Kitabı oxu: «Die Enkelin»

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Impressum

Channah Trzebiner

Die Enkelin oder

Wie ich zu Pessach die vier Fragen nicht wusste

© Weissbooks GmbH Frankfurt am Main 2013

Alle Rechte vorbehalten

Konzept Design

Gottschalk+Ash Int’l

Foto Channah Trzebiner

© Michael Utz

Satz und Herstellung ebook

Publikations Atelier, Dreieich

isbn 978-3-86337-044-2

weissbooks.com


Channah Trzebiner

Die Enkelin

oder Wie ich zu Pessach die vier Fragen nicht wusste


Die Enkelin

Für meine Mama, Pola Trzebiner, eine Frau, die so reich an Emotionen ist, wie ein Baum Blätter hat.

MEIN OPA ABRAHAM

Ich akzeptiere die, die ich bin. Ich bin glücklich, dazu in der Lage zu sein. Ich habe die Verbindung zu meinem innersten Ich jahrelang gekappt und dafür gesorgt, dass eigene Gefühle keinen Raum haben. Ich habe sie im Keim erstickt. Ich tat dies für meine Liebsten, dafür, ein Loch der Geschichte zu füllen, ein Ersatz für ermordetes Leben zu sein. Um aus einem zwei zu machen, um Verschwundene weiter leben zu lassen. Wie hätte ich anders gekonnt. Ich heiße Channah, so wie die jüngste Schwester meiner Oma, die immer gesagt hat: »Gib mir a schwanz fin a hering un a raiftl fin a broit un ich bin schoin nischt mer dain mensch.«

Meine Oma hat mir wenig über ihre Schwester erzählt. Aber wenn sie mich in ihre Arme nahm, dann nahm sie ihre kleine Schwester in die Arme und streichelte mir liebevoll über den Kopf: »Channele, Chanischi, ma taires maidele.«

Wer sonst hätte ich sein können, wenn nicht Channele aus dem staitl, ein Mädchen, das genügsam und bescheiden ist, und glücklich über a stikl kichn.

Wenn meine Großeltern mich ansahen, müssen sie andere gesehen haben. Meine Person war nicht von Bedeutung. Ich war ein Beweis dafür, dass es andere gegeben hat. Kinder, Ehepartner, Mütter, Väter, Brüder und Schwestern.

Wie hätten sie mich denn unbedingt lieben können? Mein Opa sagte: »Daine hur sind glach zi di hur fin mainem sin.«

Wie sein Sohn vor dem Krieg hieß, wie alt er war, als er, auf einem Bein hüpfend, mit seiner hochschwangeren Mama vor den Augen meines Opas in die Gaskammer getrieben wurde, das weiß ich nicht. Als ich einmal all meinen Mut zusammennahm und meinen Opa danach fragte, sagte er: »Wus sol ich dir sugn, ale senen a wek, ale senen farbrent worn. Ganze mentschn senen gegangen ins faier.«

Er schaute dann in den Himmel. Vermutlich sah er den dunklen Rauch der Krematorien.

Über seine geliebte Frau und seinen Sohn konnte Opa nicht reden. Lediglich über seinen Hund Nero hat er gesprochen. Das war für mich logisch, über den Verlust eines Hundes kann man hinwegkommen, nicht jedoch über den Tod des eigenen Kindes, der eigenen Frau. »Dus hintl hobn sei erschosen, als ich bin gewein arbeitn.«

Dus hintl ist eine der wenigen Verbindungen, die mein Opa zu meinem realen Leben aufbauen konnte. Nach dem Tod meines Vaters bat ich meine Mutter, mir einen Hund zu kaufen, der die Stille und die Trauer in unserem Haus vertreiben sollte. Obwohl meine Mama Hunde abgrundtief hasste, konnte sie sich nicht gegen mein Antitrauerprogramm wehren und gab schließlich nach. Ich nannte den Hund, der eine Hündin war, Joy, Freude, und das war sie dann auch für uns alle.

Manchmal denke ich, dass sich die Traurigkeit meiner Familie in dem kleinen Hund ausgebreitet hat. Auch Joy war den Anfällen meiner Familie ausgesetzt und wusste nie, ob Opa ihr mit Freude, unendlicher Liebe oder einem Satz Prügel begegnete. Manchmal saßen wir am Tisch und Opa schlug Joy einfach so auf den Kopf oder trat nach ihr.

Er beugte sich zu ihr und schrie: »Du miser hint, farbrent solst de werdn. Wer hot dich gebrocht?«

Ich schrie: »Opa, nicht, bitte mach das nicht.« Als meine Stimme ihn nach einer für mich endlosen Zeit erreichte, sagte er: »Schoin git, her schoin oif zu schraien. Wiefil hot der hint gekost? A majontek? Farkoif deim kenst dir koifn epes anders.«

Joy verzog sich mit eingezogenem Schwanz in eine Ecke. Irgendwann war Joys Schwanz immer eingeknickt und ich hatte Schuldgefühle und versuchte, sie besonders gut zu behandeln. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, ich würde, wenn ich einmal Kinder hätte, sie nicht bei Opa lassen. Wer weiß, wie sich sein Verhalten auf ihr Selbstbewusstsein auswirken würde.

Joy war ein jüdischer Hund. Sie war das Gegenteil vom deutschen Schäferhund, der meine Oma beim Appell hetzte. Wenn es regnete, ging sie nicht vor die Tür. Sie weigerte sich, bei starkem Wind nach draußen zu gehen und vor großen Gegenständen machte sie einen weiten Bogen.

Opas Wutausbrüche kamen aus heiterem Himmel, sie waren nicht vorhersehbar. Als Kind versuchte ich, seine Stimmung schon abzuschätzen, wenn ich zur Tür herein kam. Meistens war er voller Freude, mich zu sehen: »Channele, Channele, kim no, setz dich du a nider zi mir. Wus host de hunt gemacht?«

Heute denke ich, es war naiv und dumm, mich jedes Mal von der Wärme, die Opa mir immer wieder entgegenbrachte, beruhigen zu lassen. Beruhigt war ich jedes Mal, da von der Zerstörung, der Traurigkeit und der Wut des letzten Besuchs nichts übrig geblieben schien. Ich habe mich immer wieder gefreut, ihn zu sehen. Die Hoffnung, dass es einmal ohne Streit ablaufen könnte, versiegte auch nach jahrelanger Erfahrung des Gegenteils nicht. Ich zweifelte auch nicht an Opas Liebe zu mir. Niemals! Auch nicht, wenn er meinen Hund trat, um mich zu treffen, weil er die Idylle des Kindes, das unbeschwert mit seinem Hund spielt, zerstören musste.

Ich erkläre mir sein Verhalten so, dass er mich in Momenten des Glücks und der Ruhe überfallen musste, weil er es nicht ertragen konnte, dass ich so seelenruhig ein kindgerechtes Leben führte. Seinem Kind war das Recht auf Leben abgesprochen worden. Das ungeborene Kind hatte noch nicht einmal das Licht der Welt erblicken dürfen. Sein Sohn hatte soeben laufen gelernt, nur um auf eigenen Beinen ins Gas zu gehen. Kind sein, glücklich sein, unbefangen sein, das waren für Opa Zeichen größter Dummheit. Wenn ich lachte fragte er mich: »Wus lachst di, narisch kind?«

Es schwang in diesen Momenten so viel in seiner Stimme mit. Verachtung, Empörung – sogar Verrat. Der Unterschied zwischen uns stand dann einfach im Raum, denke ich. Ich hatte etwas zu lachen, aber Opa lebte in einer Welt, in der es nichts zu lachen gab. Wenn ich lachte, verriet ich ihn. Ich lernte, heimlich zu lachen und mein Hund lernte, schnell zur Seite zu springen, wenn Opa handgreiflich wurde.

Sich nicht ständig der Gefahr bewusst zu sein, dass einem der Tod hinterrücks, heimtückisch und grausam begegnen kann, war für ihn dumm – mehr als dumm. Opa, und da bin ich mir sicher, hatte nur überlebt, weil er so schlau wie ein Fuchs war und ihm von Natur aus die körperliche Stärke für alle Hunger- und Ausrottungsstrapazen gegeben war.

Eine tiefere Bewusstseinsebene muss meinen Ärger und meine Verletzung verdrängt haben, so dass ich Opas Wutausbrüchen Raum geben konnte. Ich denke, dass ich irgendwo tief in meinem Inneren verstand, warum er diese Anfälle hatte. Gerade dann, wenn es am Schönsten war, musste Opa die Stimmung zerstören.

Die Suche nach »Schlechte-Laune-Anzeichen« zu Beginn meines Besuches war daher sinnlos.

Hatte Opa einen guten Tag, gestattete er meinem Hund, im Restaurant mit am Tisch zu essen und fütterte ihn mit der Gabel. Unter normalen Umständen hätte ich dies als abscheulich empfunden, doch es waren die einzigen Momente, in denen mein Opa unbeschwert mit uns lachte.

Lachen gab es sonst nicht zu Hause. Wenn Freunde zu mir kamen, hatten sie oft Angst vor der Stille in unserem Haus.

Lange Zeit dachte ich, etwas würde mit mir und meiner Familie nicht stimmen. Ich habe die Mitglieder meiner Familie schon immer als unfreie, verängstigte Menschen wahrgenommen.

Mein kindlicher Verstand versuchte, den reich gedeckten Schabbattisch, das edel eingerichtete Haus in Einklang mit den vorherrschenden Emotionen zu bringen. Objektiv war doch alles da, es gab reichlich Essen, wir hatten ein schönes Zuhause, und doch waren da diese Extreme. Das, was ich sah, ein wohlgeordnetes bürgerliches Leben, war einfach nicht kongruent mit den Verhaltensweisen meiner Familie. Entweder es herrschte Stille oder man stritt fürchterlich über Nichtigkeiten.

Immer wieder verglich ich meine Familienstruktur mit anderen Familienstrukturen und konnte keinen Unterschied erkennen. Ich hatte doch alles – Mutter, Vater, Schwester und sogar ein Haus mit Garten.

Wieso die Stimmung in unseren vier Wänden so abrupt wechselte, konnte ich mir nicht erklären. Ich fühlte Unbehagen, wenn ich neue Freunde zu mir nach Hause einlud. Ich wusste nicht, wieso, ich spürte nur, dass es bei uns anders war als in anderen Familien. Neue Freunde waren die Mitschüler der staatlichen Schule.

Bei alten Freunden, denen, die ich seit meiner Geburt, aus dem jüdischen Kindergarten, aus der jüdischen Schule kannte, war das anders. Ich wusste, dass Mama sich freute, wenn sie mit mir nach Hause kamen. Mehr noch, Mama war ruhiger, wenn ich jüdische Freunde um mich hatte.

Bei uns hatte man leise zu sein. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, laut durch das Haus zu toben, Fangen zu spielen oder wild im Garten herumzurennen. Im Nachhinein frage ich mich oft, ob ich ein lethargisches, lahmes Kind war, doch das war ich natürlich nicht. Ich liebte wie jedes kleine Mädchen Musik, Ballett und die rosafarbenen Tütüs.

Ich dachte, meine Großeltern, meine Mama und meine Tante hätten Depressionen. Ich hatte Angst davor, dass sie mich anstecken würden mit ihrer Traurigkeit. Oft saßen sie abwesend und stumm neben mir und ich wusste nicht, wieso sie nichts sagten. Ich dachte, mir würde ein schreckliches Geheimnis vorenthalten. Vielleicht drohte uns eine Umweltkatastrophe oder eine genetische Krankheit und sie wollten mich schonen und sprachen deswegen nicht viel. Ich wusste nicht, was es war, ich wusste nur, dass uns – der ganzen Familie – eine Katastrophe unausweichlich bevorstand.

Ich hatte Angst, lange mit ihnen in einem Raum zu bleiben, weil ich sonst auch ein Mensch werden würde, der keine Freude empfindet. Aber als ich das dachte, schämte ich mich gleich dafür und malte mir aus, wie hoch die Schmerzgrenze wäre, die ich in Kauf nähme, um meine Familie glücklich zu sehen.

Ich überlegte, ob ich dafür Kot essen würde, ob ich mir einen Arm abschlagen ließe, beide Arme, beide Beine? Ich würde alles tun, um sie lachen zu sehen. Sterben auch? Natürlich auch sterben.

Damit war ich zufrieden. Ich verrate euch nicht, ich leide mit euch. Wenn dies das unsichtbare Band zwischen uns ist, bin ich eine von euch. Ich kann ja ab und an lachen – heimlich, für mich, es muss nicht mit euch sein, nicht vor euch, schon gut, ich gehe mit euch den ganzen Weg.

Wenn ich eine besonders gute Note in der Schule geschrieben hatte, erzählte ich das meinem Opa. Meistens sagte er dann: »A glik hot mich getrofn.« Wenn ich mich während des Schabbats in meine Bücher flüchtete, um der Stille zu entkommen, fragte er: »Wifil ken a mentsch leisn, far wus gaist di nischt arbeitn?«

Ich war dreizehn und wusste nicht, was ich ihm hätte entgegnen können. Papa starb, als ich elf war. Danach war mein Opa das einzige männliche Familienmitglied. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm, und so prägte er mich wie ein Vater.

Meine Großeltern waren nach dem Krieg nie richtig sesshaft in einem Land geworden. Sie pendelten die meiste Zeit ihres Lebens zwischen Israel und Deutschland hin und her. Sobald sie in Deutschland waren, wollte meine Oma zurück in das Heimatland unseres Volkes. Ich glaube, sie schämte sich, als Jüdin hier in Deutschland zu sein. Es kam ihr wohl einfach nicht gesund vor, in einem Land zu leben, das ihr alles genommen hatte. Waren sie in Israel angekommen, schimpften sie, Israel sei nur dafür gut, Wäsche zu trocknen. Mein Opa vermisste das gute deutsche Brot und den Nescafé.

In meiner frühesten Kindheit flogen wir in den langen Sommerferien nach Tel Aviv, um meine Großeltern zu besuchen. Die Koffer voll mit Brot, Kaffee und Nivea-Seife.

TEL AVIV

Mein Vater blieb in Frankfurt, er musste arbeiten. Heute denke ich, dass er bewusst nicht oft mit uns nach Israel gefahren ist. Wahrscheinlich wollte er nicht mit ansehen, wie meine Mutter sich in die Mutter ihrer Eltern verwandelt.

Mamas Schwester Rachel arbeitete im Weizmann-Institut in Rechovot. Oma, Opa und Rachel empfingen uns am Flughafen. Das heißt, Rachel stand in der Ankunftshalle und Oma und Opa warteten im Auto.

Bei dreißig Grad Hitze hieß Oma meine Schwester Zoé und mich mit einer heißen Kanne Kamillentee und Butterplätzchen willkommen. Oma gab uns keinen Kuss zur Begrüßung. Sie saß in dem Auto und wartete ungeduldig darauf, uns mit Bergen von Trauben, Plätzchen und Bananen zu versorgen. Widerrede war zwecklos, wir mussten alles essen, haufenweise.

Die Verbindung zwischen meinen Großeltern, Mama und Rachel war so mächtig, dass es keinen Raum für mich und Zoé gab. Auch die Umwelt, das Wetter, die Politik, die städtebauliche Entwicklung Israels, alles, was normale Touristen interessierte, war ohne Belang. Wichtig war allein, dass Mamas Eltern und ihre Schwester Mama wieder hatten. Sie nahmen sie vollkommen in Beschlag. Am Tel Aviver Flughafen verlor ich meine Mutter, und ich wusste, dass Zoé und ich ab jetzt auf uns allein gestellt waren.

Meine ersten Erinnerungen habe ich an Israel, als ich circa vier war und Zoé zehn. Zoé war als Ältere schon ab und zu alleine draußen, um mit den Nachbarskindern zu spielen. Ich hingegen war zu klein und musste den ganzen Tag in der Wohnung bleiben. Spielsachen gab es nicht. So dachte ich mir Spiele aus, um Oma und Opa zu unterhalten, die ich mir als edle Gesellschaft dachte.

Ich zog mein schönstes Kleid an und servierte beiden eine Nana-Limonade, in der Hoffnung, dass sich ein Gespräch ergeben würde. Opa schaute durch mich hindurch und sagte: »Gai a wek ich mis gikn televisia.«

Jeden Morgen um sechs weckte Opa mich, um mit mir auf dem schuk, den Markt in der Altstadt von Tel Aviv, zu gehen. Er sagte: »Kim Chanischi, me werdn gaien sichn dus letzte einhorn.«

Ich war todmüde, aber das letzte Einhorn zu finden, war natürlich das Zauberwort. Ich weiß nicht, woher Opa das wusste, aber für ein Zauberpferd wäre ich wirklich meilenweit gelaufen. Ich war also hellwach, putzte mir schnell die Zähne und wollte rausstürmen, als Opa mich aufhielt: »Koidem mist di epes esn un trinken.«

Vor mir standen drei Gläser Milch und ein riesiger Teller, auf dem sich gebratene Zwiebeln türmten. Mir wurde schlecht. Wie sollte ich das nur runterbekommen?

Ich versuchte zu verhandeln: »Opa ich wer trinken ein glus milech, jo?«

Opa, entsetzt: »Wus redst di, narisch kind? Host nischt gehert, wus hot pasiert in Tschernobyl?«

Mit meinen vier Jahren wusste ich natürlich nicht, was in Tschernobyl passiert war.

Ich: »Nein, wus hot pasirt in Tschernobyl?«

Opa: »Di weist nischt, wus hot pasirt?«

Ich: »Nein?«

Opa: »Wus lernst di in der schul?«

Ich: »Ich bin doch nuch nischt in der schul.«

Opa: »Sch, sch, trink da milech. A miser kindergartn, in dreid mit deim ganzn jekeland.«

Ich: »Aber wus hot den pasirt?«

Opa: »Es is gewein a grois balagan mit a reaktor.«

Ich: »Wus is dus?«

Opa: »Oi, wus meinst, wer ich bin, a chemiker? Wot ich gewein a chemiker, wot ich gehobt an apotaik.«

Ich: »Ich farstei nischt.«

Opa: »Mach ka kinzn, trink di milech.«

Es hatte keinen Sinn, ich musste trinken.

Opa: »Wen du wirst nischt sain lib, wird kimen der gubenuar.«

Ich aß brav auf und wir machten uns auf dem Weg zum schuk. Opa lief schnell, marschierte mehr, als dass er ging. Er fiel in einen Lauftrab. Er ließ meine Hand nicht los und zerquetschte sie fast mit seiner Stärke. Wenn ich zu langsam ging, sagte er: »Chipke, chipke!« Oder er brüllte so laut »Achtung«, dass alle sich nach uns umdrehten.

Wir liefen die Ben-Yehuda-Straße runter und gingen an meinem Lieblingsladen mit den Hundebabys vorbei. Ich sagte: »Opa, warte, vielleicht ist hier das Einhorn drin.«

Opa: »A einhorn?«

Ich: »Opa, di host gesugt, me wern sichn dus letzte einhorn.«

Opa: »Dus einhorn wird san oifm schuk.«

Ich: »Wus soll an einhorn oifm schuk?«

Opa: »Wus wilst di oifm schuk?«

Ich: »Gur nischt, di wilst gain oifm schuk.«

Opa: »Channele, di weist, wus is a polizei?«

Ich: »Jo, Opa.«

Opa: »Wen di wirst mich fraign noch a mul weign deim einhorn, wer ich riefn di polizei. Sei werdn dich abhoiln.«

Ich schwieg, bis wir auf dem Markt angekommen waren. Dort angekommen, veränderte Opa seine Haltung. Er spannte seine Muskeln an und hielt Ausschau. Er zerrte mich vorbei an den würzigen Gemüseständen auf den Teil des Marktes, wo es frische Hühner gab. Es stank schrecklich nach Fleisch und Blut. Opa ließ sich viel Zeit beim Aussuchen des Vogels. Die Hühner wurden bei lebendigem Leibe gerupft und ich konnte nicht hinsehen, wie sie kämpften und schrien.

Wenn Kinder keine Vegetarier oder Green-Peace-Anhänger werden sollen, dann wäre es empfehlenswert, solche Situationen in früher Kindheit zu vermeiden.

Opa kaufte ein Tier, wobei er den Verkäufer mit dem Preis auf ein Minimum drückte. Dann ging es zum Gemüse. Opa führte mich im Nacken oder an der Schulter vor sich her. Er suchte sich den Stand mit dem meisten Betrieb aus. Ich mochte diesen Griff nicht, aber wenn ich nicht gehorchte, drohte er mir mit der Faust, so dass ich es vorzog, vor ihm herzulaufen. Dabei fürchtete ich mich nie vor Opa, er hätte mich nie geschlagen, aber er wollte sich einfach nicht mit meinen kindlichen Wünschen auseinandersetzen. Opas Leben war auf das Essenzielle, Notwendigste reduziert. Geld verdienen und essen. Für mehr reichte die Kraft nicht mehr. Für Erklärungen an ein vierjähriges Mädchen schon gar nicht.

Er signalisierte mir, dass er nun einen wichtigen Auftrag erfüllen müsse, bei dem ich ihn nicht stören dürfe, sondern ihm behilflich sein solle. Sorgfältig suchte er das Obst und Gemüse aus. Er steckte mir Zitronen, Aprikosen und Kräuter in die Hosentaschen. Bei der Kasse angekommen, setzte er mich auf seinen Trolli, der bereits voll mit Essen war. Er bezahlte die Tüten, die er in der Hand hatte. »Opa, wir misn dus auchet bezuln.«

Er drohte mir erneut und fragte: »Sol ich rifn di polizei?«

Ich hielt den Mund und so zogen wir von Stand zu Stand. Auf dem Rückweg besserte sich Opas Laune. Er war höchst zufrieden mit seiner Beute und wurde nun richtig zugänglich und zärtlich. Er sagte: »Ietzt wern me kochn a gite joiech.«

Über die Jahre wurde ich eine perfekte Diebin. Opas Gefühl, einen rechtmäßigen Anspruch auf Essen zu haben, übertrug sich auf mich. Opa hatte kein Unrechtsbewusstsein. Auschwitz war nun mal keine Besserungsanstalt – manche meinen das ja. Man hatte ihm so vieles genommen, was waren da schon ein paar Bananen und Äpfel? Ich klaute nicht oft, aber wenn es an etwas fehlte, nahm ich es mir einfach. Vorwiegend klaute ich Schminke. Ich war jetzt zwölf, aber bekam kein Taschengeld, weshalb ich mir nichts Eigenes leisten konnte. Mama um Geld für Schminke zu bitten, hätte ich mich nie getraut. Ich bin mit Kindern von Millionären aufgewachsen – und obwohl ich mir nicht viel aus Geld machte, wollte ich bei manchen Punkten einfach mithalten können. Also organisierte ich mir die Produkte, die mir fehlten. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dabei nicht.

Opa sagte dazu: »Gik no der potz hat a soi fiel wus kratz jenem wenn ich nehm a bissele. Shat nischt.« Wäre ich nach einer langen Erfolgssträhne nicht erwischt worden, weiß ich nicht, ob ich jemals aufgehört hätte zu stehlen. Opa klaute wenigstens nur Essen. Ich stahl oberflächliche Mädchensachen und so piepste es, als ich aus dem Laden ging. Da ich unschuldig aussah, traute ich mich, dem Ladenbesitzer eine Lüge nach der anderen aufzutischen. Dass ich die Produkte in einer anderen Filiale gekauft hätte, sie sollten doch dort die Kassenrolle kontrollieren. Ich stritt alles ab, ich konnte mich nicht mit meiner Rolle als Diebin identifizieren. Schließlich musste Mama kommen. Sie fragte mich, ob ich die Sachen geklaut hätte, und ich bejahte. Da ich unter 14 war, drohte mir zum Glück keine Strafe. Ich dachte, ich würde ein Donnerwetter von Mama zu hören bekommen. Mir war alles unwichtig, nur Mama wollte ich auf keinen Fall enttäuschen.

Sie aber blieb seelenruhig und fragte, wieso ich das getan hatte. Ich sagte ihr, dass ich kein Geld hätte und dass ich Beautyprodukte liebte. Mama sagte, wenn ich ihr verspreche, dass dies nie wieder vorkomme, sei alles in Ordnung. Dann gingen wir das erste Mal seit Papas Tod zu zweit ein Eis essen. In wirklich wesentlichen Situationen reagiert sie wie ein Engel.

Ich war unglaublich erleichtert über Mamas Reaktion. Ich schwor mir selbst, nie wieder so etwas zu tun und habe seit damals nie mehr etwas organisiert.

OPA UND DIE SCHOKOLADE

Anna ist die Pflegerin meines Opas. Sie soll sich um den Haushalt kümmern. Sie putzt nicht gerne, sie kocht auch nicht gerne. Dafür geht sie gerne mit Opa zu LH. LH ist der HL auf der Bergerstraße. In hebräischen Gebetsbüchern liest man von rechts nach links und nicht von links nach rechts. Deswegen heißt der HL für Opa LH.

Bei LH gibt es keine Kamera. Das wissen Anna und Opa. Anna ist sehr breit und zieht sich ein Kleid mit vielen Taschen an. In die Taschen steckt sie zur Hälfte Wurst und in die andere Hälfte muss sie für Opa was einstecken, sonst darf sie nicht mehr mit ihm zu LH.

Ach ja, Lesen und Schreiben. Wenn Mama Opa einen Antrag oder einen Vertrag unterzeichnen ließ, schrieb Opa die Buchstaben einzeln auf und verband sie hinterher zu einem ganzen Wort. Dann schaute er mich zufrieden an und fragte voller Stolz: »Soll ich nuch epes schraibn?«

Irgendwann fragte ich ihn: »Opa, bist di nischt gewein in a schul?«

»Awade bin ich gewein in a schul.«

»Wi lang?«, fragte ich.

»Ich weis? Bastimt a ganz jur. Bis ich bin gewein sibn.«

»Far wus bist di nischt geblibn lenger?«

»Es is gekimen emezn hot geschlugn ma brider. Denuchtem hob ich im gegeibn a trenn in dreid. Dus is gewein der sin von deim direktor. Denuchtem wolt ich nischt mer gain.«

»Un dein brider?«

»Meir, is gegangen.«

»Wus host di gemacht?«

»Ich hob gehandlt.«

»Mit wus?«

»Oi, Channele, mit alem, wus is du gewein.«

»Mit wus?«

»A mul mit epeln, a mul mit eiern.«

»Fin wanet host di gehobt die sachn?«

»Fin dem hoif fin meine eltern.«

»Wen ich hob gemacht a gitn toisch, a git gescheft, hob ich bakumen a bisl gelt. Fin dem hob ich gekent koifn nuch a hin oder a kose.«

»Kim, Chanischi, ich werd dir epes geiben.« Ich wusste, was jetzt folgte. Opa und Anna führten mich stolz in Opas Schlafzimmer. Er holte seinen Schlüssel zum Kleiderschrank raus, den er immer verschlossen hielt. Der Schrank war zur Hälfte gefüllt mit Kleidern, die andere Hälfte war voll mit Essen. Eine ganze Schublade gehörte mir, denn sie war voll mit Schokoladentafeln. Opa konnte keine Schokolade essen, weil er Diabetes hatte. Anna gehörte eine halbe Schublade. Sie enthielt ausschließlich Wurst, die Anna an ihre Enkel in ein polnisches Dorf verschickte. Ich fragte mich, ob das der Unterschied zwischen den Polen und den Juden war. Wir brauchen Schokolade für die Nerven und sie Wurst, um die kalten Winter mit ausreichend Fett zu überstehen.

Es lagen mindestens immer um die sechzig Tafeln in meiner Schublade. Ich durfte mir immer zwei aussuchen. »Welche wilst di nemen?«

Ich zeigte dann meistens auf die Kinderschokolade und Opa überreichte sie mir feierlich, als handelte es sich um einen kostbaren Schatz. Irgendwie war es das auch für mich. Ich wusste, was an der Schokolade hing. Ich wusste, dass er das erste Drittel des Lebens zu arm gewesen war, um sich Schokolade leisten zu können, die Mitte seines Lebens hatte er in Ghettos und in Auschwitz verbracht, und das letzte Drittel seines Lebens hatte er so viel gegessen, um den Hunger zu stillen, der nie aufhörte, dass er Zucker bekommen hatte und daher auf alle Süßigkeiten verzichten musste. Deswegen wollte er, dass ich die Schokolade genießen konnte.

Opa war ein treusorgender Ehemann. In den zwölf Jahren, in denen meine Oma Alzheimer hatte, zeigte sich sein ganzer Respekt, seine ganze Liebe zu seiner Frau. Trotz ihrer geistigen Abwesenheit sprach er mit ihr so wie früher, als sie bei klarem Verstand war. Er kochte Omas Lieblingsspeisen und kaufte ihr Kleider, die sie geliebt hätte. Bunte blumige Kleider mit tiefem Ausschnitt.

Opa hütete sie Tag für Tag. Er machte keinen Unterschied, ob Oma krank oder gesund war. Das alles hatte nichts damit zu tun, dass er Omas Pflegerinnen mal an den Po oder an den Busen griff.

Wenn wir nicht hinschauten, küsste er die jeweilige Pflegerin auf den Mund. Am liebsten die dickliche Anna, mit der er regelmäßig einkaufen ging. Opa sah anderen Frauen so selbstverständlich hinterher und herzte den jeweiligen Körperteil, der ihm gerade ins Auge stach, dass mir das in der jeweiligen Situation ganz normal vorkam.

Sogar einige von Mamas Freundinnen, die regelmäßig mit uns Schabbat feierten, wurden von ihm überrascht, gepackt und geküsst. Nach einiger Zeit küssten sie ihn verstohlen und mädchenhaft sogar freiwillig auf den Mund. Opa war irgendwie der Pate, er nahm sich, was er brauchte. Er nahm es sich so selbstverständlich und ohne Diskussion, dass keiner sein Verhalten je anzweifelte.

Opa kategorisierte meine Freundinnen in die grobe (die Dicke), die dare (die Dünne), die mise (die Hässliche). Ich glaube, mehr als ihren Körper hat er nicht gesehen.

SOMMER IN LITTLE OLD YAFFA

Ich war fünfzehn, als ich mit Zoé und Mama einen weiteren Sommer in Israel verbrachte. Bevor wir meine Tante und meinen Opa besuchten, flogen wir erst nach Eilat und gönnten uns einen »Erlebnisurlaub« zu dritt.

Es waren jetzt vier Jahre nach Papas Tod vergangen. In Eilat ritten wir auf Kamelen in der Wüste, gingen ins Unterwassermuseum, und ab und zu aßen wir sogar zwei Mahlzeiten zusammen. Manchmal strich Mama sich über den Bauch, als hätte sie Schmerzen. Wenn ich sie darauf ansprach, wedelte sie abwehrend mit der Hand: «Es ist nichts«. Wir waren glücklich und die Sonne wärmte unsere Knochen.

Nach vier Tagen Eilat flogen wir nach Tel Aviv zu Rachel.

Nachdem meine Tante und mein Opa das sechste Mal von Deutschland nach Israel gezogen waren, wollte Rachel die Wohnung in Tel Aviv endlich modernisieren. Opa war in Deutschland geblieben.

Dieses Projekt sollte sehr lange andauern.

Rachel ließ die Wohnung komplett umbauen. Sie hatte bei den Großeltern meiner Freunde einen Marmorboden gesehen, der jetzt unbedingt in der Diele verlegt werden musste.

Mama wusste wahrscheinlich, in welchem Zustand sich die Wohnung befand. Wir wohnten nicht in der Wohnung, sondern im Carlton Hotel. Das war ein völlig neues Gefühl für mich. Ich hatte mich sonst in Israel zu Hause gefühlt. Jetzt war ich eher eine Touristin.

Ohne Frühstück, ohne uns einzucremen, und nach einigen Zigaretten brachen Mama, Zoé und ich zu Rachels Wohnung auf. Mama nahm ein paar Advil wegen angeblicher Kopfschmerzen. Ich wusste, sie hatte Magenschmerzen.

Wir gingen von der Ben-Yehuda-Straße aus auf die Wohnung meiner Großeltern zu. Es war sehr heiß an diesem Tag, Es wurde für heute Chamsim, der Wüstenwind, angekündigt. Schon vor zehn Uhr waren es 30 Grad. Ich freute mich darauf, meine Tante wiederzusehen.

Um an die Klingel der Haustüre zu kommen, muss man um das Haus herumlaufen. Dabei fiel mir auf, dass die Trisim, die Rollläden, zugezogen waren. Die Rollläden in Israel sind dünner als in Deutschland und werden außen angebracht.

Einige der Rollläden fehlten und blaue Mülltüten wehten als drohende Vorboten im Takt des Windes. Wir klingelten. Rachel kam uns strahlend entgegen. Wir umarmten uns und stiegen die letzten Treppen zur Wohnung hoch.

Staub schlug mir entgegen. Die Wohnung glich einer Ruine nach einem Bombenangriff. Es gab keine Möbel in der Wohnung, die Tapete war bis auf den Putz entfernt worden. Ein in Plastik eingewickelter Stuhl stand in der Mitte des Raumes. Vor dem Stuhl stand eine Kaffeedose. Auf der Kaffeedose lag eine bis ans Ende verglühte Zigarette, deren Asche sich zu einem mindestens fünf Zentimeter langen Bogen geformt hatte. Daneben brannte eine Zigarette, die nur zur Hälfte mit Tabak gefüllt war. Eine weitere Zigarette hatte meine Tante zwischen den Fingern. Ansonsten befand sich niemand in der Wohnung.

Ich suchte das Schlafzimmer. Intuitiv suchte ich einen Raum, in dem man geborgen war. Rachel konnte doch unmöglich hier wohnen. Was war schlecht an der alten Tapete? Was war schlecht am alten Boden?

Endlich fand ich das Schlafzimmer. Hier sah es auch so aus. Rachels Bett stand als einziger Farbmoment in der staubigen Wohnung. Die alte Tapete hing in Fetzen von der Wand. Neben dem Bett stand eine Kaffetasse. Mir war, als hätte ich mich in die »Mila 18«, einem Roman über das Leben einer jüdischen Widerstandsgruppe im Warschauer Ghetto, verirrt.

Ich ging zurück in den Salon. Ich starrte wieder auf die zwei Zigaretten, von denen eine noch qualmte. Der Aschebogen faszinierte mich. Ich stampfte mit dem Fuß auf. Der Aschebogen der Zigarette fiel auseinander. Ich hörte noch, wie meine Mutter Rachel Vorwürfe über den Zustand der Wohnung machte. Rachel, wo hast du gegessen, wo hast du dich gewaschen? Wieso hast du alles auf einmal in Auftrag gegeben?

Dann wurde es dunkel und ich kippte vornüber auf den mit Plastik umhüllten Stuhl. Mein Kopf landete im zerfallenen Aschebogen.

Als ich aufwachte, stand Zoé an meinen Füßen. Sie hatte meine Beine hochgelegt. »Alles in Ordnung, schonkheit?«

Zoé sah aus wie eine Hollywoodschauspielerin. Wenn ich mit ihr unterwegs war, zahlten wir nie Eintritt, wir zahlten auch nie Getränke, Zoé bekam überall einen Tisch.

Am Abend zuvor waren wir mit einer großen Gruppe jüdischer Freunde aus Deutschland ausgegangen. Wir waren um die zwanzig Leute. Das Yotvatah Restaurant, in das wir wollten, war völlig überfüllt. Alle waren genervt, weil es keine Aussicht gab, irgendwo auf der Tel Aviver Promenade gemeinsam Abendbrot essen zu können.

Zoé ging zu dem Manager des überfüllten Yotvatah Restaurants. Sie redete eine Minute mit ihm. Dann lächelte sie in die Runde und rief: »Jalah Chevre, kommt schon, wir können rein.«

Wenn Zoé in meiner Nähe war, wurde ich übersehen, aber ihre ganze Aura war so liebevoll, harmonisch und positiv, dass ein Gefühl der Eifersucht nicht aufkam.

Wenn wir am Strand entlang liefen, schauten ihr die Männer nicht nur hinterher, sie machten uns auch Platz, als wäre Zoé eine Königin. Ich platzte dann fast vor Stolz, neben ihr zu gehen.

»Geht’s dir besser?«, fragte sie.

»Ja«, sagte ich, »ich bleibe noch kurz hier liegen.«

Jeder, der Zoé kannte, hatte etwas über sie zu sagen. Da wir auf die gleiche Schule gingen, hatten wir oft die gleichen Lehrer. Die Mathe-, Physik- und Biologielehrer hatten eine sehr hohe Meinung von Zoés Begabungen. Wenn sie unseren Nachnamen auf der Klassenliste lasen, freuten sie sich und fragten, wie es meiner Schwester ginge. »Ein außerordentliches Talent, ihre Schwester.«

Zoé hatte meine Beine hochgelegt. »Alles in Ordnung, schonkheit?«

Als ich nach einigen Minuten wieder bei mir war, lachte Mama. »Was ist so witzig?«, fragte ich.

»Nichts. Du hast wahrscheinlich zu viel Sonne abbekommen. Du bist sehr empfindlich. So wie Papi.« Ich fragte mich, ob ich wirklich so empfindlich war.

Später bekam Mama, als sie gerade die Wohnung putzte, einen Magenkrampf. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Zum Glück kannten wir genügend Ärzte in Tel Aviv.

Einer ihrer ehemaligen Studienfreunde untersuchte Mami. Sie hatte ein Myom und musste noch am gleichen Tag notoperiert werden. Zoé und mich wollte sie im Krankenhaus nicht dabei haben. Ich fühlte mich erschlagen und einsam.

Abends ging ich mit einer Freundin, die seit dem Golfkrieg in Tel Aviv wohnte, etwas trinken. Danny, mein nach England verzogener Schulfreund, ging auch mit. Wir fuhren nach Yaffa.

Yaffa ist das alte Tel Aviv – eine uralte Hafenstadt mit arabischem Flair. Die kleine Stadt ist berühmt für ihren biblischen Bezug zum Propheten Jona. Jona kommt im Judentum, im Koran und in der Bibel vor. Als Kind mochte ich die Geschichte sehr. Dass ein Wal Jona verschluckt und auf G ttesbefehl wieder ausgespuckt haben soll, fand ich faszinierend. Ich stellte mir vor, dass der »Jonawal« vor Yaffas Küste im Meer wohnte.

Ich war froh, mit meinen Freunden nach Yaffa fahren zu können. Meistens machten wir dort einen Abstecher zu Abulafia, einem berühmten arabischen Stehrestaurant mit köstlichen Backwaren und anderen Spezialitäten. Dieses Mal fuhren wir zu einem Lokal, in dem es Malaauch (eine Art arabisches Pizzabrot) mit frischen Tomaten gab.

Das Restaurant lag in einer alten malerischen Gasse direkt am Hafen. Wir saßen auf dem Boden und bestellten eine Wasserpfeife mit Apfelgeschmack, die wir im Kreis rumgehen ließen. Meine Hauptbeschäftigung an diesem Abend bestand darin, einen Rauchring durch den anderen durchfliegen zu lassen. Ich konnte wunderschöne Rauchringe blasen. Fast so schön wie die der unschuldigen blauen Raupe bei Alice im Wunderland.

Ich fühlte mich gut, weil Danny neben mir saß. Danny hatte einen siebten Sinn für meine Familiendramen. Er fragte mich aber nie danach und ich war ihm dankbar dafür. Nily, meine Freundin, hatte ihren Freund und noch ein paar Jungs mitgenommen. Einer fixierte mich unentwegt und bald schon wirkte seine Aufmerksamkeit wie ein warmer Mantel auf mich.

Es war nicht er persönlich – er war nur ein Symbol dafür, dass es vielleicht irgendwann gut werden könnte in meinem Leben. Vielleicht könnte ich hier zur Schule gehen. Wir unterhielten uns eine Weile. Danach gingen wir am Strand spazieren. Diese Clique junger Menschen nahm alles leicht und unbeschwert und ich wollte unbedingt ein Teil davon sein.

»Why are you living in Germany?«, fragte mich der Junge.

»Why are you living here?«, fragte ich verärgert. Ich wusste, er würde gleich auf Nazideutschland anspielen. Ich kann nun mal nichts dafür, dass meine Großeltern und Eltern sich für Deutschland entschieden haben.

»Because my grandparents obviously didn’t want to live in Nazigermany after the war.«

Aus ihm sprach der ganze Stolz, es in unser Land geschafft zu haben. In einigen Jahren würde er in die Zawa (die israelische Armee) gehen. Ganz bestimmt wollte ich mich heute Abend nicht dafür rechtfertigen, warum ich ein so unreflektiertes Leben in Deutschland führte.

»Mazal tov«, sagte ich und ging auf die Toilette. Als ich zurückkam, sagte er: »Sorry, lets start new. Do you want to meet my grandma?«

Was für ein Tempo, dachte ich irritiert. Ich schaute ihn etwas ratlos an.

»No«, sagte er hastig, »I mean she would love to meet someone jewish from Germany. She speaks jiddisch and she misses her old European world.«

Das klang schon etwas authentischer, etwas zerrissener, etwas vertrauter – wie konnte ich dazu nein sagen. »Sure«, sagte ich. Wir gingen am Strand spazieren.

Als er mich zu küssen versuchte, schreckte ich verärgert zurück. Trotzdem ging ich glücklich nach Hause, mit dem Gefühl, für irgendjemanden auf dieser Welt eine Bedeutung zu haben.

In den nächsten Tagen erhielt ich Blumen, sehr liebe Nachrichten an der Hotellobby und eine Einladung, am Nachmittag mit ihm zu einem Baseballspiel zu gehen. Ich nahm die Einladung an und hoffte, nicht wieder einen Kuss abwehren zu müssen. Ich wollte mich ganz einfach gut fühlen, ohne etwas geben zu müssen. Ich wollte abgelenkt sein.

Die nächsten Wochen verbrachten wir viel Zeit miteinander. Ich ging gerne zu seiner Oma, die mit mir Jiddisch sprach. Sie machte Rogalach, ein jüdisches Gebäck, für uns.

Seine Oma machte mir zu schaffen. Die grüne Nummer auf ihrem Arm war kürzer als die von Opa. Hieß das, sie war länger in Auschwitz gewesen, viel länger als Opa? Sie war jung für eine Oma. Wenn sie es nach Israel geschafft hatte, musste ich mich dann nicht doppelt anstrengen, hierher zu ziehen? Alle Leute hier passten so gut zu mir, Israel passte so gut zu mir, alles war so vertraut, schwer, melancholisch und zerbrechlich.

Die wenigen Schwarzweißfotos an der Wand, die an die toten Angehörigen erinnerten, der Dillgeruch, der sich mit dem Geruch der Hühnersuppe vermischte, sogar die urdeutsche Wanduhr gab es bei uns und bei ihnen. Und natürlich die Teegläser, die alle jüdischen Großeltern besitzen.

Als mich meine beste Freundin aus Frankfurt anrief, fragte sie, was es Neues gäbe. Ich erzählte ihr von dem Jungen.

»Ist er dein Freund?«

»Ich denke schon«, sagte ich.

»Aber du hast schon einen zu Hause!«, erinnerte sie mich wütend.

Ich dachte an meinen Opa, der auch für jede Situation eine andere Frau hatte. »Manche können mehr haben«, sagte ich verärgert darüber, dass sie so kleinlich war. »Er ist eben nicht hier«, entgegnete ich und hängte auf.

TEL AVIV MIT DEN MÄDELS

Oma war schon lange nicht mehr da. Ich war das erste Mal alleine in Tel Aviv. Ich war sechzehn und dauernd in den Straßen unterwegs. Tel Aviv im Sommer ist der Treffpunkt aller europäischen Juden. Am Gordon Beach tummeln sich tagsüber Jugendliche aus verschiedensten Städten. Die Atmosphäre ist einzigartig. Die deutschen Jugendlichen kennen sich größtenteils von den Jugendfreizeiten der Zentralen Wohlfahrtstelle. An den Strandabschnitten wird Französisch, Englisch, Holländisch gesprochen. Es ist ein kunterbunter Mix.

Ich habe es geliebt, in der Wohnung meiner Großeltern frei und unabhängig von anderen wohnen zu können. Gleichzeitig ist man nie alleine, wenn man das nicht will, weil überall jemand ist, den man kennt. Meine beiden engsten Freundinnen waren auch in Israel, wohnten aber etwas außerhalb in Ramat Gan in der Wohnung ihrer Oma. Meistens verabredeten wir uns für vormittags am Strand, teilten uns zu dritt zwei Liegen, quatschten und lasen den ganzen Tag. Abends ließen wir uns durch das junge Tel Aviv treiben, redeten mit wildfremden Menschen oder schlossen uns den restlichen Frankfurtern an, um tanzen zu gehen.

Eines Nachmittags am Strand lernte eine meiner Freundinnen einen Soldaten kennen. Sie war so hin und weg von ihm, dass sie uns nicht darüber informierte wohin sie sich mit ihm verkrümelte. Sie war schon über drei Stunden verschwunden, als es langsam dämmerte und es Zeit wurde, nach Hause zu gehen. Weit und breit keine Spur von ihr. Langsam wurden wir unruhig und machten uns Sorgen. Wir machten uns Vorwürfe, dass wir unsere Freundin nicht besser im Auge behalten hatten. Wer weiß, mit wem sie unterwegs war. Uns fiel nichts Besseres ein, als auf das Holzhaus der Küstenwache, die an Baywatch erinnerte, hochzusteigen, um unsere Freundin per Lautsprecher am Strand ausrufen zu lassen.

Der Rettungsschwimmer unseres Strandabschnittes lachte ausgiebig über unsere Sorge, rief unsere Freundin dann trotzdem aus.

Ihr Name ertönte am ganzen Strand durch die veralteten rauschenden Sprechanlagen. Einige Minuten später kam unsere Freundin wütend durch den Strand gestapft: »Sagt mal, seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Habt ihr nichts Besseres zu tun, als mich zu blamieren?«

Als sie sich beruhigt hatte, mussten wir lachen. Ich schlug vor, dass sie sich bei mir für den Abend fertig machen könnten. Wir würden sowieso später in Tel Aviv ausgehen, so dass sich der Weg nach Ramat Gan nicht lohnte. Mit Sand an den Füßen und damit beschäftigt, darüber zu streiten, wer am braunsten geworden war, gingen wir durch die vom Sonnenuntergang violett gefärbte Stadt in die Moshe Hess Straße. Überall blühten gelbe, rote und orangefarbene Blumen. Gibt es eine vollkommenere Jugend? Unterwegs kauften wir Cottagekäse, Brot und Trauben. Als wir in unsere Straße einbogen, sah ich Opa in seinem weißen Unterhemd auf der Veranda in unsere Richtung schauen.

Any, meine Freundin, sagte: » Was schaut er denn so grimmig, ich hab ein bisschen Schiss vor ihm.«

Ich: »Ach was, er freut sich, dass wir kommen.« Ich wusste, dass Opa es nicht mochte, wenn ich Gäste zu uns brachte. Aber ich war nicht bereit, mich danach zu richten.

Nathalie drehte sich ihre Locken zum Pferdeschwanz und lächelte wissend. Sie ahnte wohl, dass Opa nicht begeistert war. Aber sie gestaltete die Situation so angenehm wie möglich für mich. Oben angekommen, sagte ich zu den Mädchen, sie könnten in Ruhe duschen gehen. Opa kam auf mich zu und flüsterte: »Bist di meschigge? ze wus missn sei hier duschn und fresn. Sei hobn nischt wi ze gain?«

»Opa, dus sene mane koleschankes, sei kenen du machen wus sei willen!«, gab ich zurück.

»Chanischi, schra nischt, ui miech stacht du die pleitzes. Kimm no breng mir die Masch.«

Schnell brachte ich ihm seine Salbe, schmiss drei andere Salben weg, die schon verfallen waren, und cremte Opa den Rücken ein. Any lugte aus der Küche hervor und zwinkerte mir zu. Sie war gerade dabei das Brot zu toasten. Sie bewegte sich unauffällig und leise, um nicht besonders viel Lärm zu machen. Ich lächelte. Ich war froh, dass meine Freundinnen es mir nicht übel nahmen, wie Opa sich aufführte. Sie hatten zwar nicht ganz so harte Kaliber als Großeltern. Die Stimmung war ihnen dennoch vertraut.

Opa schaute zu Any rüber. »Breng mir wasser, ober dali.« Mir war das so peinlich.

»Opa!«, warnte ich ihn vom Flur aus.

Durch die Diele konnte ich seine Beine sehen, seine Hände ruhten auf den Beinen. Die goldene Uhr schnitt Opa leicht ins Fleisch. Seine Finger trommelten auf seinem Oberschenkel.

»Lass, ich mach schon«, sagte Any verständnisvoll. Sie brachte ihm sein Wasser und stellte es vor ihn auf den Tisch.

»Wus is dus?«, schrie Opa in Anys Richtung, die schon wieder auf dem Rückzug in die Küche war. »Ich will sudewasser!«, zeterte Opa weiter.

Ach du liebes bisschen, Opa scheuchte sie wegen dem Wasser hin und her. Ich rauschte um die Ecke auf ihn zu. Opa grinste mich an: »Wen sei wolln esn und sech buden, efsche, sie kennen a bisle kochn ober waschn.«

Ich ging wieder Richtung Küche: »Any, tut mir leid.«

»Macht nix, macht dir mal nicht ins Hemd. G tt ich dachte, er kippt mir das Wasser direkt ins Gesicht.«

So falsch lag sie nicht mit ihrer Befürchtung.

»Wir amüsieren uns ein bisschen zusammen«, sagte sie keck. Sie konnte sich nicht mehr einkriegen vor Lachen. »Wenigstens weiß er, was er will. Sudewasser, das heißt Sprudelwasser, ja? Witziges Wort. Naja dann sudden wir ihn mal. Meinst du, er killt mich, wenn ich ihm Eiswürfel reinlege?«

Dafür liebte ich sie, für ihren einmaligen Humor. Aus jeder komischen Situation machte sie einen Brüller.

Opa war aufgestanden: »Wus macht di andre?«

Ich: »Se duscht.«

Opa: »A soi lang?«

»Jo«. Wir starrten uns an. Dann ging er wieder brav auf die Veranda und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.

Ich ließ mich gegen die Badezimmertür fallen und ging in die Knie, um kurz zu verschnaufen. Ich hörte Any in der Küche rumwerkeln. Dann kam sie zu mir. »Ich lege mich kurz in dein Schlafzimmer, ja? Coole Wohnung.«

»Ja«, sagte ich. Eine aus der Schusslinie. Ich will eine rauchen, dachte ich.

Das Telefon klingelte. Es konnte nur mein Exfreund sein, der jeden Tag um die gleiche Uhrzeit anrief. Opa erhob sich, um dran zu gehen, ich rannte, um als erste abzuheben. Opa hatte nichts gegen Deutsche. Er hatte generell was gegen alle, die nicht zu seiner Familie gehörten. Zumindest im ersten Augenblick. Er würde ihn anschreien oder ihm sagen, er solle jemand anderen auf den Wecker fallen mit seinen Anrufen. »Hallo?«

»Hi, ich bin es. Wie geht es dir?«

Opa blieb unschlüssig in der Mitte des Raums stehen. »Wer is dus?«

»Di mame«, sagte ich.

»Hm«, brummte Opa.

»Hast du ihm immer noch nichts von uns erzählt?«, fragte Chris.

»Doch, klar habe ich das.« Mist, Verletzungspotential, dachte ich.

Ich fixierte Opa mit meinen Blicken.

»Wieso sagst du dann, deine Mutter sei am Telefon?!«

»Ach, das – weißt Du, er ist, naja, er hatte heute einen ganz schlechten Tag« flunkerte ich.

»So geht das nicht, du kannst mich nicht verleugnen.«

»Das will ich auch gar nicht, ich rufe dich am besten später wieder an.« Opa bewegte sich zufrieden wieder Richtung Veranda.

Als wir abends ausgingen, sagte Opa mir: »Chanischi, ze wus mist di loifen oif di gassn?«

»Ich kenn nischt sitzen dejm ganzen tug in der stib, Opa.«

»Di bist gewein dejm ganzen tug am jam.«

Ich küsste ihn zum Abschied. Immer wenn ich ging, erhob er sich von seinem Stuhl, lief unruhig hin und her und versuchte mir klar zu machen, dass es nicht gut sei, so viel draußen zu sein. Er hatte Angst um mich und musste sich beherrschen, mich gehen zu lassen. »Wann wirst di zirek san?« fragte er.

»Ich weiß nischt, alle senen du«, sagte ich »ich hob lieb zu sajn a bisle drousn.«

»Ober ich bin du«, versuchte er es nochmal.

»Opa, ich kim zireck.«

»Ach«, abwertend schlug er mit der Hand die Luft nach hinten: »machts wus willst.«

Ich küsste ihn nochmal, aber er schubste mich sanft weg: »Wus bist di a lekkatz?«

Opa hatte sich anscheinend an meine Mädels gewöhnt. Wenn ich sie nun mitbrachte, brummte er nicht mehr ganz so stark. Ganz anders erging es David, einem Freund von Zoé, der uns einige Tage später in unserer Wohnung besuchte. Wir saßen friedlich mit David im Wohnzimmer und quatschten. Es war ein heißer Tag und Zoés Freund hatte Kopfschmerzen. Zoé ging in Opas Schlafzimmer, um aus dem Apothekenschränkchen eine Kopfschmerztablette zu holen. Zoé gab David zwei weitere für den Heimweg mit. Wir plauderten über dieses und jenes. Opa kam in die Wohnung rein und sah seine Aspirin auf dem Tisch liegen. Opa schrie David an: »Du mieser ganev, wus nemmst di mane tabletten?«

»Opa«, beruhigten wir ihn, »Duvid is a freund, wir hobn ihm gegeiben die tabletten.«

»Wus krazt miech san kop?«

Ich ging mit Opa in die Küche und packte seine Tüten mit ihm aus. Zoé war zu dieser Zeit nach Israel ausgewandert und lebte kurze Zeit bei Opa in der Wohnung. Opa nahm mich zur Seite. »Channele, ich weiß nischt wus is passiert mit Zoé.«

Ich: »Far wus?«

Opa druckste etwas rum: »Koidem hot sie gestern geschrigen a sach mit mir. Hunt sitzt se mit dejm ganev. Far wus sitzt er bei ins in der stib, der schnorer?«

Ich: » Opa, dus is a freund kein ganev. Zoé tit nischt a sach schraien. Is epes pasiert?«

Opa: «Nein.«

Ich: »Ober epes mis doch pasiert san bevor si hot geschrigen. Host di epes gesugt zi ihr?«

Opa: »Ich weiß nischt, efsche jo. Gestern is der dibik in ihr gewein.«

Ich: »Wus redst die narischkeiten, ni, wus is gewein?«

Opa: »Ne jo, ich hob nischt direkt epus gesugt.«

Ich: »Hot sie epes gesugt?«

Opa: »Jo, sie hot gemeint ich bin ganz mies, weil ich hob genimen ihre borst.«

Ich: »San borst?«

Opa: »Far die zejn.«

Ich: »Di host genimen ihre borst far dane zejn?«

Opa: »Jo.«

Ich: »Ne jo, aber di weißt doch Zoé hot lieb ihre eigene sachen, me tu nischt nemen die Borst fin keinem anderem Mensch. Dus is nischt git. «

Opa: »Channele, ich hob dus nischt far mir genemen. Ich hob dus genemen far mane prothese.«

EIN TYPISCHER SCHABBAT

Meine Tante geht auf und ab. Sie kontrolliert Mamas Wohnzimmer im Hinblick darauf, ob in der von Mama neu eingerichteten Vitrine genug Fotos von ihr, Oma und Opa aufgestellt sind. Ihr Blick wandert von einem Bild zum anderen. Sie zündet sich eine Zigarette an.

»Kein Foto von mir, aber von Ricks Mutter hat sie eins aufgestellt«. Mama zuckt zusammen. Zoé und ich rollen die Augen. »Was denn?«, fragt sie zurück, »ist ein Foto zu viel?«

Zoé bemerkt, dass die meisten Menschen nicht ihre Schwester gerahmt im Wohnzimmer haben.

Opa stöhnt im Sessel über das miese Wetter. Seine polnische Pflegerin schaut mich hilfesuchend an. Ich zerfließe vor Mitleid. Meinen Opa Tag und Nacht zu ertragen, ist für jeden Menschen zu viel. Ich frage, ob sie einen Tee trinken will. »Mosche tag«, sagt sie.

Opa ist beleidigt: »Wus fraigst du si nuch a tei? Ich wot nischt gewolt trinken kein tei?«

Ich: »Ich wer dir oich machn a tei, a schwurzn?«

Opa schaut gleichgültig: »A chilig, sol sein a schwurzer tei.«

Ich gehe in die Küche, um Teewasser aufzusetzen.

Auch Mama geht in die Küche, um sich um das Essen zu kümmern. Sie schält die Kartoffeln für den kiegl, den Kartoffelauflauf. Sie wischt hektisch in der Küche rum. Werde ich jemals so putzen können wie Mama? Will ich so putzen können wie Mama? Ihre schnellen, flinken Bewegungen mit dem Lappen über das Holz haben etwas Aufbegehrendes, Aggressives. Mama kontrolliert den Braten in der Küche und wendet sich wieder den Kartoffeln zu. Sie schneidet die geschälten Kartoffeln mit der Brotmaschine, sie schneidet sich mit der Maschine in den Finger. Blut tropfte von ihrem Finger auf die Kartoffeln. »Mama«, schreie ich, »Mamischi, alles ok?«

Mama: »Nicht so schlimm. Lass mich.«

Ich: »Mama, bitte warte kurz.« Mama will weiter putzen. »Mama, setz dich bitte hin, bitte, hör doch einen Moment mit dem Putzen auf.«

Mamas Fingerkuppe hängt lose an einem Stück an ihrem Finger.

»Schon gut«, sagt sie.

Ich: »Mama, hör mir zu, es blutet stark, dass muss genäht werden.«

»Ach Quatsch«, sagt sie. »Ich muss das hier erst fertig machen.«

Zoé kommt in die Küche: »Ach, Mami. Mami, komm, wir verbinden das.«

Rachel kommt in die Küche: »Nicht ein Bild von mir und dir.« Zoé schreit Rachel an, was ihr einfallen würde, Mama so anzuschreien. »Siehst du nicht, dass sie blutet?«

Oi, oi, da fängt meine Tante zu schreien an: »Was ist passiert? Was ist passiert. Sag es mir.«

»Ich habe mich geschnitten«, sagt Mama.

Zoé: »Komm, Mami, ich fahre dich in die Klinik.« Mama stellt die joiech aus, sie dreht sich zu mir und sagt: »In 15 Minuten drehst du die Suppe auf 1,5« und fährt widerstandslos mit Zoé in die Klinik. Meine Schwester wirft mir einen fassungslosen Blick zu, als sie rausgeht. Ein Glück ist sie hier, denke ich.

Ich schwanke einen Augenblick. Mama ist weg. Das Familienoberhaupt hat sich frei genommen, weil die Ketten zu eng geschnürt sind. Einen Tag frei kann sie sich nicht nehmen, aber sie kann sich in den Finger schneiden und weg müssen. Quasi per Befehl von uns. Sie kann es nicht sagen, aber sie will weg. Weg von der Pflicht, jeden Schabbat zu kochen, weg von ihrer Schwester, weg von ihrem Vater und auch weg von Zoé und mir. Wir sind eine Last für sie, unverheiratete, finanziell noch zu unterstützende Kinder.

Ich wische die Blutspuren weg und führe Rachel aus der Küche. Rachel: »Wie tief war die Wunde? Sag mir, wie tief die Wunde war.«

»Nicht so schlimm«, beruhige ich sie, »es wird schon wieder.«

»Wird das wieder, Channah? Wie konnte das passieren? Wird das wieder?«

»Ja, natürlich wird es wieder«, sage ich, »mach dir keine Gedanken. Komm, ich mach dir einen Tee.« Sie setzt sich ins Wohnzimmer. Ich klaue ihr unbemerkt eine papiros aus der Tasche. Als ich ihr den Tee bringe, ist Rachel nicht mehr ansprechbar, sie ist mit ihrer Zigarette in eine Welt abgetaucht, in die ich ihr heute nicht folgen möchte. Opa interessiert sich auch nicht mehr für den Tee. Er sagt: »a kurvische maschine, in dreid!«

Immer muss alles unter die Erde, denke ich.

Ich trete vor die Verandatür in den Garten. Ich laufe aus dem Garten auf den kleinen Spielplatz hinter unserem Haus, setze mich auf meine Lieblingsbank und stecke mir eine Zigarette an. Hinter mir höre ich einen Mann fragen, ob ich nicht zu jung fürs Rauchen sei. Ich drehe mich um und frage ihn, ob er die Güte hätte, jemand anderem auf den Wecker zu fallen. Er bleibt stehen. Ich starre vor mich hin. Er redet irgendetwas, ich höre nicht hin. Hab ich nicht gesagt, dass ich allein sein will? Er sagt: »Ich habe auch Probleme.«

»Interessiert mich einen Scheiß«. Es tut gut, dem Ärger Luft zu machen.

Fremder: »Du scheinst auch welche zu haben.«

Ich schaue von dem Sandkasten hoch und erst jetzt zu ihm hin. Er ist älter als seine Stimme es vermuten lässt. »Ich habe gerade keine Lust auf dich.« Seine Augen sind wach, warm und alt. »Deine Worte und dein Benehmen passen so wenig zu deiner Erscheinung.«

Ich: »Hast du keine Frau, die du vollquatschen kannst?«

Fremder: »Ich habe eine Frau.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sage ich und stehe auf.

Fremder: »Warte mal, ich heiße Finn.«

Ich: »Ciao, Finn«.

Finn: »Dir ist aber was über die Leber gelaufen, wie?«

Ich stapfe davon. Ich drehe mich um und rufe ihm zu: »Mach es dir nicht so gemütlich auf dem Platz, das ist meiner.«

Er lächelt.

»Channah, Channele«, tönt es durch die Gottfried-Keller-Straße. Meine Tante ruft mich nicht, sie schreit nach mir. Wieso müssen alle so schreien? Als ich durch den Garten gehe, sagt Rachel: »Ich wusste nicht, wo du bist. Wo bist du gewesen?«

»Ich bin hier«, sage ich. »Ich bin hier bei euch. Für immer, weil ihr immer schreien würdet, wenn ich weg wäre.«

Opa: »Wi bist di gewein?«

Ich: »A minite far di tir«, um zu atmen, denke ich.

Opa: »Me tur nischt loifn a soi fil oif die gassn.«

Ich: »Iech bin do.«

Schweigen. Opa starrt vor sich hin, Rachel starrt vor sich hin. Es ist mucksmäuschenstill. Wieso soll ich eigentlich immer zum Schweigen da sein, frage ich mich. Zum Schiwe sitzen. Rachel läuft wieder auf und ab.

Als Mama und Zoé zurückkommen, ist Zoé bleich und Mama geht es gut. »Fünf Stiche haben sie gemacht.« Der Arzt in der Notaufnahme war so lieb, wirklich, er hat sich besonders viel Zeit genommen! Zoé lächelt mir verstohlen zu. Wir wissen um Mamas Schwäche für Ärzte. Ärzte sind für sie das Größte. Ich bin glücklich, dass Mama versorgt ist. Glücklich, dass sie die ärztliche Hilfe annehmen konnte. »Ich habe mich aber nicht in den Knochen geschnitten«, erklärt Mama stolz.

Ich: »Schön Mami, komm, das Essen ist fertig, setz dich hin, ich serviere heute.«

Mama: »Nein, nein, das geht schon. Wie sieht denn der Braten aus? Hast du die Suppe auf die niedrige Flamme gestellt?«

Wie banal, denke ich, wie unwichtig. »Ja, das habe ich, und der Braten ist genau richtig«, erwidere ich und gehe zurück in die Küche.

Die Küche ist ihre Festung. Ich fülle die Suppe in die Teller. Mama kommt mit einem heftigen Ruck durch die Küchentür und stößt mich, der Teller fliegt mir aus der Hand. Die Suppe ist heiß und brennt auf meiner Jeans.

Mama: »Oh entschuldige, Herz, das wollte ich nicht.«

»Was machst du hier in der Küche«, fahre ich sie an. »Kannst du nicht eine Sekunde still sitzen?«

»Ich wollte nur mal nach dem Fleisch sehen.« Ich scheuche sie zurück. Sofort tut es mir leid, aber kann sie mir nicht einmal zutrauen, dass ich den beschissenen Braten hinbekomme? »Tut mir leid Mama, ich wollte dich nicht anschreien.«

Ich serviere die Suppe. Mama schafft es, ganze drei Löffel zu essen und stiehlt sich dann in die Küche davon, um eine zu rauchen.

Wäre sie doch nur Ärztin geworden, als Ärztin wäre sie fabelhaft. Als Zoé die Teller abräumt, ist Mamas Teller fast unberührt. Die von mir reingelegte Dekorationskarotte schwimmt einsam in der Suppe. Ich gebe für heute auf, ziehe mich in mich zurück und sage nichts mehr. Zoé streichelt mir beim Abräumen über den Kopf.

Natürlich begehen wir auch die Woche nach Mamas Unfall Schabbat. Opa schleppt sich mühsam die Straße hoch bis zu unserer Haustür. Sein Katheter schaut aus seinem Mantel. Rachel geht mit einigem Abstand hinter Opa den Gang entlang. Schwere, langsame Schritte. Rachel trägt eine Brille, die mal Opa gehörte. Sie ist aus Horn, aber viel zu groß für ihr kleines Gesicht. Ich beobachte beide, lange bevor sie mich sehen. Rachel hat ihren Blick auf den Boden gerichtet. Sie lebt im falschen Jahrhundert. Erst kurz vor der Vortreppe zum Haus richtet sie den Blick über die großen Brillengläser und freut sich, mich zu sehen. Ich freue mich auch, sie zu sehen. Sehr sogar, die Familie ist zusammen. Es ist Freitag, es ist Familientag. Unsere Begrüßung ist immer problematisch. Ich küsse nicht gerne zur Begrüßung.

Viele in meiner Familie haben die Angewohnheit, mich mit dem Kopf zu sich runterzuziehen und mich dann feucht und im Klammergriff zu küssen. Es ist keine normale Begrüßung, es ist mehr ein ›Halt mich fest, ich lasse dich nie wieder los, die Welt ist schrecklich und gemein und ich brauche deine Umarmung, um ihr standhalten zu können.‹

Ich weiche manchmal schon aus, wenn sie auf mich zukommen. Ich möchte nicht benutzt werden. Ich will nicht, dass mich schon im ersten Moment die Welle des Leids umspült und mich in einen tiefen Ozean hinunterzieht, aus dem es kein Entkommen gibt.

Wie jede Woche gibt es auch in dieser Woche einen banalen Streit, an den ich mich nicht mehr erinnern kann.

Ich renne aus der Tür in den Garten hinaus – auf den Spielplatz zu meiner Bank. Sie ist besetzt. Ich blinzle, das kann doch nur Einbildung sein. Auf meiner Bank sitzt schon wieder Finn. Ich drehe mich um und laufe zum anderen Ende des Spielplatzes. Es hat keinen Sinn, Finn kommt zu mir rüber. Er ist hocherfreut, mich zu sehen. Er setzt sich einfach zu mir. Ich könnte ihn erwürgen. Aber er hält mich auch vor dem Isolationstunnel fern, in den ich zu stürze drohe. »Geht es dir heute besser?«

Ich antworte ihm nicht. Da hat er am Freitag, wenn meine Familie zusammen ist, schlechte Karten. Ich schaue in den Himmel, ich schaue auf meine Beine. Wenn ich könnte, würde ich fliegen. Weit weg zum Meer, zu Papa. So ein Scheiß, lässt uns einfach allein im Dreck sitzen, was hast du dir dabei gedacht, nicht zum Arzt zu gehen? Hast du gedacht, die 120 Kilo Gewicht sind ein Zeichen deiner Gesundheit?

»Kann ich dir was anvertrauen?«, fragt Finn in meine Gedanken hinein. Ich reagiere nicht. Er nimmt das wohl als ein Ja und fängt an, mir von seiner Beziehung zu seiner Frau zu erzählen.

Anfangs höre ich nicht zu, dann verschwinden meine Gedanken, ich höre seine Stimme klar und deutlich. Sie leidet an Gedächtnisverlust. Er tut mir leid. Ich will nicht, dass er mir leid tut. Ich bin zu schwach, um aufzustehen. Er vermisst seine Frau, wie sie früher war. Er weiß nicht, warum das gerade ihnen passieren musste. Die Frage finde ich immer blöd. Ist es besser, dass es jemand anderem passiert? Warum fragen die Menschen nicht: Warum passiert überhaupt etwas Schreckliches? Finn redete über eine Stunde. Ich fand es sehr egoistisch, einfach so loszureden, andererseits auch irgendwie positiv, sich selbst das zu nehmen, was man möchte. Finn war damals 39. Ich war 13. Aus seiner Manteltasche ragte ein 100 DM-Schein. Ich spielte mit dem Gedanken, ihm den Schein zu entwenden. Ich überlegte, ich wog es ab. Ich fand nichts dabei, ihm das Geld abzunehmen.

Mit einer geschickten Handbewegung landete der Hunderter in meinem Besitz. Finn hatte mir meinen Ruheplatz weggenommen, obwohl Schabbat war. Am Schabbat stehlen? Nein, eigentlich nicht. Andererseits konnte ich Mama davon einen großen Blumenstrauß kaufen. Vielleicht hob das ihre Laune? Ich fand, das war eine gute Idee. Ich sagte, ich müsse jetzt nach Hause. Die Geschäfte hatten noch offen. Ich kaufte einen rosaweißen Blumenstrauß.

WINTER 1992

Damals war ich elf Jahre alt. Trotz einer dicken Strumpfhose und wollenen Overknee-Strümpfen sahen meine Beine mager aus. »Dein hoit is a soi wais wi di wand«, sagte mein Opa. Dann versuchte er, mich in die Seite zu kneifen. Da wo heute ordentlich Haut drauf ist, gab es damals nichts zu fassen. »Bist a soi darr, wer wird dich schoin heiratn? Nuch dazu a halbe waise.« Ich fand gut, dass nichts an mir dran war und warf meine Locken in den Rücken. »Loss mech«, war alles, was ich sagte.

Papa hatte die erste Operation hinter sich, die den Krebs besiegen sollte. Mama war zu der Zeit nicht ansprechbar und ich und meine Schwester sollten wegorganisiert werden, um die Folgen der nächsten Operation nicht mit ansehen zu müssen. Zoé fuhr mit ihrem Freund nach Chicago. Ich sollte nach Sobernheim in ein jüdisches Ferienlager für Kinder. Ich mochte nicht fahren. Ich sagte Mama, dass ich bleiben wollte.

Im letzten Jahr hatte ich nach der Schule immer zu Freunden gemusst, um nicht in der Quere zu sein. Die Mütter von Klassenkameraden holten uns Kinder oft von der Schule ab und dann hörte ich: »Channah Schatz, du kommst heute mit zu uns. Deine Mama holt dich abends ab, sie muss noch was erledigen.«

Ich wusste, dass Mama bei Papa am Bett saß, ich wusste, dass sie beide diese Zeit brauchten. Aber ich wusste nicht, wieso ich nicht dabei sein durfte. Was war so schwer daran, mir die Situation zu erklären oder mich einfach am Morgen zu informieren, dass ich zu Freunden gehen sollte. Ich hasste diese ständigen Überraschungen am Nachmittag.

Ich wurde von Familie zu Familie gereicht. Jeden Tag sagte eine andere Mutter mit makellosem Lächeln: »Schatz, heute kannst du bei uns den neusten Film anschauen oder das neuste Nintendo-Spiel spielen, oder heute fahre ich euch zum Tennis. Was sagst du, ist das nicht toll?« Dann musste ich in ein Auto klettern, das immer frisch nach Waschanlage duftete.

Ein Jahr lang war ich eine Art Charity-Projekt für Hausfrauen, deren freundliche Gesichter und perfekte Nägel mir schwer auf die Nerven gingen. Ich hatte ein Zuhause und eine Familie – wieso sollte ich ständig bei anderen essen, Hausaufgaben machen und mir ach so willkommen vorkommen?

Meine Eltern legten Wert darauf, dass ich mich mit ganz speziellen Freunden abgab, die aus vier sehr wohlhabenden Familien stammten. Wenn man deren Wohnungen betrat, roch es immer nach Zitronen-Meister-proper, weil die Putzfrau gerade frisch gewischt hatte. Der Tisch in der Küche war für uns Kinder stets perfekt gedeckt. Alles klappte wie am Schnürchen. Pünktliches Abholen von der Schule, essen, Hausaufgaben machen, mit dem neusten Nintendo spielen.

Wenn meine Eltern mich abholten, kamen sie grundsätzlich unpünktlich und waren abgehetzt von der Arbeit. Ich habe mich oft gefragt, wieso sie es nicht besser empfunden hätten, wenn ich mich auch mit Kindern von Normalverdienern angefreundet hätte. Dann wären mir unsere Verhältnisse normal vorgekommen. Dann wäre ich unter Gleichen gewesen.

Wenn ich von meinen wohlhabenden Freunden aus ihren bunten Kinderzimmern nach Hause kam, hatte ich immer das Gefühl, dass wir arm sind. Trotzdem mochte ich es bei uns lieber.

Wir hatten den Keller nicht voller gut riechender Vorräte und auf dem Küchentisch standen nicht vier verschiedene Marmeladensorten, sondern eine. Mama trug nicht jeden Tag ein neues Outfit und ihre Nägel waren nicht so perfekt lackiert wie die Nägel der anderen Mütter, aber ich fand sie trotzdem toll, weil sie meine Mutter ist.

Ich wollte nicht zu diesen Freunden. Sie waren wild und ungehemmt, sie tobten in der Wohnung rum. Ich wollte lesen oder Tagebuch schreiben. Jeder Nachmittag war für mich eine Qual. Das einzige Problem der Mütter bestand darin, ob die Kinder die Hausaufgaben machten und ob die Nanny gut genug geputzt hatte. Meine Freunde stritten mit ihren Geschwistern um das neueste Spiel, die Mutter stritt mit der Nanny wegen der noch immer schmutzigen Fenster. Zu Hause lag Papa mit einer neuen Pumpe im Bauch, die Spiele der anderen überforderten mich.

Ich wollte Mama aber nicht noch mehr Stress machen. Zwischen den Operationen sollte ich nach Sobernheim in ein jüdisches Freizeitcamp fahren. Es fiel mir schwer, mich von meinem immer dünner werdenden Vater zu verabschieden. Auf der Busfahrt nach Sobernheim legte ich den Kopf an das Fenster und dachte an gar nichts mehr.

Wir Frankfurter Kinder kamen gleichzeitig mit denen aus Berlin an. Ich ging aus dem Bus raus und sah mir alle Jugendlichen aus der Ferne an. Ich trug einen sehr knappen Mini. In meiner Nähe stand ein Junge, den ich ein paar Mal im Fernsehen in einer Serie gesehen hatte. Er würde also die männliche Nummer eins hier auf diesem Feriencamp werden.

»Du bist doch viel zu dünn, um deine Koffer in dein Zimmer zu tragen!«, sagte er. Das sollte wohl ein Kompliment sein. Ich verzieh ihm seine dumme Anmache. Ich sagte: »Na, dann bring die Koffer mal in meine Suite, Schatz.« Ich drehte mich um und schaute nach irgendeinem Ansprechpartner, der mir sagen könnte, in welches Zimmer ich kommen würde. Die Zimmer waren alles – das wusste ich. Dein ganzer Status, deine Beliebtheit richtete sich danach, mit wem du in einem Zimmer warst.

Ich wollte unbedingt ein Zimmer am Anfang des Ganges. Das lag neben der Dusche und nach den langen Tagen mit Programm bildete sich immer eine riesen Schlange bei den Duschen. Ich mochte es nicht, lange zu warten. Schon gar nicht nackt im Handtuch, ständig den Attacken pubertärer Jungs ausgeliefert.

Ich dachte, dass der beliebteste Junge meine Koffer trägt, ist für die erste Woche schon mal gut – mehr muss nicht sein. Keiner wird blöd zu mir sein. Darauf kam es mir an. Jetzt konnte ich wieder ungestört meinen Gedanken an Zuhause nachhängen. Was, wenn Papa nicht wieder gesund werden würde?

Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie der Fernsehjunge seine Autogrammkarten verteilte. Wie uncool, dachte ich. Dann kam er nach oben und brachte mir die Koffer in mein neues Zimmer. Unter dem Schutzschild des beliebten Jungen lebte ich mich besser als erwartet ein. Die Ferienprogramme machten sogar Spaß und lenkten mich von Zuhause ab. Es gab die Möglichkeit, Gedichte zu schreiben und diese dann vorzutragen. Ich war in meinem Element.

Wir machten einen längeren Ausflug. Alle waren aufgeregt, weil wir in großen Hallen schlafen würden, die Mädchen neben den Jungen. Wir wurden in einem großen Bauernhof in einer ehemaligen Scheune untergebracht. Die Räumlichkeiten grenzten direkt an Felder. Die Betreuer teilten uns für ein Spiel in zwei Gruppen ein. Ich weiß nicht mehr genau, welchen Sinn dieses Spiel hatte, aber es ging wohl darum, dass die eine Gruppe das Maskottchen der anderen Gruppe in der Nacht klauen musste. Ich verstand mich mit den älteren Betreuern besser als mit den Jugendlichen. Einem hatte ich erzählt, dass es meinem Vater nicht gut ginge und ich nicht wüsste, wie lange er noch leben würde. Darauf hatte er mir erzählt, dass sein Vater ihn oft nackt ausgezogen und dann geschlagen hätte.

Ich wusste damals wie heute, dass hinter dieser Geschichte noch mehr steckte. Jedenfalls hatten wir beide ein Geheimnis und waren vereint. Leidende erkennen einander wie Hunde, die sich meilenweit voraus riechen können.

Leider war mein neuer Freund der Hauptbetreuer der anderen Gruppe in einer anderen Räumlichkeit.

Ich mochte die Gemeinschaftsräume mit den vielen Menschen nicht. Es stank darin und die Bösen malten den Dicken oder Unbeliebten nachts Schminke aufs Gesicht oder legten ihnen ein benutztes Kondom auf das Haar. Kinder sind brutal.

Mein Betreuer hatte mit den anderen geredet, so dass ich im Betreuerraum unter dem Schutz der Älteren stand. Ich wollte einfach nie Teil einer großen Masse sein. Geht die Masse in den Gemeinschaftraum, gehe ich nicht hinein, weil ich um die Hierarchie im Gemeinschaftsraum weiß. Die Betreuer hatten mehr Süßigkeiten und unterhielten sich über viel spannendere Dinge als die Kinder. Ich schlief bald ein.

Meine Betreuer, die das Maskottchen, einen überdimensional großen Teddybären, bewachen sollten, schliefen auch ein. Irgendwann wachte ich auf und sah, wie zwei Männer unser Lagerfeuer vor dem Gemeinschaftsraum löschten. Beide hatten Masken an. Ich erschrak und dachte, es sei besser, still zu sein und abzuwarten. Einer von ihnen öffnete die Scheunentür und sah, dass ich aufgestanden war, um aus dem Fenster zu schauen. Er kam auf mich zu, ich schrie laut, aber er hatte mich schon gepackt und rannte mit meinem Schlafsack, in dem ich steckte, über die Felder.

Ich schrie und strampelte. »Psst, Channah, ich bins, Mio, ich hole dich in mein Lager. Ich bin gekommen, damit du bei mir sein kannst«. Am Platz des Lagerfeuers waren jetzt andere Betreuer aufgewacht und schrien. Sie rannten uns hinterher, aber wir waren schon weit weg und Mio versteckte uns im Gebüsch. »Was ist denn das für eine übertriebene Aktion von dir, spinnst du?« fragte ich ihn aufgebracht. Er gab mir meine Lieblings-M & Ms wie zum Beweis, dass er es nur gut meinte.

Die anderen liefen an uns vorbei. Ich war verunsichert, wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Einerseits war es natürlich eine Ehre, von Mio geholt zu werden, andererseits war mir klar, dass er den anderen nur einen Streich spielen wollte und dass es ihm nicht ausschließlich um mich ging. Ich schaute ihn verstohlen von der Seite an. »Willst du nicht bei mir sein?«, fragte er. War das jetzt ernst oder ein Spiel? Ich zögerte, er klang sehr ernst. Sollte ich ihn fragen, ob er vergessen hatte, dass ich elf war und er achtzehn?

»Nein«, sagte ich, »schon gut. Lass mich einfach zum Schlafraum gehen. Außerdem will ich nicht Thema der Woche sein.«

»Ich dachte, du würdest dich freuen.«

»Nicht, wenn du mich im Schlaf überfällst.«

»Tut mir leid, ich dachte, wir reden noch ein bisschen.«

»Aber das können wir doch auch am Tag«, sagte ich.

»Na komm«, sagte er, »gehen wir.« Ich hatte keine Schuhe an und trat beim ersten Schritt in einen dornigen Ast.

»Mist«, fluchte ich. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich blutete.

»Tut mir leid, tut mir so leid.«

»Kannst du noch was anderes sagen?«, fuhr ich ihn an. Stattdessen kniete er sich vor mich und bot mir seinen Rücken als Trage an. »Also gut!« Ich hüpfte auf seinen Rücken und kam mir mehr als albern vor, mitten in der Nacht über Felder getragen zu werden.

In der Scheune der anderen angekommen, warteten einige Betreuer auf Mio und schrien ihn an, er würde seine Betreuerpflicht verletzten und was denn die Eltern davon denken sollten, wenn sie davon erfahren würden. Ich nahm ihn in Schutz und sagte, er hätte mir davor Bescheid gesagt und es wäre alles in Ordnung. Ich würde auch niemandem etwas sagen. Die Betreuer hatten hier nur ein Zelt, also legte ich mich direkt neben Mio. Zwei Betreuer verboten Mio, mehr als nötig bei mir zu sein.

Zwei Tage später tauchten Zoé und ihr Freund auf, um mich abzuholen. Ich war geschockt. Ich wusste, wenn sie mich holen, war dies das Ende zu Hause. Ich schwieg, ich konnte nichts sagen. Mio fiel der Abschied schwer, er litt mit mir. Er gab mir seine Adresse und seinen Hut.

Zoé fragte mich, wer er sei. Ich wusste, dass sie jeden weiteren Kontakt mit Mio nicht dulden würde. Ich zerriss den Zettel mit seiner Anschrift im Auto.

Während der anderthalbstündigen Fahrt versuchten Zoé und ihr Freund, mich auf zu Hause vorzubereiten. Sie hatten mir viel Schokolade aus Amerika mitgebracht. Wieso ködern mich eigentlich immer alle mit Schokolade?

»Ist schon gut«, sagte ich, »ich weiß Bescheid.«

Im Auto hing jeder seinen Gedanken nach. In meinem Kopf entstand eine merkwürdige Konstellation. Ich wusste nicht mehr richtig, wohin ich gehörte. Zoé und ihr Freund empfanden sich als Beschützer für mich. Ich glaube, das gab ihnen in der ungewissen Situation mehr Sicherheit als mir. Mama würde ab jetzt in ihrer eigenen Welt leben. Wo und wer werde ich sein? Alle vertrauten Ebenen schienen sich zu verschieben. Der Erdboden erschien mir plötzlich als eine trügerische Täuschung. Unter ihm warteten Krokodile und andere Ungeheuer, um mich zu verschlingen.

Mit jedem Kilometer, der uns näher nach Hause brachte, fühlte ich, dass ab jetzt alles anders werden würde. Als ich aus dem Auto stieg, wusste ich es. Ich gehe jetzt zu meinem Vater, der sterben wird. Zwischen meinem Elternhaus und der Straße, auf dem wir das Auto parkten, gab es einen Weg. Unser Haus war das vorletzte und stand fast am Ende des Wegs.

Am Ende des Wegs wird alles Unbeschwerte vergangen sein – nimm ein schönes Bild mit, dachte ich bei jedem Schritt. Bewahre dir etwas Heiles.

Ich musste nicht lange überlegen. Es war an Papas Geburtstag. Mama backte gerade einen Kuchen. »Rick«, schrie sie durch das Haus. »Ich brauche noch Zucker, ich gehe schnell zum HL.« Mama trug einen beigefarbenen Rock, der ihre schmale Silhouette unterstrich. Schon war sie draußen.

»Hannah! Zoé!«, rief Papa, »kommt bitte in die Küche.« Zoé war am Telefon mit ihrer Freundin aus Trier. Zoé machte es zu schaffen, dass ihre Freundin aus Frankfurt weggezogen war. Ich ging die Treppen runter. Zoé und ich kamen gleichzeitig in der Küche an. Ich sah Papa an. Er hielt den Kuchenteig triumphierend in die Höhe. Wir drei waren Naschkatzen, die den Kuchenteig immer am liebsten roh aßen. Wenn Mama uns dabei erwischte, regte sie sich auf, weil dann nicht mehr genug Teig übrig blieb.

»Wir haben circa zwei Minuten«, sagte Papa und reichte uns kleine Teelöffel. Wir kicherten und freuten uns so, dass wir die Zeit aus den Augen verloren. Das Schloss knackte und Mama stand in der Tür. Ungläubig schaute sie auf die fast leere Teigschüssel. »Sag mal, Rick, spinnst du?«

Papa hob ergeben die Hände. »Hannah hat mich gerufen und gesagt, dass jeder einen Löffel nehmen darf.«

»Also so was, Papa!«

Papa bog sich vor Lachen. Er liebte es, wenn er von sich ablenken konnte.

Mama fiel in sein Lachen ein. Zoé sagte ihrer Freundin, sie würde sie später wieder anrufen und kicherte. Papa zog Mama an sich. »Ich muss jetzt neuen Teig machen«, sagte Mama.

»Ja?«, fragte Papa und zauberte hinter Mamas Haaren zwei Hornklämmerchen hervor.

»Was ist das denn?«, fragte Mama.

»Eine Kleinigkeit für meine schöne Frau«, entgegnete Papa aufgeregt. Er hoffte, dass Mama die Haarklammern gefallen würden.

»Sie sind wunderschön, Ricardo!«

So hätte es sein sollen. So hätte es bleiben können.

Als wir zu Hause ankamen, ging ich zu Papa. Es war Silvester. Papa gab mir die Hand und streichelte mein Gesicht: »Tut mir leid, dass wir nicht öfter im Zoo waren oder im Kino.«

Irgendwo draußen knallte eine Silvesterrakete und wir sahen ihr Leuchten im Fenster. Papa legte den Kopf zur Seite »Naomi! Du musst mit den Kindern weg, Haider wird kommen. Es kommt ein zweiter Holocaust. Ihr müsst nach Israel gehen.«

»Rick«, sagte Mama, »das sind nur Silvesterkracher, wir sind hier in Sicherheit.«

»Nein, Naomi, ich weiß es, er wird an die Macht kommen, ihr müsst unbedingt wegziehen.« Das Morphium zeigte seine Wirkung.

»Komm, Channele, geh erstmal was essen.« Meine Tante führte mich an der Hand in die Küche.

Es klingelte an der Tür. Es waren Freunde von Papa, die gekommen waren, um sich von ihm zu verabschieden. Ich begriff, dass uns wirklich nur noch Stunden blieben. Die Leute störten mich, alle schauten uns mitleidig an. So würde ich ab jetzt immer angeschaut werden.

Ein Tag verging. Ich saß stundenlang am Bett und erzählte Papa vom Ferienlager. Der Arzt kam und sagte, Papa würde heute Nacht sterben. Wir schliefen zu viert im Ehebett meiner Eltern. Ich setzte mich neben das Bett und starrte die blaue Seide des Bettbezugs an. Die Falten werden morgen noch da sein, dachte ich – und er wird weg sein.

Am 2. Januar erlaubte Mama dem Hausarzt, Papa so viel Morphium wie möglich zu verabreichen, damit er keine Schmerzen hätte.

Für meine Mama war mein Vater die Brücke ins Leben. Als sie ihn verlor, dachte ich, sie würde mit ihm gehen. Papa starb zu Hause am 3. Januar um 0 Uhr 03. Der Hausarzt wollte, dass ich das Zimmer verlasse, damit ich den Todeskampf nicht sehe. Nichts wäre mir schlimmer vorgekommen, als meinen Vater allein sterben zu lassen. Ich blieb mit Mama und Zoé auf seinem Bett sitzen. Viele Menschen waren da, und ich empfand jede Person als Eindringling. Ich wollte allein sein, allein mit meiner Familie.

Mama schrie immer wieder den Namen meines Vaters: »Rick, Rick, ich bleibe hier nicht allein, hörst du, ich gehe mit dir.«

Ich saß daneben und dachte, entweder wir gehen alle mit Papa, oder du bleibst gefälligst bei mir. Du bist doch nicht allein, Zoé und ich sind da. Wir halten zusammen. Die Schreie meiner Mutter ließen mich lange nicht los und breiteten sich in mir aus. Ich hatte Verständnis für Mamas Gefühle zu Papa. Aber wir waren doch auch noch da. Sie blieb zwar allein, aber doch nicht ganz allein. Ich war einmal mehr niemand. Papa hatte gewartet auf mich, bis ich aus Sobernheim zurück war. Das fühlte ich. Ich war dankbar, dass wir uns verabschieden konnten.

Ich dachte, ich bin unsichtbar für Mama.

Mein Vater sagte noch, sie müsse bei uns bleiben, sie müsse auf uns aufpassen, bis wir – und jetzt erinnere ich mich nicht mehr, ob er sagte, bis wir versorgt seien, oder bis wir geheiratet hätten. Diese Szene hat sich von da an in mein tägliches Leben eingebrannt.

Ich lebte in ständiger Sorge, dass Mama sich das Leben nehmen würde. Manchmal sagte sie, sie würde am liebsten das Auto nehmen und gegen einen Baum fahren. Sie hatte ja tatsächlich einen Grund, den ich verstanden hätte.

Ich musste dafür sorgen, dass meine Mutter bei uns blieb. Ich durfte sie auf keinen Fall verlieren. Daher musste ich, so gut es ging, funktionieren und ihr keinen Kummer machen. Da ich immer auf Katastrophen gefasst war, hatte ich mich relativ schnell mit dem Tod meines Vaters arrangiert. Ich versuchte, stark zu sein. Ich dachte, jetzt kommt es darauf an, was ich aus der Situation mache. Wenn ich im Leid versinke, würde bald nichts mehr von mir übrig sein. Mein erklärtes Ziel war es, meine Mutter glücklich zu sehen.

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