Kitabı oxu: «Sekten, Sekt und Selters - Ein Moselkrimi»

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Carl von Lieser

Sekten, Sekt und Selters - Ein Moselkrimi

Saga

Sekten, Sekt und Selters - Ein MoselkrimiCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2006, 2019 Carl von Lieser und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726296556

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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1. Frühsport

Es war eine völlig neue Angewohnheit für mich, aber ich muß zugeben, seit ich es tat, fühlte ich mich deutlich wohler in meiner Haut. Statt verkatert wie früher erschien ich jetzt frisch und beschwingt zum Unterricht. Seit Ende der Sommerferien, mit Beginn des neuen Schuljahres, war ich ein Lehrer mit Vorbildcharakter, zumindest was die Aspekte körperlicher Fitneß anging. Dreimal in der Woche Jogging zwischen sechs und halb sieben in der Frühe - vor Wochen hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir das prophezeit hätte. Aus freien Stücken hätte ich mich niemals dazu aufgerafft, das stimmt. Es war wie immer, wenn Männer grundlegende Dinge in ihrem Leben ändern, eine Frau im Spiel. Naomi, die afrostämmige, schwarze deutsche Frau, seit Mai letzten Jahres meine Freundin, war nach den Sommerferien endgültig bei mir eingezogen, in meine Drei-Zimmer-Wohnung am Irrbach in Trier-West, nicht einmal einen Katzensprung vom antiken Lenus-Mars-Tempel entfernt.

Bis vor wenigen Wochen joggte Naomi allein in aller Herrgottsfrühe übers Gestade ihres Wohnortes, dem romantischen Mittelmoselstädtchen Bernkastel-Kues. Seit über einem Jahr übte sie sich also im Pendelverkehr zwischen Bernkastel, Uni Trier und Irrbach, unserem gemeinsamen Liebesreich. Nun hatte sie es geschafft, nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihr Bernkasteler Frühsportprogramm von dort nach Trier-West zu verlegen. Und sie hatte sogar sehr viel mehr geschafft, geradezu Ungeheuerliches hatte sie vollbracht, nämlich mich, einen mordsmäßigen Sportsaboteur, in ihr Fitneßprogramm zu integrieren. Sie hatte eine Ader dafür, die Sache geschickt einzufädeln. Es war damals, im September, als es morgens um sechs noch finster war, weil die Tage rasch kürzer wurden, die Sonne später aufwachte, - da hatte sie die Chance beim Schopf gepackt, mich einzuwickeln. Die Runde über den Moselradweg zwischen Südbrücke und Römerbrücke sei ihr zu unheimlich geworden in der Dunkelheit, hatte sie geklagt, kurz und gut, sie habe Angst, die Strecke weiterhin alleine zu laufen. Ich glaubte ihr dies von Beginn an nicht. Dennoch stimmte ich ihr zu, schließlich lag der Rotlichtbezirk der Stadt ja unmittelbar am Weg, da sollten sich Frauen im Dunkeln nicht ohne Begleitung hinwagen. Sie hatte recht, aber sie hätte auch einen anderen Weg laufen können, den Feldweg ins friedliche Zewen zum Beispiel, da gab's zumindest kein Freudenhaus unterwegs. Aber sie liebte die Moselstrecke, sagte sie, und sie ließ keinerlei Zweifel aufkommen: ich mußte sie begleiten! Ich, Matz Mendgen, Gymnasiallehrer für Franz und Spanisch am Trierer Heinrich Heine-Gymnasium (HGT), hart an der Grenze zu Vierzig, also in der Mitte des Lebens stehend, nahm Naomis Ansinnen zum Anlaß, meinen Körper selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen. Und dabei fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Frau hatte recht, mein ehemals filigraner Bauchansatz drohte inzwischen zum Rettungsring auszuufern. Ich hatte plötzlich Übergewicht, obwohl ich doch bis vor fünf Jahren noch Idealmaße hatte, wenn ich mich recht erinnerte. Wieso hatte ich die Wandlung nicht selbst längst wahrgenommen? War ich etwa geblendet? Etwa wegen der Liebe zu Naomi, meiner Verliebtheit, die mich öfters als einmal schon blind gemacht hatte? Blind vor Glück, nicht blind vor Wut. Nein, die Waage im Bad log nicht. Und welche Frau von 26 Jahren möchte einen alternden, verölten Fettwanst als Mann an ihrer Seite haben? Recht hatte sie, - und wie sie recht hatte! Mir war sofort klar: das würde Schweiß bedeuten! Die praktische Anwendung der einst genossenen Unterrichtsstunden in Schulphysik sagten mir, daß ein Kilo Wasser aus rund 48.000 Tropfen bestand, und bei Fett konnte das nur unwesentlich anders sein. Und jetzt rechnen Sie das bitte selbst mal nach, bezogen auf Ihr Übergewicht, werte Leserinnen und Leser! Bei mir ging's in die Millionen! So manches Faß habe ich inzwischen von dieser salzigen Brühe vergossen, die mir bisher nur von diversen winterlichen Saunagängen im Stadtbad her bekannt war. Einmal abgesehen von gelegentlichen Kraftanstrengungen sexueller Art.

Jetzt, drei Tage vor den Herbstferien, war beides kein Thema mehr, weder mein Übergewicht, noch das regelmäßige Laufen am Morgen - bei Wind und Wetter, jeden zweiten Tag. Ich sah schon fast aus wie Joschka Fischer damals, nachdem er sich zum Außenminister gehäutet hatte. Nur hin und wieder machte ich eine Ausnahme, wie heute früh zum Beispiel, denn es war Mittwoch, und ich war verdammt schlecht vorbereitet für die fünf Stunden Unterricht, die ich in fünf verschiedenen Klassen nacheinander zu geben hatte. Mittwochs war ein echter Streßtag für mich. Also gab ich meiner schwarzen Frühaufsteherperle einen Kuß und ließ sie alleine lostigern. In solchen Augenblicken bewunderte ich ihre Zielstrebigkeit; Was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich von niemandem mehr streitig machen. Sie hatte einen Quadratkopf, hart wie Beton, aber zum Reinbeißen attraktiv, wobei letzteres beileibe nicht nur für den Kopf Gültigkeit hatte!

Naomi hatte lange gezögert, sich auf das Wagnis einzulassen, zu mir zu ziehen, aus unserer Schön-Wetter-Turtelei sozusagen eine Vollzeitbeziehung zu machen. Immerhin kannten wir uns gut anderthalb Jahre, - da sind andere ja oft schon verheiratet und wieder geschieden. Der Grund für ihr monatelanges Abwägen mußte etwas mit mir zu tun haben, vielleicht mit meinem mangelnden Talent für hausfrauliche, oder besser: hausmännliche Tätigkeiten, mit meinen bescheidenen Ansprüchen an Hygiene und häusliche Reinlichkeit. Sie fürchtete wohl, ich wollte sie als preiswerte Dienstmagd benutzen oder mißbrauchen. Und aller Erfahrung nach waren diese Bedenken nicht von der Hand zu weisen. Ich selbst kannte genug solcher Fälle in meinem Bekanntenkreis, gepflegte Herr-und Dienerin-Beziehungen. Aber ich wollte anders sein, hoch und heilig versprach ich Naomi das Blaue vom Himmel. Und ich setzte Zeichen: ich belegte nacheinander mehrere Intensiv- oder Crashkurse in Kochen, Hauswirtschaft und Heimwerken - alles Dinge, die ich mir früher nur als Stoff übler Alpträume ausgemalt hätte. Aber was tut Mann nicht alles, um die Angebetete endlich ins Nest zu bekommen!

Jetzt war es soweit. Ich war am Ziel meiner Träume. Seit sechs Wochen lebten wir als Paar unter einem Dach. Unsere schmetterlingshafte Wochenend-Genußbeziehung mit gelegentlichen Unter-der-Woche-Terminen war zu Ende, jetzt lief der Ernstfall, die Nagelprobe für jede Beziehung. Würde es einen Count-Down geben? Oder würde es jetzt erst richtig los gehen mit dem (Liebes-) Leben?

Ich war soeben dabei, die neue Französisch-Lektion für eine 12. Klasse zu überfliegen, als ich Geräusche vom Treppenhaus her hörte.

"Matz! Maaatz!!!" Naomis angstverzerrte Stimme fuhr mir in die Knochen. Sie war vielleicht gerade mal 15 Minuten weg gewesen, und unter einer halben Stunde tat sie es für gewöhnlich nicht.

Ich ließ Lektion Lektion sein und stürzte ihr wie benommen entgegen. Im Flur prallten wir aufeinander. Naomi standen die Tränen in den Augen, sie weinte leise. Ich drückte sie fest an mich.

"Was ist mit dir, Schatz?" flüsterte ich. Ich wagte mir gar nicht auszumalen, was alles Schlimmes passiert sein könnte.

"O, Matz", wisperte sie mit erstickter Stimme, "ich hab einen Toten gesehen, einen jungen Mann, im Auto. Er hat sich nicht mehr bewegt. Er ist tot, der muß tot sein!"

"Wo hast du ihn gesehen, wo steht das Auto?"

"Am Moselufer, mitten auf dem Radweg. Der Motor..."

Naomi schien völlig benebelt zu sein. Ich löste mich behutsam aus der Umklammerung und führte sie sanft in die Küche. Wir setzten uns an den Eßtisch, auf dem sie vor dem Jogging schon unser Frühstück vorbereitet hatte.

"Bist du sicher, daß der Mann tot war? Hast du etwas unternommen? Die Polizei verständigt?"

"Nein, wie denn? Es war doch noch dunkel. Nur der Motor lief. Ich habe mit der Taschenlampe hineingeleuchtet, da hab ich ihn gesehen. Ein junger Mann, nach vorne aufs Lenkrad gekippt."

"Hast du versucht, die Tür aufzumachen?"

"Ach, Matz! Warum bist so furchtbar rational? Was glaubst du, was ich für ein Gefühl hatte, als ich ihn sah? Ich war total erschrocken, meine Knie zitterten, mich hat fast der Schlag getroffen. Die Tür war verschlossen, alle Türen am Auto waren verschlossen. Als ich dann den Schlauch gesehen habe, bin ich weggelaufen..."

Wieder flennte sie, Tränen rannen über ihre Wangen.

"Was für ein Schlauch?" fragte ich.

Dann funkte es in meinem Hirn. Die Antwort stand im Raum, ich hätte sie mir selbst geben können.

"Am Auspuffrohr war ein Schlauch befestigt, der ging in den Kofferraum, da muß einer ein Loch reingemacht haben, denn das Schloß war zu."

Das klang nach Selbstmord, Vergiftung durch Autoabgase, Tod durch Kohlenmonoxid. Da hatte sich wohl einer gezielt vom Leben verabschiedet, sich die Atemluft abgestellt. Einer dieser tragischen Fälle, die sich gar nicht so selten ereignen. Zu idiotisch, daß Naomi in sowas reingezogen werden mußte. Zu dumm auch, daß ich wieder meinen Unterricht nicht frühzeitig vorbereitet und ihr deshalb in der Stunde des Schreckens nicht zur Seite gestanden hatte. Das Schicksal hat manchmal viel Sinn für schwarzen Humor.

Draußen dämmerte es, als ich die Polizei anrief. Es war nicht schwer, den Fundort zu beschreiben, westlicher Moselradweg, etwa mittig zwischen Südbrücke und Römerbrücke, eigentlich ein saudoofer Ort für Suizide, wie ich fand. Dennoch reizte mich irgendwas an der Sache. Ich beschloß, mit dem Rad runterzufahren, eine Sache von Minuten. Die Frage war nur, könnte ich Naomi mit ihrem Schock alleine lassen?

"Ich fahre mit, Matz." Sie mimte die Obercoole, aber es war wirklich nur gespielt.

"Nein, bitte, Naomi, tu dir das doch nicht nochmal an! Bleib bitte hier und erhol dich von dem Schock."

"Schon gut, Matz, wenn du dabei bist, geht’s mir schon besser, dann schaff ich das schon. Keine Sorge. Ich bin doch keine Zimperliese, mich wirft so schnell nichts um." Was sie sagte, stand im krassen Gegensatz zu ihrer Körperhaltung, die in etwa der eines angeschlagenen Boxers in der neutralen Ecke entsprach. Aber es half nichts, wenn sie es sagte, meinte sie es auch so, und wenn sie es so meinte, wurde es auch so gemacht. Ich hatte jetzt keine Lust auf ein selbstmörderisches Wortgefecht mit ihr. Also schwangen wir uns auf die Räder.

Zwei Streifenwagen gaben dem trüben Oktobermorgen etwas Farbe, um nicht von Glanz zu sprechen. Ein halbes Dutzend Beamte hatten den Standort des schwarzen VW-Golfs inzwischen abgesperrt, das heißt, sie gaben sich keine große Mühe damit, denn um diese Uhrzeit war hier noch keinerlei Publikumsverkehr. Da ich meinen Reporterausweis der Anderen Zeitung, AZ, dabei hatte, durfte ich die provisorische Absperrung passieren, sogar in Begleitung von Naomi - immerhin hatte sie ja den Hinweis gegeben, und sie war die erste und vermutlich einzige Zeugin. Ich zückte meine neue Pocketkamera und schoß schnell ein paar Fotos, denn ich wußte, die Polizei würde mir das gleich verbieten, wenn sie es merkten. So wars dann auch.

"Bitte keine Fotos, Herr Mendgen, das ist eine Anweisung von ganz oben."

Von wo oben bitte, vom Herrgott persönlich etwa? Ich unterdrückte die Provokation, die mir auf den Lippen lag. Nun erkannte ich den Einsatzleiter, es war Oberkommissar Haverkamp. Ich hatte vor einiger Zeit mit ihm zu tun gehabt, als in meine Wohnung eingebrochen worden war.

"Schon gut, Herr Haverkamp. Ist ja auch nichts Fotogenes zu sehen", beruhigte ich den Beamten. Sie hatten die Fahrertür des Wagens aufgebrochen, den Motor abgestellt und den Toten auf eine Decke gelagert, die auf dem Radweg ausgebreitet war.

"Wissen Sie schon, wer der junge Mann ist?" fragte ich Haverkamp. Der hielt sich bedeckt, gab sich sehr beschäftigt in Sachen Spurensicherung. Zwei seiner Beamten suchten tatsächlich die Uferböschung ab - im Sommer beliebte Liegefläche für Sonnenanbeter.

"War es Selbstmord?" Ich versuchte, einen Ansatz für ein Gespräch zu finden, schließlich war ich nebenher Journalist, und einen solchen Fall, vor der Haustür auch noch, den läßt man sich nicht gerne entgehen. Klar, daß die Polizisten mich lieber zum Teufel gewünscht hätten. Ich blieb Haverkamp auf den Fersen, Naomi folgte dicht hinter uns.

"Herr Oberkommissar, Herr Oberkommissar!" riefen plötzlich die zwei Polizisten wie einstudiert im Duett, jene beiden, die das Umland des Fundortes abgrasten. "Wir haben etwas: noch einen Toten! Hier!"

Haverkamp ließ uns abblitzen und eilte strammen Schrittes zu seinen Untergebenen. Wir hinterher. Dort, am Rande der Hochstauden, wo sich üppige Brennesseln mit hochhackigen Topinamburranken um die besten Sonnenplätze zankten, dort konnte ich ein Beinpaar erspähen, zwischen den Grünröcken hindurch, die die Stelle abzuschirmen versuchten. Der Rest des Körpers mußte in den Stauden versteckt liegen.

"Ich werd verrückt", jammerte Naomi. "Zwei Tote an einem Morgen, das ist zuviel für mich."

Da hatte sie recht. Sie umklammerte mich, als seien wir ein Langustenpärehen, ich konnte nicht mal mehr die Kamera in Position bringen.

"Schatz, ist dir schlecht? Möchtest du dich hinlegen? Soll ich dir eine Decke besorgen, die Bullen haben bestimmt eine übrig?"

Sie zitterte am ganzen Körper. Ich mußte meine Konzentration teilen zwischen den noch unbekannten Toten und meiner Allerliebsten. Es war nicht zu schaffen. Ich schlug mich auf Naomis Seite, sehr zum Wohlgefallen von Haverkamp, wie mir sein verschmitztes Lächeln verriet. Wir gingen zurück auf den Radweg und entfernten uns ein Stück weit vom Ort des Geschehens, besser gesagt, von beiden Orten, die kaum einen Katzensprung voneinander entfernt waren. Von den Kirchtürmen der umliegenden Stadtteile setzte das Sieben-Uhr-Geläut ein, der Autoverkehr auf der gegenüberliegenden Moseluferstraße war in wenigen Minuten deutlich im Geräuschpegel angeschwollen.

Naomi und ich standen eine Weile in wortloser Umarmung zusammen. Unterdessen machten sich die Polizisten an der zweiten Leiche zu schaffen. Ich beobachtete ihre Aktivitäten aus einer Distanz von vielleicht 50 Metern. Die Beamten hatten heute früh echte Schwerstarbeit zu leisten.

Als Naomi sich etwas erholt hatte, ging ich nochmals rüber zu dem schwarzen Golf, sie blieb zurück und wartete bei unseren Fahrrädern auf mich.

In der Zwischenzeit hatten sie den zweiten Toten in die Nähe des ersten verfrachtet, zwei Leichen lagen auf dem Pflaster des Moselradwegs. Der junge Mann, - etwa Mitte Zwanzig, modisch gekleidet, - schien ein hübscher Junge gewesen zu sein. Der zweite Tote war mindestens doppelt so alt, sah ungepflegt aus, tagealte Bartstoppeln im Gesicht, rötliche Nase. Doch vor allem unterschied er sich durch seine Kleidung: er trug eine alte, abgewetzte Cordhose, der Oberkörper war bedeckt mit einem abgetragenen Wildlederjakett, innen mit Schafwolle ausstaffiert. Darunter schaute ein blaugrün kariertes Flanellhemd hervor. An den Füßen klebten ausgelatschte, ehemals vermutlich himmelblaue Turnschuhe, die nach und nach Erdfarben angenommen hatten.

"Was hat das zu bedeuten, Herr Haverkamp?" versuchte ich mein Glück aufs Neue.

"Sie sehen's doch selbst, Herr Mendgen, zwei astreine Tote."

Rührte sein Sarkasmus etwa daher, daß sich der Kommissar ertappt fühlte, von mir, einem Second-Hand-Reporter, (wie er es formulieren würde), dem man tunlichst aus dem Wege zu gehen hatte?

Der Morgen hatte so friedlich angefangen, und selbst die ganze Nacht über hatte es keinen einzigen Polizeieinsatz in Trier gegeben. Die Stadt hatte wie gewohnt verschlafen am Fluß gelegen, ihre Bürger sittsam in ihren Betten, wo sie traumverloren die Greuel verschnarchten, die sich in der Nacht am Moselufer zutrugen. Denn das war klar, die mußte es gegeben haben, die Beweise lagen uns zu Füßen...

"Gibt es Anzeichen für einen Mord, oder gar zwei Morde?"

"Erwarten Sie allen Ernstes eine Antwort von mir? Sie sehen doch, daß wir uns mitten in der Spurensicherung befinden, oder nennen sie es Recherche, wie sie wollen. Sie täten uns einen Riesengefallen, wenn Sie uns jetzt alleine lassen würden, Herr Starreporter Mendgen!"

"Na schön, wenn Sie meinen... Aber vielleicht sollte ich die Kollegen vom Volksfreund informieren, oder die vom Südwestfunk, vom RPR und so fort. Würde Ihnen das besser gefallen?"

Der Schuß vor den Bug zeigte Wirkung. Der Kommissar dachte einen Moment nach und zupfte mich dann leicht am Ärmel.

"Unter uns gesagt, Herr Mendgen, der junge Herr scheint sich tatsächlich selbst über den Jordan gebracht zu haben. Und der Penner da, der weist starke Verletzungen am Brustkorb auf, sieht aus wie ein Unfall. Mehr kann ich Ihnen jetzt beim besten Willen nicht sagen. Zufrieden?"

"Glauben Sie, daß die beiden Vorfälle etwas miteinander zu tun haben?" bohrte ich nach.

"Moment mal - entschuldigen Sie bitte!" Haverkamp war von einem seiner Beamten gerufen worden, der offenbar etwas entdeckt hatte. Ich schaute flußaufwärts und sah Naomi, die wie ein Häufchen Elend am Wegesrand kauerte, sie schien jeden Augenblick in sich zusammenzusinken. Ich fühlte es von weitem: ihr war schweinekalt.

Als ich langsam auf sie zuging, rief mir Haverkamp nach:

"Und daß Sie mir ja nicht die Meute auf den Hals hetzen, Herr Mendgen! Wir werden im Laufe des Tages zu einer Pressekonferenz einladen. Verspreche ich Ihnen."

2. Zweimal Hirsch

Gegen halb acht waren wir wieder in der Wohnung, meine erste Schulstunde würde in 30 Minuten beginnen, ich war weder geduscht, noch hatte ich gefrühstückt. Und ohne lief bei mir nichts. Außerdem machte ich mir ernsthaft Sorgen um Naomi, sie wirkte apathisch, es war so, als habe sie heute morgen ein Stück Lebenskraft eingebüßt. Mit Sicherheit stand sie viel stärker unter Schock, als sie und ich es wahrhaben wollten.

"Naomi, du solltest dich ein paar Stunden hinlegen, du brauchst Ruhe", empfahl ich ihr.

"Und du?" Das war alles, was sie sagte. Ihre Stimme klang schwach, fast gebrochen. Sie konnte kaum stehen, ihre Knie waren weich wie Pudding, ihre Haut eiskalt. Sie leistete keinen Widerstand, als ich sie auf meine Arme nahm und ins noch lauwarme Bett trug. Ich machte ihr Luft, öffnete den Reißverschluß der Joggingjacke. Auf ihrem schneeweißen T-Shirt zeichneten sich die beiden schwarzen Beerchen ihrer Brust markant ab. Für was um Himmels Willen waren die jetzt steif? fragte ich mich in meiner Einfalt. Da ist es mal wieder, dieses Klischee, werden Sie sagen: Männer denken immer nur an das eine. Und so ist es wohl auch. Sie drehte sich zaghaft auf die rechte Seite, ich strich die Tagesdecke über sie, küßte sie auf die Wange und hoffte, daß es ihr sehr bald wieder besser gehen möge.

Konnte ich sie jetzt allein da liegen lassen? Niemand war im Haus, seit unser Vermieter, der greise Herr Erdmann, sich im Irminenstift von einem Schlaganfall erholte, der ihn Ende August aus heiterem Himmel getroffen hatte. Naomi war gerade zwei Tage zuvor bei mir eingezogen. Der mobile Essensdienst der AWO hatte Alarm geschlagen, weil Erdmann mittags um zwölf nicht wie üblich auf das Klingelzeichen hin die Tür öffnete. Rein zufällig war ich zuhause, - denn es passierte ausgerechnet auch noch an meinem freien Tag - da fanden wir ihn in seinem Fernsehsessel. Er war ganz auf die linke Armlehne herabgesunken, rührte sich nicht, ließ zumindest aber ein röchelndes Atemgeräusch vernehmen. Drei Minuten später war er auf dem Weg ins Mutterhaus, seinem "Vorzugslazarett in Friedenszeiten", wie er in gesunden Tagen zu spötteln pflegte...

Und jetzt lag sie da, Naomi, meine Liebste, das Energiebündel, hingestreckt vom Schock zweier mysteriöser Todesfälle.

Im Bad fiel mein Entschluß: ich würde heute blau machen. Meine Schüler würden einen Tag Vertretung bestimmt besser verkraften, als Naomi einen Tag Einsamkeit im Krankenbett. Ich telefonierte kurz, sagte ihnen die Wahrheit, was immer die von mir denken mochten, und kroch anschließend vorsichtig an Naomi heran. Ich legte mich zu ihr ins Körbchen, eine Position, in der wir an guten Tagen das Löffelchen- und Gabel-Spiel exerzierten. Doch diesmal blieb es einstweilen beim Löffelchen-Liegen.

Irgendwo ganz weit weg im Weltall muß ein Idiot ein Telefon installiert haben, jedenfalls kam es mir so vor, als ich jenseits aller guten Träume Klaus Singers markige Stimme vom Band des Anrufbeantworters hörte, der von meinem Arbeitszimmer im Nebenraum herüberschepperte. Ich hatte den Lautsprecher der Anlage vermutlich zu hoch eingestellt. Ich rieb mir die sandbestäubten Augen und spürte zugleich eine Bewegung unter der Bettdecke. Naomis Hand hatte sich über die rechte Flanke vorgepirscht und hatte es schon im Griff, das gute Stück, das die ganze Zeit nutzlos vor sich hingestarrt hatte. Ich genoß das wohlige Gefühl ihrer Umschmeichelungen, und ich merkte, ohne dumme Fragen zu stellen, daß es ihr wieder besser ging. Sie brachte mich wirklich gewaltig auf Trab. Gewandt wie ein Fisch im Wasser glitt sie in die Vis à vis Position zu mir, und anstatt Worte zu wechseln tauschten sich unsere Zungen in ihrer Geheimsprache aus. Es war so, als führten die Küsse Regie, als leiteten sie die Aktivitäten der anderen Organe, und das alles in glänzender Harmonie. Alles Überflüssige an Textilien, alles Störende, alles Trennende perlte wie Wassertropfen von uns ab, bis unsere nackten Körper schließlich im heißen Meer der Begierde ertranken.

Es war Mittag, als ich endlich zum Abhören des Bandes kam. Für 15 Uhr hatte die Polizei zur Pressekonferenz eingeladen wegen "zwei ungeklärter Todesfälle". Klaus Singer, einer der Studenten in der AZ-Redaktion, wollte von mir wissen, ob ich Zeit hätte hinzugehen. Bei Mord, Todesfällen und Polizeiaktionen und so fort dachten die Kollegen immer nur an mich. Das war schon Tradition in unserem Zeitungs-Team, ich war der Mann für's Grobe. Außerdem glaubten alle, daß Lehrer grundsätzlich immer Zeit haben. Aber ich hatte mir nach zwölf Jahren ehrenamtlicher Arbeit für das Magazin fest vorgenommen, zum Jahresende Schluß zu machen. Ich hatte genug von den Mühen der Ebene - viel Arbeit, wenig Ehre. Dazu galten wir ein wenig als Aussätzige im städtischen Klüngel der etablierten Journalistenriege, uns lud man meist nicht ein, wenn die diversen Veranstaltungen und Festivitäten des ehrenwerten Kreises der schreibenden und sprechenden Zunft anstanden. Mir war das wurscht, wäre sowieso nicht hingegangen. Zeitung machen war für mich ein Hobby, das Spaß machen mußte. Leider war das in letzter Zeit immer seltener der Fall. Deshalb fiel mir mein lang gehegter Entschluß, endlich aufzuhören, nicht sonderlich schwer. Für die beiden Monatsausgaben bis dahin würde ich mich noch einmal voll reinknien, das hatte ich den anderen versprochen. Klar, daß ich zur Pressekonferenz gehen würde.

Beim Abendessen sah mich Naomi verschmitzt von der Seite an. Ich hatte gekocht, sie war gerade von der Uni gekommen.

"Übrigens, Schatz, ich möchte mich noch dafür bedanken, daß du heute morgen so nett zu mir warst und bei mir geblieben bist. Das war super!"

Sie gab mir einen dicken Schmatzer, und ich genoß ihre großen, oreganogesprenkelten Lippen, die ich am liebsten verschlungen hätte.

"Ich danke dir auch für den Nachtisch", zwinkerte ich nach dem Kuß zurück.

Ich hatte Standardmenü Eins gekocht, Möhrenbrätlinge, erweitert um den Rest an Bratkartoffeln vom Vortag. Dazu Gewürzgurken und Crème fraiche aus dem Glas. Ich war ein sehr praktischer, ökonomisch denkender Küchenmeister, deshalb prallten an mir die meisten Künste der höheren Küche, die man mir im Kochkurs beizubringen versuchte, souverän ab, so wie Wassertropfen an einer Wachspolitur.

"Wie war eigentlich die Pressekonferenz?" wollte Naomi schließlich wissen, nachdem wir mit den Rotweingläsern angestoßen hatten.

"Hey, das war ganz amüsant", holte ich aus. "Das ist eine heiße Geschichte. Die zwei Todesfälle scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Aber noch sind die Leichen nicht obduziert. Auf alle Fälle sind die Männer inzwischen identifiziert."

"Oje, wer sind denn die armen Kerle?"

Zugegeben, wir hatten nicht gerade das angenehmste Tischthema. Aber zum Glück waren wir inzwischen mit dem Essen soweit fertig.

"Der junge Mann im schwarzen Golf, der sich vermutlich selbst gemeuchelt hat, ist ein ganz großer Fisch, zumindest vom Namen her. Du hast doch bestimmt schon mal den Namen Hirsch gehört, die große Weinkellerei in Laybach an der Mosel?"

"Hirsch? Ich weiß nicht. Stellen die nicht auch Sekt her?"

"Ja, natürlich. Wein- und Sektkellerei Hirsch, ein ganz Großer in der Branche. Der müßte doch an der Mittelmosel gut bekannt sein."

"Naja, in der Weinwirtschaft kenne ich mich, ehrlich gesagt, nicht so gut aus. Aber Hirsch, ja, wenn ich's recht bedenke, hab ich von dem schon gehört", mutmaßte Naomi. Ich wunderte mich, sie als Bernkastelerin müßte die Firma eigentlich kennen, auch wenn Laybach näher an Trier lag, als an dem romantischen Cusanus- und Burgstädtchen. Hirsch war eine Institution an der Mosel, eine der größten Kellereien im gesamten Anbaugebiet.

"Okay, also dieser Hirsch, - Bernd Hirsch hieß er, der junge Mann, - er war der Sohn vom Kellereibesitzer Hubertus Hirsch. Das einzige Kind. Aber das ist noch nicht alles an Tragik. Stell dir vor: der Hirsch selbst, der Alte, ist vor knapp vier Wochen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Merkwürdig, nicht wahr?"

"Mein Gott, das muß ja schlimm sein für die Frau, für die Mutter..."

"...lebt auch nicht mehr. Ist vor drei Jahren gestorben, Blutkrebs. Oder wie sagt man..."

"Leukämie."

"Ja, sowas. Jedenfalls ist die ganze Familie Hirsch damit ausgelöscht. Nur eines kapier ich nicht, nämlich warum dieser Bernd, immerhin der Sohn und Erbe des gesamten Vermögens, warum der sich ausgerechnet jetzt umbringt? Jetzt, wo ihm alles gehört?"

"Kannst du denn in die Menschen reinschauen? Vielleicht hat er besonders stark an seinem Vater gehangen, oder er hatte bösen Ärger mit seiner Freundin, Trennung, oder so was. Oder beides, wer weiß das schon?"

"Natürlich wäre das denkbar. Nur, daß er an seinem Vater gehangen hätte, das scheidet aus. Bernd soll ein Eigenbrötler gewesen sein, dabei ein Luftikus, wie die Leute an den Mosel sagen, einer, der gerne auf großem Fuß gelebt, aber irgendwie sein Leben nicht recht in den Griff bekommen hat."

"Na, siehst du, das paßt doch prima zusammen. Einzelkind, verhätschelt und verwöhnt, von Mami, Papi und Opi mit Geld zugeschmissen über alle Ohren. Und plötzlich brechen die Eckpfeiler des wolkigen Luxuslebens über Nacht weg. Schon ist die Krise da."

"Gut möglich. Aber mir ist das einfach zu rund, zu klischeehaft. Da steckt mehr dahinter, davon bin ich überzeugt. Besonders im Hinblick auf die zweite Leiche, einem Penner namens Rudolf Radolitzky. Er war erst 42 Jahre alt, sah aber aus wie 60. Er ist erst vor einigen Monaten in der Trierer Gegend aufgetaucht, stammte aus dem Ruhrpott. Ist wohl irgendwann durch den Rost gefallen, - raus aus dem sozialen Netz, dessen Belastbarkeit die Politiker in Wahlzeiten so sehr loben. Den Betroffenen bleibt am Ende nur noch die Straße. Und das war wohl Rudolfs Tod."

"Aber was hat dieser Rudolf mit dem Hirsch zu tun?"

"Gute Frage, Naomi. Wie kommt der Kuhmist aufs Dach?"

"Eine saublöde Antwort, Matz! Ehrlich."

"Okay, okay. War nicht so gemeint. - Nur, eins scheint festzustehen: Radolitzky ist durch äußere Gewalt umgekommen, ob durch Unfall, Mord oder Totschlag, das wird möglicherweise erst die gerichtsmedizinische Untersuchung ergeben. Interessant wird auch sein, wie nah die Todeszeitpunkte beieinander liegen."

"O je, Matz, ich she’s schon kommen, das artet wieder in einen Krimi aus, wie letztes Jahr die Sache im Rotlicht-Milieu."

"Gut möglich, daß du recht hast, Schatz. Aber da haben wir diesmal ja einen Erfahrungsvorsprung."

"Ist ja sehr beruhigend!"

Tischabräumen und Spülen stand noch auf meinem Abendprogramm. Seit Naomi bei mir heimisch geworden war, herrschte Ordnung im Haushalt, wir teilten uns die lebensnotwendigen Dienstbarkeiten paritätisch auf. Es war gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte, zumindest, wenn man alles gut organisierte und klare Ziele und Absprachen beachtete. Naomi sprach gerne von "Zeithorizonten". Ich wußte zwar, daß sie in der Endphase ihres Geographiestudiums war, aber unter Horizonten hatte ich bislang immer was anderes verstanden. Horizonte hatten bei mir den leicht süßlichen Beigeschmack von Urlaubsstimmung. Und das hatte sie mir nun gründlich verdorben. Wenn ich jetzt jemand von Horizonten reden höre, denke ich immer mit Grausen an unseren Putzplan.

"Übrigens, Matz, Erika kommt nachher noch vorbei, wir müssen dringend ein paar Daten abgleichen. Können wir das Wohnzimmer benutzen? Du weißt ja, wir haben immer soviel Papiere zum Auslegen..."

"Klar doch, Schatz, das ist kein Thema. Ich habe genug zu tun, muß die Küche noch auf Trab bringen, und dann auch noch einen Haufen Papierkram erledigen. Kein Problem."

Sie verabschiedete sich mit einem Schmatzer, bevor sie leichtfüßig wie eine Wildkatze das Terrain räumte. Vom Flur aus erhielt ich den Auftrag, Teewasser aufzustellen.

Das Wohnzimmer, ohnehin selten in diesem Sinne genutzt, hatte sich in den letzten Wochen zu Naomis Studierzimmer gewandelt. In einer Ecke hatte sie ihren PC aufgebaut, daneben stand ihr Schreibtisch. Mein ehemals halbleerer Vitrinenschrank wurde im Nu zum überbordenden Bücherdepot. Zwei weitere Regale mußten her, um all ihre gesammelten Werke unterzubringen. Und mindestens zwei- bis dreimal in der Woche traf sie sich mit Kommilitonen zu abendlichen Zusammenkünften, Arbeitstreffen. Deutliches Zeichen, daß es in die heiße Phase des Studienabschlusses ging. Erinnerte mich vage daran, daß ich auch mal so im Streß gewesen war. In knapp sechs Monaten wollte Naomi alles erledigt haben, Diplomarbeit und mündliche Schlußprüfungen. Ihr Thema hieß: "Der Nachhaltsgedanke im Mosel-Tourismus - Realität oder Fiktion?" Klang irgendwie nach Agenda 21-Problematik, hatte wohl auch damit zu tun. Ich fand das recht wolkig, was dazu in Trier lief, jeder schmückte sich mit dem Agenda-Begriff, sogar der Oberbürgermeister nahm das Modewort begierig ins Repertoire seiner Propagandareden auf, für die er berüchtigt war. Das Ganze ging auf den Umweltgipfel von Rio 1992 zurück, die wässrigen Beschlüsse der Staatsoberhäupter zur Umweltproblematik sollten nun von den Kommunalpolitikern auf lokaler Ebene umgesetzt werden. Ich hatte massive Zweifel an der Qualität der Suppe, die mit dem Thema gekocht wurde. Für jeden Geschmack sollte da was drin sein, und doch stellte sich jeder was anderes darunter vor. Ein Trödelmarkt der Beliebigkeiten. Agenda 21, ein ideales Podium für Selbstdarstellungsakrobaten aller Couleur. Ich hatte selbst einmal einen sarkastischen Artikel darüber verfaßt, der wurde mir nachher gewaltig um die Ohren geschlagen. Sei 's drum. Naomi dagegen war voller Elan, sie hatte ganz einfach das Positive Denken verinnerlicht. Und das wollte ich ihr nicht nehmen. Wir sprachen selten über diese Dinge. Immerhin hatte sie ein ermunterndes Zwischenergebnis zu vermelden: zusammen mit einigen anderen Engagierten hatte sie vor einigen Jahren den Verein StadtLandFluss - Erlebnisexkursionen gegründet, eine Organisation, die sich die Verbindung von Umweltbildung und Erholung in freier Natur zum Ziel gesetzt hatte. Eine Idee, die in steigendem Maße beim Publikum ankam. Ich fand diese Touren jedenfalls weitaus spannender, als das endlose Geschwafel auf den abendfüllenden Agenda-Treffen, das ich mir nicht mehr antun wollte.

Längst war das Teewasser fertig. Naomi goß eine Obermennig-Schachtelhalm-Mischung auf. Ich wagte nicht zu fragen, was das zu bedeuten hatte. Erika stand auf der Matte, die beiden verschwanden im Wohn-Studierzimmer. Ich zelebrierte meine häuslichen Aufgaben zu Ende, bevor ich mich noch auf einen Stoß Klassenarbeiten in Spanisch stürzte. Schließlich war ich ein vorbildlicher Lehrer...

3. Baby oder was?

Beängstigende Geräusche aus dem Bad rissen mich aus allen Träumen. Im Schlafzimmer war es noch dunkel. Instinktiv tastete ich nach Naomi, die vor wenigen Stunden in einträchtiger Löffelchenposition, mit Bauch und Brust meinen Rücken wärmend, eingeschlummert war. Jetzt war sie weg. Meine Hände fanden nur noch Reste ihrer Körperwärme im Bettlaken.

Dann erneut Geräusche, ein Wasserhahn lief. Ich schaltete die Stehlampe neben dem Bett an, ein kurzer Blick auf den Wecker - 10 nach fünf - schon war ich auf dem Sprung in unsere gemeinsame Naßzelle. Da sah ich sie, in jämmerlicher Haltung, den Kopf krampfhaft über das Waschbecken haltend.

"Tschuldigung, Matz, mir war nicht gut", gurgelte sie heraus.

"Mein Gott, Naomi! Schatz, was ist denn los mit dir? Kann ich dir helfen? Sag doch, was soll ich tun?"

Die reine Hilflosigkeit sprudelte aus meinen Worten, nichts als Hilflosigkeit. Die Situation war völlig neu für mich, nie zuvor hatte ich Naomi in einer solchen Lage erlebt. Hatte sie was Verdorbenes gegessen? War es mein Abendessen? Hatte ich was falsch gemacht? Oder lag es an der kuriosen Kräuterteemischung von gestern Abend, zu der ich zum Glück nur siedendes Wasser beigesteuert hatte?

"Is schon gut, Matz. Mir war nur schlecht. Es geht schon wieder. Weiß auch nicht, woher das kommt. Es geht aber schon. Es wird wieder werden, keine Sorge."

Es bereitete ihr ganz offensichtlich große Mühe, ihren Körper im Lot zu halten, während sie mit mir sprach. Sofort verfiel sie wieder in die vornübergebeugte Haltung, jederzeit darauf gefaßt, einen neuen Schub Flüssigkeit herauszuschleudern. Ich stellte mich ein wenig schräg hinter sie, hielt sie an der Taille, spürte dabei das Zittern, das Beben, das ihren Körper schüttelte, die Revolte ihres Magen-Darm-Traktes. Jetzt nahm ich auch den üblen Geruch nach Erbrochenem wahr, der Naomi umflorte. In diesem Augenblick mußte sie sich noch einmal übergeben, ein letzter schwacher Strahl schwefelgelber Flüssigkeit suchte sich - einmal dem Körper enteilt - in gemächlichem Tempo seinen Weg auf der weißen Keramik des Waschbeckens in Richtung Abflußrohr. Ich drehte den Wasserhahn auf, damit es schneller ging. Danach war Ruhe. Naomi wusch sich ausgiebig das Gesicht, den Hals, den Mund und putzte sich die Zähne. Am Ende stellte sie sich aufrecht hin und gab mir den Begrüßungskuß für den Tag.

"Alles okay, Schatz?"

"Ja, Matz. Ich bin okay, denke ich. Ich fühle mich um Zentner leichter, der Druck ist weg. Trotzdem, auf das Jogging verzichte ich heute lieber. Wer weiß, was mir da wieder über den Weg läuft."

Sie hatte sogar ihren Humor zurückgewonnen. Und dennoch, ihr fahler Teint war nicht zu übersehen. Irgendwas stimmte nicht. Ich hatte das Gefühl, der Käse war noch nicht gegessen. Wir gingen ins Schlafzimmer, legten uns in die Falle und kuschelten uns ein halbes Stündchen an- und ineinander.

"Matz" sagte sie plötzlich voller Ernst. "Ich glaube, ich gehe heute morgen zum Arzt."

Arzt? Allein das Wort gab mir einen Schlag in die Magengrube. Sie wird doch nicht krank sein, meine Ärmste? Meine vitale, starke, tigerhafte Naomi kann doch nicht krank sein?!

"Ich laß einen B-Test machen, sicherheitshalber."

Das wars also. Ich war ihr richtig dankbar, daß sie ausdrückte, was mir auf der Zunge lag, aber die ganze Zeit über nicht herauswollte. Naomi schwanger! Eine neuartige Vorstellung. Ich wußte, daß sie die Pille nahm, weil sie jetzt noch kein Baby wollte, ausgerechnet jetzt, in der Endphase ihres Studiums. Ich konnte sie sehr gut verstehen, war damit einverstanden, wenngleich ich nichts gegen ein Kind mit ihr einzuwenden gehabt hätte. Ein Kind verbindet. Es wäre die beste Medizin gegen meine Trennungsängste, die noch immer in abgelegenen Spiralen meiner Hirnkammern herumspukten.

Kurz nach acht machte sich Naomi auf den Weg zu Frau Dr. Markus in der Innenstadt. Ich holte den Volksfreund draußen aus der Röhre und tankte die Kaffeemaschine mit Frischwasser nach. Mein Unterricht begann erst mit der dritten Stunde, ich hatte also noch einige Zeit zum Durchatmen. Sollte ich mich schon Tagträumen hingeben wegen der neuen Situation, die sich womöglich anbahnte? Eine völlig neue Ebene der Beziehung, eine neue Herausforderung, neue Verantwortung, ja überhaupt: Verantwortung! Ich spürte eine ansteigende Unruhe in mir, der Kaffee förderte dies nur noch. Hätte ich Naomi nicht zur Ärztin begleiten sollen? Würde sie mir die Wahrheit sagen, würde sie mir reinen Wein einschenken, im Falle des Falles?

Mit fehlte jede Konzentration für den Volksfreund, zumal, - wenn ich der Titelseite Glauben schenken sollte, - nichts Weltbewegendes passiert war. Nicht ein einziger neuer Krieg war seit gestern auf dem Globus entstanden, nicht mal Nato-Luftangriffe wurden geflogen, weder auf Jugoslawien, noch auf den Irak. Eine wirklich friedliche Welt an diesem nebligen Oktobertag. Wirklich friedlich?

"Zwei Tote am Moselufer - war es Mord?" titelte der TV erst auf der Regionalseite. Scheinbar traute man dem Braten noch nicht. Ich überflog den Artikel. Wesentlich mehr als die Information aus der gestrigen Pressekonferenz der Polizei konnte ich zunächst nicht entdecken. Doch. Am Ende des Artikels ein Aufruf: ein weißer Opel-Astra, Baujahr 93, wurde gesucht. Es blieb unklar, welche Funktion das Fahrzeug haben könnte. War es in einen Unfall verwickelt? Suchte man den Fahrer als Zeugen? Oder war das Ganze nur ein Ablenkungsmanöver der Polizei? Was mich stutzig machte, war die Tatsache, daß gestern Nachmittag keine Rede gewesen war von einem gesuchten Kraftfahrzeug.

Ich blätterte in Gedanken vertieft weiter - beharrlich zwischen B-Test und Mordverdächtigungen hin und her schwankend. Dann klingelte das Telefon, ich erschrak mich fast zu Tode. War sie es? War es die Bestätigung, - war sie schwanger? Und das Baby? Will sie es? Mein Baby?

Mit hochrotem Kopf nahm ich den Hörer ab. Mein Puls lag bei 180 oder gar weit darüber.

"Hey, Matz, hast das schon gehört? Es waren Morde, alle beide! Zwei Morde in Trier, stell dir das mal vor! Wann hat es das zuletzt gegeben? Na, was sagst du jetzt?"

Verdammte Scheiße! Das war der Bolzen, den ich jetzt ganz und gar nicht erwartete hatte, den ich jetzt einfach nicht gebrauchen konnte. Ich war beim Baby, nicht bei 'ner Leichenschau, verdammt noch mal!

"Sag doch mal was, Matz. Ist das nicht 'n dolles Ding?"

Es war Klaus Singer, der Quälgeist von der AZ-Redaktion. Dieser Unmensch! Wie konnte er mich nur in aller Herrgottsfrühe so terrorisieren? Und überhaupt, warum lungerte er schon um diese Zeit im Redaktionsbüro herum, anstatt an der Uni zu büffeln, damit er endlich seinen Dr. Sozios, oder was auch immer, fertig machte? Aber nein, die Zeit totschlagen mit Zeitung-Machen! Im Grunde genommen war ich ja selbst so ein Vollidiot, der seine halbe, ach was, seine ganze Freizeit in so ein nutzloses Stadtmagazin steckte, das gerade mal von Tausend Leuten in der Stadt wahrgenommen wurde, gerade mal ein Prozent der Bevölkerung! Für ein Prozent rackerten wir uns ab, rissen uns den Arsch auf, ließen uns beschimpfen und belächeln. Nur um einem Prozent der Leute in der Stadt allmonatlich eine Befriedigung der besonderen Art zu verschaffen! Nein, ich war es leid, mehr denn je war ich in dieser Stunde froh, daß ich meine Entscheidung getroffen hatte: Aufhören, Schluß am Ende des Jahres. Schluß, Aus, Fertig!

"Ja, das ist ein dolles Ding, Klaus, was du mir da erzählst. Nur, es tut mir furchtbar leid, ich hab jetzt null Zeit für dich, ich hab nämlich einen richtigen Job, einen für den ich Geld bekomme, verstehst du? Und da muß ich jetzt hin. Ich muß in die Schule."

"Alles klar, Matz. Ich laß das Bullenfax hier liegen, du schaust ja sicher später mal hier rein."

"Okay, Klaus. Danke für den Anruf. Ich kümmere mich um den Fall, später."

Morde, Morde, nichts als Morde! Bestand denn die Welt nur noch aus Mord- und Totschlag? Und warum traf es immer nur mich? Manchmal schien es wirklich so zu sein, als sei Töten Volkssport Nummer Eins auf der Welt. Über 20 Millionen Kriegstote seit dem 2.Weltkriege war das nicht Beleg genug? Und ich war mir sicher: die meisten davon waren Morde, nichts als pure Morde! Über 10.000 Tote Tag für Tag! Und da waren die handelsüblichen, sozusagen die zivilen Morde noch gar nicht mit eingerechnet. Die amtliche Statistik zählte nur die staatlich verordneten Fälle.

Leider erhielt ich bis zum Augenblick, als ich endlich losmußte zum HGT, kein Signal von Naomi. Ich spulte die drei Stunden Französisch runter, so gut es eben ging, überlegte dann, ob ich nicht zur Uni fahren sollte, Naomi suchen. Unsinn, dachte ich, ich war ja mit dem Rad unterwegs, und den Berg hochbuckeln, auf den Campus nach Tarforst, das war nicht meine Sache. Also Koordinatenänderung, Glockenstraße ansteuern, rein in die Krim, Mittagessen fassen, - es gab leckeren Brokkoli-Auflauf, - ein, zwei Beruhigungsbiere trinken, und dann weiter ins AZ-Büro. Das Büro war verwaist, erwartungsgemäß.

Das Fax lag mitten auf dem "Konferenztisch", die wichtigsten Passagen waren rot angepinselt, ganz nach Klaus Singers Art. Ich las die anderthalb Seiten Text runter und staunte. Die Obduktion der Leichen hatte zweifelsfrei ergeben, daß Bernd Hirsch schon vor dem Einwirken der in den Wagen geleiteten Autoabgase tot war, zumindest hatte er nicht mehr geatmet, denn es wurden weder Kohlenmonoxid, noch dessen Abbauprodukte in der Lunge gefunden. Das war ja in der Tat sensationell! So wie die Sache am Fundort arrangiert war, deutete alles auf einen Mord hin, der als fingierter Selbstmord getarnt war. Und bei Rudolf Radolitzky, dem Landstreicher, schien die Sache auch eindeutig zu sein: schwerste Verletzungen am Brustkorb und Brüche an beiden Beinen, er war möglicherweise mehrmals von einem Fahrzeug überrollt worden. Sein Tod war allerdings drei bis vier Stunden später eingetreten, als der von Bernd Hirsch. Jetzt machte der Aufruf im Volksfreund Sinn, gefundene Teile eines Blinkerglases und Lackspuren an der Cordhose des Toten hatten die Polizei zu einem weißen Astra geführt. Das war ja fast wie bei Lady Di, da hatte man doch auch wegen gefundener Lackspuren Tausende von Autos in ganz Frankreich überprüft, freilich ohne Ergebnis. Und die Motive? Laut Polizeifax lag alles noch völlig im Dunkeln, total mysteriös.

Ich wählte die Nummer der Kripo.

"Nein, Herr Mendgen, noch keine weiteren Erkenntnisse", sagte die Pressesprecherin. "Im übrigen laufen ab sofort die Ermittlungen und alle öffentlichkeitswirksamen Informationen über die Staatsanwaltschaft Trier", fügte die Dame in einem resoluten Ton hinzu. Also klingelte ich auch dort an. Ich hatte eine gute Stunde erwischt, kurz nach zwei Uhr nachmittags sitzen alle deutschen Beamten offenbar wieder im Sessel, hinterm Schreibtisch. Ich bekam sogar eine Verbindung zu Breitkreuz, Bruno Breitkreuz, dem Chef der Trierer Staatsanwaltschaft.

"O, Herr Mendgen, welche Ehre!" spottete er. "Lange nichts mehr von Ihnen gehört".

Eine Tatsache, die ihm wahrscheinlich nicht unangenehm war.

"Sie wissen ja, Herr Breitkreuz, ich melde mich nur bei den ganz großen Fällen. Wie zum Beispiel bei Doppelmorden in Trier. Sollen ja nicht jeden Tag vorkommen."

"Da haben sie völlig recht, Herr Mendgen. Zum Glück, möchte ich hinzufügen. Nur, diesmal sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Wir haben Staatsanwältin Ilona Stahl mit dem Fall betraut. Sie hat die Federführung. Wenn Sie konkrete Fragen haben, möchte ich Sie bitten, sich direkt an Sie zu wenden."

Das waren ja völlig neue Töne aus der obersten staatlichen Anklagebehörde Triers.

"Wären Sie bitte so nett, Herr Breitkreuz, und geben Sie mir die Durchwahlnummer Ihrer Kollegin?"

"Gerne, können Sie haben. Bitte notieren Sie: 420, dieselbe Amtswahl vorneweg, die ist Ihnen ja bekannt."

Hatte er mich jetzt gelinkt, der Kerl, oder hatte ich nur Pech? Unter 420 meldete sich 20 Minuten lang niemand. Deshalb probierte ich es ganz einfach mal bei 421 und 422, das Ergebnis war dasselbe. 'Die werden doch nicht heute auf Betriebsausflug sein?', dachte ich. 'Ohne den Chef! Nein, das ist unmöglich'.

Endlich hob jemand ab, unter 423.

"Moment, ich verbinde", mümmelte eine verpennte Männerstimme in den Hörer. Er wollte mich wohl nur los sein, um ungestört die Bildzeitung weiterzulesen. Minutenlang hörte ich nichts.

"Tut mir leid, mein Herr, Frau Stahl ist nicht in ihrem Büro."

Na ja, jetzt hatte ich es wenigstens amtlich.

Ich radelte nach Hause. Von der Römerbrücke aus sah ich Bewegung am Moselufer, ein Stück moselaufwärts. Mindestens ein Dutzend Polizisten streiften dort auf dem Uferrandstreifen herum. Wenn mich nicht alles täuschte, waren auch Hunde mit im Einsatz. Ich beeilte mich, den Uferweg zu erreichen. Nach einem kurzen Stück war er abgesperrt.

"Kein Zugang für niemanden, Presse eingeschlossen", lautete die Empfangsbotschaft. Null Chance.

"Wonach suchen Sie denn?" fragte ich nicht ohne Hintergedanken.

"Dienstgeheimnis. Wir geben keinerlei Auskünfte", sagte der Polizeiobermeister, der an diesem Abschnitt die Absperrung überwachte. Dabei hätte es mich brennend interessiert, was die dort, über 36 Stunden nach der Tat oder den Taten, noch suchten. Ein Flugschreiber jedenfalls konnte es ja nicht sein.

Ich war nicht sonderlich kämpferisch drauf, gab mich zufrieden und fuhr an den Irrbach zurück. Es war halb vier. Wäre mein Vermieter im Hause gewesen, hätte er mich jetzt sicher zu Kaffee und Kuchen zu sich runter gerufen. Leicht geforstet betrat ich die Wohnung. Heute wollte nichts recht gelingen. Dabei war ich ein Mensch, der Klarheit brauchte im Leben. Ich hatte zeit Lebens immer große Probleme gehabt, mit Ungewißheiten umzugehen. Daher liebte ich die Mathematik so sehr, da war alles klar und kalkulierbar. Komisch, daß ich nur Sprachen unterrichtete. Wenn irgendwo Probleme auftauchten, war ich es, der umgehend eine Lösung suchte. Ich konnte nicht zwischen Tür und Angel leben, ich mußte immer ganz drin sein, oder ganz draußen, egal.

Just als ich in den Irrbach einbog, hatte sich die Sonne endlich einen Weg durch den herbstlichen Nebel und die diffuse Wolkendecke gebahnt, die den ganzen Tag statisch über der Stadt schwebte. Sie taten mir gut, die späten Sonnenstrahlen des Tages, sie tauten mein Gemüt auf, wärmten sogar durch das Fenster den Rücken, wenn ich mich entsprechend postierte. Aber es war schon spät, der rote Ball ließ sich bereits von den Baumwipfeln im Hospitienwald bekratzen. In wenigen Minuten war er weggetaucht.

Der Anrufbeantworter hatte den ganzen lieben langen Tag über keine einzige Botschaft für mich angenommen. Noch immer nichts von Naomi. Ich stand unter Hochspannung. Ich hielt es nicht mehr aus in der Wohnung, mußte raus, ging in den Garten, den ich jetzt während Erdmanns Abwesenheit alleine betreuen mußte. Die dicken, süßsauren Boskop-Äpfel hatte ich schon gepflückt und eingelagert, der Winterrambur hing noch, nur wenige Früchte waren vom Baum gefallen, ein Indiz dafür, daß sie noch reiften. Nächste Woche, in den Ferien, würde ich mich ihrer annehmen.

Das Laub hatte schon tausend Farben angenommen, keine Frage, der Herbst war da, mit aller Macht, mit nächtlichen Nebeln, mit kühlen, trüben Tagen. Dennoch konnte ich beobachten, daß in Erdmanns Bienenstöcken reger Flugverkehr herrschte. Irgendwoher brachten die emsigen Hautflügler bunte Pollenpäckchen, gelbe vom Topinambur, rote und bläuliche von den Astern, grüne womöglich schon vom Efeu.

An den Tomatenstöcken hingen noch reichlich grüne Früchte, vor dem ersten Frost würde ich die in den Keller bringen, samt Wurzelstrünken. Mit etwas Glück hätten wir dann bis Weihnachten eigene Tomaten. Die Nachbarin grüßte über den vom wilden Wein ganz verdeckten Metallzaun. Ich winkte zurück.

Ich hätte jetzt einiges dafür gegeben, endlich Naomi an mir zu spüren.

4. Ein bißchen schwanger?

Als sie kam, dämmerte es schon draußen. Ich saß im Arbeitszimmer. Sie entschuldigte ihr langes Ausbleiben damit, daß sie mit Erika spazieren gegangen war, mit Erika Brandscheider, ihrer Kollegin und besten Freundin. Wir gingen rüber in die Küche, meine Nerven lagen blank. Sie schwieg auffallend lange.

"Du brauchst dich doch nicht dafür zu entschuldigen, Naomi. Ich kontrolliere dich nicht, wann du nach Hause kommst, Schatz", sagte ich wie zur Entwarnung. "Aber du kannst dir vorstellen, daß ich heute den ganzen Tag auf heißen Kohlen gesessen habe. Nicht zu wissen, was bei deinem Arztbesuch herausgekommen ist, machte mich ganz fickerig."

Sie zelebrierte die Spannung, es war reine Folter für mich.

"Herausgekommen ist zum Glück gar nichts, Matz", spottete sie schließlich. Ich hätte sie watschen können. "Aber drin is was, ich bin positiv. Eine dieser doofen Pillen muß wohl ein Blindgänger gewesen sein."

Die Anspannung hatte mein Herz in Wallung gebracht, jetzt schien es überzubrodeln. Ich konnte es nicht fassen.

"Also..., also sind wir schwanger?"

"Blödsinn, Matz. Ich bin schwanger, ja, aber nicht wir!"

Sie spielte die Obercoole, nutzte meine Verunsicherung, meine bange Erwartung aus. Wieder entstand eine Kunstpause, bis ich mich halbwegs gesammelt hatte.

"Hey, Naomi, das ist doch super! Ich freue mich riesig für uns. Freust du dich auch?"

Ich war aufgestanden und wollte sie umarmen, aber sie wehrte ab.

"Matz, ich glaube, du spinnst wohl! Was ist denn plötzlich in dich gefahren? Du weißt doch genau, was wir verabredet hatten. Auf keinen Fall ein Kind, bevor ich nicht beruflich auf festen Beinen stehe! Das hast du doch hoffentlich nicht vergessen, oder?"

Ich ließ mich wieder auf den Stuhl zurückfallen. Ich suchte instinktiv mit den Händen einen Halt, fand ihn schließlich auf der Tischplatte.

"Ja, ja doch, ja, Naomi. Das weiß ich doch alles. Jetzt sei doch nicht so verbiestert. Ich freue mich eben, ich habe Kinder gerne, ich..."

"Jetzt drehst du voll durch, Alterchen! Als hättest du nicht jeden Tag genug Kinder um dich in der Schule, ganze Kindergärten! Also, für mich ist das im Moment kein Thema. Das sage ich dir nur, damit du im Bilde bist."

Jetzt hatten wir den Salat. Ich happy, sie sauer. Ich im siebten Himmel, sie am Ende ihrer Träume. Verstehe einer die Menschheit! Wir waren doch eine Paar, ein Liebespaar, warum sollten wir kein Kind haben? Wäre doch die natürlichste Sache der Welt.

"Klar, Naomi, ich habe nichts vergessen. Ich bin ja auch immer ganz deiner Meinung gewesen. Aber jetzt, jetzt, da es passiert ist, jetzt sieht die Welt ganz anders aus. Ich bin wirklich der Letzte, der nicht zu dir stehen würde. Wir schaffen das, Naomi, keine Sorge, wir schaffen das gemeinsam. Ganz sicher."

"Das einzige, was sicher ist, ist die Tatsache, daß ich jetzt kein Kind gebrauchen kann, Matz. Geht das denn nicht in deine Birne rein? In sechs Monaten will ich meine Diplomarbeit abgeben. Da muß ich noch gewaltig was für tun. Und danach will ich mich bewerben. Kannst du dir vorstellen, was die Personalchefs sagen werden, wenn ich, mit einem Baby an der Brust nuckelnd, zur Vorstellung erscheine? Kannst du dir das wirklich vorstellen? Allen Ernstes?"

Sie hatte mich am Wickel.

"Ja, natürlich, Schatz. Ich weiß auch, daß unser Plan nicht mehr ganz aufgeht, aber..."

"Nicht mehr ganz aufgeht! Ich glaub, ich hör nicht recht. Ich krieg keinen Job, das ist alles. Das nennst du 'nicht ganz aufgehen'. Ich glaub, es hackt!"

Wann hätte ich Naomi einmal derart aggressiv erlebt? Lag es nur an der Bestätigung der Schwangerschaft? Oder hatte es grundsätzlich mit unserer Beziehung zu tun? Paßte ihr irgendetwas nicht? Hatte Erika sie gegen mich aufgehetzt? Gegen die Schwangerschaft? Gegen das Kind? Wie auch immer, meine freudige Stimmung angesichts des greifbar nahen Nachwuchses hatte einen herben Dämpfer erlitten.

"Naomi, sieh mal, das mit deinem Beruf läuft doch nicht weg. Du bist noch sehr jung. Ein Baby wächst ja auch heran, nach ein oder zwei Jahren könnten wir uns eine Tagesmutter nehmen, du könntest dich beruflich voll entfalten, du könntest.."

"...könntest, könntest, könntest! Ich kann das nicht mehr hören!" Sie explodierte fast vor Wut. "Ach Matz, du hast einfach keine Ahnung vom Arbeitsmarkt", fuhr sie dann leicht resigniert fort. "Ihr Lehrer seid doch alle jenseits von Gut und Böse, ihr lebt auf einem fremden Stern. Ihr Beamte seid die allerletzten weltfremden Mohikaner auf diesem Planeten. Ein Wunder, daß es euch überhaupt noch gibt. Was denkst du, wie viele hundert und tausend Geographen und Geographinnen allein im Einzugsgebiet von Trier jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen? Weißt du, wie viele davon eine echte Chance bekommen? Im ersten Anlauf sind es weniger als 30%. Und dann versuch das Ganze mal mit Baby an Bord! Null Chance, sage ich dir. Null Komma null!"

Mein Schweigen durfte sie getrost als Sieg auf der ganzen Linie verbuchen. Sie hatte vielleicht recht, was ihr Leben anging, was ihre Karriere betraf. Aber durfte sie so egoistisch über unsere Beziehung hinweggehen? Über die Interessen des Kindes, des Embryos? Hatte der oder sie, wer auch immer sich da in ihrem Bauch Hoffnung auf Zukunft machte, überhaupt schon Interessen anzumelden, gar ein Mitspracherecht? Ich mußte feststellen, wie schlecht ich selbst auf diese Situation vorbereitet war. Naomi ging es sicher nicht viel anders. Sie war einfach überfordert. Ihre Aggression bewies es. 'Jetzt bloß nichts mit heißer Nadel stricken!', sagte ich mir.

"Nun hör mir mal bitte gut zu, Matz! Natürlich fühle ich, wie sehr du mich liebst. Jetzt ist mir auch klar, daß du dieses Kind unbedingt haben möchtest. Nur bitte ich dich um eines: überlaß die letzte Entscheidung mir. Ich kenne deine Wünsche und werde sie berücksichtigen, keine Sorge."

"Das klingt schrecklich kühl, Schatz."

"Laß es klingen, wie es klingt. Ich muß jetzt erst mal mit mir selbst ins Reine kommen. Ich bin erst in der dritten Woche, also keine Panik. Und bedenke bitte: wir sind nicht verheiratet."

"Was soll denn das schon wieder? Du weißt doch, daß ich dich auch ohne Trauschein liebe, mindestens so viel wie mit diesem Wisch. Vielleicht sogar noch mehr."

"War ja auch kein Vorwurf. Aber als Frau hat man eben eine andere Position. Als Alleinerziehende, wohlgemerkt. Da wird man schnell abgestempelt zur Almosenempfängerin."

"Aber du bist doch gar nicht allein..."

"Komm, lassen wir das jetzt, Matz. Schlafen wir ein Weilchen drüber. Ich werde schon zu einer Lösung finden. Ich hab nur eine Bitte: ich möchte, daß du mich unterstützt, egal, zu was ich mich letzten Endes durchringen werde. Abgemacht?"

"Abgemacht, Schatz."

Letzteres muß wohl nicht besonders überzeugend geklungen haben, denn Naomi sah mich verdammt schräg von der Seite an.

Nach dem Abendessen, für dessen Zubereitung ich mich freiwillig meldete, überraschte mich Naomi mit einem besonderen Nachtisch. Sie fischte eine Sektflasche aus dem Kühlschrank, die sie nach ihrer Rückkehr aus der Stadt ohne mein Wissen dort reingeschmuggelt hatte. Ich kannte einige Frauen, die bei besonderen Anlässen auf Sekt standen. Naturgemäß war die Überraschung meinerseits groß, nach dem verbalen Schlagaustausch vorhin. Na ja, vielleicht war es ja der Einstieg in die glückliche Wendung.

"Feste soll man feiern, wie sie fallen", war ihr einziger Kommentar zu meinem verdutzten Gesichtsausdruck. War es blanker Sarkasmus? Ich tat mich schwer damit, dieses prickelnde Erlebnis einzuordnen. Wir wechselten rüber in die gute Stube, die jetzt in Nebenfunktion Naomis Studierzimmer war.

"Ein Prosit auf unseren Stammhalter", tönte Naomi. Ich dagegen war ganz und gar nicht zum Scherzen aufgelegt, machte aber gute Miene zum Spiel (zum bösen Spiel, wie ich fand).

Alkohol soll ja nicht gerade förderlich sein für Schwangere, ging mir nebenbei durch den Kopf. Ich wußte von Abtreibungsversuchen verzweifelter Lateinamerikanerinnen, indem sie große Mengen Zuckerrohrschnaps tranken. Aber so weit waren wir ja noch nicht. Das Luy'sche Biogewächs - Riesling extra brat - hatte Charakter, ganz ohne Frage, ein rassiger Sekt des Konzer Biowinzers.

"Nun erzähl doch mal, Matz, wie läufts denn mit deinen Mordgeschichten?" stichelte sie.

"Mordgeschichten? Woher weißt du denn, daß es Morde gibt?"

"Man hört ja einiges, wenn der Tag lang ist. Bei RPR 1 habe ich das heute bestimmt schon dreimal mitbekommen, das läuft nämlich oben bei uns im Geo-Labor."

'Wie gut, daß ich heute kein Radio gehört habe', dachte ich.

"Na, dann bist du ja auf dem neuesten Stand, wenn man so will. Mehr weiß ich auch nicht. Außer, daß sie einen weißen Opel-Astra suchen, Baujahr '93. Du hast nicht zufällig einen gesehen?"

Reine Retourkutsche.

"O ja doch, laufend. Ich sehe ständig Sternchen und weiße Astras, Matz. Welchen hättest du denn gerne?"

Wir mußten beide schallend lachen. Dann versuchte ich, wieder ernst zu werden:

"Nun ja, es soll bundesweit rund 12.000 dieser Autos geben, wird sicher keine leichte Aufgabe sein, den Richtigen ausfindig zu machen."

"Die Bullen machen das schon. Keine Angst, die haben sie alle im Computer. - Aber sag mal, wie gehst du mit dem Fall um? Zwei Morde, das ist kein Pappenstiel. Das müßte doch ein Thema sein für eure Zeitung?"

"Klar isses das. Und ich werd mich auch drum kümmern. Gleich morgen werd ich mir die Pennerszene vornehmen, muß mit den Leuten ins Gespräch kommen."

"Gute Idee, Matz. Übrigens, da eine Weinkellerei im Spiel ist, ein Tip für dich: ich kenne zufällig einen Weinhändler, der heißt Schöppchen, einer mit Bart. Er soll seit Jahren in einer Höhle bei Trier hausen. Muß früher dolle Dinger gedreht haben, wurde mir als Kind erzählt."

"Meinst du etwa den mit dem langen, schwarzen Bart, der Sommer wie Winter mit der Felljacke herumläuft?"

"Ja, genau, wie ein Berber aus der Sahara. Im Winter die Wolle nach innen, im Sommer nach außen. Soll dann sogar vor der Hitze schützen."

"Klar, den habe ich schon oft gesehen, pendelt wohl viel zwischen Wald und Stadt. Ich wußte aber nicht, daß er mal Weinhändler war."

"Muß eine ziemliche Größe an der Mittelmosel gewesen sein. Mein Vater hat früher oft von ihm erzählt. Einmal war er sogar bei uns zu Hause auf einer Party, ich war gerade im Backfischalter, er wollte sich an meine knospenden Titten ranmachen. Ich hab ihm kräftig eine gewischt, eine schallende Backpfeife, dann war Ruhe."

"So ein Mistkerl!"

"Na, so schlimm wars nicht. Er war halt angetrunken. Aber bei diesem Zwischenfall habe ich mir sein Gesicht eingeprägt. Ich war völlig irritiert, als ich ihn vor ein paar Jahren in seiner neuen Montur in Trier getroffen habe. Ich glaube, er hat mich nicht erkannt."

"Gut so."

"Du gönnst dem Typen aber auch gar nichts."

"Kinderschänder sind nicht gerade meine besten Kumpels, verstehst du!"

"Mach bitte aus einer Fliege keinen Elefanten, Mätzchen. Schöppchen ist nicht wegen Kindesmißhandlung in Haft gekommen, sondern wegen irgendwas mit Wein und Panscherei oder so."

"Sieh an, im Gefängnis war der feine Herr auch schon mal!"

Pulsuz fraqment bitdi.

Yaş həddi:
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170 səh. 1 illustrasiya
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9788726296556
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