Kitabı oxu: «Was wir gewinnen, wenn wir verzichten»

Şrift:

Christian Firus

Was wir gewinnen, wenn wir verzichten

Patmos Verlag

Inhalt

Vorwort

Warum Verzichten etwas mit seelischer Gesundheit zu tun hat

Ist Hans ein Loser oder ein Held? Was wir von Hans im Glück lernen können

1. Worauf wir verzichten können

Wenn das Glas voll ist, passt nichts mehr hinein Verzicht auf (noch) mehr

Lieber ankommen als hinterherjagen Verzicht auf Vergleich und Selbstoptimierung

Vom to go zum to be Verzicht auf nebenbei noch schnell

Das Nein zu anderen und das Ja zu mir Der Verzicht darauf, zu gefallen

Entscheidungen treffen Verzicht darauf, sich alles offen zu lassen

Vorfahrt für das Leben Verzicht auf Anspruchsdenken

Verzicht in der Krise Wenn wir plötzlich verzichten müssen

2. Auf der Spur des WENIGER

Was hat Dankbarkeit mit Verzicht und Lassen zu tun?

Warum Verzicht Freude bereitet

Entschleunigung

Die Motivation über das Annäherungsverhalten

Den Körper als Feedback- und Impulsgeber nutzen lernen

Kleine Schritte gehen

Mit Schwierigkeiten rechnen

Persönliche Werte und authentisches Handeln

Nachwort: Das Überleben der Menschheit kann nur mit weniger gelingen

Ausblick

Dank

Literatur

Zitatnachweise

Anmerkungen

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Wir brauchen nicht so fort zu leben,

wie wir gestern gelebt haben.

Macht euch von dieser Anschauung los,

und tausend Möglichkeiten

laden uns zu neuem Leben ein.

Christian Morgenstern

Vorwort

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Käse- oder Wursttheke, Sie haben 200 Gramm bestellt und werden plötzlich gefragt: »Darf’s auch etwas weniger sein?« Vermutlich würden Sie aus allen Wolken fallen und denken, Sie hätten nicht richtig gehört. So vertraut ist uns die gegenteilige Frage: »Darf’s auch etwas mehr sein?« Sie haben, wenn Sie dieses Buch in der Hand halten, allerdings bereits bewiesen, dass Sie bereit sind, sich genau mit diesem Weniger zu beschäftigen.

Ich möchte Ihnen nichts wegnehmen. Vielmehr möchte ich Ihnen zeigen, was Sie gewinnen, wenn Sie sich mit dem Weniger anfreunden. Die Forschungsergebnisse aus den sogenannten blauen Zonen, in denen überdurchschnitt­lich viele Frauen und Männer – Letzteres erstaunt am meisten – über hundert Jahre alt werden, weisen in Richtung Einfachheit. Es handelt sich bei den blauen Zonen um Re­gionen mit überdurchschnittlich alten und gleichzeitig gesunden Menschen. Der Erstbeschreiber Dan Buettner (»The Secrets of a Long Life«) identifizierte fünf Regionen, die er mit einem blauen Stift – daher der Name – umrandete: Okinawa (Japan), Sardinien (Italien), die Nicoya-Halbinsel (Costa-Rica), Ikaria (Griechenland) und Loma Linda (Kalifornien), wo Siebenten-Tags-Adventisten leben. Wesentliche Bedingungen für ein langes Leben sind täg­liche Bewegung (und damit ist nicht zwangsläufig Sport gemeint), einfaches Essen, ohne sich zu überessen, ein soziales, liebevolles Miteinander in Familie und Freundeskreis, Verbundenheit mit der Natur und Sinnorientiertheit. Viel Geld braucht es dafür nicht!

Es kommt sogar noch besser: Weniger hat das Zeug zum Glücklich-Machen, Weniger bietet auf vielen Ebenen einen Weg zu mehr Gesundheit, Freiheit und Entfaltung. Auf diese Entdeckungsreise möchte ich Sie mitnehmen. Dabei werden wir Hans im Glück als einen vermeintlich verrückten Experten für Verzicht kennenlernen. Ich bin gespannt, ob er vielleicht sogar zu einer Galionsfigur für eine neue Kultur werden kann.

In vielen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens wird spürbar, dass das Fass längst voll ist und oft genug bereits überläuft. Dennoch gießen wir munter weiter ein, ohne dass wir uns zur Wehr setzen und Stopp sagen. Die Folgen zeigen sich in einer sehr deutlichen Zunahme von stressbedingten Erkrankungen: Bluthochdruck, Übergewicht und Fettleibigkeit, Suchterkrankungen, Burn-out und viele andere Krankheiten. Und auch der Erde geht an manchen Stellen die Puste aus: durch fortgesetzten übermäßigen Konsum, Rohstoff- und Ressourcenverbrauch und ungezügeltes Wegwerfverhalten.

Die Menschen, die mir mit all dem in der psychosomatischen Behandlung begegnen, möchten raus aus diesem Hamsterrad. Oft finden sie den Ausgang allerdings nicht. Dieses Buch möchte dazu beitragen, rechtzeitig und immer wieder aufs Neue den Ausgang zu finden. Dabei geht es nicht darum, dauerhaft aus unseren privaten, beruflichen oder gesellschaftlichen Verpflichtungen auszusteigen oder gar auszuwandern. Aber immer wieder einmal, auch und gerade im täglichen Tun, Abstand zu bekommen von dem, was uns hetzt und treibt, und Zeit und Muße zu finden für die kleinen Auszeiten und Parkbuchten am Wegesrand, dazu möchte ich mit diesem Buch anregen.

Die Vision lautet:

Weniger Fremdbestimmung, mehr Selbstbestimmung!

Weniger Müssen, mehr Wollen!

Weniger (Selbst-)Optimierung, mehr (Gestaltungs-)Freiheit!

Weniger Tun, mehr (Sein-)Lassen!

Weniger Vergleichen, mehr Dankbarkeit!

Weniger Hast, mehr Rast!

Weniger Pflicht, mehr Kür!

Weniger Ich, mehr Miteinander!

Ich wünsche uns allen, dass wir Mittel und Wege dazu finden und ein neues Offensein für Veränderung hin zu mehr Lassen entwickeln. Ängste, darauf weisen unsere menschlichen Erfahrungen hin, gehören dazu, sie wollen erkannt und ernst genommen werden. Nur so können wir sie hinter uns lassen. Picasso spricht einmal von der »Gnade des Gehaltenseins« in der Angst des Loslassens. Das macht Mut, tiefer zu blicken und über die Ängste hinauszuwachsen. Das ist auch notwendig, weil Ängste unsere Entfaltungsmöglichkeiten und unsere Kreativität einschränken und Vorurteile begünstigen. »Wie psychologische Forschung vielfach gezeigt hat, geht Angst mit Genauigkeit, Klein­teiligkeit und Fehlervermeidung einher, nicht jedoch mit Offenheit, gedanklicher Weite und Mut für neue Ideen.«1 Von Letzterem möchte ich in diesem Buch erzählen.

Aus aktuellem Anlass habe ich ein Kapitel zur Corona­krise hinzugefügt. Gerade in dieser Krise werden einige Gedanken, die ich in diesem Buch darstellen möchte, besonders anschaulich.

Ich verstehe mich in sämtlichen Themen dieses Buches nicht als abgehobener Experte, der Ihnen wie ein erleuchteter Meister meilenweit voraus ist. Vielmehr bin ich selbst Lernender, probiere aus, verwerfe und versuche neugierig etwas Anderes. Bei vielem, was ich schreibe, meine ich genauso mich selbst. Ich bin also genauso auf dem Weg wie Sie und die meisten anderen, die sich diesem Thema zuwenden. Gehen wir also zusammen, das macht sowieso viel mehr Freude!

Entscheidungen für etwas, bedeuten immer auch Verzicht auf etwas Anderes. Jedes Ja beinhaltet ein Nein. Das ist mitunter herausfordernd und schwer, es macht am Ende des Tages allerdings lebendig und zufrieden. Unsere Persönlichkeit entwickelt sich nämlich mit den Entscheidungen, die wir treffen. Sie machen uns und unser Leben einzigartig. Mit ihnen behauen wir den Stein, der somit mehr und mehr zu unserer persönlichen Lebensskulptur wird. So gewinnen wir letztendlich viel mehr, als wir zu verlieren meinen, wenn wir Dinge sein- oder loslassen.

Verzichten lernen beinhaltet, so paradox es klingen mag, das Versprechen von Gewinn. Auszusteigen aus der Hetze des Schneller, Weiter und Mehr, des Vergleichens und Hinterherjagens lässt Freiheit und Raum entstehen. Beides sind Grundbedingungen menschlichen Wachsens. Wenn wir uns gegenseitig dabei unterstützen, wird der Gewinn für alle größer werden. Das klingt fast nach einer kapitalistischen Maxime und geht doch gerade darüber weit hinaus.

Warum Verzichten etwas mit seelischer Gesundheit zu tun hat

… dass deine Wahrheit langsam wachsen wird, denn sie ist

Geburt eines Baumes und nicht glücklicher Fund einer Formel.

Antoine de Saint-Exupéry

Verzichten, das klingt zunächst einmal überhaupt nicht verlockend, vielleicht sogar abstoßend. Möglicherweise weckt das Wort ungute Assoziationen aus Kindheit und Jugend. Unter Umständen erinnert es sogar manche an die Kriegs- und Nachkriegszeit, die von Mangel und Verzicht gekennzeichnet war. Wozu soll das gut sein? Und was daran ist gesund?

Diese Fragen sind sehr verständlich. Haben wir doch oft genug die Erfahrung gemacht, dass wir etwas brauchen, um gesund zu werden, dass uns etwas fehlt, was es auszugleichen, zu ersetzen oder zu reparieren gilt.

Und dennoch mehren sich auf vielen Ebenen Hinweise und wissenschaftliche Erkenntnisse über den Gewinn des Lassens und Verzichtens. So hat in den vergangenen Jahren das Intervallfasten für Furore gesorgt. Es beruft sich auf verschiedene wissenschaftliche Erkenntnisse, die besagen, dass ein Nahrungsverzicht über eine Zeitspanne von vermutlich 14 bis 16 Stunden körpereigene Reparaturvorgänge anstößt, die die Körperabwehr stimulieren und Selbstheilungskräfte in Gang setzen. Dem Heilfasten wird schon lange eine solche Wirkung zugesprochen. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse scheinen dies zu bestätigen. Hier also tragen Verzicht und Weglassen zu einem Mehr an Gesundheit bei. Zumindest in Tierversuchen wurde belegt, dass eine kalorienreduzierte Lebensweise mit einer Lebensverlängerung einhergeht und dass hochgiftige Chemo­therapien im Fastenmodus besser vertragen werden. Mittlerweile wird an der Charité in Berlin dazu auch über die Auswirkung auf den Menschen geforscht.

Lässt sich dies nun auch auf seelische Gesundheit über­tragen?

Der 37-jährige Herr M. war als Entwicklungsingenieur einer großen deutschen Firma seit Jahren erfolgreich in verschiedenen Tätigkeitsfeldern aktiv gewesen. Seine Erfolge hatten dazu geführt, dass er auf der Karriereleiter schnell nach oben geklettert war. Die Erwartungen an ihn waren damit nicht kleiner geworden. Zunehmend hatte sich etabliert, dass lange vor dem Abschluss eines intensiven Projekts bereits ein neues angestoßen wurde. Hinweise an seinen Vorgesetzten, dass dies zeitlich nicht zu leisten sei, beantwortet dieser stets mit wohlwollendem Schulterklopfen und Sätzen wie: »Das schaffen Sie schon Herr M., Sie sind mein bestes Pferd im Stall, das wissen Sie doch!« Dies führte dazu, dass Herr M. sich mehr und mehr anstrengte, die tägliche Arbeitszeit längst bei zwölf Stunden und mehr angelangt war und er an den Wochenenden zu Hause am Computer weiterarbeitete. Zuletzt nahm er mit seiner Familie nur noch das Abend­essen gemeinsam ein, um sich anschließend zu Hause in sein Büro zurückzuziehen und die Arbeit fortzusetzen.

Lange Jahre hatten ihm sportliche Ausgleichsaktivitäten gutgetan, auch hatte er an den Wochenenden mit seiner Familie und nicht zuletzt in Urlauben entspannen und abschalten können. Dies alles hatte längst aufgehört, ohne dass er es richtig bemerkt hatte. Auf Hinweise seiner Frau reagierte er zunehmend gereizt und verkroch sich immer mehr in die Arbeit.

Im Winter erlitt er einen fieberhaften grippalen Infekt. Da jedoch wieder einmal ein Projekt vor dem Abschluss stand, schleppte er sich wie gewohnt zur Arbeit. Später berichtete er, dass er sich bereits wie in einem Tunnel befunden hätte. Er könne sich nur noch daran erinnern, mit ausgeprägter Luftnot, Schweißausbrüchen, Herzrasen und Druck auf der Brust von einem Notarzt ins Krankenhaus gebracht worden zu sein. Einen Herzinfarkt konnte man ausschließen. Dennoch fühlte er sich derart schwach, dass er zunächst nicht entlassen werden konnte. Ein hinzugezo­gener Facharzt für psychosomatische Medizin diagnostizierte eine Panikattacke und ein schweres Burn-out-Syndrom. Herr M. wurde krankgeschrieben.

Im Rahmen des sich anschließenden Klinikaufenthaltes musste Herr M. feststellen, dass er sich in den zurückliegenden Jahren vollständig verausgabt und erschöpft hatte. Gleichzeitig hatte er den Kontakt zu seiner Familie und auch zu sich selbst verloren. Um den letztlich unerfüllbaren Vorgaben irgendwie gerecht zu werden, hatte er unermüdlich das Tempo erhöht. Wie ein Marathonläufer, der vergisst, während des Laufs ausreichend zu trinken und zwischen den Trainingseinheiten zu regenerieren, war er völlig erschöpft zusammengebrochen. Nun erkannte er in kleinen Schritten, dass es nicht immer um ein Mehr, sondern um ein Weniger an Aufgaben und beruflichen Herausforderungen gehen müsse, um gesundheitlich auf Dauer bestehen zu können. Dem »Ja, wird erledigt«, lernte er ein »Nein, nicht mit mir« entgegenzusetzen. Dies mündete schließlich in der Erkenntnis, den letzten Karriereschritt wieder rückgängig zu machen. Schon aus der Klinik heraus teilte er dies seinem Vorgesetzten mit.

Diese Fallgeschichte zeigt eindrucksvoll, was Millionen Menschen täglich erleben, wenn sie sich im Hamsterrad der Arbeitsverdichtung und unrealistischen Anforderungen befinden und die Lösung in einer fortgesetzten Beschleunigung vermuten. Oft schlägt dann irgendwann die Burn-out-Falle zu, vermeintlich plötzlich, bei genauerem Hinsehen mit vielen Vorzeichen. Dabei kann es sich um körperliche Vorzeichen von Erschöpfung handeln wie Schlafstörungen, unterschiedlichste Schmerzen und andere körperliche Beschwerden wie unbegründetes Herz­rasen oder Schwitzen ohne körperliche Anstrengung und vieles mehr. Die Erholungsfähigkeit lässt nach, man erwacht morgens gerädert und sehnt sich am Montagmorgen bereits nach dem kommenden Freitag.

Die eigenen Gedanken kreisen häufig um Themen wie »Das schaffe ich nicht mehr« oder »Wie soll ich den Tag bloß überstehen?«. Zunehmend kann sich ein Überdruss ge­genüber Kollegen oder in sozialen Berufen gegenüber den Hilfe­suchenden entwickeln. Emotional geht der Schwung für die Aufgaben des Alltags verloren, schließlich auch für die Dinge, die man eigentlich gerne tut.

Man könnte die leidvolle Burn-out-Symptomatik als eine Krankheit des »Zuviel« beschreiben. Ein Ausweg liegt im Weniger. Die Analogie zu einem leer gefahrenen Tank beim Auto kann verdeutlichen, um was es geht: Man wundert sich zunächst, dass man schon wieder tanken muss und stellt dann bei genauerer Betrachtung fest, dass das erhöhte Tempo, das Vollgasfahren, den Tank logischerweise schneller zur Neige brachte. Jeder Autofahrer weiß, dass ein langsameres, umsichtiges, vorausschauendes Fahren spritsparender ist und damit die Reichweite erhöht.

Bei uns selbst verhält es sich durchaus ähnlich: Vollgasfahren erschöpft schneller! Nur sehen wir das in der Regel nicht so rasch und anschaulich wie durch die Tankanzeige beim Auto. Und doch: Die oben erwähnten Frühwarnzeichen könnten bei besserer Kenntnis helfen, rechtzeitig gegenzusteuern. Beim Auto leuchtet das unmittelbar ein, bei uns selbst anscheinend nicht. Ich behaupte, dass die meisten Menschen mit ihrem Auto pfleglicher umgehen als mit sich selbst. Und das, obwohl ein Auto viel leichter zu er­setzen ist.

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Leistung in unserer Gesellschaft einen extrem hohen Stellenwert hat. Schon im Kindergarten beginnt für nicht wenige Eltern die Vorbereitung auf die spätere Karriere. Der Druck setzt sich in der Schule und dem Studium fort – mit spürbaren Folgen: einer Zunahme von Burn-out und anderen seelischen Erkrankungen in dieser frühen Lebensspanne. Das ist in doppelter Weise bedeutsam. Es beeinträchtigt die Entwicklung in jungen Jahren leidvoll und erhöht die Wahrscheinlichkeit für wiederholte seelische Krisen und Erkrankungen im weiteren Leben.

Der frühe Leistungsdruck spiegelt sich allerdings auch in einer einseitigen Priorisierung von sogenannten Kernkompetenzen wider, die immer weniger Zeit für die vermeintlich unbedeutenden musisch-künstlerischen und sportlichen Fächer lässt. Das gilt für die Schule und die Freizeit. Diese Schwerpunktsetzung ist fatal, weil sie einerseits durch das Wegfallen von Sport- und Bewegungsangeboten den Zivilisationskrankheiten schon früh die Türe öffnet, andererseits die Entwicklungs- und Reifungsmöglichkeiten unseres Gehirns durch Einseitigkeit beschneidet. Denn es ist heute wissenschaftlich gut belegt, dass Bewegung und künstlerisch-musische Betätigung unserem Gehirn beim Reifen und Regenerieren helfen und somit das Lernen erleichtern.2 Und so kommt es zu dem verrückten Paradoxon, dass die einseitige Verlagerung der Unterrichtsinhalte auf Wissensvermittlung in den vermeintlichen Kernkompetenzen genau diesen Wissenszuwachs behindert.

Das »Lassen« durch ein bewusstes Weniger auf unterschiedlichen Ebenen wird zu einem wichtigen Ausweg aus der Krise. Zu ihm gehört auch das Nein-Sagen, ohne das ein Lassen nicht geht. Dass dies meist ein Ja zu mir selbst bedeutet, wird oft erst im Laufe eines inneren Prozesses deutlich, der nicht nur einfach ist. Dieses Ja zu mir selbst bedeutet einen Abschied von Perfektion und Selbstoptimierungszwang, unter dem viele Menschen zunehmend leiden. Im Vergleich mit anderen scheint immer etwas unzureichend und verbesserungswürdig. Hier liegt eine Triebfeder für die beschriebene Dynamik von schneller, höher, weiter, besser, erfolgreicher.

Die gegenwärtig an Fahrt gewinnende Klimadebatte sowie der extreme Ressourcenverbrauch der Menschheit machen auch global deutlich, dass wir, unsere Nachkommen, die Menschheit als Ganzes nur eine Chance haben werden zu überleben, wenn uns ein Weniger gelingt. Dass dies nicht mit einer miesepetrigen Stimmung einhergehen muss, sondern durchaus von Freude und Dankbarkeit geprägt sein kann, davon möchte ich in diesem Buch be­richten.

Darf’s auch ein bisschen weniger sein? Vielleicht werden Sie am Ende der Lektüre dieses Buches darauf mit Ja antworten, aus freien Stücken und mit einem guten Gefühl. Das wünsche ich Ihnen und uns als menschliche Gemeinschaft! Übrigens sind Sie längst nicht mehr alleine mit diesem Thema. Vielmehr entwickelt sich spätestens seit der weltweiten Bewegung von Fridays for Future eine neue Sichtweise auf ein eigentlich uraltes Erfahrungswissen. Aus der Angst, etwas zu verpassen und abgehängt zu werden und deswegen zu konsumieren und hinterherzujagen (FOMO = Fear of missing out), entwickelt sich mehr und mehr die Lust am Lassen (JOMO = Joy of missing out)! Lassen Sie uns dabei sein und gemeinsam neue Erfahrungen machen mit diesem lebendigen und lebensverlängernden Elixier!

Ist Hans ein Loser oder ein Held?
Was wir von Hans im Glück lernen können

Ich glaube, es kommt nicht so sehr darauf an,

was wir sehen können, sondern vielmehr darauf,

wofür wir unseren Blick öffnen.

Ralf Isau, Der silberne Sinn

Hans hatte sieben Jahre bei seinen Herren gedient. Vermutlich handelte es sich um die vereinbarte Zeit, vielleicht die seiner Ausbildung, darüber jedenfalls spricht das Märchen nicht. Sein Meister dankt ihm und entlässt ihn mit einem Stück Gold als Lohn, ein Zeichen dafür, dass Hans rechtschaffen und schwer gearbeitet hatte. Glücklich packt Hans den Goldklumpen in ein Tuch und macht sich auf den Heimweg zu seiner Mutter. Da dieser Goldklumpen offensichtlich ordentlich groß ist, beginnt er ihn schon bald zu drücken, was offensichtlich ein herannahender Reiter bemerkt. Für diesen scheint es ein Leichtes zu sein, Hans von einem Tausch »Gold gegen Pferd« zu überzeugen. Hans willigt überglücklich und dankbar in diesen Tausch ein und schwingt sich auf das Pferd, um seine Reise fortzusetzen.

Zunächst fühlt Hans sich vom Glück begünstigt und so lässt er das Pferd bald schneller reiten. Da er jedoch des Reitens unvertraut ist, fällt er rasch vom Pferd und landet unwirsch in einem Graben. Dies sieht zufällig ein heranna­hender Bauer, der eine Kuh vor sich hertreibt. Da Hans nach dieser Erfahrung keinesfalls wieder das Pferd besteigen möchte, willigt er in einen erneuten Tausch »Pferd gegen Kuh« unverzüglich und freudestrahlend ein. Hans hatte diesen Tausch auch unter der Vorstellung vollzogen, dass er seine Kuh jederzeit melken könne, um damit seinen Durst zu stillen. Als er dies jedoch im ersten Anlauf nicht zustande bringt, sondern vielmehr noch einen Tritt kassiert, ist er wiederum heilfroh, dass ein weiterer Bauer bereit ist, die Kuh gegen ein Schwein zu tauschen.

Wenig später begegnet Hans einem jungen Mann mit einer gemästeten Gans. Sie kommen ins Gespräch und Hans erzählt freimütig von seinen glücklichen Tauschgeschäften. Listig erfindet der junge Mann die Geschichte eines entlaufenen Schweins im Nachbardorf und bietet großzügig seine Hilfe an, die darin besteht, das Schwein gegen seine Gans zu tauschen. Hans, wie könnte es anders sein, willigt erneut dankbar und freudestrahlend ein und setzt seine Wanderschaft nun mit der Gans fort. Er gelangt in ein Dorf und trifft auf einen munteren Schleifer, der ihn schon bald davon überzeugt hat, dass das Handwerk des Scherenschleifens eines der auskömmlichsten ist. Es kommt wie es kommen muss, Hans und der Schleifer tauschen Gans gegen Wetzstein. Auch dieser Stein ist nicht leicht und so ruht sich Hans schließlich bei nächster Gelegenheit an einem Brunnen aus. Als er den Wetzstein am Brunnenrand ablegt, um sich zum Trinken herabzubeugen, fällt ihm der Stein in die Tiefe des Brunnens. Als Hans dies bemerkt, springt er vor Freude auf, kniet sich nieder und dankt seinem Gott unter Tränen, dass er ihm diese Gnade erwiesen hat, ihn von einem schweren Stein zu befreien. Laut ruft er aus: »So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne, ich muss in einer Glückshaut geboren sein.« Mit leichtem Herzen und frei von aller Last setzt er den Weg zu seiner Mutter nach Hause fort.

Was für ein Märchen! Es bricht mit allem, was man üb­licherweise von Märchen erwartet. Kein verwunschener Prinz wird wachgeküsst, kein Dornröschen befreit aus hundertjährigem Schlaf, kein Wolf getötet und in den Brunnen geworfen. Vielmehr scheint es die Geschichte eines Tölpels und Antihelden zu sein, eines Versagers auf der ganzen Linie. Wie soll man sich an solch einem Typen ein Beispiel nehmen?

Und doch hatten die Gebrüder Grimm offensichtlich gute Gründe, auch dieses Märchen in den Kanon ihrer berühmten Sammlung aufzunehmen und es auch noch Hans im Glück zu nennen. Ich vermute, dass die Frage, was denn das für ein Glück sein soll, nicht nur aus der heutigen Perspektive, sondern schon zu Zeiten der Gebrüder Grimm eine war, die zum Nachdenken Anlass gab. Wenn es etwas gibt, was Hans kann und offensichtlich als Glück empfindet, dann ist es das Lassen, das Verzichten. Ganz offensichtlich spürt er einen Zugewinn an Freiheit, je mehr er sich von all dem, was er hat, trennt.

Hans nimmt damit bereits Ansätze der Sharing Economy vorweg, die darauf verweist, dass man etwas tauschen kann, wenn man es braucht, und es nicht selbst anschaffen muss. Dies scheint uns heute fremd, aber wir können es uns neu bewusst machen und es ausprobieren.

Die Kunst des Lassens, Loslassens und Seinlassens zu praktizieren, bedeutet, die vielen verschiedenen Formen des Festhaltens aufzugeben: Festhalten von Ereignissen, die vergangen sind; Festhalten von Plänen für etwas, das zukünftig sein soll; Festhalten an Kränkungen und Enttäuschungen; Festhalten von Erwartungen, Meinungen oder auch von Dingen, die das Leben nicht mehr bereichern, sondern die nur Raum einnehmen und einengen: Hausrat, Möbel, Kleidung, Bücher …

»Loslassen ist ein inneres Verabschieden. Es ist etwas, das wir lernen müssen: Reflexhaftes Anklammern ist etwas, das wir von Natur aus können. Loslassen – vor allem als eigene Entscheidung und nicht, weil das Schicksal uns dazu nötigt – müssen wir erst üben. Helfen kann dabei das Staunen über die Verwandlungskraft der Natur, die ein Gegengewicht zum ängstlichen Festhalten am Gewohnten und Vertrauten ist.«3 Hans, so scheint es, hat das begriffen und umgesetzt, was Brigitte Dorst als Kunst beschreibt. Er lässt ohne Murren los und fühlt sich dabei zunehmend freier. Er entscheidet sich aus freien Stücken dazu, indem er die sich dafür bietenden Gelegenheiten nutzt. Hans’ Glücksrezept ist das Lassen, das Sich-Befreien von Ballast. Interessant, dass er das als Ballast empfindet, was die meisten als Quelle des Glücks beschreiben würden.

Dass Geld (alleine) nicht glücklich macht, ist längst bekannt. Dass damit nicht gemeint ist, dass es ohne Besitz leichter und einfacher im Leben wäre, ist natürlich genauso klar. Das Märchen hat allerdings das Potenzial, die eigenen Werte abzuklopfen und sich damit auseinanderzusetzen, was für einen persönlich wirklich wichtig ist. Das kann zum Beispiel bedeuten, den nächsten Karriereschritt kritisch zu hinterfragen oder die Arbeitszeit zugunsten freier Zeit zu reduzieren, auch wenn das mit finanziellen Einbußen einhergeht.

Es geht im Leben häufig um die immateriellen Dinge, an denen wir hängen bleiben und die dadurch viel Energie ziehen: alte Kränkungen und Enttäuschungen, Erwartungen an andere, an das Leben und auch an mich selbst, die, warum auch immer, nicht in Erfüllung gingen. Viele Beziehungen scheitern, weil über Verletzungen nicht gesprochen wird, weil man erwartet, der andere solle den ersten Schritt tun, das sei doch das Mindeste. Dieses Festhalten entfaltet manchmal ein tödliches Gift. Aus der Resilienzforschung allerdings ist schon lange bekannt, dass das Verlassen der Opferrolle mit einem deutlichen Zugewinn an seelischer Gesundheit einhergeht. Wem es gelingt, aus diesem Kreislauf unguter, kräfteraubender Gefühle auszusteigen, wird oft eine Entlastung, eine Befreiung von altem Ballast erleben. Und auf einmal erscheint die Haltung von Hans tatsächlich ein Glücksrezept zu sein.

Haben Sie schon einmal die Erfahrung gemacht, sich in die Sichtweise des Gegenübers einzufühlen und in Betracht zu ziehen, dass dessen Meinung genauso zutreffend sein könnte wie die eigene? Was wäre, wenn er oder sie recht hätte? Was würde sich dadurch verändern? Könnte ich dabei etwas gewinnen? Aus der Hirnforschung wissen wir, dass wenige Inputs von außen zu Millionen Verschaltungen im eigenen Gehirn führen. Mit anderen Worten: Wahrnehmung ist immer höchst subjektiv und von unseren unzähligen bewussten und meist unbewussten Vorerfahrungen abhängig. Sie ist also keineswegs objektiv und deswegen nicht unfehlbar! Es kann sehr befreiend sein, der eigenen Meinung gegenüber immer mal wieder skeptisch zu sein.

Manchmal passiert Loslassen im vermeintlichen Scheitern und somit sicherlich nicht freiwillig. Der tiefe Fall des ehemaligen Bertelsmann- und Arcandor-Chefs Thomas Middelhoff, der 2014 wegen Steuerhinterziehung und Untreue verurteilt wurde, erzählt davon. Er saß deswegen 24 Monate im Gefängnis. 2017 wurde Middelhoff vorzeitig aus der Haft entlassen. Privatjet, Villen und die Motoryacht, das dreistellige Millionenvermögen – alles weg. Er bekennt sich zu narzisstischen Zügen in seiner Persönlichkeit, er habe um die Aufmerksamkeit der Medien gebuhlt und wollte immer noch bekannter und präsenter sein. Deswegen habe er alles verloren.

Als Wendepunkt beschreibt er seine Arbeit in einer Behindertenwerkstatt als Freigänger während seiner Haft. Es habe ihn glücklich gemacht, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun und mit diesen Menschen frohe Momente zu erleben, in denen Geld überhaupt keine Rolle spielte. Heute wünscht er sich, dass alle Manager ein paar Wochen oder besser Monate soziale Arbeit im Rahmen ihrer Ausbildung leisten sollen. Als weiteren entscheidenden Schritt seines Umdenkens in dieser Zeit beschreibt er seine Bekehrung zum christ­lichen Glauben. Er habe darauf vertrauen gelernt, dass Gott ihn halte, egal was passiert. Bei all dem habe er Demut gelernt und die Verantwortung für sein Scheitern übernommen.4

Ob Middelhoff tatsächlich ein Gescheiterter ist? Ich wage das zu bezweifeln. Er hat gefunden, was mit Geld nicht aufzuwiegen ist: Zufriedenheit und (spirituelle) Verbundenheit.

Eine ähnliche Erfahrung machte Mitte der Neunzigerjahre auch der Liedermacher und Schriftsteller Konstantin Wecker. Durch seinen exzessiven Drogenkonsum ruinierte er sich nicht nur körperlich, er verlor auch so gut wie alles, was er bis dahin besaß. Er machte eine ähnliche Erfahrung wie Middelhoff, begann intensiv zu meditieren und entwickelte eine Spiritualität, die bis heute auch bei seinen Konzerten spürbar und erlebbar ist. Wecker hat sich unter anderem in seinen Büchern Die Kunst des Scheiterns und Das ganze schrecklich schöne Leben öffentlich zu diesem Le­-

bens­abschnitt bekannt. Er ist davon überzeugt, »dass die Vergangenheit auch in der Gegenwart liegt«. Eine bud­dhis­tische Erkenntnis, aus der folgt, »dass wir die Ver­gan­gen­heit ändern können, indem wir die Gegenwart verwan-deln.«5 So gesehen gibt es vielleicht gar kein Scheitern.

Noch einmal zurück zu Hans. Mir scheint wichtig zu sein, dass Hans auf einer ganz bestimmten Reise ist, nämlich auf dem Weg zurück zu seiner geliebten Mutter. Wollte man dies als ödipale Verstrickung eines längst erwachsenen Mannes deuten, würde man das Märchen gänzlich missverstehen. Vielmehr scheint es Hans um einen derart tiefen inneren Wert zu gehen, der alles Äußerliche, und sei es Gold und Geld, nebensächlich erscheinen lässt. Hans setzt auf Verbundenheit, Zugehörigkeit und Liebe. Damit fokussiert er auf das, was zahlreiche wissenschaftliche Studien als den wichtigsten Grundpfeiler für Lebenszufriedenheit und Glück identifizieren: Gelingende Bindungserfahrungen und glückende menschliche Beziehungen. So die Ergebnisse der Grant and Glueck Study der Harvard Medical School.

Die Studie ist schon deswegen beachtenswert, weil sie seit 1938 Menschen nach dem befragt, was sie wirklich glücklich und zufrieden macht. Dafür werden diese Menschen zum Teil durch ihr ganzes Leben begleitet und immer wieder befragt. Nicht Karrieren, Erfolge, Geld und Ruhm stellen sich als das Glückselixier heraus, sondern gelingende Beziehungen. Middelhoff bestätigt in dem zitierten Interview, dass seine Beziehung zu seiner geschiedenen Frau und seinen Kindern heute besser sei als zu den Zeiten seines vermeintlichen Erfolgs.

Hans wusste dies intuitiv und seine Geschichte will uns auf eine bestimmte Weise wachrütteln und ermutigen, auf das zu setzen, was im Leben wirklich zählt. So möchte ich Sie einladen, sich mit den Fragen nach Zugehörigkeit und Liebe eingehend zu beschäftigen.

?

Wie fühlt sich das an, geliebt zu sein und zu lieben? Wo im Körper spüren Sie das? Wann haben Sie es zuletzt erlebt?

Was hat Sie Ihr Leben bisher über die Liebe gelehrt? Welche beglückenden Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Sind Sie dabei auch in eine spirituelle Dimension vorgestoßen? Und vielleicht geht es Ihnen so wie vielen Menschen, dass Sie Liebeslieder und Liebesgedichte besonders mögen. Wenn ja, welche sind das?

1. Worauf wir verzichten können

Wenn das Glas voll ist, passt nichts mehr hinein
Verzicht auf (noch) mehr

Wo man nehmen will, muss man geben.

Laotse

Ein Professor der Philosophie aus einem westlichen Land reiste einmal nach Asien. Er traf spannende Menschen und Gelehrte. Er stellte ihnen viele Fragen. Fragen nach Meditation und Gott, nach dem Sinn des Lebens und der Unendlichkeit. Doch er fand keine Antworten. Eines Tages wanderte der Professor immer weiter hoch in die Berge. Plötzlich stand er vor dem einfachen Haus eines Zen-Meisters.

Dieser lud den westlichen Mann zu sich ein. Der Pro­fessor sprudelte nur so vor Fragen und Wissensdurst. Er zählte dem Meister seine akademischen Titel auf und klagte ihm seine Verzweiflung über all die nicht beantworteten Fragen im Leben.

Der Meister schwieg. Dann sagte er: »Ich mache dir einen Tee.« Ungeduldig wartete der Professor, bis der Meister mit einer Tasse zurückkehrte. Tee trinken?, fragte sich der weit gereiste Gast insgeheim. Ich bin doch gekommen, um Antworten zu bekommen. Ob diese Reise wohl umsonst war? Gedanken schwirrten durch seinen Kopf und als er gerade aufstehen wollte, kehrte der Zen-Meister mit einer Kanne frisch aufgebrühten Tees und einer Tasse zurück. Eine Tasse Tee nach der langen Reise schadet ja nicht, bevor ich gehe, dachte sich der Professor und blieb.

Der alte Mann begann einzuschenken. Der dampfende Tee lief in die Tasse. Immer weiter und weiter. Auch als die Tasse längst voll war und sich das heiße Getränk über den Rand auf die Untertasse ergoss, hörte er nicht auf zu gießen. Erschrocken sprang der Professor von seinem Stuhl auf. »Halt! Genug!«, rief er. »Die Tasse ist doch voll! Sehen Sie das nicht?«

Da hielt der Meister inne und schaute seinem Gast zum ersten Mal ins Gesicht. Seine faltigen Augen umspielte ein Lächeln. Plötzlich sah der Mann gar nicht mehr so gebrechlich aus. Weisheit und Lebenserfahrung strahlte jede Faser seines Körpers aus.

»Genauso wie mit dieser Tasse, ist es auch mit dir«, sprach der Meister ruhig. »Du bist vollgefüllt. Mit Fragen, mit Wissen, mit Vorurteilen. Wie kann ich dir da noch Antworten geben, wenn kein Platz mehr ist? Erst wenn du deine Tasse leerst, hast du wieder Platz. Für Neues, für Einsichten, für Antworten.«6

Als ich Herrn W. das erste Mal bei der Visite kennenlernte, dachte ich sofort: Was für ein sympathischer Mensch, der mich gleich so anstrahlt, was wird dem wohl fehlen? Als ich ihn darauf ansprach, berichtete er mir, dass das genau sein Problem sei. Immer habe er anderen geholfen, sei es beim Hausbau, bei der Arbeit oder in der Familie, er habe das gerne gemacht und gar nicht bemerkt, wie er sich selbst dabei im Laufe der Zeit aus den Augen verloren habe. Als er dann eines Tages im Rahmen von Umstrukturierungen seiner Firma die Kündigung erhalten habe, sei für ihn die Welt zusammengebrochen. Wie vom Donner gerührt sei auf einmal sämtliche Energie aus ihm gewichen, er habe sich zu nichts mehr motivieren können, nicht einmal zu an sich freudvollen Dingen. Er habe sich zurückgezogen, auch weil er sich geschämt habe. Auch sei er von seinen Freunden und Bekannten enttäuscht gewesen, die sich so gar nicht um ihn, der sonst so hilfsbereit war, gekümmert hätten. Das Gefühl von völliger Erschöpfung und Niedergestimmtheit sei auch jetzt, zwölf Monate nach der Kündigung, noch nicht ganz gewichen.

Ich spreche ihn nochmals auf sein strahlendes Auftreten an und teile ihm mit, dass man all das bei ihm ja gar nicht vermuten würde. Nachdenklich fragt er nach, ob andere vielleicht dadurch seine Bedürfnisse gar nicht wahrnehmen würden und er auch deswegen keine Unterstützung erfahre. Diese Gedanken sind der Beginn einer intensiveren Auseinandersetzung mit seinem Auftreten, dem Wahrnehmen und auch Äußern der eigenen Bedürfnisse. Herr W. merkt dabei mehr und mehr, dass er durch sein permanentes Engagement für andere bis zum Rande, bis zur Erschöpfung, voll war. Und er äußerte den Wunsch, daran etwas zu verändern.

In den folgenden Gesprächen beschäftigen wir uns zunächst mit den guten Gründen für dieses Überengagement. Denn wir eignen uns kein Verhalten ohne Grund an. Herr W. erkennt rasch, dass er durch seine Art immer viel Anerkennung erhalten habe. Schon in seiner Kindheit und Jugend sei das so gewesen, das habe ihn gefreut und sein Verhalten bestärkt. Ich erkläre ihm, dass daran nichts verkehrt sei. Dass wir uns allerdings Gedanken darüber machen sollten, woher denn bei einer Ver­haltensänderung in Zukunft Anerkennung und Wertschätzung kämen.

Schließlich stoßen wir auf die Frage von Selbstwert und Selbstmitgefühl. Herr W. bemerkt, dass er sich selbst gegenüber meist kritischer sei, als andere ihn beurteilen würden. Mit sich selbst sei er eigentlich nie oder nur kurz und vorübergehend zufrieden. Daraus ergibt sich eine Aufgabe, die ich ihm ans Herz lege: Schreiben Sie jeden Tag wenigstens eine Sache auf, die Sie an sich mögen, und finden Sie etwas, womit Sie bei sich selbst zufrieden sind. Als Fortgeschrittenenübung beginnen Sie in einem weiteren Schritt danach Ausschau zu halten, worauf Sie bei sich selbst stolz sind.

Um etwas zu verändern, muss ich zunächst bemerken, dass das Glas voll ist beziehungsweise die Teetasse wie in unserer Zen-Geschichte überläuft. Der eigene Körper kann uns dabei helfen, er gibt meist ein recht gutes Feedback. Schlafstörungen, Unwohlsein, unerklärbare Schmerzen an unterschiedlichsten Stellen des Körpers, grundloses Schwitzen, Herzrasen, Appetitverlust oder unkontrolliertes Essen können Hinweise dafür sein, dass etwas nicht stimmt. Auch Gedanken von Überforderung, Fluchttendenzen aus Beziehungen oder innere Kündigung bei der Arbeit sind Warnzeichen. Und natürlich auch zunehmende Erschöpfung verbunden mit mangelnder Erholungsfähigkeit. Herr W. bestätigte mir im Laufe unserer Gespräche eine Menge der genannten Symptome. Er hatte sie nur nicht ernst genommen.

Männer tun sich damit leider immer noch viel schwerer als Frauen. Sie meinen, um jeden Preis durchhalten zu müssen und verbuchen es als Schwäche, sich Hilfe zu holen. Das Gegenteil ist der Fall: Unterstützung annehmen können, zeugt von Kompetenz und Stärke.

Wir sind den beschriebenen »Völlegefühlen« keineswegs hilflos ausgeliefert. Welche Möglichkeiten der Gegenregulation es gibt, zeigen die folgenden Kapitel.

Damit ich etwas Neues aufnehmen kann, braucht es Platz. Das gilt für Körper, Geist und Seele. Was für den Körper am Beispiel der Ernährung zutrifft, ist auch auf Seele und Geist übertragbar. Die letzte Mahlzeit muss erst verdaut sein, damit die nächste vom Körper aufgenommen werden kann. Neue Impulse und Anregungen brauchen genauso Zeit, um sich zu setzen, und Multitasking verschlechtert erwiesenermaßen unsere Gehirnleistung. Und jeder Leistungssportler weiß, dass er nach einem intensiven Trainingsreiz regenerieren muss, um sich nicht in eine Leistungsverschlechterung hinein zu trainieren. Ein- und Ausatmen sind von jeher die natürlichen Taktgeber des Lebens. Nur einzuatmen, funktioniert nicht nur nicht, es ist auch mit dem Leben nicht vereinbar. Der Körper braucht nicht nur Sauerstoff, er muss auch das Kohlendioxid loswerden. Ohne die körperlichen Ausscheidungsprozesse kommen die Organfunktionen rasch zum Erliegen.

In die gleiche Richtung weisen aktuelle Erkenntnisse der Ernährungs- und Fastenforschung. Während über die gesamte Entwicklungsgeschichte der Menschheit seit zwei- bis dreihunderttausend Jahren mehr oder weniger lange Essenspausen unfreiwillig die natürliche Regel waren, nehmen wir heute sieben bis neun und manchmal noch mehr Mahlzeiten inklusive aller Snacks und Knabbereien pro Tag zu uns. Die Konsequenzen sind schon heute sichtbar: eine enorme Zunahme der sogenannten Zivilisations­krank­heiten.

Wenn wir unseren Körper bei der Ernährung nicht mehr in Ruhe lassen, gerät er nicht nur aus dem Takt, sondern reagiert mit einer Stressantwort, die sich in einer messbaren Erhöhung von Entzündungsparametern abbildet. Das Gegenteil geschieht in Fastenintervallen, die vermutlich zwischen 14 bis 16 Stunden liegen müssen: Körperzellen bauen schadhafte Zellbestandteile ab und recyceln sie wieder. Dieser geniale Mechanismus heißt Autophagie. Für seine Entdeckung erhielt der Japaner Yoshinori Ohsumi im Jahr 2016 den Medizin-Nobelpreis.7

Es gehört zu unserem evolutionsbiologischen Erbe zwischen den Mahlzeiten nichts zu essen. Intuitiv wussten das auch noch unsere Eltern. Erst in den letzten 30 bis 40 Jahren hat sich daran etwas grundlegend geändert. Vergleicht man die Gesamtzeit der Menschheitsgeschichte, dann entspricht dies ungefähr der letzten Sekunde von 24 Stunden. Unser Genom (die genetische Grundausstattung) und vor allem unser Mikrobiom (die mit uns in engster Wechselwirkung lebenden Darmbewohner – Bakterien, Viren, Pilze und Einzeller) werden sich so schnell nicht auf diese Veränderungen einstellen, mit Sicherheit nicht zu unseren Lebzeiten.

Das müssen wir schon selbst tun, wenn wir aktiv zu mehr Gesundheit beitragen wollen, und zwar in umgekehrte Richtung, sozusagen zurück zu unseren (evolutionsbiologischen) Wurzeln.

Es braucht also Raum und Zeit, damit Bestehendes verdaut und integriert werden kann und damit Neues seinen Platz findet und sich entwickeln kann. Wir existieren überhaupt nur, weil es Raum gibt – in mir und um mich herum. Körper, Seele und Geist brauchen diesen Raum, sonst droht Krankheit. In der gegenwärtigen Welt, in der alles jederzeit verfügbar ist, müssen wir aktiv für diesen Raum sorgen. Von selbst entsteht er nicht. Körperlich führt Raumnot zum Beispiel zu Völlegefühlen, Verstopfung, Anhäufen von Giftstoffen oder Atemnot. Seelisch drohen Erschöpfung und Ausbrennen, die zu Burn-out, Ängsten und Depressionen führen können. Geistig-mental zeigen sich grübelndes Auf-der-Stelle-Treten, innere Kündigung und paradoxerweise trotz aller Fülle auch Leere- und Sinnlosigkeitsgefühle.

So formuliert Pierre Stutz treffend: »Wir brauchen Leer-Räume, um nicht gelebt zu werden, sondern voll Hoffnung und Widerstandskraft uns dem Leben in seiner ganzen Faszination und Widersprüchlichkeit stellen zu können. Wir brauchen Schweige-Räume, um Distanz zu schaffen zu den Ereignissen: die Augen schließen, um klarer zu sehen.«8 Das klingt wie ein Rezept gegen das Zuviel der westlichen Welt, in der wir alle leben. Gegen das Völlegefühl empfiehlt Stutz Leer-Räume, die es uns dann ermöglichen, wieder mit frischem Blick und neuem Mut zurückzukehren in unseren jeweiligen Alltag. Das ist das Gegenteil von Weltflucht. Es ist Lebens-Zugewandtheit, die durch das zwischenzeitliche Weniger, durch Pause und Rückzug immer wieder neu entsteht. Verzicht ist, so verstanden, keine radikale Abkehr von der Welt, sondern viel eher eine radikale Hinwendung zu ihr – mit einem klareren Blick!

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Welcher Verzicht hat Sie in letzter Zeit glücklich gemacht?

Wann haben Sie das bemerkt: unmittelbar oder zeitversetzt? Kennen Sie Leer-Räume in Ihrem Leben? Wie oft nutzen Sie sie? Was hindert Sie eventuell daran, diese Räume zu nutzen und sich Zeit für das Weniger zu nehmen?

Lieber ankommen als hinterherjagen
Verzicht auf Vergleich und Selbstoptimierung

Es gibt Wichtigeres im Leben,

als beständig seine Geschwindigkeit

zu erhöhen.

Mahatma Gandhi

In einem eindrucksvollen, nachdenklich stimmenden Experiment mit zwei Kapuzineraffen geht es um Folgendes: Zwei Affen stehen in zwei getrennten Käfigen mit Sichtkontakt nebeneinander. Sie werden für ihr Verhalten mit Gurkenstücken belohnt, die sie normalerweise sehr mögen. Immer wenn sie der Versuchsleiterin etwas aus dem Käfig herausreichen, erhalten sie ein Gurkenstück zur Belohnung. So weit so gut und unauffällig. Doch im Laufe des Experimentes verändert die Versuchsleiterin das Vorgehen, indem sie einem Affen weiterhin Gurkenstücke reicht, während der andere Affe Trauben erhält. Es dauert nur Sekunden, bis der vermeintlich benachteiligte Affe die Ungerechtigkeit wahrnimmt. Ungläubig rüttelt er an den Stäben des Käfigs. Obwohl er nach wie vor seine leckeren Gurkenstückchen erhält, verschmäht er diese nun. Im Gegenteil, er beginnt damit, wahllos Gegenstände aus dem Käfig zu schmeißen, gerät dabei sichtlich immer mehr in Rage und führt sich auf wie ein trotziges Kind.

Dieses eindrucksvolle Experiment lässt sich auf YouTube finden. Was zunächst belustigend erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinschauen als ein sehr bekanntes Phänomen, das uns allen alles andere als fremd ist. Wir vergleichen uns um Kopf und Kragen, oder zumindest verbannen wir Glück und Zufriedenheit aus unserem Leben, wenn wir die Brille des Vergleichens aufsetzen.

Heben wir das Ganze auf eine typisch menschliche Alltagsebene. Vielleicht haben wir gerade einen zehntägigen Urlaub in den Bergen gebucht, wir freuen uns auf eine erholsame Zeit fernab von Alltagshektik und Lärm. In dieser Stimmung erzählen wir unserem Nachbarn von der bevorstehenden Reise. Dieser lächelt anteilnehmend und berichtet in gleichem Atemzug, dass er demnächst auch für drei Wochen auf die Kanaren verreise. Schlagartig kippt die eben noch vorhandene Vorfreude ins Gegenteil. Sie beginnen darüber nachzudenken, warum ihr Nachbar schon wieder drei Wochen frei hat und dann auch noch das Geld, um auf die Kanaren zu fliegen. War er nicht erst kürzlich zwei Wochen im Urlaub? Das ist ja wohl eine ziemliche Ungerechtigkeit, dass jemand so viel Urlaub hat und dann auch noch derartige Reisen unternehmen kann.

Und so geschieht innerhalb kurzer Zeit etwas sehr Ähnliches wie mit dem Kapuzineraffen in dem beschriebenen Experiment. Der Vergleich mit jemandem, der vermeintlich mehr hat, vermiest uns die Stimmung, im schlimmsten Fall sogar den Urlaub, im allerschlimmsten das ganze Leben. Und das, obwohl wir bereits zufrieden waren. In­teressant ist nur, dass all dies nicht durch äußere Einflüsse, sondern durch innere Bewertungen geschehen ist. Dieses »Aufwärtsvergleichen« bietet nicht nur den Stoff für schlechte Träume, sondern auch für ein unzufriedenes Leben. Es hat das Zeug, uns zu einem »Mehr« anzutreiben, damit wir auch die Trauben bekommen, die der andere gerade isst.

Vielleicht halten wir mit diesem Ziel vor Augen nach weiteren Möglichkeiten des Geldverdienens Ausschau und streben rasche Karriereschritte an, die in der Regel mit einem Mehr an Arbeitszeit und einem Weniger an Freizeit und Erholung verbunden sind. Aber auch der Wunsch nach mehr Geltung und Anerkennung kann dieselbe Tretmühle aktivieren. Beides kostet Kraft und bindet Energie. Die allerdings stehen uns nicht unbegrenzt zur Verfügung, auch wenn wir gerade das oft ausblenden. Das Leben ist endlich. Wie will ich am Ende auf mein Leben zurückschauen?

Übrigens zeigen Untersuchungen zur weltweiten Lebenszufriedenheit, dass diese zwar vom Einkommen abhängt, aber nicht unendlich steigerbar ist. So hat sich in der westlichen Welt seit den 1980er-Jahren trotz eines weiteren Anstiegs des Bruttoinlandsprodukts, mit anderen Worten des Reichtums, die Lebenszufriedenheit nicht verändert. Mehr Geld und Besitz machen also keinesfalls glücklicher! Vielleicht lässt das die nächste Anschaffung in einem anderen Licht erscheinen. Der Homo Oeconomicus ist eine Erfindung der Wirtschaft. Es gibt zahlreiche psychologische Untersuchungen, die belegen, dass wir Menschen gerne mit anderen teilen, dass für uns Gerechtigkeit ein wichtiger Wert ist, dass wir von Natur aus hilfsbereit sind und dass deswegen ehrenamtliches Engagement für andere zufrieden macht.

Materielle Belohnung allerdings verdirbt tatsächlich unseren Charakter. Sie stimuliert unser Belohnungssystem, das dann rasch nach mehr verlangt. Wurden Kleinkinder in einem Experiment für ihre zunächst selbstlose Hilfsbereitschaft mit materiellen Dingen entlohnt, verlangten sie auch beim nächsten Mal diese Gegenleistung für ihre Hilfe. Das wirft ein brisantes Licht auf unser Wirtschaftssystem.

Auf das gleiche Phänomen stoßen wir in all den Bereichen des Lebens, die sich um Selbstoptimierung drehen, hiervon leben zahlreiche Werbebranchen und Influencer in den sogenannten sozialen Medien. Die besorgniserregende Zunahme an Schönheitsoperationen, die mittlerweile sogar von den Schönheitschirurgen selbst als kritisch angesehen werden, ist ein erschreckendes Zeugnis dieser Entwicklung. Zunehmend verändern Menschen ihre Porträts oder sonstigen Fotos mit einer Fotosoftware, bevor sie sie hochladen, um nur ja einem bestimmten Ideal zu entsprechen, das sich dadurch fatalerweise immer weiter verschärft. Denn selbst wenn wir schließlich besser aussehen als der Durchschnitt, mehr Geld verdienen als die meisten anderen, bessere sportliche Leistungen erbringen als die Peergroup oder weitere Urlaubsreisen vorweisen können als die meisten im persönlichen Umfeld, so wird unser rastloser Geist doch stets diejenigen ausfindig machen, die uns erneut voraus sind. Ähnlich wie dem berühmten Esel, der einer an einem Stab befestigten Möhre hinterherläuft und gar nicht merkt, dass er sie nicht erreichen kann, wird es uns mit dieser Philosophie niemals gelingen, satt zu werden.

Frau B., eine 28-jährige Patientin, erzählte mir bei Aufnahme in unsere Klinik, dass sie nun schon zum dritten Mal in eine Depression gerutscht sei. Angefangen habe das mit 15 Jahren. Damals habe sie sich von ihrem Umfeld ausgeschlossen und gemobbt gefühlt. Andere hätten sich über sie lustig gemacht. Sie habe den Eindruck bekommen, dass etwas mit ihr nicht stimme. So habe sie zum ersten Mal eine Diät gemacht, die schließlich in eine Magersucht gemündet sei. Mit 18 Jahren habe sie diese endlich überwunden, doch das Vergleichen mit anderen und vor allem die permanente Beschäftigung mit dem Essen sei geblieben. Ihre Stimmung kippe dadurch sehr leicht ins Negative, wenn sie ihre Essensziele nicht erreiche oder zu wenig Sport gemacht habe. Sie habe den Wunsch, endlich mit sich selbst ins Reine zu kommen und unabhängiger von der Meinung anderer zu werden, auf die sie bis zum heutigen Tage viel Wert lege, selbst wenn es sich nur um wenig vertraute Arbeitskolleginnen handelt.

Um innerlich wirklich satt zu werden, ist es notwendig, aus diesem Kreislauf des Vergleichens auszusteigen. Damit ist nicht gemeint, das Vergleichen ganz abzustellen. Das wird vermutlich den wenigsten Menschen gelingen. Es geht allerdings darum, möglichst rasch zu bemerken, welcher Film im eigenen Kopf schon wieder läuft, um ihm dann etwas anderes entgegenzusetzen. Frei nach Aristoteles bedeutet das, nicht den Wind beeinflussen zu wollen, sondern die Segel anders zu setzen. Dies kann beispielsweise auf folgende Weise geschehen: Ich bemerke meine durch das Vergleichen einsetzende Unzufriedenheit und die Suche nach Optimierungspotenzialen. Ich beginne meinen Blickwinkel auf das zu richten, was ich bereits bin und habe.

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Wie sehr hat mich das Erreichen eines Ziels erfüllt und zufrieden gemacht? Machte es einen Unterschied, ob es sich dabei um ein materielles Ziel oder einen immateriellen Wert handelte? Bei welchem Vergleich habe ich mich in letzter Zeit unglücklicher gemacht? Ist es mir schon mal gelungen, aus der Spirale des Vergleichens auszusteigen? Wie habe ich das geschafft? Wer oder was hat mich dabei unterstützt?

Wo erlebe ich Wertschätzung in meinem Leben und wofür? Was mögen andere an mir? Spielt Materielles dabei eine Rolle? Gab es eine Zeit in meinem Leben, in der ich mehr Zugang zu meinen Fähigkeiten und Stärken hatte? Wenn ja, welche waren das? Wie könnte ich heute meine Fähigkeiten und Stärken nutzen?

Bei all dem kann die Haltung der Dankbarkeit, auf die ich noch ausführlich eingehen werde, behilflich sein, weil sie auf das Ist und nicht auf das Soll schaut. Darüber hinaus kann ich immer wieder einmal das Gedankenexperiment dahingehend erweitern, dass ich mich mit all jenen vergleiche, denen es mit Sicherheit schlechter geht als mir. Dass derartige Gedankenexperimente tatsächlich Einfluss auf unser gegenwärtiges Befinden haben, zeigen zahlreiche psychologische Experimente. Eines beispielsweise fordert die Versuchsteilnehmer dazu auf, drei belastende, aber bewältigte Erfahrungen aus der Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen, was dazu führt, dass die Gegenwart positiver abschneidet und man mit dieser zufriedener wird.

Andersherum geht es auch: Man fragt Menschen, die man zufällig in zwei Gruppen aufteilt, nach der Gesamtzufriedenheit mit ihrem bisherigen Leben. Die zwei befragten Gruppen unterscheiden sich lediglich in einer vermeint­lichen Winzigkeit. Während die eine Gruppe direkt befragt wird, lassen die Versuchsleiter die anderen, vermeintlich zufällig, zehn Cent vor der Befragung finden. Kaum zu glauben, aber wahr: Die soeben gefundenen zehn Cent heben die Stimmung offensichtlich derart, dass die Frage nach der gesamten Lebenszufriedenheit signifikant positiver ausfällt als in der Vergleichsgruppe. Offensichtlich ist es so, dass das gegenwärtige Befinden, in diesem Fall ausgelöst durch das Finden eines kleinen Zehn-Cent-Stücks, das innere Bewertungssystem in diesem Moment auf bedeutsame Weise beeinflusst.

Vergleichen hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Lebenszufriedenheit. Unser Gehirn tut dies in seiner Grundeinstellung immer in Richtung Defizit und Problem. Wenn unsere Vorfahren vor zehntausend Jahren morgens aus ihrer Höhle traten, hätten sie den Tag vermutlich nicht überlebt, wenn sie sich zunächst mal in die Sonne gelegt hätten, um deren Wärme zu genießen. Vielmehr musste der Blick auf die möglichen Herausforderungen und Gefahren, eben auf die Probleme, gerichtet sein: Wo lauert ein gefährliches Tier, wie bekomme ich heute die Nahrung zum Überleben etc. Das hat sich tief in die Matrix unseres Gehirns eingeprägt.

Genauso einprägsam sind biografische Erfahrungen, die mit unerfüllten Bedürfnissen einhergingen. Auch das kann uns sehr rasch in die Tretmühle des Optimierens treiben. So kann es hilfreich sein, unterscheiden zu lernen, wer in mir sich gerade so anstrengt, anders werden zu wollen, und dafür einen hohen Preis zahlt. Wir sind nämlich nicht alleine unterwegs, sondern begleitet von unterschiedlichen inneren Anteilen, deren Bedürfnisse in der frühen Entwicklung unserer Kindheit mehr oder weniger gut erfüllt wurden. Blieben sie unerfüllt, resultiert daraus oft eine dauerhafte Sehnsucht, den Mangel zu beheben. Musste ich mich beispielsweise stets besonders anstrengen, um die Aufmerksamkeit meiner Eltern zu bekommen, so liegt es nahe, dass sich ein »Antreiber-Anteil« entwickelte, der mich stets zu noch mehr Leistung bringen will, auch wenn das heute gar nicht mehr nötig ist, um wahrgenommen und anerkannt zu werden.

Die Crux dabei: Durch Selbstoptimierung und Leistungssteigerung lässt sich dieser Mangel nicht beheben. Was kann stattdessen helfen? Freundlichkeit und Trost nach innen! Das bedeutet einerseits anzuerkennen, dass ein Anteil in mir damals in der Kindheit einen Mangel erlebt hat, andererseits darauf heute mit Zuwendung und Trost zu reagieren und das Antreiben und Optimieren zu beenden. Wenn ein Kind sich wehgetan hat, findet es am schnellsten zum Spielen zurück, wenn es in den Arm genommen wird und der Schmerz anerkannt wird. Genauso kann ich mich als Erwachsener um mich selbst kümmern.

Das alles müssen wir berücksichtigen, um die Richtung des permanenten Vergleichens und Optimierens zu beeinflussen und dabei gleichzeitig wohlwollend mit uns zu bleiben. Denn: Für die Grundeinstellung können wir nichts! Gelingt uns ein Richtungswechsel, steigern wir damit nicht nur unser Wohlbefinden, wir gewinnen auch auf anderer Ebene. Weniger Geld verdienen müssen, lässt Freiraum für das Leben selbst. Weniger an sich selbst optimieren und verbessern müssen, kann Zeit und Energie für das freisetzen, was ich als wesentlich und wirklich sinnvoll für mich erkenne. Statt permanenter Anspannung und Anstrengung entsteht so Raum für Gelassenheit und Entspannung. Dies sorgt mit Sicherheit für einen Gewinn an körperlicher und seelischer Gesundheit.

Machen Sie sich bewusst, dass unser Gehirn die Misserfolge der Vergangenheit ebenso überbewertet wie die Sorge vor der Zukunft.9 Es lässt die Zukunft so erscheinen, als wäre sie bereits real. Dabei wird sie nie so werden, wie ich mir das gerade vorstelle. Die Auswirkungen dessen spüre ich allerdings jetzt: Unzufriedenheit, Sorge, Ängste. Unser Gehirn neigt dazu, das Gute im Augenblick genauso wie unsere bisherigen Erfolge zu übersehen oder zumindest unterzubewerten. Verrückterweise sehnen wir uns später oft nach dem zurück, was wir früher einmal erlebt haben, obwohl wir uns in der damaligen Gegenwart gar nicht so glücklich gefühlt haben.

Evolutionsgeschichtlich war über die gesamte Menschheitsentwicklung der Blick auf die Gefahren überlebenswichtig, das hat unser Gehirn perfektioniert. Heute ist es für die eigene Gesundheit und, wie ich glaube, auch für das Überleben der Menschheit notwendig, auch auf das Erreichte, das Gute, den Augenblick zu schauen.

Dort, wo uns das gelingt, kommen wir an und müssen nichts weiter erreichen. Wir befinden uns im »grünen Bereich« und genau das befreit uns aus der Spirale von Stress und Getriebensein, dem orange-roten Bereich in unserem Leben. Negatives Stresserleben treibt uns an und aktiviert Reaktionen von Kampf, Flucht oder gar Erstarrung. All das führt damit weg von dem, was jetzt gerade gut ist. Interessanterweise gelingt diese Haltung des Ankommens Menschen ab etwa Mitte 50 viel besser, sie müssen nicht mehr allem hinterherjagen und haben oft die sogenannte Rushhour des Lebens schon hinter sich. Dadurch sind sie wesentlich zufriedener und glücklicher mit ihrem Leben.10

Noch etwas gilt es zu berücksichtigen. Selbstoptimierung zeigt dem anderen nur eine Seite von mir und tut so, als gäbe es keine anderen: keine Schwächen, keine Zweifel und keine Unsicherheiten. Das schafft keine Nähe, sondern Distanz und macht in letzter Konsequenz einsam, wie der amerikanische Mediziner Dean Ornish feststellt.11 Damit untergräbt Selbstoptimierung das überlebenswichtige Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit. Die Geschichte von Michael Jackson entfaltet vor diesem Hintergrund eine nochmals andere Perspektive und zeigt, wie ich finde, eine tiefe menschliche Tragik. Einer der erfolgreichsten, berühmtesten und reichsten Musiker der Popgeschichte vereinsamte mit zunehmender Selbstoptimierung, unter anderem in Form zahlloser Schönheitsoperationen, immer mehr. Ob ihn diese Einsamkeit möglicherweise auch zu sexueller Gewalt an Kindern trieb, vermag ich nicht zu entscheiden, es würde aber durchaus passen.

In unserer Klinik machen wir die gegenteilige Erfahrung. Immer wieder beschreiben Patienten es als entlastend und beziehungsstiftend, Gefühle und damit vermeintliche Schwäche zeigen zu können und dabei festzustellen, dass sie all das mit den meisten anderen teilen. So ist denn auch die sogenannte Universalität von leidvollen Erfahrun­gen eines der entscheidenden Wirkprinzipien von Gruppenpsychotherapie.

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Habe ich schon mal erlebt, dass es wohlwollend aufgenommen wurde, wenn ich meine »Schwächen« gezeigt habe, und dass mich dies erleichterte? Mit wem habe ich diese Erfahrung geteilt? Wem gegenüber könnte ich mir heute vorstellen, meine Masken einmal ein wenig zu lüften? Und wie fühle und verhalte ich mich, wenn andere mir ihre Schwächen offen­baren?

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Gerne darf der Blick auch auf die andere Seite gerichtet werden: Was mag ich an mir? Womit in meinem Leben bin ich zufrieden? Was darf gerne so bleiben, wie es ist? Und vor allem: Was sind denn eigentlich meine Fähigkeiten und Stärken? Wem nichts einfällt, den lade ich zu einer kleinen Reise in die eigene Vergangenheit ein.

Was konnten Sie als 8-Jährige, als 18-Jähriger, als 28-Jährige besonders gut? Welche Stärken haben andere damals in Ihnen gesehen? Wo waren Sie mutig, kreativ, neugierig, bescheiden, mitfühlend, gerecht, fair, liebevoll, demütig? An was haben Sie damals geglaubt und worüber gelacht?

Das alles und noch viel mehr sind nämlich Stärken und Fähigkeiten. Auf sie zu blicken, macht das Leben reich. Die positive Psychologie hat sich ausführlich damit beschäftigt und festgestellt, dass über alle Kontinente, Religionen und Weltanschauungen hinweg ganz Ähnliches als Stärke und Tugend beschrieben wird.

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Und dann können Sie, wenn Sie mögen, noch einen Schritt weiter gehen, indem Sie sich fragen: Was würde sich verändern, wenn ich mich mit meinen »Macken« versöhnte? Und nur mal angenommen, ich könnte bestimmte Begrenzungen und Einschränkungen an mir freundlich anschauen, welchen Unterschied würde das machen? Könnte ich diese Begrenzungen und »Macken« vielleicht sogar nutzen? Wie könnte das aussehen?

Diese ungewöhnlichen und lohnenden Fragen bergen ein enormes Potenzial. Sie können dem Selbstoptimierungswahn etwas Entscheidendes entgegensetzen, etwas, was Sie längst schon besitzen! Und Sie gewinnen eine Menge: Zeit, Geld, Gelassenheit, Zufriedenheit und vieles mehr.

Das Versprechen, alles erreichen zu können, wenn man sich nur genug anstrengt und optimiert, ist eine Anleitung zum Unglücklichsein! Es ist eine Tretmühle: Egal wie schnell und erfolgreich man tritt, man landet in aller Regel dort, wo man gestartet ist. Warum? Weil sich unsere Vergleichspunkte genauso schnell drehen wie unsere Erfolge. Es ist wie mit einem schnellen Auto, das neben einem genauso schnellen fährt – man bemerkt das Tempo nicht und hat den Eindruck, dass man im Vergleich mit dem anderen an der gleichen Stelle ist wie zuvor. In der Sozialpsychologie nennt man dieses Phänomen »shifting baselines«. Die Bezugspunkte entwickeln sich immer mit und mit ihnen unsere Ansprüche. Deswegen möchten die meisten Befragten eines Experimentes auch lieber in einer Gesellschaft leben, in der sie mehr als der Durchschnitt verdienen, selbst wenn sie das Doppelte erhalten könnten, dafür aber im Lohn-Mittelfeld landeten.12

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9783843612944
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