Kitabı oxu: «Wüstenkrieger»
Spiegelmagie
Band 3
WüstenKRIEGER
C. Svartbeck

Hinweis:
Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.
C. Svartbeck
Machandel Verlag
Neustadtstr.7, 49740 Haselünne
Bildquelle cover: Vuk Kosticwww.shutterstock. com
2016
ISBN 978-3-95959-112-6
Was vorher geschah
Zwei königliche Halbbrüder, die sich innigst hassen. Eine Ehe unter Königskindern, wie sie unglücklicher nicht verlaufen könnte. Ein jugendlicher Zauberer, der tatsächlich einen Freund hat. Und dieser Freund ist noch nicht einmal ein anderer Zauberer, sondern der Bastard-Sohn des karapakischen Königs.
Karapak geht stürmischen Zeiten entgegen.
Band 1 - Königsfalke
Zwei königliche Brüder = zwei tödliche Rivalen, und dazwischen ein junger Zauberer, der sich kräftig einmischt.
Ioro, ältester Sohn einer Konkubine König Kanatas (und daher nicht Erbe), ist zum obersten Feldherren bestimmt, sein jüngerer Bruder Tolioro als Sohn der Ersten Gemahlin ist Thronerbe.
Wie das Schicksal so spielt, scheint Ioro mehr Intelligenz und Ehre zu besitzen als Tolioro, was Vater Kanata wohlwollend vermerkt. Ebenso wohlwollend sieht er allerdings zu, wie Söhnchen Tolioro einen potenziellen Konkurrenten nach dem nächsten aus dem Weg räumt. Und Mutter Iragana beseitigt unauffällig einige Leichen, die Tolioro bei seinen sexuellen Eskapaden produziert.
Auch Ioro würde dem Weg aller Königssöhne in ein frühes Grab gefolgt sein, hätte er nicht in dem angehenden Zauberer Jokon einen tatkräftigen Freund gefunden. Dumm ist halt nur, dass auch Jokon sozusagen auf Messers Schneide lebt.
Band 2 - Falkenkrieger
Eine königliche Ehe = ein Drama, und als wäre das nicht ausreichend, versucht sich die halbe Familie und Schwiegerfamilie gegenseitig zu meucheln.
Am Ende stirbt der König von der Hand seines Sohnes und Ioro, der jetzt keine Zukunft mehr für sich sieht im Reich, flieht zu den Wüstenkriegern, gegen die das Reich gerade Krieg führt.
Zauberer Jokon, der sich jetzt Jo nennt, hat derweilen einen kapitalen Fehler begangen, ist einer fremden, feindlichen Zauberer-Fraktion auf den Leim gegangen und sitzt im Körper eines Falken fest.
Ein toter König
General Ordunat kratzte sich unbehaglich am linken Oberschenkel. Die alte Pfeilwunde schmerzte schon wieder. Er sollte wirklich einen Heiler aufsuchen … Aber das war nicht seine dringendste Sorge. Ganz und gar nicht.
„Wir haben nur eine Chance“, sagte General Skatskee mit gepresster Stimme. „Das hier darf nie, wirklich nie, unter absolut keinen Umständen, an die Öffentlichkeit gelangen.“
Sein Blick irrte durch das Zelt, um wieder bei der Gestalt zu landen, die inmitten eines unregelmäßigen Fleckens eingetrockneten Blutes am Boden lag. Sein König. Erschlagen mit einem Schwert, in einem seiner eigenen Zelte, inmitten einer Tausendschaft seiner besten Soldaten.
Dazu ein entkommener Gefangener. Und ein vermisster Feldherr, der zufällig auch noch der Sohn dieses Königs war.
Eine Katastrophe. Alle vier anwesenden Generäle waren sich darin einig. Eine Katastrophe für den Feldzug, eine noch größere Katastrophe für das Reich. Und eine vernichtende Katastrophe für die Ehre des Königshauses, sollte jemals die Wahrheit ans Licht kommen: Dass der oberste Feldherr Karapaks seinem Vater und König eigenhändig den Schädel gespalten hatte und mit seinem Erzfeind gemeinsam in der Wüste verschwunden war.
Der Junge hatte das gar nicht mal so ungeschickt gemacht, dachte General Ordunat. Hatte höchstpersönlich die Wachen mit einem harmlosen Gespräch abgelenkt, sodass der Schamane unbemerkt davonschleichen konnte, und war dann davongegangen, als ob er nur einen kleinen Spaziergang machen wollte. Es hatte fast eine Kerze gedauert, bevor dem ersten Wachsoldaten aufgefallen war, wie still es im Zelt war.
Ordunat verstand Ioro. Und wie er ihn verstand! Die letzten Befehle des Königs waren allesamt dermaßen unehrenhaft gewesen, dass es geradezu ein Wunder war, dass die Soldaten sie noch ausgeführt hatten. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, wie sehr der junge Feldherr unter diesen Befehlen litt. Und dennoch … Das hätte Ioro nicht tun dürfen. Damit hatte er seinen Eid gebrochen und seine Ehre auf immer verloren.
Aber das spielte auch nur noch eine sekundäre Rolle. „Wie wollen wir vorgehen?“
General Skatskee deutete auf die reglose Gestalt. „Wir werden sagen, der Schamane hat den König getötet. Und den Feldherren mit einem Zauber belegt, um ihn in die Wüste zu entführen. Und dort werden ihn vermutlich die rachsüchtigen Wüstenbarbaren töten.“
„Die Wachen wissen es anders“, gab General Nogando zu bedenken.
„Die Wachen werden sterben. Sie haben versagt. Sie hätten den König schützen müssen.“
„Wollen wir wegen des Feldherren etwas unternehmen?“
„Was denn?“, gab Ordunat bissig zurück. „Wollt Ihr die Wüste nach ihm umgraben? Da wären Eure Chancen besser, mit bloßen Händen in den Bergen einen Drachen zu erlegen. Niemand findet die Wüstenkrieger, wenn sie es nicht wollen. Der einzige, der das konnte, war Ioro, und auch der schaffte es nur, weil ihm dieser Falke dabei half.“
„Wenn wir Glück haben, erschlagen die Wüstenkrieger ihn wirklich“, knurrte General Ochot. „Genug von ihnen hat er schließlich getötet.“
„Und wenn wir Pech haben“, lächelte General Ordunat schief, „lassen sie ihn nicht nur am Leben, sondern nutzen auch seine Erfahrungen. Immerhin war er der oberste Feldherr Karapaks. Wer, wenn nicht er, kennt alle unsere Schwächen, weiß, wie unsere Armee arbeitet, und vor allem, wie wir denken?“
Die Generäle sahen sich an. Unbehagliches Schweigen breitete sich im Zelt aus. Schließlich räusperte sich General Skatskee. „Wollen wir hoffen, dass Ioro noch Ehre genug fühlt, dass er uns nicht verrät. Den Feldzug werden wir so oder so vorerst abbrechen müssen. Unsere alleinige Aufgabe wird es jetzt sein, unseren toten König nach Hause zu bringen. Dann ist es an seinem Sohn, unseren neuen König, über das weitere Schicksal dieses Feldzuges zu entscheiden.“
*
Der Weg nach Sawateenatari war lang. Es war den Zauberern zu verdanken, dass Kanatas Körper in einem einigermaßen ansehnlichen Zustand zurück in den Palast gelangte.
*
Iragana lauschte in sich hinein. Wie seltsam. Sie fühlte nichts. Dabei hätte sie doch jetzt Freude empfinden müssen. Freude darüber, dass der Platz ihres Sohnes gesichert war. Freude darüber, dass gleichzeitig sein ärgster Konkurrent, sein Bruder Ioro, ausgeschaltet war. Freude darüber, dass alle ihre Ziele erreicht und ihre Träume in Erfüllung gegangen waren.
Aber da war keine Freude. Da war nur diese merkwürdige Leere. Iragana schaute in ihr Innerstes. Diese Leere beunruhigte sie, verunsicherte sie zutiefst. Warum freute sie sich nicht? Sie grub in der Leere. Da ganz hinten, in einem tiefen, versteckten Winkel ihres Verstandes, war doch noch etwas. Sie packte dieses Etwas, zog es aus seinem Versteck, begutachtete es, wand es nach allen Seiten. Und sie erkannte es. Es war der letzte kleine Rest von jenem ersten winzigen Spross einer Liebe, die sie einmal, als junge Braut, ihrem Verlobten Kanata entgegengebracht hatte. Das, woraus ihre Liebe zu ihrem Ehemann gewachsen war, das, was sich aus unerwiderter Liebe zu Hass gewandelt hatte über die Jahre, und dann zur Gleichgültigkeit, und jetzt zur Leere. Aber dieser kleine Rest hatte überlebt. Hatte sich nicht zerstören lassen. Iragana erkannte fassungslos, dass sie ihren Mann immer noch liebte.
Die Gemahlin des toten Königs schrie laut auf.
In den Höfen des Sommerharems erstarrte das Leben.
*
Weiß. Die ganze Welt war weiß. Weiß trugen die Diener. Weiß trugen die Wachen. Weiß die Konkubinen und die Kinder. Weiß trug die Königin. Jedes sichtbare Stück Stoff war weiß. Selbst die Halsbänder der Hunde waren weiß. Und die Blumenbeete. Alle Blüten, die nicht weiß waren, hatten die Gärtner abgeschnitten.
So geisterhaft der Palast aussah, so still war er.
Die Gemächer des Kronprinzen blieben leer.
*
„Her mit dem Wein!“ Tolioro schwankte leicht, während er nach dem rubingeschmückten Pokal griff. Süßer, karapakischer Südwein. Sein Vater war endlich tot. Das musste gefeiert werden! Noch dazu schien sein Bruder sehr innig in diesen Tod verstrickt zu sein. Mit etwas Glück war Ioro sogar inzwischen ebenfalls tot. Tolioro hoffte auf die Rachsucht der Wüstenkrieger. So oder so aber war das Verschwinden seines Bruders von der Bildfläche ein weiterer Grund zum Feiern. Graf Chilikits Stadtpalais gab da gerade den rechten Rahmen her.
Zu Hause trugen alle Trauer. Selbst seine dämliche Mutter. Hatte sie sich nicht immer den Tod ihres Gatten gewünscht, sogar aktiv darauf hingearbeitet? Und jetzt, wo er endlich tot war, trauerte sie um ihn und behauptete, ihn tatsächlich geliebt zu haben? Versteh einer die Frauen! Tolioro verstand sie jedenfalls nicht. Aber egal. Sollte seine Mutter trauern, er würde feiern.
Die zierliche Sklavin schenkte den Wein ohne weitere Aufforderung nach. Ihre Hand zitterte leicht. Tolioro musterte sie kritisch von oben bis unten. Ein wenig zu dunkel für seine Zwecke. „Geh nach nebenan!“, befahl er. „Da steht Farbe. Mal dich heller. Und vergiss deine Haare nicht!“ Das Mädchen verbeugte sich und machte, dass es hinauskam.
Fitor von Arant-Kone, Graf Chilikits jüngster Sohn, sah mit weinseligem Lächeln auf. „Heller? Ich dachte immer, du magst keine hellhäutigen Frauen?“
„Mag ich auch nicht.“ Tolioro flegelte sich in die Polster. „Sie erinnern mich an meine Frau.“
Fitor zog es vor, darauf nicht zu antworten. So betrunken war er denn doch noch nicht, um nicht zu wissen, wie heiß dieses spezielle Thema war. Aber Tolioro sprach schon weiter.
„Meine entlaufene Frau Sirit.“ Seine Stimme klang heiser. „Wenn ich die heute hier hätte …“ Er goss einen weiteren Becher Wein in sich hinein. „Na gut, sie ist nicht hier, dann werde ich mich eben mit dieser hier begnügen müssen.“ Er deutete auf die Sklavin, die mit geweißtem Gesicht und ebenso geweißten Armen, Händen und Haaren soeben den Raum wieder betrat. Man sah der Farbe an, dass sie in aller Eile aufgetragen worden war. Schwankend richtete Tolioro sich auf, winkte die junge Frau heran. Sie versuchte eine Verbeugung. Tolioros Hand landete hart in ihren Haaren, krallte sich hinein und zwang sie auf die Knie. „Hässlich“, sagte er. Jetzt schnurrte seine Stimme fast. „Hässlich. Hell, hässlich, hell und hässlich.“ Er riss ihre Tunika auf. Auf den braunen Brüsten der Sklavin brachen sich die goldenen Reflexe der Kerzenflammen. „Arr!“ Tolioros freie Hand klatschte hart in ihr Gesicht. „Ich habe gesagt, du solltest dich heller machen. Was bei allen Winddämonen ist daran so schwer zu verstehen? Heller, überall heller. Ich habe nicht gesagt, lass deinen Körper aus!“ Er schlug ein zweites Mal zu. Da, wo sein Ring sie getroffen hatte, zeigte die Wange der Sklavin eine breite, blutige Schramme. Die Frau wagte nicht einmal zu wimmern. Tolioro warf sie hart auf den Boden. Dann ging er selbst nach nebenan, holte Farbe und Schwamm. Sanft, fast liebevoll begann er, den ganzen Körper der Sklavin mit der Farbe zu betupfen.
Fitor richtete sich interessiert auf. Das war neu.
Die Sklavin entspannte sich langsam. Drehte ihren Körper so, wie Tolioro es wollte, bis er sie von Kopf bis Fuß mit der hellen Farbe bedeckt hatte. Nicht einmal ihre Schamlippen hatte er ausgelassen. „Besser“, konstatierte er und warf den Schwamm achtlos beiseite. „Für heute Abend bist du meine Frau.“
Fitor zuckte zusammen. Au weia. Es wurde Zeit, dass er eine Ausrede fand, um sich zu verdrücken.
Tolioro öffnete seinen Gürtel, wog ihn in der Hand. Ein schneller, harter Schlag quer über die Brüste der Frau. Sie jaulte kurz auf. Er nahm den Gürtel und formte daraus eine Schlinge. Dann zog er sie beinahe liebevoll über den Kopf der Sklavin und beugte seinen Kopf an ihr Ohr. „Du wirst dich nicht wehren!“, flüsterte er. „Meine Frau tat das auch nie. Lieg einfach nur still. Wenn nicht …“ Er zog an der Schlinge. Das Lederband am Hals der Frau zog sich zu. Ihr Körper bäumte sich auf in dem vergeblichen Bemühen, Luft zu kriegen. Tolioro wartete ein paar Herzschläge, dann lockerte er die Schlinge wieder. In den Augen der Frau standen Tränen. „Wenn nicht, dann bist du sehr schnell tot. Hast du verstanden?“ Sie nickte furchtsam.
Wenn du wüsstest, dachte Fitor. Der Tod ist noch das geringste Übel, das dich hier erwartet. Aber er sagte nichts.
Tolioro hatte sich inzwischen seiner Kleidung entledigt und kniete zwischen den Beinen der Frau. In der einen Hand hielt er das Ende der Gürtelschlinge, in der anderen sein Messer, und sein Glied zuckte begierig vor ihrer Scham. Dann begann er, mit der Spitze des Messers Linien in die weiße Farbe auf ihrem Bauch zu ritzen. Verschlungene, gewundene Linien, aus denen es rot quoll. Die Frau tat ihr bestes, still liegen zu bleiben, aber ihr ganzer Körper zuckte und zitterte.
„Zu- zuwiel Wein!“, sagte Fitor, bewusst lallend. „Zuwiel Wein. Miris schlescht. Isch glaub isch geh mal kurzzz innen Garten.“ Ihm war tatsächlich schlecht, wenn auch nicht von dem Wein.
„Jaja“, murmelte Tolioro geistesabwesend, „geh nur.“ Sein Messer grub sich in den Oberschenkel der Frau. Sie wimmerte. Er drehte die Klinge. Die Frau schrie. Er zog die Schlinge zusammen. Aus dem Schrei wurde ein Röcheln. Im Hinausgehen nahm Fitor gerade noch wahr, wie Tolioro sein Glied in die Frau hineinrammte und zischte: „Du wirst mich noch um Gnade anflehen, Sirit!“
Der Neue
„Wir ziehen uns zurück!” Die Stimme des Schamanen hörte jeder, auch wenn er leise sprach. „Wir ziehen uns zurück und bleiben mindestens zwei Tagesritte von der Grenze entfernt!”
„Das sagst du nur, weil dieser Fremde dir das einflüstert!” Chirgot musterte Ioro feindselig. Nicht genug, dass der Schamane den Krieg abbrechen wollte, nicht genug, dass er einen der Karapaki persönlich mitbrachte ins Lager der Roten Zelte, es war auch noch der Anführer mit dem unheimlichen Geistervogel. Ausgerechnet der!
„Das sage ich, weil ich die Zeichen der Götter sehe!” Der Schamane ließ sich nicht beirren. „Wir werden tun, was uns die Götter zu tun bedeuten. Oder wollt ihr gegen ihren Willen und gegen meinen Rat weiterkämpfen?”
Chirgot antwortete nicht. Er selbst hätte ja die größte Lust, genau das zu tun. Aber welcher Krieger-Bruder würde ihm folgen? Keiner. Und die Karapaki alleine anzugreifen, da konnte er sich genauso gut gleich selbst die Kehle durchschneiden.
Er würde tun, was der Schamane sagte. Aber er war nicht glücklich mit dessen Entscheidung. Überhaupt nicht.
Er war nicht glücklich mit seiner Entscheidung. Überhaupt nicht. Ioro biss die Zähne zusammen. Was um alles in der Welt hatte ihn bewogen, ausgerechnet zu seinen größten Feinden zu gehen?
Aber natürlich kannte er die Antwort. Er hatte keine andere Option gehabt. Entweder die Wüstenkrieger oder Tolioro und der Scharfrichter. Im Grunde war es keine Entscheidung gewesen. Im Grunde hatte er überhaupt keine Wahl gehabt. Als kleines Glück im Unglück konnte er nur die Tatsache verbuchen, dass er in den letzten Wochen des Krieges intensiv die Sprache der Wüstenkrieger gelernt hatte. Eigentlich nur, um seine Gefangenen besser verhören zu können.
Ioro musterte die Wüstenkrieger. Geflochtene Haare, geflochtene Bärte, soweit sie nicht glatt rasiert waren, Tätowierungen auf Gesicht und Armen, schmutzige, abgerissene Kleidung und saubere, funkelnde Waffen. Jetzt, da er wusste, wonach er suchen musste, erkannte er mehrere Frauen unter ihnen. Was war das für ein Volk, dass den Frauen erlaubte, Krieger zu sein? Was waren das für Frauen, die in den Kampf zogen, um gegen Männer zu fechten und sie zu töten?
Ein halbes Dutzend Jungen, denen gerade der erste Bartflaum spross, war mit von der Partie. Sie kümmerten sich um die Pferde. Und dann war da der Schamane. Als einziger in der Runde hatte er graue Haare. Kaum zu glauben, dass dieser Greis kaum älter war als er selbst. Noch weniger zu glauben, dass diese ganzen wilden Wüstenkrieger, die die getrockneten, präparierten Köpfe ihrer Feinde auf ihren Zeltspitzen stolz zur Schau stellten, vor ihm kuschten wie kleine Kinder. Der Mann musste wirklich ein mächtiger Zauberer sein.
„Der geht mit mir”, stellte der Schamane gerade fest. Der, damit war er selbst, Ioro, gemeint. Nun, zumindest hatte er bei dem Schamanen nicht das Gefühl, dass der ihm bei nächster Gelegenheit die Kehle durchschneiden wollte. Was dagegen die anderen Krieger anging – gut, dass Blicke nicht töten konnten.
Chirgot misstraute dem Fremden. Egal, was der Schamane sagte, er misstraute ihm. Die Karapaki hatten Frauen und Kinder angegriffen und ermordet. Sie kannten keine Ehre. Die Götter mochten wissen, was dieser Fremde vorhatte. Womöglich plante er eine ganz besondere Gemeinheit. Chirgot würde mit dem Schamanen ziehen, um den Fremden im Auge zu behalten. Und sollte sich auch nur der geringste Anlass bieten, würde er es höchstpersönlich in die Hand nehmen, dass der Fremde einen Kopf kürzer gemacht wurde.
Zunächst aber würde er dafür sorgen, dass der Fremde das schlechteste Pferd bekam. Der sollte keine Gelegenheit finden, einfach wieder abzuhauen.
*
„Vermaledeite Schindmähre!” Ioro schlug seinem Gaul die Hacken in die Flanken. Die kleine, schmutziggelbe Stute mit der eisgrauen Mähne schnaubte verächtlich und trottete in ihrem gewohnten Schütteltrab weiter, als ob nichts passiert wäre. Bei allen Winddämonen, dieser Gaul brachte ihn noch um. Ioro spürte jeden Knochen in seinem Hinterteil. Und Knochen hatte die kleine Stute reichlich. Knochen, die an allen Ecken und Enden aus dem schütteren Fell herauszuragen schienen. Knochen, die sich ohne Sattel in jedes vorhandene Weichteil bohrten. Ioro hatte den Verdacht, dass man ihm das wohl schlechteste Pferd der ganzen Herde gegeben hatte.
Gut, die anderen sahen auch nicht besser aus, aber zumindest konnten sie schneller laufen. Wenn wenigstens dieser Chirgot nicht ständig wie ein Aasgeier hinter ihm hängen würde! Der sah so aus, als ob er ihn bei nächster Gelegenheit hinterrücks erstechen wollte.
Pad, pad, pad. Die kleine Stute kletterte mit schleifenden Hufen eine weitere Sanddüne empor. Nahm dieser Sand denn nie ein Ende? Mit seiner Kompanie war es schon schlimm genug gewesen, wenn sie durch Sand reiten mussten. Aber da hatte er wenigstens noch die Möglichkeit gehabt, hin und wieder eine Pause anzuordnen. Pausen schienen diese Wüstenkrieger überhaupt nicht zu kennen. Sie ritten jetzt schon seit dem Morgengrauen. Ohne zu rasten, ohne etwas zu trinken. Ioro klebte die Zunge fast am Gaumen fest und die Haut über seiner Narbe brannte wie Feuer. Gut, dass der Falke es heute vorzog, den Sand auf seinen eigenen Schwingen zu überwinden. Ioro war sich nicht so sicher, ob er das Gewicht des Vogels auf seiner Schulter noch ausgehalten hätte. Er konnte ja schon seinen eigenen Kopf kaum noch gerade halten. Ob dieser endlose Ritt eine spezielle Foltermethode der Wüstenkrieger war? Noch einen Tag würde er das nicht überstehen. Es war schon fraglich, ob er wenigstens diesen Tag überstand. Vermutlich, überlegte er düster, wäre er besser dran, hätte er sich gleich seinem Bruder Tolioro ergeben.
Pad, pad, pad. Die nächste Düne. Das wollte einfach kein Ende nehmen.
Reiner Stolz war es, der Ioro noch im Sattel hielt. Vor diesen verdammten Wilden würde er keine Schwäche zeigen. Wenn die das durchhielten, dann würde er, Ioro, ein Sohn des ruhmreichen Hauses Mehme, das schon lange schaffen.
Pad, pad, pad. Die nächste Düne.
Ioro klammerte sich fester an die struppige eisgraue Mähne.
Der Fremde schwankte. Chirgot schnaubte verächtlich. Diese Karapaki waren alle miteinander miserable Reiter. Malträtierten ihre Pferde mit Kandare und Sporen und hatten nicht einen Funken Gefühl für das, was die Tiere brauchten. Zudem hatte sich die ganze linke Gesichtshälfte und Schulter des Fremden mittlerweile dunkelrot verfärbt. Die Stelle sah vernarbt aus. Ob der Karapaki etwa auf seiner Narbe keine Sonne vertrug? Na, dann würde er nicht lange in der Wüste überleben. Sonne gab es hier nämlich ständig. Chirgot würde ihm ganz sicher keine Träne nachweinen.
Der dunkelrote Sonnenball berührte den Horizont, als hinter einer letzten Düne endlich ein ausgedehntes Tal in Sicht kam. Verstreut stehende Trupps von fahlgelben Pferden und rotbraunen Ziegen weideten die kargen Grasbüschel und die struppigen Dornbüsche ab. An der tiefsten Stelle des Tales standen ein paar ziegenfellrote Zelte, deren Bewohner sich umwandten und voller Erwartung ihren Kriegern entgegensahen. Der Schamane lenkte sein Pferd bis zwischen die Kochfeuer und sprang ab. Die Krieger folgten seinem Beispiel. Schon rannten Kinder herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen. Ioro hörte aufgeregtes Getuschel, als er sich vom Pferd gleiten ließ. Einen Moment musste er sich an der Kuppe festhalten, seine Beine drohten wegzuknicken. Verdammt! Ein einziger Tagesritt und er fühlte sich schwächer als ein Kleinkind? Das dufte doch nicht wahr sein. Unter Aufbietung aller Willenskraft ließ er das Pferd los und machte einen wackligen Schritt zur Seite. Ihm wurde schwarz vor Augen. Ruhig, ermahnte er sich. Bleib stehen, rühr dich nicht, warte. Irgendwie schaffte er es tatsächlich, stehenzubleiben. Dann roch er Wasser, fühlte den Rand eines Bechers an seinen aufgesprungenen Lippen. Ah, tat das gut! Er wollte mehr, doch die Frau schob seine Hand sanft zur Seite.
„Nicht zu schnell, Soldat”, sagte sie. „Du holst dir den Tod, wenn du jetzt zu schnell zu viel trinkst.” Sie lachte leise auf. „Vielleicht doch nicht den Tod, aber es dürfte dir dann sehr, sehr schlecht gehen.”
Ioro nickte benommen.
„Geh mit ihr”, sagte der Schamane.
Ioro blinzelte. Wo kam der Alte so plötzlich her?
„In ihrem Zelt ist noch Platz für einen Krieger.”
Der Schamane verschwand so schnell wieder, wie er gekommen war.
Die Frau nahm Ioro bei der Hand und zog ihn zu einem der Zelte. Der Boden im Zelt war von einem weichen, mit Arabesken verzierten Teppich bedeckt. Die Frau wies ihn an, sich zu setzen.
Tat das gut! Ioro fühlte sich erschöpft wie schon lange nicht mehr. Ob er sich einen Moment hinlegen sollte? Noch während er das dachte, berührte sein Kopf schon den Boden. Im nächsten Moment schlief er tief und fest.
*
Jemand stupste ihm vorsichtig in die Rippen und sagte etwas Unverständliches. Eine Frauenstimme antwortete, genauso unverständlich. Hatte sein Vater schon wieder eine neue Konkubine? Es wurde Zeit, dass er hier verschwand. Sein Vater mochte es nicht, wenn seine erwachsenen Söhne im Sommerharem schliefen. Ioro richtete sich auf. Das heißt, er wollte sich aufrichten. Weit kam er nicht. Nach dem ersten Zentimeter stellte er zwei Dinge fest, nein, drei: sein Kopf schmerzte zum Zerspringen, er hatte rasenden Durst, und er fühlte sich schwach wie nach einem heftigen Fieber.
„Trink dies!”, sagte eine Frauenstimme. Diese Stimme hatte er doch schon einmal gehört? Ioro versuchte zu blinzeln. Eine schlicht gekleidete Frau von vielleicht dreißig Regenzeiten tauchte in seinem Gesichtsfeld auf, mit hager geschnittenen Gesichtszügen, deren Schärfe durch ein mütterliches Lächeln gemildert wurde. Die Frau hielt ihm eine Schale mit Flüssigkeit entgegen. Ioro trank. Es schmeckte leicht bitter, aber durchaus trinkbar. Schon nach kurzer Zeit ließen seine Kopfschmerzen nach und er war wenigstens fähig, sich aufzusetzen.
Dies war nicht der Sommerharem. Wo, bei der Göttin, war er?
Langsam kehrte seine Erinnerung zurück. Sein Vater, König Kanata, war tot. Er selbst hatte ihn getötet. Und dies hier, das war ein Zelt der Wüstenkrieger. Er war bei seinen Todfeinden. Und er litt unter den Nachwirkungen eines einzigen Tagesrittes mit eben diesen Wüstenkriegern. Wenn seine weitere Zukunft sich ähnlich gestalten würde ...
Die Frau holte eine weitere Schale. Eine Art Körnerbrei war darin und ein Löffel. „Du musst etwas essen”, sagte sie freundlich.
Ioro löffelte gehorsam.
Die Zeltklappe bewegte sich. Ein kleiner dunkler Lockenkopf schob sich herein. Das musste das Kind sein, das ihn vorhin angestupst hatte. Ioro lächelte vorsichtig. Der Junge schlüpfte ins Zelt und sah ihn mit großen Augen an. Er mochte acht oder neun Regenzeiten zählen. Wieder sagte die Frau etwas in der fremden Sprache. Der Sprache der Wüstenstämme, wie Ioro verspätet feststellte. Und jetzt, wo er sich darauf konzentrierte, bekam er auch mit, was sie sagte. „Sei höflich, starr unseren Besucher nicht so an!”
Zurück zu Ioro gewandt, fügt sie auf Karapakisch hinzu: „Er kennt leider nur wenig von meiner Sprache. Er lebt erst seit wenigen Monden bei mir.”
„Er ist nicht dein Sohn?”, fragte Ioro verdutzt.
„Er ist der Sohn der Schwester meines verstorbenen Mannes”, gab die Frau zurück. Sie musste wohl die Fragezeichen in Ioros Augen erkannt haben, denn sie fuhr fort: „Die Schwester meines Mannes ist zu den Kriegern gegangen. Es ist Sitte hier, dass Kinder immer zu den nächsten weiblichen Verwandten gehen, wenn ihre Eltern die Zelte verlassen.”
„Aha”, murmelte Ioro. Merkwürdige Sitten. Warum schickten sie die Kinder nicht zu ihren nächsten männlichen Verwandten? Aber zunächst brannte ihm eine ganz andere Frage auf dem Herzen. „Wo hast du so gut Karapakisch gelernt? Ich höre kaum einen Akzent!”
Die Frau lächelte. „Ich bin Karapakierin von Geburt, aus dem Dorf Motogawitere.”
Ioro starrte sie entgeistert an. „Karapakierin? Aber … wieso lebst du dann hier? Und wie lange lebst du hier schon? Bist du eine Sklavin?”
„Hier gibt es keine Sklaven”, sagte die Frau. Es klang, als ob sie sich darüber freute. „Keine Sklaven, und keine Diener, und keine Männer, die über das Leben einer Frau bestimmen. Wenn du’s genau wissen willst, ich war in Motogawitere verheiratet, mit einem Bauern, seit ich fünfzehn war, und zwei Jahre später hatte ich zwei Kinder von ihm geboren, die beide ihr erstes Lebensjahr nicht überlebten, weil ich zu wenig Milch für sie hatte. Dann kam eines Tages einer der Wüstenreiter ins Dorf, um etwas Eisen zu erhandeln, und sah mich an. Und ich hatte das Gefühl, dass dieser Mann der einzige weit und breit war, der mich nicht als Zuchtvieh sah oder als Arbeitstier, der wirklich eine Frau, eine begehrenswerte Frau in mir sah. Ich versteckte mich außerhalb des Dorfes. Und als er auf dem Rückweg vorbeikam, trat ich seinem Pferd in den Weg und sagte ihm, dass ich mit ihm reiten wollte. Er nahm mich ohne ein Wort zu sich auf den Pferderücken. So habe ich meinen wahren Mann kennengelernt. Er hat mir dieses Zelt genäht und es mir geschenkt. Und seitdem lebe ich hier.”
„Hast du nie versucht, zurückzukehren?”
„Wozu?” Die Frau schien aufrichtig erstaunt. „Hier geht es mir besser, als es mir in Karapak je ging. Ich werde geachtet, kann frei entscheiden, was ich tun will und wo ich leben möchte, und das Leben ist sehr viel schöner und unbeschwerter als in Motogawitere.”
„Hat es denn niemanden hier gestört, dass dein Mann eine Karapakierin mitbrachte als seine Frau?”
„Weshalb sollte es?”, fragte die Frau zurück. „Viele hier in den Zelten stammen aus Karapak. Frauen und auch Kinder. Wenn die Krieger der roten Zelte nach Karapak einfallen, töten sie höchstens die Männer. Die Frauen und Kinder lassen sie leben, und wer immer es möchte, ist in ihren Zelten willkommen und wird in ihr Volk aufgenommen.”
So also hatte der Schamane das gemeint. Die Wüstenstämme töteten wirklich keine Frauen und Kinder. Aber an der Grenze hatte er tote Frauen und Kinder gesehen. Und nicht gerade wenige. Wer, wenn nicht die Wüstenstämme, hatte sie dann getötet?
Darüber konnte er später nachdenken. Zunächst einmal hatte Ioro ein ganz anderes, viel akuteres Problem. Und wegen dem würde er garantiert nicht die Frau fragen. Jetzt kamen ihm seine Kenntnisse aus dem Wüstenfeldzug zupass. Ioro wechselte zu der Sprache der Wüstenstämme und wandte sich an den Jungen. „Ich hab das Gefühl, meine Blase platzt fast”, sagte er. An dem breiten Grinsen des Jungen konnte er sehen, dass der ihn gut genug verstand. „Zeigst du mir bitte, an welchem Ort ich mich erleichtern kann?”
Der Junge nickte beflissen und sprang hoch. Ioro folgte ihm, langsam, vorsichtig, mit immer noch schmerzenden Muskeln und steifen Gelenken.
Eine Unterhaltung unter Zauberern
Der Schamane sah zu dem Zeltpfahl herüber. Der Falke saß reglos darauf und döste in der Sonne. Es wurde Zeit für eine ernsthafte Unterhaltung, von Zauberer zu Zauberer.
*
„Du-im-Falken, wach auf!”
Jo öffnete ein Auge. Dann das zweite Auge. Direkt vor ihm befand sich ein Gesicht. Ein ihm durchaus bekanntes Gesicht.
„So lernen wir uns also endlich näher kennen”, sagte der Schamane.
Jo blinzelte. Er schlug mit den Flügeln. Das heißt, er wollte mit den Flügeln schlagen. Aber da waren nur Arme.
Wieso Arme? Warum war er wieder in Menschengestalt? Wo war er?
Jo sah sich um. Sand, eine glatte, endlose Fläche grauer Sand. Darüber ein ebenso grauer Himmel.
Nein, das war nicht die reale Welt. Der Schamane musste ihn in eine Spiegelwelt gelockt haben. Aber hatte der Schamane nicht zu Ioro gesagt, er würde keine Spiegel benutzen?
„Dies ist keine Spiegelwelt.”
Konnte der Schamane Gedanken lesen?
„Natürlich lese ich deine Gedanken. So, wie du meine Gedanken liest. Wir sind in einer Gedanken-Welt, genauer gesagt, in einem Traum. Meinem Traum.”
„Wie komme ich in deinen Traum?”
„Ganz einfach.” Der Schamane lächelte. „Ich habe dich gerufen. Eine ganz primitive Prozedur. Der Vogel schlief, und du hast geträumt. Es ist ziemlich einfach, einen Träumer zu rufen.”
„Könnte ich”, fragte Jo langsam, „meinerseits auch ohne Spiegel jemanden in meine Träume rufen?”
„Das könntest du”, bestätigte der Schamane. „Wenn du weißt, wie.”
„Könntest du … es mich lehren?”
„Warum sollte ich das tun? Ihr Spiegel-Zauberer habt mehr als genug Unheil über diese Welt gebracht. Weshalb sollte ich einen Spiegel-Zauberer irgend etwas lehren?”
„Weshalb hast du mich gerufen, wenn du mich nichts lehren willst?”
„Die Runde geht an dich.” Der Schamane lächelte wieder. „Du bist wirklich ein intelligenter Junge.”
„Also weshalb bin ich hier?”
„Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen. Sozusagen einen Dienst auf Gegenseitigkeit.”
Jo wartete.
„Du benötigst einen Weg, deiner Gefangenschaft zu entgehen. Schau nicht so verblüfft, ich weiß, dass du in einem Spiegel gefangen bist. Deine Signatur brüllt es ja förmlich heraus.
Und ich benötige einen Weg, die zweite Kristallkammer zu vernichten.”
„Was?”, fuhr Jo auf. „Die zweite Kristallkammer? Es gibt noch eine andere?”
„Du hast doch bestimmt von dem Aufstand gegen die Kristallkammer gehört.”
„Ja, allerdings.”
„Die Aufständischen wurden vernichtend geschlagen, damals. Aber einige von ihnen überlebten. Ich vermute, du hast das bereits aus erster Hand erfahren.”
„Ja”, bestätigte Jo. „Es waren fremde Zauberer, die mich in einen Spiegel schlossen.”
„Die Überlebenden zogen sich hinter die Wüste zurück. Dort, wo die Wüste ihre geringste Ausdehnung hat, am unteren Ende des Drachenschwanzes, dort bauten sie sich eine Zuflucht. Dort gründeten sie eine zweite Kristallkammer.”
Jo begriff. Das also war der Ort gewesen, an den Skane ihn geführt hatte!
„Und diese Kristallkammer in der Wüste macht dasselbe wie die in Sawateenatari”, fuhr der Schamane fort. „Sie sammelt Energie. So viel sie kann. Um dieses Zauberer-Versteck herum ist die Wüste tot. Und ich meine wirklich tot. Nicht einmal die Skorpione überleben dort. Eure Kristallkammer kann Sawateenatari unbemerkt auszehren, weil dort so viele Menschen leben. Jeder verliert etwas Energie, aber nicht genug, dass die Leute es merken. Es treten einfach nur ein paar Krankheiten mehr auf, sie sterben ein wenig früher, und es werden weniger Kinder geboren.”
Jo erinnerte sich an seine Besuche in der Stadt. In der Tat gab es dort weniger Kinder als auf den Dörfern. Aber er hatte das nie hinterfragt. Der einzige Ort in der Hauptstadt, an dem reichlich Kinder vorhanden waren, war der Palast.
„Und der hat den Schutz seiner verzauberten Mauern”, ergänzte der Schamane seinen Gedankengang. „Die alten karapakischen Könige wussten, warum sie seinerzeit auf diesem Schutzbann bestanden. Die heutigen wissen es nicht mehr. Aber nur durch den Bann ist gewährleistet, dass das karapakische Königshaus stark und vital bleibt.”
Das erklärte vieles. Das erklärte auch die merkwürdig toten Straßen in der direkten Umgebung der Kristallkammer. Wahrscheinlich schreckten die Leute instinktiv davor zurück, dort zu leben.
„Und die zweite Kristallkammer?”
„Wir haben keine Städte.” Der Schamane sah ihn an. „Wir haben nur unsere Zelte. Und wir sind wenige. Du weißt das, du hast unsere Zelte gezählt, als Falke. Die zweite Kristallkammer zehrt mein Volk aus. Wir bekommen kaum noch Kinder und von denen, die geboren werden, erleben nicht viele ihre Reife.”
Das also war der Grund, weshalb bei den Nomaden nichtkämpfende Frauen und alle Kinder tabu waren. Der Grund, weshalb der Schamane auf Kanatas Friedensbedingungen unmöglich hatte eingehen können. Der Grund, weshalb die Wüstenkrieger es als so ungeheuren Frevel ansahen, dass die karapakischen Soldaten ihre Frauen und Kinder angegriffen und ermordet hatten. Und der Grund dafür, dass die Wüstenkrieger Frauen und Kinder ihrer Feinde nicht töteten, sondern liebevoll in ihre Stämme aufnahmen und integrierten.
„Ich brauche deine Mitarbeit”, sagte der Schamane. „Ich weiß, dass du irgendwie mit Ioro reden kannst.”
„Nur mit direktem Kontakt”, gab Jo mürrisch zurück. Er konnte förmlich sehen, wie es bei dem Schamanen klickte. Der bevorzugte Sitzplatz des Falken auf Ioros Schulter.
„Aber du benutzt keinen Spiegel!”, platzte der Schamane verwirrt heraus.
„Na und?” Jo gab sich betont gleichgültig. „Mal abgesehen davon, dass das nicht geht, weil ich selbst praktisch ein Spiegel bin – ein richtiger Spiegel bei diesen ständigen Kontakten wäre ja wohl kontraproduktiv.”
„Warum … Oh!” Der Schamane begriff. „Ein starker Spiegelzauberer auf der einen Seite und auf der anderen ein ungeübter, ungeschützter Zauberschüler – du hättest ihn ausgesogen.” Er wanderte ein paar Schritte auf dem Geistersand hin und her. Dann sah er Jo wieder an. Staunen lag in seiner Miene. „Offensichtlich seid ihr mehr als nur Partner. Ihr seid Freunde!”
„Ja und?”
„Wie ungewöhnlich! Ein karapakischer Bauer, auch wenn er ein Zauberer ist, und befreundet mit einem karapakischen Königssohn! Ich dachte immer, so etwas sei nicht möglich.”
Jo schwieg. Das war nicht unbedingt ein Thema, das er vertiefen wollte. Der Schamane nickte und griff sein anfängliches Thema wieder auf.
„Wie ich vorhin schon sagte, es würde sich anbieten, dass wir zusammenarbeiten. Hilfe für mein Volk, Freiheit für dich. Wir haben einen gemeinsamen Feind.”
„Und den sollen wir wie angreifen? Mit Falkenkrallen und ein paar Messern?”
„Tsk.” Der Schamane warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Glaubst du, ich bin so blöd, einen direkten Angriff zu planen? Sehe ich aus wie ein Selbstmörder? Nein. Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir es irgendwie schaffen, die eine Kristallkammer gegen die andere auszuspielen. Und das möglichst, ohne die ganze restliche Welt dabei zu vernichten.”
Er machte eine Handbewegung. „Und jetzt schwirr ab. Zurück in den Falkenkörper, bevor dein Freund sich wundert, dass sein geflügelter Begleiter plötzlich so schwerhörig ist und keinen Weckruf mehr hört.”
*
Ioro schickte den Falken mit einer Handbewegung in den Wüstenhimmel. Irgendwo zwischen den weidenden Herden würde er schon Futter finden. Gut, dass er wenigstens Jo noch hatte. Sein vertrauter Berater. Sein Zauberer-Freund war die letzte Verbindung, die er jetzt noch zu seinem alten Leben hatte. Und sein einziger Freund in diesem neuen Leben.
Und jetzt musste er zu dem Schamanen. Die Götter mochten wissen, warum. Wahrscheinlich wollte der nur militärische Auskünfte. Aber Jo hatte gesagt, er könne dem Alten vertrauen. Einem Zauberer vertrauen … War nicht auch Jo ein Zauberer? Ioro seufzte. Er hatte ohnehin keine Wahl. Entweder er ging zu dem Schamanen oder er legte sich mit den Kriegern an, die ihn ständig beobachteten.
Vor dem Zelt des Schamanen zögerte er noch einmal und blickte zurück. Der stämmige Krieger namens Chirgot zuckte zusammen, als der Falke eine enge Kurve um seinen Kopf flog. Ioro vermerkte es zufrieden. Gut so! Diesen Wüstenkriegern gegenüber musste man Stärke zeigen. Einen winzigen Moment lang war er mit sich und der Welt zufrieden, dann fiel ihm wieder ein, weshalb er hier war. Der Schamane wollte ihn sprechen. Ioro zog mit einem Seufzer den Kopf ein und trat durch den niedrigen Zelteingang.
Es roch merkwürdig. Und es sah merkwürdig aus. Ioro schaute sich neugierig um. An den Zeltstangen hingen Kräuterbündel und getrocknete Körperteile von Tieren. Für welchen Zauber waren die nötig?
„Alles ganz normale Heilmittel”, hörte er den Schamanen sagen, der gerade hinter einer Abtrennung zum Vorschein kam. Konnte der Alte Gedanken lesen?
Der Schamane lächelte belustigt. „Gedanken lesen ist bei dir unnötig, junger Freund, deine Körpersprache schreit förmlich heraus, was du denkst.” Er deutete auf einen Stapel Ziegenfelle neben der Feuerstelle. „Setz dich!”
Ioro gehorchte steif.
„Hast du dir schon überlegt, was du jetzt tun willst?”, fragte der Schamane.
Ioro schüttelte den Kopf. Nein, er hatte noch nichts überlegt. Seine eigene Handlung hatte ihn vollkommen überrascht. Und jetzt wusste er einfach nicht weiter.
„Du hast drei Optionen.” Der Schamane musterte ihn. „Du kannst nach Karapak zurückkehren. Dann stirbst du mit Sicherheit. Du kannst hierbleiben. Dann stirbst du vielleicht. Oder du kannst noch weiter weggehen von Karapak. Dann lebst du vielleicht. Vorausgesetzt, du überlebst den Weg durch die Wüste.”
Ioro schwieg. Wenn er Option eins gewollt hätte, wäre er jetzt nicht hier. Was die anderen beiden Alternativen anging, sah keine davon besonders verlockend aus. Dieser Chirgot wartete nur auf einen Grund, ihm sein Messer zwischen die Rippen zu rammen. Und die Länder jenseits der Wüste? Falls da Länder waren. Nach allem, was er wusste, konnte dort das Ende der Welt auf ihn warten. Die große Mauer, die alles begrenzte. Zumindest hatte ihm das früher seine Amme immer erzählt.
„Gibt es etwas, was dich dazu bewegen könnte, es mit uns zu versuchen?”, fragte der Schamane.
Ein lachendes Gesicht schob sich in Ioros Gedanken. Die Frau aus Karapak, die ihn beherbergte. Die Frau, die das Leben in den Roten Zelten so viel besser fand als in Karapak. „Ich denke, ja”, sagte er langsam.
*
Seit vier Monden war jetzt Ruhe an der Grenze. Die karapakischen Truppen hatten sich zurückgezogen. Ioro rechnete nach. Gut sechsundzwanzig Tage benötigte eine Karawane mit einer Bahre, um von der Grenze aus die Hauptstadt zu erreichen. Die Feierlichkeiten für das Begräbnis dauerten gut einen Mond, ein weiterer Mond würde verstrichen sein, bis der neue König offiziell gekrönt war. Dann noch die übliche Zeit, bis sich Verwaltung und Finanzen konsolidiert hatten und alle notwendigen Verwaltungsposten ausgetauscht worden waren. Und dann würde der Krieg von Neuem beginnen.
Er war sich dessen absolut sicher. Tolioro würde nicht aufgeben. Nicht, solange er vermutete, dass sein Bruder Ioro noch lebte.
Die Wüstenstämme würden vielleicht noch zwei oder drei Monde Atempause bekommen. Höchstens. Und wenn sie eine Chance haben sollten, die nächste Phase des Krieges zu überleben, mussten sie auf ihn hören.
Er hatte mit dem Schamanen gesprochen. „Vergiss es”, hatte der gesagt. „Sie werden auf keinen Fremden hören.”
Dann gab es nur eine Lösung. Er selbst musste zu einem Wüstenkrieger werden.
*
„Bist du sicher?”, fragte der Schamane.
„Ich lebe in euren Zelten. Eine eurer Frauen kocht mir mein Essen und wärmt mein Lager in der Nacht. Eines eurer Kinder lacht, wenn es mich sieht. Ja, ich bin sicher.”
„Gut.” Der Schamane wirkte sichtlich zufrieden. „Aber wenn du einer von uns werden willst, dann musst du dich als Krieger beweisen.”
„Ich führe seit Jahren das karapakische Heer an”, knurrte Ioro. „Sollte das nicht reichen?”
„In Karapak belohnen sie Abstammung mit Titeln.” Der Schamane sah ihn nicht an. „Bei uns musst du beweisen, was du kannst.”
Einen winzigen Moment lang war Ioro versucht, einfach aufzustehen und das Zelt des Schamanen zu verlassen. Aber dann sah er wieder das lachende Gesicht des Jungen vor sich. „Sag mir, was ich tun muss.”
*
Die Frau lächelte breit, als Ioro von dem Zelt des Schamanen zurückkehrte. War sie glücklich, dass er sich entschieden hatte, bei ihr zu bleiben? Ioro wusste es nicht. Er wusste immer noch so vieles nicht.
Im Zelt duftete es nach Karass und Ziegenfleisch. Die Frau gab eine ordentliche Portion von dem Eintopf in eine Schale und reichte sie ihm. Er musterte ihre Züge. Ein wenig grob waren sie, nicht so fein wie die der Palastdamen, die Züge einer Bäuerin eben. Aber sie strahlte Wärme aus. Etwas, was er nicht einmal bei seiner Mutter gespürt hatte. „Wie heißt du überhaupt?”, fragte er.
Ihr Lächeln wurde breiter. „Ich dachte schon, du fragst mich nie!” Sie setzte sich ihm gegenüber. „Mein Name ist Sua.”
„Sua”, wiederholte Ioro. „Ich habe dich nie gefragt, Sua, warum du mich in dein Zelt aufgenommen hast. Hat man es dir befohlen?”
„Nein.” Sie wurde ernst. „Niemand befiehlt hier einer Frau, wen sie in ihr Zelt holt. Und es gibt leere Zelte, für Gäste. Eigentlich wollten die Krieger dich in ein Gästezelt stecken. Aber als ich dich gesehen habe … Sagen wir mal, du siehst nicht schlecht aus, mein Zelt hatte schon einige Zeit keinen Mann mehr gesehen, und ich hatte einfach wieder Lust, ein wenig meine alte Heimatsprache zu hören.”
Eine Weile schwiegen sie beide, und Ioro löffelte sein Essen.
„Wenn du willst, kannst du in meinem Zelt bleiben”, sagte sie dann.
„Hätte ich Alternativen?”
„Sobald du einer von uns bist”, bestätigte sie. „Du könntest in das Zelt der ledigen Männer gehen. Oder zu dem Schamanen. Ich habe gehört, er würde dich gerne ausbilden.”
Ioro schauderte. Unter all diesen Zauberdingen zu wohnen … „Ich bleibe lieber hier.”
Ihr Lächeln erschien wieder. Sie wirkte beinahe schön.
*
Chirgot überlegte düster, wem er zuerst die Kehle durchschneiden sollte: dem Schamanen oder dem Karapakier Ioro. Vermutlich dem Schamanen. Nur der konnte die beschissene Idee gehabt haben, den Karapakier in die Roten Zelte adoptieren zu wollen.
Was sagte der Alte da gerade?
„… und ich erwarte, dass ihr ihm nicht mehr Steine in den Weg legt als einem, der in den Roten Zelten geboren wurde.” Der Schamane starrte die versammelten Krieger der Reihe nach an. Einer nach dem anderen senkte den Blick. Chirgot nicht.
„So, wie es bei uns immer schon Brauch war!”, setzte der Schamane mit Nachdruck hinzu.
„Warum sollen wir einen Verräter in unseren Reihen willkommen heißen?”, fragte Chirgot. „Wer garantiert uns, dass er nicht als Nächstes uns verrät?”
„Er hat sein Volk nicht verraten”, erwiderte der Schamane. „Sein Volk hat ihn verraten. Sein Volk hat seine Ehre verraten.”
„Und wenn er es sich anders überlegt? Ich traue ihm nicht!”
„Er wird es sich nicht anders überlegen. Für ihn gibt es keinen Weg zurück. Er hat den König von Karapak getötet.”
„Er hat also den König von Karapak getötet”, knurrte Chirgot. „Na und? Jeder von uns hätte dasselbe getan, hätte er nur die Gelegenheit gehabt.”
„Das glaube ich nicht”, sagte der Schamane. „Der König war sein Vater.”
*
Ioro wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Pflegesohn seiner Zeltgefährtin, Mugo, entblößte grinsend seine Zahnlücke. Verdammt noch eins, der kleine Bastard war besser im Training als ein karapakischer Feldherr! Kein Wunder, dass die Wüstenkrieger so gute Kämpfer waren. Wenn seine Soldaten ihn jetzt sehen würden … Ein Feldherr, der mit den Kindern üben musste. Die feixenden Stammeskrieger, die ihm zusahen, waren auch nicht gerade eine Hilfe. Ioro fluchte.
„Fluch nicht!”, beschied ihm sein kleiner Ausbilder. „Wenn du unnötig redest, verlierst du nur Wasser. Das kannst du dir in Karapak leisten, aber nicht in der Wüste.”
Ioro nickte düster. Das konnte ja heiter werden!
*
Der Geistervogel kreiste über ihm. Chirgot beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. Konnte dieses vermaledeite Biest nicht woanders jagen? Immer, wenn er den Vogel sah, erinnerte er sich an die Niederlagen, die das Volk durch die karapakische Armee erlitten hatte. Und nur wegen diesem Vogel.
Es sah dem Schamanen ähnlich, dass er den Karapaki und seinen Vogel unbedingt im Lager behalten wollte. Kriegstaktik, pah! Als ob die Stämme nicht imstande waren, selbst ihre Kriege zu planen. Mit Sicherheit wäre es vernünftiger gewesen, den Karapaki gleich einen Kopf kürzer zu machen und seinen Schädel auf eine der Zeltstangen zu spießen. Den Vogel am besten gleich mit. Der Falke war einfach nicht normal.
Und wenn er den Falken erlegte? Ein gut geschleuderter Stein ... So ein Vogelkörper hielt nicht viel aus. Und einem Stein sah niemand an, wer ihn geschleudert hatte. Chirgot bückte sich unauffällig und schloss seine Hand um einen gut eigroßen Kiesel. Jetzt musste der Geistervogel nur noch in seine Nähe kommen. Chirgot wartete.
Der Falke kreiste weiter über der Herde und hielt Ausschau nach Beute. Wo große Tiere lebten, gab es immer auch kleine Beutetiere. Wüstenratten oder Mäuse. Da! Der Falke ging in den Sturzflug über. Gleich darauf hörte Chirgot ein entsetztes Quieken, das abrupt abbrach. Jetzt! Das war seine Chance! Er pirschte sich rasch auf Wurfweite an. Der Falke saß auf einer feisten Maus und war schwer damit beschäftigt, sie in seinen Schlund zu würgen. Mit routinierter Bewegung schwang Chirgot seine Schleuder. Der Stein flog geradlinig auf den nichtsahnenden Vogel zu.
Und zerbarst in der Luft.
Der Falke drehte seinen Kopf und sah Chirgot mit seinen bernsteingelben Augen an. Chirgot hatte das bestimmte Gefühl, dass der Falke gerade überlegte, ob er ihn in eine Maus verwandeln und ebenfalls verfrühstücken konnte. Zitternd wich er zurück.
Und wurde von einer harten Hand aufgehalten. Die Stimme, die dicht neben seinem Ohr ertönte, kannte Chirgot mittlerweile nur zu gut.
„Vogeljagd?” Ioros Stimme war rostiges Eisen. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass das ein sehr gefährlicher Zeitvertreib ist, mein Freund?”
„Ich bin nicht dein Freund!”, zischte Chirgot und schüttelte die Hand ab.
Ioro legte ihm erneut eine Hand auf seine Schulter. „Aber, aber, hat nicht der Schamane gesagt, dass wir uns brav vertragen sollen?”
Chirgot wich wütend zur Seite aus. „Kindermörder! Frauenschlächter!”
Ioros Gesicht erstarrte.
„Verräter! Weshalb sollte ich jemandem trauen, der sein eigenes Volk verraten und seinen eigenen Vater getötet hat?”
Jetzt blinzelte Ioro nicht einmal mehr.
„Und ein Feigling bist du noch dazu!”, höhnte Chirgot. „Versteckst dich hinter dem Schamanen und deinem Geistervogel!”
Er hatte die Worte noch nicht ganz beendet, als Ioros Faust in seinem Gesicht landete. Das war’s. Wenn der verdammte Karapaki dachte, er konnte ... Chirgot überlegte nicht weiter. Seine Hand flog zum Messer. Und löste sich sofort wieder. Ein Angriff mit der Waffe auf einen Gast der Roten Zelte – undenkbar. Mit der Waffe angreifen dufte er auf keinen Fall. Aber über eine ordentliche Tracht Prügel sagte das Gastrecht nichts. Chirgot hob die Fäuste und griff seinerseits an.
Der Karapaki war schnell, das musste Chirgot ihm lassen. Er bewegte sich mit einer geradezu aufreizenden Gelassenheit und Sicherheit. Als Reiter und Bogenschütze mochte er eine Niete sein, im Faustkampf waren die Gewichte anders verteilt. Chirgot hatte Mühe, überhaupt einen Treffer zu landen. Argh! Ioros Faust war in seinem Magen gelandet. Chirgot warf sich zur Seite. Die zweite Faust traf ihn voll ins Gesicht. Chirgot schmeckte Blut. Er duckte sich, wich ein Stück zurück. Ioro folgte ihm, setzte eine ganze Serie kleiner, harter Schläge gegen seine Brust und seine Arme. Chirgot fühlte, dass ihm die Luft wegblieb. Verdammt! Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein! Das Gesicht vor ihm blieb versteinert. Ein weiterer Treffer. Eine Rippe brach. Irgendein Teil von Chirgot stellte es beinahe sachlich fest. Lange hielt er das nicht mehr durch. Aber aufgeben? Gegenüber dem karapakischen Frauenschlächter? Auf keinen Fall. Als ihn der nächste Hieb traf, krümmte Chirgot sich zusammen und wich zwei Schritte zurück. Seine linke Hand wischte über den Boden, nahm etwas von dem Sand auf. Ioro holte zum nächsten Schlag aus. Chirgot schleuderte den Sand. Genau in die kalten, unbarmherzigen Augen seines Gegners. Einen Moment wich dieser geblendet zurück. Chirgot schlug zu. Mit einem satten Geräusch traf seine Faust mitten in Ioros Gesicht. Ein dünner Sprühregen von Blut blühte auf, Knorpel barsten. Der Karapaki ging taumelnd zu Boden. Chirgot hob die Faust ein zweites Mal.
„Genug!” Der Schamane stand plötzlich neben ihm. Chirgot sah sich verwirrt um. Erst jetzt registrierte er, dass sich fast das halbe Lager um den Kampfplatz versammelt hatte. „Seid ihr Krieger oder Kinder, dass ihr euch prügeln müsst?” Die Missbilligung in der Stimme des Schamanen war nicht zu überhören. Chirgot gab keine Antwort.
Ioro hob den Kopf. Ein breites Blutrinnsal kleckerte aus seiner zerquetschten Nase. Er atmete durch den Mund, hastig, in Stößen.
„Ich entschuldige mich”, sagte er, als er unsicher wieder auf den Beinen stand. „Ich schätze, für einen Gast habe ich ein sehr ungehobeltes Benehmen gezeigt.”
Chirgot starrte ihn verwundert an. Der Karapaki entschuldigte sich? Obwohl er, Chirgot, die ganze Sache letzten Endes angefangen hatte?
„Ich entschuldige mich auch”, sagte er endlich. Steif fügte er hinzu: „Es wird nicht wieder vorkommen.” Ein Blick hinüber zum Falken, der jetzt in großen Kreisen über ihnen flog: „Das gilt auch für deinen Geistervogel.”
Ioro nickte nur. Die Starre war aus seinem Gesicht verschwunden.
Plötzlich grinste Chirgot. „Bei den Winddämonen, Karapaki, für einen verwöhnten Prinzen hast du einen verdammt guten Schlag!” Ein dicker Knoten, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass er existierte, löste sich in ihm.
*
Ioro war schon wieder vom Pferd geflogen. Jo gestattete sich einen winzigen Moment der Belustigung. Das, was die Karapakier als Reiten bezeichneten, betrachteten die Wüstenstämme bestenfalls als dösiges Herumsitzen im Sattel. Zum ersten Mal seit seiner Rekrutenzeit wurde Ioro wieder richtig rangenommen. Jo lenkte den Falkenkörper tiefer. Ioros Flüche schallten bis hinauf zu ihm. Das Schauspiel würde er sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Ioro verspürte Mordgelüste. Diese kleine braune Bestie in Pferdegestalt stand da, als ob sie kein Wässerchen trüben konnte. Wie hatte das verdammte Viech ihn so schnell wieder von seinem Rücken geworfen? Mit einem Ächzen stemmte er sich hoch. Sein Brustkorb fühlte sich an wie ein einziger blauer Fleck und bei jedem Atemzug stach es in seiner linken Seite. Er musterte die Zuschauer, unter ihnen der unvermeidliche Chirgot. Nein, er konnte auf keinen Fall aufgeben. Nicht, solange der zusah. Ioro bewegte seine schmerzenden Glieder und schob sich vorsichtig wieder auf das Pferd zu.
Chirgot revidierte seine Ansichten nur zähneknirschend, aber er wusste, was er sah. So ungern er es zugab, der Karapaki hatte tatsächlich das Zeug zu einem echten Krieger. Er war zäh, er nahm Schmerzen schweigend in Kauf, und er gab nicht auf. Und wenn er wirklich den Roten Zelten beitreten wollte? Der Schamane hatte Mittel und Wege, festzustellen, ob jemand seinen Schwur ernst meinte. Hm. Jemand wie den Karapaki an seiner Seite zu sehen … Womöglich zusammen mit dem Geistervogel? Chirgot befand, dass er sich mit dem Gedanken anfreunden konnte.
*
Das war er, der Tag aller Tage. Ioro fror. Vor Sonnenaufgang war es in der Wüste verdammt kalt, und der Alte hatte ihm keinen Fetzen Kleidung erlaubt. Es sei nicht üblich, hatte er nur gesagt. So streng, wie die Wüstenkrieger auf ihre Traditionen achteten, hatte es wohl keinen Zweck, zu widersprechen. Ioro fühlte sich komisch. Er, der oberste Feldherr, nein, der ehemalige oberste Feldherr des karapakischen Heeres, sollte hier in der Wüste eine Prüfung absolvieren, die unter den Wüstenkriegern bereits halbwüchsige Kinder machten. Jene Prüfung, mit der die Jungen bewiesen, dass sie Krieger waren, mit der sie zum Mann wurden. Nur so, hatte der Schamane erklärt, würde es Ioro möglich sein, wirklich zu einem Krieger der Roten Zelte zu werden. Nur so würde die Weißspuren-Sippe, die diesen Teil der Wüste ihre Heimat nannte, Ioro als vollwertigen Menschen sehen. Weißspuren-Sippe! Namen hatten die! Wie kamen Menschen zu so komischen Namen? Die Roten Zelte, klar, so nannten sie sich, weil ihre Zelte aus rotem Ziegenhaar waren. Aber Weißspuren? Jede Spur in dieser verdammten weißsandigen Wüste war weiß!
Der Schamane tauchte neben ihm auf. „Bist du bereit?” Er musterte Ioro abwägend.
„So bereit, wie ich nur sein kann”, brummte Ioro. „Außerdem kann ich nicht länger warten.”
Einen Moment sah der Schamane aus, als ob er ihn fragen wollte, warum. Aber dann zuckte er nur die mageren Schultern, drehte sich um und deutete in die Wüste hinaus. Jenseits des Flammenringes, den die Wachfeuer um die Zelte und die Herden bildeten, war es noch stockfinster.
„Du kennst deine Aufgaben”, sagte der Schamane. „Du läufst zur Felsennadel. Dort fängst du einen blauen Skorpion. Lebend. Dann suchst du die Quelle in den tausend Schluchten. An ihrem Ufer steht ein Birfa-Strauch. Von dem nimmst du einen Zweig. Und dann bringst du den Zweig und den Skorpion zur großen Felsenwand. Du hast Zeit bis zum nächsten Sonnenaufgang. Wenn du pünktlich kommst, wirst du auf der großen Felsenwand die aufgehende Sonne des neuen Tages begrüßen. Wenn nicht, bist du tot.”
Der Falke, der die ganze Zeit reglos auf dem First des Schamanenzeltes gesessen hatte, gab einen heiseren Schrei von sich.
„Du wirst dich da raushalten!”, befahl der Schamane. „Diese Prüfungen muss Ioro aus eigener Kraft bestehen. Sonst haben sie keinen Wert. Nicht für den Stamm und nicht für ihn selbst.”
Der Falke schlug mit den Flügeln.
*
Noch bevor er die Wachfeuer hinter sich gelassen hatte, setzte die kurze Dämmerung ein. Als er das Ende der Weideflächen erreichte, ging die Sonne bereits auf. Einige wenige Augenblicke freute Ioro sich über die Wärme. Dann verfinsterte sich sein Gesicht. Er trug keine Kleidung. Absolut keine. Und er wusste, wie verdammt empfindlich seine Brandnarbe auf Sonne reagierte. Das konnte heiter werden. Aber es gab kein Zurück. Jetzt nicht mehr. Er konnte nur zusehen, dass er seine Aufgaben so schnell wie möglich erledigte. Ioro lief los.
Eine Kerze später lief er nicht mehr. Der Sand war tief und heiß. Seine Füße fühlten sich an, als ob sie gebraten wurden. Und seine Brandnarbe brannte mit ihnen um die Wette. Sie war jetzt schon knallrot. Ioro setzte einen Fuß vor den anderen. Bedächtig, stur, zielstrebig. Er würde diese verdammte Felsennadel erreichen. Was zwölfjährige Jungen schafften, sollte ein karapakischer Feldherr auch können.
Am späten Vormittag kochten nicht nur seine Füße und seine Brandnarbe, sondern auch sein Gehirn. Ioro war mehr als erleichtert, als er endlich in den Schatten der Felsennadel tauchen konnte. Er gestattete sich einen kurzen Moment zum Ausruhen – nur um nach wenigen Augenblicken entsetzt wieder hochzufahren. Er war beinahe eingeschlafen! Tagsüber in der Wüste einzuschlafen, ohne Schutz, ohne Kleidung, ohne Wasser, etwas Dümmeres konnte er kaum tun. Wie war noch die erste Aufgabe? Es dauerte einen Moment, bevor sie seinem benebelten Gehirn wieder einfiel. Ach ja. Der Skorpion. Er begann, Steine umzudrehen.
Es war nicht weiter schwierig, einen Skorpion zu finden. Unter jedem zweiten Stein lauerte einer. Womit Ioro allerdings nicht gerechnet hatte: Die Biester waren aggressiv. Sie sprangen sofort auf ihn los. Jeden hatte er bislang verdammt schnell mit genau dem Stein erschlagen müssen, unter dem er sie herausgelockt hatte. Wie sollte er einen lebendigen Skorpion einfangen und transportieren? Ioro sah sich um. Irgendetwas musste es hier geben, das er gebrauchen konnte. Die Aufgabe musste irgendwie lösbar sein. Systematisch suchte er den Fuß der Felsnadel ab. Aber da gab es nichts, außer ein paar Federn von irgendeinem Vogel, der anscheinend auf der Felsnadel sein Nest hatte. Aasgeier, vermutlich, die Federn waren groß. Ioro ging weiter – und hielt inne. Verdammt, ja doch, die Federn. Eilig kehrte er zurück, untersuchte seinen Fund näher. Die Skorpione waren klein, die Federn groß und kräftig. Groß genug für einen Käfig. Er hockte sich in den Sand und begann, Federn zu verflechten.
Zwei Kerzen später hatte er es geschafft. In einem Federball, der an einer Federschnur hing, steckte ein aufgeregter kleiner, blauer Skorpion.
Ioro sah sich zufrieden nach seiner nächsten Aufgabe um. Eine Quelle war genau das, was er jetzt brauchte. Sein Durst war kaum noch auszuhalten.
Es war fast zu einfach. Die tausend Schluchten begannen direkt hinter der Felsennadel und er brauchte nur dem Gefälle zu folgen, um zu der Quelle zu finden. Zudem war es schattig in den Schluchten und die Quelle bot herrliches, trinkbares Wasser. Auch der Birfa-Strauch bereitete keinerlei Schwierigkeiten. Breitästig stand er neben der Quelle und wartete förmlich darauf, dass Ioro sich bediente. Was sollte das für eine Probe sein?
Drei Kerzen später kannte Ioro die Antwort.
Nicht das Finden der Quelle oder des Strauches stellte die Schwierigkeit dar. Die Probe bestand darin, aus den tausend Schluchten wieder herauszufinden. Natürlich hatte er sich den Weg nicht gemerkt. Und natürlich landete er immer und immer wieder in einer Sackgasse. Die Wände waren zu mürbe, um daran hochzuklettern, seine Versuche endeten jedes Mal in einer Sand- und Felslawine. Irgendwann stand er zum dritten Mal vor einer mittlerweile wohlbekannten Felswand mit einem charakteristischen weißen Streifen in dem rötlichen Gestein.
Nein, bloßes Herumirren würde ihn hier nicht herausbringen. Er musste es taktisch angehen. Konnten ihm seine eigenen Spuren helfen?
Leider nicht. An den meisten Stellen hatte der ständig wehende Sand, der über die Ränder der Schluchten hinab wehte, jede Fährte verschüttet. Und da, wo noch etwas zu sehen war, hatte er durch seine Herumlauferei selbst jede Möglichkeit verwischt, den richtigen Weg zu finden.
Konnte er die Wände irgendwie markieren? Er versuchte, mit einem Stein den Fels anzuritzen. Es war mühsam und dauerte, bevor auch nur ein einziger Strich tief genug war, um deutlich sichtbar zu sein. Nein, so ging das nicht. Die Zeit lief ihm davon. Ioro setzt sich neben die Quelle und dachte nach. Wie konnte er sicher stellen, einen Weg nicht zweimal zu gehen?
Die Sonne stand schon sehr tief, als er endlich die Lösung fand. Er musste nur zusehen, dass er mit einer Hand immer am Felsen blieb. Das verhinderte zwar nicht, dass er in einer Sackgasse landete. Aber er brauchte keine Schlucht ein zweites Mal zu erkunden.
Die Methode funktionierte, wenn auch mühsam. Ioro wanderte systematisch eine Schlucht nach der nächsten ab. Mindestens fünfmal kam er zurück zur Quelle, nur um von dort aus in die nächste Schlucht einzutauchen. Seine Füße schmerzten mittlerweile nicht mehr, sie bluteten und fühlten sich fast taub an. Die Sonne war längst untergegangen. Ioro hätte einiges für ein gemütliches, sicheres Feuer gegeben, das ihn wärmte und vor den Windgeistern schützte. Aber er besaß nichts, womit er Feuer machen konnte. Und selbst wenn, er hätte an keinem Feuer verweilen können. Nicht, wenn er es noch rechtzeitig zu dem Schamanen zurückschaffen wollte. Über seine kalte Haut strich noch kälterer Wind. Geisterwind. Ioro fühlte einen unheimlichen Druck auf seiner Brust, den er betroffen als Angst identifizierte. Die kleinste Fackel, ja sogar eine winzige Kerze wäre ihm jetzt mehr als willkommen gewesen. Überall um ihn herum raschelte und rieselte es und er konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Bis in die Schluchten reichte das Sternenlicht nicht. Er fühlte seinen Weg mehr, als dass er ihn sah. Hoffentlich hatte der blaue Skorpion, der immer noch in seinem Federball saß, hier keine freilaufenden Brüder. Ioro lief und lief.
Irgendwann fiel ihm auf, dass er die Steine auf dem Boden erkennen konnte. Ioro schaute hoch. Der Schluchtrand war fast in Augenhöhe. Er hatte endlich einen Weg aus den tausend Schluchten gefunden.
Der Rest war verhältnismäßig einfach. Nach der Dunkelheit in den Schluchten wirkten die Sterne fast wie helle Fackeln, die ihm den Weg erleuchteten. Die fürchterliche Kälte der Wüstennacht allerdings war nicht einen Deut besser als die brennende Sonne tagsüber. Mit einem Körper, der steif und halb betäubt vor Kälte war, setzte Ioro mechanisch Fuß vor Fuß und kämpfte sich beharrlich bis zur großen Felsenwand hinter dem Lager durch. Von Ferne blinkten fröhlich und einladend die Lagerfeuer. Ioro schaute weg. Noch nicht. Noch ein letztes Hindernis galt es zu überwinden.
Er war fast enttäuscht, wie leicht der Aufstieg war. Die große Klippe sah zwar steil aus, war aber verwittert genug, um ein fast bequemes Klettern zu ermöglichen. Gut, er musste den Zweig und den Federball mit dem Skorpion mit den Zähnen festhalten, aber das war eine verhältnismäßig kleine Unannehmlichkeit. Solange der Skorpion nicht versuchte, ihn durch die Federwand hindurch zu stechen … Es dauerte. Die Klippe war hoch. Sehr hoch. Aber es war nicht wirklich schwierig. Ioro erreichte die Kante, als der Himmel gerade begann, sich aufzuhellen.
Der Schamane stand genau da, wo Ioro über den Klippenrand kletterte. Er streckte stumm die Hand aus. Ioro übergab ihm den Zweig und den Skorpion. Der Schamane zog eine Augenbraue hoch, als er die Federkugel sah, sagte aber nichts. Er winkte Ioro, ihm zu folgen, und marschierte ein Stück den Klippenrand entlang. Der Weg stieg noch ein gutes Stück an. Hier war die Klippe wilder, der Rand unregelmäßiger. Ioro konnte vor sich eine große Einbuchtung erkennen und dahinter einen noch größeren, gezackten Vorsprung. Es musste kurz vor Sonnenaufgang sein, der Himmel wurde bereits hell. Jetzt endlich machte der Schamane den Mund auf.
„Du gehst zum Rand der Klippe, so weit, wie du dich wagst. Dann begrüßt du die Sonne.” Der Schamane deutete auf den gezackten Vorsprung, der wie eine Pfeilspitze in die Leere über dem Abgrund ragte. „Dort, auf diesem Felsen.”
Na schön. Wenn’s denn sein musste. Zum Glück litt er nicht unter Höhenangst. Ioro ging los. Der Schamane folgte ihm in wenigen Schritten Abstand.
Der Vorsprung war schnell erreicht. Er war größer, als er von ferne ausgesehen hatte, und er stieg noch ein ganzes Stück an, bevor er sich in der zweiten Hälfte etwas nach unten neigte. Ioro ging bis zum Beginn der Neigung. Bis hierher bestand keine Gefahr. Dahinter musste er aufpassen. Wenn er auf der Neigung ausrutschte, würde er abstürzen. Er schnob wütend. … so weit, wie du dich wagst. Wollte der Schamane ihm damit unterstellen, dass er ihn für wenig mutig hielt? Dem würde er das Gegenteil beweisen, ha! Er ging weiter. Die Neigung war nur gering. Bis zwei oder drei Schritte vor die Abbruchkante sollte er es ohne große Mühe schaffen. Dämliche Mutprobe.
Ioro hielt inne. Was immer der Schamane war, dämlich war er nicht. Diese spezielle Mutprobe musste irgendeinen besonderen Zweck erfüllen. Er lauschte. Weit weg schrie ein Falke. Jo? Er wollte weitergehen. Zögerte. Etwas fühlte sich nicht richtig an. Unsinn. Das bildete er sich nur ein. Ioro lauschte wieder. Da war nichts. Absolut nichts. Er ließ sich von nichts ins Bockshorn jagen. Ein schöner Krieger war er!
Ioro ging einen Schritt weiter. Der Felsen knackte. Er hielt inne. Lauschte. Nichts. Ein weiterer Schritt. Wieder knackte der Felsen. Kaum hörbar. Und dennoch überlaut in der atemlosen Stille um ihn herum. Ioro ging rückwärts. Vorsichtig. Einen Schritt, noch einen Schritt, noch einen, bis er eine Stelle erreichte, an der er sich wieder sicher fühlte. Der Felsen vor ihm knackte noch einmal. Und dann löste er sich, ganz langsam, wie in Zeitlupe, vom Mutterfelsen, ein kleiner Spalt erst, der dann breiter wurde, schließlich aufklaffte wie ein Drachenmaul, und dann drehte sich der Felsen schwerfällig vom Klippenrand weg und stürzte in die Tiefe.
Man hörte kaum etwas, als er endlich unten ankam.
Ioro fühlte Schwindel. Wenn er weitergegangen wäre …
„Was ist das für eine beschissene Mutprobe?”, fragte er wütend.
„Keine Mutprobe”, beschied ihm der Schamane kühl. „Nicht dein Mut stand auf dem Prüfstand, sondern dein Verstand. Oder dein Instinkt. Wähl dir selbst aus, was dir lieber ist. Und jetzt stell dich gefälligst anständig hin und begrüße die Sonne.”
*
Es war bereits dunkel, als der Schamane das Zelt betrat. In der Hand hielt er eine kleine Schale mit einer tintigen Flüssigkeit und eine Bronzenadel.
„Es wird Zeit für dein erstes Zeichen, junger Krieger!”
Ioro entblößte schweigend seinen Oberkörper. Der Schamane tauchte die Nadel in die Flüssigkeit und begann, die Umrisse des Zeichens in Ioros linken Oberarm zu tätowieren. In dem Maße, in dem das dunkle Zeichen Gestalt annahm, sog es den dünnen Faden Dunkelheit, der noch immer in Ioros Seele ruhte, in sich auf und machte ihn unschädlich. Der Schamane ging kein Risiko ein mit dem neuen Krieger. Loyalität, die von Dritten beeinflusst werden konnte, war keine Loyalität. Ioro musste ganz und gar und mit jedem Faden seiner Seele den roten Zelten gehören.
Ioro wartete in dumpfer Ergebenheit, während die Nadel ihr Werk verrichtete. Dauerte es immer so lange? Das sonnenverbrannte Narbengewebe schmerzte.
Tiefer als seine Narben schmerzte Ioros Herz. Hiermit hatte er endgültig alle Brücken zu seinem Heimatland und zu dem Volk seiner Geburt abgebrochen.
In dieser Nacht feierte die Weißspuren-Sippe in den Roten Zelten die Geburt eines neuen Kriegers. Es war Chirgot, der dem neuen Krieger sein erstes Pferd gab, es war Chirgot, der ihm Bogen, Pfeile und ein langes Messer überreichte, und es war Chirgot, der ihn als Sippenbruder in die Arme schloss und ihm seinen neuen Namen gab: Nior. Skorpion.
Aber es war die Frau Sua, die Niors Tränen behutsam abtrocknete, als er nachts im Schlaf weinte.
Ein Anfang
Jo-im-Falken kreiste über dem Zelt des Schamanen. Der alte Zauberer heckte irgendetwas aus. Und was immer es war, es gefiel Jo nicht. Seit Tagen schon hielt er sich auf Befehl des Schamanen von Ioro fern, damit der seine Prüfungen bestehen konnte. Wie´s aussah, war Ioro jetzt damit durch. Jo hatte ihn schwanken sehen, als er mit einer Girlande barbarischer Tätowierungen um Schulter und Arm aus dem Zelt des Schamanen gekommen war. Total erschöpft hatte Ioro ausgesehen. Jetzt war er in Suas Zelt. Vermutlich päppelte die Frau ihn wieder auf. War ja in ihrem eigenen Interesse, ihren Liebhaber wieder in Form zu bekommen. So, wie Ioro im Moment aussah, war er bestimmt im Bett zu nichts zu gebrauchen.
Zum Wüstenkrieger hatte der Schamane Ioro also gemacht. Ob das wohl gut ging? Ioro war andere Herausforderungen gewohnt als das ewig gleiche, primitive Wüstenleben. Wie lange würde sein Freund das durchhalten, ohne einen Koller zu kriegen?
Der Schamane musste das wissen. So dumm konnte der Alte gar nicht sein, dass er dachte, Ioro wäre als einfacher Wüstenkrieger auf ewig glücklich. Das alte Schlitzohr plante etwas und Jo wollte unbedingt wissen, was.
Er lenkte den Falken nach unten, direkt in das Rauchloch des Zeltes.
Der Schamane sah nicht einmal hoch, als der Falke hereinsegelte. Er kramte in irgendwelchen kleine Säckchen und Kästchen. Jo landete auf etwas, das wie ein grob geschnitzter Phallus aussah. Überraschenderweise fühlten seine Krallen kein Holz, sondern hartes Leder.
So. Im Zelt war er. Und wie stellte er jetzt einen Kontakt her? Beim letzten Mal hatte er draußen in der Sonne gedöst, als der Schamane in seinen Traum glitt. Traum… Trance! Das war die Lösung!
Jo suchte sich einen Fixpunkt in dem bunten Wirrwarr und begann, Stückchen für Stückchen seine Umgebung auszublenden.
„Da bist du ja endlich!”, begrüßte ihn der Schamane.
Jo sah sich um. Er war wieder in der mittlerweile vertrauten leeren Sandwelt.
„Ich dachte schon, du würdest es nie versuchen”, fuhr der Schamane fort.
Jo legte den Kopf schief. Eine Gewohnheit des Falken. Unwillig schüttelte er sich. Wenn das noch lange dauerte, würde er irgendwann wirklich ein Vogel werden.
„Lass uns ein Stück spazieren gehen”, schlug der Schamane vor. „Es spricht sich leichter im Gehen.”
Eine ganze Weile gingen sie schweigsam nebeneinander her. Der Sand sah vor ihnen so grau aus wie hinter ihnen. Die Sandwelt seiner Träume war leblos. Deprimierend. Fast so schlimm wie der Spiegel, in dem sein wahrer Körper festsaß.
„Wie willst du deinen Körper zurückgewinnen?”, fragte der Schamane.
„Keine Ahnung.”
„Ah ja”, sagte der Schamane. „Ihr seid mir schon ein Gespann, du und dein königlicher Freund. Beide wisst ihr nicht, was ihr wirklich wollt, beide habt ihr keine Ahnung von dem, was ihr könnt, und beide habt ihr noch eine verdammt große Menge zu lernen.”
„Und da willst du Abhilfe schaffen?”
Der Schamane warf ihm einen abschätzenden Blick zu. „Bei deinem Freund könnte ich das schaffen, ja. Bei dir … Du sitzt in einem Spiegel fest. Ich muss vorsichtig sein. Diejenigen, die dich eingefangen haben, sind auch meine Feinde. Helfe ich dir, alarmiere ich sie womöglich. Und das wäre schlecht.”
„Na fein”, brach es aus Jo heraus. „Ich sitze bis zum Hals in der Patsche und du willst mir nicht helfen!”
„Das habe ich nicht gesagt. Wirst du endlich lernen, richtig zuzuhören? Ich habe gesagt, ich muss vorsichtig sein!”
Sie gingen ein Stückchen.
„Entschuldigung”, sagte Jo endlich. „Ich glaube, ich war voreilig.”
„Na also”, brummte der Schamane. „Geht doch! Du würdest dir dein zukünftiges Leben erleichtern, wenn du nicht immer gleich lospreschst, sondern zuerst versuchst, deine Umgebung und deine eigene Lage zu analysieren.
Also, wie ich schon sagte, ich kann dir nicht schnell helfen, und ich kann dir nicht sehr viel helfen, aber ich kann dir ein paar Tipps geben. Damit du eines Tages imstande bist, dir selbst zu helfen.”
„Bekomme ich ein besseres Angebot?”, fragte Jo.
„Nein”, sagte der Schamane.
„Dann nehme ich an.”
Leises Klirren klang durch das Zelt. Der Falke blinzelte. Er war wieder im Hier und Jetzt. Mit schwerfälligen Flügelschlägen rappelte er sich auf und flog auf die Öffnung zu. Unter ihm kramte der Schamane weiter in seinen Utensilien.
Ioro sah zum Horizont. Hinter den fernen Bergen lag Karapak. Das Land seiner Geburt. Das Land, in das er nie wieder zurückkehren konnte. Er fühlte sich leer. Es war ein gutes Leben in den Zelten der Weißspuren-Sippe, aber ihm fehlte der Zweck. Sein ganzes Leben lang hatte er Ziele gehabt. Der oberste Feldherr Karapaks hatte keine Zeit für Müßiggang.
Der Wüstenkrieger Nior dagegen schon. Und Ioro stellt fest, dass es ihm gewaltig auf die Nerven ging, wenn er nichts Richtiges zu tun hatte. Viel taten sie wirklich nicht, die Wüstenkrieger. Die Kinder hüteten die Herden, die Frauen holten Feuerholz, kochten und nähten, und die Krieger und Kriegerinnen ritten stolz auf ihren Pferden umher und brachen gelegentlich zu einem kleinen Grenz-Scharmützel auf. Das war´s dann auch schon. Die meiste Zeit saßen Frauen wie Männer lediglich im Schatten der Zelte zusammen, unterhielten sich, spielten und tranken Tee. Das hielt er unmöglich ein ganzes Leben lang aus.
„Langeweile?“
Ioro zuckte zusammen. Wo kam der Schamane bloß schon wieder her? Und wieso wusste der immer, was er gerade dachte?
„Ich hab es dir doch schon gesagt.“ Der Schamane hockte sich neben Ioro. „Dein Körper redet, auch wenn deine Zunge schweigt. Wenn du wirklich etwas verschweigen willst, solltest du lernen, deinen Körper zu beherrschen.“
„Und das lerne ich wie?“, fragte Ioro desinteressiert.
„Du könntest mein Assistent werden.“
Ioro fuhr so ruckartig herum, dass er fast das Gleichgewicht verlor. „Dein Assistent?“
Der Schamane warf ein kleines Steinchen. Es hüpfte durch den Sand.
„Warum?“
„Weil ich einen Nachfolger brauche. Ich werde nicht mehr sehr lange leben.“
„Und dazu willst du ausgerechnet mich?“
„Warum nicht?“, gab der Schamane zurück. „Du hast einige Vorzüge. Zum einen bist du ein erfahrener Mann, der bereits eine Führungsposition innehatte. Zum zweiten hast du einen hellen Kopf auf deinen sonnenverbrannten Schultern und denkst nach, bevor du handelst. Zum dritten sehe ich deiner Signatur an, dass du das Zeug zu einem verdammt guten Schamanen hast. Und es gibt natürlich noch einen sehr guten zusätzlichen Grund: Du brauchst Beschäftigung. Möglichst bevor es dir einfällt, eine Dummheit zu begehen.“
Ioro schauderte. Zauberer. Sein Vater hatte sie immer als Quelle allen Unglücks bezeichnet. Andererseits – sein Freund Jo war auch ein Zauberer. „Aber ich wurde nicht bei euch geboren. Was werden die anderen Zauberer der Stämme sagen, wenn du ausgerechnet mich wählst?
„Es gibt keine anderen“, sagte der Schamane. „Es gibt nur mich.“
„Nur einen Zauberer in der ganzen Weißspuren-Sippe?“, fragte Ioro verblüfft.
„Nur einen bei allen Sippen der Roten Zelte zusammen.“
„Warum?“
„Schamanen leben nicht lange.“
Ioro erinnerte sich. Der Schamane nährte den Zauber mit seiner eigenen Lebenskraft. „Gut. Das ist nachvollziehbar. Ich kann mir denken, warum dann nicht sehr viele zum Zauberer werden wollen.“
„Mir wäre es lieber, du würdest mich nicht Zauberer nennen“, sagte der Schamane. „Zauberer, das sind die, die mit Spiegeln arbeiten. Die, die Seelen rauben.“ Er schwieg eine Weile, bevor er fortfuhr: „Es würden durchaus mehrere der jungen Männer gerne zu Schamanen werden. Schamanen haben Macht. Macht verführt. Trotz des hohen Preises, den sie kostet. Aber wir können es uns nicht leisten, zu viele Krieger an den Zauber zu verlieren. Wir haben dem schon vor etlichen Generationen einen Riegel vorgeschoben. Unsere Gesetze sind da eindeutig. Es gibt immer nur einen Schamanen. Und der sucht sich selbst aus, wer sein Nachfolger werden soll.“
„Und wenn du gestorben wärst, bevor du einen Nachfolger ausbilden konntest?“, fragte Ioro.
„Man hat einige Privilegien als Schamane“, sagte der alte Mann. „Zufällig gehört dazu, dass wir den Zeitpunkt unseres Todes wissen.“
„Oh.“
Ioro dachte nach. Der Schamane bot ihm gerade die Lösung seines Problems an. War das wirklich so einfach?
„Ist etwas daran unehrenhaft?“, fragte er langsam.
„Nein.“ Die Antwort des Schamanen klang überzeugend.
„Und was passiert, wenn ich ablehne?“
„Dann suche ich mir einen anderen Nachfolger und du langweilst dich zu Tode.“
Schöne Aussichten. Ioro befürchtete, dass der Schamane recht hatte. Alleine der Gedanke an endlose lange Tage mit nichts außer Müßiggang ließ ihn erschaudern. Was immer der Haken war, solange er nichts Unehrenhaftes tun musste, war er einverstanden.
„Gut“, sagte er, „ich werde dein Assistent.“
„Du musst natürlich die Frau aufgeben“, sagte der Schamane beiläufig.
Was? Das konnte der nicht ernst meinen! „Warum sollte ich? Hindert mich etwa eine Frau daran, Zauberer zu werden?“
„Nein, das ist es nicht.“
Ioro konnte dem Schamanen ansehen, dass sich der anscheinend plötzlich nicht besonders wohl in seiner Haut fühlte.
„Es ist nur für einen Mann einfach zu schwierig, mit einer Frau zusammenzuleben, ohne mit ihr Sex zu haben.“
„Und?“
„Frag deinen gefiederten Freund!“
Ioro sah herüber zu dem Falken. Der drehte den Kopf zur Wüste und tat betont uninteressiert. Ioro streckte den Arm aus. „Jo, ich glaube, du solltest mir ein paar Dinge erklären.“
Der Falke erhob sich mit ein paar lustlosen Flügelschlägen und segelte auf Ioros Schulter. Gleich darauf verspürte Ioro die vertraute Gegenwart in seinem Geist.
„Er hat Recht“, sagte Jo. „Du solltest lieber ohne Frau leben. Am besten gleich ganz ohne Familie, wenn wir schon dabei sind.“
„Aber warum?“, begehrte Ioro auf. Gerade jetzt hatte er endlich eine Familie gefunden, die er lieben durfte und die ihn liebte.
Anstelle einer Antwort übermittelte Jo ihm Bilder. Ioro sah das Gesicht einer jungen, sehr attraktiven Frau. Verspürte die Lust, die Jo und diese Frau verband. Erfreute sich an der Ekstase, die selbst in der Erinnerung noch berauschend war. Fühlte das jähe Entsetzen, als die Augen der Frau brachen, ihr Körper sich auflöste und ihre leuchtende Präsenz erlosch wie eine Kerze im Winterwind. Und zusammen mit diesen Bildern übermittelte Jo ihm auch den Grund.
„Ja“, bestätigte der Schamane. „Zauberer stehlen Leben. Selbst dann, wenn es nicht ihre Absicht ist.“
„Und es sind immer die Schwächsten, die zuerst zerstört werden“, ergänzte Jo in Ioros Gedanken. „Die Kinder.“ Für einen winzigen Moment glühte in seinen Erinnerungen ein Kindergesicht auf. Ein sehr junges Kind, noch nicht einmal von der Mutterbrust entwöhnt. Und ein anderes Gesicht, das eines älteren Mädchens, müde, verbittert, das sagte: „Sie haben sie verbraucht.“
Ioro schwieg geschockt. Das wollte er auf keinen Fall.
„Und wenn ich kein Zauberer werden will?“, fragte er schließlich leise.
„Du bist bereits einer“, gab der Schamane zurück. „Du hast zu häufig Kontakt mit Zauberern gehabt. Deine latenten Fähigkeiten sind schon dabei, sich einen Weg an die Oberfläche zu suchen. Bilde ich dich nicht aus, bist du für dich und alle anderen eine Gefahr. Bilde ich dich aus, bist du wenigstens nur für dich selbst eine Gefahr.“
Es gab nichts, was Ioro darauf antworten konnte.
*
Am selben Abend noch packte Ioro seine wenigen Habseligkeiten und zog um in das Zelt des Schamanen. Die Frau Sua sagte nichts, als er ging. Sie umarmte ihn nur kurz, streichelte über seine Wange, und widmete sich dann wieder ihrem Herdfeuer.
Mugo wartete draußen vor dem Zelt. „Schade, dass du gehst“, sagte er. „Aber ich schätze, Sua hat recht. Du musst wohl gehen.“
„So. Hat sie das gesagt?“ Ioro hockte sich neben den Jungen. Mugo kaute auf einem Grashalm. Sein Gesicht sah verschlossen aus. Zu nachdenklich. Zu alt für seine Jahre. „Vermisst du deinen Vater?“, fragte Ioro.
„Ja.“ Die Antwort kam zäh, widerwillig.
„Hättest du gewollt, dass ich in eurem Zelt bleibe?“
Mugo biss den Grashalm ab und spuckte ihn aus. „Na ja. Es war halt viel lustiger mit dir. Sie hat nicht mehr geweint, seit du bei uns wohnst. Ich glaube, sie mag dich wirklich.“
Ioro hatte das dringende Gefühl, dass hier nur Ehrlichkeit half. „Ich mag euch auch wirklich“, sagte er. „Euch beide. Nur – wenn ich hier bleibe, werde ich euch früher oder später schaden. Auch wenn ich es nicht will. Wenn ich dagegen zu dem Schamanen gehe, dann kann ich euch nützen. Und nicht nur euch, sondern dem ganzen Stamm.“
Mugo sah ihn weiterhin nicht an. Seine Stimme klang gepresst. „Ich hatte gehofft, du würdest mein neuer Vater werden können. Ich hatte gehofft, es würde weitere Kinder in unserem Zelt geben.“ Er zog seine mageren Schultern hoch. „Es war so still in unserem Zelt, bevor du kamst.“
„Ich bin ja nicht weg“, sagte Ioro. „Ich bleibe bei der Sippe. Ich wohne nur ein paar Zelte weiter. Du kannst mich weiterhin dafür ausschimpfen, dass ich wie ein dummer Karapaki denke. Und ich werde dich weiterhin liebhaben. Dich und Sua.“
Mugo warf sich mit einem trockenen Aufschluchzen in Ioros Arme. Ioro strich ihm über das strubbelige Haar. Irgendwann wurde er sich eines warmen Körpers hinter seinem Rücken bewusst. Dann schlang Sua ihre Arme um sie beide. Und als er endlich aufstand, um zum Zelt des Schamanen zu gehen, blieben Sua und Mugo Arm in Arm zurück und sahen ihm nach.
*
Jo-im-Falken zog nachdenklich eine Schwungfeder durch seinen Schnabel, um sie zu glätten. Wer hätte gedacht, dass Ioro einmal ein richtiger Zauberer werden würde? Zwar ohne Spiegel, aber immerhin. Ganz offensichtlich konnte der Schamane mit Ioros Potenzial mehr anfangen, als Jo gedacht hatte. Hochinteressant, dieser Wüsten-Zauberer.
Falken hatten scharfe Augen. Es würde sich lohnen, einen Blick auf Ioros Ausbildung zu halten. Vielleicht fiel dabei ja auch für ihn selbst noch etwas Brauchbares ab.
*
Ioros Zunge war ein Stück Leder. Seine Augenlider schienen aus Blei zu sein. Seit dem frühen Morgen waren sie jetzt schon in der Wüste unterwegs, ohne eine Rast, ohne einen einzigen Tropfen Wasser. Ioro fühlte sich wie ein Stück Bratfleisch, das zu lange auf dem Rost gelegen hatte.
Der Schamane lief vor ihm, leichtfüßig wie eine Wüstengazelle. Ihn schienen weder die sengende Sonne noch der brennende Sand etwas auszumachen. Wo, bei den Windgeistern, wollte der Schamane mit ihm hin?
Über ihnen rief der Falke seinen schrillen Vogelruf. Nichts Besonderes. Der Falke kreiste ohne ein Zeichen von Aufregung. Sie waren sicher.
Allerdings hatte Ioro auch nichts anderes angenommen. Kein karapakischer Soldat wäre so lebensmüde, sich freiwillig in diesem Teil der Wüste aufzuhalten. Und kein karapakischer General würde seinen Soldaten einen so bescheuerten Befehl geben. Karapakier waren tapfer, aber keine Selbstmörder.
Wenn der Schamane so weitermachte, würde er, Ioro, allerdings ziemlich bald ein Selbstmörder sein. Falls er nicht vorher zum Mörder wurde und den hageren Hals seines Vordermannes zudrückte.
„Aber, aber, mein junger Schüler!“, erklang die vertraute, leicht spöttische Stimme. „Du willst doch wohl nicht jetzt schon an Aufgeben denken?“
Ioro wollte antworten, brachte aber nur ein heiseres Krächzen hervor.
„Dein Vogelfreund spricht klarer als du“, beschied ihm der Schamane, ohne auch nur einen Augenblick langsamer zu werden. „Du solltest dir etwas mehr Mühe geben.“
Ioro setzte erneut an. Dieses Mal gelang es ihm, mühsam ein paar Worte herauszupressen. „Wie schaffst du das? Du hast doch genauso wenig Wasser wie ich und trotzdem siehst du so frisch aus wie bei unserem Aufbruch.“
„Übung“, gab der Schamane gleichmütig zurück. „Viel Übung.“ Nach ein paar Schritten setzte er hinzu: „Abgesehen davon: Hier ist Wasser genug vorhanden. Du benutzt es nur nicht.“
Ioro blieb entgeistert stehen. „Wasser? Hier?“
Jetzt hielt auch der Schamane an. „In der Luft ist Wasser.“
„Blödsinn. Diese Luft ist so trocken wie der Furz eines Feuergeistes.“
„Jede Luft enthält Wasser.“ Der Schamane stieß ihm den Finger auf die Brust. „Da drin, da musst du kalt genug werden, dass die Luft das Wasser für dich herausgibt.“
„Verdammt“, begehrte Ioro verzweifelt auf. „Hier ist es so heiß wie in einer Esse. Wie soll ich da inwendig kalt werden?“
„Beherrschst du deinen Körper oder beherrscht dein Körper dich?“, fragte der Schamane. Dann pfiff er nach dem Falken. Der segelte gehorsam auf Ioros Schulter. „Zeig deinem Freund, wie er mit sich selbst umgehen muss. Und mach es schnell, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
Und der Falke öffnete sein Wissen für Ioro.
*
Es war einfach, wenn man wusste, wie. Zumindest würde er nie wieder Gefahr laufen, zu verdursten. Fehlte nur noch, dass der Schamane irgendwie jetzt auch noch sein Brot aus der Luft herauszog.
„Dummkopf“, schalt Jo in seinen Gedanken. „Man kann nur Dinge herausbekommen, die enthalten sind. Luft enthält Wasser, aber kein Brot.“
„Jaja, schon gut“, brummelte Ioro. „Warum hast du mir das nicht schon früher gezeigt?“
Die Gedanken des Falken zeigten Erstaunen. „Ich habe, ehrlich gesagt, überhaupt nicht daran gedacht, dass dir dieses Wissen fehlt.“
„Offensichtlich“, warf der Schamane ein, der ihrer Unterhaltung irgendwie zu folgen schien, „hast du überhaupt nicht sehr viel nachgedacht. Noch weniger als dieser junge königliche Wirrkopf. Können wir jetzt weiter?“
„Ja“, antworteten Ioro und Jo gleichzeitig. Ioro grinste, als der Falke sich wieder in die Luft schwang. Seit seinen Unterrichtszeiten im Kloster hatte er sich nicht mehr so … so ungezwungen gefühlt.
*
Am späten Nachmittag wurde der Schamane langsamer. Er sah sich suchend um und steuerte schließlich auf einen unscheinbaren Spalt in den Felsen zu. Der Spalt drehte sich und wand sich in das Gestein. Ein protestierender Ruf verriet Ioro, dass der Falke ihn nicht mehr sehen konnte. Der Schamane ging weiter, immer tiefer hinein. Von oben drang kaum noch Licht. Jetzt stieg der Boden im Spalt leicht an. Es wurde noch enger. Ein dicker Mann hätte bereits Schwierigkeiten gehabt. Nicht, dass es bei den Wüstenstämmen dicke Männer gab. Sowenig wie dicke Frauen. Dafür reichte das Essen nicht. Der Schamane ging weiter. Die Felsendecke hatte sich inzwischen über ihnen geschlossen und das Licht war einer kaum noch wahrnehmbaren Dämmerung gewichen. Ioro musste jetzt den Kopf einziehen. Au! Das war eine Umgebung für Fledermäuse, nicht für Menschen!
„Tollpatsch“, brummelte der Schamane. „Sieh gefälligst richtig hin!“
„Im Dunkeln?“
„Na und? Du hast Augen. Sie sehen nicht nur Licht. Benutze sie.“
Verdammter Schamane, musste der Mann immer in Rätseln reden? Wenn das Unterricht war, dann ein ziemlich miserabler. Ioro starrte, bis ihm fast die Augen aus dem Kopf fielen, aber er sah nichts. Dafür stieß er sich gleich mehrere Male mit diversen Körperteilen an verschiedenen Felsvorsprüngen, obwohl er jetzt den Raum vor sich vorsichtig abtastete. Schließlich gab er es auf. Fühlte nur noch seinen Weg, hörte, wie der Schamane sich ohrenscheinlich weiter und weiter entfernte, und dachte an nichts.
Fast schon automatisch wich er einer besonders fiesen Felszacke aus, die vor ihm in den Weg ragte. Und sprang mit einem erschrockenen Japsen hoch, nur um sich erneut den Kopf an der rauen Felsdecke zu stoßen. Er hatte die Felszacke gesehen! Jetzt war wieder alles stockfinster. Wie hatte er das gemacht? Einfach … nichts gemacht? Ioro versuchte es. Konzentrierte sich darauf, sich auf nichts zu konzentrieren. Und tatsächlich, wie durch Geisterhand erschienen die Konturen der Felsen vor seinen Augen. Das also hatte der Schamane gemeint. Es gab für Zauberer Wege, die Dinge auf eine völlig andere Art zu sehen.
Der Rest des Weges war einfach. Der Schamane gab nur einen knappen Kommentar, als er ihn einholte. „Na endlich.“
Ioros Beinmuskeln protestierten bereits energisch, als sie endlich das Ende des Spalts erreichten. Zuerst fiel Ioro nur auf, dass es deutlich heller wurde. Dann öffnete sich der Spalt, zuerst zu einer großen Höhle, und dann zu einem Talkessel, der rundum von hohen Bergen umgeben war. Die Berge waren imposant, mit steil abfallenden Felswänden. Kein Mensch würde hier heraufklettern können. Und sie leuchteten. An ihrem oberen Ende, auf das noch die Sonne schien, glühte die Felsenwand rot, weiter nach unten veränderte die Farbe sich zu einem Purpur, der im Schatten am Fuß der Felsen fast zu schwarz wurde. Am erstaunlichsten aber war das Grün. Das ganze Tal war grün. Bäume, Büsche, Gras, soweit er sehen konnte. Grün, das überall aus dem roten Sand spross. Ein fruchtbares Tal, mitten in der Wüste.
„Wer lebt hier?“, fragte er staunend.
„Niemand.“
„Aber … warum nicht?“
„Dies“, sagte der Schamane, „ist das Tal, in dem die Roten Zelte geboren wurden. Der Ort, in dem unsere Sagen beginnen.“ Er machte eine ausladende Bewegung mit der Hand. „Das, was du hier siehst, mein Schüler, ist ein einziges, riesiges Grab.“
Ioro war heilfroh, dass der Schamane ein Feuer entfacht hatte. Wer wusste schon, wie viele Geister an diesem Ort noch umherirrten. Die Nacht war wärmer als draußen in der Wüste, die Felsenwände hielten die Wärme des Tages gespeichert. Ein kleiner Bach gluckste nicht weit von ihnen über sein steiniges Bett. Kaum merklich zupfte eine leichte Brise an den Blättern. Grillen zirpten. Der Schamane stocherte in der Glut. Ioro schlang die Arme um seine Knie. Ein Bett wäre jetzt angenehm. Selbst das Feldbett eines Kriegszeltes.
„Sch“, tadelte der Schamane, „ein einziger Tag nur, und schon bist du müde! Kein Wunder, dass die karapakischen Soldaten uns nie erwischt haben!“ Er warf das Zweiglein in die Glut. Das Feuer versprühte ein paar Funken. Das Holz knackte und ging in Flammen auf.
„Früher ...“, sagte der Schamane leise. Es war fast, als ob er mit sich selbst sprach. „Früher lebten viele Menschen hier. Überall in diesem Land. Früher war hier noch keine Wüste. Oder zumindest war sie kleiner, sehr viel kleiner. Dort draußen, wo heute nur der Sand weht, da war grünes Land. Dort weideten Herden. Man sagt, es gab damals noch keine Königreiche. Vielleicht stimmt das. Vielleicht gab es ein paar, nur waren sie einfach so klein, dass wir sie heute nicht mehr als solche erkennen. Jedenfalls, damals herrschten keine mächtigen Könige. Damals herrschten mächtige Zauberer. Es heißt, dass sie um die Macht stritten. Wenn die Mächtigen sich streiten, dann werden die Kleinen zwischen ihnen zermahlen. Das war immer schon so. Und so geschah es auch hier. Die Zauberer stritten und die Menschen starben. Zusammen mit den Menschen starben die Herden, und das Gras, und alles andere. Einige Menschen zogen sich in dieses Tal zurück, in der Hoffnung, dass sie hier vor den Zauberern in Sicherheit waren.“ Der Schamane verstummte.
„Und?“, fragte Ioro nach einer Weile.
„Es waren am Ende sehr viele Menschen im Tal.“ Der Schamane hob den Kopf und sah hinaus in die Nacht. Es war, als ob er etwas gehört hatte.
Ioro lauschte angestrengt. Aber die Grillen zirpten ungestört weiter.
„Wir wissen nicht sicher, was geschah“, sagte der Schamane, „Möglich, dass einer der Zauberer zufällig das Tal fand. Möglich, dass es einen Verrat gab. Gefunden wurde es jedenfalls. Damals, musst du wissen, waren diese Klippen weiß.“ Er deutete auf den Boden, der im Schein des Feuers zu brennen schien. „Damals war der Sand in diesem Tal weiß. Die Menschen wohnten wie heute in Zelten aus Ziegenfell. Aber auch diese Zelte waren weiß.
Jedenfalls, sie fanden unsere Zuflucht. Zuerst versuchten wir, irgendwie Frieden zu halten. Zahlten den Zauberern Abgaben. Aber sie forderten immer mehr. Irgendwann forderten sie zu viel. Und wir gehorchten nicht mehr.
Und dann kam der Zauber über uns. Keiner weiß, wie lange er dauerte. Die, die überlebten, sagten, es sei ihnen wie eine Ewigkeit vorgekommen. Es gab nicht viele, die überlebten. Am Ende des Tages war der Sand rot, waren die Berge rot, waren die Zelte rot. Und die Menschen und Tiere lagen dazwischen, überall im Tal, tot, vertrocknet, eingeschrumpft wie dürres Holz. Die, die überlebt hatten, wussten nicht, warum. Sie nahmen, was sie für ihre weitere Existenz brauchten, und flohen. Seit damals sind unsere Zelte rot.“
Ioro schauderte. So viele Tote und niemand hatte sie begraben. Würde dieses kleine Feuer ausreichen, sie vor den Geistern zu schützen?
„Du brauchst keine Angst zu haben.“ Die Stimme des Schamanen klang zur Abwechslung fast sanft. „Das ist so lange her, dass nicht nur die Körper längst zu Staub zerfallen sind. Selbst die Geister gibt es nicht mehr. Die Winde haben sie schon vor langer Zeit davongetragen.“
Ioro schluckte. Auch wenn die Geister fort waren, trotzdem … ihm war dieses Tal unheimlich. Schlafen würde er hier auf keinen Fall.
„Und?“, fragte er nach einiger Zeit zögernd. „Warum nennen wir uns die Weißspuren-Sippe?“
„Jeder der Stämme hat sich nach etwas aus diesem Tal benannt“, sagte der Schamane. „An einer Stelle hatte der Zauber nicht so tief gebrannt. Da war nur die dünne obere Schicht des Bodens rot verfärbt. Als unser Ahnherr Prure die Dinge zusammengesucht hatte, die er draußen zum Überleben brauchen würde, sah er seine Spuren im Sand. Sie waren weiß, denn unter seinen Füßen hatte sich der rote Sand zur Seite geschoben.“
Das also war der Ursprung der Sippennamen, Ioro hatte sich schon lange gefragt, woher die Stämme ihre merkwürdigen Namen hatten. Totbaum, Faulwasser, Hängender Fels, Wüstenameise, Pferdeschädel, Ölkrugträger, Grünmesser, Drei Steine und Weißspuren. Neun Namen. Neun Überlebende. Ein paar mehr, wahrscheinlich, sie hatten ja Familien gegründet. Aber es konnten wirklich nicht sehr viele gewesen sein.
Wie musste man sich fühlen, wenn man als Einziger einer Familie, einer Sippe, eines Stammes überlebte? Und welcher Mut gehörte dazu, nach so einem Tag weiterleben zu wollen? Ioro fühlte sich ganz klein.
Zwischenspiel im Wind
Der Wind wehte.
Der Geist wurde umhergewirbelt. Verzweifelt versuchte er, sich in den Präsenzen festzukrallen, die er berührte. Aber es gelang ihm nicht, seine Gedanken glitten von ihnen ab.
Der Wind wehte.
Der Geist sah sich in panischer Angst um. Die Welt war grausam leer. In dunklem Licht glommen die Schatten der Mauern der Lebendwelt, in der andere Geister ihre Ruhe gefunden hatten. Beständig und fest glomm das Licht derer, die erst vor kurzem beerdigt worden waren, schwach, fast schon eins mit dem Schatten, das Licht derer, die bereits lange genug in den Mauern ruhten, dass ihre Asche mit dem Stein verschmolzen war. Wenn er doch bloß auch dort ruhen dürfte!
Der Wind zerrte an dem Geist, zerfaserte seine Essenz, trieb ihn wie einen Strohwisch umher.
Der Geist schrie um Hilfe.
Aber die Ruhenden schienen ihn nicht zu hören.
Der Wind wehte.
Der Himmel wurde heller, die Sonne ging auf.
Ihre Wärme machte ihn müde, träge, schwer. Im Sonnenlicht konnte nicht einmal der Wind ihm etwas anhaben. Der Geist träumte einen traumlosen Schlaf. Solange, bis die Sonne unterging, und der Wind erneut an ihm zerrte.
Der Wind wehte.
Gegenspieler
„Ach, junger Schüler Jo, da bist du ja endlich!“ Ein verknittertes Gesicht unter einem fast kahlen Schädel schob sich hinter dem Regal hervor. „Ich hatte schon befürchtet, du würdest deine Studien vernachlässigen, mit all dieser dummen Spionage.“ Dem verknitterten Gesicht folgte ein hagerer Körper, der aussah, als würde ihn der nächste Windstoß davontragen. Wer zum Teufel war dieser Tattergreis, der aussah, als ob er längst in ein Grab gehörte?
„Spionage ist nicht dumm. Spionage ist wichtig“, knurrte Skane.
„Nicht so wichtig wie Studien, jedenfalls für einen Zauberer, der die Anfangsgründe noch kaum beherrscht“, gab der Alte ungehalten zurück. „Wir sollten jetzt dringend weitermachen.“
„Ich habe keine Zeit.“ Skane drehte dem Alten den Rücken zu.
„Unsinn!“, schimpfte der Alte. „Die Zeit musst du dir nehmen! Das solltest du selbst nur zu genau wissen!“
„Jaja, ein andermal.“
„Nein, heute! Sofort! Ich will keine Ausreden mehr hören!“
„Wir können später weitermachen. In ein paar Tagen oder in ein paar Monaten. Das läuft mir nicht weg.“
„Bist du verrückt geworden? Das geht auf keinen Fall!“ Die Stimme des Alten wurde immer schriller.
Was, bei den Winddämonen, wollte der alte Narr bloß von ihm? Skane knurrte. Der war ja schlimmer als ein Straßenköter, der Futter witterte.
„Deine Studien!“, wetterte der Alte gerade. „Du kannst deine Studien nicht einfach abbrechen, Jo! Nicht in diesem Stadium! Du weißt doch gar nicht richtig, was du tust!“
„Oh doch!“, konnte Skane sich nicht verkneifen zu sagen.
Der Alte zuckte zusammen. Ein merkwürdiger Ausdruck trat in sein Gesicht. „Du weißt es tatsächlich!“, staunte er. „Du sagst die Wahrheit!“
Jetzt war es an Skane, zusammenzuzucken. Woher wusste der Alte das? Was hatte der Greis bemerkt, was ihm entgangen war? Hatte der Alte einen Zauber benutzt, den er nicht kannte?
Der Alte humpelte näher und musterte ihn eingehend. „Ich könnte schwören …“, murmelte er. Sein dünner Hals zuckte vor. „Irgendetwas ist anders an dir.“ Seine Nasenflügel blähten sich, er schnupperte wie ein Jagdhund. „Und wieso riechst du plötzlich nach Banta-Früchten? Die isst man doch nur in der Wüste!“
Skane wartete nicht, bis der Alte den offensichtlichen Schluss zog. Mit einer fließenden Bewegung zog er mit der einen Hand seinen Arbeitsspiegel, mit der anderen hieb er seinen Stock dem Alten über den Schädel. Der ächzte und ging in die Knie. Skane kniete sich neben ihn und presste mit einem bösen Lächeln seinen Spiegel auf die eingefallene Wange des Alten. Der schaffte es gerade noch, ein leises Winseln auszustoßen. Dann zerfloss sein magerer Körper und verschmolz mit dem Glas des Spiegels.
Verdammt, das war knapp gewesen. Er musste vorsichtiger sein. Zumindest in den alten Zauberern waren die Erinnerungen an die Abtrünnigen ganz offensichtlich noch nicht völlig verblasst.
Skane hob den Spiegel auf. Der Alte musste wirklich dem Tod schon sehr nahe gewesen sein. Das Glas des Spiegels war durchzogen von grauen Schlieren. Und jetzt? Hier behalten konnte er ihn nicht. Man würde nur zu bald merken, dass ein Mitglied der Kristallkammer fehlte. Und wenn Meister Ro den Spiegel fand, würde er wissen, was geschehen war.
Skane schlug ein dickes Wolltuch um den Spiegel und ging hinaus, geradewegs in die tote Stadt außerhalb des Kristalls. Eine Weile suchte er in den leeren Gassen. Dann sah er ein Haus, das für seine Zwecke geeignet schien. Langgestreckt lag es in einer der kleineren Gassen. Wahrscheinlich hatte es früher einmal als Lagerraum für einen Kaufmann gedient. Skane stemmte die verzogene Holztür auf. Dahinter lag Helligkeit. Das Dach war zur Hälfte eingestürzt. Auf dem gestampften Lehmboden türmten sich Balken und Tonscherben. Perfekt. Skane schob mit dem Fuß die Scherben beiseite und legte den Spiegel auf den Boden. Lichtreflexe tanzten durch den dunklen Raum unter dem Dachrest. Er hockte sich nieder, hielt seine Hand über den Spiegel und konzentrierte sich. Die Luft um seine Hand schien sich zu kräuseln. Ein wabernder dunkler Schemen erschien, senkte sich auf den Spiegel hinab, verfärbte sein Glas zu tiefem Schwarz. Der Spiegel verzerrte seine Konturen, schien zu wachsen, fraß sich in den Boden. Die Schwärze wurde intensiver.
Endlich war es vollbracht. Skane erhob sich mit zittrigen Knien. Es war ein Risiko gewesen, diesen starken Zauber alleine zu versuchen, zumal er sich auch noch gleichzeitig vor einer Entdeckung durch die Kristallkammer abschirmen musste. Ein gut kalkuliertes Risiko. Eines, das sich gelohnt hatte. Vor ihm zog sich ein bodenloser, schwarzer Riss durch den Boden des Raumes. Ein Riss, der auf seine Beute lauerte. Unaufhörlich strömte die Energie der Stadt zur Kristallkammer, nichts konnte sich deren Sog entziehen. Die Energie zog durch die leeren Gassen, durch die toten Häuser, durch die Lehmziegelwände und die verwitterten Holzgefache. Und sie zog über den Riss, der geduldig wartete. Zufrieden sah Skane, wie ein dünner, aber beständiger Wasserfall an Energie in dem Riss verschwand. Es war ein rein passiver Residualzauber, stumm, ohne Signatur. Niemand in der Kristallkammer konnte ihn bemerken. Langsam, aber stetig entzog er der Stadt Energie und Leben. Jenseits der Wüste würde man sie zu nutzen wissen.
***
Am Abend vor der Tagundnachtgleiche suchte Sirit die Duka auf. „Ich gehe zurück nach Tolor.“
Die Duka musterte sie und wies dann auf die fellbespannten Hocker am Feuer. „Kein Grund, wichtige Dinge im Stehen zu besprechen. Setz dich, Tochter.“
Sirit setzte sich. Eine Weile schwieg die Duka und beide Frauen sahen in das Spiel der tanzenden Flammen. Es knisterte, als ein dicker Ast in der Glut zerfiel. Kleine Funken sprangen auf. Die Duka griff hinter sich, hantierte mit irgendetwas und präsentierte Sirit dann eine Tasse dampfendheißen Bergblumentee. Dankbar inhalierte Sirit das vertraute, beruhigende Aroma, während sie die Tasse mit beiden Händen an die Lippen führte.
„Ich vermute, es gibt einen Grund dafür, dass du jetzt plötzlich los willst“, sagte die Duka. „Ich muss gestehen, ich hatte schon gehofft, dass du hier bleiben würdest. Als mein Schwesterkind bist du ein wichtiger Teil unserer Sippe und ich bin sicher, du hättest hier eine Zukunft, die dir gefallen würde.“
Sirit sah die ältere Frau an. Die Züge, in denen sie jetzt, wo sie es wusste, ihre Mutter leicht wiederfinden konnte. Ja, hier hätte sie eine Zukunft, sicher, erfüllt und geliebt. Aber …
„Ich habe Verpflichtungen, vor denen ich geflohen bin“, sagte sie.
Die Duka nickte, als ob sie ihr etwas längst Bekanntes erzählte.
„Heute Morgen war ich im großen Handelshaus“, fuhr Sirit fort. „Ein Stoffhändler aus Karapak war gerade eingetroffen. Er hatte Neuigkeiten.“ Sie schluckte trocken, zwang sich dann, etwas von dem Tee zu trinken. Wie kam es, dass ihr selbst jetzt diese Nachricht noch so nahe ging? „Er berichtete, dass der neue König Tolioro Anspruch auf die Regentschaft über Tolor erhebt. Weil er meinen – unseren Sohn hat. Irgendwie hat er ihn wohl wiedergefunden.“ Leise fügte sie hinzu: „Ich hatte so gehofft, unser Sohn wäre für immer vor ihm sicher und würde niemals erfahren, wer seine Eltern sind.“
„Weil du denkst, er schämt sich, dass seine Mutter zur Hälfte aus dem Blut der Drachenberge ist?“
Die Frage der Duka hatte zu beiläufig geklungen. Sirit schüttelte heftig den Kopf. „Nein, das ist es nicht. Er hat keinen Grund, sich dafür zu schämen. Aber er hat einen Vater, der ein Monster ist. Und wenn es diesem Vater nicht gelingen sollte, seinen Sohn zu seinem Ebenbild zu formen, wird der Junge irgendwann seinen Vater nicht nur fürchten, sondern auch zutiefst verachten. Und mich, fürchte ich, auch. Ich habe als seine Mutter versagt. Ich habe mich meinen Pflichten entzogen. Ich bin davongelaufen.“
„Wärst du geblieben, hättest du nicht lange genug gelebt, um dir Sorgen über seine Erziehung und seine Ansichten zu machen“, stellte die Duka trocken fest. „Und was hast du jetzt vor?“
„Wenn Tolioro durch unseren Sohn Anspruch auf Tolor erhebt, muss er nach Tolor kommen. Und dort trifft er auf meine Mutter, die Königin. Sie kennt ihn nicht gut genug. Im besten Fall geht sie ihm auf den Leim. Im schlechtesten fürchte ich um ihr Leben.“
Die Duka seufzte. „Da es um deine Mutter geht, haben deine Pflichten Vorrang vor allem anderen. Das wird jede unserer Schwestern so sehen. Ich gebe dir Recht. Du musst zurück nach Tolor.“ Sie stand auf, nahm Sirit behutsam die leere Tasse aus den zitternden Händen und umarmte sie. Sirit spürte, wie die schwieligen Hände der älteren Frau über ihr Haar glitten und sie behutsam streichelten, während sie heiße Tränen in den Rock der Duka schluchzte.
Die Duka sah der Karawane lange nach. Es wäre schön gewesen, wenn Sirit sich zum Bleiben entschlossen hätte. Sirit war eine tatkräftige, umsichtige Frau, die gut organisieren konnte. Andererseits …
Die Duka hatte die Runen geworfen. Die Aussage der Runen war eindeutig gewesen. Sirits Schicksal lag nicht in den Drachenbergen.
Warum, fragte sich die Duka, hatte sie dann trotzdem das sichere Gefühl, dass Sirit in den Drachenbergen etwas immens Wichtiges in Gang gesetzt hatte?
*
Weit entfernt im Herzen der Drachenberge fühlte das Wesen, das ein Kind hätte sein sollen, wie sich die vertraute Präsenz aus den Bergen entfernte. Es streckte seine Gedankenfühler aus, soweit es konnte. Aber es reichte nicht. Die Präsenz entfernte sich weiter. Das Band, das sie beide verband, zerriss mit einem hässlichen Brennen bis auf eine einzige, dünne, zerfranste Restfaser.
Das Wesen schrie laut auf.
Oben in der Felswand brandete der Schall gegen eine mächtige Schneewächte. Ein Riss bildete sich. Erst langsam, dann immer schneller begann der Schnee zu rutschen. Schließlich donnerte eine mächtige Lawine den Hang hinab. Die Lawine überrollte das Wesen, riss es mit und begrub es unter haushohem Schnee. Dann war wieder Stille in den Bergen.
Tödliche Stille.
***
Die Reise nach Tolor war fast zu einfach gewesen. Sirit hatte sich einer Handelskarawane angeschlossen, inkognito, einige handverlesene Rohsteine im Gepäck, und war als reisende Edelsteinhändlerin ungeschoren durch alle Kontrollen gekommen. Das einzig überraschende für sie war, wie schwer ihr der Abschied von der mittlerweile vertrauten Silhouette der Drachenberge und von den gastfreundlichen Häusern ihrer kirsitanischen Sippe fiel. Ihr letzter Gedanke aber, als sie noch einmal zurücksah, galt ihrem letzten Kind. Ob das kleine Ungeheuer überlebt hatte? Fast gegen ihren Willen hoffte Sirit es.
Jetzt ragten vor ihr die vertrauten Dächer Tolors aus der Hochebene. Linker Hand stand der Tempel der Brennenden Göttin. Wie immer zog sich ein dünner Faden gläubiger Pilger von der Stadt zum Tempel. Einem Impuls folgend verließ Sirit die Karawane und lenkte ihr Maultier zum Tempel.
Rot waren die Mauern des Tempels, geschnitten aus den Sandsteinen der fernen Wüstenberge. Rotorange leuchtete das Dach aus glasierten Ziegeln. Die heiligen Farben der Brennenden Göttin. Im Inneren erleuchteten mehrere Feuerbecken entlang der Wände das Rund des Tempels. Eine weitere, zentrale Feuerstelle flammte direkt vor dem Standbild der Göttin. Alt war es. Unzählige Jahrhunderte und unzählige Küsse der Gläubigen hatten das steinerne Bildnis glattgeschliffen und seine Details weitgehend verwischt. Lediglich der Kopf der Göttin war noch klar zu erkennen und die Hand an ihrem Herzen, die das berühmte Flammenjuwel trug. Der Stein, der ihre Hochzeit mit Tolioro besiegelt hatte und damit auch den Pakt mit Karapak. Sirit verspürte Zorn. Zorn auf ihren verstorbenen Vater, weil er sie so verschachert hatte. Zorn auf ihr Volk, dass diesen Stein im Austausch für seine Prinzessin genommen und gejubelt hatte. Verzweifelten Zorn. Wenn sie damals gewusst hätte …
„Du streitest mit der Göttin?“ Die Stimme der Priesterin klang ruhig, aber ein Unterton von Spott schimmerte hindurch.
Sirit ließ beschämt den Kopf sinken. „Bin ich so leicht durchschaubar?“
Die Priesterin lächelte. „Wenn man so lange im Tempel lebt wie ich, dann lernt man, die Körpersprache der Besucher zu deuten.“ Sie wurde wieder ernst. „Allerdings kommen die meisten Leute als Bittsteller in den Tempel und nicht, um die Göttin zur Rechenschaft zu ziehen.“
„Ich bin nicht so sicher, ob es die Götter überhaupt interessiert, was wir tun oder denken“, gestand Sirit. „So viele Dinge passieren, die nie hätten sein dürfen.“
Die Priesterin trat näher. „Tochter“, sagte sie sanft, „es mag manchmal so erscheinen, dass die Götter sich nicht kümmern. Aber sie kümmern sich, das weiß ich sicher. Sie denken nur in ganz anderen Zeiträumen als wir Menschen. Für sie zählt ein einzelnes Leben nicht mehr als für uns die Fliege an der Wand. Doch es ist überliefert, die Brennende Göttin hat Tolor erwählt, und sie wird Tolor niemals fallen lassen.“ Die Priesterin berührte Sirits Scheitel. „Ich gebe dir den Segen der brennenden Göttin, Tochter. Ich gebe dir ihren Segen und die Gewissheit, dass, was immer auch geschieht, dein Weg immer wieder ins Licht der Göttin führen wird. Du bist von ihr gezeichnet, du bist ihr Werkzeug.“
Sirit fühlte einen Schauder über ihren Rücken laufen. Aus diesem Segen hatte nicht die Stimme der Priesterin gesprochen, sondern etwas Fremdes, unendlich viel Mächtigeres. Sirit verneigte sich in Demut vor der Göttin.
Königin Mirsken tauchte die Feder erneut in die Tinte. Irgendwann musste diese leidige Arbeit ja getan werden, und tagsüber hielten sie andere Verpflichtungen in Trab. Ihre Gedanken schweiften einen Moment ab. Gab es nicht ohnehin für eine Königin genügend Arbeit? Musste da auch noch ihr karapakischer Schwiegersohn aus heiterem Himmel seinen Besuch ankündigen? Tolioro würde bereits in den kommenden Tagen mit einer hochrangigen Delegation in Tolor eintreffen. Mirsken runzelte die Stirn. Was das wohl Wichtiges war, das Tolioro nur vor Ort klären zu können glaubte?
Ihre Feder kratzte auf dem Papier. Diese bürokratische Arbeit wurde auch von Tag zu Tag schlimmer. Hatte Ihr Gatte früher ebenso viele Protokolle zu unterzeichnen gehabt? Sie musterte den Stapel vor sich widerwillig. Treffen mit den Pfalzgrafen, Treffen mit den Handelshäusern, Petitionen der Gildemeister, der Jahresbericht des königlichen Gestüts, Anfragen aus dem Bergtempel, ein Schriftwechsel über den Handelszoll der nördlichen Grenzstationen … Es nahm und nahm keine Ende, und jeden Tag kam neues dazu. Mirsken hatte langsam dem Eindruck, dass diese Papiere auf ihrem Schreibtisch Junge bekamen. Wenn wenigstens Sirit hier gewesen wäre, um ihr bei dieser Arbeit zu helfen. Das Mädchen hatte den schärfsten Verstand in der ganzen Familie. Sie seufzte. Ihre beiden jüngeren Töchter kamen mehr nach dem Vater. Gutmütig, mittelmäßig intelligent, und wenig ehrgeizig. Natürlich waren sie zudem noch viel zu jung, um ihr eine echte Hilfe zu sein, auch wenn sie es immerhin versuchten. Aber was konnte man von elf- und neunjährigen Mädchen schon erwarten ...
Wenn nur Sirit nicht nach Karapak gegangen wären …
Wie lange hatte sie schon nichts mehr von ihrer ältesten Tochter gehört? Vor fast zwei Wintern hatte sie ihr letztes Lebenszeichen erhalten. Ihr Schwiegersohn Tolioro behauptete, es ginge Sirit gut, und sie wäre glücklich in seinem Harem. Die Gerüchte sagten etwas anderes. Die Gerüchte waren sich nur nicht einig darüber, ob Sirit tot war oder ob sie verstoßen wurde. Womöglich war ihre Tochter tot. Womöglich waren die beiden jüngsten die einzigen Kinder, die sie noch hatte. Und damit die letzte Hoffnung Tolors. Ob einer der Markgrafen einwilligen würde, einen seiner Söhne mit einer so jungen Braut zu verheiraten? Wenn kein anderer männlicher Erbe aus Dacas Linie gezeugt wurde, dann bekam Karapak über Sirits Sohn Tolor wie eine dicke fette Frucht, die einem unter dem Baum direkt in den Schoß fällt. Karapak … Unter König Kanata hätte sie vielleicht damit leben können. Ihr Schwiegersohn, das war etwas völlig anderes. Der Mann bereitete ihr Alpträume.
Mirsken tauchte abwesend die Feder ein zweites Mal in das Glas.
Es klopfte an der Tür. Ein ungewöhnlich kräftiges Klopfen für diese Zeit. Normalerweise brachten ihre Diener so spät abends nur ein äußerst vorsichtiges, dünnes Klopfen zustande, selbst wenn es fürchterlich dringende Botschaften waren. Welche Katastrophe stand ihr diesmal ins Haus?
„Herein!“
Die schwere Bronzetür öffnete sich. Mirsken brauchte einen Moment um zu erkennen, wer dort stand. Und einen weiteren, um ihren eigenen Augen zu glauben. Die Feder fiel vergessen zu Boden „Sirit!“ Mirsken stand schwankend auf. Im nächsten Moment fühlte sie die Arme ihrer Tochter, die sie an sich presste, als wollte sie sie niemals wieder loslassen.
Die Türe wurde lautlos von außen geschlossen.
„Sirit, du lebst!“ Die Stimme ihrer Mutter war heiser. Kein Wunder. Sirit wusste selbst nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Ihre Mutter packte sie an den Schultern, schob sie ein Stück zurück und musterte sie von oben bis unten. „Dünn bist du geworden, Mädchen. Und ein paar Narben hast du bekommen.“ Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Aber sie stehen dir. Sie lassen dich reifer wirken, erwachsener. Jetzt wird dir jeder die Königin abnehmen.“
„Jeder, außer meinem Gemahl.“
„Darüber müssen wir reden, fürchte ich.“ Mirsken führe ihre Tochter zu einer gemütlichen gepolsterten Wandnische. „Aber jetzt setz dich erst einmal. Und dann kannst du mir berichten, was du in den letzten Wintern erlebt hast und wo du gesteckt hast. Im Harem deines Gemahls warst du ja offensichtlich nicht. Wärst du dort geblieben, hätte dein Leben dich wohl nicht so gezeichnet.“
„Falsch, Mutter“, sagte Sirit leise. „Nicht mein Leben hat mich so gezeichnet, sondern mein Gemahl. Jede einzelne meiner sichtbaren Narben verdanke ich ihm. Und nicht nur die sichtbaren.“
Königin Mirsken sah ihre Tochter an, mit einem Blick, den Sirit nicht deuten konnte. Dann strich sie ihr über die Wange. „Kleines …“, sagte sie nur. Zum zweiten Mal in drei Monden konnte Sirit sich nicht beherrschen und weinte sich in einem mütterlichen Schoß aus.
***
Der Schamane stocherte in der Glut. Die Berichte der Späher klangen nicht gut. Überhaupt nicht. Da unten im Süden braute sich etwas Gefährliches zusammen. Er erschauderte.
„Schlechte Omen?“, fragte Ioro, nur halb interessiert.
„Wohl eher schlechte Tatsachen“, murmelte der Schamane.
Ioro hob den Kopf und betrachtete ihn. „Du machst dir Sorgen!“, stellte er überrascht fest.
„Ich fürchte, ich habe allen Grund dazu“, sagte der Schamane finster. „Wir müssen uns nach Norden zurückziehen. Die tote Zone breitet sich aus.“
„Die tote Zone?“
„Ein Bereich, in dem ein Seelenzauber wütet. Der Standort der zweiten Kristallkammer“, gab der Schamane zurück.
„Eine zweite Kristallkammer?“, fragte Ioro überrascht.
„Du weißt wohl nicht sehr viel über eure eigene Geschichte, mein karapakischer Schüler“, gab der Schamane zurück. „Vor den letzten Zauberer-Kriegen hat eine Unterfraktion eurer Zauberer eine zweite Kristallkammer in den Drachenbergen gegründet. Die wurde natürlich beim Aufstand zerstört, aber die Überlebenden der Verlierer gründeten eine neue zweite Kristallkammer, am Ende der Wüste.“
Ioro runzelte die Stirn. „Ich dachte, von der Gegenseite hat keiner überlebt?“
„Das wollten sie euch glauben machen. Aber sie haben sehr wohl überlebt.“ Der Schamane stocherte erneut in der Glut. Ein paar Funken stiegen knisternd auf. „Sie haben sich verkrochen, so, wie sich der Skorpion bei Tage unter den Steinen versteckt. Und dann haben sie gewartet. Darauf, dass sie sich rächen können. Darauf, dass sie wieder stark genug werden.“ Der Stock zerbrach in seiner Hand. „Sie machen das Gleiche wie eure Zauberer in Karapak. Sie sammeln Lebenskraft. Ich weiß nicht genau, wie die im Süden das machen. Aber sie haben etwas, was Seelen frisst, auch ohne sichtbare Spiegel und Kristalle. Etwas, das die tote Zone geschaffen hat. Und weil hier ohnehin sehr viel weniger lebt als in Karapak, fällt es uns auf. Seit dem Ende der Spiegelkriege ist es da. Eine tote Zone. Steine, Sand, und sonst nichts. Nichts lebt mehr in dieser Zone, kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, selbst die Vögel, die darüber hinwegfliegen, fallen tot vom Himmel.“
Ioro zuckte zusammen. Dann konnte er nicht einmal den Falken ausschicken, um diesen Ort zu inspizieren.
„Über Jahrhunderte ist die tote Zone gewachsen, langsam, kaum eine Handbreit pro Regenzeit“, sagte der Schamane. „Bislang haben wir sie meiden können. Aber jetzt … Ich kenne den Auslöser nicht. Aber seit zwei Monden wächst die tote Zone rapide. Zuerst eine Pferdelänge am Tag, jetzt bereits zehn Pferdelängen. Uns bleibt nicht viel Zeit. Die Herden und die Zelte müssen in Sicherheit gebracht werden. Wir müssen nach Norden ausweichen, morgen schon.“
„Nach Norden? Das ist blanker Irrsinn!“ Ioro ballte die Fäuste. „Tolioro wartet doch nur darauf, dass wir in Reichweite seiner Schwerter kommen!“
„Trotzdem.“ Der Schamane maß ihn mit finsterem Blick. „Wenn wir bleiben, wird die tote Zone uns verschlingen.“ Er beugte sich vor. „Was ist schlimmer, mein hitziger junger Schüler: Ein verrückter König, der uns töten will, oder ein tollwütiger Zauber, der unsere Seelen frisst?“
Ioro schwieg. Der Falke auf seiner Schulter krallte sich fester.
*
Drei Tage später zog die Weißspuren-Sippe in einer langen Karawane nach Nordosten, direkt in das Gebiet der Pferdeschädel-Sippe. Ioro hatte es mit Ach und Krach geschafft, seine Sippe davon zu überzeugen, dass sie alleine gegen die Armee Karapaks keine Chance hatten. „Gemeinsam sind wir stärker“, hatte er gesagt. „Danach handelt zumindest Karapak.“ Und die Krieger hatten sich an seine Siege als Feldherr erinnert und ihre Mienen waren grimmig gewesen. Dann hatte der Schamane genickt und die Sache war beschlossen.
Ioro war sich nicht sicher, ob das jetzt gut oder schlecht war.
Jo-im-Falken brütete dunkle Gedanken, während er über dem langsam dahinkriechenden Karawanenzug der Wüstenkrieger kreiste. Skane, der Zauberer, der ihn hereingelegt hatte, gehörte zur zweiten Kristallkammer, soviel war klar. Und die Zauberer im Süden nutzen die Lebensenergie anderer Lebewesen auf die gleiche Art, wie die karapakische Kristallkammer die Hauptstadt anzapfte. Nur – welche Wege gab es dazu, wenn man weder Spiegel noch Kristalle benutzte? Denn beides hätten seine Falkenaugen gesehen, auch wenn er es nicht wagen durfte, die Tote Zone selbst zu überfliegen.
Unter ihm zogen die Weißspuren-Sippe durch ein Dünental. Mehrere hundert Pferdelängen maßen diese Dünen in der Länge. Jo musste zugeben, dass sie imposant aussahen. Selbst aus der Luft. Irgendetwas störte die Herde auf. Vermutlich wieder eine der Ziegen. Die dummen Viecher erschraken manchmal vor ihrem eigenen Schatten. Die Tiere liefen auseinander, einige erklommen fast den Gipfel der Düne. Die kleineren Kinder liefen ihnen hinterher, riefen und schwangen Gerten, um sie zurückzutreiben. Es sah fast dekorativ aus, wie die Fährten in langen geschwungenen Linien die Düne hinaufführten und wieder herab, sich mit andren Fährten kreuzten, sodass sich ein netzartiges Muster ergab …
Das war es!
Für einen Moment vergaß der Falke zu fliegen und stürzte. Wild flatternd fing Jo den Vogelkörper ab. Ein triumphierender Schrei entrang sich ihm. Netze! Hatte nicht die seltsame blasshäutige Zauberin auf dem Schiff ihn damals fast eingefangen mit einem Zaubernetz? Ganz offensichtlich war die Fähigkeit, Energie in größeren Mengen zu sammeln, nicht an Spiegel und Kristall gebunden. Offenbar konnte man die verschiedensten Materialien dazu benutzen. Möglicherweise war es ja nichts weiter als ein Zufall, dass die karapakischen Zauberer ihre ersten derartigen Versuche mit Spiegeln gemacht hatten. Genauso gut hätten sie vielleicht Trinkbecher dazu gebrauchen können. Oder Fischreusen. Denn was hatten Spiegel, Kristalle und Netze gemeinsam? Nichts – außer dass sie einen mehr oder weniger realen Raum umschlossen, in den man hineinsehen konnte. War das etwa alles? War das das ganze Geheimnis?
An diesem Abend blieb der Falke nicht auf dem Zeltpfosten sitzen, sondern flog hinein.
Der Schamane und Ioro suchten umgehend die Traumwelt auf, wo Jo sie schon aufgeregt erwartete.
Ohne Begrüßung sprudelte er sofort los. „Worin lässt sich Energie sammeln? Wie kann man sie einfangen? Ich meine, diese Zauberer da unten im Süden, sie müssen ja ein Medium haben, in dem sie die Energie sammeln können. Und sie haben Spiegel, sehr viele Spiegel, ich habe sie ja selbst gesehen, aber alle diese Spiegel hängen in der großen Bibliothek an den Wänden und verstauben, und niemand benutzt sie. Was benutzen diese Zauberer, wenn sie keine Spiegel benutzen? Was …?“
„Halt, halt, junger Freund!“ Der Schamane hob die Hand. „Wie wäre es, wenn du uns erst einmal erzählst, was dich derart außer Fassung gebracht hat?“ Er ließ sich mit ausgesuchter Umständlichkeit in den Sand sinken, wo er es sich bequem machte. Ioro folgte seinem Beispiel, schweigsam, verschlossen.
Mit Schrecken erkannte Jo, dass er die Gedanken seines Freundes nicht mehr nach Belieben hören konnte. In den wenigen Tagen als Schüler des Schamanen hatte Ioro gelernt, sich perfekt abzuschirmen. Wie schnell würde der Schamane Ioro verändern? Konnten sie dennoch Freunde bleiben?
Der Gedanke verschwand so schnell wieder aus seinem Kopf, wie er gekommen war. Jo setzte sich ebenfalls und begann zu berichten. Der Ausflug ans Meer, den er mit seinem Freund Tevi in Falkengestalt gemacht hatte. Das Schiff der Seenomaden, das er besucht hatte. Die fremde Zauberin, die seinen Falkenkörper und damit seine Menschenseele beinahe mit ihrem Netz eingefangen hatte.
„Interessant.“ Dem Schamanen war nicht anzusehen, was er dachte.
„Ich habe keinen Spiegel bei ihnen gesehen“, sagte Jo. „Nicht einmal irgendwelche Gegenstände mit glänzenden Oberflächen.“
Der Schamane schürzte die Lippen. „Sie war auf einem Schiff.“
„Ja, natürlich“, gab Jo irritiert zurück.
„Und das Schiff lag im Wasser.“
„Und?“
„Wasser wirkt als Spiegel.“
„Ja, aber…“ Jo war ratlos. „Wir haben bei Meister Go Schwarzwasserschalen benutzt für unsere ersten Versuche. Man kann damit arbeiten, aber nur sehr grob, und die Energie wird nicht gespeichert.“
„Man sagt, dass Wasser zu Glas wird, wenn es sehr kalt ist“, sagte der Schamane. „Ich habe das noch nicht ausprobiert, aber ich kannte mal jemanden, der mir versichert hat, dass es so ist. Was, wenn die Seenomaden einen Weg gefunden haben, gläsernes Wasser herzustellen und zu nutzen? Jedes Glas ist auf einer Metall-Oberfläche als Spiegel einsetzbar.“
„Aber sie hat es mit einem Netz versucht!“, begehrte Jo auf. „Nur mit einem Netz! Ganz sicher! Nicht ein einziger Faden in diesem Netz war aus Wasser. Ich habe es genau gesehen, schließlich war ich auch damals ein Falke!“
„Dann war sie vielleicht selbst die Quelle der Magie“, brach Ioro sein Schweigen. Vielleicht war sie so etwas wie eine Schamanin. Schamanen arbeiten immer ohne Spiegel.“
„Oh.“ Jo sackte zusammen. Die Lösung des Rätsels war wieder so weit entfernt wie zuvor. „Aber die in der Wüste müssen etwas andres benutzen als Spiegel.“
„Vielleicht haben sie ja so viele Spiegel, dass sie die, die du gesehen hast, einfach nicht benötigen. Aber ist das überhaupt relevant?“, fragte Ioro. „Für uns ist doch nur wichtig, dass sie da sind, dass ihr Zauber da ist, und dass er uns tötet.“
Der Schamane und Jo sahen ihn an, dann sahen sie sich gegenseitig an.
Alle drei schwiegen.
In dieser Nacht blieb der Falke im Zelt des Schamanen.
Von da an teilten Jo und Ioro sich die Unterrichtsstunden des Schamanen. Sie teilten sich das Wissen, das er vermittelte, und sein Gekeife, wenn sie mal wieder seinen Ansprüchen nicht genügten.
Merkwürdig war das mit dem Schamanen, fand Jo. Unterrichten schien für ihn etwas Unnötiges zu sein. Im Gegensatz zu den karapakischen Zauberern rückte er nie freiwillig mit Informationen heraus. Sie mussten ihn immer fragen. Gut, sie bekamen ihre Antwort, aber trotzdem. Jo befand zudem, die Antworten seien unzureichend. Irgendwie unvollständig. Der Alte verbarg etwas.
Und ein Thema gab es, darüber wollte der Schamane überhaupt nicht mehr reden. Das war die südliche Kristallkammer. „Zu gefährlich“, war sein Kommentar. „Wenn wir uns zu sehr für die interessieren, könnten sie auf uns aufmerksam werden. Und das will ich auf gar einen Fall. Dann sind wir alle Windgeister, schneller, als wir denken können. Finger weg von den Zauberern. Finger und“, er wandte sich an den Falken, „… Flügel!“
Auch Zauberer irren
Der Befehl war eindeutig. Jo sollte zu seinem Turm zurückkehren und dort für Meister Ro nach einem Schriftstück suchen. Persönliche Aufzeichnungen seines alten Meisters, Go. Skane hatte keine Einwände. Alles war besser, als in Jos Identität in der Kristallkammer zu hocken und jeden Tag aufs neue Lektionen zu erlernen, die er seit Jahrhunderten im Schlaf beherrschte. Er hatte es sich deutlich einfacher vorgestellt, in Jos Körper zu spionieren. Aber wer hätte ahnen können, dass die alten Narren, die die Kristallkammer regierten, tatsächlich so versessen darauf waren, ihren jungen Kollegen richtig auszubilden?
Ein paar Tage außerhalb der Kristallkammer waren da die reinste Erholung. Auch, wenn sie nur eine bedeutungslose Fahrt zu einem Zaubererturm in der tiefsten Provinz beinhalteten.
Das hieß, Skane hielt diese Fahrt für bedeutungslos. Solange, bis Meister Ro ihn zu sich rief und ihm eine persönliche Botschaft für die Verwalterin des Turmes überreichte. Solange, bis Skane den Namen dieser Verwalterin erfuhr. Ak!
Ausgerechnet Ak!
Ak, die eine führende Rolle in den diversen Zaubererkriegen gespielt hatte! Ak, die berüchtigt war für ihr gutes Gedächtnis, die die Signaturen ihrer ehemaligen Gegner vermutlich heute noch wie im Schlaf kannte. Ak würde sofort erkennen, dass er nicht Jo war. Frauen waren unschlagbar im Signaturenlesen. Und Ak kannte Jo gut genug.
Dazu durfte es nicht kommen. Er durfte auf keinen Fall enttarnt werden. Noch wussten die Herren der Kristallkammer nichts davon, dass einige ihrer alten Gegner überlebt hatten. Und dabei sollte es möglichst auch bleiben. Er durfte kein Risiko eingehen. Skane präparierte sich für den Kampf.
Wenn er Ak vernichten wollte, durfte es keine Zeugen geben. Einen Moment spielte Skane mit dem Gedanken, den ganzen Turm mit allem Drum und Dran einfach zu vernichten. Aber das wäre nur dann ein glaubwürdiger Unfall, wenn er so täte, als ob er selbst, oder besser gesagt Jo, beim unsachgemäßen Gebrauch seiner Zauberkräfte mit draufgegangen wäre. Was wiederum jede weitere Spionagetätigkeit in der Kristallkammer wirkungsvoll unterbunden hätte. Nein, er musste Ak aus dem Turm locken und an einer anderen Stelle vernichten.
Unauffällig zog er ein paar Erkundigungen ein. Ak verwaltete den Turm offenbar gut. Die Dörfer um den Turm hatten ihre Dienste schon mehrfach in Anspruch genommen. Ak half schnell, gut, und verlange relativ wenige Schüler als Bezahlung. Sie aus dem Turm zu bekommen, würde also einfach sein und niemandem auffallen.
Skane schickte eine fingierte Nachricht. Es war nur ein kleines, unbedeutendes Dorf von rund drei Dutzend Bauern, außer Sichtweite anderer Ansiedlungen. Eine Seuche sei ausgebrochen, ließ Skane in seiner Botschaft wissen. Es war einfach, diese Seuche zu bewerkstelligen. Eine kleine Manipulation an einem lokalen Erreger, und in weniger als einer halben Kerze war das ganze Dorf krank. Und noch bevor Ak eintraf, waren alle Dorfbewohner tot. Keine Zeugen, kein Ärger. Skane war mit seiner Arbeit zufrieden. Er setzte sich auf den entvölkerten Dorfplatz und wartete auf Aks Eintreffen.
*
Ak traf zur Mittagszeit mit einem rumpelnden Ochsenkarren ein. Die Aasvögel, die bereits über dem Dorf kreisten, alarmierten sie sofort. Skane konnte sehen, dass Ak einen Arbeitsspiegel in der Hand hielt, und ihre Signatur verriet ihm, dass sie bereits einen Schutzschild aufgebaut hatte. Allerdings vermutlich nur einen sehr schwachen, um sich vor der Seuche zu schützen. Ak hatte keinen Grund, an etwas Gefährlicheres zu denken.
Skane legte Jos Gesicht in traurige Falten und erhob sich. Ak stieg von ihrem Wagen und kam auf ihn zu. Immer noch erkannte sie ihn nicht, auch wenn ihre Miene wachsam war. Skane griff nach seinem Stab. In dem Moment, in dem seine Hände ihn berührten, ging eine jähe Verwandlung durch Ak. Fort war die etwas müde, leicht besorgte, mütterliche Frau. Fort war der kleine Arbeitsspiegel. Vor ihm stand eine Zauberin, gehüllt in eine fast greifbare Wolke der Macht, in der Hand einen Seelenspiegel, und auf ihrer Miene unerbittliche Entschlossenheit. „Du bist nicht Jo!”
Skane sparte sich eine Antwort auf das Offensichtliche.
„Ich kenne dich … irgendwoher.”
Skane gab ihr keine Gelegenheit, in ihrer Erinnerung zu suchen. Er griff an, hart, direkt. Die Luft ging in Flammen auf. Die Ochsen brüllten wie am Spieß, bevor sie tot umfielen und sich zusammen mit dem Wagen in Asche auflösten. Der Feuersturm tobte durch das ganze Dorf, löschte alles aus, was in seinen Weg kam.
Aber Ak hielt stand. Eis kristallisierte an der Schutzwand, die sie um sich gewoben hatte, Eis, das das Feuer dämpfte und schließlich zum Erlöschen brachte. „Ich … kenne … dich!” Skane konnte Aks Gedanken wie spitze Dornen fühlen. „Ich … habe … schon … früher … gegen … dich … gekämpft!” Die Dornen wurden zu Pfeilen, rasten auf ihn zu. Skane zog eine steinerne Barriere. Die Pfeile prallten dagegen, die Barriere explodierte in einer Myriade Splittern. Schon brandete die nächste Angriffswelle auf ihn zu, eine zähe, glosende Masse geschmolzener Erde, wallte aus dem Boden, kreiste ihn ein, wölbte sich über ihn und drohte auf ihn herabzubrechen. Skane schwang seinen Stab. Die Wogen zuckten zurück wie Spatzen unter einem Habicht. Sie verformten sich zu dornengespickten stählernen Ranken, die auf Ak herabpeitschten. Ak konterte, indem sie die Stahlranken in einen Schwarm wütender Bienen verwandelte. Einen Moment war Skane aus dem Konzept gebracht. Seit wann konnte man unbelebte Materie in belebte umwandeln? Ak nutzte sein Zaudern, um die Bienen fast auf Tuchfühlung mit ihm zu bringen. Gerade noch rechtzeitig gelang es Skane, eine Wasserwand um sich zu formen, in der die Bienen erstickten. Nun, wenn Ak mit Neuigkeiten aufwartete – das konnte er auch!
Ak rang nach Luft. Der Zauberer, der Jos Körperbild trug, war stark, verdammt stark. Und sie hatte schon einmal gegen ihn gekämpft. Früher. Sehr viel früher. Aks Gedanken glitten zurück in der Zeit. Ja, sie kannte diesen Zauberer. Sie hatte beim Aufstand gegen ihn gekämpft. Damals war er noch Anfänger gewesen. Aber ein sehr begabter. Skane, richtig! Skane hieß er. Und er war damals schon ein starker Gegner gewesen. Ak rang erneut nach Luft. Verdammt, warum fiel ihr der Kampf heute so schwer? Dunkle Punkte kreisten vor ihren Augen. Sie versuchte, tief einzuatmen. Aber da war nichts … nichts? Jäh begriff Ak. Skane hatte ihr die Luft genommen. Und sie hatte nichts bemerkt. Sie sah direkt in seine Augen. Augen, in denen Triumph blitzte. Skane wusste, dass er sie in der Falle hatte. Ihr Körper hatte nicht mehr genug Energie, um diesen Kampf fortzusetzen. Sie war verloren. Ihr Gegner war zu stark.
Ak griff zu dem allerletzten Ausweg. Einem, von dem sie gedacht hatte, dass sie ihn niemals benutzen würde. Sie berührte ihren kleinen Arbeitsspiegel und ließ sich hineinfallen.
Spiegel. Die letzte Zuflucht aller Feiglinge. Skane starrte auf das blanke Oval in der fein ziselierten Fassung. So … feminin. Der Spiegel passte zu Ak. Er würde ihre Seele bewahren, solange er existierte. Aber er würde nicht lange existieren. Wenn die anderen Zauberer der nördlichen Kristallkammer diesen Spiegel fanden, würden sie mit Ak kommunizieren und die Wahrheit herausfinden können. Das durfte niemals sein. Skane packte seinen Stab mit beiden Händen und hob ihn hoch. Dann rammte er ihn mit all seiner Kraft in den Spiegel.
Der Spiegel wehrte sich. Die Oberfläche wölbte sich auf gegen den Stab. Skane verstärkte den Druck, ließ weiteren Zauber in seinen Stab fließen. Der Spiegel wölbte sich höher. Skane lächelte grimmig. Genau so brauchte er ihn. Abrupt zog er den Stab zurück. Und noch während der Spiegel ein weiteres Stück nach oben federte, sauste der Stab mit voller Wucht wieder herab, krachte in den Spiegel und zersplitterte ihn unter lautem Klirren. Skane hielt inne, wartete. Um ihn herum setzte sich das Klirren fort, nahm niedrigere Frequenzen an, bis es zu einem dunklen, donnerartigen Rumpeln wurde. Dann begannen sich im Boden Risse zu bilden, klafften auseinander, verbreiterten sich rasend schnell. Um ihn wichen die Bruchstücke zurück, schienen ein Stück weit zu versinken, während von allen Seiten ein dichter Staubnebel aufstieg.
Skanes Augen tränten. Sein linkes Auge schmerzte, etwas rieb darin, ein winziger Splitter. Vorsichtig wischte er ihn fort. Auch wenn es ein magischer Spiegel war, die Glassplitter blieben scharf, und ein Auge zu heilen brauchte seine Zeit. Auch in seinen Händen fand er ein, zwei Glasstückchen, die er sorgsam entfernte. Den Rest hatte seine Robe abgefangen. Nun ja, gemessen an dem, was er bereits früher in den Kriegen erlebt hatte, waren das Bagatellen. Ganz offensichtlich war Ak alt geworden. So miserabel hätte sie früher nicht gekämpft. Skane nahm seinen Stab fest in beide Hände, stützte ihn auf den Boden und richtete sich auf.
Dann kehrte Ruhe ein. Der Staub sank herab. Aus dem Staub schälte sich eine einzelne Felsennadel, die hoch über allem ragte, umgeben von einer Senke, die von tiefen, spinnwebartig nach allen Seiten zerfasernden Schluchten durchzogen war.
Skane sah sich zufrieden um. Keiner der verbliebenen Splitter war groß genug, um ein identifizierbares Stück Seele zu beherbergen. Spöttisch stieß er mit dem Stab gegen einen verbogenen, zusammengeschmolzenen Rahmenrest zu seinen Füßen. „Gehab´ dich wohl, Ak!” Er gestattete sich ein schmallippiges Lächeln. Diese Zauberin würde ihm niemals wieder in die Quere kommen. Dann konzentrierte er sich auf seinen Spiegel und verschwand.
*
Am Hang einer der neu gebildeten Schluchten, mitten in einem Dornbusch, der halb den Hang heruntergerutscht war, lag Aks Spiegel. Der, den sie zum Schluss benutzt hatte. Ihr kleiner Arbeitsspiegel. Er war merklich größer geworden durch die Seele, die er nun beherbergte. Es war ein schöner Spiegel, mit geschwungenen Formen und einer kleinen, sternförmigen Verzierung an der Basis. Der Spiegel lag halb im Sand vergraben. Wind wehte. Sand rieselte. Wenige Stunden nur und der stetig vom Rand der Schlucht herabrieselnde Sand hatte den Spiegel und den halben Dornbusch unter sich begraben.
Dann regnete es und der Dornbusch begann Knospen zu treiben. Er bildete neue Wurzeln, die sich fest um den Spiegel schlossen. Der Spiegel wartete. Der Sand rieselte weiter.
*
Der Wind wehte.
Etwas blitzte in der Ferne auf. Spiegelenergien stoben wie ein Feuerwerk in den Himmel. Spiegelenergie peitschte wie eine achtköpfige Kobra durch das Land. Einer der Energielinien berührte den tagträumenden Geist, achtlos, beiläufig, fing ihn wie die Leimrute eine Fliege, wehte ihn durch die Luft, rollte ihn über die Felder, zog ihn dann zum Zentrum der Explosion zurück.
Und der Geist, aufgeschreckt durch das Feuerwerk der Energien und wach trotz des Tages, erkannte seine Chance. Hier gab es endlich eine Verbindung zur Lebendwelt! Ein Spiegelsplitter, ein herrenloser Splitter, der für einen Moment die Präsenz in der Lebendwelt berührte, gab ihm endlich den ersehnten Ansatzpunkt. In diesem unachtsamen Moment jener Präsenz, die die Spiegelenergien entfesselt hatte, warf er seine Fühler über das Spiegelkorn in den Körper eben dieser Präsenz, verankerte sich in ihm, suchte sich in ihm ein Versteck.
Der Wind mochte wehen, soviel er wollte. Dieser Geist saß wieder in einem Körper. Ihm konnte der rastlose Wind nichts mehr anhaben. Er war sicher. Solange der Hausherr ihn nicht fand und wieder vertrieb.
Der Wind wehte.
Der Wind wehte.
Der Geist erkundete seinen Wirt. Ein alter, sehr erfahrener Wirt, dessen Nähe sich anfühlte wie ein glühendes Messer. Der Geist schrak zurück, verkroch sich in einen winzigen, unbeleuchteten Winkel.
Der Geist wartete. Hin und wieder drang ein Bruchstück der Gedanken seines Wirtes zu ihm vor. Der Geist sammelte diese Bruchstücke, setzte sie geduldig zusammen und wartete darauf, dass sich aus ihnen ein Bild ergab.
Der Wind wehte.
Der Wind wehte.
Der Geist sammelte. Erneut bekam er eine Information zu fassen.
Irgendetwas war anders. Der Geist konnte es fühlen. Diese Information, die er gerade eingefangen hatte … Sie war wichtig. Sie war der Schlüssel. Der Geist drehte und wendete die Information in seinen Gedanken, passte sie versuchsweise ein in das Gewebe. Das Puzzlestück klickte in die bereits gefundenen Informationen.
Der Geist erkannte seinen Wirt.
Er kannte seinen Wirt.
Das war die Hand, die ihn von der Straße gesammelt hatte. Das war die Stimme, die ihn dem Alten empfohlen hatte. Das war der Blick, der ihn verächtlich gemustert hatte. Das war der Fuß, der ihn getreten hatte, hinab in den Abgrund, als er im Sterben lag.
Einen Moment lang war der Geist in Versuchung, den Körper fahren zu lassen, sich wieder dem Wind zu überantworten. Dann klang ihn wieder das Lachen im Ohr, das sein Sterben begleitet hatte. Nein. Er würde nicht aufgeben noch vergeben. Dieser hier trug die Schuld an seinem Schicksal. So ungeschoren sollte er nicht davonkommen.
Der Wind wehte.
Hätte er noch eine Stimme gehabt, der Geist hätte in wilder Verzweiflung gelacht. So aber hakte er nur seine spinnwebartige Existenz fester in den Körper.
Der Wind wehte.
Der Geist zog seine Essenz enger zusammen. Nicht auffallen. Warten. Weiter Informationen sammeln. Irgendwann würde er eine Chance bekommen. Irgendwann würde er seine Rache finden.
Der Geist wartete, geduldig, bespähte seinen Wirt wie die Sandotter die Maus. Ein falscher Gedanke, eine falsche Handlung … eine Chance für ihn …
Der Wind wehte.
Skane gestattete sich ein spöttisches Lächeln. Großmeister Ro hatte seine Geschichte anstandslos geschluckt. Sie klang ja auch logisch genug. Es kam immer wieder vor, dass ein uralter Zauberer seinen Geist nicht mehr ausreichend disziplinieren konnte und bei einem seiner Zauber draufging. Ro hatte ihm sofort abgenommen, dass er, Jo, bedauerlicherweise Ak nicht mehr lebend und stattdessen einen großen Krater und etliche neue Schluchten in der Landschaft angetroffen habe. Typische Anzeichen eines entfesselten Spiegels. Inzwischen musste der neue Verwalter des Turms, ein weiterer von diesen alten Zauseln, dort eingetroffen sein. Schließlich war Jo, dessen Gestalt Skane derzeit trug, offiziell immer noch in der Ausbildung und damit nicht befugt, einen Turm in eigener Regie zu leiten.
Skane hätte nur zu gerne gewusst, was das für ein geheimnisvolles Buch war, das Meister Ro so am Herzen lag. Aber obwohl er wirklich gründlich gesucht hatte, durch alle Dimensionen des Turmes hindurch, hatte er nichts gefunden. Ein kleines Buch in einem auffallend blauen Einband. Wo immer Meister Go das versteckt hatte, in seinem alten Turm war es jedenfalls nicht.
Aber der Gedanke an das Buch brachte ihn auf eine Idee. Hatte da nicht neulich einmal ein Diener diese neue Mode in Karapak erwähnt? Bücher, die nur zur Unterhaltung geschrieben wurden? Ziemlich dekadent, wie so vieles in Karapak. Angeblich sollten die Damen des Palastes diese Bücher wie reife Trauben verschlingen. Besonders die Bücher, in denen ziemlich freizügig über erotische Experimente berichtet wurde. Die wollte er jetzt einmal ausprobieren. Sie konnten ja nur interessanter sein als dieser blöde Unterricht, zu dem er in Jos Gestalt zwangsverpflichtet war.
Der Wind wehte.
Der Geist ignorierte ihn. Wer hätte gedacht, dass er so viel finden würde? Sein Wirt bemerkte nicht einmal, dass jemand seine Erinnerungen plünderte. Der Geist glitt einen Nervenstrang entlang. Der Wirt las in einem Buch, amüsierte sich.
Er sollte sich nicht amüsieren! Er sollte nicht lesen können! Ein Impuls raste durch die Nerven.
Skane blinzelte irritiert. Was war denn plötzlich mit seinem Sehen los? Warum verschwamm die Schrift vor seinen Augen? Irritiert legte er das Buch zur Seite und machte ein paar Schritte. Ein erneuter Blick auf das Buch. Die Schrift sah wieder normal aus. Übermüdet, entschied Skane. Es wurde Zeit, dass er mal eine Runde schlief.
Hätte er noch seinen Körper gehabt, der Geist hätte vor Freude getanzt. Er konnte den Körper seines Wirtes beeinflussen! Wenn er behutsam genug vorging, mochte es eine ziemliche Weile dauern, bevor der Wirt merkte, was los war. Und bis dahin ließ sich einiger Schaden anrichten. Vielleicht konnte er ja nicht nur den Körper, sondern auch die Gedanken seines Wirtes beeinflussen?
Das würde er gleich morgen ausprobieren, wenn sein Wirt wieder wach war.
Der Wind wehte.
Aber heute war es dem Geist egal.
*
„Na ist wieder hier.“
Skane brauchte einen Moment, um zu registrieren, dass Meister Uw mit ihm sprach. Fieberhaft kramte er in seinem Gedächtnis. Wer war noch mal Na? Ach ja, der junge Zauberer, der zusammen mit Jo Adept bei Meister Go gewesen war.
Verdammt. Das konnte gefährlich werden. Wenn Na Jo gut genug kannte, fiel ihm die subtile Veränderung von Jos Signatur möglicherweise auf. Wenn man jetzt von ihm erwartete, dass er sich mit diesem Na traf …
„Na braucht von dir Informationen über Ioro. Nach dem Unterricht könnt ihr euch in seinem Turm treffen.“
Scheiße. Informationen über Ioro? Das war das letzte, was Skane liefern konnte. Er hatte zwar Jos Gestalt, aber keine seiner Erinnerungen. Alles, was ihn vor der Enttarnung bewahrte, war die Tatsache, dass die Narren der nördlichen Kristallkammer sich so rein gar nicht für das Leben ihrer jungen Kollegen interessierten. Nur bei Na hatte er Pech. Der kannte Jo zu gut, hatte ihn ja selbst ein Stück weit ausgebildet. Damit war so gut wie sicher, dass Na etwas merken würde.
Wenn er sich andererseits weigerte, dorthin zu gehen, fiel er sofort auf. Skane verfluchte in Gedanken jeden einzelnen Gott, den er kannte.
„Da steckst du ja, Jo!“
Der Mann, der gerade seine Nase in die Bibliothek steckte, musste dieser Na sein. Skane stand mit einem Seufzer auf.
„Tu nicht so, als ob dich diese alten Wälzer mehr interessieren als unser Projekt“, knurrte Na. „Bist doch sonst nicht so ein Stubenhocker! Komm schon.“
Skane verstärkte seine Abschirmung.
Dann folgte er Na in den Turm.
„Also, heraus mit der Sprache“, sagte Na, als sie unter sich waren. „Was brütest du gerade aus?“
„Gar nichts.“
„Halte mich nicht für einen Idioten.“ Nas Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern. „Ich kenne dich gut genug. Wir wissen alle, dass Ioro noch lebt, irgendwo bei diesen Wilden in der Wüste. Seine Signatur ist noch immer sehr aktiv. Und wir wissen auch, dass du irgendwie noch mit ihm Verbindung hältst, weil auch deine Signatur immer wieder, wenn auch schwach, dort geortet wird. Ich kann mir sogar vorstellen, wie du das machst. Du fliegst wieder einen Falken, nicht wahr?“
Einen Falken? In Skane blitzte eine Erinnerung auf. Das Bild in dem Spiegel, wo er einen Falken sitzen sehen hatte in einem Ring von Mäusen. Sollte dieser Jo …
So schnell, wie der Gedanke aufgetaucht war, so schnell verdämmerte er wieder. Was hatte Na gerade Wichtiges gesagt? Skane hatte das deutliche Gefühl, dass er gerade etwas sehr Wichtiges vergessen hatte.
Der Geist triumphierte. Er konnte nicht nur den Körper seines Wirtes beeinflussen, sondern auch seine Gedanken. Und sein Feind hatte nichts bemerkt, keinen Verdacht geschöpft. Der Geist war sich jetzt sicher, das Instrument seiner Rache gefunden zu haben. Er musste nur umsichtig damit umgehen.
„… und ich brauche die Informationen über Ioro, damit ich Tolioro ein paar Brocken hinwerfen kann“, sagte Na gerade. „Dieser königliche Psychopath langweilt sich schnell. Wenn ich ihm nichts Interessantes biete, wird er mich nicht länger in seiner Nähe wünschen. Und es liegt mir einfach nicht, ihn bei seinen sonstigen Vergnügungen zu unterstützen. Also, was ist mit Ioro?“
Skane überlegte, ob er sofort zuschlagen sollte.
Nas Augen verengten sich. „Verdammt, Jo, was ist los mit dir?“ Er musterte sein Gegenüber kritisch. „Was verbirgst du? Deine Haltung ist anders. Selbstsicherer. Und selbst deine Signatur …“
Weiter ließ Skane ihn nicht kommen. Aus dem Nichts materialisierte sein Stab in seiner Hand. Er stieß zu.
Dem völligen Unglauben nach, der sich auf Nas Gesicht abzeichnete, hatte der junge Zauberer noch nie in seinem Leben von den schwarzen Stäben gehört. Nas Abschirmung hielt keinen Wimpernschlag lang. Ein langgezogenes Stöhnen entrang sich ihm, als der Stab lebendig wurde, sich wie eine armdicke schwarze Schlange um seinen Körper legte und begann, ihn zu verschlingen.
Die letzten Momente in Nas Leben nutzte Skane, um sich die Signatur seines Gegners, seine Erinnerungen und seinen Körper anzueignen. Dieses Mal war er besser vorbereitet. Seine Tarnung würde kein zweites Mal in Gefahr kommen.
Der Geist wich zurück, als fremde Erinnerungen den Körper seines Wirtes überfluteten. Aber nur kurz, denn er begriff etwas Wichtiges. Diese Erinnerungen durften auf gar keinen Fall seinem Wirt voll zugänglich werden. Der Geist streifte durch die fremden Erinnerungen, selektierte sie, schob einige von ihnen fort und versteckte sie gründlich. Skane würde nicht einmal bemerken, dass ihm Erinnerungen fehlten. Und dadurch würde er irgendwann die nötigen Fehler machen. Der Geist würde schon dafür sorgen.
Skane reckte sich zufrieden. Dieser neue Körper war besser als Jos. Als Adeliger hatte Na in seiner Kindheit weder gehungert noch unnötig unter Krankheiten gelitten. Und Nas Leben war interessanter. Spionage bei Tolioro, soso. Wenn Skane richtig informiert war, war das Verhältnis zwischen dem karapakischen Königshaus und den karapakischen Zauberern nicht gerade das beste. Auch Tolioro nutzte die Zauberer zwar, schätzte sie aber ganz und gar nicht. Damit ließ sich etwas anfangen, zumal Tolioro Na nicht als Zauberer erkannt hatte. Es würde ihm ein Vergnügen sein, noch mehr Zwietracht zu säen. Teile und herrsche. Ein geteilter Feind war ein schwacher Feind. Skane war ausgesprochen zufrieden.
Jetzt musste er nur noch eine Erklärung für Jos Verschwinden finden.
*
Großmeister Ro war sich absolut nicht sicher, was er von dieser Entwicklung halten sollte. Diese jungen Zauberer heutzutage waren extrem unzuverlässig. Es sah diesem Jo zwar durchaus ähnlich, schon wieder seine Ausbildung zu unterbrechen und einfach irgendwo in Richtung Wüste zu seinem Freund Ioro zu verschwinden. Aber irgendetwas stimmte an dem Bild nicht. Ro konnte nur nicht den Finger darauf legen, was ihn störte.
Außerdem war da immer noch das völlig ungeklärte Verschwinden von Meister Ul. Und Aks plötzlicher Tod, durch nichts angekündigt. Normalerweise bemerkte man es an einigen sicheren Anzeichen, wenn ein Zauberer instabil wurde. Ak war Ro immer als die stabilste Seele unter den alten Zauberern vorgekommen.
Und Na war wieder zu Tolioro verschwunden. Fünf Zauberer weniger im Kristallpalast, da sie ja auch noch Ersatz für Jos Turm gebraucht hatten. Sie waren empfindlich geschwächt, soviel war sicher. Was für ein Glück, dass es derzeit weder Gegner noch Krisen für die Kristallkammer gab.
Familientreffen
Der Hengst tänzelte und wölbte seinen Hals. Schaumflocken flogen von dem goldfunkelnden Gebiss. Tolioro schaute missbilligend auf die spärliche Menge Tolorier, die seinen Weg vom Stadttor zum Palast säumten. Ein bisschen begeisterter hätten sie ruhig sein können. War er nicht der Vater des Thronerben?
Vor dem Palast warteten Ehrenwachen. Tolioro sprang lässig vom Pferd und warf einem Bediensteten die Zügel zu. Oben auf der Freitreppe, die zum großen Empfangssaal führte, wartete Königin Mirsken auf ihn, in ein prächtiges, natürlich rostrotes Gewand gekleidet, begleitet von einer handverlesenen Gruppe aus Höflingen und Thronratsmitglieder. Tolioro sah mit Befriedigung, dass auch Graf Chilikit unter ihnen war. Dann konnte ja nichts mehr schiefgehen.
Einen Moment ärgerte er sich, als er die Stufen hinaufschritt. Hatte Mirsken das etwa extra so arrangiert, dass er zu ihr aufsehen musste? Aber nein. Sie war nur eine Frau. Noch dazu eine Frau barbarischer Abstammung. Sie hatte keine Ahnung von solchen Finessen.
Tolioro brauchte genau acht Stufen, bevor ihm auffiel, wie vollkommen still es war. Er betrat die neunte Stufe, als er registrierte, dass neben Mirsken eine Frau stand, die weder zu den Höflingen noch zum Thronrat gehörte und die ganz sicher auch keine Dienerin war.
Auf der zehnten Stufe strauchelte er fast. Er hatte die Frau erkannt. Es war seine Gattin Sirit.
Sirit! Bei allen Göttern, wo kam die denn so plötzlich her? Oder war sie die ganze Zeit in Tolor gewesen und man hatte ihm das verschwiegen? Aber nein, dann hätte Graf Chilikit ihn gewarnt. Wieso hatte der überhaupt versäumt, ihn darauf hinzuweisen? Aber Chilikits Gesicht war verkniffen wie eine Zitrone. Wahrscheinlich war er genauso überrascht worden. Verdammt! Hätte diese Frau nicht noch ein paar Tage länger verschwunden bleiben können? Welche Missgunst des Schicksals hatte ihm Sirit ausgerechnet jetzt wieder in den Weg gestellt?
Mit aller Höflichkeit, die er in den langen Jahren bei seinem Vater Kanata geschult hatte, verbeugte Tolioro sich auf der zwölften und letzten Stufe leicht vor Königin Mirsken. „Es ist mir eine Ehre und Freude, der Großmutter meines Sohnes meine Aufwartung machen zu dürfen“, schnurrte er. „Noch überaus erfreuter bin ich, zu sehen, dass auch meine Gattin im passenden Moment den Weg zu Euch gefunden hat. Wir werden eine Menge zu bereden haben.“
*
Ihr Sohn war nicht mitgekommen. Natürlich nicht. Sirit hatte es auch nicht anders erwartet. Der Junge war Tolioros Lebensversicherung. Und genau deshalb war er im fernen Karapak geblieben, bei seiner karapakischen Großmutter. Sirit war sich nicht sicher, ob sie darüber froh oder traurig sein sollte. Zumindest aber vereinfachte es ihr Leben. Kein Kind, auf das sie Rücksicht nehmen, um das sie sich kümmern musste.
Nur ein Ehegatte.
Und eine Mutter.
War sich ihre Mutter überhaupt darüber im Klaren, wie gefährlich die Lage für sie war? Sirit hatte ihrer Mutter alles erzählt, was ihr in Karapak widerfahren war, jedes einzelne, bittere Detail. Auch das, was danach geschehen war. Nur das Letzte, das missgestaltene Kind, hatte sie verschwiegen.
Königin Mirsken hatte die Augenbrauen zusammengezogen, als sie vom Tod ihrer Enkeltöchter hörte, und ihr Mund war schmal geworden, als Sirit berichtete, wie Tolioro die Mauer einreißen ließ, in der die Asche ihrer Töchter geruht hatte. Aber dennoch hoffte Mirsken immer noch, dass sie einen Weg finden würde, mit Tolioro zu leben und Tolor für den Sohn ihrer Tochter zu bewahren.
Tolors Gesetze waren eindeutig. Eine Frau herrschte nicht aus eigenem Recht. Niemals. Sie konnte als Regentin für einen erkrankten Gatten oder ein minderjähriges Kind fungieren. Das erwartete man sogar von ihr. Aber herrschen? Königin Mirsken regierte nur stellvertretend für ihren Enkel. Zumindest solange, wie sie ihren Enkel als geeigneten Erben ansah. Sie konnte jederzeit einen anderen als Erben wählen. War sich Tolioro dieser Gefahr bewusst? Sirit konnte es nicht sagen. Wenn er es allerdings wusste, dann war ihre Mutter in höchster Gefahr.
*
Ihr Gatte war auch heute nicht zu einem bloßen Höflichkeitsbesuch gekommen. Das hätte ihm auch nicht ähnlich gesehen. Sirit musterte ihre Mutter. Mirsken sah erschöpft aus, ausgelaugt. Vor weniger als einer halben Kerze war Tolioro gegangen, nachdem er sie den ganzen Abend beehrt hatte. Vorgeblich, um ein wenig auf Familie zu machen. Sirit hatte von dem Abendessen kaum einen Bissen herunterbekommen. In Karapak hatte sie ihrem Gatten wenigstens aus dem Weg gehen können. Außer natürlich, er wollte seinen ehelichen Pflichten nachkommen. In Karapak blieben die Frauen im Harem und die Männer bevölkerten den Rest des Palastes. Tolors Sitten waren anders. Und das bedeutete, Abend für Abend mit Tolioro an einem Tisch zu sitzen, seinen nichtssagenden Gesichtsausdruck zu sehen, der nur manchmal, für Buchteile eines Lidschlages, einem Ausdruck gemeiner Schadenfreude und Zufriedenheit wich, und ihm zuzuhören, wie dilettantisch er über Politik sprach. Tolioro schien nur eine Art von Politik zu kennen. Er befahl, alle anderen gehorchten, und die, die nicht gehorchten, starben.
In Tolor konnte er nicht befehlen. Aber Tolioro war auch nicht der Mann, der um etwas bat. Er hatte Pläne. Pläne, die in Sirits Ohren wie ein Ultimatum klangen. Tolioro strebte nach der Regentschaft für ihren Sohn.
Noch hielt Mirsken stand. Aber Sirit sah, dass ihre Mutter jeden Abend erschöpfter wirkte. Sie spürte, wie sehr ihr dieses ständige Gezerre an die Substanz ging. Wie lange war Tolioro jetzt hier? Achtzehn Tage. Noch einmal so viele Tage, und ihre Mutter erlitt einen Nervenzusammenbruch. Falls Sirit nicht vorher selbst die Nase soweit voll hatte von diesem scheinheiligen Schauspiel, dass sie ihrem Gatten eine Antwort mit dem Dolch gab. Oder, noch besser, mit einer ordentlichen Portion eines möglichst langsam und schmerzhaft wirkenden Giftes.
Nur, dass sie dann dummerweise auch tot wäre. Sie war mit diesem Ekel verheiratet. Und Gattenmord sahen sowohl die Gesetze in Karapak als auch die in Tolor sehr, sehr eng.
*
Sirit hielt inne. Das war doch …
„… zahlen lassen. Ich finde, damit kommen sie noch gut weg.“
„Ihr werdet ihnen dennoch einen plausiblen Grund liefern müssen.“
Mit wem diskutierte ihr Gatte da?
„Ist die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch ihren zukünftigen König und seinen Regenten nicht Grund genug?“
„Die Leute gehen bislang davon aus, dass unsere Königin die Regentschaft führen wird, bis der Junge volljährig ist.“
„Die Königin ist eine alte Frau. Sie soll sich in ihre Gemächer zurückziehen, Tücher besticken und ruhig sein.“
„Selbst wenn sie das täte – und ich kenne Königin Mirsken gut genug, um das für sehr unwahrscheinlich zu halten –, dann wäre da immer noch ihre Tochter. Eure Gemahlin. Nach unserem Gesetz wäre sie diejenige, die dann als Regentin für Euren Sohn einzustehen hätte.“
„Sirit!“ Tolioros Stimme zischte wütend. „Sie ist die Gemahlin eines Karapakiers. Bei uns regieren die Männer, nicht die Frauen. Sie wird in den Frauengemächern bleiben und mir die Dinge überlassen, von denen sie nichts versteht.“
Sirits Hand zerteilte den Perlenvorhang. Er klirrte leise, als sie hindurch schritt.
„Und wovon, mein verehrter Gatte, verstehe ich nichts? Etwa von der Politik? Die hat mein Vater persönlich mit mir diskutiert. Von den Finanzen? Mutter und ich haben jeden Tag zusammen die Abrechnungen kontrolliert. Und nicht etwa die Abrechnungen des königlichen Haushaltes. Wir kontrollierten die Finanzberichte der Minister und des Reichswesirs. Rechtliche Fragen? Ich habe nur unbedeutende fünfzehn Jahre lang Unterricht bei den besten Lehrern des tolorischen Reiches genommen. Was also könnte es sein, wovon Ihr mehr versteht, verehrter Gatte?
Ach ja, ich hab´s. Ihr versteht natürlich mehr von Glücksspiel, Pferdewetten, Kampfringern und der Jagd. Womöglich auch von Frauen. Solange es nicht Eure eigenen sind.“
Tolioro starrte sie mit vor Wut glasigen Augen an. „Schert … Euch … weg …!“
Sirit verneigte sich stumm, ganz das dekorative Bild einer gehorsamen karapakischen Ehefrau. Aber bevor sie gemessenen Schrittes den Raum wieder verließ, erhaschte sie noch einen Blick auf den Gesprächspartner ihres Gatten, Graf Chilikit. Sirit glaubte ein spöttisches Lächeln in seinen Mundwinkeln zu lesen.
*
Tolioro hatte verlangt, den Thronrat einzuberufen. Das alleine war schon hart an einer Brüskierung für den ganzen Adel Tolors. Und jetzt verlangte er in aller Öffentlichkeit, dass man ihm die Regentschaft für seinen und Sirits Sohn übertrug. Mit einem kalten Lächeln bekundete er seinen Anspruch, ohne sich um die Ablehnung zu scheren, die ihm von allen Seiten entgegenschlug. Zufrieden registrierte er, wie die meisten Tolorier zusammenzuckten bei der unverhüllten Drohung, mit der er auf Karapaks größere militärische Stärke hinwies – und so ganz nebenbei auch auf die Tatsache, dass der Erbe des tolorischen Thrones sich zurzeit in der Hauptstadt Karapaks aufhielt. Weit, weit weg, und durch keinen einzigen tolorischen Soldaten geschützt.
Tolioro zitierte Gesetze. Regierende Frauen waren widernatürlich in Karapak. Frauen konnten nicht regieren. Auch nicht als Regentinnen.
„Es ist mir egal, was die Gesetze Karapaks für diesen speziellen Fall vorsehen“, sagte Königin Mirsken ungehalten. „Soweit ich weiß, sind wir immer noch in Tolor. Hier gelten tolorische Gesetze. Und nach tolorischem Recht bin ich die Regentin für meinen Enkel.“
Tolioro biss die Zähne zusammen. Vor dem versammelten tolorischen Hochadel durfte er sich keine Blöße geben und ausfallend werden.
„Der Prinz ist gleichzeitig Erbe des karapakischen Throns“, warf Graf Chilikit gerade ein.
„Karapak! Was schert uns das?“, brummte ein grauhaariger Fürst. Zustimmendes Gemurmel rannte durch den Saal. Tolioros Zähne knirschten. Verdammt! Manchmal hatte er den Eindruck, dass Chilikit nicht für, sondern gegen ihn arbeitete.
„Könnte man nicht einen Kompromiss in Erwägung ziehen?“ Graf Chilikit lächelte gewinnend. „Eine gemeinsame Regentschaft für einen gemeinsamen Erben?“
Tolioro kochte auf kleiner Flamme. Das war ja fast noch schlimmer! Dummerweise schien dieser Vorschlag der Königin sogar zu gefallen. Verdammtes Weib! Musste sie sein Leben so kompliziert machen?
*
„Musste das sein, Mutter?“, fragte Sirit. „Mein Gatte kann keine Frau ertragen, die eine eigene Meinung hat. Diese gemeinsame Regentschaft ist zum Scheitern verurteilt.“
Mirsken zog die Augenbrauen hoch. „Du hast nicht gerade eine hohe Meinung von deinem Gatten.“
„Schlechte Erfahrungen.“
„Ich habe keine Wahl. Der Rat hat es so beschlossen.“ Mirsken tunkte den Federkiel wieder ins Tintenfass. Mit schwungvoller Bewegung unterschrieb sie den Erlass im Namen ihres Enkels. Des letzten männlichen Erben aus dem Hause Dacas. Und so sehr es sie schmerzte, sie wusste nur zu genau, dass Tolor nicht reif war für die Herrschaft einer Frau. Ihr Volk vertraute ihr, ihr Volk würde ihr folgen, was immer sie befahl – aber nur, solange sie im Namen des Prinzen sprach.
Nur einer hatte noch weniger Chancen als sie, alleine zu regieren. Der karapakische Ehemann ihrer Tochter, Tolioro.
Was vielleicht gut so war, denn der Mann war ihr unheimlich. Und ausgerechnet mit ihm zusammen würde sie die nächsten Jahre Tolor regieren müssen. Ihr graute davor.
*
„Geduld ist eine Tugend“, hatte seine Mutter Iragana immer gesagt. „Sie bringt uns weiter als kämpferisches Ungestüm.“ Geduld musste er jetzt haben. Solange jedenfalls, bis die Königin tot war. Und seine Frau Sirit am besten gleich mit. Waren die beiden Frauen erst einmal ausgeschaltet, wer blieb dann noch als Regent des tolorisch-karapakischen Prinzen? Er, Tolioro. Und niemand sonst. Allerdings, Königin Mirsken war noch jung genug, um die nächsten zwanzig oder dreißig Regenzeiten zu überleben. Von seiner Frau ganz zu schweigen. Und bis dahin wäre der kleine Bastard groß und jenseits seiner Macht. Tolioro tigerte unruhig in seinem Gemach hin und her. Nein, solange würde er auf keinen Fall warten. Erst die Frauen weg, dann die alleinige Regentschaft, und dann … mochte dem kleinen Prinzen ein Unglück zustoßen. Pech. Schade, sehr schade. Aber ganz offensichtlich waren Unglücke in Dacas Blutlinie nicht selten.
Welche Optionen hatte er sonst noch? Einfach erobern konnte er das Land wohl schlecht, Tolor hatte bislang allen militärischen Versuchen Karapaks erfolgreich widerstanden. Ihm rann die Zeit davon. Nur so wenige Jahre noch … Und wenn er mit List arbeitete? Sozusagen eine Eroberung durch die Hintertür? Aber zunächst einmal musste er zurück nach Karapak. Das Land durfte nicht zu lange ohne Herrscher sein. Wer weiß, welchem gierigen Adeligen die Gelegenheit sonst zupass kam. Außerdem waren da immer noch diese dreimal verfluchten Wüstenstämme, bei denen sein Bruder Ioro jetzt stecken musste. Die Generäle schworen zwar Stein und Bein, dass die Wüstenstämme Ioro bestimmt sofort einen Kopf kürzer gemacht hätten, bei all den Niederlagen, die der ihnen beigebracht hatte. Aber Tolioro wusste es besser. Zum einen fiel sein vermaledeiter Halbbruder immer wieder auf die Füße. Und zum anderen hatten sich in den letzten Monden den Berichten nach die verschiedenen Stämme der Wüstenkrieger zu einer Allianz zusammengeschlossen. Das hatten sie in tausend Jahren nie gemacht. Ganz eindeutig Ioros Handschrift. Außerdem hatte Nao, dieser junge Adelige, der immer um ihn herumscharwenzelte, etwas angedeutet. Etwas, was ihm Mittelsmänner erzählt hatten. Sein Bruder lebte noch. Und die Wüstenstämme waren nach wie vor unbesiegt.
Nein, er musste zurück nach Karapak. Dort kannte er gewisse Leute. Vielleicht wussten die eine Lösung.
Einen Lichtblick zumindest gab es in seinem Leben. Er konnte seine Frau hierlassen, bei ihrer Mutter. Sie würden tun, was immer er verlangte, um den kleinen Bastard zu schützen. Natürlich hieß das nicht, dass er mit ihr fertig war. Noch lange nicht. Seine Rache würde nur warten müssen. Andere Dinge waren wichtiger als Sirit, zumindest vorerst. Wichtig war die Herrschaft über das Reich. Und der Erbe beider Reiche. Und den hatte er.
*
Sirit und Mirsken standen gemeinsam auf der höchsten Zinne des Palastes und sahen den karapakischen Reitern hinterher. Weder Mutter noch Tochter tat es leid, sie fortreiten zu sehen.
„Eine Sorge weniger“, sagte Mirsken endlich.
„Der kommt wieder. Zur Unzeit, wenn irgend möglich“, gab Sirit zurück. „Mutter, was immer du tust, versuche um der Göttin willen alles, diesen Mann aus Tolor fernzuhalten. Versprich es mir!“
Königin Mirsken sah noch einmal hinüber zu der Staubwolke, die über den fernen Reitern hing. Einen Moment lang heulte der Wind um sie auf. Es klang wie eine Warnung. „Er erwartet nur Berichte von mir“, sagte sie. „Berichte über das, was sich im Land tut.“
„Und Abgaben“, korrigierte Sirit sie sanft.
„Die Abgaben sind für deinen Sohn. Meinen Enkel.“
„Das glaubst du doch selbst nicht, Mutter. Die Abgaben werden in Karapaks Kriegskasse landen.“
„Vermutlich.“ Mirskens Gesicht blieb unbewegt. „Aber wenn uns das Ruhe und Frieden erkauft, ist es mir eine gute Summe wert. Und solange wir zahlen, ist der zukünftige König Tolors sicher.“
Sirit zog es vor, zu schweigen.
*
Ihr Enkel, der nicht wirklich ihr Enkel war, sah gut aus. Iragana musterte die kleine Gestalt. Schon jetzt ragte die Nase der Mehmes prominent aus dem wachen, intelligenten Kindergesicht. Einen winzigen Moment lang verspürte sie ein fast schmerzhaftes Verlangen, ihn in die Arme zu schließen. Aber er war nicht ihr Enkel. Sie gab der Amme einen Wink, den Prinzen wieder in seine Gemächer zu bringen.
Tolioros Augen wurden schmal. „Du weißt es.“
„Natürlich.“ Iragana gab sich keine Mühe, zu leugnen.
„Wie lange schon?“
„Seit ich ihn das erste Mal sah.“
„Und du hast geschwiegen.“
„Hätte es etwas geändert, wenn ich nicht geschwiegen hätte? Du hattest ihn bereits adoptiert.“
Tolioro trat gegen ein zierliches Tischchen. Das geschnitzte Holz zersplitterte. „Hattest du vor, es mir irgendwann einmal zu sagen?“
„Nicht, solange es nicht nötig war.“
Einen Moment lang funkelten Mutter und Sohn sich an. Dann setzte Tolioro sich auf den Diwan. „Erkläre mir deine Gründe.“
Es klang sachlich, ruhig. Iragana hatte das Gefühl, auf sehr, sehr tiefem Treibsand zu stehen. Eine falsche Bewegung …
„Du hast bislang keinen leiblichen Sohn. Jedenfalls keinen, von dem wir wissen.“ Sie hielt kurz inne. „Aber du bist zeugungsfähig. Wir wissen, dass du bereits mehrere Töchter gezeugt hast.“ Erneut hielt sie kurz inne. „Ich habe diesen Jungen als eine Art Platzhalter betrachtet. Solange – vermeintlich – ein Sohn deiner Blutlinie existiert, wird es niemand wagen, deinen Herrschaftsanspruch und den deiner Familie infrage zu stellen. Solange wird niemand bezweifeln, dass du das Wohlwollen der Götter besitzt, wie alle bisherigen Könige des Hauses Mehme.“
Sie schwieg erneut und wartete darauf, dass ihr Sohn die richtigen Schlüsse zog.
„Und wenn ich keinen Sohn hätte?“, fragte Tolioro schließlich.
„Es gab einen Präzedenzfall.“ Iragana wagte nicht, ihren Sohn anzusehen. „König Narakur. Vor dreihundertfünfundsechzig Regenzeiten. Er bekam keinen Sohn. Und das, obwohl er neben seiner Gemahlin mindestens drei Dutzend jungen, gesunden Konkubinen beiwohnte. Der Kronrat wartete zwölf Regenzeiten. Dann schlossen die Ratsherren sich mit den Priestern zusammen, stimmten ab, entwarfen ein neues Thronfolgegesetz und ernannten einen neuen König.“
„Aber … Könige werden auf Lebenszeit gekrönt.“
„Richtig.“
„Heißt das, es gab einen zweiten König?“
„Das heißt, es gab einen toten König. Und einen neuen König.“
Tolioro sog zischend die Luft ein.
Jugendlicher Übermut
„Komm schon, Nior.“ Chirgot klatschte auffordernd auf den Griff seines Schwertes. „Wozu sind Krieger da, wenn nicht, um zu kämpfen! Im Zelt sitzen kannst du noch lange genug, wenn du alt und gebrechlich bist. Oder wenn du Schamane wirst.“
Nior. Ob er sich je an seinen neuen Namen gewöhnen würde? Ioro sah zu dem Schamanen herüber. Der alte Mann hantierte mit seinen Utensilien, als ob er nichts gehört hatte, aber um seine Lippen spielte ein winziges, kaum wahrnehmbares Lächeln.
Warum eigentlich nicht? Der Schamane war ohnehin die meiste Zeit mit anderen Dingen beschäftigt, als ihm etwas beizubringen. Ioros Hand legte sich fast schon liebevoll auf den Dolch. Er war schließlich oberster Feldherr gewesen, verdammt noch mal! Pfeif auf die ganze Zauberei. Er war ein Krieger! Und als Krieger sollte er auch mal mit seinen Kriegerbrüdern ausreiten dürfen.
Ioro schnappte sich seine Waffen und folgte Chirgot. Zeit für einen kleinen, produktiven Ausflug.
*
Sie waren zu fünft. Den pausbäckigen, immer zu einem Scherz aufgelegten Bicho kannte Ioro gut, auch den etwas älteren Maruk. Ein gefährlicher Schwertkämpfer. Allerdings hatte Ioro den Verdacht, dass das Schwert nicht Maruks Hauptwaffe war. Der Mann war einfach zu schnell in seinen Bewegungen. Chirgot stellte ihnen den letzten Mann vor. „Das ist Belen, der neue Ehemann meiner Schwester. Er kommt von den Ölkrugträgern.“ Gönnerhaft schlug er dem sehnigen, dunkel gekleideten Krieger auf den Rücken. „Wirst sehen, wie wir Weißspuren-Leute unseren Spaß haben. Vielleicht lässt du dich ja danach von uns adoptieren!“
Belen grinste. „Du willst mich adoptieren? Komm du lieber in mein Zelt, Grünschnabel. Ich habe doppelt so viele Schädel gesammelt wie du!“
„Was planen wir überhaupt?“, wollte Ioro wissen.
„Planen? Planen ist langweilig.“ Chirgot grinste ihn an. „Wir reiten einfach mal nach Tolor und holen uns ein paar fette Schafe und Ziegen. Vielleicht auch eine nette Frau. Die Tolorierinnen sollen recht angenehme Rundungen haben.“
„Frauen rauben?“ Ioro war sich nicht so sicher, ob er das für gut hielt.
„Wer redet denn von rauben? Wir laden sie einfach ein. Die eine oder andere kommt immer mal mit.“
„Ja“, knurrte Belen. „Insbesondere dann, wenn wir ihre Ehemänner erschlagen und ihre Tiere wegtreiben. Dann ist so eine Einladung einfach unwiderstehlich.“ Er tauschte einen Blick mit Ioro.
Ioro nickte. Der fremde Krieger hatte Verstand. So jemand war auf einem Raubzug Gold wert.
Wäre der Falke nicht gewesen, hätte bereits ihr erster Abend auf tolorischen Boden mit einem Fiasko geendet. Jo war es, der die Patrouille rechtzeitig entdeckte und sie mit schrillem Schrei aufschreckte. Die Patrouille hielt bei dem noch immer brennenden Feuer, während Ioro und seine Kumpanen sich frierend zwischen die Felsen drückten und auf ihre Pferde einredeten, dass sie ruhig blieben. Es wurde eine lange, kalte Nacht, und bei jedem Aufheulen des Windes zuckten sie zusammen. Wer wusste schon, wie viele Geister in diesem Wind heulten.
Am nächsten Morgen zogen die tolorischen Soldaten weiter. Ioros Gruppe hielt Kriegsrat. Ein wenig Taktik war vielleicht doch nicht so schlecht. Auf seinen Vorschlag zogen sie sich in höheres Gelände zurück und beobachteten erst einmal das Tal. Und wirklich, kurz vor Mittag kam prompt die nächste Patrouille aus der Gegenrichtung. Diese Soldaten machten hier im Tal keine Rast. Das hieß, rechts und links von Ioros Gruppe lagen Grenzfesten. Und da diese Patrouille früher im Tal eingetroffen war als die aus der Gegenrichtung, hieß dass, dass die Grenzfeste, von der die Patrouille gerade gekommen war, näher lag. Ioro und Maruk sahen nach.
Der Falke lotste sie auf einem sicheren Weg durch das Felsengewirr. Sie kamen oberhalb der Festung auf einem benachbarten Gipfel heraus. Ideal. Die Festung lag offen einsehbar unter ihnen, wie in einem Lehrbuch. Zu weit für Pfeile, zu geschützt für Kletterversuche. Die einzige mögliche Deckung boten einige Felsen am Hang und ein schütteres Wäldchen zu beiden Seiten eines kleinen Baches, der sich durch das Tal wand. Ioro hockte sich hin und dachte über eine passende Strategie nach.
Am Ende war es einfach. Die Tolorier hatten wohl gerade den Wintervorrat an Heu für ihre Pferde bekommen. Dieses Heu lag noch nicht auf den Dachböden der Stallungen, sondern in einem großen Haufen neben dem Tor, direkt innen an der Mauer. Und die Pferde standen in der großen Graskoppel unterhalb der Festung. Wahrscheinlich wollte der Kommandant noch etwas Heu einsparen und ließ sie deshalb dort bis zum Wintereinbruch. Nun, wenn der Mann nicht gerne Pferde fütterte – diese Arbeit würden sie ihm abnehmen. Seine Stammesbrüder waren Feuer und Flamme, als Ioro ihnen von den schönen tolorischen Pferden vorschwärmte, die fast ohne Bewachung auf einer leicht zugänglichen Koppel standen. Solange jedenfalls, bis sie kapierten, dass der Angriff nachts erfolgen würde.
„Bist du verrückt?“, fauchte Bicho. „Willst du, dass die Geister uns irre machen?“
„Langsam!“ Ioro hob die Hand. „Die Geister fliehen das Feuer, das weiß jedes Kind, oder?“
„Ja“, knurrte Belen, „Und genau deswegen sollten wir unseren Arsch in den Sand setzen und uns keinen Schritt von unserem Nachtfeuer entfernen.“
„Blödsinn. Auch die Herdenwächter entfernen sich nachts vom Feuer. Und denen passiert nichts.“
„Ja, aber die haben auch Fackeln dabei.“
„Wer sagt, dass wir keine haben werden?“
„Eindeutig verrückt.“ Bicho stieß unzufrieden seinen Dolch vor sich in die Erde. „Weißt du, was passieren wird, wenn wir nachts mit Fackeln vor der Festung herumlaufen? Sie werden uns abschießen, das wird passieren. Ein besseres Ziel kannst du ihnen gar nicht bieten.“
Ioro grinste. „Die werden gar nicht auf die Idee kommen, auf uns zu schießen. Dazu werden sie viel zu beschäftigt sein.“
„Eh?“
„Da gibt es diesen schönen, dicken Haufen Heu, direkt hinter der Mauer.“
Ioro begann, mit seinem Dolch einen Plan in den Boden zu ritzen. Die vier Krieger beugten sich interessiert vor.
Am Ende mussten sie Lose ziehen, wer von ihnen den Rückzug organisieren sollte. Alle wollten beim Angriff mitmachen, trotz Nacht und Dunkelheit. Der Plan war einfach zu verlockend.
Bicho war der Rückzugmann. Er zuckte ergeben mit den Schultern und machte sich daran, Feuermaterial zu sammeln.
Chirgot, Belen, Maruk und Ioro schlichen sich vorsichtig zu Fuß an die Feste heran und warteten im Unterholz unweit der Pferdekoppel auf den Abend. Als die Sonne unterging, starteten sie den schwierigsten Teil ihres Plans. Sie mussten dichter ran, bis fast an die Mauer. Und sie mussten sich beeilen, denn hier in den Bergen wurde es nach Sonnenuntergang sehr schnell dunkel.
Im direkten Umkreis der Feste war das ganze Gelände gerodet. Als Versteck bot sich nur eine relativ flache Bodenrinne an, in der zudem eine Wache platziert war. Allerdings schien diese Wache nicht unbedingt mit Besuch zu rechnen. Der Mann hockte vor einem kleinen Feuerchen, wärmte sich die Finger und merkte nicht, dass die Schatten heute merkwürdig lebendig waren. Chirgot schnitt ihm die Kehle durch, gerade als er aufmerkte. Dann postierte Chirgot sich an Stelle der Wache. Das ganze war so schnell gegangen, dass Ioro dreimal hinsehen musste, um sich zu vergewissern, dass da am Feuer jetzt wirklich Chirgot hockte. Was zum Teufel hatte er mit der Wache gemacht, dass der Mann so vollständig verschwunden war?
Die anderen drei huschten heran. Jetzt löste sich auch das Rätsel der verschwundenen Wache. Chirgot saß darauf und grinste sie fröhlich an. Maruk grunzte anerkennend. Er füllte den mitgebrachten kleinen Tontopf mit Glut und deckte sie vorsichtig zu. Chirgot blieb am Feuer und fütterte es weiter mit kleinen Zweigen, um die Geister fernzuhalten. Die anderen drei huschten weiter durch die Rinne bis an die Mauer. Jetzt würde man sie nur noch sehen, wenn sich dort oben jemand gefährlich weit hinauslehnte. Ioro flüsterte ein Kommando. Maruk öffnete den Gluttopf. Die mitgebrachten imprägnierten Pfeile flammten beim ersten Kontakt mit der Glut hell auf. Im nächsten Moment stiegen die Feuerpfeile steil in die Luft, überflogen die Mauer und tauchten auf die andere Seite ab. Genau dorthin, wo der Heuberg liegen musste.
Einen Moment war Stille. Dann schrie jemand drinnen „Feuer“, ein Gong wurde hektisch angeschlagen und gleichzeitig erhellte der Hof hinter der Mauer sich in bedrohlichem Rot.
Die drei Krieger sahen sich an. Zeit für Teil zwei.
Die Tolorier waren dermaßen mit Löscharbeiten beschäftigt, dass sie das Geschehen in den Schatten unterhalb der Mauer nicht mitbekamen. Und selbst wenn sie dorthin geschaut hätten, bei all dem Feuer in der Feste wären ihre Augen so geblendet gewesen, dass sie draußen nur Schwärze erkannt hätten. Ioro hätte fast fröhlich gepfiffen. So viel Feuer hielt die Nachtgeister auf jeden Fall in ausreichender Ferne. Das war ja noch viel einfacher, als er gedacht hatte!
Zurück durch die Rinne und dann im Unterholz zu der Pferdekoppel. Chirgot schloss sich an. Die tolorischen Wachen an der Koppel schienen unschlüssig, was sie zuerst machen sollten: Die Pferde beruhigen, die mittlerweile aufgeregt durcheinander liefen, oder zur Feste zu rennen und sich an den Löschversuchen zu beteiligen. Noch während sie aufgeregt diskutierten, fanden weitere Pfeile ihr Ziel. Und dann sprang Maruk mit gezogenem Schwert zwischen die verbliebenen acht Wachen. Seine Klinge blitzte im Feuerschein. Ioro griff von der anderen Seite an. Ein Tolorier fiel unter seinen geübten Hieben. Ein zweiter, der erst mit offenem Mund zugesehen hatte, rappelte sich auf und parierte seinen nächsten Schlag. Aus den Augenwinkeln konnte Ioro sehen, dass Maruk gegen drei Gegner zugleich kämpfte. Die letzten Wachen sahen sich Chirgot und Belen gegenüber. Jemand schrie. Ioro fühlte, wie die Klinge seines Gegners ihm den Ärmel zerschlitzte. Er machte einen Ausfallschritt und stieß zu. Der Mann stöhnte auf, ließ sein Schwert fallen und griff mit beiden Händen nach der Klinge, die plötzlich in seinem Bauch steckte. Ioro zog die Klinge zurück. Zwei Finger des Mannes fielen zu Boden. Dann drehte sich sein Körper halb und er fiel ebenfalls. Ioro war bereits bei Maruk, der mittlerweile nur noch gegen zwei Gegner kämpfte. „Lauf lieber zu den anderen!“, brüllte Maruk. „Die hier schaffe ich auch alleine!“ Ioro tauchte unter dem Hieb des einen Toloriers weg, schlug ihm sein Schwert seitlich gegen den Unterschenkel, kam wieder hoch und rannte rüber zu Chirgot, der jetzt ebenfalls gegen zwei Gegner kämpfte. Die beiden bemerkten ihn nicht. Ioros Schwert trennte den Kopf des einen sauber von den Schultern. Der zweite war so überrascht, dass seine Konzentration brach. Einen winzigen Augenblick nur, aber er genügte Chirgot. Das Messer des Wüstenkriegers flog in die Kehle des Soldaten. Ioro sah sich wild nach anderen Gegnern um. Aber da waren keine mehr. Sowohl Maruk als auch Belen standen, ihre Gegner waren nur noch unförmige dunkle Erhebungen auf dem Boden.
Ioro suchte ein paar dicke Äste und warf sie auf das Feuer. Sie brauchten mehr Licht. „Schnell!“, brüllte er. „Die da drinnen müssten mittlerweile gemerkt haben, dass hier etwas nicht stimmt!“
Chirgot tauchte neben ihm auf. „Das war ein guter Schlag, vorhin.“ Er strich sich die Haare aus den Augen. Seine Finger hinterließen blutige Streifen in seinem Gesicht. „Du solltest dir deinen Kopf mitnehmen! Ich hab meinen schon!“. Seine Hand patsche auf den unförmigen Klumpen, der frisch an seinem Gürtel baumelte. „Die Frauen stehen auf sowas. Je mehr Schädel du auf deinem Zelt hast, desto wilder sind sie hinter dir her!“
Ioro schauderte. Das war einer jener Bräuche, an die er sich wohl nie gewöhnen würde. „Der Schamane hat keine Schädel auf seinem Zelt.“
„Stimmt.“ Chirgot lief leichtfüßig los. Ioro folgte ihm. Chirgot sah kurz zurück. „Weißt du, es ist eine Schande, dass du Schamane werden willst. Du wärst so ein prima Krieger geworden! Ich glaube, die Frauen hätten dir sogar verziehen, dass du keine Schädel sammeln willst.“
Ein paar Handgriffe, dann war das Koppeltor ausgehängt, und gleich darauf saß jeder von ihnen auf einem Pferd. Maruk und Belen ritten am Schluss, jeder mit einem brennenden Ast in den Händen. Mit lauten Rufen trieben sie die Tiere an. Rund achtzig Pferde brachen aus der Koppel und liefen in Richtung Wald, weg vom Feuer. Hinter ihnen brüllten Soldatenstimmen wütend auf.
Der Rest war ein Kinderspiel. Bicho wartete mit Fackeln dort, wo der Schein der brennenden Festung den Wald nicht mehr erleuchten konnte. Er lotste sie geschickt über den Waldweg, von einem vorsorglich angelegten Feuer zum nächsten, das sie natürlich umgehend hinter sich löschten, so weit, bis sie sich trauten, für den Rest der Nacht auf einer größeren Lichtung zwischen mehreren Feuern Rast zu machen und sich auszuruhen. Bei Sonnenaufgang ritten sie weiter. Falls die Tolorier sie verfolgten, würden sie spätestens am Rand der Wüste aufgeben. Und die Wüste war nur einen Tagesritt entfernt.
Vier Tage später erreichten sie das Lager wieder, sechsundsiebzig Pferde und sechs Köpfe reicher. Die Frauen trillerten bewundernd. Der Schamane murmelte etwas, was wie „Hörner abstoßen“ und „jugendliche Unrast“ klang und verzog sich in sein Zelt. Ioro feierte mit den Kriegern und Kriegerinnen. Als alle zu müde waren, weiter zu tanzen, folgte er Sua in ihr Zelt. In dieser Nacht blieb Sua nicht alleine.
Und als Ioro ging, erzählte sie Mugo, dass es ein weiteres Kind in ihrem Zelt geben würde.
*
Ioros Raubzug blieb nicht der einzige. Andere Trüppchen machten sich auf, kehrten mehr oder weniger erfolgreich zurück. Manchmal fehlte einer bei der Rückkehr der Kriegstrupps. Die Stämme nahmen das hin, genauso, wie sie die neuen Frauen und Kinder hinnahmen, die die Trupps manchmal mitbrachten. So war das Leben eben.
Ioro fragte sich allerdings, wie lange die Tolorier diese ständigen Grenzscharmützel aushalten würden. Wäre er der gegnerische Befehlshaber, er hätte das bestimmt nicht allzu lange toleriert. Tolorische Soldaten taugten zwar wenig in der Wüste, aber hatten nicht aus genau diesem Grund Tolor und Karapak einen Pakt geschlossen?
Er beriet sich mit dem Schamanen.
„Es ist zu früh“, sagte dieser. „Noch sind unsere Erfolge zu leicht. Du wirst sie nicht abhalten können. Noch nicht.“ Er wies nicht auf Ioros eigenen, so überaus erfolgreichen Raubzug hin. Sein Schüler hatte Verstand genug, sich selbst seinen Teil zu denken.
*
Wie lange waren sie jetzt schon hier im Norden, so nahe an Tolor? Mehrere Monde waren es mittlerweile.
Der Schamane war sich ziemlich sicher, dass jetzt eine militärische Gegenreaktion kommen musste. Er warf die Runen. Verblüfft starrte er auf das Bild. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
Über ihm schrie ein Falke. Der Schamane sah hoch. Dann winkte er Jo zu sich. Sein junger Kollege hatte die Runen ohnehin mit seinen Falkenaugen gesehen. Da konnte er sie genauso gut gleich mit ihm diskutieren.
Einen Herzschlag später war er bereits in der Traumwelt, und auch Jo ließ nicht lange auf sich warten. Der junge Mann kam gleich zur Sache. „Die Runen zeigen Zwistigkeiten, Niederlagen, starke Veränderungen und Tod. Für wen hast du die Runen geworfen?“
Einen Moment fühlte sich der Schamane versucht, Jo in die Irre zu führen. Aber ob das gut war? Am Ende versuchte der junge Narr dann noch, das Schicksal zu beeinflussen. Der Schamane wusste aus bitterer Erfahrung, wie ungern sich das Schicksal beeinflussen ließ.
„Ich habe die Runen für Tolor geworfen.“
„Tolor? Du wirfst die Runen für deine Feinde?“
„Wissen ist Macht.“ Der Schamane musterte Jo. „Wenn ich das Schicksal meiner Feinde kenne, kann ich meine eigene Strategie leichter planen.“
Jo bewegte sich unbehaglich. „Aber soviel Unheil … für ein ganzes Volk?“
„Es gibt Schlimmeres.“
Jo sah nicht so aus, als ob er sich Schlimmeres vorstellen konnte. Der Schamane brauchte es sich nicht vorzustellen. Er wusste.
„Diese Runen“, fragte Jo gerade, „ist das eine spezielle Schamanensache?“
„Nicht direkt. Soweit ich weiß, werfen in Karapak die Priester ebenfalls Runenorakel.“
„Wirklich? Davon habe ich noch nie etwas gehört.“
„Sie tun es nicht öffentlich.“
„Oh.“
Eine Weile schwiegen beide. Der Schamane verlor gerade die Lust am Warten, als Jo endlich den Mund wieder aufmachte. „Kann ich das auch lernen?“
Der Schamane lächelte dünnlippig. „Ich dachte schon, du würdest nie fragen.“ Er zog den Beutel mit den Runensteinen hervor.
„Das geht auch mit virtuellen Runensteinen?“
„Wo ist der Unterschied? In der Geisterwelt sind die Geistersteine so real wie unsere Geistkörper. Setz dich. Nimm den Beutel in die Hand. Konzentriere dich auf deine Frage. So. Und nun dreh den Beutel mit der Öffnung nach unten, aber halte die Steine noch mit den Fingern zusammen. Konzentrieren, habe ich gesagt!“ Der Finger des Schamanen landete hart auf Jos Hand.
Der junge Mann biss die Zähne sichtlich zusammen, sagte aber nichts und drehte die Hand mit dem Beutel. Noch fiel keiner der Steine. Gut so.
„Also, denk an deine Frage. Dann hebe den ersten Finger.“
Zwei Runensteine fielen.
„Merke dir, welcher Stein zuerst fällt, und die Reihenfolge aller anderen Steine. Wenn zwei Steine zusammenstoßen und dadurch ihre Bedeutung geändert wird, musst du dir das ebenfalls merken. Und jetzt hebst du die Finger, einen nach dem anderen, bis der Beutel leer ist.“
Die Steine purzelten herab. Es klickte leise. Dann war der Beutel leer.
Jo blickte auf. „War das schon alles?“
„Dummkopf. Sieh dir die Steine genauer an!“
Jo beugte sich vor, bis seine Nasenspitze einen der Steine fast berührte. Sofort fuhr er erschrocken wieder zurück. „Spiegel!“ keuchte er.
„Keine Spiegel.“ Der Schamane lächelte selbstgefällig. „Die Linien bestehen aus poliertem Silber. Spiegelähnlich, aber nicht gleich. Die Runensteine funktionieren ohne Seelen. Sie sind lediglich Empfänger für Botschaften, die unser Körper vernimmt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Und jetzt lies deine Steine.“
Jo musterte erneut die Runensteine. Er wurde blass. Musterte sie erneut. Jetzt war er nicht mehr nur blass, jetzt war er aschfahl.
Der Schamane beugte sich über das Muster. Dann sah er seinen Zaubererschüler an. „Was hast du gefragt?“
„Ich habe nach den Zaubererkriegen gefragt“, gestand Jo kleinlaut.
„BIST … DU … WAHNSINNIG …?“ Der Schamane verlor für einen Moment seine Beherrschung. „Die Runensteine werden für die Zukunft geworfen, nicht für die Vergangenheit. Niemals für die Vergangenheit! Die Vergangenheit ist gewesen, sie kann nicht mehr geändert werden. Aber das Wesen der Runensteine ist die Veränderung. Was, glaubst du, sollen die Steine tun, wenn du eine unmögliche Aufgabe von ihnen verlangst? Wenn das, was sie zeigen sollen, nicht mehr veränderbar ist, dann bleibt den Steinen nur eines, das sie verändern können: den Fragenden! Du hast Glück, dass du deinen Verstand noch beisammen hast!“
Er zerrte Jo hoch. „Verschwinde“, fauchte er. „Komm den Runensteinen nie wieder zu nahe, sonst werde ich deinem Falkenkörper jede verdammte Feder einzeln ausrupfen und dich anschließend am Spieß braten!“
Der junge Zauberer taumelte zur Seite und sein Geistkörper löste sich auf.
Der Schamane sah auf die Runensteine. Er kannte dieses Muster. Er hatte es bereits einmal gesehen. Damals allerdings hatte er eine Frage nach der Zukunft gestellt. Tod. Vernichtung. Verderben, Verzweiflung. Und über allem lag die Rune des Chaos.
Der Schamane hatte ein ungutes Gefühl. Und ein ungutes Gefühl bedeutete bei ihm meistens, dass etwas ziemlich im Argen lag. Etwas, das mit Zauberei zu tun hatte.
Was hatte dieser Jo ausgelöst? Und wann?
*
Jo-im-Falken schüttelte sich. Das war … gespenstisch gewesen. Bedrohlich. Geradezu erdrückend. Etwas wie ein großer, dunkler Schatten, dass sich hinter seinem Falkenkörper materialisierte und ihn zu Boden drückte, ihn zerquetschen wollte wie eine lästige Fliege. Etwas, das aus der Vergangenheit zu ihm gesehen hatte mit nachtdunklen Augen, das ihn gewogen und für zu leicht befunden hatte, etwas, das ihn aber gleichzeitig als willkommenes Werkzeug betrachtete. Und er wusste mit absoluter Sicherheit: Irgendwann in der Zukunft würde er diesem Schatten wieder gegenüberstehen.
An diesem Tag fand der Falke keine Ruhe.
Aber Vogelhirne sind klein. Es fiel Jo nicht schwer, diese spezielle Erinnerung daraus zu verbannen.
Rosenkrieg
„Die Berichte sind eindeutig.“ General Ordunat klatschte mit der Pergamentrolle auf den Tisch. „Seitdem die Wüstenstämme sich zusammengeschlossen haben und fast alle im Nordosten sind, wird ihnen das Weideland knapp. Sie sind in den letzten Monden mindestens achtzehnmal in Tolor eingefallen.“
„Ist nicht mein Problem.“ Tolioro puhlte gelangweilt eine Fluse von seinem linken Ärmel. „Sollen die Tolorier sehen, wie sie mit den Barbaren fertig werden.“
„Es ist sehr wohl Euer Problem, Majestät“, gab Ordunat unwillig zurück. „Ihr seid Mitregent für Euren Sohn – und der ist nun mal zufällig der rechtmäßige Erbe des tolorischen Throns.“
Tolioro sah hoch. „Und was, General, soll ich Eurer Meinung nach tun?“
„Schickt Verstärkung. Zwei oder drei Regimenter unserer Armee müssten reichen. Zusammen mit den Toloriern müssten sie imstande sein, die Grenze ausreichend zu bewachen.“
„Und ihr glaubt, dass Tolor diese Hilfe annehmen wird?“
„Tolor hat ausdrücklich danach gefragt. In eben dieser Botschaft, die ich Euch gerade vorgelesen haben.“
Tolioros Mundwinkel zuckte. Der Alte war ein Idiot. Hatte sich gerade sein eigenes Grab geschaufelt und merkte es noch nicht einmal. Niemand bezichtigte ungestraft den König der Unfähigkeit, weder offen noch versteckt. Eine schnelle Hinrichtung verbot sich leider. Aber es gab immer wieder militärische Aktionen, bei denen erschreckend wenig Männer überlebten. Auch unter den Anführern …
Militärische Aktionen? Jäh klickte es in Tolioros Kopf. Verdammt, da bekam er die Gelegenheit seines Lebens auf dem Silbertablett präsentiert! Dass er das nicht gleich gesehen hatte!
„Dann werden wir doch dieser Bitte so schnell wie möglich entsprechen“, säuselte er zuckersüß und sah mit Genugtuung, wie die Generäle samt und sonders zusammenzuckten. „Ordunat, da Ihr Euch so sehr für diese Hilfe einsetzt, werdet Ihr den Befehl über die Entsatz-Truppen übernehmen. Und damit ich sicher bin, dass die Hilfe schnell gewährleistet ist, werde ich persönlich Euch bis nach Tolor-Stadt begleiten. Eine gute Gelegenheit“, fügte er hinzu, „meiner Schwiegermutter einen kleinen Höflichkeitsbesuch abzustatten.“
Ordunat sah aus, als ob er gerade einen lebendigen Skorpion verschluckt hatte, wie Tolioro mit Genugtuung feststellte.
*
Nie zuvor waren so viele karapakische Soldaten über tolorisches Land gezogen. Tolioro hatte drei Regimenter mitgebracht, darunter das Elite-Regiment der Wasserstiere. In geordneter Viererreihe zogen sie durch die Hochebene, ein schwer bewaffneter Soldat hinter dem nächsten, misstrauisch beäugt von der Bevölkerung Tolors, und gefolgt von ein paar rumpelnden Wagen mit Vorräten und Geschützen.
Sirit hörte sich die Berichte mit versteinertem Gesicht an. Sie hatte ein verdammt ungutes Gefühl. Wozu Geschütze, wenn sie gegen die Wüstenstämme zu Felde ziehen wollten? Bei diesen schnellen Reitern waren Geschütze so gut wie unwirksam. Geschütze, das war etwas, was man gegen stationäre Ziele einsetzte. Gegen Städte, zum Beispiel.
Königin Mirsken ließ die große Stadtkaserne räumen, um Platz für die Gäste zu schaffen, bis über die genaue Art und Weise des Grenzeinsatzes entschieden war. Da zur Überraschung aller ihr Schwiegersohn Tolioro höchstpersönlich mitgekommen war, ließ es sich nicht vermeiden, dass er mitsamt einer Leibgarde direkt im Palast einquartiert wurde. Sirit hätte es vorgezogen, eine Wagenladung Skorpione im Palast auszusetzen. Skorpione waren weniger gefährlich.
Vermutlich würde ihre Mutter nicht auf sie hören, wenn sie sie warnte. Aber sie musste es wenigstens versuchen.
„Du solltest Tolor-Stadt verlassen, Mutter“, sagte Sirit. Unten im Hof wimmelte es von karapakischen Uniformen. Wieso waren so viele von ihnen im Palast? Hatte Tolioro nicht nur eine kleine Leibgarde hier? Ihre Hand krampfte sich um den Fensterrahmen.
„Ach ja? Und warum?“
Sirit drehte sich zu der Frau um, die ihr das Liebste in ihrem Leben war. „Damit du überlebst.“
Mirsken seufzte. „Kind, ich glaube, du siehst zu schwarz. Diese karapakischen Truppen sind auf meine Anforderung hier, als unsere Verbündeten. Schließlich ist dein Sohn auch ihr zukünftiger König.“
„Wären sie alleine hier, würde ich dir recht geben.“ Sirit rieb sich die tiefe Falte, die seit einiger Zeit zwischen ihren Augenbrauen erschien. „Aber sie sind nicht alleine gekommen. Tolioro ist bei ihnen. Und wenn ich etwas sicher weiß, dann das: Mein Gatte hat weder Ehre noch lautere Absichten.“ Sanft berührte sie die Wange ihrer Mutter mit ihrer Hand. „Bitte. Verlass die Stadt.“
„Die Töchter der Drachenberge kuschen vor keinem Mann.“ Ihre Mutter löste sich von ihr. „Was immer er auch versucht, ich werde ihm die Stirn bieten.“
*
Tolioro war ausgesprochen zufrieden mit sich und der Welt. Sein Plan ging auf. Königin Mirsken hatte ihren Mitregenten mit vollendeter Höflichkeit in ihren Palast geladen und nichts dabei gefunden, dass er seine persönlichen Wachen bei sich einquartiert haben wollte. Die erste Hundertschaft Männer hatte er damit im Palast.
*
„Ein Land kann nicht von einer Frau regiert werden.“ Tolioro war stolz darauf, dass es ihm gelang, seine Stimme völlig gleichmütig zu halten. „Es ist widernatürlich.“
„Erstens“, gab Königin Mirsken zurück, „bin ich, zusammen mit Euch, Regentin für meinen Enkel, Euren Sohn, und damit hat das Land formell einen männlichen Herrscher. Zweitens habe ich die Regierungsgeschäfte schon vorher mehr als zwei Jahrzehnte zusammen mit meinem Gatten, König Dacas, durchgeführt, und weder er noch mein Volk hatten jemals Grund, an meinen Fähigkeiten zu zweifeln. Und drittens werden die Drachenberge seit undenklichen Zeiten von Frauen regiert, aus deren Blutlinie ich stamme, und Ihr könnt wahrhaftig nicht sagen, dass es diesen Ländern schlecht geht. Wie oft hat Karapak versucht, Kirsitan zu erobern? Elf, zwölf Male? Oder waren es noch mehr? Eure Truppen sind niemals über die ersten Ausläufer der Drachenberge hinausgekommen.“
Anmaßende alte Hexe. Tolioro fühlte seine Kiefer mahlen. Er musste sich mit Gewalt zu einem Lächeln zwingen. „Ihr wisst so gut wie ich, dass Tolor Eure Regentschaft nur als Interims-Regierung duldet. Tolor ist niemals wirklich von einer Frau regiert worden. Und die meisten Eurer Untertanen wären geneigt, die Regierungsgeschäfte jetzt schon vollständig in die Hände eines Mannes zu legen.“
„Ja – wenn dieser Mann Tolorier wäre.“
„Ihr lehnt also meinen Vorschlag ab?“
„Selbstverständlich.“
Tolioro nickte. „Graf Chilikit sagte mir das voraus. Ich fürchte, der alte Fuchs hatte mal wieder recht.“
„Graf Chilikit?“ Mirsken schien erschüttert. „Ihr habt das bereits mit Graf Chilikit besprochen? Und er … fand Euren Plan zustimmungswürdig?“
„Warum nicht? Ist es nicht der einzig logische Plan?“
Mirsken schwieg. Wahrscheinlich dachte sie jetzt daran, dass auch Graf Chilikit einen Thronanspruch in Tolor hatte. Und wunderte sich, wieso der Graf nicht darauf hingewiesen hatte. Tolioro genoss es, die alte Frau so zu verunsichern.
„Wenn es euch beruhigen würde, könnten wir natürlich die Bande zwischen unseren Häusern noch enger gestalten.“
Mirsken schwieg und wartete.
„Ihr habt zwei jüngere Töchter.“ Tolioro beobachtete Mirsken unter halb geschlossenen Lidern. „Zumindest eine ist bereits im heiratsfähigen Alter und die andere ist nicht weit davon ab.“ Immer noch keine Reaktion von der Alten. „Meine Gemahlin hätte sicher keine Einwände, wenn ich einer weiteren, guten Tradition Karapaks folgen würde und die beiden als meine erste und zweite Konkubine nehmen würde.“
Mirskens Gesicht wurde aschfahl. „Auf keinen Fall, niemals!“, presste sie heraus. Tolioro fühlte, wie ihm das Blut in die Lenden schoss. Ja, jetzt hatte er ihren schwachen Punkt! „Aber, verehrte Schwiegermutter, das wäre doch nur logisch, und darüber hinaus würde es Eurem Land zusätzliche Sicherheit geben, dass es einen Herrscher aus dem Geblüt beider Königshäuser bekommt. Eure Töchter sind jung und unverbraucht, es wird ihnen mit Sicherheit leicht fallen, einige zusätzliche Thronanwärter zu gebären.“
Mirsken hatte sich wieder gefasst, zumindest oberflächlich. „Meine Töchter sind noch Kinder, die mit ihren Puppen spielen“, beschied sie ihm kühl. „Es ist definitiv noch zu früh, viel zu früh, für sie eine Heirat zu planen. Und“, sie funkelte ihn wütend an, „meine Töchter werden keine Konkubinen! Es ist mir egal, was in Eurem Land üblich ist, in Tolor ist es nicht üblich, und in den Drachenbergen schon gar nicht. Ihr bekommt meine Töchter nicht!“
„Auch das hat mir Graf Chilikit prophezeit“, sagte Tolioro mit seidenglatter Stimme. „Aber ich musste es zumindest versuchen. Es wäre doch eine so einfache Lösung für alle unsere Probleme gewesen.“ Er verbeugte sich leicht. „Ich will Euch nicht länger von Euren Regierungsgeschäften abhalten. Vielleicht können wir heute Abend eine Alternative erörtern.“
Mirsken nickte nur. Sie wirkte, als habe sie eine dicke Kröte im Hals.
Hochzufrieden mit sich selbst verließ Tolioro das Arbeitszimmer der tolorischen Königin. Mochte sie jetzt zum Thronrat eilen. Graf Chilikit hatte dafür gesorgt, dass Mirsken heute beschäftigt sein würde. Er konnte inzwischen in aller Ruhe einige Dinge … arrangieren.
*
Der Tag war verdammt anstrengend gewesen. Erst diese unerfreuliche Unterhaltung mit ihrem Schwiegersohn. Dann die Sitzung des Thronrates über den Einsatz der verbündeten karapakischen Truppen. Die Diskussion war chaotisch gewesen. Am karapakischen Truppenführer lag es nicht. General Ordunat war ein älterer, sehr erfahrener Grenzoffizier. Alle seine Vorschläge hatten Hand und Fuß gehabt. Mirsken hätte ihnen bedenkenlos zugestimmt. Nur ihre eigenen Leute hatten immer wieder quergeschossen. Insbesondere Graf Chilikit. Was bei den Windgeistern plante der alte Fuchs? Wollte er Tolioro und sie gegeneinander ausspielen? Zuzutrauen war´s ihm, nur ihre Entscheidung für ihren Enkel stand Chilikits Thronansprüchen im Weg. Gut möglich, dass er deswegen verärgert war.
Sie waren zu keinem Ergebnis gekommen. Mirsken fühlte bleierne Erschöpfung in ihren Knochen. Jetzt wäre ein wenig Entspannung hochwillkommen. Vielleicht konnte ihre Jüngste, Pirtala, ihr auf der Laute ein Lied vorspielen. Die Kleine war überaus begabt und hatte eine schöne Stimme. Ein Erbe ihrer kirsitanischen Großmutter. Mirsken erinnerte sich nur zu gut an die wunderschönen Lieder ihrer Heimat. Wenn sie nur einmal die Drachenberge wiedersehen könnte ... Aber sie hatte Verpflichtungen. Eine Königin verließ ihr Land nicht einfach für einen Verwandtenbesuch. Möglicherweise später, wenn ihr Enkel regierte …
Irritiert hielt sie inne. Wo waren ihre gewohnten Wachen? Mit steigender Beunruhigung sah sie sich um. Auf dem ganzen langen Flur war niemand zu sehen. Seit wann war es so still hier? Wo steckten die Diener und die Hofdamen? Aus ihrem Zimmer hörte sie undeutlich Stimmen. Männerstimmen. Waren ihre Wachen darin? Was hatten sie dort zu suchen? Mirsken stieß die Türe auf.
Wie angewurzelt blieb sie stehen. Tolioro saß dort in ihrem Sessel an ihrem Schreibtisch. Oder besser gesagt, er hatte sich hinein geflegelt, und seine Füße lagen auf ihrem Tisch. Das ungute Gefühl in Mirsken verdichtete sich zu einem harten Klumpen. Ihre Wachen?
Keiner ihrer Männer war zu sehen. Dafür standen mehrere Mann der karapakischen Leibwache Tolioros im Raum. Zwei davon glitten gerade hinter ihr zur Türe hinaus. Mirsken könnte hören, wie die Türflügel sich mit einem leisen Klacken hinter ihr schlossen. Gefangen. Sie war eine Gefangene ihres Schwiegersohnes. Einen flüchtigen Moment wanderten ihre Gedanken zu Sirit. Ihre Tochter hatte Recht gehabt. Sie hätte die Stadt besser verlassen.
Tolioro deutete ihren Blick zur Tür auf der gegenüberliegenden Seite richtig. „Oh, verehrte Schwiegermutter“, sagte er, „macht Euch keine Sorgen um Eure jüngeren Töchter. Um die habe ich mich bereits gekümmert.“ Mirsken fühlte, wie sich der Klumpen in ihren Eingeweiden zu Blei verdichtete. Was hatte das zu bedeuten?
Tolioro hielt einen schlanken Dolch in der rechten Hand und säuberte damit seine Fingernägel. „Kaum zu glauben, dass man in einem Palast so schmutzig werden kann“, sinnierte er. „Aber wir sind hier schließlich in Tolor, nicht in Karapak. Was will man da schon erwarten?“ Er sprang mit einer geschmeidigen Bewegung auf, nahm ein Papier vom Tisch und schlenderte auf Mirsken zu.
„Wie ich Euch heute Morgen schon sagte, können wir jetzt in aller Ruhe eine Alternative besprechen.“ Er hielt das Papier hoch. Abdankungsurkunde, las Mirsken.
„Ihr seid so überaus zuvorkommend und unterzeichnet einfach dieses Papier“, säuselte Tolioro. „Dann ist die leidige Diskussion aus der Welt geschafft, ich werde meinen Sohn – Euren Enkel – würdig vertreten, Chilikit wird wiederum mich als meinen Statthalter hier vertreten, und Ihr bekommt Gelegenheit, Euren Lebensabend in Ruhe zu genießen.“
„Graf Chilikit“, presste Mirsken hervor. „Er ist also in Eurer Verschwörung verstrickt! Ich wünsche ihn auf der Stelle zu sprechen.“
„Das geht leider nicht“, bedauerte Tolioro schleimfreundlich. „Der Graf setzte mich davon in Kenntnis, dass dringende Familienangelegenheiten seine Anwesenheit auf seiner Burg in den Bergen erfordern.“
Das klang nicht gut. Überhaupt nicht gut. Mirsken schluckte. Ihr Mund war trocken. „Dieses Papier unterzeichne ich nicht. Niemals.“
„Oh, aber Ihr müsst.“ Tolioros Stimme war nach wie vor schleimglatt. „Ihr habt keine Alternativen mehr.“
„Heute Morgen …“
„Die Alternativen von heute Morgen kann ich leider nicht mehr anbieten.“ Tolioro lächelte. Es lief Mirsken eiskalt über den Rücken. Konnten Dämonen lächeln? „Eure Töchter“, fuhr Tolioro fort, „haben sich leider als ungeeignet für meinen Harem erwiesen. Zu zerbrechlich.“
Zu zerbrechlich?
Der Bleiklumpen in Mirskens Eingeweiden wurde zu einem Drachen, der seine Zähne und Klauen in ihr Herz grub. Sie brachte keinen Laut heraus.
Tolioro deutete ihren Blick richtig. „Seht selbst“, sagte er vergnügt. Er ging hinüber zu der Türe, die in den Trakt der Kinder führte, und öffnete sie. Mirsken wurde von zwei Soldaten an den Armen gepackt und hinter Tolioro her gezerrt. Sie konnte ihren Körper nicht richtig fühlen. Alles in ihr war wie taub. Die Soldaten zogen sie über die Schwelle in den Aufenthaltsraum der Kinder. Das erste, was ihr auffiel, war die Farbe. Zuviel Rot, dunkles, fast schwarz wirkendes Rot, auf dem Boden, auf den Kissen, an den Wänden. Ein süßlich-metallischer Geruch lag in der Luft.
„Wie gesagt“, sagte Tolioro und stieß mit dem Fuß gegen etwas, das auf dem Boden lag. „Es gibt keine Alternative mehr. Ihr könnt nur noch abdanken. Unterschreibt mir das Papier und Ihr habt Ruhe.“
Königin Mirsken starrte auf die leblosen Körper ihrer beiden jüngsten Töchter. Die Neunjährige lag wie eine zerbrochene Puppe in der Ecke unter dem Fenster. Ihr Mund stand offen, aber ihr Schrei war für immer eingefroren. Die Elfjährige lag direkt vor ihr. Das Gesicht war unter den wirren Haaren verborgen, aber die zerrissene Kleidung und der blutige Schoß zeigten ihr nur zu deutlich, wie schmerzhaft ihre Tochter gestorben war. Nein! Nein, nein, nein! Ihr Blick wanderte irritiert zu Tolioro, der dastand, als ob es das normalste auf der Welt war, wenn Kinder im Tod zu Frauen wurden. Erwartete dieser Mann wirklich, dass sie ihm nachgab? Jetzt? Nach dem, was er gerade getan hatte? Niemals!
„Niemals!“, hörte sie ihre eigene Stimme. „Das werde ich niemals tun! Unter keinen Umständen!“
Tolioro verschränkte die Arme und lehnte sich zurück an den Pfeiler. „Ihr werdet.“
„Nein!“
„Ihr habt noch eine Tochter, die Ihr verlieren könnt.“
„Nein!“, wiederholte Mirsken. „Sirit hatte Recht. Ihr seid ein Dämon. Euch haben die Wüstenwinde ausgespien. Ich mache keinen Pakt mit Dämonen.“
„Dann“, sagte Tolioro mit seidenweicher Stimme, „werden wir sehen müssen, ob ich Euch nicht mit besseren Argumenten überzeugen kann.“ Er gab seinen Männern einen Wink. Mirsken fühlte sich erneut von rauen Fäusten hart gepackt. Dann traf sie etwas an der Schläfe. Die Welt wurde dunkel.
*
Sirit fuhr hoch. Hastige Schritte draußen auf dem Flur. Einen Moment überlegte sie, ob sie fliehen oder versuchen sollte, ihre Mutter zu warnen. Einen Moment zu lange. Schon flogen die Türflügel krachend auf und ein gutes Dutzend der karapakischen Soldaten strömte ins Zimmer. „Fesseln!“, bellte der Hauptmann. Einer der Soldaten hob ein dünnes, festes Seil und schlang es Sirit um die Handgelenke. Ein zweites Seil legte er als Schlinge um ihren Hals. „Mitkommen!“
Sirit stolperte hinter den Soldaten her. Ihr langes Nachtgewand wickelte sich immer wieder um ihre Beine und brachte sie fast zu Fall. Die Männer scherte es nicht. Wann immer Sirit langsamer wurde, stießen sie sie brutal vorwärts und zogen am Strick, dass ihr die Luft fast wegblieb.
Sirit hätte beinahe geweint, als sie ihr Ziel erkannte: Es war das private Gemach ihrer Mutter.
Im Inneren hatte das Zimmer keine Ähnlichkeit mehr mit dem gemütlichen, behaglichen Refugium, an das sie sich erinnerte. Die Teppiche waren fort, das Bett auf die Seite gekippt. An der Unterseite des Bettes, die einer Bretterwand glich, sah Sirit ihre Mutter hängen, mit dem Kopf nach unten und mit Händen und Füßen an die Beine des Bettes gefesselt. Mirsken war nackt, ihre Augen geschlossen, ihr Körper über und über mit merkwürdigen Zeichen bemalt. Zwei Kohlewannen warfen ein gespenstisches Licht auf ihren Körper. Dann erkannte Sirit, dass die merkwürdigen Zeichen auf dem Körper ihrer Mutter blutige Schnitte waren, und begann zu schreien.
„Knebelt sie, wenn sie nicht ruhig wird!“
Aus dem Schatten hinter den Feuern trat ihr Gatte Tolioro hervor. Sirit fühlte, wie sich eisige Starre über sie senkte. Sie hatte recht gehabt. Tolioro war Tolors Verderben.
Auf Befehl Tolioros banden die Soldaten Sirits Halsfessel an die Türangel, so hoch und so fest, dass sie auf Zehenspitzen stehen musste, wollte sie sich nicht selbst erwürgen. Dann trat Tolioro zu ihrer Mutter. Sanft strich er ihr über das Gesicht. „Verehrte Schwiegermutter, Eure Tochter ist eingetroffen, wie ich es Euch versprach.“
Sirit sah, wie die Lider ihrer Mutter leicht flatterten. Dann öffnete Mirsken ihre Augen und sah Sirit an. „Es ändert nichts“, flüsterte sie. „Meine Antwort ist immer noch nein.“
Tolioro griff nach einem dünnen Stab, dessen eines Ende im Kohlebecken lag. Das Eisen glühte dunkelrot. Er hielt es an Mirskens rechte Brust. Es stank verbrannt. Mirsken gab keinen Laut von sich, rührte sich nicht einmal. Tolioro zuckte mit den Achseln. „Auch gut. Wenn Ihr es so wollt … Wir wollen mal sehen, ob Eure Tochter genauso schweigsam ist wie Ihr.“ Er wandte sich Sirit zu, musterte sie kalt. Benommen fragte Sirit sich, was Tolioro überhaupt von ihrer Mutter wollte. Eines war sicher, wenn ihre Mutter schwieg, würde sie auch schweigen. Und Sirit schwieg. Sie schwieg, als er ihr das Nachtgewand vom Körper riss. Sie schwieg, als er das glühende Eisen auf ihren Körper presste. Sie schwieg, als die Glut ihre Wange verbrannte.
„Gib es auf“, hörte sie ihre Mutter endlich flüstern. „Die Töchter der Drachenberge beugen sich keinem Mann! Du hast meine Kinder ermordet, du folterst meine Tochter, du quälst mich, aber was immer du tust, meine Antwort bleibt nein!“
Tolioro fuhr mit einem unartikulierten Laut herum. Das heiße Eisen bohrte sich in Mirskens Unterleib. Sie stöhnte leise auf. Tolioro stieß erneut zu. Noch einmal. Immer schneller, immer heftiger wurden seine Stöße. Als er schwer atmend innehielt, war Mirsken längst tot.
Tolioro warf das erkaltete Eisen fort und griff nach seinem Dolch. Zwei schnelle Schnitte, und Mirskens Augen rollten über den Marmor. Er hob den Dolch, betrachtete ihn, als ob er ihn zum ersten Mal in seinem Leben sah. Dann legte er ihn mit der Klinge in die Glut.
„Gebt das Signal“, sagte er seinen Männern. „Wir fangen an.“
In den nächsten zwei Kerzen begriff Sirit mit Grauen, wie sehr sie ihren Gatten unterschätzt hatte. Tolor war als Festung gebaut und der Palast als Festung in der Festung. Aber nichts in Tolor war darauf ausgelegt, vor einer Bedrohung von innen zu schützen. Tolioros Männer legten Feuer in allen Vierteln der Stadt. Als die Menschen aufgescheucht herumrannten, um die Feuer zu bekämpfen, eröffneten die Kanonen von den Palastmauern aus das Feuer auf sie. Sirit hörte das Artilleriefeuer, fühlte die Mauern und den Fußboden des Palastes unter sich beben. Draußen flackerte der Widerschein der Feuer gegen die Berge, bildete ein tödliches Morgenrot vor der Zeit. Als die Feuer vor den Palastmauern angekommen waren, befahl Tolioro, die Körper der Königin und der anderen Toten aus dem Palast hineinzuwerfen. Die Soldaten gehorchten mit einer erschreckenden Bereitwilligkeit. Tolioro löste die Schlinge um Sirits Hals und zerrte sie zum offenen Fenster. „Sieh hin, Hure!“, zischte er. „Da unten brennen sie, die Frauen deiner Familie. So wie sie wirst auch du brennen! Du bist die letzte. Du hast das Vergnügen, bis zuletzt zusehen zu dürfen. Also sieh hin!“
Pulsuz fraqment bitdi.