Kitabı oxu: «Jan schöpft Verdacht»

Şrift:

Knud Mei­ster und Car­lo An­der­sen

Erstes kapitel

Das Wettsegeln war zu Ende, und alle Teilnehmer hatten sich in dem gemütlichen Aufenthaltsraum des Helleruper Segelklubs versammelt. Der Vorsitzende läutete mit der großen Glocke, um Ruhe zu erbitten für die Verteilung der Preise. Dann ergriff er die Liste und las vor: «Erster Preis: Jan Helmer auf ‹Rex› ... Zweiter Preis: Sören Henrikson auf ‹Karen› ... Dritter Preis: Per Höyer auf ‹Forward›.»

Die Verkündung der Resultate wurde mit lautem Beifall aufgenommen. Die Preisträger traten vor.

Jan bedankte sich höflich für den Preis und den Beifall. Dann kehrte er zu dem Tisch zurück, an dem Erling, Jesper und Carl bereits bei Zitronensprudel zusammensaßen.

Carl grinste breit: «Na, das hat ja prima geklappt, Jan, obwohl wir doch gar nicht viel Zeit für das Training hatten.»

«Es ging wie erwartet», meinte Jesper ein wenig prahlerisch. «Wenn Jan am Ruder sitzt, schaffen wir es bestimmt jedesmal.»

Erling seufzte. «Lieber Krümel, es würde mich tief betrüben, wenn du eines Tages an Größenwahn eingingest. Dein Einsatz beim Wettsegeln war doch wirklich entbehrenswert, deshalb kannst du auch nicht gut sagen, daß wir es geschafft haben. Wollen wir nicht lieber behaupten, daß Jan und Carl es geschafft haben?»

«Jan allein», berichtigte Carl und sah ganz verlegen drein.

«Ach was, danke für die Blumen.» Jan lachte und breitete die Arme aus. «Wir haben es gemeinsam geschafft und damit basta.»

«Wer hätte das gedacht», murmelte Erling vor sich hin.

Er dachte in diesem Augenblick an etwas Bestimmtes. Sie hatten wirklich nicht viel Zeit für das Training gehabt, denn ein Verbrecher, dem Jan schon früher das Handwerk gelegt hatte, der Meisterspion Paul Katz, war ganz unerwartet mit seiner Bande aufgetaucht und hatte allerlei Unheil gestiftet, um sich an Jan zu rächen. Schließlich war es zu einem Kampf mit der Polizei gekommen, der mit einer wilden Schießerei endete.a Katz war dabei umgekommen, und jetzt konnten die vier Freunde aufatmen. Der Meisterspion und seine Helfershelfer konnten sie nicht mehr plagen.

Mittlerweile war die Stimmung im Klubhaus an dem Punkt angelangt, wo man kaum noch sein eigenes Wort verstehen konnte. Erling schlug vor, auf ihrem Segelboot, der «Rex», zu Abend zu essen, und dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Carl hatte tags zuvor in Hellerup groß eingekauft; es herrschte also kein Mangel an Lebensmitteln. Diese Tatsache war es natürlich, die Erling veranlaßt hatte, den Vorschlag zu machen!

*

Die Herbstsonne schien warm, und Erling räkelte sich behaglich auf dem Deck der «Rex», während er träge Anweisungen gab: «Carl und der Krümel werden für eine wohlschmeckende Mahlzeit sorgen, während Jan und ich uns von den Strapazen des Tages erholen.»

Jan lachte. «Ja, Dicker. Ich kann natürlich verstehen, daß du dich von deinem hervorragenden Einsatz während des Wettsegelns erholen mußt...»

«Ach», meinte Jesper spöttisch, «wir schaffen es leicht ohne Hilfe des dicken Kamels.»

Mit größter Anstrengung hob Erling seinen Kopf um einige Zentimeter und seufzte: «Lieber Krümel, ich habe nach wie vor die Befürchtung, daß du doch noch an Größenwahnsinn eingehen wirst. Außer dir gibt es sicher auf der ganzen Welt niemand, der deine Kochkünste mehr als mittelmäßig bezeichnen würde. Du kannst ja schließlich nicht leugnen, daß man sich nicht als Meisterkoch bezeichnen darf, wenn man statt Puderzucker Kartoffelmehl in den Nachtisch gibt. Und wenn man statt Salz Soda an die Kartoffeln tut! Das mußt du doch zugeben, Krümel, nicht wahr?»

Jesper war vernünftig genug, auf diese Worte gar nicht erst einzugehen. Er eilte statt dessen in die Kombüse, wo Carl bereits mit den Vorbereitungen beschäftigt war.

Überaus zufrieden nickte Erling Jan zu: «Wie schön, daß man andere dazu bringen kann, tüchtig zu arbeiten, während man selbst nur ein paar Hirnzellen in Bewegung setzt.»

«Und darin bist du ein wahrer Meister.» Jan lächelte. «Meiner Meinung nach bist du faul gegeboren.»

«Wie bitte ... faul?» entgegnete Erling mit verärgertem Gesicht. «O nein, mein Bester. Im Gegenteil: ich wurde als Vernunftmensch geboren, und das ist ein großer Vorteil. Warum soll man seine Muskeln benutzen und alle möglichen unnötigen Bewegungen ausführen, wenn man sich mit Hilfe seines Gehirns weit besser helfen kann? Hast du noch nie Krimis gelesen?»

«Doch!»

«Dann weißt du auch, daß der Meisterdetektiv nie mit einer Lupe herumrennt, auf dem Boden herumkriecht und versucht, die Rätsel zu lösen ... Nein, mein Freund. Er sitzt gemütlich in seinem Lehnstuhl zu Hause und benutzt sein Gehirn, um alles aufzuklären. Für diese Sorte Detektive habe ich die größte Sympathie.»

«Gilt das mir?» fragte Jan belustigt.

Erling nickte: «Ganz gewiß, denn du weißt recht gut, daß du ganz anders veranlagt bist. Wenn man mit dir zusammen ist, fährt man immer im höchsten Gang ... rennt mit heraushängender Zunge herum ... hat nicht mal zum Essen und Trinken Zeit ... kann sich nie richtig ausschlafen, obwohl das doch für die Gesundheit unbedingt nötig ist.»

Als Erling Luft holen mußte, fragte Jan ihn lachend: «Sonst noch was, Dicker?»

Erling nickte nochmals: «Jede Menge, lieber Freund. Du hast eine ganz eigene Art, Leute in Bewegung zu setzen, wenn es sich um einen Kriminalfall handelt. Warum, zum Teufel, kannst du es nicht wie der tüchtige Lehnstuhl-Detektiv halten, von dem man immer liest?»

«Wahrheit und Dichtung, Dicker!»

«Pfff!» machte Erling. «Ich habe wirklich eine Niete gezogen, als ich dich zum Freund bekam.»

«Wirklich?»

«Na ja ... hm ... gewissermaßen. Ich kann mich natürlich nicht gerade darüber beklagen, daß die letzten Jahre langweilig waren, aber dafür habe ich mich so sehr anstrengen müssen, daß es für den Rest meines Lebens reicht. Zur Zeit freue ich mich am meisten darüber, daß Katz uns nicht mehr plagen kann. Unter diesen Umständen hege ich die leise Hoffnung, daß wir den Herbst in Ruhe und den Winter in geradezu gemütlicher Stille verbringen können. Die letzten Wochen waren ja schließlich fast erschreckend. Aber dir gefällt es ja immer am besten, wenn du dich auf Verbrecherjagd befindest und dir die Kugeln um die Ohren pfeifen.»

Jan lachte. «Na, Dicker, das ist nun doch wirklich dummes Gerede. Mir gefällt es auch in einer stillen und friedlichen Umgebung am besten. Aber es muß wohl mein Verhängnis sein, daß ich immer wieder in kriminelle Angelegenheiten verwickelt werde. Du wirst doch nicht behaupten wollen, daß ich absichtlich in solche Affären hineingerate.»

«Nein, das nicht.»

«Gut, dann sind wir uns ja einig.»

«Das Abendessen ist fertig», ertönte Carls Stimme.

«Okay», sagte Erling, und plötzlich wurden seine Bewegungen erstaunlich lebhaft.

*

Kurz darauf saßen die vier Freunde um den Tisch in der kleinen Kabine versammelt. Selbst der sonst so heikle Erling mußte zugeben, daß Carl und Jesper sich großartig bewährt hatten. Gewiß standen keine Luxusgerichte auf dem Tisch, aber alles schmeckte ausgezeichnet, wenn man den richtigen Hunger mitbrachte. Und appetitlos war Erling noch nie gewesen.

Die vier Freunde unterhielten sich angeregt, während die Butterbrote samt Beilagen verschwanden und der Zitronensprudel dem Ende zuging. Der friedliche Erling wünschte sich kein besseres Leben auf dieser Welt.

«Geräucherten Hering?» fragte Jesper.

«Ja, danke», antwortete Erling.

«Gedämpfte Tomaten?»

«Nur her damit!»

«Gurkensalat?»

«Prima! Krümel, ich muß gestehen, daß du deine Rolle als Hausherr an diesem Tisch hervorragend spielst. Wenn du dich bloß nicht bei der Zubereitung der Mahlzeit beteiligst, kann ich dich wärmstens empfehlen. Sobald du aus der Schule kommst, findest du sicher als Jungkellner in einem schönen Hotel in der Provinz eine gute Stellung.»

Unbedachter hätte Erling kaum sprechen können. Der kleine Jesper wurde sehr still, und beinahe kamen ihm die Tränen. Er dachte daran, daß es nur noch wenige Monate dauerte, bis er alle seine guten Freunde verlassen mußte. Mehrere seiner Kameraden wollten studieren, auch Erling und Jan, die Ingenieure werden wollten. Er selbst aber ... Mehr als eine bescheidene Bürostelle würde er kaum bekommen können. Seine Eltern hatten einmal gesagt: «Ja, Jesper, so geht es einem, wenn man in der Schule nicht fleißig ist.» Aber das war eigentlich ungerecht, denn Jesper gab sich die größte Mühe. Er hatte eben keine Begabung, jedenfalls bei weitem nicht in dem Maße wie Erling, der Klassenerste.

Jan wußte sogleich, was seinen kleinen Freund bewegte; deshalb schlug er ein anderes Thema an. Das gerade ausgetragene Wettsegeln eignete sich vortrefflich dafür, und als man ausführlich darüber sprach, hatte Jesper seinen Kummer bald vergessen. Schließlich hatte er doch auch dazu beigetragen, daß ihr Segelboot den ersten Preis bekam.

Erling seufzte vor Wohlbehagen: «Ach, liebe Freunde, geht es uns nicht prächtig? Gibt es etwas Schöneres als einen friedlichen Herbstabend? Hier sitzen wir um einen reichgedeckten Tisch ... alle sind froh und zufrieden ... und es besteht keine Gefahr, daß Jan uns gleich wieder in eine total verrückte Kriminalgeschichte hineinzerrt. Mehr kann man schließlich nicht verlangen.»

«Doch», sagte Jesper, «die Kriminalgeschichte.»

Erling zuckte zusammen, und er warf seinem kleinen Freund einen vorwurfsvollen Blick zu. «Hör mal, Krümel, wenn du schon den Mund aufmachst, dann solltest du dich so ausdrücken, wie es deine beschränkte Hirnmasse erlaubt. Jan und ich haben dich in den vergangenen Jahren bei manchen ernsten Unternehmungen dabei gehabt, aber mir scheint...»

«Halt den Mund, Dicker!» befahl Jan lachend. «Wir können dem Krümel immerhin dafür danken, daß Clausen und seine Bande seinerzeit so schnell unschädlich gemacht wurden. Hätten wir anderen das allein schaffen müssen, wären wir schön dagestanden.»b

Der kleine Jesper wuchs zusehends, denn es machte ihn besonders stolz, wenn Jan ihn lobte.

Erling nickte ihm gnädig zu. «Gewiß, ganz richtig, Ehre, wem Ehre gebührt. Wenn du so bleibst, lieber Freund, wirst du nie ein böses Wort von Onkel Erling hören. Ich hoffe jedoch sehr, daß du keine Gelegenheit mehr bekommen wirst, Mut und Schläue an den Tag zu legen...»

«Warum nicht?»

«Ganz einfach, weil das bedeuten würde, daß wir erneut in eine dieser gefährlichen und nervenaufreibenden Verbrecher-Geschichten hineingezogen würden. Und wie ihr wißt, liegt das meinem friedlichen Gemüt nicht gerade. Aber wir wollen gar nicht darüber sprechen, um das Unheil nicht herauszufordern. Ich stifte als Abschluß des guten Mahles einen leckeren Butterkuchen, wenn Jesper mir die Mühe abnimmt, ihn zu besorgen. Der Weg zum nächsten Bäcker ist ja nicht weit.»

Die anderen lachten, denn sie kannten ihren faulen Freund ja zur Genüge. Er machte keine Bewegung zuviel, wenn er es irgendwie vermeiden konnte. Anderseits ließ er sie aber auch nie im Stich, wenn wirklich Not am Mann war.

Jesper machte sich sogleich auf, um den Butterkuchen zu kaufen. Carl räumte in der Kabine auf, während Erling und Jan sich an Deck unterhielten.

Erling sagte: «So gefällt es mir, mein Freund. Kannst du dir etwas Besseres vorstellen, als so einen milden Herbstabend, wo man sich von seinen Leistungen ausruhen kann ... frei von allen trüben Gedanken an böse Verbrecher...?»

«Na ja, hm...»

Erling seufzte ergeben. «Gewiß, das hätte ich mir denken können. Wie ich schon sagte: dir geht es immer am besten, wenn du etwas um die Ohren hast und du mitten im Brennpunkt der Ereignisse stehst...»

Jan lächelte. «Mir geht es jetzt wahrhaftig ausgezeichnet.»

«Wenn es nur dabei bliebe, lieber Freund! In den letzten Jahren sind wir dir alle durch dick und dünn gefolgt, und das war zeitweise schwer genug ... Aber mir scheint, in den letzten Wochen hatten wir des Guten doch ein wenig zuviel.»

«Du meinst wohl wieder den Meisterspion?» Jan lachte. «Nun laß uns aber nicht mehr darüber sprechen; wir wollen lieber den gesegneten Frieden und die Ruhe, die über dem Hafen liegt, genießen...»

In diesem Augenblick tönte ein lauter gellender Schrei durch die Dunkelheit: «Nein, nein! Laß mich los!»

Zweites kapitel

«Was war das?» fragte Erling atemlos.

Und Jan erklärte trocken: «Das war eine Frau, die Hilfe braucht. Da ist sie schon!»

Er wies auf eine junge Frau, die rasch über die Mole rannte, unmittelbar gefolgt von einem Mann in sportlicher Segelkleidung, der mit den Armen gestikulierte und ihr etwas zurief.

Jan sprang unwillkürlich auf, aber Erling war auch nicht langsam; er packte Jan am Hosenboden und hielt ihn fest.

«Langsam, mein Freund! Immer mit der Ruhe.»

«Ja, aber...»

«Nein, unter gar keinen Umständen», sagte Erling und schnappte nach Luft, ohne seinen Griff zu lockern. «Eben war noch alles so geruhsam und friedlich, und jetzt...»

«Laß los, du dicker Esel!»

«Nein.»

Die Frau und ihr Verfolger waren schon verschwunden, durch die Anlagen hinaus auf den Ongardsvej. Die lauten Rufe des Mannes hörte man immer noch, aber die Worte waren nicht zu verstehen.

Ergeben ließ Jan sich auf die Ruderbank fallen. «Ach, Dicker, du bist aber wirklich ein Dussel erster Güte. Warum, zum Teufel, hast du mich festgehalten?»

«Im Hinblick auf unser gemeinsames Wohl, mein Freund», antwortete Erling ruhig. «Nun liegt endlich eine ruhige, friedliche Zeit vor uns. Wenn ich dich aber hinter diesem sonderbaren Paar hätte herlaufen lassen, würden wir vermutlich bald wieder in irgendeine nervenaufreibende Sache verwickelt sein, die uns gar nichts angeht.»

«Na, und wenn schon?»

Erling seufzte. «Lieber Jan, ich will dir nur das eine sagen: meine Nerven vertragen nicht mehr viel...»

«Quatsch!»

«Schon gut. Das ist deine Auffassung, aber ich halte mich an meine.»

Gerade kam Jesper vom Bäcker zurück. Er stellte sein Rad ab und war so eifrig bestrebt, rasch an Bord zu kommen, daß die Tüte mit dem Butterkuchen klatschend auf das Deck fiel.

«Krümel, du kleines Ungeheuer», rief Erling vorwurfsvoll. «Wie behandelst du unseren herrlichen Butterkuchen?»

«Na, ihr solltet bloß ...»

«Sei so gut und heb ihn erst auf.»

Jesper gehorchte, begann aber sogleich wieder zu erzählen: «Donnerwetter, das war vielleicht spannend, was mir da eben auf dem Strandvej passiert ist. Eine junge Frau kam in voller Fahrt angerannt, während ein Mann ihr nachlief. Er rief ihr etwas zu und wollte sie einholen, aber die konnte ihre Beine gebrauchen, das muß man ihr lassen. Sie stürzte sich mitten in den Verkehr hinein, so daß alle Autos bremsen mußten, und als von Norden her ein Taxi mit grünem Licht auftauchte, hielt sie es an und sprang hinein, bevor der Mann sie erwischte. Er blieb auf dem Gehsteig stehen und drohte ihr mit geballter Faust...»

Erling wehrte mit beiden Händen ab. «Nun bremse schon deine Beredsamkeit, Krümel. Den Anfang des Dramas, das du so spannend findest, haben wir mit erlebt. Sieh lieber zu, ob man den Butterkuchen noch retten kann, wenn er nicht schon ganz hin ist...»

«Du hast dir die Nummer des Taxis wohl nicht gemerkt?» fragte Jan.

Jesper schüttelte den Kopf. «Nein, die Nummer nicht, aber die Quersumme.»

«Die Quersumme?»

«Ja. Du weißt doch, das ist meine schwache Seite. Ich kann keine Nummernschilder sehen, ohne gleich die Quersumme zu errechnen.»

«Und wie war die Quersumme?»

«Siebzehn.»

«Prima, Krümel.»

Erling verflocht seine Finger vor Verzweiflung. «O Krümel! Du bist wirklich ein Unglücksrabe! Ich hoffte schon, wir würden ungeschoren bleiben, und da merkst du dir die Quersumme.»

«Na, und?»

«Na, und?» wiederholte Erling mit saurer Miene. «Verstehst du denn nicht, was du angerichtet hast?»

«Nein...»

«Ich gehe jede Wette ein, daß Jan daraus eine ‹Affäre› machen wird. Morgen wird er hinter allen Kopenhagener Taxis mit der Quersumme siebzehn her sein.»

«Quatsch, Dicker.» Jan lachte. «Wenn ich das täte, wäre ich an Weihnachten noch nicht fertig, obwohl...»

Er schwieg plötzlich, als wäre ihm eine Idee gekommen. Dann fuhr er leichthin fort: «Laßt uns nicht mehr darüber nachdenken. Vielleicht handelte es sich nur um ein Liebespaar, das Krach bekommen hat. Gehen wir zum Butterkuchen über.»

«Gute Idee», sagte Erling und sah hocherfreut aus.

Während die vier Tee tranken und den guten Butterkuchen verspeisten, sagte Jan kaum ein Wort. Er schien gedankenversunken und sah nur einmal zur Mole hinüber, als dort der sportlich gekleidete Segler erschien, anscheinend nicht in bester Laune.

Jan erhob sich und versuchte seiner Stimme einen gleichgültigen Tonfall zu geben: «Hm, ich glaube, ich muß mir die Beine ein wenig vertreten, bin gleich wieder zurück.»

«Oje, oje!» seufzte Erling, der den mißmutigen Segler auch entdeckt hatte.

Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, schlenderte Jan langsam über die Mole. Der Mann vor ihm blieb bei einem sehr eleganten, großen Motorboot stehen und ging an Bord.

Er war kaum in der Kajüte des Motorbootes verschwunden, als Jan sich lässig gegen einen der Pfähle lehnte, an denen das Motorboot vertäut war. Aus der Kajüte hörte er aufgeregte Männerstimmen. Einer der Männer sprach schwedisch, während die anderen offenbar Dänen waren.

«Ich habe sie nicht mehr erwischt», ertönte eine Stimme, die demnach dem Segler gehörte.

«Verflixt nochmal!» knurrte einer der anderen. «Jetzt steht unser Plan auf dem Spiel. Wie ist sie denn entkommen?»

«Sie sprang in ein Taxi.»

Der Schwede sagte erbost: «Bei solchen Vorhaben soll man nie Frauen mitmachen lassen. Ich habe euch ja gleich gewarnt.»

«Aber es war doch notwendig ... und Annie war sonst immer ein vernünftiges Mädchen.»

«Vernünftig?» echote der Schwede. «Frauen sind stets nur so lange vernünftig, bis ihre Nerven mit ihnen durchgehen. Ihr seht ja, daß ich recht hatte.»

Eine Zeitlang herrschte Schweigen, dann fragte einer der Männer: «Wo ist sie wohl hingefahren?»

Der Segler antwortete: «Das weiß ich nicht. Sie hat ja viele Freundinnen in Kopenhagen. Von einigen kenne ich die Adresse, aber es wird kaum möglich sein, sie zu finden.»

«Vielleicht kommt sie morgen freiwillig zurück.»

«Hm! Nach allem, was sie gesagt hat, glaube ich das nicht!»

Jetzt trat einer der Männer aus der Kajütentür, was Jan veranlaßte, langsam gegen das Molenende zu schlendern und dann umzukehren. Daß er in der schönen Abendluft einen kleinen Spaziergang machte, konnte niemand auffallen.

Er hatte die «Rex» kaum betreten, als Erling ihn mit bedenklicher Miene fragte: «Nun, mein Freund, hat sich deine Expedition gelohnt?»

Mit Unschuldsmiene schaute Jan ihn an. «Expedition? Wie meinst du das, Dicker?»

«Na, ich sah doch, daß du dem Segler nachgegangen bist. Jetzt ahne ich Schlimmes.»

Jan mußte lachen. «Mach dir nicht schon im voraus unnötige Sorgen. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß daraus eine Affäre wird.»

«Ist das ein Versprechen?»

Jan zögerte ein wenig. «Na ja ... mit Versprechen soll man sparsam umgehen, sonst muß man sie womöglich brechen.»

Erling seufzte noch tiefer als zuvor. Er aß das letzte Stück Butterkuchen auf, und seine Laune sank zum Nullpunkt.

*

Kriminalkommissar Mogens Helmer, Jans Vater, saß am gleichen Abend in seinem Arbeitszimmer. Es klopfte an der Tür, und Jan trat ein.

Helmer schaute lächelnd von seiner Arbeit auf. «Nun, mein Sohn, was hast du auf dem Herzen? Ich habe, wie du siehst, ziemlich viel zu tun...»

«Ich weiß, Vater ... aber da ist etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte.»

«Heraus damit!»

Helmer klopfte seine Pfeife aus und lehnte sich zurück. Er wußte sehr wohl, daß sein Sohn ihn nicht stören würde, wenn es nichts Wichtiges war. Jetzt war er recht gespannt, wenn man ihm das auch nicht ansah.

In kurzen, klaren Worten erklärte Jan, was sich im Laufe des Abends ereignet hatte. Als er geendet hatte, nickte der Vater ihm zu.

«Du hast, wie immer, deine Augen und Ohren benutzt, mein Junge. Hm, ja, aber eigentlich sehe ich nichts Rätselhaftes an der ganzen Geschichte.»

«Die Männer sprachen von einem ‹Vorhaben›, Vater.»

Helmer nickte. «Das sagtest du bereits. Aber genau genommen, kann es sich dabei doch um eine ganze Menge erlaubter Vorhaben handeln. Jedenfalls ist alles noch so unklar, daß sich die Polizei der Sache nicht annehmen kann, wenn keine Anzeige erstattet wird.»

«Die Männer im Motorboot werden sich hüten, die Frau als vermißt zu melden.»

«Ja, das glaube ich auch.» Helmer nickte. «Aber einen Grund zum Eingreifen hat die Polizei eben nicht.»

Er stopfte sich eine neue Pfeife und fuhr mit einem verschmitzten Augenzwinkern fort: «Wir können natürlich etwas anderes tun, Jan.»

«Ja, bitte?» fragte Jan eifrig.

Helmer starrte ihn etwas verblüfft an. «Warum sagst du ‹ja, bitte›? Du weißt doch noch gar nicht, was ich vorschlagen will.»

Jan konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. «Doch, Vater. Du willst sicher sagen, daß die Polizei schnell herausbekommen kann, wohin das Taxi die junge Frau gebracht hat.»

«Bravo, Jan! Genau daran habe ich gedacht. Da wir ja die Quersumme des polizeilichen Kennzeichens kennen, wird es nicht allzu schwer sein, diese Auskunft zu bekommen. Wie gesagt, solange keine Anzeige erstattet wird, kann sich die Polizei mit dieser Angelegenheit nicht beschäftigen ... aber meinetwegen kannst du ein wenig Privatdetektiv spielen, mitsamt deinen Freunden.» Ernster werdend fügte er hinzu. «Wenn ich dir diese Erlaubnis gebe, dann nur, weil ich die Sache für ungefährlich halte. Sollte sich aber etwas Außergewöhnliches ereignen, dann mußt du mir sofort Bescheid sagen, Jan!»

«Das werde ich auch, Vater.»

«Gut, dann sind wir uns einig, mein Junge. Ruf mich morgen nach Tisch im Präsidium an; dann kann ich dir sicher sagen, wohin die Frau gefahren ist.»

«Vielen Dank, Vater.»

«Keine Ursache», sagte Helmer gutgelaunt und zündete seine Pfeife an. «Ich wünsche euch bei euren Nachforschungen viel Glück, aber ich glaube nicht, daß ihr auf ein Abenteuer rechnen könnt. Gute Nacht, Jan.»

«Gute Nacht, Vater ... und danke.»

«Ist schon gut.»

*

Es ging zunächst genau so, wie der Kriminalkommissar es vorausgesagt hatte. Es bereitete der Polizei keine Schwierigkeiten, ausfindig zu machen, wohin das Taxi die flüchtende junge Frau gebracht hatte. Zuerst war sie zum Gammel Kongevej gefahren und hatte dort ein Haus betreten, war aber gleich zurückgekommen. Danach war sie im Richmond-Gebäude auf der Vestre Farimagsgade gewesen und schließlich zu einer Villa in der Jägersborg Allé gefahren. Dort hatte sie den Fahrer bezahlt und war in der Villa verschwunden.

Jan war außerordentlich zufrieden über diese Auskünfte. Seiner Meinung nach war es nicht sonderbar, daß die Frau so herumgeirrt war. Einer der Männer auf dem Motorboot hatte ja gesagt, daß sie viele Freundinnen in Kopenhagen hätte. Sicher hatte sie zunächst versucht, zwei zu erreichen, die nicht zu Hause gewesen waren. In der Jägersborg Allé hatte sie endlich Glück gehabt.

Als Jan seine Freunde am Nachmittag auf der «Rex» traf, sah Erling alles andere als erfreut aus. Er hatte im Laufe der Jahre einen sechsten Sinn entwickelt, was Jan anging. Eine Vorahnung sagte ihm, daß sich Unannehmlichkeiten zusammenbrauten.

«Nun, du Ungeheuer?» seufzte er ergeben. «Nur heraus damit! Was hast du auf dem Herzen?»

Nachdem Jan berichtet hatte, seufzte Erling noch tiefer. «Ach ja, dachte ich es mir doch. Ich hatte schon die halbe Nacht böse Träume. Wenn man dich kennt, Jan, dann hat man nie lange seinen Frieden. Und was jetzt?»

«Ja, was jetzt?» wiederholte Jan munter. «Kein Mensch hat gesagt, daß du deine faulen Glieder bewegen mußt. Wenn es dir besser paßt, werden wir andern das Nötige allein unternehmen.»

«Ganz richtig!» riefen Carl und Jesper im Chor.

Erling warf ihnen einen mitleidigen Blick zu: «Ja, ja, ihr beide sitzt bloß da und sagt ‹ganz richtig›. Seid ihr euch eigentlich darüber im klaren, was euch bevorsteht?»

«Nein ... bist du dir im klaren darüber?» hänselte Jesper.

Erling nickte mit düsterer Miene. «Ach, ihr lieben Freunde. Am Anfang sieht alles ganz unschuldig aus. Aber sobald Jan seine Finger drin hat, kommt Unheil zum Vorschein. Ich sehe schon mit banger Ahnung, daß wir wieder einmal keinen Schlaf und keine normalen Mahlzeiten bekommen werden...»

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