Kitabı oxu: «Ändere deine Welt»
Cédric Herrou
mit Marion Gachet Dieuzeide und Michel Henry
Ändere deine Welt
Wie ein Bauer zum Fluchthelfer wurde
Mit einem Vorwort von Jean-Marie Gustave Le Clézio
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Andrea Stephani
Rotpunktverlag
Dieses Buch erscheint mit der freundlichen Unterstützung der Paul Grüninger Stiftung.
Der Verlag bedankt sich dafür.
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
Die Originalausgabe ist 2020 unter dem Titel Change ton monde bei Editions Les Liens qui Libèrent in Paris erschienen.
© 2020 Editions Les Liens qui Libèrent, Paris
© 2022 Rotpunktverlag, Zürichfür die deutschsprachige Ausgabe
www.rotpunktverlag.ch
Umschlagfoto: Bertrand Gaudillère
Autorenporträt: Rebecca Marshall
eISBN: 978-3-85869-953-4
1. Auflage 2022

Inhalt
Vorwort
1. Primavera
2. Mein erstes Mal
3. Persona non grata
Der »autorisierte« Checkpoint
Das Gefühl, etwas nicht zu Ende gebracht zu haben
4. Zweifeln
Afrika
Hüttenträume
Dschungel
5. Die Kirche Sant’Antonio
Unnötige Risiken
Wohnwagen
6. Das aufgegebene Royatal
Ungehorsam sein
7. Meine »Mission«
Einfach wie Hubert
8. Petit Bouddha
9. Olivenfest
10. Kalt und pragmatisch
Staatlicher Rassismus
Aufnahmekrise
11. Über die Grenze
Vorausfahrzeug
Es funktioniert
12. Schleuser
Rechenaufgabe
Bullen und Prostitution
13. Die Lage kippt
Schneller machen
14. Zurück zum Ausgangspunkt
Plemplem
15. Demütigen
»Ist das hier ein Familienbetrieb?«
Frei!
Humanitäre Immunität
16. Der Panzer
Apnoetauchen
Die Tragödie der »Dublin-Flüchtlinge«
Fingerabdrücke
17. »Three days!«
Ein spezielles Departement
Die Unsichtbaren
Die sechs Unzertrennlichen
18. Das Arianeviertel
Soso, der Rebell
Gesichtskontrollen
19. Milet, ein Tod zu viel
20. Nicht nur Gehässigkeit und Denunziation
Die Tränen des Gendarmen
Mit den Medien zusammenarbeiten
21. Die amerikanische Zeitung
Der Medienkrieg
»Du bist erledigt, kaputt, dead!«
22. »Help me!«
Campingplatz Cédric Herrou (CCH)
23. Paranoid
24. Wir besetzen Les Lucioles
Rausschmuggeln
25. Ende der Immunität
»Polizeigewahrsam, Cédric!«
Keine Immunität
26. »Côte-d’Azur-Bürger des Jahres«
Vergebliche Klage
27. Der Prozess
28. Ein Sieg für die Minderjährigen
Erfolgreiche Einsprache beim Richter
29. Feinde der Republik
Die Roya-Opas und -Oma
30. Der Brief an den Staatsanwalt
Florent
31. Die Schöne mit dem strahlenden Lächeln
Unmögliche Gleichheit
Missbrauch durch Freiwillige
32. Asyl, hast du es geschafft?
Der Auslöser
Sieg vor dem Verwaltungsgericht
Eine kleine Zugfahrt
»No good!«
33. Der gesetzlose Präfekt
Das Recht ist mit uns
34. Campingplatz Unterpräfektur
Die Rolle der Frauen
Roya Citoyenne
Doktor XY
35. Die zwei Cédric
Meine Geschichte verkauft sich
Medienrummel oder Information?
36. Der lange Marsch
»Vielleicht könnte sich der Präfekt ein Vorbild nehmen«
»Zu Fuß? Aber wie soll das gehen?«
Brennende Füße
37. Hochsicherheitscamping
Jagd auf Schatten
Niederlage vor Gericht
Der Streich mit dem Absperrband
38. Die Falle
Die Sperren verschwinden
Ausweispapiere made in La Roya
Die morgendliche Prozession
39. Die Razzia in Cannes
Das Eiserne Kreuz
Zias Lektion in Sachen Recht
40. Zusammengepfercht wie Vieh
»Ihr hättet aufräumen können!«
Fake Scoop
41. Vorgeladene Kunden und Peilsender
Peilsender
»Störung der öffentlichen Ordnung«
42. Ein »Fürstentum« in Gefahr
Verbissener Angriff auf Martine Landry
43. Der Hütten-Jackpot
Blockiertes Geld
44. Humanitäre Touristen
45. Ein schick angezogener Schleuser
Denunziation und Bedauern
»Das wahre Wesen von Herrou«
Die widersprüchlichen Aussagen von Monsieur Waxaaley
46. Die Niedergeschlagenheit der shebabs
Babakars Albträume
Seelische Zusammenbrüche
47. Ismaël oder die libysche Hölle
Kentern
Das Meer begräbt alles
48. Gesetzlich anerkannte Brüderlichkeit
49. Die Erfindung einer »Gegenleistung für Aktivisten«
Der Fall Les Lucioles
»Strafe zur Mahnung«
50. »Juristische Belästigung«
»Ist es vielleicht dumm und altmodisch, das zu sagen?«
Schluss mit der »Gegenleistung für Aktivisten«
51. Libre, der Film
Bordkamera
Beim Festival von Cannes
Auf den Stufen
Standing Ovations
52. Emmaüs Roya
Ein legaler Status
»Hilf mir helfen!«
Sich einordnen
53. Das Land den Bauern
Bauerntrampel und Nichtsnutze
Zehn Tonnen
Mit Regeln leben
Elfter Polizeigewahrsam
54. Das Bol d’air
Platanenholzweg
Das Gegenteil von Utopie
55. Ändere deine Welt
Enttäuschungen
Fokussierung
Fragen
Ausbeutung
Ansteckung
Konsum
Übergang
Vorwort
Als Cédric Herrou im Frühjahr 2016 auf dem Heimweg von Ventimiglia zu seinem Hof in Breil-sur-Roya ist, fährt er an einer afrikanischen Familie vorbei, die am Straßenrand entlangläuft. Er kehrt um, lässt die Familie einsteigen und nimmt sie mit nach Hause, bis er sie am nächsten Tag in den Zug setzen kann. In den Augen der Eltern liest er Angst, Erwartung, Beklommenheit, auch einen Hilferuf und in denen der Kinder Entschlossenheit, jugendliche Selbstsicherheit und die Erfahrung des Schmerzes. Ihre Blicke treffen ihn unmittelbar ins Herz, und so lässt er sich auf ein Abenteuer ein, das von da an Mittelpunkt und Sinn seines Lebens wird.
Er, der seit seiner Kindheit in Nizzas Armenviertel Ariane – das nichts mit den Weltraumraketen zu tun hat, eher noch mit dem erbarmungslosen Labyrinth des Minotaurus –, einer Art Niemandsland, wohin die Unerwünschten, Habenichtse, Eingewanderten, Gitanos und die ehemaligen Bewohner der Innenstadt, die sich keine andere Wohngegend mehr leisten können, verbannt worden sind und wo er in einer gemischten, teils aus der Bretagne, teils aus Italien stammenden Familie aufwuchs, in der es sogar eine von den Nazis verfolgte deutsche Großmutter gab, er, der bis dahin nichts Besonderes aus seinem Leben gemacht hatte, nicht viel für die Schule tat, zu Träumereien neigte und auf Reisen durch das subsaharische Afrika nach dem idealen Leben gesucht hatte, sich für keine politische Partei interessierte und allem misstraute, was ihm als geschlossene Gesellschaft, als Privilegiertenclub erschien, er beschließt, gegen das System Krieg zu führen, nicht weil er sich plötzlich politisch engagieren wollte, sondern weil es für ihn zutiefst inakzeptabel ist, dass menschliche Wesen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben und aus einem wirtschaftlich schwachen Land kommen, an der Grenze zurückgewiesen werden – eine brutale, rassistische, ungerechte Praxis, die gegen alle Gesetze verstößt, die, von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen inspiriert, auch von Europa erlassen worden sind.
Und es ist wirklich ein Krieg: gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Lügen der politischen Klasse, die die Angst vor dem Fremden und die Terrorbedrohung ausnutzt, gegen die Brutalität eines Teils der Ordnungskräfte, gegen die unrechtmäßigen Verhaftungen, den demütigenden Polizeigewahrsam. Ein Krieg gegen das, was er im Lauf seiner Aktionen entdeckt und zu Recht »staatlichen Rassismus« nennt: Kontrollen aufgrund der Hautfarbe, vorläufige Festnahmen mit anschließender Abschiebung, Nichtachtung des europäischen Asylrechts, schlechte Behandlung und Beschimpfungen – all das, was die berühmte Côte d’Azur zum rechtsfreien Raum und zu einer der gefährlichsten Gegenden Frankreichs macht. Für alle, die die italienisch-französische Grenze vor den Schengener Abkommen gekannt haben, ist die Erinnerung an die Zeit noch frisch, als Migranten ohne Papiere, von den Gesetzeshütern verfolgt, in jener Schlucht oberhalb von Menton endeten, die traurigerweise zu Recht »Pas de la mort« (Schwelle zum Tod) genannt wird.
Cédric Herrou hatte alles Mögliche ausprobiert – nicht zuletzt die Seefahrt, doch er ist allergisch gegen jede Uniform – und entdeckt seinen Weg schließlich im Hinterland von Nizza, im Royatal, wo er einen verwilderten Olivenhain wieder fruchtbar macht und Hühner züchtet. An diesem Zufluchtsort, weit weg vom Rummel der Küste, nimmt er Migranten auf, die über die Grenze wollen. Denn Breil liegt zwar schon in Frankreich, doch aufgrund des Grenzverlaufs kommt man paradoxerweise nur von Italien aus direkt dorthin, indem man ab Ventimiglia dem Lauf der Roya folgt, oder aber man erreicht es auf einem Umweg nach Westen, über Sospel in die Berge hinauf. Das Royatal ist in jeder Beziehung gottverlassen: Es ist schwer zu erreichen, und seine Lage macht es zur Falle für Illegale, zum Kessel zwischen der Küste und den Sperren der Grenzpolizei in den Bergen.
Dieses Buch ist eine Chronik dieses Kampfs, voller Dramatik und Komik, Zärtlichkeit und Wut. Das Royatal wurde nicht zufällig zum Zufluchtsort; es gehört zu jener Geografie der Revolte, die es im Hinterland von Nizza schon immer gegeben hat. Früher hatten die Bewohner des Tals gegen Eroberer gekämpft, sie trugen Bauernkittel zum Zeichen ihrer Freiheit. In jüngster Zeit haben sie sich in einem Komitee zusammengeschlossen, der Bürgerinitiative Roya citoyenne, um in Schwierigkeiten geratenen Migranten zu helfen – ähnlich wie manche Bewohner der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko den erschöpften und dehydrierten illegalen Migranten zu helfen versuchen.
Ich habe die Charakterstärke der Menschen in den Alpentälern im Zweiten Weltkrieg selbst erlebt. Damals haben meine Mutter, meine Großmutter, mein älterer Bruder und ich dort Zuflucht gefunden, als die Deutschen in Nizza einmarschierten und die Einwohner von Roquebillière im Tal der Vésubie uns bis Kriegsende aufnahmen, ein beträchtliches Risiko für sie, weil wir britische Staatsangehörige waren. Und die Einwohner von Saint-Martin haben Juden beschützt. Als der Präfekt Ribière Razzien veranstaltete, haben wir dank der Großherzigkeit der Dorfbewohner im Hinterland überlebt.
Ist die Lage der heutigen Migrantenfamilien anders? Ich glaube nicht. Ein Flüchtling, gleich aus welchem Land, welcher Hautfarbe, welcher Religion oder Sprache, ist immer ein Flüchtling, vor allem wenn Krieg der Grund seiner Flucht ist. Um Asyl zu bitten – an die Tür zu klopfen, damit jemand sie öffnet –, ist keine Vergnügungsreise. Es heißt, in äußerster Bedrängnis zu sein, an dem Punkt angelangt, an dem es kein Zurück mehr gibt, nachdem man Hindernisse überwunden hat, fast gestorben wäre, Erpressern, Vergewaltigern, Dieben in die Hände gefallen und Mördern entkommen ist. In dieser Lage ist Hilfe zu erhalten nicht mehr nur eine Option, sondern ein absolutes Recht, wie das Recht auf Leben, Freiheit und Brüderlichkeit. Ist das so schwer zu verstehen?
Cédric Herrous Bericht ist so fesselnd, weil er mehr ist als ein Bericht; er ist voll Leben, seinem Leben. Illegalen Migranten zu helfen bedeutet, den Zorn des allmächtigen Staates auf sich zu ziehen, der über die Befehlsgewalt und die Exekutivorgane verfügt und sich auf die Mehrheit, ja auf die wankelmütige und so oft von Politikern manipulierte öffentliche Meinung stützen kann. Es bedeutet, belästigt, grundlos verhaftet, wie ein Verbrecher in Handschellen abgeführt, herumgeschubst, beschimpft und in jene engen, verdreckten Zellen des Polizeigewahrsams, die Schande der französischen Demokratie, eingesperrt zu werden, in denen Tag und Nacht das Licht brennt, ein Akt der Folter. Es bedeutet, vor Gericht gezerrt zu werden, wo böswillige Staatsanwälte, auf falsche Zeugnisse gestützt, Anklage wegen aus der Luft gegriffener Verbrechen erheben (Pädophilie, Handel mit gefälschten Papieren, Erpressung oder Beleidigung von Staatsbeamten). Es bedeutet, ständig von Repressalien bedroht, als Schlepper, Zuhälter, Vaterlandsverräter denunziert zu werden. Um all das auf sich zu nehmen, muss man nicht nur mutig sein, sondern auch dickköpfig und unbeugsam. Gelegentlich auch ein Humorist. Als man ihn bei einem Treffen in Saint-Malo fragte, warum er sich in dieses Abenteuer gestürzt habe, antwortete Cédric Herrou nur: »Meine Mutter hätte mich ausgeschimpft, wenn ich es nicht getan hätte!«
Man wäre geneigt zu sagen, dass sich seine Dickköpfigkeit gelohnt hat. Das könnte man nach so vielen gewonnenen Kämpfen, in der Berufung kassierten Verurteilungen und den bei einer breiteren Öffentlichkeit gewonnenen Sympathien tatsächlich glauben. Vor allem nach dem außerordentlichen Sieg vom 6. Juli 2018, als der Verfassungsrat das Prinzip der Brüderlichkeit als Grundrecht anerkannte, das jedem Bürger gestattet, einem in Schwierigkeiten geratenen Migranten zu helfen, ohne sich um dessen juristischen Status zu kümmern oder nach seinen Papieren zu fragen. Das ist tatsächlich ein großer Schritt der Gesetzgebung auf dem Weg zu einem Asylrecht für papierlose Migranten, und dank Cédric Herrou kommt dieses Recht in Frankreich voran. Man denkt an den berühmten Satz von Martin Luther King: »Die Menschen haben gelernt, wie Fische zu schwimmen und wie Vögel zu fliegen, aber sie haben die ganz einfache Kunst noch nicht gelernt, zusammenzuleben wie Brüder.«
Doch es wäre voreilig zu glauben, dass alles geschafft ist. Die Völkerwanderungen auf der Flucht vor Kriegen – oder vor dem Hunger, der eine andere Art von Krieg ist – sind deshalb nicht verschwunden. Sie strömen weiter zu uns, doch dem besser organisierten, auch rachsüchtigeren Europa scheint es zu gelingen, den Migranten den Weg zu versperren, noch bevor sie die Grenzen erreichen, in Italien, in Griechenland, in Osteuropa oder in der Türkei. Für diese düstere Aufgabe werden teilweise Militärschiffe eingesetzt, im Mittelmeer wie im Indischen Ozean oder in Französisch-Guyana. Die tragischen Szenen, die man zu Beginn der 2010er Jahre beobachten konnte, als Migranten sich an der Küste Siziliens ins Meer zu stürzen drohten oder ertranken, finden zwar nicht mehr statt, aber in den Durchgangsländern, in denen der Menschenhandel blüht, sind noch tragischere Szenen zu sehen: gefangen gehaltene, um Lösegeld erpresste, vergewaltigte oder ermordete Migranten, ohne dass sich die reiche Welt davon erschüttern ließe.
Mit diesem pessimistischen Befund schließt das Buch von Cédric Herrou, und er zieht daraus den einzig möglichen Schluss: Es bleibt geboten, sich zu engagieren. Wir können nicht ignorieren, was geschieht, und einfach wegsehen. Dass Migranten auf die von Abbé Pierre gegründete Emmaüs-Bewegung stoßen, lässt auf ein besseres Schicksal zumindest für diejenigen hoffen, denen es gelingt, über die Grenze zu kommen und ein Asylgesuch zu stellen. Mir gefällt es, dass der Einsatz des alten Kämpfers für die Sache der Enterbten in den 1950er Jahren auf diese Art wiederbelebt wird. Und ich würde vorschlagen, den Colbert-Saal der französischen Nationalversammlung, um dessen Namen es jüngst Diskussionen gegeben hat, statt nach jenem Minister, der im 17. Jahrhundert an der gesetzlichen Reglementierung des Sklavenhandels mitgewirkt hat, nach dem tapfersten ihrer Mitglieder zu nennen, nach dem ehemaligen Abgeordneten, der unter dem Namen Abbé Pierre bekannt ist.
Anderen beizustehen, denen zu helfen, die Hilfe brauchen, ihnen Herz und Arme zu öffnen, das ist keine Frage der Wahl. »Helft mir helfen«, sagte Abbé Pierre. Das ist der Sinn des Kampfs von Cédric Herrou. Jede Zeit braucht ihren Helden. Und das ist in dieser von Profitstreben, Gleichgültigkeit und Hass zerrütteten Welt Cédric Herrou.
Jean-Marie Gustave Le Clézio
Nizza, 16. August 2020
1. Primavera
Das Motorrad rast die Talstraße hinab, legt sich in die Kurven. Es röhrt auf Hochtouren wie ein alter Traktor, und das Echo hallt von den mit jungen Flaumeichen- und Pinienwäldern, Olivenbäumen und Ginster bewachsenen Felsen wider. Dann, an der Fassade baufälliger Gebäude, so grau wie der Fels im Bett der Roya, sind ein paar fast unleserliche Buchstaben zu erkennen, »Zoll«. Der Mann auf dem Rücksitz klammert sich an die Jacke des Fahrers. Sie kommen aus dem Royatal in den Alpes Maritimes mit ihren schneebedeckten, fast dreitausend Meter hohen Gipfeln.
Sie haben Breil-sur-Roya durchquert, wo an den Ästen der Olivenbäume, im Widerspruch zu den verschneiten Gipfeln, schon kleine Trauben weißer Blüten hängen. Manche beginnen sich bereits zu öffnen und einen milden, süßen Duft zu verströmen, der ein nach Mandeln, Artischocken, frisch gemähtem Gras oder, je nach Reife, nach Heu schmeckendes Öl verspricht. Dieses schöne Tal verbindet die verschneiten Berge im südlichen Piemont mit dem Mittelmeer, Frankreich mit Italien. Zwei Staatsgebiete, die sich dieselbe Landschaft teilen, dieselben Wege benutzen, dasselbe Wasser trinken, denselben Boden nach denselben Riten kultivieren. Der Mond, der Herrscher über die Kulturen, hat dort mehr Macht als die Schrift.
Das Motorrad hat seit ein paar Kilometern die Grenze passiert und befindet sich im Niemandsland, wo alte Gebäude, italienische wie französische, von einer vergangenen Epoche zeugen. Es fährt weiter die Roya entlang bis zu ihrer Mündung in Ventimiglia, einem Touristenstädtchen an der Küste, das für seinen Schmugglermarkt bekannt ist, und wendet sich dann nach Westen in Richtung Menton. Etwa hundert Meter vor der Grenze an der Küste ertönt plötzlich die schrille Stimme des Mitfahrers: »Pass auf, da sind Bullen!«
Auf den Buhnen, Felsblöcken, die die Wellen brechen sollen, stehen etwa hundert ebenholzschwarze Menschen und auf beiden Seiten der vorbeiführenden Straße italienische und französische Polizisten, reglos wie Statuen, die diese Menschen blockieren. Die Atmosphäre ist bedrückend. Der Motorradfahrer meint die sich mischenden Sprachen zu erkennen: Französisch, Italienisch, Englisch, Arabisch. Er erkennt auch Gesichter aus seinem Tal, fragt sie, was los ist, und erfährt, die Menschen mit ebenholzschwarzer Haut sind »Migranten«, die weder Italien noch Frankreich haben will. Sie haben sich auf die Felsen im Meer gestellt und drohen, sich ins Wasser zu stürzen, wenn die Polizei versucht, sie abzutransportieren, und sie können nicht schwimmen. Auf dem Trottoir türmen sich Wasserflaschen und die allernötigsten Dinge zum Leben. Ein Stromaggregat speist eine ganze Reihe von Steckerleisten, an denen dutzende Mobiltelefone aufgeladen werden.
Etwas Derartiges sieht der Motorradfahrer zum ersten Mal in Europa. Er begegnet dem Blick eines etwa zwanzigjährigen Mannes. Eine Narbe unter dem rechten Auge, das etwas gelbliche Weiß der Augen, er flößt ihm kein großes Vertrauen ein. Der junge Mann lächelt ihn an. Verlegen deutet der Motorradfahrer ein leichtes Nicken an und setzt seinen Helm wieder auf. Nach ein paar Metern wird er von italienischen Polizisten kontrolliert, die seine Papiere fotografieren und fragen, was er hier tue.
»Nichts.«
»Ok, buona giornata.«
Als der Motorradfahrer weiterfährt, fühlt er sich unwohl. Der Mann auf dem Rücksitz scheint eine Tonne zu wiegen. Widersprüchliche Gefühle beherrschen ihn, eine Mischung aus Empathie und Verständnislosigkeit. Wer sind diese Leute? Woher kommen sie, wovor fliehen sie? Warum haben sie eine so gefährliche Reise gemacht, um dann auf diesen Felsen zu stranden? Was wollen sie, was erwarten sie? Was für Pläne haben sie, haben sie überhaupt welche?
So, wie sie da standen, so viele auf einmal, sieht er keine Einzelnen mehr, er sieht eine Gruppe – und eine Gruppe macht Angst. Er schafft es nicht, diese Menschen als Einzelne zu sehen, er sieht eine Masse unter dem Oberbegriff »Migranten«. Wie kann man gegenüber einer solchen Menschenmenge Empathie empfinden? All diese Fragen erschrecken ihn. Er fährt nach Hause; dann vergisst er sie.
2. Mein erstes Mal
Ein Jahr später, im Frühjahr 2016. Diesmal sitze ich nicht auf dem Motorrad, sondern in meinem Kastenwagen C15; ich fahre dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung, von Ventimiglia nach Breil-sur-Roya. Ich kenne die kurvenreiche Straße in- und auswendig und habe die schlechte Angewohnheit, die Kurven mit einem Bier in der einen und einer Zigarette in der anderen zu nehmen. Plötzlich tauchen in der Dunkelheit Gestalten vor mir auf, die die Straße entlanglaufen. Aus meinen Träumereien aufgeschreckt, reiße ich das Steuer herum, um ihnen auszuweichen. Mit einem Kloß im Hals drücke ich meine Kippe aus und fahre weiter.
Es ist Donnerstagabend; wie jede Woche habe ich meine Eier, meine Pasta und mein Olivenöl in Nizza ausgeliefert. Vor ein paar Jahren habe ich dort Kunden gefunden, die Achtung vor der Landwirtschaft haben, keine Massenkonsumhändler. Wenn es wegen des Wetters oder eines Fuchsüberfalls weniger Eier gibt, haben sie Verständnis; in der einen Woche bekommen sie kaum etwas, die nächste ist besser, das sind eben die Wechselfälle der Landwirtschaft.
Aber was tun diese Leute auf der Straße? Ich meine, Kinder gesehen zu haben … Die Nacht ist so dunkel, und sie haben keine Lampe – ich habe Angst, dass sie überfahren werden. Ich bin genervt. Kehre um. Auf ihrer Höhe angekommen, erkenne ich zwei Kinder und ihre Eltern. Es muss Mitternacht sein. Ihre Haut ist so dunkel wie die Nacht, die von meinen Scheinwerfern nur schwach erleuchtet ist. Ich schlage ihnen vor, hinten einzusteigen, sich zwischen die leeren Eierkartons zu setzen. Sie wollen zu einem Bahnhof. Aber zu dieser späten Stunde fährt kein Zug mehr. Ich lade sie zu mir ein und biete ihnen an, sie am nächsten Tag zu begleiten.
Unten an dem steilen Pfad, der zu meinem Haus führt, spüre ich, dass sie Angst bekommen. Weiter unten die etwas bedrohlichen Fluten der Roya. Gegenüber an der Gebirgsflanke steigt der Hang steil an, und man sieht praktisch nichts durch die dichte Vegetation. Dort hinauf sollen sie. Nicht sehr beruhigend. Dieser Bärtige mit der runden Brille könnte sie entführen, ausrauben oder Schlimmeres, wie das auf den Wegen des Exils oft genug passiert …
Nur die beiden Kinder scheinen vertrauensvoll; das ist das Gute mit Kindern: nicht nötig zu reden, Blicke genügen. Die Mutter wirkt erschöpft und hinkt; der Vater, ernst, bleibt stumm. Wir steigen im Gänsemarsch hinauf, einen Jungen habe ich auf dem Arm, der größere geht im Schein meiner Stirnlampe hinterher.
Ich habe dieses verwilderte Stückchen Land 2002 gekauft, wieder urbar gemacht und hergerichtet. Seit dem Krieg nicht mehr genutzt, war das weite Gelände am Hang ein Dschungel, das Haus fast eine Ruine. Ich habe mich um die Olivenbäume gekümmert und meine Hühner aufgezogen. Ich bin glücklich hier oben, weit weg von der Welt, die mir oft unerträglich ist. Jetzt holt sie mich ein.
Wir essen schnell eine Kleinigkeit. Der Mann legt sich aufs Sofa, die Frau mit den beiden Kindern auf eine Matratze auf dem Boden, unter ein paar Decken. Ich klettere in mein Zimmer auf der Galerie hinauf, direkt über ihnen, voller Unbehagen, aber beruhigt, sie nicht mehr am Straßenrand zu wissen. Nachdem ich selbst schon Tausende Kilometer per Anhalter gefahren bin, kann ich doch niemanden am Straßenrand stehen lassen.
Am Morgen weckt mich Kaffeeduft, die Matratze ist weggeräumt, die Decken zusammengefaltet, alle vier sind draußen auf der kleinen Terrasse. Ich radebreche die paar Brocken Arabisch, die ich während meiner Afrikareise gelernt habe, und sage, dass ich Brot kaufen gehe. Ein Vorwand, um fünf Minuten allein zu sein und nachzudenken.
3. Persona non grata
Auf dem Weg zur Bäckerei rufe ich eine Freundin an, Françoise Cotta, halb Punk, halb Bourgeoise, exzentrisch und anständig und eine angesehene Pariser Strafverteidigerin. Sie hat ein Haus in Breil, wo sie sich oft aufhält. Sie nimmt ab und erklärt mir ohne die geringste Verlegenheit, dass ich sie störe. Für diese Unverblümtheit ist sie bekannt. Sie geht ihr zufolge auf einen Herzanfall zurück, den sie vor ein paar Jahren hatte; seither nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Aber dann antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: Sie wird mir helfen, die kleine Familie aus dem Tal zu bringen.
Sie könnten problemlos in Breil-sur-Roya den Zug nehmen, der Bahnhof liegt nur fünf Autominuten von mir entfernt. Aber da würden wir sie in die Falle laufen lassen, denn am nächsten Bahnhof, in Sospel, wird systematisch kontrolliert und sie würden wahrscheinlich verhaftet und nach Italien zurückgeschoben werden. Ich hatte auch an manche Aktivisten gedacht, die ich letztes Jahr bei den Buhnen in Menton gesehen hatte, Mitglieder der Bürgerinitiative Roya citoyenne, die die Talbewohner zu überzeugen versuchen, ebenfalls Essen an die in Ventimiglia festsitzenden Migranten zu verteilen oder diejenigen zu beherbergen, die sich ins Tal verirren. Aber die rief ich lieber nicht an aus Angst, sie würden mir auf den Wecker gehen und verlangen, dass ich mich an ihren Aktionen beteilige und mehr Leute bei mir aufnehme.
Der »autorisierte« Checkpoint
Das Royatal zu verlassen ist nicht einfach, denn seit ein paar Monaten sprießen Polizeisperren aus dem Boden. Die erste sah ich auf Höhe des Pont de Nice, wo die Straße nach Sospel abzweigt. Auf dem einsamen Fleckchen hoch oben, wo mein Bruder wohnt, machten wir uns manchmal einen Spaß daraus, die Gendarmen unten zu beobachten. Zwischen zwei Kontrollen langweilten sie sich und spielten mit ihren Maschinengewehren Krieg wie die Kinder. Sie stoppten jedes Auto und fragten nach den Papieren. Aber die Leute aus dem Tal, nicht von der disziplinierten Sorte, begannen einen anderen Weg zu nehmen, weiter unten, um sie zu umgehen. Als die Gendarmen das begriffen, verlegten sie die Sperre weiter in Richtung Sospel. Diese Checkpoints heißen unter uns PPA (point de passage autorisé); »autorisiert« ist natürlich Ironie. Die Kontrollen sind gezielt und aus ihrer Sicht pragmatisch: Man verlangt nur die Papiere von Personen, deren Aussehen auf eine ausländische Herkunft hinweist. Der Kofferraum wird geöffnet, nicht auf der Suche nach Waffen oder Drogen, nur »Migranten« interessieren sie.
Dann wurden weitere Sperren errichtet, an der alten Grenze in Menton an der Küste, an der Mautstelle der Autobahn A8 bei La Turbie zwischen Ventimiglia und Nizza, in den Bahnhöfen von Menton-Garavan, Breil und Sospel. Wir erlebten die »Wiedereinführung der Grenzkontrollen«; die theoretisch seit Jahrzehnten abgeschafften Sperren wurden wiedererrichtet. Derartige Kontrollen hatte es 2001 während des G-20-Gipfels in Genua schon gegeben, aber danach nicht mehr. Im Herbst 2015 glaubten wir, sie würden auch diesmal wieder verschwinden. Irrtum. Die Sperren sind nie mehr verschwunden. Und sie richteten sich gegen uns, die Bewohner des Royatals. Seither sind wir alle potenzielle Schleuser.
Die erste Polizeisperre tauchte um den 10. November 2015 auf, kurz vor der Pariser Klimakonferenz, auf der die großen Industrienationen des Planeten Maßnahmen gegen die Klimakrise beschließen sollten. Sie zielte auf mögliche Störenfriede unter den Aktivisten, vor allem den deutschen und italienischen. Doch nach den Attentaten im Bataclan und im Stade de France am 13. November wurde die Schließung der Grenzen, die nur während der Klimakonferenz gelten sollte, aufrechterhalten, offiziell, um die terroristische Bedrohung zu bekämpfen. In Wirklichkeit dienen diese Checkpoints dazu, Migranten fernzuhalten. Frankreich sieht sie lieber auf der anderen Seite festsitzen. Pech für Italien, das damals Hunderttausende aufnahm, die die Überfahrt übers Mittelmeer geschafft hatten, und diesen Zustrom nicht bewältigen konnte.
Das Gefühl, etwas nicht zu Ende gebracht zu haben
Ich kehre mit frischem Brot zu der kleinen Familie zurück, dann kümmere ich mich um die Hühner und den Gemüsegarten. Als ich gegen Mittag wiederkomme, wirkt die Frau glücklich, für ihre Kinder kochen zu können, ein Ratatouille auf sudanesische Art mit Reis. Lachend gebe ich ihr zu verstehen, dass wir dieselbe Diät befolgen. Die Kinder wirken entspannt, nur der Vater bleibt ernst und ängstlich. Die Mutter fühlt sich wohl, sie inspiziert lächelnd das kleine Bauernhaus. Sie hatte nicht geglaubt, dass Leute in Frankreich in solchen Behausungen leben: ein circa dreißig Quadratmeter großes altes Gemäuer, das nur auf einem schmalen Fußweg zu erreichen ist, weit weg von allem, gedeckt mit antiken Marseiller Tonziegeln. Der Boden hat neue Dielen aus Lärchenholz bekommen, der auf den Gipfeln hier vorherrschenden Baumart. Stromleitungen in den Zimmerecken speisen zwei Glühbirnen und eine Steckdose. Die Küche beschränkt sich auf einen Gasherd; das Bad, ausgestattet mit einem holzbeheizten Warmwasserboiler, ist durch einen Vorhang vom winzigen Wohnzimmer getrennt, das auch als Büro dient. Durch ein Fenster, dessen altes Holz sich wegen der Trockenheit verzogen hat, fällt Tageslicht herein.
Mit Françoise hatte ich ausgemacht, die Familie zwei Tage später wegzubringen. Die Strategie war einfach: Ein Wagen fährt voraus und sondiert, der zweite folgt mit der Familie. Wenn das Vorausfahrzeug auf eine Kontrolle stößt, warnt es das folgende, das dann einen anderen Weg nimmt. Am Tag der Abfahrt sind wir alle etwas gestresst, nur Françoise ist zuversichtlich und aufgeregt. Wir fahren durchs Tal der Bévéra, um nicht durch Italien zu müssen. Im Auto herrscht Schweigen. Sie haben Angst, und ich schäme mich der verstörenden Situation, Leute verstecken zu müssen, damit sie aus dem Tal fliehen können, in dem ich so gern lebe.
Wir bringen sie ohne Probleme zu einem Bahnhof hinter Nizza. Als sie in den Zug steigen, weint Françoise. Ihre Tränen zeigen ihre Verletzlichkeit, die sie von da an nicht mehr wird verbergen können. Mich bedrückt das Gefühl, etwas nicht zu Ende gebracht zu haben: so viel Stress und Logistik, um ihnen zu ermöglichen, weniger als hundert Kilometer weiterzukommen, aber nicht zu wissen, was aus ihnen werden wird? Ein neues Gefühl steigt in mir auf, etwas zwischen Angst und Abscheu, Mitgefühl und Widerstandsgeist. Ein Kloß im Hals hindert mich daran, es in Worte zu fassen. Mein Körper ertrinkt in ungeweinten Tränen.
4. Zweifeln
Ich war durcheinander, weil ich die kleine Familie beherbergt hatte, obwohl ich sie vermutlich nicht einmal angeschaut hätte, wenn ich sie bei den »Migranten« auf den Wellenbrechern von Menton gesehen hätte. Ich lebte mein Leben weiter wie gehabt. Wenn ich Leuten begegnete, die das Royatal hinaufliefen, hielt ich nicht an. Es war zu schwierig, ihnen zu helfen; ich hatte Angst, dass jene neuen Gefühle wieder hochkämen und ich mir womöglich verdammten Ärger einhandelte.
Dabei hatte meine Jugend mich das Gegenteil gelehrt. Ich bin in Nizza geboren, im Arianeviertel, das gern als populaire, »volkstümlich« bezeichnet wird. Aber dort leben nicht Menschen aus dem ganzen Volk, sondern Menschen am Rand der Gesellschaft, die aufgrund ihrer sozialen Klasse, Hautfarbe oder Herkunft dort zusammengepfercht sind. Volkstümlich nennt man es, um nicht Schwarzenghetto, Araberghetto oder Armenghetto zu sagen. Dort habe ich sehr früh gelernt, mich nicht um die Unterschiede zwischen den Menschen zu kümmern. Wir waren »wir«, die black-blanc-beur1. Es waren Töchter und Söhne von Einwanderern, ich war es auch. Und stolz auf meine Freunde, ihre Familien, ihre Wurzeln und ihre Geschichte.
Als ich sieben war, wurden wir eine Pflegefamilie. Meine Mutter arbeitete für den Kinderschutz. Meine Eltern nahmen Kinder auf, die nicht die ihren waren. Sie brachten uns bei, unser Spielzeug, unsere Süßigkeiten, unsere Zimmer, unsere Eltern, unser Leben zu teilen. Durch Teilen habe ich Brüderlichkeit gelernt. Ganz gleich, ob die Kinder von hier oder von anderswo waren, sie gehörten zu unserer Familie, eine Zeitlang oder für immer.
Hortense haben wir aus dem Säuglingsheim geholt, sie war erst ein paar Monate alt. Morgan und ich haben sie gleich freudig akzeptiert, als große Brüder. Sie blieb bei uns, bis sie zwanzig war, und meine Eltern boten ihr an, unseren Namen anzunehmen. Sie wurde meine Schwester. Ich bin mit Kindern aufgewachsen, die Sicherheit brauchten, die sie in ihrer Herkunftsfamilie nicht hatten. Meine Mutter hat mich gelehrt, dass Erwachsene ihnen gegenüber eine Schutzpflicht haben. Das war ihre Art, die Welt zu verändern.
Als Jugendlicher sah ich plötzlich, wie die Welt wirklich war: kaum zu ertragen. Um nicht an der Wut zu ersticken, habe ich mich schließlich fürs Exil in den Bergen entschieden. Weit weg von der Welt der »anderen«, der Welt der Gefühllosen und Gleichgültigen, die unbekümmert direkt neben dem Elend leben können und sich durch Stigmatisierung und Verachtung davor schützen.
Mein Zufluchtsort, das Royatal, hat mich von der Welt abgeschnitten. Ich musste versteckt, fernab der Wirklichkeit leben, um frei und glücklich zu sein. Ich bin in dieses Tal gezogen, um meine Kindheitsträume zu verwirklichen: in einer Hütte in den Bergen ein freier Mensch zu sein. Von da an lebte ich von meinem Stück Erde. Aber ich fragte mich immer noch, was tun, wenn ich diese hilflosen Leute am Straßenrand sah, und nahm sie trotzdem nicht mit, weil sie Flüchtlinge waren! Ich war ein Bündel von Widersprüchen.
Afrika
1999, mit neunzehn Jahren, war ich für mehrere Monate nach Afrika gefahren, zunächst ohne recht zu wissen, warum. Vielleicht wollte ich einfach fliehen, anderen Kulturen begegnen und herausfinden, ob sie sich mit meiner eigenen vertrugen. Dieser Trip wurde zu einem Entwicklungsschritt für mich, der mich befreite und mir Zugang zu einem vergessenen, mir abhanden gekommenen Teil meines Ich verschaffte. Denn in der Schule wird intuitives Erfassen nicht gefördert, sondern unterbunden. Ich bin weggefahren, um jene Intuition aus der Kindheit wiederzuentdecken, die mich die Leere, die emotionale Leere der Erwachsenenwelt hatte spüren lassen. Ich fuhr weg, um mir endlich selbst zu vertrauen, und akzeptierte, dass ich mich auch täuschen konnte. Um endlich selbst zu entscheiden, nicht nach dem Zufallsprinzip.
Manche sagen, man müsse »aufs Schicksal vertrauen«, aber das Schicksal kann mich mal! Daran glauben heißt an eine Allmacht glauben, und das ist nicht mein Fall. Das Einzige, was dem vielleicht nahekommt, ist die schöpferische und erfinderische Erde, aber sie ist zugleich so verletzlich, dass sie alles andere als allmächtig ist. Nur Bauern und Gärtner können die Faszination und die Achtung verstehen, die ich ihr entgegenbringe.
Der Glaube ans Schicksal macht passiv, da man es ja für vorgezeichnet hält. An eine Bestimmung und einen einzigen Weg zu glauben heißt, die eigene Intuition zu ignorieren, die Verantwortung abzugeben. Ich bin im Gegenteil überzeugt, dass es Tausende mögliche Wege gibt. Statt von Schicksal würde ich lieber von einem tiefen Verständnis sprechen. Auf seinen Instinkt zu hören, hat nicht zwangsläufig angenehme und einfache Dinge zur Folge. Es kann sein, dass man sich in große Schwierigkeiten bringt, wenn man blindlings handelt, wie ich es in meinem Leben allzu oft getan habe. Aber, wie mein Bruder Morgan sagen würde, »Bequemlichkeit schläfert ein«; sie verflacht das Leben.
Ich fuhr durch Marokko und Mauretanien bis nach Senegal. Eigentlich wollte ich noch weiter nach Ghana, aber ich war in einer prekären Situation und erschöpft; in Dakar hatte man mir mein Geld und meinen Pass geklaut, und in meiner Abwesenheit war meine Großmutter gestorben, an der ich sehr hing. So kehrte ich im Herbst 1999 überstürzt nach Frankreich zurück – ein Schock. Ich traf meine alten Freunde aus Levens wieder, einer kleinen Gemeinde nördlich von Nizza, wohin meine Eltern aus dem Arianeviertel gezogen waren. Nichts hatte sich geändert. Wir saßen auf den Bänken im Park, und ich stieg genau dort in die Gespräche wieder ein, wo ich zuvor ausgestiegen war. Für meine Freunde war die Zeit stehen geblieben, während für mich alles in Bewegung gekommen war.
Hüttenträume
Weil ich nicht in Frankreich bleiben wollte, kaufte ich in Deutschland einen Mercedes 300 Break. Mein Ziel: zurück nach Afrika. Bis es losgehen könnte, schlief ich in der Karre. Ich machte Party ohne Ende, verpulverte meine Ersparnisse für Feten und Hasch, suchte jeden Abend Spaß in Bars oder bei Kumpels. Dann knallte mein Auto in einer Regennacht gegen eine Brüstung, Frontscheibe zersprungen, Motorhaube kaputt – mein Afrikaprojekt war gefährdet. Ich schlief weiter in dem fahrbaren Wrack, am Ende eines Waldwegs, bei minus zehn Grad.
Um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete ich für eine Zeitarbeitsfirma als Automechaniker, wechselte aber immer wieder die Stelle, weil ich nach jeder abfälligen Bemerkung eines Chefs, ohne lang nachzudenken, kündigte. Ich ertrug weder autoritäres Auftreten noch Ungerechtigkeit, ich war nicht gemacht für ein Angestelltenleben. Ich versuchte mich als Saisonnier auf Segelschiffen (auf dem Deck, in der Takelage), aber die Arbeit auf Jachten war nichts für mich, weil man, um angeheuert zu werden, den Kumpel spielen musste. Ich hatte eine Menge verschiedener Jobs, von Drahtseilakrobatik – ein kompletter Bluff, ich hatte meinen Lebenslauf gefälscht – bis zum Beschneiden von Olivenbäumen in Schwarzarbeit.
Ich wusste nicht recht weiter und wünschte mir ein Stück Land, um meine Kinderträume zu verwirklichen: Hütten bauen, Hühner, Hunde, Katzen halten. Ich musste mich wieder auf diese Träume konzentrieren, mir meine kleine Welt schaffen. Aber wo sollte ich mich niederlassen? Wo immer ich hinkam, schaute ich mir noch das kleinste verlassene Stückchen Land daraufhin an, ob sich vielleicht ein heruntergekommenes Gebäude darauf versteckte. Eines Tages zeigte mir Yvan, ein Freund, der ein paar Kilometer von Breil-sur-Roya entfernt einen alten Olivenhain wieder nutzbar gemacht hatte, die andere Hangseite, wo er sich ursprünglich hatte niederlassen wollen. Ein abgelegenes Terrain, nicht zu steil, mit üppiger Vegetation und einigen daraus aufragenden vertrockneten Olivenbaumkronen, Überbleibsel einer früheren Bewirtschaftung.
Dschungel
Für nicht mal zehntausend Francs erwarb ich dieses kleine Stück undurchdringliches Dickicht: Eichen, Meerkirsche, Sumach, Buchs und Hunderte von Ginstersträuchern. Die Leute in Breil müssen über diesen 23-Jährigen gelacht haben, der ein völlig wertloses Stück Land kauft. Seit der Vorkriegszeit verwahrloste hier alles. Manche nutzten diesen Dschungel nach Gutdünken, wie die Jäger, die knapp an dem Zelt vorbeischossen, in dem meine Freundin Inger und ich schliefen, solange wir nichts Besseres hatten. Ich musste nur lauter sein als sie, das hatte ich im Arianeviertel gelernt und es funktionierte im Royatal wie in der Banlieue – nicht nötig, sich zu prügeln, du knurrst ein bisschen, um zu zeigen, dass du keine Angst hast, und die Lage entspannt sich.
Unter der Woche arbeitete ich als Automechaniker in Nizza, und jeden Freitagabend stiegen Inger und ich mit der Sichel in der Hand den Berg hinauf, um mit der Hilfe von Freunden und meinem Bruder bis Sonntagabend gegen das Dickicht anzukämpfen. In weniger als einem Jahr wurde das einen Hektar große Gelände von Gestrüpp befreit, die Olivenbäume gründlich beschnitten. Ich würde mich fünf bis zehn Jahre gedulden müssen, bis ich kräftige, Früchte tragende Bäume hätte. Aber woher sollte ich Wasser bekommen? Die Wasserrechte waren Bestandteil des Kaufvertrags, aber die Verbände, die die beiden Bewässerungskanäle betrieben, von denen einer so viel Wasser führte, dass niemand wusste, wohin damit, weigerten sich, mich anzuschließen. Ich warnte sie: »Eines Tages wird dieser Kanal nicht mehr funktionieren, wenn nicht junge Leute da sind, die euch helfen.« Aber sie wollten nicht. Heute ist einer der Kanäle außer Betrieb.
Da wir keinen Kanalanschluss hatten, trugen wir das Wasser in Kanistern auf dem Rücken hoch, bis ich eines Tages an die hundert Meter unterhalb meines Grundstücks eine Quelle entdeckte. Aber wie sollten wir das Wasser ohne Strom hochbefördern? Ein Freund erklärte mir das Pumpsystem des sogenannten hydraulischen Widders, das der Erfinder des Heißluftballons, Joseph Montgolfier, 1792 ersonnen hatte. Man leitet Wasser zu einer tiefer gelegenen Stelle und stoppt den Wasserlauf dann abrupt, wodurch ein Überdruck entsteht, der das Wasser um weit mehr als fünfzig Meter steigen lässt. Ohne Dieselöl, ohne Strom, einfach und magisch! Ich war begeistert.
Ein Jahr nach dem Kauf war ich endgültig auf diese grünen Hangterrassen umgesiedelt, die die Bewohner von Breil aufgegeben hatten, um ihren Kindern eine sicherere Zukunft bieten zu können. Es gab eine Zeit, da pflanzten die Eltern Olivenbäume für ihren Nachwuchs, jetzt aber war die Zeit, da sie sie verkauften, um die Zukunft ihrer Kinder zu finanzieren. In Breil ist ein Kind, das es geschafft hat, ein Kind, das weggegangen ist. Dann kreuzten die Hippies, die alternativ angehauchten Wohlstandsbürger und die Stadtflüchter in der Absicht auf, sich auf dem aufgegebenen Nutzland niederzulassen. Eine »Invasion«, die von den Ortsansässigen als Provokation, ja als Beleidigung empfunden wurde.
Dank biologischer Landwirtschaft und deren Aktivisten konnten sie sich als Kleinbauern im Royatal ansiedeln, sodass die Mehrheit der Landwirte hier inzwischen zugezogene Städter sind. Aber die Unterscheidung zwischen »Einheimischen« und »Aussteigern« besteht weiter. Ich wusste von Anfang an, dass ich nie wirklich integriert sein würde. Man muss nicht aus dem Sudan oder aus Eritrea kommen, um in Breil als Fremder angesehen zu werden. Und so zögerte ich, anderen »Fremden« zu helfen, die die Straße heraufkamen.
1 Der Ausdruck black, blanc, beur (»schwarz, weiß, arabisch«) entstand in den achtziger Jahren, und zwar in Anlehnung an das »Bleu, blanc, rouge« der Trikolore. Mit diesem Ausdruck sollte die Multiethnizität Frankreichs positiv hervorgehoben werden. (A. d. Ü.)
5. Die Kirche Sant’Antonio
Diese Menschen laufen zu sehen, störte mein kleines Ego, sie konfrontierten mich mit meinen Widersprüchen. Ich konnte nicht länger passiv bleiben, ich musste mich einmischen, auf die Gefahr hin, meine Freiheit zu verlieren. Aber so etwas durfte niemand hinnehmen. Die Männer, das ging ja noch – sie waren erwachsen, sie konnten sich durchschlagen und zwanzig Kilometer kraxeln. Aber den Frauen, den Kindern, den Schwachen musste ich helfen, nicht unbedingt ein Quartier geben, doch sie zumindest zum Bahnhof fahren, damit sie von dort weiterkamen. In normalen Zeiten war ich ein Einzelgänger auf meinem Berg. Damit war jetzt Schluss, zu lange schon hatte mich mein Schweigen zum Komplizen gemacht.
Den letzten Anstoß gab mir der Zufall. Ich war mitten am Tag nach Ventimiglia unterwegs, um Futter für meine Hühner zu kaufen, als mir am Straßenrand eine Familie entgegenkam. Ich sagte mir: »Wenn sie auf der Rückfahrt noch da sind, halte ich an.«
Damals glaubten wir Bewohner des Royatals, es sei prinzipiell verboten, Migranten zu helfen. Zumal in Anbetracht unserer Grenznähe. Vier Jahre später hat unser Kampf das Gegenteil bewiesen.
Auf dem Rückweg holte ich die Familie ein und bot an, sie mitzunehmen. Sie willigten ein und zeigten auf den höchsten Punkt des Tals: »Paris?«
»No, Breil-sur-Roya! Train first, after Paris.«
»Ok.«
Der Mann, der sympathisch wirkte, stieg vorn ein; die Mutter kletterte mit den beiden Kindern hinten in den Kastenwagen und blieb stumm. Ich fuhr sie zum Bahnhof von Sospel, wir tauschten unsere Telefonnummern aus. Das würde nicht die Welt verändern, aber sie wollten es.
Am übernächsten Tag rief er mich an. Ich fragte: »Seid ihr gut in Paris angekommen?«
»No, in Ventimiglia.«
»Where?«
»In the church in Ventimiglia.«
Völlig überrascht rief ich: »Ok, I’m coming.«
Scheiße. Warum hatte ich das gesagt? Sollte ich wirklich hinfahren? Was könnte ich dort tun? Ich schnappte mir meine abgewetzte Lederjacke, stieg in meine Bergschuhe und rannte den steilen Abhang zu meinem C15 hinunter.
Unnötige Risiken
Ich hatte schon von dieser Kirche in Ventimiglia gehört, die seit Monaten ihre Türen für Geflüchtete öffnete, vor allem, um Frauen, Kindern und Familien einen sicheren Ort zu bieten. Vor dem verschlossenen Tor angekommen, winkte ich einem Typ, der fortging und mit einem Weißen zurückkam, einem Italiener. Durch das Gittertor erblickte ich die kleine Familie, die mir zulächelte. Der Italiener schloss ihnen das Tor auf und ließ sie hinaus.
In gebrochenem Englisch erklärten die Eltern mir ihr Missgeschick: Sie waren noch im Bahnhof von Sospel im Zug vorläufig festgenommen und dann für die Nacht aufs Kommissariat von Menton gebracht worden, ohne etwas zu essen und zu trinken zu bekommen, und dann hatte man sie auf dem Ponte San Ludovico der italienischen Polizei übergeben. Von dort waren sie nach Ventimiglia gelaufen.
Sie wollten nach Paris, um Asyl zu beantragen, denn in ihrer Heimat herrschte Krieg. Warum konnten sie den Antrag nicht an der Grenze stellen? Das wäre doch einfacher gewesen.
Wohnwagen
Der Italiener lud mich ein, die Kirche zu besichtigen. Die Flüchtlingsaufnahme befand sich im Untergeschoss: eine schöne Küche ganz aus Edelstahl, zwei große Räume, die als Schlafsäle dienten, einer für die Frauen und Familien, der andere für die unbegleiteten Kinder. Mir zog sich das Herz zusammen beim Anblick der Etagenbetten, voneinander abgetrennt durch herabhängende Decken, um ein Gefühl von Privatsphäre zu vermitteln. Unter den Blicken der hilflosen Eltern und den herumtobenden Kindern fühlte ich mich wie ein Voyeur. Aber ich wollte verstehen. Wie lange blieben die Menschen hier?
»Nur so lange, bis sie es nach Frankreich schaffen«, antwortete der Italiener. »Den meisten gelingt es nach mehreren Versuchen. Aber manche Familien werden bei der Festnahme getrennt. Und die Jugendlichen riskieren viel: Sie laufen die Autobahn entlang, verstecken sich in den Zügen, zwischen den Waggons, auf dem Dach oder in den Schaltschränken, sie klettern nachts gefährliche Gebirgspfade hinauf. Manche wohlhabenden Familien haben zwar die Mittel, einen Schleuser zu bezahlen, die meisten aber nicht, und junge Mädchen müssen sich prostituieren, um es zu schaffen.«
Ich war erstarrt, empört. Warum zwang man sie zu so riskanten Aktionen? Warum zwang man sie in die Illegalität, bevor man sie am Ende doch legalisierte? Wieder hatte mich jenes neue Gefühl gepackt, das Schuldbewusstsein, dass ich achtlos gewesen war, weit weg von dem, was in meinem Tal passierte. Mein Körper verkrampfte sich, als erfüllten ihn meine Tränen mit Schmerz. Ich hatte Angst, Angst vor mir selbst, vor den anderen, vor dieser Kirche, Angst vor den Gendarmen, Angst vor dem, was ich sah, und vor diesem Gefühl in meinem Bauch, das mich zwang zu sehen, was ich nicht sehen wollte. Meine Fragen machten mich verrückt.
Ich blieb eine Weile stumm, dann überließ ich mich dem Instinkt, der mich drängte, meine Ängste zu überwinden. Ich nahm all meinen Mut zusammen und bot der Familie an, sie zu mir nach Hause mitzunehmen. Dann würde ich bei der Bürgerinitiative Roya Citoyenne um Rat fragen. Dieser Entschluss brachte mich in Gefahr, denn es war verboten, Personen ohne gültige Aufenthaltspapiere zu befördern, selbst wenn sie später vielleicht einen legalen Status erhielten. Aber für mich war jedes Individuum, auch ohne Papiere, ein vollwertiger Mensch und hatte Anspruch auf Hilfe.
Kurz darauf war die Familie mit nichts als zwei kleinen, ein paar Kilo leichten Rucksäcken startklar. Sie konnten wieder lächeln, ihre Augen leuchteten. Der Italiener straffte sich und sah mich argwöhnisch an: »Was tust du da?«
»Nichts, wir gehen nur in der Stadt was essen.«
Er wusste, dass ich log, ließ uns aber fahren. Wir gelangten ohne Probleme nach Breil. Einige Wochen zuvor hatte ich einen Wohnwagen gekauft, als Unterkunft für die WWOOFer, jene Freiwilligen, die eine Zeitlang beim Bioanbau helfen. Mein Bruder, der sich regelmäßig Baumaterial mit dem Helikopter zu seinem hoch gelegenen Haus bringen lässt, vermittelte mir den Kontakt zu der Firma, die den Wohnwagen dann zu mir hinaufbeförderte. Die Mitglieder dieser Familie waren meine ersten Gäste.
6. Das aufgegebene Royatal
Damals wusste ich weder etwas über Asylrecht noch über Eritrea oder den Sudan. Von Libyen hatte ich dank Sarkozy und seinem Freund Gaddafi schon gehört, aber mehr auch nicht. Ich bin weder Historiker noch Geograf und schon gar kein Politiker, aber ich lebte seit dreizehn Jahren in diesem Tal, und zu sehen, wie diese Grenzen aus ihrer Asche wiederauferstanden, stellte mich vor Fragen. Wie konnte im Schengenraum die Personenfreizügigkeit derart eingeschränkt werden? Warum blieb Frankreich gegenüber dem Los dieser Menschen gleichgültig? Die Art und Weise, wie der Staat mit dieser Situation umging, erschien mir verantwortungslos. Wie konnten sie von Paris aus entscheiden, das Royatal aufzugeben und diese Migranten im Stich zu lassen?
Für unser Tal war die plötzliche Grenzschließung ein Schock, ein Angriff. Das Royatal war seit jeher eine Durchgangsstation, in der man auf Grenzen pfiff. Bestimmten Personen, die aus Südeuropa kamen und im Allgemeinen dunkelhäutig waren, war das auf einmal nicht mehr möglich.
Das Verrückteste war, dass die Grenzkontrollen im Westen des Royatals wieder eingeführt wurden, als läge es nicht in Frankreich. Das Ergebnis: Es war sehr leicht, von Ventimiglia nach Breil zu kommen, ohne kontrolliert zu werden. Doch wenn man von Breil nach Nizza wollte, sah die Sache ganz anders aus. War man erst mal drin, erwies sich das Royatal als Fischreuse, aus der man praktisch nicht mehr entkommen konnte.
Ich konnte den Blick der Kinder in der Kirche nicht vergessen. Die Worte des Italieners klangen mir noch in den Ohren: auseinandergerissene Familien, Kinder auf der Autobahn, Mädchen in den Autos ihrer Schleuser vergewaltigt. Mein Kopf brannte. Wie ließ sich verhindern, dass diese Kids ihr Leben riskierten? Es ging nicht mehr an, sich zu sagen, alles sei in Ordnung, während fünfzehnjährige Mädchen »in Kauf nahmen«, vergewaltigt zu werden, um es nach Nizza oder Marseille zu schaffen. Kinder konnte man unmöglich so behandeln.
Die Wochen vergingen, mir brannte immer noch der Kopf. Wie weit sollte ich mich engagieren? Welche Risiken eingehen? Im Allgemeinen verfahre ich mit meinen Wünschen und Plänen wie mit allem, was mir lieb ist, mit Leidenschaft und Beharrlichkeit, was eine Stärke und zugleich eine Schwäche ist. Wenn ich etwas mache, mache ich es ganz. Und jetzt, ganz und gar unentschlossen, war ich außerstande, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Wenn ich gewusst hätte, dass das Beherbergen dieser beiden kleinen Familien mich derart verstören würde …
Ungehorsam sein
Ursprünglich bin ich alles andere als ein Aktivist. Ich gehe nie auf Demos, Menschenmengen machen mir Angst. Meine einzige Demo war die 2002 gegen die Kandidatur von Jean-Marie Le Pen in der Stichwahl um die Präsidentschaft. 2015 hatte mich Suzel Prio von der Bürgerinitiative Roya Citoyenne gebeten, ein paar geflüchtete junge Männer aufzunehmen, aber ich wollte nicht. Ich hatte schon einmal Tunesiern geholfen, die es infolge des Arabischen Frühlings nach Europa verschlagen hatte, aber nicht aus politischen Gründen. Ich fand es mühsam und nicht sehr spaßig, sich politisch zu engagieren. Ich zog die heiteren Aspekte des Lebens vor und liebte die Menschheit nicht genug, um sie retten zu wollen.
Trotz meiner anarchistischen Seite vertraute ich in gewisser Weise auf den Staat, wie so viele Leute. Der aber hatte ein zynisches Spiel eingeführt, das Menschen zwingt, sich in Gefahr zu begeben. Die Spielregel: Man muss leiden, um nach Frankreich einzureisen, sogar sein Leben riskieren. Dieses morbide Kalkül zwingt aus Respekt vor dem Leben geradezu zum Ungehorsam. Solange man die Exilierten nicht kennt, erschrickt man vielleicht wie ich, als ich sie in Menton auf den Felsen sah und beunruhigt war. In dieser Situation hat man mehrere Möglichkeiten. Man wird aktiv und fühlt sich besser; man setzt Scheuklappen auf, wie ich es anfangs noch konnte; oder man weist diese Menschen zurück wie Feinde, Eindringlinge, eine Gefahr.
Sähen diese Menschen aus wie wir, gäbe es mehr Empathie. Im vorliegenden Fall jedoch fällt sie uns schwer. Die Geflüchteten teilen weder Sprache noch Kultur mit uns. Man kann sich nicht mit ihnen identifizieren, solange man sie nicht kennengelernt hat. Es ist wie mit den Obdachlosen. Wer spricht schon mit ihnen? Sehr wenige. Aber angenommen, blonde Mädchen mit blauen Augen würden ohne ihre Eltern durchs Royatal irren – wie könnte die Justiz jemanden verurteilen, der diesen Goldlöckchen Beistand leistet? Eher noch würde sie den Schuft anklagen, der einfach weiterfährt.
Wenn das Recht mit Füßen getreten wird, müssen die Bürger sich dagegen wehren. Demokratie besteht nicht nur darin, die Macht an Volksvertreter zu delegieren. Die Intuition, die mich seit meiner Kindheit leitet und mich dazu bewogen hat, einen Teil von Afrika zu durchqueren und in einem Olivenhain zu leben, sagte mir schließlich: Augen zu und durch! Mehr noch, es war Überzeugung. Es würde schwierig werden, aber mir wurde immer klarer: Die Angst, die mich bis jetzt vom Hinschauen abgehalten hatte, wurde jetzt mein Antrieb.
7. Meine »Mission«
Mai 2016. Der Ginster blühte noch, auch der Perückenstrauch. Auf einer Fete in Breil-sur-Roya traf ich Lucile: Mitte zwanzig, gepflegte blonde Dreadlocks, Bauchtasche und grobe Wanderschuhe, lebhaft und spontan, starker ostfranzösischer Akzent. Sie suchte eine Möglichkeit, als Freiwillige an der Grenze festsitzenden Menschen zu helfen. Ich lud sie ein, ihr Zelt ein paar Tage bei mir aufzuschlagen. Bei der Gelegenheit könne sie mir auch beim Ausmisten des Hühnerstalls helfen. Sie war unabhängig, eine Einzelgängerin, aber sehr gesellig. Sie blieb ein paar Tage, und ich vertraute ihr meine Bedrängnis an. Sie sagte, sie würde mir helfen, wenn ich mich dazu entschlösse, Leute aufzunehmen. Dann verschwand sie, um jugendliche No-Borders-Aktivisten zu unterstützen, die in Ventimiglia ein Haus besetzt hatten. Ich war wieder allein mit meinen Zweifeln.
Ich beteiligte mich an einigen Aktionen von Roya citoyenne, die mehr denn je Hilfe brauchten. Wir fuhren nach Ventimiglia und verteilten Lebensmittel, aber die Polizei vertrieb uns – wir mussten an die hundert Kilo Reissalat wegwerfen. Ein paar Monate später, im August 2016, verbot der Bürgermeister von Ventimiglia die Verteilung ganz, angeblich wegen mangelnder Hygiene und weil das Rotkreuz-Camp ausreiche, um all diese Menschen in Not zu ernähren. Doch das hatte nur Platz für 360 Menschen, und unter der Autobahnbrücke hausten Tausende … Dort verteilten die Bürgerinitiativen Snacks in Plastiktüten, heimlich wie Dealer, die Shit verticken.
Selbst wenn ich Bock darauf gehabt hätte, ich sah nicht, wie ich besser helfen konnte. Doch wie ich es jetzt tat, gefiel mir nicht. Konnte ich nicht dauerhafte Lösungen finden? Da ich weiter meine Zweifel hatte, kehrte ich zu deren Ursprung zurück, zur Kirche Sant’Antonio.
Dort verging die Zeit langsam. Draußen hatten es alle eilig, drinnen war es ruhig, die hier untergekommenen Menschen hatten zu essen und waren geschützt. Von weitem sah ich Don Rito, den Gemeindepfarrer. Er flößte mir kein Vertrauen ein, ich weiß nicht, warum – vielleicht war es seine Ausstrahlung, vielleicht einfach mein generelles Misstrauen gegenüber Geistlichen. Damals glaubte ich, dass er nur aus Christenpflicht so handelte, um ein reines Gewissen zu haben, aber womöglich der perfekte Spitzel für die Bullen war, die die Aktivisten jagten. Ich täuschte mich, das merkte ich später.
Ich schlug einer eritreischen Familie vor, mit zu mir zu kommen, dann würden wir eine Lösung suchen. Meine Entscheidung war gefallen, meine »Mission« war die wirkungsvollste, aber auch riskanteste: ihnen über die Grenze zu helfen. Ich würde die Verletzlichsten – Kinder, Jugendliche, Familien, Behinderte – aufnehmen. Und ich würde Bürgerinitiativen in Frankreich, in der Schweiz, Deutschland oder Belgien kontaktieren, die ihnen weiterhelfen konnten. Mein eigentliches Ziel war dabei nicht, ihnen über die Grenze zu helfen, sondern ihnen Risiken zu ersparen.
Einfach wie Hubert
Hubert Jourdan war damals der Einzige in den Alpes Maritimes, der sich öffentlich dazu bekannte, Migranten bei sich aufzunehmen, seit vielen Jahren. Die Wenigen im Royatal, die es ebenfalls taten, taten es diskret, hinter zugezogenen Vorhängen, und sie vermieden es, am Telefon darüber zu reden. Hubert hingegen war das Risiko egal.
Ich fragte ihn: »Wie muss man sich organisieren, um Leute aufzunehmen?«
»Wenn deine Cousine, deine Nichte, dein Kumpel oder dein Nachbar dich besuchen kommt, was tust du dann? Eben, genau so machst du’s!«, antwortete er.
Bei weitem die beste Antwort, die ich zur Organisation der Aufnahme bekommen konnte.
Hubert war über sechzig, er hatte vor mehr als vierzig Jahren zwei Jahre lang bei Abbé Pierre gearbeitet, aber das erfuhr ich erst viel später. Er war auch für große NGOs in humanitären Camps im Ausland gewesen, vor allem in Afghanistan. Jetzt besetzte er mit anderen zusammen Gebäude in Nizza, richtete Anfragen an die Präfektur, organisierte Unterkünfte bei den Bürgern. Er war schließlich daran verzweifelt, dass er sein ganzes Adressbuch abtelefonieren musste, um in Nizza jemanden zu finden, der bereit war, »eine junge Frau und ihr sechs Monate altes Baby« aufzunehmen. Statt sich weiter rumzustreiten, hatte er seine Baracke in La Colle-sur-Loup aufgemacht, um alle aufzunehmen, die sonst niemand haben wollte. Als Sohn eines Staatsanwalts war er zur Achtung vor Recht und Gesetz erzogen worden. Für ihn war sein Handeln ein Kampf gegen die Ungerechtigkeit, für die Moral, die sein Vater ihm beigebracht hatte, und für die elementarste Gerechtigkeit, auch wenn das nicht immer die des geltenden Rechts ist.
Ich fragte ihn im Frühjahr 2016 öfter um Rat. Damals beherbergte er täglich zwischen zehn und dreißig Personen, und daneben arbeitete er für Habitat et Citoyenneté, eine Initiative, die nach Lösungen für obdachlose Familien sucht. Sie übernimmt den Kontakt zu den Behörden für sie und betreibt einen solidarischen Lebensmittelladen. Hubert lebt Tag und Nacht für den Kampf gegen die Prekarität. Ich verbringe meine Zeit gern mit ihm; bei ihm wird alles einfach, er ist, wie ich auch, ein Pragmatiker.
Zufällig traf ich Lucile in Menton wieder. Das besetzte Haus in Ventimiglia war geräumt worden, sie wartete auf ihren Prozess und hatte dort Aufenthaltsverbot. Ich schlug ihr vor, mitzukommen und den ersten »Internationalen Campingplatz im Royatal« mit mir aufzumachen. Sie war einverstanden. Ich ahnte, dass es nicht lange dauern würde – früher oder später würde man mich in flagranti erwischen und als »Schleuser« verhaften, und dann würde ich vielleicht im Gefängnis landen.
8. Petit Bouddha
Der Kleine beobachtet mich, ein eingefrorenes Lächeln auf den Lippen. Seit seiner Ankunft hat er kein Wort gesprochen. Ein kleiner Buddha, könnte man meinen. Dieses Lächeln ist wie ein Spiegel oder Schutzschild, von dem die Unbilden des Lebens abprallen. Seine Augen sind mit Tränen bewehrt, die nie herabfließen, in jedem Auge eine. Mit seinen glatten schwarzen Haaren, großen, mandelförmigen Augen und fein geschnittenen, zarten Lippen sieht er wie ein Indianer aus. Sein Blick hatte den Ausschlag gegeben, dass ich seine Familie und nicht eine andere mitnahm.
Der Junge betrachtet die vierhundert Küken, die gerade in kleinen Schachteln angekommen sind, um die alten Legehennen aufzufrischen. Ich setze sie in ein Kükenhaus unter die wärmende Lampe, und ihr Gepiepse ist so laut, dass ich Ohrenschützer trage. Beobachtungszeit: Haben sie Hunger oder Durst, ist ihnen kalt oder warm? In den ersten Tagen sind sie so fragil, dass ein mit kaltem Regen vermischter stärkerer Windstoß genügte, und man fände sie mit beiden Beinchen in der Luft wieder. Ich rede mit ihnen, um sie an meine Stimme zu gewöhnen, und stoße komische kleine Geräusche aus, um sie zu beruhigen. In drei Wochen haben sie nichts mehr zu befürchten. Wie der Kleine, der hier in Sicherheit ist und mir auf Schritt und Tritt folgt. Ich kriege nicht raus, ob er traurig ist oder froh oder beides zugleich.
Während die Arbeit auf dem Hof weitergeht, wächst langsam der internationale Campingplatz aus dem Boden. Ein zweiter Wohnwagen ist per Helikopter gekommen. Lucile und ich haben Zelte und Decken aufgetrieben. Die Leute kommen, bleiben ein paar Tage, dann geht’s weiter. Ich weiß nichts über sie, denn ich belästige sie lieber nicht mit Fragen. Doch ich ahne, was sie durchgemacht haben: Durchquerung der Sahara, die Hölle Libyens und die Fahrt übers Mittelmeer, eine makabre Lotterie, bei der Angehörige sich aus den Augen verlieren oder untergehen, jede Menge Tragödien. Alle sind sie Überlebende, für die es schon eine Großtat ist, dass sie es bis zu mir geschafft haben. Ich schenke ihnen ein paar Momente der Erholung, bevor sie von neuem der Brutalität und den Unsicherheiten des Umherirrens die Stirn bieten müssen.
9. Olivenfest
2016 hatte ich gerade mit dem Olivenfest aufgehört, das ich seit 2006 auf dem Dorfplatz von Libre, einem Weiler bei Breil, organisierte. Mein Bruder Morgan und ich hatten es ins Leben gerufen, um die reiche Ernte zu feiern. Ich war sehr überrascht gewesen, dass es dieses Fest im Royatal, dem Land der Oliven, nicht gab. Weil wir überzeugt sind, dass Menschen Anlässe brauchen, sich zu treffen, haben wir das ganze Dorf zum Essen eingeladen. Morgan opferte ein Zicklein, das sich am Spieß drehte, und es gab Musik – ein richtiges okzitanisches balèti.
Anfangs kamen vor allem unsere Freunde. Dann dauerte das Fest jedes Jahr ein Wochenende lang und wurde immer größer. Am Ende wurden mehr als sechshundert Besucher gezählt, es gab Konzerte von sieben Uhr abends bis drei Uhr morgens: Punk, Jazz, Ska, Rock, Electro … Viele warteten ungeduldig auf das selbstverwaltete Fest, das die Landwirtschaft und eine andere Art zu produzieren und zu konsumieren symbolisierte. Wir haben es nie geschafft, die örtlichen Bauern zum Mitmachen zu bewegen, nur einige von ihnen kamen. Sie hatten immer das Gefühl, überrannt zu werden, und fanden alle möglichen Ausreden, um uns zu entmutigen.
Wir Organisatoren waren zu dritt. Dutzende Freiwillige kümmerten sich spontan um die Bar, die Kasse und das Saubermachen. Jeder kannte seine Aufgabe, nur das Rathaus nicht, das sich weigerte, uns die gemeindeeigenen Tische und Stühle zur Verfügung zu stellen, und Genehmigungen nur schleppend erteilte. Aber wir hatten die Gendarmen auf unserer Seite, so entstanden gute Beziehungen, die uns später nutzten, wenn wir Exilierten halfen. Sie sagten: »Auch wenn der Herr Bürgermeister sich zurückhält, euer Fest ist vorbildlich. Seit es dieses Fest gibt, hatten wir nie eine Schlägerei oder irgendeinen Unfall, im Gegensatz zu den traditionellen Festen im Tal. Ihr seid auch die Einzigen, die uns über die Organisation auf dem Laufenden halten.«
Wir hatten eine Initiative gegründet, Aux Arbres (Für die Bäume), selbst finanziert und unsubventioniert. Wir wollten unabhängig sein, was sich bei einem Budget von knapp zehntausend Euro als sehr schwierig erwies. Wir hatten eine gute Idee: Bier. Die Bar ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir kauften in Deutschland Druckfässer mit Bier, das wir immer wieder auffüllten und an andere Initiativen für andere Events weiterverkauften. Ich verbrachte meine Wochenenden damit, Festivals und Konzerte zu beliefern – eine Heidenarbeit. Man musste vor Beginn da sein, die Zapfanlagen kontrollieren, Dutzende Fässer eigenhändig ausladen, die Bar organisieren und bis zum Schluss warten, um alles wieder in den Lieferwagen zu laden, ins Royatal zurückzufahren, alles wieder abzuladen und in die Vereinsräume zu bringen. Oft kam ich erst in der Morgendämmerung nach Hause.
Diesen hektischen Rhythmus hielt ich ein paar Jahre durch. 2016 hörte ich auf, ich war es leid, mich ständig mit dem Bürgermeister und mit Nachbarn rumzustreiten, die wegen des Lärms schimpften, und mit den Initiativen, die Monate brauchten, um uns das Bier zu bezahlen. Diese freiwillige Arbeit zehrte an meiner Zeit und an meiner Arbeit als Bauer, ich hatte die Welt der Initiativen satt, ich wollte wie alle anderen mit den Händen in den Taschen zum Fest erscheinen und in vollen Zügen genießen.
Mit dem Fest aufzuhören, das ein wenig mein Baby war, fiel mir schwer. Ich hatte es auf die Welt kommen und groß werden sehen, und nun ließ ich es sterben. Aber als der Entschluss gefasst war, fühlte ich mich befreit – ohne zu wissen, dass ich mich bald in ein anderes kollektives Abenteuer stürzen würde. Der Vorteil war, dass ich zehn Jahre lang gelernt hatte, für sechshundert Personen zu planen, wo sie pinkeln, schlafen, essen und trinken konnten – Probleme, mit denen ich bald wieder konfrontiert wäre.
10. Kalt und pragmatisch
Sommer 2016. Innerhalb eines Monats habe ich an die dreißig Personen über die Grenze gebracht, und meine Stimmung hat sich geändert. Wenn ich jetzt nach Ventimiglia hinunterfahre, bin ich wie ein Tier. Ich beobachte. Die Leute, die Autos, die Bullen, die Schleuser. In der Kirche bin ich bekannt wie ein bunter Hund. Die Entscheidung, wen ich mitnehmen soll, fällt mir jedes Mal schwerer, ich versuche, möglichst pragmatisch zu sein. Mich nicht vom Gefühl leiten zu lassen. Diejenigen auszusuchen, die es am Nötigsten haben. Ich nutze die Ablenkung durch die Aktivisten, die eilig Plastiktüten mit Essen verteilen. Wenn sie da sind, sind die Bullen beschäftigt.
Die Kirche ist von Mal zu Mal voller. Ich versuche, die Kids, die es allzu eilig haben, zu überzeugen, auf mich zu warten. Aber sie wollen so schnell wie möglich über die Grenze, selbst wenn sie die Autobahn entlanglaufen müssen. Während ich eine Familie in meinen C15 lade, packt mich eine alte Italienerin zeternd am Arm und gibt mir die Schuld an den Geschehnissen in ihrer Straße. Wir haben beide damit Probleme, entgegne ich, aber unterschiedliche Lösungen: Ich bringe die Leute aus Ventimiglia weg, auch von ihrem Haus, und sie beschimpft sie bloß.
Während der Fahrt haben die Familien Angst vor mir, ich bin kalt und unnahbar, wie ein wildes Tier, das niemand stoppen kann. Die Schleuser in Ventimiglia sehen mich böse an, sagen aber nichts. Mittlerweile weine ich innerlich auf jeder Rückfahrt, ich ertrage den Geruch der Angst nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus, Menschen in mein Auto zu quetschen, die verständnislosen Blicke der Kinder zu sehen, wenn ich sie unter einer Decke verstecke, die Angst der Eltern zu spüren.
Wie soll man einem Kind erklären, dass seine Hautfarbe versteckt werden muss? Dass das Land, in dem es aufwachsen und seine Liebesbeziehungen, seinen Beruf und seine Familie aufbauen wird, es wegen seiner Hautfarbe nicht wollte? Im Royatal herrscht Staatsterror.
Staatlicher Rassismus
Als ich später bei Radio Europe 1 den »staatlichen Rassismus« und die »Jagd auf Schwarze« anprangerte, sagte der Abgeordnete Éric Ciotti, das sei eine Beleidigung der Polizei und Frankreichs, meine Äußerungen seien infam und unwürdig … Und der Innenminister persönlich bestritt, dass es Kontrollen aufgrund der Hautfarbe gebe. Aber sind die wieder eingeführten Grenzkontrollen etwa nicht rassistisch motiviert? Der Kampf gegen die Einwanderung kein staatlicher Rassismus? Was denkt sich der Minister, wenn er den Polizisten befiehlt, den Zustrom von Flüchtlingen zu kontrollieren: dass sie blauäugige Blondschöpfe anhalten, um zu überprüfen, ob sie afrikanischer Herkunft sind?
Das Royatal wird der Gewalt und dem Rassismus geopfert. Es gehört nicht mehr zu Frankreich, es ist Niemandsland, ein Ort, wo der Staat das Recht auf den Kopf stellt und manche Bewohner darauf reagieren, indem sie auf die staatlichen Anordnungen pfeifen. Ich höre, wie die Präfekten, Minister und Politiker in Paris unsere Aktionen anprangern: eine »ultralinke« Gruppe, »No Borders«, die die Abschaffung der Grenzen fordern, »Verantwortungslose« oder »Naive«. Nein, verdammt! Am liebsten würde ich sie an der Krawatte hierherzerren, damit sie nur eine einzige Nacht bei uns verbringen. Ich würde ihnen die Jugendlichen vorstellen, deren Füße von den Fußmärschen in ungeeigneten Schuhen durch Wald und Feld, entlang der Eisenbahngleise oder auf der Straße geschwollen und aufgesprungen sind. Ich würde sie zwingen, das infolge der Folterungen in Libyen entzündete Gewebe zu berühren. Ihnen zeigen, welche Spuren ein Nagel zwischen Hoden und Anus eines Siebzehnjährigen hinterlassen hat. Ich würde diese Demagogen mit den glatten, sauberen Händen am liebsten bitten, ihre Anweisungen persönlich in die Tat umzusetzen: Holen Sie sie doch selbst! Schicken Sie sie selbst nach Italien oder Libyen zurück, wie Sie angeordnet haben! Erklären Sie dem Mädchen, das über Bauchweh klagt, dass sie von ihrem libyschen Vergewaltiger schwanger ist!
Aufnahmekrise
Die Männer in Grau tun mir leid. Ihre Gefühllosigkeit bestürzt mich. Wir haben ihnen aus Feigheit unsere Macht überlassen – und sie missbrauchen sie, um zu diskriminieren, zugleich Richter und Partei zu sein. Das Resultat dieser schlechten, demagogischen Politik ist Misshandlung. In ihren Reden behaupten die Politiker, die Migranten gefährdeten die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Doch für diese Gefährdung ist der Staat selbst verantwortlich. Die Werte unserer Republik werden von denjenigen mit Füßen getreten, die mit ihrem Schutz betraut sind. Der Präfekt ist der »bewaffnete Arm« einer Politik, die aus reinem Populismus die Zahlen der Rückführungsstatistik in die Höhe treibt und unterschiedslos Männer, Frauen und Minderjährige abschieben lässt.
Im »Kampf gegen die illegale Einwanderung« sind die Grenzkontrollen vor allem eine Botschaft. Der Präfekt verkündet regelmäßig, er schicke Tausende von Menschen nach Italien zurück, aber seine Rechnung ist falsch. Er lässt mehrmals ein und dieselben Geflüchteten »entfernen«, denn die versuchen ihr Glück immer wieder aufs Neue, bis sie es schaffen. Mit dieser Politik schwächt die Regierung die extreme Rechte nicht, wie sie behauptet, im Gegenteil, sie stärkt sie. Die aufgeblasenen Zahlen sollen glauben machen, es gäbe eine »Flüchtlingskrise«, dabei handelt es sich um eine Aufnahmekrise – man will die Aufnahme nicht organisieren, obwohl das Völkerrecht und die internationalen Abkommen uns dazu verpflichten.
11. Über die Grenze
Sobald das Fahrzeug in Ventimiglia beladen war, herrschte tiefes, angespanntes Schweigen. Ich fuhr mal schneller, mal langsamer, um herauszufinden, ob ich verfolgt wurde. In diesem Fall kehrte ich um oder machte halt vor einer Bar. Ich musste nach vorn und nach hinten schauen. Wenn ich weinte, war da nur Sand, meine Augen brannten, tränten aber nicht. Gern hätte ich, wie Petit Bouddha, eine Träne in jedem Auge gehabt, die für immer dort blieb, nur zum Befeuchten. Mein Mund schmeckte nach Eisen, als ob mein Magen blutete.
Petit Bouddha folgte mir überallhin, rannte aber nie; er hörte mir zu, ohne zu antworten. Er trug ein kurzes weißes Hemd. Seine Eltern wussten nicht, wie alt er war, zudem ähnelte er seinen drei Schwestern nicht. Ich begriff schnell, dass sie ihn erst vor kurzem aufgelesen hatten. Vermutlich waren seine richtigen Eltern im Meer, in Libyen oder in der Wüste umgekommen; seither war er verstummt, aber seine Lippen deuteten immer ein Lächeln an. Er hielt sich aufrecht, kerzengerade, immer zwei Tränen in den Augen, die mich fest im Blick behielten. Ich hatte ihn sehr gern.
Wir beobachteten die Küken, die überall herumhüpften. Mittags gesellten wir uns zum Rest der Familie, den Eltern und ihren drei kleinen Töchtern. Seit ein paar Wochen aß ich nicht mehr allein. Der Tisch auf meiner Terrasse war gedeckt – Reis mit Gemüse, wie üblich. Ungeduldig warteten wir darauf, dass die Tomaten reif wurden, ein oder zwei Wochen noch.
Vorausfahrzeug
Lucile und ich kannten uns allmählich gut. Einziges Manko: Sie war hyperaktiv, was mich dazu zwang, es auch ein bisschen zu sein. Mal machte sie das Essen, mal ich, oder die Eltern wechselten sich ab. Nachmittags arbeiteten wir im Garten, kümmerten uns um die Hühner, sammelten die Eier ein. Donnerstags lieferten wir die Erzeugnisse aus und fuhren unsere Gäste zu einem Bahnhof weit hinter Nizza. Kinder herumzukarren, die zwischen zwei Stapeln Eierpaletten versteckt sind, kam uns schließlich derart normal vor, dass wir uns wunderten, wenn manche Freunde von Roya citoyenne »leer« nach Nizza fuhren.
»Wie, ihr habt niemanden mitgenommen?«, fragten wir sie ungläubig.
Ermaßen wir das Risiko noch? Ich bin nicht sicher. Anfangs war die Straße vom italienischen Ventimiglia ins französische Breil nicht überwacht. Die einzige Gefahr war, dass die Bullen sahen, wie ich bei der Kirche Leute ins Auto lud. Dort trieben sich französische Zivilpolizisten herum, aber wie sollte ich die erkennen, zumal, wenn sie sich als »Gesindel« verkleidet hatten? Bis jetzt waren wir ihnen zum Glück entgangen.
Die Straße von Breil nach Nizza hingegen wurde von der Polizei viel engmaschiger überwacht. Wir starteten in der Morgendämmerung. Lucile fuhr mit dem Kastenwagen voraus, der mit Hoferzeugnissen beladen war. Ich folgte sechs Minuten später mit unseren »Reisenden«. An jeder kritischen Stelle rief Lucile mich an. Wenn sie auf Bullen traf, kein Anruf. In dem Fall verließ ich die Strecke und fuhr ziellos herum oder hielt an. Sie beeilte sich, zu uns zurückzufahren, damit wir nicht lange warten mussten, denn mit meinen hinten zusammengepferchten »Reisenden« war das riskant.
Ihre Rolle erwies sich als schwierig und stressig, aber unsere fast symbiotische Verbindung erleichterte unsere Aktionen. Allein der Klang ihrer Stimme verriet mir, ob die Straße sicher war, ob etwas sie nervös machte oder ob sie Angst hatte. Wenn ich mit Mitstreitern von Roya citoyenne »Reisende« transportierte, war das ganz anders. Viele hielten sich nicht an die Abmachungen, manche telefonierten am Steuer und gingen dadurch ein unnötiges Risiko ein; andere dachten, das Ganze sei ein Spiel, und hielten sich weder an den Abstand zwischen den beiden Autos noch an die Abmachungen für die Telefonate. Jedes Detail zählte. Man sollte nicht sagen: »Achtung, bei der Ausfahrt Monaco sind Bullen«, höchstens: »Ausfahrt Monaco gesperrt«.
Ich habe Autos mit »Reisenden« das Vorausfahrzeug überholen sehen … Der Grund? Der Fahrer wollte pinkeln! »Die Bürgerinitiative Roya citoyenne, eine perfekt organisierte Bande!«, behaupteten der Präfekt und der Staatsanwalt später. Sie hatten keine Ahnung von der Wirklichkeit.
Es funktioniert
Wenn ich Personen von Ventimiglia mitbrachte, erwartete Lucile sie unten am Weg, beruhigte sie und gewann ihr Vertrauen. Später hielt sie Kontakt zu den Familien und blieb in enger Verbindung mit ihnen. Ich dagegen wollte Abstand halten und sie vergessen, sobald sie weg waren. Zumindest versuchte ich es. Ciao, Petit Bouddha …
Zu der Zeit verlief das Leben bei mir ziemlich normal, in einer Art Ferienstimmung. Auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprachen, waren wir heiter, zumal sich die Gesichter unserer Gäste innerhalb weniger Tage veränderten; ihre Züge wurden gelöster, ihre Brauen entspannten sich, sogar ihr Schritt schien beschwingter zu werden. Abends tranken Lucile und ich Bier bis spät in die Nacht. Betrunken sein hilft, die Dinge nicht mehr so ernst zu nehmen und sich Fantasiewelten auszudenken, um die Brutalität der Umstände aus dem Kopf zu kriegen.
Mit Huberts Hilfe, der uns Ratschläge gab und Kontakte vermittelte, baute Lucile ein gutes Netzwerk auf, dank dem unsere »Reisenden« überall in Frankreich Unterkünfte fanden, vor allem bei Privatpersonen. Man holte die Migranten am Ankunftsbahnhof ab, das ist wichtig. Auch die Pläne, wie wir an Zelte und Decken kamen, funktionierten großartig. Wir baten um zehn und erhielten hundert.
Bei all dem habe ich mich bemüht, Lucile zu schützen. Mit mir zusammen nach Ventimiglia zu fahren, war verboten! Kein Freiwilliger nahm an Fahrten über die Grenze teil; ich zog es vor, allein in Polizeigewahrsam genommen zu werden. Lucile war stark, aber wild, und ich glaubte nicht, dass sie einem Gefängnisaufenthalt standhalten würde; als junge Frau hätte sie eine Menge einstecken müssen.
Während ihrer Zeit im Royatal hat sie solche emotionalen Achterbahnfahrten erlebt, dass ihr das Leben nach ihrem Abschied im März 2017 fade vorkam. »Wenn du ins ›normale‹ Leben zurückkehrst, erscheint dir alles flach«, erklärte sie mir. »Es fühlt sich fast an, als wäre man tot. Im Royatal habe ich Gefühle entdeckt, die ich vorher nicht kannte oder die sich verzehnfacht haben. Das hat mich enorm anpassungsfähig gemacht und mir sogar geholfen, einen Job zu bekommen.«
12. Schleuser
Der Bahnhof von Ventimiglia ist voller Menschen. Die Schleuser treiben nach Nationalitäten sortierte Gruppen von Migranten vor sich her. Unter ihnen erkenne ich ein Mädchen aus der Kirche wieder, ich fasse sie an der Schulter und halte sie zurück. Der Schleuser kommt auf mich zu. Ich schreie ihn an: »Einen Schritt weiter, und ich polier dir die Fresse und verpfeif dich bei den Bullen da drüben!«
Er schaut mich drohend an, dann wendet er sich wieder seinen Geschäften zu. Er benimmt sich wie der Herr im Haus, unantastbar, und organisiert seinen Menschenhandel wie ein Viehhändler Schafe. Er stellt Gruppen zusammen, lädt sie ins Auto und kassiert, die italienischen Bullen schauen tatenlos zu. Unbehelligt profitiert der Schleuser von den geschlossenen Grenzen und betreibt sein Business. Je härter die Repressionen gegen die Geflüchteten, desto höher sein Tarif. Hier wird alles verkauft: Dienstleistungen, Telefonnummern und die Körper junger Mädchen.
Wenn man künstliche Barrieren errichtet, um Menschen ohne Geld auszusperren, schafft man ein System, das die Gesellschaft sehr viel mehr kostet, den Menschenhandel. Schleuser werden verteufelt, aber ich wiederhole: Wenn man die Bullen abzieht, gibt es keine Schleuser mehr. Es ist wie mit den Drogen – die Kriminalisierung erzeugt den illegalen Handel erst.
Rechenaufgabe
Ein paar Monate später kam ich nach einer Verhaftung in der »Mausefalle«, das ist das Untersuchungsgefängnis des Justizpalasts in Nizza, mit fünf Schleusern in Kontakt. Ich unterhielt mich durch die Gitterstäbe mit einem von ihnen, der am Steuer eines Transporters festgenommen worden war, in dem sich etwa zwanzig Personen befunden hatten. Er weinte, sprach kaum Französisch, ich versuchte ihn zu beruhigen. Man hält all diese Schleuser für Schwerkriminelle, dabei sind es oft Verlorene, illegale Einwanderer, Tagelöhner.
Er erklärte mir, dass er für vier Hin- und Rückfahrten zwischen Ventimiglia und Nizza pro Tag vierhundert Euro bekam. Er brauchte Geld und hatte kaum die Wahl. Er war keiner, der Befehle gab, sondern ein Befehlsempfänger, wie man sie oft unter Straftätern findet. Da er niemanden geschlagen oder bestohlen hatte, wusste er nicht, was er falsch gemacht hatte.
Dank seinen Erklärungen habe ich besser verstanden, was sich an der Grenze wirklich abspielt. In Ventimiglia stellen Anwerber die Gruppen zusammen und kassieren das Geld, dann werden den Fahrern Transporter zur Verfügung gestellt. Weder Fahrer noch Anwerber kennen den Auftraggeber, also denjenigen, der diese Zwischenhändler benutzt. Sie allein tragen das Risiko; der Strippenzieher bleibt unantastbar.
Ich habe kurz überschlagen, wie viel der Auftraggeber pro Tag kassierte. Vier Fahrten mit zwanzig Personen, die je 150 Euro bezahlen, das macht mit 12’000 Euro einen schönen Batzen Geld, minus die 400 Euro für den Fahrer und vermutlich ebenso viel für den Anwerber. Also 11’200 Euro Gewinn pro Tag. Die Schließung der Grenze schadet nicht jedem … Nach manchen Schätzungen werden mit Menschenhandel weltweit jährlich 27 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Aber in der kleinen Stadt Ventimiglia hat die Polizei die Köpfe des Schleuserrings nie geschnappt. Und mein Zellennachbar landete im Gefängnis, während sein Boss ungestört einen Profit von Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausenden von Euro machte.
Bullen und Prostitution
Manche Schleuser verkaufen auch nur einen Rat. Da sie schon so manche Grenzüberquerung ausprobiert haben, kennen sie die sicheren Wege und verkaufen dieses Wissen an die Neuankömmlinge. So »arbeiten« sie ein oder zwei Jahre, um ihre Überfahrt nach England zu finanzieren. Andere hingegen sind Arschlöcher und betrügen die Exilierten. Sie tun so, als würden sie sie nach Frankreich fahren, und setzen sie dann in einer anderen italienischen Stadt aus. Die Verrücktesten durchbrechen mit Vollgas die Straßensperren – man kann sich denken, wie gefährlich das für die hinten in den Transporter gepferchten Personen ist. Und dann sind da noch die Taxifahrer, die in Ventimiglia Leute aufnehmen und bei einer Kontrolle die Ahnungslosen spielen, nach dem Motto: »Ich mach nur ’ne Fuhre – ich frag doch nicht, ob der Fahrgast Papiere hat.«
Am Schlimmsten sind die Raubtiere, die die Prostitutionsringe versorgen. Angewidert von den Übergriffen, Belästigungen und Vergewaltigungen, die uns zu Ohren kamen, stellten wir in Ventimiglia Nachforschungen an, um ein Organigramm der größten Schleuserringe zu erstellen – wer sind die Bosse, wie verstecken sich die »Zwischenhändler« unter den Geflüchteten, bevor sie die Fahrten über die Grenze organisieren … Wir haben diese Liste den Gendarmen und der Grenzpolizei übergeben, mit Telefonnummern, Personenbeschreibungen und ungefährem Alter.
Aber all diese »Ordnungskräfte« scherten sich nicht darum, sie waren zu sehr damit beschäftigt, uns aufzuspüren. Während sie verbissen Jagd auf uns machten, sind mehrere Mädchen vergewaltigt worden und anderen wurde ein kostenloser Grenzübertritt nach Frankreich gegen gewisse »Gefälligkeiten« angeboten, Prostitution. Weder die französischen Behörden noch ihre italienischen Kollegen störten sich an diesen Machenschaften, die sich vor ihren Augen abspielten.
Manche Polizisten beteiligten sich sogar an den Schleuserfahrten, wie jener Wachtmeister, der im Juni 2017 an der Mautstelle von La Turbie vorläufig festgenommen wurde, als er in seinem Peugeot 106 einen Gambier und drei Senegalesen beförderte. Er gestand sieben bis zehn Schleuserfahrten mit je drei bis vier Personen, von denen jeder zwischen 125 und 250 Euro gezahlt hatte. Sein Motiv? Überschuldung. Er verdiente 3000 Euro! Vor Gericht sprach der Polizist, der seit über zwanzig Jahren in Nizza seinen Dienst versah, von einem »großen Fehler«. »Das war kein großer Fehler, das war eine schwerwiegende Straftat, begangen über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten«, korrigierte ihn die vorsitzende Richterin. Er wurde zu achtzehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt und sofort inhaftiert.
13. Die Lage kippt
Am 11. August 2016 kippte die Situation. An diesem Tag sollte ich spätnachmittags eine Mutter mit ihren beiden Kindern auf dem Parkplatz vor der Kirche in Ventimiglia abholen. Als ich sie in meinen C15 einsteigen ließ, beobachteten uns zwei Frauen auf dem Bürgersteig gegenüber mit traurigen Augen. Auch sie hatten Kinder. Impulsiv lud ich sie ein mitzukommen. Ich war gestresst und hatte fast sofort ein schlechtes, sehr schlechtes Gefühl.
Ventimiglia war zu einem kleinen Calais geworden. Zweitausend Menschen schliefen jede Nacht und schissen jeden Morgen unter dem Autobahnviadukt in der Nähe der Kirche. Am späten Nachmittag nahmen sie den Lidl-Parkplatz unter dem schwankenden blau-gelben Schild in Beschlag, ein paar Schritte von der dunkelgrünen Bude des alten Floristen gegenüber dem Friedhofstor. Ein surrealistisches Bild, dieses Nebeneinander von Tod, Exil und Massenkonsum.
Manche versteckten sich zwischen dem hohen Röhricht, das im ausgetrockneten Bett der Roya wuchs. Sie hatten keinen Ort, um sich zu waschen, und wurden wie Untermenschen, wie Abfall behandelt. Selbst Hunde und Tauben behandelt man nicht so. Am Bahnhof campierten sie auf dem Vorplatz, in der Halle und auf den Treppenstufen, wo die Schleuser immer aggressiver wurden. Aber die Bullen, die Gesichter blau von ihren Handy-Displays, blieben in ihren Wannen mit den vergitterten Fenstern ungerührt. Sie standen mitten im Chaos, aber das kümmerte sie nicht.
Manche Einwohner hatten genug von den Hunderten Schwarzen, die vor ihren Wohnungen hausten. Das war nicht unbedingt Rassismus, sie hatten es nur satt, direkt neben einem Slum zu wohnen, in dem das ganze Elend der Welt versammelt war. Doch wer war dafür verantwortlich, die Menschen auf der Straße, die keine Toilette hatten, oder die Stadtverwaltung, die keine aufstellen ließ? Die Anwohner hatten das Gefühl, ihre auf Kredit gekauften Wohnungen seien nichts mehr wert. Auf ihren Druck hin berief sich der Bürgermeister auf die Hygiene und verbot die Verteilung von Lebensmitteln und verweigerte den Zugang zu Wasser. Resultat: Auf der Straße vor der Kirche sammelten sich auf dem Gehsteig die Tellerchen mit Futter für die streunenden Katzen. Auf der anderen Seite die »streunenden« Menschen, die unter der Autobahn schliefen und nur heimlich etwas zu essen bekamen.
Pulsuz fraqment bitdi.