Kitabı oxu: «Gedanken zu A.T.Stills Philosophie der Osteopathie»
Gedanken zu A.T. Stills
Philosophie der Osteopathie
Auf dem Weg zu einer
Philosophischen Osteopathie
Christian Hartmann

ZUM AUTOR
Christian Hartmann, Jahrgang 1964, Physiotherapeut und Arzt, ist Inhaber des 1997 gegründeten JOLANDOS Verlags, der auf die Veröffentlichung deutschsprachiger Versionen osteopathischer Gründerliteratur spezialisiert ist. Seither beschäftigt er sich intensiv mit diesen Texten und gilt inzwischen als Experte im Bereich der Geschichte und Philosophie der Osteopathie. Neben seiner klinischen Tätigkeit und der Leitung des Verlags verfasste er zahlreiche Fachartikel und hält seit 2003 auch Seminare und Vorträge zu diesem Themenbereich. Sein in weiten Teilen auf dem vorliegenden Buch aufbauendes Kernseminar Philosophische Osteopathie ist Bestandteil der Ausbildung an mehreren osteopathischen Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum.
IMPRESSUM
Titel: Gedanken zu A.T. Stills Philosophie der Osteopathie
Untertitel: Auf dem Weg zu einer Philosophischen Osteopathie
von Christian Hartmann
1. AUFLAGE
© 2016 JOLANDOS
Am Gasteig 6, 82396 D-Pähl
www.jolandos.de
978-3-936679-91-5 (Druck)
978-3-941523-58-6 (ebook/mobi)
978-3-941523-57-9 (ebook/epub)
KAPITEL 3.1.: Zeit und Umfeld (von Martin Ingenfeld) und
KAPITEL 4.: Stills Philosophie der Osteopathie – Sprache und Textauszüge
stellen eine verkürzte und bearbeitete Fassung zweier Artikel dar, die hier im Original erscheinen:
J. Mayer, C. Stanton (Hrsg.). Lehrbuch osteopathische Medizin (1.A.) 2016, Elsevier GmbH, Urban & Fischer, München (ISBN 978-3-437-55634-0). Erscheint September 2016.
BEARBEITUNG & LEKTORAT
Martin Ingenfeld, Andreas Grimm
COVERENTWURF, SATZ UND LAYOUT
Christian Hartmann
TITELBILD
Christian Hartmann
DRUCK
Alfaprint s.r.o.
Robotn.cka 1/D, 03601 Martin, Slowakei
EBOOK-GESTALTUNG
www.zeilenwert.de
Jede Verwertung von Auszügen dieser deutschen Ausgabe ist ohne Zustimmung des JOLANDOS Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

D.O.
BEDEUTET
„DIG ON!“
(GRABE WEITER!)
INHALTSVERZEICHNIS
COVER
TITEL
ZUM AUTOR
ZITAT
VORWORT
DANKSAGUNG
1. EINLEITUNG
1.1. Eine persönliche Reise
1.2. Das Osteopathie-Chaos
1.3. Alleinstellungsmerkmale
1.4. Philosophie in der Still-Forschung
1.5. Bemerkung zur Spiritualität
2. DAS THERAPEUTISCHE SELBSTBILD
2.1. Die westliche Kultur erwacht
2.2. Magische Medizin
2.3. Der Verstand erwacht
2.4. Rationale Medizin
2.5. Die biblische Moral
2.6. Konventionell moralische Medizin
2.7. Zum Moralbegriff
2.8. Der Verstand erwacht erneut
2.9. Zerfall der ursprünglichen Philosophie
2.10. Heroische Medizin
3. A. T. STILL – MENSCH UND MILIEU
3.1. Zeit und Umfeld
3.2. Biografie und Charakter
4. STILLS TEXTE – DER PHILOSOPHISCHE ASPEKT
4.1. Kein medizinisches Sammelwerk
4.2. Sprache des ‚kleinen Mannes‘
4.3. Osteopathie mündlich überliefert
4.4. Kunsthandwerk statt Handwerk
4.5. Genitivus objectivus
4.6. Der Begriff ‚Philosophie‘ in Stills Texten
4.7. Der Begriff ‚Philosophie der Osteopathie‘ in Stills Texten
4.8. Philosophische Grundmotivation
5. HYPOTHESEN
5.1. Philosophie der Osteopathie
5.3. Osteopath
5.2. Osteopathie
5.4. Philosophische Osteopathie
6. HERAUSFORDERUNGEN
6.1. Osteopath
6.2. Lehre
6.3. Forschung
6.4. Berufspolitik
7. EIN GEWAGTES ENDE
LITERATUREMPFEHLUNGEN
LITERATURVERZEICHNIS (AUSWAHL)
INDEX
FUSSNOTEN
VORWORT
A.T. STILL UND SEINE TEXTE
Vor über hundert Jahren stellte der amerikanische Landarzt Andrew Taylor Still (1828 – 1917) der Welt die Osteopathiei als Verbesserung bzw. Weiterentwicklung der damaligen orthodoxen Medizin vor. Hierzu verfasste er vier Bücher und einige Dutzend Artikel, in denen er uns seinen neuen Diagnose- und Behandlungsansatz darlegte. Für den unvorbereiteten Leser ein wenig überraschend verfasste er seine Gedanken dabei aber nicht in der damals gebräuchlichen oder heute üblichen Medizinersprache, sondern verwendete einen Stil, den man als Versuch der Verschriftlichung mündlicher Überlieferung bezeichnen könnte; jener Form der Kommunikation also, die zumindest in den ersten 60 Lebensjahren Stills in seinem Lebensumfeld vorrangig der Übermittlung von Informationen diente. So bestehen seine Texte überwiegend aus kraftvollen Erzählungen voller bunter Metaphern, vielschichtiger Allegorien, hemdsärmeliger Anekdoten, deftiger Polemik, häufig beliebig verknüpfter Gedanken, und dies alles oftmals noch aufgelockert durch eine gehörige Portion (Selbst-)Ironie. Dieser Schreibstil lässt es offensichtlich erscheinen, dass Still seine Gedanken nicht an die von ihm häufig harsch kritisierte gelehrte Welt adressierte. Vielmehr versuchte er seine zwar überwiegend ungebildeten, aber durchaus lebensintelligenten und von ihm hochgeschätzten Wegbegleiter im Grenzland des Mittleren Westens zu erreichen.
Auch wenn die Inhalte sich letztlich immer wieder um Osteopathie drehen, sucht man vor allem in seinen Büchern vergeblich nach methodisch sauber erarbeiteten Behandlungsprinzipien oder klar formulierten Behandlungsabläufen im Sinne eines medizinischen Sammelwerks. Auch die von ihm immer wieder in den Mittelpunkt gestellte manuelle Behandlung anatomischer Strukturen, um damit physiologische Prozesse im Körper zu beeinflussen, beschreibt er nirgends genauer, und er liefert hierzu auch keinerlei Bildmaterial. Tatsächlich taucht der Begriff Technik im Behandlungskontext in seinen vier Büchern nur einmal auf, wohingegen man Ausdrücken, die im allgemeinphilosophischen Kontext stehen, nicht nur im Titel zweier seiner vier Bücher, sondern an weit über 600 Textstellen begegnet.
Aufgrund dieser sprachlichen Phänomene und ohne das Hintergrundwissen, für welche Zielgruppe die Texte ursprünglich gedacht waren, drängt sich beim erwartungsvollen und vor allem gelehrten Leser, der relevante medizinische Literatur gewohnheitsmäßig nach ihrer unmittelbar praktischer Effizienz bewertet, unwillkürlich der Eindruck auf, bei Still könne es sich um keinen ernstzunehmenden Mediziner handeln und seine Texte seien infolgedessen aus medizinischer Sicht irrelevant. Verstärkt wird dieser Eindruck noch, wenn man erfährt, dass Still niemals eine medizinische Hochschule besuchte und seine Ausbildung im sogenannten Apprenticeship-Verfahren erwarb, d. h. als Lehrling bei einem bereits zugelassenen praktizierenden Mediziner. Dass dieser im Falle Stills zugleich dessen Vater und hauptberuflich methodistischer Wanderprediger war, der sein ebenfalls laienärztliches Wirken lediglich als Ergänzung seiner seelsorgerischen Tätigkeit betrachtete, rundet die Vorstellung von Still als doch wohl eher hinterwäldlerischem Quacksalber ab. Bedenken wir zudem die enormen Fortschritte der Medizin in den letzten hundert Jahren, angefangen von der physikalischen Medizin bis hin zur modernen Kognitionsforschung, zweifelt man erheblich daran, ob die Beschäftigung mit Stills doch schon über hundert Jahre alten Schriften überhaupt Sinn ergeben kann.
So in etwa denken die meisten Therapeuten, wenn es um Still und seine Texte geht. Und die wenigen Interessierten, die eine Lektüre seiner Bücher begonnen haben, legen diese bereits nach kurzer Zeit enttäuscht wieder aus der Hand, da sie eben kaum für die Praxis unmittelbar umsetzbare Anleitungen und Einsichten enthalten. Dass Still in seinen Texten unmethodische Aussagen und allenfalls fragmentarische Andeutungen über erst im Gesamtkontext erschließbare therapeutische Aspekte vorbringt, verführt darüber hinaus dazu, ihm geheimes Heilwissen zwischen die Zeilen zu dichten.
Und wäre all dies nicht genug, könnte man gegen die ernsthafte Beschäftigung mit der Gründerliteratur der Osteopathie auch noch einwenden, dass ihr Studium allein schon angesichts des gegenwärtigen Erfolgs der Osteopathie überflüssig sei. Gute Behandlungsergebnisse, breite Anerkennung in der Bevölkerung, berufspolitisch zunehmende Aktivitäten auf nationaler und internationaler Ebene, Anerkennung durch die WHO als inzwischen drittgrößte komplementärmedizinische Bewegung der Welt – was will man mehr?
An dieser Stelle möchte ich einhaken und bei aller berechtigten Euphorie doch an einen berühmten Ausspruch aus Äsops Fabelsammlung erinnern: „Was du tust, tue klug und bedenke das Ende!“ii Warum mein Einwand berechtigt ist, zeigt ein kurzer Blick in die Geschichte der Osteopathie: Gerade in der Gründerzeit der Osteopathie herrschte ein vergleichbarer Boom in den Vereinigten Staaten. Bereits früh büßte sie dort jedoch ihre eigenständige Identität vollends ein und, statt zu – wie von ihrem Entdecker eingefordert – einer bedeutenden Weiterentwicklung der Medizin zu werden, mutierte sie schon bald zu einem ihrer eher unbedeutenden Anhängsel. Bis heute fristet die Osteopathie im Land ihrer Entstehung dieses Dasein. Noch dramatischer verlief die Entwicklung der ursprünglich als Medizin im hausärztlichen Kontext angedachten Osteopathie in England, wo sie bereits rasch nach ihrer Etablierung auf eine hauptsächlich strukturell orientierte Behandlungsmethode für muskuloskelettale Beschwerden reduziert wurde. Analysiert man beide Entwicklungen aus historischer Sicht, gründen beide in einer Verschiebung der Prioritäten vor allem berufspolitisch aktiver Gruppen. Um Anerkennung zu erlangen, orientierten sie sich weg von Stills ursprünglicher Philosophie der Osteopathie, die tatsächlich die ursprüngliche Philosophie als ihren Kern beinhaltet, hin zu einer ausschließlich auf praktische Aspekte bezogenen Osteopathie.iii Auffällig ist dabei, dass diese Neuausrichtung zwar in gewissem Maß marktpolitisch erfolgreich war, die Osteopathie aber quasi als Nebenwirkung in eine ernste Identitätskrise gestürzt hat. Eine ähnliche Entwicklung ist gegenwärtig in Kontinentaleuropa zu beobachten. Fragt man hier nämlich einen Osteopathen danach, was denn die Alleinstellungsmerkmale der Osteopathie gegenüber der regulären Medizin (USA) bzw. der Chiropraktik (England) seien, fallen die Antworten höchst unterschiedlich aus. Wie auch in den angelsächsischen Ländern halten die dabei vorgebrachten Argumente, die eine Eigenständigkeit der Osteopathie begründen sollen, einer kritischen Überprüfung nicht wirklich stand. Ich werde dies in Kapitel 1.3. noch ausführlicher darlegen.
Nicht nur diese durch die Ausklammerung der ursprünglich im Mittelpunkt stehenden philosophischen Aspekte der Osteopathie verursachte Identitätskrise der Osteopathie hat mich aber bewogen, das Projekt Philosophische Osteopathie zu beginnen. Nach nunmehr 20 Jahren des Studiums der Texte Stills und einer durchaus relevanten Erfahrung als Therapeut bin ich auch zu der festen Überzeugung gelangt, dass die kritische Auseinandersetzung mit der philosophischen Dimension in Stills Schriften ein enormes Erkenntnispotenzial in Bezug auf das eigene therapeutische Selbstverständnis in sich trägt. Verbunden damit ist eine völlig neue und wesentlich bewusstere Betrachtungsweise des eigenen therapeutischen Seins und Wirkens – mit allen damit verbundenen Vorteilen. Da in den aktuellen berufspolitischen Aktivitäten aber die von Still immer und immer wieder angemahnte philosophische Dimension innerhalb der Osteopathie keine wirklich ernsthafte Berücksichtigung findet, wird allen an der Osteopathie interessierten Menschen, vor allem aber den Studierenden der Osteopathie und den ausgebildeten Osteopathen selbst ebenjenes so bedeutende Erkenntnispotenzial vorenthalten. Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, wurde das Projekt Philosophische Osteopathie ins Leben gerufen.
PROJEKT ‚PHILOSOPHISCHE OSTEOPATHIE‘
Der Ausdruck Philosophische Osteopathie umfasst die Osteopathie als medizinische Richtung, den Osteopathen in seinem therapeutischen Kontext, aber auch beide Aspekte bezogen auf alle Fragen des Menschen in seinem Verhältnis zu sich und der Welt als Ganzes. Diese Bezugnahme auf einen größeren Kontext, sowie die Einbeziehung des Osteopathen als eigenständig denkendes und handelndes Zentrum in ihm, begründet das Attribut philosophisch und beschreibt damit jene Dimension, auf die Still allergrößten Wert gelegt hat. Er selbst verwendet in diesem Zusammenhang den Ausdruck Philosophie der Osteopathie. Da dieser jedoch regelhaft allein auf den therapeutischen Handlungsbereich bezogen wird, hielten die an dem Projekt mitbeteiligten Philosophen Andreas Grimm, Martin Ingenfeld und ich die Schaffung eines neuen Ausdrucks für gut begründet.
Das Buch Philosophische Osteopathie stellt innerhalb dieses Projekts den erstmaligen Versuch dar, Stills Ausdruck der Philosophie der Osteopathie nicht nur anhand von seinen Schriften, sondern auch im Kontext der medizin- und philosophiehistorischen Zusammenhänge und unter Berücksichtigung der Person Still selbst zu erforschen. Die so erarbeiteten Ergebnisse sollen den Vertretern der Osteopathie aber auch alle anderen an der Osteopathie interessierten Menschen die Möglichkeit geben, sich ernsthaft und kritisch mit dem Thema auseinandersetzen zu können. Um diesen Anspruch zu erfüllen, habe ich das Buch in sechs Kapitel eingeteilt.
In der Einführung erhalten Sie dabei zunächst einmal einige Informationen rund um meinen eigenen Werdegang innerhalb der Osteopathie, jenes Osteopathie-Chaos, welches sich mir hier bezüglich der Iedntität der Osteopathie offenbahrt hat und wie hier für mich die philosophischen Aspekte in Stills Ansatz ins Spiel kommen. Um diese Aspekte und vor allem ihre enorme Bedeutung weit über die Osteopathie hinaus destillieren zu können, bedarf es allerdings einiger Vorkenntnis bezüglich der heutigen Prägung unseres therapeutischen Selbstverständnisses, sowie einige Informationen rund um Still selbst. Hierum geht es in den Kapiteln zwei und drei. Mit diesem Rüstzeug im Gepäck erfolgt im vierten Kapitel anhand von repräsentativen Auszügen eine kritische Analyse von Stills Schriften in Hinblick auf den philosophischen Aspekt. Die daraus im fünften Kapitel abgeleiteten und kurz formulierten Kernhypothesen werden im sechsten Kapitel in ihrer möglichen Bedeutung für die heutige Osteopathie gedanklich gefüllt. Zuletzt erlaube ich mir noch im siebten Kapitel einen sehr weiten Blick über den Tellerrand, der Ihnen einen kleinen Eindruck davon geben soll, welche reizvolle Inspirationen auf jene Menschen warten, die bereit sind, sich wissenschaftlich mit Stills Philosophie der Osteopathie zu beschäftigen.
Als Projekt verstehen die Beteiligten Philosophische Osteopathie, weil das vorliegende Buch sich nicht als Lehrwerk versteht, in dem absolute Wahrheiten verkündet werden. Vielmehr ist es als erster Bestandteil eines begrifflichen Schutzraums namens Philosophische Osteopathie gedacht. Die im vorliegenden Werk erarbeiteten Erkenntnisse über Stills Gedankenwelt bilden dabei lediglich Ausgangspunkte, an die eine dynamische Auseinandersetzung mit dem Themenbereich der Bedeutung von Philosophie für die therapeutische Welt der Osteopathie einschließlich der in ihr handelnden Vertreter anknüpfen könnte. Alle lebensintelligenten und wissbegierigen Menschen sind jederzeit und herzlich dazu eingeladen, sich an dieser Diskussion kritisch, konstruktiv und transdisziplinäriiv beteiligen, um damit den Schutzraum beständig zu füllen und zu erweitern. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Form dies geschieht, sei es im stillen Nachdenken ganz für sich, im privaten Austausch, in Veröffentlichungen bzw. öffentlichen Diskussionen oder in sonst einer Form. Letztendlich sollen daraus aber im Sinne guter angewandter Philosophie stets handhabbare und pragmatische Handlungskonzepte erarbeitet werden, die unmittelbar für das Gemeinwohl nützlich sind. Eine akademische Verbrämung ist also nicht erwünscht.
KEIN MEISTERWERK
Nicht wenige Interessierte innerhalb der deutschsprachigen Osteopathie-Szene erwarten dieses Buch schon mit einiger Vorfreude und Spannung. Ihnen möchte ich einleitend sagen, dass sie ihre Erwartungen aus mehreren Gründen nicht allzu hoch hängen sollten. Einerseits ist die wirklich kritische Auseinandersetzung mit Stills Texten, auf die sich dieses Buch vorrangig stützt, noch sehr jung. Gerade in den letzten drei Jahren ergaben sich hierzu geradezu sintflutartig neue Erkenntnisse, weshalb eine umfassende Aufarbeitung des Themas zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wirklich möglich ist. Das vorliegende Werk kann hier gerade einmal einen ersten Eindruck vermitteln. Weiterhin steht der Begriff Philosophie immer wieder im Mittelpunkt der Betrachtung. Zwar tausche ich mich seit nunmehr 15 Jahren mehr oder weniger intensiv mit Martin Pöttner (2004 – 2011) und Andreas Grimm (seit 2014), zwei gelehrten Philosophen und zugleich hervorragenden Kennern der Still-Texte, aus, dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich selbst kein studierter Philosoph bin. Für die aufgrund meines Laienwissens in Bezug auf die Ausführungen zur Philosophie im Zusammenhang mit Stills Ansatz auftauchenden ‚Unschärfen‘ bitte ich daher um Nachsicht. Dies gilt auch für Vereinfachungen, die bei jedem Versuch, eine komplexe Thematik sowohl sprachlich wie auch inhaltlich auch für Laien verständlich zu machen, unweigerlich auftreten.
Im Zusammenhang mit den eben genannten Philosophen möchte ich zugleich darauf hinweisen, dass ich zwar wesentliche Einsichten in Bezug auf die enorme Bedeutung der philosophischen Lebenshaltung in Stills Ansatz bereits fragmentarisch erahnt hatte, erst aber der gegenseitig völlig offene und aneinander interessierte Austausch vor allem mit Andreas Grimm dazu geführt hat, dass ich diese Fragmente zu einem Ganzen zusammenfügen konnte. Erst dadurch wurde mir auch voll bewusst, welch hervorragende und weitreichende Gedanken Martin Pöttner bereits 2005 in seinem bemerkenswerten Vorwort zu Das große Still-Kompendium der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat. Auf diesem in gemeinsamer Arbeit errichteten Fundament gründen die im vorliegenden Werk vorgebrachten Hypothesen und ihre Ausdeutung in Hinsicht auf den Alltag der Osteopathie und für das therapeutische Dasein. Dass Andreas Grimm nicht ausdrücklich als Koautor erwähnt wird, liegt schlichtweg an der Tatsache, dass ich den Text allein verfasst habe; inhaltlich bitte ich das Buch als geistige Koproduktion zu betrachten. Einen wichtigen Beitrag zu diesem Buch hat zudem der junge Wissenschaftler und ebenfalls Kenner der Still-Texte Martin Ingenfeld geliefert. Auf einem Beitrag von ihm beruht die Beschreibung des kulturellen Milieus, in dem Still lebte und in dem seine Schriften entstanden sind, in Kapitel 3.1.
Ein weiterer Grund dafür, dass das vorliegende Buch nun gleichsam vorab wie ein Provisorium erscheint, ist die Tatsache, dass von immer mehr Osteopathen und Teilnehmern meiner Seminare zur Geschichte und Philosophie der Osteopathie (jetzt: Philosophische Osteopathie) eine öffentlich zugängliche Zusammenfassung meiner Gedanken gewünscht wurde. Diesem Wunsch möchte ich jetzt entsprechen, wohl wissend, dass ich damit im Grunde ein erst halbfertiges Produkt abliefere.
Betrachten Sie die vorliegende Ausgabe aus den eben genannten Gründen daher als nach bestem Wissen und Gewissen erstelltes Gesellenstück –nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sollte das Buch konstruktive Diskussionen auslösen, so werden alle wertvollen Beiträge hierzu in möglichen weiteren Auflagen Berücksichtigung finden. Wie schon erwähnt, soll es sich bei Philosophische Osteopathie ja nicht um ein statisches Lehrgebäude handeln, das versucht, vermeintliche Wahrheiten zu verbreiten. Betrachten sie es einfach als möglichen Beginn einer fruchtbaren Diskussion über die Bedeutung der philosophischen Dimension im therapeutischen Kontext.
WISSENSCHAFTLICHKEIT VS. LESBARKEIT
Ich habe mich entschlossen, auf umfangreiche Quellenverweise zu verzichten, und beschränke diese lediglich auf Auszüge, die von Zeitzeugen Stills oder aus seinen Originalschriften stammen.v Gleichermaßen werden bei der Nennung von Personen keine akademischen Grade oder sonstige Titel genannt, um den Lesefluss nicht unnötig zu behindern. Dass der wissenschaftliche Wert darunter leidet, nehme ich gerne in Kauf, denn es war nie meine Absicht, mit dieser Arbeit einen akademischen Grad zu erwerben. Mir geht es vielmehr darum, einem möglichst breiten Publikum die Gedankenwelt Stills und die damit verknüpfte Thematik der Philosophie im therapeutischen Kontext zugänglich zu machen. Zudem sollen ernsthaften Interessenten an Stills Ansatz erstmals auch kritisch überprüfbare Hypothesen an die Hand gegeben werden, um sich mit dem Thema sachlich auseinandersetzen zu können. Man mag kritisieren, dass die dabei verwendeten Zitate Stills nur einen winzigen Bruchteil des mir vorliegenden Recherchematerials ausmachen. Dem halte ich entgegen, dass die Auswahl mit größter Sorgfalt in Bezug auf den Gesamtkontext erfolgte und unter Berücksichtigung des langjährigen Austauschs mit den Philosophen Martin Pöttner und Andreas Grimm, aber auch der bedeutenden Osteopathiehistorikerin Jane Stark sowie vielen anderen wissenschaftlich orientierten Vertretern der Osteopathie. Kritik an Inhalten dieses Buchs, die auf einzelnen sich widersprechenden Zitaten oder unüberprüfbaren persönlichen Erfahrungen beruhen, bitte ich daher entsprechend skeptisch zu betrachten.
DANKSAGUNG
Aufgrund des beschränkten Wissensumfangs war es in der Antike noch möglich, dass einzelne Menschen Detailwissen in vielen Feldern der Beobachtung erlangen und diese zugleich zusammenführen konnten, um auf diese Weise die sich daraus ergebenden holistischen Zusammenhänge in ihrer Bedeutung für das Wohl des Menschen zu ergründen. Diesen Menschen, die aufgrund ihrer Neugier auf die Welt und ihrer Liebe zum Wissen Philosophen genannt wurden, verdanken wir das gesamte Fundament unseres heutigen Denkens in der westlichen Welt und damit auch unsere Bewusstheit nicht nur für die Strukturen der physikalischen Welt und die sie verbindenden Mechanismen, sondern auch für die sich daraus ergebenden ethischen Fragen. Spätestens seit der enormen Wissensexplosion in der Folge der Renaissance kann diese Synthese von einzelnen Menschen nicht mehr geleistet werden, und entsprechend bemerkte der Gelehrte Emanuel Swedenborg (1688 – 1772) sinngemäß auch zu Recht, dass es zwei Arten von Philosophen geben müsse, um den eben beschriebenen Erkenntnisraum des Menschen zu erweitern: jene, die in einem bestimmten Bereich neue Detailerkenntnisse erlangen, und jene, die diese Detailerkenntnisse zusammenfügen.
Da die akribische Arbeit an Details nicht zu meinen Stärken zählt, ich mich aber schon immer für das Verständnis großer Zusammenhänge begeistern konnte, zähle ich mich selbst eher zur zweiten Gattung der Wissen-Wollenden. Insofern sind meine Erkenntnisse weniger durch tatsächliche Neuentdeckungen geprägt, sondern bauen zumeist auf dem synthetisierten Wissen anderer Menschen auf. So betrachte ich mich auch ganz im Sinne einer berühmten Metapher lediglich als ‚Zwerg auf den Schultern von Riesen‘. Mögen meine Geistesblitze dem einen oder anderen Leser an manchen Stellen noch so originär erscheinen, so bauen sie letztlich doch immer auf dem Vorwissen und den Errungenschaften anderer auf. Deshalb seien sie im Folgenden auch explizit benannt.
Im Bereich der Geschichte der Osteopathie sind vor allem Elmar Booth, Priscilla Brown, Ernest Tucker, Carol Trowbridge, Georgia Walters, Steve Paulus, Martin Collins, Max Girardin, Matvey Kipershtein, John O‘Brien, Michael Collins, David Fuller und Philippe Druelle zu erwähnen. Auch die Mitarbeiter von Institutionen wie dem Museum of Osteopathic Medicine (MOM, ehem. Still National Osteopathic Museum) in Kirksville, Missouri, das sich auf Initiative des ehemaligen Präsidenten der Andrew Taylor Still University James McGovern und unter der langjährigen Leitung von Jason Haxton zum Mekka der Forschung zur Osteopathiegeschichte entwickelt hat, dürfen hier ebenso wenig unerwähnt bleiben wie die Initiatoren und Mitarbeiter des erst vor wenigen Jahren gegründeten National Archive of Osteopathy in London.
Eine besondere Erwähnung in Bezug auf die Osteopathiegeschichte verdient die kanadische Osteopathin Jane Stark. Ohne ihre unermüdliche Jagd nach historischen Fakten, die großzügige und offene Verbreitung selbiger in zahlreichen weltweit hochgeschätzten Seminaren, Fachartikeln und in ihrer bemerkenswerte Arbeit Stills Faszienkonzepte hätte die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Osteopathie nicht die zunehmende Dynamik und das hohe Niveau erreichen können, die sie gegenwärtig aufweist.
Wie schon erwähnt, bedarf es zum tieferen Verständnis von Stills Texten nicht nur der historischen Forschung, sondern auch einer Betrachtung vor allem durch Philosophen. Das organische Gesamtbild der Philosophischen Osteopathie und somit auch eine von ihr ausgehende mögliche Bestimmung der osteopathischen Identität sind ohne philosophische Beiträge undenkbar. Deshalb möchte ich mich in diesem Zusammenhang vor allem bei Robert Davis, Steve Tyreman, Walter McKone, Karl-Heinz Weber, Albrecht Kaiser und Martin Ingenfeld bedanken, die jeweils auf eigene Art und Weise versucht haben und noch immer versuchen, Stills Texte auch in Hinsicht auf philosophische Aspekte zu untersuchen.
In meinem Werdegang von herausragender Bedeutung als philosophische Ratgeber und Gesprächspartner waren Martin Pöttner und Andreas Grimm. Pöttner ließ mich freundlicherweise an seinem enormen Wissen über die Philosophie im Kontext Amerikas des 19. Jahrhunderts teilhaben. Erst durch ihn war ich überhaupt in der Lage, Still als ebenso originären wie auch typischen Denker seiner Zeit einigermaßen einordnen zu können. Jeder, der sein umfassendes, bemerkenswertes Vorwort aus Das große Still-Kompendium kennt, wird nicht wenige der darin bereits 2005 von ihm erschlossenen Zusammenhänge im vorliegenden Buch wiederentdecken. Tatsächlich war Pöttner der Erste, der die Behauptung, Still sei nicht nur ein Meister im Medizinhandwerk gewesen, sondern auch ein bedeutender Denker, ausführlich und stichhaltig begründete. Da er diesen philosophischen Aspekt auch erstmals in einigen Aspekten mit der therapeutischen Praxis der Osteopathie in Verbindung brachte, gilt er für mich als eigentlicher ‚Urvater‘ der Philosophischen Osteopathie.
Der intensive Austausch mit Andreas Grimm half mir, meine bestehenden Erkenntnisse zur Philosophischen Osteopathie einen entscheidenden Schritt voranzubringen, weil er mir ermöglichte, die noch etwas lose in meinem Kopf schwebenden Gedanken zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Zugleich verschob sich mein Fokus durch ihn endlich von der Osteopathie dorthin, wohin ihn Still auch ursprünglich gelegt hatte: auf den Osteopathen als eigenständig und kritisch denkenden Menschen.
Aber nicht nur die eben genannten Personen hatten Anteil an meinen in diesem Buch vorgebrachten Ideen, Erkenntnissen und Hypothesen zur Philosophischen Osteopathie. Inspirationen kamen auch durch die Teilnehmer meiner Seminare, die vielen Neugierigen an meinem Bücherstand während der Osteopathiekongresse, interessierte Gelehrte aus dem universitären Kontext, Familie und Freunde bis hin zum ‚einfachen‘ Bauern aus meinem Dorf (der Still oftmals besser versteht als ich selbst). Ihnen und allen jenen, die ich hier nicht erwähnt haben sollte, gebührt mein uneingeschränkter Dank.
Und schließlich gilt mein ganz besonderer Dank meiner Lebenspartnerin Theresa, für ihre Geduld und ihr Verständnis dafür, dass viele mögliche gemeinsame Stunden meiner Arbeit an diesem Buch geopfert wurden.
ZUM SCHLUSS
Seien Sie skeptisch wie Sokrates und Still es waren. Prüfen Sie Aussagen, die Ihnen zusagen, ebenso kritisch wie solche, die Ihnen nicht zusagen. Positive Skeptiker sind der Motor jeder Weiterentwicklung. Und da diese Eigenschaft vor allem eine Domäne der Jugend ist, widme ich das vorliegende Buch und das Projekt Philosophische Osteopathie ganz besonders den zukünftigen Generationen der Osteopathie. Die Osteopathie braucht Bewegung. Bewegen Sie sie!
Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel innere Bewegung bei der Lektüre.
Christian Hartmann
Südafrika, März 2016
GEDANKEN ZU A. T. STILLS
PHILOSOPHIE DER OSTEOPATHIE
1. EINLEITUNG
Um gleich den Eindruck zu vermeiden, dass es sich bei Philosophische Osteopathie ausschließlich um ein steriles Wissenschaftsprojekt handelt, möchte ich in der Einführung dieses Buches zunächst mit meiner eigenen Geschichte beginnen. Dies mache ich nicht, um Sie mit persönlichen Geschichten oder Überzeugungen zu langweilen, sondern weil ich hoffe, dass gerade Therapeuten dadurch geeignete Einstiegspunkte auf ihrer individuellen osteopathischen Reise finden. Zudem habe ich im Zuge meiner Arbeit mit Still gelernt, dass Texte allein nur einen Teil des Ganzen darstellen. Kennt man den Verfasser als Mensch ein wenig besser, interpretieren sich manche Aussagen leichter, oder sie erscheinen plötzlich sogar in einem völlig neuen Licht. Selbstverständlich kann und soll jeder, dem das Lesen persönlicher Geschichten anderer Menschen eher ein Gräuel ist, dieses Kapitel jederzeit gerne überspringen.
Im Anschluss an meine persönliche ‚osteopathische‘ Reise stelle ich Ihnen dann die verschiedenen Hauptströmungen der Osteopathie vor, so wie man ihnen auf internationaler Ebene begegnet. Ich halte dies für notwendig, um auch Lesern, die mit der Materie der Osteopathie noch nicht so vertraut sind, ein realistisches Bild davon zu geben, von welch enormer Heterogenität die Osteopathie-Welt tatsächlich geprägt ist.
Alle diese Strömungen weisen zumindest eine Gemeinsamkeit auf: Sie alle versuchen mithilfe unterschiedlicher Argumente ihre Eigenständigkeit zu begründen. Auf die damit beschriebenen Alleinstellungsmerkmale vor allem gegenüber der orthodoxen Medizin möchte ich im dritten Unterkapitel der Einführung etwas genauer eingehen und sie einer kritischen Prüfung unterziehen. Dadurch wird verständlicher, warum eine Neubetrachtung der Osteopathie ausgehend von ihren Wurzeln notwendig erscheint.
Zum Schluss habe ich mir erlaubt, noch kurz auf das Thema Spiritualität einzugehen, um hier klarzustellen, warum seine Berücksichtigung für das vorliegende Werk und das Projekt Philosophische Osteopathie keine Relevanz besitzt.
1.1. EINE PERSÖNLICHE REISE
1994 erzählte mir ein guter Freund zum ersten Mal von der Möglichkeit, Osteopathie zu erlernen. Als frisch examinierter Physiotherapeut war ich offen für jegliche Form der Weiterentwicklung, und so entschloss ich mich umgehend, mit der Ausbildung zum Osteopathen anzufangen. Von Beginn an war ich von der Art und Weise begeistert, wie lebendig und funktionell uns die Anatomie erklärt und mit welcher Fülle an Techniken man ausgestattet wurde. Erst sehr viel später sollte ich verstehen, dass uns der bedeutendste Teil der Lehre des Begründers der Osteopathie nicht vermittelt wurde: die philosophische Haltung des Osteopathen zur Welt.
Da ich mich schon immer brennend für das interessiert habe, was hinter einer Sache stand, fragte ich im zweiten Ausbildungsjahr einen meiner Lehrer nach den Ursprüngen der Osteopathie. Darauf bekam ich ein schulterzuckendes „Von irgendeinem Arzt aus Amerika“ als Antwort. Meine Nachfrage, ob es Literatur von oder über diesen ominösen Arzt gebe, wurde beiläufig mit „Ein paar Fachartikel …“ beantwortet. Da ich nun das Glück hatte, bereits 1997 das Internet nutzen zu können, recherchierte ich daraufhin in einigen amerikanischen Portalen und wurde rasch fündig. Neben seinen vier Büchern Autobiografie, Die Philosophie der Osteopathie, Die Philosophie und mechanische Prinzipien der Osteopathie und Forschung und Praxis1 fand ich zudem mit Carol Trowbridges Andrew Taylor Still 1828 – 1917)2 eine Biografie über den Begründer der Osteopathie. Ich ließ mir jeweils ein Exemplar aller Titel zuschicken, begann zunächst die sehr dicht mit Informationen gespickte Biografie (nicht zu verwechseln mit Stills Autobiografie) zu lesen und recherchierte einige mir wichtig erscheinende Aspekte nach, wie etwa den Methodismus, den Amerikanischen Transzendentalismus, die juristischen Rahmenbedingungen für Ärzte jener Zeit. Besonders fiel mir aber eine kritische Bemerkung von Trowbridge aus ihrem Vorwort auf, in der sie bereits auf den erheblichen Unterschied zwischen Stills Ansatz und der modernen Osteopathie hinwies. Damals schenkte ich dieser Aussage aber keine weitere Beachtung und widmete mich zunächst Stills Autobiografie. Wie die meisten Therapeuten, die Stills Bücher zum ersten Mal in die Hand nehmen, war auch ich zu Beginn ziemlich verwundert über die für mich so ungewohnte, einfache und erzählerische Sprache, voll von militärischen, religiösen und mechanistischen Ausdrücken, die so gar nicht zu der ganzheitlichen, sanften und filigranen Osteopathie passte, die ich gerade selbst erlernte. Erst als ich mehr über den Amerikanischen Bürgerkrieg und die Einstellung der Menschen im Mittleren Westen zu jener Zeit, den Methodismus und die immense Bedeutung der Elektrizität und der Maschinen gerade im 19. Jahrhundert gelesen hatte, konnte ich dies besser nachvollziehen. In diesem Zusammenhang zeigte sich mir auch, wie unsere Sprache stets von der gerade aktuellen Wissenschaft geprägt wird. (Denken Sie nur einmal an die inzwischen inflationäre Verwendung des Begriffs Vernetzung in der modernen Medizin.) Mir wurde schnell klar, dass ich meinen bis dahin geprägten Anspruch und die damit verbundenen Erwartungen bezüglich medizinischer Literatur vollständig über Bord werfen musste, um zu erfahren, was Still uns eigentlich vermitteln wollte bzw. was er selbst unter Osteopathie verstand. Unabhängig von den Schwierigkeiten mit Stills ungewöhnlicher Sprache frustrierte mich aber ganz grundlegend, dass ich die mitunter äußerst langen und verschachtelten Sätze, in denen er zum Teil hochkomplexe Sachverhalte beschrieb, allein schon deshalb nicht verstand, weil meine Muttersprache nicht Englisch war.
Es gab also auch für mich gute Gründe, Stills Bücher rasch wieder beiseitezulegen. Andererseits jedoch ging von einigen seiner Ideen eine seltsame Faszination aus, die mich auf sehr sympathische Art und Weise berührte und mir das Gefühl gab, in den Texten schlummere etwas, das weit über praktische Erfahrung, Grundwissen und Techniken hinaus reichte und die Medizin dadurch in einem völlig neuen Kontext erhellte. Hier ging es auf einmal nicht mehr primär um Krankheiten, Konzepte oder Techniken, sondern um Philosophie, um den Menschen, das Leben und vor allem den Therapeuten selbst; nicht als Gesundmacher oder Heiler, sondern als aufmerksamen Beobachter mit einer bewussten inneren Haltung zur Welt. Erstmalig begegnete mir ein Text, der in Bezug auf seine medizinische Relevanz nicht durch seine von Gelehrten als allgemeingültig vorgegebene Form - in puncto Terminologie, Methodik und Systematik - bestach, sondern allein durch die Kraft origineller Gedankengänge. Erst sehr viel später sollte ich erkennen, dass Still auch ganz bewusst keine üblichen Sammel- oder Lehrwerke schaffen wollte, um die Leser nicht durch eine Fokussierung auf deskriptive Inhalte von der eigentlichen Bedeutung seiner Aussagen abzulenken.
Nun hielt ich also ein meines Erachtens für die Medizin ganz allgemein hochrelevantes Schriftgut in meinen Händen, war aber aufgrund meiner deutschen Muttersprache nur sehr bedingt in der Lage, wesentliche Tiefen darin wirklich befriedigend zu erfassen. Zu diesem Zeitpunkt, etwa 1999, arbeitete ich als Physiotherapeut im Süden von München, um mir mein inzwischen begonnenes Medizinstudium zu finanzieren. Ich hatte die Osteopathie-Ausbildung bereits im vierten Ausbildungsjahr abgebrochen, da sich Inhalte und Techniken zu wiederholen begannen und das bei Still Beschriebene und für mich Wesentliche weder an meiner noch an einer anderen Osteopathieschule unterrichtet wurde. Zwar kam es vor, dass man Osteopathie als eigene Medizinphilosophie bezeichnete, aber auf meine Nachfrage, was damit denn genau gemeint und wo dies anhand von Quellen nachzuprüfen sei, erhielt ich lediglich unbefriedigende Aussagen, die bis hin zu ‚Sammle erst einmal Praxiserfahrung, dann wirst du es schon verstehen.‘, ‚Die Philosophie der Osteopathie ist das, was man daraus macht.‘ oder gar ‚Still meint das mit der Philosophie nicht so. Osteopathie hat mit Philosophie nichts zu tun.‘ reichten. Heute weiß ich, dass diese Antworten auf Unkenntnis oder unwissenschaftliche Betrachtung in Bezug auf Stills Texte zurückzuführen sind.
Da mein Interesse an diesem Wesentlichen der Osteopathie aber nach wie vor ungebrochen war, fragte ich einige medizinische Verlage, ob sie nicht Interesse hätten, eine deutschsprachige Version der Bücher von Still zu veröffentlichen. Nun muss man wissen, dass es zu diesem Zeitpunkt kaum 200 geprüfte Osteopathen in Deutschland gab und den Verlagen die Investition in osteopathische Literatur, allem voran im historischen Bereich, nicht lukrativ erschien. So traf ich 2000 eine für mein weiteres Leben wichtige Entscheidung, gründete den Ein-Mann-Verlag JOLANDOS und begann mithilfe von Freunden das Übersetzungs-Projekt in die eigenen Hände zu nehmen. Als Das große Still-Kompendium mit der deutschsprachigen Fassung der vier Bücher von Still Ende 2002 zeitgleich mit dem Abschluss meines Medizinstudiums erschien, stand auch schon die nächste wichtige Entscheidung an. Osteopathie hatte in Deutschland inzwischen deutlich Fahrt aufgenommen und die Nachfrage nach Stills Texten wuchs. Dabei wurde schnell klar, dass den meisten Lesern bei der Lektüre jenes umfassendere Wissen rund um Still und die Gründerjahre bzw. die Geschichte der Osteopathie fehlte, das nötig ist, um sie besser verstehen und verorten zu können. So entschied ich mich, meine klinische Karriere zu bremsen, um mich ganz der Veröffentlichung deutschsprachiger Ausgaben der in meinen Augen relevanten Literatur rund um Geschichte und Philosophie der Osteopathie zu widmen. Zudem begann ich ab dem Jahr 2004 ein eintägiges Seminar über Geschichte und Philosophie der Osteopathie anzubieten. Der anhaltende Boom der Osteopathie und der damit zunehmende Aufwand für meinen kleinen Verlag, zunehmende Nachfragen nach Seminaren und Vorträgen zum Thema sowie ganz private Gründe führten schließlich dazu, dass ich 2012 meine klinische Tätigkeit vollständig beendete, um mich ganz dem Verlag und den Seminaren widmen zu können. Vorrangiges Ziel hierbei war es (und ist es immer noch), nicht ‚Wahrheiten‘ zu verbreiten, sondern Interessierten einen möglichst breiten Zugang zum Thema zu eröffnen, damit sie sich eigenständig anhand von Originaltexten ein persönliches Bild der Wurzeln der Osteopathie verschaffen konnten. Zudem hoffte ich natürlich, dass die daraus gewonnenen Einsichten zum kritischen Reflektieren über das eigene therapeutische Selbstverständnis anregen würden, wie es bei mir der Fall war und wie es mein Leben ungeahnt bereichert hatte.
Zu den großen Bereicherungen durch die Beschäftigung mit der Osteopathie-Geschichte gehört auch ein besseres Verständnis für die chaotische Situation der modernen Osteopathie. Und da die Kenntnis dieses Sachverhalts zudem leichter verständlich macht, warum mein Augenmerk ungebrochen und sogar noch viel intensiver als früher auf den Texten Stills liegt, möchte ich Ihnen das gegenwärtige Osteopathie-Chaos im nächsten Unterkapitel ein wenig näherbringen.
1.2. DAS OSTEOPATHIE-CHAOS
Osteopathie wird in der Öffentlichkeit als Methode zur Behandlung von Menschen beschrieben, die überwiegend auf manuellen Techniken basiert. Dabei finden sich abhängig von den einzelnen Strömungen Beschreibungen, die von sehenden Hände mit quantenmedizinischem Wirken zur Beseitigung so ziemlich aller denkbaren Beschwerden auf der einen Seite bis hin zur ausschließlichen Behandlung vorwiegend muskuloskelettaler Beschwerden vor allem des Rückens mittels rein strukturell-manipulativer Techniken auf der anderen Seite reichen. Von Wunderheilung bis Knocheneinrenken wird also alles geboten. Entsprechend angereichert ist die osteopathische Terminologie auch mit zum Teil unkritisch übernommenen Fantasiebegriffen. Interessierten begegnet beim ersten Versuch, sich ernsthaft mit der Osteopathie zu beschäftigen, daher eine Menge an Unklarheiten. Die Frage, was Osteopathie eigentlich genau sei, wird jedenfalls nicht allgemeingültig geklärt.
Kenner der Osteopathie-Geschichte verwundert dies nicht, denn die Osteopathie hat sich im Laufe ihres noch jungen Bestehens abhängig von kulturellen und juristischen Einflüssen und aufgrund eines bis vor Kurzem erheblichen Mangels an interner und internationaler Kooperation in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelt. Die beiden einzigen gemeinsamen Kriterien scheinen zu sein, dass sie sich alle – zumindest aus historischer Sicht – auf Still und seinen Ansatz beziehen und dass sie auf eine gewissen Eigenständigkeit gegenüber der orthodoxen Medizin bestehen.
Da innerhalb des Projektes der Philosophischen Osteopathie ein transdisziplinärer Austausch von großer Bedeutung ist, halte ich es für angebracht, die wichtigsten Strömungen der Osteopathie kurz vorzustellen. Dies erleichtert es, die Position der Gesprächspartner aus dem Bereich der Osteopathie besser einschätzen und die eigene Position besser zuordnen zu können. Selbstverständlich existieren auch Mischformen und kleinere individuelle Ausnahmen, die ich hier aber unerwähnt lasse, da sie nur eine Randerscheinung innerhalb der internationalen Osteopathie darstellen.
STILLS PHILOSOPHIE DER OSTEOPATHIE
Sie repräsentiert die vom amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still (1828 - 1917) entdeckte Osteopathie, die er in mehreren Büchern, Artikeln und mündlicher Überlieferung der Nachwelt hinterließ. Eine ausführliche Darlegung des philosophischen Aspektes seines Ansatzes und eine kurze Zusammenstellung seiner praktischen Ideen erfolgt in den weiteren Abschnitten dieses Buches. Einfach ausgedrückt leitet Still aus einer eher philosophischen Haltung heraus Mechanismen der Natur ab und überführt diese in pragmatische und im medizinischen Kontext wirksame Hypothesen, aus denen er Handlungskonzepte ableitet, die mit den Händen am Patienten umgesetzt werden. Diese Techniken setzen bei Still noch ausschließlich am Bewegungsapparat an, wobei die Knochen (gr. osteo) als Haupthebel für die Kraftübertragung wirken. Mit diesen Techniken werden optimale, das heißt an die individuellen Bedürfnisse des Patientenorganismus angepasste anatomische Rahmenbedingungen geschaffen. Innerhalb dieser können sich dann nach Still die unentwegt im Sinne des Lebens wirkenden und durch eine vollkommene höhere Intelligenz bestimmten Selbstregulationskräfte bestmöglich entfalten, was wiederum den heilenden und lindernden Effekt auf Beschwerden bzw. Krankheiten oder Leiden (pathos) begründet. Auf dieser gesundheitsorientierten und menschenzentrierten Überzeugung basiert auch der von Still erstmals im funktionellen Kontext ausgelegte Begriff Osteopathie. Da Still die philosophische Haltung als entscheidenden Aspekt des Osteopathen betrachtete, bedeutete der an seiner Schule vergebene Titel D.O. (Doctor of Osteopathy) für Still ‚Dig on!‘ (Grabe weiter!) im Sinne eines Wissenwollens.
Still war weiterhin der Überzeugung, dass die Natur alle zur Heilung notwendigen Mittel zur Verfügung stellen könne, insofern es die anatomischen Rahmenbedingungen den physiologischen Prozessen erlauben, sich vermittelt durch das ungehinderte Fließen der Körperflüssigkeiten und Nervenströme im Körper auszubreiten. Folglich lehnte er jegliche Gabe von Medikamenten einschließlich homöopathischer Mittel ab, da er darin einen Mangel an Vertrauen in die natürlichen Selbstregulationskräfte sah.
Die Berücksichtigung der Individualität zwingt den Osteopathen zu einem prozesshaften Vorgehen, das nicht mehr streng an einem einzigen Konzept ausgerichtet wird, sondern durch eine Anpassung unterschiedlicher Techniken gekennzeichnet ist.
DIE AMERIKANISCHE OSTEOPATHIE
Bereits zu Lebzeiten Stills wurden in den Vereinigten Staaten diese philosophischen Aspekte von Stills Osteopathie aus berufspolitischen Gründen zunehmend ausgeklammert. Dies ermöglichte der Osteopathie die schrittweise Anerkennung als voll anerkannter Arztberuf in allen Bundesstaaten. Erheblich beschleunigt wurde dieser Prozess durch den 1910 vorgelegten Fletcher-Report, der eine Evaluation sämtlicher medizinischer Einrichtungen in den USA beinhaltete und letztlich dazu führte, dass die osteopathischen Hochschulen ihre Lehrpläne jenen Universitäten anglichen, an denen orthodoxe Medizin gelehrt wurde. Aufgrund der Tatsache, dass die Anerkennungsjahre nach dem Studium ausschließlich in orthodox ausgerichteten Krankenhäusern erfolgten, haben die manuellen Techniken (OMTs = Osteopathic Manipulative Techniques/Therapy) nach und nach an Bedeutung verloren. Dieser Prozess erklärt, warum die heutige Osteopathie in den Vereinigten Staaten sehr stark der orthodoxen Medizin gleicht und manuelle Techniken im Praxisalltag – wenn überhaupt – nur noch rudimentär angewendet werden. Zudem gibt es immer wieder starke berufspolitische Bestrebungen, die Osteopathie gänzlich in die orthodoxe Medizin zu überführen. Demzufolge steht in der amerikanischen Osteopathie nicht mehr die Unterstützung der Selbstregulierungskräfte des Organismus, sondern das Auffinden von Krankheiten und deren Bekämpfung durch ausschließlich medizinisch bestätigte Konzepte im Vordergrund.
DIE COMMONWEALTH-OSTEOPATHIE
Nach dem Ersten Weltkrieg begann sich die Osteopathie langsam, vor allem aufgrund der Initiative John Martin Littlejohns (1866 - 1947), in England zu etablieren. Da hier anders als in den Vereinigten Staaten ein ärztliches Praktizieren der Osteopathie von Beginn an aus juristischen Gründen nicht möglich war, konnte der ursprünglich allgemeinärztlich, d. h. auf die Behandlung aller Beschwerdebilder ausgerichtete systemische Ansatz nicht mehr in vollem Umfang ausgeübt werden und entwickelte sich daher rasch zu einer nicht-ärztlichen und rein manuellen Behandlungsmethode, die sich vorwiegend auf Beschwerden des muskuloskelettalen Systems bezog.1 Durch den großen internationalen Einfluss der British School of Osteopathy verbreitete sich diese Strömung im Rahmen des Commonwealth vor allem in Australien und Neuseeland, aber auch in einigen spanischsprachigen Ländern. Eine Unterscheidung der Commonwealth-Osteopathie von der Chiropraktik bzw. der Manualmedzin (Chirotherapie) ist heutzutage kaum noch möglich.
DIE ZENTRALEUROPÄISCHE OSTEOPATHIE
William Garner Sutherland (1873 - 1954), wie Littlejohn ein Zeitgenosse und Schüler Stills, entwickelte in den 1930er bis 1950ern die sogenannte Kraniosakrale Osteopathie. Sie etablierte sich ab den 1950ern als eher unbedeutende Randerscheinung innerhalb der amerikanischen Osteopathie. Zu Beginn zeichnete sich Sutherlands Ansatz wie bei Still noch durch ausschließlich mechanisch orientierte Überlegungen aus. Dies änderte sich offensichtlich unter dem Einfluss bestimmter Schriften Emanuel Swedenborgs (1688 - 1772) und durch die Bekanntschaft mit dem Esoteriker Walter Russell (1871 - 1943). Ab den 1940ern finden sich zunehmend spirituelle Kontexte bei Sutherland, die er mit seinen mechanischen Ansätzen kombinierte und so ein neues ganzheitliches Konzept innerhalb der Osteopathie begründete. Da er ein großer Verehrer Stills war, floss dessen Gedankengut in Sutherlands Seminare ein, was zu einer Vermischung von Stills ursprünglichem Ansatz mit Sutherlands Interpretationen führte. Der ursprünglich philosophische Aspekt in Stills Ansatz wurde dadurch immer stärker in einen spirituellen Kontext überführt, was unter anderem auch dazu führte, dass innerhalb der Kraniosakralen und der daraus entspringenden Biodynamischen Osteopathie zunehmend eine Art geheimes Heilwissen zwischen die Zeilen der Texte von Still interpretiert wurde.
Auf Initiative einer Gruppe kraniosakral arbeitender Osteopathen kam es auf Umwegen zur Gründung der European School of Osteopathy (ESO), die ursprünglich in Paris lokalisiert war und sich nun in Maid-stone (England) befindet. An der ESO wurde Stills Gedankengut zwar nicht wirklich studiert und sein philosophischer Ansatz auch nicht unterrichtet, die spirituelle Ausdeutung seiner Gedanken führte aber dazu, dass erstmals wieder metaphysische Aspekte innerhalb der Osteopathie an Einfluss gewannen. Auch begann man nun wieder Still vermehrt im Original zu lesen und nicht nur tradierte Zitate ungeprüft zu übernehmen. Besonders ESO-Schüler aus Frankreich, Holland und Belgien, aber auch zunehmend deutsche Schulen sind seit den 1980ern dafür verantwortlich, dass sich diese Mischform aus Stills Osteopathie und Sutherlands Kraniosakraler Osteopathie nach und nach auch in Zentral- und inzwischen auch in osteuropäischen Ländern etablierte, wobei sie heute vor allem in Zentraleuropa die am schnellsten wachsende und zunehmend an Einfluss gewinnende Strömung der Osteopathie darstellt.
Diese Form der Osteopathie wird vor allem von (ehemaligen) Physiotherapeuten ausgeübt. Ärzte tendieren eher zu einer Mischung aus amerikanischer und Commonwealth-Osteopathie, wobei es hier gerade im deutschsprachigen Raum auch Ausnahmen gibt. In der Außendarstellung werden häufig drei Bereiche beschrieben: eine am Bewegungsapparat ansetzende, aber im systematischen Sinn verstandene parietale/myofasziale Osteopathie, eine abhängig von der Schule mehr oder weniger stark spirituell geprägte Kraniosakrale Osteopathie und eine auf französische Osteopathen zurückgehende Viszerale Osteopathie (innere Organe). Es werden fast ausschließlich manuelle Techniken angewendet, wobei je nach Ausrichtung entsprechend ausgeprägte strukturelle, funktionelle oder energetische Aspekte einfließen.
Auch im zentraleuropäischen Ansatz der Osteopathie sucht man vergeblich nach ernsthaften Versuchen, sich wissenschaftlich mit dem philosophischen Aspekt von Stills Ansatz auseinanderzusetzen. Lediglich im deutschsprachigen Raum sind hier ernsthafte Ansätze auch auf breiterer Ebene zu erkennen.
OSTEOPATHIE IN DEUTSCHLAND
Die heute bekannte Osteopathie in Deutschland ist überwiegend der zentraleuropäischen Strömung zuzuschreiben (siehe dort), es finden sich aber auch immer mehr Vertreter der amerikanischen und der Commonwealth-Form. Daneben existiert eine insbesondere auf eine Initiative der Orthopäden und eines großen Physiotherapie-Verbandes zurückgehende, ebenfalls inzwischen dreigliedrige Osteopathie, die aber im Gegensatz zur zentraleuropäischen Osteopathie stärker krankheits- und symptombezogen ist und sich als Erweiterung der bestehenden Manualmedizin (Chirotherapie) versteht. Die ärztliche Osteopathie in Deutschland geht vor allem auf Kooperationen zwischen amerikanischen Ausbildungsstätten im Bereich Osteopathie und Chiropraktik und der British School of Osteopathy zurück, wobei der Einfluss zentraleuropäischer Schulen abhängig von der berufspolitischen Ausrichtung ebenfalls sichtbar ist. Die Osteopathie im gesamten deutschsprachigen Raum ist aufgrund ihrer heterogenen Entstehung nicht eindeutig zu verorten. Inwieweit eine krankheits- oder gesundheitsorientierte Vorgehensweise im Mittelpunkt steht, welche Techniken man anwendet und welche Philosophien man verfolgt, wird durch die Wahl der Schule bestimmt, an der man die Osteopathie erlernt bzw. welcher Ausrichtung man zuneigt. Die Anwendung der Hände im praktischen Kontext ist demnach ebenfalls unterschiedlich ausgeprägt.
Stills philosophischer Ansatz wird im deutschsprachigen Bereich seit kurzem zumindest ansatzweise auf breiterer Ebene diskutiert.
1.3. ALLEINSTELLUNGSMERKMALE
Wie bereits im Vorwort erwähnt wurde, versucht das vorliegende Buch wesentliche Erkenntnisse in Bezug auf die philosophischen Aspekte in Stills Gedankenwelt zu erschließen. Hier stellt sich natürlich zunächst einmal die Frage, warum dies angesichts der eben beschriebenen dynamischen Entwicklung der Osteopathie überhaupt nötig ist. Wie zuvor schon dargelegt, lautet die Antwort: Weil die gegenwärtige Erfolgsgeschichte der Osteopathie darüber hinwegtäuscht, dass sie sich in einer ernsten Identitätskrise befindet. Entsprechend vielfältig gestalten sich die von den einzelnen Strömungen vorgebrachten Alleinstellungsmerkmale, die die Eigenständigkeit der Osteopathie belegen sollen. Da diese zumeist in bester Absicht formuliert wurden und daher ernst zu nehmen sind, möchte ich mich ihnen im folgenden Kapitel ausführlicher widmen.
DIE HAND ALS MEDIZINISCHES INSTRUMENT
Ein auffallendes Merkmal der Osteopathie ist die auch medizinhistorisch kaum bestreitbare Tatsache, dass Still mit seinem Ansatz die Hand erstmals als höchst feines diagnostisches und therapeutisches Werkzeug vor allem in Bezug auf anatomische Strukturen und im funktionellen Kontext innerhalb der Gesamtmedizin eingeführt und damit die moderne Palpation begründet hat. Das Grundprinzip, die Hand sowohl diagnostisch wie auch therapeutisch unmittelbar einzusetzen, findet sich allerdings bereits lange vor der Osteopathie. Man denke hier nur an das sogenannte Knochensetzen (Bonesetting), die Wundarzt-Chirurgie oder einige andere physikalische Verfahren, wie etwa die bereits im 19. Jahrhundert bekannte schwedische Massage. Auch dass die Hand über den strukturellen Aspekt hinaus ‚energetisch‘ eingesetzt wird, ist nicht wirklich neu. Das gleiche Grundprinzip findet sich auch im Mesmerismus/Magnetismus und bei vielen schamanischen Heilritualen. Was die Osteopathie hier vorweisen kann, ist eine bis dahin nicht gekannte Feinheit der strukturellen Palpation, die durch Sutherland auch um ‚energetische‘ Aspekte erweitert wurde. Da die Grundprinzipien aber schon weit vorher bekannt waren, scheidet dieses Argument als Alleinstellungsmerkmal der Osteopathie aus.
FUNKTIONELLES BEHANDELN
Immer wieder wird betont, dass die Osteopathie sich durch ihre besondere funktionelle Denkweise im Bereich anatomisch-physiologischer Zusammenhänge und eine entsprechend daraus resultierende, ebenfalls funktionell orientierte Behandlung auszeichne. Tatsächlich können hier die frühen auf Stills Grundideen basierenden Beiträge von J.M. Littlejohn, C. McConnell, H. Fryette und L. Burns für sich beanspruchen, medizinisches Neuland erforscht und zum Teil sogar eröffnet zu haben, was später vor allem von J. Denslow und I. Korr weitergeführt wurde. Im Kern geht es dabei um die bei Still zum ersten Mal formulierte Idee, dass der Status anatomischer Strukturen Einfluss auf die sich über die fließenden Körperflüssigkeiten entfaltenden physiologischen Prozesse im Körper ausüben und damit auch die Ausprägung von Krankheiten beeinflussen könnte. Ein bedeutender Forschungsbereich war bei allen dementsprechend das vegetative Nervensystem, v.a. jene Reflexbögen, die einen Einfluss auf die Gefäßversorgung des Körpers haben. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen wurde abgeleitet, dass man nahezu alle im hausärztlichen Kontext auftretenden Beschwerden primär mit manuellen Techniken behandeln solle, um so über den Behandlungsapparat indirekt in das physiologische Geschehen des Organismus einzugreifen. Dadurch würden Beschwerden gelindert werden. Wie bereits beschrieben, liegt dem Begriff Osteopathie dieser Zusammenhang zugrunde.
Beim Blick in die Geschichte der Osteopathie muss aber kritisch festgestellt werden, dass dieser tatsächlich originäre Ansatz im Grunde nur in den ersten Jahren nach der Gründung von Stills American School of Osteopathy und in gebührender Konsequenz auch lediglich von Still selbst und möglicherweise auch von einigen seiner ersten Schüler praktiziert wurde. In der allgemeinmedizinischen Praxis verwenden in der Osteopathie ausgebildeten Ärzte bei der Behandlung hausärztlich relevanter Akuterkrankungen heutzutage aber nur noch äußerst selten manuelle Techniken. Wenn überhaupt, erfolgt dies ergänzend zu primär eingesetzten orthodoxen oder anderen komplementären oder alternativen Verfahren. Auch im nichtärztlichen Kontext sucht man vergeblich nach der oben beschriebenen therapeutischen Vorgehensweise. Hier beschränkt sich die primär manuelle osteopathische Behandlung von Patienten im Wesentlichen auf muskuloskelettale oder psychosomatische Beschwerden. Dies aber entspricht nicht der weit umfassenderen Ausrichtung der ursprünglichen Osteopathie, die sich eben auf nahezu alle hausärztlich relevanten Beschwerdebilder bezog.
Es ist also festzustellen, dass der tatsächlich originäre Ansatz von Still nicht mehr konsequent praktiziert wird und somit als mögliches Alleinstellungsmerkmal ebenfalls hinfällig ist.1
GANZHEITLICHKEIT
Weiterhin wird der ganzheitliche Ansatz schon seit Stills Zeiten als wesentliches Merkmal der Osteopathie herausgestellt. Man betont, dass der ganze Mensch und nicht die Krankheit behandelt werde. Der Blick in die Medizingeschichte zeigt aber schnell, dass der Mensch bereits in der antiken Medizin der Griechen als Kombination von Physischem und Metaphysischem betrachtet wurde. Dort tauchen bereits die Begriffe Psyche (Atem, Hauch) zur Beschreibung von Charakteristika eines Menschen – wie Emotion, Gemüt und mentalen Fähigkeiten – sowie Soma (Leib) zur Beschreibung seiner körperlichen Ausprägungen und einem Verständnis für die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Ebenen auf. Ausgrabungen in Epidauros belegen, dass die Griechen bereits vor über 2000 Jahren so etwas wie einen ‚Kurbetrieb‘ kannten, in dem der Mensch als Ganzes behandelt wurde. Von körperlichen Behandlungen, Sportarenen und Badekuren bis hin zu Schlafsälen zur Traumdeutung wurde dort alles geboten.
In der Neuzeit findet sich vor allem das sogenannte Geistheilen, der Mesmerismus bzw. das Magnetisieren, aber auch die bedeutenden Arbeiten des amerikanischen Psychologen und Philosophen William James (1842 - 1910), worin ganzheitliche Sichtweisen vertreten werden. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass vor allem die zuerst genannten Ansätze im Lebensumfeld Stills große Bedeutung hatten. So verwundert es nicht, wenn man erfährt, dass er sich selbst in einer bestimmten Phase seiner Entwicklung als ‚Magnetiseur‘ bezeichnete. Auch die aus dem Magnetisieren erwachsene moderne Hypnose versteht sich hier bereits als durchaus ganzheitlich. Dass die damals vorwiegend klassisch-physikalischen Erklärungsmodelle inzwischen durch quantentheoretische ersetzt wurden, ändert nichts an der Tatsache, dass ganzheitliche Überlegungen in der Medizin schon vor Stills Zeiten einen bedeutenden Platz eingenommen hatten.
GESUNDHEITSORIENTIERUNG BZW. SALUTOGENESE
Einige Strömungen der Osteopathie behaupten, die Besonderheit der Osteopathie läge darin, dass man gesundheitsorientiert bzw. salutogenetisch am Patienten arbeite, und ich muss gestehen, dass ich selbst an der Propagierung dieses Arguments mitgewirkt habe. Im Kern dieser Vorstellung steht der Gedanke, dass die eigentliche Heilung durch inhärente Kräfte der Natur innerhalb des menschlichen Organismus erfolge und dass die osteopathischen Maßnahmen auf eine Aktivierung bzw. Unterstützung selbiger abzielten. Inzwischen ist mir aber klar geworden, dass auch dieses Konzept so alt ist wie die rationale Medizin in der westlichen Welt. Schon in der wohl bedeutendsten Medizinschrift der Antike, dem Corpus Hippocraticum, wird bereits vor rund 2500 Jahren die zentrale Beobachtung beschrieben, dass die Natur in ihrer Entsprechung des menschlichen Organismus in der Lage sei, sich selbst zu helfen. Als die Römer die griechische Medizin mit ihrer Humoralpathologie übernahmen, fassten sie dies treffend in dem Ausspruch „Der Arzt behandelt, die Natur heilt!“2 zusammen. Diese Fähigkeit der Natur, deren Entdeckung man in der Osteopathie Still zuweilen fälschlicherweise zuschreibt, wurde bereits in der Antike als Vis medicatrix naturae beschrieben.3
Auch wenn dieser gesundheitsorientierte Ansatz in der universitären Medizin nicht gelehrt und daher kaum praktiziert wird, ändert dies nichts an der Tatsache, dass er aus medizinhistorischer Sicht bereits vor über 2000 Jahren in Griechenland und später auch in Italien bereits eine Blütezeit erlebte. Hier kann die Osteopathie sich allerdings zugutehalten, in ihrem Gründervater Still einen ähnlich bedeutenden Wiederbeleber dieser Lehre zu besitzen wie Samuel Hahnemann (1755 - 1843), den Begründer der Homöopathie. Im Unterschied zu Hahnemann geht Still allerdings nicht davon aus, dass die dem Körper innewohnenden Heilkräfte eigens aktiviert werden müssten, sondern ist der Ansicht, dass sie stets in vollem Umfang bereitstünden. Diese im Gegensatz zur Homöopathie stets voll aktiven Kräfte könnten allerdings durch unnatürliche Veränderungen der anatomischen Rahmenbedingungen (Stills Läsionen) in ihrer Entfaltung behindert werden, was die Entstehung von Krankheiten erst ermögliche.
Jeder Ethnologe wird zudem anmerken, dass das Konzept einer sich im Sinne der Lebenserhaltung und -förderung selbst ordnenden Natur ebenfalls Bestandteil nicht nur zahlreicher schamanischer Ansätze ist, sondern sich auch in einigen klassischen Heilmethoden Asiens nachweisen lässt.
URSACHEN BEHANDELN, KEINE SYMPTOME
Immer wieder ist in der Außendarstellung der Osteopathie zu lesen, sie behandle im Gegensatz zur orthodoxen Medizin nicht nur Symptome, sondern die Ursachen. Trifft dies sicherlich in einigen Fällen zu, so ist eine derartige Pauschalaussage doch keinesfalls korrekt. Wie begründet Osteopathie bezogen auf ihre zuvor beschriebenen Grundüberlegungen beispielsweise die kausale Behandlung eines juvenilen Diabetes, einer Hashimoto-Thyreoiditis oder einer massiven Coxarthrose? Diese exemplarischen Beschwerden, die auf einen unwiederbringlichen Untergang von bestimmten Zellen zurückzuführen sind, können – jedenfalls nach dem heutigen, auch über die rein reduktionistische Medizin hinausreichenden Wissen – nicht kausal behandelt werden, auch nicht durch die Osteopathie.
Zudem muss bedacht werden, dass Still die Ursachen von Erkrankungen ausschließlich mit einer Beeinträchtigung des Fließens von Körperflüssigkeiten oder Nervenströmen identifizierte, wohingegen die moderne Medizin den Begriff der Ursache in einem anderen Kontext versteht. Hierbei können genetische, psychosoziale, histologische, toxikologische und viele weitere Bereiche miteinbezogen sein. Zwar geschieht dies in Ansätzen auch in bestimmten Strömungen der Osteopathie, von einer rational begründeten Kausal-Ausrichtung kann aber keine Rede sein. Vielmehr handelt es sich hierbei zumeist um eher persönliche Erklärungsmodelle, die sich einer kritischen Überprüfung entziehen. Ein Begriff, der anders als im üblichen medizinischen Kontext gebraucht wird, kann aber nicht als Argument zur Abgrenzung von der Medizin gebraucht werden, da keine Vergleichbarkeit der Inhalte gegeben ist.
PROZESSORIENTIERTES BEHANDELN
Ein relativ neues Argument der Osteopathie für ihre Eigenständigkeit gegenüber der orthodoxen Medizin ist die Aussage, dass Letztere konzeptorientiert vorgehe, wohingegen die Osteopathie prozesshaft operiere.
Auch in diesem Zusammenhang muss betont werden, dass das prozessorientierte Vorgehen in der orthodoxen Medizin keinesfalls unbekannt, sondern im Gegenteil sogar in wichtigen Bereichen Grundlage des Vorgehens ist. Man denke hier nur an die Intensivmedizin oder die Anästhesie, wo zwar grundsätzlich mit Konzepten gearbeitet wird, diese aber je nach Patientenreaktion prozesshaft angepasst oder verändert werden.
Und auch bei diesem Argument muss man kritisch anmerken, dass die konzeptuelle Anwendung innerhalb der Osteopathie im internationalen Kontext vor allem in den angelsächsischen Ländern, aber auch in weiten Bereichen der zentraleuropäischen Osteopathie überwiegt. Ausschließlich prozessorientierte Behandlungen, bei denen der Osteopath seine Konzepte im ständigen Dialog mit dem Patienten bzw. dessen Organismus anpasst, sind weitaus seltener anzutreffen.
FLIESSENDE KÖRPERFLÜSSIGKEITEN ALS GRUNDLAGE DER GESUNDHEIT
Wie bereits erwähnt, betrachtete Still die fließenden Körperflüssigkeiten und die Nervenströme als physikalisches Medium, über welche sich die physiologischen Selbstregulationsprozesse der Natur auf intelligente Art und Weise entfalten können. Jedenfalls ist diese Hypothese sehr deutlich aus seinen Schriften abzuleiten. In diesem Punkt muss man aus historischer Sicht anmerken, dass bereits Emanuel Swedenborg in seinem 1704 erschienenen Werk Economia regni animalis den Gedanken klar formuliert, dass fließende Körperflüssigkeiten (im physikalischen Sinn) die Grundlage des Erhalts von Gesundheit darstellen. Dieses Buch war zu Lebzeiten Stills im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten verfügbar. Still hatte nachweislich eine gewisse Affinität zum Spiritismus, der wiederum starke Anteile des sogenannten Swedenborgianismus enthielt. Weiterführende Informationen zu diesem Thema finden sie in David Fullers Osteopathie und Swedenborg. Still kann in diesem Zusammenhang allerdings zugutegehalten werden, dass er diese auf mechanistischen und systemischen Prinzipien basierenden Überlegungen erstmals konkret und ebenfalls auf physikalischer Ebene therapeutisch nutzbar machen konnte.
Wiederum muss aber auch hier kritisch angemerkt werden, dass die moderne Osteopathie im angelsächsischen Raum – aber auch im europäischen Verbreitungsgebiet – nur äußert selten diese Ansicht öffentlich vertritt.
QUANTENTHEORIE
Gelegentlich begegnet man dem Versuch, therapeutisch wirksame Phänomene innerhalb der Osteopathie mit quantentheoretischen Überlegungen zu begründen. Diese Versuche zeigen allerdings nicht selten die Schwäche, dass sie aus autodidaktischer Beschäftigung mit der Materie und nicht im Austausch mit Quantenphysikern entstanden sind und somit gelegentlich hochspekulativ sind. Eine kritische Überprüfung der getroffenen Aussagen durch wirklich bewanderte Gelehrte in dieser hochkomplexen Materie steht hier noch aus. Von einer wirklich wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Quantentheorie ist die Osteopathie jedenfalls noch ein gutes Stück entfernt. Besonders kritisch ist zu werten, dass auf den oftmals hochspekulativen Aussagen nicht selten bereits komplette Behandlungskonzepte aufgebaut werden und mit dem Argument der ‚persönlichen Erfahrung‘ als gesichert unterrichtet werden. Bisher ist jedenfalls kein ernsthaftes Bestreben festzustellen, die so erstellten Hypothesen einer seriösen Überprüfung durch Quantenphysiker zugänglich zu machen.
Abgesehen davon ist die Berücksichtigung quantentheoretischer Aspekte im medizinischen Bereich keinesfalls neu. Die gesamte moderne Elektronik und somit sämtlichen medizinischen Geräte basieren auf ihr. Auch interpersonelle Quantenphänomene sind schon sein langem Gegenstand der Betrachtung diverser paramedizinischer Strömungen.
ANERKENNUNG DER OSTEOPATHIE DURCH DIE WHO
Zuletzt sei noch jenes Argument erwähnt, das vor allem von Seiten der ärztlichen Osteopathie häufig zu hören ist. Hier wird behauptet, allein die Anerkennung der Osteopathie bei der WHO als klar definierter komplementärmedizinischer Ansatz begründe ihre Eigenständigkeit. Hierzu muss man aber zweierlei anmerken: Erstens bezieht sich die Anerkennung vorrangig auf die berufspolitische, nicht aber auf eine inhaltliche Ebene, und andererseits bedeutet komplementär nichts weiter, als dass die mit diesem Attribut versehenen Medizinansätze nicht an den medizinischen Hochschulen gelehrt werden. Auch deshalb ist mit diesem Argument keine inhaltliche Abgrenzung der Osteopathie zu begründen.
ZUSAMMENFASSUNG
Wie dargelegt wurde, existieren vor allem in Hinblick auf Stills ursprünglichen Ansatz einige Hinweise auf tatsächlich originäre Überlegungen. Als Alleinstellungsmerkmal für die heutige Osteopathie können sie aber nicht mehr gelten, da sie größtenteils nicht mehr konsequent oder nur fragmentarisch umgesetzt werden. Modernere Argumente halten allesamt einer medizinhistorischen Prüfung und dem kritischen Blick auch auf die Alltagswelt der Gesamtmedizin nicht stand. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Heterogenität der Osteopathie eine nur teilweise und nicht selten unterschiedliche Darstellung der einzelnen Argumente zur Folge hat. Die bereits angesprochene, aber innerhalb der Osteopathie-Szene kaum ernstgenommene Identitätskrise verhindert zudem grundsätzlich eine einheitlich begründete Abgrenzung der Osteopathie.
Tatsächlich scheint lediglich in Stills Schriften eine klar umrissene Identität vorzuliegen, die von ihm zudem im therapeutischen Alltag ungeachtet juristischer oder medizinischer Einschätzungen konsequent umgesetzt wurde. Allein dieser Aspekt sollte für die moderne Osteopathie bereits ausreichen, um sich wieder ernsthafter und umfassender mit den Schriften ihres Gründers zu beschäftigen. Neben der Tatsache, dass die Osteopathen nach Still es offensichtlich versäumt haben, sich ernsthaft mit seinem therapeutischen Gesamtkontext auseinanderzusetzen, trifft dies umso mehr für seinen umfassenderen allgemeinen (philosophischen) Gesamtkontext zu, innerhalb dessen der therapeutische Kontext mit seinen Einzelaspekten zwar einen bedeutenden, aber eben nur einen Bereich darstellt. Hierauf bezogen gibt es in der Osteopathiegeschichte nur sehr wenige, wirklich ernstzunehmende Arbeiten, die ich im nachfolgenden Kapitel kurz aufführen möchte.
1.4. PHILOSOPHIE IN DER STILL-FORSCHUNG
Bereits 1919 verfasste E. Tucker einen Artikel mit dem Titel Dr. Still, the Metaphysician, wobei Tucker jedoch im Wesentlichen seine eigenen Vorstellungen zur Metaphysik auf Still übertrug. Eine kritische Überprüfung bzw. Darlegung an konkreten Beispielen bleibt er uns jedenfalls schuldig [Tucker 1919]. Ansonsten finden sich bis vor etwa 20 Jahren nur fragmentarische Abhandlungen von geringem wissenschaftlichem Wert zum Thema. Ein Grund für diesen Stillstand mag auch darin liegen, dass man bereits vor ca. 100 Jahren am A. T. Still Research Institute in Pasadena erstmals den Versuch unternommen hatte, Stills Schriften auf einfache Prinzipien zu reduzieren. Die daraus entstandenen vier Grundsätze wurden 1953 im Auftrag der American Osteopathic Association (AOA) am damaligen Kirksville College of Osteopathic Medicine (KCOM) nochmals untersucht und geringfügig überarbeitet [Gevitz 2006]. Diese AOA-Lehrsätze wurden später auch von den meisten Osteopathie-Verbänden außerhalb der USA weithin anerkannt; und so sah man offensichtlich keine Notwendigkeit mehr, sich mit der Materie weiter auseinanderzusetzen. Dies galt umso mehr, als Stills Originalschriften lange Zeit nicht mehr verfügbar waren. Da die Richtlinien keiner weiteren kritischen Überprüfung unterzogen wurden, fiel demzufolge auch bis heute nicht auf, dass die philosophischen Aspekte in Stills Schriften dabei gänzlich unbeachtet blieben.
Erst mit der Wiederauflage der vier Bücher Stills im Jahr 1994 sowie einer Vielzahl seiner Artikel [Schnucker 1991] und dem damit verbundenen Aufblühen der Forschung zur Osteopathiegeschichte trifft man wieder zunehmend auf Arbeiten, die sich ernsthaft dem Philosophie-Begriff Stills widmen [McKone 2001, Pöttner und Hartmann 2005, McGovern 2013, Paulus 2015]. Die wissenschaftlich bedeutsamste Veröffentlichung stellt hierbei meines Erachtens das umfassende Vorwort des Religionswissenschaftlers und Philosophen Martin Pöttner zu Das große Still-Kompendium dar [Still 2005, xii-xxix]. Ihr zur Seite gestellt werden kann zudem die bemerkenswerte und leider unveröffentlichte Masterarbeit des kanadischen Osteopathen Matvey Kipershtein [Kipershtein 2013]. Das vorliegende Buch bildet nun die jüngste und umfassendste Veröffentlichung zum Thema. Der Fokus wird hierin auf den philosophischen Gesamtkontext in Stills Schriften gelegt. Die sich erst sekundär daraus ableitenden praktisch unmittelbar relevanten Aspekte und ihre Bedeutung – bezogen auf die Osteopathie als Ganzes und den Osteopathen als Person – werden ebenfalls angesprochen. Eine umfassendere Ausführung zum Themenkomplex Philosophische Osteopathie finden sie im Vorwort des vorliegenden Werkes.
Pulsuz fraqment bitdi.