Kitabı oxu: «Jan pass auf!»

Şrift:

Knud Meister

Carlo Andersen

Jan pass auf!

Eine detektivgeschichte

für buben und mädchen

Saga

Jan pass auf!

Aus dem Dänischen von Marlène Schwörer

Originaltitel: Vogt dig, Jan! © 1966 Carlo Andersen, Knud Meister

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711458600

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com.

Erstes kapitel

Ein alter Feind taucht auf

Die Familie Helmer saß am Frühstückstisch. Der Tisch war wie immer so hübsch und ansprechend gedeckt, daß er zum Zugreifen förmlich verlockte. Dennoch waren drei der Familienmitglieder mit Lesen beschäftigt. Jan überflog zum letzten Mal in seinem Geschichtsbuch das Kapitel «Der amerikanische Bürgerkrieg», während er abwesend seinen Kaffee trank und ein Brötchen aß. Lis las zum bestimmt zwanzigsten Mal den Brief durch, den sie von ihrem Verlobten Jens bekommen hatte, der gerade in Schweden war. Der Herr des Hauses schließlich, Kriminalkommissar Helmer, war ganz in die Morgenzeitung vertieft.

Frau Helmer schob den Korb mit dem duftenden, frischgebackenen Brot zu ihrem Mann hin und sagte leicht vorwurfsvoll: «Mogens, jetzt solltest du aber wirklich etwas essen. Du arbeitest hart im Polizeipräsidium; da darfst du nicht mit leerem Magen hingehen. Leg doch endlich die Zeitung weg und iß ein Butterbrot.»

Helmer legte zögernd die Zeitung hin und lächelte ein wenig. «Ach, Mutti, du brauchst keine Angst zu haben, daß ich Hungers sterbe. Aber in der Morgenzeitung steht ab und zu doch etwas, was einen Polizeimann interessiert...»

Jan hob schnell den Kopf von seinem Buch und fragte: «Steht was Spannendes in der Zeitung, Vater?»

«Spannend?» wiederholte der Kriminalkommissar. «Das kommt darauf an, wie man es betrachtet. Ich würde eher sagen, daß es etwas sehr Trauriges ist, was mich momentan interessiert. Leider liest man dergleichen nur allzuoft in der Zeitung...»

«Was ist es, Vater?»

Helmer schob Jan die Zeitung hin und deutete auf einen Artikel. «Du kannst es ja selber lesen, mein Junge.»

Jan verlor sogleich jedes weitere Interesse am amerikanischen Bürgerkrieg. Er legte sein Geschichtsbuch weg und breitete die Zeitung vor sich aus; dann las er den Artikel, den der Vater ihm gezeigt hatte. Anscheinend fesselte er auch ihn, denn er stützte sein Kinn in die Hände und war für einige Minuten ganz versunken, so daß er die Aufforderung zum Essen seitens seiner Mutter ebenso wenig hörte wie die foppenden Bemerkungen, die Lis fallen ließ. Der Artikel war groß mit folgender Schlagzeile überschrieben:

Furchtbarer Autounfall

Grosser Wagen gegen einen Baum gefahren junger Mann fand den tod

Dann folgte die Beschreibung des Unfalls, der sich in der vorhergehenden Nacht auf der Hauptstraße Nummer 1 abgespielt hatte. Der Fahrer des Wagens, ein junger Mann von sechzehn oder siebzehn Jahren, war auf der Stelle getötet worden. Er war mit einem Buick gegen einen Baum gefahren und hatte sich dabei das Lenkrad in die Brust gestoßen. Ein Bauer hatte den Verunglückten gefunden und sofort die Polizei aus Ringsted herbeigeholt. Die Untersuchung ergab, daß mindestens noch ein Beifahrer im Wagen gewesen sein mußte, als das Unglück passierte, denn es fanden sich deutliche Blutspuren am rechten Trittbrett, und auch auf der Straße waren noch Spuren von Blut entdeckt worden. Sie verliefen bis zu einem Acker. Weiter aber konnte man, trotz eifriger Suche, von dem verletzten Beifahrer nichts entdecken. Im Kofferraum des Wagens fand man eine große Menge Konservendosen sowie Wein und Tabakwaren, außerdem eine grüne, ungeöffnete Geldkassette. Die Polizei kam daher zu der Annahme, daß es sich um sehr junge Autodiebe handeln müsse, die in Mittel- oder Westseeland einen Raubzug verübt hatten. Bisher hatte noch niemand einen Einbruch gemeldet. Man wußte jedoch schon, daß der Wagen von einem Parkplatz in Nörrevold gestohlen worden war. Aus den Bremsspuren ging eindeutig hervor, daß der Wagen mit großer Geschwindigkeit gefahren war. Es wurde angenommen, daß ein Hase oder dergleichen den Fahrer nervös gemacht und zu heftigem Bremsen gezwungen hatte, wodurch der Wagen ins Schleudern geriet. Der Tote trug keine Papiere bei sich, daher wußte man nicht, um wen es sich handelte, aber die Polizei war sicher, daß er Mitglied einer Jugendbande war.

Weiter schrieb die Zeitung, daß die Öffentlichkeit hoffe, die Polizei würde sich mehr in solche Fälle einschalten, um dem entsetzlichen Unwesen der Jugendbanden endlich Einhalt zu gebieten.

Jan faltete die Zeitung zusammen und schaute zu seinem Vater hinüber.

«Das sieht schlecht aus, Vater. Glaubst du auch, daß es sich um eine Jugendbande handelt?»

Helmer nickte ernst.

«Darüber besteht wohl leider kein Zweifel, Jan, wenn ein Junge von sechzehn oder siebzehn Jahren hinter dem Lenkrad sitzt. Die Presse hat leicht reden. Wir würden ja gern mehr gegen dieses Bandenunwesen tun, aber die Autofahrer selber helfen uns wenig. Wie oft lassen sie doch ihre Autos unverschlossen oder mit offenen Fenstern stehen. Es ist dann natürlich sehr verlockend für die autobesessenen jungen Leute, einen Wagen zu stehlen.»

Der Kriminalkommissar hielt inne und starrte auf die weiße Tischdecke, dann fuhr er im gleichen, düsteren Ton fort:

«Kannst du dich an jene Bande von Jugendlichen erinnern, die vor einiger Zeit von der Kriminalpolizei aufgestöbert wurde? Du hast uns damals sehr gute Dienste geleistet. Auch diese Jungen hatten Autos gestohlen und Einbrüche verübt. Einer deiner Schulkameraden war in die Sache verwickelt; aber er kam dann mit einem blauen Auge davon.»

«Ja», stimmte Jan zu. «Ich erinnere mich gut. Asbjörn war eine Zeitlang Mitglied einer Jugendbande; aber er sah bald ein, daß es nicht der richtige Umgang für ihn war. Walther Clausen, der Anführer der Bande, wurde schließlich erwischt und zur Strafe in ein Jugendgefängnis gesteckt, nicht wahr?»

«Mhm», murmelte Helmer, der nun doch das Butterbrot aß, das seine Frau ihm angeboten hatte. «Er bekam eine längere Strafe, aber seine Führung im Gefängnis war so gut, daß er vor kurzem auf Bewährung entlassen wurde.»

«So, Walther Clausen ist wieder frei?»

«Ja, und man kann nur hoffen, daß er die Chance, die ihm dadurch gegeben wird, auch im positiven Sinne nützt. Ich fürchte bloß, daß er zu den Unbelehrbaren gehört. Viele werden ja nach einer solchen Strafe brauchbare Bürger, denn von seiten des Staates und der Kirche wird sehr viel für diese jungen Leute getan, die einmal gestrauchelt sind, aber dann wieder auf den richtigen Weg zurückfinden. Nur ist es eben in manchen Fällen schier unmöglich, sie zur Vernunft zu bringen. Ich möchte dich daher warnen, mein Junge. Walther Clausen kann sich an mir nicht rächen, aber er wird vielleicht versuchen, sich dir zu nähern, denn er weiß ja, daß du und dein Freund Erling bei seiner Festnahme geholfen habt.»

«Hm», sagte Jan bloß.

«Ja, mein Junge», nickte Helmer. «Ich weiß, was du mit deinem ‚hm‘ meinst. Walther Clausen war ein trauriger Geselle; man kann nur das Beste hoffen.» Dann winkte er seiner Familie freundlich zu und ging.

Jans Gedanken aber kreisten um den freigelassenen Walther Clausen, während er einige Minuten später zur Schule radelte. Er mußte auch an seinen Klassenkameraden Asbjörn denken, der durch Walther Clausen in eine Halbstarkenbande gelockt worden war. Als die Polizei schließlich der Bande habhaft wurde, gelang es dem Anführer – eben diesem Walther – zu entkommen. Wenig später trug Jans Schule ein Fußballspiel gegen die Internatsschule Rödbjerg aus. Bei dieser Gelegenheit waren Erling und Jan auf Clausen gestoßen, und es war möglich gewesen, ihm eine Falle zu stellen, die den Bandenführer hinter Schloß und Riegel brachte. Bei der Festnahme hatte Clausen geschworen, sich an Jan und Erling zu rächen, sobald er wieder frei war.

Jan kam der Gedanke, daß Walther Clausen sich im Gefängnis sicher nicht so mustergültig aufgeführt hatte, weil er inzwischen ein neuer und besserer Mensch geworden war, sondern weil er sehr wohl wußte, daß er bei guter Führung eine Strafmilderung zu erwarten hatte. Nun, diese Hoffnung hatte sich jetzt erfüllt.

Jan fühlte sich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, daß er seinem Vater nicht erzählt hatte, was Walther Clausen ihm bei seiner Festnahme angedroht hatte. Das hätte er eigentlich tun sollen... aber er hatte den Vater nicht unnötig ängstigen wollen. Es konnte ja schließlich doch sein, daß der Gefängnisaufenthalt den jungen Mann zur Besinnung gebracht und einen besseren Menschen aus ihm gemacht hatte. Vielleicht hatte er alle Rachegedanken aufgegeben.

Eine neue Idee überkam Jan. Warum hatte sein Vater ihm wohl erzählt, daß Walther Clausen frei war? Hatte er es vielleicht als Warnung gemeint, weil er ahnte, daß der junge Mensch sich rächen wollte? Sehr wahrscheinlich war es so, denn der Vater schien manchmal einen sechsten Sinn zu haben. Dem tüchtigen Kriminalkommissar entging so leicht nichts... es wäre auch dumm gewesen, etwas vor ihm verbergen zu wollen.

Während Jan sein Fahrrad unter dem Wellblechdach im Schulhof abstellte, kam der dicke Erling auf ihn zu und sagte munter: «Lieber Freund, es scheint mir, als sei deine sonst so freundliche Miene heute morgen ein wenig verdüstert. Hast du vergessen, deine Geschichtsaufgabe vorzubereiten?»

«Nein...»

«Französisch?»

«Auch nicht», antwortete Jan und mußte nun doch lachen. «Ich glaube, ich habe so ziemlich alles vorbereitet.» Dann wurde sein Gesicht ernst, und er fuhr fort: «Schon möglich, daß ich ein wenig düster aussehe, denn ich habe auf dem ganzen Schulweg an Walther Clausen gedacht. Erinnerst du dich an den Burschen? Er ist kürzlich auf Bewährung freigelassen worden.»

«Natürlich erinnere ich mich an Clausen. Aber warum regt seine Freilassung dich auf?» fragte Erling ohne größeres Interesse.

Jan hob die Schulter. «Nun, ich will nicht behaupten, daß ich allzusehr beunruhigt bin, aber ich kann die Drohung nicht vergessen, die der Kerl damals ausgestoßen hat.»

«Ach was, der wird sich im Gefängnis wieder abgekühlt haben», meinte Erling.

Da klingelte auch schon die Schulglocke, und die beiden Freunde bekamen erst nach dem Unterricht wieder Gelegenheit, miteinander zu sprechen, als sie zusammen mit ihrem Freund Jesper, Krümel genannt, wegradelten. Das Wetter war schön an diesem Tag. Deshalb beschlossen die Freunde, einen kleinen Ausflug mit der «Rex», ihrem Segelboot, zu machen; sie fuhren also in Richtung Helleruper Segelklub. Jesper hatte es sehr bedenklich gestimmt, als Jan ihm erzählte, was mit Walther Clausen geschehen war.

«Ich weiß, daß er ein gefährlicher Mensch ist, und ich bin sicher, daß er seine Drohungen wahrmachen wird.»

Erling gab seinem kleinen Freund einen väterlichen Klaps auf den Rücken. «Lieber kleiner Krümel, ich kann wirklich nicht einsehen, weswegen du dich fürchten müßtest. Bei dem Fußballspiel gegen Rödbjergs Internatsschule und in den darauffolgenden Ereignissen hast du doch kaum eine Rolle gespielt. Ich möchte sagen, daß Walther Clausen überhaupt nicht weiß, daß es dich gibt. Also Kopf hoch, Krümel, du hast nichts zu befürchten. Wenn der Kerl jemandem eins auswischen will, dann wird er sich an Jan und Onkel Erling halten. Aber das wird ihm schlecht bekommen, nicht wahr, Meister Jan?»

«Hm – ja», murmelte Jan bedrückt.

Erling seufzte tief. «Na, hört mal, was habe ich mir da für Schlafmützen als Freunde ausgesucht? Der eine ist bedrückter als der andere! Man sollte geradezu meinen, Clausen sei uns vor Blutdurst schnaubend auf den Fersen. Also, liebe Freunde, ich bitte mir eine bessere Laune aus. Es mag ja sein, daß der Kerl eines Tages auftaucht, um seine Kräfte an den unseren zu messen, aber er ist nun doch wirklich nicht der Schlimmste von all denen, die uns in unserem bisherigen glorreichen Leben begegnet sind. Er wird sich wundern, wenn er an Onkel Erling gerät!»

Jan konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. «Erstaunlich, wie übermütig du geworden bist, Dicker. Sonst bist doch du derjenige, der die Dinge immer sehr schwarz sieht. Warum die vielen stolzen Worte?»

«Dreimal darfst du raten.»

«Ich kann es, glaube ich, beim ersten Mal erraten. Wenn du so übermütig bist, dann wohl, weil du damit rechnest, daß wir Walther Clausen nie zu Gesicht bekommen werden. Stimmt’s?»

«Haarscharf, mein Freund!» Erling nickte. «Ich beuge ehrfurchtsvoll mein Haupt vor deinem Scharfsinn. Meiner bescheidenen Meinung nach werden wir nichts mehr von ihm sehen.»

«Laßt uns in der Hoffnung leben!» sagte Jan trocken.

Die Jungen bogen auf den Weg zum Segelklub ein. Als sie am Klubhaus von den Rädern stiegen, fuhr gerade ein kleiner, gelber Sportwagen mit großer Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Der Wagen fuhr bis zum Ende des Weges, drehte dort um und kam ebenso schnell zurück. Jan, der als letzter durch die Tür ging, warf zufällig einen Blick auf den Wagen – und es gab ihm einen Ruck. Er blieb einige Augenblicke unbeweglich stehen und starrte dem Wagen nach, der gerade an der Ecke zum Strandvejen von der Straße abbog.

Erling gab ihm einen kleinen Stoß in die Seite. «Hallo, edler Herr... du stehst da und siehst aus, als hättest du Gespenster gesehen.»

«Gespenster?» wiederholte Jan geistesabwesend. «Wenn es nur Gespenster gewesen wären!»

«Wie bitte?»

«Ja, wirklich. Hast du den kleinen gelben Sportwagen gesehen?»

«Natürlich.»

«Und hast du auch gesehen, wer darin saß? Walther Clausen höchstpersönlich.»

Erling stöhnte gequält: «O nein, sag das nicht! Bist du ganz sicher?»

«Hundertprozentig.»

«Meinst du, daß er nach uns Ausschau gehalten hat?»

«So sieht es aus. Es wäre doch seltsam, wenn unsere Wege sich gerade hier zufällig kreuzen würden. Scheint es dir jetzt nicht auch, daß es Walther Clausen mit seinen Drohungen bitter ernst war?»

Erling nickte und seufzte gleichzeitig. «Nie mehr werde ich Optimist sein, da wird man nur enttäuscht. Wir sind unter einem Unglücksstern geboren, ich sehe schon die ärgsten Unannehmlichkeiten voraus.»

Zweites kapitel

Jan hegt einen schweren Verdacht

Im Jachthafen lag die «Rex» vor Anker, und Carl, der vierte im Bunde, wartete an Bord auf seine drei Freunde.

Jan schlug ihm fest auf den Rücken und sagte lachend: «’n Tag, Carl. Nach und nach wird die ‚Rex‘ ja wirklich zu deinem ständigen Zuhause. Warst du heute schon draußen?»

«Ja, am Vormittag ein paar Stunden... aber sei versichert, daß ich immer bereit bin, hinauszufahren. Von der See kann ich nie genug kriegen. Leider werde ich sie allerdings ein paar Tage lang entbehren müssen.»

«Warum?»

«Meinem Vater geht es nicht gut; ich muß ihn wahrscheinlich in der Fahrradwerkstatt ein wenig vertreten.»

Der starke Carl sah bei diesem Gedanken nicht sehr erfreut aus. Zwar wollte er natürlich seinem Vater gern helfen, aber anderseits würde das bedeuten, daß er seine geliebte «Rex» für einige Zeit verlassen mußte, und während des Sommers war die «Rex» sein eigentliches Heim. Wenn es das Wetter zuließ, war er tagsüber auf dem Öresund, und nachts schlief er in der kleinen Kajüte. Zwischendurch ging er dem Hafenmeister zur Hand und verdiente sich damit ein schönes Taschengeld. Er sparte nach wie vor jede Krone, um bald die Steuermannschule besuchen zu können. Nächstes Jahr, wenn seine Freunde die Schule verließen, würde er sich auf jeden Fall von ihnen trennen müssen. Vorläufig genoß er aber das Leben auf der «Rex», und mit der Zeit hatte er sich zu einem erstklassigen Segelsportler entwickelt. Nicht nur der Hafenmeister, Herr Winslöw, sondern auch der berühmte Poul Elvström, der bei den Olympischen Spielen in London und Helsinki Goldmedaillen erkämpft hatte, lobten ihn sehr. Elvström war der beste Mann im Helleruper Segelklub und wußte eine Leistung zu würdigen. Carl hatte einen ganz roten Kopf bekommen, als Elvström ihn lobte, denn es war keine Kleinigkeit, von diesem Experten der Segelkunst anerkannt zu werden.

Jan setzte sich auf die Ruderbank und schaute seinen Freund lächelnd an.

«Hör mal, Carl», sagte er, «ich habe das Gefühl, daß nicht nur dein Vater eine helfende Hand braucht. Wir werden sicher auch deine Muskeln bald nötig haben...»

«Nein, wirklich?» fragte Carl und strahlte. «Braut sich ein Sturm zusammen?»

«So könnte man es wohl nennen.»

Dann erzählte Jan dem Freund alles, was er im Zusammenhang mit der Freilassung Walther Clausens wußte. Carl ballte seine Fäuste und sah böse drein.

«Oh, besten Dank, den Kerl kenne ich, und sollte ich ihn zwischen die Finger bekommen, dann werde ich schon dafür sorgen, daß er kein weiteres Unheil verursacht. Ich werde ihn zu Ato... – wie heißt das nun wieder? – zerkrümeln.»

«Zu Atomen», schlug Jan lächelnd vor. «Aber das sollst du nun auch wieder nicht, Carl. Es ist ganz in Ordnung, wenn man seine Muskeln zur Verteidigung oder zugunsten einer guten Sache benutzt, aber man darf niemanden zu Atomen zerkrümeln, bloß weil man ihn nicht leiden kann.»

«Ja, das schon, aber er hat sich doch damals wie ein Bandit benommen – dir und Erling gegenüber, meine ich...»

«Das stimmt zwar, aber dafür hat er ja auch seine Strafe bekommen. Und noch sind wir nicht sicher, daß er neue Bosheiten im Sinn hat.»

«Die hat er im Sinn! Das ist bei diesem Schuft sicher.»

«Gut, gut, aber das müssen wir erst abwarten. Wenn er selbst zum Angriff übergeht, können wir ja unsere Muskeln benützen... aber wirklich keine Sekunde früher! Wir leben schließlich in einem zivilisierten Land, wo zwischen anständigen Menschen nicht das Faustrecht gilt. Sei mal ehrlich, Carl, so gern prügelst du dich doch gar nicht.»

«N–nein... das nicht...»

«Natürlich nicht, Carl», schmunzelte Jan. «Trotz deiner großen Kraft bist du im Grunde friedlich wie ein Lamm, und bisher hast du deine Fäuste nur dann gebraucht, wenn wir anderen in der Klemme saßen. So soll es ja auch sein. Nur zweitrangige Menschen entscheiden Streitigkeiten mit Hilfe ihrer Fäuste.»

«Mhm», murmelte Carl bloß.

«Sollten wir jetzt nicht machen, daß wir wegkommen», schlug Jesper vor. «Der Wind ist gut, und wir könnten bis nach Hveen segeln.»

Erling schlug ihm kameradschaftlich auf die Schultern. «Zuerst, Krümelchen, brauchen wir eine Tasse Tee. Mach voran, Junge, und zünde den Primuskocher an.»

«Aber...»

«Sei still, elende Schlange! Onkel Erling hat Hunger und Durst. Er wagt sich nicht aufs weite Meer, bevor er etwas im Magen hat.»

«Krümel, sei so gut, und mach uns eine Tasse Tee», bat Jan. «Wir bekommen doch keine Ruhe vor dem dicken Fresser, ehe er seinen Willen durchgesetzt hat.»

«Dickes Kamel», zischte Jesper durch die Zähne und verschwand in der Kajüte.

Zehn Minuten später saßen die vier Freunde gemütlich um den kleinen Tisch in der Kajüte, und als Erling seinen ärgsten Hunger gestillt hatte, glitt die «Rex» vor gutem Wind aufs Meer hinaus. Wie immer wurde es ein herrlicher Nachmittag für die Jungen. Auf den schaumgekrönten Wellen des Öresund pumpten sie frische Luft in ihre Lungen und hatten dann auch nichts dagegen, am Abend über ihren Schulbüchern zu hocken. Das Gleichgewicht zwischen Vergnügen und Pflicht mußte ja gewahrt bleiben.

In den darauffolgenden Tagen blieb die «Rex» notgedrungen an ihrem Liegeplatz. Carl half seinem kranken Vater in der Reparaturwerkstatt, und die drei anderen hatten keine große Lust, ohne ihren starken Freund loszufahren. Es erschien ihnen sogar ein wenig unkameradschaftlich, etwas ohne ihn zu unternehmen.

Eines frühen Morgens, kurz bevor Jan zur Schule ging, erhielt er einen Anruf vom Hafenmeister Winslöw aus Hellerup. Es war ein sehr aufregender Anruf, denn der Hafenmeister berichtete, daß die «Rex» im Laufe der Nacht gesunken sei.

Jan ließ beinahe den Hörer fallen vor Überraschung, und dann fragte er zweifelnd: «Was erzählen Sie da, Herr Winslöw? Die ‚Rex‘ ist gesunken?»

«Ja», erwiderte der Hafenmeister trocken. «Sie ist auf den Grund des Hafenbeckens gesunken.»

«Ja, aber... hm... wie kann das denn passiert sein?»

«Keine Ahnung, Jan. Aber wir müssen das Boot ja heben lassen; dann werden wir feststellen, was geschehen ist. Die ‚Rex‘ kann nicht im Hafenbecken liegen bleiben; das würde ihr auch schlecht bekommen. Billig wird die Hebung allerdings nicht sein. Aber ich darf doch wohl Hilfe holen, um die ‚Rex‘ herauszubekommen?»

«Ja, natürlich... Bitte, warten Sie einen Moment, Herr Winslöw.»

Schnell berichtete Jan seinem Vater, was passiert war, und kopfschüttelnd erklärte der Kommissar sich bereit, die Kosten für die Hebung der «Rex» zu bezahlen. Nach der Schule wollte Jan dann selbst nach Hellerup fahren, um sich alles genau anzusehen. Er konnte absolut nicht verstehen, wieso das solide Segelboot so unerwartet gesunken war. Es klang ganz unglaublich... aber der Hafenmeister war ein ernster und pflichtbewußter Mann, der mit solchen Dingen keinen Spaß treiben würde. Sehr seltsam war das Ganze jedenfalls.

Nach der Schule fuhren Jan, Erling und Jesper zum Helleruper Hafen. Die «Rex» war bereits gehoben worden und lag jetzt zwischen zwei großen Pontons, aber im Boot standen immer noch mindestens dreißig Zentimeter Wasser.

Der Hafenmeister begrüßte die Jungen und sagte: «Seltsame Geschichte, Jungs... das Boot ist angebohrt worden.»

«Was sagen Sie da?» Jan schnappte sichtlich nach Luft. «Die ‚Rex‘ ist angebohrt worden, um sie zu versenken?»

Winslöw nickte. «Ja. Von hier aus könnt ihr es zwar nicht sehen, weil der Boden mit Wasser bedeckt ist. Aber unter der Wasserlinie hat jemand ein großes Loch in den Rumpf gebohrt. Im Laufe der Nacht hat die ‚Rex‘ dann soviel Wasser gemacht, daß sie gesunken ist. Ein sehr böswilliger Mensch muß da seine Finger im Spiel gehabt haben.»

Jan und Erling tauschten unwillkürlich Blicke aus.

Dann nickte Erling düster. «Ja, mein Freund. Wir denken wohl in diesem Augenblick an das gleiche: Walther Clausen!»

«Ja», murmelte Jan und sah genauso düster drein. «Aber Beweise haben wir keine.»

Der Hafenmeister verstand gar nichts; er wußte ja nicht, worüber die beiden Freunde sich unterhielten. Jan wollte ihn im Moment auch nicht aufklären. Es wurde nur vereinbart, daß Winslöw einen Handwerker bestellen sollte, der den Schaden zu beheben hatte. Danach gingen Jan und seine Freunde ins Klubhaus, um sich zu stärken.

Während sie dort um einen Tisch saßen und sich dem guten Gebäck widmeten, war die Stimmung nicht so ausgelassen, wie sie sonst bei diesen Gelegenheiten zu sein pflegte. Sogar Erling schien keinen besonderen Appetit zu haben.

Schließlich sagte er: «Das war ein ganz gemeiner Streich von Clausen.»

Jan nickte geistesabwesend. «Ja, ein ganz widerlicher Streich, aber wir haben eben doch keinen Beweis dafür, daß er es war...»

«Ach was, wer hätte es denn sonst sein sollen», unterbrach ihn Erling und machte eine bezeichnende Grimasse. «Am besten melden wir es gleich, damit der Kerl wieder eingesteckt wird.»

«Vater weiß schon, daß das Boot gesunken ist.»

«Weiß er auch, daß Walther Clausen es getan hat?»

«Nein, das nicht, aber das wissen wir ja auch nicht. Vorläufig kann man höchstens von einem schweren Verdacht sprechen.»

«Quatsch!» knurrte Erling. «Du bist doch im Grunde genauso überzeugt wie ich, daß es der widerliche Kerl gewesen ist. Die Frage ist nur, was wir tun sollen?»

Jesper schlug mit der Faust auf den Tisch und sah sehr kampflustig aus: «Ich weiß, was wir tun. Wir fahren jetzt sofort zu ihm und geben ihm die verdiente Tracht Prügel.»

«Nun reg dich schon ab, du kleiner Berserker!» befahl Erling. «Wenn es dich so sehr zu ihm zieht, kannst du ja alleine gehen und ihm seine Tracht Prügel verabreichen. Jan und ich werden inzwischen unsere klugen Köpfe anstrengen und eine gute Lösung finden.»

Jespers Antwort war kleinlaut. «Na ja, allein kann ich nicht mit ihm fertig werden. Das weißt du ja selbst.»

Erling nickte ironisch. «Dann bleib lieber da, Krümel. Nimm dir noch einen Kuchen und halte deinen Mund, während wir Erwachsenen vernünftig miteinander reden. Unterbrich uns jetzt bloß nicht mit weiteren genialen Einfällen...»

«Ja, aber ich...»

«Sei still, du Kröte!»

Jan hatte dem Wortwechsel zwischen den beiden Freunden kaum Beachtung geschenkt. Er saß ziemlich geistesabwesend da und blickte abwechselnd aufs Wasser, wo viele Segelboote sich tummelten, und auf die hübschen Gartenanlagen des Segelklubs.

Schließlich sagte er:

«Hört mal zu. Unser Verdacht richtet sich auf Walther Clausen. Ein sehr begründeter Verdacht, das kann man wohl sagen – aber mehr ist es nicht, denn es fehlt uns jeglicher Beweis. Und wenn man alles genau bedenkt, so ist dieser Kerl gewiß nicht unser einziger Feind.»

Hier unterbrach ihn Erling energisch. «Wahrscheinlich hat er uns neulich verfolgt, als wir auf dem Weg hierher waren. Du hast ihn ja selbst gesehen.»

Jan nickte. «Gewiß, das ist an sich schon seltsam, aber ein Beweis ist es nicht. Jedenfalls kein Beweis, den die Polizei oder das Gericht anerkennen würden.»

«Guten Tag, Jungs!» erklang es in diesem Augenblick. Es war Jack Morton, der die Klassenkameraden munter begrüßte. «Ich mußte doch einmal nach euch sehen, um zu erfahren, wie es mit der armen ‚Rex‘ gegangen ist. Hat sie Totalschaden?»

«Nein, glücklicherweise nicht», antwortete Jan.

Dann erklärte er, daß das Boot gehoben worden sei und daß sie Walther Clausen verdächtigten, ihnen den üblen Streich gespielt zu haben.

Jack hörte gespannt zu und sagte dann lächelnd: «Seltsamer Zufall, daß du von Walther Clausen sprichst, denn vor weniger als einer Stunde sah ich ihn in Ryvangen.»

«So», sagte Jan ohne größeres Interesse.

Jack nickte. «Ja, ihr wißt doch, daß er in unserer Nachbarschaft wohnt, in der Parallelstraße, Nummer 14. Die Villa gehört seinen Eltern, aber die scheinen ständig auf Reisen zu sein; daher hat der Bursche das Haus fast immer für sich allein. Er kam zusammen mit einer ägyptischen Mumie die Straße hinaufgegangen.»

«Mit einer ägyptischen Mumie?» wiederholte Jan erstaunt. «Was meinst du damit, Jack?»

Jack Morton lachte. «Nun, nimm das nicht wörtlich, Jan. Clausen war in Gesellschaft eines jüngeren Burschen, der so mit Verbandzeug umwickelt war, daß es schon komisch wirkte. Wenn ein echter Arzt ihm den Verband angelegt hat, dann sollte man dem Mann die Praxis entziehen. Selbst der schlechteste Samariter hätte den Verband besser anlegen können.»

«Kennt dich Clausen?» fragte Jan. «Weiß er, daß du mit uns befreundet bist?»

«Nein, sicher nicht. Ich habe nur ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen, bevor er ins Gefängnis kam. Aber ich kann mich sehr gut an seine angeberische Kleidung, seine arrogante Haltung und das dunkle Haar erinnern. Heute habe ich noch festgestellt, daß er braune Augen hat.»

Pulsuz fraqment bitdi.

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