Kitabı oxu: «Steinfaust»

Şrift:

Steinfaust

Spiegelmagie Band 7

Chris Svartbeck


©Chris Svartbeck 2018

Machandel Verlag

Charlotte Erpenbeck

2018

ISBN 978-3-95959-324-3

Bildquelle cover: Fotokostic /www. shutterstock. com

Titelvignette: Fernando Cortes/www.shutterstock.com


Die Welt des Königreichs Karapak

Sie können das Buch direkt zu lesen beginnen, ohne dass Sie deswegen die ganze Vorgeschichte kennen müssen. Falls es Sie aber doch interessiert: Zu dieser Welt gibt es bereits acht Bücher plus eine Kurzgeschichtensammlung. Näheres finden Sie im Anhang.

Soweit Sie zu bestimmten Dingen wie der Magie, Geschichte oder Völker dieser Welt nähere Informationen benötigen, finden Sie diese ebenfalls im Anhang des Buches.

Und da in diesem Buch von mehreren Staatsgebilden die Rede ist, dürfte Sie auch die Landkarte im Anhang interessieren.

Steinkind
1083 - Narkassia, beginnender Winter

Es gab eine Zeit vor den Steinen.

Eine Zeit, in der er eine Familie gehabt hatte, eine Heimat, ein Zuhause.

Eine Zeit vor den weißgesichtigen Ungeheuern.

Freundlich waren sie gewesen, oh ja. Hatten sich zu den Ältesten gesetzt, Brot und Wasser mit ihnen geteilt und dann über die Frostgeister geredet. Darüber, dass Meelas Schutz brauchte, mehr Schutz, als Mauern und Feuer und Schwert ihnen bieten konnten. Die Ältesten hatten zugestimmt.

Wie konnte jemand ehrlich sein und gleichzeitig lügen? Damals hatte er es nicht begriffen, heute schon. Heute beherrschte er selbst diese Kunst.

Helfen wollten sie Meelas, hatten die Weißgesichtigen gesagt. Schutz vor den Frostgeistern sollte das Land finden. Natürlich, dieser Schutz würde Opfer fordern, am meisten von denen, die weit außen, am Rand des Landes, ihre Dörfer hatten, aber die waren es ja auch, die ohnehin schon die Hauptlast der Abwehr gegen die Frostgeister trugen.

Die Ältesten hatten genickt. Und die Laren hatten gelächelt.

Noch heute packte ihn Schrecken, wenn er an dieses Lächeln dachte. Noch heute sah er es in seinen Alpträumen. Nicht mehr so häufig wie früher, aber häufig genug.

Damals … damals war er geflohen. Dieses Lächeln war ihm zu unheimlich gewesen. Seine Mutter hatte noch hinter ihm hergerufen. „Bleib, du dummer Junge!“, hatte sie ihn gescholten, aber sie war ihm nicht nachgekommen, und auch kein anderer, denn es war Sommer, die Frostgeister waren weit fort in den Eisbergen, die Hornziegen sorgten dafür, dass die Raubtiere dem Dorf fernblieben und so wusste sie, dass für ihn keine Gefahr bestand.

Genau zu diesen Ziegen war er gelaufen, hatte sich in der Herde versteckt, war mit ihnen am Abend zum Grat aufgestiegen, weit hinauf, wie die Hornziegen es liebten.

Die Hirten hatten den umgekehrten Weg gewählt, waren hinab ins Dorf gegangen, die unerwarteten Gäste zu feiern.

Sie waren in den Tod gegangen.

Nein, in etwas, das schlimmer war als der Tod. Er erinnerte sich. Gelächter war dort unten im Tal zu hören gewesen, er hatte die Menschen, klein wie Spielzeug in der Entfernung, zwischen den Hütten gehen sehen, einige der jungen Männer und Frauen hatten sich zum Tanz um das Festfeuer eingefunden. Lieder hatte er gehört und er war kurz davor gewesen, seinem knurrenden Magen mehr Glauben zu schenken als seinem Instinkt.

Und dann waren die Lieder verstummt.

Er hatte niemanden mehr gesehen.

Das Feuer war langsam heruntergebrannt, ohne dass jemand kam, Holz nachzulegen.

Sein Herz hatte sich angefühlt wie ein Klumpen Eis, als nach und nach auch die Rauchfahnen aus den Schornsteinen der Häuser vor dem sternhellen Nachthimmel erloschen. Die Kochfeuer gingen niemals aus. Nie!

Dann ging die Sonne auf. Die zwei Weißgesichtigen kamen aus dem Haus des Dorfvorstehers und gingen bedächtig auf ihren kurzen, dicken Beinen Richtung Hochtal, Richtung Hauptstadt.

Es gab noch anderes Leben im Dorf. Er konnte das gefleckte Fell von dem großen Hütehund des Dorfvorstehers ausmachen. Der Hund umkreiste das Haus, wagte sich aber nicht hinein.

Er war hinuntergeklettert, langsam, um seiner Welt Zeit zu geben, wieder normal zu werden.

Aber das wurde sie nicht.

Da war niemand in dem Dorf. Stattdessen … Steine. Vierkantige, graue Steine, halb so groß wie er selbst. Um die kalte Feuerstelle, in den Häusern.

Er war zurückgewichen, langsam erst, dann fast rennend. Der gefleckte Hund war ihm gefolgt.

Auf halbem Weg zwischen den Ziegen und dem Dorf hatte er den Rest des Tages gewartet. Mit knurrendem Magen und brennendem Durst und soviel Angst, dass er den Hund krampfhaft festhielt und nicht von seiner Seite ließ.

Dann war die Sonne untergegangen. Etwas hatte sich bewegt im Dorf. Einen Moment hatte er gedacht, sie sind zurück, alles ist wieder gut. Dann sah er, dass es nur die Steine waren. Sie glitten durch Geröll und Gras wie Schnecken über Gemüseblätter. Der erste kam unweit von ihm zum Stehen. Die anderen verteilten sich nach links und rechts, in ungefähr gleichen Abständen.

Da war es ihm eingefallen. Die Weißgesichtigen hatten davon gesprochen, eine Art Schutzzaun gegen die Frostgeister zu errichten. Und davon, dass das Dorf einen Preis zahlen würde. Zum Wohl des ganzen Landes.

Steine. Sie waren alle zu Steinen geworden. Seine Eltern. Seine Geschwister. Seine Nachbarn. Deren Kinder. Die Ältesten. Alle.

Er hatte sich übergeben. Es war nichts in seinem Magen gewesen, aber er hatte gewürgt, bis die bittere Galle herauskam.

Dann war er davongestolpert. In der Nacht, nur mit dem Hund an seiner Seite. Fort, weg von dem Dorf, weg von dem Hochtal, aus dem die Teiggesichter gekommen waren.

Der alte Mann starrte blicklos in die Nacht.

Die Schneeflocken tanzten um ihn herum. Er rührte sich nicht. Hier in Narkassia war der Schnee harmlos. Hier gab es keine Frostgeister.


Im Nordland
Sechzig Jahre früher (Sommer 1023)

Hätten ihn nicht zu Anfang noch einige der Ziegen begleitet, er wäre verhungert. So hatte er Milch, und er gab auch dem Hund davon ab.

Aber vor fünf Tagen waren die Ziegen verschwunden. Wahrscheinlich wollten sie zurück zu ihrer Herde. Und der Hund lag jetzt tot zu seinen Füßen, einen Pfeil zwischen den knochigen Rippen in seinem abgemagerten Leib.

Einen Pfeil wie der, den der fremde Krieger gerade auf seinen Bogen gelegt hatte.

Er rührte sich nicht. Mochte der Fremde ihn töten. Das war ihm auch schon egal.

Wenigstens würde ihn hier niemand zu Stein verwandeln.

„Was willst du hier? Wo sind deine Leute?“

Die Frage des fremden Kriegers klang holprig, als wäre ihm die Sprache von Meelas nicht vertraut.

„Meine Leute sind tot.“

„Warum bist du dann in unsere Richtung geflohen und nicht dorthin, wo mehr von euch leben?“

„Da ist es nicht sicher.“

„Nicht sicher?“ Der Krieger ließ verblüfft den Bogen sinken. „Mitten zwischen denen von deinem Volk?“

„Es sind Fremde gekommen.“ Der Junge konnte nicht verhindern, dass Bitterkeit in seine Stimme kroch. „Fremde, die uns Schutz versprachen. Aber dieser Schutz vernichtet uns. Mein Dorf … meine Eltern … Es hat nur eine einzige Nacht gedauert.“

Der Krieger steckte den Pfeil wieder in den Köcher. Der Junge musterte ihn misstrauisch. „Willst du mich nicht töten?“

„Wozu? Ein Junge alleine ist keine Gefahr.“

„Aber … du hast doch auch meinen Hund getötet!“

„Dein Hund wollte mein Fleisch rauben.“

„Er hatte nur Hunger.“

„Er hat mich angegriffen, als ich ihn davon abhalten wollte. Jeder, der mich angreift, stirbt. Interessiert mich nicht, warum.“

Einen Moment spielte der Junge mit dem Gedanken, es seinem Hund gleichzutun. Ein Pfeil, ein kurzer Schmerz, und alles wäre vorüber. Aber wenn der Krieger seinen Körper dann hier einfach liegen ließ, dann musste sein Geist für alle Zeiten im Wind umherirren. Und der Wind … der Wind würde ihn vielleicht zurückwehen nach Meelas. Dorthin, wo die Steine warteten.

Nein.

Das auf keinen Fall.

„Und jetzt?“, fragte er zögernd.

„Du kannst mit mir kommen. Für kurze Zeit. Mein Winterhaus ist voll genug, ich brauche keine fremden Jungen an meinem Winterfeuer, aber noch ist Sommer, da kannst du mein Gast sein, vorerst. Wenn die Händler kommen, wirst du mit ihnen weiterziehen.“

Der Junge überlegte erneut. Aber er wusste, er hatte keine andere Option. Entweder das oder der Tod. Durch den Pfeil oder durch Verhungern. In mehreren Tagesmärschen Umkreis gab es keine Siedlung. Niemand siedelte freiwillig in den Grenzbergen.

„Ich komme mit dir.“

Der Krieger nickte. Er griff nach dem Beutel, der neben ihm am Boden lag, den, auf den der Hund zugestürzt war, als er den Geruch in die Nase kriegte, öffnete ihn, holte einen verdrehten, dunkelbraunen, zwei Hände langen Streifen heraus und warf ihn dem Jungen zu. „Ich nehme nicht an, dass du deinen eigenen Hund essen willst.“

Der Junge antwortete nicht. Es war ja nicht sein Hund.

Er kaute das zähe Fleisch, langsam und systematisch, während er zusah, wie der Krieger dem Hund das Fell abzog, ihn ausweidete und dann die brauchbaren Fleischteile aus dem Kadaver löste und in das Fell einschlug.

„Das räuchern wir heute Abend über dem Feuer.“ Der Krieger streifte seine Hände am Gras ab und erhob sich. „Komm, Junge.“

Der Junge trottete hinter dem Mann her.

Der Mann sah kurz zurück. „Du wirst unsere Sprache lernen müssen. Unter den Sippen, die weiter weg leben, kennt kaum einer die Sprache von Meelas. Wie heißt du überhaupt?“

Der Junge dachte an seine Eltern, die zu Stein geworden waren.

„Steinkind.“

„Dreckiger kleiner Zwerg!“

Wokas Sohn Kara trat nach Steinkind. Der krabbelte hastig außer Reichweite und richtete sich wieder auf, die Fäuste geballt. Feindselig funkelte er Kara an.

Der Nordländer hatte die Hand auf dem Dolchgriff. „Dich konnte man echt besser ertragen, als du unsere Sprache noch nicht kanntest. Wärst du nicht Gast im Hause meines Vaters, würde ich dich jetzt in Stücke schneiden, du Stück Bergmist!“

Steinkind hob die Faust. „Vielleicht versuchst du es lieber noch einmal mit einem ehrlichen Wettstreit?“

„Mit dir? Was ist ehrlich daran, sich mit einer Laus zu messen? Ich verpasse dir lieber eine zweite Tracht Prügel.“

So eine wie die, der Steinkind gerade seine gebrochene, blutende Nase zu verdanken hatte. Er zog den Kopf zwischen die Schultern, blieb aber trotzig stehen. „Versuchs doch!“

Kara wollte gerade wieder auf ihn losgehen, als seine Mutter ihn am Arm packte.

„Hör auf damit, du Dummkopf. In diesem Kampf liegt keine Ehre!“

„Aber er hat mich beleidigt!“

„Na und? Er ist ein Kind, kaum halb so alt und halb so groß wie du. Du dagegen wirst im nächsten Sommer bereits ein Mann sein. Was kümmern dich die Worte eines Kindes?“

„Ein Kind?“ Kara sah erst verblüfft, dann betroffen von seiner Mutter zu Steinkind. „Er benimmt sich nicht wie eines. Er redet nicht wie eines. Ich hielt ihn für viel älter. Nur eben … klein.“

„Kinder, die ihre Eltern verlieren, müssen schnell erwachsen sein.“ Karas Mutter klang, als ob sie aus Erfahrung sprach. Brüsk drehte sie sich um und ging wieder zu ihrem Webstuhl.

Kara musterte den ungebetenen Gast am Feuer seines Vaters. „Bist du wirklich … Ich meine, wie alt bist du?“

Steinkind sah keinen Grund, Tatsachen zu verschweigen. „Sieben Winter.“

„Sieben!“ Einen Moment schien Kara mit sich selbst zu ringen. Dann trat ein breites Grinsen auf seine Züge. „Für jemand, der erst sieben ist, hast du schon einen verdammt guten Schlag am Leib.“ Er streckte seine Hand aus. „Frieden?“

Steinkind dachte daran, dass er noch einen ganzen Herbst hier verbringen würde. „Frieden.“ Er schlug in Karas Hand ein.

Danach war es tatsächlich um vieles leichter. Natürlich blieb ihm immer bewusst, dass es nur ein Heim auf Zeit war, dass Wokas Volk nie sein Volk werden konnte. Aber jetzt hatte er jemanden an seiner Seite, der ihn vielleicht nicht sonderlich mochte, ihn aber dennoch wie ein älterer Bruder unter seine Fittiche nahm, beschützte und ihn Dinge lehrte.

Wie das Bogenschießen. Und was ein Krieger sonst brauchen mochte. Steinkind lernte, so schnell er konnte. Wahrscheinlich würde er dieses Wissen brauchen. Und er war sich keineswegs sicher, ob er bei den Händlern Ähnliches lernen würde.

„Morgen ziehen wir ins Winterlager.“

Steinkind sah verwundert, wie fröhlich die Sippe Wokas Ankündigung aufnahm. „Was ist so besonders an dem Winterlager?“, fragte er vorsichtig.

Kara grinste und wuschelte ihm in einem Anflug von Gutmütigkeit die Haare. „Da kommen die Händler. Sie sind lustig. Der große Hagere, der sie anführt, kann gut erzählen und weiß immer eine Menge Neuigkeiten. Und außerdem, sie haben schöne Sachen.“ Ein verträumter Ausdruck trat in seine Augen. „Vielleicht hat er ja dieses Mal wieder Flöten dabei. Seine klingen immer besonders weich.“

Steinkind starrte Kara verdutzt an. Flöten? Kara, der größte Raufbold der ganzen Sippe, wollte eine Flöte?

„Was … machst du mit einer Flöte?“

„Na was schon! Lieder flöten, natürlich. Im Winterlager sind noch andere Sippen. Enko lagert mit uns, und Enko hat eine wunderschöne Tochter. Birga heißt sie. Sie ist schlank und geschmeidig wie eine Weide und ihre Zöpfe schimmern wie Rabenfedern. Du müsstest sie sehen, wenn sie tanzt! Dieses Jahr bin ich alt genug, dass ich um sie werben darf. Wenn ihr mein Lied gefällt, wird sie es singen, dann weiß ich, dass sie zusagt.“

Kara ging also auf Freiersfüßen! Das erklärte einiges. Wenn auch nicht alles. „Du bist doch erst dreizehn Winter alt. Darfst du trotzdem schon heiraten?“

„Ja. Beinahe.“ Karas Enthusiasmus verflog so schnell, wie er gekommen war. Jetzt sah er sehr ernst aus. „Zuerst muss ich mich als Mann beweisen.“

„Womit?“

„Entweder ich erlege einen Bären oder einen Vielfraß.“

„Das muss jeder von euch tun, bevor er ein Mann ist?“

„Entweder das, oder man muss im Kampf große Tapferkeit gezeigt oder einen Gegner getötet haben. Aber zur Zeit ist keine Blutfehde und der Ard hat verboten, dass wir Raubzüge nach Narkassia oder Karapak machen. Hat etwas mit seinem Schamanen zu tun, glaube ich. Der soll gesagt haben, der Ard würde noch froh sein um jeden überlebenden Krieger, den er hat, und das in nicht allzu ferner Zeit.“

Das klang übel. Steinkind dachte an die Berge. An die Steine. In diesem Moment wusste er, dass auf keinen Fall bei Wokas Volk bleiben wollte.

Das Winterlager war laut und eng. Statt der bunten Zelte wohnten Wokas Leute nun in festen, langen Steinhäusern, die halb in der Erde vergraben schienen und auf deren mit Erdsoden gedeckten Dächern Gras wuchs. Alle Familien einer Sippe drängten sich im gleichen Haus zusammen, und mit ihnen die Hunde und die Ponys. Dazu kam die ständig verräucherte Luft, denn diese Häuser hatten keinen Kamin. Steinkind war froh, dass es noch warm genug war, um draußen zu schlafen.

Und er war noch froher, als die Händler noch vor dem ersten Frost eintrafen.

Die Händler sahen merkwürdig aus. Das lag nicht nur an ihren kurzgeschnittenen Haaren oder den zu zwei Zöpfen geflochtenen Bärten, deren Länge und Verzierungen anscheinend mit ihrem Rang zu tun hatte. Steinkind brauchte eine Weile, bis er kapierte, was ihn störte. Es waren die Farben. Alles, was die Händler trugen, war entweder orange oder braun gemischt mit orange. Und diejenigen in ihrer Gruppe, die von sich behauptete, keine Händler zu sein, trugen nur braun.

Kara bekam seine Flöte. Sie war aus einem merkwürdigen, fast roten Holz geschnitzt, das irgendwie aromatisch roch. Kara bezahlte mit drei Fuchsfellen dafür. Sowohl der Händler als auch Kara wirkten mit dem Geschäft ausgesprochen zufrieden. Steinkind war neugierig, wie die Flöte klingen würde.

„Hey, Junge, komm her!“ Wokas winkte ungeduldig. „Nun mach schon!“

Steinkind ging verwundert zu ihm. Der große Nordmann packte ihn an den Schultern, drehte ihn mit dem Gesicht zu dem Anführer der Händler, dessen zwei Bartzöpfe steif abstanden vor lauter eingeflochtenen Bändern und Holzperlen, und schob ihn einen Schritt nach vorne. „Das ist er. Klein, nicht besonders stark, aber er kann gut mit Ponys und Hunden umgehen und er lernt schnell eine neue Sprache.“

Der Händler starrte auf Steinkind herab und runzelte die Stirn. „Der ist wirklich noch sehr klein.“

„Aber zäh. Immerhin ist er alleine von Meelas über die Berge zu uns gekommen.“

„Hm.“ Der Händler hockte sich hin. Jetzt war sein Gesicht auf Augenhöhe. „Mach mal den Mund auf, Junge.“

Steinkind gehorchte verdutzt.

„Scheint gesund zu sein“, murmelte der Händler. „Heile Zähne, kein unschöner Atem.“ Er erhob sich wieder. „Was hat dein Vater gearbeitet, Junge?“

Steinkind dachte zurück an … nein, lieber nicht. „Wir hatten Ziegen“, gab er kurz angebunden zurück.

„Also ein Hirte.“

Sein Vater war ein Bauer gewesen, der nebenbei auch einige Ziegen gehalten hatte. Aber Steinkind schwieg. Diesen merkwürdigen Mann würde er ganz bestimmt nichts über seine Familie erzählen.

„Viel wert ist er nicht. Einen Beutel blaues Farbpulver.“

„Zwei Beutel!“

„Viel zu viel. Bis der richtig arbeiten kann, muss ich ihn noch mindestens drei Winter durchfüttern.“

„Dann einen Beutel blaues und ein Beutel rotes Pulver.“

„Ein Beutel blaues und ein kleiner Beutel rotes.“

„Einverstanden.“

Die Männer schüttelten sich über Steinkinds Kopf die Hände. Dann packte der braun gekleidete Gehilfe des Händlers ihn am Kragen und zog ihn weg, fort zum Lagerplatz der Händler. Steinkind begriff, dass er soeben verkauft worden war.

Der Gehilfe des Händlers kannte nur wenige Worte der Nordmannsprache. Es brauchte ein wenig Zeit, bis Steinkind begriff, dass er seine Tunika ausziehen sollte. Der Mann zog sein Messer und machte sich umgehen daran, alle bunten Bänder und Verzierungen abzutrennen. Die Tunika war ein abgelegtes Teil von Karas jüngstem Bruder gewesen. Sie mochte ja nicht besonders schön gewesen sein, aber ohne diese Verzierungen wirkte sie jetzt geradezu ärmlich. Die Prozedur dauerte, denn der Mann arbeitete gewissenhaft, ließ kein bisschen Farbe zurück. Steinkinds Zähne klapperten vor Kälte, als er sie endlich wieder anziehen konnte. „Warum?“, brachte er schließlich hervor.

„Du … wie ich“, erklärte der Mann, nahm dann die Hände zur Hilfe und deutete auf die Ponys. „Diese … du hilfst. Wie ich. Wir … nur dieses.“ Er deutete auf seine eigene Kleidung, die ziemlich nichtssagende graubraune Töne zeigte.

Steinkind begriff, dass er, ebenso wie dieser Mann, für die Ponys sorgen sollte und ganz offensichtlich keine bunten Farben dabei tragen durfte. Warum auch immer.

Es gab keinen Abschied von Wokas oder seiner Sippe. Die Händler brachen am nächsten Morgen in Richtung Westen auf, und Steinkind ging mit ihnen.


Narkassia
Winter 1023

Fünf weitere Winterlager besuchten sie. Als der erste Schnee fiel, wandten sich die Händler nach Südwesten, die Ponys schwer bepackt mit Fellen.

Zwei Doppelhände an Tagen später erspähte Steinkind über den Baumwipfeln eines fernen Hügels ein kastenförmiges Gebilde. Das Gebilde entpuppte sich beim Näherkommen als kleines, von doppelt mannhohen Palisaden umgebenes Fort mit Aussichtsturm. Die Händler ritten ganz selbstverständlich auf dieses Fort zu.

„Die Grenze“, erklärte einer der Diener, der seinen fragenden Blick bemerkte. „Hier müssen wir dem Shorok unseren Zoll zahlen.“

Shorok, das bedeutete hoher Berg. Steinkind war perplex. „Wir müssen einem Berg etwas bezahlen?“

Der Mann schüttelte ungehalten den Kopf. „Der Hohe Berg ist ein Titel. So nennt man den Herrscher über ganz Narkassia.“

Ein Mann beherrschte also dieses Land. Steinkind wusste, was seine Mutter dazu gesagt hätte. „Die anderen Völker sind verrückt. Legen ihre Geschicke in die Hände der Männer. Da kann ja nichts Gutes bei herauskommen.“

Seine Mutter … Die Herrschaft der Frauen hatte Meelas nicht vor den Weißgesichtigen schützen können. Steinkind schluckte den Kloß herunter, der seinen Hals zu blockieren drohte, und kämpfte die Erinnerung an zu Hause nieder.

Die in dem Fort waren ausschließlich Männer. Soldaten, wie man ihm sagte. Männer, die sich durch zwei Dinge auszeichneten: Sie sahen alle gleich aus in ihrer schwarzen Kleidung und den kurz gestutzten Haaren und Bärten, und sie waren überaus gründlich und effizient. Jedes einzelne erhandelte Fell trugen sie in Listen ein, und auch Steinkind kam in diese Listen. Dann mussten die Händler bezahlen, mit kleinen ovalen Metallscheiben, die sie als Silberlinge bezeichneten.

Und keine zwei Kerzen später waren sie schon wieder unterwegs.

Narkassia war deutlich dichter besiedelt als das Land der Nordmänner. Und die Leute hier lebten in festen Häusern aus Holz und Stein, wie in Meelas. Die Häuser allerdings sahen anders aus. Dächer, die bereits in Schulterhöhe begannen und steil nach oben ragten, Balken, auf die merkwürdige Zeichen gepinselt worden waren. Sprüche, Gebete, wie man ihm erklärte. Aber kein einziges Haus war bunt bemalt oder hatte geschnitzte Verzierungen. Und die vorherrschende Kleidung war braun oder grün. In allen Schattierungen, aber eben nur das. Ganz selten, dass ein Mann oder eine Frau ein paar Farbtupfer in dunkelrot zeigte, noch seltener, dass es ein richtig kräftiges Rot war.

Erst in einer kleinen Stadt sah Steinkind andere Farben. Männer, die wie der Händler, der ihn gekauft hatte, orange Verzierungen auf ihrer braunen Kleidung trugen und offenbar ebenfalls Händler waren, einen rot gekleideten Schmied und einen Mann, der seinen Werkzeugen nach ein Zimmermann war, und dessen Kleidung intensiv rot und grün leuchtete.

Warg, der älteste der Sklavendiener, der ihn unterwegs in der Sprache Narkassias unterrichtet hatte, erklärte es ihm, als er ihm neue, dunkelgraue narkassianische Kleidung gab. Die Kleidung zeigte die Kaste. Jedermann wurde in eine Kaste hineingeboren und durfte sein Leben lang nur die Farben tragen, die seine Kaste ihm erlaubte. Dunkelgrau war die Farbe der niedrigsten Kaste, der Sklaven und der Strafgefangenen.

Steinkind spürte Wut in sich aufsteigen. „Heißt das, ich werde für immer ein Sklave sein und nichts als dieses trübe Grau tragen dürfen?“

„Unser Herr könnte dich freilassen. Oder du könntest dich freikaufen, wenn du genügend Silberlinge zusammenkriegst.“

„Du hast das nicht getan.“

Warg zuckte mit den Achseln. „Unser Herr hat noch nie jemanden freigelassen. Und für einen Freikauf braucht man zwölf Silberlinge. Ich habe erst acht. Sklaven werden selten für ihre Arbeit belohnt.“

Steinkind biss sich auf die Lippen. Verfluchte Götter! Hatten sie ihn nur vor den Weißgesichtigen gerettet, um ihn hier als Sklaven enden zu lassen? Einen Moment tat es ihm richtiggehend leid, dass Wokas damals nur den Hund erschossen hatte.

Sklaven hatten wenig Rechte, dafür aber umso mehr Pflichten.

Zu Hause, und später bei den Nordmännern ebenfalls, hatte es Spaß gemacht, die Herden zu hüten, die kleinen Kräutergärten zu jäten oder Wildfrüchte zu sammeln. Da hatten sich alle an der Arbeit beteiligt und dabei gelacht und gescherzt. In Narkassia schien es verpönt, zu lachen. Kinder taten es. Erwachsene nicht, und Sklaven erst recht nicht. Und Steinkind merkte sehr schnell, warum. Das erste Mal, als er seine zugewiesene Arbeit am Abend nicht geschafft hatte, bekam er einen scharfen Tadel zu hören und kein Essen. Beim zweiten Mal packte ihn der mürrische Kerl, der die Arbeiten für die Sklaven einteilte, band seine Hände mit einem langen Strick zusammen und schleppte ihn ganz hinten in den Hof zu einem großen, hohen, säulenartigen Stein mit einem Loch an der Spitze. Steinkind sah den Stein und erstarrte vor Angst. Der Mann zog den Strick durch das Loch, bis Steinkind fast daran hing, und band ihn irgendwo dahinter fest. Dann nahm er eine Peitsche und schlug zu.

„Du darfst nicht so laut schreien.“ Warg tupfte sanft mit dem nassen Tuch über Steinkinds Schultern. Der Junge spürte, wie ein Splitter der Holzbank sich schmerzlich in seinen Oberschenkel presste, aber er traute sich nicht, sich zu rühren. Jede Bewegung schmerzte höllisch. „Unser Herr mag kein lautes Gebrüll. Meist gibt er Befehl, denjenigen, die laut brüllen, ein paar extra Hiebe zu verpassen.“

„Aber…“ Steinkind konnte die Worte kaum aus seiner wunden Kehle pressen. „Warum? Was habe ich Verbotenes gemacht?“

„Nichts Verbotenes. Nur zu wenig. Du hattest den Auftrag, die Stallboxen auszumisten. Aber es waren immer noch vier dreckige Boxen da am Abend.“

„Ich konnte es aber doch nicht schneller! Die Boxen sind tief und der Mist ganz unten war so hart …“

„Kleiner Dummkopf!“ Wargs Stimme hörte sich halb mitleidig, halb belustigt an. „Was glaubst du denn, weshalb der Mist ganz unten so hart ist? Weil ihn nie jemand herausholt! Niemand schafft das, wenn er alle Boxen bis zum Abend fertig haben will. Mach oben sauber und streu frisches Stroh drüber. Dann sieht die Box ordentlich und frisch aus, das reicht.“

„Aber …“ Steinkind verstand nicht. „Wenn der Dreck nicht ganz rauskommt, dann fault das Stroh, und die Ponys kriegen wunde Hufe.“

„Was ist dir lieber – dass die Ponys wunde Hufe kriegen oder dass du einen wunden Rücken hast?“

Steinkind schloss die Augen. Sein Rücken schmerzte, sein Puls klopfte hart in seinen Ohren, seine Handgelenke waren wund, sein Magen leer. Und dann war da immer noch der Stein.

„Dachte ich mir“, brummte Warg und erhob sich.

Beim nächsten Mal waren alle Boxen rechtzeitig fertig.

Steinkind lernte schnell. Nach kaum einem Jahr sprach er wie ein Einheimischer. Die Ponys mochten ihn und er sie. Sie waren pflegeleichter als Hornziegen. Allerdings auch dummer. Aber das war nur gut, denn so rissen sie nicht aus, und er musste sie nicht suchen gehen.

Sein Herr war in diesem Jahr nicht zu den Nordmännern gegangen, sondern hatte eine Handelsfahrt nach Süden gemacht, zum Meer. Steinkind konnte sich nichts darunter vorstellen. Ein See, der so groß war, dass man die gegenüberliegenden Ufer nicht mehr sehen konnte? Unmöglich. Und noch dazu sollte das Wasser salzig sein und ungenießbar. Aber die älteren Sklaven beharrten darauf. „Warte, bis du groß genug bist, um auf einer der großen Fahrten nützlich zu sein. Dann wirst du auch das Meer sehen.“

Wozu? Welchen Vorteil brachte es, einen Haufen Wasser zu sehen?

„Es gibt Piraten dort. Räuber, die in Booten über das Wasser kommen. Sie überfallen besonders gerne Händler, weil sie da viel Beute finden.“

Und das sollte gut sein?

„Es heißt, sie nehmen jeden Sklaven, der sich ihnen anschließen will, als freien Mann in ihre Reihen auf.“

„Ja, wenn sie ihn nicht gleich umbringen. Wenn ihnen deine Nasenspitze nicht gefällt, war’s das.“

„Aber wenn … dann bist du frei!“

„Und wenn du dann je wieder narkassianischen Boden betrittst, bist du so gut wie tot“, knurrte Warg. „Was soll der Unfug? Frei sein wird überbewertet. Hier haben wir immerhin ein Dach über dem Kopf, ein warmes Feuer im Winter und genug zu essen.“

Als er den Stall verließ, knallte er die Tür hinter sich zu.

Einer der anderen Männer, Savet, warf Steinkind einen Blick zu. „Nimm das nicht so ernst. Der ist manchmal einfach so. Er ist ein Sklave geworden, nachdem seine halbe Familie in einem besonders harten Winter verhungert ist. Hat sich selbst, seine Frau und den verbliebenen Sohn verkauft für je einen Silberling.“

„Aber Warg lebt doch alleine?“

„Der Herr hat seine Frau in sein Bett gerufen. Sie ist von ihm geschwängert worden. Bei der Geburt des Kindes starb sie. Warg hat geweint, sein Sohn hat geweint. Der Herr, der ihr Geweine nicht hören mochte, ließ sie auspeitschen. Der Junge hat das nicht überlebt.“

Steinkind fühlte einen Felsblock auf seinem Herzen. „Und dann will Warg nicht weg?“

Savet zuckte mit den Achseln. „Er ist gebrochen. Selbst wenn er sich mal freikaufen sollte, der wird nie wieder etwas anderes sein als ein Sklave.“

„Und du?“

Savet gab keine Antwort. Aber Steinkind sah, wie sich seine Fäuste kurz ballten.

Das war der Tag, an dem Steinkind den Entschluss fasste, irgendwann ein freier Mann zu werden. Der Tag, an dem er begann, sich nach Geld umzusehen. Nicht, dass ein Sklave viele Möglichkeiten hatte an Münzen zu kommen, und wenn doch, dann waren es meist nur die kleinsten der Kupferlinge. Aber sechzig Kupferlinge konnten gegen einen Silberling eingetauscht werden. Mit genügend Fleiß und Geduld … Steinkind lernte, welche Arbeiten ihm tatsächlich Münzen einbringen konnten. Von seinem Herrn bekam er nichts. Aber wenn er seine Arbeit getan hatte und danach noch woanders helfen konnte, in anderen Haushalten, bei anderen Händlern, dann gab es hin und wieder für ihn einen Kupferling. Wenn nicht, bekam er zumindest einen guten Happen zu essen und manchmal ein Bier.

Es lohnte sich auch, für die Herrin zum Markt zu gehen. Sie gab das Geld immer sorgfältig abgezählt mit. Aber manchmal, wenn man geschickt handelte und den ganzen Markt nach einem passenden Händler absuchte, konnte man die Ware etwas günstiger kriegen und von dem Wechselgeld ein wenig abzweigen. Savet hatte ihm diesen Trick gezeigt. Die Herrin fragte nicht, solange das, was Steinkind nach Hause brachte, mit ihren Berechnungen übereinstimmte. Manchmal lächelte sie ihn sogar an.

Einmal allerdings war sie sehr zornig. Ihre Auftragsliste war sehr lang geworden. Steinkind hatte sich ein Stück Holzkohle und ein flaches Scheit geschnappt und sich ein paar Notizen darauf gemacht. Die Herrin hatte ihm das Scheit aus der Hand gerissen und es ins Feuer geschleudert. Aus der Schimpftirade, die sich anschließend über ihn ergoss, lernte Steinkind zweierlei: Sklaven war es nicht gestattet, lesen und schreiben zu können. Und solche, die es dennoch lernten, landeten bei nächster Gelegenheit als Opfer im Götterfeuer. Oder sie wurden den Meerhexen verkauft.

Meerhexen! Es gab also auch hier Wesen, die Magie ausübten, und man fürchtete sie. Gewiss nicht ohne guten Grund. Steinkind zitterte sich an diesem Abend in den Schlaf. Er träumte von Steinen.

Der Hund
Sommer 1025

„Ich wette, es sind zwei!“

Die Stallsklaven drängten sich um den Hundezwinger. Die graugefleckte Hündin fletschte die Zähne und rutschte ein Stück zurück. Weit kam sie nicht, der Zwinger war klein und eng. Sie trat auf der Stelle, legte sich dann schützend vor eine mit Stroh aufgeschüttete Ecke.

„Höchstens eines! Letztes Mal war überhaupt keines dabei! Und ich wette sogar, das ist auch dieses Mal wieder so. Keines, ganz bestimmt!“

„Aber davor war es der halbe Wurf. Wenn sie jetzt wieder eines dabei hat, war’s das. Dann ist sie raus aus der Zucht.“

„Ja, und wir kriegen sie dann irgendwann als Festbraten, wenn sie nicht vorher bei der Bärenhatz draufgeht.“

„Und, hältst du die Wette? Schwarz gegen blau?“

„Um welchen Einsatz?“

„Ich setze zwei Kupfer.“

„Halte dagegen!“

Die Hündin winselte. In dem Stroh hinter ihr bewegte sich etwas. Dann schob sich der Welpe hervor, kletterte ungeschickt über ihren Leib und begann nach der Zitze zu suchen. Ein zweiter, folgte, ein dritter, ein vierter. Nach einigen Rangeleien fanden auch Nummer fünf, sechs und sieben ihren Platz.

„Und? Haben sie die Augen schon auf?“

Der Hundeführer kletterte in den Zwinger und griff nach einem der Welpen. Die Hündin knurrte, rührte sich aber nicht.

„Schwarz.“

Er hob den nächsten Welpen hoch. „Schwarz.“

Steinkind war irritiert. Die Welpen waren doch gescheckt, wie ihre Mutter!

„Schwarz!“

„Schwarz!“

„Verdammt“, murmelte der Initiator der Wette.

„Schwarz!“

Der Hundeführer zögerte. „Blau.“ Seine Stimme war leise geworden. Er griff nach dem letzten der Welpen und schob noch ein „Schwarz“ hinterher, aber es klang nicht mehr so forsch wie am Anfang.

„Ha, ich hab’s gewusst!“ Der Gewinner machte einen Freudensprung und hielt dann sofort die Hand auf. „Deine Kupfer!“ Sein Wettgegner zahlte mit verdrossener Miene.

Im Zwinger jaulte die Hündin auf. Steinkind sah, wie der Hundeführer ihr die beiden letzten Welpen zurücklegte. Aber nur einer bewegte sich sofort wieder in Richtung der mütterlichen Zitzen. Der andere regte sich nicht, auch nicht, als seine Mutter ihn intensiv zu lecken begann. „Was ist mit dem Kleinen?“, fragte Steinkind.

„Tot“, gab der Hundeführer mürrisch zurück.

„Aber … warum?“

„Falsche Farbe.“

Steinkind war kein bisschen schlauer. „Wieso falsch? Die sehen doch alle gleich aus.“

„In welcher Höhle bist du denn groß geworden? Haben dir deine Eltern überhaupt nichts beigebracht? Ich meine natürlich die Augen!“

„Du meinst, du hast den kleinen Hund getötet, weil er die falsche Augenfarbe hatte? Darum ging das die ganze Zeit? Weil die Welpen heute das erste Mal ihre Augen offen hatten?“

„Ja. Und jetzt halt endlich den Schnabel, Junge. Ich will nicht weiter darüber reden. Schlimm genug, dass ich eine zuverlässige, gute Jagdhündin deswegen verlieren werde. Nach diesem Wurf wird unser Herr sie nicht noch einen Winter durchfüttern.“

Steinkind schwieg wie befohlen. Aber ihm war absolut nicht klar, weshalb blaue Augen bei einem Welpen so schlimm sein sollten, dass man nicht nur den Welpen, sondern auch seine Mutter deswegen tötete.

Bei den Ponys gab es keine blauen Augen. Steinkind war den Göttern dankbar dafür. Er sparte seine Kupferlinge, versorgte die Tiere und versuchte, möglichst niemandem aufzufallen.

Drei Winter zogen ins Land. Und als zu Beginn des Frühlings Steinkind seine Münzen zählte, stellte er erfreut fest, dass er bereits genügend Kupferlinge für einen ersten Silberling zusammenbekommen hatte.

Am nächsten Abend war der Beutel fort.

Steinkind ging zu Warg.

„Du hast einen Silberling einfach unter deinem Lager liegen lassen?“

„Keinen Silberling. Einen Beutel Kupferlinge. Vier Doppelhände große Kupferlinge, der Rest kleine Kupferlinge“, erklärte Steinkind.

„Und ich hab’ mich schon gewundert, woher Kromur so schnell neues Wettgeld bekommen hat.“

Steinkind war entsetzt. „Du meinst, er hat mein Geld einfach genommen?“

„Genommen und verwettet.“

„Aber … das kann er doch nicht einfach tun!“

„Offensichtlich doch.“

„Er muss bestraft werden!“

Warg seufzte. „Dir spuken immer noch die Gebräuche deiner Heimat im Kopf herum. Niemand wird Kromur bestrafen. Hätte er unseren Herren oder einen anderen freien Mann bestohlen, dann ja. Aber er hat nur einen Sklaven bestohlen, noch dazu einen aus seinem eigenen Haus. Was Sklaven untereinander treiben, ist den Herrn egal.“

„Aber … so kriege ich nie genügend Silberlinge für meinen Freikauf zusammen. Kromur … oder irgendein anderer … er könnte jederzeit dasselbe machen.“

Warg zuckte mit den Achseln. „Wenn du dein Geld behalten willst, musst du dich selbst darum kümmern. Such dir ein besseres Versteck.“

Das würde er tun. Aber vorher hatte Steinkind noch ein gewaltiges Hühnchen mit jemandem zu rupfen.

Da lief er, der Dieb. Ein gestandener Mann von zwanzig Wintern, langbeinig, breitschultrig, einen Kopf größer als Steinkind und zurzeit sehr gut gelaunt. Das würde ihm vergehen, dem elenden Dieb. Sein Ziel war ganz offensichtlich der Küchenhof, er war also nicht im Auftrag des Herrn unterwegs. Gut so. Steinkind beeilte sich, auf der anderen Seite der Scheune ebenfalls zum Küchenhof zu gelangen. Er pflanzte sich im Tor auf und wartete.

Kromur tauchte auf, wollte an ihm vorbei, und bekam prompt eine Faust zwischen die Rippen. Er taumelte einen Schritt zurück, blieb verdutzt stehen. „He, Junge, was soll das?“

„Du hast mein Geld gestohlen!“

„Deine paar Kupfer? Warum sollte ich die stehlen wollen?“

Steinkind spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. „Du hast es gerade zugegeben, woher könntest du sonst wissen, dass es lauter Kupferlinge waren?“

„Und wenn. Was kann ich dafür, dass du deinen Geldbeutel einfach so liegen lässt. Das ist doch die reinste Aufforderung, ihn zu nehmen!“

„Ich will es zurück!“

Kromurs Gesicht verzog sich zu einem bösen Grinsen. „Ist aber nichts mehr da!“

Steinkind hechtete vor und rammte mit seinem Kopf Kromurs Bauch. Drei Jahre Ställe ausmisten verschaffte einem ordentlich Muskeln. Der Mann ging zu Boden. Noch bevor er reagieren konnte, schlug Steinkind mit der linken Hand zu. Mit dem Stein, einem glatten, runden, gut hühnereigroßen Stein, den er die ganze Zeit darin festgehalten hatte. Der Stein traf Kromurs Schläfe. Der Mann erschlaffte. Steinkind schlug noch einmal zu, dieses Mal in Kromurs Gesicht. Die Nase brach mit einem hässlichen Knacken. Noch ein Schlag. Zähne splitterten. Dann packten ihn harte Fäuste und rissen ihn von seinem Opfer weg.

Sie warfen ihn in einen Verschlag ohne Fenster. Ein wenig faulendes Stroh lag auf dem Boden, sonst nichts. Seine Notdurft musste er in einer Ecke verrichten, unter den interessierten Augen quiekender Ratten. Es gab nichts zu essen, nichts zu trinken, und sobald er nachts einschlief, kamen die Ratten und versuchten an ihm zu knabbern. Nur das wenige Licht, das durch einige Ritzen zwischen den unteren Brettern hereindrang, verriet ihm, dass er bereits zwei Tage in diesem Loch saß. Am Abend des zweiten Tage hörte er ein Flüstern hinter der Wand. „Steinkind?“

„Warg!“ Steinkind hätte weinen können vor Erleichterung, dass ihn nicht alle vergessen hatten.

Es kratzte in der Wand. Dann schob sich ein Strohhalm in Kniehöhe hindurch, und aus dem Strohhalm begann Wasser zu tropfen. „Trink, Junge!“

Steinkind legte sich unter den Strohhalm, öffnete den Mund und trank jeden einzelnen Tropfen, bis nichts mehr kam. Der Strohhalm verschwand wieder.

„Du hast Glück, Junge. Kromur lebt noch und die Heiler sagen, er wird wieder.“

„Hat er nicht verdient“, knurrte Steinkind düster. „Und überhaupt, wen interessiert das?“

„Dummkopf! Dich! Hast du die geringste Ahnung, was dir sonst geblüht hätte? Vermutlich nicht, sonst hättest du dich nicht so dämlich verhalten. Es mag dem Herrn egal sein, ob wir einander bestehlen. Es ist ihm aber ganz sicher nicht egal, wenn einer von uns einen anderen verletzt oder sogar tötet. Das ist Beschädigung seines Eigentums, da wird der Herr sehr ungemütlich. Für das, was du getan hast, wird er dich auspeitschen lassen.“

Steinkind schwieg eine Weile. Dann fragte er zögernd: „Und wenn Kromur gestorben wäre?“

„Dann hätte der Herr dich totpeitschen lassen. Als Warnung. Aufsässige Sklaven kann er nicht gebrauchen.“

Steinkind hörte, wie Warg sich hinter der Bretterwand erhob und fortging. Er hatte eine Menge, worüber er nachdenken konnte. Die Peitsche also.

Noch nie war ihm eine Nacht so lang vorgekommen.

Es war Mittag, als der Herr ihn endlich holen ließ. Halb geblendet durch das plötzliche Licht stolperte Steinkind mit gefesselten Händen hinter dem Aufseher her, der ihn direkt zur Strafsäule brachte und festband. Der Herr hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich der Bestrafung beizuwohnen, und alle Sklaven standen im Hof der Schreie und mussten zusehen. Sie vermieden es, Steinkinds Blick zu begegnen.

„Ich dulde keine Aufsässigkeit. Ich dulde es nicht, dass einer von euch, egal aus welchem Grund, mein Eigentum beschädigt“, hörte er den Herrn in seinem Rücken laut sagen. „Normalerweise würde ich für eine Rauferei zwanzig Peitschenhiebe verhängen. Aber diese kleine Missgeburt aus den Bergen hat einen guten Arbeiter so sehr verletzt, dass ich teure Heiler bezahlen musste und trotzdem noch dreißig Tage auf seine Dienste verzichten muss. Für jeden dieser Tage verhänge ich einen zusätzlichen Peitschenhieb, und für jedes einzelne der dreiundzwanzig Kupferlinge, die ich den Heilern zahlen musste, ebenfalls.“

Steinkind sackte an der Strafsäule zusammen. Dreiundsiebzig Peitschenhiebe. Er konnte froh sein, wenn er danach überhaupt noch Haut auf seinem Rücken hatte. Dann klatschte auch bereits die Peitsche herab. Nach dem vierten Schlag schrie er. Nach dem achtunddreißigsten hörte er auf zu zählen. Kurz danach verlor er jedes Zeitgefühl. Die Welt versank in Schmerz.

Warg pflegte ihn gesund. Mit kühlenden Salben und einem Tee, der scheußlich schmeckte, aber das Wundfieber zurückdrängte. Es dauerte trotzdem fast einen Mond, bis Steinkind wieder arbeiten konnte. Er tat es mit zusammengebissenen Zähnen. Das frisch vernarbte Gewebe auf seinem Rücken spannte und schmerzte.

Drei Tage später passte er Kromur in der Küche ab, als der gerade seine Mahlzeit abholen wollte. Der Mann erstarrte, als er ihn sah. Seine Nase hatte eine hässliche Delle, und als er jetzt den Mund zu einem schiefen Grinsen öffnete, sah Steinkind, dass drei Zähne fehlten. Und über seinem Grinsen zuckten seine Augen nervös.

„Eines solltest du wissen“, sagte Steinkind. „Ich bereue nichts. Und ich würde es wieder tun, wenn nötig. Selbst, wenn es mich das Leben kostet. Also überlege dir, ob du noch einmal etwas von mir stiehlst.“

Zufrieden wandte er sich ab. Kromurs Grinsen klebte zwar immer noch in dessen Gesicht, aber er war aschfahl geworden. Dieser Mann würde ihn nie wieder bestehlen. Und vermutlich auch kein anderer.

Ein Kind mit blauen Augen
Sommer 1029

Steinkind hätte sich die Mühe sparen können. In den nächsten Monden sah er nicht eine einzige noch so kleine Münze. Nach dem Vorfall mit Kromur degradierte ihn sein Herr zu den untersten Rängen. Es gab keine Einkäufe mehr für ihn, keine Gelegenheit, Gästen zu Diensten zu sein und so vielleicht einen kleinen Kupferling als Trinkgeld zu bekommen. Nur noch Putzen. Den Pferdestall ausmisten, die Hundezwinger säubern, und wenn dann noch Zeit übrig war, im Haus die Fußböden schrubben.

Heraus kam er nur noch selten.

Allerdings hatte diese Situation dennoch einen unerwarteten Vorteil. Beim Fußbodenputzen bekam er hautnah mit, was sich im Haus tat. Unter anderem war das der Unterricht des bislang einzigen Sohnes seines Herrn. Wenn er leise und langsam genug putzte, gelang es ihm sogar, die eine oder andere Stunde mitzuhören. Steinkind ließ sich nichts anmerken. Der Zorn seiner Herrin, als sie damals entdeckt hatte, dass er schreiben konnte, war ihm noch zu gut in Erinnerung. Aber selbst mit dem wenigen, was er bruchstückhaft mitbekam, gelang es ihm, mehr von dem zu lernen, was in Narkassia wichtig war: Politik, Grenzkunde, Gesellschaft und Geschichte. Mathematik und Buchführung natürlich auch, denn das waren Dinge, die ein zukünftiger Händler wissen musste. Der Sohn seines Herrn war noch jung, hatte wenig Lust zu lernen und musste den Lehrstoff des Öfteren wiederholen. Steinkind bekam alle Wissensgrundlagen, die der Hauslehrer zu bieten hatte.

Vermutlich würde er den ganzen Stoff sogar wiederholen können, denn die Herrin war erneut schwanger. Nach zwei Töchtern und einer Fehlgeburt hatten die Tempelältesten ihr für dieses Mal erneut einen Sohn prophezeit. Seitdem ging sie mit stolz durchgedrücktem Rücken und vorgestrecktem Bauch durch das Haus, und der Herr ließ ihr alle Launen durchgehen und lächelte sie wohlwollend an, bevor er zu seinen Bettsklavinnen ging.

Steinkind träumte vom Lernen. Einen einzigen Wermutstropfen hatte die Sache allerdings: Er wusste nicht, ob er dieses Wissen jemals würde anwenden können. Um Ställe auszumisten, musste man keine Landesgrenzen kennen, und Fußböden zu wischen erforderte keine mathematischen Kenntnisse.

Das Kind wurde vier Tage nach dem ersten Sommermond geboren.

Der Herr war nicht im Haus, als die Hebamme kam. Eine wichtige Sitzung der Handelsgilde. Zusammen mit den anderen Haussklaven saß Steinkind in der Küche und horchte auf die Schreie der Kreißenden, unterlegt von dem beruhigenden Zuspruch der Hebamme.

Dann schrie ein Kind, ein zunächst schwaches, dann aber schnell fordernder werdendes Greinen. Die Zofe der Herrin steckte kurz den Kopf durch die Küchentür. „Ein Sohn!“ Steinkind öffnete den Mund, wollte eine frohe Bemerkung machen – und schloss ihn wieder, als ihm auffiel, dass alle um ihn herum nach wie vor mit fast ängstlichem Blick warteten. Kurz darauf erschien der Kopf der Zofe wieder. „Er ist ansehnlich und gesund. Nur …“ Ihre Stimme brach, sie zog ihren Kopf rasch wieder zurück. Hatte die Frau geweint? Aber warum? Dieses Kind entsprach doch genau den Wünschen seines Herrn! Und warum reagierten die anderen Sklaven so merkwürdig? Steinkind wusste nicht, was er erwartet hatte. Auf jeden Fall nicht das. Diese lähmende Reglosigkeit, diese bedrückten Blicke und gesenkten Köpfe. Freute sich denn keiner hier, dass die Herrin einen gesunden Sohn geboren hatte?

Die Hebamme erschien, das Kind in ein Tuch gewickelt, und ging langsam und mit gesenktem Kopf zum Eingang. Steinkind sah ihr ratlos hinterher. Sollte das Kind nicht bei seiner Mutter bleiben? Als seine kleine Schwester geboren wurde, hatte seine Mutter darauf bestanden, den Säugling in ihrem Arm zu halten, direkt über ihrem Herzen, damit der gewohnte Rhythmus ihres Pulsschlags das Kind in dieser irritierend neuen Welt beruhigte. Wusste man das in Narkassia nicht?

Am Tor wurden Stimmen laut. Der Herr war zurück. Er klang verärgert. Harte, schnelle Schritte in der Eingangshalle. Dann Stille. Totale Stille.

Auf Zehenspitzen schlich sich Steinkind zur Küchentür, huschte den Flur entlang, bis er in die Eingangshalle sehen konnte. Da stand der Herr, reglos, mit zusammengepressten Lippen, und starrte herab auf das Kind, das die Hebamme ihm mit zitternden Armen präsentierte. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete er endlich den Mund. „Schaff mir das Balg aus den Augen! Ich werde nachher entscheiden, was ich damit mache. Wo ist meine Frau?“

„In ihrer Stube, Herr. Sie war zu geschwächt von dem Blutverlust, um Euch zu empfangen.“

Der Herr stolzierte mit harten, knallenden Schritten zur Wohnstube. Die Hebamme musste hastig zur Seite treten, sonst hätte er sie umgestoßen.

Steinkind ächzte vor Erstaunen.

Die Hebamme sah sich um, entdeckte ihn, und kam rasch, aber leise zu ihm. „Weißt du, wo die Hexen leben?“

Steinkind senkte bestätigend die Hand. „In den blau bemalten Häusern in der Flussstraße.“

Sie drückte ihm das Kind in den Arm. „Rasch, bring ihn fort. Gib ihn den Hexen. Wenn er hier bleibt, wird er sterben.“

„Aber … warum?“

„Sieh ihn dir doch an!“

Steinkind sah auf das Baby in seinen Armen. Ein ganz normaler kleiner Junge, rosige Haut, Händchen und Füßchen, an denen alles dran war, eine winzige Stupsnase, wasserblaue Augen und ein winziger Schopf schwarzer Haare mit einer einzelnen Locke.

„Seine Augen, Dummkopf! Er hat blaue Augen!“

Steinkind zögerte. Was war schlecht an blauen Augen? Über die Hälfte der Leute in seinem Dorf hatte blaue Augen gehabt. Seine Mutter auch.

„Hexenblut!“ Jetzt zischte die Hebamme fast. „Alle mit blauen Augen haben Hexenblut! Bring das Kind fort, zu seinesgleichen, bevor dein Herr auf die Idee kommt, es gleich hier vor den Augen seiner Mutter zu töten!“ Sie zog die Decke hoch, sodass das Kind unter dem Stoff verborgen war. „Beeil dich! Er kann jeden Moment zurückkommen!“

Steinkind war schon auf halbem Weg zur Flussstraße, bevor er daran dachte, dass sein Herr mit dieser Aktion vermutlich nicht einverstanden sein würde. Er krümmte sich unwillkürlich, die Erinnerung an die Peitschenhiebe war ihm sofort wieder gegenwärtig. Aber er ging weiter. Blaue Augen waren einfach kein guter Grund, um ein Kind zu töten.

Bei dem ersten der blau gekennzeichneten Häuser hielt er inne. Die Läden waren geschlossen, das Haus wirkte still und abweisend. Er traute sich nicht, dort zu klopfen, und ging weiter. Die nächsten beiden Häuser. Auch sie waren fest verschlossen. Das vierte. Hier standen endlich die Läden geöffnet, er hörte Stimmen, Frauenstimmen. Einen Moment zögerte er noch, dann klopfte er.

Die Frau, die ihm öffnete, mochte gute dreißig oder vierzig Winter zählen. Ihr Haar war merkwürdig hell, wie Getreidestroh, die vielen Fältchen ihres gebräunten Gesichtes erzählten von einem Leben draußen, in Sonne und Wetter. Aber das, was seinen Blick wirklich fesselte, waren die Augen. Intensiv blau waren sie, wie Bergseen, in denen sich der Mittagshimmel spiegelte, und sie schienen ebenso tief hinabzuführen. Ein Schauder überlief ihn. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück.

Die Frau runzelte die Stirn. „Ich habe keine Zeit für Spielchen. Was willst du? Soll ich dir ein Amulett machen, oder brauchst du einen richtigen Zauber?“

Steinkind schnappte nach Luft. Das also war eine der sagenumwobenen Meerhexen!

„Was ist? Redest du endlich, oder bist du zu stummem Stein geworden?“

Steinsteinsteinsteinstein… Die Welt um ihn schien im Kreis zu rasen. Dann wurde es dunkel um Steinkind.

„… ehrlich, Siane! So schrecklich sehe ich doch nun wirklich nicht aus, dass ein kräftiger junger Mann bei meinem Anblick in Ohnmacht fallen müsste!“

Melodisches Lachen. „Die meisten würden sich wohl eher direkt in deine Arme stürzen wollen, oder besser noch, in dein Bett!“

„Der hier nicht!“

Der Stimme nach war die Frau nähergekommen. Steinkind versuchte, so reglos wie möglich zu liegen. Unter sich spürte er das Holz einer Bank.

„He, Jungmann! Mach schon die Augen auf, ich sehe doch, dass du wieder wach bist!“

Steinkind gehorchte beklommen. Die unmöglich blauen Augen waren keine Armlänge über ihm. „Ich weiß, weshalb du gekommen bist. Ist es deins?“

„Nein … es gehört meinem Herrn.“

„Du kannst es wieder mitnehmen. Der Junge hat nicht den leisesten Funken Magie, nur etwas hellere Augen als normal.“

„Die Hebamme hat gesagt, der Herr wird ihn töten, wenn der er nicht verschwindet.“

„Verfluchter Aberglaube.“ Die Frau seufzte. „Na gut, dann werde ich versuchen, in der Dienerschaft eine Frau zu finden, die ihn aufnehmen kann.“ Sie trat von der Bank zurück. „Und jetzt schwirr ab, Jungmann. Du hast deine Aufgabe erledigt.“

Steinkind erhob sich vorsichtig und ging zur Tür, die Frau dabei nicht aus den Augen lassend. Er streckte die Hand nach der Klinke aus.

„Warte!“

Seine Hand erstarrte.

„Was hat dich derart erschreckt vorhin?“

Steinkinds Hals war wie zugeschnürt. Er konnte kein Wort herausbringen.

Etwas schien ihn zu berühren, über seinen Kopf zu tasten.

„Seine Familie … sie sind zu Stein geworden!“ Entsetzten und Erstaunen zugleich schwang in den Worten der zweiten Frau, die unbemerkt neben ihn getreten war. „Was ist da passiert in den Bergen?“

Ein Blick zur Seite genügte. Auch diese Frau hatte leuchtend blaue Augen. Noch eine Meerhexe. Die Panik in ihm war jetzt stark genug, die Starre zu überwinden. Er riss die Tür auf, stolperte über die Schwelle und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Das letzte, was er noch hörte, war die Stimme der ersten Frau: „Wir werden uns darum kümmern müssen.“

In der Armee
Sommer 1029

Die Angst ließ ihn den ganzen Weg im Laufschritt zurücklegen. Seine Lungen brannten, sein Herz klopfte ihm bis hoch hinauf in den Hals. Es war geradezu eine Erleichterung, als das vertraute Anwesen seines Herrn endlich vor ihm auftauchte.

Steinkind hatte die Schwelle zum Hof kaum überquert, als Warg ihn auch schon packte und zur Seite zog. Stolpernd folgte er dem alten Mann zu den Ställen. Dort stieß Warg ihn auf einen Strohballen pflanzte sich vor ihm auf und holte tief Luft. „Wenn dir dein Leben lieb ist, lass dich die nächste Zeit nicht im Haus blicken. Keiner hier würde dich absichtlich verraten. Aber wenn es jemandem versehentlich herausrutscht, dass du derjenige warst, der den Jungen weggebracht hat, bist du geliefert.”

Steinkind schluckte. „Der Herr … ist er sehr wütend?”

Der Herr war sehr wütend. Es war eine kalte, schwelende Wut. Er hatte die Herrin geschlagen, noch im Wochenbett, und die Hebamme, die der Wöchnerin beistehen wollte, mit Hunden aus dem Haus jagen lassen. Jetzt schlich er durch das Haus wie ein giftiger Schatten, dessen Hauch jedermann lähmte. Lediglich sein erstgeborener Sohn schaffte es noch, ihm gelegentlich ein Lächeln abzuringen, aber selbst das wirkte verkrampft. Steinkind traute sich nicht aus den Ställen heraus. Lieber aß er mit den Hunden, als auch nur einen Fuß in die Nähe seines Herrn zu setzen. Sie alle hörten überdeutlich das Grollen des Gewitters. Niemand fragte, ob der Blitz kommen würde. Er würde fallen. Die Frage war lediglich, wen er treffen würde.

Zwei Tage vor dem Vollmond ließ der Herr alle Bewohner des Hauses, Freie wie Sklaven, zusammenrufen. Selbst die kaum genesene Herrin hatte nicht gewagt, sich seinem Befehl zu widersetzen. Er stand neben der Strafsäule, die Arme verschränkt, das Gesicht steinern.

„Wer in meinem Haus lebt, gehört mir.” Die Stimme des Herrn war so hart wie seine Miene. „Ich entscheide, was hier mit euch geschieht. Ich alleine. Niemand sonst.” Er ging einige harte Schritte auf und ab. Dann sah er wieder in die Runde. „Einer von euch hat es gewagt, ein Leben in diesem Haus in seine eigenen Hände zu nehmen. Und nicht etwa irgendein Leben. Einer von euch hat meinen Sohn genommen und zu den Meerhexen gebracht. Und diese verwünschten Weiber weigern sich, ihn wieder herauszugeben, sodass diese Schande auf meinem Namen weiterleben wird.”

Es war so ruhig im Hof, dass selbst das Rascheln eines fallenden Blattes laut gewesen wäre.

„Wer von euch war das?”

Niemand regte sich. Steinkind wagte kaum zu atmen.

„Ihr habt die Wahl. Entweder ihr sagt, wer es war, oder jeder von euch macht heute Bekanntschaft mit der Peitsche. Zehn Hiebe für die Frauen, zwanzig Hiebe für die Männer, denn einer von denen muss es gewesen sein, wie man mir zugetragen hat.”

Steinkind erzitterte, wie die anderen auch. Diese Strafe war hart. Zu hart. Die anderen konnten unmöglich schweigen. Er spürte, wie die ersten Blicke zu ihm wanderten. Der eisige Blick seines Herrn fixierte ihn. Er war verloren. Es gab nur noch eines, das er tun konnte: es zugeben und seine Strafe in Empfang nehmen wie ein Mann von Ehre. Gerade hob er den Fuß, um vorzutreten, als eine Hand sich auf seine Schulter legte. „Lass gut sein, Junge.”

Warg!

Der alte Mann schob sich vor Steinkind, hob stolz den Kopf und erwiderte den Blick seines Herrn. „Es war ein Kind”, sagte er laut. „Ein hilfloser Säugling. Ich habe ihn weggebracht, damit nicht noch ein Kind durch deine Hand sterben muss.”

„Renitenter Bastard!” Der Herr spie diese Worte förmlich aus. „Auf den Bauch mit dir! Friss den Staub zu meinen Füßen!”

Warg lächelte. Das Lächeln lag auch in seiner Stimme, untermischt mit leisem Spott. „Ich krieche vor niemandem. Vergiss nicht, ich wurde frei geboren wie du! Was immer du mit mir machst, das kannst du mir nicht nehmen!” Er schien noch zwei Fingerbreit in die Höhe zu wachsen bei seinen letzten Worten.

„An die Strafsäule mit ihm!”

Die beiden bulligen Sklaven, die mit den Seilen in der Hand hinter dem Herrn warteten, sprinteten sofort los, packten Warg, zerrten ihn zur Strafsäule und banden ihn fest. Der Aufseher hob die Peitsche. Eine Peitsche, die Steinkind noch nie zuvor gesehen hatte. Statt der einen Schnur hatte sie fünf Enden. Irgendetwas war in diese Enden hineingeknotet. Die Haussklavin neben ihm gab einen wimmernden Laut von sich. Der Mann neben ihr machte ein grimmiges Gesicht. „Er ist tot.”

Steinkind öffnete den Mund, wollte protestieren. Es war ja nicht Warg gewesen, der das Kind weggebracht hatte. „Halt bloß die Klappe!”, zischte der Mann, „sonst sterbt ihr beide, und Wargs Opfer war umsonst!”

Steinkind schloss den Mund wieder. Hörte wie aus weiter Ferne den Herrn wieder befehlen.

„Peitsch ihn, bis das Leben aus ihm gewichen ist. Dann sollen alle an ihm vorbeigehen und sein Gesicht ansehen. Ich will, dass jeder weiß, was ihn bei Ungehorsam erwartet. In diesem Haus gibt es nur einen Willen: meinen. Entweder ihr erfüllt ihn oder ihr sterbt. Wie dieses Stück Ungeziefer hier.”

„Er hat dich gemocht, weißt du. Irgendwie hast du ihn an seinen Sohn erinnert.“ Phe griff in die Kirschschüssel, hob eine weitere nicht ganz perfekte Kirsche heraus und schob sie in seinen Mund. Der Herr bekam nur das Beste vorgesetzt. Was mit dem Rest geschah, kümmerte ihn nicht. Und die Kirschen schmeckten süß und saftig, auch wenn der eine oder andere Wurm darin war. Phe kaute, schluckte, spitzte die Lippen. Mit einem leisen Ploppen flog der Kirschkern durch die Luft. „Mist. Schon wieder zu kurz.“ Er sah zu Steinkind hinüber. „Wie schaffst du das bloß, den Sandfleck immer zu treffen?“

Indem er ein Stück höher zielte, so, wie er das von seiner Schleuder von früher kannte. Aber das sagte Steinkind nicht. Sollte Phe ruhig rätseln.

Sein Blick wanderte von dem Sandfleck über den Hof und wurde von einem hoch aufragenden Objekt wie magisch angezogen, das von den Strahlen der Mittagssonne in fahles, schattenloses weißgrau getaucht wurde. Die helle Farbe hatte Flecken. Langgezogene, dunkle Flecken. Seit Wargs Tod hatte es noch nicht wieder geregnet, sein Blut klebte noch immer an der Strafsäule. Steinkind erinnerte sich an das Gesicht, dass als einziger Teil von Wargs Körper nicht von der Peitsche zerfetzt worden war. Schmerzverzerrt, der Mund in einem Schrei erstarrt. Aber er hatte etwas gesehen, das dem Herrn entgangen war. Trotz allem hatte Warg bei seinem letzten Atemzug gelächelt.

Würde er das auch können? Denn dessen war Steinkind sich sicher: Wenn er in diesem Haus und bei diesem Herrn blieb, würde er es nicht mehr sehr lange überleben. Seit seinem Hexensohn war der Herr nicht mehr derselbe. Früher hatte er nur gestraft, wenn es einen guten Grund dafür gab, und nicht mit Lob gespart. Jetzt war seine Miene düster, seine Laune gefährlich, Lob gab es nicht mehr und die kleinste Kleinigkeit zog harte Strafen hinterher.

Ploppp! Der nächste Kirschkern verfehlte sein Ziel.

„Phe“, fragte er zögernd. „Wie kann ich es anstellen, in ein anderes Haus zu kommen?“

„Überhaupt nicht.“

„Aber … du bist doch auch in einem anderen Haus aufgewachsen.“

„Ja, klar. Der Herr könnte dich verkaufen. Oder sogar verschenken. Aber warum sollte er das tun? Du hast schon zur niedrigsten Kaste gehört, bevor du ein Sklave wurdest. Viehhüter, Erdwühler. Von der Sorte gibt es reichlich, und immer wieder verkaufen einige sich selbst als Sklaven, wenn sie nichts mehr zu beißen haben oder die Steuern nicht mehr zahlen können. Solche wie du sind billig und als Geschenk nichts wert.“

„Dann muss ich etwas tun, was mich wertvoller macht.“

„Vergiss es. Damit würdest du andere in ihrer Position bedrohen. So idiotisch, dich direkt dafür zu bedrohen, würde keiner sein, aber es gibt andere Wege. Glaub mir, du willst nicht das halbe Haus gegen dich haben.“

„Aber was kann ich sonst tun, um hier rauszukommen? Seit über einem Jahr habe ich jetzt nur noch Ställe ausgemistet, Hundezwinger gereinigt und Fußböden geschrubbt. Diese Kirschen hier sind schon die höchste Abwechslung, die ich überhaupt gekriegt habe. Und nichts davon hat mir Gelegenheit geschafft, auch nur einen einzigen Kupferling zu verdienen. Wie soll ich mich da je freikaufen können?“

Phe musterte ihn spöttisch. „Träumst du immer noch davon? Ich kenne keinen einzigen Sklaven unterhalb der Position eines persönlichen Dieners, der sich je freikaufen konnte. Und in diesem Haus schon gar nicht. Der Herr hält ein Auge auf sein Eigentum.“

Steinkind ballte die Fäuste. „Willst du damit sagen, dass ich daran niemals etwas ändern kann? Dass ich immer ein Sklave bleiben werde, der die Ställe und Hunde versorgt, und sonst nichts?“

Phe spuckte den nächsten Kirschkern aus. „Na ja, du könntest immer noch in den Bergwerken landen. Dorthin verkaufen sie Sklaven, die Schwierigkeiten machen.“

Steinkind starrte ihn an. „Bergwerke?“

„Irgendwoher muss das Eisen für Werkzeuge und Waffen ja kommen. Und niemand arbeitet dort freiwillig, immer umgeben von Stein und Dunkelheit. Niemand.“

Steinkind zuckte zusammen. Steine … Nein. Resolut blockierte er den Gedanken.

„Und wenn ich fliehen würde?“

Phe verschluckte sich fast an seiner Kirsche. „Hast du sie noch alle? Weißt du, wie weit es zur Grenze ist? Und hast du mal überlegt, wozu unser Herr seine Hunde in so einem Fall nutzen könnte? Glaub mir, du würdest es nicht schaffen. Niemand hat das je geschafft.“

„Vielleicht sind die Hunde besser, als ein Leben lang ein Sklave zu sein und die Peitsche zu fürchten.“ Steinkind starrte auf die Säule. Das Blut war steinhart geronnen und schwarz. Nicht einmal die Fliegen versuchten sich noch daran.

„Du könntest immer noch zur Armee gehen. Du bist stark, jemanden wie dich würden sie nehmen.“

„Armee?“

„Es gibt nicht viele Möglichkeiten hier in Narkassia, um aus einer Kaste herauszukommen. Aber in der Armee kannst du das.“

„Du meinst, ich kann da einfach hingehen und Soldat werden? Und unser Herr hätte keine Einwände?“

„Hätte er bestimmt nicht. Wenn die dich nehmen, zahlt die Armee die doppelte Ablösesumme für deinen Freikauf. Und das ist ein Vielfaches von den paar Stoffbändern und Flöten, die der Herr für dich bezahlt hat.“

„Aber du wusstest das die ganze Zeit und gehst trotzdem nicht zur Armee“, sagte Steinkind langsam. „Wo also ist der Haken bei der Sache?“

„Wer zur Armee geht, verlässt sie nie wieder. Das heißt, natürlich kann man sie verlassen, irgendwann. Aber nicht vor dem sechzigsten Winter. Und den erlebt so gut wie kein Soldat.“

Schweigen.

Phe spuckte den nächsten Kirschkern aus. Er landete dicht vor dem Sandfleck, keine zwei Finger breit entfernt.

„Aber ich könnte dort lernen. Und mit dem arbeiten, was ich gelernt habe“, sagte Steinkind schließlich. „Und keiner würde mich dafür auspeitschen, dass ich mehr erreichen will.“

Phe senkte bejahend seine Hand.

„Dann gehe ich zur Armee.“

Es war geradezu lächerlich einfach. Phe hatte ihm gesagt, wo das Rekrutierungsbüro war. Nachdem er die Hunde versorgt hatte, marschierte Steinkind geradewegs durch das Tor hinaus. Der seit dem Kind dort stehende Wachposten hielt ihn nicht auf, als er sein Ziel hörte.

Das Rekrutierungsbüro lag im Nordosten der Stadt, eine halbe Kerze Weglänge entfernt, ein kleiner Anbau aus roh behauenen Stämmen, deren Ritzen mit Lehm abgedichtet waren, am Südende der großen Steinbaracke. Die Tür stand weit offen. Der Bretterboden knarrte leise, als er hineinging. Der graubärtige Soldat, der an einem einfachen, aus Holz gezimmerten Tisch saß und etwas schrieb, sah hoch, legte die Feder zur Seite und kratzte sich hinter dem Ohr. „Du siehst nicht aus, als ob du zu meinen Leuten gehörst, Junge.“

„Würde ich aber gerne.“ Steinkind blieb stehen, jetzt doch ein wenig unsicher. Was, wenn der Soldat ihn einfach zurückschickte? „Mein Freund Phe hat gesagt, bei der Armee kann sich jeder bewerben.“

„Ja, jeder Idiot und Tölpel“, knurrte der Graubart. „Aber wer sagt, dass wir so jemanden dann auch gebrauchen können? Du siehst nicht aus, als ob du Kampferfahrung hast.“

„Ich war einen Sommer lang bei den Nordmännern. Ich kann sehr gut mit einer Schleuder und einigermaßen gut mit Pfeil und Bogen umgehen.“ Steinkind musterte das Papier auf dem Tisch. „Und ich kann lesen. Ein wenig.“

Der Soldat drehte das Papier in Steinkinds Richtung. „Dann lies!“

„P… Pr… Pro…vi…vind? Nein“, verbesserte er sich hastig, als er das Wort endlich erkannte. „Proviant… liste.“

„Ein wenig ist noch ziemlich reichlich überschätzt“, knurrte der Graubart. „Ich kann nur hoffen, dass es mit deinen Zielkünsten besser aussieht. Komm!“

Er packte Steinkind am Arm und zerrte ihn aus seinem Büro heraus und um die Hausecke. Dahinter war ein kleiner Schießstand errichtet worden. Ein Bogen lag auf einem Strohballen, in dem mehrere Pfeile steckten. „Bedien dich!“

Steinkind zog einen der Pfeile aus dem Ballen, spannte den Bogen und legte an. Die Zielscheibe war nicht allzu weit entfernt. Aber der Bogen war größer und schwerer als der, den er bei den Nordmännern versucht hatte. Seine Armmuskeln zitterten, als er das Ziel anvisierte. Der Pfeil traf gerade noch den Rand der Strohscheibe. Steinkind runzelte die Stirn. Dann hob er einen Kieselstein vom Boden auf, nahm das Lederband aus seinen Haaren und begann, die improvisierte Schleuder zu schwingen. Wenn das jetzt ein Kaninchen wäre und er ohne diese Kaninchen kein Mittagessen haben würde …

Der Stein traf die Mitte der Scheibe.

„Besser als ich dachte.“ Der Graubart klang immer noch brummig, aber nicht mehr abweisend. „Vielleicht können wir ja tatsächlich einen Soldaten aus dir machen. Zurück ins Büro mit dir. Da ist noch einiges an Papierkram zu erledigen.“

Steinfaust
Sommer 1032

Ein schlanker Holzpfosten stand auf dem Hof, knapp mannshoch, gekrönt von einem fest mit Sand gefüllten Lederball.

Der Hauptmann grinste. „Antreten, Reihe bilden, draufschlagen! Und danach eine Runde um den Hof laufen, bis ihr wieder dran seid!”

„Aber … der Sandsack ist viel zu hoch angebracht!”, wagte Norad zu bemäkeln.

„Na und? Glaubst du, dass du im Kampf immer nur auf Gegner treffen wirst, die gleich groß oder kleiner sind als du? Marsch, marsch, ab nach vorne! Du fängst an!”

Der Sandsack war harte Arbeit. Nach dem siebten Durchgang begann Steinkind, seine Muskeln zu spüren, und seine Knöchel waren gerötet. Aber er schlug weiter zu, so fest er konnte.

Der fünfzehnte Durchgang. Steinkinds Muskeln brannten und seine Knöchel bluteten jetzt. Der Pfahl begann vor seinen Augen zu verschwimmen. Er visierte den Sandsack an. Undeutlich nahm er eine Bewegung im Hintergrund wahr. Etwas Weißes. Etwas unförmiges, walzenartiges Weißes. Etwas näher kommendes Weißes, das hinter dem Pfahl innehielt und ihn anstarrte. Götter, nein! Nicht die Weißgesichtigen! In einer Aufwallung von Hass und Verzweiflung schlug er zu, geradewegs in das weißteigige Gesicht.

Holz splitterte. Der Sandsack fiel mit einem dumpfen Geräusch herab. Das Weiße hinter dem Pfahl machte einen erschrockenen Satz nach hinten. Und Steinkind stand wie erstarrt.

Es war der große Bärenhund des Prinzen.

Für einen Moment konnte er nur einen Gedanken fassen: Sie sind doch nicht hier!

Dann folgt ein zweiter, keineswegs beruhigenderer Gedanke: Was, wenn er sich tatsächlich aus Versehen mit dem Lieblingstier des Prinzen angelegt hätte? Der Hund konnte Bären töten. Mit einem Menschen hätte er vermutlich nicht viel Federlesens gemacht.

„Zu tief gezielt.” Der Hauptmann trat neben Steinkind. Mit den Fingern maß er die Dicke des Pfahls. Volle zwei Zeigefinger. „Aber verdammt noch mal, du hast einen guten Schlag, Junge! Wie eine steinerne Faust.”

Abends, beim Bier, beschlossen seine Kameraden, ihn umzubenennen. „Ein Kind bist du eh schon lange nicht mehr!” Drowus Hand landete krachend auf Steinkinds Schulter. „Da wird es doch Zeit, dass du einen anständigen Männer-Namen kriegst. Der Hauptmann hatte recht. Du hast eine Steinfaust.”

Damit hatte Steinkind einen neuen Namen.

Was war an jenem Nachmittag überhaupt geschehen? Steinfaust war sich selbst nicht sicher. Er wusste nur eines mit Bestimmtheit: Selbst der stärkste Mann im Dorfe war zu Hause nicht in der Lage gewesen, einen dicken Holzpfahl ohne Werkzeug zu zerlegen.

Er probierte es. Mit dünnen Brettern zunächst, dann mit dickeren. Seine Faust zerschlug fingerdicke Planken, daumendicke – aber viel mehr nicht. Steinfaust holte sich wieder und wieder wunde Knöchel.

Irgendwann entdeckte er, dass er mehr Kraft in den Handkanten als in den Fäusten hatte. Aber auch mit den Handkanten konnte er nicht mehr als zwei Finger dickes Holz zerteilen.

Was war anders gewesen an jenem Nachmittag?

Die Holzplanke stand vor ihm, eine Armlänge tief in den festgestampften Boden eingegraben. Sie federte ein wenig vom letzten Schlag, fast, als ob sie ihn verhöhnen wollte. So, wie ihm auch das Lächeln der Weißgesichtigen höhnisch erschienen war.

Die Weßgesichtigen …

Er hatte den Hund gesehen hinter dem Pfahl. Gesehen und nicht gesehen. Seine Fantasie hatte ihm vorgegaukelt, es wäre einer der Weißgesichtigen. Noch während er daran dachte, stieg der Hass wieder in ihm hoch, der Abscheu, der dringende Wunsch, dieses verdammte weiße, lächelnde Gesicht zu zerschlagen. Wie von selbst fuhr seine Faust hoch.

Die Holzplanke zersplitterte.

Das war das Geheimnis! Steinfaust betrachtete halb ungläubig, halb erleichtert die Splitter. Er durfte nicht auf die Planke zielen. Er musste versuche, ein dahinter liegendes Ziel zu treffen.

Sofort probierte er es erneut. Die nächste Planke zerbarst beim ersten Versuch.

Ebenso die übernächste. Und eine vierte. Und eine fünfte.

Acht Holzplanken später hörte Steinfaust auf. An einer Stelle seiner Knöchel sah der blanke Knochen heraus.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass nahe der Hofmauer seine Kameraden begeistert Beifall johlten. Dann legte sich eine schwielige Hand auf seine Schulter. Der Hauptmann.

„Du blutest. Räum auf, versorge deine Hand und komm dann zu mir ins Büro.”

Bis Steinfaust beim Hauptmann war, hatte er gemerkt, wie sehr seine Hand schmerzte. Sie war auf das doppelte ihres normalen Umfangs angeschwollen und er spürte jeden Pulsschlag schmerzhaft in dem entzündeten Gewebe.

„Das war dumm“, kommentierte der Hauptmann. „Aber das hast du ja wohl selbst inzwischen gemerkt.“

„Ich hätte nach der zweiten, spätestens der dritten Planke aufhören müssen“, gestand Steinfaust ein.

„Und warum hast du es nicht getan?“

Steinfaust zuckte mit den Achseln. „Weiß ich nicht. Irgendwie … es war wie ein Rausch.“

„Du hast etwas erlebt, was nur wenige Krieger je schaffen. Du hast dich in Berserkerwut hineingesteigert. Ein Zustand, in dem man übermenschliche Kräfte entwickelt und keine Schmerzen spürt. Dummerweise auch ein Zustand, in dem man nicht mehr richtig denken kann.“

Kara hatte erzählt, dass sein Vater in der Schlacht zum Berserker wurde. Es hatte sich nicht angehört, als ob er das für eine Dummheit hielt. Aber die Nordmänner mochten das anders sehen als ein Hauptmann der narkassianischen Armee.

„Kann ich verhindern, dass ich noch einmal in diesen Zustand verfalle?“

„Nur mit eiserner Disziplin. Die Frage ist, ob du das willst.“

Steinfaust überlegte. Der Hauptmann sprach mit Sicherheit nicht grundlos mit ihm. „Sollte ich das wollen?“

Als keine Antwort kam, stocherte er nach. „Welchen Vorteil hätte ich, wenn ich der Berserkerwut wieder nachgebe, und welchen, wenn ich sie durch Disziplin beherrsche?“

Der Hauptmann nickte, als ob er etwas bestätigt sah. „Du hast Grips. Sag mir, Junge, wo siehst du dich in zehn Jahren? Welchen Posten willst du dann haben? Wo in zwanzig Jahren, wo in dreißig?“

„In dreißig Jahren will ich der oberste General der Armee sein.“ Steinfausts Antwort kam, bevor er überhaupt darüber nachdachte. Erschrocken hielt er den Atem an. Was, wenn er jetzt den Hauptmann beleidigt hatte? Konnte ein Zugewanderter aus Meelas überhaupt einen höheren Rang in der Armee erreichen?

Der Hauptmann grinste. „Nicht gerade das kleinste Ziel. Was glaubst du, was du dafür brauchst?“

Geld, Reichtum, Beziehungen? Nein, das meinte der Hauptmann bestimmt nicht. Steinfaust überlegte. Was tat ein General? Er redete mit dem Shorok. Er gab Befehle. Er plante.

Der General kämpfte nicht selbst.

Der General durfte auf keinen Fall ein Berserker sein.

„Dann muss ich Disziplin lernen.“

„Disziplin und ein paar Dinge mehr. Dinge, die du als einfacher Soldat nie lernen wirst. Ab sofort bist du mein persönlicher Bursche.“

Bursche des Hauptmanns zu sein hatte Vor- und Nachteile.

Steinfaust konnte lernen, soviel er wollte, ja, er musste es sogar. Der Hauptmann schulte ihn mit allem, was er selbst wusste. Er hörte, was der Hauptmann mit anderen Offizieren und manchmal sogar mit dem Prinzen selbst besprach, und auch daraus lernte er. Der Hauptmann machte Andeutungen, dass Steinfaust für die höhere Laufbahn infrage kommen könnte. Allerdings musste er dafür die Aufnahmeprüfung der Offiziersschule bestehen. Und dafür musste er zuvor noch sehr viel mehr lernen. Also lernte Steinfaust.

Aber weder das Lernen noch seine Hilfsdienste für den Hauptmann entbanden ihn vom täglichen Exerzieren oder von den Kasernen. Und seine Kameraden ließen ihn deutlich spüren, dass sie ihn nicht mehr richtig als zugehörig betrachteten. Da war ein Graben zwischen ihnen, nicht tief, nicht unüberbrückbar, aber kalt wie das Eis des Nordens. Steinfaust vermisste die alte Kameradschaft.

Bis der Hauptmann ihn eines Tages nach Dienstschluss anwies, noch zu bleiben.

Hatte er etwas falsch gemacht? Aber was nur? Steinfaust sah ratlos zu, wie der Hauptmann zum Schrank ging, ihn öffnete, eine Flasche herausholte und zwei Becher. Er stellte die Becher auf seinen Schreibtisch, öffnete die Flasche, goss eine honigfarbene Flüssigkeit aus der Flasche hinein und verschloss diese dann sehr sorgfältig wieder. „Komm näher. Ich beiß dich schon nicht!“

Steinfaust kam zögernd heran.

„Du vermisst deine Kameraden, nicht wahr?“

Steinfaust schluckte. „Ist das so offensichtlich?“

„Nein, du tarnst es gut. Aber ich weiß noch genau, wie es mir damals gegangen ist. Hier, nimm!“ Der Hauptmann schob ihm einen der Becher zu.

Nach kurzem Zögern griff Steinfaust zu und nahm, wie der Hauptmann, einen kräftigen Schluck.

Es fehlte nicht viel und er hätte alles wieder ausgespuckt. Das Zeug brannte wie Feuer in seinem Rachen und den ganzen Weg hinab in seinen Magen, wo es dann zu explodieren schien. Steinfaust schluckte verzweifelt, schluckte noch einmal, schnappte nach Luft und holte tief Atem. Ein Fehler. Im nächsten Moment hustete er sich fast die Seele aus dem Leib.

Der Hauptmann lachte, schlug ihm kräftig auf den Rücken. „Bist wohl noch nichts Gutes gewohnt, was? Das ist Honigfeuer. So etwas trinken echte Männer!“ Er schüttete sich den Rest seines Bechers mit sichtlichem Wohlbehagen in den Mund. „Und du bist alt genug, um ein Mann zu sein.“ Er stellte den Becher wieder ab. „Deswegen werden wir jetzt von Mann zu Mann reden. Also, Steinfaust. Willst du immer noch General werden?“

Steinfaust nickte. Reden konnte er noch nicht wieder.

„Gut“, fuhr der Hauptmann fort. „Den nötigen Ehrgeiz scheinst du zu haben. Aber bist du auch bereit, für diesen Wunsch einiges zu opfern? Du bist seit fast acht Monden mein Bursche. Ich weiß, dass du lernen kannst. Aber das hier, das war ein gemütlicher Spaziergang. Wenn du die Aufnahmeprüfung der Offiziersschule bestehen willst, musst du sehr viel mehr lernen. Und sehr schnell, denn die nächsten Prüfungen sind bereits in drei Monden. Du wirst dir kein Versagen leisten können. Niemand kriegt mehr als eine Chance. Privatleben kannst du abschreiben. Keine Biere mehr abends, keine Besuche bei den Huren, kein Kartenspielen, nichts. Willst du dir das wirklich antun?“

Steinfaust quetschte ein mühsames „Ja!“ hervor.

„Dann sind da noch deine Kameraden. Du hast jetzt schon gesehen, wie alleine die Tatsache, dass du mein Bursche bist, dich von ihnen entfremdet hat. Was, glaubst du, wird passieren, wenn du ein Offizier wirst? Was glaubst du, wie viel ein Offizier mit einem gemeinen Soldaten redet?“

„Nicht viel.“

„Ganz genau. Ein Offizier redet nicht mit seinen Soldaten. Er gibt ihnen Befehle. Und wenn du wirklich General werden willst … überleg es dir gut. Ein gemeiner Soldat hat viele Kameraden und unter ihnen viele Freunde. Ein Offizier hat nur wenige. Und ein General gar keine.“

Steinfaust dachte an die Weißgesichtigen. Niemand hier wusste von der Bedrohung. Und die, denen er davon erzählt hatte, hatten ihm nicht geglaubt. Wenn er dieses Land vor den weißen Ungeheuern schützen wollte, musste er hoch genug kommen, dass er Befehle geben konnte. Und deshalb … „Ich will General werden.“

Der Hauptmann nickte, als ob er etwas bestätigt fand. „Eines solltest du noch bedenken, Soldat. Wenn du die Prüfung nicht schaffst, musst du zurück in die Baracken. Aber deine ehemaligen Kameraden werden dich nie wieder in ihre Reihen aufnehmen.“

„Dann muss ich eben die Prüfung schaffen.“ Steinfaust hob seinen Becher ein zweites Mal, trank den Rest in einem Zug aus und setzte ihn hart wieder an. Das Zeug brannte nicht weniger als beim ersten Mal. Aber er schaffte es, ruhig stehen zu bleiben und nicht zu husten.

Das mit dem „zurück in die Baracken“ hatte der Hauptmann wörtlich gemeint. Steinfaust hauste ab sofort im Vorzimmer seines Hauptmanns. Die Blicke seiner ehemaligen Kameraden brannten ihm im Nacken, wenn er mit ihnen exerzierte. Sie lauerten förmlich auf einen Fehler. Steinfaust strengte sich doppelt an. Jetzt wieder zurück zu müssen … Da wäre fast der Hundezwinger seines ehemaligen Herrn vorzuziehen gewesen. Exerzieren musste er trotzdem, wenn auch nicht mehr so viel wie früher.

Dafür verlangte der Hauptmann, dass sein Bursche ab sofort praktisch jede freie Minute mit ihm verbrachte. Und Steinfaust bemerkte etwas, das ihm vorher nie aufgefallen war. Der Hauptmann, dessen Name Ochon war, wie er ebenfalls lernte, bekam Besuch. Zu den merkwürdigsten Zeiten. Und von den merkwürdigsten Leuten. Es schien fast, als ob sämtliche Kasten Narkassias den Hauptmann aufsuchten. Vom Bettler bis zum Adeligen. Bei dem Bettler versuchte Steinfaust zu horchen. Aber so laut der Mann vor der Tür der Kaserne nach einer milden Gabe gejammert hatte, so leise war seine Stimme, als er hinter der dicken Holzbohlentür zur Stube des Hauptmanns verschwunden war. Es war frustrierend, um das Mindeste zu sagen.

Drei Tage später rief Ochon ihn zu sich. „Du erinnerst dich an den Bettler, der hier war?“

Steinfaust bejahte.

„Würdest du ihn wiedererkennen?“

„Eine Narbe wie ein Angelhaken auf der linken Seite des Kinns, einer der unteren Schneidezähne fehlt, der andere ist schief. Und mindestens zwei Finger seiner Linken waren schon einmal mehrfach gebrochen.“

Ochon streckte ihm einen Holzstab hin, kaum länger als seine Hand. An einem Ende hatte der Stab drei rote Farbringe, am anderen war krude etwas hineingeschnitzt, das wie ein vierfüßiges Tier aussah. Eines mit einer kurzen Schnauze und einem kegelförmigen, ziemlich langen Schwanz. „Gib ihm das. Unauffällig.“

Einen winzigen Moment war Steinfaust versucht, nach dem „Warum“ zu fragen. Aber dann nahm er stumm den Stab und verließ die Wachstube.

Der Bettler war schnell gefunden. Um diese Zeit war Markt, und sie lungerten alle dort herum. Steinfaust ließ den Stab zusammen mit einem Kupferling in seine Bettelschale gleiten und ging weiter, ohne sich umzusehen, als wäre ihm der Bettler bestenfalls lästig. Als er sich am nächsten Stand unauffällig nach ihm umsah, verschwand der Mann gerade in einer der kleinen Gassen Richtung Flussviertel.

Der Hauptmann fragte nicht, als Steinfaust zurückkehre. Er drückte ihm lediglich ein neues Buch in die Hand. „Deine heutige Lektüre. Ein zukünftiger General muss wissen, für wen er kämpft. “

Steinfaust sah auf den Titel. Er hatte Mühe, ein Stöhnen zu unterdrücken. Die Geschichte der unteren Adelshäuser Narkassias, Teil 4, die südlichen Baronien. Das hieß, von diesem uninteressanten Zeug gab es noch mindestens drei weitere Bände, mit denen er sich vergnügen durfte. Vermutlich würde Ochon ihn anschließend abfragen, was den Inhalt betraf, so wie er das auch bei den anderen Büchern schon gemacht hatte.

Wenigstens war es einigermaßen dünn.

Steinfaust merkte bereits beim Betreten der Kantine, dass etwas in der Luft lag. Der Geräuschpegel war höher als normal, und praktisch an allen Tischen steckten die Fußsoldaten die Köpfe zusammen.

Der Hauptmann ignorierte das und steuerte direkt zur Essensausgabe. Steinfaust schien es eine gute Option, das Schweigen seines Vorgesetzten nachzuahmen.

Ochon war ungewöhnlich schweigsam beim Essen. So konnte Steinfaust nicht umhin, zu hören, was an den Tischen der Fußsoldaten diskutiert wurde.

„Der muss jemandem ganz gewaltig auf die Füße getreten sein!“

„Hat wohl geblutet wie ein Schwein.“

„Schlimmer. Den haben sie aber auch an der richtigen Stelle erwischt.“

„Du meinst …?“

„Genau das. Jemand hat ihm den Schwanz abgeschnitten.“ Der Sprecher grinste böse. „Geschah ihm recht. Der Mistkerl hat jede Frau genommen, die er erwischen konnte, und sogar ein paar Jungen. Eine Schande war der. Eine Schande für seine ganze Familie.“

„Und warum hat den dann nicht schon früher jemand um die Ecke gebracht?“

„Hat sich wohl keiner getraut. Immerhin sind die Ottersteiner um drei Ecken mit dem Shorok verwandt.“

Der Löffel mit den Pferdebohnen blieb zwei Herzschläge lang auf halber Höhe stehen, bevor Steinfaust ihn in seinen Mund schob. Das also war diese merkwürdige Schnitzerei gewesen. Ein Otter. Der Holzstab war eine Botschaft gewesen. Genauer gesagt, ein Mordauftrag.

Aber wer war Hauptmann Ochon, dass er einen Verwandten des Shorok ermorden lassen konnte? Und warum?

Drei Tage später wurde ein junger Sklave als Mörder hingerichtet. Ein sehr junger Sklave. Eigentlich war er noch ein Kind. Der Junge konnte kaum mehr als zwölf Winter zählen. Er zitterte, als er sein Urteil vernahm. Ausweiden und vierteilen. Aber dann richtete er sich auf, sah seinen Richtern ins Gesicht und erklärte laut und weithin vernehmbar: „Ich habe meinen Herrn nicht getötet. Aber ich wünschte, ich hätte es getan. Und wer auch immer der Mörder war, ich zolle ihm Beifall dafür, dass er die Welt von einem Widerling befreit hat.“

„Abführen“, knurrte der Richter, ohne von seinen Papieren aufzusehen.

Aber als zwei Gardisten den Jungen hinausbrachten, sah Steinfaust, wie der Richter den Kopf hob und nachdenklich hinter ihm her sah.

Die Hinrichtung war spektakulär … kurz. Irgendwie schaffte es der Henker, sein Messer etwas zu tief in den Leib des Jungen zu stoßen und die Pfortader zu verletzen. Er war tot, noch bevor die Schmerzen richtig begannen. Steinfaust dachte laut darüber nach, als er wieder bei Ochon saß.

„Man sollte meinen, dass einem erfahrenen Henker so ein Fehler nicht unterläuft.“

Ochon brummte etwas Unverständliches.

Steinfaust bohrte weiter. „Wird das Konsequenzen für ihn haben?“

„Warum sollte es?“ Ochon schrieb weiter an seiner Liste, ohne aufzusehen. „Der Ottersteiner hat nicht allzu viele Sympathien gehabt. Nicht mal bei seiner eigenen Sippe. Er soll sich nicht nur an Sklaven vergangen haben.“

„Dann könnte es also durchaus sein, dass der Sklave recht hatte und ein anderer seinen Herrn getötet hat.“

„Bestimmt nicht. Unser Gericht irrt sich bekanntlich nie. Schließlich untersteht es dem Shorok direkt, und der Shorok ist die Sonne der Gerechtigkeit.“

„Dann war es also dem Shorok nicht recht, was sein Vetter trieb.“

Ochon legte die Feder nieder, mit einer fast übertriebenen Sorgfalt. Dann stand er auf, kam zu Steinfaust und blickte ihm in die Augen. „Noch bist du kein General. Noch bist du nichts als ein unbedeutender, leicht zu ersetzender Bursche. Einer wie du hat nicht das Recht, über den Shorok zu mutmaßen oder auch nur seinen Namen in den Mund zu nehmen. Erinnere dich gefälligst daran, wo dein Platz ist.“

Bevor er sich wieder an seinen Tisch setzte, sah er noch einmal zu Steinfaust zurück. „Statt dir unnütze Gedanken zu machen, lies lieber das Buch, das ich dir gegeben habe. Jede einzelne Seite.“

Steinfaust las. Und revidierte sein Urteil. Das Buch war zwar in einem fürchterlich langweiligen Stil geschrieben, aber das, was darin stand, war alles andere als langweilig, jedenfalls dann nicht, wenn man zwischen den Zeilen zu lesen verstand. Das Buch war einer Aufstellung aller vergangenen Taten und Verträge, Hochzeiten und Bündnisse, Streitigkeiten und Straftaten sowie aller Stellungen bei Hofe, die die Vertreter der südlichen Baronien in den letzten fünf Generationen begangen bzw. innegehabt hatten. Und bei genauem Lesen fand sich darin auch die Erklärung, warum der Shorok den Ottersteiner hatte meucheln lassen, anstatt ihn zu maßregeln. Ein Ottersteiner Onkel zweiten Grades hatte seinerzeit den Kopf hingehalten, als der Großvater mütterlicherseits des heutigen Shorok bei einem Feldzug vor Angst zitternd hinter einem Busch gesessen und sich die blanke Furcht aus dem Leib geschissen hatte. Zugegeben, der Junge war damals erst acht Winter alt gewesen, aber trotzdem. Der Shorok schuldete den Ottersteinern etwas. Und mit diesem diskreten Mord hatte er seine Schulden beglichen.

Wo immer der Hauptmann dieses Buch her hatte, Steinfaust war sich sicher, dass es aus keiner öffentlich zugänglichen Bibliothek stammte. Blieb nur die Frage, was eigentlich die Rolle des Hauptmanns in diesem Schattenspiel war.

Zunächst aber hatte Steinfaust andere Sorgen. Zur Herbst-Tag-und-Nachtgleiche standen die Aufnahmeprüfungen der Akademie an. Er musste also dringend lernen. Der Hauptmann seinerseits dachte nicht daran, ihn zu entlasten, im Gegenteil. Er hatte anscheinend Steinfaust zu seinem persönlichen Boten erkoren. Steinfaust lernte die Stadt gründlich kennen. Jeder noch so versteckte Winkel schien Adressaten der Botschaften des Hauptmanns zu beherbergen. Warum musste er dorthin? Noch dazu stets alleine, unbewaffnet und mit einem neutralen grauen Umhang getarnt? Und warum kam kaum je einer dieser Leute seinerseits zum Hauptmann?

In Narkassia kam der Herbst nicht mit Schnee, sondern mit Regen. Das nahe Meer war schuld, hatte ihm Warg einmal erklärt. Es hielt die Luft warm und damit das Wasser flüssig bis fast zum zweiten Mond vor der Wintersonnenwende.

Warm war relativ. Wie jeden Herbst fror Steinfaust und zitterte sich abends unter der dünnen Wolldecke in den Schlaf. Der Herbst in seinen Heimatbergen war angenehmer gewesen. Kälter, gewiss, aber das war eine trockene Kälte gewesen, die sich irgendwie bedeutend angenehmer angefühlt hatte.

Vergangenheit. Daran durfte er einfach nicht denken. Steinfaust stürzte sich mit doppelter Verbissenheit auf sein Lernen. Bis zur Prüfung waren es nur noch drei Dutzend Tage. Selbst im Büro des Hauptmanns lernte er noch, wann immer er einen freien Augenblick hatte. So wie heute. Berechnungen standen an. Berechnungen über den Proviantbedarf eines Regiments während einer dreitägigen Übung. Der Wetzstein gab ein gleichmäßig singend-kratzendes Geräusch von sich, während der Hauptmann ihn an der Schneide seines Schwertes entlangzog. Der Regen trommelte stetig, fast beruhigend, auf das Dach. Keiner der beiden Männer redete.

Eine Frau trat in den Hof. Ihr Gewand leuchtete weiß durch den strömenden Regen. Eine Priesterin? Seit wann kamen Priesterinnen in die Kasernen?

Ochon sah von seinem Schwert hoch, legte den Wetzstein zur Seite und wischte die Klinge ab, bevor er sie in die Scheide zurücksteckte. „Sie ist früh dran!“

Die Frau kam näher. Nein, ihre Kleidung war nicht weiß. Das, was Steinfaust zunächst als Weiß gesehen hatte, war in Wirklichkeit ein sehr helles Grau, üppig mit Stickerei in dunkleren Grautönen verziert. Die Frau war eine Prostituierte.

„Hör auf, Sizea so anzugaffen“, knurrte Ochon unwirsch. „Die ist nichts für dich!“

Natürlich nicht. Ihr Gewand musste ein Vermögen gekostet haben. Die Frau war mit großer Wahrscheinlichkeit keine normale Prostituierte, sondern eine jener Kurtisanen, mit denen der Adel sich schmückte. Nicht einmal sein kompletter Jahreslohn hätte ausgereicht, dass Steinfaust sich auch nur eine Kerze lang an ihrer Gegenwart hätte erfreuen können.

Aber auch der Hauptmann verdiente nicht soviel. Was also tat diese Frau hier?

Der Hauptmann ging wortlos in seine Stube. Die Frau folgte ihm und schloss sorgfältig die Türe hinter sich. Die Türe war aus dickem, festem Tannenholz. Steinfaust wusste aus Erfahrung, dass man bei normaler Lautstärke draußen kein Wort verstehen konnte von dem, was drinnen geredet wurde. Er wartete trotzdem nahe der Tür.

Es dauerte fast eine ganze Kerze, bis die Frau wieder herauskam. Sie musterte ihn von oben bis unten. „Neugierig, hm?“ Dann ging sie mit einem leisen, melodischen Lachen davon.

Sie war nicht die einzige. Jetzt, wo Steinfaust verstärkt darauf achtete, fiel ihm auf, wie viele unterschiedliche Leute den Hauptmann tatsächlich aufsuchten. Er hatte es bloß bislang nicht bemerkt, denn nur wenige kamen am Tag, die meisten erschienen abends oder sogar in der Nacht. Mindestens jeden zweiten Tag kam jemand. Das waren also die Gegenbesuche, die er vermisst hatte. Manchmal ging anschließend der Hauptmann in das Schlossgebäude, stets alleine. Die Neugier brachte Steinfaust fast um den Verstand, aber er verkniff sich jede Frage. Zum einen bezweifelte er stark, dass er eine Antwort gekriegt hätte. Zum anderen standen seine Prüfungen jetzt unmittelbar bevor, und dieses Thema hatte absolut nichts damit zu tun. Er musste sich auf das konzentrieren, was für ihn im Moment am wichtigsten war: die Aufnahmeprüfung.

Irgendwie schaffte er es, die seltsamen Besuche zu ignorieren.

Dann kam der Tag, an dem er zusammen mit acht anderen Bewerbern zur Prüfung antreten musste. Fünf Offiziere bildeten die Prüfungskommission, zusammen mit drei Zivilisten, die ihren Wappenröcken nach zum Hochadel gehörten. Steinfaust wurde ganz anders zumute. Er hatte nicht gedacht, dass diese Prüfungen so wichtig waren. Jeder der Prüflinge wurde einzeln hineingerufen und einem gnadenlosen Interview unterzogen. Etliches wusste Steinfaust, aber es gab auch Fragen, bei denen er nicht einmal den Sinn verstand.

Am Schluss wurden alle Prüflinge gleichzeitig hineingebeten.

Obrist Tarere, ein weißhaariger, hochgewachsener Mann mit dunkelgrünen Augen, erhob sich und räusperte sich.

„Keiner von euch hat überragende Leistungen gezeigt. Allerdings war auch keiner wirklich schlecht. Ich wäre geneigt, euch alle für die Offiziersausbildung zuzulassen. Allerdings müssten wir da noch eine Kleinigkeit klären.”

Der Mann neben Steinfaust trat unruhig vom rechten Fuß auf den linken. Zwei Köpfe weiter räusperte sich einer.

„Ich werde euch jetzt eine Situation schildern, die es in ähnlicher Form vor einigen Jahrzehnten real gegeben hat. Eine Situation, die eine Entscheidung erfordert. Jeder einzelne von euch wird diese Entscheidung fällen müssen und, was noch wichtiger ist, er wird sie uns begründen müssen.”

Tarere kam um den Tisch herum und stellte sich vor die Anwärter.

„Stellt euch vor, ihr seid auf einem Außenposten. Neunzehn Männer, drei Frauen, ein Kind. Es ist Winter, der Schnee reicht bis fast zum Bauch eurer Pferde. Ihr werdet von Nordmännern belagert. Eure Lebensmittel reichen nur noch für wenige Tage. Die Brandpfeile der Nordmänner haben bereits drei Häuser innerhalb der Palisaden abgefackelt, darunter die Proviantscheune und das Brennholzlager. Ihr habt Raben ausgeschickt und um Entsatz gebeten, aber selbst wenn die Raben ihr Ziel erreichten, könnte die Verstärkung frühestens in einem Dutzend Tagen kommen. Das fehlende Brennholz wird jetzt auch zu einem Problem, denn ein Sturm kündigt sich an. Der Anführer der Nordmänner macht euch ein Angebot. Ihr dürft euch ergeben. Er will den Kopf des Anführers, also euren, und zudem den Kopf jedes zweiten Mannes. Der Rest kann abziehen. Wie entscheidet ihr euch?”

Der Mann neben Steinfaust trat vor und salutierte. „Anwärter Propost!”

Tarere nickte aufmunternd. „Deine Entscheidung?”

„Ergeben ist ausgeschlossen. So unehrenhaft wird kein Narkassianer jemals handeln. Allerdings schätze ich unsere Aussichten in der geschilderten Situation als ausweglos ein. Die Nordmänner sind dafür bekannt, dass sie keine Gnade kennen. Daher würde ich die Frauen und das Kind töten und anschließend bis zum letzten Mann kämpfen.”

„Im Sturm?”

„Ob wir im Kampf sterben oder im Sturm erfrieren, wo ist der Unterschied? So oder so, wir würden ehrenvoll untergehen.”

Der Mann links außen trat vor und salutierte. „Anwärter Gondok!”

„Deine Entscheidung?”

„Ich würde solange wie möglich ausharren. Im Sturm werden die Nordmänner vermutlich genauso wenig kämpfen wie wir.”

„Und der fehlende Proviant und das Brennholz?”

„Der Schnee liegt ohnehin zu hoch für die Ponys. Ich würde sie schlachten lassen. Damit hätten wir erst einmal genug zu essen. Alle Mann ins Zentralgebäude, und wir könnten die restlichen Außengebäude als Brennholz nutzen. Außerdem ließe sich, falls die Palisaden fallen, ein einziges Gebäude besser verteidigen als mehrere.”

Zwei weitere Anwärter schlossen sich Propost an, die anderen Gondok. Bei ihren Begründungen variierte höchstens die Zeit, die sie noch abwarten wollten.

Tarere fasste Steinfaust ins Auge. „Hast du keine Meinung?”

Jetzt salutierte auch Steinfaust. „Anwärter Steinfaust. Kommandant, doch, ich habe eine Meinung.”

„Deine Entscheidung? Anwärter Gondaks Lösung oder Anwärter Proposts?”

„Weder, noch. Proposts Lösung ist schlicht dumm. Sie müssten nicht alle sterben. Die Nordmänner mögen keine Gnade kennen, aber das gilt nur für Männer. Steht in dem Band `Die Nordmänner und der Krieg um den Goldbach´, der, soweit ich weiß, als Pflichtlektüre für alle Offiziersanwärter gilt. Frauen und Kinder würden sie am Leben lassen, vermutlich gegen Lösegeld wieder freigeben. Ein Kampf wäre zudem genau das, was die Nordmänner wollen. Und als Draufgabe bekämen sie das restliche Fort mit allem Inhalt praktisch unversehrt. Wenn Proposts Lösung überhaupt funktionieren soll, müsste er die Frauen und das Kind mit einigen Ponys zu den Nordmännern schicken, damit sie schon mal in Sicherheit sind. Dann könnte er kämpfen, aber vorher sollte er noch das Fort komplett abbrennen, damit die Nordmänner wenigstens keine weitere Beute finden. Vermutlich töten sie ihn und seine Männer trotzdem, aber der Raubzug wäre für sie nicht zufriedenstellend, und sie würden vermutlich so schnell keinen neuen planen.

Und Gondaks Lösung ist unüberlegt. Der Schnee geht bereits bis zu den Bäuchen der Ponys. Wenn jetzt noch ein Sturm dazukommt, liegt der Schnee in weniger als drei Kerzen so hoch wie die Palisade, mindestens auf einer Seite des Forts. Die Nordmänner könnten also beinahe gemütlich hereinspazieren. Sich mit Fleisch und Feuerholz im Zentralgebäude zu verschanzen bringt auch nichts. Der gleiche Schnee, der die Nordmänner über die Palisaden bringt, bringt sie auch auf das Dach. Entweder sie zünden es an und räuchern uns aus, oder sie schlagen ein Loch in die Holzschindeln und erschießen von oben jeden, der sich noch rührt. Spätestens mit dem Ende des Sturms und auf jeden Fall lange vor dem Eintreffen der Verstärkung wären alle tot.”

Tareres Miene war steinern. „Hättest du eine bessere Lösung, Anwärter Steinfaust?”

„Ich würde um Verhandlungen bitten, von Anführer zu Anführer. Das ist ehrenhaft genug, dass sie vermutlich darauf eingehen würden. Dann würde ich dem Anführer der Nordleute das Angebot machen, dass er den kommenden Sturm sicher und gemütlich bei einem Ponybraten zusammen mit uns im Fort verbringen kann. Und dort würde ich ihm, da der Sturm vorerst weitere Kämpfe unmöglich macht, vorschlagen, das Ganze mit einem Spiel zu entscheiden. Am besten Dreizehn Wölfe, das Spiel kennen sowohl die Nordleute als auch wir. Sie spielen gerne. Ich bin sicher, er würde annehmen.”

„Und wenn er das Spiel gewinnt?”

„Würde er nicht. Er hat mit Sicherheit auf einem Raubzug keine Karten dabei. Also müssten wir meine nehmen. Und ich habe gezinkte Karten.”

„Du würdest mogeln?”

„Wenn ich damit eine Schlacht gewinne, warum nicht?”

„Das wäre aber nicht ehrenhaft.”

„Was nützt uns die Ehre, wenn wir alle tot sind? Was nützt dem Shorok die Ehre, wenn er ein Fort verliert? Was nützt dem Kind die Ehre, wenn es sein Leben nicht einmal richtig beginnen darf?”

Tarere regte immer noch keinen Muskel. „Wir werden beraten. Wegtreten, Anwärter!”

Wenn Blicke hätten töten können, wäre Steinfaust vermutlich schon beim Verlassen des Raumes tot umgefallen. Sowohl Propost als auch Gondak und ihrer beiden Anhänger rückten so rasch von ihm weg, als ob er die Krätze hatte. Keiner sprach mit ihm, dafür tuschelten sie untereinander. Steinfaust war sich darüber im Klaren, dass er heute keine Freunde gewonnen hatte. Hoffentlich ließen ihn die Prüfer zur Offiziersschule zu. Hoffentlich! Wenn nicht ... Dann hatte er nicht nur keine Kameraden mehr, zu denen er zurückkehren konnte, sondern auch noch Feinde im Offizierskader, die nur zu bald seine Vorgesetzten sein mochten.

Aber hätte es etwas gebracht, auf Sicherheit zu setzen und sich einer der beiden Parteien anzuschließen?

Steine.

Die zu Hause hatten auch auf Sicherheit gesetzt. Was hatte es ihnen eingebracht? Steine. Sie waren nur noch Steine. Was nützte ihnen da noch die Sicherheit?

Die Prüfungskommission beriet lange. Ungewöhnlich lange, wie Steinfaust den irritierten Blicken der anderen Anwärter entnahm.

Endlich wurden sie hereingerufen. Und wieder war es Tarere, der das Wort ergriff.

„Nicht alle von euch konnten uns überzeugen.”

Steinfaust spürte, wie ihm das Herz bis hinauf in den Hals klopfte. Göttin, bitte, lass ihn nicht mich meinen!

„Proposts Lösung ist tatsächlich dumm. Zudem spricht alles dafür, dass sowohl er als auch die beiden Anwärter, die sich seiner Meinung angeschlossen haben, die gebotene Pflichtlektüre vor der Prüfung nicht sorgsam genug gelesen haben. Allerdings war Propost mutig genug, als erster eine Lösung anzubieten. Für Mut ist immer Platz in der Armee Narkassias. Propost ist daher zugelassen. Seine beiden Mitläufer nicht.”

Steinfaust sah die beiden Anwärter sichtlich zusammensacken. Sie bewahrten aber genug Haltung, um zu salutieren und den Raum umgehend schweigend zu verlassen.

„Gondaks Lösung ist überlegt und ehrenvoll, wenn auch nicht vollständig durchdacht. Seine Gruppe ist komplett zugelassen.”

Die Männer um Gondak wurden sichtlich zwei Finger größer. Einer, ein etwas untersetzter Mann mit breiten Schultern, erlaubte sich sogar ein winziges Grinsen.

„Und nun zu dir, Steinfaust. Du wirst nicht mit den anderen die Offiziersschule besuchen.”

Steinfaust spürte, wie ein Eisring sein Herz umschloss. Versagt!, war alles, was er denken konnte. Er hatte die Kommission nicht überzeugen können. Alle seine Pläne waren zunichte geworden.

„Für dich haben wir etwas anderes beschlossen. Du wirst meinem persönlichen Kader zugeteilt. Falls Hauptmann Ochon einverstanden ist, heißt das.”

Steinfaust starrte ihn verständnislos an. Wieso sollte er zum persönlichen Kader des Obristen, wenn er die Prüfung nicht bestanden hatte? Und warum musste Hauptmann Ochon zustimmen? War nicht Obrist der höhere Rang?

„Du kommst am besten gleich mit. Ich rede später mit Hauptmann Ochon.”

Und schon steuerte Tarere zur Tür hinaus. Steinfaust folgte ihm, noch immer völlig verwirrt.

Tarere ging direkt mit ihm in die Kaserne der höheren Dienstgrade. Dort bekam Steinfaust ein eigenes Zimmer angewiesen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Räumen Tareres.

„Deine Sachen werden gebracht.”

Tarere war wieder zur Tür hinaus, bevor Steinfaust sich seine Frage auch nur überlegt hatte. Steinfaust blieb mitten im Zimmer stehen und sah sich um.

Ein kleines Fenster. Direkt darunter ein Tisch und ein Stuhl, daneben ein kleines, leeres Regal. Eine Pritsche von der gleichen Art wie in seinem bisherigen Schlafraum, nur dass er den mit fünf Kameraden hatte teilen müssen. Auch der Spind sah nicht anders aus.

Aber die Tür, die immer noch offen stand, hatte einen Riegel von der Innenseite. Und auf dem Tisch stand eine Öllampe.

Steinfaust setzte sich und wartete.

Zwei Soldaten, die er nicht kannte, erfahrene, ältere Veteranen, brachten seine Sachen und warfen sie kommentarlos auf die Pritsche. Da er eh nichts anderes zu tun hatte, stand Steinfaust auf und machte sich ans Einräumen. Er war gerade damit fertig, als Tarere wieder auftauchte. „Zu mir!”, befahl er knapp und drehte sich bereits wieder um. Steinfaust trabte hinterher.

Die höheren Ränge wohnten um einiges komfortabler. Tareres Raum hatte zusätzlich zu einem großen Tisch mit mehreren Stühlen noch einen Schreibtisch. Eine Wand des Zimmers nahm ein fast überquellendes Bücherbord ein, und auf dem Fußboden lag sogar ein dünner Webteppich.

„Du wirst ab sofort die Morgenschicht bei mir haben. Das bedeutet, vom Weckruf bis zum Mittagsfeuer wirst du wie ein Schatten an meiner Seite kleben und mich nur verlassen, wenn ich einen entsprechenden Auftrag für dich habe. Nach dem Mittagsfeuer kannst du den Stoff der Offiziersschule lernen, aber in deinem eigenen Zimmer. Ich werde dafür sorgen, dass du alle notwendigen Bücher bekommst. Jeden fünften Nachmittag und Abend hast du frei und kannst machen, was du willst. Und wenn du dich in der Stadt besäufst oder zu den Huren gehst.”

Steinfaust öffnete den Mund – und schloss ihn wieder.

„Du darfst fragen.”

„Dann bin ich nicht durchgefallen?”

„Wie kommst du darauf, dass du durchgefallen sein könntest?”

„Weil die anderen die Schule besuchen dürfen und ich nicht.”

„Du brauchst die Schule nicht. Ich habe mit Ochon gesprochen und er ist der gleichen Meinung wie ich. Die Bücher kannst du alleine bewältigen. Und den Rest kannst du dir direkt bei mir in der Praxis aneignen.”

Steinfaust spürte, dass seine Wangen glühten. „Warum ich? Warum nicht einer der anderen?”

„Weil du als Einziger eine Lösung gefunden hast, die nicht in einem totalen Fiasko endet. Weil du versucht hättest, möglichst viele von deinen Männern am Leben zu halten. Weil du denken kannst. Selbstständig denken. Das ist genau die Eigenschaft, die ein Anführer braucht. Und weil du Ehrgeiz hast. Ochon sagt, du willst General werden.”

Steinfaust fühlte das Glühen jetzt bis in die Spitze seiner Ohren. „Ja.”

„Nun”, in Tareres Gesicht blitzte ein kurzes Lächeln auf, „dann brauchst du eine bessere Ausbildung als die anderen. Die werden Offiziere, ja, aber ihre Laufbahn wird bei den mittleren Dienstgraden enden. Deine dagegen … wenn du hältst, was deine bisherigen Leistungen versprechen, dann hättest du vielleicht tatsächlich eine winzige Chance, es bis an die Spitze zu schaffen.”

„Aber ich bin ein Sklave gewesen und nicht einmal in Narkassia geboren.”

„Wen kümmert das? Was glaubst du, wie viele ehemalige Sklaven wir in unseren Reihen haben? In der Armee zählen nur Fähigkeiten und Loyalität. Alles andere kannst du hier vergessen. Zumindest in den unteren Rängen. Fähigkeiten hast du. Hast du auch Loyalität?”

Steinfaust ballte unwillkürlich seine Hände. „Es gibt niemand anderen, zu dem ich sonst loyal sein könnte!”

„Nun dann … Zunächst einmal fangen wir damit an, dass du mir die Stiefel ausziehst und sie putzt.” Tarere lehnte sich zufrieden auf dem Stuhl zurück und hob ein Bein.

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306 səh. 11 illustrasiyalar
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9783959593243
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