Kitabı oxu: «Generation Beleidigt»

Şrift:

Caroline Fourest

Generation Beleidigt

Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei

Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer

Aus dem Französischen von

Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hess

FUEGO

– Über dieses Buch –

Dies ist die Geschichte einer kleinen gemeinen Lynchjustiz, die in unser Privatleben eindringt, uns Identitäten zuschreibt und unseren demokratischen Austausch zensiert. Eine Plage der Sensibilität. Jeden Tag eine Gruppe, eine Minderheit, ein zum Stellvertreter einer Sache sich aufspielendes Individuum, das fordert, droht und uns auf die Nerven geht. In Kanada fordern Studenten die Streichung eines Yogakurses, um sich nicht dem Risiko der indischen Kultur auszusetzen. In den Vereinigten Staaten würde man am liebsten asiatische Menüs in den Kantinen verbieten und die als anstößig und normativ verurteilten großen klassischen Werke von Flaubert bis Dostojewski aus dem Unterrichtsplan streichen. Studenten bezeichnen den geringsten Widerspruch als »Mikroaggression« und klagen »safe spaces« ein. In Wirklichkeit aber lernt man nur, Debatten zu meiden. Aufgrund geographischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und der persönlichen Geschichte versucht man, die Hegemonie über die öffentliche Rede zu erreichen. Eine Einschüchterung, die bis zur Entlassung von Professoren geht. (Caroline Fourest)

– Pressestimmen –

»Stündlich aktueller. Es ist das Buch zum Verständnis einer Debatte, die aus dem Ruder gelaufen ist. Doch wem nützt es, stets auf die ethnische Zugehörigkeit von Menschen zu verweisen, um darüber zu bestimmen, wer im öffentlichen Diskurs die Stimme erheben darf? Wie sinnvoll ist das? Und wohin führt es?« (Johanna Adorján, Süddeutsche Zeitung)

»Eine treffendere Analyse wird man so schnell nicht finden.« (Hannah Bethke, FAZ)

»Über den identitätspolitischen Aktivismus an US-Universitäten ist schon viel geschrieben worden. Die Autorin Caroline Fourest erklärt, wie es so weit kommen konnte. Und plädiert aus linker Perspektive für die freie Rede.« (Deutschlandfunk Kultur)

»Caroline Fourest war Mitarbeiterin auch von „Charlie Hebdo“, sie publiziert und lehrt zu Fragen des Multikulturalismus und universellen Menschenrechten. An zahllosen konkreten, oft selbst erlebten Fällen in Europa und Nordamerika schildert sie, wie Wissenschaftler und Autoren jeden Geschlechts ebenso wie Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke bedrängt und abgecancelt werden: weil es für reale oder vermeintliche „Opfergruppen“ verletzend sei, wenn sich andere zu deren Themen äußern und sie sich so gleichsam neokolonial „anverwandeln“. Versuche der Inklusion werden so im Gestus offensiver Exklusion abgewiesen. Muslimische Studentinnen zum Beispiel verweigerten Caroline Fourest, weiß, lesbisch, jüdisch, das Recht, mit ihnen über politischen Islamismus zu sprechen.« (Peter von Becker, Tagesspiegel)

»Kompakt zeichnet »Generation Beleidigt« nach, wann, wo und warum ein Teil der Linken rechts abgebogen ist.« (Tilmann Ziegenhain, Neues Deutschland)

Einleitung

Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten.1 Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder »beleidigt«.

Auf der anderen Seite des Atlantiks genügt es, dieses Wort auch nur auszusprechen, um eine Unterhaltung zu beenden. War sie einmal Bestandteil einer notwendigen Reflexion, um das Vokabular der schikanösen Schlacken zu entledigen, die sich gegen Frauen oder Minderheiten richten, so sieht die »politische Korrektheit« nun der freiheitsbedrohenden Karikatur immer ähnlicher, die ihre Gegner seit jeher gezeichnet haben, auch schon bevor sie dermaßen ausartete. Ein Glücksfall, über den die Konservativen sich die Hände reiben, denn er lässt sie die schöne Rolle eines Meisters der Freiheiten spielen.

Einst kam die Zensur von der konservativen und moralistischen Rechten. Nunmehr entspringt sie der Linken;

oder vielmehr einer bestimmten, nämlich ihrerseits moralistischen und identitären Linken. Während sie den libertären Geist aufgibt, bringt sie ihr Leben damit zu, Anathemata und Ukasse zu erlassen: gegen Intellektuelle, Künst-lerinnen, Sängerinnen, Theaterstücke oder Filme. Wenn sie doch nur gegen die wirklichen Gefahren anschriee: die extreme Rechte und den wiederaufkommenden Wunsch nach kultureller Herrschaft! Aber nein, sie streitet für nichts, ereifert sich über alles und wettert gegen Stars, Werke und Künstler. Das Zeitgeschehen schäumt über vor unsinnigen Kampagnen, die im Namen der kulturellen Aneignung geführt werden. Man rebelliert gegen Rihanna wegen ihrer angeblich »afrikanischen« Zöpfe; man ruft dazu auf, Jamie Oliver zu boykottieren, weil er einen »jamaikanischen Reis« kreiert hat; in Kanada fordern Studenten die Streichung eines Yogakurses, um sich bloß nicht die indische Kultur »anzueignen«; an amerikanischen Universitäten fahnden sie nach asiatischen Menüs in der Mensa. Indessen weigern sie sich, große klassische Werke zu studieren, da diese »beleidigende« Passagen enthielten.

An der Universität regiert der Essens- und sogar der Gedankenterror. Man nimmt Anstoß am geringsten Widerspruch, der als »Mikroaggression« wahrgenommen wird, was so weit geht, dass man »Safe spaces« fordert: sichere Räume, in denen die Leute unter sich bleiben und lernen, dem Anderssein und der Debatte zu entfliehen. Selbst das Rederecht wird einer Genehmigungspflicht unterworfen, je nach Geschlecht und Hautfarbe. Eine Einschüchterung, die bis zur Entlassung von Professoren geht.

Frankreich hält sich noch ziemlich gut. Doch gehen auch in diesem Land bereits Gruppen von Studenten gegen Ausstellungen und Theaterstücke vor, um deren Aufführung zu unterbinden oder einen Redner, der ihnen missfällt, am Reden zu hindern. Manchmal zerreißen sie auch seine Bücher: Autodafés, die an das Schlimmste erinnern.

Diese Kulturpolizei geht von keinem autoritären Staat aus, sondern von der Gesellschaft und insbesondere von einer Jugend, die »aufgeweckt« sein will, weil ultraempfindlich gegen jedwede Ungerechtigkeit. Was großartig wäre, wenn sie dabei nicht auf Unterstellungen und inqui­sitorische Methoden verfiele. Die Millenials gehören weithin einer identitären Linken an, die den wesentlichen Teil der antirassistischen Bewegungen und der LGBTI-Szene beherrscht und sogar den Feminismus spaltet. Ohne einen Aufschrei wird ihr kultureller Sieg vollständig sein. Der Einfluss ihrer Netzwerke auf Gewerkschaften, Fakultäten und politische Parteien wird größer, und sie gewinnen die Oberhand über die Welt der Kultur. Ihre Kabale lasten immer schwerer auf unserem geistigen und künstlerischen Leben. Selten bringt jemand den Mut auf, ihnen zu widersprechen. Obschon wir in einer ungemein paradoxen Welt leben, in der die Freiheit zu hassen nie so zügellos war wie in den sozialen Netzwerken, wurde allerdings das Reden und Denken im wirklichen Leben nie so sehr überwacht. Einerseits blüht, dank Nachgiebigkeit und Deregulierung, das Geschäft mit der Aufstachelung zum Hass, zur Lüge und zur Desinformation wie noch nie, geschützt im Namen der Redefreiheit. Andererseits genügt es, dass eine kleine Gruppe von Inquisitoren sich für »beleidigt« erklärt, um Entschuldigungen eines Stars oder die Zurücknahme einer Zeichnung, eines Produkts oder eines Theaterstücks zu erwirken. Diese Streitigkeiten markieren den wirklichen Bruch sowohl inmitten des Antirassismus als auch zwischen den Generationen.

Gestern kämpften Minderheiten gemeinsam gegen Ungleichheiten und patriarchale Herrschaft. Heute kämpfen sie, um herauszufinden, ob der Feminismus »weiß« oder »schwarz« ist. Der Kampf der »Rassen« hat den der Klassen verdrängt. Die Frage: »Von wo sprichst du, Genosse?«, die der gesellschaftlichen Klassenlage entsprechende Schuldgefühle erzeugen sollte, hat sich in Identitätskontrolle verwandelt: »Sag mir, welcher Herkunft du bist, und ich werde dir sagen, ob du reden darfst!«

Weit entfernt davon, die ethnisierenden Kategorien der suprematistischen Rechten in Abrede zu stellen, bestätigt die identitäre Linke sie und schließt sich selbst darin ein. Statt Vielfalt und Mischung zu erstreben, zerteilt sie unser Leben und unsere Debatten in »rassifiziert« und »nicht-rassifiziert«, bringt die einen Identitäten gegen die anderen auf und setzt schließlich die Minderheiten in Konkurrenz zueinander. Statt sich eine neue, mannigfaltigere Welt vorzustellen, ergeht sie sich in Zensur. Das Ergebnis ist ein geistiges und kulturelles Ruinenfeld, das den Nostalgikern der Herrschaft zu Gute kommt.

Dieses Buch mag hoffentlich dazu beitragen, einen Ausweg zu finden.2 Es geht nicht darum, die guten alten Zeiten zu bedauern, in denen man sich an Homosexuellen, Schwarzen oder Juden auslassen durfte; noch darum, denjenigen Rückendeckung zu geben, die das Verlangen nach Gleichheit mit einer phantasierten »Tyrannei der Minderheiten« verwechseln. Ich habe das Recht zu lieben gegen homophobe Beschimpfungen behaupten müssen, die ich meine Kindheit und Jugend lang zu hören bekam. Meine ersten Schlachten schlug ich gegen Sexismus, Homophobie und Rassismus. Als Vorsitzende des Centre gay et lesbien habe ich für den Stammvater der »Ehe für alle« gekämpft. Um ihn zu verteidigen, ließ ich mich von irgend-welchen Schergen unter dem Ruf »dreckige Lesbe« verprügeln. Der Kampf für die Gleichheit hat mich geprägt, doch dem für die Freiheit bleibe ich innigst verbunden.

Wegen meiner Arbeit als Regisseurin und Journalistin, frühere Mitarbeiterin von Charlie Hebdo, fürchte ich um die Freiheit, schöpferisch tätig zu sein, zu denken, zu zeichnen und zu spotten. Sämtliche Facetten meiner Identität haben meine Analyse des Gleichgewichts genährt, das es in Sachen Redefreiheit und Gleichheit zu finden gilt.

Eine Meute von Inquisitoren

Wie alle Stürme kommen die üblen Winde der modernen Inquisition zunächst in den sozialen Netzwerken auf. Als ein Ort der Freiheit ist das Internet zugleich der Ort aller Unterstellungen. Dort wettert man anonym los und lyncht beim geringsten Verdacht. Eine Meute wütender Trolle, die die Philosophin Marylin Maeso »die Verschwörer des Schweigens«3 nennt, schafft es, uns einen Maulkorb anzulegen. Wir erleben den Anbruch einer »Silhouettenwelt«, einer Welt des falschen Scheins, vor der es Albert Camus grauste.4 Allenthalben herrscht die Tyrannei der Beleidigung, die dem Gebot des Schweigens vorausgeht.

Man braucht nur »kulturelle Aneignung« – ein Begriff, der sich seit erst zwölf Jahren in die öffentliche Debatte gedrängt hat – bei Google einzugeben, um 40.200.000 Treffer zu zählen. Eine Sintflut.

Die ersten Hetzjagden haben um die Jahrhundertwende begonnen. Eines schönen Morgens im November 2012 fand sich Heidi, eine amerikanische Familienmutter, im Internet mit Beschimpfungen überschüttet. Ihr Vergehen? Eine Geburtstagsfeier ihrer Tochter in japanischem Stil veranstaltet zu haben. Am Vorabend hatte sie Kirschblüten auf dem Tisch verstreut, Tee in traditionellen Tassen ser­viert und das Besteck durch feine Stäbchen ersetzt. Die Freundinnen ihrer Tochter liebten es, Kimonos überzuziehen und sich wie Geishas zu schminken. Und natürlich hatten sie dieses Ereignis mit ihren Mobiltelefonen unsterblich gemacht, ehe sie die Fotos in den sozialen Netzwerken ausstellten. Eine schlechte Idee: Eine Meute wütender Kommentatoren lud sich selbst zur Nachfeier ein, um das Fest zu verderben und die Mutter öffentlich anzuprangern.

Im Internet wurde sie des »Yellowfacing« bezichtigt, als ob das Auftragen von Geisha-Schminke zu einem Geburtstag auch nur das geringste mit der Zeit der Rassentrennung oder damit zu tun hätte, dass weiße Schauspieler sich als Schwarze verkleiden, um sich auf der Bühne über sie lustig zu machen. Man warf ihr vor, ihre Tochter schlecht zu erziehen: »Bringen Sie Ihren Kindern bei, dass das nicht okay ist!« Die sich im Internet als Beleidigte zu Wort meldeten, waren natürlich alle Amerikaner. Die seltenen Nebenkläger japanischer Herkunft erklärten sich angesichts dieser Reaktionen für unzuständig.

Einer von ihnen, der auch in Japan lebte, versteht den Furor der Entrüstung nicht, die jener Mutter entgegenschlug: »Die einzigen Menschen, die denken, Kultur dürfe nicht geteilt werden, sind Rassisten wie du.« Er selbst meinte, »eine große Mehrheit der Japaner liebt es, wenn andere sich um eine Wertschätzung der japanischen Kultur bemühen. Sie ermutigen sie dazu.« So sahen das auch andere: »Diese Feier ist eine Form, eine andere Kultur zu erfahren.«

Verdutzt durch die enorme Vereinfachung des amerikanischen Inquisitors, fragte ein anderer Japaner: »Wo ziehst du die Grenze dessen, was ›erlaubt‹ ist? Wenn das Mädchen japanische Wurzeln hätte, wäre es dann okay? Bist du nur dann befugt, eine Pizza zuzubereiten, wenn du in Italien lebst?«

Die Frage trifft den Nagel auf den Kopf. Aber die Meute jagt einem Angst ein. In Furcht und Schrecken versetzt durch die Vorstellung, sie könnten wie Heidi beschimpft werden, erkundigten sich immer mehr Eltern, was an Halloween zu tun korrekt sei. Im selben Jahr fragte eine andere Mutter in den sozialen Netzwerken ihre Freunde, ob sie einen »Vaiana«-Abend veranstalten dürfe, in Anspielung auf den Zeichentrickfilm, der die berühmte polynesische Heldin würdigt. Sie stellte klar, dass in ihrer Familie alle »sehr weiß und sehr blond« seien. Sogleich sprang einer als Familienoberhaupt ein und verfügte, unter der Bedingung, dass die Kleinen sich kein »brown face« aufsetzen, sei die »kulturelle Feier« keine »Aneignung«. Eine andere Mutter bemerkte, sie sehe viele kleine Mädchen, die sich zu Halloween wie Frida Kahlo verkleiden, und fand das »nicht respektlos«. Sie hoffte bloß, dass diese kleinen Mädchen wissen, wer die Malerin war, und »dass sie sich nicht auf eine zusammengewachsene Augenbraue und schöne Blumen beschränken«. Nichts ist weniger gewiss. Im Land der Unterstellung kultureller Aneignung ist die allgemeine Kultur diejenige, die man sich am wenigsten aneignet.

Wie ist ein solches Aufflackern von Anschuldigungen zu erklären? Der Funke rührt aus einer sehr konfusen Vorstellung von Antirassismus. Das Ausmaß der Lynchjustiz verdankt sich unserer neuen Art zu debattieren und dem Phänomen der Meute 2.0. Mit den sozialen Netzwerken gibt es keinen Bedarf mehr an Bewegungen, kein Bedürfnis mehr, Spruchbänder zu basteln oder auf die Straße in die Kälte hinauszugehen, um zu protestieren. Man kann meckern und dabei schön im Warmen bleiben, geschützt durch Anonymität. Die Anlässe zur Empörung sind folgerichtig viel zahlreicher und manchmal auch nichtiger. Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, etwas zu verdauen oder Luft zu holen, ehe wir losschreien. Bei der geringsten Meinungsverschiedenheit, beim geringsten Stich in unsere Haut, und sei er noch so mikroskopisch klein, heulen wir mit einem Griff in die Tastatur auf, zumal wenn ein virtueller »Freund« oder ein Angehöriger unserer Sippe die Klage führt. Wir schließen uns an, indem wir mit unseren empörten Schreien in den Kreis der Beleidigten einstimmen.

Selten hat unsere virtuelle Identität unsere wirkliche so sehr bestimmt. Dem Philosophen Clément Rosset zufolge erlaubt die »geliehene Identität«, diese »Nachahmung des anderen«, die Bildung der eigenen Persönlichkeit.5 Die jetzige Generation bildet sich hauptsächlich durch Nachahmung derer, die andere im Internet lynchen. Man beteiligt sich mit umso mehr Elan, als die Meute einen schützt, und das mit so viel Begeisterung, dass es genügt, »beleidigt« oder »Opfer« zu sagen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als Funke reicht ein einziges Posting über kulturelle Aneignung, um sich Freunde zu machen und sich selbst mitten ins Geschehen zu werfen. Die Anzahl der Wölfe spielt kaum eine Rolle, denn die Legitimität verdankt sich dem Status des Opfers. Nichts ruhmreicher, als der David zu sein, der gegen Goliath kämpft.

Dieses neue Kräfteverhältnis erweist sich als recht angenehm, wenn es darum geht, Ungerechtigkeit oder multinationale Konzerne zu bekämpfen, Diktatoren zu trotzen und Tyrannen zu stürzen. Die Kehrseite der Medaille ist die Inflation absurder und unverhältnismäßiger Kampagnen gegen Familienmütter, Prominente oder Künstler.

Die digitale Interaktivität zwingt die Online-Presse, auf alles stets ganz schnell zu reagieren, mit immer weniger Zeit zum Nachdenken. Sobald auch nur die kleinste »Geschichte« eine Minderheit gegen eine Mehrheit in Szene setzt, findet sich eine Website, ein Blog oder selbst ein reguläres Medium, um das Fieber rasch steigen zu lassen. Die Journalisten der Online-Redaktionen sind darauf besonders scharf. Aus einem einfachen Grund: Über ein solches Thema kann man in kurzer Zeit spielerisch leicht schreiben, und es ruft Reaktionen hervor. Ideal in Zeiten des »Clickbaiting«, um den Zähler der Seitenbesuche nach oben klettern zu lassen und so die Ressourcen einer wirtschaftlich schwachen Presse aufzubessern.

Zieht man zudem in Betracht, dass ein freier Journalist, häufig ein Volontär, nicht mehr die Zeit hat und selbst auf Anhieb nicht mehr in der Lage ist, das Bedeutende vom Unbedeutenden zu unterscheiden, begreift man, warum so viele Artikel der geringsten Erregung gewidmet sind, erst recht wenn es sich um Berühmtheiten handelt. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn die Wut nicht völlig gekünstelt wäre und wenn die Meute, in Wirklichkeit manchmal nur winzige Grüppchen, sich nicht fast jedes Mal durchsetzte. Und das bedeutet Entschuldigung oder Zensur.

Kulturelle Aneignung, die neue Gotteslästerung

Eine Anekdote brachte mich darauf, dieses Buch zu schreiben. Ich erhielt einen Anruf meiner Freundin Tania de Montaigne. Wir hatten eine Buchreihe auf den Weg gebracht, die wir mit Fiammetta Vener bei Grasset betreuen: »Unsere Heldinnen«. Sie soll vergessene Frauen wieder zum Leben erwecken: eine wahrhaft feministische Relektüre der Geschichte. Tania wählte Claudette Colvin, eine der ersten schwarzen Frauen, die sich geweigert hatten, ihren Platz in einem Bus einem Weißen zu überlassen, lange vor Rosa Parks.

Mit diesem Buch, das auch einen Aufsatz von ihr enthält, zog Tania durch Schulklassen, um zugleich Rassismus und kulturelle Zuschreibung zu bekämpfen.6 Als sie mich anrief, wurde es gerade für die Bühne bearbeitet und sollte bald als Comic herauskommen. Ein Erfolg, der ihr zu hoffen erlaubte, Leuten die Augen zu öffnen. Doch es bildete sich eine unerwartete Front. Ich vernahm ihre Stimme und erkannte die Verdrossenheit wieder, die uns eint angesichts derjenigen, die die Welt nur nach Hautfarben betrachten, seien sie weiß oder schwarz.

»Sie wollen das Buch nicht Schwarz nennen«, sagte sie mir niedergeschlagen.

»Wer?«

»Eine Verkaufsleiterin des Verlags, der den Comic herausgibt. Sie sagt, man könne es wegen des Verkaufs der englischsprachigen Ausgabe nicht Schwarz nennen.«

»Aber warum? Das ist der Titel des Buches.«

»Weil die Zeichnerin weiß ist. Sie fürchten, man werde mich der kulturellen Aneignung bezichtigen.«

»Ist das ein Witz?«

»Ich wünschte, du hättest recht.«

Wir brachen in Gelächter aus. Ein Gelächter allerdings, dem nach Heulen zumute ist.

»Aber die Autorin bist du, und schließlich handelt das Buch doch von antischwarzem Rassismus… Wie wollen sie es nennen… Weiß?!«

»Jedenfalls nicht Schwarz.«

Wir legten auf in der Überzeugung, dass diese Welt verrückt geworden ist, zum Bersten identitär. Machen wir uns einmal klar, dass solche Panikmache häufig von weißen Angestellten ausgeht, die den geringsten Zorn voraussehen. Dieses Mal, zum Glück, bewahrte die Verlegerin ruhig Blut und gab den Autorinnen recht. Das Buch durfte also Black heißen. Wir waren beruhigt. Zumindest ein bisschen.

Gleichwohl versuche ich, den Beginn der Panik zu begreifen. Ich hätte verstanden, dass das Wort »schwarz« in einer Sprache, in der man gewöhnlich »afroamerikanisch« sagt, Probleme bereitet.7 Doch darum geht es nicht. Hier fürchtet man, dass eine weiße Zeichnerin einen Band gegen antischwarzen Rassismus unterzeichnet. Als ob ihre Hautfarbe es ihr untersagte, sich mit diesem Thema zu befassen.

Ich meine durchaus, man sollte sich in Acht nehmen vor Leuten, die mit dem Antirassismus unaufrichtig Geschäfte machen. Sie sind zahlreich, und nicht allesamt weiß. Ich verstehe, dass man Rachel Dolezal, einer Aktivistin, die sich selbst gegen kulturelle Aneignung ausspricht, vorwerfen kann, dass sie den Eindruck zu erwecken suchte, sie sei eine Afroamerikanerin, während sie durch und durch WASP ist, und dass sie ihre Haut gebräunt hat, um als Opfer des Rassismus durchzugehen, den sie anprangert. Dennoch sollten Weiße sich befugt fühlen dürfen, Bücher gegen Rassismus zu publizieren oder zu illustrieren, ohne dass man ihnen ihre Hautfarbe zum Vorwurf macht.

Das Ziel des Antirassismus besteht letztlich nicht darin, ein Opferdasein zu fristen, sondern die Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Wie will man darauf hoffen, die Stereotype zu überwinden und den Kreis der Aufgeklärten zu erweitern, wenn man weiterhin den alten Reflex bedient, der die Menschen und deren Gemüt entsprechend ihrer Hautfarbe beurteilt?

Im Falle dieses Comics steckte die weiße Zeichnerin Émilie Plateau ihr ganzes Herz und all ihr Talent in diesen Band nicht in der Hoffnung, reich zu werden (was im französischen Verlagswesen selten vorkommt), sondern weil dieser Text sie berührt hat und weil sie dementsprechend handeln wollte. Wenn sie einen Comic nach einem Text der auf dem Umschlag ebenfalls namentlich genannten Tania de Montaigne veröffentlicht, eignet sie sich deren Werk nicht an, und wenn doch, dann um sie zu würdigen. Genau so eignet Tania sich das Leben und den Schmerz von Claudette Colvin an, nicht um sie zu bestehlen, sondern um sie der jungen Generation bekannt zu machen. Eine solche Aneignung ist absolut notwendig. Es handelt sich um eine Teilhabe, die weder mit Raub noch mit kultureller Aneignung etwas zu tun hat: ein Schlagwort, das dazu missbraucht wird, Schranken zwischen Menschen zu errichten und sie zurechtzuweisen, wenn sie ihre Werke nicht zensieren.

Hält man sich an das Englisch-Oxford-Wörterbuch, bezeichnet kulturelle Aneignung die »Wiederaufnahme von Formen, Themen oder kreativen oder künstlerischen Praktiken durch eine kulturelle Gruppe zum Nachteil einer anderen«. Ursprünglich geht es dabei um die »westliche Aneignung nicht-westlicher oder nicht-weißer Formen zum Zwecke der Ausbeutung oder Herrschaft«. Der Artikel des Oxford-Wörterbuchs nennt als genaues und überzeugendes Beispiel westliche Museen, die Kunstwerke ausbeuten, die sie oft unter zweifelhaften Bedingungen erworben haben, wie etwa die Bronzen von Benin. In diesem Fall ist die Aneignung tatsächlich keine Würdigung, sondern ein Raub.

Der Vorwurf der Aneignung behält seinen Sinn, wenn man sich an die genaue Definition des Oxford-Wörterbuchs hält, nämlich die Absicht, auszubeuten oder zu beherrschen. Dies ist der Fall bei Werken, die während der Kolonialzeit geraubt wurden: ein afrikanisches Erbe, das Frankreich erst schrittweise zurückerstattet. Die Debatte wird jedoch abwegig, wenn man eine solche Aneignung überall zu erkennen meint, selbst wenn die Absicht schlicht darin besteht, die kulturelle Vielfalt zu preisen. Das geht so weit, dass man Anleihen oder Mischformen in der Musik, in der Küche oder in der Mode ablehnt, den Wettstreit der Ideen erstarren lässt und das künstlerische Schaffen schikaniert.

Diese Wendung verdankt sich zunächst dem separatistischen Radikalismus des Black Feminism, doch nicht nur ihm. Man findet eine solche Verschiebung – oder sollte man von Aneignung sprechen? – auch bei einer mächtigen und bekannten weißen Rechtsanwältin namens Susan Scafidi wieder. Sie ist Professorin an der Fordham University in New York, und ihr Spezialgebiet ist der Schutz von Mode und Designern vor Leuten, die sie kopieren. Ihr kommerzielles Verständnis leitet sich vom Begriff der kulturellen Aneignung her. Diesem wiederum schneiderte sie in ihrem 2005 erschienenen Buch Wem gehört die Kultur?, auf das andere sich später beriefen, ein allzu großes Kostüm.

Ausgehend von einem ihrem Fach gemäßen Verständnis von Copyright entfernt sich ihre Definition bald von der genauen Bedeutung, die das Oxford-Wörterbuch umreißt. Scafidi zufolge bezeichnet kulturelle Aneignung einen Vorgang, bei dem jemand »geistiges Eigentum, traditionelles Wissen, kulturelle Ausdrucksformen oder Artefakte der Kultur eines anderen ohne dessen Erlaubnis an sich reißt«. Mir nichts, dir nichts haben wir in ein paar Worten die Absicht, auszubeuten oder zu beherrschen, verloren. Auf die aber kommt es an.

Fortan genügt es, dass eine Gruppe bei der »Kultur einer anderen« Anleihen macht, um somit den Tatbestand kultureller Herrschaft zu erfüllen. Darin inbegriffen, der eben zitierten Anwältin nach, »die nicht-autorisierte Adaption eines Tanzes, einer Art sich zu kleiden, Musik, Sprache, Folklore, Küche, traditioneller Musik und religiöser Symbole«, »heiliger Gegenstände«, die in den Rang unantastbarer Kultur erhoben werden. Im Namen solcher Ehrerbietigkeit sah die Unterwäschemarke Victoria's Secret sich dem Vorwurf ausgesetzt, ihren Models für heilig befundene indianische Kopfbedeckungen aufgesetzt zu haben.

In einer ganz anderen Tonlage, wiewohl derselben Logik folgend, spricht man den atheistischen Zeichnern von Charlie Hebdo das Recht ab, Mohammed darzustellen, denn damit begingen sie die doppelte Sünde der Gotteslästerung und der kulturellen Aneignung. Weshalb es ihnen passieren kann, dass sie von Fanatikern und gewissen Antirassisten gemeinsam an den Pranger gestellt und auf einem öffentlichen Platz gelyncht werden, ehe man sie ermordet.

Als ahnte sie, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben, stellt Susan Scafidi immerhin klar, dass es »wahrscheinlich keinen Schaden anrichtet, wenn die ursprüngliche Gemeinschaft eine Minderheit ist, die unterdrückt oder ausgebeutet wurde, oder wenn der Gegenstand der Aneignung besonders empfindlich ist, wie dies bei heiligen Gegenständen der Fall ist«.8 Wenn man es genau liest, bleibt dennoch die kulturelle Würdigung potentiell als Aneignung klassifiziert, nur als eine weniger schwerwiegende.

Diese Nuance hat allerdings in einer Epoche, in der die sozialen Netzwerke durchdrehen, keine Chance, beachtet zu werden. Die Tür steht allen Exzessen offen. Da das Kriterium nicht mehr die Absicht ist – ausbeuten oder beherrschen zu wollen –, wird selbst nur die Vermischung kultureller Einflüsse verdächtig. Die identitäre Linke hat soeben eine neue, der Gotteslästerung sehr nahekommende Unterstellung erfunden.

Madonna auf dem Scheiterhaufen

»Like a Prayer« befeuerte die Vorstellungswelt meiner Jugend. In diesem Videoclip schwingt die Madonna der Popmusik die Hüften wie eine Gospelsängerin in einem purpurfarbenen Kleid, das weit genug ausgeschnitten ist, sie ins Verderben zu stürzen. Indem sie den brennenden Kreuzen des Ku Klux Klan trotzt, befreit sie einen zu Unrecht eingesperrten schwarzen Christus aus seinem Gefängnis und küsst ihn ungestüm: ein glühendes, beinahe liturgisches Manifest gegen Rassismus. Der religiösen und suprematistischen Rechten galt sie darum als schwarze Bestie.

Das war im Jahr 1989, dem Jahr etlicher Scheiterhaufen, der Rushdie- und der Scorsese-Affäre.9 Christliche Fundamentalisten verurteilten den Film Die letzte Versuchung Christi wegen Gotteslästerung zur Verbrennung. Ein Kino in Saint-Michel mitten in Paris wurde sogar angezündet. »Like a Prayer« wirkte wie ein Feuerball. Der Papst persönlich rief zum Boykott Madonnas auf, entfesselte Katholiken übten Druck auf die Sponsoren der Sängerin aus, Pepsi zog sich aus ihrer Tournee zurück. Madonna machte sich darüber lustig. Wie von einem Heiligenschein aus Schwefel umgeben, lag ihr Hit unangefochten an der Spitze der Charts weltweit. In jener Epoche war man vernarrt in Provokationen, die die Verklemmten ärgerten. Nichts rockte mehr, als zum Scheiterhaufen verurteilt zu werden.

Dreißig Jahre später: andere Schallplatte, andere Epoche. Diesmal steht Madonna nicht mehr auf dem Index der Konservativen wegen Gotteslästerung, sondern auf dem der Fortschrittlichen wegen kultureller Aneignung, und zwar wegen einer verunglückten Hommage an Aretha Franklin während der Verleihung der MTV Awards.

Die Königin des Soul war soeben verstorben. Die Königin des Pop aber betrat die Bühne in einer ausgefallenen Berbertunika, mit silbernem Schmuck und farbigen Armreifen behangen, die Stirn mit blonden Zöpfen geschmückt. Man warf ihr zunächst nicht so sehr ihre Kleidung vor als vielmehr die Art, wie sie über Aretha Franklin und sich selbst gesprochen hat. In einem langen, sehr langen Monolog erzählte sie von ihren Jahren voller Plackerei in Detroit, der Stadt, in der sie aufgewachsen war, ebenso wie Aretha Franklin. Ist es angemessen, die Ghettos zu vergleichen, in denen sie beide gelebt haben, wo es jedoch eine junge Schwarze sicherlich schwerer hatte als eine junge Weiße? Für Madonnas handelte es sich lediglich darum, ihre Gemeinsamkeiten in Erinnerung zu rufen. Doch die Anekdote hatte Folgen.

Nur mit Mühe ließ sich eine Verbindung zwischen ihrer Berberkleidung und den schicken, sehr westlichen Kleidern Aretha Franklins herstellen. Es gab nämlich keine. Es handelte sich einfach um den Zierrat von Madonnas letztem Album, die letzte Laune in Sachen Look. Diesen Look aber, mehr noch die angeblich »afrikanischen« Zöpfe, macht man ihr zum Vorwurf. Man mag sie in ihrem purpurfarbenen Negligé mit Recht sehr aufregend finden, muss man sie jedoch wegen kultureller Aneignung gleich lynchen? Wird man ihr von nun an vorwerfen, dass sie sich von anderen Kulturen inspirieren lässt? Welche Musik täte das nicht?

Kenan Malik, ein englischer Schriftsteller indischer Herkunft, war einer der ersten, die in der kulturellen Aneignung »eine säkularisierte Version der Gotteslästerung« erkannten.10 Er plädiert für eine Vermischung in der Manier Elvis Presleys. Es sei noch gar nicht so lange her, erinnert er uns, dass weiße Radiosender sich weigerten, Stücke der Pioniere des Rock'n'Roll wie Chuck Berry zu spielen, da sie als »ethnisch« klassifiziert wurden. Dann kam der King. Der weiße Rockmusiker hat den Rock demokratisiert und aus dem Ghetto herausgeholt. So ungerecht es auch sein mag, erst indem er sich dieser Musik bediente, machte er schließlich die Leistung schwarzer Rockmusiker bekannt. »Stellen wir uns vor, man hätte es Elvis ausgeredet, sich diese sogenannte schwarze Musik anzueignen. Hätte dies den Rassismus oder die Jim-Crow-Ge-setze11 zurückgedrängt? Gewiss nicht«, hält Malik fest.

Die musikalische Rassentrennung hat niemals auch nur das geringste Vorurteil zurückgedrängt. Im Gegenteil ist es die Mischung, ihrerseits ein Quell der Kreativität, die es gestattet, eine gemeinsame Welt zu komponieren. Ebenso warf man den Rolling Stones vor, das Repertoire der dabei im Schatten bleibenden schwarzen Bluesmusiker geraubt zu haben. Muddy Waters, der zu den »Beraubten« gehört, hat darüber den genialen Satz gesagt: »Sie haben mir meine Musik gestohlen, doch mir meinen Namen gegeben.« Ohne die Stones hätte der Blues die Pforten des Ghettos niemals überwunden. In welcher Welt würden wir leben, wenn der Blues als eine »schwarze Musik« betrachtet und nur von »schwarzen« Radiosendern gespielt worden wäre? Wie sähe der Pop aus, wenn Madonna nicht vom Voguing (einer Bewegung aus der Schwulenszene und den Ghettos der Latinos) oder vom Gospel inspiriert worden wäre? Wenn sie auf ihre Kritiker gehört und sich solchermaßen beschränkt hätte?

Ein Glück für uns, dass Madonna sich darüber lustig machte. »Oh, they can kiss my ass«, erklärte sie gegenüber der Huffington Post: »Ich eigne mir überhaupt nichts an. Ich lasse mich inspirieren und beziehe mich auf andere Kulturen. Das ist mein Recht als Künstlerin. Man sagt, Elvis Presley habe die afroamerikanische Kultur gestohlen. Doch das ist unser Job, wir Künstler müssen die Welt durcheinanderbringen und die Leute irritieren, auf dass sie sich verpflichtet fühlen, alles zu überdenken.« Erfolgreich gesendet.

Madonna kann sich das erlauben. Sie hat ein paar Jahre auf dem Buckel, sie hat die Mittel und zudem eine erfüllte Karriere hinter sich. Welche junge Sängerin hätte noch diesen Mut? Im Gegensatz zu den Hexenjagden, die man zu Zeiten von »Like a Prayer« veranstaltete, werden die Steine der kulturellen Aneignung von jungen Liberalen geworfen, die, nicht mehr allzu »rockig«, beim geringsten Verdacht lynchen und boykottieren. Kein junger Künstler und erst recht keine Marke kann es sich mehr erlauben, die zahlreichen Ukasse zu ignorieren. Beim geringsten negativen buzz ist eine Plattenfirma verpflichtet, sich in Entschuldigungen zu ergehen.

Manchmal verfolgen diese Prozesse die Künstler bis ins Grab. Man denke an Johnny Clegg, den afrikanischsten der weißen südafrikanischen Sänger. Der Autor des mythischen »Asimbonanga« – ein Lied gegen Apartheid, bei dem Nelson Mandela zu swingen begann –, bekam bei seiner Beerdigung lauter Blumen. Als der ANC ihm eine ergreifende Hommage darbrachte, fanden sich französische und amerikanische Aktivisten ein, um ihn anzuklagen, er habe von kultureller Aneignung gelebt.

Wahrhaftig, es ist nicht gut, eine andere Kultur zu lieben, wenn ihr weiß seid. So schreibt die Essayistin Fatiha Boudjahlat: »Wenn ihr nicht liebt, seid ihr rassistisch. Wenn ihr liebt, seid ihr rassistisch.« Sie kommt zu dem Schluss, dass wir uns in einer ausweglosen Sackgasse befinden, in einer völlig durcheinander geratenen Welt. »Heutzutage würde man Mandela für einen Hausneger halten.«

Verfluchte Zöpfe

Man kann die Leute nicht mehr zählen, die gezwungen sind, Entschuldigungen vorzubringen, weil sie es gewagt haben, eine Afrofrisur, Dreadlocks oder bloß angeblich »afrikanische« Zöpfe zu tragen. Obgleich sie es gewohnt ist zu provozieren, erstarrte Kim Kardashian unter einer Tracht Prügel, die sie für ein Photo hatte einstecken müssen, das sie mit blonden Zöpfen zeigt und mit »Bo West« unterschrieben ist. Eine Anspielung auf die Schauspielerin Bo Derek, die das Glück hatte, aus der Mode zu kommen, ehe die Epoche der Unterstellung kultureller Aneignung anbrach. Pharrell Williams war nicht mehr so »happy«, nachdem er sich unmöglich gemacht hatte, weil er auf dem Titelbild der Zeitschrift Elle mit einer indianischen Frisur aufgetreten war. Ein afroamerikanischer Sänger darf sich nicht mit einem Indianer verwechseln… Lana Del Rey entging nur knapp einer Steinigung, weil sie in ihrem Kurzfilm Tropico die Codes der Chola-Ästhetik aus dem Universum der Latino-Ghettos aufgegriffen hatte. Sie alle haben ihr Bedauern ausgedrückt.

Der Preis für die pathetischste Entschuldigung gebührt der Sängerin Katy Perry; auch sie hat auf einem Photo auf Instagram mit blonden Zöpfen posiert. Ihr Look erinnert jedoch vielmehr an eine ukrainische Frisur, oder allenfalls an die strenge Khaleesi, die Drachenmutter aus Game of Thrones. Doch da die Ukrainer zu sehr mit den Russen beschäftigt und die Dothrakis im wirklichen Leben nicht vertreten sind, verlangten die Profis in Sachen kulturelle An­eignung vielmehr, sie solle sich bei den Afroamerikanern entschuldigen.

Die unerfreulichen Kommentare im Internet häuften sich. Das Umfeld der Sängerin hatte ein reumütiges Interview mit einem Aktivisten der Bewegung »Black Lives Matter« gewünscht, in dem die Sängerin sich selbst live nahezu geißelte dafür, dass sie es gewagt hatte, trotz ihrer »Privilegien einer weißen Frau« solche Zöpfe zu tragen. »Das war nicht gut«, sagte sie bußfertig mit Tränen in den Augen. Ihr sei nicht bewusst gewesen, erzählte sie, wie schwer ihre Geste wiegt. Bis sie eine schwarze Freundin auf den rechten Weg zurückgeleitet habe: »Meine Freundin hat mir erklärt, was für eine Kraft in der afrikanischen Haarmode liegt, wie schön sie ist und wie viel Energie sie erfordert.« Schließlich erging man sich in der Verherrlichung der schwarzen Schönheit und verständigte sich darauf, dass weiße Frauen nicht die erforderliche Energie hätten… um ukrainische Zöpfe zu tragen?

Was dem Interview folgte, war noch erbärmlicher. Mit zitternder Stimme erklärte Katy Perry so ernst es irgend geht, dass die Farbe ihrer Epidermis sie daran hindere, sich mit einer schwarzen Frau zu identifizieren, die Zöpfe trägt: »Ich würde niemals verstehen können, was das bedeutet, aufgrund dessen, was ich bin. Aber ich kann versuchen, mich zu erziehen.« Eine Forderung nach Umerziehung, die der Aktivist von »Black Lives Matter«, dem sie das gestand, guthieß. Sie berührte ihn übrigens fortwährend wie ein Totem, um seine Zustimmung zu erlangen. Dazu muss man erwähnen, dass Katy Perry dieses Interview mit quasi abrasierten blonden Haaren gegeben hat, blond mit einem Stich ins Blaue. Die Schlümpfe aber erhoben keine Klage wegen kultureller Aneignung. Dasselbe Problem wie bei den Dothrakis: Sie sind im wirklichen Leben nicht vertreten.

Das Video dauert zwei unendliche Minuten, in denen man sich schrecklich unwohl fühlt. Die ganze Inszenierung ist niederschmetternd. So, würde man sagen, reden Angehörige einer Sekte. Eine Art umgekehrter Ku Klux Klan, wo die Zeremonienmeister junge weiße Mädchen lehren, sich niemals mit Schwarzen und deren heiligen Zöpfen zu identifizieren.

Die Hetzjagd macht bei den Frisuren nicht halt. Durstig nach Reinheit, verfolgen die Inquisitoren auch »Influencerinnen«, die so dreist sind, sich zu sehr zu bräunen oder ihren Hintern zu dick werden zu lassen, um eher »black« auszusehen. Diese Neigung wird als »nigger fishing« angeprangert. Diejenigen die posieren, indem sie über ihre wahre Herkunft täuschen, werden beleidigt und aufgefordert, ihre DNA offenzulegen.

Einst vermieden es die Weißen, sich zu bräunen, um bloß nicht wie Mestizen auszusehen. Man pflegte einen porzellanfarbenen Teint als ein Zeichen der Zugehörigkeit zur feinen Gesellschaft. Sollte man sich nicht freuen zu sehen, dass nun ein gemischter Teint in Mode kommt? Beweist das nicht, dass »Black is beautiful« triumphiert hat? Warum sich darüber beklagen? Bekämpfen sollte man besser Produkte, die die Haut weißen, sowie eine Mode, die darin besteht, die Haare in Unordnung zu bringen auf die Gefahr hin, sie zu ruinieren. Der Kampf gegen den Selbsthass ist sicherlich dringender als der gegen die Liebe zu den anderen.

Man würde darüber lachen, wenn diese Hetze im Internet nicht so viele Zeichen und so viele Tränen vergeudet hätte. »Dein Lieblingsstar ist problematisch«, eine Web-site, die sich Angriffen auf Lieblingsstars widmet, häufig wegen kultureller Aneignung, endete damit, dass sie ihre eigenen Leser nicht mehr unterstützte. Nachdem sie mehr als siebenundsiebzig Stars mit Steinen beworfen hatte, wurde sie eingestellt und hinterließ ihren Fans die Worte: »Get a life«.

Beruhigend, dass Leute im Internet schreiben, wie lächerlich ihnen diese Auseinandersetzungen erscheinen. In Frankreich sind es vielmehr diese Auseinandersetzungen selbst, die überhaupt erst zu Auseinandersetzungen führen. So zum Beispiel, als die Inquisitoren 2.0 die alberne Idee hatten, sich Camélia Jordana wegen ihrer Dreadlocks bei der César-Verleihung12 vorzunehmen. An jenem Abend betrat die Komödiantin algerischer Herkunft, die auch Sängerin ist, die Bühne, um den César für die beste Nachwuchsdarstellerin entgegenzunehmen. Die Trophäe widmete sie ihrer Mutter, die die Schule zu früh hatte verlassen müssen, sowie all denen, die Hindernisse, zumal rassistische, zu überwinden haben. Diese Botschaft konnte die Polizisten des Look offenbar nicht bewegen. Im Gegensatz zu amerikanischen Stars aber hat Camélia Jordana sich nicht entschuldigt.

Der Modedesigner Marc Jacobs musste sich beugen, weil er seine Models mit Dreadlocks in allen Farben frisiert, verwuschelt und neu interpretiert hatte: »Ich entschuldige mich für den Mangel an Gespür, den ich, ohne es zu wissen, an den Tag gelegt habe.« Er fügte hinzu, er glaube an schöpferische Freiheit. Doch warum sich dann entschuldigen, da keine Absicht bestand, jemanden zu verhöhnen?

Wenn man der Mode etwas zum Vorwurf machen müss-te, so wäre es der Mangel an Models in ihren Reihen, die gemischt, schwarz oder auch nur einigermaßen wohlauf sind, nicht das Kräuseln der Haare weißer Models. Die Afro-Mode auf den Laufstegen kann Generationen von Frauen ermutigen, damit aufzuhören, die Haare zu glätten oder kaputt zu machen! Das wäre eher ein Fortschritt. Doch der Fortschritt ist nicht das Ziel der für kulturelle Aneignung zuständigen Inquisitoren. Ihr Zweck ist, zu existieren, und das bedeutet heutzutage, sich für »beleidigt« zu erklären.

In einer solchen Haltung, einem Gewerbe nahezu, glänzt ganz besonders Rokhaya Diallo, die große Importeurin der Auseinandersetzungen um kulturelle Aneignung. Als politische Aktivistin, die gelegentlich auch für Schmuck Modell steht, versäumt sie keine Gelegenheit, sich »als schwarze Frau« zu empören, um sich sodann zu beklagen, auf ihre Hautfarbe reduziert zu werden. Entsetzt, Weiße mit Afro-Haarschnitt herumspazieren zu sehen, nimmt sie das Copyright für sich in Anspruch. Ihr Traum? Dass die afrikanischen Stylistinnen, ja sogar die afrikanischen Friseurinnen des Viertels Château d'Eau für ihre Haarschnitte entlohnt werden.13 Man wüsste gern, wie genau der Prozentsatz aufzuschlüsseln sei. Sollte man nur die schwarzen Friseurinnen, alle schwarzen Frauen, die einen Afro-Haarschnitt tragen, oder nur die improvisierte Sprecherin entlohnen?

Etliche Kulturen erfreuen sich zierlicher Zöpfe, die sehr wahrscheinlich indischen oder ägyptischen Ursprungs waren, ehe sie afrikanisch oder jamaikanisch wurden. Warum und in wessen Namen sollten schwarze Frauen in den USA oder in Europa die einzigen sein, die ein solches Copyright beanspruchen können? Weil sie in den reichsten und mächtigsten Ländern wohnen? Ist das nicht eine Form des Kulturimperialismus? Tania de Montaigne, Autorin von Die Zuweisung, Untertitel: Die Schwarzen existieren nicht,14 bekämpft dieses uniforme und exotische Bild von Identität unermüdlich. Sie begreift nicht, dass man im Namen aller schwarzen Frauen so sprechen kann: »Zwischen Michelle Obama und einer eritreischen Migrantin weiß ich nicht, was eine schwarze Frau ist!«15

Eine solche Spitzfindigkeit ist den Inquisitoren der neuen Generation entgangen, jedenfalls einer von Studentinnen des Pariser Instituts für politische Wissenschaften (Sciences Po) gegründeten Gruppe: den »SciencesCurls«. Diese Aktivistinnen schlagen sich nicht, um den Planeten und gefährdete Arten zu schützen oder Ungleichheiten zu mindern. Nein, sie setzen andere Prioritäten, nämlich »die bei Sciences Po marginalisierten und diskriminierten Schönheiten zu fördern, quer durch das Spektrum des gestalteten Haars.« Die extreme Rechte ist überall in Europa auf dem Vormarsch, fast jeden Monat werden Attentate von weißen Suprematisten oder Islamisten verübt, das Klima verändert sich, doch die existenzielle Angst, die es in ihren Augen verdient, eine Gruppe zu bilden, gilt ihren zurechtgemachten Haaren. Und dem an weiße Frauen gerichteten Verbot, sich wie sie zu frisieren.

Die Gründerin der Gruppe findet es total »beleidigend«, dass eine Weiße sich das Haar kräuseln oder Zöpfe flechten lassen darf: »Es ist beleidigend, weil die kulturellen Realitäten völlig verwischt und zu einem Vergnügen gemacht werden. Meine Kultur wird sozusagen zu einer Verkleidung. Das bedeutet, dass jemand in sie hineingehen und wieder herauskommen kann, das ist extrem verletzend.« Nachdem man diesen Satz gelesen hat, überlegt man, welcher Superlativ an die Apartheid oder die Rassentrennung heranreichen könnte. Auf der Richterskala der zarten Haut scheinen alle Dramen gleichermaßen schwerwiegend, mag es sich um einen Genozid oder um einen Haarschnitt handeln. Am fürchterlichsten bleibt die Angst vor kultureller Vermischung. Als »extrem verletzend« wird die Möglichkeit erachtet, dass jemand in eine Kultur »hineingeht« und wieder »herauskommt«. Als handle es sich um eine Vergewaltigung und nicht um eine Vermischung.

Traumatisiert von der Vorstellung, dass Weiße sich einen Afro-Haarschnitt zulegen, finden es dieselben Leute aber normal, dass weiße Studentinnen zum »Hijab Day« einen islamischen Schleier anprobieren. Diese von fundamentalistischen Kreisen ausgehende Initiative haben Studentinnen der Sciences Po aufgegriffen und ihren Genossinnen vorgeschlagen, sich einen Tag lang in »Sittsamkeit« zu üben.16 Komischerweise wollte darin keiner der üblichen Inquisitoren die geringste kulturelle Aneignung erkennen.

Die Zensur antirassistischer Werke

Die Inquisitoren der kulturellen Aneignung geben sich nicht damit zufrieden, Stars, Marken und Modenschauen zu verfolgen. Es kommt vor, dass sie sogar die Zensur antirassistischer Werke verlangen.

Dies passierte der Künstlerin Dana Schutz und ihrem Bild Open Casket. Es ist angelehnt an ein berühmtes Foto, das 1955 aufgenommen wurde, um die brutale Ermordung eines jungen Schwarzen anzuprangern. Der vierzehnjährige Emmett Till war soeben zu Tode geprügelt worden. Seine Mutter verlangte, man solle seinen Sarg offenlassen: »Die Leute sollen sehen, was sie meinem Jungen angetan haben.« Der Anblick seines verunstalteten Gesichts war erschütternd. Dass eine Künstlerin, zumal eine weiße, diesen Eindruck sechzig Jahre später wiederaufnehmen möchte, beweist, dass die Mutter recht hatte, das verunstaltete Gesicht ihres Sohnes zu zeigen. Solcherart politische Intelligenz ist inzwischen abhandengekommen.

Sobald es bei der Biennale im Whitney Museum in New York ausgestellt wurde, löste das Bild Open Casket einen Skandal aus. »Dieses Gemälde muss weg!« forderten nachdrücklich mehrere afroamerikanische Schriftsteller in einem in der Presse erschienenen Brief. Unter ihnen auch Hannah Black, die geradeheraus verlangte, das Werk zu »vernichten«: »Das Gemälde sollte von niemandem akzeptiert werden, der sich um Schwarze sorgt oder das zumindest behauptet, denn es ist nicht akzeptabel, dass ein Weißer das Leid der Schwarzen in Profit und Vergnügen verwandelt.«17 Welches Vergnügen?

Diesem inquisitorischen Brief zufolge wendet sich der offene Sarg nur an Schwarze: »Till wurde den schwarzen Menschen als Inspiration und Warnung vor Augen geführt. Nicht-schwarze Menschen müssen akzeptieren, dass sie diese Geste niemals darstellen und niemals verstehen können.« Dieser Satz ist eiskalt. Allein aufgrund ihrer Hautfarbe erlaubt sich diese Autorin, anstelle einer Mutter zu sprechen, die einen Sohn verloren hat, und den Sarg wieder zu schließen, den diese aus politischen Gründen geöffnet hatte. Allein aufgrund ihrer Hautfarbe wird eine weiße Künstlerin und Malerin für unfähig befunden, den Schmerz der Mutter nachzuempfinden. Ihre Empfindlichkeit gegen Rassismus wird ihr abgesprochen, ja sogar vorgeworfen! Obendrein will man ihr Bild vernichten.

In den folgenden Tagen drohten Demonstranten, die

Biennale zu boykottieren. Aus Furcht vor Auseinandersetzungen und Vergeltungen lehnte man es ab, das Bild ordnungsgemäß auszustellen. Der Kunstwelt wurde beschieden: Prangert nicht mehr das Leid von Minderheiten an, sonst endet ihr auf der Anklagebank! Ein solches Schicksal erlitt der kalifornische Bildhauer Sam Durant, dessen Installation Scaffold die Hinrichtung von 38 Dakota-Indianern im Jahr 1862 anprangert. Das Werk war im Walker Art Center in Minneapolis ausgestellt worden. Doch einige Indianer mochten es nicht, dass ein Weißer erzählte, was sie für ihre Geschichte hielten. Nach Monaten der Proteste und Vorwürfe brach der Bildhauer ein und baute sein Werk wieder ab.

Die Inquisitoren der kulturellen Aneignung gehen wie Fundamentalisten vor. Ihr Ziel ist es, ein Monopol über die Darstellung des Glaubens zu wahren, indem sie anderen verbieten, ihre Religion zu malen oder zu zeichnen. Dadurch zeichnen sie selbst sich maßgeblich aus. Im Falle der kulturellen Aneignung treiben Schriftsteller, manchmal auch Künstler oder Aktivisten ihr Spiel mit ihrem Minderheitenstatus, um ihre Vorstellungen und ihre Deutungshoheit umso besser durchsetzen zu können.

Das künstlerische Schaffen der einen behindert nicht das der anderen. Doch die Aktivisten wollen lieber verbieten, als ihrerseits etwas zu schaffen. Dieses Recht, glauben sie, sei ihnen buchstäblich angestammt, und aufgrund des Leids ihrer Vorfahren stehe es über allem sonstigen Recht. Die von anderen erduldeten Leiden erlauben ihnen, wieder andere zu unterdrücken: ein tyrannischer Komfort. Das ist keine »entartete Kunst« im Sinne der Nazis, sondern eine im Namen der Genetik zensierte Kunst: eine rassistische Zensur. Es gibt kein anderes Wort zur Bezeichnung der Absicht, ein Werk aufgrund der Hautfarbe seines Schöpfers zu verbieten.

Glücklicherweise gibt es auch andere Antirassisten, die dem widerstehen. So geschah es, als ein übler Wind sich gegen Exhibit B erhob, eine Installation des weißen süd-afrikanischen Künstlers Brett Bailey, die die Tradition der »Menschenzoos« anprangert. Sie soll uns Unwohlsein bereiten, indem sie uns zwingt, eine Reihe lebender Bilder entlangzugehen. Die Darstellungen schildern den Schrecken des Kolonialismus und der Sklaverei. Eine »schwar-ze Venus« wird als Jahrmarktsattraktion präsentiert, wie eine »Odaliske«, die sich nackt im Bett eines französischen Offiziers in Brazzaville räkelt. Eine andere trägt einen Korb voller Hände, abgehackt von belgischen Kolonisatoren. Dies geschah Sklaven, die die Quote bei der Gewinnung von Latex nicht erfüllten. All das erfährt man in dieser Ausstellung. Mehr noch, man spürt Wut in sich aufsteigen, und Abscheu. Darin besteht die Kraft eines Kunstwerks: dass es einen dazu bringt, aus sich herauszugehen und sich in einen anderen zu hineinzuversetzen. Was aber den buchstabengetreuen Identitätsvögten total abgeht.

Seien Sie beruhigt, diese Leute haben sich die Ausstellung nicht angesehen, ehe sie deren Zensur verlangten. Alles ging bloß von einem Artikel aus. Monatelang war die Ausstellung ohne Probleme gelaufen, von Wien nach Brüssel und zwischendurch auch in Paris. Doch all das änderte sich, nachdem eine im Guardian erschienene Kritik sie als riskant und »umstritten« beurteilt hatte.18

Galerien jenseits des Ärmelkanals sind selten mutig. Gleich nach den Anschlägen von London im Jahr 2005 beeilte sich der Direktor der Tate Gallery, eine vorgesehene satirische Ausstellung über den Talmud, den Koran und die Bibel abzusetzen. In Paris wäre diese Art von Zensur ein Skandal. Was nicht heißt, dass kleine Gruppen, die sich vom angelsächsischen Antirassismus beeindrucken lassen, diesen Kulturterror nicht zu importieren versuchten.

Als sie sah, dass die Installation Exhibit B nach Paris zurückkommen würde, trommelte die Brigade anti-négrophobie Leute zusammen, um vor dem Théâtre Gérard Philipe in Saint-Denis zu demonstrieren, Sicherheitsbarrieren umzustürzen, Zuschauer anzugreifen und die Absage der Ausstellung zu erwirken.

Die Interviewten warfen dem Künstler vor, er sei weiß und zeige Schwarze in der Situation von Opfern. Ist das nicht notwendig, um die »Menschenzoos« anzuprangern? Pascal Blanchard, ein Experte für Kolonialgeschichte, äußerte sich über dieses Vor­kommnis bestürzt: »Man sollte meinen, nur ein Schwarzer könnte Rassismus begreifen.«19

Trotz der Einschüchterungen fand die Vorführung statt, doch nur dank dem Mut des Centre dramatique national de Saint-Denis et du Centquatre – und unter einiger Anspannung.

Der Produzent und Manager des Centquatre hielt stand: »Wir haben jeden Abend gespielt. Mit der Bereitschaftspolizei20 vor dem Theater, um die Zuschauer zu schützen.« Was ihn am meisten betrübt? »Die Unmöglichkeit, eine ordentliche Diskussion mit den Leuten zu führen, die uns angreifen. Wir haben das vorgeschlagen, doch eigentlich hatte niemand Lust, uns anzuhören, weder die Künstler noch ihre Unterstützer.«21

Während sie den Dialog verweigerten, kampierten die Demonstranten weiterhin vor dem Eingang der Ausstellung. Ihretwegen sah der Centquatre aus wie eine von Abtreibungsgegnern umzingelte amerikanische Klinik. Die wenigen Zuschauer mussten die Installation unter Begleitschutz besuchen.

Unter ihnen der berühmte ehemalige Fußballer Lilian Thuram, auch bekannt für sein Engagement gegen Rassismus. Er wollte selbst urteilen. Als er, sichtlich bewegt, wieder herauskam, sagte er dem Künstler und der Installation Exhibit B, die er »sehr gelungen und sehr verstörend« fand, seine volle Unterstützung zu. Auch antirassistische Organisationen, die für ihre Opferallüren durchaus be-kannt sind, wie die Liga für Menschenrechte oder die MRAP22, haben die Ausstellung unterstützt.

Das war eines der ersten Male, dass eine Zensurkampagne aufgrund kultureller Aneignung in Frankreich von sich reden machte. Die identitären Extremisten ausgenommen, hatte sie alle einmütig gegen sich. Doch wie lange noch?

Pulsuz fraqment bitdi.

26,52 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
152 səh. 4 illustrasiyalar
ISBN:
9783862872381
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar