Kitabı oxu: «Falkenblut»
Falkenblut
Spiegelmagie Band 8
Chris Svartbeck

©Chris Svartbeck 2019
Machandel Verlag
Charlotte Erpenbeck
2019
ISBN 978-3-95959-325-0
Bildquelle cover: Fotokostic /www. shutterstock. com
Titelvignette: Fernando Cortes/www.shutterstock.com
Hinweise für neue Leser der Serie
Dieses Buch schließt an die Kurzgeschichte „Brutmutter“ in dem gleichnamigen Ebook an und spielt einige Jahrhunderte vor den ersten sieben Büchern der Spiegelmagie-Serie. Es ist möglich für neue Leser, mit dieser Geschichte in die Serie einzusteigen, könnte aber die eine oder andere Überraschung in den ersten Bänden weniger überraschend machen.
Mit anderen Worten: Wer es richtig spannend möchte, liest die Serie besser von Anfang an.
Noch einer
„Herr, Ihr müsst Eurem Sohn endlich einen Namen geben!“
Baron Kigato aus dem Hause Mehme antwortete nicht. Seine Feder kratzte weiter über die Steuerliste, die der König angefordert hatte. Mit einem Anflug von Neid dachte er an das talwärts gelegene Lehen der Lethe-Sippe. Die waren reich genug, sich einen Schreiber zu halten. Kunststück, wenn man hervorragende Weiden und eine der besten Pferdezuchten weit und breit hatte. Er dagegen …
Die Tinte spritzte unter dem Druck. Kigato unterdrückte mit Mühe einen Fluch. Es schickte sich nicht, Untergebenen gegenüber Schwäche zu zeigen.
„Herr, der Priester drängt. Der Junge ist nun schon vier Tage alt. Er muss endlich in die Tempellisten eingetragen werden.“
Kigato durchforstete seine Erinnerungen nach einem brauchbaren Namen. Es wollte ihm keiner einfallen. Doch. da war der Spitznamen, mit dem er seinen Cousin immer geneckt hatte, als sie noch Kinder waren. „Sag dem Priester, der Junge heißt Tiko“, entschied er brüsk.
„Herr!“ Vor lauter Bestürzung vergaß der Diener für einen Augenblick, was er seiner Stellung schuldig war.
Erst jetzt ging Kigato auf, was er gesagt hatte. Ein Namen mit nur zwei Silben für einen Adelsspross – undenkbar. Aber eine einmal getane Aussage vor einem Diener wieder zurücknehmen? Das war noch viel weniger denkbar.
„Du hast mich gehört. Und jetzt benachrichtige den Priester, damit wir diese leidige Angelegenheit endlich hinter uns bringen.“
Was immer der Priester darüber dachte, er sagte nichts. So wurde der jüngste Sohn des Hauses Mehme in den Tempellisten unter dem Namen Tiko eingetragen.
*
Der Priester mochte schweigen, Kigatos Gattin aber dachte nicht daran. „Haben Euch die Winddämonen den Verstand verdreht?“ Ihre Stimme, sonst immer so weich und melodisch, kletterte in eine Höhe, die Kigato in den Ohren schrillte. „Ihr habt mit Eurer Entscheidung unseren Sohn dem Hohn und Spott des ganzen Landes preisgegeben!“
„Falls dieses ganze Land ihn überhaupt jemals sehen und zur Kenntnis nehmen wird“, grollte ihr Mann finster. „Er ist unser wievielter Sohn? Der sechste oder der siebte?“
„Der fünfte!“, fauchte seine Gattin.
„Spielt keine Rolle. Bei Eurer Fruchtbarkeit werden wohl noch ein paar dazu kommen. Erben kann nur unser Ältester. Und mehr als drei werden wir in keinem Fall in der Armee unterbringen können. Die Ausbildung an der Offiziersschule kostet zu viel, das wirft unser Lehen einfach nicht ab. Tiko wird also mit ziemlicher Sicherheit zusammen mit seinem halben Dutzend Schwestern hier auf der Burg bleiben, hier leben und hier sterben. Da wird ihn sein Name wohl kaum stören.“
Die Augen seiner Gattin wurden schmal. „Meine Mutter hat immer gesagt, wer die Tradition bricht, fordert die Götter heraus. Ich werde beten, mein Gatte, dass Euer unüberlegter Entschluss kein Unglück über unsere Familie bringt.“
Kigato drehte sich wütend um und marschierte aus dem Raum, bevor er sich vergaß und seiner Gattin den Hals umdrehte. Diese Frauen aus den Bergen! Aufmüpfig, laut und abergläubisch! Als ob die Götter sich auch nur um einen einzigen Menschen kümmerten, geschweige denn um einen Namen! Einen Moment dachte er sehnsüchtig an die sanften, rundgesichtigen Frauen der Ebene, die ihren Gatten jeden Wunsch von den Augen lasen und nicht einmal auf die Idee kamen, in seiner Gegenwart die Stimme zu erheben. Aber von denen hatte keine einen kleinen Baron am Rand des karapakischen Reiches, weit weg von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation, heiraten wollen.
*
Kigato hatte Recht. Seine Frau war fruchtbar. Es dauerte kein Jahr, bevor sie mit dem nächsten Kind niederkam.
Aber auch seine Gattin hatte Recht. Die Götter liebten es nicht, wenn man gegen ihre Ordnung verstieß. Das neuste und jüngste Kind des Hauses Mehme war nur eine Tochter. Und zugleich war sie das letzte Kind, dass Kigato in seinem Haus aufwachsen sehen würde, denn seine Frau starb bei dieser Entbindung.
Die Hebamme musterte ihren Herrn mit schmalen Augen und wagte es tatsächlich, Kritik zu äußern. „Dreizehn Kinder in siebzehn Jahren, die Fehlgeburten dazwischen nicht eingerechnet, das hat Eure Gemahlin ausgelaugt und zu sehr geschwächt. Sie hätte dieses letzte Kind nicht mehr bekommen dürfen.“ Natürlich sprach die Hebamme Kigato nicht direkt an, sondern tat so, als rede sie mit dem wimmernden kleinen Säugling.
Was sollte das? Bis auf Tiko waren die letzten Kinder alles Mädchen gewesen. Sie konnte doch wohl nicht im Ernst erwarten, dass er nicht den Versuch machen würde, noch einen Sohn zu bekommen? Zumal es hier in den Bergen nicht selbstverständlich war, dass die Kinder überhaupt groß wurden. Sein ältester Sohn war im Jahr nach seiner Geburt an der Halsröte gestorben, und seine älteste Tochter Daini war beim Klettern in den Felsen abgestürzt und ihren schweren Verletzungen drei Tags später erlegen. Ein Mann musste einfach zusehen, dass er sich absicherte. Die Sippe musste fortbestehen. Aber Frauen dachten komisch. Zudem fanden die Hebammen es immer tragisch, wenn ihnen eine Gebärende unter der Hand wegstarb. Kigato beschloss, für dieses Mal gnädig zu sein und sie einfach zu überhören.
Was jetzt? Eine Burg voller Kinder, die meisten davon Mädchen und zudem noch klein, wer sollte sie erziehen? Sollte er eine neue Gattin suchen?
Aber eine neue Gattin bedeutete am Ende noch mehr Kinder. Nein. Er hatte schon Schwierigkeiten genug, für die vorhandenen einen angemessenen Platz zu finden, an dem sie standesgemäß leben konnten. Dann doch lieber die Mägde und Sklavinnen. Deren Brut war nichts, um das ein Burgherr sich kümmern musste.
Was dann?
„Mutter?“
Die Stimme war leise, zaghaft. Eine Mädchen von elf Wintern kam in das Zimmer, stutzte kurz, verneigte sich dann vor Kigato und eilte an das Bett der toten Burgherrin. Ein einziger Laut nur entfuhr ihr, als sie erkannte, dass sie zu spät kam, dann fielen ihre Schultern nach vorne, zuckten, und sie sank neben dem Bett in die Knie.
Aber natürlich, das war die Lösung!
Mit wenigen Schritten war Kigato bei ihr, griff nach ihren Schultern und drehte sie, sodass er in ihr Gesicht sehen konnte. Es war nass von Tränen.
„Selea, du bist die älteste meiner Töchter und damit jetzt die Burgherrin. Ich weiß, dass wir davon gesprochen hatten, dich in zwei Sommern zu verheiraten, aber das muss vorerst warten. Deine jüngeren Geschwister brauchen dich jetzt. Ich werde mit den Rarkat reden und einen Aufschub verhandeln. Natürlich kannst du dann nicht mehr die Erste Gemahlin werden, aber immer noch die zweite.“
Das würde ihm eine schöne Summe Brautgeld einbringen. Dann konnte er sich vielleicht sogar endlich nach einer Braut für seinen ältesten Sohn umsehen.
Selea hauchte ein zittriges „Ja.“
Zufrieden ließ Kigato sie los und stolzierte hinaus.
Nicht schnell genug. Er hörte noch, wie die Hebamme sagte: „Armes Ding. Musst Mutter sein, bevor du überhaupt zur Frau geworden bist!“
Dämliche Frau! Wusste nicht, wann sie den Mund zu halten hatte! Er würde sie natürlich bezahlen für ihre Dienste, ein Mehme stand zu seinen Verpflichtungen. Aber danach würde er sie mit Peitschenhieben vom Burghof jagen lassen.
Die Schwester
Schwestern waren langweilig. Wollten nie die Burg verlassen, hingen immer irgendwo in Haus und Hof herum, um Blumen zu hätscheln, immer dasselbe Essen zu kochen und Wäsche zu waschen. Er durfte dann nicht einmal in ihre Nähe kommen. Er sei zu schmutzig, schimpften sie.
Nur Selea war eine Ausnahme. Manchmal nahm sie Tiko mit, wenn sie die Burg verließ. Am besten fand er die Ausritte. Dann durfte er vor ihr auf dem Pferd sitzen, da, wo er den besten Blick hatte, sicher festgehalten von den starken Armen seiner großen Schwester. Sie ritt mit ihm bis hinauf zu den Bergwiesen. Dort durfte er herumtollen und mit ihr in den Felsen klettern. Sie hatte immer Pfeil und Bogen dabei, sicherheitshalber, aber meist benutzte sie sie nur, um auf Tannenzapfen zu schießen.
Selea hatte keine Angst, ohne männliche Begleitung auszureiten. Was sollte schon passieren, solange sie auf dem Land ihres Vaters blieb? Vaters Wachen hielten die Räuber kurz und die tolorischen Feinde fern, und von den eigenen Leuten hatte eine Tochter des Hauses Mehme keinerlei unangemessenes Benehmen zu erwarten.
Solange er noch ganz klein war, hatte Tiko das natürlich anders gesehen. Als Fünfjähriger war er vor Stolz fast geplatzt, wenn seine Schwester ihn liebevoll neckend als ihren Beschützer bezeichnete. Später wusste er es natürlich besser. Aber Spaß machten die Ausritte mit Selea trotzdem.
Solange, bis er sechs Jahre alt war und die anderen Jungen ihn aufzuziehen begannen.
„Na, immer noch mit einem Mädchen unterwegs? Traust dich wohl nicht unter Männer, was?“
„Bringt sie dir auch das Nähen bei?“
„Hast wohl Schiss, alleine rauszugehen!“
Danach begleitete Tiko seine Schwester nur noch selten auf ihren Ausflügen. Insgeheim gab er vor sich selbst zu, dass er diese gemeinsame Zeit vermisste. Selea war immer so lustig, und sie schlug und trat ihn nie.
„Eigentlich hätte sie schon längst verheiratet sein müssen. Dann wäre sie jetzt bei den Rarkat und ohnehin nicht hier“, bemerkte einer seiner älteren Brüder nur, als Tiko sich mal traute, das Thema anzuschneiden.
Das stimmte, wie die dicke Köchin Musa bestätigte, während sie ihm wohlwollend ein Stück kalten Braten in die Hand drückte. Kleine Jungen waren immer hungrig. „Aber Selea ist keineswegs traurig über die verschobene Heirat. Im Gegenteil, das verschafft ihr ein paar weitere Jahre zu Hause und damit relativ viel Freiheit. Selbst wenn es hinterher nur noch zur dritten Gemahlin des Rarkat-Erben reichte, das ist es ihr wert. Im Gegensatz zu einem Ehemann, der mit Argusaugen über jeden Schritt seiner Gattin wachen wird, interessierte sich ihr Vater kaum für das, was seine Töchter tun.“
Natürlich hätte Selea niemals gewagt, sich direkt gegen ihren Vater aufzulehnen. Nicht einmal seine ältesten Söhne taten das, obwohl sie schon erwachsen waren. Selea sollte die Stelle der Burgherrin vertreten, hatte der Vater gesagt. Also tat sie das, was auch ihre Mutter getan hatte: Die jüngeren Geschwister bemuttern, trösten, erziehen und lieben, den Haushalt leiten, die Einkäufe der Vorräte organisieren, den Hausbediensteten den Lohn auszahlen, Knechte und Mägde einstellen und, falls nötig, feuern.
Aber im Gegensatz zu ihrer Mutter, die als verheiratete Frau ohne die Erlaubnis ihres Gatten nirgendwohin gehen konnte, war Selea frei, die Burg zu Ausritten zu verlassen, durch Täler und Berge zu streifen und sich den einen oder anderen schönen Tag zu gönnen.
Einmal, als Tiko selbstvergessen mit ein paar Stockfiguren im Garten Krieg spielte, belauschte er Musa und seine Schwester. Er hörte mit eigenen Ohren, wie Selea zugab, diese Zeit ohne ihre Mutter sei die beste, die sie je gehabt hätte. Niemand, der sie in die Nähstube rief, um an ihrer Aussteuer zu arbeiten, niemand, der ihr erklärte, für eine Edelfrau schicke es sich nicht, den ganzen Tag draußen in der Sonne zu werkeln, das schade dem Teint, niemand, der schimpfte, dass es sich für eine Edelfrau ungehörig sei, auf dem Pferd zu sitzen wie ein Mann, anstatt sich mit einer Sänfte tragen zu lassen.
Sie müsse nur aufpassen, dass ihr Vater keinen Grund zur Klage fände und ihre Aufgaben stets mustergültig erledigt seien.
Das waren sie wohl, denn der Vater beschwerte sich nie. Im Gegenteil, einmal verstieg er sich sogar dazu, ein „Gut, gut!“ zu brummen, als Selea ihm die Vorratslisten vorlegte.
*
An einem schönen Frühsommertag war dann der Falke in die Burg gekommen. Selea kam von einem Ausritt zurück, einen Falken im Arm, den sie so in die Satteldecke eingewickelt hatte, dass der Vogel weder seinen gesunden Flügel noch Krallen oder Schnabel einsetzen konnte.
Sein Vater hatte sich das blutbefleckte Federbündel angesehen und war drauf und dran gewesen, dem Tier den Hals umzudrehen, aber Selea hatte protestiert und gesagt, der Flügel könne doch wieder heilen. Es war ein schöner, großer Falke, ein Königsfalke. Das hatte wohl den Ausschlag gegeben. Vater hatte ihr den Versuch erlaubt, und der Falkner Mirko hatte den Vogel verarzten dürfen.
Danach schoss Selea nicht mehr auf Tannenzapfen. Irgendwie sah sie den Falken genauso als Verpflichtung wie ihre jüngeren Geschwister und sie ging für ihn jagen. Für ein Mädchen schoss sie sogar ziemlich gut, musste Tiko zugeben.
Anfangs brachte sie nur jeden zweiten oder dritten Tag Beute nach Hause, aber dann nahm sie den Falken mit. Und obwohl der Vogel weder dressiert noch flugfähig war, schien das Seleas Jagdkünste deutlich zu verbessern. Sie kam nie mehr mit leeren Satteltaschen zurück. Sie brachte Kaninchen, den einen oder anderen Vogel, sogar Murmeltiere heim.
Tiko wusste, wie schwer es war, ein Murmeltier zu erbeuten. Er war also gebührend beeindruckt.
*
Im nächsten Winter wurde Selea krank. Fast jeden Morgen erbrach sie sich, sobald sie aufstand. Tiko merkte es nur, weil er noch jung genug war, um in den Frauenquartieren zu schlafen. Er verstand nicht ganz, warum Selea nicht zu der Heilerin ging. Tagsüber musste sie nicht brechen, da verrichtete sie ihre Arbeit ganz normal, wenn auch vielleicht ein wenig langsamer, und niemand schien etwas zu merken. Selea war stolz, wie alle Mehme. Sie wollte keine Schwäche zeigen. Tiko beschloss, den Mund zu halten. Es war ja auch ihr letzter Winter zu Hause, den wollte er ihr nicht verderben. Bereits im kommenden Sommer sollte sie den Rarkat heiraten. Zum Mittsommerfest. Vater stellte bereits ihre Mitgift zusammen. Auch das schöne braunscheckige Pony sollte dazugehören. Tiko beneidete Selea, er hätte es gerne selbst als Reittier gehabt. Oder besser gesagt, er beneidete ihren Rarkat-Bräutigam, denn dessen Eigentum würden sowohl das Pony als auch Selea werden.
Und dann kam jener Tag, der sich Tiko ins Gedächtnis einbrannte. Der Tag, der alles änderte.
Am Tag davor war Selea wieder zur Jagd geritten.
Und dann war nur ihr Pferd zurückgekehrt.
Vater hatte sich geweigert, in der früh einbrechenden Winternacht einen Suchtrupp loszuschicken, auch wenn die Spur in dem hohen Schnee vermutlich selbst bei Mondlicht gut zu erkennen gewesen wäre. „Wenn sie zu blöd ist, sich auf einem Pferd zu halten …“ hatte er gezischt.
Erst am nächsten Morgen durfte der Suchtrupp losreiten. Sie kamen schnell zurück, Selea war wohl schon ganz in der Nähe gewesen. Dann brachten die Männer Selea in den großen Saal. Alle waren sie dort versammelt, auf Befehl des Barons, die ganze Familie und alle Soldaten und Diener und Sklaven der Burg. Selea würde bestraft werden. Vor aller Augen.
Mirko hob ihr den Falken vom Arm, die Diener nahmen Selea die dicken Überkleider ab. Der Vater starrte auf ihren Bauch, als ob er Löcher hineinbrennen wollte. Sein Gesicht versteinerte zu jenem kalten, starren Ausdruck, der nach Tikos Erfahrungen äußerste Wut bedeutete. Und dann ging er auf seine Tochter los.
Tiko verkroch sich instinktiv unter dem Tisch
Sein Vater brüllte und trat, Selea schrie und ging zu Boden, und dann war plötzlich ein lautes Zischen zu hören, und sein Vater flog durch die Luft und gegen die Wand. Als Tiko wieder zu Selea sah, blieb ihm der Mund offen stehen. Über ihr stand etwas wie eine überdimensionale Eidechse mit funkelnden goldenen Augen, langen Zähnen und Flügeln. Das musste einer der sagenumwobenen Drachen sein! Aber die gab es doch nur im Norden, da, wo auch die Frostgeister lebten?
Tiko wollte gerade unter dem Tisch hervorkriechen, um dieses Wundertier näher in Augenschein zu leben, als der Drache tatsächlich redete!
„Wage es nicht, sie noch einmal anzurühren!“ Trotz des unmenschlichen Zischens war die Stimme klar verständlich. „Du nicht – und keiner deinesgleichen! Diese Frau trägt meine Brut! Sie steht unter meinem Schutz!“
Schlagartig herrschte Totenstille. Und Tiko war mehr als froh, unter dem Tisch und somit weitgehend außer Sicht zu sitzen.
Der Drache sprach weiter. Er klang ebenso wütend, wie Tikos Vater es zuvor gewesen war. Kunststück. Wenn Tiko das richtig verstand, hatte sein Vater schließlich auch gerade versucht, den Nachwuchs des Drachen totzutreten.
Gegen dieses Monster hatten alle Männer seines Vaters zusammen keine Chance. So fand Tiko es auch nicht erstaunlich, dass sein Vater bereitwillig auf alle Bedingungen des Drachen einging. Sicherheit und Unversehrtheit für Selea, Sicherheit und Unversehrtheit für das ungeborene Junge in seiner Burg.
Sicherheit mit Hintergedanken, und entsetzlicherweise schien der Drachen Gedanken lesen zu können. Er sprang den Baron an, und im nächsten Moment schrie sein Vater ganz fürchterlich, Blut spritzte und Tiko sah die abgebissene Hand seines Vaters zu Boden fallen.
Mirko war der einzige, der sich überhaupt traute, seinem Herrn zur Hilfe zu kommen und ihm den Armstumpf abzubinden. Danach musste Baron Kigato noch einmal schwören, dieses Mal wesentlich umfassender.
Der Drache wurde wieder zu einem Falken.
Und der Falke bliebt auf der Burg für die ganze Dauer von Seleas Schwangerschaft.
*
Im siebten Monat ihrer Schwangerschaft ritt Selea mit dem Falken aus. Als sie zurückkam, war der Falke nicht mehr bei ihr. Ihr Pferd auch nicht.
Und sie war nicht mehr schwanger.
Ihr Vater ließ sie gar nicht erst in die Burg hinein. Er hielt sein Versprechen, ihr nichts anzutun, aber er verbannte sie, weit weg, in ein kleines, ärmliches Köhlerdorf am Rand des Hochwaldes.
Tiko sah sie nicht wieder.
Halsröte
Es war, als ob mit Selea auch das Glück aus der Burg vertrieben worden war. Tiko vermisste ihr Lachen. Seine Schwestern drängten sich scheu in die Schatten, sobald ihr Vater irgendwo auftauchte und ihre Stimmen sanken zu einem Flüstern, um nur nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Baron machte nicht einen einzigen Versuch, noch weitere von ihnen zu verheiraten. Es war, als ob sie nicht mehr existierten, Schatten unter Schatten.
Sein Vater trank. Trank, wenn er Schmerzen hatte – und sein Armstumpf schien ihn fast jeden Tag zu schmerzen. Er trank auch, wenn er keine Schmerzen hatte, um seine Schande zu vergessen. Tiko nahm er bis tief in den Winter nur ein einziges Mal wirklich zur Kenntnis. Das war, als der Frost so klirrend kalt war, dass die Wände der Burg innen vor Eiskristallen glitzerten, und Männer wie Frauen selbst in den Räumen noch dicke Pelze trugen. Ein Winter, wie er seit Menschengedenken nicht mehr hier, so tief im Süden der tolorischen Grenzberge, gesehen worden war. Ein Frostgeisterwinter, wie einige der ganz Alten schaudernd raunten. Der Vater war abgemagert seit dem Zwischenfall mit dem Drachen. Er fror schnell, weder das lodernde Kaminfeuer noch die dicken Fuchsfelldecken vermochten ihn zu wärmen. Tiko hörte ihn stöhnen und brachte ihm einen Becher heißen Würzwein. Sein Vater nahm den Becher, ohne ihn anzusehen, leerte ihn in wenigen Zügen. Dann sah er auf.
„Du!“ Er beugte sich vor. „Nichtsnutziger Nachkömmling. Dich hätte es niemals geben sollen. Dann wäre meine Gattin vielleicht noch am Leben und dieses ganze Desaster mit deiner Schwester niemals geschehen.“
Einen Moment schlossen sich seine Augen, als ob ihn die Müdigkeit übermannte. Dann flogen sie wieder auf; und schneller noch als seine Augenlider bewegte sich seine Faust, fuhr vor und traf Tikos linke Schulter. Sein Schlüsselbein brach mit einem hörbaren Knirschen. Tiko floh, so schnell er sich wieder aufrappeln konnte. Erst draußen wich der Schock so weit, dass er den Schmerz spürte und wimmernd zusammensank. Er merkte nicht einmal, wer ihn aufhob und zur Heilerin trug.
Der Knochen heilte ohne böse Folgen. Aber danach drückte auch Tiko sich in die Schatten, wenn sein Vater in der Nähe war.
Alle waren mehr als erleichtert, als es endlich taute und sie nicht mehr von Schneewehen eingeschlossen waren. Die Sache hatte nur einen Haken. Nicht nur die Mehme-Leute konnten jetzt ihre Burg verlassen, das konnten auch andere.
Tikos ältere Brüder bemannten die Grenzwachen doppelt. Da die Rarkat auf der einen Seite keine Mehme-Frau mehr in Aussicht hatten, auf der anderen aber auch der Schutz durch den Drachen fehlte, mochten sie auf die Idee kommen, wie in früheren Jahren Überfälle auf die Dörfer und Herden der Mehme zu machen.
Jeder Pass und jede Straße wurde gesichert.
Der Feind jedoch kam auf einem ganz anderen Weg.
*
Am ersten Vollmond nach dem letzten Schnee feierten sie traditionell das Frühlingsfest. Egal, wie miserabel seine eigene Stimmung war, dieses Fest musste Baron Kigato einfach feiern. Nicht einmal in seinem alkoholumnebelten Zustand war er so dumm, seine Gefolgsleute durch eine Absage zu verärgern.
Musa backte und briet und braute, und mit ihr werkelten ein Dutzend Frauen in der großen Küche. Tikos Brüder gingen wilde Antilopen jagen, und die Bauern brachten ihre traditionellen Frühlingsabgaben, Lämmer und Eier, um zur Festtafel beizutragen.
Wichtiger aber waren die Händler und Musikanten. Ein gutes Dutzend von ihnen kam, wie jedes Jahr, in die Burg, baute große, bunte Stände auf, voller verlockendem Tand, ihre Frauen und jungen Männer tanzten und zeigten akrobatische Kunststücke, Trommeln und Flöten erklangen den ganzen Tag und die ganze Nacht. Tiko wusste, dass er sich dieses Jahr nichts kaufen konnte, Vater hatte nicht, wie früher, ein paar Kupferstücke für seine jüngeren Kinder herausgerückt, aber die verheißungsvollen Gerüche, der Trubel im Burghof und die ungewohnte, lustige Menschenmenge besaßen dennoch eine magische Anziehungskraft. Er stürzte sich voller Begeisterung in das Gewühl.
Am interessantesten waren natürlich die Akrobaten und Jongleure. Einer der Musiker legte am Abend seine Trommel weg, griff zu einigen Fackeln und begann, die brennenden Scheite kunstvoll durch die Luft zu wirbeln. Tikos Augen klebten förmlich an den Funkenwirbeln. So etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Es war, als ob die Flammen Muster in den Himmel schrieben.
Ein zweiter kam dazu, und die beiden Männer warfen sich gegenseitig die Fackeln zu, ein halbes Dutzend waren es jetzt. Ihre schweißglänzenden Muskeln spielten im Feuerschein, während sie sich drehten und sich über den Platz bewegten, in einem flammenden Tanz.
Frenetischer Applaus dankte ihnen und Tikos ältester Bruder gab ihnen gut gelaunt einige Kupferstücke für diese Darbietung. Dann klang die Trommel wieder, und die Zuschauer begannen ebenfalls zu tanzen.
Für Kinder war in dem Tanz kein Platz. und immer nur zusehen war langweilig. Tiko beschloss, die bunten Wohnwagen etwas näher in Augenschein zu nehmen.
Wirklich reich waren die Händler und Schausteller nicht, wie er von Nahem sehen konnte. Zwar waren alle Wagen bunt bemalt und die Hörner und Hufe ihrer Zugochsen frisch geölt, aber das Holz war alt und verwittert, die Ochsen so mager, dass ihre Knochen hervorstanden. Die bunten Röcke, die an einer Leine zwischen zwei Wagen flatterten, waren vielfach geflickt und der Eintopf, der in einem großen Kessel auf einem offenen Feuer vor sich hin simmerte, roch nicht, als ob viel Fleisch darin enthalten war.
Eine Frau kam aus einem der Wohnwagen, ging zum Kessel und schöpfte etwas vom flüssigen Teil des Eintopfs in eine kleine Schale, dann kletterte sie zurück in den Wagen. Tiko konnte durch die offene Tür hören, wie sie mit jemandem sprach.
„Versuch doch wenigstens, etwas zu essen. Schau, ich hab dir auch nur Brühe mitgebracht. Es tut bestimmt nicht weh. Versuch es, mir zuliebe, bitte!“
Sie bekam keine Antwort.
Warum sollte jemand nicht essen wollen? Tiko wusste absolut sicher, dass er nie, nie etwas zu essen ausschlagen würde. Irgendwie hatte er sowieso immer Hunger.
Wie auf Stichwort rumorte sein Magen. Der Eintopf hatte wohl zu gut gerochen, auch ohne Fleisch. Aber Tiko wusste, wo er Besseres bekommen würde. Er flitzte zu Musa in die Küche.
Am nächsten Tag packten die Händler bereits wieder und fuhren ab, ebenso die Dorfleute. Tikos Brüder kurierten, wie die meisten Männer der Burg, einen ordentlichen Kater, und die Frauen machten sich mit einigen Seufzern daran, die Überreste der Feuer wegzuräumen und den Hof zu säubern. Nicht alles, was sie fanden, war appetitlich, die Feier schien einigen nicht gut bekommen zu sein. Aber das war nach jedem Frühlingsfest so und sie lachten und scherzten, während sie fegten und schrubbten.
Am späten Nachmittag schmerzte plötzlich Tikos Kopf. Gegen Abend war es so schlimm, dass er nichts essen mochte. „Hast dir gestern wohl den Magen verdorben, was, Kleiner?“, scherzte Musa gutmütig. „Das nächste Mal nimmst du einen Blaubeerkuchen weniger.“
Einer der Diener platzte in die Gesindeküche, wo traditionell auch die jüngeren Kinder und Frauen des Burgherrn mit aßen. „Ich brauche einen Eimer mit heißem Wasser, schnell! Der junge Herr Kimuko hat sich erbrochen, mitten bei der Mahlzeit!“
Das würde seinem Vater ganz bestimmt nicht gefallen. Tiko war fast geneigt, Mitleid mit Kimuko zu haben. Wie viel sein Vater auch trank, von seinen Söhnen erwartete er, dass sie Maß hielten. Kimuko stand eine derbe Abreibung bevor.
Aber warum sah Musa plötzlich so besorgt aus?
„Das ist schon der vierte.“ Die Köchin flüsterte, als ob sie Sorge hatte, die Aufmerksamkeit böser Geister auf sich zu ziehen. Ihr Blick flog zu Tiko. „Oder der fünfte. Holt die Heilerin! Sofort! Und du, mein Junge, gehst sofort ins Bett!“
Normalerweise hätte Tiko mit seinen bereits neun Jahren heftig protestiert. Er war kein kleines Kind mehr, das man einfach so ins Bett schickte. Aber heute war er fast erleichtert, die Tafel verlassen zu dürfen.
Als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufging, stolperte er und fiel. Verdutzt blieb er auf den Stufen sitzen. Was war denn bloß mit ihm los? Diese kleine Treppe nahm er doch sonst mit wenigen Schritten!
Einer der Diener kam, sah ihn dort sitzen, hob ihn hoch und trug ihn ohne viel Federlesens in sein Zimmer. Tiko war froh, als er endlich unter der warmen Bettdecke lag. Er hatte entsetzlich zu frieren begonnen.
*
An die nächsten Tage erinnerte er sich nicht. Nur noch daran, dass er nach Luft gerungen hatte, dass sein Hals schmerzte, als er wieder erwachte, und er sich schwach fühlte wie ein neugeborenes Kitz.
Die Heilerin hatte ihm etwas eingeflößt, bitter, kratzig, aber er war so durstig gewesen, dass ihn das nicht störte.
Dann hatte sein Vater in der Tür gestanden, ihn angesehen, fast feindselig. „Warum ausgerechnet der? Warum nicht einer von den anderen? Die wären wenigstens nützlich gewesen!“
Die Tür fiel zu, sein Vater war verschwunden.
Im Blick der Heilerin hatte er Mitleid gesehen.
Halsröte. So hieß der Feind, der die Burg und das ganze Umland erobert hatte, heimtückisch und leise, noch während sie alle glücklich feierten. Die, die auf dem Fest gewesen waren, hatten die Seuche mit heimgebracht. Kein Dorf, in dem nicht Tote zu beklagen gewesen waren. Niemand, der die Krankheit nicht schon einmal mitgemacht hatte, blieb verschont. Von den Kindern überlebten die meisten. Aber die jungen Männer raffte es reihenweise dahin. Tiko war der einzige Sohn Kigatos, der überlebte.
Jetzt wusste er, was er in dem kleinen Wagen der Händler in der Festnacht gehört hatte. Die Fremden hatten den Tod mitgebracht.
Nur für die Männer. Frauen erkrankten nie an der Halsröte. Eine Tatsache, die Baron Kigato besonders übelnahm. Vier Söhne des Hauses Mehme waren tot. Die Burg hatte nur noch einen einzigen Erben: Tiko. Und eine Horde Mädchen, die er mangels ausreichender finanzieller Mittel nicht verheiraten konnte.
Natürlich erwog Kigato, sich eine neue Gattin zu nehmen und weitere Söhne zu zeugen. Das Problem war nur, dass ein Haus, das so viele Söhne verloren hatte, den potenziellen Schwiegerväter als wenig glückbringend erschien. Mal ganz zu schweigen davon, dass Kigato nur noch eine Hand hatte. Also blieb er Witwer und alleine.
Da wäre natürlich immer noch die Möglichkeit gewesen, einen seiner Bastarde mit der Dienerschaft anzuerkennen. Aber ein Mehme, der eine nichtadelige Mutter hatte?
Das ließ sein Stolz nicht zu.
Dann doch lieber diesen nichtsnutzigen, aber rechtmäßigen Nachkömmling ausbilden.
*
Tiko wurde zu seinem Vater zitiert. Das war das erste Mal, dass er erfuhr, dass mit seinem Namen etwas nicht stimmte.
„Du wirst dich anstrengen müssen. Es geht nicht an, dass das Haus Mehme von einem Mann vertreten wird, der nur zwei Silben in seinem Namen hat. Ich werde dich als Kadett bei der königlichen Garde anmelden. Sieh zu, dass du in den nächsten Jahren aufholst, was du bisher zu lernen versäumt hast. Die Garde behält nur die Besten. Und zu denen musst du gehören, damit der König dir einen längeren Namen gewährt.“
Tiko verstand die Welt nicht mehr. Was war so schlimm an einem Namen mit zwei Silben? Selbst der Hauptmann, der die Soldaten seines Vaters anführte, hatte nur zwei, und ebenso seine beiden jüngsten Schwestern.
Der Hauslehrer übernahm die undankbare Aufgabe, den jungen Burgerben aufzuklären.
„Euer Vater hatte sechzehn Kinder mit seiner rechtmäßigen Gattin. Er hat nie damit gerechnet, dass bei so vielen Nachkommen ausgerechnet sein Jüngster der Erbe sein würde. So wenig, wie er damit rechnete, dass er seine jüngeren Töchter je verheiraten könnte. Daher hat er sich die mühsame Suche nach einem passenden Namen bei seinen jüngsten drei Kindern gespart.
Das Problem ist, dass im gesamten Adel ein Name mit weniger als drei Silben undenkbar ist. Wenn Ihr also diesen Namen behaltet, wird man immer annehmen, ihr wäret von niedriger Geburt. Ein Bastard, oder, schlimmer noch, ein Bürgerlicher, der gerade erst in den Adelsstand erhoben wurde. Damit wäre es für Euch unmöglich, eine standesgemäße Ehe abzuschließen oder jemals im Reich irgendeinen höheren Posten zu bekleiden.“
Sein Vater war also der Grund für seine missliche Lage. Tiko biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten.
*
Kampftraining mit und ohne Waffen, Schreib- und Leseübungen, lernen, lernen, lernen. In den folgenden Monden wünschte Tiko sich oft, nicht seine Brüder wären an der Halsröte gestorben, sondern er selbst.
Sein Vater redete in der ganzen Zeit nur ein einziges Mal mit ihm: Als der Baron von den Ausbildern und Lehrern wissen wollte, ob Tiko weit genug war, um Kadett zu werden. Ansonsten gingen beide, Vater wie Sohn, sich so weit wie möglich aus dem Weg und die wenigen gemeinsamen Mahlzeiten verbrachten sie schweigend.
Am Ende war Tiko mehr als erleichtert, als er tatsächlich nach Sawateenatari geschickt wurde. Auch wenn das bedeutete, die klare, kühle Luft der Berge gegen die mückenverseuchten Flussufer des Tsaomoogra und die stinkenden, lärmenden Gassen der Hauptstadt einzutauschen, in denen die heiße Luft zu stehen schien und mehr Menschen herumwuselten, als es im Frühjahr in den Bergteichen Kaulquappen gab.
Die Eskorte aus drei Soldaten lieferte ihren Schützling am Tor des Kasernenhofes ab, überreichte einem mürrischen Hauptmann, der die Neuen in Augenschein nahm, den Begleitbrief des Barons, auf dem unübersehbar das gleiche Wappen prangte wie auf Tikos schon fadenscheiniger, viel zu großer, von seinem ältesten Bruder geerbten Tunika, und machten auf der Stelle kehrt.
Da war er nun. Auf Gedeih und Verderb dazu verdammt, Erfolg zu haben.
Tiko spürte einen Muskel in seinem Gesicht zucken. Er zwang sich, seine Kiefer zu entspannen. Hier gefiel ihm überhaupt nichts. Aber er hatte keine Wahl. Und zudem, es würde ja nicht für ewig sein. Sobald er seinen Namen hatte, war er hier wieder weg, soviel stand fest.
Gegner
„Tiko aus dem Haus Mehme!“
Die Blicke, die ihn von allen Seiten trafen, schienen auf seiner Haut zu brennen. Oh, wie er seinen Namen mittlerweile hasste! Und seinen Vater dazu. Hätte der ihm nicht einen ganz normalen, dreisilbigen Namen geben können, wie alle anderen seiner Brüder? Nur zwei Silben, ganz, als ob er nicht besser als ein Kaufmann wäre. Er sah nur zu deutlich in den Mienen der anderen Kadetten, was sie davon hielten.
Aber er musste da durch, egal, was die anderen von ihm hielten. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, diesen Namensmakel loszuwerden. Einen offiziellen Namenszusatz. Und den konnte nur der König selbst vergeben. Nur damit würden die Priester bereit sein, seinen Namen in den Tempellisten zu ändern. So reihte er sich wortlos ein in der Gruppe Halbwüchsiger, die allesamt begierig auf eine Offizierslaufbahn in der königlichen Garde waren, wild entschlossen, sich einen Namen zu verdienen, den sie mit Stolz nennen konnten.
„Seit wann erlauben wir Niederen, in die Garde einzutreten?” Das Tuscheln war so laut, dass Tiko es auf jeden Fall hören musste.
„Sein Vater soll ja tatsächlich ein Adeliger sein.”
„Wenn er einer ist, dann hat er den Verstand eines Schlammflohs. Seinem Sohn einen zweisilbigen Namen zu geben! Ist der überhaupt legitim, oder hat dieser Mehme-Baron einen Bastard in seine Erblinie holen müssen?”
Tiko konnte fühlen, wie seine Ohren glühten. Seine Kiefer mahlten. Zuhause … zuhause hatte sich niemand an diesem Namen gestört. Wenn er gewusst hätte, wie viel das hier bedeutete … Aber sein Vater hatte ja auch wohl nie vorgehabt, ihn in den königlichen Dienst treten zu lassen. Dafür waren seine älteren Brüder bestimmt gewesen. Die alle die Seuche im letzten Frühjahr nicht überlebt hatten. Und jetzt war er der Älteste. Tiko ballte die Fäuste so stark, dass seine Nägel sich schmerzhaft in die Innenfläche seiner Hände pressten. Seine Familie hatte ihm das hier eingebrockt, sie alle zusammen. Er hasste sie. Er hasste sie mit Inbrunst. Der Vater, der ihn nur zur Kenntnis nahm, weil er der letzte seiner Söhne war. Seine Brüder, die einfach so gestorben waren. Und das mit seiner ältesten Schwester war fast noch schlimmer. Wenn jemand hier wüsste, dass die tatsächlich einen Bastard von diesem fliegenden Ungeheuer ausgetragen hatte ... Nach den ersten Bemerkungen über seinen Namen hatte Tiko beschlossen, die Sache mit Selea auf keinen Fall hier zu erwähnen. Die Kommentare der anderen Kadetten waren auch so schon beißend genug. Vielleicht hätte er ja zu Hause bleiben, dieser Demütigung entgehen können, wenn seine Schwester nicht so pflichtvergessen gehandelt hätte. Das Bündnis mit den Rarkat, dass sie eigentlich durch Heirat hätte besiegeln sollen, hätte seinen Vater vielleicht ausgereicht fürs Familienprestige.
Zu viele vielleicht. Eine Heirat kam nach dieser Schande für seine Schwester nicht mehr infrage und die Rarkat waren nicht an einer anderen Braut aus dem Hause seines Vaters interessiert gewesen. Also blieb Tiko nichts anderes übrig, er musste ein Mitglied der Garde werden. Erfolglos nach Hause zurückzukehren war keine Option. Sein Vater würde ihn umbringen.
Die tuschelnden Stimmen in seinem Rücken verstummten immer noch nicht. Tiko straffte seine Schultern und versuchte, nicht länger hinzuhören.
Der Diener, der ihm den Packen mit seiner Kadettenuniform reichte, musterte ihn halb mitleidig, halb belustigt, und auch um seine Mundwinkel zuckte es. Tiko zwang sich, keine Miene zu verziehen, nahm den Packen und trat zurück in die Reihe.
*
Fünf Gruppen würde es in diesem Jahr bei den Kadetten geben, weil sie so zahlreich waren. Das verkündete der Ausbilder, ein bulliger, älterer Hauptmann mit einer Narbe am rechten Arm und über dem rechten Ohr. „Bodoke!“, dröhnte seine Stimme. „Merkt euch meinen Namen! Ich heiße nicht umsonst wie die Ochsenpeitsche. Ich werde euch treiben, bis euch das Blut in den Schuhen steht und ihr nicht mehr wisst, ob ihr noch lebt oder schon in den Winden wandert. Ihr werdet auf mich hören wie auf euren Vater! Und mehr noch, bei mir werdet ihr auch parieren! Es ist mir egal, aus welcher Familie ihr kommt und mit wem ihr verwandt seid oder nicht, ich bin hier, um jeden von euch zu prüfen und zu schleifen, bis er entweder ein glänzender Gardist ist oder als Abfall rausfliegt, egal, ob lebend oder tot.“
Leere Versprechungen, zumindest das mit der Gleichbehandlung. Oder vielleicht wäre es das auch nicht gewesen, aber dann kam, gerade als der Hauptmann mit seiner gebrüllten Ansprache fertig war, noch ein neuer Kadett. Rumaru, der Sohn des Königs. Allseits bereits bekannt als fähiger Zauberer.
Selbstredend hatte Rumaru von seinem königlichen Vater die strickte Anweisung bekommen, eben diese Zauberer-Fähigkeiten nicht zu benutzen, da er eine solide soldatische Ausbildung bekommen sollte. Schließlich hatte das Haus Nahne noch einige Eroberungen vor. Man munkelte, der König wolle das ganze Gebiet der Ebene am Fluss unter seine Herrschaft bringen. Tiko hielt das für ausgemachten Quatsch. Wer sollte das alles regieren? Er wusste, wie viel Arbeit bereits die eine Burg mit den zugehörigen Ländereien seinem Vater machte und wie schwierig es in manchen Jahren gewesen war, sie ausreichend vor den räuberischen Banden aus den tolorischen Bergen zu schützen. Und Karapak war um ein Vielfaches größer. Er hatte sich die Karte genau angesehen. Das Lehen seines Vaters passte mindestens fünfzigmal hinein. Aber Könige eroberten nun mal. Anscheinend waren sie dafür gemacht. Und für nichts Gescheites sonst.
Alle Nahne-Könige bislang waren Eroberer gewesen. Und alle waren sie sowohl als Feldherren als auch als Zauberer ausgebildet worden. Rumaru folgte also nur der Familientradition.
Was nicht hieß, dass er mit seiner augenblicklichen Position glücklich war, auch wenn die anderen Rekruten ihn teils mit offenem Mund bewundernd anstarrten. Tiko konnte sehen, wie geringschätzig Rumarus Mundwinkel sich nach unten verzogen, während er seine zukünftigen Kameraden musterte.
Das würde nicht leicht werden.
Zunächst aber ließ Hauptmann Bodoke jetzt die Gruppen zusammenstellen. Nicht durch ihn selbst, wie Tiko gehofft hatte. Er rief lediglich fünf Namen auf und bestimmte diese Jungen als zukünftige Leiter und Verantwortliche der Gruppen. Natürlich war Rumaru unter ihnen.
Dann bekamen die frisch ernannten Gruppenleiter die Namenslisten und konnten sich ihre Leute wählen. Immer einen pro Durchgang.
Diejenigen, die aus den bedeutenderen Adelshäusern stammten, wurden zuerst gewählt. Danach kamen die weniger wichtigen Namen an die Reihe. Zuerst die Barone. Tiko wartete, aber niemand rief seinen Namen. Die letzten Ränge wurden aufgerufen, diejenigen, deren Väter bloße Wappenträger waren. Tiko stand immer noch auf dem Platz, mit inzwischen vor Scham glühenden Gesicht. Schließlich war nur noch ein einziger Junge neben ihm. Der Gruppenleiter, der gerade dran war, ein Grafensohn namens Zakari, schaute etwas verunsichert. Jedem war klar, dass er Tiko ganz bestimmt nicht wollte, so wenig, wie einer der anderen. Das Problem war nur, dass als letzter Rumaru noch einmal dran war. Und dem Sohn des Königs jemanden in die Gruppe zu geben, der nur einen zweisilbigen Namen hatte …
Zakari schien es für geratener zu halten, sich mit einem wie Tiko einzulassen, als den Zorn des zukünftigen Königs zu erregen. Er rief Tiko auf. Mit einer Miene, die nur zu klar verriet, dass er es als persönliches Opfer betrachtete, dass er nur dem Kronprinzen zuliebe über sich brachte.
Rumaru brachte ein verkniffenes Lächeln zustande und rief den letzten Namen.
Unverschämtheit! Dass sie es überhaupt wagten! Rumaru schäumte inwendig vor Wut. Eigentlich hätte dieser Tiko bereits viel früher von einem der anderen Gruppenleiter gewählt werden müssen. Mal ganz abgesehen davon, dass es eine Zumutung war für den Erbprinzen des Hauses Nahne, mit einem Niedriggeborenen zusammen ausgebildet zu werden. Der und ein legitimer Sohn? Im Leben nicht! Legitime Adelssöhne wuchsen niemals mit einem nur zweisilbigen Namen auf. Wahrscheinlich ein Bastard, den dieser Baron Mehme ins Rennen schickte, weil ihm kein besserer Sohn geglückt war.
Der würde es nie in die Königsgarde schaffe, dafür würde er sorgen. Das fehlte gerade noch, dass ein Niedriggeborener in die persönliche Leibgarde des Königs kam.
Natürlich war das immer noch sein Vater. Rumaru ballte erbittert die Fäuste. Warum bestand der überhaupt auf dieser albernen Tradition, dass der zukünftige König mit primitiven, nichtmagischen Kadetten ausgebildet werden musste? Was immer sein Vater an diesen Kreaturen so bemerkenswert fand, Rumaru sah nichts. Aber wenn dieser Tiko verschwinden sollte, dann musste er es geschickt anfangen. Sein Vater predigte immer, ein König müsse unvoreingenommen sein. Der würde es bestimmt nicht mögen, wenn er erfuhr, dass Rumaru den Baronsbastard absichtlich aus dem Kadettenkorps herausbugsierte.
Es durfte also nicht allzu offensichtlich vorgehen. Abwarten. das war immer die beste Taktik, wenn man noch keine hatte.
Und in der Zwischenzeit … kleine Nadelstiche. Bemerkungen, geschickt gesetzt. Bei manchen Leuten reichte das schon, dass sie von selbst abzogen. Vielleicht auch bei diesem Provinzler. Der sprach wie einer, der auf dem Dorf groß geworden war. Intrigen kannte der wohl überhaupt nicht. Da sollte ein versierter Mann leichtes Spiel haben.
Rumaru lächelte böse.
Sein Tag würde kommen, oh ja!
Tiko hatte fast ein wenig Angst bekommen. Der Kronprinz hatte ihn zum Abschied mit einem Blick bedacht, der ihn schaudern ließ. Aber der würde ihn doch sicher nicht verzaubern, oder? Während der Ausbildung war ihm das ja verboten. Komisch, einen Zauberer unter den Kadetten zu haben. Tiko hatte irgendwie immer gedacht, die würden an Tischen sitzen, dicke, alte Bücher wälzen und Zaubersprüche ausprobieren.
Jetzt trottete er mit seiner Gruppe hinter Hauptmann Bodoke her, der sie weiter einweisen wollte.
Jede Gruppe bezog einen gemeinsamen Raum in der größten Kaserne. Tiko wartete, bis alle anderen ihre Pritsche ausgesucht hatten, bevor er das letzte verbliebene Gestell nahm. Es stand hinten in der Raumecke, am weitesten entfernt von den Fenstern, und war somit der wärmste und damit schlechteste Schlafplatz während der langen Sommermonde. Aber wer in der Hackordnung ganz unten stand, durfte keine Ansprüche stellen.
So ließ Tiko sich auch widerspruchslos zu den Diensten einteilen, die die Hochgeborenen nicht verrichten mochten: Stube putzen und Kübel leeren. Letzteres teilte er sich mit Schenomat, dem Sohn eines Fürsten aus dem Süden. Ein merkwürdiger Name. Er klang überhaupt nicht karapakisch. Schenomat grinste seinen Leidensgenossen an. „Sieht wohl so aus, als ob wir die Fußabtreter hier werden. Ich wette, du wunderst dich auch über meinen Namen, stimmt‘s?“
„Ein wenig schon ...“
„Ist ganz einfach.“ Schenomat grinste noch immer. Er schien einer von diesen Naturen zu sein, die das ganze Leben spaßig fanden. „Uns hat Karapak erst kurz vor meiner Geburt erobert. Und mein Vater dachte nicht im Traum daran, mir einen Namen in der Sprache der Eroberer zu geben. Er hat extra einen Namen ausgesucht, der so unkarapakisch wie möglich war. Noch dazu einen, den schon mein Urgroßvater getragen hat, und der hat seinerzeit den ersten Versuch Karapaks, uns zu erobern, erfolgreich abgewehrt.“
„Und da willst du ein Mitglied der Königsgarde werden?“
„Will ich überhaupt nicht, das kannst du mir glauben. Ich bin als so eine Art Geisel hier. Bei den letzten Steuerzahlungen hat mein Vater wohl etwas zu deutlich seinen Unwillen gezeigt. Jedenfalls kam kurz darauf eine königliche Botschaft, dass er seinen ältesten Sohn zur Ausbildung in die Hauptstadt zu schicken hätte. Was dann ich bin. Und du? Was ist mit dir?“
Tiko zuckte mit den Schultern. „Ich hatte das Pech, dass alle meine älteren Brüder im Frühjahr an der Halsröte gestorben sind. Damit war ich plötzlich der Erbe. Und mein Vater war dumm genug, mir nicht gleich einen ausreichend langen Namen zu geben. Jetzt muss ich zusehen, dass ich irgendwie weit genug komme und gut genug bin, dass der König mir einen längeren Namen gewährt.“
„Oh je! Da hast du wirklich Pech gehabt. Hoffentlich schaffst du das!“ Schenomat klopfte Tiko voller Mitgefühl auf die Schulter.
Wenigstens einer, der ihn verstand. Plötzlich sah die Zukunft nicht mehr ganz so trostlos aus.
*
Schenomat blieb allerdings auch der einzige. Alle anderen behandelten Tiko von oben herab und beschränkten ihre Kontakte auf das Minimum. Lediglich der Hauptmann machte eine Ausnahme. Er sah bei den Rekruten tatsächlich mehr auf die Leistung als auf den Namen. Vorerst. Und mit einer Ausnahme: Rumaru.
Sechs der Anwärter wurden bereits nach dem ersten Mond wieder nach Hause geschickt. Wie Hauptmann Bodoke ihnen fast leutselig mitteilte, waren sie wohl eher für den Schreibtisch und die Feder geschaffen als für Schwert und Exerzierplatz. Auch bei den Hochgeborenen in Rumarus Gruppe war einer dabei, der keinen Deut besser war als die nach Hause Geschickten. Allerdings war dieser Taskete inzwischen allem Anschein nach ein enger Freund des Kronprinzen. Bodoke drückte also beide Augen zu.
Enger Freund traf es nicht ganz, dachte Tiko. Eher ein Schleimer. Aber Rumaru schien diese Lobhudeleien zu genießen.
Taskete schleimte nicht nur. Er spionierte und tratschte auch. Tiko war mehr als froh, nicht in Rumarus Gruppe gelandet zu sein. Taskete trug dem Kronprinzen jedes Wort zu, das über ihn geredet wurde, und schien zudem systematisch die Schwächen aller Mitglieder seiner Gruppe auszuloten. Schwächen, die er Rumaru ebenfalls mitteilte und die dieser gnadenlos benutzte, um seine Gruppe zu manipulieren. Keiner beklagte sich darüber, im Gegenteil, jeder schien überdies noch gegen jeden zu kämpfen in dem blinden Eifer, möglichst hoch in der Gunst des künftigen Königs zu steigen.
Und Taskete stichelte. Kleine Seitenhiebe auf alles und jeden, besonders aber auf Tiko.
Tiko hatte noch nie mit einem Großschwert gekämpft? „Der Kleine war vermutlich zu zart, um so ein Schwert überhaupt heben zu können!“
Tiko ging unter seinem Schild zu Boden, als ein doppelt so schwerer und einen Kopf größerer Kadett auf ihn eindrosch? „Der hat nicht mal Verstand genug, um rechtzeitig wegzulaufen. Seht bloß zu, dass der in einem echten Kampf nicht neben euch steht. Der bringt sich selbst um und euch noch dazu!“
Tiko kannte die korrekte Handhabung des Morgensterns nicht? „Vermutlich haben sie bei ihm zu Hause nur Korn dreschen geübt.“
Am schlimmsten aber waren die immer wieder aufflammenden Bemerkungen zu seinem Namen, die süffisant geflüsterten Worte: „Aber er ist bestimmt nur ein Bastard.“ Etwas, was anscheinend alle glaubten.
Tiko fühlte sich in seinem gleich anfangs gefassten Entschluss bestärkt. Sobald er seinen Namen hatte, würde er vom Königshof verschwinden. Das war nicht die Sorte Leben, die ihm gefiel. Lieber eine Burg in den Bergen vor Räubern schützen, als in diesem höfischen Schlangennest sein Leben zu fristen und immer auf seinen Rücken achten zu müssen. Es waren ja nicht nur Worte, die hier als Waffen eingesetzt wurden. Auch der eine oder andere Dolch verirrte sich schon mal, auch in den Übungskämpfen, und Todesfälle im Dunstkreis des Thrones waren nicht ungewöhnlich.
Regenzeit
Die erste Regenzeit in Sawateenatari hätte Tiko fast umgebracht. In den Bergen fiel um diese Zeit Schnee vom Himmel und es war kalt. Aber gegen diese Kälte konnte man sich schützen. Dicke Pelzmäntel, pelzgefütterte Mützen und Stiefel, ebenso dick gefütterte Beinkleider. So gekleidet machte es sogar Spaß, in den Schnee hinauszureiten. Die Jagd war einfach, denn das Wild hinterließ deutliche Spuren, und die deutlich leichteren Hunde hatten keine Schwierigkeiten, auf der gefrorenen Eiskruste zu laufen, ihre Beute einzuholen und für die Jäger zu stellen.
Hier dagegen …
Hier regnete es. Und regnete. Und regnete. Alles war irgendwie klamm, wenn es nicht gleich nass war, und die Kohlepfannen konnten auch nur unzureichend Wärme in die Räume bringen. Die Luft schien zugleich zu stehen, ein Dunst, der trotz der Wärme kalt war. Und da die Kohlepfannen vor dem Fenster standen, wurde Tikos Pritsche von der Wärme überhaupt nicht mehr erreicht.
Sein Bettzeug begann zu schimmeln.
Er versuchte, es tagsüber in der Nähe der Kohlepfannen aufzuhängen, aber Zakari verbot es ihm schroff. „Ich will nicht, dass es hier aussieht wie in einer Wäscherei. Der Hauptmann soll einen ordentlichen Raum sehen.“
Also machte Tiko sein Bett nach Vorschrift und legte sich abends unter die schimmlige Decke.
Und er wurde krank. Ein hartnäckiger, bellender Husten, der ihn nicht mehr schlafen ließ. Die anderen allerdings auch nicht. Schließlich hatte Zakari die Nase voll und schickte Tiko zum Heiler. Der hörte sich an, was der schniefnasige, fiebernde junge Mann vor ihn erzählte, und packte ihn auf die Krankenstation, in ein sauberes, durch heiße Steine gewärmtes Bett. Ohne Schimmel.
*
Als Tiko endlich zu seiner Gruppe zurückkehrte, war der schlimmste Teil der Regenzeit vorbei, und er hatte eine neue Decke.
Schenomat war heilfroh, dass er seine Aufgaben wieder mit jemandem teilen konnte. „Ich glaube, ich verstehe jetzt die Seufzer der Diener, die immer hinter uns Kindern her putzen durften, wenn wir mal wieder im Schlamm am Flussufer gespielt hatten“, vertraute er Tiko an. „Meine Finger sind so aufgesprungen, dass ich manchmal kaum ein Schwert halten kann.“
Genau das mussten sie zurzeit jeden Tag. Der Hauptmann war inzwischen von den Holzschwertern zu richtigen eisernen Waffen übergegangen, wenn auch welche, die keine scharfen Klingen hatten. Aber auch stumpfe Klingen taten gemein weh, wenn man damit getroffen wurde. Tiko hatte einen blauen Fleck neben dem anderen. Nicht, dass es ihn wunderte, ihm fehlten schließlich fast zwei Monde an Übungen. Er versuchte, diese fehlende Zeit durch vermehrten Einsatz und zusätzliche Übungen wettzumachen. Nicht auszudenken, was sein Vater sagen würde, wenn Hauptmann Bodoke ihm seinen Sohn als Versager zurückschickte.
Tiko konnte spüren, wie er kräftiger wurde. Und nicht nur er spürte es, auch seine Gegner. Hin und wieder gelang es ihm jetzt sogar, Sieger in den Übungskämpfen zu sein. Zakari sah ihn nicht mehr ganz so geringschätzig an, und einige der anderen aus seiner Gruppe redeten tatsächlich mit Tiko. „Sie sehen, dass du nicht aufgibst, und das imponiert ihnen“, erklärte Schenomat. „Du könntest es tatsächlich schaffen.“
*
In der Nacht hatte es gewittert. Die Sonne schien durch eine geradezu erfrischend klare, kühle Morgenluft in den Übungshof, wo die Rekruten sich versammelt hatten, die Schwerter und Schilde bereits in der Hand.
„Heute ändern wir die Kampfpartner“, erklärte Hauptmann Bodoke, während er mit auf den Rücken gelegten Händen und wiegendem, breitbeinigen Gang an ihnen vorbeimarschierte. „Bislang habt ihr nur innerhalb eurer Gruppen geübt. Ihr kennt eure Kameraden, wisst, wie sie kämpfen, und habt euch darauf eingestellt. Aber im wirklichen Leben kriegt ihr keine Chance, euch auf eure Gegner einzustellen. Jeder, egal, ob Soldat, Krieger oder ein mit einer Mistgabel bewaffneter Bauer, der sich euch entgegenstellt, wird eine andere Art zu kämpfen haben, eine, die euch vollkommen unbekannt ist. Ihr müsst lernen, aus den Bewegungen eurer Gegner auf deren Vorhaben zu schließen, und das könnt ihr nur, wenn ihr hier nicht ewig gegen die gleichen Leute antretet. Darum mischen wir ab sofort die Gruppen. Also: Gruppen teilen, und die jeweilige zweite Hälfte rückt auf dem Platz heute eine Gruppe weiter, morgen zwei, übermorgen drei und so weiter, bis ihr alle Gruppen durch habt. “
Selbstredend hatte der Hauptmann recht, das sah Tiko ein, aber er würde auf diese Weise auch gegen die engeren Freunde des Kronprinzen kämpfen müssen. Wenn nicht sogar gegen Rumaru selbst. Soviel hatte Tiko durch Beobachtungen schon gelernt: Rumaru verlor nicht gerne. Alles, was ihm zu seinem Unglück noch fehlte, war ein Kronprinz, der sauer auf ihn war.
Es war, als ob die Winddämonen seine Gedanken gelesen und beschlossen hatten, ihm den größtmöglichen Streich zu spielen. Es dauerte nur drei Tage, da musste Tiko gegen Rumaru antreten.
Schon als Hauptmann Bodoke die Paarungen verlas, hörte Tiko hässliche Pfiffe und unterdrücktes Lachen. „Als ob man eine Bergmaus gegen einen Falken kämpfen lassen könnte! Der macht sich gleich vor Angst nass!“
„Kein Wunder. Der hat doch mit Sicherheit zu Hause kein vernünftiges Training bekommen. Welcher Vater würde schon eine Ausbildung auf einen Sohn verschwenden, den er nur zwei Silben wert hielt?“
„Und so einer soll gegen den Kronprinzen antreten? Da könnte ja jeder dahergelaufene Niedriggeborene kommen!“
Rumaru selbst sagte nichts. Aber der Blick, mit dem er Tiko von oben bis unten musterte, triefte vor Verachtung.
Tiko wartete vorsichtig auf den ersten Zug seines Gegners. Rumaru ließ sich Zeit, umrundete ihn fast zwei Mal, bevor er mit einem langen Ausfallschritt zuschlug. Tiko riss seinen Schild hoch und parierte. Ein zweiter Angriff lief fast genauso ab. Tiko sah, wie Rumarus Augen sich verengten. Der Prinz hatte begriffen, dass er so nichts erreichen würde. Jetzt griff er richtig an, mit einer raschen Folge von Schwertschlägen. Wieder parierte Tiko, ohne seinerseits anzugreifen.
„Bist du zu feige, richtig zu kämpfen?“, zischte Rumaru böse. „Kleine Bergratte!“
Und er griff erneut an.
Mit gleichem Ergebnis.
Rumaru trat einen hastigen Schritt zurück und musterte Tiko über den Rand seines Schildes. Sein Gesicht war gerötet, Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Dann griff er erneut an, dieses Mal mit einer Wucht, die Tiko verriet, dass es aufs Ganze ging. Wenn einer dieser Schläge ihn jetzt traf, würde es gebrochene Knochen geben oder Schlimmeres. Ihm blieb keine Wahl, er musste sich wehren. Er parierte erneut. Und dann griff er seinerseits an.
Die Welt bestand nur noch aus Staub, den Hall der Schwertklingen und stechender Sonne und mitten darin Rumarus Gesicht, jetzt bar jeden Ausdrucks. Nur seine Augen schienen noch zu leben und sie funkelten vor Hass. Tiko fixierte seinen Blick darauf, nahm die Bewegungen von Schwert und Schild nur noch undeutlich wahr, ließ seinen Körper reagieren, während sein Blick sich in den des anderen krallte. Tosendes Gebrüll war um ihn.
Dann riss ihn eine harte Hand zurück, dass er mit Wucht zu Boden ging, und die Welt wurde still.
Tiko blinzelte. Gut drei Mannslängen entfernt stand Rumaru, von drei weiteren Kadetten gehalten, heftig atmend, staubbedeckt, mit einem Schild, der irgendwie einen langen Riss bekommen hatte. Und über ihm selbst schien Hauptmann Bodoke fast in den Himmel zu ragen.
„Welcher Winddämon hat euch geritten? Ihr sollt miteinander üben, nicht einander umbringen!“ Bodokes Stimme überschlug sich fast. „Und warum, bei allen Ungeheuern der Wüste, habt ihr nicht gehört, als ich euch befahl, mit dem Unsinn aufzuhören? Egal, wie sehr die Schlacht tobt, ein Soldat muss immer imstande sein, die Befehle seines Vorgesetzten zu hören! Ihr dagegen tobt euch aus wie zwei Straßenköter, die den gleichen Knochen wollen. Seid ihr noch zu retten?“
Erst dann registrierte er offensichtlich, dass einer der Ausgeschimpften der Kronprinz war. Sein Mund klappte zu, seine Schultern sanken herab und sein Gesicht wurde blass. Aber Kronprinz oder nicht, momentan war Bodoke der Ausbilder und somit, rein technisch gesehen, der Ranghöhere. Er drückte seine Schultern wieder hoch.
„Strafexerzieren für beide. Den kompletten Rest des Tages. Und heute Abend könnt ihr euch die Nachtwache teilen“, fügte er grimmig hinzu. „Hoffentlich wisst ihr dann Morgen, euch besser zu betragen.“ Dann drehte er sich auf dem Absatz um und befahl den anderen, ihre Übungen wieder aufzunehmen.
*
Nahezu fünf Kerzen lang Strafexerzieren. Tiko tat ohnehin jeder Knochen weh von dem Schwertkampf und zum Ende des Tages waren seine Arme und Beine nahezu Pudding. Rumaru schien es nur wenig besser zu gehen.
Dann durften sie etwas essen, aber Tiko fühlte sich so miserabel, dass er das Essen nicht bei sich behalten konnte. Am Ende musste er sich mit Kräutertee und trockenem Fladenbrot begnügen. Rumaru hatte etwas weniger Schwierigkeiten, er vertrug wenigstens noch das Fleisch.
So wenig er auch gegessen hatte, Tiko war nach dem Essen so müde, dass er im Stehen hätte einschlafen können. Aber es half nichts, sie mussten zum Wachgang und dort ihre Runden drehen. Rumaru sprach während der ganzen Zeit nur ein einziges Mal mit ihm. „Das wirst du büßen, Bergratte!“ Danach ignorierte er Tiko.
Aber auch wenn er sich den ewigen Zorn des Kronprinzen zugezogen hatte, etwas Gutes kam doch bei dieser Sache heraus. Tiko fand neue Freunde, sowohl im niederen Adel als auch zwei Sohne des Hochadels. „Die bewundern dich“, sagte Schenomat grinsend. „Dafür, dass du so lange und so gut gegen Rumaru durchgehalten hast. Das hätte sich keiner von denen getraut.“
„Ich war trotzdem ein Idiot“, knurrte Tiko. „lege mich ausgerechnet mit dem Kadetten an, dessen Vater der einzige Mensch in ganz Karapak ist, der mir einen längeren Namen verleihen kann.“
„Ach, vergiss doch den blöden Namen. Das ist auch nur so eine Marotte von euch Karapakiern. Bei uns ist es egal, wie lang ein Name ist. Der Name meiner Mutter hat sogar nur eine einzige Silbe.“
Tiko starrte seinen Freund verblüfft an. „Aber … Wie wisst ihr dann, welchen Rang euer Gegenüber hat?“
„Ganz einfach. Wer die meisten goldenen Ringe trägt, hat den höchsten Rang.“ Schenomat musterte seine nackten Finger und fügte fast ein wenig klagend hinzu. „Die musste ich alle hier ablegen. Hauptmann Bodoke sagte, mit den Dingern kann ich nicht kämpfen.“
„Und wo sind die geblieben?“
Schenomat tauchte unter seine Pritsche und kam mit einem grauen Steinkästchen wieder hoch. Er hielt es unter Tikos Nase und klappte es auf.
Tiko hielt die Luft an. Soviel Gold und glitzernde Steine hatte er noch nie auf einmal gesehen. „Du bist ja reich!“, stieß er hervor.
„Und? Nützt mir überhaupt nichts. Auch reich bin ich nichts als eine Geisel, damit mein Vater pariert.“ Schenomat klappte das Kästchen wieder zu und stellte es zurück an seinen Platz.
*
Rumaru ließ seine Beziehungen spielen. Wie zufällig traf er sich mit dem Aufseher der Kleiderkammer, dem Stallmeister, dem Waffenmeister und diversen anderen, für die Kadetten zuständigen Männern. Beiläufig fiel die eine oder andere Bemerkung, dass ein gewisser Tiko wohl nicht das Zeug für die königliche Garde habe und dass es gut wäre, wenn dieser ungebildete Bergtrampel ein paar dezente Hinweise bekam, dass er besser verschwände. Etwas, was die meisten seiner Gesprächspartner nur zu gerne erfüllten. Wer wollte sich nicht mit dem zukünftigen König gut stellen?
Tiko merkte ziemlich schnell, dass er nicht zufällig immer die schlechtesten Sparring-Partner, die schäbigsten Dienste und die schartigsten Übungsschwerter bekam. Bei den Beurteilungen landete Tiko folgerichtig jetzt fast immer am untersten Ende der Skala. Er konnte von Glück sagen, wenn er mal nicht unter den letzten dreien war. So würde das nie etwas mit einem längeren Namen.
Anfangs beklagte er sich.
Seine Zimmergenossen taten, als ob sie nichts hörten.
Hauptmann Bodoke sah ihn lange schweigend an. Dann sagte er nur: „Wer in die Garde will, muss mit allen Schwierigkeiten fertigwerden.“
Also übte Tiko verbissen, jede freie Kerze Zeit, wieder und wieder.
Nachdem er endlich dreimal hintereinander im Schwertkampf gesiegt hatte, bekam er plötzlich bessere Sparrings-Partner. Viel bessere. Solche aus dem Hochadel, von Kindsbeinen an in Waffen geübt, sozusagen mit dem Stahl in der Wiege aufgewachsen. Seine eigenen Künste verblassten ihnen gegenüber zu einem kläglichen Nichts. Niemandem fiel mehr auf, dass er tatsächlich besser geworden war und nach wie vor zulegte. Niemandem außer Schenomat. Zumindest war der der einzige, der es ihm sagte.
„Du hast Ehrgeiz“, meinte er. „Mehr als ich auf jeden Fall.“
„Willst du es denn diesen arroganten Arschlöchern nicht zeigen?“
„Wozu?“ Schenomat spuckte aus, traf zielsicher eine dicke Kakerlake, die gerade die Wand hinaufmarschierte. „Ich will nur meine Zeit hier überleben.“
Tiko starrte düster auf die Kakerlake, die nun rücklings auf dem Boden lag und zappelnd versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Unwillkürlich verglich er sich mit diesem Insekt. Immer wieder von stärkeren Mächten zurückgehalten, unfähig, sein Ziel zu erreichen.
„… finde ich, ist vollkommener Quatsch!“
„Wie ... Was?“ Tiko schreckte hoch.
„Du hast mir überhaupt nicht zugehört, oder?“
„Nein“, gestand er.
„Ich habe gesagt, dass deine Methode, wie du hier vorankommen willst, meiner Meinung nach vollkommener Quatsch ist.“
Tiko spürte jenen nur allzu vertrauten Trotz in sich aufsteigen, der ihn immer wieder in Schwierigkeiten gebracht hatte.
„Und du kennst natürlich eine bessere!“
„In der Tat.“ Schenomat musterte ihn irgendwie vorsichtig. „Du zeigst es einfach zu deutlich, was du willst. Weißt du, wenn du derart deinen Ehrgeiz zeigst, machst du es ihnen viel zu leicht, dich zurück in den Staub zu treten. Versuch es behutsamer, einschleichender. Ein passendes Wort, eine unauffällige Hilfeleistung, ein kleiner Gefallen … Das bringt dich weiter als jede noch so gute Schwertkunst.“
„Aber es bringt keine Ehre!“ Jetzt war Tikos Stimme so eisig wie die Klammer, die sich um sein Herz gelegt hatte und es zu erdrücken drohte. „Ich brauche einen ehrenhaften Sieg, groß genug und wichtig genug, dass der König selbst ihn zur Kenntnis nimmt und mir eine Belohnung anbietet. Ich muss einfach einen anderen Namen bekommen! Aber das verstehst du ja sowieso nicht!“
Er drehte sich um und marschierte hinaus, ohne Schenomat noch einmal anzusehen.
An dem Tag sprach er nicht mehr mit Schenomat und Schenomat nicht mit ihm. Auch am nächsten Tag herrschte eisiges Schweigen zwischen den beiden. Natürlich blieb das nicht unbemerkt.
„Unsere beiden Turteltäubchen haben Streit! Wie schade! Wo sie doch so eng miteinander schienen, dass ich schon gedacht habe, sie bauen sich ein Nestchen und brüten zusammen!“, höhnte Piktattwa.
Rumaru höhnte nicht. Er lächelte nur.
Als sie abends nach den Übungskämpfen die Waffen putzten, setzte Tiko sich neben Schenomat. Leise, damit die anderen es nicht mitkriegten, begann er zu sprechen. „Rumaru hat heute gelächelt.“
Schenomat zog den Wetzstein an der Schwertklinge entlang und antwortete nicht.
„Er hat gelächelt, als er in unsere Richtung blickte.“
Der Wetzstein zog unbeirrt weiter über die Klinge.
„Vermutlich hat er recht, so zu lächeln. Es war ausgesprochen dumm von mir, meinen Frust ausgerechnet bei dem abzulassen, der mir helfen wollte und dessen Ratschlag nur gut gemeint war.“
Der Wetzstein hielt einen Moment inne, dann zog er wieder über die Klinge. Dem Geräusch nach war der Stein bereits trocken. Nicht gut für die Klinge. Aber der Wasserkrug stand bei Tiko, und es sah nicht danach aus, dass Schenomat ihn darum bitten würde.
„Schenomat, ich entschuldige mich bei dir.“
Der Stein glitt unbeirrt weiter. Tiko konnte Schenomat kaum verstehen, als er jetzt leise zu reden begann.
„Du hast recht, euer karapakisches Prinzip von Ehre verstehe ich nicht. Ich will es auch nicht verstehen. Eure Ehre bringt Leute um. Ihr stürzt euch in aussichtslose Kämpfe, nur der Ehre wegen. Ist Ehre wirklich so viel wert? Soll man ihretwegen sein Leben, das Leben seiner ungeborenen Kinder, vielleicht sogar die Existenz seiner ganzen Familie aufs Spiel setzen? Niemand bei mir zu Hause würde je so denken. Meinem Vater ist es egal, ob ich siege oder verliere, solange er mich nur lebendig wieder in die Arme schließen kann.“
„Und mein Vater“, sagte Tiko ebenso leise, „bringt mich um, wenn ich ohne Ehre nach Hause geschickt werde.“
Schenomat ließ den Wetzstein sinken und sah ihn an. „Vermutlich wird keiner von uns das kriegen, was er haben möchte. Unser Schicksal bestimmen andere. Wir leben in einer echt beschissenen Welt.“ Tiko sah, dass die Augen seines Freundes verdächtig glitzerten. Er antwortete nicht. Aber er beugte sich vor und goss ihm ein wenig Wasser auf die Schleiffläche des Wetzsteins.
Der Wettkampf
Rumaru beobachtete die Bergratte. So unauffällig es ging, aber auch so genau wie möglich. Direkte Einflussnahme fiel im Moment leider aus. Sein Vater hatte wohl etwas läuten hören und ihn zu sich zitiert. Unmissverständlich hatte er seinem Erbfolger klargemacht, dass er eine Menge dagegen hatte, wenn seine Söhne ihre Stellung oder gar Zauberei für ihren persönlichen Vorteil einsetzten.
Rumaru schnaubte verächtlich. Was nützte es, ein König zu sein, wenn man vor lauter Edelmut und Fairness keinen Gebrauch von seinem Einfluss und seinen Fähigkeiten machen durfte? Das würde sich ziemlich sicher unter seiner Herrschaft ändern!
Die Bergratte war nicht ungeschickt, das musste er zugeben. Ackerte wie wild, um die fehlende Ausbildung aufzuholen und benahm sich ausgesprochen zurückhaltend während der Freizeit – Rumaru wusste weder von Wettschulden noch Besuchen bei den Hurenhäusern, noch nicht einmal von einem ordentlichen Besäufnis. Hauptmann Bodoke beeindruckte so etwas. Rumaru nicht.
Ihm war klar, was die Bergratte machte. Dieser Tiko versuchte, sich beliebt zu machen, vielleicht sogar ein Netz aufzubauen. Leute, die sich auf ihn verließen, auf die er sich im Gegenzug verlassen konnte. Rumaru lächelte boshaft. Damit kam die Bergratte ein bisschen zu spät. Dieses spezielle Spiel kannte man im Palast um Längen besser. Einmal ganz abgesehen davon, dass ein Kronprinz als zukünftiger Herrscher für so gut wie jeden Adeligen die bessere Investition war.
Es war nur eine Frage der Zeit. Irgendwann würde die Bergratte einen Fehler machen. Oder es würde sich eine Gelegenheit für eine kleine Intrige, einen unauffälligen Dolchstich oder Ähnliches geben. Dann konnte Rumaru diesen lästigen Emporkömmling loswerden.
*
Der Kronprinz hielt neuerdings still, schikanierte ihn nicht einmal. Keine übermächtigen Sparringspartner, keine unausgewogenen Übungsschwerter, kein „versehentlich” gestelltes Bein. Bis auf einige kleine, eher nebensächliche Sticheleien kam überhaupt nichts von seiner Seite. Tiko war das alles andere als geheuer. Er versuchte, noch unauffälliger zu sein, sobald Rumaru auch nur entfernt in der Nähe war, und er meldete sich freiwillig zu jeder Drecksarbeit, solange ihn das nur außer Reichweite des Kronprinzen hielt.
Und er versuchte, im theoretischen Unterricht nicht allzu deutlich zu zeigen, dass er auf einigen, zugegeben wenigen Gebieten mehr Ahnung hatte als der ganze versammelte Hochadel zusammen. Das war kein Kunststück. Die wenigsten von denen hatten je die Berge betreten, geschweige denn mal mit jemandem aus den Grenzland gesprochen. Oder, Götter behüte, gar ein Wort mit einem der Bewohner Tolors gewechselt.
Bei den Übungen mit Hieb- und Stichwaffen musste er nichts herunterspielen, da war er dank seiner viel zu spät angefangenen Ausbildung ohnehin immer bei den Schlechtesten. Aber immerhin einer der Besten unter den Schlechten. Wenn er bloß irgendwann einmal richtig glänzen könnte! Aber dazu müsste Hauptmann Bodoke erst einmal zu Waffen übergehen, die Tiko vertrauter waren als Schwerter und Kriegsäxte.
Schenomat grinste nur, als Tiko sich beklagte. „Das kommt schon. Du weißt doch, die Garde muss alle Waffen beherrschen. Du wirst schon noch deine Chance kriegen!“
Endlich kam er, der Tag, den Tiko inständig herbeigesehnt hatte. Auf dem Gestell in der Waffenkammer lagen keine Schwerter für sie bereit. Auch keine Lanzen oder Morgensterne. Schlanke, anmutig gekrümmte Bogen lagen dort, zusammen mit Köchern voller Pfeile. Endlich eine Waffe, mit der er sich gut auskannte!
Natürlich durfte Rumaru sich zuerst einem Bogen aussuchen. Er spannte zwei, drei, zuckte dann mit den Schultern und griff nach dem Mittleren. Natürlich. Es waren ja nur Ausbildungsbogen, da wurde vermutlich auf einen gemeinsamen Standard geachtet. Die würden sich nicht stark unterscheiden.
Ganz gleich waren sie trotzdem nicht. Tiko hatte dem Bogenmacher zu Hause oft bei der Arbeit zugesehen.
„Ein Bogen hat eine Seele“, hatte der alte Mann gesagt, während seine Hände mit dem Glättmesser am Holz entlangfuhren. „Diese Seele musst du respektieren, oder er zerbricht dir unter den Händen.“
Dann hatte er Tiko gezeigt, woran er die Qualität eines Bogens erkennen konnte.
Völlig gegen seine sonstigen Gewohnheiten arbeitete Tiko sich in der Schlange der wartenden Kadetten ein wenig vor. Er wollte nicht wieder der letzte sein, der nur die Reste bekam. Dieses Mal wollte er wählen können.
Es lagen noch fünf Bogen auf dem Tisch, als er endlich an der Reihe war. Er probierte sie alle fünf aus.
Der erste war gut, aber nichts besonderes. Der zweite vibrierte ein wenig zu stark. Das konnte die Zielgenauigkeit beeinträchtigen. Der dritte …
Der fühlte sich sonderbar an. Unausgewogen, irgendwie gereizt. Den auf keinen Fall, So ein Bogen konnte einem mitten im Schuss zerbrechen.
Der vierte war ein wenig schwer zu spannen, dafür würde er mehr Muskeln brauchen. Und der fünfte war fast wie der erste.
Sie würden mit diesen Bogen den ganzen Sommer lang üben. Zeit genug, um ein paar Muskeln mehr zu kriegen. Tiko wählte den vierten Bogen. Bevor er wegtrat, murmelte er Schenomat noch schnell zu: „Nimm nicht den dritten!“
Tiko konnte mit dem Bogen umgehen, oh ja! Zu Hause war er schließlich oft jagen gegangen. Da musste man gut zielen können und schnell sein, die Berghähne und Murmeltiere warteten nicht. Sein Jagdbogen war allerdings leichter gewesen und die Kriegsbogen, mit denen er im letzten Jahr zu Hause hatte üben müssen, waren mit denen der Garde nicht vergleichbar. Viel weniger Spannkraft und Schussweite.
In den Bergen war das egal, realisierte Tiko. Wenn man ohnehin nicht mehr als dreißig Schritte freies Schussfeld hatte vor dem nächsten Hügel, Stein oder Baum, waren die Bogen in der Waffenkammer seines Vaters völlig ausreichend. Hier aber wurde mit mindestens der doppelten Reichweite gearbeitet. Und zudem, wie Hauptmann Bodoke mit einem fast schon süffisanten Lächeln erklärte, würden sie das Ziel später vom galoppierenden Pferd aus treffen müssen.
Gut, sein Pony in den Bergen hatte beim Schießen nicht galoppiert. Aber stillgestanden hatte es auch nicht. Tiko war sich sicher, dass er es schaffen würde. Zunächst aber hieß es, das verdammte Ziel überhaupt zu treffen.
Seine ersten Pfeile flogen zu kurz.
Er war nicht der Einzige. Immerhin etwas.
Tiko übte weiter. Jetzt war es ein Nachteil, dass er den Bogen genommen hatte, der schwerer zu spannen war, aber er wusste, sobald er genug Kraft dafür hatte, würde sich dieser Nachteil in einen Vorteil verwandeln.
Dass alle anderen Waffenübungen zusätzlich anfielen, war kein Nachteil. Auch Schwert und Morgenstern kräftigten die Muskeln. Bereits wenige Tage später traf er die Zielscheibe mit jedem Schuss. Jetzt musste er nur noch üben, auch die Mitte zu treffen.
Zakari entging nicht, dass er mit Tiko einen wirklich guten Bogenschützen gewählt hatte. Er ließ sich sogar zu einem Lob herab. „Du bist der Beste in unserer Gruppe. Zumindest Bogenschießen lernen sie in den Bergen.“
Tiko sah Schenomat verstohlen grinsen.
In seiner eigenen Gruppe war es danach für Tiko erträglicher. Die anderen Kadetten behandelten ihn nicht mehr wie den letzten Fußabtreter. Gleichrangig war es deshalb noch lange nicht, aber es tat gut, auch mal zusammen mit der ganzen Gruppe einen freien Abend in einer der Flusskneipen zu verbringen. Er hätte auch in die Hurenhäuser mitgehen können. Aber das hätte bedeutet, das Silber annehmen zu müssen, das Schenomat ihm zweimal angeboten hatte. Von dem, was sein Vater ihm zugestanden hatte, ließen sich jedenfalls keine Huren finanzieren.
Tiko hatte höflich, aber bestimmt abgelehnt. Auch wenn Schenomat ein Freund war, er ließ sich von niemandem Dinge finanzieren, die eigentlich im Budget seines Vaters hätten berücksichtigt werden müssen. Dann lieber verzichten und sich mit einem Krug Bier begnügen.
Schenomat fragte nicht wieder.
*
Bislang hatten die Kadetten gruppenweise gegeneinander im Wettkampf gestanden. Jetzt rief Hauptmann Bodoke sie zu Einzelpaaren vor. Jeden Tag ein anderer Gegner, genau wie bei den Schwertkämpfen. Es war also wieder nur eine Frage der Zeit, bis Tiko gegen Rumaru antreten musste.
Der Kronprinz sah ihn abschätzend an, als sie nebeneinander an die Startlinie traten. Er wusste, wie gut Tiko schießen konnte. Und Tiko kannte Rumarus Fähigkeiten. Die waren nicht weniger gut. Zwei gleich starke Schützen, die sich zudem nicht leiden konnten – das würde ein echter Zweikampf werden.
Dem Gemurmel nach, dass in den Reihen hinter ihnen zu hören war, wussten das auch die anderen. Offenbar wetteten sie sogar, wie Tiko den Gesprächsfetzen entnahm, die er mitkriegte.
Zwei Pfeile zum Einschießen. Tiko gab sich keine Mühe, besonders gut zu schießen. Beide Pfeile trafen den Rand des schwarzen Kreises.
Rumarus Pfeile steckten etwas mehr in der Mitte, aber auch er hatte kein Rot getroffen.
Dann zehn Pfeile Schnellschüsse. Routiniert legte Tiko los. Fünf Pfeile im inneren Schwarz, dann zwei, die Rot trafen, ein weiterer im inneren Schwarz. Der achte flog gut genug, dass Tiko einen Moment innehielt. Das konnte ein zentraler Rottreffer werden! Aber im letzten Moment traf anscheinend eine leichte Windböe den Pfeil, lenkte ihn ab. Er traf nur den schwarzen Ring. Und dadurch, dass Tiko gewartet hatte, war Rumaru schneller. Tiko lag mit seinen Schüssen jetzt einen Pfeil zurück.
Pfeil Nummer neun traf wieder nur den inneren Rand des schwarzen Ringes. Da er ohnehin einen Zeitabzug kriegen würde, machte Tiko sich jetzt die Mühe, etwas genauer zu zielen.
Ja! Der Pfeil flog kerzengerade! Genau auf das Zentrum der Scheibe zu!
Und wurde von einer Windböe abgelenkt, sodass er nur das Schwarze traf.
Tiko stutzte. Es war so gut wie windstill. Die Luft stand seit Tagen, der Gestank der vielen Menschen und Tiere lag wie eine Dunstglocke über der Stadt. Keine Wolke am Himmel, nichts, das für auffrischenden Wind oder gar die ersehnte Abkühlung durch ein Gewitter sorgen würde. Woher also war dieser Wind gekommen?
Ein einzelner plötzlicher, kleiner Windzug aus dem Nichts mochte noch angehen. Ein zweiter? Unwahrscheinlich. Es gab nur eine Erklärung: Zauberei! Und der einzige hier, der zaubern konnte, war Rumaru.
Die Zuschauer schienen nichts gemerkt zu haben, auch Hauptmann Bodoke nicht. Wenn überhaupt, dann hatten sie vermutlich höchstens erwartet, dass Rumaru seinen eigenen Pfeilen nachhelfen würde. Aber das hatte der Kronprinz schlauerweise nicht getan.
Tiko biss sich auf die Lippe. Das würde also kein fairer Wettkampf sein. Na schön. Ändern konnte er das nicht. Dann musste er eben nicht nur gut, sondern sehr gut sein, wenn er noch siegen wollte. Und das wollte er. Diesem verdammten hochnäsigen Prinzen würde er es zeigen!
Der zweite Durchgang. Dieses Mal galt es, alle zehn Pfeile so eng wie möglich auf einen Fleck zu setzen. Sie mussten abwechselnd schießen. Kinderspiel. Jemand, der oft genug seine nächste Mahlzeit selbst schießen musste, lernte, genau zu zielen. Und bei der stehenden Luft hier musste er nichts weiter tun, als bei immer gleichen Bogenhaltung darauf zu achten, dass er auch immer die gleiche Zugkraft einsetzte. Das hieß, falls Rumaru nicht wieder schummelte.
Der Kronprinz schoss gut. Seine Pfeile standen dicht beieinander. Fünf in einem so dichten Pulk, dass sich ihre Federn berührten, zwei weitere keine Fingerbreite entfernt. Wenn Rumaru seine letzten drei Pfeile so schoss, dass sie die beiden Einzelgänger mit der Gruppe verbanden, hatte er die Aufgabe vorbildlich erfüllt.
Tiko allerdings auch. Bei ihm war noch kein Pfeil von der Bahn abgewichen, alle standen sie auf der Zielscheibe eng beieinander.
Der siebte Pfeil. Rumaru gelang es, den ersten seiner beiden Irrläufer in die Gruppe einzubinden.
Tikos Pfeil … wurde wieder von jeder unnatürlichen Windböe erfasst und driftete ab. Fast unmerklich, aber ausreichend, dass er keine Berührung mehr zur Gruppe hatte. Tiko setzte seinen nächsten Pfeil, verbissen, zornig. Fast hätte er es selbst vermasselt. Die Federn des Pfeiles berührten den Irrläufer nur gerade so eben. Unwillig bewegte er seine verkrampfte Schulter.
Rumarus neunter Pfeil. Er berührte den zweiten Irrläufer, aber nicht die Gruppe.
Tiko schoss, noch während Rumarus Pfeil unterwegs war. Der Kronprinz hatte keine Zeit, einzugreifen. Der Pfeil saß, wo er hingehörte, mitten in der Gruppe der anderen acht.
Rumarus Augen wurden schmal, seine Nasenflügel bebten, während er Tiko musterte. Spätestens jetzt musste ihm klar sein, dass Tiko seine Schummelei bemerkt hatte.
„Zu aufgeregt, um zu warten?“
Rumarus Stimme klang belustigt. Seine eisigen Augen jedoch zeigten, dass er alles andere als entspannt war. Tiko war klar, dass er jetzt seine Taktik ändern musste.
Rumarus letzter Pfeil. Elegant landete er genau dort, wo er die beiden Außenseiter mit der Gruppe verbinden konnte. Ohne Nachhilfe durch Zauberei, Tiko hatte genau aufgepasst. Rumaru schoss wirklich gut. Tiko nagte auf seiner Unterlippe. Wenn er jetzt schoss, egal wohin, würde Rumaru seinen Pfeil wieder ablenken. So wie die beiden Male davor, fast unmerklich, zu sehen nur für jemanden, der exakt hinter dem Schützen stand und die Flugbahn genau kontrollieren konnte.
Aber da stand niemand.
Hauptmann Bodoke wartete schräg hinter ihnen. Der konnte es nicht bemerken.
Rumarus Mundwinkel hoben sich spöttisch.
Tikos Gedanken rasten. Was für Optionen blieben ihm? Keine. Außer …
Er legte an, zielte kurz, schoss. Deutlich sichtbar flog der Pfeil schräg zur Seite. Kein Grund für Rumaru, überhaupt noch einzugreifen. Hauptmann Bodoke öffnete bereits den Mund, wollte vermutlich losbrüllen, Tiko wegen absichtlichem Fehlschuss disqualifizieren.
Der Pfeil traf. Er traf genau ins Zentrum der Scheibe, mitten zwischen die Gruppe von 10 Pfeilen, die sich bereits um das Zentrum herum drängten, und blieb gut handtief mit zitternden Endfedern im Stroh stecken.
Es war Rumarus Zielscheibe.
Zufrieden trat Tiko zurück.
Totenstille. Über das Rauschen seines eigenen Blutes, hörte Tiko eine Krähe rufen. Dann brandeten die Geräusche der Stadt wieder in den Hof. Aus Bodokes Mund drangen Worte, vermutlich nicht die, zu denen er vorher angesetzt hatte.
„WAS … SOLL …DAS?“
„Die Aufgabe lautete, alle Pfeile auf ein gemeinsames Ziel zu setzen. Aber das Ziel war nicht definiert als mein eigenes. Was, wenn wir in einer Schlacht kämpfen und einer meiner Kameraden hat einen Gegner, den er nicht alleine fällen kann? Sollte ich dann nicht ebenfalls einen Pfeil auf sein Ziel schießen?“
Der Hauptmann öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er wischte sich mit der Hand übers Gesicht, dass inzwischen rot angelaufen war. „Bei den Windgeistern! Du bist hier nicht im Taktikunterricht, junger Mann. Bevor du anfängst, Befehle zu interpretieren, lern lieber erst mal, sie zu befolgen! Wortwörtlich!“
Spöttische Pfiffe von den anderen Kadetten, Rumaru lächelte wieder. Aber sein Lächeln war verzerrt. Er sah Tikos Pfeil ganz richtig als das, was er war: eine deutliche Botschaft.
„Ihr habt beide die Aufgabe erfüllt“, knurrte der Hauptmann. „Aber du, Tiko, wirst für deine eigenwillige Handlung heute zwei Stunden Strafexerzieren!“
Wenn es weiter nichts war … Dann musste er heute wenigstens nicht den Küchendienst machen, zu dem er eigentlich eingeteilt war. Tiko holte sich seine Pfeile zurück und stellte sich wieder zu seiner Gruppe.
Schenomat boxte ihn verstohlen in die Seite. „He, ich hab es auch gemerkt! Schlau von dir, das Ziel zu ändern. Allerdings bist du dir hoffentlich darüber im Klaren, dass du dir jetzt den Mann gründlich verärgert hast, der einmal unser aller König und damit auch dein Befehlshaber wird. Was glaubst du, was Könige mit missbeliebigen Untertanen machen? Insbesondere, wenn sie eine Chance haben, diese Untertanen an die vorderste Kriegsfront zu schicken?“
Soweit hatte Tiko überhaupt nicht gedacht. Aber das war ihm irgendwie auch egal. Er hatte ja ohnehin nicht vor, auf Dauer in der Garde zu bleiben. Nur solange, bis er seine dritte Namenssilbe hatte. Danach … danach waren die fernen Berge verlockender als der gesamte Königshof inklusive Hauptstadt.
Und er hatte es geschafft, Rumaru auszutricksen.
Er war besser als der Thronerbe!
Das war Balsam auf seine geschundene Seele.
Giftstachel
Was immer den Ausschlag gegeben hatte, die Schikanen nahmen wieder zu. Tiko war einer der Besten mit dem Bogen, egal, ob zu Fuß oder zu Pferd. Gleichzeitig schien er mit allem anderen der Schlechteste zu sein, bekam ein Strafexerzieren nach dem nächsten aufgebrummt. Ein gerissener Zügel, ein schlecht gemachtes Bett, ein zerbrochener Pfeil, alles nur Kleinigkeiten, aber ausreichend für Strafdienste und in der Summe verheerend. Hauptmann Bodoke schien geflissentlich zu ignorieren, was da direkt unter seiner Nase passierte. Es wirkte schon fast wie eine Gewohnheit, wenn er mit missbilligender, aber völlig unaufgeregter Stimme Tiko einen weiteren Strafdienst zuteilte.
*
Am letzten Vollmond vor der Regenzeit durften traditionell die besten der Garde ihre Waffenkünste vor dem König zeigen. Da war, sie, die Gelegenheit, jetzt schon einen so großen Eindruck auf den König zu machen, dass er seine dritte Namenssilbe bekam. Einer nur, ein einziger aus jeder Gruppe der Kadetten würde seine Fähigkeiten öffentlich unter Beweis stellen können. Und der Gruppenleiter würde diese Person aussuchen.
Zakari machte es kurz. „Wer von euch traut sich das zu?“
Drei seiner Kameraden traten vor.
Ukele, der meisterlich mit dem Krummschwert focht. Saruke, der die Lanze weiter warf als jeder andere. Ponoko, der die Dolche tanzen ließ, als hätten sie Flügel.
Und Tiko, der beste Bogenschütze des ganzen Jahrgangs.
Zakari überlegte kurz. Dann sprach er Saruke an. „Du bist gut mit der Lanze. Aber der König schätzt die Lanze als Waffe nicht besonders. Damit können wir keinen Eindruck schinden.“
Saruke nickte nur und trat zurück.
„Ukele.“ Zakari stand jetzt vor dem zweiten seiner Männer. „In Rumarus Gruppe ist einer, der dir deutlich überlegen ist. Wenn ich dich schicke, riskieren wir von vornherein eine Niederlage.“
Auch Ukele trat schweigend zurück.
Dann stand Zakari vor Tiko.
„Deine Abstammung ist zweifelhaft. Auf einem Feldzug mag das keine Rolle spielen, bei einem Schaukampf dagegen sehr wohl. Du bist draußen.“
Tiko fühlte seine Welt zersplittern. „Aber … Ich bin der Beste des ganzen Jahrgangs mit dem Bogen!“
„Und vermutlich ein Bastard. Noch dazu aus einer Familie ohne Magie.“
Tiko schluckte, versuchte es dann noch einmal. „Aber ich habe königliches Blut!“
Zakari schnaubte verächtlich. „Willst du unseren König beleidigen? Du und königliches Blut?“
Trotzig starrte Tiko zurück. „Nicht von den Nahne. Aber unter meinen Vorfahren war der Dreiertotschläger!“
„Na und? Wen kümmert schon so ein unbedeutender Flachland-König aus grauer Vorzeit? Der hat nicht mal irgendwo ein Denkmal gekriegt. Kriegerische Großtaten kennen wir von den Mehme auch keine, und in deiner Familie gibt es nicht einen Funken Magie. Also vergiss deine Bewerbung!“
„Das ist ungerecht!“, begehrte Tiko auf.
Zakaris Augen wurden schmal. „Das ist logisch und vernünftig. Das solltest du besser einsehen.“
Tiko hörte, wie links von ihm unterdrücktes Kichern laut wurde, als Zakari ihm den Rücken zuwandte. Betroffen wurde ihm klar, dass er als Rangniedrigerer gerade Zakari widersprochen und ihm Unehre unterstellt hatte. Damit war Zakari als Verbündeter verloren.
*
Vorher war es schlimm gewesen. Jetzt erlebte Tiko die Hölle. Alle außer Schenomat schnitten ihn. Und der konnte sich nicht dauernd von den anderen der Gruppe absondern, wenn er nicht riskieren wollte, ebenfalls ein Ausgestoßener zu werden. Tiko saß alleine, lernte alleine, verbrachte brütend seine Freizeit alleine, machte seine Strafdienste alleine, nur begleitet von gehässigen Kommentaren und unterdrückten Gelächter. Abends war er meist so geschafft, dass er nur noch erschöpft auf sein Bett fiel. Keine Kraft mehr, sich noch einmal in die Lehrbücher zu vertiefen, wie er es sonst getan hatte, um seinen Wissensrückstand aufzuholen.
Heute war auch wieder so ein Tag. Bogenschießen zu Pferd. Der Teil war leicht gewesen, das hatte Tiko zu Hause fast jeden Tag getan. Aber danach hatte er in der Box seines Pferdes jede Menge dreckigen Mist vorgefunden. Mist, der ganz sicher am Morgen noch nicht dagewesen war. Und zu allem Überfluss war Hauptmann Bodoke dazugekommen, als Tiko gerade verbissen den Mist aus der Box wieder heraus schaufelte, und hatte ihm für den ganzen Dreck drei Stunden Strafwache aufgebrummt. Die Sonne war längst untergegangen, Tiko hatte die Abendmahlzeit verpasst, seine Schultermuskeln schmerzten und ihm brummte der Schädel. Er hatte nur noch einen Wunsch: sich endlich hinlegen und schlafen zu können.
Das Bad war nur noch lauwarm und dreckig von den vielen Körpern, die vorher darin gewaschen worden waren. Tiko säuberte sich, so gut es ging, und schlich dann auf Zehenspitzen in den Schlafraum. Fehlte nur noch, dass er die anderen aufweckte. In dem fahlen Mondlicht, dass durch das Fenster drang, sah selbst die kratzige graue Armeedecke weich und einladend aus. Tiko streckte mit einem erleichterten Seufzer die Hand danach aus.
„Nicht!“
Tiko erstarrte.
„Sei vorsichtig!“ Schenomat war aus dem Bett geglitten und stand jetzt neben Tiko. „Die Decke bewegt sich!“
Tiko ging in die Hocke, musterte das Bett genauer. Da! Etwas oberhalb der Mitte war eine kleine, unscheinbare Falte in der Decke. Er runzelte die Stirn. Diese Falte war ganz sicher heute Morgen noch nicht da gewesen, sonst hätte Zakari ihn mit Sicherheit schon vor dem Frühstück zusammengefaltet. Was immer sie verursachte …
Schenomat hatte recht. Die Falte bewegte sich. Kaum sichtbar, aber sie tat es. Das Ding da drunter war lebendig. Lebendig bedeutete Ärger. Großen Ärger.
„Ich nehm die Decke hoch“, flüsterte Schenomat.
Tiko nickte und griff nach dem dicksten und schwersten Lehrbuch, das er auf dem Hocker neben seinem Bett liegen hatte.
Schenomat fingerte vorsichtig die eingeschlagenen Stoffränder unter der Matratze hervor. Dann hob er mit einer raschen Bewegung die Decke an.
Einen Moment lang erstarrten sie beide. Sahen auf das, was dort vielbeinig saß und im Mondlicht gefährlich schwarz glänzte.
Ein Skorpion. Nur fingerlang, aber was ihnen an Größe fehlte, machten die schwarzen Skorpione an Gift wett.
Der Skorpion hob drohend seinen Stachel.
Das Lehrbuch sauste herab.
„Was zum …“
In den anderen Betten regten sich die Kameraden, sahen schlaftrunken und nicht sehr freundlich zu Tiko herüber. Der lief auf den Flur und holte eine Laterne. Er drehte gerade den Docht hoch, um mehr Licht zu bekommen, als Zakari losfauchte. „Haben die Windgeister deinen Verstand endgültig leergepustet? Was soll das? Musstest du uns alle wecken? Und überhaupt, seit wann wirfst du mit Büchern auf dein Bett?“
Tiko antwortete nicht. Unendlich vorsichtig hob er mit einem zweiten Buch die vordere Kante des ersten an und drehte es um. Direkt unter dem Titel klebten die zerquetschten Überreste des schwarzen Skorpions.
Tiko hörte Zakari scharf ausatmen.
Ein Mordversuch. Nichts anderes war der schwarze Skorpion, soviel war jedem hier klar. Die Betten hatten nicht umsonst hohe, runde Metallrohre, auf denen sie standen, und ansonsten keinerlei Verbindung zum Boden. Kein Skorpion kletterte ein solches Metallrohr hoch.
„Das werde ich dem Hauptmann melden müssen.“ Zakari sah Tiko nicht an, als er an sein Bett trat und das Buch mit dem zerquetschten Skorpion hochnahm. Ein gequältes Lächeln spielte kurz um seinen Mund. „Immerhin hat Xaschantos Handbuch der gängigsten Festungsanlagen und passender Belagerungsstrategien damit endlich einmal seinen praktischen Wert bewiesen.“
Hauptmann Bodoke besah sich Bett, Buch, Skorpion und Tiko. „Da scheint sich ja wohl jemand unbeliebt gemacht zu haben.“ Sein Kopf fuhr herum, „Gruppenführer Zakari!“
Zakari trat vor und salutierte.
„Das hier ist intolerabel!“ Bodokes Stimme grollte, leise, aber nicht weniger drohend als das Knurren eines Berglöwen. „Ein Gruppenführer ist verantwortlich für alle Mitglieder seiner Gruppe. Ohne Ausnahme. Es ist deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dafür zu sorgen, dass sie ihre Aufgaben erfüllen. Du kannst und sollst sie auch disziplinieren. Aber es ist ebenfalls deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dafür zu sorgen, dass möglichst alle deine Männer heil und lebendig aus der Schlacht zurückkehren. Erst recht dafür zu sorgen, dass sie nicht hier, in der Sicherheit der am besten bewachten Kaserne des ganzen Königreiches, irgendwelchen Skorpionen zum Opfer fallen. Vermutlich hast du so wenig Ahnung wie ich, wer das hier zu verantworten hat –“
Rumaru natürlich, dachte Tiko. Und wenn nicht der, dann wahrscheinlich Zakari selbst.
„– aber du haftest mir persönlich dafür, dass so etwas nie wieder vorkommt.“ Grimmig musterte er die ganze Gruppe, einen nach dem anderen. „Und was den Rest von euch Hohlköpfen angeht, gewöhnt euch besser daran, dass ihr nicht gegeneinander, sondern miteinander zu kämpfen habt. Eine Schlachtreihe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Wenn ihr euch nicht unterstützt, euch nicht gegenseitig helft, wird die Reihe zerreißen, und der Feind euch alle niedermähen. Ja, ihr sollt nach Möglichkeit überleben. Aber wenn für einen von euch dieses Überleben bedeutet, dass dafür mehr als einer eurer Kameraden sterben muss, dann, ich schwöre es euch bei den Titten der Flussgöttin, dann werde ich diesen ehrlosen Feigling persönlich einen Kopf kürzer machen. Und glaubt nicht, dass euer Name und eure Familie euch davor schützen würden!“
Einen Moment war es so still, dass man eine Maus hätte trippeln hören können. Dann fuhr Bodoke fort, in einem fast schon jovialen, gemütlichen Tonfall: „Da ihr jetzt ohnehin alle wach seid, könnt ihr genauso gut ein wenig exerzieren. Eine Nachtübung wäre zur Abwechslung nicht schlecht. Am besten auf freiem Feld, vor der Stadtmauer.“
Betroffene Blicke wurden ausgetauscht. Einer ganz hinten quetschte ein unverständliches Wort hervor.
Bodoke grinste. „Habe nichts verstanden. Lauter!“
„Niemand kämpft nachts. Die Geister …“
„… haben Besseres zu tun, als ein paar halbgare Möchtegern-Krieger zu piesacken. Habt ihr etwa Angst?“
Der eine oder andere Kopf senkte sich bejahend.
„Nun, die Geister mögen weder Licht noch Feuer, richtig? Also packt euch Fackeln. Ab marsch!“
Es wurde das gespenstischste Strafexerzieren, das Tiko je gemacht hatte. Abseits der vertrauten Mauern der Stadt sah die Welt nachts unheimlich aus. Die Fackeln verzerrten die Schatten, ließen sie umher tanzen, wachsen und schrumpfen. Tiko ertappte sich bei dem Gedanken, dass die ganze Übung ohne die Fackeln vermutlich viel weniger bedrohlich gewirkt hätte. Bodoke ließ sie in zwei Parteien gegeneinander antreten. Man brauchte nicht viel Fantasie, um in einer bedrohlich aus dem Boden wachsenden dunklen Gestalt nicht mehr den Kameraden, sondern einen unheimlichen, gefährlichen Feind zu sehen. Tiko war entsetzt, wie nahe die anderen kamen, bevor er überhaupt jemanden erkennen konnte. Wenn das auf einem Kriegszug genauso war, würden sie hohe Verluste haben.
Vorausgesetzt, der Feind traute sich, nachts anzugreifen.
Es gab Wesen in den Bergen, die tatsächlich nachts kämpften. Eisleute hatte die Amme sie genannt und den Kindern am flackernden Kaminfeuer Schauermärchen erzählt. Zumindest hatte Tiko immer gedacht, dass es nur Märchen waren. Jetzt war er sich gar nicht mehr so sicher.
In dem Busch vor ihm klirrte leise Metall. Tiko hob Schwert und Schild und schlug zu.
Drei Tage blieb Hauptmann Bodoke danach verschwunden. Ein griesgrämiger alter Soldat mit einer hässlichen Narbe auf der Wange vertrat ihn. Die Gerüchteküche unter den Kadetten brodelte. War der Hauptmann wegen dieser gefährlichen Extratour suspendiert worden?
Dann war Bodoke zurück und bellte seine Befehle, als ob nichts gewesen wäre. Die Nachtübung wurde von niemandem mehr erwähnt. Es gab auch keine zweite.
*
Schade, das mit dem Skorpion hatte nicht geklappt. Rumaru hätte diesen Tiko zu gerne zu Asche werden sehen.
Ein zweiter Versuch war keine Option mehr. Zum einen war die Bergratte gewarnt, zum anderen hatte Hauptmann Bodoke auch den anderen Kadettengruppen lautstark erklärt, was Kameradschaft wirklich bedeutete.
„Nicht mehr lange“, hatte seine Stimme gedröhnt, „und ihr werdet zur Grenze geschickt, um praktische Kampferfahrung zu sammeln. Wenn ihr dort gegen- und nicht miteinander arbeitet, seid ihr sehr schnell tot und eure Schädel schmücken die Zeltstangen der Wüstenkrieger!“
Bislang hatte Rumaru den Hauptmann für eine Art notwendiges Übel gehalten. Nach dem, was er jetzt über ihn wusste, revidierte er seine Ansicht. Dieser Hauptmann, der während der Ausbildung sein Vorgesetzter war, war keine lästige Figur, die er vorübergehend hinnehmen musste. Hinter dem steckte mehr. Ein Mann, der eine ganze Gruppe Kadetten nachts auf das freie Feld führte? Schon bei dem Gedanken fühlte Rumaru einen Schauder über seinen Rücken laufen. Nachts, wenn die Geister in den Winden wanderten ging niemand freiwillig raus. Kein Mensch, der seinen Verstand beisammen hatte, verließ nachts den Schutz der erleuchteten Stadtmauern. Der Hauptmann war anders. Wie Rumarus Gewährsleute ihm zugetragen hatten, verschwand er öfters in der Nacht nach draußen. Niemand wusste, wohin er ging oder was er machte, aber er war mit der Nacht vertraut.
Warum hatte der Hauptmann keine Angst?
Warum ging er überhaupt hinaus?
Bodoke hatte Geheimnisse, soviel war sicher. Geheimnisse waren gefährlich.
Rumaru versuchte eine Andeutung bei seinem Vater. König Nikoru starrte seien Ältesten ein paar Atemzüge an und sagte dann schroff: „Bodoke hat euren Jahrgang auf meine ausdrückliche Bitte hin übernommen. Er ist der beste Ausbilder, den ihr kriegen könnt. Komm nicht auf die Idee, etwas gegen ihn auszuhecken. Du wirst mit ihm leben, solange er es für nötig hält. Keinen Augenblick weniger.“
Sein Vater hatte den Hauptmann gebeten? Ein König musste nicht bitten. Er befahl. Normalerweise.
Rumaru verneigte sich stumm und verließ den Raum. Manchmal war ein taktischer Rückzug die bessere Lösung.
*
Noch zwei Monde bis zur nächsten Regenzeit. Das erste Jahr hatte er wider Erwarten geschafft. Tiko bezweifelte stark, dass ihn das freuen sollte. Nach dem Vorfall mit dem Skorpion wusste er mit Sicherheit, dass seine Anwesenheit bei den Kadetten unerwünscht war, um es gelinde auszudrücken. Aber er brauchte immer noch eine weitere Namenssilbe. Und dafür standen die Chancen im zweiten Jahr bedeutend besser als im ersten. Endlich ging es hinaus aus der Kaserne, hinaus aus der Stadt, dorthin, wo ein Krieger und Soldat sich wirklich beweisen konnte. Das kommende Jahr würden sie an der Südgrenze verbringen. Dort, wo die Wüstenräuber wieder und wieder ihre Überfälle auf karapakische Siedlungen und Karawanen starteten.
Natürlich war das Leben niemals perfekt. Der König hob das Verbot für Rumaru, Magie zu benutzen, auf. Es war ihm wohl zu gefährlich, seinen ältesten Sohn nur unter dem unzureichenden Schutz ungeübter junger Schwertträger zu wissen. Es mochte Vorteile haben, wenn man einen Zauberer in der Truppe hatte. Tiko war sich allerdings auch sehr sicher, dass es dafür auch hinreichend Nachteile geben würde. Zumindest für ihn.
Feldzug in die Wüste
Der Mann, der sie in Richtung Wüste anführte, war – Hauptmann Bodoke. Ein völlig unübliches Verfahren, wie Tiko den getuschelten Kommentaren seiner Gruppe entnahm. Normalerweise wurde ein erfahrener Grenzoffizier dafür eingesetzt. Sollte das ein besonders harter Test für den Kronprinzen werden?
Aber Rumaru beklagte sich nicht. Er sah nur aus schmalen Augen abschätzend zu Bodoke, bevor er ohne ein Wort sein Pferd antrieb und seine Gruppe direkt hinter dem Hauptmann einreihte. Tiko hatte das unbehagliche Gefühl, dass Rumaru etwas wusste, was ihm entgangen war.
Gut, nicht nur ihm. Der spürbaren Unruhe in den anderen Gruppen nach fragten die sich ebenfalls, warum man in diesem Jahr vom üblichen Prozedere abwich und einen bloßen Hauptmann als Anführer der zukünftigen Elite-Gardisten ausgewählt hatte.
*
Rumaru schwankte zwischen Wut und blankem Erstaunen. Ein bloßer Hauptmann als Anführer der Kadetten im Feldeinsatz? So etwas hatte es noch nie zuvor gegeben. Alle Kadetten der Garde waren adeliger Herkunft. Na gut, bis auf diesen Tiko vielleicht. Und kein Adeliger beendete je seine Karriere als bloßer Hauptmann. Bodoke trug auch kein eigenes Wappen. Und er schien mit Niemanden in der Hauptstadt verwandt zu sein. Zudem kam er, seiner Aussprache nach, aus den Bergen, auch wenn man das kaum noch merkte. Bodoke konnte einfach kein Adeliger sein. Unmöglich. Noch unmöglicher aber, dass der König einen von niederem Rang ohne adelige Abstammung zum Kommandeur des Kronprinzen machte. Nicht nur einfach machte, sondern ihn darum bat. Darüber war Rumaru immer noch nicht hinweg. Was war das, was Hauptmann Bodoke so besonders machte, dass der König ihn als gleichrangig zu betrachten schien?
Bodoke war die eine Zecke, die ihm im Nacken saß. Die andere war dieser Tiko. Und der stand ganz gewiss nicht unter dem besonderen Schutz des Königs. Bodoke mochte er nicht loswerden. Die Bergratte dagegen … Irgendwann in den nächsten Monden würde sich mit Sicherheit eine Gelegenheit ergeben.
Rumaru lächelte grimmig.
*
Einen Tagesritt unterhalb der einzigen bekannten karapakischen Erzmine in den Drachenschwanzbergen führte Hauptmann Bodoke sie zu einer kleinen Festung. Eng an einem Hang über einem sattelförmigen Bergpass geschmiegt, war sie aus der Ferne kaum mehr als ein unbedeutender Punkt an der Bergflanke.
Tiko und Schenomat tauschten einen raschen Blick. Das Ding hatte auf keiner Landkarte gestanden. Groß konnte sie auch nicht sein, denn sie erreichten die Festung bereits nach wenigen Serpentinen. Tiko reckte den Hals. Nicht einmal aus nächster Nähe sah das Gebilde vertrauenerweckend aus. Da war selbst die Burg seines Vaters stärker befestigt. Einfache Holzpalisaden, am Fuß von ein paar Steinhaufen gestützt, dahinter Dächer von strohgedeckten Hütten, die kaum über die Palisaden hinausragten. Komisch. Bislang hatte Hauptmann Bodoke sie zu deutlich besseren Nachtquartieren gebracht.
Sie ritten durch das Tor, das sich knarrend vor ihnen geöffnet hatte. Drei, nein, vier Soldaten, ungeputzte Panzer, die Helme irgendwo, nur nicht auf den Köpfen, bis auf den Dolch unbewaffnet und absolut ohne Haltung. Sichtlich desinteressiert sahen die Soldaten zu, wie Bodoke seine Schüler anwies, die Pferde in einen kleinen Pferch zu treiben und zu versorgen.
Dann pflanzte sich Bodoke vor der größten Hütte auf.
„Kowa! Besuch!“
Ein Vorhang, der wohl als Tür dienen sollte, wurde von einer nicht sehr sauberen Hand zur Seite gezogen. Der Mann, der gähnend heraustrat und in die Abendsonne blinzelte, war nackt. Vollständig. Und dick. Vom fleischigen Nacken bis zu den breiten Fettringen über den Fußgelenken.
„Du schon wieder! Wolltest du mich nicht eine Weile in Ruhe lassen?“
Bodoke grinste breit. „Hab ich doch, verehrter älterer Bruder! Vierzehn Regenzeiten sollten reichen, oder?“
Der da war Bodokes Bruder? Tiko fiel fast die Kinnlade runter. Er konnte den anderen Kadetten ansehen, dass es ihnen nicht besser ging.
Kowa blinzelte mürrisch. „Na schön, wenn du schon da bist, dann komm rein. Ich hab da drin einen schönen Wein. Das einzig Brauchbare in diesem langweiligen Karapak!“
Bodoke folgte ihm immer noch grinsend in die Hütte. Im Eingang drehte er sich noch einmal zu den Kadetten um. „Versorgt euch selbst. Das Gebäude da hinten mit dem krummen Schornstein ist die Küche. Und dann legt euch hin und schlaft, morgen wird es anstrengend.“
„Wachen?“, brachte Zakari zaghaft hervor.
„Brauchen wir hier nicht.“
Die jungen Männer tauschten unsichere Blicke. Bislang waren sie überall zum Wachdienst mit eingeteilt worden, selbst in der schwerbewachten Festung über der Erzmine. An der Grenze konnten jederzeit Wüstenkrieger auftauchen. Warum sollte das hier anders sein?
Einer der Soldaten schlurfte heran. „Ihr habt den Hauptmann gehört. Esst was und legt euch schlafen.“
„Hältst du dann die Wache?“ Das war Rumaru, die Stimme eisig vor Empörung.
„Nicht nötig. Keiner aus der Wüste wagt sich hierher.“
„Aber der König …“
„Der König stimmt dem zu“, unterbrach ihn der Soldat. „Oder was glaubst du Jungspund, weshalb hier nur vier Soldaten stationiert sind?“
Einen Moment fürchtete Tiko, Rumaru würde einen Zauberblitz auf den Mann schleudern oder etwas anderes Schlimmes. Der Soldat, der keine Ahnung hatte, dass er gerade den Kronprinzen beleidigt hatte, wandte sich desinteressiert ab und schlurfte zu seinen Kameraden zurück, die bereits an einem kleinen Feuerchen hockten und ein Knöchelspiel begonnen hatten. Rumaru ballte die Faust. Und entspannte seine Hand wieder. Offenbar waren selbst ihm zu viele Unbekannte in der Gleichung, um hier Ärger zu machen.
Außer der Küche und Kowas Hütte gab es keine geschlossenen Gebäude in dem Gebilde. Die Kadetten breiteten ihre Schlafdecken unter den Wandlosen Strohdächern aus, die locker im Hof verteilt standen. Keine besonders dichten Dächer, Tiko konnte durch einen Spalt Sterne sehen. Keine schützenden Wände, Dächer, die vermutlich nur noch standen, weil es hier so gut wie nie regnete, Palisaden, die vermutlich beim bloßen Anlehnen umfielen, unmotivierte Soldaten, die zudem völlig außer Form waren. Und ein ausgesprochen merkwürdiger Mann, der anscheinend Bodokes Bruder war und diesen Platz kommandierte. Hier stimmte so einiges nicht.
„Wie kann Bodoke einen Bruder haben, dessen Namen nur zwei Silben hat? Noch dazu, wo er der Ältere ist?“
Schenomat drehte sich unter seiner Schlafdecke zu ihm um. „Wie kann ein Hauptmann ohne adelige Familie die Kadetten der Leibgarde anführen? Wieso erhebt der Kronprinz keinen Einspruch?“
„Wer, bei den Göttern, ist dieser Bodoke?“ Tikos Flüstern war nur ein Hauch.
„Ich hab einen Verdacht“, gab Schenomat ebenso leise zurück. „Wenn der stimmt, wird es spannend.“ Er gähnte demonstrativ und rollte sich wieder in die andere Richtung, offensichtlich nicht bereit, sein Wissen in diesem speziellen Fall zu teilen.
Tiko starrte zu dem Spalt hinauf. Die Sterne waren bereits ein gutes Stück gewandert, als er endlich einschlief.
*
Bodoke scheuchte sie mit dem ersten Morgengrauen hoch. Sie ritten weiter, als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont krochen. Aus unerfindlichen Gründen hatte der Hauptmann es plötzlich eilig.
Gegen Mittag stieg vor ihnen eine dünne, schwarze Rauchsäule in den Himmel. Bodoke zügelte sein Pferd, starrte die Wolke an und stieß einen wütenden Fluch aus. Dann ließ er sie weitertraben.
Die Rauchsäule zerteilte sich beim Näherkommen zu vier, fünf einzelnen, dünneren Rauchsäulen. Eine Kerze später erkannte Tiko den Grund. Eine kleine Oase, mit einem noch kleineren Dorf, dessen verkohlte Balken immer noch schwelten. Dem Geruch nach, den sie wenig später wahrnahmen, waren dort nicht nur Balken verbrannt. Ein paar zerlumpte, teilweise verletzte Männer, Frauen und Kinder stocherten in den Überresten herum.
Bodoke stieg vom Pferd und ging zu ihnen. „Wann waren die Wüstenkrieger hier?“
„Heute Morgen, zwei Kerzen nach Sonnenaufgang“, antwortete einer der Männer.
„Wie viele?“
„Rund zwanzig Männer.“ Der Bauer musterte die Kadetten. „Ihr habt fast doppelt so viele Männer.“
Bodoke nickte grimmig. „Ich hatte gehofft, sie noch abfangen zu können. Sie müssen zusätzliche Pferde zum Wechseln mitgehabt haben.“
Bodoke hatte die Wüstenkrieger abfangen wollen? Woher hatte er von ihnen gewusst? Von diesem merkwürdigen Kowa? Aber woher wusste der das dann? Von seinen Soldaten gewiss nicht! Das Rätsel in Tikos Kopf wurde immer größer.
„Das stimmt“, mischte sich jetzt der älteste der Bauern ein. „Sie hatten mehrere Pferde dabei. Damit sie abtransportieren konnten, was sie bei uns geraubt haben.“
„Gut“, knurrte Bodoke. „Dann haben sie jetzt auch keine freien Pferde mehr zum Wechseln. Dann sollten wir es schaffen, sie einzuholen.“ Er schwang sich wieder auf sein Pferd. „Kadetten! Wir sind zwar noch nicht in unserem Zielgebiet, aber unser Auftrag ist eindeutig. Wir sollen die Grenze sichern helfen und die lokale Bevölkerung schützen. Mit dem heutigen Tag beginnt euer aktiver Einsatz. Und jetzt voran, in voller Bereitschaft!“
Wenn Tiko erwartet hatte, sie würden jetzt mit fliegenden Fahnen daher galoppieren, sah er sich getäuscht. Bodoke zuckelte in der gleichen Mischung aus Trab und Schritt weiter auf der gut sichtbaren, breiten Fährte der Wüstenkrieger. Nur die Pausen, die er seinen Kadetten zugestand, waren kürzer. Tiko begriff ziemlich schnell, warum. Jede schnellere Fortbewegung hätte die Pferde überfordert. So konnten sie ihr Tempo halten und kamen gut voran.
Als sie ihr abendliches Lager an einer schlammigen Pfütze zwischen stacheligen graugrünen Büschen aufschlugen, erklärte Bodoke, dass sie von den vier Kerzen Vorsprung, die die Räuber gehabt hatten, bereits die Hälfte gutgemacht hatten. „Vermutlich rechnen sie mit keiner Patrouille und reiten langsam. Den Rest müssen wir möglichst bis morgen Mittag schaffen. Danach kommen die Drachenschwanzberge, und wenn sie die erst mal erreicht haben, sind sie in Sicherheit, dann verlieren wir auf dem Fels ihre Spur.“
Tiko fieberte dem nächsten Tag entgegen. Die vermutlich erste Gelegenheit für ihn, sich zu beweisen, zu zeigen, dass er gut war, dass er einen besseren Namen verdiente. Schenomat musterte seinen Freund ungläubig. „Du hast wohl noch nie einen Wüstenkrieger von nahem gesehen, was?“
„Du denn?“
„Hab ich.“ Schenomat verstummte, schien zu überlegen, ob er weiterreden sollte, machte dann den Mund wieder auf. „Du wirst dir vor Angst in die Hose machen. Die sind anders als wir. Ganz anders. Und sie sammeln die Köpfe ihrer besiegten Gegner.“
Das war Tiko allerdings neu. Hauptmann Bodokes Drohung mit den Zeltstangen der Wüstenkrieger machte plötzlich deutlich mehr Sinn. „Tatsächlich? Köpfe? Aber … haben die keine Angst vor der Rache der Geister?“
„Angeblich haben sie einen Schamanen, der über starke Zauberkräfte verfügt. Der kann die Geister der Toten nicht nur bannen, er kann sie sogar zwingen, die Zelte zu schützen, auf deren Stangen ihre Köpfe aufgespießt sind. Doppelte Rache, sozusagen. Die Wüstenkrieger besiegen ihre Feinde nicht nur im Leben, sie zwingen sie auch noch, im Nachtwind ihre Zelte zu schützen.“
Das klang übel. Plötzlich war Tiko sich nicht mehr so sicher, dass er sich morgen wirklich auf die Wüstenkrieger stürzen wollte.
Bodoke gab ihnen keine Zeit für weitere Überlegungen. Mit dem ersten Sonnenstrahl waren sie bereits wieder unterwegs. Die Sonne stach herab, vor ihnen erstreckte sich eine brettebene, staubige Landschaft mit vereinzelten, ebenso staubigen Grasbüscheln, zwischen denen nur einige wenige Dornenbüsche kniehoch emporragten. Das Einzige, was etwas Abwechslung in das Bild brachte, war die Fährte vor ihnen, die der Wind bereits fast verweht hatte. Hauptmann Bodoke schien Falkenaugen zu haben, dass er ihr trotzdem so unbeirrt folgen konnte.
Gegen Mittag richtete er sich kurz im Sattel auf, musterte die Landschaft vor ihnen und rief, hörbar zufrieden: „Ich sehe sie bereits!“
Tiko sah nichts, so sehr er sich auch anstrengte, bis Schenomat ihn auf ein kleines Staubwölkchen in der Ferne hinwies. „Gut!“, freute er sich. Dann können wir sie noch vor den Bergen überraschen.!“
„Überraschen? Dreh dich mal um!“
Tiko sah zurück. Hinter ihnen stand eine deutlich sichtbare, dicke Staubwolke über ihrer Spur. Wenn sich auch nur einer der Räuber umsah, würde er diese Staubwolke so sicher sehen, wie sie umgekehrt die Spur der Räuber sahen. Und irgendwie war Tiko sich plötzlich sehr sicher, dass die Räuber sich umdrehen würden. Falls sie nicht ohnehin bereits Bescheid wussten.
Hauptmann Bodoke beschleunigte das Tempo.
Zwei Kerzen verstrichen. Die langweilige leere Staubebene vor ihnen blieb unverändert, nur die Wolke, der sie hinterherritten, wurde größer.
Moment mal! Von wegen langweilige leere Staubebene! Vorne links begannen sich Hügel abzuzeichnen. Nein, keine Hügel, Berge, die nur noch ein Stück weit weg waren, nahe genug, dass nach Tikos Schätzung die Räuber sie noch deutlich vor dem Abend erreichen würden.
Dahin wollten sie also! Dann mussten die Verfolger schnell sein, um sie vorher abzufangen. In den Bergen gab es zu viele Verstecke, dort würden sie die Wüstenkriegern nie erwischen. Tiko hob die Zügel, um sein Pferd anzuspornen.
„Haaaaalt!”
Hauptmann Bodokes Stimme bremste ihn im Ansatz. Die ganze Kompanie kam zum Stillstand. Bodoke drehte sein Pferd, so dass er ihnen gegenüberstand. „Ihr wolltet gerade so richtig loslegen, um diese verdammte Sandbrut noch vor den Bergen zu erwischen, stimmt’s?”
Zustimmendes, leicht verunsichertes Gemurmel. Lediglich Rumaru lachte kurz auf.
Ein Zucken lief über das Gesicht des Hauptmanns, bevor er fortfuhr: „Das wäre euch schlecht bekommen. Da hinten sind keine Berge. Wenn ihr dorthin galoppiert wärt, wären die Räuber entkommen, und ihr wärt mitsamt euren Pferden mitten in einer großen Salzpfanne gelandet und dort verreckt.”
Die Kadetten tauschten beunruhigte Blicke.
„Diese Berge, die so aussehen, als könntet ihr sie fast anfassen, sind nicht wirklich. Es ist nur ein Trugbild, eine Spiegelung der Drachenschwanzberge, die noch mehr als zwei Tagesritte entfernt sind.”
Tiko kroch es kalt über den Rücken. Spiegelung? Spiegel waren Magie. Was für ein Zauber war das, mit dem die Wüstenkrieger sie derart in die Irre führen konnten?
Es war, als hätte er laut gedacht. Rumaru verzog spöttisch die Lippen. „Keine Magie. Ganz sicher keine Magie. So etwas passiert manchmal, wenn der Boden sehr heiß ist und die Luft direkt darüber auch. So etwas kommt in der Wüste häufig vor.” Mit einem fast süffisanten Grinsen setzte er hinzu: „Steht in den Aufzeichnungen zum Feldzug König Kaistronahnes.”
Irgendein obskurer früher Vorfahre Rumarus, wenn Tiko sich richtig erinnerte. Nichts, was sie im Unterricht gehabt hatten. Vermutlich kriegten Königssöhne so Zeug bereits im Kinderzimmer vorgelesen.
„Also!”, dröhnte bereits wieder Bodokes Bass. „Das Trugbild ignorieren, die Richtung korrigieren, im Eiltrab weiter!” Und er wendete sein Pferd erneut.
Eine Kerze später konnte Tiko in der Staubwolke kleine Punkte erkennen, weit weg, vor jenem Horizont, auf den sie zu ritten.
Zwei Kerzen später, als ihre Schatten bereits auf zwei Pferdelängen angewachsen waren, schälten sich aus der dünnen Staubwolke vor ihnen erkennbare Gestalten heraus.
„Ja, wir kriegen sie!” Die Kadetten packte das Jagdfieber. Hauptmann Bodoke musste sie bremsen, damit sie die Pferde nicht zuschanden ritten. Trotzdem holten sie weiter auf.
Dann sah einer der Wüstenräuber sich um, brüllte etwas, von dem nur unverständliche Fetzen an Tikos Ohr drangen. Seine Kumpel beugten sich tief über die Pferdehälse.
Tiko schrie frustriert auf. Verdammte Wüstenräuber! Irgendwie schafften diese Wilden es, aus ihren müden Pferden noch ein wenig mehr Leistung herauszuholen. Der Abstand vergrößerte sich wieder. Und dann … waren sie verschwunden.
Tiko stierte fassungslos voraus, so abgelenkt, dass ihm der rechte Zügel aus der Hand rutschte. Das Pferd zog zur Seite, stolperte und wäre fast gestürzt. Tiko konnte es gerade noch ausbalancieren.
Schenomat lenkte sein Pferd unauffällig auf die Seite und half Tiko, den Zügel wieder hochzunehmen. „Was ist los?“, zischte er. „Hast du plötzlich verlernt zu reiten?“
„Nein, aber .. ich … die Wüstenräuber! Sie sind verschwunden!“
„Sind sie nicht“, gab Schenomat zurück. „Aber da, wo sie jetzt sind, wird es bedeutend schwieriger, sie zu erwischen, wenn nicht sogar unmöglich.“
Wo sie jetzt sind? Tiko verstand überhaupt nichts mehr. Bis sie plötzlich, unvermittelt, vor einer tiefen, breiten, trogförmigen Schlucht standen, die sich mehrere Pferdelängen tief in den Steppenboden eingrub und auf deren Grund die Wüstenkrieger gerade in ziemlich gelassenem Tempo durch gemütliche Täler zwischen kleinen gelblichen Hügeln ritten. Ausgeblichene Stümpfe längst verdorrter Bäume zierten den Hang des Tales auf beiden Seiten.
Das Bild erinnerte Tiko an etwas. Es wollte ihm nur ums Verrecken nicht einfallen, an was.
„Hinterher!“, knurrte der Hauptmann finster.
Sie setzten ihre Pferde wieder in Bewegung, den Hang hinab. Kurz bevor sie unten ankamen, begriff Tiko endlich, was Schenomat gemeint hatte. Die Hügel waren Sanddünen, hoch genug, dass sie ihnen jede Sicht auf die Verfolgten nahmen. Und feinpulvrig genug, dass der nachfließende Sand die Huftritte vor ihnen bereits jetzt fast vollkommen verdeckt hatte.
Es gab nur eine Möglichkeit, die Verfolgung weiter fortzusetzen, wie auch der Hauptmann sofort begriff. Er bellte einen Befehl. Einer den Kadetten drehte um und lenkte sein Pferd den Hang wieder hinauf. Dann gab er ihnen von oben mit Handzeichen zu verstehen, wohin sie reiten sollten.
Es reichte nicht. Sie hatten zuviel Zeit verloren. Der Abend brach herein, bevor sie die Räuber erreichten.
„Wenn die schlau sind, gehen sie heute Nacht irgendwo in Deckung und rühren sich nicht, bevor wir wieder abgezogen sind. Spuren werden wir morgen garantiert keine mehr finden“, sagte Schenomat und stocherte in dem mickrigen Lagerfeuer, das sie aus den Überresten eines der verdorrten Bäume gemacht hatten.
Tiko musterte seinen Freund. „Du wusstest, dass dieses komische Tal hier ist.“
Schenomat zuckte mit den Achseln. „Hab’s nicht gewusst. Aber auf einer der alten Karten meines Großvaters war so etwas eingezeichnet. Ich hab immer gedacht, die Karten wären nicht besonders genau. Scheint so, dass ich mich geirrt habe.“
Tiko brummte unwirsch. „Auf unseren Karten ist nichts. Überhaupt nichts. Hier unten dürfte nichts sein außer Steppe. Und ganz bestimmt kein komisches Tal.“
Schenomat musterte ihn mit einem merkwürdigen Blick. „Ich fürchte, wenn du vor der Gründung Karapaks hier gewesen wärst, hättest du noch eine ganz andere Überraschung erlebt!“ Er senkte die Stimme, sodass keiner der anderen hören konnte, was er Tiko sagte. „Dieses Tal war ein Fluss! Hier war alles grün, fruchtbares Land, bis zur Hafenstadt Pilmarar.“
Tiko stocherte mit einem Stück Holz im Feuer herum. Feine Funken flogen in die kalte Steppennacht und machten den funkelnden Sternen über ihnen Konkurrenz. Es dauerte mehrere Herzschläge, bis er antwortete. „Hier unten gibt es kein Pilmarar. Hier gibt es überhaupt keine Stadt. Und schon gar keine Hafenstadt.“
„Es hat aber eine gegeben.“ Schenomats Stimme war jetzt so leise, dass Tiko seinen Freund kaum noch verstand, obwohl ihre Köpfe höchstens eine Handbreit auseinander waren. „Damals, vor Karapak, vor den Zaubererkriegen. Es war eine reiche Stadt, groß, angesehen, eine Stadt voller Zauberer, mit einer Zaubererschule, die weit über die Grenzen des Landes bekannt war.“ Er verstummte, sah eine Weile in die winzigen, tanzenden Flammen, dann fuhr er fort: „Irgendetwas ist ganz fürchterlich schiefgelaufen, damals. Die Stadt verschwand von einem Tag auf den anderen. Irgendetwas war an ihrer Stelle, das war gefährlich, so brandgefährlich, dass die Zauberer den Fluss wegleiteten, sodass er heute im Grünwassersee mündet, und das ganze Gebiet versiegelten. Es heißt, das, was da entstanden ist, hat sogar einen Drachen getötet.“ Er räusperte sich, warf einen schnellen Blick auf Tiko, der ihm gebannt zuhörte. „Was immer sie gemacht haben, seitdem hat jedenfalls kein Lebewesen sich je wieder auch nur in die Nähe dieses Ortes gewagt, kein Mensch, kein Tier und nicht einmal Pflanzen soll es dort noch geben. Und sie haben dafür gesorgt, dass dieses Land von allen Karten verschwand, genauso, wie sie es aus der Erinnerung der Menschen getilgt haben.“
„Aber du weißt doch davon!“
„Wir hatten diese alte Karte. Das heißt, einer meiner Vorfahren hatte sie. Er hatte sie versteckt, bevor die Zauberer kamen und alle Karten und die Erinnerungen daran änderten. Irgendwann fand sein Sohn sie beim Spielen auf dem Dachboden wieder. Dank dieser Karte kehrte Teile der Erinnerung meines Vorfahren zurück und er schrieb einen Bericht von dem Wenigen, das er noch wusste.“
Und jetzt teilte Schenomat sein Geheimnis mit ihm. Tiko wurde ganz anders. Etwas allerdings wollte er doch noch wissen. „Wo soll denn dieser Ort gelegen haben, von dem du sprichst?“
„Du hast doch auch die große Standardkarte in der Offiziersmesse studiert. Wir haben sie schließlich oft genug bei den Taktik- und Strategiestunden nachzeichnen müssen. Ist dir nie aufgefallen, wie wenig Details diese Karte am unteren Ende hat? Zwischen dem Grünwassersee und dem unteren Ende der Drachenschwanzberge liegt noch ein abzweigender Gebirgszug, der auf keiner heutigen Karte mehr auftaucht. Das waren, glaube ich, jene Berge, deren Trugbild wir heute gesehen haben. Der Fluss lag direkt vor diesen Bergen, schlängelte sich an ihnen entlang bis zum Meer, und die Stadt lag in den Hügeln am Fuß der Berge, in Sichtweite der See.“ Ein wenig unsicher setzte er hinzu: „Es kann natürlich sein, dass die Zauberer auch diese Berge eingeebnet haben und wir heute Mittag in dem Trugbild tatsächlich die Drachenschwanzberge gesehen haben.“
„Können die das?“, fragte Tiko ungläubig.
„Die können!“, gab Schenomat grimmig zurück.
„Auch Rumaru?“
„Keine Ahnung. Aber sein Vater ganz bestimmt.“
Kein Wunder, dass die Nahne unangefochten die Herrscher waren. Mit jemandem, der Berge versetzen konnte, würde sich so schnell keiner anlegen wollen.
Tiko rollte sich in seine Decke ein und legte sich hin. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Zu viele Gedanken kreisten in seinem Kopf. So sah er in den klaren Nachthimmel, hinauf zu den in allen Farben funkelnden Sternen, die langsam über das Firmament wanderten, und fragte sich, ob es wohl noch mehr Geheimnisse in Karapak gab wie diese vergessene tote Zone, die einmal ein blühendes Land und eine Stadt und Berge gewesen war.
*
Am nächsten Morgen mussten sie erst einmal warten, bis einer von ihnen mitsamt seinem Pferd die brüchigen Hänge wieder erklommen hatte, um sich von oben einen Überblick zu verschaffen. Spuren, denen sie hätten folgen können, gab es nicht mehr. Der Späher sah nichts. Bodoke sah aus, als ob er kurz vor einem Wutanfall stand. Mit finster zusammengezogenen Augenbrauen stapfte er selbst den Hang hoch und hielt Ausschau. Leider mit ebenso wenig Erfolg.
„Wir brechen ab“, war alles, was er sagte, während er sich auf sein Pferd schwang und in die Richtung zurückritt, aus der sie gekommen waren.
Keine Heldentaten, kein Name. Tiko wusste nicht, ob er traurig oder erleichtert sein sollte.
Das Dorf besuchten sie nicht wieder. Vermutlich hatte Bodoke keine Lust, den Bewohnern seinen Misserfolg zu erklären. Stattdessen führte er sie vom Dorf weg direkt nach Süden, auf die Berge zu, die brav und artig am nächsten Tag am Horizont auftauchten. Einige zerklüftete Täler gab es davor, auf deren Grund etwas mehr Grün wuchs. Jetzt, da Tiko von Schenomats Karte wusste, erkannte er ohne Schwierigkeiten, dass sie es mit einem tief eingegrabenen, ausgetrockneten Flussbett und ebenso ausgetrockneten Bachläufen zu tun hatten. Einem dieser alten Bachläufe folgten sie in die Berge. Am späten Nachmittag hörte Tiko ein Geräusch, dass er nicht erwartet hatte. Plätschern. Vor ihnen musste Wasser sein. Er reckte neugierig den Hals, konnte aber nichts sehen. Sie ritten weiter, bis zu einer Stelle, wo das Plätschern sehr laut wurde. Vor ihnen glitzerte silbriges Wasser in dem Bachbett. Und verschwand in – einem Riss. Anders konnte man das wohl nicht bezeichnen. Ein Einschnitt, tief genug, um das ganze Wasser abzufangen und aus dem Bachbett wegzuleiten. Es sah aus, als ob etwas sehr Kräftiges die felsigen Ufer gepackt und einfach in zwei Teile zerrissen hatte.
Tiko verspürte einen Kloß in der Kehle. So sah das also aus, wenn Zauberer Flüsse wegleiteten. Unsicher sah er zu Rumaru herüber.
Der Kronprinz fing seinen Blick auf und lächelte spöttisch.
*
Interessant. Die Bergratte schien etwas zu ahnen. So, wie Tiko die Ableitung des alten Bachbettes betrachtete … Einer Tatsache war Rumaru sich sehr sicher. Die Kristallkammer hatte in ganz Karapak bei allen Nichtmagiern die Erinnerung an das, was hier geschehen war, komplett gelöscht. Wieso also reagierte dieser Tiko, als ob das veränderte Bachbett ihm etwas bestätigte? Von seinen Lehrern hatte er bestimmt nichts erfahren, für deren Lehrbücher existierte die Zeit vor den Zaubererkriegen nicht, und von seinen Kameraden noch weniger. Mit einer Ausnahme vielleicht. Schenomat stammte aus dem Gebiet östlich des Grünwassersees, das erst vor achtundzwanzig Jahren erobert worden war. Möglich, dass sich dort noch gewisse Erinnerungen gehalten hatten. Die Kristallkammer würde sich darum kümmern müssen.
Und er würde sich um Schenomat kümmern. Zum gegebenen Zeitpunkt. Und um Tiko.
Vorerst aber fand Rumaru es ganz lustig, zu beobachten, wie die Bergratte zunehmend verstört auf diese neuen Erkenntnisse reagierte.
Hauptmann Bodoke führte seine Kadetten den Bachlauf entlang direkt in die Drachenschwanzberge. Zwei Tagesritte später kam die Sandtor-Festung in Sicht, jener Ort, an dem traditionell die zukünftigen Gardisten ihre erste Kampferfahrung sammelten. Ein Pass, so breit und sanft, dass er eher wie ein gemütliches Tal wirkte, daneben täuschend klein wirkende, sanft gerundete Berge. Zu einem dieser Berge führte der Bachlauf, und dort, wo Tiko die Quelle vermutete, war eine kleine Ansammlung von Gebäuden hinter einer Mauer zu erkennen.
Als sie näher ritten, revidierte Tiko seinen ersten Eindruck. Die Gebäude waren nicht klein, so wenig, wie die Berge. Was ihn eigentlich nicht hätte wundern sollen. Sandtor war, wenn er seine Daten richtig im Kopf hatte, die drittgrößte Grenzfestung Karapaks, mit fast sechshundert ständig hier stationierten Männern. Und es hatte verdammt gute, Grunde, dass hier so viele Soldaten stationiert waren. Das Sandtor war die beliebteste Einfallschneise der Wüstenkrieger für Raubzüge nach Karapak.
Was immer der Grund dafür war, die Wüstenkrieger ließen sich nicht blicken. Kein noch so kleiner Raubzug wurde gemeldet. Nicht einmal eine Staubwolke in der Wüste bekamen sie zu sehen.
Hatte Tiko vorher den Unterricht und das ewige Exerzieren langweilig gefunden, fand er jetzt eine völlig neue Dimension von öde. Hier gab es nicht einmal mehr Unterricht. Hier wurde nur noch exerziert oder Wachdienst geschoben.
*
Rrrrtssschh! Die Naht gab mit einem hässlichen Geräusch nach. Tiko zuckte zusammen. Ein rascher Blick – ja, der Ärmel war fast komplett aufgerissen. Der Zeugmeister ging nicht besonders nett mit Soldaten um, die ihre Ausrüstung beschädigten. Ob es in der Festung Näherinnen gab?
„Du solltest dir bei nächster Gelegenheit eine neue Tunika holen.“
Schenomat hatte gut reden. Sein Vater hatte ihm ein halbes Vermögen mitgegeben für die Zeit seiner Ausbildung. „Danke für den Rat, aber ich flicke die wohl besser“, knurrte Tiko mürrisch.
„Vergiss es, die geht sofort wieder kaputt!“
„Warum sollte sie?“ Tiko musterte seinen Freund finster. „Die Tunika ist noch nicht alt, der Stoff ist noch fest.“
„Mag sein, aber du wirst sie trotzdem sofort wieder zerstören.“ Schenomat grinste jetzt breit. „Das sollte dich eigentlich nicht wundern. Hast du dir mal überlegt, wie viele Monde wir bereits in der Ausbildung sind? Und wie hart Hauptmann Bodoke uns rangenommen hat? Wir haben Muskeln gekriegt in der Zeit, und die brauchen mehr Platz!“
Verdutzt betrachtete Tiko seinen Arm. Schenomat hatte recht. Wo bei seiner Ankunft in Sawateenatari nur jugendlich glatte Haut zu sehen gewesen war, zeichneten sich jetzt markante Muskelstränge ab. Er stellte sich vor die Hauswand, besah sich seinen Schatten genauer. Seine ganze Form hatte sich verändert. Als er von zu Hause fortging, war er fast noch ein Junge gewesen, kaum erwachsen mit seinen knapp vierzehn Jahren. Das, was sein Schatten jetzt zeigte, war ein breitschultriger Mann, ein Krieger.
*
Sie hatten nicht nur Muskeln bekommen wie Männer. Jetzt bekamen sie auch Männerarbeit.
Zwei Zehntage nach Ihrer Ankunft wurden sie endlich zum Patrouillendienst eingeteilt. Die Kadetten waren mehr als froh über die Abwechslung. Zwar durfte immer nur eine kleine Gruppe von ihnen zusammen mit der regulären Patrouille die Festung verlassen, aber es war eine Wohltat, fünf Tage hintereinander mal etwas anderes zu sehen als die immer gleichen Mauern und Gesichter.
Hauptmann Bodoke verteilte die Kadetten neu, würfelte die Gruppen durcheinander. „Damit ihr lernt, euch nicht immer nur auf die gleichen Leute zu verlassen.“ Schenomat und Tiko wurden getrennt. Schenomat kam in die Nordpatrouille, Tiko bekam die Südpatrouille zugewiesen. Ein öder Ritt durch eine langweilige Landschaft aus relativ niedrigen Bergen und felsdurchsetzten Sandebenen.
Beim zweiten Mal tauschten sie, und er lernte die Nordroute kennen. Der einzige Unterschied war, dass es auf den nördlichen Strecken mehr Felsen und weniger Sand gab.
Die dritte Patrouille ging wieder in den Süden. Exakt die gleiche Strecke. Am zweiten Abend traute er sich endlich zu fragen. „Anscheinend reiten wir immer nur auf der gleichen Route hin und her. Die Wüstenstämme beobachten uns doch sicher. Die können sich an allen zehn Fingern ausrechnen, wann wir wo sind, und in der Zwischenzeit ungesehen und ganz gemütlich die Grenze überqueren. Welchen Zweck sollen also diese Patrouillen haben?“
Der Anführer der Patrouille, ein Graubart namens Hachmair, grinste. „Na endlich. Ich hatte schon befürchtet, dass sie uns dieses Mal lauter Hohlschädel geschickt haben. Hast Recht, mit unseren wenigen Männern können wir die Grenze niemals vernünftig sichern. Aber das wollen wir auch gar nicht. Wir suchen nur nach Spuren.“
„Ah.“ Tiko verstand im Grunde überhaupt nichts. Spuren? Wozu sollte das gut sein?
„Wir lassen sie also ins Land“, führte Zakari die Unterhaltung fort. „Aber dort überfallen sie unsere Landsleute. Was wir nicht verhindern, denn bis wir hinter ihnen her geritten sind und sie erreicht haben, ist es längst zu spät.“
„Richtig. Aber was tun sie dann?“
„Sie reiten nach Hause. Zurück in die Wüste.“
Hachmairs Grinsen wirkte jetzt geradezu wölfisch. „Genau. Sie haben Beute gemacht, meist sind auch einige Tiere und Frauen darunter. Damit können sie sich nicht lange unterwegs aufhalten. Sie streben also so rasch wie möglich zurück. Und das bedeutet. so gerade wie möglich. Meist nicht besonders weit weg von der Stelle, an der sie in unser Land gekommen sind.“
Tiko begriff plötzlich. „Aber natürlich! Wir brauchen nichts weiter zu tun, als in der Nähe ihrer Spuren zu warten, bis sie zurückkommen. Und dann …“ Seine Hand fuhr herab wie mit einem Schwert.
Hachmair lachte auf, kurz und hart. „Richtig erkannt, junger Kadett. Ein effektives Verfahren, bei dem wir wenig zu tun und noch weniger Verluste haben, da wir auf diese Weise Ort und Zeit des Kampfes bestimmen können. Und ein Verfahren, durch das wir den Wüstenratten eine so gesunde Angst vor Karapaks Armee eingebläut haben, dass sich kaum noch zwei oder drei ihrer Trupps im Jahr über die Grenze trauen.“
Tiko sah die Erleichterung in den Gesichtern seiner Kameraden. Einen Raubzug der Wüstenkrieger hatten sie bereits getroffen. Da war es kaum wahrscheinlich, dass sie noch einen zweiten erleben würden, solange sie hier stationiert waren. Das bedeutete einen zwar langweiligen, aber immerhin nicht lebensgefährlichen Dienst.
Leider allerdings auch, dass seine Chancen, sich bei dieser Feldübung bereits einen Namen zu verdienen, verschwindend gering waren.
Obwohl … Da war ihm noch etwas aufgefallen.
Wieder zurück in der Grenzfeste nutzte er die Gelegenheit, dass auch Schenomat gerade anwesend war, und redete mit ihm darüber. „Sucht ihr auch nur nach Spuren?“
„Nach was sonst?“, knurrte Schenomat. „In dieser beschissenen Wüste gibt es ja sonst nichts. Wenn wir weiterhin auf so viele Wüstenkrieger treffen wie bislang, werden wir uns vermutlich nur im Kampf gegen die Skorpione bewähren können!“
Zack! Sein Messer durchbohrte einen schwarzen Skorpion, der gerade am Türrahmen hinaufkletterte.
„Ich war jetzt zweimal auf der Südroute“, sagte Tiko. „Immer genau die gleiche Strecke. Du warst zweimal im Norden. Habt ihr da auch immer den gleichen Weg genommen?“
„Haben wir.“ Schenomat kniff die Augen zusammen. „Warum?“
„Weil wir angeblich nur nach Spuren suchen. Im Norden ist viel Felsboden. Da bleiben sowieso kaum Spuren drauf. Und im Süden ist viel Sand. Sand, der leicht vom Wind verweht wird. Und Wind haben wir hier fast ständig. Wo, bei den Windgeistern, wollen wir hier überhaupt Spuren finden?“
„Gut beobachtet, Kadett.“
Tiko und Schenomat zuckten gleichermaßen zusammen. Wo kam Hauptmann Bodoke denn schon wieder her? Tiko hätte schwören können, dass da gerade noch niemand sonst gewesen war.
„Genau aus dem Grund führt jede Patrouille einen Spurensucher mit sich.“
Sie mussten wohl genauso ratlos aussehen, wie er sich fühlte. Tiko sah, wie Hauptmann Bodokes Lippen sich zu einem spöttischen Lächeln kräuselten.
„Immerhin haben wir einen König, der nicht dumm ist und zudem ein Zauberer. Also hat er sich die Mühe gemacht, der Festung ein paar magische Artefakte zu geben, mit deren Hilfe man genau diese Spuren finden kann. Wär ja auch wohl ein bisschen lästig, wegen jeder handvoll Wüstenkrieger, die gerade mal ihre Nase nach Karapak reinstecken, gleich eine richtige Armee in Bewegung zu setzen. Und zu teuer obendrein. Ich schätze, der König genießt seinen Reichtum lieber in Form neuer schöner Frauen für seinen Harem.“
Wie redete denn der vom König? Tiko sah sich unwillkürlich um, ob niemand anderes in der Nähe war, der diese respektlosen Worte gehört haben konnte. Aber sie waren allein.
Bodokes Lächeln wurde noch eine Spur spöttischer. „Ihr beide, ihr seid Außenseiter. Männer, die nicht durch Beziehungen, sondern durch eigene Kraft zu etwas werden müssen. Im Gegensatz zu euren Kameraden benutzt ihr häufiger auch euren Kopf. Vermutlich ist es nicht nötig, aber ich gebe euch trotzdem einen guten Rat: Lasst es euch nicht anmerken!“
Mit langen Schritten marschierte er davon. Tiko schaute ihm betroffen nach.
*
Die Kadettengruppen wurden ständig neu gemischt. Wohl oder übel musste Tiko auch mit Rumaru reiten. Ihm wurde fast übel, als er sah, wie sehr Hauptmann Hachmair den Kronprinzen hofierte. Außerdem wurde ihm sehr schnell klar, dass Rumaru nicht nur von dem Spurenleser wusste, sondern ihn selbst benutzen durfte. Er betete inständig zu den Göttern, dass es nicht ausgerechnet Rumaru sein würde, der einen feindlichen Einfall bestätigte.
Die Götter waren menschlichen Bitten gegenüber so indifferent wie immer. Als Tiko das zweite Mal in Rumarus Gruppe war und sie in den Norden ritten, fanden sie Spuren. Rumaru hielt irgendetwas Blinkendes in der Hand, starrte darauf, dann auf den Boden, und verkündete schließlich großspurig: „Das sind nur sieben Reiter gewesen. Die schaffen wir alleine.“
Er reichte das Blinkende an Hachmair weiter, er ebenfalls hineinsah und dann die Anzahl der Feinde bestätigte.
„Eigentlich sollten wir Verstärkung holen. So sagen es jedenfalls die Regeln.“ Hachmair blickte Rumaru an, der unwirsch verneinte, kratzte sich am Kopf und überlegte. „Vermutlich können wir es auch so riskieren. Wir sind fast dreimal so viele wie die. Allerdings können wir höchsten vier Tage warten. Danach brauchen wir eine Ablösung, oder wir laufen Gefahr, zu wenig Wasser für den Rückweg zu haben.“
„Sie werden vorher kommen.“ Rumarus Stimme war geradezu gönnerhaft. „Ich bin ein wenig geschulter als ihr im Umgang mit Spiegelzaubern. Die Spuren haften ihnen noch immer an, und diese Verbindung sagt mir, dass sie bereits den Rückweg angetreten haben.“
Tiko konnte das Unbehagen, das ihn beschlich, auch in den Gesichtern der anderen sehen. Zum ersten Mal hatten sie wirklich realisiert, dass in ihrer Mitte ein echter Zauberer ritt.
An diesem Abend pfiff ein ungemütlich kalter Wind von den Bergen herab. Die Kadetten versuchten, so dicht wie möglich am Feuer zu bleiben. Ganz vorne saßen Hachmair und Rumaru. Tiko hielt sich in deren Rücken, in der letzten Reihe. Es brachte nichts, wenn Rumaru auf ihn aufmerksam wurde. Keiner von ihnen konnte schlafen. Der Wind warf sich in unberechenbaren Böen auf sie, ließ das Feuer mal wild aufflackern, mal fast erlöschen.
Wie viele Seelen wohl in diesem Wind tobten? Es war besser, nicht allzu genau auf das Heulen zu hören. Tiko konzentrierte sich auf die Gespräche um ihn.
„Der Drill in der Kaserne war mir lieber. Da wusste man wenigstens, was man zu erwarten hatte.“
„Ja, Langeweile und keinen Ruhm!“
„Siehst du hier etwas anderes? Mal ehrlich, was kann langweiliger sein, als in sengender Sonne auf einem müden Gaul durch die Wüste zu schleichen?“
„… Wüstenkrieger haben wir immer noch besiegt und …“
„… sie kommen?“
Tiko war schlagartig wieder hellwach. Das war Hachmair!
Der Wind brüllte auf, zischte dann und trug ihm den Rest von Rumarus Antwort zu: „… übermorgen, denke ich. Ziemlich früh morgens, wenn sie ihr Tempo beibe…“
Der Wind heulte erneut auf und verschluckte Rumarus Stimme. Er musste etwas Wichtiges gesagt haben, denn Hachmair streckte plötzlich seinen Rücken und senkte seinen Kopf.
Dämlicher Wind! Jetzt hatte Tiko vielleicht das Wichtigste nicht mitgekriegt!
Das Wiiiiiiiiiiiiiiichtigste!, schien der Wind zu heulen, und die Geister lachten. So würden sie auch lachen, wenn die Knochen der Wüstenkrieger von ihnen unter dem Sand begraben wurden.
Oder die Knochen der Patrouille.
Etwas nagte an Tikos Bewusstsein, wollte keine Ruhe geben. Wind, der Knochen begrub. Wind, der Spuren begrub. Aber wenn der Wind den Sand über Knochen und Spuren wehte, musste er ihn irgendwoher nehmen. Möglicherweise…
Was der Wind verbarg, konnte er auch wieder aufdecken. Und soviel wusste Tiko aus seiner Bergheimat: Jeder Hang hatte mehr als einen Weg.
*
Am nächsten Morgen nahm Tiko all seinen Mut zusammen und ging zu Oberhauptmann Hachmair.
„Wenn wir hier noch länger warten müssen, könnte doch genauso gut eine kleine Gruppe von uns den Rest der Patrouillenroute abreiten. Ist ja nicht mehr viel. Wenn wir uns beeilen, könnten wir das sogar in einem halben Tag schaffen und abends wieder hier sein.“
„Und die Gruppe schwächen? Wenn Feinde zu erwarten sind? Kompletter Unfug!“, schnob Hachmair.
Rumaru sah herüber, kam dann zu Hachmair. „Von einem, dessen Namen nur zwei Silben hat, kann man vermutlich keinen besseren Vorschlag erwarten“, sagte er gönnerhaft. „Aber warum sollten wir ihm nicht den Spaß lassen, wenn er sonst eh nur hier herumsitzen und dumme Ideen ausbrüten würde? Soll er doch alleine losreiten. Wir wissen ja, dass es ungefährlich ist.“
„Das ist gegen die Vorschriften. Ich darf keinen Kadetten alleine losschicken. Es müssen trainierte, erfahrene Soldaten dabei sein.“
„Sagen die Vorschriften auch wie viele? Nein? Hab ich mir gedacht. Dann schickt ihn mit einem Mann Begleitung los.“
Hachmairs Kiefer mahlte. Schließlich stimmte er widerwillig zu. Der, der ihn da herumkommandierte wie einen Rekruten, war schließlich sein zukünftiger König.
Tikos Begleiter war ein Mann mittleren Alters mit wettergegerbten Gesichtszügen, der seinen jungen Schützling abschätzig musterte. Er sagte zunächst kein Wort, hieß Tiko lediglich mit einer Handbewegung, voranzureiten.
Tikos Blick klebte am Boden. Eine Kerze verstrich, eine zweite. Am Ende der dritten Kerze trieb der Mann sein Pferd vorwärts.
„Hör mal zu, Jungchen. Ich weiß nicht, was du vorhast, aber wenn wir so weitermachen, sind wir nie im Leben abends wieder zurück. Was suchst du überhaupt? Wir haben die Spuren doch schon längst gefunden!“
„Ja“, sagte Tiko. „Die Spuren von sieben Pferden. Von Wüstenkriegern, die genau wissen, wie und wo und wann unsere Patrouillen reiten. Wenn ich ein Wüstenkrieger wäre, würde ich so eine kleine Truppe losschicken an einer Stelle, an der meine Feinde die Spuren finden müssen. Und dann würde ich mich darauf verlassen, dass sie dumm genug sind, diese Spuren als maßgeblich zu betrachten und nicht weiterzusuchen, während ich mit dem größeren Teil der Gruppe die Grenze an einer Stelle überqueren würde, zu der sie gar nicht mehr hingeritten sind, weil sie ja dort warten, wo sie die ersten Spuren gefunden haben.“
Sein Herz klopfte ihm bis in den Hals. Wer war er, als bloßer Kadett einem erfahrenen Grenzsoldaten etwas erklären zu wollen?
Aber der Mann sah ihn an mit einem Blick, in dem Achtung glitzerte. „Nicht schlecht, deine Überlegung. Da könnte was dran sein.“
Von dem Moment an hing auch der Blick seines Begleiters fest am Boden.
Anderthalb Kerzen später fanden sie die Spur. Keine Hufspur, die hatte der gnadenlose Wind längst verweht. Aber da lagen Miniatur-Sanddünen, wo eigentlich glatter, freigewehter Fels sein musste. Und als Tiko und der Soldat abstiegen, fanden sie rasch den Grund für diese Mini-Dünen. Pferdeäpfel. Sie folgten dieser Spur über eine halbe Kerze, bevor sie anhielten. „Mindestens dreißig, vierzig Pferde“, sagte der Soldat mit grimmiger Miene. „Das ist kein belangloser kleiner Raubzug. Das ist ein regelrechter Kriegszug. Und sie sind uns zwei zu eins überlegen. Vielleicht sogar mehr.“
Sie kehrten zurück, so schnell es die Kräfte ihrer Pferde erlaubten.
Da war niemand mehr. Die Lagerstelle war leer, so leer, als hätte niemals jemand hier gelagert. Nur die Asche des Feuers unter dem Sand verriet, dass hier einmal Menschen gewesen waren. „Sind sie …?“ Tiko wagte nicht, seine Befürchtungen laut zu äußern.
Der Soldat schüttelte den Kopf. „Keine Spur von einem Kampf. Sie haben das Lager ordnungsgemäß abgebrochen und sind fortgeritten.“
„Aber … wohin?“
Der Soldat beschirmte seine Augen mit der Hand und sah in Richtung der untergehenden Sonne. „Die Spuren kamen von Südwest. Ich vermute, sie sind dorthin. Da gibt es ziemlich steile Berghänge. Jeder vernünftige Mensch nutzt die Echoschlucht, um dort durch die Berge zu kommen. Ich schätze, sie sind zur Schlucht geritten, um den Wüstenkriegern dort eine Falle zu stellen.“
Tikos Magen verknotete sich. „Und wenn die Wüstenkrieger genau damit gerechnet haben, als sie diesen Punkt aussuchten?“
„Dann liegen dort noch mehr von ihnen im Hinterhalt.“ Der Mann fuhr sich fahrig mit der rechten Hand über die Augen. „Wir holen sie nicht mehr rechtzeitig ein, soviel ist sicher. Und wenn sie es doch noch rechtzeitig merken, sitzen sie trotzdem in der Falle und kommen alleine nicht lebend weg. Wir brauchen Verstärkung.“
„Die ist in der Festung. Weit weg“, sagte Tiko düster. „Und unsere Pferde sind erschöpft. Und es wird bald Nacht.“
Der Soldat überlegte. Es gefiel ihm sichtlich nicht, was er zu sagen hatte. „Die Echoschlucht ist zwei Kerzen zu Pferd entfernt. Sechs Kerzen, wenn man zu Fuß ist. Zur Festung brauchen wir zwei Tagesritte, im besten Fall. Zwei Männer auf zwei erschöpften Pferden. Wenn ich allerdings sofort alleine weiter reite, und beide Pferde mitnehme, kann ich es bis morgen Abend schaffen. Vielleicht gerade noch rechtzeitig, dass wir den Kronprinzen retten können. Vorausgesetzt, seine Gruppe wird gewarnt. Du musst zu Fuß hinterher und sie vor Sonnenaufgang erreichen.“
Pulsuz fraqment bitdi.