lachen zu lassen. „Ich will euch alle jetzt nicht mit langen Reden quälen, genießt den Tag und das Essen ‒ das Buffet ist eröffnet!“

Alle klatschen und die Ersten stürmen prompt nach vorne zum Buffet. Sven und ich warten, bis der größte Ansturm vorbei ist, und begeben uns dann nach vorne. Die Auswahl ist beinahe schon zu groß.

„Ich glaube, ich probiere einfach von allem etwas“, verkünde ich meinem Freund, der genauso unschlüssig vor den herrlich duftenden Speisen steht.

„Wie einfach war das, als man ein Kind war. Schnitzel mit Pommes und man war glücklich“, seufzt er.

Ich muss lachen, drücke ihm im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange und lade mir das Erstbeste auf den Teller.

Alles kann ich dann doch nicht probieren. Nach der zweiten Portion bin ich schon fast satt und Emma hat für später noch Nachtisch angekündigt, weswegen ich mich zusammenreiße.

Mein Onkel hält eine lange, langweilige Rede und meine Tante flüstert mir angenervt zu, dass er sich ein bisschen zu gerne selbst reden hört. Sie wiederum trägt etwas später ein noch längeres, selbst verfasstes Gedicht vor, das mir beinahe noch langweiliger vorkommt. Trotzdem immer brav klatschen und lachen. Hochzeitszeitungen werden verteilt, und während Emma, zwei ihrer Schwestern und ich über den lustigen Gedichtchen, Kinderfotos und Rätseln sitzen, wird die Traube weißer Hemden um einen der Tische herum immer größer.

Emma sieht auf. „Was machen die da?“

Ihre Schwester Karoline seufzt. „Was wohl?“

Kathrin, die dritte im Geschwisterbunde, schiebt sofort ihren Stuhl zurück. „Hat es schon angefangen?“ Sie wirft einen Blick auf ihre mit Perlen besetzte Armbanduhr und springt auf. „Ach, Mist, jetzt hab ich den Anpfiff verpasst.“ Sie drängelt sich zwischen den Männern durch bis nach vorne zum Tisch und ruft uns zu: „Null zu null!“

„Hat ja auch gerade eben erst angefangen“, meint Emma schmunzelnd und blättert die Zeitung um. „Ich glaube kaum, dass es wieder zwei zu null nach der ersten Halbzeit steht.“

„Kommen sie weiter, wenn sie gewinnen?“, fragt Karoline, die genauso viel Ahnung von Fußball hat wie ich.

Emma sieht sie kichernd an. „Mann, Karoline, das entscheidet sich doch jetzt noch nicht.“

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Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
12 noyabr 2025
Həcm:
232 səh. 5 illustrasiyalar
ISBN:
9783960742821
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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