Kitabı oxu: «Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918»

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UTB 3454

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Dr. Carsten Burhop ist Dipl.-Volkswirt und Professor am Seminar für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte der Universität zu Köln.

Mit 24 Tabellen und 11 Abbildungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783846334546 (utb-e-book)

© 2011 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Oakville, CT, U.S.A.

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Lehr- und Unterrichtszwecke. – Printed in Germany.

Coverillustration: Telefonzentrale bei Merck in Darmstadt, 1908; Merck-Archiv Y1/01875

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-8252-3454-6 (UTB-Bestellnummer)

Hinweis zu Zitierfähigkeit

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Inhaltsverzeichnis

Titel Impressum Hinweis zu Zitierfähigkeit Vorwort Übersicht der Tabellen Übersicht der Zeichnungen I. Einleitung II. Politik, Gesellschaft und Verfassung III. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft aus nationaler Perspektive IV. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft in internationaler Perspektive V. Die Konjunktur VI. Fiskalpolitik VII. Außenhandels- und Zollpolitik VIII. Geld- und Währungspolitik IX. Unternehmen X. Unternehmenskonzentration und Kartellierung XI. Banken und Finanzmärkte XII. Die Wirtschaft im Ersten Weltkrieg XIII. Schluss Literatur

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Vorwort

Viele Jahre habe ich mich mit der Idee beschäftigt, dieses Buch zu verfassen. Gelungen ist es mir, weil ich mich einige Jahre aus dem Universitätssystem zurückziehen und mich voll auf meine Forschung konzentrieren konnte. Daher möchte ich an erster Stelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft danken, die mich im Rahmen des Heisenberg-Programms großzügig gefördert hat.

Besonderer Dank gilt auch Martin Hellwig, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn, für die Möglichkeit, an seinem Institut zu forschen und von dem hervorragenden Forschungsumfeld zu profitieren. Mein Dank gilt ebenfalls Timothy W. Guinnane, der mich für mehrere Monate ans Economic Growth Center der Yale University eingeladen hat. Während dieser Monate im Frühjahr 2009 wurde der Grundstein für diese Monographie gelegt.

Wichtig war auch die Unterstützung von Freunden, die große Teile des Manuskripts gelesen und kritisch kommentiert haben. Dafür möchte ich mich bei Andreas Jüngling, Sibylle Lehmann, Benedikt Viertelhaus und Vera Ziegeldorf ganz herzlich bedanken.

Schließlich haben zahlreiche hilfsbereite Kollegen einzelne Kapitel des Manuskripts gelesen und mit Anmerkungen versehen. Daher gilt auch Marcel Boldorf, Steve Broadberry, Mark Spoerer, Richard Tilly und Martin Uebele mein Dank. Gleichwohl übernehme ich die uneingeschränkte Gesamtverantwortung für das Manuskript.

Bonn, im Juli 2010

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Übersicht der Tabellen

Tabelle T1 Tabelle T2 Tabelle T3 Tabelle T4 Tabelle T5 Tabelle T6 Tabelle T7 Tabelle T8 Tabelle T9 Tabelle T10 Tabelle T11 Tabelle T12 Tabelle T13 Tabelle T14 Tabelle T15 Tabelle T16 Tabelle T17 Tabelle T18 Tabelle T19 Tabelle T20 Tabelle T21 Tabelle T22 Tabelle T23 Tabelle T24

Übersicht der Zeichnungen

Abbildung A1 Abbildung A2 Abbildung A3 Abbildung A4 Abbildung A5 Abbildung A6 Abbildung A7 Abbildung A8 Abbildung A9 Abbildung A10 Abbildung A11

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I. Einleitung

Während der nahezu fünf Dekaden zwischen Reichsproklamation und Novemberevolution wandelte sich Deutschland vom wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch rückständigen Agrarstaat zum wirtschaftlich modernen sowie zum gesellschaftlich und politisch revolutionären Staat. Wirtschaftliches Wachstum und ökonomische Modernisierung waren mit gesellschaftlich-politischer Rückständigkeit nicht mehr zu vereinbaren und die gesellschaftlich-politischen Gruppen begaben sich während des Ersten Weltkriegs zunehmend in eine innenpolitische Frontstellung zueinander. Während die Wirtschaft in jahrzehntelangen Trippelschritten in die Moderne gewandert war, kollabierte das politisch-gesellschaftliche System und wurde in ein neues, republikanisches Gewand gekleidet. In dieser Monographie zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs geht es nicht um die großen Wendemarken an seinem Anfang und Ende, sondern um die zahlreichen kleinen Wendungen und Bewegungen der Gesamtwirtschaft, der Wirtschaftspolitik und der in der Wirtschaft handelnden Unternehmen und Menschen. Es ist somit ein Buch über die Trippelschritte des wirtschaftlichen Fort- und Rückschritts zwischen 1871 und 1918.

Viele methodische Wenden, die in der historischen Forschung in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen wurden, werden in meinem Buch nicht nachvollzogen: weder eine kulturalistische noch eine linguistische oder eine räumliche. Vielmehr verfolge ich einen geradezu traditionell anmutenden sozialwissenschaftlichen Ansatz der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichtsschreibung. Die den Argumenten in diesem Buch zugrundeliegenden sozialwissenschaftlichen Modelle sind der Volks- und Betriebswirtschaftslehre entnommen, sodass grundlegende Kenntnisse dieser Disziplinen für das Verständnis des Buches sicherlich hilfreich, aber keinesfalls notwendig sind, da die zentralen theoretischen Konzepte im Text erläutert werden.

Der wirtschaftswissenschaftliche Ansatz bedingt, dass die beiden zentralen ökonomischen Aktivitäten – Produktion und Konsum – im Zentrum des Buches stehen. Aus den primären Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Land werden mit Hilfe verschiedenster Produktionstechnologien Güter erzeugt, die ihrerseits entweder als Zwischengüter im weiteren Produktionsprozess untergehen, als Investitionsgüter in den Kapitalstock der Wirtschaft eingehen oder als Konsumgüter der Bedürfnisbefriedigung zugeführt werden.

Dementsprechend behandelt der erste Hauptteil des Buches, bestehend aus den Kapiteln III bis V, die großen Strömungen von Produktion und Konsum zwischen 1871 und 1918. Wie entwickelten sich das deutsche Sozialprodukt und seine Komponenten? Können wir genau abschätzen, wie sich die Gütererzeugung,|11◄ ►12| die Verteilung der Einkommen auf die primären Produktionsfaktoren und die Einkommensverwendung in diesem Zeitraum veränderten? Wie stellten sich Niveau und Verlauf der deutschen Wirtschaftsentwicklung in international vergleichender Perspektive dar? War Deutschland ein Nachzügler der industriellen Revolution, der zur Jahrhundertwende zur Wirtschaftslokomotive Europas oder der Welt wurde? Schließlich stellt sich die Frage, ob die Wirtschaft gleichmäßig wuchs oder ob der Wachstumsprozess von markanten konjunkturellen Zyklen überlagert wurde.

Der zweite Hauptteil des Buches umfasst die Kapitel VI bis VIII und beinhaltet Darstellungen zentraler Felder der Wirtschaftspolitik. Steuern, Zölle, Staatsausgaben und Geldversorgung setzen den Rahmen, in dem Wirtschaftssubjekte handeln und sie stellen die Infrastruktur bereit, die ökonomisches Interagieren ermöglicht. In Kapitel V, das sich mit der Fiskalpolitik beschäftigt, wird zunächst der Frage nachgegangen, in welchem Umfang der Staat Einkünfte erzielte und welche Leistungen er dafür dem Bürger zur Verfügung stellte. Des Weiteren werden die politischen Prozesse untersucht, die die Gestaltung von Steuer- und Leistungssystemen determinierten. Schließlich werden einige Folgen der Fiskalpolitik, insbesondere die steuerliche Belastung unterschiedlicher Einkommen und der Steuerwettbewerb zwischen Regionen und Städten beleuchtet. Eng mit der Fiskalpolitik verknüpft war die Zoll- und Außenhandelspolitik des Deutschen Reichs, die in Kapital VII dargestellt wird. Die Zollpolitik war eines der wichtigsten Politik- und Konfliktfelder im Deutschen Reich. Einerseits gab es Konflikte zwischen dem Zentralstaat und den Bundesstaaten über die Aufteilung der Zolleinnahmen. Andererseits wurden Konflikte auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ausgetragen, wie die aus Zöllen resultierenden Lasten auf inländische Konsumenten und Produzenten zu verteilen wären. Schließlich folgt in Kapital VIII ein Abschnitt über die Geld- und Währungspolitik, ein relativ konfliktarmes Politikfeld, dem jedoch eine zentrale ökonomische Funktion zukommt. Ein stabiles Geldsystem ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für wirtschaftliche Prosperität. Daher gilt es darzustellen, wie stabiles Geld im Deutschen Reich geschaffen und erhalten wurde.

Der dritte Hauptteil des Buches, der die Kapitel IX bis XII umfasst, widmet sich Unternehmen und Märkten. Güter werden in Unternehmen erzeugt, dort werden die Einkommen auf Unternehmenseigentümer und Arbeitnehmer verteilt. Über Gütermärkte fließen die Waren von den Firmen zum Konsumenten und über Finanzmärkte fließen nicht für Konsum verwendete Haushaltseinkommen den Unternehmen oder dem Staat als Kredit zu. In Unternehmen und auf Märkten finden somit die Basisprozesse statt, die die Grundlage für Produktion und Konsum sind. Kapitel IX stellt den Aufstieg der zumeist als Aktiengesellschaft organisierten Großunternehmen in den Mittelpunkt. Es wird unter anderem untersucht, welchen Bedeutungszuwachs diese Unternehmen in verschiedenen|12◄ ►13| Branchen im Zeitablauf hatten, wie innerbetriebliche Informations- und Organisationsschwierigkeiten angegangen wurden und wie sich die Beziehungen zwischen Unternehmensleitung, Eigentümern und Arbeitnehmern gestaltet haben. Ein Teilaspekt der Beziehungen zwischen Unternehmen bildet den Mittelpunkt von Kapitel X, das sich mit Unternehmenskonzentration und Kartellen beschäftigt. Insbesondere wird den Fragen nachgegangen, inwieweit horizontale und vertikale Unternehmenszusammenschlüsse, internes Wachstum und Kartellabsprachen die Unternehmensentwicklung im Kaiserreich mitbestimmten und welche Auswirkungen Konzentration und Kartellierung auf die Performanz von Unternehmen und die Gesamtwirtschaft hatten. Kapitel XI widmet sich schließlich einer wichtigen Teilmenge von Unternehmen und Märkten, nämlich Banken und Börsen. Die klassische Historiographie zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs hat vor allem die wichtige Rolle von großen Aktienkreditbanken für die deutsche Wirtschaftsentwicklung im 19. und frühen 20. Jahrhundert herausgestellt. Diese Sichtweise wird in dieser Monographie kritisch beleuchtet: Hatten die großen Aktienkreditbanken tatsächlich einen bestimmenden Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung? Welche Relevanz hatten andere Kreditinstitute und der Wertpapiermarkt für die Unternehmensfinanzierung? Welche Interaktionen bestanden zwischen Banken und Börsen?

Kapitel XII widmet sich der Wirtschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Auch in diesem Kapitel stehen die zentralen ökonomischen Kategorien Produktion und Konsum im Zentrum: Wie haben sie sich während des Krieges verändert? Welche Verteilungswirkungen hatte die Kriegswirtschaft? Wie reagierte die Wirtschaftspolitik auf die Herausforderung eines langwierigen und materialintensiven Stellungskriegs? Die Kriegswirtschaftsgeschichte als integralen Bestandteil der Wirtschaftsentwicklung des Kaiserreichs zu betrachten hebt die vorliegende Monographie von vielen anderen ab – unter anderen Knut Borchardt, Friedrich-Wilhelm Henning, Hans-Ulrich Wehler, Karl-Erich Born sowie Hubert Kiesewetter sehen eine Zäsur im Jahre 1914.1 Da der Erste Weltkrieg sowohl Kontinuitäten zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs als auch zur Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Republik aufweist, habe ich mich dafür entschieden diese Übergangsperiode mit zu behandeln.

Wie in Knut Borchardts knapper Darstellung der Industriellen Revolution in Deutschland stehen auch bei mir gesamtwirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Er wies bereits 1972 auf die Probleme der Historischen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung hin, verwendet aber trotzdem die damals gerade neu erstellten Zeitreihen. Dem damaligen Forschungsstand entsprechend überschätzt |13◄ ►14| Borchardt die Wachstumsdynamik. Allerdings arbeitet er zentrale strukturelle Kennzeichen heraus: Verschiebung der Einkommen zugunsten von Kapitaleinkommen, hohe Bedeutung steigender Gesamtfaktorproduktivität für das Wirtschaftswachstum und steigende Arbeitsproduktivität als Ursache von Reallohnsteigerungen. 2 Borchardt fundiert die makroökonomische Perspektive mit Hilfe sektoraler Entwicklungen, die bei mir nicht in einzelnen Kapiteln untersucht werden. Für mich bilden nicht Sektoren, sondern Unternehmen und Märkte die Basisprozesse. Zudem nimmt die Betrachtung der Wirtschaftspolitik bei mir einen wesentlich breiteren Raum als bei Borchardt ein. Die als relevant erachteten Felder der Wirtschaftspolitik – Staatsfinanzen, Geldordnung und Außenwirtschaft – stimmen überein. In meiner Monographie konnten jedoch wirtschaftshistorische Erkenntnisse der vergangenen vier Dekaden verarbeitet werden.

Andere Gesamtdarstellungen der deutschen Wirtschaftsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind kaum mit der vorliegenden Monographie vergleichbar. Beispielsweise behandelt Friedrich-Wilhelm Henning gesamtwirtschaftliche Aspekte nur am Rande und fokussiert seine Darstellung auf die Entwicklung im Agrar- und Dienstleistungssektor. Wirtschaftspolitische Gesichtspunkte werden von Henning kaum gewürdigt, und unternehmenshistorische werden nahezu vollständig ausgeblendet.3 Auch Hans-Ulrich Wehlers monumentale Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1849–1914 hat einen gänzlich anderen Ausgangspunkt. Für Wehler bildete nicht Wachstum, sondern schufen Krisen und Konjunkturen den Basisprozess wirtschaftlicher Entwicklung.4 Begünstigt von der jeweiligen konjunkturellen Entwicklung entstanden ein Interventionsstaat sowie Großunternehmen und Kartelle .5 Karl-Erich Born wie auch Hubert Kiesewetter wählen in ihren Monographien einen strukturell-chronologischen Aufbau. Kiesewetter behandelt zunächst in chronologischer Reihenfolge Konjunkturschwankungen und wirtschaftspolitische Ereignisse, gefolgt von einer systematischen Behandlung der Entwicklung einzelner Sektoren und Branchen.6 Ebenso wie bei Wehler und im Gegensatz zur vorliegenden Monographie formten also konjunkturelle Entwicklungen den für die Wirtschaftsgeschichte relevanten Basisprozess. Dieser wurde durch die technologischen, organisatorischen und ökonomischen Wandlungen einzelner Branchen und Sektoren gestützt. Bei Karl-Erich Born bewirkten schließlich Demographie und Technologie den Basisprozess wirtschaftlicher Entwicklung, der sich auf die Evolution einzelner Sektoren auswirkt.7 Parallel dazu liefen wirtschaftspolitische Prozesse ab, deren zentrale |14◄ ►15| Politikfelder – die Zoll- und die Sozialpolitik – von realwirtschaftlichen Prozessen beeinflusst wurden.8

Weitestgehend besteht somit Einigkeit darüber, dass gesamtwirtschaftliche und wirtschaftspolitische Fragen in einer Monographie zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs behandelt werden müssen. Im Detail ergeben sich jedoch Unterschiede: Dominierte der langfristige Wachstumstrend oder dominieren die kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen? Ich stelle das langfristige Wachstum in den Vordergrund und behandle den Konjunkturverlauf als nachrangiges Phänomen. Auch hinsichtlich der relevanten Felder der Wirtschaftspolitik bestehen divergierende Ansichten. Alle Autoren behandeln die Außenwirtschaftspolitik. Darüber hinaus bilden Fiskalpolitik, Sozialpolitik, Geldpolitik und Bildungspolitik Interessenfelder einzelner Autoren. Auch ich habe hier eine Auswahl getroffen. Für viele Autoren sind Strukturwandel und sektorale Wirtschaftsentwicklung wichtige Teilaspekte. Diese werden bei mir nachrangig behandelt. Dafür stelle ich unternehmenshistorische Aspekte stärker in den Vordergrund, da Produktion meistens in Unternehmen stattfindet und die Faktoreinkommen zu großen Teilen in Unternehmen erzielt und verteilt werden.

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II. Politik, Gesellschaft und Verfassung

Wirtschaftliche Handlungen werden in einem durch gesellschaftliche und politische Strukturen, Verfassungen und außerökonomische Ereignisse begrenzten Rahmen vollzogen. Entsprechend setzt die Beschreibung und Analyse ökonomischer Gegebenheiten und Entwicklungen Grundkenntnisse der zentralen gesellschaftlichen Strukturen, verfassungsrechtlicher Normen und politischer Ereignisse voraus.

Die gesellschaftliche Struktur lässt sich anhand des Bevölkerungsaufbaus beschreiben, wobei im Deutschen Kaiserreich zwei Entwicklungen herausstechen: Bevölkerungswachstum und Urbanisierung. Zwischen 1871 und 1913 wuchs die Reichsbevölkerung von rund 40 auf circa 67 Millionen Menschen, also um rund 1,2 Prozent jährlich. Auch die Lebenserwartung stieg deutlich an. Im ersten Jahrzehnt des Kaiserreichs hatte ein männlicher Neugeborener eine Lebenserwartung von 35 Jahren, kurz vor Kriegsausbruch hingegen bereits von mehr als 47 Jahren. Für diese deutliche Veränderung kann man vor allem den signifikanten Rückgang der Säuglings- und Kleinkindsterblichkeit verantwortlich machen. Die deutsche Bevölkerung wurde zwischen 1871 und 1913 somit größer und älter. Das natürliche Bevölkerungswachstum aufgrund der Differenz zwischen Geburten- und Sterbeziffern wurde aber durch Migration insgesamt gebremst. Einerseits wanderten zwar 1,1 Millionen Ausländer, vor allem aus Osteuropa, in das Reich ein, andererseits aber verließen drei Millionen Deutsche ihre Heimat dauerhaft, vornehmlich Richtung Nordamerika.9 Von größerer Bedeutung als die internationale Wanderung war jedoch die Binnenmigration, insbesondere von den ostelbischen Agrargebieten ins Rheinland, nach Westfalen und in den Großraum Berlin. Zudem konzentrierte sich die Bevölkerung zunehmend in größeren Städten. Der Anteil der Menschen, die in Gemeinden mit weniger als 2.000 Einwohnern lebten, ging zwischen 1871 und 1910 von 64 auf 40 Prozent zurück. Gleichzeitig erhöhte sich der Bevölkerungsanteil, der in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern zu Hause war von 4,8 Prozent auf 21,3 Prozent. Die einzige Millionenstadt blieb jedoch Berlin, deren Einwohnerzahl zwischen 1880 und 1910 von 1,1 auf 3,7 Millionen Menschen anstieg. Kurz vor Kriegsausbruch näherte sich auch Hamburg der Millionenmarke. München, Leipzig, Dresden, Köln und Breslau hatten jeweils 500.000 bis 600.000 Einwohner. 10

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Die nackten demographischen Ziffern sagen nichts über die ausgeprägte Klassenstruktur des Kaiserreichs. Zunächst einmal bestanden zur Zeit der Reichsgründung erhebliche Einkommens- und Vermögensunterschiede, die trotz des deutlichen Wachstums des Pro-Kopf-Einkommens bis 1918 nicht ausgeglichen werden konnten. Selbst 1914 mussten noch 60 bis 70 Prozent der Lohnempfänger ein Auskommen mit einem Einkommen unterhalb der Einkommensteuergrenze haben.11 Die Gesellschaft des Kaiserreichs kann anhand zahlreicher Gegensätze stratifiziert werden: Arm und Reich, Stadt- und Landbevölkerung, Evangelisch und Katholisch, abhängig Beschäftigter und Selbstständiger, Arbeiter und Angestellter, Bürgerlicher und Adliger, Akademiker und Analphabet. Sozialer Aufstieg war kaum möglich und zog sich, wenn er denn stattfand, oft über mehrere Generationen hin. Beispielsweise fanden sich an Gymnasien und Universitäten kaum Kinder aus Arbeiterhaushalten – ihr Anteil an den Universitätsabsolventen lag unter einem Prozent. Ein sozialer Aufstieg vollzog sich somit eher innerhalb einer Klasse, beispielsweise vom ungelernten Arbeiter zum Facharbeiter, vom kleinen Beamten zum Bildungsbürger.12

An der Spitze der deutschen Klassengesellschaft stand der Adel, dessen ökonomische Bedeutung zwar langsam schwand, der aber gleichwohl erhebliche politische Macht besaß und zentrale Funktionen in Militär und Verwaltung innehatte. Kurz vor Kriegsausbruch stand an der Verwaltungsspitze fast aller preußischen Provinzen und der Mehrheit der Regierungsbezirke ein Adliger, zwei Drittel der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes waren Adlige und die Hälfte der höheren Offiziere stammte ebenfalls aus dem Adel. Zudem gelang es dem Adel, Aufsteiger aus dem Bürgertum durch Nobilitierung zu integrieren.13

Das Bürgertum selbst ist eine höchst amorphe Kategorie und lässt sich am ehesten anhand von Normen, Mentalitäten und Lebensweisen charakterisieren. Grenzt man das Bürgertum anhand der von Bürgern ausgeübten Berufe ein, dann zählten Unternehmer, Rentiers, Direktoren, Ärzte, Anwälte, Professoren, Pfarrer, Richter und höhere Verwaltungsbeamte dazu. Dieses Wirtschafts- und Bildungsbürgertum umfasste vor dem Weltkrieg dreieinhalb bis vier Millionen Menschen, also rund sechs Prozent der Reichsbevölkerung. Rechnet man kleinbürgerliche Schichten und den neuen Mittelstand hinzu – also Handwerker, Händler, Gastwirte, einfache Angestellte und Beamte – dann gehörten ihm fast zehn Millionen Menschen an.14 Im Kaiserreich kam es zu einer zunehmenden Differenzierung innerhalb des Bürgertums, vor allem weil sich die Durchschnittseinkommen des Wirtschaftsbürgertums und des Bildungsbürgertums deutlich auseinanderentwickelten. Die Bildungsbürger versuchten ihren ökonomischen |18◄ ►19| Statusverlust durch gesellschaftlichen Statusgewinn auszugleichen, beispielsweise mit einer Karriere als Reserveoffizier und der damit einhergehenden Annäherung an den Adel.15

Den dritten Stand im Staate bildete die Arbeiterschaft, zu der am Anfang des 20. Jahrhunderts rund zehn Millionen Beschäftigte zu zählen sind. In sich war die Arbeiterschaft wiederum weit differenziert, etwa hinsichtlich des Alters und der Qualifikation. Der ungelernte, von Altersarmut betroffene Arbeiter im fünften Lebensjahrzehnt hatte wenig mit dem jungen Facharbeiter gemein. Zudem spielte die Religion in der Arbeiterschaft eine relativ große Rolle, bot sie doch Halt in einem Leben, das durch Binnenmigration und Abtrennung von der früheren Lebensgemeinschaft in der kleinen eigenen Welt auf dem Land gekennzeichnet war. Andererseits schweißten abhängige Lohnarbeit, lange Arbeitstage und monotone Tätigkeit die Arbeiterschaft zusammen, sodass zunehmend gemeinsame Interessen in festgefügten Organisationen vertreten und die karge Freizeit gemeinsam verlebt wurden. Gewerkschaften und Wirtshäuser blühten in den Arbeitersiedlungen auf.16

Der Stand der Bauern und Landarbeiter schrumpfte, ihre Anzahl ging absolut, vor allem aber relativ zurück. Die Bewohner der bäuerlich-ländlichen Lebenswelt unterschieden sich anhand ihres Landbesitzes: Großgrundbesitzer, Großbauern, Mittelbauern, Kleinbauern, Parzellisten und landlose Landarbeiter lebten unterschiedlich. Im Reich gab es rund neun Millionen Männer auf dem Land. Davon waren allein dreieinhalb Millionen Landarbeiter und weitere viereinhalb Millionen besaßen weniger als fünf Hektar – nicht genug, um davon zu leben. Somit gab es lediglich eine Million Bauern, die von ihrem Besitz leben konnten. Aber auch innerhalb dieser Gruppe der Besitzbauern gab es große Unterschiede zwischen den rund 20.000 Großgrundbesitzern mit mehr als 100 Hektar und den rund eine Million mittelgroßen Betrieben, die zwischen fünf und 20 Hektar bewirtschafteten. Bemerkenswert sind auch die erheblichen regionalen Unterschiede der Besitzstruktur. In Ostelbien gab es eine steile Hierarchie mit wenigen Großgrundbesitzern und vielen Landarbeitern. In Süddeutschland hingegen wurden landwirtschaftliche Betriebe im Erbfall real geteilt, d. h. auf die Erben verteilt. Dies führte dazu, dass es dort überwiegend Kleinbetriebe gab. Nordwestdeutschland rangierte dazwischen, da das dort übliche Anerbenrecht den Hof in einer Hand, in der Regel in der Hand des erstgeborenen Sohns, beließ.17

Ihre politischen Rechte übte die Bevölkerung durch Wahlen aus, dem einzigen in der Verfassung garantierten Grundrecht. Der grundsätzliche Rahmen politischer |19◄ ►20| Handlungen wurde in der Reichsverfassung vom 16. April 1871, die in wesentlichen Zügen auf die preußische Verfassung und die Verfassung des Norddeutschen Bundes zurückgeht, festgezurrt und bis zum Ende des Kaiserreichs am 9. November 1918 quasi nicht mehr verändert. Das Kaiserreich war zugleich absolutistisch und monarchisch, parlamentarisch und repräsentativ, demokratisch und plebiszitär sowie föderalistisch.18 Der deutsche Kaiser, der zugleich König von Preußen war, nahm in vielerlei Hinsicht die zentrale Rolle in der Verfassung ein:19 Er bestimmte die Außenpolitik, entschied über Krieg und Frieden, führte die Streitkräfte, ernannte und entließ den Reichskanzler, die Staatssekretäre und höheren Reichsbeamten – und er erließ Gesetze, denen jedoch sowohl der Reichstag als auch der Bundesrat zustimmen mussten. Da der Kaiser den Reichstag jederzeit mit Zustimmung des Bundesrates auflösen konnte und da er als preußischer König zugleich eine starke Position im Bundesrat besaß, verfügte er gegenüber den beiden anderen Verfassungsorganen über erhebliche Druckmittel. 20 Tatsächlich dürften die beiden wichtigen Kaiser die ihnen zugewiesene Rolle sehr unterschiedlich ausgefüllt haben. Während Wilhelm I. dem Rat seines Kanzlers Bismarck folgte, scheint Wilhelm II. eine aktivere politische Rolle gespielt zu haben.21

Für eine gestaltende Politik in denjenigen Bereichen, die durch die Verfassung dem Reich zugewiesen worden waren, war die Zustimmung von Bundesrat und Reichstag notwendig. Das Reich war unter anderem für Zoll- und Handelswesen, Münz- und Bankwesen, Patent- und Eisenbahnwesen, Post und Telegraphie zuständig. Andere wirtschaftlich wichtige Bereiche, beispielsweise die Erhebung direkter Steuern, blieben Aufgaben der Bundesstaaten.22 Der Bundesrat setzte sich aus 58 Gesandten der 25 Bundesstaaten zusammen. In diesem Gremium hatte Preußen 17 Stimmen, Bayern sechs, Sachsen und Württemberg je vier, Baden und Hessen je drei, Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig je zwei, die anderen 17 Staaten je eine Stimme.23 Da eine Verfassungsänderung im Bundesrat mit einer Sperrminorität von 14 Stimmen abgelehnt werden konnte, war eine Verfassungsreform gegen den Willen Preußens unmöglich.24 Der Bundesrat |20◄ ►21| beschloss mit einfacher Mehrheit über die dem Reichstag vorzulegenden Gesetze sowie über die Ausführungsbestimmungen zu von beiden Kammern beschlossenen Gesetzen.25 Damit nahm er eine zentrale Stellung im Gesetzgebungsprozess ein, denn der Reichskanzler legte Gesetze zunächst dem Bundesrat vor. Dort wurde ein für alle Bundesstaaten akzeptabler Gesetzesentwurf erarbeitet und erst dieser bereits von vielen Konflikten entlasteter Entwurf wurde dem Reichstag vorgelegt. Otto von Bismarck, der erste Kanzler des Deutschen Reichs, versuchte freilich die Macht der Fürstenvertreter im Bundesrat zu brechen, indem er das Reich und Preußen eng miteinander verzahnte. So wurden viele Staatssekretäre des Reiches zugleich preußische Minister im selben Geschäftsbereich. Die dem Bundesrat zugeleiteten Gesetzesvorlagen wurden somit zwar formal von den Staatssekretären des Reichs ausgearbeitet, faktisch unterstützten sie aber preußische Interessen. Diese Dominanz des preußischen Informationsmonopols führte freilich regelmäßig zu Konflikten mit den anderen Bundesstaaten.26

Da die Gesetzgebung von Bundesrat und Reichstag gemeinsam ausgeübt wurde, mussten beide Verfassungsorgane Gesetzentwürfen mehrheitlich zustimmen. 27 Im Gegensatz zum Bundesrat bestand der Reichstag nicht aus Gesandten der Bundesstaaten, sondern aus 397 in allgemeiner, direkter und geheimer Wahl bestimmten Abgeordneten. Im Abstand von drei, ab 1888 fünf Jahren, wurden alle männlichen Staatsbürger, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten, an die Urnen gerufen. Da Gesetze, insbesondere das jährlich zu verabschiedende Reichshaushaltsgesetz, nur in Kraft treten konnten, wenn der Reichstag zustimmte, die Gesetzesvorlagen aber von einer Regierung kamen, die vom Kaiser ernannt und nicht vom Reichstag gewählt wurde, musste die Regierung für jedes Gesetzesvorhaben neue Mehrheiten im Reichstag – wie auch im Bundesrat – beschaffen. Daher war es hilfreich, wenn es gelang, durch geschickte Wahlmanipulation regierungsfreundliche Mehrheiten zu beschaffen. Der Wahlkampfdemagogie war somit im Kaiserreich Tür und Tor geöffnet – insbesondere auch, da die Parteien keine Regierungsverantwortung übernahmen.28

Parteien kamen in der Reichsverfassung nicht vor. Es bestand das Prinzip der Persönlichkeitswahl und bei Parlamentsabstimmungen unterlagen die Abgeordneten einzig ihrem Gewissen und keinem Fraktions- oder Parteizwang.29 Daher waren viele Abgeordnete anfangs nur schwach in parteiähnlichen Organisationen zusammengeschlossen. Bald sahen aber liberale wie konservative Politiker, dass sowohl die Sozialdemokraten wie auch das katholische Zentrum mit ihrer |21◄ ►22| strafferen Organisation große Erfolge bei den Wahlen erzielten, woraufhin sich auch die Liberalen und die Konservativen enger zusammenschlossen.30


Abbildung A1: Anteile der Parteien / Parteigruppen an den Reichstagsmandaten, 1871–1912. Linksliberale, Nationalliberale und Liberale sind unter »Liberale« zusammengefasst. Freikonservative und Deutsch-Konservative sind unter »Konservative« zusammengefasst. Splittergruppen und Minderheiten sind in der Abbildung nicht berücksichtigt. Eigene Berechnungen nach Berghahn, Kaiserreich, S. 312– 313.

Die großen Tendenzen der Reichstagsmehrheiten illustriert Abbildung A1, die die Anteile der politischen Gruppierungen an den Parlamentssitzen zeigt. Drei große Entwicklungen werden sichtbar: Erstens gab es seit der Reichsgründung einen Niedergang der Liberalen, die wiederum in mehrere, in sich instabile Gruppierungen zerfielen, zweitens setzte seit den späten 1880er Jahren ein signifikanter Aufstieg der Sozialdemokraten ein, drittens stellten Zentrum und Konservative während der gesamten Existenz des Kaiserreichs jeweils ein Fünftel bis ein Viertel der Abgeordneten.

Anzumerken ist, dass die Verteilung der Reichstagsmandate nicht der Verteilung der Wählerstimmen entsprach, da die Wahlkreiszuschnitte während des Kaiserreichs nicht verändert wurden, aber immer mehr Wahlberechtigte in die wachsenden industriellen Ballungszentren migrierten. Diese demographische Entwicklung beeinträchtigte vor allem die SPD, deren Wähler hauptsächlich aus |22◄ ►23| der Industriearbeiterschaft stammten. Demgegenüber profitierten davon konservative Kandidaten, die mit relativ wenigen Stimmen Mandate in den zunehmend dünnbesiedelten Wahlkreisen Ostelbiens erlangen konnten. Bei den Reichstagswahlen im Jahre 1912 beispielsweise benötigte die SPD durchschnittlich fast 39.000 Wählerstimmen, um ein Mandat zu erlangen, während die konservativen Abgeordneten im Durchschnitt nur 26.000 Stimmen benötigten. Selbst bei den Reichstagswahlen, bei denen jeder Wähler das gleiche Stimmengewicht hatte, bildete die Mandatsverteilung die Stimmenverteilung zunehmend schlechter ab.

Verstärkt wurde die Entfremdung von Volkswillen und Parlament durch die Struktur des Bundesrates. Dort saßen Vertreter der jeweiligen Landesregierungen, die ihrerseits oftmals nach einem ungleichen Wahlrecht gewählt worden waren. Am bekanntesten ist in dieser Hinsicht das preußische Dreiklassenwahlrecht, das die Wähler nach ihrem Einkommensteueraufkommen in drei Klassen gruppierte. Die Bürger mit den höchsten Steuerzahlungen wurden so lange einer Klasse zugewiesen, bis die Klassenmitglieder ein Drittel der Steuererträge des Urwahlbezirks repräsentierten. Die dann folgenden Bürger wurden der zweiten Klasse zugewiesen, bis auch in dieser ein Drittel der Steuersumme vereinigt war. Die restlichen Steuer zahlenden Bürger bildeten die dritte Klasse. Dabei blieb ein Zehntel der eigentlich qualifizierten Personen – Männer, die das 24. Lebensjahr vollendet hatten – von der Wahl ausgeschlossen, da sie die Steuerqualifikation nicht erfüllten. Jede Klasse wählte nun ein Drittel der Wahlmänner und die Wahlmänner wiederum kürten den Abgeordneten. Faktisch bedeutete dies, dass die Wahlmänner der beiden oberen Klassen, die rund 15 Prozent der Wähler repräsentierten, den Abgeordneten bestimmten. Der preußische Landtag war daher ein Hort konservativer Politiker. Bei den Landtagswahlen von 1908 beispielsweise entfielen 48 Prozent der Sitze, aber nur 17 Prozent der Stimmen auf konservative Abgeordnete.31 Über den Bundesrat und die preußische Regierung gewannen die konservativen Kräfte erheblichen Einfluss auf die Reichspolitik. Volksvertretung und Volkswille entkoppelten sich zusehends.

Die wichtigen politischen Ziele, die in diesem Rahmen erreicht werden mussten, betrafen die sogenannte erste und zweite innere Reichsgründung. Bismarck musste eine kleindeutsche politische Mehrheit hinter dem neuen Reich versammeln. Die neue Mehrheit bestand für den Kanzler zunächst aus den national-liberalen Kräften der süddeutschen Bundesstaaten wie auch Preußens. Seit der gescheiterten Revolution von 1848 forderten die nationalliberalen Kräfte ein geeintes Deutschland, sodass diese Parteien – und nicht die den Partikularismus verteidigenden Konservativen, – das junge Reich enthusiastisch unterstützten. Bei den ersten Reichstagswahlen im März 1871 erreichten die Nationalliberalen |23◄ ►24| zwei Fünftel der Sitze und waren damit die mit Abstand stärkste Partei. In einigen Bundesstaaten, beispielsweise in Bayern, Württemberg und Baden, entfielen auf die liberalen Parteien mehr als die Hälfte der Stimmen. Das Deutsche Reich stützte sich also zunächst auf süddeutsche Mehrheiten, während in Preußen der einzelstaatliche Patriotismus eine starke Kraft blieb.32

Bismarck musste das junge Reich nicht nur von den Einzelstaaten, sondern auch von Österreich abgrenzen. Der beschrittene Weg war durch die Religion bestimmt. Im Gegensatz zum von den katholischen Habsburgern dominierten, bis 1804 bestehenden, alten Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen wurde nun das »Heilige evangelische Reich deutscher Nationen« unter Führung der Hohenzollern proklamiert.33 Diese protestantische Herausforderung war ein Grund dafür, dass katholische Wähler nur bei der ersten Reichstagswahl hinter den liberalen Parteien standen und sich danach der katholischen Zentrumspartei zuwandten.34 Der Kulturkampf war ein anderer Grund für diese Bewegung. Bei diesem Kampf ging es einerseits um die Rolle von Staat und Kirche im neuen Reich sowie andererseits um den Widerspruch zwischen päpstlicher Unfehlbarkeit und bürgerlich-liberaler Rationalität. Ein weiterer Faktor dürfte der Verlust staatlicher Souveränität des Vatikans gewesen sein, denn erst nachdem Napoleon III., Schutzpatron des Heiligen Stuhls, von Deutschland besiegt worden war, marschierten italienische Truppen in den Vatikan ein. Bismarck hatte Italien dafür zuvor freie Hand gegeben. Innerhalb Deutschlands drängten das Reich und einige Bundesstaaten mit einer Reihe von Gesetzen den kirchlichen Einfluss zurück. Beispielsweise wurde es Pfarrern ab Ende 1871 strafrechtlich untersagt, staatliche Angelegenheiten auf den Kanzeln in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zu behandeln. 1872 und 1873 folgten preußische Gesetze, die die geistlichen Schulinspektoren durch staatliche ersetzten und den Zugang zum Priesteramt vom Abitur abhängig machten. 1875 eskalierte der Konflikt weiter, denn in diesem Jahr wurde die – bis heute notwendige – obligatorische Zivilehe eingeführt und es wurden alle staatlichen Geldzuweisungen an die katholische Kirche untersagt.35 Erst nachdem das Reich sich gefestigt hatte und im Vatikan ein neuer Papst gewählt worden war, wurden zwischen 1880 und 1887 die meisten Repressionsgesetze nach und nach wieder abgeschafft und damit der Zentrumspartei die Stützung der Regierung erleichtert.36

Auf die nationalliberale erste Reichsgründung folgte 1878 die konservative zweite Reichsgründung. Die Banken-, Börsen- und Wirtschaftskrise von 1873 sowie der weltweite Verfall der Agrarpreise ab Mitte der 1870er Jahre diskreditierte |24◄ ►25| die einen wirtschaftlichen Liberalismus unterstützenden Parteien und stärkte den Wunsch krisengeschüttelter Branchen nach Zollprotektion. Die Allianz von Eisen und Roggen entstand in diesen Jahren. Vorboten des bevorstehenden Politikwechsels waren 1876 der Rücktritt des wirtschaftsliberalen Chefs des Reichskanzleramtes, Rudolf von Delbrück, und die straffere Organisation der konservativen politischen Kräfte in der Deutschkonservativen Partei im selben Jahr. Obwohl die Reichstagswahl von 1877 den Nationalliberalen leichte Verluste brachte, bot Bismarck ihrem Parteiführer, Rudolf von Bennigsen, den Eintritt in die Regierung an. Dieser forderte jedoch, dass zwei links stehende Liberale ebenfalls in die Regierung aufgenommen werden müssten. Dies war für Bismarck nicht akzeptabel und bot ihm einen Grund, das Bündnis mit den Nationalliberalen aufzukündigen. Die Scheidungsrede hielt Bismarck am 22. Februar 1878, als er im Reichstag ein staatliches Tabakmonopol und Schutzzölle forderte, zwei für die Nationalliberalen unannehmbare Forderungen. Andererseits unterstützten Konservative und Zentrum Bismarcks auch fiskalpolitisch motivierte Schutzzollpolitik. Ein Attentat auf Kaiser Wilhelm I. im Mai 1878 verschaffte Bismarck die Möglichkeit, mit Liberalismus und Sozialismus abzurechnen, denn der Attentäter wurde sozialdemokratischen Kreisen zugerechnet. Der Aktionsradius dieser Partei sollte durch das sogenannte Sozialistengesetz eingeschränkt werden. Die liberalen Parteien lehnten dieses Vorgehen ab, doch ein zweites Attentat auf den Kaiser verschaffte Bismarck einen Anlass zur Auflösung des Reichstags im Juni 1878. Aus den folgenden Reichstagswahlen gingen Konservative und Freikonservative als Gewinner, Nationalliberale, Fortschrittspartei und Sozialdemokraten als Verlierer hervor. Nun schwenkten die Nationalliberalen auf die Regierungslinie ein und der neue Reichstag verabschiedete das Soziallistengesetz, das bis 1890 in Kraft bleiben sollte.37 Die neue Mehrheit hinter Bismarck verabschiedete darüber hinaus im Juli 1879 mit den Stimmen von Frei- und Deutschkonservativen sowie Zentrum und Nationalliberalen die Schutzzollgesetze, die die Abkehr Deutschlands vom Wirtschaftsliberalismus markierten.38 Diese Kehrtwende der Nationalliberalen führte zur Spaltung der Partei und zum Übertritt zahlreicher Abgeordneter zu linksliberalen Gruppierungen. 39 Die Nationalliberalen, die nach den Reichstagswahlen von 1871, 1874, 1877 und 1878 jeweils die stärkste Fraktion stellten, verloren diese Position bei den Wahlen von 1881: Ihre Mandatszahl brach von 109 auf 47 ein. Gleichzeitig erhöhten die Linksliberalen ihre Mandatszahl von 29 auf 115. Eine stabile parlamentarische Mehrheit hatte Bismarck nun nicht mehr, denn die beiden konservativen Parteien stellten gemeinsam nur ein Drittel der Abgeordneten, und |25◄ ►26| der Reichskanzler benötige dementsprechend für jede Abstimmung die Unterstützung anderer Parteien.40

Gleichwohl konnten zwei wegweisende politische Entscheidungen Mitte der 1880er Jahre gefällt werden: Der Beginn der deutschen Kolonialpolitik und der Aufbau eines Sozialversicherungssystems.41 Erst die vorgezogenen Reichstagswahlen von 1887 verschafften Bismarck wieder eine stabile Parlamentsmehrheit. Grund für die vorzeitige Auflösung des Reichstags war der Militäretat, der erneut für sieben Jahre bewilligt werden sollte. Da die Militärausgaben den Löwenanteil der Reichsausgaben umfassten, bedeutete die Verabschiedung eines mehrjährigen Militäretats faktisch die Aushebelung des Budgetrechts des Reichstags. Nachdem der Militäretat abgelehnt worden war, löste Bismarck den Reichstag auf und führte gemeinsam mit den rechten Parteien mit Hinweis auf die Revanchegelüste Frankreichs einen Militärwahlkampf. Tatsächlich ergaben die Reichstagswahlen von 1887 eine regierungsfreundliche Mehrheit aus Nationalliberalen, Deutschkonservativen und Freikonservativen.42

Bevor auch dieser Reichstag 1890 vorzeitig aufgelöst wurde, weil die Nationalliberalen der von Bismarck geforderten Verlängerung des Sozialistengesetzes nicht zustimmen wollten, kam es 1888 zum Dreikaiserjahr. Am 9. März 1888 starb der 91-jährige Kaiser Wilhelm I. Sein Nachfolger, der liberale Kaiser Friedrich III., saß nur 99 Tage auf dem Thron und verstarb am 15. Juni 1888 an Kehlkopfkrebs. Auf ihn folgte der dritte und letzte deutsche Kaiser, der erst 29-jährige Wilhelm II.43 Schnell ergaben sich Konflikte zwischen dem jungen Kaiser, der aktiv in die Politik eingreifen wollte, und dem alten Kanzler, der sich an die zurückhaltende Politik von Wilhelm I. gewöhnt hatte. Auf dem Höhepunkt des Konflikts zwischen Kanzler und Kaiser untersagte der Kanzler sogar den preußischen Ministern ohne seine Einwilligung beim Monarchen Immediatvorträge zu halten. Auf der inhaltlichen Ebene vertraten Monarch und Regierungschef vor allem im Bereich der Sozialpolitik unterschiedliche Ziele. Der Kaiser wünschte den Ausbau der Arbeitsschutzgesetzgebung, der Kanzler jedoch die unbefristete Verlängerung des Sozialistengesetzes. Zu bedenken ist dabei, dass der Kanzler keine parlamentarische Mehrheit für seinen Gesetzesentwurf hatte, denn die Nationalliberalen lehnten ihn ab. Der Kaiser seinerseits trug dem Kanzler seine Vorstellungen für die neue Arbeitsschutzgesetzgebung vor und bat um ein milderes Sozialistengesetz. Bismarck lehnte Letzteres ab, bot seinen Rücktritt an und arbeitete Erlasse zur Arbeiterschutzfrage aus. Der Graben zwischen Bismarck und Kaiser Wilhelm II. war jedoch zu tief, um überwunden zu werden. |26◄ ►27| Bismarck reichte sein Rücktrittsgesuch ein und wurde am 20. März 1890 entlassen. 44

Das persönliche Regiment des jungen Kaisers begann nach der Entlassung Bismarcks. Sein erster Pfeiler wurde das militärisch geprägte engere Umfeld des Kaisers am Hof, d. h. seine Flügeladjutanten und Ordonanzen. Hier konnte die Armee direkt Einfluss auf den höchsten Mann im Staate nehmen. Den zweiten Pfeiler bildeten die Chefs der drei Geheimen Kabinette, die für Militär-, Marine-und Zivilangelegenheiten zuständig waren und das Bindeglied zwischen Hof und Staat bildeten. Insbesondere berieten sie Wilhelm II. bei der Auswahl von Ministern, Staatssekretären und Botschaftern. Diese wählte Wilhelm II., anders als sein Großvater, persönlich aus. Das Armee- und Marinekabinett war zudem für alle Beförderungen und Versetzungen im preußischen Heer und in der Reichsmarine zuständig. Den dritten Pfeiler bildeten schließlich die persönlichen Freunde des Kaisers, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf seine politischen Entscheidungen nahmen.45 Die auf Bismarck folgenden Reichskanzler sahen sich somit einem neuen Machtzirkel rund um den Kaiser gegenüber. Ihr politischer Handlungsspielraum war deutlich geringer als derjenige des Eisernen Kanzlers.

Zwischen März 1890 und Oktober 1894 war der ehemalige General Graf Leo von Caprivi Reichskanzler und läutete einen neuen Kurs in der Wirtschafts- und Sozialpolitik ein. Anders als Bismarck wollte er dabei mit allen im Reichstag vertretenen Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten zusammenarbeiten. Zu Beginn seiner Kanzlerschaft leitete Caprivi das vorläufige Ende der Schutzzollpolitik ein, indem 1891 Handelsverträge mit Österreich-Ungarn, Italien, Belgien und Schweiz geschlossen wurden. 1893/94 folgten weitere Verträge mit Spanien, Serbien, Rumänien und Russland. All diese Verträge folgten einem einfachen Prinzip: Deutschland baute Zollbarrieren für Agrarprodukte ab und erhielt dafür leichteren Zugang für seine Industrieprodukte auf den Auslandsmärkten. Freilich ließ die Unterstützung des Kanzlers durch die konservativen Parteien nach, denn diese befürworteten Schutzzölle für die Landwirtschaft und fürchteten den Import billigen Getreides aus Rumänien und Russland. Sozialpolitische Zugeständnisse sollten die Arbeiterschaft stärker an den Staat binden. Daher beinhaltete der neue Kurs das Verbot von Sonntags- und Kinderarbeit, die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit für Frauen und Jugendliche, die Einrichtung von Gewerbegerichten unter Beteiligung der Arbeitnehmer sowie die Reform der preußischen Einkommensteuer. Caprivi führte somit eine Reihe sozialpolitischer Reformen durch und hoffte dadurch die Unterstützung der Arbeiterschaft zu gewinnen.

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Zu einer Regierungskrise kam es jedoch nicht auf dem Feld der Wirtschafts-und Sozialpolitik, sondern auf dem der Schulpolitik. Caprivi, der zunächst auch preußischer Ministerpräsident war, legte gegen den Widerstand der Freisinnigen ein kirchenfreundliches Schulgesetz vor, zog dieses dann gegen den Widerstand des Zentrums zurück und trat nach dieser Niederlage im März 1892 als preußischer Ministerpräsident zurück. Die Verärgerung der beiden Parteien führte dazu, dass sie im Mai 1893 der Caprivi’schen Heeresvorlage nicht geschlossen zustimmten, sodass diese scheiterte. Anschließend löste der Kanzler den Reichstag auf. Bei den Reichstagswahlen gewannen die Nationalliberalen und die Freikonservativen, während Zentrum und Linksliberale Sitze verloren. Das Wahlvolk unterstützte tendenziell den Reichskanzler, dessen Heeresvorlage vom neuen Reichstag auch angenommen wurde. Allerdings wanderten trotz der neuen Sozialpolitik immer mehr Wähler zur Sozialdemokratie, sodass sich Wilhelm II. und seine Berater von weiteren Sozialreformen abwandten. Die Kanzlerschaft Caprivis endete schließlich im Kampf gegen die Sozialdemokratie: Der preußische Ministerpräsident Graf Botho zu Eulenburg forderte 1894 ein neues Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokraten, der Kanzler lehnte dies ab. Wilhelm II. beendete den Konflikt, indem er beide Kontrahenten entließ.46

Zum neuen Reichskanzler wurde der frühere bayerische Ministerpräsident und Statthalter von Elsass-Lothringen, Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst ernannt, der sechs Jahre in diesem Amt bleiben sollte. Er hatte sich nicht nach dem Amt gedrängt und sogar Gründe gegen seine Ernennung vorgebracht. Unter seiner Ägide wurde vor allem der Kampf gegen die Sozialdemokratie fortgesetzt. Dieser Kampf basierte allerdings nicht auf Repressionsgesetzen, sondern auf einer Sammlung aller Kräfte, die die bestehende Gesellschaftsordnung befürworteten. Dafür war Hohenlohe gegenüber vielen politischen Gruppierungen zu Konzessionen bereit. Beispielsweise sollten Handwerk, Industrie und Landwirtschaft durch eine neue Gewerbe- und Zollpolitik hinter der Regierung versammelt werden. Dies gelang jedoch nur eingeschränkt, sodass die Flottenpolitik als neues Sammlungsinstrument erfolgreich genutzt wurde. Gegner der Flottenrüstung waren die konservativen Parteien, denn ihnen galt die Schlachtflotte als Konkurrenz zum preußischen Heer. Der ersten Flottenvorlage stimmten sie 1898 zwar noch zu – sie wollten nicht gemeinsam mit den Sozialdemokraten gegen die Flotte stimmen –, aber die zweite Flottenvorlage von 1900 unterstützten sie erst, nachdem ihnen der Kanzler ein neues Zolltarifgesetz in Aussicht gestellt hatte.47

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Dieses neue Zolltarifgesetz wurde im Dezember 1902 von Hohenlohes Nachfolger, Fürst Bernhard von Bülow, einem Karrierediplomaten, der zwischen Oktober 1900 und Juli 1909 Reichskanzler war, im Reichstag durchgesetzt.48 Dabei konnte er sich, wie schon sein Vorgänger Hohenlohe, bis 1906 auf die Unterstützung des Zentrums verlassen. Das Zentrum trug einerseits die Weltpolitik von Kaiser und Kanzler mit und handelte dafür andererseits Wohltaten für katholische Arbeiter und Kleinbürger aus. Der Ausbau der Unfall- und Krankenversicherung, das Verbot von Kinderarbeit in der Heimindustrie und die Förderung des Arbeiterwohnungsbaus fallen in diese Periode.49 Des Weiteren unterstützten nach wie vor die Deutschkonservativen, die Freikonservativen und die Nationalliberalen den Kanzler. Der Lohn der beiden konservativen Parteien bestand sowohl in den 1902 eingeführten höheren Agrarzöllen als auch im Baustopp des Mittellandkanals im Jahre 1905. Das Teilstück des Kanals zwischen Elbe und Hannover wurde nicht gebaut, sodass die Transportkosten für überseeisches Getreide in den Raum östlich von Hannover hoch blieben, wodurch die ostelbischen Großagrarier geschützt wurden.

Die große Koalition der staatstragenden Kräfte zerbrach, als kolonialpolitische Konflikte überhandnahmen. Das Zentrum konnte und wollte 1906 die brutale Militärintervention in Südwestafrika nicht unterstützen. Bei den nun folgenden sogenannten Hottentottenwahlen konnte das Zentrum zwar an Sitzen zulegen, eine kolonialfreundliche neue Mehrheit aber nicht verhindern. Bülow regierte fortan mit Unterstützung von konservativen Parteien, Nationalliberalen und Linksliberalen.50 Gescheitert ist Bülow schließlich sowohl an einem außenpolitischen Thema, der Daily Telegraph-Affäre, als auch an einem innenpolitischen Thema, der Reichsfinanzreform von 1909. Kernstück dieser Reform war ein Reichserbschaftsteuergesetz, das der Deutschkonservativen Partei zu eigentums-, der Zentrumspartei zu familienfeindlich war. Dieser Kernbestandteil der Reichsfinanzreform scheiterte. Bülow wurde daraufhin im Juli 1909 aus seinem Amt entlassen.51

Der letzte Friedens- und erste Kriegskanzler des Deutschen Reichs war der Verwaltungsbeamte Theobald von Bethmann-Hollweg, der bis Juli 1917 im Amt bleiben sollte. Unter seiner Kanzlerschaft spitze sich die innen- wie außenpolitische Lage des Reichs zu. Außerdem sah er sich ab 1912 einem Reichstag gegenüber, der jedes Regieren praktisch unmöglich machte, denn mit den Wahlen im Januar 1912 waren die Sozialdemokraten zur stärksten Reichstagsfraktion geworden. Rechnerisch war eine staatstragende Mehrheit nur noch möglich, wenn |29◄ ►30| Freikonservative, Deutschkonservative, Nationalliberale sowie Linksliberale und Zentrum einer Regierungsvorlage zustimmten.52 Dies war praktisch unmöglich, sodass nur noch eine große innenpolitische Entscheidung vor dem Krieg fiel: Im April 1913 stimmte der Reichstag einer Heeresvorlage zu, in deren Folge stufenweise die Friedenspräsenzstärke des Heeres vermehrt werden konnte. Indirekt unterstützten sogar die Sozialdemokraten diese Politik. Sie lehnten zwar die Heeresvorlage ab, hatten aber zuvor die zur Finanzierung notwendigen Steuergesetze angenommen.53

Während des Krieges galt in Deutschland der so bezeichnete Burgfriede –d. h., alle im Reichstag vertretenen Parteien, die Gewerkschaften und die Unternehmerverbände sollten ihre politischen Divergenzen während des Krieges aussetzen. Bereits am 2. August 1914 verzichteten die Gewerkschaften auf Streiks während des Krieges und stellten alle schwebenden Lohnkämpfe ein. Einen Tag später beschloss die Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten mit überwältigender Mehrheit, den beantragten Kriegskrediten zuzustimmen, und nahm dabei die Spaltung der Partei in Kauf. Dafür erwarteten die (Mehrheits-)Sozialdemokraten und Gewerkschaften für die Zeit nach dem Krieg die Anerkennung als staatstragende Partei. Diese Rolle wollte ihnen die herrschende Elite nicht zugestehen. Die Entscheidung wurde freilich auf die Zeit nach Kriegsende vertagt. Bis zu seinem Sturz im Juli 1917 konnte Bethmann-Hollweg den innenpolitischen Stillstand mehr oder weniger aufrechterhalten. Erst die vom Reichstag verabschiedete Friedensresolution führte zu einem entscheidenden Konflikt zwischen Reichstag, Reichskanzler und Oberster Heeresleitung. Diese drängte auf die Entlassung Bethmann-Hollwegs und ersetzte ihn durch eine Reihe von blassen Kanzlern: Georg Michaelis (Juli bis November 1917), Graf Georg von Hertling (November 1917 bis September 1918) und schließlich Prinz Max von Baden (Oktober und November 1918). Die tatsächliche Regierungsgewalt verlagerte sich zunehmend zur Obersten Heeresleitung, insbesondere nachdem im August 1916 Paul von Hindenburg an ihre Spitze rückte.54 Das Kaiserreich war von einer konstitutionellen Monarchie zu einer Militärmonarchie geworden.

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III. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft aus nationaler Perspektive

Zum 25-jährigen Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II. widmete eine Reihe prominenter Autoren dem Staatsoberhaupt eine Festschrift, in der auf die Errungenschaften während der bisherigen Regentschaft des Monarchen zurückgeblickt wird. Der von Karl Helfferich verfasste Abschnitt über Deutschlands Volkswohlstand 1888–1913 erschien bald darauf auch als gesonderte Monografie, welche bis 1917 sieben Auflagen erreichte.55 Helfferichs Werk markiert damit den prominenten Höhepunkt einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen, die seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts versuchten, das deutsche Volkseinkommen zu beziffern: Bereits 1846 veröffentlichte der Leiter des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus, Carl Friedrich Wilhelm Dieterici, eine Abhandlung über die Höhe des preußischen Volkseinkommens .56 Ihm folgten – um nur die wichtigsten zu nennen – 1875 Ernst Engel,57 1878 Adolf Soetbeer58 und 1887 Hermann Losch.59 Diese Arbeiten belegen ein reges Interesse an der quantitativen Darstellung der Entwicklung der deutschen Wirtschaft in der damaligen Zeit. Im modernen Sinne blieben sie jedoch Stückwerk, da das heute verwendete Konzept zur Messung von Produktion und Einkommen, das Bruttonationaleinkommen, damals noch nicht bekannt war. Die Autoren des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts stützten sich bei ihren Schätzungen vornehmlich auf die Einkommensteuerstatistik. Die moderne volkswirtschaftliche Gesamtrechnung nimmt dagegen im Bereich der Gütererzeugung ihren Ausgang. Die Steuerstatistik blieb jedoch lange Zeit die dominierende Quelle für Volkseinkommensberechnungen, auch wenn die Schätzungen aufgrund von Steuerrechtsänderungen, Steuerfreibeträgen und Steuerhinterziehung Niveau und Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Leistung nur unvollständig abbilden. Gleichwohl griff auch die erste amtliche Schätzung des Deutschen Volkseinkommens vor und nach dem Kriege, vom Statistischen Reichsamt im Jahre 1932 vorgelegt, auf diese Quelle zurück.60 Wenige Jahre später nahm indes das Reichsamt für wehrwirtschaftliche Planung erstmals einen im Produktionsbereich der deutschen Volkswirtschaft verankerten Industriezensus vor,61 der auch für die |31◄ ►32| spätere wirtschafthistorische Forschung und die amtliche Statistik von zentraler Bedeutung war, da der nächste Zensus erst Mitte der 1950er Jahre durchgeführt wurde.

Im Gegensatz zur älteren amtlichen Statistik, die ein Volkseinkommen ermittelte, verwendet die moderne amtliche Statistik das Bruttosozialprodukt (BSP) –in der Sprache der amtlichen Statistik als Bruttonationaleinkommen bezeichnet – oder das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maß für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes. Das BSP basiert auf dem Inländerprinzip, d.h. es berücksichtigt die wirtschaftliche Leistung aller im Inland ansässigen Wirtschaftssubjekte, wohingegen das BIP auf dem Inlandskonzept beruht. Das BIP berücksichtigt alle im Inland erbrachten Leistungen. Zieht man daher vom BIP die an Ausländer gezahlten Einkommen ab und addiert die aus dem Ausland empfangenen Einkommen, so erhält man das BSP. Der Wert der in einem Jahr erbrachten wirtschaftlichen Leistung eines Landes kann von der Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsseite berechnet werden. Alle drei Rechenwege sollten dabei zu einem identischen Ergebnis führen. Die Entstehungsrechnung ermittelt das BIP, indem vom Wert der gesamtwirtschaftlichen Produktion der Wert aller während der Produktion verbrauchten Vorleistungsgüter abgezogen wird. Die Verwendungsrechnung ermittelt das BIP, indem die Ausgaben für privaten und staatlichen Konsum, Nettoinvestitionen, Abschreibungen und Exporte addiert und anschließend die Importe subtrahiert werden. Die Verteilungsrechnung schließlich bildet zunächst die Summe von Arbeitsentgelten, Unternehmens- und Vermögenseinkommen, um zum Volkseinkommen (Nettosozialprodukt zu Faktorpreisen)62 zu gelangen. Zu diesem werden die indirekten Steuern und Importabgaben addiert sowie die Subventionen subtrahiert, womit das Nettosozialprodukt (NSP) zu Marktpreisen vorliegt. Zu diesem müssen schließlich noch die Abschreibungen auf den volkswirtschaftlichen Kapitalstock addiert werden, um das BSP zu erhalten. Die folgende Abbildung A2 verdeutlicht die Zusammenhänge.

Ein Blick in die historische Statistik offenbart, dass die zur Berechnung von BSP und BIP notwendigen Daten nur teilweise verfügbar sind, weshalb weit reichende Annahmen getroffen werden müssen, um aus dem vorhandenen Datenmaterial eine Schätzung des Sozialprodukts zu erhalten. In Abbildung A2 sind diejenigen Größen, die von der damaligen amtlichen Statistik erhoben wurden, grau unterlegt. Bereits die empirischen Wirtschaftsforscher des 19. Jahrhunderts stellten fest, dass vor allem Angaben aus der Steuerstatistik genutzt werden können, um das Volkseinkommen zu berechnen. Dementsprechend nutzte auch die |32◄ ►33| erste wirtschaftshistorische Arbeit diese Quelle, um das Volkseinkommen zu ermitteln. 63 Dieses Vorgehen hat jedoch einen entscheidenden methodischen Nachteil: Die ermittelte Zeitreihe des Volkseinkommens kann mit Hilfe der Steuerstatistik nur in laufenden Preisen ermittelt werden, da zur Berechnung eines Sozialproduktdeflators die Verwendungsstruktur des Sozialprodukts bekannt sein muss, weil diese als Wägungsschema für den Preisindex verwendet wird. Der Sozialproduktdeflator wird berechnet, indem für ein bestimmtes Jahr Preise und Mengen aller im Sozialprodukt enthaltener Güter ermittelt werden. In den Folgejahren wird das Güterschema konstant gehalten, aber mit den jeweils geltenden Preisen multipliziert. Daher muss für die Berechnung des Sozialproduktdeflators die Verwendungsstruktur des Sozialprodukts für mindestens ein Jahr bekannt sein. Erst Walther G. Hoffmanns Epoche machendes Werk über Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beinhaltet, neben einer Berechnung des nominalen Sozialprodukts von der Verteilungsseiteund einer Berechnung des realen Sozialprodukts von der Entstehungsseite, auch Berechnungen des realen und nominalen Sozialprodukts von der Verwendungsseite. Der Quotient der beiden letztgenannten Datenreihen ergibt den Sozialproduktdeflator, der zur Umrechnung aller nominalen Sozialproduktreihen in reale Größen verwendet werden kann. Veränderungen des Preisniveaus werden dabei ausgeblendet.


Abbildung A2: Systematik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung

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Damit liegen in der wirtschaftshistorischen Forschung vier Zeitreihen des realen Sozialprodukts für die Jahre 1851 bis 1913 vor: zwei Verteilungsrechnungen, eine Entstehungsrechnung und eine Verwendungsrechnung. Einschränkend muss sogleich festgehalten werden, dass alle vorliegenden Rechnungen Nettosozial- bzw. Nettoinlandsprodukte und nicht die eigentlich gesuchten Bruttosozial- bzw. Bruttoinlandsprodukte ergeben, da nahezu keine Informationen über die Höhe des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks und der Abschreibungen auf diesen vorhanden sind.64 Die vorliegenden Nettoreihen sollten zudem geringfügig voneinander abweichen, da sich aus der Verwendungsrechnung das Nettosozialprodukt zu Marktpreisen, aus der steuerstatistischen Verteilungsrechnung das Nettosozialprodukt zu Faktorkosten sowie aus der lohn- und gewinnstatistikbasierten Verteilungsrechnung und der Entstehungsrechnung das Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten ergibt. Postuliert man das Nettosozialprodukt zu Marktpreisen als die gesuchte Größe, dann sind für den Übergang vom Nettoinlandsprodukt zum Nettosozialprodukt Angaben über das Nettoeinkommen aus dem Ausland und für den Übergang vom Nettosozialprodukt zu Faktorkosten zum Nettosozialprodukt zu Marktpreisen Daten über indirekte Steuern notwendig. 65 Der Übergang vom Inlands- zum Sozialprodukt gestaltet sich hingegen etwas schwieriger, da Angaben über aus dem Ausland erhaltene bzw. an das Ausland geleistete Arbeits- und Kapitaleinkommen nicht vorliegen. Zunächst wird daher die Annahme getroffen, dass das Nettoarbeitseinkommen aus dem Ausland Null beträgt.66 Das Nettokapitaleinkommen aus dem Ausland kann mit Hilfe von verschiedenen Annahmen über die Höhe des Nettoauslandsvermögens und dessen Rentabilität ermittelt werden.67 Da die Verwendungsrechnung von |34◄ ►35| vornherein als Nettosozialprodukt zu Marktpreisen vorliegt, kann diese direkt aus dem Werk von Hoffmann übernommen werden.68 Zur Entstehungsrechnung 69 müssen die indirekten Steuern (Übergang von Faktorpreisen zu Marktpreisen) sowie das Nettoauslandseinkommen (Übergang vom Inlands- zum Sozialprodukt) addiert werden. Die auf Lohn- und Gewinndaten basierte Verteilungsrechnung 70 muss um dieselben Größen bereinigt und mit dem impliziten Sozialproduktdeflator auf das Preisniveau von 1913 basiert werden. Die auf Steuerdaten basierte Verteilungsrechnung71 muss dagegen nur um indirekte Steuern bereinigt werden, da Einkommen unabhängig vom Ort der Entstehung in der Steuerstatistik erfasst wurden. Diese Zeitreihe muss ebenfalls mit Hilfe des impliziten Sozialproduktdeflators auf das Preisniveau von 1913 umbasiert werden. Die vier Serien des realen Nettosozialprodukts zu konstanten Marktpreisen sind in Abbildung A3 dargestellt.

Offensichtlich gibt es große Unterschiede zwischen den vier Reihen, die laut Definition identisch sein sollten. Zwar weisen alle Sozialproduktreihen einen Wert von ca. 52,5 Milliarden Mark für das Jahr 1913 aus, aber für das Jahr 1871 schwanken die Schätzungen zwischen 14,7 und 18,3 Milliarden Mark. Diese unbefriedigende Situation führte zur kritischen Analyse der von Hoffmann bei der Berechnung seiner Zeitreihen gemachten Annahmen. Als Resultat wurde unter anderem eine neue Zeitreihe für die Investitionen im gewerblichen Sektor,72 das Kapitaleinkommen im gewerblichen Sektor, das Kapitaleinkommen aus dem |35◄ ►36| Ausland und die Industrieproduktion73 berechnet. Zudem wurde der Basiswert der Nettowertschöpfung in Bergbau und Industrie im Jahre 1913 berichtigt.74


Abbildung A3: Das Nettosozialprodukt zu Markpreisen in Milliarden Mark (in Preisen von 1913). Standardisierte Reihen nach Hoffmann, Wachstum sowie Hoffmann / Müller, Volkseinkommen.

Insbesondere Niveau und Wachstum der Industrieproduktion im Kaiserreich sind für das Verständnis der deutschen Industrialisierung wichtig. Basierend auf Hoffmanns Methodik und den in den vergangenen Jahren erstellten Reihen wird hier ein neuer Index der Industrieproduktion präsentiert.75 Wie Hoffmann verwende ich Indizes für die physische Produktion einer Reihe von Industrien und fasse diese in zwölf Branchen zusammen.76 Für diese zwölf Branchen werden anhand der in den Jahren 1882 und 1907 durchgeführten Gewerbezählungen Beschäftigtenzahlen ermittelt und diese mit der Nettowertschöpfung je Beschäftigtem in der jeweiligen Branche im Jahre 1936 – dem Jahr des ersten deutschen Industriezensus – multipliziert und anschließend in Indexgewichte transformiert.77 Anschließend werden die Produktionsreihen der zwölf Branchen mit ihrem jeweiligen Indexgewicht multipliziert, sodass in einem Zwischenschritt zwei Industrieproduktionsindizes entstehen, die im Jahr 1895 miteinander verknüpft werden, sodass ein durchgehender Index der Industrieproduktion für die Jahre 1871 bis 1913 vorliegt. Dieser Index wird mit einer Schätzung der Nettowertschöpfung von Industrie und Handwerk im Jahre 1913 multipliziert, um auf diesem Weg zu einer Schätzung der realen Nettowertschöpfung von Industrie und Handwerk für die Jahre 1871 bis 1913 zu gelangen.

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Abbildung A4: Index der deutschen Industrieproduktion, 1871–1913.

Tabelle T3 am Ende dieses Kapitels zeigt die korrigierten Arbeitsproduktivitätsdaten für 1936 und die Beschäftigtenzahlen für die Jahre 1882 und 1907 sowie die daraus ermittelten Indexgewichte für die Jahre 1871 bis 1895 und 1895 bis 1913. Der aus den neuen Gewichten unter Berücksichtigung der neuen Zeitreihe der Bauproduktion ermittelte Index der deutschen Industrieproduktion wird in Abbildung A4 dargestellt und mit Hoffmanns klassischem Index der deutschen Industrieproduktion verglichen.

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Durchschnittlich nahm die reale Industrieproduktion um 3,7 Prozent jährlich zu, wobei das Wachstum während der 1870er Jahre besonders niedrig und während der 1880er Jahre besonders hoch war. Die beiden Jahrzehnte vor dem Weltkrieg zeichneten sich durch eine insgesamt hohe Wachstumsdynamik mit jährlichen Wachstumsraten von rund 3,8 Prozent aus. Blickt man auf die einzelnen Industrien, dann stellt man fest, dass die noch relativ unbedeutende Versorgungswirtschaft – Gas, Wasser, Elektrizität – mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 9,2 Prozent während der Jahre 1871 bis 1913 die größte Dynamik entfaltete, gefolgt von der Papierindustrie, der chemischen Industrie sowie dem großen Bereich der Metallerzeugung und Metallverarbeitung. Vergleichsweise langsam wuchsen in der Zeit des Kaiserreichs hingegen die konsumnahen Industrien: die Textil-, Bekleidungs- und Nahrungsmittelindustrie.

In Abbildung A5 wird gezeigt, dass die Standardisierung der hoffmannschen Sozialproduktreihen und die anschließenden Korrekturen die Unsicherheit über den Verlauf des Wachstumspfads während der deutschen Industrialisierung reduziert haben. Die im Vergleich zu Hoffmann vorgenommenen Korrekturen umfassen die Neuberechnung des Kapitaleinkommens im gewerblichen Sektor, der gewerblichen Nettoinvestitionen sowie der Nettowertschöpfung in Bergbau und Industrie. Die Graphik zeigt die absolute Differenz zwischen der jeweils höchsten und niedrigsten Angabe aus den vier Originalreihen und den vier korrigierten Reihen sowie eine aus den vier korrigierten Reihen abgeleitete Kompromissschätzung des deutschen Nettosozialprodukts.78 Es zeigt sich, dass die Standardisierung und Korrektur die Präzision der Daten für die Jahre zwischen Gründung des Kaiserreichs und Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhöht hat.

Die aus den verbesserten Zeitreihen abgeleitete Kompromissschätzung des deutschen Nettosozialprodukts weist für die Jahre 1871 bis 1913 einen Anstieg des Sozialprodukts von 17,3 auf 53,7 Milliarden Mark aus. Die durchschnittliche jährliche reale Wachstumsrate betrug daher 2,7 Prozent. Da sich im gleichen Zeitraum die Bevölkerung von 41 auf 67 Millionen79 und die Zahl der Beschäftigten von 17,3 auf 31 Millionen80 erhöhte, betrug die durchschnittliche Wachstumsrate des realen Sozialprodukts pro Kopf bzw. der Arbeitsproduktivität 1,5 bzw. 1,3 Prozent jährlich. Das jährliche Wirtschaftswachstum erhöhte sich dabei |38◄ ►39| von Dekade zu Dekade. Während der 1870er Jahre wuchs die deutsche Wirtschaft im Schnitt um 2,1 Prozent jährlich, während der 1880er Jahre um 2,8 Prozent, während der 1890er Jahre um 3,0 Prozent und nach der Jahrhundertwende um 3,7 Prozent. Die durchschnittlichen Wachstumsraten sowohl des Pro-Kopf-Einkommens als auch der Arbeitsproduktivität weisen ein identisches Muster auf.


Abbildung A5: Kompromissschätzung des Nettosozialprodukts zu Markpreisen in Milliarden Mark (in Preisen von 1913) sowie absolute Differenz zwischen der höchsten und niedrigsten vorliegenden Schätzung gemäß der Angaben von Hoffmann, Wachstum bzw. Hoffmann / Müller, Volkseinkommen (Alt) und der hier korrigierten Schätzungen (Neu).

Tabelle T1 fasst die zentralen Kennzahlen der wirtschaftlichen Entwicklung für die Jahre 1871 bis 1913 zusammen. Es zeigt sich, dass sich die Wachstumsdynamik, gemessen anhand des Einkommens pro Kopf oder anhand des Einkommens pro Beschäftigten, beschleunigt hat. Des Weiteren wuchs das Einkommen pro Kopf rascher als die Arbeitsproduktivität. Dies kann mehrere Ursachen haben. Beispielsweise kann die Beschäftigungsquote zugenommen haben oder es könnten Arbeitskräfte von Sektoren mit geringer Arbeitsproduktivität in Sektoren mit hoher Arbeitsproduktivität gewandert sein. Derartige Strukturverschiebungen vom Agrarsektor zum Industriesektor waren generell ein Kennzeichen der Industrialisierung. Weiterhin könnte verstärkter Kapitaleinsatz, beispielsweise die vermehrte Verwendung dampfgetriebener Maschinen, eine höhere Arbeitsproduktivität verursacht haben. Schließlich könnte auch der allgemeine technische Fortschritt zu einer höheren Arbeitsproduktivität geführt |39◄ ►40| haben. Die Wirkungen von Strukturwandel, Kapitalintensivierung und technischem Fortschritt werden im Folgenden beschrieben.

Tabelle T1: Kennzahlen des Wachstums


Quelle: Eigene Berechnungen.

Abbildung A6 zeigt die Arbeitsproduktivität in den vier Sektoren Landwirtschaft und Fischerei, Bergbau, Industrie und Handwerk sowie öffentliche und private Dienstleistungen für die Jahre 1875 bis 1913. Der Dienstleistungssektor wies durchweg das höchste Niveau der Arbeitsproduktivität, die Landwirtschaft dagegen immer das niedrigste Niveau auf. Das Niveau der Arbeitsproduktivität in Bergbau und Industrie lag zwischen diesen beiden Polen, wobei der prozentuale Produktivitätsvorsprung dieser Sektoren gegenüber der Landwirtschaft zwischen Gründung des Kaiserreichs und Kriegsausbruch bei circa 90 Prozent verharrte. Auch der Produktivitätsnachteil von Bergbau und Industrie gegenüber dem Dienstleistungssektor blieb im Großen und Ganzen konstant. In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet dies, dass die Wanderung von Arbeitskräften vom traditionellen Agrarsektor hin zu den modernen Industrie- und Dienstleistungsbranchen mit einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität einherging.

Tatsächlich entwickelte sich die Erwerbsstruktur zu Lasten der Landwirtschaft, wie Tabelle T2 ausweist. Zur Reichsgründung war etwa die Hälfte aller Beschäftigten in Land- und Forstwirtschaft sowie in der Fischerei tätig. Erst im letzten Friedensjahr waren mehr Menschen in Industrie und Handwerk als in der Landwirtschaft beschäftigt. Auch der Dienstleistungssektor konnte seine Bedeutung ausbauen und erhöhte seinen Beschäftigtenanteil. Das stärkste Wachstum wies jedoch der Bergbau auf, der seinen Beschäftigtenanteil ungefähr verdoppeln konnte. Gleichwohl blieb er mit einem Beschäftigungsanteil von weniger als drei Prozent der mit Abstand kleinste Bereich.

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Abbildung A6: Die Arbeitsproduktivität in den vier Sektoren Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft; Bergbau; Industrie und Handwerk; öffentliche und private Dienstleistungen; in Mark (Preise von 1913). Quellen: Nettowertschöpfung in Bergbau und Industrie, siehe Text; Nettowertschöpfung der Landwirtschaft aus Hoffmann, Wachstum, S. 331–332; Nettowertschöpfung des Dienstleistungssektors als Residuum. Beschäftigtenzahlen aus Hoffmann, Wachstum, S. 204–206.

Man stellt somit einen Wandel der Erwerbsstruktur zugunsten von Sektoren mit einer hohen Arbeitsproduktivität fest. Die Arbeitnehmer wanderten von der Landwirtschaft in die Industrie und den Dienstleistungssektor. Zudem gewannen mit Bergbau und Industrie Sektoren mit einem hohen Wachstum der Arbeitsproduktivität an Bedeutung. Über den gesamten Zeitraum 1871 bis 1913 steigerte sich die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft jährlich um durchschnittlich 1,1 Prozent, im Bergbau um 1,6 Prozent, in der Industrie um 1,7 Prozent und im Dienstleistungsbereich um 1,2 Prozent. Gewichtet man diese Wachstumsraten mit dem jeweiligen Beschäftigungsanteil einer Branche im Jahre 1871 bzw. 1913, dann ergibt sich ein durchschnittliches Wachstum der Arbeitsproduktivität von 1,29 bzw. 1,34 Prozent. Dass das durchschnittliche Wachstum der Arbeitsproduktivität höher ausgewiesen wird, wenn man ein auf Beschäftigtenzahlen von 1913 basiertes Gewichtungsschema wählt, zeigt, dass im Durchschnitt Sektoren mit einem relativen hohen Wachstum der Arbeitsproduktivität ihren Beschäftigungsanteil ausbauten. Der Strukturwandel trug insofern positiv zum Wirtschaftswachstum bei.81

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Tabelle T2: Beschäftigungsstruktur


Quelle: Eigene Berechnungen.

Ein Instrument zur Analyse des Zusammenhangs zwischen Strukturwandel und Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität ist die Anteilsverschiebungsrechnung. 82 Mit dieser kann man den Anstieg der Arbeitsproduktivität während eines Zeitraums in einen statischen, einen dynamischen und einen intrasektoralen Effekt zerlegen. Der statische Effekt misst die Auswirkungen der Verschiebung von Arbeitskräften von einem Sektor in einen anderen Sektor, während der dynamische Effekt die Interaktionseffekte zwischen Arbeitskräfteallokation auf die verschiedenen Sektoren und Veränderungen der Arbeitsproduktivität innerhalb dieser Sektoren misst. Der intrasektorale Effekt gibt an, inwiefern Produktivitätszuwächse innerhalb der Sektoren zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum der Arbeitsproduktivität beitragen. Der statische Effekt hat ein positives Vorzeichen, wenn der Anteil der Arbeitskräfte, die in Sektoren mit einem überdurchschnittlichen Niveau der Arbeitsproduktivität beschäftigt werden, zunimmt. Der dynamische Effekt ist hingegen positiv, wenn Sektoren, die ein relativ hohes Wachstum der Arbeitsproduktivität aufweisen, ihren Beschäftigtenanteil im Zeitablauf ausdehnen. Mathematisch lässt sich dieses Konzept wie folgt beschreiben: Bezeichnet man mit Yt und Lt die Nettowertschöpfung bzw. den Arbeitseinsatz in Periode t und mit dem Zeichen Δ die Veränderung einer Variable zwischen zwei Zeitpunkten 0 und t, dann lässt sich die Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität, Δ(Y/L), als die Summe aus (Yi,0/Li,0)*Δ(Li/L), Δ(Yi/Li)*Δ(Li/L) und L0*Δ(Yi/Li) schreiben, wobei i ein Index für den Sektor – Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, Dienstleistungen – ist. Der erste Teil der Summe, der statische Verschiebungseffekt, ergibt sich aus dem Produkt der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität in einem Sektor i während |42◄ ►43| der Basisperiode 0 und der Veränderung des Anteils der Beschäftigten in diesem Sektor zwischen der Basisperiode und der Bezugsperiode t. Der zweite Teil der Summe, der dynamische Verschiebungseffekt, ergibt sich aus dem Produkt der Änderung der Arbeitsproduktivität in einem Sektor zwischen der Basis- und der Bezugsperiode sowie der Änderung des Beschäftigtenanteils dieses Sektors in diesem Zeitraum. Der dritte Teil der Summe, der intrasektorale Effekt, ergibt sich aus dem Produkt des Beschäftigtenanteils eines Sektors in der Basisperiode und dem Wachstum der Arbeitsproduktivität dieses Sektors zwischen Basis-und Bezugsperiode. Die Anteilsverschiebungsrechnung für die Jahre 1871 bis 1913 ergibt, dass vier Fünftel des Anstiegs der Arbeitsproduktivität in der deutschen Volkswirtschaft auf das Wachstum der Arbeitsproduktivität innerhalb der Sektoren zurückgeführt werden kann. Demgegenüber tragen sowohl der dynamische als auch der statische Verschiebungseffekt jeweils nur ein Zehntel bei. Dies bedeutet, dass die Reallokation von Arbeitskräften von Sektoren mit niedrigem Produktivitätswachstum in Sektoren mit hohem Produktivitätswachstum sowie die Umlenkung von Arbeitskräften von Sektoren mit niedrigem Produktivitätsniveau in Sektoren mit hohem Produktivitätsniveau verhältnismäßig wenig zum Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität beitrugen. Das Produktivitätswachstum innerhalb der Sektoren ist wesentlich wichtiger als der Strukturwandel.

Neben Verschiebungen der Wirtschaftsstruktur können auch erhöhter Kapitaleinsatz oder die bessere Nutzung von Arbeit und Kapital im Produktionsprozess – »technischer Fortschritt« – das Wirtschaftswachstum positiv bedingen. Zur Berechnung des technischen Fortschritts sind Annahmen über die zugrunde liegende Produktionsfunktion notwendig. Geht man von der neoklassischen Cobb-Douglas-Produktionsfunktion Yt = τt * Atα * Ktβ aus, dann ergibt sich das Sozialprodukt der Periode t (Yt) aus dem Arbeitseinsatz in dieser Periode (At), dem Kapitaleinsatz in dieser Periode (Kt), dem technischen Wissen in dieser Periode (τt) sowie aus zwei zeitinvarianten Parametern der Produktionsfunktion, α und β. Trifft man die beiden zusätzlichen Annahmen, dass α + β = 1 gilt und dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital nach ihrem jeweiligen Grenzprodukt entlohnt werden, dann entsprechen die Parameter α und β der Lohn- bzw. Kapitaleinkommensquote. Damit sind alle Variablen der Produktionsfunktion mit Ausnahme von τt in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung beobachtbar, sodass τt als Residuum ermittelt werden kann. Derjenige Teil des Produktionsanstiegs zwischen Periode t und t-1, der nicht mit Veränderungen des Faktoreinsatzes erklärt werden kann, wird als »technischer Fortschritt« bezeichnet. Das nicht beobachtete Niveau des technischen Wissens wird dazu in der Basisperiode gleich eins gesetzt und mit Hilfe der als Restgröße ermittelten Wachstumsrate des technischen Wissens in der Zeit fortgeschrieben. Mit der Frage nach dem Wachstum der totalen Faktorproduktivität begibt man sich somit|43◄ ►44| in den Raum der kontrafaktischen Geschichtsschreibung, da man eine Antwort auf die Frage sucht, wie hoch das Sozialprodukt in einem Jahr gewesen wäre, hätte man diejenigen Mengen und Qualitäten an Arbeit und Kapital eingesetzt, die man im Vorjahr einsetzte. Somit wird die Differenz zwischen dem beobachteten Sozialprodukt und dem kontrafaktischen Sozialprodukt als technischer Fortschritt bezeichnet. Das kontrafaktische Sozialprodukt selbst wird jedoch nie beobachtet, weshalb die Falsifikation einer Hypothese über das Ausmaß des technischen Fortschritts nicht möglich ist.83 Dieser unbeobachtbaren Residualgröße werden 42 bis 64 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Wachstums sowie 26 bis 38 Prozent des Wachstums der gewerblichen Produktion, 53 Prozent des Wachstums der landwirtschaftliche Produktion und 26 Prozent des Wachstum der Dienstleistungsproduktion zugeschrieben.84

Abbildung A7 zeigt die Entwicklung der Gesamtfaktorproduktivität für die gesamte Volkswirtschaft und für den gewerblichen Sektor für die Jahre 1875 bis 1913. Es zeigt sich, dass die Gesamtfaktorproduktivität sowohl in der Gesamtwirtschaft als auch im Industriesektor zwar über den gesamten Zeitraum betrachtet um rund 60 bzw. 30 Prozent anstieg, aber am Anfang der Untersuchungsperiode zunächst gefallen war. In der Gesamtwirtschaft wurde erst 1884 wieder das Produktivitätsniveau des Jahres 1875 erreicht, im industriellen Sektor sogar erst 1893.85 Dies kann darauf hindeuten, dass der während des Gründerbooms der frühen 1870er Jahre erstellte Sachkapitalbestand in den folgenden Jahren nicht voll ausgelastet war, was sich negativ auf die Gesamtfaktorproduktivität auswirkte, da nicht alle Produktionsfaktoren verwendet wurden.

Die im Produktionsprozess erzielten Einkommen wurden auf die Lieferanten der beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital verteilt und von diesen für Konsum und Investitionen verausgabt. Tendenziell reduzierte sich dabei der Einkommensanteil der Arbeitnehmer im Zeitablauf, d. h. die unbereinigte Lohnquote sank. Zwischen 1871 und 1913 entfiel im Schnitt ein Viertel des Volkseinkommens auf das Kapitaleinkommen und dementsprechend drei Viertel auf das Arbeitseinkommen. Diese Quoten waren freilich im Zeitablauf nicht konstant. Während der 1870er und 1880er Jahre hatten die Kapitaleinkommensempfänger zunächst lediglich 21,6 Prozent des Volkseinkommens bezogen – und die Empfänger von Arbeitseinkommen dementsprechend 78,4 Prozent. In den darauffolgenden Dekaden bis zum Ersten Weltkrieg stieg dann der Anteil des Kapitaleinkommens |44◄ ►45| auf 27,9 Prozent des Volkseinkommens an. Der Anteil des Arbeitseinkommens ging entsprechend auf 72,1 Prozent zurück. Neben der funktionalen Einkommensumverteilung dürfte es vermutlich auch zu einer personellen Einkommensumverteilung gekommen sein, da das Kapitaleinkommen tendenziell personell stärker konzentriert ist. Die Umverteilung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen war besonders im gewerblichen Sektor ausgeprägt, sodass dort der Verfall der Profitrate aufgehalten werden konnte. Im sekundären Sektor der deutschen Volkswirtschaft stieg der Kapitalkoeffizient, der das Verhältnis von Kapitaleinsatz zu Nettowertschöpfung misst, von 2,4 im Durchschnitt der Jahre von 1871 bis 1890 auf 3,3 im Durchschnitt der Jahre von 1891 bis 1913 an. Dies impliziert, dass die Kapitalproduktivität, also der reziproke Wert des Kapitalkoeffizienten, von 41 auf 31 Prozent gefallen ist. Die sinkende Kapitalproduktivität würde zu einer sinkenden Profitrate führen, wenn die funktionale Einkommensverteilung stabil bliebe. Da sich die funktionale Einkommensverteilung in der Industrie besonders stark zugunsten des Faktors Kapital verschob – hier betrug der Anteil des Kapitaleinkommens am Gesamteinkommen im Durchschnitt der Jahre 1871 bis 1889 nur 12,1 Prozent, im Durchschnitt der Jahre 1890 bis 1913 hingegen 24,9 Prozent – konnte die sinkende Profitrate aufgefangen werden.


Abbildung A7: Entwicklung der Gesamtfaktorproduktivität in der Gesamtwirtschaft und in der Industrie für die Jahre 1875 bis 1913 (1875 = 100). Beschäftigtenzahlen aus Hoffmann, Wachstum, S. 204– 206. Kapitalstockdaten für die Gesamtwirtschaft und den Industriesektor gemäß Burhop / Wolff, Compromise estimate. Industrieproduktion gemäß der oben vorgestellten Neuschätzung.

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Nachdem Einkommen durch den Produktionsprozess entstanden und auf die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital verteilt worden sind, können sie nun von den Einkommensbeziehern verwendet werden. Die Einkommensverwendung umfasst den privaten und öffentlichen Konsum sowie die Nettoinvestitionen und den Nettoexport. Da die drei ersten Größen faktisch die gesamte Verwendung umfassen, wird nur ihre Entwicklung umrissen. Es zeigt sich, dass zwischen 1871 und 1913 durchschnittlich rund 79 Prozent des Volkseinkommens für den privaten Konsum ausgegeben wurden, während lediglich 13 bzw. acht Prozent auf den öffentlichen Konsum bzw. die Nettoinvestitionen entfielen. Im Zeitverlauf nahm, analog zum relativen Bedeutungsverlust des Arbeitseinkommens, die Bedeutung des privaten Konsums ab. Sein Anteil verringerte sich in der Periode von 1890 bis 1913 gegenüber dem Zeitraum von 1871 bis 1889 um drei Prozentpunkte auf rund 77,6 Prozent. Dieser Rückgang des privaten Konsums wurde größtenteils durch die Bereitstellung öffentlicher Güter – dazu gehören beispielsweise die Sozialversicherung, aber auch das Militär – aufgefangen. Der Anteil des öffentlichen Konsums am Volkseinkommen wuchs von rund 11,3 Prozent auf 14,5 Prozent. Die dritte wichtige Komponente der Einkommensverwendung, die Nettoinvestitionen, blieb demgegenüber fast konstant: Ihr Anteil stieg von 7,3 Prozent im Schnitt der Jahre 1871/89 auf 8,1 Prozent im Mittel der Jahre von 1890 bis 1913.

Abschließend gilt es nun, die Entwicklung des Sozialprodukts während des Ersten Weltkriegs zu untersuchen. Diese vier Jahre gehören zweifelsohne zur Geschichte und auch zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs. Gleichwohl wird diese Periode in quantitativ orientierten Darstellungen der deutschen Wirtschaftsgeschichte häufig übergangen. Die Ursache für diese Begrenzung dürfte in der schlechten Datenlage liegen, die selbst den Doyen der quantitativen Wirtschaftsforschung, Walther Hoffmann, von einer Schätzung des Sozialprodukts während des Krieges abgehalten hat. Dennoch haben verschiedene Autoren während der vergangenen Jahrzehnte Schätzungen des Sozialprodukts für die Kriegsjahre publiziert.86 Die Frage nach der Höhe des deutschen Volkseinkommens vor und nach dem Ersten Weltkrieg wurde bereits im Mai 1921 der Statistischen Abteilung der Deutschen Reichsbank gestellt, da die deutsche Regierung zur Vorbereitung der Londoner Friedenskonferenz – dort sollte über die endgültige Höhe der deutschen Reparationen befunden werden – entsprechende Zahlen verlangte.87 Da eine amtliche Volkseinkommensstatistik nicht vorlag, stellten die Experten der Reichsbank zwei Schätzungen auf, wobei eine auf der Steuerstatistik und die andere auf Lohnindex- und Beschäftigungsreihen beruhte. Insgesamt |46◄ ►47| reduzierte sich, so die Berechnungen der Reichsbank, das reale Volkseinkommen pro Kopf zwischen 1913 und 1919 um rund 37 Prozent.88 Da im gleichen Zeitraum die Bevölkerung um rund sechs Prozent schrumpfte, nahm das gesamte Volkseinkommen zwischen 1913 und 1919 um rund 41 Prozent ab.89 Die zeitgenössische Punktschätzung für 1919 liegt damit sehr nahe bei einer kürzlich von Wirtschaftshistorikern auf Grundlage von Produktionsziffern von Landwirtschaft, Industrie und Verkehr erstellten Schätzung. Im Gegensatz zur Schätzung der Reichsbank weist diese neuere Arbeit auch Zahlen für die Einkommensentwicklung in den Jahren 1914 bis 1918 aus.90 Nach dieser Schätzung verringerte sich das Einkommen von 1913 = 100 im ersten Kriegsjahr um zehn Prozent, um dann weiter auf 1915 = 81,1 und 1916 = 75,8 zu fallen. In den Jahren 1917 und 1918 pendelte sich das Volkseinkommen auf niedrigem Niveau mit 1917 = 73,5 und 1918 = 71,0 ein, bevor es dann im Jahre 1919 auf 60,8 zurückging. Während der vier Kriegsjahre wurden somit die Früchte von jahrzehntelangem Wachstum zerstört, denn das reale Pro-Kopf-Einkommen des Jahres 1919 entsprach in etwa dem Niveau des Einkommens von 1885.

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Tabelle T3: Gewichte im Index der Industrieproduktion


Quelle: Zahlen für 1936 aus Rainer Fremdling / Rainer Stäglin, An Input-Output table for Germany and a new benchmark for German gross national product in 1936. Groningen Growth and Development Center, Januar 2009, Tabellen 2 und 3. Beschäftigungszahlen aus Hoffmann, Wachstum, S. 196–196.

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IV. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft in internationaler Perspektive

Im vorangegangenen Kapitel haben wir gesehen, dass die deutsche Volkswirtschaft zwischen Reichsgründung und Weltkrieg deutlich wuchs, sich das Einkommen pro Kopf signifikant erhöhte und sich die Wirtschaftsstruktur vom Agrar- zum Industriestaat wandelte. In diesem Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, ob Deutschland damit ein Land unter vielen war oder ob sich die Entwicklung in Deutschland punktuell oder insgesamt von derjenigen in anderen Nationen unterschied. Der Bezugspunkt der komparativen Wirtschaftsgeschichte war und ist Großbritannien. Bereits während der deutschen Frühindustrialisierung forderte Friedrich List den Schutz der aufstrebenden deutschen Industrie vor der übermächtigen englischen Konkurrenz durch die Einführung von Zöllen. Friedrich Engels analysierte wenige Jahre später die Auswirkungen der englischen Industrialisierung auf die Lage der Arbeiter und Adolf Soetbeer verglich auf Basis von Einkommensteuerdaten das Volkseinkommen in Preußen mit jenem im Großbritannien.91

In der Historiographie wurde lange Zeit ein wirtschaftlicher Sonderweg Deutschlands gezeichnet. Dabei wurden insbesondere die wachstumsfördernde Rolle der Großbanken und des Staates durch gezielte Kreditvergabe und Förderpolitik, die moderne Organisation der deutschen Unternehmen in großen Aktiengesellschaften sowie deren Koordination in Kartellen betont. Am Schnittpunkt zwischen Staat und Unternehmen wurden zudem die vorbildliche Wissenschafts- und Technologiepolitik und die frühe Errichtung von industriellen Forschungslaboratorien gewürdigt. Demgegenüber sah man in England Familienunternehmen, die die Entstehung von effizienten Großunternehmen behinderten. Englische Banken sollen zudem die Kapitalversorgung der Industrie beschränkt und sich stattdessen zunehmend der Finanzierung von Kolonialgesellschaften zugewandt haben. Verfehlte Wissenschaftspolitik habe zudem dazu beigetragen, dass englische Unternehmer den Anschluss an die neuen Wachstumsindustrien verpassten. Ganz anders hingegen die Entwicklung in den Vereinigten Staaten: Dort hätten sich wie in Deutschland moderne Großunternehmen entwickelt, die ihre Aktivitäten, wenn nicht über Kartelle, so aber in Konzernen bzw. Trusts koordiniert hätten. Industrieforschung sei zwar nur in vergleichsweise geringem Umfang in Unternehmen durchgeführt worden, aber dafür habe es einen regen Markt für Technologie gegeben. Kurzum: Die klassi-sche|49◄ ►50| Wirtschaftsgeschichte sieht in Deutschland und den Vereinigten Staaten zwei rasch aufwärts strebende Volkswirtschaften, während die englische stagnierte und von den beiden neuen Kontrahenten schließlich überholt wurde.92 Diese Sichtweise steht zumindest teilweise im Widerspruch zu den Ergebnissen der vergleichenden quantitativen Wirtschaftsgeschichte. Sie zeigt, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts das Pro-Kopf-Einkommen und die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität in Großbritannien wesentlich höher als in Deutschland waren und dass es nur eine gemächliche Konvergenz der Einkommen gegeben hat.93 Der scheinbare Widerspruch kann teilweise aufgelöst werden, denn der moderne Industriesektor – auf den sich die klassische Forschung bezog – wuchs in Deutschland tatsächlich vergleichsweise rasch und zog zumindest mit Großbritannien gleich. Gleichwohl blieb Deutschland sowohl hinsichtlich der gesamtwirtschaftlichen wie auch der industriewirtschaftlichen Entwicklung weit hinter den Vereinigten Staaten zurück.94

Der wirtschaftshistorische Vergleich hat somit verschiedene Länder und Maßgrößen zur Beurteilung der deutschen Wirtschaftsentwicklung verwendet. Die komparative Wirtschaftsgeschichte hat das Augenmerk auf den Vergleich des Sozialprodukts, des Sozialprodukts pro Kopf, der Arbeitsproduktivität, der Beschäftigungsstruktur sowie der Veränderung dieser Größen über die Zeit gerichtet. Ebenso wurden die Faktoren, die in den einzelnen Ländern hinter dem Wachstum standen, miteinander verglichen: der technische Fortschritt, die Kapitalintensivierung und der Strukturwandel. Tabelle T4 fasst wichtige Kennzahlen – Sozialprodukt, Bevölkerung, Sozialprodukt pro Kopf – für die vier größten Volkswirtschaften jener Jahre und für die beiden Stichjahre 1871 und 1913 zusammen. 95 1871 war das neu gegründete Deutsche Reich mit einem Sozialprodukt von 17,2 Milliarden Mark, nach den Vereinigten Staaten von Amerika mit |50◄ ►51| einem Sozialprodukt von 27,3 Milliarden Mark und Großbritannien mit einem Sozialprodukt von 21,3 Milliarden Mark, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, gefolgt von Frankreich mit einem Sozialprodukt von 15,4 Milliarden Mark. Bis 1913 arbeitete sich das Deutsche Reich mit einem Sozialprodukt von nun 53,7 Milliarden Mark auf den zweiten Rang vor. Den Abstand gegenüber Frankreich, das 1913 auf ein Sozialprodukt von nur 31,1 Milliarden Mark kam, vergrößerte sich vor allem aufgrund des wesentlich stärkeren Bevölkerungswachstums. Großbritannien, das im letzten Vorkriegsjahr ein Sozialprodukt von 46,4 Milliarden Mark aufwies, konnten die Deutschen aufgrund des stärkeren Produktivitätswachstums hinter sich lassen. Auch gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika, die ein Sozialprodukt von 118,7 Milliarden Mark erwirtschafteten, wies das Deutsche Reich eine überlegene Entwicklung des Pro-Kopf-Wachstums auf. Allerdings fiel man in Bezug auf die Gesamtgröße der Volkswirtschaft aufgrund des raschen Bevölkerungswachstums in den Vereinigten Staaten deutlich zurück. Nimmt man das Niveau des Volkseinkommens pro Kopf als Maßstab für den Wohlstand eines Landes, dann zeigt sich, dass Frankreich und das Deutsche Reich etwa gleichauf lagen, allerdings beide nur die Hälfte bzw. drei Viertel des britischen Pro-Kopf-Einkommens in den Jahren 1871 bzw. 1913 aufwiesen. Durchschnittlich erzielte ein Einwohner in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1871 bzw. 1913 ein jährliches Einkommen von rund 420 bzw. 790 Mark. Der Durchschnittsbrite kam auf 810 bzw. 1.120 Mark. Das Einkommen pro Kopf in den Vereinigten Staaten war eineinhalb Mal so hoch wie in Deutschland und betrug 690 Mark bzw. 1.235 Mark.96 Tabelle T4 belegt, dass die deutsche Wirtschaftsentwicklung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht außergewöhnlich war.97 Erklärungsbedürftig scheint vor allem der vergleichsweise geringe Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens in Großbritannien und das relativ niedrige Wachstum der Bevölkerung in Frankreich. Die wirtschaftshistorische Forschung hat sich in den vergangenen Dekaden vor allem der ersten Frage zugewandt. Die zweite Frage fällt vornehmlich in das Feld der Sozialgeschichte. Da sich das Einkommen pro Kopf per definitionem aus dem Einkommen je Beschäftigtem – der Arbeitsproduktivität – multipliziert mit der Erwerbsquote – dem Quotienten aus Erwerbstätigen und Bevölkerung – ergibt, können unterschiedliche Pro-Kopf-Einkommen zumindest vordergründig |51◄ ►52| auf Unterschiede in der Arbeitsproduktivität und der Erwerbsquote zurückgeführt werden.

Tatsächlich blieb die Erwerbsquote in Großbritannien zwischen 1871 und 1913 nahezu konstant – 1871 betrug sie 44,5 Prozent, vier Dekaden später 45 Prozent. In Deutschland stieg sie von 42,3 auf 46,2 Prozent an. Dies bedeutet, dass ein Teil des im Vergleich zu Großbritannien rascheren Wachstums des deutschen Pro-Kopf-Einkommens auf das relative Wachstum der Erwerbsquote zurückzuführen ist. Ungleich stärker fiel der Anstieg in Frankreich aus, wo sich die Erwerbsquote zwischen 1872 und 1911 von 40,7 auf 53,4 Prozent vermehrte. Frankreich kompensierte also sein schwaches Bevölkerungswachstum zumindest teilweise durch eine stärkere Partizipation am Produktionsprozess.98

Neben dem Anstieg der Erwerbsquote könnte das Wachstum der Arbeitsproduktivität zur vergleichsweise raschen Erhöhung des deutschen Pro-Kopf-Einkommens in der Zeit des Kaiserreichs mit beigetragen haben. Die Arbeitsproduktivität kann sowohl auf aggregierter Ebene anhand von Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als auch auf disaggregierter Ebene ermittelt und mit Hilfe von Beschäftigungsanteilen auf das gesamtwirtschaftliche Niveau extrapoliert werden. Unter der disaggregierten Ebene versteht man die Ebene der einzelnen Sektoren und Branchen. Prinzipiell sollten beide Ansätze zu ähnlichen Ergebnissen führen. Im vorherigen Kapitel haben wir jedoch gesehen, dass die historische volkswirtschaftliche Gesamtrechnung lediglich ein ungefähres Bild der wirtschaftlichen Entwicklung in einem Land gibt. Werden nun zwei möglicherweise mangelhafte volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen zueinander in Beziehung gesetzt, dann können sich die Unzulänglichkeiten zufällig aufheben –sie können sich aber auch verstärken. Darüber hinaus sollte berücksichtigt werden, dass die Kaufkraft des Geldes in Ländern unterschiedlich sein und vom Wechselkurs durchaus abweichen kann. Daher basiert die moderne komparative quantitative Wirtschaftsgeschichte auf branchenspezifischen Produktivitätsvergleichen bei Verwendung von Kaufkraftparitätswechselkursen. Das Verfahren wird hier anhand der relativen Produktivität der deutschen und britischen Automobil- und Motorradindustrie im Jahre 1907 illustriert.99 1907 produzierte diese Branche in Großbritannien 8.800 Autos, 1.500 Karosserien und 3.700 Motorräder zu Stückkosten von 335, 425 und 37 Pfund. In Deutschland wurden im |52◄ ►53| gleichen Jahr 7.318 Automobile, 2.126 Karosserien und 3.703 Motorräder zu Stückkosten von 6.537, 9.472 und 607 Mark hergestellt. Unter der Annahme, dass in beiden Ländern im Durchschnitt Automobile, Karosserien und Motorräder gleicher Qualität produziert wurden, kann man die Kaufkraftparität für die drei Güter aus dem Verhältnis der Stückkosten in den jeweiligen Ländern berechnen. Diese Rechnung ergibt eine Kaufkraftparität von 19,51 Mark je Pfund für Automobile, von 22,29 Mark je Pfund für Karosserien und von 16,41 Mark je Pfund für Motorräder. Gewichtet man diese drei Kaufkraftparitäten mit den Produktionsanteilen der drei Güter in den beiden Ländern, dann ergibt sich für diese Branche eine Kaufkraftparität von 20,04 Mark je Pfund.100 Neben den drei Gütern, die miteinander verglichen werden konnten, produzierte die jeweilige Industrie Waren, die nur in einem Land hergestellt bzw. die nur in einem Land in der Produktionsstatistik separat ausgewiesen wurden. Man nimmt an, dass für diese Waren dieselbe Kaufkraftparität gilt. Insgesamt produzierte die britische Automobilindustrie bei einem Einsatz von 54.043 Mitarbeitern und Vorleistungen im Wert von 5,7 Millionen Pfund Waren im Wert von 11,6 Millionen Pfund, d. h. die Bruttowertschöpfung betrug 5,9 Millionen Pfund bzw. 109 Pfund je Mitarbeiter. Gemäß der oben ermittelten Kaufkraftparität entspricht dies einer Arbeitsproduktivität von 2.188 Mark. Die Bruttowertschöpfung je Mitarbeiter der deutschen Automobilindustrie betrug lediglich 1.925 Mark oder 88 Prozent der britischen. 101

Tabelle T4: Vergleich des Sozialprodukts


Quelle: Nettosozialprodukt für Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Bruttosozialprodukt für die Vereinigten Staaten; in Mrd. Mark bzw. Mark pro Kopf. Bevölkerung in Mio. Umgerechnet nach Kaufkraftparitäten nach Williamson, Evolution, S. 184. Britische Daten aus B.R. Mitchell, British Historical Statistics. Französische Daten aus Levy-Leboyer und Bourguigon, L’economie francaise. Amerikanische Daten aus Balke / Gordon, Estimation.

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Nun kann mit diesem Verfahren Branche für Branche miteinander verglichen werden. Mit Hilfe der Beschäftigtenzahlen in den jeweiligen Produktionszweigen können weiterhin die branchenspezifischen relativen Produktivitätsniveaus zunächst auf der sektoralen und schließlich auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene zusammengefasst werden.102 Tabelle T5 stellt das Ergebnis für die drei Länder Deutschland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika für die Zeit um 1910 dar, wobei das Arbeitsproduktivitätsniveau in Deutschland gleich 100 gesetzt wurde.103 Dies impliziert, dass ein Tabellenwert über 100 einen Produktivitätsvorteil des jeweils anderen Landes gegenüber Deutschland indiziert, ein Wert unter 100 aber einen deutschen Produktivitätsvorsprung anzeigt. Um das Jahr 1910 wies die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu den Vereinigten Staaten von Amerika in allen sieben marktwirtschaftlich orientierten Zweigen eine deutlich niedrigere Arbeitsproduktivität auf. Insgesamt waren Beschäftigte in den Vereinigten Staaten rund 58 Prozent produktiver als in Deutschland. Das durchschnittliche Niveau der Arbeitsproduktivität in Deutschland betrug lediglich 63 Prozent des amerikanischen. Im Vergleich mit Großbritannien schneidet Deutschland hingegen besser ab. Einerseits gab es erhebliche Produktivitätsrückstände in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Handel sowie bei Banken, Versicherungen und sonstigen Dienstleistungen. Andererseits war die Arbeitsproduktivität in Deutschland im verarbeitenden Gewerbe, im Baugewerbe, in der Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung sowie im Transport- und Kommunikationswesen deutlich höher.

Im Durchschnitt waren Erwerbstätige in Großbritannien um 1910 lediglich 16 Prozent produktiver als deutsche Werktätige. Deutschland schloss somit am |54◄ ►55| Vorabend des Weltkriegs nahezu zum Mutterland der Industrialisierung auf. Diese Ermittlung der relativen Arbeitsproduktivität ergibt folglich ein für Deutschland verhältnismäßig positives Bild, denn die Arbeitsproduktivität, ermittelt aus der historischen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und mit Hilfe von amtlichen Wechselkursen transformiert, weist für Deutschland einen Rückstand von 36 Prozent gegenüber Großbritannien im Jahre 1910 aus.104 Gleichwohl belegen beide Verfahren einen Rückstand Deutschlands.

Tabelle T5: Relative Arbeitsproduktivität


Quelle: eigene Berechnungen aufgrund von Daten aus Broadberry, How did the United States, S. 380; Broadberry / Burhop, Comparative productivity, S. 321; Broadberry, Anglo-German productivity in services, S. 233; Broadberry, Anglo-German productivity differences, S. 251.

Eine Ursache der markanten Unterschiede der komparativen Arbeitsproduktivität zwischen den drei Ökonomien könnte eine unterschiedliche Kapitalausstattung gewesen sein. Offensichtlich ist dieser Effekt in der Landwirtschaft, bei der auf jeden männlichen Landarbeiter in Deutschland im Jahre 1910 nur 6,6 Hektar fruchtbarer Boden entfiel. In Großbritannien waren es hingegen 11,4 Hektar und in den Vereinigten Staaten 44,1 Hektar.105 Die positiven Wirkungen |55◄ ►56| des höheren Kapitaleinsatzes auf die Arbeitsproduktivität werden berücksichtigt, wenn man anstelle der Arbeitsproduktivität die Gesamtfaktorproduktivität betrachtet. Dies ist jedoch, da Kapitalstockdaten nur auf stark aggregierter Ebene vorliegen, lediglich in der Landwirtschaft, dem verarbeitenden Gewerbe und der Gesamtwirtschaft möglich. Hier zeigt sich, dass die Gesamtfaktorproduktivität um das Jahr 1910 in der Landwirtschaft in Großbritannien 140 und den Vereinigten Staaten 166 Prozent der deutschen ausmachte. Im verarbeitenden Gewerbe lagen die entsprechenden Raten bei 80 bzw. 145 Prozent und in der Gesamtwirtschaft schließlich bei 133 bzw. 126 Prozent. Relative Arbeitsproduktivität und komparative Gesamtfaktorproduktivität lagen somit in der Landwirtschaft nur wenige Prozentpunkte – neun im Falle von Großbritannien und viereinhalb im Falle der Vereinigten Staaten – auseinander. Im verarbeitenden Gewerbe stand Deutschland bei Verwendung der Gesamtfaktorproduktivität vergleichsweise gut dar, denn die deutsche Position verbesserte sich gegenüber Großbritannien um 15 und gegenüber den Vereinigten Staaten sogar um 47 Prozentpunkte. 106 Auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene hatte Großbritannien eine im Vergleich zur Arbeitsproduktivität höhere Gesamtfaktorproduktivität. Daraus kann gefolgert werden: Deutschland akkumulierte relativ mehr Kapital als Großbritannien. Allerdings hatten die Vereinigten Staaten bei Verwendung der Gesamtfaktorproduktivität einen geringeren Vorteil gegenüber Deutschland als bei Verwendung der Arbeitsproduktivität. Dies zeigt, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika vergleichsweise kapitalintensiv produziert wurde, sowohl im Vergleich mit Deutschland als auch mit Großbritannien. Die relativ hohe Bedeutung des Produktionsfaktors Kapital für das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft zeigt sich auch bei einer vergleichenden Wachstumsbilanzierung.107 Zwischen der Jahrhundertmitte und dem Ersten Weltkrieg weisen die Wachstumsbilanzen für die drei Länder Beiträge des Produktionsfaktors Arbeit am Wirtschaftswachstum von 33,5 Prozent (Deutschland), 31,2 Prozent (Großbritannien) und 40,7 Prozent (Vereinigte Staaten) aus. Der Produktionsfaktor Kapital trug in Deutschland 25,2 Prozent, in Großbritannien 24,2 Prozent und in den Vereinigten Staaten 32,2 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei. Auf das Wachstum der Gesamtfaktorproduktivität – den sogenannten technischen Fortschritt – sind in Deutschland 41,1 Prozent, in Großbritannien 44,6 Prozent und in den Vereinigten Staaten nur 27 Prozent der Produktionssteigerung zurückzuführen. Im Großen und Ganzen wurde das Wachstum in den Vereinigten Staaten von Amerika größtenteils durch Faktorakkumulation verursacht, in den |56◄ ►57| beiden europäischen Volkswirtschaften war stattdessen die höhere Gesamtfaktorproduktivität für das Einkommenswachstum verantwortlich.

Tabelle T6: Beschäftigungsstruktur


Quelle: Broadberry, Anglo-German productivity differences, S. 252; Broadberry, How did the United States, S. 385.

Eine höhere Gesamtfaktorproduktivität kann sowohl durch höheres technisches Wissen als auch durch eine Reallokation von Produktionsfaktoren von verhältnismäßig unproduktiven Sektoren in produktive Sektoren verursacht werden. Die relative Arbeitsproduktivität zweier Volkswirtschaften hängt somit, neben der komparativen Arbeitsproduktivität in den einzelnen Branchen, auch von der Verteilung der Arbeitskräfte auf die Branchen ab. Ein außerordentlich großer Produktivitätsvorteil in einer unwichtigen Branche kann bei aggregierter Betrachtung durch einen kleinen Produktivitätsnachteil in einer wichtigen Branche ausgeglichen werden. Mit Hilfe der in Tabelle T6 zusammengestellten Beschäftigtenzahlen kann dieses Problemfeld weiter untersucht werden.

Im Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten von Amerika waren rund ein Drittel aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Der Anteil dieses Sektors in Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte dagegen lediglich rund ein Zehntel aus. Großbritannien und die Vereinigten Staaten hatten im Vergleich zu Deutschland in diesem Sektor einen erheblichen Vorsprung bei der Arbeits- und Gesamtfaktorproduktivität. Dies bedeutet, dass vor allem die geringe Bodenintensität der deutschen Landwirtschaft bzw. die Überbesetzung des Bodens mit Arbeitskräften für die Produktivitätslücke verantwortlich war. Der deutsche Agrarsektor war ineffizient. Hohe Agrarzölle verhinderten eine Größenanpassung des Agrarsektors und erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein deutlicher Rückgang des Beschäftigungsanteils ein. Im verarbeitenden |57◄ ►58| Gewerbe war in Deutschland und Großbritannien rund ein Drittel, in den Vereinigten Staaten rund ein Fünftel der Erwerbstätigen beschäftigt. In diesem Sektor hatte Deutschland einen Vorsprung bei der Arbeits- und der Gesamtfaktorproduktivität gegenüber Großbritannien, aber zugleich einen Rückstand gegenüber den Vereinigten Staaten. Diese Gemengelage macht eine detaillierte Untersuchung des verarbeitenden Gewerbes notwendig. Tabelle T7 zeigt die relative Arbeitsproduktivität Deutschlands im Vergleich zu Großbritannien und den Vereinigten Staaten für das verarbeitende Gewerbe sowie für vier Branchen innerhalb dieses Sektors. Verglichen mit Großbritannien zeigt Deutschland eine sehr ungleichmäßige relative Arbeitsproduktivität: Deutschland war in der chemischen Industrie, der Metallerzeugung und der Metallverarbeitung – dazu zählen der Maschinenbau und die Elektroindustrie – sehr produktiv, in der Textil-und Bekleidungs- sowie Nahrungs- und Genussmittelindustrie hingegen weniger produktiv. Verglichen mit den Vereinigten Staaten gab es in Deutschland, mit Ausnahme der chemischen Industrie, durchweg eine sehr niedrige Arbeitsproduktivität.

Tabelle T7: Relative Arbeitsproduktivität


circa 1910Deutschland = 100
GroßbritannienVereinigte Staaten von Amerika
Chemie87,8137,3
Metallerzeugung und Metallverarbeitung71,8205,7
Textilien und Bekleidung121,5183,1
Nahrungs- und Genussmittel149,5205,1
verarbeitendes Gewerbe95,2192,3

Quelle: eigene Berechnungen. Broadberry und Burhop, Comparative productivity, S. 321; Broadberry, Manufacturing, S. 786.

Das Verständnis der Produktivitätsunterschiede wird durch branchenspezifische Fallstudien vertieft. Allerdings liegen nur für sehr wenige Branchen länderübergreifende, quantitativ vergleichende Studien vor. Eine der wenigen drei Länder umfassenden Branchenstudien untersucht die Eisen- und Stahlindustrie. In dieser lassen sich im 19. Jahrhundert anhand der Außenhandelsstatistik drei Phasen des internationalen Wettbewerbs feststellen.108 Bis 1870 dominierte Großbritannien den Welthandel von Eisen und Stahl, wobei deutsche und nordamerikanische Produzenten nicht auf dem Weltmarkt aktiv waren. Im Verlauf der 1870er Jahre trat Deutschland als Mitbewerber auf dem Weltmarkt auf. Die |58◄ ►59| Vereinigten Staaten importierten nach wie vor große Mengen Eisen und Stahl aus Großbritannien. Im Verlauf der 1890er Jahre stieg jedoch die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie an, weshalb die britischen Importe dorthin deutlich zurückgingen und amerikanische Hersteller ihre Waren auf dem Weltmarkt zunehmend verkauften. Diese drei Phasen lassen sich vordergründig durch die Preisentwicklung erklären: Der Tonnenpreis für Eisenbahnschienen betrug beispielsweise um 1860 rund 129 Mark in Großbritannien, 227 Mark in Deutschland und 224 Mark in den Vereinigten Staaten. In der Dekade vor dem Ersten Weltkrieg kostete dieses Produkt 121 Mark in Großbritannien, 110 Mark in Deutschland und 115 Mark in den Vereinigten Staaten. Die Preiskonvergenz zwischen den drei Ländern kann einerseits durch fallende Gewinne der Produzenten in Deutschland und den Vereinigten Staaten und andererseits durch fallende Kosten für Zwischenprodukte und Produktionsfaktoren – Kohle, Eisenerz, Arbeit, Kapital – sowie durch technischen Fortschritt begründet sein. In den Vereinigten Staaten nahm zwischen 1880 und 1913 vor allem die Kapitalintensität stark zu – bei allerdings leicht fallender Kapitalproduktivität –, wodurch auch die Arbeitsproduktivität stark anstieg. Wenn zu Beginn des 20. Jahrhunderts einem amerikanischen Stahlarbeiter Maschinen mit einer Leistungsfähigkeit von 10,8 PS zur Verfügung standen, dann konnte ein englischer und deutscher Arbeiter lediglich 5,3 bzw. 4,8 PS zu Hilfe nehmen. Die Kapitalproduktivität war aber in Europa deutlich höher als in Übersee: In den Vereinigten Staaten betrug die Kapitalproduktivität 7,8 Tonnen Eisen und Stahl je PS, in Deutschland und Großbritannien waren die entsprechenden Raten nur 14,6 bzw. 9,0 Tonnen. Die im Vergleich zu Deutschland etwa 20 Prozent höhere Arbeitsproduktivität in den Vereinigten Staaten kann daher vollständig durch die höhere Kapitalintensität erklärt werden. Die Gesamtfaktorproduktivität war in beiden Ländern identisch und etwa 15 Prozent höher als in Großbritannien. In Deutschland trug noch ein weiterer Faktor zur Preiskonvergenz mit dem britischen Niveau bei. Zur Jahrhundertmitte lagen die deutschen Preise erheblich über den britischen, weil die Unternehmensgewinne in Deutschland außergewöhnlich hoch waren. Die amerikanischen Preise lagen dagegen über den britischen, weil die Kosten deutlich höher waren. Um 1850 schwankten die Produktionskosten für eine Tonne britisches Roheisen zwischen 47 und 52 Mark, die Produktionskosten beliefen sich in den Vereinigten Staaten auf 89 Mark und in Deutschland auf 52 bis 53 Mark. Das deutsche Roheisen wäre somit auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig gewesen, wenn die Gewinnmarge geringer gewesen wäre: In Großbritannien betrug der Unterschied zwischen Verkaufspreis und Stückkosten rund 4 Mark je Tonne, in Deutschland hingegen 27 Mark je Tonne. Diese hohe Marge konnte gehalten werden, da der deutsche Zollverein den Markt gegen die ausländische Konkurrenz teilweise abgeschirmt hatte. Erst die erhebliche Kapazitätsausweitung der deutschen Eisen- und Stahlindustrie während|59◄ ►60| der Gründerjahre und die nahezu gleichzeitig erfolgte Abschaffung der Roheisenimportzölle führten zu einer Reduktion der Preis-Kosten-Marge in Deutschland. Die hohen amerikanischen Kosten lassen sich insbesondere auf die niedrige Energieeffizienz der amerikanischen Hersteller zurückführen: Sie verbrauchten ein Drittel mehr Kohle als die britischen Hersteller und Kohle war in den Vereinigten Staaten wesentlich teurer als in England. In Deutschland war zwar Kohle teurer als in den Vereinigten Staaten, aber die Energieeffizienz war deutlich besser. Insgesamt lagen die Energiekosten in Großbritannien 50 und in Deutschland 25 Prozent unter dem amerikanischen Niveau. Darüber hinaus trugen die hohen Löhne in den Vereinigten Staaten erheblich zu den hohen Kosten bei, denn die Lohnkosten waren dort etwa doppelt so hoch wie in Europa. Auf diese Weise lässt sich rund ein Fünftel des Kostenunterschieds mit dem Lohnkostendifferential erklären. Die vergleichsweise hohen Löhne wiederum führten zur stärkeren Substitution von Arbeit durch Kapital bei amerikanischen Firmen. Neue Rohstoffquellen für amerikanische und deutsche Produzenten trugen dann ab den 1890er Jahren zu sinkenden Kosten in beiden Ländern bei. Die verstärkte Verwendung von eisenreichen Magnetiterzen in Deutschland und Amerika führte gegenüber den in England üblichen Hämatiterzen zu Kosteneinsparungen. Gleichzeitig trugen die hohe Energieeffizienz deutscher Hersteller und die niedrigen Kohlepreise in den Vereinigten Staaten zu den fallenden Kosten bei. Die Lohnkosten in den Vereinigten Staaten blieben jedoch deutlich höher als in Deutschland. Kurzum, um 1910 lagen die mittleren Preise für Vorleistungen und Produktionsfaktoren in Großbritannien und den Vereinigten Staaten etwa gleichauf, in Deutschland 17 Prozent unter dem britischen Niveau. Da gleichzeitig die Gesamtfaktorproduktivität in Deutschland und den Vereinigten Staaten das britische Niveau um 15 Prozent übertraf, beliefen sich die deutschen Stückkosten auf lediglich 72 Prozent des britischen und 80 Prozent des amerikanischen Niveaus.

Die in Tabelle T7 ausgewiesenen gravierenden Produktivitätsdifferentiale in der Metall erzeugenden Industrie finden sich somit in einer detaillierten Betrachtung nur teilweise wieder. Berechnet man die relative Arbeitsproduktivität eines britischen Arbeiters im Vergleich zu der eines deutschen anhand der zu Kaufkraftparitäten bewerteten Bruttowertschöpfungen, so gelangt man zu einer Rate von 72 Prozent. Verwendet man hingegen die Produktionsmenge, so gelangt man zu einer Rate von 67 Prozent. Diese entspricht im Großen und Ganzen den in Tabelle T7 ausgewiesenen Werten. Für den Vergleich mit den Vereinigten Staaten führen die beiden Methoden zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die Tonnenproduktivität lag in Amerika bei 120 Prozent des deutschen Niveaus, die Bruttowertschöpfung je Arbeiter allerdings bei 205 Prozent. Dieser Wert wird auch in Tabelle T7 ausgewiesen. Der große Unterschied zwischen den beiden Kennzahlen deutet darauf hin, dass Deutschland und Großbritannien|60◄ ►61| ähnliche Input-Output-Koeffizienten hatten, während die Wertschöpfungsstruktur der amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie davon abwich. Da die Gesamtfaktorproduktivität in Deutschland und den Vereinigten Staaten sehr ähnlich war, dürfte der Vergleich der Bruttowertschöpfungen den Vorsprung der Vereinigten Staaten überzeichnen: Dort waren die Kapitalintensität und damit auch die Kapitalkosten höher als in Deutschland. Ein Nettowertschöpfungsvergleich – und dies wäre die ökonomisch eigentlich relevante Größe – dürfte daher einen geringeren amerikanischen Vorsprung ausweisen.

Kehren wir von der Branchenebene zurück zur Analyse sektoraler Arbeitsproduktivitätsunterschiede und wenden uns der Landwirtschaft zu. Um 1910 waren in Deutschland und den Vereinigten Staaten rund ein Drittel aller Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig, in Großbritannien hingegen nur 12 Prozent. Die Arbeitsproduktivität der deutschen Landwirtschaft betrug lediglich zwei Drittel der Produktivität in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. Ein Blick in sektorspezifische Produktivitätsstudien zeigt jedoch, dass die Angaben zur deutsch-britischen komparativen Arbeitsproduktivität stark davon abhängen, ob man die Bruttowertschöpfung oder die physische Produktionsmenge miteinander vergleicht. Nach dem ersten Konzept war die Arbeitsproduktivität in Großbritannien 28 Prozent höher als in Deutschland, nach dem zweiten Konzept jedoch 75 Prozent, sodass der oben genannte Wert von 49 Prozent etwa in der Mitte liegt.109 Des Weiteren hängt das relative Produktivitätsniveau sehr stark von der Definition des Arbeitseinsatzes ab. Dividiert man nämlich die in Deutschland und Großbritannien erzeugte Gütermenge bzw. die erzielte Bruttowertschöpfung durch die Anzahl der männlichen Arbeitskräfte anstatt durch die Anzahl aller Arbeitskräfte (Männer, Frauen und Kinder), dann zeigt sich, dass die deutsche Landwirtschaft um 1910 mindestens ebenso produktiv war wie die britische Landwirtschaft.110 Dieses engere Arbeitskräftekonzept gibt möglicherweise ein präziseres Bild über die tatsächlich geleistete landwirtschaftliche Arbeit, da Kinder und Frauen möglicherweise stärker anderen Tätigkeiten, beispielsweise in der Hausindustrie, nachgingen. Jedoch sind auch bei diesem Vergleich wieder erhebliche Datenprobleme anzutreffen. Insbesondere für Deutschland herrscht Unsicherheit über den Grad der weiblichen Beschäftigung im Agrarsektor, da sich, so die amtlichen Daten des Kaiserlichen Statistischen Amts, die Frauenerwerbsquote in ländlichen Regionen zwischen 1895 und 1907 |61◄ ►62| von unter 30 auf über 50 Prozent erhöht haben soll.111 Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass der Fragebogen des Zensus von 1907 – im Gegensatz zum 1895 verwendeten Fragebogen – weitaus präziser war, da er auch Angaben über Familienmitglieder, die durchgängig im Betrieb des Familienvorstandes beschäftigt waren, verlangte. Diese mithelfenden Familienangehörigen wurden in den vor 1907 durchgeführten Berufszählungen offensichtlich nur unzureichend erfasst. Andererseits bedeutet die Erfassung der durchgängig im Betrieb Beschäftigten auch, dass nur vorübergehend oder in Teilzeit Beschäftigte explizit ausgeschlossen wurden. Die Division der Wertschöpfung oder Produktionsmenge durch die Anzahl der männlichen Arbeitskräfte impliziert folglich eine falsche Darstellung des tatsächlichen Arbeitseinsatzes.

Wie bereits oben ausgeführt, war das niedrigere Verhältnis von bewirtschafteter Fläche je Arbeiter ein Grund für die niedrigere Arbeitsproduktivität in Deutschland. Ein deutscher Erwerbstätiger in der Landwirtschaft hatte um 1910 rund 6,6 Hektar zur Verfügung, ein britischer 11,4 Hektar und ein amerikanischer 44,1 Hektar. Die Produktivität je Hektar war in Deutschland außergewöhnlich hoch und betrug das 2,3-fache der britischen Bodenproduktivität.112 Gerade im Vergleich zu den Vereinigten Staaten kann somit die relativ niedrige Bodenintensität den Rückstand bei der Arbeitsproduktivität erklären. Betrachtet man die Entwicklung in diesen beiden Staaten zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg, so zeigt sich, dass in den Vereinigten Staaten 40 Prozent des Produktionswachstums in der Landwirtschaft auf zusätzlichen Arbeitseinsatz, 31 Prozent auf zusätzlichen Kapitaleinsatz und 29 Prozent auf eine höhere Gesamtfaktorproduktivität zurückgeführt werden können. In Deutschland hingegen können 59 Prozent des Produktionswachstums mit einer gesteigerte Gesamtfaktorproduktivität, allerdings nur 20 bzw. 21 Prozent mit erhöhtem Arbeits- bzw. Kapitaleinsatz begründet werden.113 In allen Länder kann man die gesteigerte Gesamtfaktorproduktivität wiederum mit den Erfolgen des technischen Fortschritts erklären: beispielsweise mit dem Einsatz verbesserter Pflüge oder der zunehmenden Mechanisierung von Sä-, Mäh- und Dreschvorgängen. Diese arbeitssparenden Erfindungen wurden zunächst in Nordamerika und Großbritannien eingesetzt, da dort Arbeitskräfte relativ knapp waren bzw. der gewerbliche Sektor stärker um sie konkurrierte. Besonders schnell stieg in Deutschland hingegen der Dünger- und Kunstdüngereinsatz, wodurch die Bodenproduktivität stieg. Der technische Fortschritt konzentrierte sich somit auch in Deutschland auf die Vermehrung des knappen Faktors Boden. Insbesondere |62◄ ►63| der verstärkte Anbau von Kartoffeln und Zuckerrüben veränderte die deutsche Landwirtschaft im internationalen Vergleich nachhaltig. Da die Saat- und Erntezeiten für diese Früchte später im Jahr liegen, überschnitten sie sich mit der Haltung von Tieren auf den Allmenden. Als Konsequenz wurden die Allmenden nach und nach abgeschafft und in effizienter genutztes Privateigentum überführt. Zudem benötigen Kartoffeln und Zuckerrüben andere Bodennährstoffe, weshalb die Fruchtfolge geändert und bisher nicht genutzte sandige Böden für die Landwirtschaft erschlossen werden konnten. Darüber hinaus wurden gerade Zuckerrüben oft durch Pilze und Insekten befallen und ihr zunehmender Anbau förderte daher den Ausbau der Pflanzenschutzforschung, der langfristig auch anderen Pflanzen zugute kam. Fernerhin wurden Kali, Nitrat und Ammoniumsulfat stärker als in anderen Ländern als Dünger eingesetzt. Insbesondere nachdem die Eisenindustrie verstärkt phosphorhaltige schwedische Eisenerze verwendete, stand zudem Phosphat in der Form von Thomasschlacke als Dünger zur Verfügung. Schließlich erlaubte der Kunstdüngereinsatz eine zunehmende Arbeitsteilung innerhalb der Landwirtschaft, da zuvor Art und Anzahl der gehaltenen Tiere die Düngermenge bestimmt hatte. Nun konnten tierische und pflanzliche landwirtschaftliche Produktion getrennt werden.114

Neben der Arbeits- und Gesamtfaktorproduktivität können auch Löhne international miteinander verglichen werden. Diese Art des Vergleichs ist bisher in der Forschungsliteratur wenig beachtet, kann jedoch aus methodischer Sicht ebenso wie der Produktivitätsvergleich vorgenommen werden: Die erzielten Arbeitseinkommen müssen zunächst mit Hilfe von Kaufkraftparitäten in eine einheitliche Währung umgerechnet und können dann zueinander in Beziehung gesetzt werden. Beim internationalen Vergleich von Reallöhnen ist zu beachten, dass die für die einbezogenen Länder verwendeten Lohnreihen eine identische Gruppe von Erwerbstätigen abbilden. Ferner ist darauf zu achten, dass die zur Umrechnung von Nominal- in Reallöhne benutzen Preisindizes die tatsächlich konsumierten Güter in den jeweiligen Ländern widerspiegeln. Ebenso gilt, dass, – zumindest wenn eine lange Periode untersucht wird – der zur Berechnung der Kaufkraftparitäten zwischen den Ländern und zur Ermittlung des Konsumentenpreisindex innerhalb der Länder zugrunde liegende Warenkorb an die aktuellen Ausgabenstrukturen der Lohnempfänger angepasst wird.115 Für einen internationalen Reallohnvergleich wurden Nominallöhne für vollzeitbeschäftigte Erwerbstätige in der Landwirtschaft, der Industrie und im Dienstleitungssektor erhoben und mit Hilfe von Kaufkraftparitäten in eine gemeinsame Währung transformiert.116 Die Kaufkraftparitäten beruhen auf deutschen und britischen |63◄ ►64| Haushaltsbudgets für das Jahr 1905, wobei der Warenkorb 18 Güter sowie deren Preise in den beiden Ländern und den Anteil dieser Güter an den Haushaltsausgaben umfasst. Beispielsweise gaben deutsche Haushalte 0,6 Prozent ihres Budgets für Tee und 5,5 Prozent für Kaffee aus. Britische Haushalte hingegen gaben vier Prozent ihres Budgets für Tee und 1,4 Prozent für Kaffee aus. Da Tee in Deutschland 2,31 Mark und in England 18 Pence kostete, betrug die Kaufkraftparität für Tee 30,80 Mark je Pfund. Kaffee hingegen kostete 93,6 Pfennige in Deutschland und 18,20 Pence in England, sodass die Kaufkraftparität 12,34 Mark je Pfund betrug. Gewichtet man die Kaufkraftparitäten für die beiden Güter mit dem geometrischen Mittel der Ausgabenanteile in den beiden Staaten, dann ergibt sich eine Kaufkraftparität für Genussmittel von 18,95 Mark pro Pfund. Für die anderen Konsumgüter geht man ebenso vor und schließlich ergibt sich für das gesamte Konsumgüterbündel eine Kaufkraftparität im Jahre 1905 von 20,62 Mark je Pfund. Diese liegt sowohl nahe an der oben vorgestellten Kaufkraftparität aus Sicht der Produzenten als auch am offiziellen Wechselkurs von 20,43 Mark je Pfund. Tabelle T8 präsentiert die deutschen und britischen Nominallöhne im Jahre 1905 für sieben Branchen und die gesamte Volkswirtschaft sowie die realen Kaufkraftverhältnisse der Löhne. Schließlich zeigt die rechte Spalte in Form der relativen Lohnstückkosten das Verhältnis zwischen Lohn und Leistung, d.h. das Verhältnis von relativen deutsch-britischen Reallöhnen zur relativen deutsch-britischen Arbeitsproduktivität.

Tabelle T8: Löhne in Deutschland und England


Quelle: Broadberry / Burhop, Real wages.

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In fast allen Branchen wurde in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts weniger verdient als in Großbritannien. Ausnahmen von dieser Regel waren lediglich der öffentliche Dienst und der sich größtenteils im Staatsbesitz befindliche Verkehrs- und Kommunikationssektor mit Eisenbahnen und Post. Besonders niedrig waren die Löhne in der Landwirtschaft, im Handel, bei Banken und Versicherungen. Da dies jedoch Branchen mit vergleichsweise niedriger Arbeitsproduktivität waren, entsprachen Lohn und Leistung einander. Die Lohnstückkosten waren etwa gleichauf mit denen in England. Im deutschen Transportsektor war die Arbeitsproduktivität sehr hoch, weshalb die Lohnstückkosten sich hier als sehr niedrig erwiesen. Ebenfalls sehr niedrige Lohnstückkosten hatten das Baugewerbe und die Industrie. Die relativ hohe Arbeitsproduktivität der deutschen Industrie ging mit vergleichsweise niedrigen Löhnen einher. Ihre hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit kann also zumindest teilweise den niedrigen Löhnen zugeschrieben werden. Es ist allgemein anerkannt, dass Deutschland vor allem in der frühen Phase der Industrialisierung aufgrund von niedrigen Löhnen international konkurrenzfähig war,117 für die Zeit um die Jahrhundertwende wird die Wettbewerbsfähigkeit dagegen der deutschen Industrie vor allem mit der hohen Innovationskraft in der Chemie-, Elektro- und Maschinenbauindustrie begründet.118 Gleichwohl deuten die Ergebnisse in Tabelle T8 darauf hin, dass niedrige Industrielöhne bis zum Ersten Weltkrieg entscheidend zum Aufstieg Deutschlands auf dem Weltmarkt beitrugen.

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V. Die Konjunktur

Ebenso wie in der Gegenwart wuchs auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Wirtschaft nicht stetig, sondern unterlag temporären Schwankungen um den langfristigen Wachstumstrend. Dieser Trend wird in der Terminologie der modernen Volkswirtschaftslehre als Konjunktur bezeichnet. Bisher hat die Volkswirtschaftslehre weder eine generell anerkannte Theorie noch eine allgemeine akzeptierte Messmethode für Konjunkturschwankungen entwickelt. Daher muss die Konjunkturgeschichtsschreibung zunächst allgemein eine Entscheidung über Theorien treffen, da deren Gültigkeit sehr unsicher ist. Erst vor diesem Hintergrund kann sie den Konjunkturverlauf interpretieren. Drei Arten von Konjunkturtheorien können grundsätzlich unterschieden werden. Erstens ontologische Theorien, die der Feststellung des Erkenntnisobjekts dienen. Wenn man beispielsweise davon ausgeht, dass der private Sektor einer kapitalistischen Wirtschaft inhärent stabil ist, dann bietet sich eine stochastische Konjunkturtheorie an, denn die beobachteten Schwankungen entstehen zufällig und nicht aufgrund der der kapitalistischen Wirtschaft innewohnenden Charakteristika. Zweitens gibt es Kausaltheorien, die für die Erforschung der Ursachen und Wirkungen von Konjunkturzyklen entworfen wurden. Drittens sind methodologische Theorien anzuführen, die sich vor allem damit beschäftigen, welche Indikatoren zur Messung von Konjunkturzyklen verwendet werden sollten und wie die statistische Modellierung der Zyklen vorzunehmen sei.119 Die moderne Volkswirtschaftslehre benennt drei wesentliche stilisierte Fakten der Konjunktur. Erstens folgen die Zyklen keinem einfachen regulären Muster. Zweitens verhalten sich die Komponenten des Sozialprodukts sehr unterschiedlich während des Zyklus. Die Schwankung wird hauptsächlich von den Investitionen verursacht, der Konsum bleibt mehr oder weniger konstant. Drittens verlaufen Abschwünge schneller als Aufschwünge. Die Konjunktur ist, wie sich zeigt, ein schwer zu fassendes Phänomen; daher gibt es verschiedene theoretische Ansätze zu ihrer Erklärung. Die Theorie der realen Konjunkturzyklen schreibt in ihrer einfachsten Fassung Schwankungen der realwirtschaftlichen Aktivität vollständig zufälligen Variationen des technischen Wissens zu. Gemäß dieser Theorie befindet sich die Wirtschaft stets im Optimum, sodass eine staatliche Konjunkturpolitik nicht notwendig ist. Dem stehen keynesianische Konjunkturmodelle gegenüber, die Raum für aktive Konjunkturpolitik lassen, denn danach lassen sich Schwankungen der privat- und außenwirtschaftlichen Nachfragekomponenten des Sozialprodukts durch geld- und fiskalpolitische Maßnahmen beeinflussen. Darüber |67◄ ►68| hinaus gibt es deterministische Konjunkturtheorien, denen ein bestimmter, determinierter Prozess zugrunde liegt. Ein Beispiel sind Überinvestitionstheorien: Wenn die Investitionen zu hoch waren, dann sinkt die Kapazitätsauslastung und die Unternehmen versuchen den Absatz durch niedrigere Preise anzukurbeln. Die für die Niedrigpreispolitik notwendigen Kostenreduktionen gehen mit Entlassungen und Lohnsenkungen einher. Wenn die Kosten und Preise ausreichend gefallen sind, dann steigen Absatzmengen und Kapazitätsauslastung wieder an und die Investitionen nehmen zu. Ein neuer Zyklus beginnt. Ein Blick in die Literatur zur historischen Konjunkturforschung zeigt, dass älteren Darstellungen eine deterministische Konjunkturtheorie zugrunde liegt. Demgegenüber basieren neue Arbeiten auf der Theorie der realen Konjunkturzyklen. Daher fällt es schwer, die Ergebnisse der historischen Konjunkturforschung zusammenzuführen.

Die Probleme, die aus dieser vielschichtigen theoretischen Unsicherheit für die historische Interpretation von Konjunkturen resultieren, seien an einem Beispiel verdeutlicht. Wenn man die vier traditionellen Zeitreihen des deutschen Sozialprodukts für die Jahre 1851 bis 1913 mit vier verschiedenen statistischen Methoden in eine Wachstums- und eine Konjunkturkomponente zerlegt, dann ergeben sich 16 unterschiedliche Konjunkturverläufe, von denen nur einer mit der typischen historischen Interpretation übereinstimmt.120 Die Sozialproduktreihen wurden mit Hilfe von statistischen Methoden aufgesplittet in eine Trendkomponente, die das langfristige Normalwachstum der Wirtschaft abbildet, und in eine Konjunkturkomponente, die die Abweichung des Sozialprodukts in einem Jahr vom langfristig erwarteten Wert widerspiegelt. Der Untersuchungsgegenstand der Konjunkturforschung ist somit eine Restgröße, die von der zugrunde liegenden statistischen Annahme über den Verlauf des Wachstumsprozesses abhängt. Dieser Wachstumsprozess wird mit Hilfe von vier verschiedenen statistischen Modellen dargestellt.121 Im ersten Fall – und dies ist das traditionelle Verfahren – geht man davon aus, dass die Wirtschaft langfristig mit einer konstanten Rate wuchs (lineares Trendmodell). Im zweiten Fall wird vorausgesetzt, dass die Wirtschaft zwar prinzipiell mit einer konstanten Rate wuchs, sich diese Wachstumsrate aber einmal im Verlauf der Jahre 1851 bis 1913 änderte. Dabei verwendet man ein lineares Modell mit Strukturbruch. Dass auch das langfristige Wirtschaftswachstum Schwankungen unterliegt, die nicht zur Konjunkturkomponente gehören, ist der dritte Fall. Im vierten und letzten Fall wird angenommen, dass es neben den langfristigen Wachstumsschwankungen immer |68◄ ►69| auch kurzfristige stochastische Schwankungen gab, die nicht zur Konjunktur gehörten. Insbesondere nimmt man an, dass nur Schwankungen im Spektrum von zwei bis acht Jahren zur konjunkturellen Komponente zählen. Fraglich ist nun, ob die typische historische Interpretation dem tatsächlichen Konjunkturverlauf entspricht oder ob sich diese Interpretation durchgesetzt hat, weil sie auf einem besonders einfachen statistischen Verfahren beruht, denn die Daten- und Methodenwahl beeinflusst die historische Interpretation substanziell.122

Das sei an zwei in der allgemeinhistorischen Literatur diskutierten konjunkturellen Phänomenen verdeutlicht: der »Gründerzeit« (1870–1879) und der »Großen Depression« (1873–1896). Um die Zeit der Reichsgründung kam es, so die übliche Auffassung, zu einem starken wirtschaftlichen Aufschwung, der durch die positive Stimmung nach der Nationalstaatsgründung, durch die Liberalisierung des Aktienrechts wie auch durch den Zufluss einer erheblichen französischen Reparation nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich (1870/71) angetrieben wurde. Die Phase der Börsenspekulation mit gleichzeitig hohen Investitionen endete 1873 mit einem Börsenkrach und wurde von einer Phase der realwirtschaftlichen Stagnation mit fallenden Preisen und einer Phase langsamen Wachstums bis 1895 abgelöst.123 Tatsächlich findet man, unabhängig von der verwendeten Reihe des Sozialprodukts, eine lang anhaltende Rezession, die irgendwann in den 1870er Jahren begann und Mitte der 1890er Jahre endete, sofern man ein lineares Trendmodell für das langfristige Wirtschaftswachstum unterstellt. Für fast alle anderen Trend-Zyklus-Dekompositionen findet man die »Große Depression« jedoch nicht, weswegen diese Interpretation der Geschichte davon abhängt, ob das langfristige wirtschaftliche Wachstum einem stabilen Trend folgte. Lässt man beispielsweise einen Strukturbruch im langfristigen Wachstumsverlauf zu, dann zeigt sich, dass die deutsche Wirtschaft im Verlauf der 1870er Jahre auf einen höheren Wachstumspfad einschwenkte, was mit der These einer jahrzehntelangen Depression nur schwer in Einklang zu bringen ist.124 Auch eine eindeutige Datierung der »Gründerkrise« von 1873 fällt schwer, wenn man sich einzig auf die zyklische Komponente des Sozialprodukts stützt.125 Bereits ein einfacher Vergleich des aus verschiedenen Reihen berechneten realen Wachstums der deutschen Wirtschaft zwischen 1870 und 1874 zeigt, dass die zugrunde liegenden Daten für die historische Konjunkturforschung ungeeignet |69◄ ►70| sind: Einerseits weist die Verwendungsrechnung von Hoffmann ein reales Wachstum von 26 Prozent aus. Andererseits zeigt die Verteilungsrechnung von Hoffmann / Müller eine reale Schrumpfung von 5 Prozent. Unabhängig von der verwendeten Methode belegt die Verwendungsrechnung nach Hoffmann eine Prosperitätsphase von 1872 bis 1874. Diese Datierung entspricht der traditionellen Geschichtsschreibung. Verwendet man aber andere Daten oder Methoden, dann ergibt sich ein anderer Zyklus: Mal findet man einen Aufschwung in den Jahren 1873 und 1874, mal in den Jahren von 1873 bis 1876. Zusammenfassend kann man feststellen, dass mit Hilfe von gesamtwirtschaftlichen Daten und eindimensionalen statistischen Verfahren eine Konjunkturbeschreibung unmöglich ist.

Möglicherweise kann die moderne Konjunkturforschung bei der Auswahl der richtigen Zeitreihe des Sozialprodukts helfen.126 Als Auswahlkriterium dafür bietet sich die Frequenzkorrelation der zyklischen Komponente einer Reihe des Sozialprodukts mit der zyklischen Komponente eines Aktienindex an, da es aus der modernen Konjunkturforschung theoretische und empirische Evidenz dafür gibt, dass sich die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in der Entwicklung des Aktienmarktes sehr gut widerspiegelt.127 Wenn man annimmt, dass dieser Zusammenhang auch im Kaiserreich gegolten hat, dann kann man, da für die Aktienmarktentwicklung wesentlich zuverlässigere Daten vorliegen, anhand der Zyklen des Aktienmarktes auf die Zyklen der Gesamtwirtschaft zurück schließen. Tatsächlich zeigt sich, dass die zyklische Komponente der Verteilungsrechnung die höchste Frequenzkorrelation mit der zyklischen Komponente des historischen deutschen Aktienindex aufweist.128 Weiterhin ist die Frequenzkorrelation der Lohnzyklen mit den Aktienkurszyklen sehr hoch, sodass Schwankungen der nominalen Aktienkursentwicklung gemeinsam mit Schwankungen der Nominallöhne genutzt werden können, um die gesamtwirtschaftliche Konjunktur zu datieren. 129 Nach dieser Methode zeigt sich die Existenz eines Aufschwungs nach der Reichsgründung, der 1873 seinen Höhepunkt erreichte und dem eine Rezession bis 1878 folgte. Diese Rezession leitete jedoch keine »Große Depression« ein, da es auch in den folgenden Jahren zwei Konjunkturzyklen gab, nämlich |70◄ ►71| von 1878 bis 1887 und von 1887 bis 1894, mit Konjunkturspitzen in den Jahren 1882 und 1890. Bis zum Ersten Weltkrieg folgten zwei weitere Konjunkturzyklen, nämlich von 1894 bis 1902, mit der Konjunkturspitze im Jahre 1900, und von 1902 bis 1908, mit der Konjunkturspitze um die Jahreswende 1905/06. Der 1908 beginnende Aufschwung erreichte seinen Höhepunkt im Jahre 1911. Das Ende dieses Zyklus wurde vor Kriegsausbruch nicht mehr erreicht.130

Ein alternativer methodologischer Ansatz zur Konjunkturdatierung, der möglicherweise ein zutreffenderes, aber vor allem ein differenzierteres Bild der wirtschaftlichen Schwankungen zutage fördert, basiert auf Diffusionsindizes und verwandten Verfahren. Diese Verfahren verwenden nicht das Sozialprodukt als eindimensionales Maß für Konjunkturphänomene, sondern sie beruhen auf einer Vielzahl wirtschaftlicher und wirtschaftsbezogener Zeitreihen. Hierzu zählen beispielsweise die Anzahl der Konkurse, die Höhe des Privatdiskontsatzes für kurzfristige Wechselkredite, das Niveau der Großhandelspreise für Industrie-und Agrarrohstoffe, die Menge der Roheisenproduktion und die Menge der Baumwollgarnproduktion.131

Im einfachsten Fall wird für jede einbezogene Zeitreihe geprüft, ob sie während einer Periode eine positive oder negative Konjunkturentwicklung indiziert. So wird ein Anstieg der Roheisenproduktion als ein positives Zeichen, ein Anstieg der Konkurse hingegen als ein negatives Zeichen angesehen. Werden die positiven Signale mit dem Wert »1«, die negativen Signale mit dem Wert »–1« belegt und wird anschließend die Summe der Signale gebildet, dann kann ein sogenannter Diffusionsindex berechnet werden. Die Veränderung des Diffusionsindex zwischen zwei Zeitpunkten wird dann als Indikator für die konjunkturelle Entwicklung verwendet. Solange der Diffusionsindex steigt, befindet sich die Ökonomie in einer Prosperitätsphase, wenn der Diffusionsindex fällt, befindet sich die Wirtschaft in einer Depressionsphase.

Ein aus 16 Zeitreihen für die Jahre 1820 bis 1913 berechneter Diffusionsindex zeigt – wenn man die Betrachtung auf die Zeit des Kaiserreichs begrenzt – sechs Konjunkturzyklen.132 Der längste, aber im Jahresdurchschnitt mit schwacher Expansionskraft ausgestattete Aufschwung begann 1866 und endete 1879, mit Höhepunkt im Jahre 1872. Darauf folgte ein Konjunkturzyklus von 1879 bis 1886, der allerdings bereits 1880 seinen Höhepunkt erreichte. Auf diesen folgte von 1886 bis 1892 ein weiterer Zyklus mit dem oberen Wendepunkt im Jahre 1890. Nun folgte der lange und kräftige, die Jahre 1892 bis 1901 umfassende Konjunkturzyklus, der seinen Höhepunkt im Jahre 1896 hatte. Einen weiteren Zyklus |71◄ ►72| mit oberem Wendepunkt im Jahre 1907 bildeten die Jahre 1901 bis 1908. Der letzte Zyklus begann 1908, erreichte seinen oberen Wendepunkt 1912 und konnte aufgrund des Kriegsausbruchs im August 1914 seinen eigentlich zu erwartenden unteren Wendepunkt nicht mehr erreichen.

In methodologischer Hinsicht wurden Diffusionsindizes in zwei Richtungen weiterentwickelt: Erstens wurde die Frequenz der Daten soweit als möglich erhöht, sodass eine genauere Datierung von Konjunkturwendepunkten möglich wurde. Zweitens wurden die verhältnismäßig einfachen Berechnungsmethoden durch moderne zeitreihenökonometrische Verfahren ergänzt. Eine auf der Zeitachse präzisere Datierung konjunktureller Wendepunkte mit Hilfe monatlicher Daten wurde für den Zeitraum Januar 1895 bis Juni 1914 vorgenommen.133 Dazu wurden die Originalreihen zunächst um saisonale Effekte bereinigt, zu denen beispielsweise der witterungsbedingte Niedergang des Baugewerbes im Winter zu rechnen ist. Anschließend wurden sie standardisiert, d. h., alle Werte werden auf das durchschnittliche Niveau und die durchschnittliche Schwankungsstärke der zugrunde liegenden Variable korrigiert und abschließend aggregiert. Die Aggregation standardisierter Variablen zur Referenzkurve berücksichtigt insbesondere nicht nur das Vorzeichen – wie der herkömmliche Diffusionsindex –, sondern auch die Stärke der Bewegung. Mit der Referenzkurve kann somit nicht nur die Richtung, sondern auch die Intensität einer konjunkturellen Entwicklung erfasst werden.134 Die Referenzkurve aus 21 monatlich vorliegenden Zeitreihen, die hauptsächlich die Produktion oder den Transport von schwerindustriellen Gütern (sechs Reihen) und Finanzmarktdaten (sechs Reihen), die allgemeine Güterpreisbewegung, die gesamtwirtschaftliche Beschäftigungssituation sowie den Außenhandel umfassen, zeigt, dass es zwischen Anfang 1895 und Mitte 1914 drei Konjunkturzyklen in Deutschland gab:135 Der erste Zyklus begann spätestens Anfang 1895, endete im Frühjahr 1902 und hatte seinen oberen Wendepunkt im März 1900. Der zweite dauerte vom Frühjahr 1902 bis zum Jahresanfang 1909, wobei der Höhepunkt im Juli 1907 lag. Der dritte Zyklus schließlich begann Anfang 1909 und endete im Herbst 1913, mit seinem Höhepunkt im Februar 1913.136 Diese Ergebnisse zeigen, dass die Zyklen im Zeitablauf kürzer und schwächer wurden. Der erste Zyklus dauerte 87 Monate, der zweite 84 Monate und der dritte nur noch 60 Monate.137 Ferner sei darauf hingewiesen, dass sich insbesondere die Krise von 1901 durch eine besondere Schärfe und Tiefe auszeichnet: |72◄ ►73| Nach dem konjunkturellen Höhepunkt ging es besonders schnell und besonders tief ins Konjunkturtal.138

Der bisherige Schlusspunkt der deutschlandbezogenen Konjunkturforschung wertet im Wesentlichen die von Reinhard Spree während der 1970er Jahre zusammengetragenen, auf jährlicher Frequenz vorliegenden Datenreihen mit einer innovativen statistischen Methode, den sogenannten dynamischen Faktormodellen, erneut aus.139 Dynamische Faktormodelle gehen davon aus, dass die Bewegung wirtschaftlicher Zeitreihen durch individuelle, nur für einzelne Zeitreihen gültige Faktoren und einen gemeinsamen, für alle Zeitreihen gültigen Faktor modelliert werden kann. Dieser gemeinsame Faktor bildet, sofern die zugrunde liegenden Reihen um den langfristigen Wachstumstrend bereinigt und die Residuen standardisiert worden sind, den Konjunkturzyklus ab. Im Unterschied zur Berechnung von Diffusionsindizes, werden die Gewichte, die jeder Zeitreihe bei der Bestimmung der gesamtwirtschaftlichen Konjunktur zukommen, endogen, aus dem Verlauf der Zeitreihen, bestimmt. Man gibt also kein Aggregationsschema vor, sondern ermittelt dieses aus den Daten selbst. Mit diesem Verfahren ergeben sich – von unterem Wendepunkt zu unterem Wendepunkt – fünf Konjunkturzyklen für den Zeitraum des Kaiserreichs: 1870–1879 mit dem Höhepunkt im Jahre 1873; 1879–1886 mit dem Höhepunkt im Jahre 1882; 1886–1895 mit dem Höhepunkt im Jahre 1890; 1895–1902 mit dem Höhepunkt im Jahre 1900; 1902–1911 mit dem Höhepunkt im Jahre 1907.140

Wenn man die drei auf breiter Datenbasis beruhenden, neueren konjunkturhistorischen Untersuchungen hinsichtlich der aus ihnen resultierenden Konjunkturdatierung nebeneinanderstellt (siehe Tabelle T9), dann offenbaren sich mehrere widersprüchliche Ergebnisse. Zwei wesentliche Probleme fallen ins Auge: Zunächst ist fraglich, ob der Aufschwung der Reichsgründungszeit bereits 1866 oder erst 1870 begann. Die erste Auffassung wird von Spree vertreten, die zweite vertreten auf gleicher Datenbasis, aber mit anderer Methode Saferaz / Uebele. Zusätzlich ist strittig, ob es einen lang anhaltenden Aufschwung von 1892 bis 1901 (Spree) oder nur einen kürzeren Aufschwung von 1895 bis 1902 (Saferaz / Uebele) gab. Die Arbeit von Grabas kann hinsichtlich des Anfangszeitpunkts nicht weiterhelfen, da ihre Datenbasis erst 1895 beginnt. Allerdings sieht auch Grabas ebenso wie Saferaz / Uebele den Konjunkturhöhepunkt im Jahre 1901 und nicht bereits 1896, wie von Spree vermutet.141

Zusammenfassend lässt sich immerhin feststellen, dass es im Kaiserreich sechs Konjunkturzyklen gab. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Frage nach der Datierung von Konjunkturzyklen die strukturelle Erklärung von Konjunkturschwankungen |73◄ ►74| in den Hintergrund gedrängt hat. Wir wissen zwar, dass es Anfang der 1870er Jahre einen starken Gründeraufschwung gab, ob dieser aber durch finanzielle Faktoren (Reparationszahlungen, Börsenkrach) eingeleitet und beendet wurde oder es sich um eine schwerindustriell dominierte Überinvestitionskrise handelte, ist nach wie vor offen. Auch der zweite starke Konjunktureinbruch im Jahre 1901 kann einerseits einer Finanzkrise, aber andererseits auch einer Überinvestitionskrise – diesmal in der Elektroindustrie – zugeschrieben werden.

Tabelle T9: Konjunkturzyklen im Kaiserreich


Neben der Datierung der gesamtwirtschaftlichen Zyklen werfen Diffusionsindizes auch Licht auf die sektorale Entwicklung. Beispielsweise stellt sich heraus, dass der Agrarsektor bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Konjunkturführerschaft verloren hatte. In Deutschland war in konjunktureller Hinsicht bereits eine moderne Industriewirtschaft entstanden.142 Allerdings ist zu bedenken, dass landwirtschaftliche Zyklen nach wie vor sehr gewichtig waren, auch wenn sie nicht mehr die gesamtwirtschaftlichen Zyklen beeinflussen konnten. Darüber hinaus können gerade in der Landwirtschaft zufällige Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität auftreten und sich von dort aus in die Gesamtwirtschaft fortpflanzen. In Deutschland wurden zwischen der Mitte des 19. und dem frühen 20. Jahrhundert rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Produktionsschwankungen durch zufällige Variationen von Temperatur und Niederschlag verursacht. Deshalb können, da die Landwirtschaft einen großen, wenn auch fallenden Anteil an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung hatte, wesentliche Anteile der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsvariation auf das Wetter zurückgeführt werden. Vor 1890 verursachte das Wetter Wachstumsschwankungen von |74◄ ►75| rund einem Prozent des Sozialprodukts, nach 1890 von immerhin noch einem halben Prozent.143 Fernerhin kann man einzelne Konjunkturzyklen mit der Entwicklung bestimmter Wirtschaftszweige in Verbindung bringen. Aufschwung und Abschwung der 1870er Jahre können so mit Entwicklungen in der Schwerindustrie in Zusammenhang gebracht werden. Der Einfluss anderer Faktoren trat in den Hintergrund, in diesem Fall die immensen französischen Reparationszahlungen, da die Reparationen frühestens Ende 1872 in den Wirtschaftskreislauf gelangten.144 Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der obere Wendepunkt der Konjunktur bereits erreicht war. Die Schwerindustrie hingegen befand sich seit 1868 in einem sich selbst verstärkenden Aufschwung, da die kapazitätserweiternden Investitionen in neue Produktionsanlagen zunächst die Nachfrage nach schwerindustriellen Produkten erhöhte. Nachdem die neuen Produktionsanlagen ihre Produktion aufgenommen hatten, verfielen jedoch die Preise und damit auch die Gewinne deutlich.145 Bei der Gründerkrise handelte es sich nach dieser Auffassung um eine klassische Überinvestitionskrise.

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