Kitabı oxu: «Mosquito»
Christian Gude
Mosquito
Kriminalroman

Zum Buch
DIE LIEBE, DER KRIEG UND DER TOD Sporttaucher finden im »Großen Woog«, dem über 400 Jahre alten Gewässer am Rande der Darmstädter Innenstadt, die Überreste eines Mannes. Untersuchungen des Rechtsmedizinischen Institutes in Frankfurt ergeben, dass die Leiche schon mehrere Jahrzehnte im See gelegen hat. Der einzige Hinweis, der zu der Identität des Toten führen könnte, ist eine seltsam gravierte Metallmünze, die er um den Hals trägt: Name und Losung einer britischen Mosquito-Schwadron, die am 11. September 1944 an der verheerenden Bombardierung Darmstadts beteiligt war, die als die »Brandnacht« in die Annalen der Stadt einging. Hauptkommissar Karl Rünz bittet über das BKA Interpol um Unterstützung. Frank Cooper, ein britischer Spezialist für die Identifizierung alliierter Kriegsopfer aus dem zweiten Weltkrieg, verstärkt das Team. Die beiden begeben sich auf Spurensuche und machen eine erstaunliche Entdeckung …
Christian Gude wurde 1965 in Rheine/Westfalen geboren. Er studierte Geografie in Mainz und lebt heute mit seiner Frau und seinem Sohn im südhessischen Darmstadt. Für ein international operierendes Consulting-Unternehmen arbeitet er als Marketingexperte. Seit 2007 schreibt Gude im Gmeiner-Verlag Kriminalromane, in deren Mittelpunkt der Darmstädter Kriminalhauptkommissar Karl Rünz steht. Im fünften Band nun ermittelt der kauzige Misanthrop auf eigene Rechnung – als Privatdetektiv. Die Rünz-Fälle sind anders – sie verbinden präzise Recherche mit satirischem Sprachwitz, Gesellschaftskritik mit absurder Situationskomik und faszinierenden wissenschaftlichen Detailreichtum mit pointierten Dialogen.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Neuausgabe 2021
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © greenpapillon / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-3310-8
Haftungsausschluss
Soweit im Nachwort nicht explizit erwähnt, sind alle Protagonisten dieses Romans frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig. Die im Roman verwendeten Fachtermini und erklärungsbedürftigen lokalen Ausdrücke und Bezeichnungen sind in einem Glossar im Anhang erläutert.
Übersichtsplan

Der Große Woog im südhessischen Darmstadt ist heute ein Badesee am Ostrand der Innenstadt. Die Anlage des Gewässers zwischen 1560 und 1570 geht zurück auf Ludwig den Vierten, Landgraf von Hessen-Marburg, und seinen jüngeren Bruder Georg den Ersten, Landgraf von Hessen-Darmstadt.
Detailplan

Prolog
Seit Jahren war er nicht mehr im Keller gewesen. Aufsteigende Feuchte hatte den Innenputz der Wände von der Fundamentplatte aufwärts gelöst, auf den Fugen des freigelegten Ziegelmauerwerks blühten mineralische Krusten. Die Luft war feucht und stockig, ein unangenehmer Geruch, der immer durch die offene Kellertür in den Wohnbereich gezogen war, wenn seine Mutter Vorräte heraufgeholt hatte. Jürgen Wolf dachte über den feinen Unterschied zwischen Ursache und Anlass von Ereignissen nach, den ihm sein Geschichtslehrer an der Viktoriaschule fast 20 Jahre zuvor zu vermitteln versucht hatte. Auf seine Situation übertragen, war der Anlass klar definiert – der Besuch eines Polizisten, einige Artikel in der ›Darmstädter Allgemeinen Zeitung‹. Die Ursache war viel schwieriger zu fassen. Sie war fester Teil seines Lebens, er konnte sie nicht an einem Datum festmachen. Sie lag irgendwo in den letzten 30 Jahren des Schweigens in seiner Familie. Letztendlich war es müßig, darüber nachzudenken. Er stand im Keller und hatte seine Entscheidung getroffen. Und anders, als er in all den Jahren befürchtet hatte, bereitete ihm sein Beschluss keine panische Angst, sondern Erleichterung. Der Plan, den er ausführte, hatte seit Jahren in seinem Kopf existiert, abruf- und ausführbar wie eines der zahlreichen Computerprogramme, mit denen er sich an seinem Arbeitsplatz beschäftigte.
Dutzende alter Kartons mit Spielsachen aus seiner Kindheit und Jugend räumte er um, Metallbausätze, physikalische und chemische Experimentierkästen, verschimmelte Bildbände über Weltraumfahrt, Raketentechnik und Tiefseetauchen. Die Wachstumsbedingungen für Pilzmyzele waren ausgezeichnet in dieser Gruft, der graue Belag haftete sogar an Metall- und Kunststoffteilen.
Die Uniform entdeckte er in einer Pappschachtel, die direkt an der Außenmauer auf dem klammen Estrich stand. Boden und Rückwand der Box lösten sich auf in dem Moment, als er sie hochhob. Er fand eine besser erhaltene mit verrosteten Ausstechformen für Weihnachtsplätzchen, schüttete deren Inhalt auf den Boden und legte den Overall vorsichtig hinein. Die verrotteten Baumwollfasern rissen bei der geringsten mechanischen Beanspruchung.
Er löschte das Kellerlicht, verließ das Haus durch die Hintertür und befestigte den Karton auf dem Gepäckträger seines Fahrrades. Auf der Heinrich-Fuhr-Straße spähte er über den Grünstreifen Richtung Woog und nach Osten zum Trainingsbad, konnte seine Mutter aber nicht entdecken. Entweder sie war unten an der Uferböschung und fütterte Enten oder sie gönnte sich an der Trinkhalle vor dem Trainingsbad einen Underberg – für die Verdauung. An der Kreuzung Nieder-Ramstädter- und Heinrichstraße zögerte er. Der Weg durch das verwinkelte Paulusviertel war sicher etwas kürzer, aber er wollte sich nicht verfahren. Sein Aktionsradius war von Kindheit an eingeschränkt, die Region südlich der Viktoriaschule für ihn Terra incognita. Er wählte die sichere Variante über die Nieder-Ramstädter Straße nach Süden, am alten Friedhof und der Georg-Büchner-Schule vorbei, die ihn mehr an ein Kasernengelände als an ein Gymnasium erinnerte. Der Höhenunterschied brachte ihn kaum außer Atem, aber er wurde nervöser, je näher er seinem Ziel kam. Auf Höhe des Hochschulstadions wäre er beinahe gedankenversunken in eine Gruppe Sportstudenten hineingefahren. Die jungen Männer produzierten sich gleich als Beschützer ihrer Kommilitoninnen und raunzten ihn an, die Mädchen machten sich über seine Aufmachung lustig. Er trat, so kräftig er konnte, in die Pedale und flüchtete. An der ARAL-Tankstelle hinter dem Böllenfalltor-Stadion versorgten sich einige Fans des SV 98 mit Dosenbier. Er vermied den Blickkontakt, um eine weitere Konfrontation zu verhindern. Hinter dem Betriebshof der HEAG bog er rechts in die Klappacher Straße ein und ließ sein Rad den halben Kilometer von der Anhöhe zum Polizeipräsidium hinunterrollen, den Karton auf seinem Gepäckträger mit einer Hand festhaltend.
Noch konnte er zurückfahren, den alten Overall wieder in den Keller legen und einfach mit seiner Mutter so weiterleben, wie er es seit Jahren getan hatte. Aber bald würde der Punkt kommen, an dem er nicht mehr umkehren konnte. Das limbische System seines Zwischenhirnes setzte unaufhaltsam eine komplexe physiologische Reaktionskette in Gang, sein Sympathikus initiierte die Ausschüttung von Adrenalin. Aufmerksamkeit, Sinnesempfindlichkeit, Muskeltonus, Puls und Herzfrequenz erhöhten sich, er atmete schneller und flacher. Er hatte Angst. Seine Amygdalae befahlen ihm umzukehren, aber er widerstand.
1
Rünz stand auf dem Damm am Westufer des Großen Woogs. Es war trotz der frühen Stunde bereits hell, die Sonnenwende lag nicht lange zurück. In der Nacht hatte ein leichter Ostwind Moder und Exkremente der Enten auf der Wasseroberfläche herübergetrieben. Die faulige Mischung dümpelte zwischen den Betonstegen der alten Wettkampfanlage und verbreitete einen unangenehmen Geruch. Der Ermittler beugte den Oberkörper nach vorne, stützte die Unterarme auf das Metallgeländer, das den Dammweg von der Uferböschung trennte. Er zitterte, hatte Schweißperlen auf der Stirn. Die in seinen Blutbahnen zirkulierenden Abbauprodukte des Alkohols bereiteten ihm bei der geringsten Anstrengung pulsierende Kopfschmerzen, die im Rhythmus seines Herzschlages über den Nacken schossen. In Abständen von wenigen Minuten überspülten ihn Wogen der Übelkeit, die er verzweifelt zu glätten versuchte. Sobald er die Vorboten des Brechreizes spürte, den verstärkten Speichelfluss in seinen Wangentaschen und die Spannung der Bauchdecke, richtete er sich auf, hob die Arme und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf, stechend riechende Schweißflecken in seinen Achselhöhlen entblößend. Indem er den Körper streckte und flach atmete, hoffte er, den Druck des Zwerchfells auf seinen Magen zu senken. Er musste um jeden Preis vermeiden, was ihm wie nichts anderes auf der Welt panische Angst bereitete – das Erbrechen.
Die Pappeln auf der nördlichen Seeseite standen regungslos glitzernd in der Morgensonne, erstarrten Flammenwerfern gleich, die lotrecht in den Himmel fauchen. Aus der Uferböschung am Nordufer stieg ein Graureiher auf und drehte seine Platzrunde über dem See. Am Westufer wendete er seinen Kopf Rünz zu und schien ihn sekundenlang zu beobachten. Bis auf einige neugierige Frühschichtarbeiter waren die Straßen noch leer, die ersten Badegäste erst in zwei bis drei Stunden zu erwarten. Rünz schaute nach links zur frisch sanierten Jugendherberge. Drei oder vier Dutzend Pubertierende drückten sich an den Fenstern ihrer Schlafsäle die Nasen platt, einige Gruppenleiter schienen erfolglos zu versuchen, die Teenager zurück in die Betten zu treiben. Davon abgesehen war die Szenerie auf und um den See bestimmt von der ruhigen und professionellen Aktivität einer Handvoll DLRG-Männer, Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten. Etwas nördlich der Seemitte waren Taucher im Einsatz, sie wurden von Kollegen in schwarzen Schlauchbooten mit Seilen gesichert.
Rechter Hand, auf der Betonplatte am Fuß des massiven Sprungturmes, lag einer der Taucher auf der Seite. Sein Oberkörper war frei, der rote Neoprenanzug bis zu den Hüften herabgezogen. Seine Ausrüstung – Maske, Flossen, Atemregler, Flaschen, Ballastgürtel – lagen verteilt entlang einer nassen Spur, die von einer der Trittleitern bis zu seinem Liegeplatz führte, so als hätte er auf der Flucht Ballast abgeworfen. Sein Zustand schien stabil. Er war bei Bewusstsein und sprach mit einigen seiner Kollegen, die neben ihm knieten. Zwei Sanitäter, die ihn untersucht und versorgt hatten, packten ihre Ausrüstung zusammen. Etwas abseits unterhielt sich ein untersetzter Grauhaariger mit Sprechfunkgerät und rotgelber DLRG-Jacke mit einem großen, sportlich wirkenden Zivilisten, um die 30 Jahre alt, der sich auf einem kleinen Block Notizen machte. Der Große beendete das Gespräch, verabschiedete sich, stieg schräg den Damm hinauf und kam auf Rünz zu.
»Sie sehen schlecht aus, Chef.«
»Sicher nicht so schlecht, wie ich mich fühle, Herr Wedel.«
Rünz fehlte die Energie, auf die Respektlosigkeit seines Assistenten angemessen zu reagieren.
»Hat der ihn gefunden?« Rünz wies mit dem Kopf zum Sprungturm.
»Ja, hat ihn ganz schön erwischt. Der Junge ist neu in der DLRG-Truppe, die haben hier drüben unter der Kneipe ihr Basislager. Der Dicke unten mit der roten Jacke ist Olaf Deiters, der Leiter der Gruppe. Das hier sollte eine ganz lockere Einstiegsübung für einen Tauchlehrgang werden und dann so was.«
»Was hat der Junge denn? Schock?«
»Sein Kollege sagt, dass er fast an seinem Erbrochenen erstickt ist.«
Rünz zuckte zusammen. Sein Assistent wich einen Schritt zurück, er hatte die Körperausdünstungen seines Vorgesetzten registriert.
»Er ist am Seegrund entlang getaucht, ist ja nur ein paar Meter tief, aber total trüb. Bei der Sichtweite hat er den Toten wohl erst gesehen, als er ihn 10 oder 20 Zentimeter vor der Nase hatte. Jedenfalls schwört er Stein und Bein, dass da unten einer liegt. Hat natürlich einen Koller gekriegt, konnte aber sein Mundstück nicht ausspucken, weil er so eine Vollmaske getragen hat. Als er endlich wieder oben war, ist er wie ein Verrückter mit kompletter Ausrüstung hier zum Familienbad rübergepaddelt, obwohl es zum Nordufer drüben viel näher gewesen wäre.«
»Seine Kollegen haben noch nichts gefunden?«
»Bis jetzt nicht, aber die wissen ja auch nur ungefähr, wo der Junge seinen Schock bekommen hat. Müssen halt jetzt jeden Quadratmeter absuchen. Schlage vor, wir sperren den Woog heute für die Badegäste.«
»Langsam, wir schauen erst mal, ob da unten nicht nur eine Schaufensterpuppe liegt. Ist ja noch ein bisschen hin, bis die Kassen öffnen.«
Die beiden Ermittler verfolgten schweigend die Arbeit des Teams auf dem See. Nach einigen Minuten stieg einer der Taucher an die Oberfläche und ließ sich von seinen Kollegen ins Boot ziehen. Er nahm die Maske ab und schien über einen Fund zu berichten, die Entfernung war aber zu groß, um ihn zu verstehen. Mit den Händen gestikulierend, stellte er Größen- und Lageverhältnisse dar. Einer der anderen im Boot nahm über Sprechfunk Kontakt mit seinem Gruppenleiter am Sprungturm auf. Deiters kam nach einem kurzen Wortwechsel zu den Ermittlern auf den Damm hoch.
»Sie haben ihn, der Junge hat sich nicht getäuscht. Die Leiche steckt im Schlamm fest, sichtbar ist nur ein Teil des Schädels, ein Unterarm mit Hand und die Fußspitzen, alles skelettiert. Ist in Rückenlage, auf der Körpermitte liegt ein schwerer Brocken, könnte Beton sein, den müssen wir erst irgendwie hochziehen, vorher ist an eine Bergung nicht zu denken.«
»Das riecht nicht nach Badeunfall«, murmelte Rünz. »Können Ihre Leute die Stelle mit einer Boje markieren und sich in Bereitschaft halten?«
»Kein Problem.«
»Herr Wedel, kontaktieren Sie bitte Stadtverwaltung und Badeaufsicht, das Familienbad und das Freibad drüben auf der anderen Seite müssen heute und morgen geschlossen bleiben. Und dann versuchen Sie bitte, Sybille Habich vom KTU beim LKA zu erreichen, bitten Sie sie, möglichst sofort mit einem kleinen Team zu kommen. Außerdem hätte ich für die Leichenschau gerne Bartmann hier, ich bin sicher, Sie erreichen ihn jetzt schon in der Kennedyallee.«
Wedel setzte sich mit seinem Mobiltelefon ab. Die Aktivität hatte Rünz etwas von seinen Beschwerden abgelenkt – er sehnte sich jetzt nach einer Flasche Cola, erfahrungsgemäß der einzige Rettungsanker für seinen ziellos im Bauchraum herumtreibenden Magen – vorausgesetzt, er schüttelte die Kohlensäure vollständig ab und nahm die koffeinierte Plörre langsam und in homöopathischen Dosen zu sich.
Gut anderthalb Stunden später saß er vor einer Pepsidose in der Jugendherberge bei einer improvisierten Lagebesprechung mit Robert Bartmann vom Rechtsmedizinischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt und Sybille Habich vom Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes Wiesbaden. Die zeitgenössische, funktionale Innenarchitektur der Unterkunft hatte wenig mit Rünz’ Klischeevorstellungen von Jugendherbergen zu tun. Einzig die omnipräsenten MP3-Autisten mit ihren Ohrstöpseln verrieten die eigentliche Zielgruppe des Hauses. Die Einrichtung war komplett modernisiert, der DJV hatte mehrere Seminarräume eingerichtet, die er nach den Stadtteilen Darmstadts benannt hatte. Die Dreiergruppe saß standesgemäß im Raum Bessungen mit Blick zum Woog, ein kleines, aber helles und funktional ausgestattetes Arbeitszimmer mit Flipcharts, Beamer, Tafel und Pinnwänden.
»Puh«, stöhnte Bartmann, die Nase rümpfend. »Hier könnte mal einer eine Dusche vertragen.«
Rünz lief rot an, obwohl der Mediziner ihn offensichtlich nicht als Verursacher der Geruchsbelästigung identifiziert hatte. Bartmanns Bemerkung überspielend, referierte er hastig den Sachstand und wendete sich an Habich.
»Haben Sie eine Idee, wie wir die Leiche möglichst schonend bergen können und eine ordentliche Spurensicherung am Fundort hinbekommen?«
»Da fallen mir spontan drei Möglichkeiten ein, von denen Ihnen zwei ganz sicher nicht gefallen werden.«
Habich kicherte über ihre Bemerkung wie ein kleines Schulmädchen, für eine ausgewiesene Spezialistin im Alter von fast 50 Jahren eine deplatziert und infantil wirkende Masche, mit der sie sich bei Besprechungen präventiv vor Angriffen und Kritik zu schützen suchte. Sie hatte die aschfahle, ledrige Haut einer langjährigen starken Raucherin und wirkte nervös, weil sie sich in der Herberge keine Zigarette anzünden konnte.
»Erklären Sie mir alle drei.«
»Die erste: Wir lassen den ganzen See ab, bis am Fundort nur noch ein paar Zentimeter Wasser stehen, genug für eine Arbeitsplattform mit flachem Boden. Das würde sicher ein paar Tage dauern, aber wir hätten optimale Arbeitsbedingungen.«
Bartmann nickte zustimmend, Rünz schüttelte den Kopf.
»Und ich werde von einer Meute aus Anglern, Woogsfreunden, Naturschützern, Enten, Schlammbeißern und Badegästen, angeführt vom Oberbürgermeister, aus der Stadt gejagt. Die Alternativen, bitte.«
Habich giggelte. Bartmann rollte mit den Augen. Erwachsene Menschen, die zur Regression neigten, waren ihm zuwider.
»Na ja, Möglichkeit zwei: Wir könnten rund um die Fundstelle eine Spundwand einbauen und innen das Wasser abpumpen, dann hätten wir zumindest ein paar einigermaßen trockene Quadratmeter, auf denen wir bergen und sichern könnten.«
»Wie viel Aufwand ist das?«
»So eine Wand ist aus einzelnen Metallprofilen zusammengesetzt, die direkt nebeneinander mit einer hydraulischen Presse in den Seegrund gedrückt werden. Dazu braucht es allerdings schweres Gerät, das kostet ein paar Wochen und einige 10.000 Euro, und Ärger mit den Naturschützern wird es da auch …«
»Ich hoffe, das waren die beiden Möglichkeiten, die mir nicht gefallen werden«, unterbrach Rünz sie.
Sie kicherte wieder.
»Richtig. Vorschlag drei, mein Favorit: Wir ziehen mit einer Seilwinde den Betonklotz hoch. Dann organisiere ich so eine Art Staubsauger, mit dem Unterwasserarchäologen arbeiten. Damit können wir den Schlick auf der Leiche und drum herum absaugen und an Land mit einer Filtereinheit alles auf Verwertbares sieben. Mit dem Sauger könnten wir heute Nachmittag schon loslegen und der finanzielle Aufwand ist überschaubar. Dafür brauche ich allerdings die DLRG-Truppe zur Unterstützung.«
Rünz schaute zum Rechtsmediziner.
»Einwände, Herr Bartmann?«
Der Rechtsmediziner blinzelte aus dem Fenster in die Morgensonne. Er nahm seine Brille ab und massierte seine Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir den Korpus unversehrt herausbekommen. Mir wäre am liebsten, wir könnten ihn mit dem Seesediment, in dem er steckt, wie ein Kuchenstück herausschneiden, dann könnte ich ihn an Land quasi in situ…«
»Das wird nicht funktionieren«, unterbrach ihn Habich. »Dafür müssten wir mindestens zwei oder drei Kubikmeter tropfnassen Schlick mit herausheben, das sind über zwei Tonnen Gewicht. Das geht nur mit einem großen Greifer, das haben nur Schwimmbagger, das ist unrealistisch.«
Rünz versuchte zu vermitteln. »Wenn Sie mit Ihrem Staubsauger den Körper vom Schlamm befreien, können wir ihn vielleicht konventionell mit ein paar Tragegurten heben. Wir müssten schonend vorgehen.«
»Ziehen Sie mir wenigstens rund um die Leiche vier oder fünf Sedimentproben mit dem Kernbohrer, ich will sehen, ob die Stratigrafie gestört ist. Außerdem brauche ich ein paar Wasserproben aus verschiedenen Tiefen.«
Bartmann leistete kaum Widerstand, er schien erschöpft. Er arbeitete zuviel, hatte aber keine Alternative. Weit in der zweiten Lebenshälfte wurde die noch zur Verfügung stehende Zeitspanne für produktive berufliche Tätigkeit überschaubar, eine deprimierende Erkenntnis für einen leidenschaftlichen Wissenschaftler.
Rünz ließ die beiden für die Klärung technischer Details alleine und ging. Er übergab Wedel, der noch mit den DLRG-Leuten am See stand, die Einsatzleitung vor Ort mit der Bitte, ihn rechtzeitig zur Bergung zu rufen. Dann fuhr er nach Bessungen ins Präsidium.
2
Er versah seine Bürotür mit einem ›Bitte nicht stören‹-Schild und unterrichtete die zuständige Staatsanwältin telefonisch. Sie gab ihm vorab das mündliche Einverständnis für die besprochenen Aktionen am Fundort. Sein Vorgesetzter Eric Hoven würde ihn im Laufe des Tages sicher noch kontaktieren, aber nicht vor Mittag. Hoven hatte einen Termin beim BKA Wiesbaden, es ging um effizientere Zusammenarbeit zwischen BKA, LKAs und Präsidien, schlankere Entscheidungsstrukturen, optimierte Kommunikationsprozesse, verbessertes Qualitätsmanagement – die postmoderne Sintflut, die aus der Wirtschaftswelt heraus alle Lebensbereiche überschwemmte und vor der Staatsgewalt nicht Halt machte.
Rünz legte den Kopf auf den Schreibtisch und döste ein. Kurz vor Mittag schreckte er auf, in einem der Kreißsäle im Marienhospital mussten die Fenster offenstehen, er hörte die markerschütternden Schreie einer Gebärenden. Übelkeit und Kopfschmerzen waren leichtem Hunger gewichen. Er fand in seinem Schrank ein Ersatzhemd und machte sich in den Sanitärräumen der Bereitschaftspolizei frisch. Dann ging er in die Kantine und stellte sich einige Beilagen zusammen, gekochten Reis und Salzkartoffeln, Speisen mit denkbar geringem Risiko einer Kontamination durch pathogene Erreger, die sich in seinem Magen-Darm-Trakt unkontrolliert vermehren konnten. Zur Sicherheit würde er ohnehin nur einen Teil der Beilagen essen, gerade so viel, dass er am Nachmittag, wenn er von der Arbeit abgelenkt war, verdauen konnte und abends mit leerem Magen aus der Gefahrenzone war. An einem der kaum besetzten großen Tische stellte er sein Tablett ab und zog ein kleines, in Folie verschweißtes Plastikbesteck aus der Tasche, das er stets dabeihatte. Das Letzte, was er brauchen konnte, war eine durch Schmierinfektion infizierte Kantinengabel, die durch die Hände eines kranken Küchenmitarbeiters gegangen war. Mit gesenktem Kopf begann er zu essen, den Blickkontakt mit Kollegen und anderen Mitarbeitern meidend.
Am Nebentisch saß eine Gruppe von Bereitschaftspolizisten, drei Frauen und drei Männer. Der Wortführer der Runde war Brecker, Rünz’ Schwager. Er lachte alle paar Sekunden dröhnend auf wie ein röhrender Hirsch. Er war ein massiger Typ mit Stiernacken und millimeterkurzen grauen Haaren und hatte Rünz den Rücken zugewandt, sein Oberkörper schien die Nähte des braunen Hemdes fast zu sprengen. Brecker hatte als Polizeihauptmeister die oberste Sprosse auf der Karriereleiter im mittleren Polizeivollzugsdienst erreicht, aber das frustrierte ihn nicht, er war eins mit seinem Beruf, ein Raubtier auf Streife, das allein durch seine physische Präsenz kritische Situationen im Außendienst meisterte und auch dann mal blaue Flecken verteilte, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Ganz und gar alte Schule, hatte er für jüngere Kollegen, die nach heiklen Einsätzen schon mal den psychologischen Dienst des Präsidiums in Anspruch nahmen, nur Hohn und Spott übrig.
Die Namen der beiden anderen Männer am Tisch kannte Rünz nicht, er nannte sie insgeheim die Lakaien, weil sie Brecker wie Pudel begleiteten und bei jeder seiner derben Zoten kräftig ablachten. Sie wirkten grotesk, wenn sie ihm nacheiferten und selbst versuchten, kernige Sprüche zu machen.
Zwei der Frauen kannte Rünz, erfahrene Polizistinnen mit über zehn Jahren Berufserfahrung. Die dritte, eine untersetzte Brünette, vielleicht Anfang 20, hatte er noch nie gesehen. Eine Anfängerin. Beute für das Tier. Brecker fragte sie ohne Unterlass nach ihrem Privatleben, ließ sie aber nie zu Wort kommen, sondern schoss direkt sexuelle Anspielungen hinterher, über die der Rest der Truppe sich amüsierte. Die Brünette wirkte verunsichert, lachte mal mit, starrte dann wieder wie versteinert auf ihren Teller. Sie hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst, eine klare Grenze zu ziehen und wollte sich jetzt nicht als Spielverderberin isolieren, obwohl ihr die Unverschämtheiten sichtlich unangenehm waren. Ihre beiden Kolleginnen waren denkbar weit entfernt von Geschlechtersolidarität. Sie waren durch die gleiche Schule gegangen und hatten sich arrangiert, indem sie ihre Weiblichkeit morgens an den Garderobenhaken hängten. Sie bewegten sich wie Männer, lachten und sprachen wie Männer, vermieden es, mit ihren femininen Seiten Angriffsflächen zu bieten. Aber die Zeiten wurden hart für Dinosaurier wie Brecker. Junge Frauen mit schwachem Selbstbewusstsein wie die Anwärterin am Nebentisch waren inzwischen seltene Pflanzen, über die sich Brecker mit umso größerem Hunger hermachte. Heute waren die Standardreaktionen auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz entweder massive dienstrechtliche Probleme oder ein Tritt in die Weichteile. Rünz hatte Mitleid mit der jungen Frau. Andererseits beneidete er Fossile wie seinen Schwager um die Gewissenlosigkeit, mit der sie sich über das Frischfleisch hermachten. Die einzige Frau, die Rünz so respektlos behandelte, war seine eigene – Breckers Schwester.
Der Stiernacken drehte sich um und zwinkerte ihm zu.
»Servus Karl. Süß, die Kleine, oder?«
»Zu alt für dich.«
»Nur kein Neid! Kommst du morgen Abend auf den Schießstand, Karl? Ich habe eine kleine Überraschung!«
»Denke schon.«
»Wie gehts meinem Schwesterchen?«
»Heute Morgen noch gut …«
»Bist immer schön lieb zu ihr, gelle?«
Rünz lächelte gequält, Brecker wendete sich wieder seiner Gruppe zu.
Er hatte gerade begonnen, wieder in seinen Beilagen herumzustochern, als ihm gegenüber jemand sein Tablett auf den Tisch schob.
»Ich grüße Sie, Herr Rünz. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
Es war Hoven. Diese joviale, energische Begrüßung hatte er sich von den externen Consultants abgeschaut, die mit PowerPoint-Präsentationen und Flipcharts einen großen Teil seiner Arbeitszeit gestalteten.
»Selbstverständlich, nehmen Sie Platz«, antwortete Rünz. Freundlichkeit kostete den immer noch angeschlagenen Polizeihauptkommissar große Überwindung.
»Das sieht ja recht übersichtlich aus«, sagte Hoven mit Blick auf seinen Teller. »Machen Sie Diät?«
»Nein, ich habe eine Fastenwoche hinter mir und muss jetzt langsam wieder anfangen«, fabulierte Rünz.
Einige Sekunden sagte keiner von beiden etwas, eine unangenehme Situation, aber Rünz fehlten Energie und Inspiration für eine ordentliche Konversation.
»Wie ist der Stand bei der Woogsleiche?«
Hoven hatte auf Arbeitsgespräch umgeschaltet. Rünz gab ihm eine kurze Zusammenfassung.
»Presse?«, fragte Hoven.
»Keiner vor Ort. War wohl ein bisschen zu früh.«
»Ich werde trotzdem mit dem Herausgeber der ›Allgemeinen‹ sprechen«, sagte Hoven. Mit einem einfachen Chefredakteur mochte er sich offensichtlich nicht abgeben.
»Vorausgesetzt natürlich, Bartmann schließt auf ein Gewaltverbrechen, aber davon ist ja auszugehen. Wenn Dreyfuss uns vier Wochen ungestört arbeiten lässt, geben wir ihm Exklusivinformationen. Er wird drauf eingehen. Wir werden für das issue eine ordentliche awareness bekommen, wenns tatsächlich ein Mord war. Und wenns ein Badeunfall ist, interessiert das ja sowieso keinen. Fahren Sie, so lange wir von Bartmann nichts Näheres erfahren, das Standardprogramm – ohne publicity.«
Hoven machte eine Pause, steckte sich ein Stück Cordon bleu in den Mund und kaute entspannt. Er hatte sich um Mund und Kinnpartie herum einen präzise getrimmten Henriquatre wachsen lassen, der ihm zugleich die Aura intellektueller Brillanz und verwegenen Freibeutertums verlieh. Sein Schuhwerk bezog er aus exklusiven englischen Manufakturen, am Handgelenk trug er eine mächtige Luminor Sealand von Panerai, der perfekte Zeitgeber für Menschen, die die Symbiose aus Sportlichkeit, Exklusivität und Nonkonformismus suchten. In Besprechungen klappte er gerne demonstrativ das Saphirglas des Automaten auf, so als bediente er eine alte Taschenuhr mit undurchsichtigem Deckel. Sein Auftreten und seine Erscheinung waren sozusagen die Antithese zu Rünz’ Präsenz. Er war der Archetyp einer neuen Spezies in der Führungsebene der hessischen Polizei, ein narzisstischer und eloquenter Kosmopolit, für den Strafverfolgung letztlich nach den gleichen ökonomischen Prinzipien optimiert werden konnte wie die Umsatzrendite einer Aktiengesellschaft. Er war um die 40 und hatte einige ältere Semester wie Rünz längst in der Innenkurve überholt. In unzähligen Managementseminaren hatte er seinen aktiven Wortschatz um zahlreiche sinnfreie Business-Anglizismen erweitert – er liebte es, bei festlichen Anlässen im Präsidium keynote speeches zu halten, in denen er von visions, missions, top-down- und bottom-up-approaches referierte. Die hessische Polizei war in seiner Vorstellung auf dem Weg zu einem Dienstleistungsunternehmen, das am Markt gut aufgestellt werden musste, um das Produkt Sicherheit lukrativ zu vertreiben. Hoven saugte wie ein trockener Schwamm alle Methoden der perfektionierten Selbst- und Fremdausbeutung auf, die aus der Grauzone zwischen Wirtschaftspsychologie und missverstandener fernöstlicher Philosophie heraus in die Arbeitswelt drängten. Als Quereinsteiger hatte er vor zwei Jahren die Einsatzgruppe im Präsidium Südhessen übernommen und war direkt dem Polizeipräsidenten unterstellt. Rünz musste als Leiter der Ermittlungsgruppe Darmstadt City an ihn berichten, aber Hoven war ein Vorgesetzter auf Durchreise. Die Tätigkeit in Darmstadt war für ihn nichts weiter als eine Zwischenstufe auf einer Karrieretreppe, die ihn in einigen Jahren ins Innenministerium, in die Interpolzentrale nach Lyon oder als Sicherheitsberater zu DaimlerChrysler bringen würde. Hoven war sozusagen perfekt, bis auf einen einzigen Schwachpunkt, der ihn erträglich und oft zum Spott des Kollegiums machte – er war mit einer Frau verheiratet, die ein heterosexueller Mann nur nach langer sexueller Abstinenz und starkem Alkoholkonsum als attraktiv empfinden konnte. Er hatte wohl aus irgendeinem unerklärlichen Standesdünkel heraus den Drang verspürt, seine Oberschichtherkunft noch zu vergolden, indem er in eine blaublütige Dynastie einheiratete, und dort schien die Auswahl nicht sehr groß gewesen zu sein. Hoven tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab.
»Wer vom Schottener Weg ist denn zuständig?«
»Staatsanwältin Simone Behrens.«
»Habe ich noch nicht kennengelernt. Stimmt da die Chemie oder nimmt die Dame gern mal selbst die Ruderpinne in die Hand?«
»Bis jetzt haben wir ausgezeichnet zusammengearbeitet. Sie will kontinuierlich und ausführlich informiert werden, ansonsten vertraut sie unseren Fähigkeiten.«
»Sehr gut. Sagen Sie Bescheid. Wenn es Probleme mit ihr gibt, werde ich mit dem Leitenden mal abendessen gehen.«
Rünz spürte eine neue Übelkeitswelle, diesmal psychisch induziert.
»Würden Sie mir bis heute Abend Ihre roadmap und Ihren actionplan für den Fall vorlegen? Und halten Sie mich konstant auf dem Laufenden, am besten per Mail, Sie kennen meinen schedule«, sagte Hoven.
Rünz zuckte zusammen. Er hätte nicht weniger verstanden, wenn sein Vorgesetzter Altgriechisch gesprochen hätte. Vielleicht wäre ein Besuch eines der Schulungsprogramme, die Hoven in den letzten Monaten initiiert hatte, doch sinnvoll gewesen. Aber Wedel würde ihm sicher weiterhelfen.
»Kein Problem, Herr Hoven.«
Sein Vorgesetzter musterte ihn einige Sekunden.
»Herr Rünz, ich glaube an Sie, Sie sind eigentlich ein guter Mann.«
Das klang ungefähr wie »Nichts gegen Ausländer, aber …«
Darüber hinaus gehörte Lob von einem fünf Jahre jüngeren Vorgesetzten ganz sicher zu den perfiden Formen der Erniedrigung. Hoven schien tatsächlich anzunehmen, dass er mit dieser Einführungsübung aus dem Volkshochschulkurs Personalführung Rünz’ Motivation steigern konnte.
»Aber ich glaube, Sie müssen Ihre skills einfach besser nutzen. Ich zum Beispiel mache vor dem launch jeder Arbeitswoche erstmal eine SWOT-Analyse.«
Rünz suchte panisch nach einer Ausrede, um das Gespräch abzubrechen. Er konnte Brechreiz vortäuschen, genau genommen hätte er damit nicht einmal gelogen.
Hoven zog einen Montblanc-Füllfederhalter aus dem Jackett und skizzierte auf der Rückseite eines Briefumschlages eine Tabelle.
»Sehen Sie, hier bei der internen Analyse tragen Sie Ihre strenghts und weaknesses ein und hier bei der externen Ihre opportunities und threats.«
»Klingt interessant«, heuchelte Rünz. Vielleicht hatte er Glück und in der Großküche explodierte ein Dampfkessel oder irgendwo in der Kantine brach eine Schießerei los.
»Jetzt haben Sie hier in der Vierfeldermatrix eine wunderbare Situationsanalyse und können ein prima finetuning für Ihre strategies machen. Versuchen Sie das mal! Sie sollten die SWOT-Analyse zum festen Bestandteil Ihres Behaviour Change Managements machen, Sie werden sehen, das lohnt sich. Das können Sie behalten.«
Hoven schob ihm den Briefumschlag über den Tisch. Rünz vermisste seine Ruger. Kein Staatsanwalt der Welt würde ihm in dieser Situation Affekt absprechen.
3
Von seinem Büro aus organisierte er für den nächsten Morgen ein Treffen seiner Ermittlungsgruppe, reservierte einen Besprechungsraum, schaute im Gruppenkalender nach, wer durch Termine gebunden war, versandte Einladungen mit der Bitte um pünktliches Erscheinen. Dann machte er sich auf den Weg zurück zum Woog, ohne auf Wedels Anruf zu warten. Auf dem Westdamm des Sees stehend sah er, dass die Techniker und Spurensicherer ihr Basislager auf der Insel gegenüber aufgeschlagen hatten. Er stieg wieder ins Auto, fuhr eine halbe Runde um das Gewässer und parkte vor dem Sportgelände des TSG 1846. Am Eingang des Freibades standen Dutzende enttäuschter Badegäste, immer neue kamen dazu, andere machten sich kopfschüttelnd wieder auf den Heimweg. Rünz drückte sich durch die Menschentraube, zwei Polizisten, die den Eingang sicherten, öffneten ihm das Tor. Er ging am leeren Kassenhäuschen vorbei über die Betonbrücke, die den modrigen Darmbach überquerte, kaum ein Rinnsal zu dieser Jahreszeit. Ein blauer Mercedes Sprinter des LKA Wiesbaden mit Hochdach und langem Radstand parkte direkt vor der massiven Bogenbrücke, der einzigen Verbindung zur Badeinsel. Die Heckklappen des Transporters waren geöffnet, ein Generator brummte im Innern, einige Strippen hingen aus dem Laderaum heraus. Dem Kabelstrang folgend, ging der Ermittler über die Brücke zu der Gruppe auf der Nordspitze der Insel.
»Ich wollte gerade anrufen, Chef. Sie kommen genau richtig, die Pumpe ist eben angelaufen.« Wedel stand mit Sybille Habich und Olaf Deiters neben einer Maschine, die ohne Unterlass und mit einigem Lärm graubraunen dünnflüssigen Matsch über eine Kaskade von Filterkästen spuckte. Habich starrte konzentriert auf die Metallsiebe, wischte immer wieder wie eine Goldsucherin mit der Hand über die gefilterten Partikel und steckte Metall, Glas- und Kunststoffteile verschiedenster Größen in Klarsichttüten.
»Den Betonblock haben wir runter«, erklärte Deiters. Er wies im ufernahen Wasser auf einen annähernd quadratischen Block mit einem halben Meter Kantenlänge und rund 25 Zentimetern Dicke, aus dessen Bruchkanten korrodierte Armierungsstäbe herausragten.
»Meine Jungs saugen jetzt erst mal den Schlick von der Leiche und dann noch die oberen zehn Zentimeter in einem Umkreis von fünf Metern ab. Kein leichter Job bei null Sicht …«
Deiters wollte gelobt werden, das war zu spüren.
»Sie machen gute Arbeit, ich wüsste nicht, wie wir das hier ohne Ihre Leute schaffen würden!«
»Ist unser Job«, murmelte Deiters stolz.
Rund eine halbe Stunde arbeiteten die Taucher am Seegrund, dann stiegen sie auf und Habich stellte die Pumpe ab. Deiters funkte wieder mit einem der Sicherungsmänner im Schlauchboot.
»Die Leiche ist soweit frei, die Männer könnten jetzt eine Trage drunter durchziehen und sie heben«, erklärte er, an Rünz und Wedel gewandt.
»Wo bleibt Bartmann«, fragte Rünz und sah ihn im gleichen Moment schwitzend seinen schweren Einsatzkoffer über die Brücke wuchtend. Wedel ging ihm entgegen und nahm ihm seine Ausrüstung ab.
»Entschuldigen Sie meine Verspätung, ich habe die Zufahrt für das Gelände hier nicht gefunden und musste draußen parken. Wie weit sind wir?«
»Bereit zur Bergung. Haben Sie noch Sonderwünsche, bevor wir ihn rausziehen?«
»Allerdings, ziehen Sie den Korpus bitte nicht an die Oberfläche und ins Boot, am besten schleppen sie ihn unter dem Wasserspiegel langsam bis in Ufernähe, dann ist die Gefahr geringer, dass sich Teile lösen.«
Deiters nickte und instruierte seine Männer. Die Taucher verschwanden wieder für einige Minuten, dann zogen die Männer in den Booten vorsichtig an den Gurten und setzten den Ponton langsam Richtung Insel in Bewegung. Der Leichnam erschien so langsam im Blickfeld der Beteiligten, dass alle, die sich nicht wie Bartmann täglich mit toten Menschen befassten, einige Momente Zeit hatten, sich an den Anblick zu gewöhnen. Einer von Habichs Mitarbeitern hielt alles mit einer Digitalkamera fest.
Rünz hatte fast zwei Dutzend Tote in seiner beruflichen Laufbahn gesehen, darunter einige Wasserleichen, aber keine hatte Ähnlichkeit mit dieser. Der Transport unter Wasser hatte den Schlick von dem Körper gespült. Die Leiche war völlig unbekleidet, Kopf, ein Unterarm, Hände und Zehen skelettiert, aber die Grobformen von Beinen und Rumpf erstaunlich gut erhalten. Das Gewebe schien relativ intakt, abgesehen von seiner unnatürlich hellgrauen Färbung und einer kreideartigen Konsistenz. Die Genitalregion war zu stark deformiert, um auf den ersten Blick Rückschlüsse auf das Geschlecht zu ermöglichen. Arme und Beine schienen mehrfach gebrochen, die Gliedmaßen standen in grotesken Winkeln ab, auch die Schädelkalotte war beschädigt. Die gesamte Bauchregion vom Becken bis zu den unteren Rippenbögen bildete eine stark eingeprägte, fast ebene Fläche, offensichtlich das Auflager des Betonblocks. Drei oder vier kleine Perforationen in der Bauchdecke ähnelten Schusswunden, konnten aber genauso gut vom Bewehrungsstahl des Betons herrühren. Rünz vermutete nach dem bloßen Augenschein einen Todeszeitpunkt, der einige Monate zurücklag.
Der Mediziner stand in Gummistiefeln im Wasser, beugte sich über die Leiche und ließ sich von Wedel Untersuchungsinstrumente aus dem Koffer herüberreichen. Er maß Temperaturen an verschiedenen Stellen in unterschiedlichen Gewebetiefen, indem er eine Art Thermometerlanze in den Körper stach, sicherte Proben der kreideartigen Substanz und ließ Wedel die verschlossenen Behälter in einer Kühlbox deponieren. Ruhig und konzentriert machte er mit seiner Kamera eine Serie von Ganzkörperaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven. Dann wechselte er das Objektiv und fertigte aus rund 30 Zentimetern Entfernung ein lückenloses digitales Puzzle der sichtbaren Körperoberfläche an. Als er den Hals des toten Körpers anpeilte, schien er etwas zu entdecken, er gab Wedel die Kamera und ließ sich einen kleinen Seitenschneider und eine Kombizange reichen. Er werkelte einen Moment herum und zog dann mit der Zange einen verkrusteten Anhänger vom Hals des Toten, den er Habich zur Asservierung reichte.
»Sollen wir ihn drehen?«, fragte Wedel.
»Wenn Sie jetzt schon wissen, dass das ein Mann war, nehme ich ein paar Nachhilfestunden bei Ihnen, Herr Wedel.«
»Klugscheißer«, murmelte Wedel.
»Das habe ich gehört!«
Bartmann kam aus dem Wasser, setzte sich ins Gras und zog die Stiefel aus. Der Rest der Gruppe schaute ihn erwartungsvoll an.
»Massive Gewalteinwirkung, die zu mehreren Frakturen geführt hat. Todeszeitpunkt liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit einige Jahre zurück.«
»Geht es etwas genauer«, fragte Wedel. »Geschlecht, Alter, mögliche Umlagerung, Todesursache?«
»Das Alter? Zwischen 15 und 40 Jahren ist alles möglich, vor der Sektion kann ich ihnen da unmöglich Genaueres sagen. Wahrscheinlich ein Mann – wahrscheinlich. Ich will mir später nicht vorhalten lassen, ich hätte Ihre Ermittlungen in eine falsche Richtung gelenkt. Was die Liegezeit angeht, ist zwischen fünf Jahren und mehreren Jahrzehnten alles drin nach erstem Augenschein. Umlagerung halte ich allerdings für unwahrscheinlich. Geben Sie mir zehn Tage und ich schicke Ihnen einen vorläufigen Bericht. Dann fehlen zwar noch einige Laborbefunde und die Toxikologie, aber Sie haben schon mal eine solide Arbeitsgrundlage. Sie wissen, ich brauche für die Obduktion eine gerichtliche Anordnung, aber das sollte nach dem Stand der Dinge kein Problem sein.«
Bartmann organisierte den Transport der Leiche nach Frankfurt. Habich ließ Deiters Männer noch eine gute Stunde lang Schlamm absaugen, baute dann mit ihren Leuten die Geräte ab und verstaute sie im Sprinter. Deiters setzte mit seiner Truppe im Schlauchboot über zum DLRG-Basislager. Rünz instruierte Wedel, für die Besprechung am nächsten Morgen Fotos der Leiche, des Fundortes sowie einige Pläne und Luftbilder des Areals bereitzuhalten. Es war nach 20 Uhr, bis die Bergungsstelle geräumt und der Letzte das Gelände wieder verlassen hatte. Rünz wies die beiden Polizisten am Eingang an, das Tor zu versiegeln, und machte sich auf den Weg.
4
Gegen 21.30 Uhr erreichte er sein Haus im Paulusviertel. Seine Frau küsste ihn zur Begrüßung etwas länger als üblich – er fürchtete, sie könnte mit ihm schlafen wollen, und überschlug in Gedanken die Zahl der Tage seit ihrem letzten Eisprung.
»Möchtest du noch etwas essen?«, fragte sie ihn.
Er hatte seit dem Mittagessen in der Kantine nichts mehr zu sich genommen, zum Hunger hatten sich längst Mattigkeit und Konzentrationsschwäche gesellt, aber er hatte nicht die Absicht, die Nacht mit Panikattacken zu verbringen.
»Nein danke«, sagte er, »geh schon ins Bett, ich komme gleich nach.«
Allein im Wohnzimmer goss er sich einen Viertelliter Rotwein in ein Glas und leerte es in einem Zug. Die Wirkung dieser Zeremonie war stets zuverlässig und überwältigend. Sein Verdauungsapparat absorbierte den Alkohol ungebremst von jeder Nahrung und verschaffte ihm einen kurzen euphorischen Schub, der von einer tiefen Entspannungsphase abgelöst wurde. Er legte sich auf die Couch und wartete 20 Minuten, bis er hörte, wie seine Frau ihre Leselampe ausknipste. Dann schaltete er das Fernsehgerät an und drehte den Ton so leise, dass er gerade noch etwas verstehen konnte. Durch die Kabelprogramme schaltend blieb er bei einem Privatsender hängen, der einen US-amerikanischen Softporno aus den 80er-Jahren zeigte. Er hatte Glück, einer der unendlich langen Werbeblöcke für die einschlägigen 0190-Angebote war eben durchgelaufen. Leider nahmen die unsäglich penetrante elektronische Musik, die ballonartigen Silikonbrüste der Aktrice und die an ein Aerobicvideo erinnernde Inszenierung der Darstellung jeden Reiz. Ihm blieb nichts übrig, als seiner Frau ins Schlafzimmer zu folgen.
Am nächsten Morgen wachte er auf, alleine im Bett liegend. Er versuchte, sich die Vorgänge und Todesfälle im Umfeld des Woogs in Erinnerung zu rufen, von denen er seit seinem Dienstantritt im Präsidium gehört hatte. Seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen über Vermisste und ungeklärte Todesfälle Ende der 40er-Jahre hatte es fast zwei Dutzend dokumentierte Fälle von Tod durch Ertrinken in dem See gegeben, alle ohne Fremdeinwirkung. Im Durchschnitt ertrank also fast alle drei Jahre jemand im Badesee. Die Vorgänge ähnelten sich; ein Angehöriger oder Freund meldete einen Vermissten, manchmal an einem sommerlichen Badetag direkt beim Bademeister, manchmal am nächsten Morgen bei der Polizei. Wenn die Rekonstruktion des Verschwindens ergab, dass der letzte Aufenthaltsort des Vermissten mit hoher Wahrscheinlichkeit der See war, begann die Suche. Jeweils zwei Männer in einem Boot kämmten alles ab, der eine am Außenborder, der andere mit einer langen, hakenbewehrten Stange über den Seegrund streifend, der abgesehen von einer künstlichen Vertiefung am Sprungturm, an keiner Stelle mehr als vier Meter Tiefe hatte. Wurden die Leblosen nicht gleich gefunden, trieben sie meist nach wenigen Tagen aufgedunsen an der Wasseroberfläche. Die ärztlichen Diagnosen zu den Todesursachen lauteten meist auf Ertrinken durch Herzversagen oder Kreislaufschwäche. Einige Male trieben Leichen von Menschen auf, nach denen niemand gesucht hatte, meist alkoholisierte Obdachlose, die das Gewässer in lauen Sommernächten illegal als Badewanne benutzten. Rünz’ Mann hätte gut und gerne einer dieser namenlosen Habenichtse sein können, aber welcher Ertrunkene bricht sich alle Knochen und lädt sich dann einen Betonblock auf den Bauch, bevor er sanft in das weiche Sediment eines ruhigen Binnensees hinabsinkt? Zwei Menschen, die nach der Rekonstruktion der letzten Stunden vor ihrer Absenz höchstwahrscheinlich im Woog zu Tode kamen, wurden nie gefunden. Beide waren allerdings zum Zeitpunkt ihres Verschwindens über 70 Jahre alt, insofern für Rünz’ Fall nicht relevant. Und dann waren da noch die Verletzungen. Große Boote oder Schiffe, deren Antriebsschrauben die von Bartmann diagnostizierten Frakturen post mortem hätten erzeugen können, existierten auf dem See nicht. Rünz spürte, dass Arbeit auf ihn zukam.
Er stand auf und zog sich einen Bademantel an. Seine Frau saß am Küchentisch, nippte an einem zähflüssigen, giftgrünen Gemüsetrunk und blätterte in einem Buch. Er setzte sich zu ihr, schlug seine Zeitung auf und knabberte an einem Knäckebrot. Die gemeinsamen Mahlzeiten ähnelten einem immer gleichen Ritual mit nur einer Regel – er las und sie redete. Sie erzählte von ihren Erlebnissen des Vortages oder ihren Plänen für den nächsten, er war wortkarg und knurrte unwillig bestätigend oder verneinend, wenn sie auf dem Mindestmaß an Kommunikation insistierte, das für eine gemeinsame Haushaltsführung notwendig war. Er wünschte sich in diesen Momenten, dass sie schwieg, wenn sie es aber tat, wie an diesem Morgen, beunruhigte es ihn. Dann fehlte ihm das konstante Hintergrundrauschen ihrer Stimme. Neben dem Küchentisch hatte er seiner Frau ein Bücherbord angedübelt, auf dem sie eine kleine Bibliothek mit wechselnden thematischen Schwerpunkten unterhielt. Rünz ging die aktuellen Titel durch, bevor er seine Zeitung aufschlug. ›Feng-Shui-Praxis‹, ›Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags‹, ›Bewusstheit durch Bewegung‹ und ›Das starke Selbst‹, beide von Moshe Feldenkrais, ›Feng Shui – Leben und Wohnen in Harmonie‹, ›Das Stille Qi Gong nach Meister Zhi-Chang Li‹, ›Tai Ji Chuan – Ruhe und Bewegung in Balance‹, ›Tao Yoga der heilenden Liebe‹, ›Feng Shui heute‹, ›Das große Buch der Heilung durch Shiatsu‹ von Shitsuto Masunaga, ›My Feng Shui‹ und diverse andere Titel. Rünz fühlte das Bedürfnis, sich aufzuwärmen für den Arbeitstag.
»Wusstest du, dass die Grünen Feng-Shui als Staatsreligion im Grundgesetz verankern wollen? Kein Spaß, das soll in die Präambel!«
Sie las unbeeindruckt weiter. Er legte nach.
»Es gibt nur eine zeitgenössische Erscheinung, die es an hirnverbrannter Dämlichkeit mit dieser Hilfsreligion aufnehmen kann, und das ist dieser kreuzblöde Menopausensport Nordic Walking.«
Seine Frau blätterte scheinbar unbeteiligt um. Er registrierte befriedigt ihre zitternde Hand.
»Ich verstehe gar nicht, dass sich die Katholiken hierzulande von diesen asiatischen Höhlenriten die Butter vom Brot nehmen lassen. Die müssten das doch eigentlich adaptieren! Zum Beispiel: ›Abendmahl mal anders – Feng-Shui-Rezepte für den Leib des Herrn‹. Und wenn die Priester mit ihren Messdienern ordentlich üben, könnten die ihren Schäfchen Shiatsu-Massagen anbieten.«
»Du bist wirklich krank«, sagte sie.
»Ach was, ich bin nur ein wenig gereizt. Liegt sicher an den Sternen. Irgendein Planet meines verdammten Sternzeichens steht im Aszendent von irgendeinem anderen verdammten Planeten – du weißt, was das ausrichten kann.«
Sie schwieg, er beobachtete sie. Ihre Beziehung hatte in den 25 Jahren seit ihrer ersten Begegnung in der Goldenen Krone einige Metamorphosen durchgemacht. In der erträglichsten Phase hatte er sie als eine von Vernunft und einem gesunden Skeptizismus geprägte Frau empfunden, sie hatten eine gemeinsame, unvoreingenommene Neugier auf die Welt, auf Politik, Wissenschaft und Kultur geteilt. Diese gemeinsame Basis war abgebröckelt, je näher sie kinderlos den Wechseljahren kam. Er konzedierte ab und an, dass er sich auch selbst verändert haben könnte, hielt aber weitere Reflexionen in dieser Richtung nicht für zielführend. Die früher stabile seelische Konstitution seiner Frau war allmählich einem Zyklus von Auf- und Abschwungsphasen gewichen, in Abständen mehrerer Wochen wechselten Rückzug und Depression mit euphorischen Zuständen. In den Hochphasen identifizierte sie sich vorbehaltlos mit einem der zeitgenössischen Religionssurrogate, die der akademisch gebildeten Mittelschicht in säkularen, postindustriellen Gesellschaften zur Sinnstiftung dienten. Es begann mit Psychoanalyse, danach folgten Astrologie, Ayurveda und Mondkalender, später Akupunktur, Homöopathie, Entschlackung und Entgiftung durch Heilfasten, schließlich Wellness, Pilates und Yoga, zwischendurch immer wieder exotische Lehren wie Bailey, Seth, Aivanhov, Ramtha und White Eagle, von denen Rünz nie zuvor gehört hatte. Das aktuelle Antidepressivum seiner Frau hieß Feng-Shui und hatte für einige Unruhe in ihrer Inneneinrichtung gesorgt. Es deprimierte ihn, dass erwachsene Mitteleuropäer 300 Jahre nach Beginn der Aufklärung solchem Aberglauben anhingen. Es gab keinen Fortschritt.
Karin Rünz legte das Buch zur Seite, trank ihren grünen Gemüsesaft und blickte an ihm vorbei aus dem Fenster. Seine Kränkungen hatten gewirkt. Er fühlte sich etwas besser.
»Ich lasse mir das von dir nicht nehmen«, sagte sie.
»Du meinst, so wie ich dir die Astrologie, die Bachblütentherapie, die Psychoanalyse und den ganzen Mumpitz genommen habe? So ein Unsinn. Deine Ersatzreligionen halten genau bis zum Beginn der nächsten Depression, da habe ich überhaupt keinen Einfluss drauf. So gesehen, sind deine Tiefs die einzigen Momente, in denen du klar siehst.«
»Diesmal ist es doch völlig anders. Feng-Shui ist so«, sie suchte nach einer Erklärung, »so umfassend. Es zeigt, dass alles mit allem zusammenhängt und alles zusammen einen Sinn ergibt.«
»Na klar, und dass unsere Ehe nicht funktioniert, weil da hinten in der Wohnzimmerecke ein Haufen Altpapier gelegen hat, oder sag ich was Falsches?«
»Du meinst die Energiefelder im Bagua-Raster. Aber das verstehst du sowieso nicht. Du willst es nicht verstehen. Du hast Angst davor, es könnte deine Welt durcheinander bringen.«
Rünz roch an der Fleischwurst, die er sich zwei Tage zuvor gekauft hatte. Er entschloss sich, kein Risiko einzugehen, und legte sie zur Seite, öffnete eine frische Packung Knäckebrot, zog eine noch keimfreie Scheibe heraus und knabberte daran.
»Ist dir eigentlich schon aufgefallen«, fragte sie, »dass du nur noch gereizt und zynisch bist, seit wir hier wohnen?«
»Ich bin gereizt und zynisch, seit wir uns kennen! Das ist ein Unterschied.«
Sie ignorierte seine Bemerkung.
»Das muss mit dieser Wohnung zu tun haben. Die Chinesen sagen, dass sich Häuser und Wohnungen mit den positiven und negativen Energien der Menschen aufladen, die darin gelebt haben.«
Rünz verschluckte sich an ein paar Krümeln, hustete sich frei und machte eine Jack-Nicholson-Grimasse.
»Wendy, mach auf, hier kommt der Weihnachtsmann!«
»Ich habe mit dem älteren Ehepaar von gegenüber gesprochen, die haben erzählt, in unserer Wohnung hätte vor zehn Jahren ein Mann gewohnt, der angeblich mit Kinderpornografie zu tun hatte.«
»Jesus – deswegen habe ich dieses unstillbare Verlangen nach Pippi-Langstrumpf-Videos! Jetzt mal im Ernst: Hatte der angeblich oder tatsächlich mit Kinderpornografie zu tun? Juristen machen da einen feinen Unterschied. Aber im Feng-Shui gibts wohl keine Unschuldsvermutung?«
»Worauf ich hinaus will: Wir können das prüfen lassen. Es gibt spezielle Berater, die die negativen Energien aufspüren und wissen, wie man …«
»… für, lass mich raten, 70 Euro pro Stunde. Egal ob du zum Analytiker oder zur Wahrsagerin gehst, einen Architekten engagierst oder dir vom örtlichen Feng-Shui Consultant die Wohnung positiv aufladen lässt – es kostet immer 70 Euro pro Stunde. Muss eine Naturkonstante sein, direkt hinter der Lichtgeschwindigkeit und dem Planckschen Wirkungsquantum.«
Sie resignierte.
»Ach, vergiss es. Tu mir einen Gefallen, vergiss bitte nicht das Essen heute Abend. Außerdem hast du diese Woche deine Therapiestunde.«
Rünz vergaß vieles, den Geburtstag seiner Frau, den Hochzeitstag, den Valentinstag, aber seine Therapiestunde ganz sicher nicht. Das Abendessen dagegen war ihm so wichtig wie eine Beule am Kopf.
5
Schon auf dem Flur hörte Rünz das Gelächter und die Unterhaltungen aus dem Besprechungsraum. Die Mitglieder seiner Ermittlungsgruppe erzählten sich ihre Wochenenderlebnisse. Der Geräuschpegel nahm nicht nennenswert ab, als er den Raum betrat, niemand schien Notiz von ihm zu nehmen. Seine Anwesenheit hatte auf seine Mitarbeiter ungefähr die gleiche Wirkung wie die eines unerfahrenen Referendars auf eine Berufsschulklasse der Peter-Behrens-Schule, mit dem einzigen Unterschied, dass Rünz sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen musste. Erst allmählich verschwanden Füße von der Tischplatte, Unterlagen, Notizblöcke und Schreibutensilien wurden zu ordentlichen Stapeln zusammengeschoben und parallel zur Tischkante ausgerichtet.
Rünz setzte sich und musterte kurz die Runde, bevor er die Besprechung eröffnete. Neben ihm saß Manfred Meyer, ein Bürokratentyp bar jeder Inspiration und Kreativität bei der Ermittlungsarbeit, aber Gold wert, wenn es darauf ankam, 20 Meter Archivakten oder einige Megabyte Datensätze in möglichst kurzer Zeit zu durchforsten. Er hatte den Gesichtsausdruck eines Babys, dazu den traurigdümmlichen Blick von Rauhaardackeln, der bei manchen Frauen Mutterinstinkte weckte. Meyer führte akribisch Buch über seine Überstunden und konnte die Brückentage des übernächsten Kalenderjahres auswendig herbeten. Er schaute mürrisch drein, offensichtlich befürchtete er Wochenendeinsätze. Neben ihm saß Charlotte de Tailly, Ende 20, Mitarbeiterin des ›Commissariat de Police Nationale‹ in Troyes, der französischen Partnerstadt Darmstadts. Sie arbeitete im Rahmen eines Austauschprogrammes der Polizeidirektionen beider Städte für einige Monate in Darmstadt. Charli litt unter starker Neurodermitis, die ihre Gesichtshaut ruiniert hatte. Weil sie auf dem völlig deregulierten Markt der Attraktivität damit noch nicht ausreichend benachteiligt war, hatte ihr der Herrgott noch einen starken Vorbiss mit auf den Weg gegeben. Es gab zwei Möglichkeiten des Umgangs mit dieser genetischen Disposition, und sie hatte sich nicht für das stille Mauerblümchen, sondern für die Betriebsnudel entschieden. Das hatte ihr in kürzester Zeit eine wichtige Funktion im gruppendynamischen Getriebe des Präsidiums beschert. Die Kollegen konnten ihre verkümmerten Flirtfähigkeiten ungehemmt an ihr erproben, und die Kolleginnen hatten sie ganz oben auf ihrer Lästerliste. Rünz hatte sie ins Team geholt, weil sie bei informatorischen Befragungen und Verhören Wunder vollbringen konnte. Ihr fehlte als französischer Staatsbürgerin natürlich jede rechtliche Legitimation für Vernehmungen nach Strafprozessordnung, aber in der Praxis war die Grenze zwischen informatorischer Befragung und Verhör meist fließend und der Widerspruch eines aufmerksamen Rechtsbeistandes nicht immer zu fürchten. Obwohl sie perfekt Deutsch sprach, nahm sie den Gesprächssituationen mit ihrem hinreißenden Akzent und ihrer Lebendigkeit unbewusst ihre formale Strenge. Ihre Gesprächspartner tauten regelmäßig innerhalb von Minuten auf, kamen aus der Reserve, plauderten ungefiltert und ohne Rücksicht auf Verluste drauflos. Rünz hatte von ihr geleitete Verhöre beobachtet, bei denen Verdächtige faktisch Geständnisse abgeliefert hatten, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Ihm gegenüber kraulte sich Albert Bunter seinen Vollbart, ein schmächtiger Typ wie Rünz, allerdings mit einem gemütlichen kleinen Bierbauch. Bunter hatte wie Rünz drei silberne Sterne auf seiner Uniformjacke und hätte ihm von seinen Fähigkeiten her die Leitung der Ermittlungsgruppe ohne Weiteres streitig machen können, hatte aber keinerlei Aufstiegsambitionen. Er war ein knochentrockener westfälischer Stoiker, der zum Lachen in den Keller ging, dabei brillanter Kriminalist und Analytiker, der auch in komplexen Fällen die Fäden zusammenhalten konnte. Wedel hängte Karten, Pläne und Fotos an die Pinnwand.
Rünz räusperte sich.
»Meine Damen und Herren, ich danke für Ihr Erscheinen. Zur Sache.« Er stand auf, ging zur Pinnwand und steckte eine Nadel in ein Luftbild des Woogsareals.
»Gestern Morgen hat ein DLRG-Taucher im Großen Woog eine Leiche gefunden. Der Fundort liegt hier, 30 Meter nördlich der Seemitte, in der Mitte einer gedachten Linie zwischen Familienbad und der Nordspitze der Badeinsel. Äußere Gewalteinwirkung als Todesursache ist wahrscheinlich, der Tote hat mehrfache Frakturen und eine Schädelverletzung, wie Sie hier sehen. Wir müssen von Fremdeinwirkung ausgehen, die Leiche lag in vier Metern Tiefe, beschwert mit diesem Betonblock, wahrscheinlich als Auftriebssicherung. Robert Bartmann vom IFM in Frankfurt hat die Leichenschau durchgeführt, er wird auch die Obduktion machen. Der Todeszeitpunkt liegt nach erstem Anschein mindestens einige Jahre zurück, aber auf eine Höchstgrenze wollte Bartmann sich noch nicht festlegen. Wir werden erst in zehn Tagen einen vorläufigen Bericht von ihm erhalten. Ein Abgleich mit den Vermisstendatenbanken macht erst Sinn, wenn wir genauere Informationen über Alter, Geschlecht, Todesumstände und -zeitpunkt haben. Deswegen konzentrieren wir uns vorerst auf Spurensicherung und Befragungen. Der Woog ist heute noch den ganzen Tag für den Badebetrieb gesperrt, wir haben also ausreichend Zeit für eine ordentliche Spurensuche in den Uferbereichen, den Anlagen und Gebäuden auf dem Gelände. Herr Wedel und Herr Meyer, ich bitte Sie in Absprache mit Frau Habich die gesamten Uferbereiche absuchen zu lassen. Kleidungsstücke, potenzielle Schlagwerkzeuge, alles ist wichtig. Machen Sie eine ausführliche Fotodokumentation der Anlagen rund um den See. Nehmen Sie sich zehn Kollegen von der Bereitschaft zur Unterstützung. Markieren Sie auf einer Katasterkarte die schlecht einsehbaren Stellen, an denen eine Gewalttat unbemerkt ausgeführt oder ein Toter unauffällig aus einem Auto ausgeladen und zum Wasser transportiert werden kann. Widmen Sie sich genau den Stellen und Slipanlagen, an denen man ein Boot zu Wasser bringen kann. Soweit ich weiß, ist der Umgrenzungszaun um das Woogsgelände nicht überall gleich hoch und in gleich gutem Zustand. Tragen Sie diese Informationen in die Karte ein, markieren und fotografieren Sie auch Beschädigungen am Zaun. Machen Sie eine Liste aller Boote und schwimmfähigen Einrichtungen rund um den See, fragen Sie die Leute von der Badeaufsicht, ob es irgendwann in der Vergangenheit Hinweise auf illegale Benutzung ihrer Boote gab. Suchen Sie den Schilfgürtel im Norden und Nordosten genau ab, vielleicht bitten wir Deiters Leute von der DLRG nochmal um Unterstützung.«
»Wir sollten irgendwie prüfen, von welchen Stellen aus die Fundstelle einsehbar ist«, schlug Bunter vor.
»Gute Idee – Herr Wedel, setzen Sie einen unserer Fotografen mit einem Camcorder in eins der Boote der Badeaufsicht und lassen Sie ihn an der Fundstelle einen 360-Grad-Schwenk drehen. Charlotte, Herr Bunter, ich bitte Sie beide, die informatorischen Befragungen vorzubereiten. Wir sprechen hier von einem Ereignis, das vielleicht fünf oder mehr Jahre zurückliegt, möglicherweise nicht mehr genau datiert werden kann. Das vergrößert die Anzahl potenzieller Informanten erheblich. Wir müssen das systematisch angehen. Fangen wir mit der Badeaufsicht an. Beschaffen Sie die Personaldaten aller Mitarbeiter der letzten zehn Jahre, einschließlich studentischer Hilfskräfte, den Frauen im Kassenhäuschen und sonstiger Aushilfen. Es muss da eine Bürgerinitiative zur Erhaltung des Sees geben.«
»Der Woogsfreunde«, ergänzte Bunter.
»Genau, setzen Sie alle aktuellen und ehemaligen Mitglieder dieser Gruppe auf die Liste. Kontaktieren Sie das Grünflächen- und Umweltamt. Welche städtischen Angestellten haben in den letzten zehn Jahren die Grünanlagen gepflegt, welche externen Firmen wurden mit der Pflege beauftragt? Filtern Sie aus dem Melderegister die Einwohner heraus, die in den letzten zehn Jahren hier an der Heinrich-Fuhr-Straße zwischen Beckstraße und Trainingsbad und hier an der Landgraf-Georg-Straße zwischen Elisabethenstift und Ostbahnhof gemeldet waren. Kontaktieren Sie den Gastwirt des Woogsstübchens und fragen Sie ihn nach seinen Stammgästen. Versuchen Sie, eine vollständige Liste seiner Vorgänger zu bekommen, soweit ich weiß, hat der Pächter der Kneipe in den letzten zehn Jahren mehrmals gewechselt. Sprechen Sie mit dem Leiter der Jugendherberge. Fragen Sie ihn nach seinen Vorgängern. Lassen Sie sich von ihm die Adressen der Gruppenleiter und Privatleute geben, die in den letzten zehn Jahren die Herberge genutzt haben; das meiste wird er in seiner EDV haben, aber es wird sicher eine Menge Papierarbeit. Setzen Sie die Trainer des TSG 1846 und die Betreiber der Tennisanlage im Osten des Sees auf die Liste. In zwei bis drei Tagen sollten Sie die Aufstellung komplett haben, dann legen wir los mit den Befragungen. Stellen Sie standardisierte Fragenkataloge zusammen für die einzelnen Zeugengruppen, damit wir nichts vergessen. Versuchen Sie darüber hinaus, die Leute zum Reden zu bringen, Sie wissen schon, alte Geschichten, die man sich weitererzählt. Wir werden anfangen mit der Badeaufsicht und der Jugendherberge, die sitzen schließlich auf den Logenplätzen.«
Rünz machte eine kurze Pause. Man hatte ihm aufmerksam zugehört, seine Leute notierten sich eifrig seine Anweisungen.
»Gibt es Fragen oder Anregungen?«
Meyer meldete sich. »Da gibts noch einen Anglerverein, den werde ich mir vornehmen. Außerdem existiert da doch so ein Seniorenklub, die springen doch im Frühjahr beim alljährlichen Anschwimmen immer als Erste ins Wasser.«
»Sie meinen die Schlammbeißer, hätte ich fast vergessen. Sprechen Sie mit jedem Einzelnen, wenn jemand alte Geschichten kennt, dann die.«
»Holen wir uns Unterstützung vom BKA?«, fragte Bunter.
»Wenn wir merken, dass wir auf der Stelle treten, werden wir ein OFA-Team anfordern. Aber das hat jetzt noch keinen Sinn, wir müssen erst mal die Grundlagenarbeit machen.«
»Wie sieht es mit ViCLAS aus«, fragte Wedel.
»Geben Sie sukzessive alle Informationen ein, die wir in den nächsten Wochen erarbeiten. Vielleicht haben wir Glück. Was fällt Ihnen sonst noch ein?«
Schweigen. Rünz hatte sich offensichtlich gut vorbereitet, nicht einmal Bunter fiel eine sinnvolle Ergänzung zu seinem Aktionsprogramm ein. Es sah so aus, als hätte er sich bei seinem Team wieder etwas Respekt verschafft.
»Dann an die Arbeit. Wir werden uns bis auf Weiteres jeden Montag und jeden Freitag um 9 Uhr hier treffen. Nutzen Sie ansonsten die üblichen Wege der Informationsverteilung, ich bin ständig mobil erreichbar.«
Rünz schloss die Sitzung. Beim Verlassen des Zimmers fing er Wedel ab.
»Hören Sie, Hoven möchte eine roadmap und einen action plan für den Fall. Wissen Sie, was er damit meint?«
»Klar Chef«, lachte Wedel, »das ist alter Wein in neuen Schläuchen – früher hieß das Ermittlungs- und Untersuchungsplan. Aber das klingt ihm irgendwie zu altbacken.«
»Das beruhigt mich. Hören Sie, ich werde wie üblich jede Woche für ihn ein paar Punkte zu Papier bringen, die ich Ihnen dann schicke. Bauen Sie doch bitte ein paar von seinen Lieblingsanglizismen ein, Sie wissen schon, dieses ›Business-Denglisch‹, und leiten Sie es dann in meinem Namen an ihn weiter. Er soll sich richtig wohlfühlen beim Lesen.«
6
Der Ermittler überquerte die Nieder-Ramstädter-Straße, fuhr noch einige Meter auf dem Böllenfalltor-Weg Richtung Uni-Campus und bog hinter dem Bessunger Forsthaus rechts in den Waldweg ein. Auf dem Waldparkplatz vor dem Vereinshaus stand eine Horde Nordic Walker, die in Zweiergruppen mit ihren Stöcken ein lächerliches Aufwärmballett vorführten. Dass Darmstadts Nordic Walking Instructors ausgerechnet den Parkplatz vor seinem Vereinshaus als Meeting Point auserkoren hatten, empfand Rünz als persönlichen Affront. Sie versperrten ihm die Zufahrt zu seinem Stammplatz. Er stellte seinen Wagen vor der Pizzeria ab, die den Ostflügel des schmucklosen einstöckigen Gebäudes nutzte, wuchtete seine Waffenkiste aus dem Kofferraum und ging zum Schießstand, die Freizeitsportler keines Blickes würdigend. In der kleinen Halle stand Brecker mit ein paar Vereinskameraden um eine schwarze Metallkiste herum.
»Ah, da schau her«, begrüßte ihn Brecker, »da kommt der Richtige. Schau dir das Baby mal an, Karl, da schlagen Männerherzen höher!«
Rünz warf einen Blick in die Kiste und hatte spontan alle physiologischen Reaktionen, die die meisten seiner Geschlechtsgenossen bei einem überraschenden Auswärtssieg ihrer Fußballmannschaft oder beim Klang eines doppelt aufgeladenen Zehnzylindermotors hatten – Gänsehaut, feuchte Hände, erhöhter Puls und Blutdruck, gerötete Gesichtshaut. In einem sauber ausgestanzten Hartschaumblock, der die Kiste komplett ausfüllte, lagen die Einzelteile einer Scharfschützenwaffe der neuesten Generation. Ein Repetierer mit elegantem, dunkelgrün eloxiertem Aluminiumchassis und einem über 60 Zentimeter langen Matchlauf, raumsparendem Klappschaft und justierbarer Hinterschaftplatte, Zielfernrohr und diversem Zubehör. Brecker nahm die Waffe aus dem Koffer, löste die Verriegelung, klappte den Schaft auf und legte an.
»Die Jungs von der Insel machen unseren deutschen Waffenschmieden ganz schön Feuer unterm Arsch. Arctic Warfare von Accuracy International in 300er Winchester Magnum.«
Brecker fischte den Verschluss am Kammerstängel aus dem Kasten und hielt ihn wie eine Monstranz in Augenhöhe.
»Sechs Verriegelungswarzen, die sich direkt im Lauf festkrallen!«
Er führte den Metallzylinder sanft von hinten in die Waffe ein. Brecker konnte mit seinen Wurstfingern eine überraschend sensible Feinmotorik entwickeln, wenn er mit Waffen umging. Wirkliche Liebe konnten Männer nur für Maschinen empfinden. Er grinste.
»KSK-Konfiguration. Zeiss-Hensold-Zielfernrohr 3-12/56 SSG-P, optional gibts einen Bildverstärker, wenns mal etwas später wird. Kannelierter 26-Zoll-Matchlauf mit 280er-Drall – da kommt richtig Freude auf. Und vorne am Ausgang haben wir noch eine hübsche kleine Mündungsbremse, schließlich wollen wir ja keine blauen Flecken bekommen! Konnte mir für unser kleines Baby auch noch einen Brügger & Thomet-Schalldämpfer organisieren. Habe eine leckere Laborierung für eine kleine Testreihe geköchelt, 190 grains RWS Match-Geschosse mit 43 grains Treibladung, das sollte für eine Präzision von unter 10 Millimetern auf 100 Meter gut sein.«
»Ich dachte, Accuracy International wäre pleite«, fachsimpelte Rünz.
»Korrekt, Karl. Aber seit Mai 2005 auferstanden wie Phönix aus der Asche – mit neuem Management und neuen Modellen. Demnächst wollen die Jungs eine handliche kleine Artillerie im Kaliber 50 BMG auf den Markt bringen. Kanns kaum erwarten.«
Rünz beneidete Brecker um seine Beziehungen zur Waffenindustrie. Er verließ die Gruppe, stellte seinen Koffer an einer freien Übungsbahn ab und widmete sich seiner Leidenschaft, der Arbeit mit großkalibrigen, kurzläufigen Revolvern, der perfekten Kombination von Durchschlagskraft und einfacher, solider Technik. Das einzige Zugeständnis an den technischen Fortschritt war die Double-Action-Mechanik seiner Ruger Super Redhawk Alaskan, die das Spannen und Auslösen der Waffe in einer Bewegung des Abzuges ermöglichte. Mit über 1.600 Joule Geschossenergie war sein Revolver gut für respektable Wanddurchbrüche, die Lauflänge von 2,5 Zoll erlaubte allerdings keine präzisen Schüsse auf größere Entfernungen. Er testete verschiedene Laborierungen, Kombinationen von Geschossen und Treibladungen, um sich nach und nach dem optimalen Kompromiss aus maximaler Schussleistung bei noch akzeptablem Rückstoß zu nähern. Nach wenigen Minuten war er völlig versunken in das heilige Ritual aus Konzentration, Schuss, Entspannung und Nachladen. Er verlor jedes Zeitgefühl.
Rünz’ Frau hatte sich vor Jahren mit der ganzen Euphorie einer Junganalysandin, die glaubte, mit Freuds Lehre die Welt erklären zu können, auf die Deutung seines Hobbys gestürzt. Sie hatte das psychoanalytische Interpretationsuniversum auf ihr Telekollegniveau heruntergebrochen, auf dem Schusswaffen natürlich als phallisch besetzte Objekte auftraten, die die Omnipotenzfantasien ihrer Nutzer bedienten – sie waren lang, aus hartem Metall, ejakulierten auf Befehl und unter Kontrolle des Besitzers Geschosse, mit denen andere Objekte und Personen penetriert werden konnten. Für Rünz waren derlei analytische Deutungen so universal wie beliebig. In Wahrheit resultierte der Lustgewinn bei der Beschäftigung mit Waffen aus der bedingungslosen Hingabe an Funktion, Präzision und Qualität.
Gegen 21.30 Uhr öffnete er seine Wohnungstür und hörte gedämpfte Unterhaltung aus dem Wohnbereich. Das Essen mit ihren Freunden aus der Pilates-Gruppe! Er fluchte leise. Sie hatte ihn morgens noch daran erinnert, aber er hatte es verdrängt wie einen Termin beim Zahnarzt. Er war über eine Stunde zu spät, aber er konnte sich jetzt unmöglich zu ihren Gästen an den Tisch setzen, ohne seinem Baby die Liebe und Zuwendung zuteil werden zu lassen, die es nach dem harten Einsatz auf dem Schießstand verdient hatte. Für diese sakrale Zeremonie zu Ehren der Herren Smith & Wesson gab es nur einen Altar – den Couchtisch. Er betrat das Wohnzimmer, den Waffenkoffer in der Hand. Seine Frau saß mit zwei Männern und ihrer besten Freundin beim Essen. Die Teller waren fast leer, anderthalb Flaschen Chablis geleert. Alle schwiegen und schauten ihn an.
Rünz versuchte, mit einem lockeren und jovialen Auftritt die Stimmung positiv zu beeinflussen.
»Hallo allerseits, bin ein bisschen spät dran. Ich hoffe, Sie haben mit dem Essen nicht allzu lange gewartet.«
Er stand mit seinem Waffenkoffer in der Hand am Tisch, hielt es aber nicht für zwingend erforderlich, den Gästen die Hand zu geben. Seine Frau stellte ihn den beiden Männern vor, aber er hatte ihre Namen gleich darauf wieder vergessen. Die beste Freundin seiner Frau kannte er bereits, eine Kontrollfanatikerin, die sich ein Jahr zuvor von einem Brasilianer hatte scheiden lassen. Sie hatte diesen Mann ursprünglich geheiratet, weil er ihr auf eine liebenswerte Weise südländisch spontan und ungezwungen erschien. Die Scheidung wollte sie dann, weil er so planlos und unkoordiniert in den Tag hineinlebte. Wie viele geschiedene Frauen litt sie als Trennungsfolge unter einer zerebralen Dysfunktion. Fielen in ihrer Gegenwart Schlüsselworte wie ›Ehe‹, ›Trennung‹ oder ›Scheidung‹, fing sie an, in einer Art verbaler Diarrhöe ihre gesamte Beziehungs- und Ehegeschichte auszuscheiden. Sie hatte in dieser Hinsicht einen durch nichts zu bremsenden Mitteilungsdrang, sodass inzwischen sogar Rünz’ Frau einschlägige Gesprächsthemen vermied.
Die beiden Männer am Tisch waren kaum zu unterscheiden, sie trugen beide halblange, etwas verwuschelte Haare, Brillen mit filigranen Titangestellen, Breitcordhosen und hochwertige, anatomisch geformte Bequemschuhe von Ecco oder Clarks. Sie vermittelten alles in allem den Eindruck aktiver und aufgeklärter Zeitgenossenschaft, akademische Mittelschicht, die sich in der Zivilgesellschaft engagierte. Rünz’ Synapsen feuerten spontan Assoziationsketten, die von Elternbeiratssitzungen über Anwohnerversammlungen, Manufactum, Krieg-ist-keine-Lösung, Deeskalierung und Vaterschaftsurlaub bis zu Arte-Themenabenden und Toskanaurlauben reichten.
Er setzte sich in Sichtweite der Runde mit seinem Koffer auf die Couch und legte eine Korkmatte auf die Glasplatte des Tisches. Vorsichtig nahm er die Ruger aus dem Koffer, demontierte sie und sprühte die Einzelteile sorgfältig mit Hoppes Elite Foaming Gun Cleaner ein, einem exzellenten Schaumreiniger für Handfeuerwaffen mit bis zu 30 Prozent reduzierter Einwirkungszeit. Das Reinigungsmittel verbreitete einen leicht ätzenden Geruch im Raum, ein Duft, der auf Rünz die gleiche wohlig sedierende Wirkung hatte wie eine Flasche Bier.
Die Gäste starrten ihn schweigend an, seine Frau spießte mit ihrer Gabel Tofuwürfel von ihrem Teller auf; sie stach regelrecht auf die unschuldigen Sojaprodukte ein. Schließlich versuchte sie, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen, ihre Tischnachbarn nahmen die Vorlage dankbar an. Im Kern drehte sich das Gespräch um bewusste Ernährung und die Frage, ob Veganer Vegetariern ethisch noch überlegen seien, somit also die höchste Stufe moralisch integrer Ernährungsformen für sich in Anspruch nehmen konnten.
Rünz befreite den Lauf seiner Ruger mit einer Bronzebürste von Bleiablagerungen. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Seine Frau war gekränkt, weil er über eine Stunde zu spät nach Hause kam, er konnte sie jetzt unmöglich noch dadurch kompromittieren, dass er sich nicht am Gespräch beteiligte. Er wartete den richtigen Moment ab, um in die Diskussion einzusteigen.
»Wussten Sie eigentlich, dass Hitler Vegetarier war? Und ein großer Tierfreund noch dazu!«
Schweigen. Die Gabel seiner Frau blieb regungslos auf halbem Weg zwischen Teller und Mund stehen, ein Tofuwürfel kam auf den Zinken ins Rutschen und landete knapp neben dem Rand ihres Tellers. Rünz spürte die Möglichkeit eines Missverständnisses und fühlte sich genötigt, eine Erklärung nachzureichen.
»Ich meine, das ist doch faszinierend, diese Dualität. Ein Mensch hat keine Skrupel, Millionen in den Tod zu schicken, kümmert sich aber gleichzeitig mit viel Liebe und Zuwendung um Tiere. Ich habe ohnehin manchmal den Eindruck, dass große Tierliebe meist mit ebenso großer Menschenverachtung einhergeht. Was meinen Sie?«
Seine Frau kippte sich den restlichen Chablis in ihr Glas und leerte es in einem Zug. Einer der Bequemschuhe fühlte sich herausgefordert. In diesem zivilisierten Citoyen mussten Reste urzeitlicher Triebe schlummern, die ihm befahlen, mit Rünz um die Dominanz im Rudel und die Gunst der Weibchen zu rivalisieren.
»Sie wollen doch nicht ernsthaft Hitler als Maßstab nehmen für die moralische Bewertung von Menschen, die versuchen, sich bewusst zu ernähren!«
»Natürlich nicht, da haben Sie mich missverstanden.«
Rünz klappte die Trommel aus seiner 454er Casull, richtete die Waffe auf die Leuchte über dem Esstisch, drehte den Metallzylinder und peilte mit einem Auge durch die Patronenlager auf der Suche nach Verbrennungsrückständen.
»Ich wollte die Thematik nur um einen interessanten Aspekt erweitern. Dinge sind oft komplexer, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Wie hat Freud doch so schön gesagt: Es sind die Heiligen, die die breitesten Blutspuren hinterlassen.«
Seine Frau knallte die Gabel auf den Teller, ihre Freundin legte ihr die Hand auf den Unterarm. Der zweite Citoyen versuchte sich als Fahnenträger seines Tischnachbarn zu positionieren und die Gruppe geschlossen gegen Rünz in Stellung zu bringen.
»Könnten Sie Ihre Waffe vielleicht in eine andere Richtung halten? Wir empfinden das als Bedrohung.«
»Wen meinen Sie mit ›wir‹, haben Sie ein Verhältnis mit meiner Frau?«
Rünz versuchte es mit Humor, aber es half nicht wirklich. Der Mann starrte erst ihn und dann seine Frau an. Er sah aus wie ein Schuljunge, der beim Diebstahl eines Radiergummis erwischt wurde. Der Ermittler verriegelte die Trommel der Waffe und legte sie sanft auf die Korkmatte. Er war sich bewusst, dass dieser Abend einen ungünstigen Kurs zu nehmen drohte, aber er war fest entschlossen, das Ruder herumzureißen. Wer weiß, vielleicht war dieser unglückliche Start der Beginn einer langen und intensiven Männerfreundschaft? Er wendete sich den beiden Zivilisten zu und ging in die Offensive. Er war bereit, sein Allerheiligstes mit ihnen zu teilen.
»Sagen Sie, haben Sie nicht Lust, mich nächste Woche auf den Schießstand zu begleiten? Ich verspreche Ihnen ein einmaliges Erlebnis. Sie werden sich fühlen wie« – Rünz suchte sekundenlang nach dem richtigen Wort – »wie Männer.«
Der Ermittler war sich nicht sicher, ob er die passende Formulierung gefunden hatte. Die beiden reagierten reserviert auf seine Einladung und verabschiedeten sich bald, die Ex-Frau des Brasilianers im Schlepptau. Als sie alleine waren, brach seine Frau einen furchtbaren Streit vom Zaun, warf ihm vor, er hätte sich total danebenbenommen. Rünz war perplex über die Intensität der Stimmungsschwankungen, die der weibliche Zyklus verursachen konnte.
7
Die Luft im Raum war zum Schneiden. Leere Thermoskannen standen auf dem Tisch. Bunter hatte eine halbvolle Tasse Kaffee umgekippt, den er mit drei Zuckerwürfeln angerührt hatte. Die Pfütze vertrocknete auf der Tischplatte zu einem klebrigen braunen Sirup.
Rünz stand auf, ging zum Fenster und öffnete einen Flügel.
»Herr Bunter, was ist mit der Jugendherberge?«
Bunter seufzte.
»Bis jetzt ohne Ergebnis. Und ohne genauere Eingrenzung des Todeszeitpunktes sollten wir uns auch keine größeren Hoffnungen machen. Wir haben einen unüberschaubaren Kreis möglicher Zeugen. Es gibt drei relevante Zeugengruppen – Gäste, Mitarbeiter und Handwerker, die bei Umbau, Modernisierung und Instandhaltung tätig waren. Nehmen wir die Übernachtungsgäste – das Haus wurde Anfang der 50er-Jahre vom DJV gebaut, zuletzt von Oktober 2003 bis Mai 2004 komplett umgebaut und modernisiert. Die Sonnenterrasse zum Woog ist jetzt überdacht und bildet den Essbereich. Die haben fast 20.000 Übernachtungen im Jahr, die Hälfte davon Jugendgruppen mit Leitern, die andere Hälfte Individualreisende, Familien oder Kleingruppen. Selbst wenn wir uns nur auf die Gruppenleiter konzentrieren, sind das mehrere 100 Leute – pro Jahr!«
»Was ist mit dem Pächter und den Angestellten, nehmen Sie sich die zuerst vor.«
»Wir sind dran, bis jetzt ohne Erfolg. Im Schnitt arbeiten 25 festangestellte Voll- und Teilzeitkräfte im Haus. Die Fluktuation ist relativ gering, sodass wir rund 60 Personen in den letzten 25 Jahren haben. Dazu kommen im Schnitt neun Zivildienstleistende, die sind natürlich immer nur für 9 Monate zur Verfügung, da kommt über die Jahre auch eine stattliche Gruppe zusammen. Die Zivis wohnen in der Herberge, in den Räumen unter der Kantine nach Süden zum See raus – zumindest die, die nicht aus der Region kommen. Die haben morgens bereits zweimal die Leichen aufgetriebener Ertrunkener vom Vortag entdeckt.«
»Wohnt der Pächter im Haus?«
»Hat er, bis zum Umbau 2003/2004. Aus seiner früheren Wohnung sind jetzt drei zusätzliche Schlafräume entstanden, alle mit Blick auf den See.«
»Gut, machen Sie weiter mit den Angestellten und den Zivis, wir werden später sehen, wen wir uns von den Übernachtungsgästen vornehmen. Was ist mit diesen Woogsfreunden, Herr Meyer?«
»Negativ. Hatte die Ehre, mit dem Vorsitzenden persönlich zu sprechen. Viele Anekdoten, nichts Verwertbares für uns. Bis auf eine interessante Geschichte …«
»Schießen Sie los!«
»Na ja, nehmen wir mal an, die Leiche liegt nicht erst seit zehn sondern schon seit 40 oder 50 Jahren dort, wir wissen ja noch nichts Genaues. Dann ist es möglicherweise diesen Woogsfreunden zu verdanken, dass sie nicht schon viel früher gefunden wurde.«
Rünz und Wedel schauten ihn verständnislos an.
»Ich sehe schon, ich muss da etwas ausholen. Anfang der 60er-Jahre trainierten im Woog deutsche Leistungsschwimmer für die Olympiade, da gehörte ein Darmstädter dazu, Hans-Joachim Klein …«
»Little-Klein«, rief Wedel, »der hat doch 1964 in Tokio dreimal Silber geholt! Und der hat hier im offenen See trainiert?«
Wedel war ein wandelndes Sportlexikon.
»Richtig, mit der deutschen Staffel. Genau genommen einmal Silber auf vier mal 100 Meter Freistil, einmal …«
»Gut, gut«, unterbrach Rünz. »Kommen Sie zur Sache.«
»War übrigens das letzte Mal, dass eine gesamtdeutsche Mannschaft bei olympischen Spielen angetreten ist, wenn Sie mir die Bemerkung noch erlauben. Nach diesem Erfolg hatte der DSW hier natürlich richtig Oberwasser, die haben dann irgendwann gemerkt, dass man in einem offenen Gewässer nicht ordentlich trainieren kann. Die haben dann mit Schützenhilfe der SPD den Bau eines Hochleistungszentrums gefordert.«
»Aber das wurde doch im Bürgerpark am Nordbad gebaut«, stellte Wedel fest.
»Richtig, aber zuerst wollten sie es in den Woog setzen!«
Rünz schüttelte den Kopf.
»Ein Hallenbad in einem See? Wie kamen die denn auf diese Schnapsidee?«
»Zuerst sollte das eine offene Wanne werden. Hat sich natürlich sofort Widerstand gebildet, war ja auch eine Schildbürgernummer. Die Jungdemokraten haben sich damals besonders engagiert, unterstützt von den Schlammbeißern und vielen Badegästen. Das war die Geburtsstunde der Woogsfreunde. Jedenfalls war 1973 die Diskussion abgeschlossen, der DSW hat sein Leistungszentrum bekommen, aber nicht im Woog, sondern im Bürgerpark, und die Heiner haben ihren Badesee behalten.«
Rünz wurde ungeduldig.
»Und was hat das jetzt mit unserem Toten zu tun?«
»Sie können keine Betonwanne in den See setzen ohne das Wasser komplett abzulassen! Jedenfalls ging das mit den damaligen technischen Mittel nicht so einfach. Heute gibts da Spundwände und so weiter. Stellen Sie sich den freiliegenden Seegrund vor, da wäre doch eine halb aus dem Schlick ragende Leiche sofort aufgefallen!«
»Wenn ich Sie richtig verstehe, dann könnten die Jungdemokraten damals gegen die Woogswanne opponiert haben, damit der Juso-Vorsitzende nicht gefunden wird, den sie vorher im See versenkt haben. Wir sollten die Liberalen in der Stadtverordnetenversammlung in Beugehaft nehmen!«
Bunter lachte.
»Bei der Größe der Partei wird denen das auf Bundesebene einen schweren Schlag versetzen!«
Meyer ließ sich von den Frotzeleien nicht beeindrucken.
»Unsinn, die hatten damals alle gute Gründe, gegen das Projekt zu sein. Das hätte den See doch völlig verschandelt. Aber als ich mit dem Vorsitzenden der Woogsfreunde über das Thema sprach, fiel ihm einer ein, der bei den zahlreichen öffentlichen Diskussionen damals völlig aus dem Rahmen fiel. Ein Anwohner, richtig unangenehmer Choleriker, hat die DSW-Leute und Kommunalpolitiker, die das Projekt unterstützten, Verbrecher genannt und mehrfach mit Sabotage gedroht, falls die Wanne gebaut würde. Der Vorsitzende konnte sich an keinen Namen erinnern, der Mann soll aber einige ziemlich verletzende Leserbriefe verfasst haben.«
Der Rest der Gruppe lachte, Rünz schüttelte den Kopf.
»Da haben Sie sich ja eine hübsche Räuberpistole zusammenfantasiert, Herr Meyer. Das ist definitiv die heißeste Spur, von der ich je gehört habe. Solche Protestrentner tauchen doch auf, sobald irgendwo ein Schlagloch ausgebessert wird. Aber was solls, Sie haben mich auf eine Idee gebracht. Charli, könnten Sie morgen im Verlagshaus der ›Allgemeinen‹ in der Holzhofallee im Archiv stöbern? Nehmen Sie sich die Kriegsjahrgänge vor und die Ausgaben bis 1950, vielleicht finden Sie etwas Verwertbares. Und wenn Sie schon mal da sind, werfen Sie doch mal einen Blick auf die Leserbriefseiten des Jahrgangs 1973, vielleicht findet sich ein Pamphlet dieses Cholerikers. Leserbriefe werden doch immer unter dem entsprechenden Namen veröffentlicht. Was ist mit der Spurensuche an den Uferbereichen, was wissen die Leute von der Badeaufsicht?«
Die Mitglieder des Teams referierten ihre Ermittlungsergebnisse, aber Rünz hörte nur noch mit einem Ohr zu. Die smoking gun fehlte, es war die erwartete Mischung aus verschiedensten Gerüchten, von denen jedes einzelne völlig belanglos sein oder aber eine Schlüsselrolle spielen konnte, je nachdem, in welchen Kontext man es stellte. Und den Kontext lieferte Bartmann. Rünz hasste es zu warten.
Pulsuz fraqment bitdi.