Kitabı oxu: «Hornstachler»

Şrift:

Spiegelmagie

Band 4

HORNSTACHLER

C. Svartbeck


Hinweis:

Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.

C. Svartbeck

Machandel Verlag

Neustadtstr.7, 49740 Haselünne

Bildquelle cover: artshtock / Vuk Kostic / www.shutterstock. com

Vignette: Fernando Cortez /shutterstock.comp

2017

ISBN 978-3-95959-317-5

Was bisher geschah

Anmerkung: Sie können das Buch direkt zu lesen beginnen, ohne dass Sie deswegen die ganze Vorgeschichte kennen müssen. Falls es Sie aber doch interessiert oder Sie die ersten Bände nicht mehr so ganz im Gedächtnis haben: Die Grundlagen-Fakten sind in diesem Kurz-Kapitel aufgeführt.

Was gibt es in den ersten drei Bänden zu lesen?

Band 1 - Königsfalke

Ioro, ältester Sohn einer Konkubine König Kanatas (und daher nicht Erbe), ist zum obersten Feldherren bestimmt, sein jüngerer Bruder Tolioro als Sohn der Ersten Gemahlin ist Thronerbe.

Wie das Schicksal so spielt, scheint Ioro mehr Intelligenz und Ehre zu besitzen als Tolioro, was Vater Kanata wohlwollend vermerkt. Ebenso wohlwollend (da er es in seiner Jugend ebenso gehandhabt hat) sieht er allerdings zu, wie Söhnchen Tolioro einen potenziellen Konkurrenten nach dem nächsten aus dem Weg räumt. Und Mutter Iragana beseitigt unauffällig einige Leichen, die Tolioro bei seinen sexuellen Eskapaden produziert.

Da Tolioro auf Ioro eifersüchtig ist, wäre Ioro dem Weg aller Königssöhne in ein frühes Grab gefolgt sein, hätte er nicht in dem angehenden Zauberer Jokon einen tatkräftigen Freund gefunden. Dumm ist halt nur, dass auch Jokon sozusagen auf Messers Schneide lebt.

Band 2 - Falkenkrieger

Sowohl König Kanatas Ehe als auch die seines Sohnes Tolioro, aus Gründen der Staatsraison mit Sirit, der Tochter eines Nachbarkönigs geschlossen, sind unglücklich. Zudem versucht sich die halbe Familie und Schwiegerfamilie gegenseitig zu meucheln.

Am Ende stirbt der König von der Hand seines Sohnes, und Ioro, der jetzt keine Zukunft mehr für sich sieht im Reich, flieht zu den Wüstenkriegern, gegen die das Reich gerade Krieg führt.

Zauberer Jokon, der sich jetzt Jo nennt, hat derweilen einen kapitalen Fehler begangen, ist einer fremden, feindlichen Zauberer-Fraktion auf den Leim gegangen und sitzt im Körper eines Falken fest.

Band 3 - Wüstenkrieger

Ioro kämpft unter seinem neuen Namen Nior mit den Wüstenkriegern gegen seine alte Heimat Karapak. Hauptziel: Vernichtung seines Bruders Tolioro.

Bei diesem speziellen Ziel unterstützt ihn Tolioros Gattin Sirit aus ganzem Herzen.

Und Jo, der ihn im Körper eines Falken begleitet, bekommt dabei kaum mit, dass auch Karapaks Zauberer um ihr Überleben kämpfen, gegen einen Feind, den sie seit 500 Jahren vernichtet wähnten.

Am Ende verbleiben nur 3 der bekannten Akteure auf dem Schachbrett:

Sirit, jetzt Witwe Tolioros und Regentin Karapaks. Ihr Gatte hatte sie geblendet. Da sie einer Zauberin half, hat diese ihr Ersatz-Augen aus Spiegelscherben geschenkt, mit denen Sirit jetzt mehr sehen kann als vorher mit ihren natürlichen Augen. Zum Beispiel Geheimgänge in Mauern.

Weiter verbleiben noch:

Inagoro, ihr minderjähriger Sohn

Jo, der seinen Falkenkörper verloren hat und jetzt in einem Spiegel gefangen ist.

Und es beginnt eine neue Geschichte. Sozusagen „The next Generation“.


Der junge König

„Der König ist zu alt, als das seine Erziehung in der Hand einer Frau bleiben dürfte! Er braucht die Erziehung eines Mannes.“

„Hier gibt es keinen Mann“, erinnerte Sirit ihn sanft. „Außer, Ihr zählt die Eunuchen, Sklaven und Diener mit.“

Der Ratsherr sah die Regentin an, als hätte sie sich soeben in eine Spinne verwandelt. Angeekelt verzog er die Nase. „Dann muss der König den Palast verlassen. Alt genug ist er.“

„Und was“, fragte Sirit, „lernt er außerhalb des Palastes, was er hier nicht lernen kann? Ich habe hervorragende Lehrer für ihn geholt. Er bekommt Waffenunterricht vom Meister der Palastgarde persönlich. Selbst die Priester beteiligen sich an seinem Unterricht und bringen ihm die Gesetzeskunde nahe.“

Bei der Erwähnung der Priester lief ein Schauder über den Körper des Ratsherren, und er zog den Kopf etwas ein. Trotzdem gab der Mann nicht auf. „Der König ist ein Mann. Er braucht entsprechenden, standesgemäßen Umgang.“

„Der König ist ein Kind. Und sein Platz ist ohnehin im Palast. Der Platz des karapakischen Königs ist immer im Palast gewesen.“

Der Ratsherr sah sie mürrisch an. „Wenn der König den Palast nicht verlassen soll, müssen wir eben die Männer in den Palast hineinbringen.“

Sirit hätte fast laut losgelacht. „Im Sommerharem sind Männer, die nicht zur Familie gehören, verboten.“

„Das gilt aber nur für erwachsene Männer!“, trumpfte der Ratsherr auf. „Nicht für Kinder. Wir werden dafür sorgen, dass der König mit anderen Jungen seines Alters zusammen ist. Und ich werde persönlich die Auswahl überwachen.“ Seine Stimme wurde zuckersüß. „Wir wollen schließlich, dass unser junger Herrscher nur die allerbeste Gesellschaft genießt, nicht wahr?

Die allerbeste Gesellschaft war etwas anderes. Sirit jedenfalls hätte die Jungen, die in den nächsten Wochen so nach und nach im Palast eintrafen, nicht unbedingt alle dazugezählt. Rang und Namen hatten sie, oh ja! Niemand im Rat wäre auch nur auf die Idee gekommen, dem jungen Herrscher etwas anderes als die Söhne des Hochadels zuzumuten. Edelstes blaues Blut. Nur, dass diese Jungen sich alles andere als edel benahmen. Mindestens drei waren darunter, die in Bezug auf Benimm und Wortwahl, aber auch in Bezug auf gänzliche Unwissenheit in Belangen der Bildung jedem Gossenjungen Sawateenataris Konkurrenz machen konnten. Zwei andere gehörten zur entfernten Verwandtschaft der Mehmes, ein weiterer, Mauro, war Inagoro sogar relativ nahe verwandt, somit ein potenzieller Thronanwärter und eine direkte Gefahr für den jungen König. Und zudem sechs Jahre älter, also als Spielkamerad eigentlich ungeeignet. Mauro war alt genug, dass er unter normalen Umständen bereits seine Karriere in der Armee begonnen hätte. Dass der Thronrat ihn überhaupt in Betracht gezogen hatte, zeugte von dem großen Einfluss seines Vaters, des Herzogs Komato, eines jüngeren Cousins Kanatas – mochte die Seele des verblichenen Königs für alle Zeiten unbehelligt von den Windgeister ruhen. Und das restliche halbe Dutzend fand es nach der ersten Aufregung, in den Palast zu dürfen, hier nur elend langweilig und heckte folglich einen Unsinn nach dem nächsten aus.

Sirit holte umgehend mehr Lehrer in den Palast. Lehrer für Bildung, aber auch Waffenlehrer und Reitlehrer, die in den Höfen der Palastwachen mit ihren Schützlingen arbeiten konnten. Die jungen Herren mussten beschäftigt werden. Und sie holte zusätzliche Wachen. Schließlich streunten die jungen Herren öfters kreuz und quer durch die Stadt, nachdem sie begriffen hatten, dass ihr Betragen im Palast sich zu ändern hatte. Der Thronrat musste einsehen, dass es unverantwortlich gewesen wäre, diese zukünftigen Würdenträger des Reiches ohne Schutz zu lassen.

Die Regentin sorgte auch dafür, dass diese Wachen neben ihrem regulären Lohn noch eine ordentliche Zulage aus ihrer Privatschatulle bekamen. Für ganz besondere Wachsamkeit. Schließlich wusste man nie, vor wem ein König alles geschützt werden musste.

Einen einzigen, winzigen Vorteil hatte dieses Arrangement. Im Sommerharem war wieder Leben.

*

Sirit sah unwillig von ihrer Kalligraphie hoch. Waren Pinots Freunde auch so laut gewesen? Sie seufzte. Und erkannte in ihrem eigenen Seufzer den ihrer Mutter. Ja, Pinots Freunde waren ebenso laut gewesen. Und vermutlich ihre eigenen Freundinnen auch. Kinder waren laut, selbst in einem Palast. Der einzige, der nicht laut war, war ihr Sohn Inagoro. Der Junge hatte früh lernen müssen, dass nur Schweigen sein Überleben sicherte. Ihr Blick wanderte zu dem schwarzen Schopf, der ganz in ihrer Nähe ebenfalls über ein kalligraphisches Blatt gebeugt war. Nein, sie hatte sich geirrt. Es gab noch jemanden, der so ruhig war wie Inagoro. Ihre adoptierte Tochter Taephe. Sirit dachte an die Konkubine, die Taephe geboren hatte. Taephe hatte so vieles mit ihrer toten Mutter gemeinsam. Mehr als mit ihrem verstorbenen Vater. Das Mädchen war gut erzogen, lernwillig und ehrerbietig. Aber wann hatte Taephe das letzte Mal gelacht?

„Taephe!“

„Ja, Mutter des Königs?“ Der Schopf mit den drei rabenschwarzen Zöpfen hob sich.

„Du hast genug geübt für heute. Geh spielen!“

Das Mädchen zögerte.

„Geh nur. Wenn du magst, kannst du Inagoro fragen, ob du dich seiner Gruppe anschließen darfst.“

„Das wäre nicht schicklich, Mutter des Königs. Ich bin nur ein Mädchen.“

„Das hat weder dich noch Inagoro gestört, bevor die anderen Jungen in den Palast gebracht wurden.“

„Es stört uns auch heute noch nicht, solange wir alleine sind. Oder zumindest nur die Kinder der Diener bei uns sind. Aber die anderen Jungen ziehen Inagoro auf, dass er mit einem Mädchen spielt. Er hat sich sogar schon deswegen mit ihnen geprügelt.“

So, das also war der Grund für die Prügelei gewesen. Inagoro hatte nicht mit der Sprache herausgewollt, als sie ihn gefragt hatte.

Natürlich, Inagoro war König. De jure. Von einem König, egal wie jung er war, erwartete man gewiss nicht, dass er mit Mädchen spielte. Und noch weniger, dass er sich wegen einem Mädchen prügelte.

„Dann sollte ich dir vielleicht auch ein paar standesgemäße Gefährtinnen kommen lassen.“

Taephe zuckte zusammen. „Lieber nicht, Mutter des Königs.“

„Warum nicht?“ Sirit war ehrlich erstaunt.

„Ich habe zwei von ihnen getroffen.“ Taephes Stimme war klar, aber sehr leise. „Als sie die Jungen hierher brachten.Ich habe sie gegrüßt und gefragt, ob sie mit mir zu den Goldfischteichen gehen wollten. Sie haben mich gefragt, wer ich bin. Und als ich es ihnen gesagt habe, haben sie mich ausgelacht und gesagt, dass sie niemals mit der Tochter einer Konkubine, die sich zuvor als Junge verkleidet hatte, spielen würden.“

Sirit seufzte. Der karapakische Adel war gut geschult darin, seine Vorurteile an die nächste Generation weiterzugeben. Wenn sie in Kirsitan gewesen wären …

Sirit spürte eine sanfte Berührung. Taephe war neben sie getreten. „Sorgt Euch nicht, Mutter des Königs. In den Hütten der Diener verlacht mich niemand. Ich habe dort genügend Freunde und Freundinnen, denen ich jederzeit willkommen bin.“

Sirit nickte und entließ Taephe mit einer Handbewegung. Gedankenverloren sah sie dem Mädchen nach, als es in den Garten hinausging. Ein schlanker Körper, ein geschmeidiger Gang. Taephe versprach, eines Tages eine Schönheit zu werden. Einmal abgesehen von der Mehme-Nase, natürlich.

Taephe sah den Jungen zu. Natürlich war es nicht schicklich, dass sie sich als Mädchen außerhalb des Sommerharems aufhielt, aber es war zu verlockend gewesen, weiterhin dem Unterricht zu folgen. Taephe hatte Geschmack am Lernen gefunden, damals … als sie noch ein Junge sein sollte, damals, als ihre Mutter noch lebte. Mittlerweile konnte Taephe ohne Bitterkeit an ihre Mutter denken. Mittlerweile wusste Taephe, wie großherzig die Mutter des Königs in jener Nacht gehandelt hatte.

Der Lehrer ignorierte Taephe. Die Jungen ignorierten sie ebenfalls. Es war, als sei sie überhaupt nicht da. Aber nichts und niemand konnte sie daran hindern, ihre Ohren aufzusperren und zuzuhören.

Na schön, beinahe nichts. Außer natürlich die Langeweile, wenn der Lehrer zum achten oder neunten Mal die gleiche Berechnung erklärte. Was bei den Göttern war so schwierig an einem einfachen Dreisatz? So dumm konnten die Jungen doch nun wirklich nicht sein. Nicht einmal Pokoko, der mit dem krummen kleinen Finger, der gerade noch einmal nachfragte. Taephe entfuhr unwillkürlich ein entnervtes Stöhnen.

Der Blick des Lehrers wanderte missbilligend zu ihr. „Du störst!“, stellte er ungehalten fest. „Wie sollen die jungen Herren sich da konzentrieren? Geh zurück zu deinen Puppen und überlass die Männer ihrer Arbeit!“

Taephe reichte es. „Die jungen Herren können sich nicht konzentrieren, weil sie nur an ihre Wetten bei den Hahnenkämpfen heute Nachmittag denken. Würden sie sich konzentrieren, hätten sie schon längst gemerkt, dass die Buchmacher sie regelmäßig hereinlegen und ihnen niemals die volle Summe gewonnenen Geldes auszahlen.“

Jetzt hatte Taephe die volle Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe.

„Du weißt von den Hahnenkämpfen?“

„Ja.“ Taephe nickte Inagoro zu. „Ich habe sie … früher … auch besucht.“

„Und woher weißt du, dass die Buchmacher uns betrügen?“

„Euch nicht, königlicher Bruder, das würden sie nicht wagen. Aber die anderen schon. Weil sie wissen, dass Eure Freunde nicht richtig nachzählen können.“

„Und das weißt du woher?“ Für einen Moment schien der Lehrer vergessen zu haben, dass er mit einem verachtenswerten Mädchen sprach.

„Die Jungen erzählen es ja laut genug, wie viel sie einsetzen, wie hoch die Quote war, und was sie gewonnen oder verloren haben. Wenn ich diese Zahlen in einen Dreisatz setze, erkenne ich sofort, ob die Wetten ehrlich waren.“

„Interessant.“ Inagoro hatte sich vorgebeugt. Sein Zeigefinger massierte seine Nasenwurzel, wie immer, wenn er nachdachte. „Wenn sie das heute wieder tun, und du kannst das beweisen, dann bekommen wir viel, viel Gold. Und wenn sie uns das nicht geben, lassen wir sie wegen Betrug verhaften.“

„Entschuldigt, mein König!“ Das war wieder der Lehrer. „Ihr könnt unmöglich ein Mädchen aus dem Sommerharem zu den Wettkämpfen mitnehmen. Das schickt sich nicht. Ich selbst werde mit Euch kommen und die Quoten kontrollieren.“

„Nein.“ Inagoro hatte sich entschlossen. „Wenn ein Erwachsener mitkommt, merken sie bestimmt was. Es muss Taephe sein. Sie kann sie sich ja wieder als Junge verkleiden.“

Der Lehrer und Taephe zuckten unisono zusammen. Der Lehrer fuchtelte nervös mit beiden Händen in der Luft herum. „Unmöglich, ganz unmöglich! Das schickt sich nicht, wirklich nicht! Mein König, denkt an die Ehre Eures Hauses!“

„Tue ich doch.“ Inagoro war die Liebenswürdigkeit in Person. „Die Ehre meines Hauses verbietet mir, zuzulassen, dass meine Freunde betrogen werden. Wir werden es so machen, wie ich es will.“

Wenn Blicke töten könnten, wäre Taephe schon bei den Windgeistern gewesen. Der Blick des Lehrers verhieß Gewitterwolken. Die Blicke von Inagoros Freunden waren noch finsterer. Die Jungen schätzten es nicht, dass ausgerechnet ein Mädchen ihre Schwäche erkannt und sie bloßgestellt hatte. Bloß Mauro, der dreizehnjährige Enkel von Herzog Kiomo, dem jüngsten Bruder ihres Großvaters Kanata, lächelte sie an. Taephe lief es kalt über den Rücken. Ein ähnliches Lächeln hatte sie bei ihrem Vater gesehen.

Taephe ging mit zu den Hahnenkämpfen, eingehüllt in die Kleidung und den Umhang eines Jungen. Es war das letzte Mal, dass sie den Palast verließ. Die Jungen bekamen viel Geld an diesem Tag. Taephe bekam heftige Schelte von ihrer Zofe, der Palastwache und einem ekelhaften Ratsherrn, der extra deswegen eine Audienz bei der Regentin eingefordert hatte. Sein Schwabbelbauch hatte mit seiner empörten Stimme um die Wette vibriert. Taephe war die Schelte egal. Nicht egal war ihr der stumme Blick, mit dem die Mutter des Königs sie einige Minuten lang musterte, bevor sie Taephe mit einer Handbewegung entließ und in ihre Gemächer zurückschickte.

Die Jungen mochten Taephe deswegen kein bisschen mehr. Im Gegenteil, es war fast, als hätte sie persönlich jeden einzelnen von ihnen beleidigt. Taephe zog es vor, aus dem Blickfeld der Jungen zu verschwinden. Den Unterricht besuchte sie nie wieder.

Wenige Tage später teilte der Kronrat Sirit mit, dass aus Gründen der Schicklichkeit und eines angemessenen Umgangs der König und seine Freunde nicht länger im Sommerharem nächtigen sollten. Inagoro zog mit seinen Freunden um in die Kasernen der Palastgarde.

*

Sirit wanderte mit raschen, kleinen Schritten durch den Geheimgang. Wie oft war sie diesen Weg schon gegangen? Sirit wusste es nicht mehr. Unhörbar, unsichtbar, ein Geist, von dem niemand wusste. Nur hier war sie frei, nur hier fesselten sie weder Tradition noch Wächter noch Mauern. Hatte sie wirklich geglaubt, als Tolioros Ehefrau überaus eingeschränkt gewesen zu sein in ihrer Freiheit? Eine Regentin war noch stärker eingeschränkt. Eine Regentin war gefesselt in ihrer eigenen Macht.

Nur hier konnte sie sich noch bewegen, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen. Die Geheimgänge des Schlosses. Geheimgänge in Tolor, Geheimgänge in Sawateenatari. Geheimgänge schienen ihr Schicksal zu sein.

Ihre Dienerinnen hatten sich daran gewöhnt, dass die Mutter des Königs manchmal in ihren Gemächern verschwand und stundenlang unauffindbar war. Keine von ihnen wagte es, zu fragen, wohin Sirit verschwand und was sie in dieser Zeit tat. Sie war wohl nicht die erste Frau im Sommerharem, die dergleichen tat. Einige der Gänge hatten so ausgesehen, als ob sehr häufig jemand durch sie gegangen war. Gänge, die auch zu ihren ehemaligen Räumen als Tolioros Gemahlin führten. Sirit konnte sich nur eine einzige Frau vorstellen, die dafür infrage kam: Iragana. Welch eine Ironie, dass ihre Feindin die gleichen Wege gegangen war wie sie selbst.

Sicheren Schrittes bog Sirit in einen abzweigenden Gang. Es war dunkel, wie überall in den Gängen, aber Sirit war diesen Weg so oft gegangen, dass sie ihn auswendig kannte und selbst dann sicher an ihr Ziel gelangt wäre, wenn ihre Zauberaugen ihr nicht freien Blick durch Dunkelheit und Mauern gegeben hätten.

Hier begannen die Kasernen der Palastgarde. Sie schaute durch die Wand hinaus. Der Junge schlief, alleine, wie es sein Vorrecht war. Sirit tastete über die Wand und drückte den verborgenen Riegel. Lautlos glitt ein Segment der Wand zurück. Sirit trat in das Zimmer und ging zu dem Bett. Behutsam, um den schlafenden Jungen nicht zu wecken, setzte sie sich an den Rand des Lagers. Inagoro atmete gleichmäßig. Sein Gesicht war entspannt, wirkte fast glücklich. Sirit konnte nicht widerstehen. Sanft strich sie mit ihrer Hand über seine Wange. Der Junge öffnete schlaftrunken die Augen.

„Mutter?“

„Sssssh, ruhig, schlaf weiter, du träumst nur.“

Gehorsam schloss der Junge die Augen wieder.

Wie schon so oft in den letzten Monden, begann Sirit zu reden, ein leises, gleichmäßiges Murmeln. „Du bist der König“, begann sie, wie jedes Mal. „Als König trägst du Verantwortung. Als König musst du in den Gesichtern der Menschen lesen und in ihre Herzen sehen. Lass dich nicht von Worten täuschen. Ich weiß, dass Ratsherr Takovra dir heute versichert hat, dass er und seine ganze Familie hinter dir stehen, immer schon hinter dem Haus Mehme gestanden haben. Glaube ihm nicht. Takovras Sippe gehörte zu jenen, die im Rat immer wieder gegen deinen Großvater gestimmt haben. Und das Haus Nimxa ist mit ihnen verbunden …“

Inagoro kuschelte sich gegen Sirits Hand, während sie ihren Monolog fortsetzte. Wer wusste schon, was er hörte. Sirit redete, weil auch ihre Mutter so mit ihr und ihren jüngeren Geschwistern geredet hatte. Weil ihre Mutter immer gesagt hatte, dass die Seelen der Kleinen im Schlaf begieriger das Wissen aufsaugten als im Wachen. Inagoro brauchte dieses Wissen. Und da die Männer offensichtlich nicht willens waren, es ihm zu geben, hatte Sirit diesen Part übernommen. Gut, er war Tolioros Sohn. Aber er war auch ihr Kind. Soviel war sie ihm schuldig.

Einen Augenblick überlegte sie, was wohl aus diesem Kind geworden wäre, hätte sie es in Kirsitan, der Heimat ihrer Mutter, aufziehen können. Oder in Tolor, beim Volk ihres Vaters. Nein. Sirit schob den Gedanken energisch wieder zur Seite. An diesem Kind war nichts, was auf seine Berg-Abstammung hindeutete. Keine hellere Haut, keine helleren Haare, keine helleren Augen. Braun, schwarz und braun war dieses Kind, ein Ebenbild seines Vaters, bis hin zu der Falkennase der Mehmes. Wenigstens hatte der Junge nicht Tolioros Boshaftigkeit geerbt. Sirit war den Göttern aufrichtig dankbar dafür.

Erwachender Zauber

Weit entfernt in den Drachenbergen beobachtete jemand ebenfalls etwas Schlafendes. Der Mann hatte Geduld. Viel Geduld. Er beobachtete das Wesen, das aus dem Gespinst hervorgekommen war und jetzt reglos zwischen den feinen Fäden kauerte, schon seit vielen Monden. Der Mann rührte sich nicht. Das Wesen rührte sich auch nicht.

Eine massige Wolke schob sich über den nahen Schneegipfel.Die Sonne verschwand, der Himmel wurde dunkel. Es begann zu schneien.

Der Mann rührte sich nicht. Das Wesen rührte sich auch nicht. Die Zeit war noch nicht reif.

*

Die zweite Kristallkammer war vernichtet. So weit, so gut. Nur, dass Großmeister Ro trotzdem das nagende Gefühl hatte, etwas übersehen zu haben.

Mit gerunzelter Stirn deaktivierte er den Sichtschutz seines Turmes. Schlagartig erhellte vielfarben gleißendes Sonnenlicht den Raum. Um ihn herum strebten die Türme seiner Kollegen in den wolkenfreien Himmel über Sawateenatari. Hohe, schlanke Kristallnadeln. Natürlich war keine davon höher als sein eigener Turm. Er war nicht umsonst Großmeister.

Ro seufzte.

Es waren weniger Türme als früher. Deutlich weniger. Er musste sie nicht zählen, um das zu wissen. Kriege bedeuteten Verluste.

Sein Blick wanderte zu Aks Turm. Ein Turm, der leer stand, wie ihm schmerzlich bewusst war. Ak war verschwunden, einfach so, nach dem Sieg, noch während der letzten Aufräumarbeiten. Nicht einmal ihre Freundin Pi wusste Näheres über ihren Verbleib.

Wenigstens lebte sie noch, ihr Turm stand unerschütterlich.

Sein Blick glitt weiter zu dem zweiten leerstehenden Turm. Jos Turm. Niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, was aus dem jungen Zauberer geworden war. Aber sein Turm hatte nicht nur Bestand, es schien ihm sogar manchmal, als ob er noch wüchse. Ro schüttelte sich unbehaglich. Dieser Jo … Er tauchte in keiner Prophezeiung auf. Er fügte sich keiner Regel. Es war, als hätten die Götter einen Stein in die Schale geworfen, der keinen Regeln gehorchte.

Ro aktivierte den Sichtschutz wieder.

Dieser Jo war ihm nicht geheuer.

*

Zum gefühlt zehntausendsten Mal schritt Jo die Grenzen seines Gefängnisses ab. Es gab diese Lücke, verdammt noch mal, er wusste es, da musste sie doch irgendwo zu finden sein! Zum gefühlt zehntausendsten Mal kam er wieder bei der Markierung an, von der aus er gestartet war. Nichts. Absolut nichts. Der Rand war fugenlos wie immer. Frustriert schlug er mit der Faust gegen die verschwommen durchsichtige Masse, die sein Gefängnis begrenzte. Nichts passierte. Und so hart er auch schlug, seine Faust verspürte keinen Schmerz.

Aber draußen war es noch immer hell, konnte er noch immer die Bibliothek sehen, in die Skane ihn gelockt hatte. Und er wusste mit absoluter Sicherheit, dass er selbst dieses Licht außerhalb des Spiegels geschaffen hatte. Wusste es, weil das Licht auf ihn reagierte. Er konnte es heller werden lassen, dunkler, er konnte es sogar zu verschiedenen Plätzen in der Bibliothek lenken. Die Lücke war real. Warum, bei allen Winddämonen, konnte er sie nicht finden?

Wie war seine Magie aus dem Spiegel herausgelangt?

Hm Wenn er den Weg nicht fand, der hinausführte … was passierte, wenn er seine Energie zurückrief? Das war ein Gedanke. Wenn er die Energie im Auge behielt und sie tatsächlich zu ihm zurückkehrte, dann musste sie doch auf dem Rückweg die gleiche Lücke passieren wie auf den Hinausweg.

Und wenn nicht? Wenn der Spiegel sie einfach einsog, wie Spiegel es eben zu machen pflegten? Dann war es draußen dunkel. Dann war er wieder vollständig auf den Spiegel beschränkt. Möglicherweise gelang es ihm kein zweites Mal, seine Magie hinauszuschicken.

Frustriert stampfte er auf. Das brachte doch alles nichts. Hätte, könnte, sollte, mochte … wenn er es nicht probierte, würde er nie eine Antwort finden. Jetzt. Bevor er endgültig in unschlüssiger Apathie erstarrte.

Jo rief seine Magie.

Das Licht in der Bibliothek flackerte kurz auf, dann schwebte es zu dem Spiegel, der Jo gefangen hielt. Einen kurzen Moment hielt Jo inne. Dann befahl er dem Lichtball, langsam, ganz langsam zu ihm zurückzukehren. Das Licht sank herab. Es berührte die Sphäre. Den Bruchteil einer Sekunde gleißte sie auf, dann spürte Jo den Energiestoß, als das Licht in ihn zurückkehrte.

Das war verdammt schnell gegangen. Aber zum Glück nicht zu schnell. Der Bruchteil jener Sekunde hatte gereicht, um Jo die Schwachstelle zu zeigen. Sie befand sich direkt über ihm, im Zenit der Kuppel. Unerreichbar. Jo fluchte mit allem, was er an Verwünschungen von der Armee Karapaks und den Wüstenreitern gelernt hatte.

Die Regentin

Audienzen waren langweilig. Und der Thron war unbequem. Natürlich, er war für einen erwachsenen Mann gedacht, nicht für einen achtjährigen Jungen, der gerade mal so groß war, dass er über das königliche Pfauenfeder-Zepter gucken konnte. Inagoro rutschte auf dem Thron hin und her. Nur ein ganz kleines bisschen, damit es niemand merkte. Viel lieber würde er jetzt mit seinen Freunden spielen. Noch lieber mit seiner Schwester Taephe. Mit der konnte man nicht nur prima Bogenschießen, mit der konnte er sich auch prima unterhalten. Taephe war schlau, und sie kannte alle wichtigen Dinge und Personen im Palast. Taephe konnte man immer fragen.

Natürlich gehörte sich das nicht. Seine Lehrer hatten ihm das immer wieder gesagt. Ein König holte sich keinen Rat bei einer Frau. Nur bei seiner Mutter machten sie eine Ausnahme, weil die so komische Zauberaugen hatte. Manchmal fürchtete Inagoro sich sogar ein bisschen, wenn er diese Augen sah. Aber wirklich nur ein bisschen. Sie war schließlich seine Mutter.

Die Lehrer hatten auch gesagt, er solle statt seiner Schwester lieber seine Freunde um Rat fragen. Besonders Mauro. Schließlich würde sein entfernter Cousin eines Tages sein Erster Feldherr werden, weil er keinen Bruder hatte, der diese Stelle einnehmen konnte. Seinen ersten Feldherren durfte ein König fragen. Mauro wusste auch viele Antworten. Mauro hatte schließlich Erfahrung. Die anderen Jungen waren alle etwas älter als Inagoro, und Mauro war der Älteste von ihnen. Da musste er ja wohl auch am besten Bescheid wissen.

Das Problem war nur, dass Inagoro Mauro nicht traute.

Sirit saß hinter dem seidenen Wandschirm und fächelte sich Luft zu. Zuerst hatte sie es hinderlich gefunden, dass die Regentin für die Mitglieder des Thronrates unsichtbar bleiben musste. Mittlerweile allerdings hatte sie gelernt, dass dieses Arrangement seine Vorteile hatte. So war es bedeutend einfacher, die Kontrolle zu behalten. Sie schrieb ihre Worte auf, und ihr Sprecher trug sie vor. Das gab ihr Zeit, überlegt zu formulieren, und verhinderte ausgesprochen effektvoll, dass die Männer, die auf der anderen Seite des Wandschirmes saßen, sofort wussten, woran sie mit ihr waren.

Nichtwissen erzeugte Furcht. Furcht erzeugte Gehorsam.

Bis zu einem gewissen Grad allerdings nur. Sie war immer noch eine Frau, und die auf der anderen Seite waren Männer. Diese Männer dort würden nie damit zufrieden sein, dass eine Frau genauso gut regieren konnte wie sie. Sirit wusste genau, dass sie nur dank der Unterstützung der Priester Regentin war. Die Männer wussten es ebenso. Und jeder von ihnen fragte sich, warum die Priester das so gewollt hatten.

Sirits Gedanken wanderten nach Tolor. Wie konnte es nur sein, dass diese beiden Länder so unterschiedlich waren? Was hatten die Karapakier gegen Frauen, dass sie ihnen so wenig zutrauten? Es war ja nicht so, dass die karapakischen Frauen dümmer waren als die tolorischen. Sirit dachte an Raina. Die Gildeherrin hatte ihre Gilde besser geführt als mancher Mann. Und trotzdem zählte ihre Stimme bei den Händlern nur, wenn es gar nicht anders ging. Warum nur hatten die Götter beschlossen, dass die Frauen in Karapak nichts zählten?

Ein leises Rascheln riss sie aus ihren Gedanken. Paschko, der Eunuch, der ihre Verbindung war zwischen dem Raum vor dem Schirm und ihrem Platz hinter dem Schirm, hatte sich umgedreht und gab ihr jetzt vollmundig eben jene Frage weiter, die sie doch gerade selbst mit eigenen Ohren gehört hatte. Und die sie nicht mit eigener Stimme beantworten durfte.

Sirits Pinsel flog über das Papier. Dann reichte sie Paschko ihre Antwort.

*

Der König musste einer Audienz beiwohnen. Sehr gut. Sein aufgezwungener Spielgefährte nutzte die Zeit, um sich außerhalb des Palastes in der Stadt zu vergnügen. Gefährlich war das nicht, weil er immer ein paar Palastwachen als Begleitschutz hatte. Allerdings war dieser Begleitschutz lästig, wenn man gewisse Dinge erledigen wollte.

Mauro steuerte ein Bordell an. Dort hinein würden ihm die Wachen nicht folgen. Sie würden auch nichts dabei finden, dass ein Vierzehnjähriger längere Zeit in so einem Haus blieb.

Mauro marschierte in das Haus hinein, durch einen langen Gang, und geradewegs am anderen Ende wieder hinaus. Wie immer wartete dort bereits der Bordellwirt, wie immer warf Mauro ihm ein Silberstück zu und verschwand dann in der angrenzenden Gasse. Es zahlte sich aus, wenn man gut schmierte.

Vier Straßen weiter bog er in einen unordentlichen Hinterhof ein, umrundete einen Schweinekoben und steuerte auf eine niedrige Tür zu. Sie öffnete sich in einen fensterlosen Raum. Als die Tür hinter Mauro zufiel, war es zunächst dunkel. Dann knisterte es, und eine kleine Öllampe leuchtete auf. Mauro schnappte erstaunt nach Luft. Dort am Tisch stand nicht der gewohnte Bote, nein, heute war sein Vater selbst gekommen!

„Und, wie läuft es?“

Mauro zuckte mit den Achseln. „Der König ist noch sehr jung. Ein richtiges Kind halt. Ich denke, er versteht überhaupt noch nicht, was ich ihm sage. Immerhin akzeptiert er, dass ich älter bin und mehr weiß, und tut deshalb meist, was ich ihm rate.“

„Er ist ein Enkel meines Cousin Kanata“, knurrte sein Vater. „Und der Sohn Tolioros. Wenn der wirklich so dumm ist, wie du meinst, würde mich das sehr wundern. Pass auf, was du sagst, übertreibe es nicht. Und geh kein Risiko ein. Solange der Junge im Palast bleibt, darfst du ihm kein Haar krümmen. Wenn ihm etwas passiert, wird der Verdacht automatisch zuerst auf dich fallen. Du wärst derjenige, der den größten Vorteil aus seinem Ableben ziehen würde. Also, halt dich zurück.“

Mauro schon die Unterlippe vor. „Muss ich denn die ganze Zeit vor diesem Bengel buckeln?“

„Blödsinn!“ Sein Vater trat näher und beugte sich etwas vor. Seine Augen glitzerten wie nasse Steine im Licht der Lampe. „Du sollst nicht buckeln. Du darfst ihm durchaus widersprechen. Du darfst nur nie vergessen, wer welchen Rang hat.“

„Und wenn ich nie eine passende Gelegenheit zu mehr bekomme?“

„Solange du im Palast bist, kannst du auch auf eine Gelegenheit warten. Früher oder später wird sich eine ergeben. Das tut es immer.“ Die Hand seines Vaters schoss vor und packte schmerzhaft in Mauros Haare. Der Junge keuchte auf. „Du wirst nur dann keine Gelegenheit bekommen, wenn du aus dem Palast verwiesen wirst.“ Die Stimme seines Vaters klirrte jetzt vor Kälte. „Sollte das je passieren, weiß ich, dass du einen Fehler gemacht hast. In unserer Familie macht niemand einen Fehler. Niemand! Solltest du je einen Fehler machen, bist du nicht mehr mein Sohn. Dann werde ich dich häuten, in kleine Stücke schneiden und den Vögeln zum Fraß vorsetzen. Dann mögen die Windgeister dich für alle Ewigkeiten um die Welt schleifen.“

Er ließ los. Mauro taumelte mit aschfahlem Gesicht zurück.

„Und glaub nicht, dass ich meine Meinung ändere, nur weil du mein ältester Sohn bist. Ich habe andere Söhne, die nur zu bereitwillig deinen Platz einnehmen werden.“

Mauro starrte blicklos auf die Wand. Er hörte, wie sein Vater hinausging. Einen Moment leuchtete eine breite Bahn Sonnenlicht in den Raum. Dann fiel die Tür wieder zu, und nur das Lämpchen auf dem Tisch spendete noch flackernd etwas Helligkeit. Der Lichtkreis war klein. Sehr klein. Mauro stand im Dunkeln. Es war niemand da, der sehen konnte, dass er zitterte.

*

Taephe lehnte im Laubengang hinter einer Säule und beobachtete die Jungen unten im Übungshof. Seit fast einem Jahr hatte sie jetzt nur noch zusehen können. Wie sie die Jungen beneidete! Fast schmerzhaft wach war ihre Erinnerung an jene Zeit, als sie ein Junge gewesen war und selbst im Übungshof hatte lernen dürfen. Noch immer zuckte es sie förmlich in den Fingern, sobald sie einen Bogen sah. Aber die einzigen spitzen Gegenstände, die man einer Palastfrau zumutete, waren Federkiele und Nähnadeln.

Gerade gab es Unterricht im Schwertkampf. Die Jungen übten in ständig wechselnden Zweiergruppen. Inagoro war der kleinste und damit auch der schwächste unter den Jungen. Alle anderen konnten schon besser kämpfen. Kunststück, sie waren ja auch alle mindestens ein oder zwei Jahre älter. Trotzdem gewann Inagoro immer wieder. Die anderen ließen ihn mit Absicht gewinnen. Taephe war sich absolut sicher, dass Inagoro das wusste, und dass es ihn gewaltig wurmte. Sie hatte ihn vor zwei Tagen alleine üben sehen. Inagoro hatte fest vor, eines nicht allzu fernen Tages besser zu sein als sie alle, und zwar aus eigener Kraft.

Gerade hatte der größte der Jungen, Mauro, seinen Gegner entwaffnet. Mauro stand hinter Inagoro. Und Mauro hatte sein Schwert nicht gesenkt, wie man es normalerweise nach einem Kampf tat. Er hielt es immer noch erhoben. Warum? Was tat Mauro da? Einen schrecklichen Moment lang dachte Taephe, Mauro würde Inagoro von hinten anfallen und ihm sein Schwert durch den Schädel treiben. Aber dann bellte der Lehrer einen Befehl, und alle Jungen senkten ihre Schwerter. Auch Mauro. Taephe atmete tief durch und versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen.

Als die Jungen sich nach dem Unterricht zerstreuten, um sich umzuziehen, passte Taephe ihren Bruder ab.

„Große Schwester!“ Über Inagoros Gesicht glitt ein Leuchten, als er sie sah. „Ich dachte, du bist im Palast?“

„Ich habe euch zugesehen.“

Das Leuchten erlosch schlagartig. „Dann weißt du auch, dass sie mich absichtlich gewinnen lassen. Nur weil ich der König bin. Ich bin einfach ein sehr schlechter Kämpfer.“

„Du bist ein sehr junger Kämpfer“, korrigierte Taephe ihn sanft. „Und deine Gegner sind alle älter und größer als du. Deine Technik ist gut. Dir fehlt nur noch die Kraft. Noch drei oder vier Regenzeiten, und du besiegst sie alle.“

„Glaube ich nicht. Dann sind die anderen nämlich auch alle entsprechend älter. Vielleicht schaffe ich es, ein besserer Kämpfer zu werden als ein paar von ihnen. Aber die wirklich guten, wie Mauro, die werden mich immer übertrumpfen.“

„Über Mauro wollte ich sowieso mit dir sprechen.“

Taephe zog Inagoro neben sich auf einen Sims und berichtete ihm, was sie gesehen hatte.

Inagoro nickte gedankenvoll. „Ich habe ihm nie getraut. Vermutlich ist es besser, wenn ich ihm in Zukunft nicht mehr den Rücken zudrehe.“

„Du bist doch der König. Kannst du ihn nicht einfach wegschicken?“

„Kann ich nicht, und das weißt du.“ Inagoro sah sie mit einem Blick an, der älter war als seine acht Jahre. „Der Thronrat hat das Sagen. Wenn Mutter nicht wäre, würden sie machen, was sie wollen, und ich wäre vollkommen machtlos.“

„Ich könnte mit deiner Mutter reden. Vielleicht fällt ihr etwas ein, wie wir Mauro aus deiner Nähe entfernen können.“

„Das wäre nicht schlecht.“ Inagoro rutsche vom Sims herunter. „Ich muss leider los, große Schwester, sonst bin ich nachher für den Taktik-Unterricht zu spät dran.“ Er umarmte sie kurz. „Ich liebe dich, große Schwester!“

Taephe sah ihm nach, als er den Gang entlanglief. „Ich dich auch, kleiner Bruder“, sagte sie leise.

Mauro wartete, bis Taephe sich in Bewegung setzte. Dann löste er sich aus dem Schatten der Nische, in dem er unerkannt gelauscht hatte.

Diese kleine Schlange! Wollte ihn bei der Mutter des Königs anschwärzen! Vermutlich sogar mit Erfolg. Mauro konnte sich lebhaft vorstellen, wie die verdammte tolorische Regentin mit ihren Zauberaugen den ganzen Thronrat verhexte, für seinen Rauswurf und damit für sein sicheres Ende sorgte. Das durfte auf keinen Fall passieren! Soviel wusste Mauro, sein Vater sprach niemals leere Drohungen aus. Er musste das Mädchen aufhalten.

Was nicht allzu schwierig war. Seine Schritte waren länger, und er wurde nicht durch wallende Kleidung behindert. Mauro machte einen kleinen Umweg, sodass er von der Seite kam. Da war auch schon Taephe. Mauros Arm schoss vor, und bevor die kleine Schlampe auch nur quieken konnte, hatte er sie bereits in den Nebengang und in eine Nische gezogen.

„Miststück!“, zischte er. „Glaubst wohl, dass du mit mir umspringen kannst wie diese tolorische Hure, die unsere Regentin ist. Das kannst du vergessen! Das lasse ich nicht mit mir machen!“

Das Mädchen starrte ihm aus weit aufgerissenen Augen an. Er konnte die Ader an ihrem Hals erregt pochen sehen. Ha, damit hatte sie nicht gerechnet!

„Ihr hättet ein wenig vorsichtiger sein sollen, wo ihr euch unterhaltet, dein Halbblut von einem Bruder und du!“

Mauro spürte, wie ein Zittern durch ihren Körper lief. Trotzdem wagte sie es, den Mund aufzumachen.

„Wie redest du von deinem König! Und überhaupt, du bist derjenige, der sich vorsehen sollte. Du hast versucht, den König zu ermorden!“

„Unfug!“

„Ich habe gesehen, dass du hinter ihm gestanden hast mit erhobenem Schwert!“

„Du hast gar nichts gesehen. Du bist nur ein Mädchen, das vom Kämpfen keine Ahnung hat. Und wenn du das sagst, steht dein Wort gegen meines. Niemand sonst hat etwas gesehen, die andern Jungen nicht, nicht einmal der Lehrer. Niemand wird einem bloßen Mädchen glauben.“

„Inagoro glaubt mir“, sagte Taephe leise.

„Und? Er hat auch nur dein Wort. Er hat nichts selbst gesehen. Vor dem Thronrat würde das nicht gelten.“

Mauros Hand legte sich um ihre Kehle. „Natürlich ist es sicherer, wenn ich dafür sorge, dass du deine Lügen gar nicht erst weiter verbreiten kannst.“

Das Mädchen zitterte stärker. Aber nicht einmal jetzt war sie bereit, den Mund zu halten. „Das wagst du nicht!“, presste sie hervor.

„Und warum nicht?“, höhnte Mauro.

„Wir sind im Palast!“

„Ich bin über eine Dienerin gestolpert, die sich in einer Ecke sehr verdächtig herumdrückte. Es hat ein Handgemenge gegeben, und ich war leider etwas zu gründlich mit meiner Reaktion.“ Mauro drückte versuchsweise etwas zu. Taephes Gesicht lief dunkel an. Er lockerte die Hand noch einmal. „Überaus schade, dass es die Halbschwester unseres geliebten jungen Königs erwischte, aber konnte ich ahnen, dass sie sich außerhalb des Sommerharems aufhalten würde? Niemand wird es wagen, mir daraus einen Vorwurf zu machen.“

„Niemand außer Inagoro“, quetschte Taephe aus ihrer zusammengepressten Kehle mühsam hervor.

„Hm.“ Mauro überlegte kurz. „Vermutlich hast du Recht. Aber wer weiß schon, ob unser junger König überhaupt alt genug wird, um mir Ärger zu machen? Du dagegen … du machst mir jetzt schon Ärger.“

Taephes Stimme war kaum noch zu hören. „Der König wird deinen Kopf fordern. Und die Regentin wird ihn unterstützen.“

Mauro starrte das renitente Geschöpf an. Was, wenn sie recht hatte? Er ließ los. Taephe taumelte zurück gegen die Wand. Und jetzt? Die kleine Schlampe konnte immer noch reden. Und wenn er Pech hatte, fand sie tatsächlich ein offenes Ohr. Frauen sollten wissen, wo ihr Platz war. Das musste er ihr irgendwie zeigen.

Er packte Taephe erneut und zerrte sie mit sich den Gang entlang. Da war ein kleiner, sehr versteckter Erker, der für das, was ihm vorschwebte, ideal geeignet war. Das Mädchen machte schon wieder den Mund auf. Bevor sie schreien konnte, riss er ihre Tunika hoch und verknotete die Enden über ihrem Kopf. Sie zappelte wie wild, aber der schwere Brokatstoff dämpfte ihre Schreie effektiv, wie er gehofft hatte. Mauro grinste. „Ruhig, oder es setzt was!“

Taephe erstarrte und verstummte.

Mauro griff nach einer der Lampen, die bereits für den Abend mit Öl gefüllt worden waren, und zündete sie an. Dann packte er Taephes Hand und hielt sie über die Flamme. Kurz nur, aber es reichte. Er konnte spüren, wie sie vergeblich ihre Muskeln anspannte, um die Hand zurückzuziehen. Er brachte seinen Kopf ganz dicht an den ihren, sodass sie ihn trotz des dicken Stoffes zwischen ihnen gut hören konnte. „Ihr Frauen, ihr tragt immer diese langen, flatternden Gewänder. Was glaubst du, was passiert, wenn dein Gewand – rein zufällig, versteht sich – zu lange in Kontakt mit einer Flamme kommt? Wäre das nicht ein wirklich tragischer Unglücksfall?“

Er hielt ihre Hand wieder über die Flamme, dieses Mal lange genug, um sie ein winziges bisschen zu versengen. Vielleicht auch etwas mehr als nur ein kleines bisschen. Ein gedämpfter Schmerzensschrei kam von dem in Brokat verpackten Kopf.

Mauro nickte zufrieden. „Das sollte reichen, oder? Ich nehme an, du weißt jetzt, was dich erwartet, wenn du dich weiter in Männer-Angelegenheiten einmischst. Beim nächsten Mal werde ich mich nicht so zurückhalten.“

Er bückte sich, entknotete die Tunika, schob den Stoff wieder herunter, so dass er ihr Gesicht sehen konnte. Die Augen des Mädchens waren schmale, zitternde Schlitze in einem verängstigten, kalkweißen Gesicht.

„Und wenn du es wagst, dich bei irgendjemandem über mich zu beklagen …“

An der Art, wie sie zusammenzuckte, erkannte Mauro, dass er nichts dergleichen befürchten musste. Die Kleine hatte ihre Lektion gelernt.

„Aber dir wird ohnehin niemand glauben. Du bist ja nur ein Mädchen. Hau ab, ich will dich nicht mehr sehen!“

Schweigend richtete Taephe sich auf, unsicher schwankend, weil ihre Kleidung immer noch am falschen Platz war. Mit zitternden Händen versuchte sie, den Stoff wieder nach unten zu streichen. Als es ihr endlich geglückt war, verließ sie ohne einen Laut den Erker. Ihre Bewegungen waren wie die einer hölzernen Marionette.

Mauro sah ihr zufrieden nach. Von der Seite hatte er nichts mehr zu befürchten.

*

Sirit wusste sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Nicht nur, dass Taephe ungewohnt schweigsam bei ihr erschienen war, ihre ganze Haltung wirkte gedrückt und ängstlich. Sie wartete geduldig. Aber selbst, als der Kalligrafie-Unterricht zu Ende war und sie beide wie gewohnt eine Tasse Früchtetee tranken, sagte Taephe kein Wort. Und das, was Sirits Spiegelaugen sahen, schrie förmlich nach Verletzung. Eine Verletzung, die vermutlich eher seelisch als körperlich war.

Sirit seufzte. Dann rückte sie zu Taephe, nahm sie in den Arm und strich ihr sanft über das Haar. Taephe brach in Tränen aus.

Es dauerte, bis Sirit imstande war, eine einigermaßen brauchbare Version der Geschehnisse aus dem Mädchen herauszubekommen. Sie ballte die Fäuste. Fitor, Tolioro … Ihre eigenen Erinnerungen an männliche Grausamkeiten waren immer noch so frisch wie am ersten Tag. Und jetzt Taephe und Mauro. Was war das nur, das Männer bewog, Schwächere derart zu quälen? Sie wusste nur zu genau, wie erniedrigt sie sich damals gefühlt hatte. Und sie war eine erwachsene Frau gewesen. Taephe dagegen war nichts als ein junges Mädchen, das noch mit seinen Puppen spielte.

„Das wird kein zweites Mal passieren“, sagte sie hart.

„Mauro … Mauro sagte, dass mir ohnehin niemand glauben wird“, flüsterte Taephe.

„Ich glaube dir. Das reicht. In einem hat Mauro Recht. Der Thronrat wird ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. Mauro hat schließlich nichts Irreparables getan, deinen Heiratswert nicht angetastet. Er hat dich nur auf deinen Platz verwiesen, nach dem Verständnis dieser Männer. Sie werden ihn also ganz sicher nicht bestrafen, noch nicht einmal tadeln. Inagoro ist noch zu jung, um etwas tun zu können. Ich denke, wir sollten ihm diesen Vorfall überhaupt verschweigen. Mauro wird sein erster Feldherr. Die beiden verstehen sich ohnehin schon nicht sehr gut. Ein König, der seinen ersten Feldherren nicht leiden mag, ist schlimm genug, einer, der seinen ersten Feldherren hasst, wäre eine Katastrophe. Aber ich werde dafür sorgen, dass du das nächste Mal nicht hilflos bist. Dich wird nie wieder ein Mann straflos derart behandeln, das schwöre ich bei der Flammenden Göttin! Und auf Mauro werde ich ein besonderes Auge haben.“

Taephe sagte nichts, aber ihr Gesicht drückte Dankbarkeit aus, und ihre kleine Faust entspannte sich in Sirits Hand.

Ein Brief in die Provinz

Ein Brief aus Karapak. Seit Sirit dort Regentin war, hatten sich die Beziehungen zwischen Karapak und Kirsitan weit genug entspannt, dass solche Nachrichten möglich geworden waren. Die Duka lächelte. Dass die karapakische Regentin ihre Cousine war, war an dieser Entspannung nicht ganz unschuldig. Sie öffnete den Brief. Las ihn verwundert.

Schwester meiner Mutter,

ich schreibe, um Euch um einen Gefallen zu bitten. Mein verstorbener Gatte hat mir eine Tochter hinterlassen, das Kind seiner Ersten Konkubine. Das Mädchen wird in Karapak aufwachsen und leben. Bereits jetzt ist der Thronrat auf der Suche nach einem passenden Ehemann für sie, obgleich sie kaum mehr als elf Regenzeiten zählt. Ich stelle fest, dass ich eine gewisse Sympathie zu dem Mädchen fühle, seitdem ich sie in meine Familie aufgenommen haben. Nach allen Erfahrungen, die ich gemacht habe, widerstrebt es mir, sie, wenn es soweit ist, dass sie heiraten muss, ohne Ausbildung und ohne Schutz aus dem Palast zu schicken. Ich selbst kann eine solche Ausbildung nur begrenzt übernehmen, ich werde vom Thronrat scharf beobachtet. Wäre es eventuell möglich, dass eine der Frauen unserer Sippe zu mir in den Palast kommt und sich um Taephe kümmert? Eine Dienerin und ein Mädchen, das kaum von Bedeutung ist, wird man nicht so scharf kontrollieren wie die Regentin.

Sirit (die immer noch von den Bergen und den blauen Blumenwiesen träumt)

Die Duka starrte auf das Papier. Sirit musste gute Verbindungen haben, dass so ein Brief unbeschadet durch die Zensur und nach Kirsitan kam. Soso, Ausbildung brauchte das junge Prinzesschen. Kirsitanische Ausbildung. Die sollte sie haben, Die Duka sah keinen Grund, einer lieben Verwandten einen kleinen Freundschaftsdienst zu verweigern. Gut, dass man in Karapak ignorierte, dass zur Ausbildung kirsitanischer Frauen auch der Umgang mit Waffen gehörte.

Nur eines machte der Duka Sorgen. Weshalb träumte Sirit ausgerechnet von den blauen Blumenwiesen der Drachenberge?

Sie trat zum Fenster und sah hinaus. Weit hinten gleißten die Eiswipfel der Drachenzahnberge in der Sommersonne. Dort musste mittlerweile der lange Bergwinter auch vorbei sein. Mit einem nicht ergründbaren Unbehagen erinnerte sich die Duka daran, dass um diese Zeit die Bergglockenblumen in den nördlichen Drachenzahntälern zu blühen begannen. Aber das konnte Sirit eigentlich überhaupt nicht wissen.

*

Drei Jahre hatte es gedauert, bis der Südwind wieder seinen Weg in die Drachenzahnberge fand. Drei Jahre, in denen die Sommer zu kühl und die Winter zu lang waren, drei Jahre, in denen die feinen Samen im Boden schliefen. Doch jetzt waren sie erwacht,

Von dem warmen Wind geweckt, entfaltete das Wesen überlange Gliedmaße und machte einen taumeligen Schritt in die neuerdings blaue Bergwiese. Verwundert zog es seinen Fuß wieder zurück, als es die nickenden Blütenköpfe berührte, und beugte sich interessiert hinab. Einen Moment bildete sich an seinem Kopf eine Öffnung, eine lange Zunge schnellte heraus und tastete vorsichtig über die Blüten. Die Zunge verschwand, der Rachen schloss sich wieder, das Wesen hob fragend den Kopf. Der Mann, der mit dem Südwind wieder aufgetaucht war und jetzt näher herankam, sagte freundlich: „Das sind nur Blumen. Pflanzen. Es schadet nicht, wenn man auf ihnen geht.“ Wie zum Beweis seiner Worte machte er ein paar weitere Schritte durch das blaue Blütenmeer und stand nun direkt vor dem Wesen.

Das Wesen sandte eine wortlose Frage.

„Wir sind … verwandt“, sagte der Mann. „Deshalb bin ich bei dir.“

Die Frage wurde drängender.

Der Mann lächelte. „Es gibt so etwas wie Worte, weißt du? Damit kann man Fragen sehr viel genauer formulieren als nur mit Gefühlen. Hier, sieh dir an, wie ich es mache.“ Und er öffnete seinen Geist.

Das Wesen sah, was der Mann tat, und wie er es tat, und eignete sich dieses Wissen an. Dann sandte es erneut eine Frage, dieses Mal aber in Worte gekleidet. Warum bist du alleine hier?

„Die Frau, die dich gebar, ist zu weit fort. Nicht nur das, sie ist zudem völlig unwissend.“

Das Wesen drückte zweifelndes Bedauern aus. Kannst du sie nicht wissend machen?

Der Mann schüttelte den Kopf. „Das hätte eine andere machen müssen.“ In seinem Geist formte sich das Bild einer Frau, die nicht die Frau war, die das Wesen geboren hatte.

Das Wesen zuckte zusammen und zischte.

Der Mann wartete.

Das Wesen beruhigte sich wieder. Bring mich zu jener anderen.

„Willst du das wirklich?“

Ja.

Der Mann sah das Wesen an.

Das Wesen sah den Mann an.

Der Mann seufzte. „Dann wirst du dich noch einmal wandeln müssen“, sagte er. „In eine … gebräuchliche … Gestalt.“

Das Wesen sandte eine wortlose Frage.

Der Mann überlegte kurz. „Die Frau, die dich geboren hat, gebar noch andere Kinder. Deine Brüder. Das gleiche Blut verbindet euch. Taste dich an dem entlang, was dich mit ihr verbindet, bis zu dem, was sie mit deinen Brüdern verbindet. Dann nimm dir ihre Gestalt.“

Das Wesen gehorchte.

Als es fertig war, stand ein nackter Junge von vielleicht acht Wintern auf der Bergwiese. Ein Junge, der die Gestalt seiner Brüder hatte. Ein Junge, dessen Haut und Haare fast so hell waren wie das Gespinst, und dessen Augen farblos waren wie Eis.

Der Junge sandte eine weitere Nachricht.

Wer bin ich?

Der Mann lächelte. „Du bist ihr Sohn. Du bist mein Sprössling. Ich werde dich also ebenfalls als meinen Sohn bezeichnen. Vorerst. Du wirst leben und wachsen und lernen, und irgendwann wirst du deinen wahren Namen finden. Dann wirst du wissen, wer du bist. Bis dahin werde ich dich Grau nennen. Und du wirst lernen müssen, zu reden. Die Menschen werden dich sonst nicht verstehen.“

Einen Moment schien es, als ob der Junge protestieren wollte. Aber aus seinem Mund kam kein Laut. Dann sandte er:

Ich habe Hunger.

Der Mann nickte nur. „Komm.“

Er ging fort, ohne sich umzusehen.

Der nackte Junge trottete hinter ihm her.

Das erste Jahr der Duka

Es kribbelte in ihrem Nacken. Jemand beobachtete sie. Die Duka hielt inne, ihre Hand, die gerade die Schoten abstreifte, sank auf die geflickte Schürze. Sie sah hoch. Und sah genau in ein paar eishelle Augen, die sie einen Moment intensiv musterten und dann schnell abschweiften.

Schon wieder dieser Junge. Die Duka war sich nicht sicher, weshalb, aber irgendwie beunruhigte der Junge sie. Strich ständig um die Koppeln und Hundezwinger, mit einem irgendwie hungrigen Ausdruck.

Der Junge gehörte zu dem Mann aus den Eisbergen, der seit einigen Tagen in der Stadt weilte, um Pelze zu verkaufen. Soviel hatte die Duka bereits herausgekriegt. Die beiden behauptete, Vater und Sohn zu sein, auch wenn sie sich nicht sehr ähnlich sahen. Das heißt, irgendwo waren sie sich schon ähnlich. Nicht im Aussehen, wenn man von ihrer auffallend hellen Färbung absah, vielleicht aber in der Art, wie sie redeten, oder besser gesagt, meist nicht redeten, und wie sie sich bewegten. Die Duka war nicht umsonst, was sie war. Der Mann war gefährlich. Der Junge vermutlich auch.

Die Duka beschloss, die beiden besonders überwachen zu lassen.

Der Junge sah das Mädchen zur Quelle gehen. Sie bewegte sich, als ob sie tanzen wollte, und summte dabei ein Lied. Der Junge mochte das Lied. Langsam schob er sich näher.

Das Mädchen füllte den großen Wasserkrug. Er musste sehr schwer sein, denn als sie ihn hochheben wollte, hielt sie einen Moment inne und setzte ihn wieder ab. Der Junge verhielt unschlüssig. Dann ging er zu ihr „Ich kann dir helfen.“

Das Mädchen sah ihn mit einem nachsichtigen Lächeln an. „Kleiner, du bist kaum halb so groß wie ich. Danke für dein Angebot, aber meine Arbeit mach ich besser selbst.“

Statt zu antworten, griff der Junge nach dem Krug und hob ihn hoch. Es war einfacher, als er gedacht hatte. Der Krug war sogar ziemlich leicht. Der Junge überlegt kurz, dann begriff er. Die Menschen mussten deutlich schwächer sein als seinesgleichen. Was auch immer seinesgleichen war. Er würde entsprechend aufpassen und seine Kraft sparsam einsetzen müssen.

„Oh!“ Das Mädchen sah ihn überrascht an. „Du bist entschieden kräftig für dein Alter. Sag mal, ich habe dich noch nie zuvor gesehen. Zu welcher Sippe gehörst du, und wie heißt du?“

„Ich heiße Grau. Ich gehöre zu keiner eurer Sippen. Mein Vater und ich, wir sind hierher gekommen, um zu handeln.“

Das hatte ihm der Mann eingetrichtert. Nur das sollte er sagen, und sonst nichts.

„Und wer ist dein Vater?“

„Mein Vater ist … mein Vater.“

Ihre Lippen kräuselten sich ein wenig, aber ihre Stimme blieb ernst.

„Dann danke ich dir für deine Hilfe, Grau, Sohn eines namenlosen Händlers.“

Sie ging zurück in Richtung ihres Sippenhauses. Grau trottete nebenher, den Wasserkrug in den Armen.

„Woher kommt ihr überhaupt?“

Grau zuckte mit den Achseln, was mit dem Krug im Arm unbequem war. „Von dahinten, wo die Berge höher sind.“

„Da würde ich gerne einmal hingehen“, sagte sie. „Die Berge sehen so schön aus, wenn die Sonne sie erleuchtet.“

Der Junge dachte an die Berge. Die Berge … waren die Berge. Felsen, die man nicht essen konnte. Was war daran schön?

„Leider hat meine Großmutter es verboten“, fuhr das Mädchen fort. „Sie meint, ich sei noch zu jung, und die Berge seien zu gefährlich.“

„Ich könnte dich begleiten“, bot der Junge an. „Für mich sind die Berge nicht gefährlich. Ich lebe dort. Ich kann dich beschützen.“

Jetzt lächelte sie wieder. „Vielleicht später. Wenn du etwas größer bist. Und wenn ich etwas älter bin. Wenn ich jetzt gehen würde, wäre meine Großmutter zu Recht verärgert. Niemand verärgert meine Großmutter. Ich auch nicht. Schließlich ist sie die Duka.“

Der Junge erinnerte sich an das, was ihm der Mann erzählt hatte.

„Dann werde ich warten“, sagte er. „Vielleicht nächstes Jahr, wenn ich wiederkomme.“

„Vielleicht.“

Sie hatten das Sippenhaus erreicht.

„Willst du mit hereinkommen?“, fragte das Mädchen. „Wir haben gerade einen leckeren Hammeleintopf auf dem Feuer. Du kannst nachher mit uns essen.“

Der Junge zögerte. „Ich glaube, ich sollte erst meinen Vater fragen.“

„Mach das. Ich würde mich freuen, wenn du nachher wieder zu uns kommst.“

Sie nahm ihm den Krug ab. Ihren verkrampften Händen nach musste sie den Krug wirklich sehr schwer finden.

„Übrigens, ich heiße Marle“, sagte sie.

Der Junge lächelte scheu und wandte sich zum Gehen.

„Bleibt ihr länger?“, rief sie ihm hinterher.

Er drehte sich noch einmal zu ihr um. „Keine Ahnung. Mein Vater hat nichts gesagt.“

Grau kam zum Essen. Verblüfft sah Marle zu, wie viel Fleisch der kleine Kerl in sich hinein schaufelte. Der musste doch beinahe platzen!

„Womit handelt ihr eigentlich?“

„Wir haben Pelze. Schöne, warme Pelze.“

„Die würde ich mir gerne einmal ansehen.“ Marle tastete nach dem Pelzbesatz ihres Rockes. Zum Winter wollte sie sich ein neues Tanzkleid nähen.

„Du kannst ja nachher mit zum Markt kommen.“

„Da musst du mich etwas später abholen. Ich muss erst noch hier meine Arbeit erledigen.“

Der Junge nickte nur.

Nach dem Essen trottete er ohne ein weiteres Wort davon.

Marle erhob sich mit einem Seufzer und begann, das dreckige Geschirr nach draußen zum Wasserbecken zu schaffen.

Jemand trat ihr in den Weg. Verblüfft sah sie auf. Großmutter!

„Du wirst ihn nicht wieder treffen.“

Marle sah die Duka überrascht an. „Warum nicht?

„Dieser Junge…“

„Grau“, unterbrach Marle sie. „Er heißt Grau.“

„… dieser Junge könnte gefährlich sein.“

„Großmutter! Er ist vielleicht neun Winter alt, und ich bin fast eine erwachsene Frau! Wie soll mir dieser Junge gefährlich werden?“

Die Duka starrte ihre Enkelin an. „Ich habe ein schlechtes Gefühl bei ihm“, sagte sie schließlich. „Und mein Gefühl hat mich noch nie getrogen. Bleib weg von ihm!“

„Ich habe aber ein gutes Gefühl bei ihm“, trotzte Marle. „Sagst du nicht immer, eine Frau soll ihrem eigenen Urteil vertrauen?“

„Nur, solange sie dabei auch ihren Verstand einsetzt. Was weißt du über den Jungen oder seinen Vater? Vermutlich so viel wie ich, nämlich nichts. Wie kannst du jemandem vertrauen, über den du nichts weißt?“

„Ich weiß, dass er mir geholfen hat. Und dass er ein freundliches Lächeln hat.“

„Das ist nichts. Das ist nur seine Oberfläche. Du weißt nicht, was er denkt, kannst es gar nicht wissen. Er könnte ein Feind sein, der dir bei nächste Gelegenheit mit eben diesem freundlichen Lächeln ein Messer zwischen die Rippen stößt. Du wirst nach mir die Duka sein. Als Duka musst du auch an solchen Möglichkeiten denken. Du darfst dich nicht von einer glatten Oberfläche täuschen lassen. Versprich mir, dass du ihn nicht wieder triffst.“

Marle senkte den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich habe ihm versprochen, mit ihm zum Markt zu gehen. Ich breche mein Versprechen nicht.“

Die Duka spürte den Hauch des Unheils. Fern noch, aber es war da. „Dann versprich mir wenigstens eins, Tochter meiner Tochter. Versprich mir, dass du vorsichtig bist. Dass du weder ihm noch seinem Vater aus dem Ort hinaus folgst. Dass du weder ihm noch seinem Vater Dinge verrätst, die uns gefährden könnten. Versprich mir, dass du deine Zunge hütest und mit deinem Verstand denkst, nicht mit deinem Herzen.“

Marle nickte sehr ernst. „Das verspreche ich, Großmutter.“

Wenn die Großmutter Recht hatte? Marle gab es ungern zu, aber es war tatsächlich etwas Mysteriöses um ihren kleinen Freund und seinem Vater. Sie handelten mit Pelzen aus den Eisbergen. Aber keiner von beiden sah aus wie einer der Eisleute. Und sie erzählten nichts. Alle anderen Händler erzählten von sich, spätestens dann, wenn sie betrunken waren und bei einer der Frauen unter die Decken krochen. Graus Vater trank nicht. Und er kroch auch unter keine Decke.

Marle ging mit Grau zum Markt. Was immer mit seinem Vater war, der Junge schien ihr trotzdem ungefährlich. Nicht nur ungefährlich. Grau war nett. Und im Gegensatz zu den Jungen und Männern ihres Volkes, die fast vor Ehrfurcht erstarrten, wenn die zukünftige Duka das Wort an sie richtete, behandelte Grau sie nicht anders als die anderen Sippenfrauen.

Marle schlug den Rat der Duka nicht in den Wind. Aber sie beschloss, ihn vorübergehend auszusetzen. Zumindest, soweit es den Jungen betraf.

Die Braut

Hinen nannte sich die rundgesichtige Bergfrau in den bunten, weiten Röcken, die mit einem Brief der Duka zu Sirit gekommen war und sich zum Bleiben eingerichtet hatte. Sehr schnell hatte Sirit Hinen davon überzeugt, dass die schwere Kleidung der Berge hier in Karapak eher hinderlich war. Hinen schien erleichtert, als sie sich aus den dicken Stofflagen geschält und ein dünneres karapakisches Kleid angelegt hatte. Erleichtert, aber auch ein wenig irritiert. Sie drehte sich wie ein Kreisel um sich selbst. „Hm“, stellte sie kritisch fest. „Ein wenig hinderlich in der Bewegung. Aber deutlich besser in dieser Wärme. Und es wiegt verdammt wenig. Vermutlich werde ich mich immer wieder überzeugen müssen, dass ich überhaupt etwas anhabe.“

Aber das musste sie nicht. Es dauerte kaum zwei, drei Tage, dann hatte Hinen sich perfekt an die karapakische Kleidung gewöhnt. Sie bewegte sich im Palast, als ob sie nie etwas anderes getan hätte. Nur ihre sehr viel raumgreifenderen Bewegungen, ihre hellen Augen und der schwere Akzent ihrer Sprache verrieten noch, dass sie nicht aus Karapak stammte.

Taephe war begeistert. Eine Frau als Lehrer, eine Lehrerin alleine für sie! Noch dazu eine, die ihr nicht nur langweilige Dinge wie Sticken, Singen und Tee ausschenken beibrachte, wie es die anderen Frauen im Palast versuchten. Außer Sirit natürlich, die lehrte Taephe interessantere Dinge. Aber Sirit hatte immer so schrecklich wenig Zeit.

Hinen dagegen hatte Zeit, schließlich war sie nur Taephes wegen gekommen. Hinen lehrte Taephe kirsitanische Geschichte und kirsitanische Sprache. Hinen lehrte Taephe kirsitanische Bräuche. Und sie lehrte Taephe den Umgang mit Frauenwaffen. Hinen hatte ein kleines Arsenal davon mitgebracht. Auf Sirits Befehl wurde ein kleiner Meditationshof im Sommerharem zum Übungsplatz umfunktioniert, und Sirit sorgte dafür, dass Hinen und Taephe bei ihren Übungen ungestört und unbeobachtet blieben. „Hätte ich nicht zu kämpfen gelernt, wäre ich heute nicht mehr“, hatte die Mutter des Königs als Begründung gesagt. Taephe hätte die Frau am liebsten in den Arm genommen und sich überschwänglich bedankt. Aber das war nicht schicklich. So hatte sie nur vor Sirit gestanden und ein leises „Danke“ gehaucht. Die Mutter des Königs hatte zur Antwort gelächelt.

Hinen war froh, dass sie den Palast nie verlassen musste. Diese riesige, lärmende Stadt da draußen machte ihr Angst. Wie konnten so viele Menschen es nur aushalten, so eng zusammen zu leben?

Verstohlen musterte sie die Nichte der Duka. Sirit war in den letzten Monden dazu übergegangen, eine meelasianische Stirnbinde zu tragen. Die herabhängenden Perlfransen verdeckten weitgehend den Blick auf ihre unheimlichen Spiegelaugen. Die Damen im Palast schwärmten für diese Stirnbinde. Hinen nicht. Immerhin befanden sich Meelas und Kirsitan seit einigen Jahrhunderten in Dauerfehde. Hinen hätte die Scherbenaugen vorgezogen.

„Und wie macht sich Taephe?“, fragte Sirit.

„Sie ist eine intelligente und wissbegierige Schülerin“, gab Hinen zurück. „Ein wenig steif in den Übungen, natürlich. Man merkt, dass sie hier wenig Bewegung hatte. Aber das werde ich im Laufe der Zeit regeln können. Sie ist noch jung genug.“

„Nimm dir nicht zuviel Zeit“, sagte Sirit. „Taephe muss schnell lernen. Ich fürchte, die Männer, die über ihr Schicksal entscheiden können, werden sie nicht mehr sehr lange hier dulden. Bring ihr die wichtigsten Dinge zuerst bei. Zeig ihr, wie sie überleben kann.“

Hinen nickte stumm. Sirit wusste, wovon sie sprach. Ihre Narben legten Zeugnis davon ab.

Taephe hatte Bauchschmerzen. Seit einem Tag schon. Verzweifelt marterte sie ihr Gehirn, was sie falsches gegessen haben könnte. Ihr wollte nichts einfallen. Schon wieder ein heftiger Krampf. Taephe stöhnte auf. Hinen erhob sich und kam zu ihrem Bett. „Was ist los?“, fragte sie. Taephe biss sich auf die Unterlippe. Es war nicht ehrenhaft, Schmerz so deutlich zu zeigen.

Hinen wartete nicht auf eine Antwort. Sie griff nach der dünnen Decke und schlug sie zurück. „Oh!“, sagte sie nur. Dann ging sie mit energischen Schritten zu ihrer Truhe und kramte etwas heraus. Als sie zurückkam, erkannte Taephe einige lange, weiße Stoffstreifen. „Mir scheint, du wirst jetzt eine richtige Frau“, stellte Hinen mit einem Lächeln fest. „Du blutest. Ein warmes Bad wird dir jetzt gut tun. Komm, ich bringe dich hin.“

Taephe rutschte aus dem Bett und nahm dankbar Hinens Arm. Erst jetzt registrierte sie, dass es zwischen ihren Schenkeln nass war, und dass sich auf ihrem Bett ein dicker roter Fleck gebildet hatte.

*

„Das kann nicht Euer Ernst sein!“ Sirit spürte, wie die Ader an ihrer Schläfe pulsierte. Dieser Thronrat! Idiotische alte Männer! Nur die konnten auf eine so schwachsinnige Idee komme. „Taephe hat gerade erst zum ersten Mal geblutet. Sie ist noch viel zu jung! Bei der Göttin! Soweit ich weiß, ist es selbst hier in Karapak üblich, wenigstens eine Regenzeit zu warten, wenn ein Mädchen zur Frau wird, bevor sie verheiratet wird!“

Die Herren des Thronrates hatten noch nicht einmal den Anstand, beschämt auszusehen. „Dieses Mädchen muss so schnell wie möglich aus Inagoros Nähe verschwinden. Sie ist ein Fleck auf seiner Ehre. Je eher sie fort ist und vergessen wird, desto besser. Und wenn wir damit zusätzlich einen unzuverlässigen Mann an den Thron binden können, gewinnen wir doppelt. Abgesehen davon kann dieses Mädchen froh sein, dass sie überhaupt jemand nimmt.“

„Wenn Ihr sie mit dem Mann verheiratet, schickt ihr sie wahrscheinlich geradewegs in den Tod.“

Die Herren des Thronrates reagierten nicht. Lediglich ihr Sprecher zuckte kurz mit den Achseln. „Das hat keine Bedeutung. Sie ist nur die Tochter einer Konkubine.“

Einen Moment lang fühlte Sirit sich versucht, eine der Zeremonialwaffen von der Wand zu greifen und den gesamten Thronrat damit niederzustrecken. Leider war das Staatsrecht auf Seiten der Männer. Sie würde versuchen müssen, ihnen diesen dämlichen Plan auszureden. Oder ihn zumindest abzumildern, irgendwie. Das war sie Taephe schuldig.

Aber Sirit wusste beim besten Willen nicht, wie sie das Taephe beibringen sollte, wenn die Männer auf diesem speziellen Ehekandidaten beharrten.

Am Ende lud sie Hinen und Taephe zu einem Tee. Hinen war vorgewarnt. Gemeinsam brachten sie das Gespräch auf jene Zukunft, die für Taephe außerhalb des Palastes liegen musste. Das Mädchen argumentierte überaus rational. Hinen hatte sie gut unterrichtet.

Sirit musterte die Teeschale unschlüssig. Liebend gerne hätte sie dieses Gespräch zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt geführt. Aber es brachte nichts. Der Kronrat hatte sich bereits vor zwei Tagen endgültig entschieden, und Taephe musste es wissen.

„Was willst du, Taephe? Was siehst du für dein Leben?“

Das Mädchen zögerte kurz. „Verehrte Mutter des Königs, ich bin nur die Tochter einer bedeutungslosen Konkubine.“

„Ja“, sagte Sirit, „und die eines wenig geschätzten toten Königs. Aber“, setzte sie hinzu, „du bist auch die Enkelin Kanatas, eines großen Herrschers aus dem Mehme-Geschlecht, dessen Hand nach Tolor griff und der fast erreicht hätte, dass sich beide Länder vereinen.“

„Wäre Euch das Recht gewesen?“

„Vielleicht. Je nachdem, wer König gewesen wäre.“

Taephes Augen waren dunkel von dem Wissen, das ihre Jahre überstieg. „Inagoro hätte es sein können.“

„Inagoro“, sagte Sirit sanft, „hat die undankbare Aufgabe, aus den Scherben, die sein Vater hinterließ, wieder ein starkes Reich zu schaffen. Du könntest ihm dabei helfen.“

„Wen soll ich heiraten?“

„Wieso …“ Sirit unterbrach sich. Taephe war nicht dumm. Im Gegenteil. Sie setzte erneut an. „Was denkst du, wer dafür infrage kommt?“

Taephes Gesicht verriet nichts. Auch ihre Stimme nicht. Sie zählte die Kandidaten auf, als ob es sich um Diener handelte, die sie zur Arbeit schicken wollte. „Viridase, der Sohn des Prakatori-Grafen, der den Norden und die Handelsschiffe sichert. Fugata, der Sohn Trimikis, der das Delta schützen soll, aber dick und faul und unfähig und bestechlich ist. Tusikomo aus der Pakteri-Sippe, dessen Vater im letzten Wüstenkrieg gefallen ist und der dringend einen Erben braucht und zudem jemanden, dessen Existenz ihn mit dem Königshaus verbindet. Vielleicht auch noch Kohame, den Sohn des erst kürzlich geadelten Schanka aus der Kaufmannsgilde, um diese einflussreiche Gilde zu einer besseren Zusammenarbeit mit dem Königshaus zu bewegen.“

Nicht schlecht. Das Mädchen dachte mit.

„Da ist noch einer“, sagte Sirit. „General Ordunats Sohn. Shioge. Wir hätten allen Grund, das Haus Ordunat wieder zu besänftigen.“

Taephe zuckte zusammen. „Shioge hasst meinen Vater. Er hasst ihn über den Tod hinaus“, sagte sie leise. „Er wird auch mich nicht lieben.“

Hinens Hand wanderte herüber zu Taephe und legte sich auf ihren Arm.

Einen Moment sah es aus, als ob Taephe weinen wollte. Aber sie schluckte nur und senkte den Kopf. „Wann?“

„Der Thronrat will dich noch vor der Regenzeit zu ihm schicken.“

„Wie viele Tage bleiben mir noch?“, fragte Taephe tonlos.

„Vier.“

Jetzt begann Taephe doch zu weinen. Hinen nahm sie in den Arm und strich ihr übers Haar. Sirit erhob sich leise und ging hinaus. Taephe sollte wenigstens in Ruhe weinen dürfen.

*

Da stand er. Shioge.

Wenn Taephe noch irgendwelche Zweifel über die Art ihrer Ehe gehabt hätte, wären sie jetzt verflogen. Ihr zukünftiger Ehemann musterte sie, wie man ein giftiges Insekt musterte. Shioges ganze Haltung zeigte, wie sehr er diese aufgezwungene Ehe als Zumutung betrachtete. Natürlich hatte er sowenig eine Wahl gehabt wie Taephe. Ein Provinzadeliger, der die Tochter eines Königs angeboten bekam, sagte nicht nein. Nicht einmal dann, wenn besagte Tochter die Tochter eines glücklosen, toten Königs und seiner ebenso glücklosen, toten Konkubine war.

Sirit hatte lange genug mit dem Thronrat diskutiert und versucht, das Unheil doch noch abzuwenden. Taephe hatte hinter dem Wandschirm neben ihr gesessen und alles gehört. Sirit hatte mindestens ein Dutzend anderer möglicher Heiratspartner vorgeschlagen. Aber die Herren des Kronrates waren der Meinung, Ordunats Sohn sei der optimale Heiratskandidat für sie. Ein unzuverlässiger, aber einflussreicher junger Adeliger in einer wichtigen militärischen Position wurde damit an den Thron gebunden. Und für eine bessere Partie hätte ihre Abstammung eh nicht gelangt.

Taephe hatte Sirits Gesichtsausdruck bei diesen Worten gesehen. Kurz hatte sie überlegt, ob sie jetzt schon ein Kondolenzschreiben für die Familie des betreffenden Ratsherren ausstellen sollte.

Wie auch immer, die Männer hatten das letzte Wort gehabt. Nicht einmal Inagoros entrüsteter Einspruch hatte geholfen. Plötzlich war er für den Thronrat, der ihn sonst doch immer hofierte, nur ein kleiner Junge, dessen Worte nicht zählten. Inagoro hatte kein Wort mehr gesagt, danach. Aber hinterher war er zu Taephe gekommen, hatte sie umarmt und leise geflüstert: „Große Schwester, ich schwöre dir, wenn es dir in dieser Heirat nicht gutgeht, dann werden die es mir mit ihrem Blut büßen.“ Und in seinen Augen hatte die Liebe gestanden, die ein König von Karapak einer Frau gegenüber niemals äußern durfte.

In Shioges Augen stand alles andere als Liebe. Er bellte schroff nach einer Feder, setzte dann seine Unterschrift auf die Heiratsurkunde, drückte sie dem Hauptmann der Eskorte in die Hand, drehte sich wortlos um und ging in die Burg. Und damit war Taephe Ehefrau.

Mit gesenktem Kopf folgte sie ihrem Ehegatten.

Verdammter Kronrat! Verweichlichter Stadtadel, dicke Kaufleute, senile Ex-Generäle. Nur solche alten Idioten konnten auf die Idee kommen, ihm ausgerechnet die Tochter jenes Königs als Ehefrau anzudienen, der seinen Vater auf dem Gewissen hatte. Vermutlich glaubten die auch noch wirklich, das würde ihn beschwichtigen. Ganz im Gegenteil! Shioge war wild entschlossen, seine Aktivitäten noch auszudehnen. Solange, bis das Haus Mehme vernichtet war. Allzu viele Mitglieder gab es davon ja, der Göttin sei Dank, nicht mehr. Allerdings hatte er jetzt eines davon in seinen eigenen Mauern. Er dachte daran, wie jung dieses Mädchen noch war, zwölf Regenzeiten gerade erst. Jung und zart. Ohne die Mehme Nase hätte sie bestimmt sogar gut ausgesehen.

Die beste Möglichkeit, so ein junges Mädchen unauffällig loszuwerden, war vermutlich, sie so schnell wie möglich zu schwängern. Solche Kindfrauen starben häufig schon bei der ersten Geburt.

Shioge beschloss, seine neue Frau gleich heute Abend aufzusuchen und ihr ein Kind zu machen. Damit konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn die Ehe würde ohnehin erst mit dem Beischlaf endgültig besiegelt.

Taephe wartete in den Räumen, die ihr Ehemann ihr zugewiesen hatte. Sie waren besser als erwartet. Zwei Zimmer für sie, eines für ihre Zofe, und ein eigenes Bad. Shioges Burg lag in den Vorbergen, in dem Grenzzipfel, in dem Meelas, Kirsitan und Karapak aneinanderstießen. Eine strategisch gute und wichtige Platzierung. Vom Fenster aus konnte sie in der Ferne die Gletscher auf den Eisgipfel glitzern sehen. Kaltes, festes Wasser. So ein Wunder würde sie gerne mal zu sehen bekommen. Ob sie wohl ihren Gatten überreden konnte …

Taephe verwarf den Gedanken so schnell wieder, wie er gekommen war. Shioge hatte nicht so gewirkt, als wolle er ihr auch nur den allerkleinsten Gefallen tun. Eher das Gegenteil. Vermutlich tat sie gut daran, überhaupt keine Wünsche zu erkennen zu geben.

Ob Sirit Recht behalten würde? Taephe tastete ihren Haarknoten ab. Ja, alles war an Ort und Stelle. Nervös strich sie ihr ohnehin faltenfreies schweres Brokatgewand noch einmal glatt. Die Sonne berührte bereits den Horizont. Die Gletscher färbten sich rosa. Dann wurden sie dunkelblau. Und dann begann das Licht des Himmels zu erlöschen. Wenn Shioge kommen würde, dann jetzt bald.

Richtig. Kaum eine halbe Kerze später polterten harte Schritte den Flur entlang, und dann stieß jemand die Tür so schwungvoll auf, dass sie gegen die Wand krachte. Taephe blinzelte in der plötzlichen Helligkeit.

„Was sitzt du hier im Dunkeln, dummes Gör!“, schnauzte ihr Ehegatte und hob den mehrarmigen Kerzenleuchter, den er in der Hand hielt. „Lass sehen. Ich will wissen, was ich mir eingehandelt habe.“

Taephe trat stumm in die Mitte des Raumes.

„Worauf wartest du? Zieh dich aus!“

Taephe zuckte zusammen. Ihre Unterlippe begann zu zittern. Es war genauso, wie Sirit und sie es befürchtet hatten. Aber sie sagte nichts, löste nur langsam die Bänder ihrer Kleidung. Der schwere Stoff sackte zu Boden und bauschte sich um ihre Füße. Ihr war plötzlich kalt, und sie hob die Arme.

„Arme runter!“, schnauzte ihr Ehegatte. „Ich hab’ doch gesagt, ich will dich ansehen! Wie soll ich das wohl tun, wenn du die Arme nicht stillhältst! Und jetzt dreh dich gefälligst, ich will sehen, ob du überall intakt bist.“

Jetzt traten Taephe doch Tränen in die Augen. Sie blinzelte sie krampfhaft weg und drehte sich, wie ihr Gatte es befahlen hatte. Als sie ihn wieder ansah, nickte er. „Zumindest ist der Rest von dir nicht so hässlich wie deine Nase.“ Er stellte den Kerzenleuchter auf einer Truhe ab und kam zu ihr. Mit einer Hand griff er unter ihr Kinn. Seine Hand war rau und schwielig. Die Hand eines Soldaten. „Ich werde meine Pflicht erfüllen. Du wirst deine Pflicht erfüllen. Sobald du schwanger bist, lasse ich dich in Ruhe. Also gib dir Mühe.“ Er stieß sie in Richtung auf das Bett.

Taephe wankte zurück, verhedderte sich in ihren Kleidern und fiel zu Boden. Sie konnte gerade noch einen Schmerzenslaut unterdrücken. Er stand nur da und beobachtete sie. Um seinen Mund spielte ein kaum wahrnehmbares, spöttisches Lächeln. Taephe rappelte sich wieder auf und ging zu dem Bett. Sie setzte sich auf den Rand.

Er schnob irritiert. „Was glaubst du, was wir machen wollen? Bestimmt nicht auf der Bettkante sitzen und Händchen halten!“ Mit zwei langen Schritten war er bei ihr. Schon nestelten seine Hände unter seinem Gürtel.

Genau darauf hatte Taephe gewartet.

Shioge erstarrte. Er konnte fühlen, wie seine Erektion sich in nichts auflöste, während er auf die bedrohlich glänzende Spitze starrte, die sich fast in seinen Bauch bohrte. An einer Stelle, wo sie vermutlich ein lebenswichtiges Organ treffen würde. Shioge kannte sich damit aus. Schließlich war er Soldat. Wie bei den Sandgeistern hatte die kleine Schlange einen Dolch hier herein schmuggeln können? Und was hatte sie jetzt vor? Wollte sie ihn abstechen?

Das Mädchen musterte ihn, ohne eine Miene zu verziehen. „Es ist richtig“, sagte sie, „Ihr seid mein Ehegatte, und es ist meine Pflicht, das Lager mit Euch zu teilen und Euch Kinder zu gebären. Genauso, wie es übrigens Eure Pflicht ist, so lange darauf zu warten, bis ich zu Letzterem tatsächlich imstande bin. Nicht zu Euren Pflichten gehört, mich dazu zu zwingen vor der Zeit.“ Sie verstärkte den Druck. Shioge konnte die Spitze des Dolches in seinem Fleisch fühlen. „Ich nehme an, dass Ihr in der Freude über Eure Heirat einfach vergessen habt, wie jung ich noch bin. So, wie ich vergessen werde, was heute Abend hier beinahe geschehen ist. Ich nehme an, Ihr seid damit einverstanden?“

Shioge nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Es brachte nichts, mit einem blanken Dolch zu diskutieren.

„Ich schlage Euch etwas vor, mein Gemahl.“

Jetzt lächelte diese kleine Wildkatze tatsächlich noch. Shioge hätte sie mit dem größten Vergnügen erwürgen können.

„Ihr werdet mich in Ruhe lassen. Sobald ich entscheide, dass ich alt genug bin um Euer Lager zu teilen, werde ich es Euch wissen lassen. Dann könnt ihr mir unverzüglich ein Kind zeugen, so Euch gerade danach ist. Seid Ihr einverstanden?“

Shioge presste ein wütendes „Ja!“ hervor.

„Schwört es mir. Bei der Ehre Eurer Familie.“

Shioge zuckte zusammen. „Du wagst es …“

Der Druck des Dolches wurde stärker. „Bei der Ehre Eurer Familie. Ich weiß genau, wie wichtig Euch diese Ehre ist, und glaubt mir, ich will sie nicht zerstören.“

Auch wenn er immer noch Mordgelüste hegte, Shioge glaubte ihr. Die Augen des Mädchens strahlten Ehrlichkeit aus. Nun gut, dann würde er sie vorerst in Ruhe lassen. Nicht, dass er eine Wahl hatte. Der Dolch sprach eine zu deutliche Sprache.

„Ich schwöre es beim Namen meines Vaters und der Ehre meiner Familie!“, zischte er.

Sie senkte den Dolch und lächelte. Das Lächeln machte sogar dieses verhasste Mehme-Gesicht schön. „Dann wünsche ich Euch eine angenehme Nacht, mein Gemahl.“

Shioge kapitulierte und verließ schleunigst das Zimmer. Soviel wusste er sicher, diesen Teil seiner Burg würde er in der nächsten Zeit meiden.

Taephe sah ihrem Gemahl nach. Dann tat sie einen tiefen, erleichterten Atemzug. Sie hatte Zeit gewonnen. Jetzt musste sie das Beste aus dieser Zeit machen.

Sie griff nach ihrem Haar, drehte die Strähnen wieder fest, die sich vorhin gelöst hatten, und steckte den Dolch wieder zwischen den Haarnadeln in den dicken Haarknoten hinein. Hinen hatte Recht gehabt. Das war das einzige Versteck, auf das sie im Ernstfall zurückgreifen konnte.

Hinen.

Taephes Herz war schwer, als sie an ihre Freundin dachte. Hinen hatte es vorgezogen, wieder nach Kirsitan zu gehen. „Shioge lebt an der Grenze“, hatte Hinen gesagt. „Die Leute dort kennen uns in erster Linie als Feinde. Es wäre nicht gut für dich, wenn ich dort mit dir auftauche.“

Wahrscheinlich hatte Hinen Recht, wie immer. Taephe vermisste sie trotzdem.

Shioges Burg war interessant. Taephe stellte recht schnell fest, dass eine Frau auf so einem Außenposten bedeutend mehr Freiheiten hatte als im Palast. Die Dienerin hatte sie verblüfft angesehen, als sie gefragt hatte, ob sie mal in den Garten gehen dürfe. „Aber es ist doch Eure Burg!“, hatte sie gesagt.

Der Garten war nur ein kleiner Küchengarten. Kein Vergleich mit dem Palastgarten. Aber er lag vor den Mauern der Burg, und sie konnte von hier aus ungehindert über die Weite der Landschaft sehen. Und niemand schalt sie, wenn sie selbst eine Schaufel in die Hand nahm oder ein Pflänzchen anband.

Auch sonst schien es keinen Raum zu geben, der ihr als der Gemahlin des Burgherren nicht offenstand. Hätte sie einen anderen als Ehemann bekommen, hätte Taephe vielleicht sogar hier glücklich werden können. Aber ihr war bewusst, dass es nur ein Glück auf Zeit war. Früher oder später musste sie ihrem Ehemann den Beischlaf erlauben. Taephe war durchaus bewusst, wie hoch das Risiko war, bei einer Geburt zu sterben, und Shioge hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er das überaus billigend in Kauf nehmen würde, solange sie nur seine Kinder gebar.

Taephe dachte an das kleine Kräuterbündel, das Hinen ihr gegeben hatte.

Die Bergfrauen wussten, wie man Schwangerschaften verhinderten.

Natürlich war das keine Dauerlösung, irgendwann musste sie schwanger werden, sonst würde ihr Gatte sie als unfruchtbare Frau verstoßen und zur Dienerin degradieren. Das wollte Taephe ganz bestimmt nicht.

Aber sie wollte auch nicht dauernd schwanger sein, bis sie draufging wie eine Zuchtkuh, die am Ende ihrer produktiven Zeit nur noch für den Schlachter taugte.

Es musst einen Mittelweg geben. Es musste einfach.

*

Da draußen schimpfte jemand ganz fürchterlich. Eine Frau, deren Stimme Taephe nicht kannte. Taephe hörte Stimmengewirr und Männerlachen. Die Stimme der Frau überschlug sich jetzt fast. „Dummer Mann!“, schrie sie. „Ich schneide dir die Eingeweide heraus und lasse dich vor dem Tor daran baumeln!“

Die Drohung klang ernst gemeint. Und, wie Taephe jäh bewusst wurde, sie wurde auf Kirsitanisch ausgesprochen. Da draußen bahnte sich offensichtlich Unheil zusammen. Taephe eilte zur Tür und trat in den Hof.

Eine kleine Gruppe von vier kirsitanischen Frauen und drei Männern stand dort neben einem kleinen Karren mit Handelswaren. Um sie herum hatte sich fast die halbe Burg versammelt. Die Leute lachten und zeigten mit den Fingern auf ihre Besucher.

Taephe steuerte zielsicher in ihre Mitte. „Was ist hier los?“, verlangte sie zu wissen.

Der Oberst der Burgwache, der seine Burgherrin erkannte, verbeugte sich kurz, aber ehrerbietig. „Diese Leute sind zum Handeln hierhergekommen“, sagte er. „Aber sie scheinen nicht zu verstehen, was wir mit ihnen handeln wollen. Koro versucht sein einer halben Kerze, ihnen begreiflich zu machen, dass er diese kleine Puppe für seine Tochter erwerben will.“ Er zeugte auf eine kleine geschnitzte Figur, die vorne an dem Karren baumelte.

Taephe besah sich das Objekt des Streites. Kein Wunder, dass die Kirsitaner so erbost waren! „Ich fürchte, Koro hat sich ein sehr schlechtes Handelsobjekt ausgesucht“, sagte sie. „Das ist ein Rigitarat. Eine Statue des Glücksgottes. Keine Puppe, und ganz sicher kein Handelsgut, oder würdet Ihr einem Fremden eine Statue Eures Hausgottes verkaufen wollen?“

Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich gleich auf Kirsitanisch an die Händlerin, die mit hochrotem Kopf dastand und deren Hand bereits auf dem Dolchgriff lag. „Verzeiht meinen Leuten, Meisterin. Sie sind leider schrecklich unwissend. Es war dumm, dass sie Euch derart bedrängten, und ich entschuldige mich für sie. Wäret ihr geneigt, als Ausdruck meines Bedauerns einen Ballen Seide zu akzeptieren?“

Die Händlerin atmete sichtlich auf, als sie die kirsitanische Sprache hörte. „Werte Frau“, sagte sie und neigte leicht den Kopf, „es ist eine Wohltat, zu sehen, dass wenigstens eine Person in dieser Burg Verstand und Verständnis zeigt. Ich nehme Eure Entschuldigung an und werde mit Freuden weiter meinen Geschäften hier nachgehen.“

Taephe nickte und wollte gerade gehen, um den versprochenen Ballen Seide aus ihrer Aussteuerkiste zu holen, als ihr Blick auf ihren Gatten fiel. Shioge stand oben auf der Treppe, die zur Haupthalle führte, und mustere sie mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte. Taephe überlegte kurz. Nein, sie war sich sicher, alles richtig gemacht zu haben. Mit hocherhobenem Kopf eilte sie an ihm vorbei und in die Burg.

Welcher Ballen war angemessen? Die blaue Seide nicht, das war die Farbe ihres Hauses, die durfte sie nicht fortgeben. Rot war die Farbe Tolors, und Tolor hatte bestenfalls einen halbherzigen Waffenstillstand mit Kirsitan. Blieb nur Grün oder Gelb. Taephe entschied sich für einen Ballen mit gelben Blumen. Hinen war immer fasziniert gewesen von der Vielfalt karapakischer Blumen.

„Eine gute Wahl für einen schlechten Anlass.“

Taephe ließ fast den Ballen fallen. Sie drehte sich um. Ihr Gatte stand in der Tür.

„Verzeiht“, murmelte Taephe. „Ich weiß, dass es sich für eine Frau meines Standes nicht gehört, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es ist Euer Recht, mich zu tadeln.“

Seine Augenbrauen rutschen hoch. „Eigentlich hatte ich das genaue Gegenteil vor. Es war genau richtig von Euch, einzugreifen. Diese kirsitanischen Frauen messen dem Wort einer anderen Frau ohnehin mehr Bedeutung zu als dem Wort eines Mannes. Überdies hat es mich angenehm überrascht, dass Ihr Euch die Mühe gemacht habt, die kirsitanische Sprache zu lernen. Vielleicht habt Ihr ja doch noch einen Wert für mich.“

Mit diesen Worten drehte Shioge sich um und ging wieder. Taephe schaute ihm reglos nach. Wenn sie das richtig verstanden hatte, waren soeben ihre Chancen, die kommenden Monde lebend zu überstehen, deutlich gestiegen. Sie konnte Sirit und den Göttern dankbar sein, dass sie Hinen gehabt hatte.

Das zweite Jahr der Duka

„Marle!“

Die junge Frau fuhr mit fliegenden Röcken herum. Ein Leuchten glitt über ihr Gesicht „Grau! Du bist wieder zurück!“ Sie umarmte den Jungen, der mit ein paar langen Schritten bei ihr war. „Du bist ordentlich gewachsen im letzten Winter! Du siehst mindestens drei Winter älter aus!“

„Du bist kaum gewachsen“, gab der Junge zurück. Er musterte sie von oben bis unten. „Aber du siehst auch irgendwie anders aus.“

Marle lachte auf. „Natürlich sehe ich anders aus! Ich trage jetzt lange Röcke! Ich bin jetzt eine Frau!“

„Ist man eine Frau, wenn man lange Röcke trägt?“

„Grau! Unter welchem Stein lebst du eigentlich? Natürlich nicht! Ein Mädchen wird eine Frau, sobald sie ihre erste Mondblutung hat. Und als Zeichen, dass ich eine Frau bin, darf ich die langen Röcke tragen.“

„Was ist eine Mondblutung?“

Marle schüttelte irritiert den Kopf. „Das sollte dir deine Mutter erklärt haben.“

„Meine Mutter ist sehr weit weg. Ich habe sie seit meinem ersten Jahr nicht mehr gesehen.“

Graus Stimme klang sachlich, aber Marle fühlte trotzdem, wie sich ihr Herz zusammenzog. Er war ohne Mutter aufgewachsen! Kein Wunder, dass er sich manchmal merkwürdig benahm. Vielleicht war es das, was die Duka so an dem Jungen irritierte. „Komm“, sagte sie. Ich habe Beerenkuchen gebacken. Du magst doch bestimmt ein Stück.“

Der Mann und der Junge waren wieder da. Die Duka konnte nicht sagen, warum, aber irgendwie hatte sie damit gerechnet. Der Junge war deutlich gewachsen. Unnatürlich schnell. Entweder er war von vornherein älter gewesen, als er ausgesehen hatte, oder … Die Duka war sich nicht sicher, was dieses „oder“ war, aber sie spürte, dass es sie beunruhigte.

Dieses Mal hatte der Junge sich gleich an seinem ersten Tag in Ganen an Marle gehängt. Im letzten Jahr war nichts passiert. Überhaupt nichts. Der Mann, der, wie er sagte, sein Vater war, hatte noch nicht einmal versucht, die Sippenfrauen beim Handel zu betrügen, wie die anderen Händler. Und trotzdem konnte die Duka das Gefühl einer Bedrohung nicht abschütteln.

Sie beschloss, Marle ordentlich zu beschäftigen. Es wurde Zeit, dass das Mädchen lernte, wie vielfältig die Pflichten einer Duka waren. Natürlich würde das auch bedeuten, dass Marle kaum Zeit finden würde für den fremden Jungen. Ausgesprochen nicht bedauerlich.

Marle hatte die Nase gestrichen voll. Der Sommer war ohnehin nur kurz, und die warmen Sonnentage selten. Wieso bestand ihre Großmutter darauf, dass sie ausgerechnet jetzt Handelsverträge studierte und Listen schrieb? Konnte das nicht bis zum Winter warten?

Aber alles Ärgern half nichts. Niemand würde ihr diese Arbeit abnehmen. Marle biss die Zähne zusammen. Sie würde in nicht allzu ferner Zeit die Duka sein. Das bedeutete, ihre Pflichten waren wichtiger als ihre Wünsche. So oft hatte die Duka ihr das schon gesagt. Sie würde ihrer Großmutter beweisen, dass sie ihre Pflichten ernst nahm. Marle schrieb die Liste weiter.

Eine Kerze später war die Liste endlich fertig. Und die Sonne schien noch immer. Die Duka war nicht zurückgekommen, um ihr weitere Aufgaben zu geben, und Marle beschloss, sich lieber nicht bei ihr zu melden. Sie war fertig, und damit gestattete sie sich selbst, frei zu machen. Es würde noch gut und gerne drei Kerzen lang hell bleiben. Nicht genug, um in die Felsen zu steigen und den Adlern zuzusehen. Aber genug, um zum Wasserfall zu reiten und ein wenig zu schwimmen.

Das Wasser war kalt, wie immer. Sie genoss es, von dem sauberen, klaren Nass umspült zu werden. Noch mehr genoss sie es, anschließend auf dem flachen Uferfelsen zu liegen und sich von der Abendsonne wieder aufwärmen zu lassen.

Ein Schatten fiel über sie. „Geh fort, du nimmst mir die Sonne“, murmelte Marle. Im nächsten Moment fuhr sie erschrocken hoch. Sie hatte niemanden kommen hören!

Vor ihr stand der Junge und sah sie mit seinen eisfarbenen Augen an. Unwillkürlich fuhr Marles Hand zu ihrer Brust. Dann ließ sie sie wieder sinken. Das war lächerlich. Die Männer ihres Volkes wussten alle, wie eine nackte Frau aussah. Und dieser Junge hatte sie ohnehin schon lange genug betrachten können. „Was ist?“, fragte sie etwas ungnädig. „was willst du?“

Der Junge wich einen Schritt zurück, als ob er sich fürchtete. Aus seinem halboffenen Mund drang ein leichtes Fauchen.

„Schon gut“, murmelte Marle. „Du hast mich nur etwas irritiert. Schleichst du dich immer so leise an?“

„Eine Beute bekommt man nicht, wenn man laut ist“, erklärte der Junge.

„Das ist richtig, aber ich bin keine Beute.“

Der Junge legte den Kopf schief. „Ich weiß nicht.“

Einen Moment hatte Marle den Eindruck von Gefahr. Dann verging dieser Moment. Sie bückte sich, griff nach ihrer Kleidung und begann, sich wieder anzuziehen.

„Lass das!“

Eine Hand hatte ihren Arm gefasst. Marle versuchte, die Hand abzuschütteln. Aber so klein der Junge auch war, er hatte anscheinend Bärenkräfte. „Aua! Du tust mir weh, was soll das?“

„Ich mag dich lieber ansehen, wenn du keine Kleidung trägst.“

Marle versuchte erfolglos, sich aus dem festen Griff zu winden. „Ich friere. Ich will mich anziehen. Lass mich!“

Der Junge berührte jetzt mit der anderen Hand ihren Bauch. Dann betastete er ihre Brust. Und dann fuhr seine Hand nach unten, zwischen ihre Schenkel. Marle erstarrte. Dann begann sie, sich aus Leibeskräften zu wehren. Der Griff des Jungen wurde fester, und Marle spürte, wie etwas in ihrem Arm splitterte. Wie Feuerlohe schoss der Schmerz in ihren Körper. Mit einem schrillen Aufschrei brach sie zusammen.

„Lass sie los!“

Wie durch einen fernen Nebel hörte Marle die fremde Stimme. Die Stimme eines Mannes. Der Klammergriff um ihren gebrochenen Arm löste sich. Sie sackte zu Boden. Der Aufprall schmerzte höllisch. Pfeifend entwich die Luft zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen.

„Sie ist einfach zerbrochen!“

Die Stimme des Jungen klang eher erstaunt als bestürzt.

„Ich habe dir doch gesagt, rühr keinen Menschen an! Du bist noch zu jung, um deine Kraft richtig einzuschätzen.“

Die Stimme des Mannes klang jetzt nahe. Es hörte sich nicht so an, als ob er den Jungen schelten würde. Seine Stimmt klang so sachlich, als würde er einen Zaunpfosten diskutieren.

Erneut griff eine Hand nach ihr, dieses Mal sanfter. Marle wimmerte trotzdem.

„Ruhig!“ Eine zweite Hand legte sich auf ihre Stirn. Marle spürte, wie der Schmerz sich zurückzog. Dafür verspürte sie jetzt Angst. Was hatten diese Fremden mit ihr vor?

„Du brauchst keine Angst vor uns zu haben.“ Die Stimme des Mannes klang jetzt so wie die Duka, wenn sie auf ein widerspenstiges Fohlen einredete. „Keiner von uns wird dir etwas tun. Wir sind verwandt, kleine Menschenfrau, auch wenn du das nicht weißt. Dein Leben ist nicht in Gefahr. Keiner von uns würde eine Verwandte töten wollen. Keine jedenfalls, die uns nichts getan hat. Abgesehen davon“ – jetzt klang seine Stimme leicht spöttisch – „wird man dich noch brauchen. Später.“

Jetzt packte er ihren Arm mit beiden Händen, zog daran. Es hätte schmerzen müssen, aber alles, was Marle fühlte, war ein dumpfes Brennen. Dann verschwand auch das.

„Wie neu“, murmelte der Mann zufrieden. Dann berührte seine Hand wieder ihre Stirn. „Am besten, du vergisst, was heute hier geschehen ist.“

Marle wollte nicht vergessen. Sie wollte aufbegehren, fragen … was wollte sie fragen? … wen wollte sie fragen?

Verwirrt schlug sie die Augen auf. Wieso stand die Sonne schon so tief?

Verwundert bemerkte sie, dass sie bereits ihr Unterkleid trug. Merkwürdig. Marle konnte sich gar nicht daran erinnern, dass sie sich schon soweit angezogen hatte. Irritiert sah sie sich um. Die Felsen rund um den Wasserfall wirkten friedlich wie immer. Trotzdem hatte der Ort plötzlich etwas an sich, das ihren Nacken kribbeln ließ.

So schnell sie konnte, zog Marle sich komplett an und ritt wieder nach Hause.

Der Wasserfall war ihr verleidet. Für den Rest des kurzen Sommers besuchte sie ihn nicht mehr.

Offensichtlich hatte ihre Taktik Erfolg gehabt. Die Duka vermerkte zufrieden, dass Marle sich in diesem Sommer nicht mehr mit dem Sohn des Händlers abgab. Wie ihre eigene Mutter immer gesagt hatte: Mit dem Alter kommt die Vernunft.

Trotzdem blieb immer noch das Problem, das der Mann für sie selbst darstellte. Sie hatte so rein gar nichts über ihn in Erfahrung bringen können. Es nagte an der Duka. Irgendetwas stimmte nicht mit den beiden. Sie kriegte bloß nicht heraus, was.

Das letzte Jahr der Duka

Auch im nächsten Jahr kam der Händler mit seinem Sohn wieder nach Ganen. Die Duka sah zu, dass Marle sehr beschäftigt war. Was ihr leichtfiel, denn dieser Sommer war außergewöhnlich warm und fruchtbar. Die Duka konnte sich nur an einen einzigen Sommer in ihrem Leben erinnern, der ähnlich gewesen war. Diesem Sommer damals war ein besonders harter Winter gefolgt. Die Duka hielt die jungen Frauen an, so viele Vorräte wie möglich einzulagern.

Die Herden waren so fruchtbar wie die Gärten. Im Spätsommer mussten die Hirten mit den Herden auf die höher gelegenen Weiden ziehen, da die unteren Weiden schon abgegrast waren. Sie begannen von verschwundenen Tieren zu berichten. Es gab kaum Spuren von Raubtieren. Sie fanden auch keine Kadaver abgestürzter Tiere. Die Ziegen verschwanden einfach. Hier eine, dort eine. Es fiel wenig auf, weil die Herden ja so viel Nachwuchs hatten.

Die Duka glaubte ein Muster zu erkennen, auch wenn sie es nicht benennen konnte. Sie hielt die Hirten an, besonders wachsam zu sein.

Der kurze Bergherbst brach an. Die Hirten bereiteten die Herden für den Abtrieb vor. Noch hatten sie ein paar Tage Zeit, die Hornziegen fürchteten den Schnee nicht.

*

Kreisende Totenvögel in der Ferne. Wo die Totenvögel kreisten, musste Aas liegen. Der Riss eines Berglöwen? Der Hirte befahl seinem jungen Assistenten, die Herde zusammenzutreiben und zurück zum Pferch zu bringen. Dann nahm er seinen Speer und ging in Richtung der Totenvögel.

Der Ort, den die Totenvögel angezeigt hatten, lag verhältnismäßig nahe. In der Luftlinie. Der Hirte musste drei Täler hinab und drei Berghänge wieder hinaufsteigen, bevor er den Grat erreichte, hinter dem das Aas liegen musste. Irritiert blieb er stehen. Das sah weder nach einem Schaf noch nach einer Ziege oder einem Pony aus. War das doch kein Raubtierriss? Aber ein verunglückter Mensch war es auch nicht, dann hätte dort unten auch Kleidung liegen müssen. Der Hirte begann, den Hang hinabzusteigen. Je tiefer er kam, desto merkwürdiger wirkte die Stelle. Die Fleisch- und Knochenreste, neben denen die Totenvögel in kleinen Gruppen saßen, waren zu weit voneinander entfernt. Und auf einem größeren, relativ flachen Felsbrocken mitten dazwischen waren kleinere Felsstücke geschichtet.

Der Hirte zögerte, gab sich dann aber einen Ruck. Es brachte nichts, wenn er hier halbe Arbeit leistete. Er ging zu dem Felsbrocken. Als er ihn halb umrundet hatte, erkannte er, dass die darauf aufgeschichteten Steine eine Höhlung bildeten. Und in dieser Höhlung lag etwas.

Der Hirte brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er sah. Entsetzt taumelte er einen Schritt zurück. Unter seinem Fuß knackte es. Er sah unwillkürlich herab. Die Finger einer Hand sahen unter der Sohle seines Stiefels hervor.

Es waren schmale, zierliche Finger.

Der Hirte drehte sich um und lief, als ob ihm tausend Windgeister auf den Fersen waren. Als er nicht mehr laufen konnte, hielte er inne, stützte sich auf einen Felsen und erbrach sich.

*

„Du bist dir sicher?“, fragte die Duka.

Der Mann nickte verkniffen.

„Ein Opferritual“, sagte die Duka leise. „So wie früher …“

„Aber doch nicht hier bei uns!“, begehrte der Mann auf.

„Nicht hier bei uns“, bestätigte die Duka. „Aber mir scheint, wir haben nicht genügend aufgepasst. Offensichtlich sind die aus den Nordbergen in den letzten Jahrzehnten weiter nach Süden gewandert, als wir gedacht haben. Sie verstehen sich darauf, die Eisleute. Sie sind wie Schatten. Will man sie aufhalten, fließen sie einem zwischen den Fingern weg. Meist merkt man noch nicht einmal, dass sie überhaupt da sind.“

„Aber warum dann das Ritual?“, fragte der Mann. „Sie müssen doch wissen, dass sie sich damit verraten.“

„Dieses Ritual ist nur zu einem gut“, sagte die Duka. „Und wir Alten wissen, was das ist. Ruf die Versammlung ein. Sofort. Sag deinen Schwestern und Brüdern, die Frostgeister sind erneut in den Drachenzahnbergen erwacht.“

Eine Kerze später waren alle Sippenmütter von Ganen versammelt, und mit ihnen die meisten Frauen der Sippen.

„Falls ihr es noch nicht gehört habt“, sagte die Duka ohne große Einleitung, „die Frostgeister sind zurück.“

Unruhiges Murmeln lief durch die Reihen.

„Seit dem Bann hat niemand mehr Frostgeister in den Drachenbergen gesehen“, sagte Kea. „Die Zauberer haben sie ausgerottet. Es gibt sie nicht mehr. Das wissen wir doch!“

„Das haben wir nur immer gedacht. Oder vielmehr, gehofft“, sagte die Duka. „Aber heute wurden Spuren der Eisleute gesichtet.“

„Unmöglich! Die kommen nie so weit in den Süden. Die fürchten doch, dass ihre Ahnengeister sauer sind, wenn sie das Eis verlassen.“

„Ja, sie fürchten die Ahnengeister“, stimmte die Duka zu. „Aber sie fürchten die Frostgeister mehr. Wenn die Eisleute in die niederen Berge kommen, tun sie das nur aus einem einzigen Grund: Weil sie vor den Frostgeistern weichen.“

Kea bewegte sich unbehaglich. „Hat jemand von uns sie gesehen oder gesprochen?“

„Schlimmer“, sagte die Duka. „Wir haben eine ihrer Opferstätten gefunden. Gerade drei Bergrücken entfernt von den Herbstweiden. Und das Opfer war frisch.“

Erneut lief Murmeln durch die Reihen. Dieses Mal klang ein ängstlicher Unterton darin.

„Was wurde geopfert?“ Das war Wihan, eine der jungen Frauen.

Kea öffnete bereits den Mund, um sie zu tadeln, aber die Duka hob die Hand. „Wihan hat Recht, es ist wichtig, was geopfert wurde. Oder vielmehr, wer. Die Eisleute haben eine junge Frau geopfert.“

Kollektives Aufstöhnen.

Eine junge Frau war das Wertvollste, was die Stämme in den Bergen hatte. Wenn die Eisleute es für nötig hielten, ein so großes Opfer zu bringen, dann mussten sie sich wirklich fürchten.

„Die anderen Siedlungen müssen gewarnt werden“, sagte die Duka. „Morgen werden wir Boten an alle losschicken. Die Boten sollen zudem die Sippenältesten der anderen Siedlungen hierher rufen. Wir müssen noch vor dem Schnee eine Versammlung abhalten und besprechen, was wir tun können. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wenn der Schnee uns überrascht, bevor wir unsere Vorbereitungen beenden konnten, wird es in diesem Winter viele Tote geben.“

„Und wenn wir uns irren? Wenn das Opfer nicht den Frostgeistern gilt?“ Tobe aus der Südwand-Sippe beugte sich vor. „Dann vergeuden wir umsonst unsere Ressourcen. Die Frostgeister sind vielleicht nur Geschichten. Niemand hier hat je welche gesehen.“

„Nicht die Frostgeister selbst“, stimmte eine Frau aus der Blaugras-Sippe zu. Furcht lag in ihrer Stimme. „Aber vielleicht habe ich bereits ihre Spuren gesehen.“

Damit hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller.

„Vor acht Tagen hat es bei uns den ersten Schnee gegeben. Ein bisschen früh in diesem Jahr, aber ihr wisst ja, zu uns kommt der Schnee immer ein wenig früher als hier in Ganen. Ich bin losgeritten, um unsere Ziegen in den Stall zu bringen. Dabei fand ich die Überreste eines karapakischen Händlers in der Südschlucht. Zuerst dachte ich, er wäre mit seinem Wagen abgestürzt. Ich stieg hinab, um zu sehen, ob noch etwas Brauchbares von seinen Waren übrig war.“

Sie schluckte nervös.

„Ich sah, was von seinen Ochsen übrig war. Und von ihm. Danach dachte ich nicht mehr an seine Waren. Die Tiere und der Mann sahen aus, als ob etwas sie in kleine Stücke gerissen hatte. Viele Teile fehlten ganz.“

Sie schluckte erneut.

„Dann sah ich seinen Kopf. Der Hinterkopf hatte ein großes Loch. Ich konnte sehen, dass das Gehirn darin fehlte. Sein Gesicht war fast unversehrt. Fast. Die Augen waren fort. Etwas hatte sie aus den Höhlen gerissen, ohne auf dem Rest seines Gesichtes auch nur einen Kratzer zu hinterlassen. Seine Züge waren verzerrt, so, als ob er etwas gesehen hatte, das ihn in allergrößten Schrecken versetzt hatte. Ich … ich bin fortgelaufen so schnell ich konnte.“

Die Frau, die neben ihr saß, nahm sie in ihre Arme und streichelte sie beruhigend.

Die Duka seufzte. „Glaubt immer noch wer, dass die Frostgeister nichts sind als Geschichten? Mir scheint, diese Warnung kam gerade noch rechtzeitig. Die Versammlung der Ältesten aller Siedlungen wird einberufen!“

Dieses Mal kam kein Einwand mehr.

Die Sippenältesten aller Siedlungen trafen sich in der Halle der Worte. Solange die Duka dem Land vorstand, hatte es ein solches Ereignis nicht mehr gegeben. Das letzte Mal … Das letzte Mal hatte ihre Großmutter die Sippen geführt, und die Versammlung hatte beschlossen, Mirsken nach Tolor zu schicken und durch ihre Heirat mit dem tolorischen König das Bündnis zwischen beiden Völkern zu besiegeln. Die Duka mochte die Halle der Worte nicht. Ganz offensichtlich diente sie nur dazu, schlechte Entwicklungen in ihrem Leben zu bestätigen. Damals hatte sie ihre Schwester an die Tolorier verloren. Heute musste sie ihrem Volk beibringen, dass ein alter Krieg wieder aufgeflammt war.

In der Zwischenzeit hatten sie vier weitere tote Händler gefunden.

Die Händler wussten nichts von dem Tod, der mit dem Frost kam. Niemand hatte sie gewarnt.

Ihr eigenes Volk war gewarnt. Noch hatte es unter den Sippen keine Toten gegeben. Aber es gab nur eines, dass die Frostgeister auf Distanz halten konnte: Feuer. Und es gab kaum Holz in den Bergen. Der Dung der Tiere wurde bereits für die Feuer in den Sippenhäusern benötigt. Sie würden Brennmaterial aus dem Tiefland zukaufen müssen. Viel Brennmaterial. Die Duka seufzte. Sie sah den kommenden Verhandlungen durchaus nicht begeistert entgegen.

Acht Kerzen später brummte ihr der Kopf. So viel Gerede, so viele Zwischenrufe. Sie hatten lange palavert und wenig erreicht. Konnten oder wollten die anderen Sippenältesten nicht sehen, was da direkt unter ihrer Nase passierte? Oder lag es daran, dass bislang nur Fremde zu Tode gekommen waren? Aber was immer dort in den Bergen lauerte, früher oder später würde es auch kirsitanisches Blut trinken. Die Duka war sich dessen sicher. Die anderen Frauen sahen die Gefahr einfach nicht. Nur mit viel Widerstreben hatten sie sich wenigstens auf eines geeinigt: die Wachen in den Bergen würden verstärkt werden.

Die Duka fühlte sich erschöpft. Die Luft war zum Schluss stickig geworden in der Halle der Worte. Sie war froh, dass das Gerede für heute zu Ende war. Sie verzichtete auf eine Fackel. Es war beinahe Vollmond, die Nacht würde hell genug sein.

Draußen atmete sie tief die Herbstluft ein. Es lag bereits Frost im Wind. Der Winter kündigte sich wie immer früh an in den Bergen. Der Duka war es recht. Die Herden waren fett, die Felder abgeerntet, das Heu eingebracht. Ihre Sippe würde den Winter satt und warm im Sippenhaus verbringen. Es war alles so, wie es sein sollte.

Bis auf das, was in den Bergen wartete.

Die Duka fühlte, wie ihr Herz bei dem Gedanken schneller schlug. Es brachte nichts, wenn sie jetzt gleich heim ging und zu schlafen versuchte. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie nach so einer Sitzung geraume Zeit brauchen würde, bevor der Schlaf kam, und dass ihr am nächsten Morgen der Schädel hämmern würde. Ihr Kopf wurde schneller wieder klar, wenn sie noch ein Weilchen wach blieb und umherging.

Die Duka umrundete die Sippenhäuser. Weiter hinten lagen die Koppeln und die Ställe. Noch waren die meisten Tiere in den Koppeln, in die Ställe kamen sie erst, wenn der Schnee so hoch lag, dass sie sich nicht mehr selbst Futter suchen konnten.

Ein leises Wiehern ertönte. Das klang nach Sima, ihre Lieblingsstute, die sie vor vier Wintern mit der Flasche aufgezogen hatte. Die Duka ging langsam weiter bis zur Koppel ihrer Sippe. Sima wartete am Zaun und machte einen langen Hals. Ihr Atem strömte warm auf die Hand der Duka. Sie lächelte, kramte in ihrer Tasche nach einem schrumpeligen Apfel und hielt ihn Sima hin. Die Stute schnupperte, nahm dann mit weichen Lippen den Apfel von ihrer Handfläche und kaute genüsslich. Die Duka strich ihr über die Stirn. „Bist ein braves Mädchen, meine Süße.“

Während Sima langsam zur Herde zurücktrabte, wandte die Duka sich ihrem Sippenhaus zu. Es wurde zu kalt, noch länger hier draußen zu bleiben. Ihr Umhang war nur für den Tag gedacht und für die Bergnacht unzulänglich.

Eine Bewegung lenkte ihren Blick zur Seite. Die kleine Koppel unweit des Sippenhauses, in der verletzte und schwache Tiere aufgepäppelt wurden. Irgendetwas bewegte sich darin. Erneut schlug ihr Herz einen Trommelwirbel. Sie versuchte zu erkennen, was dort war. Es war klein. Es wirkte nicht wirklich bedrohlich. Aber der Schein konnte täuschen. Die Duka fasste nach ihrem Messer und trat näher an die Koppel. Das Etwas bewegte sich und wandte ihr den Kopf zu. Ein Kind? Was tat ein Kind in der Nacht auf dieser Koppel? Die Kinder sollten alle in der warmen Sicherheit der Sippenhäuser sein!

Die Duka öffnete das Gatter und trat in die Koppel.

Sie kam nicht weit. Kaum, dass sie sechs Schritte gemacht hatte, flog das Kind förmlich in die Luft und rannte dann mit einer geradezu unheimlichen Geschwindigkeit in die entfernteste Ecke der Koppel. „Bleib doch, ich tue dir nichts!“, wollte die Duka rufen. Doch in dem Moment, als sie den Mund öffnete, schien etwas in ihr zu reißen. Aus ihrem Mund kam nur ein Gurgeln. Dann wurde ihr schwindelig, und sie fiel.

Die Duka versuchte, sich aufzurichten. Stechender Schmerz schoss durch ihre Brust und zwang sie wieder hinab. Einen Moment war sie zu erschöpft, um auch nur zu denken. Und jetzt? Sie brauchte Hilfe.

Die Duka versuchte, zu rufen. Aus ihrer Kehle kam nichts als ein kaum hörbares Krächzen. Verzweifelt krallte sie ihre Finger in das reifüberzogene Gras. Sie durfte hier nicht liegen bleiben. Die Nacht war kalt. Zu kalt, um sie zu überleben.

Erneut versuchte sie, sich zu bewegen. Nichts. Ihre Hände gelangten kaum zwei Fingerbreit weiter, ihr Körper rührte sich nicht. Die Duka stöhnte auf.

Schritte. Leichte Schritte. Hilfe!

Die Duka wendete mühsam den Kopf. Jetzt erkannte sie das Kind. Es war der merkwürdige Junge, der seit drei Sommern mit seinem Vater hierher kam. Dieser Junge, der sich aus unerfindlichen Gründen dann immer in ihrer Nähe herumtrieb.

Die Duka krächzte erneut. Der Junge war jetzt bei ihr, ging in die Hocke und sah sie interessiert an. „In dir ist etwas kaputt gegangen“, stellte er fest. „Hier…“, sein Finger wanderte über ihre Herzgegend, „… und hier.“ Sein Finger wanderte zu einer Stelle an ihrer Schläfe. „Ich hatte nicht erwartet, dass es so erfolgreich sein würde.“

Was meinte der Junge? Die Hände der Duka zuckten, ihre Lider flatterten.

Der Junge beugte sich vor, so dass er ihr genau in die Augen sah.

„Du wolltest, dass ich sterbe.“

„Niemals!“, wollte die Duka sagen, aber wieder gelang ihr nur ein Krächzen.

„Doch, du wolltest es. Und als meine Mutter nicht zustimmte, hast du sie gezwungen, mich auszusetzen.“

Die Duka wollte wieder aufbegehren, aber schon fuhr der Junge fort: „Ich finde, es ist ausgesprochen gerecht, dass du jetzt dort stirbst, wo ich sterben sollte.“

Wo er sterben sollte? Plötzlich erinnerte die Duka sich. Das missgestaltene Kind, das in eben diesem Pferch im kalten Schlamm gelegen hatte. Aber der Junge sah so vollkommen anders aus …

„Du hättest mir nur etwas mehr Zeit geben müssen“, sagte der Junge. „Nun wirst du sterben.“

Die Duka versuchte, etwas zu fragen.

Der Junge lächelte. „Oh, ich darf dich nicht direkt töten. Wir sind vom gleichen Blut, erinnerst du sich? Für meinesgleichen ist es tabu, die vom gleichen Blut zu töten. Ich habe lediglich den Druck in deinem Blut ein wenig höher gemacht. Genügend, dass einige deiner alten Adern es nicht mehr ausgehalten haben. Nicht genügend, um dich zu töten.“

Er stand auf. „Aber wir beide wissen, dass ich dich gar nicht töten muss. Eine Nacht hier draußen, und dein Körper stirbt von alleine. Vielleicht stirbst du also heute. Wahrscheinlich sogar.“

Er berührte die Duka leicht mit der Spitze seiner Zehen. Bloße Zehen an nackten Füßen, die nicht so wirkten, als ob ihm kalt war. „Solltest du überleben, nun, dann haben die Götter das entschieden. Ich betrachte uns beide hiermit als quitt.“

Er drehte sich um und ließ die Duka mit ihren Fragen und ihrem Tod alleine.

Aus den Augenwinkeln sah die Duka, wie er die Koppel verließ. Einen Moment war ihr, als sähe sie plötzlich große Schwingen aus seinem Rücken sprießen. Aber das konnte unmöglich sein.

Die Duka schloss die Augen und dachte an das Kind, das damals hier im Schlamm gelegen hatte. Ein Lied fiel ihr ein. Ein Lied, das ihre Großmutter ihr oft gesungen hatte. Ein Lied, an das sie sich damals nur hätte erinnern müssen. Ein Fehler … ein tiefgreifender Fehler … wie hatte ihr das passieren können?

Langsam kroch die Kälte aus dem Boden tiefer in ihren Körper.

*

Ein Ast knackte im Feuer und zerbarst in einem Funkenschauer. Marle schreckte aus dem Schlaf hoch. Automatisch glitt ihr Blick zur Schlafbank ihrer Großmutter. Die Bank war immer noch leer.

Marle glitt von ihrer Schlafbank. Die Kälte des Bodens drang durch die Binsen in ihre nackten Füße. Fröstelnd zog sie die Decke um ihrem Körper. Dann ging sie zur Schlafbank ihrer Mutter und berührte sie sacht an der Schulter.

Ihre Mutter wachte so schnell auf, als hätte sie auf dieses Weckzeichen gewartet. „Was ist?“, fragte sie. Automatisch sah auch sie zu der Bank der Duka hinüber. Ihre Augen weiteten sich leicht. „Wo ist sie?“

Marle nagte an ihrer Unterlippe. „Als ich die Halle der Worte verließ, redete sie noch mit der Sippenältesten vom Blausteinfluss. Sie sagte, sie wolle noch etwas spazierengehen, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen.“

Marles Mutter sah sich in der Schlafhalle um. Alle Schlafbänke außer der der Duka waren belegt. „Zieh dich an. Wir gehen sie suchen.“

Die Duka war nicht in der Nähe der Halle der Worte. Die Duka war nicht zwischen den anderen Sippenhäusern. Schweigend gingen die beiden Frauen zu den Koppeln. Die Ponys standen zu einem dichten Haufen gedrängt und wandten dem Wind ihre Kehrseite zu. Weit und breit keine Duka.

Sie waren schon an der kleinen Koppel vorbei und fast wieder beim Sippenhaus, als Marle sich noch einmal umdrehte. Irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte. Unschlüssig blieb sie stehen.

„Komm schon“, sagte ihre Mutter. „Wir müssen die anderen wecken. Alleine finden wir die Duka nicht.“

„Da war etwas“, murmelte Marle.

Ihre Mutter wartete.

Marle schaute zu der kleinen Koppel herüber. Es war fast, als würde sie von dort jemand rufen. Sie ging ein paar Schritte. Jetzt, wo sie hügelaufwärts sah, konnte sie es sehen. In der Koppel lag etwas, was dort nicht hingehörte. Marle begann zu laufen. Ihre Mutter folgte ihr.

Die Duka lag bäuchlings ausgestreckt auf dem Boden. Ein Arm war etwas angewinkelt. Es sah aus, als hätte sie sich zum Schlafen niedergelegt. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck des Staunens, aber ihre Augen waren leer, ihre Haut kalt wie der Nachtboden.

Marles Mutter berührte die Tote, bewegte sacht ihren Arm. „Sie ist noch nicht starr“, sagte sie leise. „Sie ist kaum eine halbe Kerze tot.“

„Wir haben Großmutter kaum eine halbe Kerze lang gesucht“, sagte Marle fassungslos. „Sie ist gestorben, während wir sie gesucht haben. Wir hätten schneller sein müssen! Wenn wir bloß schneller gewesen wären …“

„… dann wäre sie genauso tot wie jetzt“, gab ihre Mutter zurück. „Wahrscheinlich ist sie gestorben, als du aufgewacht bist.“

„Aber … wieso …“

„Ihr Geist ist zu dir gekommen und hat dich geweckt. Sie wollte, dass du kommst und sie findest.“

„Warum ich? Du bist doch ihre Tochter! Ich bin nur ihre Enkelin!“

Marle begann zu weinen. Ihre Mutter legte ihr den Arm um die Schultern. „Tochter“, sagte sie, „du bist diejenige von uns beiden, zu der die Geister sprechen. Du bist diejenige von uns beiden, die Dinge bemerkt. So war das schon, als du klein warst. Das ist auch der Grund, weshalb Mutter dich als ihre Nachfolgerin ausgesucht hat und nicht mich.“

Marle schluchzte auf.

„Weine nur, Kleines“, murmelte ihre Mutter und strich ihr übers Haar. „Weine nur. Heute bist du noch einmal mein Kind, meine kleine Tochter, heute darfst du schwach sein und weinen. Morgen bist du die neue Duka. Die Duka muss stark sein für ihr Volk. Die Duka muss stark sein für uns alle. Morgen darfst du nicht mehr weinen. Darum weine heute.“

Und während ihre Mutter sie in den Armen wiegte wie ein kleines Kind, ließ Marle ihren Tränen freien Lauf. Zusammen betrauerten sie die Mutter, die Großmutter, die Duka. Zusammen betrauerten sie ein Leben, das zu Ende gegangen war, und ein Leben, das nie wieder das gleiche sein würde.

Es dauerte vier Tage, bis der Scheiterhaufen errichtet war. Vier Tage, in denen die tote Duka auf dem Marktplatz von Ganen aufgebahrt war, vier Tage, in denen weinende, klagende Frauen von ihrer aller Mutter Abschied nahmen. Vier Tage, an denen der erste Schnee in Ganen fiel. Dann zündete Marle das Totenfeuer an.

Als das Feuer erloschen und die Asche der Duka sicher in den Lehm gemengt war, mit dem die Männer die Wand des Sippenhauses ausbesserten, war Marle die neue Duka.

Ihre erste Amtshandlung bestand darin, die ohnehin noch versammelten Frauen in die Halle der Worte zurückzurufen.

„Ihr wisst, was meine Großmutter von euch wollte“, sagte sie. „Ich will nichts anderes. Die Frostgeister sind zurückgekommen, und wir müssen unser Volk vor ihnen schützen.“

„Niemand weiß das sicher“, protestierte eine der alten Frauen. „Alles, was wir haben, ist ein Opferplatz der Eisleute. Und ein paar tote Händler, die vielleicht einfach zu dumm waren, den Weg in den Bergen zu finden.“

„Wir haben mehr als nur das“, sagte Marle hart. „Während das Totenfeuer brannte, wurden weitere Tote gefunden. Und dieses Mal ist es keine Frau von den Eisleuten, dieses Mal ist es kein fremder Händler. Dieses Mal starben unsere Hirten und unsere Herden. Die Herde auf der Wasserleite wurde überfallen. Alle achtundsiebzig Tiere und alle fünf Hirten sind tot.“

Einen Moment war es so still in der Halle der Worte, dass man das Dachstroh im Wind knistern hörte. Dann brandete eine Vielzahl von Stimmen auf.

Am Ende setzte Marle sich durch. Es brauchte dazu nur einen einzigen Satz. „Ich bin die Duka!“ Selbst die ältesten der Frauen hatten den Kopf gesenkt und zugestimmt. Sie würden Brennholz aus den Tieflanden kaufen müssen. Möglichst viel davon gleich beim ersten Mal, denn merkten die Karapakier erst einmal, wie dringend sie das Brennholz haben mussten, würden sie unter Garantie die Preise ins Uferlose steigen lassen. Einen Moment hatte Marle überlegt, ob man nicht auch die Karapakier warnen müsste. Aber dann ließ sie es, vorerst. Die Tieflandleute würden ihr vermutlich nicht eher glauben, als bis sie selbst die Bekanntschaft der Frostgeister gemacht hatten. Irgendwann in nicht allzu ferner Zeit würden sie zusammen kämpfen müssen. Wenn nicht, gäbe es in den Bergen recht bald keinen Lebensraum mehr für Menschen. Aber Marle war sicher, dass ihre Verhandlungsposition im kommenden Frühling besser sein würde als jetzt.

Es machte ihr Angst, dass sie so dachte. Wie kam es, dass sie dermaßen kaltblütig den Tod anderer Menschen einkalkulierte? Der fremde Junge, der sich von der Tatsache, dass sie jetzt die Duka war, nicht von Besuchen abhalten ließ, war der einzige, mit dem sie darüber redete. In seinen Augen stand ein Alter, dass seiner Gestalt weit voraus war. „Du bist die Anführerin deines Volkes, ihre Mutter“, sagte er. „Eine Mutter muss tun, was für ihre Kinder am besten ist. Und wenn ihre Kinder in Gefahr sind und sie nicht alle retten kann, dann muss sie mit Bedacht wählen, damit wenigstens so viele wie möglich überleben.“

Marle schaute in die eiswasserhellen Augen. „Es ist doch erst drei Sommer her, dass du mir den Krug von der Quelle nach Hause getragen hast. Wie kann das sein, Grau, dass du in so kurzer Zeit älter und weiser geworden bist als ich?“

Am nächsten Tag waren der fremde Händler und sein Sohn verschwunden.

Dafür kamen die Frostgeister in die ersten Dörfer der hohen Lagen.

Ein Brief aus der Provinz

Eine persönliche Botschaft aus Kirsitan. Von der Duka, natürlich. Sirit gestattete sich ein Lächeln. Die Schwester ihrer Mutter schrieb wenig, aber ihre Briefe waren immer interessant. Zudem schrieb sie aus den Bergen. Sirit musste sich eingestehen, dass sie die Berge immer noch schmerzlich vermisste. Die Berge, die kühle Luft, den frischen Geruch der Bergwiesen … Sie schüttelte den Gedanken ab. das war Vergangenheit. Unwiderruflich vorbei. Mal sehen, was die Duka heute schrieb.

Seid gegrüßt, Sirit von Karapak!

Seit wann war die Duka so förmlich? Das war doch überhaupt nicht ihre Art. Sirit las irritiert weiter. Dann setzte sie sich, fassungslos. Ihre Tante war tot? Aber … die Frau war doch noch keine fünfzig Winter alt gewesen! Sie studierte den Brief weiter. Ein Schlaganfall. Bei der Duka? Das passierte doch nur sehr alten Menschen!

Aber es war passiert. Die Schwester ihrer Mutter war tot. Das letzte Bindeglied, das Sirit zu ihrer Mutter gehabt hatte. Jetzt war niemand mehr von ihrer alten Familie übrig.

Mit bleischwerem Herzen saß Sirit in ihrem Gemach, starrte hinaus in den Garten, ohne wirklich etwas zu sehen, und trauerte um die Duka.

*

Weit weg, in den Bergen, krümmte sich der Junge zusammen. Soviel Schmerz! Das war nicht seine Absicht gewesen. Nicht sie sollte leiden. Sie hatte ihn leben lassen. Sie hatte ihn mit Nahrung versorgt. Sie hatte er nicht treffen wollen. Warum war sie bloß so weit weg? Er hätte sie so gerne getröstet, den Schmerz von ihr genommen wie eine zu warme Decke. Aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sie nicht erreichen.

Der Mann trat zu ihm. Dicht genug, dass der Junge seinen Atem spüren konnte. Er berührte ihn nicht. Trotzdem war seine Anwesenheit beruhigend. Langsam entspannte sich der Junge wieder.

„Komm“, sagte der Mann. „Wir haben zu tun. Du musst noch viel lernen.“

*

Ein Brief mit dem Siegel des Herzogs Komato. Mauros Hand zitterte, als er das Siegel brach. Die Handschrift seines Vaters war unverkennbar. Harmlos der Inhalt, auf den ersten Blick. Komato erkundigte sich nach den Fortschritten seines Sohnes. Mauro war sonnenklar, dass sich diese Fortschritte nicht auf seine Studien bezogen.

Dummerweise war er mit seinem eigentlichen Auftrag noch kein Stück weiter gekommen. Inagoro zeigte wenig Neigung, sich aus dem vertrauten Palast zu entfernen und die Stadt zu erkunden. Verdammt nochmal, hatte es je ein Kind gegeben, das so wenig neugierig auf das Leben draußen war? Warum musste ausgerechnet er an so einen Exoten geraten? Mauro schlug frustriert mit der Faust gegen die Wand. Im Palast sollte er nichts unternehmen, sich vorbildlich benehmen. Ja, klar. Genau das tat er nun schon viel zu lange. Er war ein erwachsener Mann, verdammt noch mal! Wie es ihm gegen den Strich ging, vor diesem verwöhnten Bengel buckeln zu müssen!

Ein paarmal hatte er bereits trotz des entgegen lautenden Befehls seines Vaters versucht, auch im Palast an Inagoro heranzukommen. Es war wie verhext gewesen. Entweder der Junge hatte Augen im Hinterkopf, oder einen verdammt guten Instinkt. Wäre der Palast nicht durch einen Schutzbann gegen Zauber abgesichert, hätte Mauro sogar in Erwägung gezogen, dass ein Zauber Inagoro schützte.

Die zwei Versuche mit Gift hatten lediglich andere getroffen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte der junge König beide Male zuerst eine andere Arbeit beenden wollen, bevor er sich seinem Essen zuwandte. Beim ersten Mal hatte einer seiner Hunde sich etwas von der Mahlzeit geschnappt. Beim zweiten Mal hatte Inagoro bereits eine Vorkosterin gehabt. Beide Male hatte das, was Inagoro beenden wollte, lange genug gedauert, dass das Gift schon zu wirken begann, bevor der Junge endlich zu seiner Mahlzeit griff.

Der strategisch platzierte lose Stein über dem Durchgang war harmlos einen Schritt neben Inagoro am Boden zerplatzt. Wenigstens hatte da niemand an einen Mordversuch gedacht. Lediglich der Oberste Bauherr des Palastes war wegen seiner Nachlässigkeit in Sachen Reparaturen hingerichtet worden.

Die Mondviper hatte ein Gärtner entdeckt, bevor der König seinen gewohnten Lieblingsplatz im Sandblumengarten aufsuchte.

Und die unter dem Sattelgurt eingeklemmte Feuerameise hatte zwar das Pferd verrückt spielen lassen, aber Inagoro saß trotz seiner Jugend bereits zu gut im Sattel, um sich abwerfen zu lassen.

Ein zweites Mal hämmerte Mauros Faust gegen die Wand. Es schmerzte. Nicht genug, um ihn von dem abzulenken, was seine Erinnerung ihm zuflüsterte. Das Schreien der Opfer in der Folterkammer seines Vaters.

Er musste etwas finden, um Inagoro auszuschalten. Oder zumindest etwas, was ihn daran hinderte, Söhne zu zeugen. Nachhaltig. Irgend etwas.

*

Letzten Endes tat er das, was er immer tat, wenn er nicht weiterwusste. Er ging in die "lachende Tänzerin", um sich abzureagieren.

Nicht das beste Haus am Platze, aber die Frauen waren gut ausgebildet, sauber und willig. Vor allem aber hatte Mauro hier Kredit, denn das Bordell gehörte Manrikeos Vater, und Manrikeo gehörte zu denen, die der Thronrat als Spielgefährten Inagoros seinerzeit ausgesucht hatte. Manrikeos Vater wusste, wer gegebenenfalls Chancen auf den Thron hatte. Und wenn nicht, nun, auch gute Beziehungen zum Ersten Feldherrn mochten einmal nützlich sein.

Das übliche halbe Dutzend Schönheiten stürzte sich auf ihn, kaum dass er das Haus betreten hatte. Kein Wunder, schließlich war er deutlich jünger und attraktiver als der Durchschnitt der üblichen Kunden. Zudem wussten alle, dass Mauro großzügige Trinkgelder gab – wenn er gerade Geld hatte.

Moment mal – da war eine, die sich nicht dem Schwarm anschloss. Mauros Interesse war geweckt. Er steuerte auf die Nische zu, in der eine sehr junge Frau versuchte, sich so klein und unauffällig wie möglich zu machen.

Er packte ihren Arm. „Wer bist du denn? Dich sehe ich hier zum ersten Mal!‟

Die Frau, oder wohl besser gesagt, das Mädchen, versuchte, sich noch kleiner zu machen.

„Werter Herr, es tut mir leid, wir haben nicht aufgepasst. Kis hätte sich hier überhaupt noch nicht aufhalten dürfen. Sie kann noch nicht arbeiten.‟ Die große, breithüftige Hure an seinem linken Arm versuchte, ihn wegzuziehen.

„Warum nicht?‟ Mauro zerrte das Mädchen aus der Nische und schaute sie von oben bis unten an. Gut, ihre Brüste waren noch recht klein, aber deutlich vorhanden. „Ich finde, sie sieht erwachsen genug aus.‟

„Wenn sie jetzt schon arbeiten würde, könnte sie schwanger werden.‟

Mauro versuchte verblüfft, diese Information zu verarbeiten. „Jetzt schon? Das heißt, später würde sie nicht mehr schwanger?‟

„In zwei, drei Monden könnt Ihr sie haben. Wir würden sie sogar für Euch aufheben, Herr. Sie ist noch Jungfrau.‟

Mauro spürte, wie ihm das Blut in die Lenden schoss. Aber trotzdem ... „Wieso würde sie jetzt schwanger werden können und in zwei, drei Monden nicht mehr? Belegt man euch mit einem Zauber?‟

„Kein Zauber.‟ Die Breithüftige lächelte verzerrt. „Es gibt andere Wege. Aber darüber darf ich nicht sprechen.‟

Interessant. Mauro spürte den Keim einer Idee in sich reifen. Einer Idee, die nicht ganz billig war. Aber vielversprechend. Er würde mit seinem Vater darüber reden müssen. Bis dahin ... Er ließ das Mädchen los. Es machte keinen Sinn, wenn er es sich mit dem Bordellwirt verdarb.

„Gut, ich warte. Aber wehe, sie ist keine Jungfrau mehr, wenn ich wiederkomme. Und jetzt‟, er grinste breit, „jetzt könnt ihr mich ein wenig verwöhnen!‟

Pulsuz fraqment bitdi.

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