Kitabı oxu: «Auf getrennten Wegen»
1 Inhaltsverzeichnis
- 1 Ein Bad im Sumpf -
- 2 Fell und Hörner -
- 3 Eine Mahlzeit -
- 4 Leonide am Spieß -
- 5 Traumreise -
- 6 Badefreuden -
- 7 Dornen und Bären -
- 8 Jagdwetter -
- 9 Lagerfeuergeschichten -
- 10 Nicht gestorben -
- 11 Belohnungen -
- 12 Ein ungebetener Gast -
- 13 Nichts -
- 14 Liebesdinge -
- 15 Schilf -
- 16 Der Schöpferstab -
- 17 Flussüberquerung -
- 18 Gedankenkreise -
- 19 Ein hölzernes Puzzle -
- 20 Gespräche am Lagerfeuer -
- 21 Ein Besuch in der Stadt -
- 22 Bergungsarbeiten -
- 23 Visionen -
- 24 Jäger und Gejagte -
- 25 Der Brückenfischer -
- 26 Auf der Flucht -
- 27 Spurensuche -
- 28 Im Schilfmeer -
- 29 Hindernisse -
- 30 Narfahels Einwohner -
- 31 Kriegsrat -
- 32 Ein Tropfen in der Zeit -
- 33 An der Küste -
- 34 Der Stab -
- 35 Geschmacksfragen -
- 36 Das Ritual -
- 37 Schmuggler -
- 38 Seelentrinker -
- 39 Feuer und Bolzen -
- 40 Schwarze Schiffe -
- 41 Die Schlacht -
- 42 In der Zwischenwelt -
- 43 Brennender Turm -
- 44 Strandspaziergang -
- 45 Karneval -
- 46 Ultarrs Unsinn -
- 47 Siegel -
- 48 Signale -
- 49 Sinne -
- 50 Runenkreis -
- 51 Nachtlicht -
- 52 Reiseplanung -
- 53 Frühstück -
- 54 Erzdruiden -
- 55 Verfolgt -
- 56 Ausflug -
- 57 Übungskämpfe -
- 58 Dämonen -
- 59 Durch das Schwert -
- 60 Das Steinschiff -
- 61 Wiedersehen -
- 62 Fragerunde -
- 63 Zusammen -
- 64 Beratungen -
- 65 Daakyr -
- 66 Mariko -
- 67 An Deck -
- 68 Massage-
- 69 Ingrand -
- 70 Nachher -
- 71 Verrat -
- 72 Unterwegs -
- 73 Die Geschichte der Daakyr -
- 74 Liebeszwang -
- 75 Vertretung -
- 76 Weiterreise -
- 77 vor dem Kampf -
- 78 Tagebuch -
- 79 Die Brüder -
- 80 Erweckung -
- 81 nach dem Kampf -
- 82 Beim Klan -
- 83 Schattenschild -
- 84 Nach Hause -
- 85 Klan Fenloth -
- 86 Ritter der Waage -
- 87 Feinde -
- 88 Die falsche Sonne -
- 89 Der Lodon -
- 90 Überraschung -
- 91 Echte Dämonen -
- 92 Dämonenblut -
- 93 Die Bestie -
- Glossar -
1 - 1 Ein Bad im Sumpf -
Im ersten Moment war alles falsch herum.
Außerdem stank es nach totem Fisch. Spontan beschloss er, sehr flach zu atmen. Seine Anstrengungen wurden damit belohnt, dass er nur wenig Wasser schluckte. Hustend hob er den Kopf – oder versuchte es zumindest.
Er hing in einem Seil fest, in das er sich hoffnungslos verheddert hatte.
Bei dem Versuch, den Helm abzunehmen, musste er darüber hinaus feststellen, dass die Schnalle fest gerostet war.
Fluchend riss er daran, bis sie sich mit einem Ruck löste. Der Helm rutschte gehorsam vom Kopf und versank platschend im Wasser.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, schimpfte er – worauf hin er von einem neuerlichen Hustenanfall ergriffen wurde.
Nur allmählich gelang es ihm, seine Atmung zu beruhigen. Immerhin konnte er ohne den Helm wenigstens etwas erkennen. Die Sonne unter ihm nach zu urteilen, war es spät am Tage. Es war kalt und windig. Jetzt fiel ihm auch auf, dass er kopfüber in einem Seil gefangen, knapp über der Wasseroberfläche eines Sees mit dem Rücken auf einer Ölplane lag.
Nur: wo war er gerade? Droin, der stets pragmatisch dachte, sah sich gründlich um, soweit er das in seiner misslichen Lage konnte.
Worauf immer er lag, es war uneben, aber stabil. Zudem gab es einen metallischen Klang ab, als er mit den Knöcheln dagegen klopfte.
Wenigstens Etwas.
Er lag nur eine Handbreit über der Wasseroberfläche, des wohl am übelsten stinkenden Sees, den er je zu riechen das Missvergnügen gehabt hatte.
Sein Körper meldete so viele blaue Flecken und Prellungen, dass er sich nicht sicher war, ob es dazwischen überhaupt noch Lücken gab.
Er spürte nichts, das ihm nicht wehtat.
Sehr vorsichtig tastete er sich ab. Zum Glück fand er keine Brüche, dafür aber schmerzte seine Brust bei jedem Atemzug wegen des Wassers, dass er geschluckt hatte.
Mit einiger Anstrengung gelang es ihm schließlich, seinen rechten Arm soweit aus dem Seilgewirr zu befreien, dass er seinen Dolch am Gürtel erreichen konnte.
Nachdem er das Seil an mehreren Stellen zerteilt hatte, konnte er sich endlich aufrichten. Ein Schwindel erfasste ihn, als das Blut langsam aus seinem Kopf zurück in den Körper floss.
Sein Magen meldete Hunger, doch seine Nase wandelte das in Übelkeit, so dass er zunächst die Fische fütterte, obwohl er ernsthaft bezweifelte, dass es in diesem Gewässer welche gab.
Behutsam rutschte er auf seinem unbequemen Sitz herum, um die Umgebung gründlich in Augenschein zu nehmen.
Er befand sich in der wohl trostlosesten Landschaft, die er je gesehen hatte. Ein eintöniges Sumpfgebiet in Grau- und Brauntönen. Nirgends war ein grüner Halm zu entdecken, geschweige denn ein Baum oder Strauch.
Das Wasser war verdorben, kein Vogel zeigte sich am Himmel. Seine Sitzgelegenheit war nicht größer als ein Schritt im Rund und sorgfältig verpackt. Zum Glück ragte sie aus dem Wasser heraus, ohne dass Droin sagen konnte, wie oder warum.
Während er darüber nachgrübelte, wie er wohl ans Ufer kam, stellte er sich erneut die Frage, wo er überhaupt war.
Vorsichtig wandte er sich auf seiner winzigen Insel herum, bemüht, einen Anhaltspunkt dafür zu finden.
Dem Sonnenstand nach verlief der See von Ost nach West. In der Ferne konnte er Berge erkennen, das war nicht seine Heimat, die musste weiter im Norden liegen. Die genaue Richtung ließ sich nur mit einer Sonnenuhr oder einem…
Beinahe wäre er vor Schreck ins Wasser gestürzt.
Er saß auf Attravals Kompass. Dem wertvollsten und seit langem verschollenen Artefakt seines Volkes.
Und dies hier war Narfahel. Die verlorene Provinz, auch Land der Toten genannt. – Einer der gefährlichsten Landstriche der bekannten Welt.
Er war mit Drakkan, Jiang, Kmarr und Anaya, Phyria und Shadarr hierher gekommen, um den Kompass vor dem ausbrechenden Krieg im Bergreich von Kalteon in Sicherheit zu bringen, dessen Bergspitzen sich am Horizont zeigten.
Hier hatten sie eines der sieben Siegel aufgespürt, dass seit Jahrhunderten eine Armee von Dämonen gefangen hielt.
Phyria, die als Hüterin der Flamme einem geheimen Orden angehörte, der die Siegel bewahrte, hatte sie angeführt. Es war ihr mit Drakkan, Jiang und Anaya zusammen gelungen, den Siegelstein mit neuer Kraft zu speisen, so dass er ein weiteres Jahrhundert das Gefängnis verschließen würde. Bis zu diesem Moment hatten sie Erfolg gehabt.
Narfahel wurde jedoch nicht umsonst als „verloren“ bezeichnet.
Einst hatte es zum Imperium gehört, aber die nördlichen Provinzen Orenoc, Denelorn, Morak und Narfahel hatten sich vor Jahrhunderten losgesagt.
Der Krieg um ihre Unabhängigkeit war lang, blutig und letztlich für die Provinzen auch erfolgreich gewesen. – Nur Narfahel war dabei dauerhaft verändert worden. Sein erster Regent, Fern Tarn hatte einen Fluch gewirkt, der das gesamte Land betraf. Alles wurde feindlich, giftig oder verdorrte – manchmal auch alles auf einmal.
Hier gab es kein Wasser, keine essbaren Pflanzen, keine Nahrung. Nur Raubtiere und Geister der einstigen Bewohner.
Daher war Droin nicht unbedingt scharf darauf, einen Schwimmversuch zu machen.
Bleiben konnte er an Ort und Stelle aber auch nicht.
Langsam, um nicht zu früh ein Bad zu nehmen, legte er seine Rüstung ab. Mit dem Rest des Seils band er sie zu einem ordentlichen Bündel zusammen.
Wenn er nun das längste Seilstück um seine Hüfte knotete, sollte er den Kompass hinter sich her ziehen können. Er hoffte inständig, dass das Artefakt nicht beschädigt worden war.
Noch mehr Sorgen machte er sich dabei um seine Gefährten, von denen er nirgends etwas entdecken konnte.
Die riesige Flutwelle, die sie alle hinweg gefegt hatte, hatte sie zugleich auch in alle Winde verstreut. – Zumindest hoffte er, dass sie lediglich einige Meilen voneinander entfernt gelandet waren.
Wäre es nur die Welle gewesen, hätte er sich keine größeren Sorgen gemacht.
Doch er hatte das vor Wut verzerrte Gesicht gesehen, dass sich im Wasser gezeigt hatte, kurz bevor er das Bewusstsein verloren hatte. – Und er hatte die Stimme gehört.
Vermutlich war er der Einzige gewesen, denn die Sprache, in der sie gesprochen hatte, war längst untergegangen.
Droin war über dreihundert Winter alt. In seiner Jugend hatte es sie noch in vielen Teilen der Welt gegeben: Imperyal, die alte Sprache des Imperiums.
„Raus aus meinem Land!“, hatte sie gebrüllt.
Viel half ihm dieses Wissen allerdings nicht. Besonders nicht dabei, seine Gefährten zu finden, denn zunächst blieb das Problem, wie er zum Ufer kam.
Strömung gab es keine, ein Ruder hatte er nicht und auch nichts, aus dem er eines hätte bauen können. Sein Speer wäre eine Hilfe gewesen. Leider war der irgendwo in den schlammigen Fluten versunken. Naurim waren einfach nicht für das Wasser gemacht.
Es blieb also wirklich nur die bei weitem unangenehmste Form, sich aus der Lage zu befreien: Schwimmend. Auch wenn er bereits vor einer Weile schon zu dieser Erkenntnis gekommen war, zögerte er lange, ehe er sich langsam in die eisigen Fluten sinken ließ.
1 - 2 Fell und Hörner -
Ein stechender Schmerz im Nacken war es schließlich, der sie aus ihrem Dämmerzustand riss.
Vorsichtig tastete sie nach der schmerzenden Stelle. Es war nichts gebrochen oder gerissen, sie hatte nur ziemlich lange in einer äußerst unbequemen Pose gelegen. Möglicherweise wären auch ernstere Schäden entstanden, aber Anaya war eine Aliana, eine Tochter der Waldgeister von Galladorn, die ihr eine wandelbare Gestalt verliehen. Sie konnte ihre Gliedmaßen verlängern und verkürzen, ihre Haut mit Rinde überziehen, sich die Sinne von Tieren leihen und auch die Natur um sich herum manipulieren oder um Hilfe bitten.
Daher war die Lage nur unbequem, nicht gefährlich.
Zwischen ihren Füßen hindurch konnte sie die Sterne sehen.
Es war tiefste Nacht, als sie endlich halbwegs wach war. Wie sie feststellte, hatte sich ihr Geweih bei der Landung in einem Dornenbusch verheddert, während ihre Füße in einem Ast festhingen. Daher kam ihre unbequeme Position.
Jeder Alian wählte seine erste Erscheinungsform bei der Initiation in einen Druidenzirkel selbst.
Viele hatten ein Geweih oder Hörner, wenn auch meist kleiner als ihres, oft trugen sie Fell oder Federn, manche hatten sogar Flügel. Hufe und Klauen waren dagegen annähernd zu gleichen Teilen vorhanden.
Es dauerte länger als gewöhnlich, die Konzentration aufzubringen, die sie benötigte, um eine Veränderung herbei zu führen.
Schließlich gelang es ihr. Von ihrem Geweih waren nur noch zwei kurze, glatte Hörner übrig, die aus ihrer Stirn wuchsen.
Langsam erhob sie sich.
Der Schmerz im Nacken war noch da, ebenso wie eine Reihe Prellungen. Insgesamt waren es keine ernsthaften Verletzungen. Sie nahm Kontakt zu der sie umgebenden Natur auf, indem sie ihre Hände im Schlamm versenkte. Erneut wurde sie beinahe von der Lebenskraft überwältigt, die sie umgab. Mochte das Land noch so verdorben und tot wirken, tatsächlich pulsierte es vor verborgenem Leben.
Rasch schwanden ihre Schmerzen, kurz darauf fühlte sie sich wieder frisch und munter. Sie war nicht übermäßig besorgt, ihre Gefährten waren nicht so leicht umzubringen.
Zu Beginn ihrer Bekanntschaft hatte sie begriffen, dass es nicht die waghalsigen Taten geistig Verwirrter waren, sondern wohl überlegte Handlungen. Sie schienen stets genau zu wissen, was möglich war und was nicht.
Bei Droin und Jiang war das nicht weiter verwunderlich. Der Naurim war alt und erfahren genug zu wissen, was er konnte. Die kleine Shâi war zwar verschlossen, aber auch diszipliniert. Sie durchdachte jeden ihrer Schritte dreimal, bevor sie ihn machte.
Drakkan hingegen…
Sie seufzte. Keine Zeit für sentimentale Gedanken. Ziemlich sicher war sie drei oder vier Meilen weit vom Siegel entfernt. Die Welle – oder besser Ferrn Tarn – hatte sie alle von dort herunter gefegt. Die Präsenz des Arkanisten von Narfahel war überdeutlich gewesen.
Er beschützte sein Land noch immer. Der Wahnsinn in seiner Stimme hatte ihre Sinne überflutet und ihr das Bewusstsein geraubt.
Zunächst sah sie sich daher gründlich um. Seine Präsenz mochte noch immer in der Nähe sein.
In ihrer unmittelbaren Umgebung waren nur Büsche und schlammiger Grund. Kein einziger Blutbaum wankte in der Nähe umher. Es war eisig kalt, wie sie jetzt erst bemerkte. Ihre Kleidung war durchnässt und sie zitterte. Wieder versenkte sie die Hände im Schlamm. Sie erinnerte sich an das warme Fell eines Höhlenbären, mit dem sie früher einmal einen Bau geteilt hatte. Sie spürte, wie sich ein zarter Flaum auf ihrer Haut bildete, dann sprossen einzelne Haare. Immer mehr und immer dichter wurden sie, bis Anaya von zottigem Fell bedeckt war.
Fast sofort verschwand das Gefühl von Nässe und Kälte. Zufrieden schritt sie den nächsten, kleineren Hügel in Richtung Stadt hinauf.
1 - 3 Eine Mahlzeit -
Ein scharfer Schmerz bohrt sich in ihren Knöchel. Ein Ruck zerrte an ihr, der sie aus dem Nichts ihrer Ohnmacht befreite.
Mühsam versuchte sie, die Augen zu öffnen. Sie hatte nur bei einem Erfolg. Das andere wurde von irgendwas blockiert.
Schlamm.
Das war alles, was sie zunächst sah. Dann gab es wieder einen plötzlichen Ruck an ihrem Bein.
Die Schmerzen, die durch ihren Körper schossen, weckten sie vollends auf. Sie hing kopfüber in der Luft, in der Krone eines Baumes. Langsam hob sie den Blick vom Boden, gerade rechtzeitig, um das riesige Maul vor sich zu entdecken, das sich soeben im Stamm auftat. Eine zähe Ranke zerrte sie Stück für Stück darauf zu.
Drei Reihen Zähne schnappten gierig nach ihr und eine schleimige Zunge züngelte sabbernd dazwischen nach ihr, wie ein Blutegel, der Witterung aufgenommen hatte.
Andere Ranken griffen bereits nach ihren Armen. In wenigen Augenblicken würde sie vollständig darin gefangen sein.
Sie versuchte, das Feuer in ihrem Inneren zu erwecken, doch wie bei nassem Holz wollte der zündende Funke nicht so recht Halt finden. Da erst bemerkte sie, dass sie vor eiskaltem Wasser nur so triefte. Schlamm verklebte ihre Haare und zog ihre Kleidung nach unten. Blitzschnell wurde ihr klar, dass sie der Blutbaum nur deshalb noch nicht verschlungen hatte, weil er Probleme mit ihrem Gewicht hatte. Sie zappelte so gut sie konnte, um es den Ranken schwerer zu machen, sie zu erreichen. Es funktionierte.
Dabei kam sie nur dem Maul immer näher. Die Zunge konnte sie beinahe berühren. Aufgeregt sabberte das Maul im Angesicht der nahen Beute. Der Atem stank nach verwesendem Fleisch und verdorbenem Blut.
Panisch versuchte sie wieder, sich in Flammen zu hüllen, doch die Kälte der Sachen, die sie trug, verhinderte, dass es ihr gelang.
Wieder zog die Ranke um ihr Fußgelenk sie näher zum Ziel. Die pinkfarbene Zunge leckte ihr einmal durch das ganze Gesicht, als ihre zappelnden Bewegungen sie kurz zu nahe heran brachten. Die übrigen Äste und Ranken bogen sich nach innen, um ihr den Bewegungsspielraum zu nehmen. Ein erregtes Zischen entwich dem Maul der Kreatur. Phyria musste darum kämpfen, sich nicht zu übergeben, während ihr der klebrige Speichel langsam über die Wange rann.
Ihre Gedanken rasten, was war zu tun? Sie musste überleben. Sechs Siegel warteten noch auf sie. Versagen war keine Option. Gefressen werden erst recht nicht. Sie hatte die Dämonen überlebt, die ihre Heimat verwüstet hatten.
Verglichen damit war das hier nichts. Sie erinnerte sich an den Tag des Überfalls auf das Kloster, an die Schafe, an die schwarz gekleideten Soldaten…
„Nein.“
Sie schlug ihre Augen auf und blickte ruhig genau in das Maul des Blutbaumes. Eine blaue, beinahe weiße Flamme schoss aus ihren Händen genau hinein. Die Hitze war so gewaltig, dass die Kreatur praktisch explodierte. Gekocht von den eigenen Säften brach die Borke auseinander. Kleine Flammen züngelten aus den Rissen, die Äste und Ranken verkohlten so schnell, dass sie noch in der Luft hing, als eine riesige Stichflamme oben aus der Krone hervorbrach und die gesamte Kreatur einhüllte.
Phyria wurde fallengelassen, weil die Ranke, die sie festgehalten hatte, vom Rumpf abgerissen wurde. Noch bevor sie auf dem Boden landete, war der schlammige Sumpf zu steinhartem Lehm vertrocknet. Der Aufprall raubte ihr den Atem. Mühsam rappelte sie sich wieder auf.
Gerade rechtzeitig, um den Baum krachend umstürzen zu sehen. Zu ihrer Erleichterung bemerkte sie dabei, dass er nicht mehr dazu gekommen war, um Hilfe zu rufen.
Sie trat näher an die brennenden Reste heran. So wie er brannte, machte er nicht den Eindruck eines intelligenten Wesens. Auch der Brandgeruch sagte eindeutig Holz.
Zufrieden über die Erkenntnis trat sie noch näher, um ihre Kleidung von der Wärme des Feuers trocknen zu lassen. Dabei warf sie einen ersten Blick in die Ferne.
Trostloser Sumpf voller schlammiger Hügel und verdorrter Pflanzen erwartete sie bei hereinbrechender Nacht in jeder Richtung. Nirgends eine Spur ihrer Gefährten. In der Umgebung lag die Insel im Fluss, auf der sich das Siegel befand. Das felsige Plateau ragte mitten in der Stadt empor. Sonst hatte sie keine Anhaltspunkte zur Orientierung. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie schlecht sie auf das Leben in der Wildnis vorbereitet war.
Fröstelnd trat sie zwischen die Flammen.
Vollkommen regungslos verharrte er im Schatten eines frisch erlegten Blutbaums. Die vielen, kleinen Wunden überall an seinem muskulösen Körper störten ihn nicht mehr als Mückenstiche. Der Kampf war kurz und brutal gewesen, doch am Ausgang hatte von Anfang an kein Zweifel bestanden. Nur sehr wenige Kreaturen waren einem Kargat im Kampf gewachsen. Schon gar nicht, wenn sie den Angreifer zu spät bemerkten. Nur in einem Punkt hatte Shadarr sich geirrt. Der Leichensammler, wie die verfluchten, fleischfressenden Bäume auch genannt wurden, war alles andere als schmackhaft. Nach ein paar Bissen hatte er den Rest wieder ausgespuckt. Ein Schrank schmeckte auch nicht besser.
Seine kleinen Augen glänzten von wacher Intelligenz, die man bei einer klauenbewehrten Bestie seiner Größe nicht erwarten würde.
Aufmerksam beobachtete er einen kleinen Trupp Blutbäume, der ganz in seiner Nähe ungeschickt durch einen brackigen Bachlauf wankte. Dahinter erhoben sich flache Hügel aus der monotonen Sumpflandschaft. Der Gestank des verdorbenen Wassers mischte sich mit den fauligen Ausdünstungen des toten Baums zu einer kaum erträglichen Geruchskomposition. Trotzdem bewegte Shadarr keinen Muskel. Nur die Nasenflügel bebten hin und wieder kaum merklich.
Er witterte durch die zehn Nasenlöcher dutzende unterschiedliche Noten aus dem Geruch heraus. Dazu konnte er genau sagen, wie weit die einzelnen Geruchsquellen entfernt und wie alt die Spuren waren.
Nichts entging ihm. Er war der beste Jäger des Rudels und der stärkste noch dazu. Dennoch war ein Anderer der Rudelführer. Shadarr erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Beinahe hätte er Drakkan als Beute verschlungen. Erst im letzten Augenblick hatte er dessen Herkunft erkannt und so hatten seine Klauen ihn nur gestreift.
Danach war der Kampf sogar beinahe ausgeglichen gewesen. Seit diesem Ereignis reisten sie gemeinsam.
Drakkan glaubte, die telepathische Verbindung zwischen ihnen wäre Shadarrs Werk, doch das war falsch. Er hatte lediglich dafür gesorgt, dass Drakkan sich an sein Erbe erinnerte. – Nicht an das dämonische, an das Andere.
Daher wusste er auch, wo ungefähr Drakkan gerade war und wie weit entfernt. Die Flutwelle hatte sie auseinander gerissen. Fünf Meilen trennten sie bereits und es wurden stetig mehr. Zeit aufzubrechen.
In einer geschmeidigen Bewegung, langsam und zugleich kraftvoll, erhob er sich. Die Blutbäume bemerkten ihn nicht, sie wankten weiter ziellos umher.
Gerade als er sich in Bewegung setzen wollte, drang der schwache Geruch nach Jasminblütenseife in seine Nase. Hier im Sumpf gab es nur eine Erklärung: Jiang konnte nicht weit entfernt sein. Sein Magen knurrte.
Das war ein reizvoller Leckerbissen. Wenn sie nur entfernt so schmeckte, wie sie stets roch, wäre sie eine echte Delikatesse. Lautlos schlich er ihrer Duftspur hinterher. Sie war nicht weit weg, kaum eine halbe Meile.
Bei all dem Gestank stach dieser Geruch so deutlich aus der Umgebung hervor, wie ein Leuchtfeuer in der Nacht. Zweimal musste er unterwegs anhalten, um sich vor einer Gruppe Blutbäume zu verbergen. Solange er sich nicht bewegte, war er praktisch unsichtbar, eine Gabe, die er bislang sorgsam vor seinem Rudel verborgen hatte. Sie hielten ihn immer noch für ein intelligentes Raubtier. Arkane Kräfte wären da nur schwer zu erklären gewesen. Doch Anaya hatte ihre Ansicht geändert, weil er den Fehler gemacht hatte, das Königsrudel zu erwähnen, was eine soziale Rangordnung unter allen Kargat verriet. Jetzt wussten die Alian Bescheid und bald die ganze Welt. Dann würden die Dämonen davon erfahren und sich fragen, was die Kargat noch alles verborgen hielten.
Alles Sorgen für einen anderen Tag. Jetzt galt es zuerst, seinen Hunger zu stillen. Obwohl sein Gewicht dafür sorgen sollte, dass er tief im Morast versank, hinterließ er kaum mehr als flache Mulden, die sich rasch mit schlammigem Wasser füllten. Ein geübter Fährtenleser hätte keine Mühe, ihnen zu folgen, für die meisten Kreaturen, die er hier im Sumpf vermutete, waren sie jedoch praktisch unsichtbar.
Auf dem Weg, den er eingeschlagen hatte, schwenkte er den Kopf gleichmäßig hin und her, weil er sicher gehen wollte, dass es wirklich nur Jiang war, die er witterte.
Besser wenn ihn niemand beobachtete.
Trotz seiner Sorgfalt wurde der Abstand zwischen ihnen rasch geringer. Hinter dem nächsten Hügel musste sie irgendwo sein.
Geduckt schlich er zwischen niedrigem Gestrüpp und den Stümpfen abgestorbener Bäume um den Fuß des Hügels herum.
So dauerte es zwar länger, bis zu seiner Beute, aber oben auf dem Hügel bot seine massige Gestalt ein zu gut sichtbares Ziel.
Immerhin war Jiang mit arkanen Kräften ausgestattet, deren vollen Umfang er noch nicht gänzlich ergründet hatte. Möglich, dass sie ihm schaden oder ihm zumindest entkommen konnte.
Lautlos folgte er einem dünnen Rinnsal, das zwischen verkrüppeltem Buschwerk hindurch ans Ufer eines träge vorbei strömenden Flusses führte. Fauliges Schilf säumte das Ufer an dieser Stelle. Flechten und Algen hatten sich darin verfangen. Zusammen mit abgebrochenen Zweigen zeigten sie an, dass vor Kurzem erst eine Flutwelle hier vorbei gerauscht war und den Unrat hier zurückgelassen hatte.
Es dauerte einen Augenblick, bis er trotz seiner scharfen Augen die zierliche Gestalt von Jiang darunter ausmachen konnte.
Sie lag regungslos halb im Schilf unter einem großen Ast eingeklemmt im Wasser.
Zur Sicherheit witterte Shadarr sorgfältig in alle Richtungen. Außer dem schwachen Geruch von Seife, der von ihr ausging, konnte er keine anderen Lebewesen identifizieren, die in der Nähe verborgen lauerten.
Äußerst vorsichtig schlich er näher heran. Keinen Augenblick ließ er die Umgebung aus den Augen.
Gierig sog er den Geruch von Jiang auf. Das Wasser lief ihm im Maul zusammen, beinahe wie von selbst entblößte er seine gewaltigen Reißzähne. Die zierliche Frau bedeutete nicht mehr als zwei Bissen, allerdings zwei sehr wohlschmeckende.
Gerade als er sie verschlingen wollte, nahm er ihre Witterung neu auf. Ihre Temperatur war erhöht, sie war krank. Das bedeutete, sie würde weniger gut schmecken, als erhofft. Er zögerte.
Missmutig knurrte er einmal, dann schlossen sich seine mächtigen Kiefer um ihren zierlichen Körper.
1 - 4 Leonide am Spieß -
Kaum zu ertragende Agonie zerriss die Träume. Ein stechender Schmerz beendete die Bewusstlosigkeit auf einen Schlag. So musste es sich anfühlen, bei lebendigem Leib aufgefressen zu werden. Wenn sich die Zähne in den Körper bohrten.
Doch wieso nur an einer Stelle?
Knapp unterhalb der Rippen pulsierten Wellen der Pein durch Bauch und Brust. Eine Bewegung war unmöglich, Gegenwehr auch. Hoffentlich war es bald vorbei.
Leider hatte er kein Glück. Kmarrs Gebete blieben ungehört. Er schämte sich für den fehlenden Mut nachzusehen, was passiert war, doch die Schmerzen waren zu groß. Er schmeckte Blut – sein eigenes – im Maul. Das Atmen fiel ihm schwer, außerdem hatte er Probleme damit, sein rechtes Bein zu bewegen. Sogar laut fluchen, knurren oder eine einzelne Kralle zu krümmen, sandte ein Stechen durch seine rechte Seite in alle Gliedmaßen.
Mühsam besann er sich auf Jiangs Meditationstechniken. Eine gefühlte Ewigkeit konzentrierte er sich ausschließlich auf seine Atmung. Keine anderen Gedanken ließ er zu.
Zunächst gelang es ihm nicht, doch er gab nicht auf und ganz allmählich lockerten sich seine verkrampften Muskeln.
Das Luftholen fiel ihm leichter und die Schmerzen verringerten sich von unerträglich zu kaum auszuhalten. Er behielt seine Atemübungen bei, bemüht alle Muskeln zu entspannen so gut es ging.
Schließlich erinnerte er sich an seine Umgebung. Ohne die Augen zu öffnen, rief er sich die Ereignisse der letzten Tage ins Gedächtnis. Die Flucht aus Kalteon, die abenteuerliche Wildwasserfahrt über die Brücke der Titanen, die kurze Reise durch die tödlichen Sümpfe Narfahels bis zur verfluchten Stadt ohne Namen in deren Mitte das erste der Siegel von Lahar gelegen hatte, und schließlich die gewaltige Flutwelle, mit der jemand versucht hatte, sie alle zu töten. – Möglicherweise mit Erfolg.
Erst jetzt blinzelte er vorsichtig, um sich ein Bild von der Verletzung zu machen, die er erlitten hatte. Geschockt musste er feststellen, dass ein zwei Schritt langer Ast aus seiner rechten Seite ragte, knapp unterhalb seiner Rippen.
Das andere Ende hatte sich tief in den Schlamm gebohrt und hielt ihn aufrecht.
Zum Glück lehnte er mit der linken Seite von der Hüfte bis zu den Schultern an dem Baumstumpf, zu dem der Ast gehört hatte.
Der Aufprall hatte ihn abgerissen und Kmarrs Gewicht hatte ihn tief in den Morast gedrückt.
Viel mehr als dort zu verharren, war dadurch unmöglich.
Immerhin bot sich ihm eine gute Aussicht.
Er war nur eine halbe Meile von der Stadt entfernt gelandet, nahe dem Ufer eines breiten Flusses. Ihre Mauern wurden von der untergehenden Sonne beleuchtet. Bald würde die Nacht hereinbrechen.
Er konnte sogar Shadarr spüren, allerdings war dieser mehrere Meilen weit weg und entfernte sich stetig weiter. Es schien ihm gut zu gehen, doch mehr vermittelte ihm das geistige Band nicht.
Zumindest einer hatte die Ereignisse also unbeschadet überstanden. Nicht das Kmarr sich darüber gewundert hätte. Das Kargat war unverwüstlich.
Noch nie hatte er Shadarr ernstlich verwundet gesehen. Nur ganz zu Beginn, als Drakkan ihn das erste Mal mitgebracht hatte, hatten beide so gewirkt, als würden sie jeden Augenblick tot umfallen, so schwer waren ihre Verletzungen gewesen.
Ähnlich wie die die er selbst gerade erlitten hatte.
Ohne Hilfe würde er hier sterben, das war ihm sofort klar geworden, als er den Ast entdeckt hatte.
Möglicherweise konnte er sich davon befreien, aber dann würde er verbluten. Doch solange er ihn nicht entfernte, würde die Wunde nicht heilen, sondern sich entzünden und ihn auf diese Weise schwächen, bis er schließlich starb.
- Wenn nicht zuvor ein Schwarm Libellenegel oder eine Gruppe Blutbäume über ihn stolperte.
Die Situation war ziemlich aussichtslos. Überrascht stellte er fest, dass er nicht bedauerte, nicht im Kampf gefallen zu sein, wie es bei seinem Volk als höchstes Ziel galt, sondern nicht mehr in der Lage zu sein, all die wunderbaren Erfindungen aus Biraanogks Buch nachzubauen, die nur darauf warteten von ihm wiederentdeckt zu werden.
Außerdem würde er wohl nicht mehr erleben, wie Drakk zwischen Jiang und Anaya gefangen allmählich gezähmt würde. Auch wenn er als Leonide zu einer wilden und ungestümen Kriegerrasse gehörte, konnte er es an reiner Stärke und unterdrückter Wut nicht mit Drakkan aufnehmen. Seine einzige Schwäche waren schöne Frauen und seine unbeherrschte Art. Doch Anaya und Jiang konnte sein Temperament möglicherweise zügeln.
Erstere mit Leidenschaft, Letztere mit Exotik.
Von der Neuen in der Runde hielt Kmarr nicht besonders viel. Sie war jung und unerfahren und zu engstirnig. Zwar hatte sie beträchtliche Fähigkeiten und war äußerst zielstrebig, doch es mangelte ihr an Einfallsreichtum, den sie brauchen würde, um die Hindernisse auf dem Weg zu den anderen Siegeln zu überwinden.
Außerdem, so überlegte er, war er sich nicht sicher, ob Droin ihr überhaupt weiter dabei helfen würde. Ohne Bezahlung taten Naurim für gewöhnlich gar nichts für Fremde, und Reichtümer besaß Phyria nun wahrlich keine.
Er selbst war dennoch neugierig, wohin die Reise führen würde. Eines hatte er nämlich sehr deutlich im Gedächtnis: In dem Augenblick, in dem das Siegel zu neuem Leben erwacht war, hatte er plötzlich eine Vision gehabt. Darin hatte er das Bild einer Lichtung vor Augen gehabt, tief in den überwucherten Ruinen einer Stadt im Wald. So düster wie es zwischen den mächtigen Bäumen gewesen war, konnte es sich nur um den Schattenwald handeln. Ebenso tödlich wie Narfahel, konnte der Weg tiefer in den Wald leicht das Ende für sie alle bedeuten. Bedauerlich, denn die Geheimnisse des Waldes zu ergründen war ihm immer ein Anliegen gewesen.
In seiner Jugend hatte er sogar versucht, ihn zu durchqueren. Doch das hatte sich als undurchführbar erwiesen und so war er mit ein paar Narben mehr daraus zurückgekehrt. Jetzt mit den anderen dorthin zu reisen war äußerst reizvoll. Schade nur, dass er hier in den stinkenden Sümpfen elend verenden würde.
Als hätte Talia, die Göttin des Glücks ihn erhört, wandte sie sich sogleich von ihm ab. Über einen Hügel ganz in der Nähe hinweg, konnte er die Kronen einer kleinen Gruppe Blutbäume sehen, die langsam in seine Richtung wankten. Sie hatten ihn zwar noch nicht entdeckt, doch das würde sich ändern, sobald sie die Kuppe überschritten. Vorsichtig tastete er nach dem zerstörten Griff seiner Flamberge. Wenigstens mit der Waffe in der Hand wollte er sterben.
1 - 5 Traumreise -
Heiße Luft fuhr ihr über die Kehle, gleichzeitig war ihr rechter Fuß kalt und ihre Kleidung klitschnass. Ihr Gesicht fühlte sich taub und steif an. Zusätzlich hatte sie das Gefühl zu glühen, dabei fühlte sie Schweißtropfen über ihren Rücken laufen.
Sie wurde grob hin und her geschleudert, während sich spitze Steine oder Dornen in Brust, Beine und Rücken bohrten.
Sie wollte einen Arm heben, doch er rührte sich keinen Fingerbreit. Auch der andere schien zwischen glatten, gezackten Steinen eingeklemmt.
Eigentlich sollte ihr das Sorgen machen, doch sie hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen.
Irgendwie wollte ihr Verstand nicht so, wie sie es gewohnt war. Daher dauerte es sehr lange, bis ihr bewusst wurde, dass sie gar nicht auf dem Boden lag, sondern anscheinend durch die Luft schwebte, jedenfalls wippten ihre Beine und ihr Kopf immer wieder auf und ab, ganz regelmäßig, so wie auch die heiße Luft immer wieder über ihre Haut fauchte.
Sie konnte nicht sagen, wie lange die Reise dauerte, doch ihre Nackenmuskeln sandten bald bei jeder Bewegung Wellen von Schmerz durch ihren Körper. Die unangenehmen Zacken fühlten sich inzwischen an, als würde sie langsam von ihnen zermahlen. Hätte sie die Kraft gehabt, sich zu wehren, hätte sie es getan, aber so blieb ihr nichts anderes übrig, als sie stumm zu ertragen. Der Schmerz sammelte sich, wurde stetig schlimmer, bis sie das Gefühl hatte, ihr Kopf müsste jeden Augenblick platzen, wenn nicht zuvor ihre Muskeln rissen. Fieber hatte sie gepackt. Ihr Körper verkrampfte sich.
Zwischendurch fiel sie zum Glück in die schwarze Leere der Bewusstlosigkeit, nur um unsanft wieder herausgerissen zu werden. Jedes Mal, wenn sie glaubte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, wachte sie mit noch größeren Schmerzen wieder auf.
Ein leises Wimmern entwich ihren Lippen. Obwohl kaum hörbar, schien es als wäre es doch bemerkt worden, denn plötzlich hörte das rhythmische Schaukeln abrupt auf. Zu den heißen Luftstößen gesellte sich ein leises Donnergrollen, das ihren ganzen Körper vibrieren ließ.
Shadarr hatte ihre leisen Schmerzlaute sehr wohl vernommen.
Knurrend stand er auf einer flachen Hügelkuppe in Sichtweite des Flusses, an dem er mit Jiang im Maul seit einigen Kerzenlängen folgte. Trotz der hereingebrochenen Dunkelheit hielt er sicher stets den gleichen Abstand.
Er spürte und vor allem roch er, dass sie krank war. Als er sie mit seinen Zähnen gepackt hatte, um sie aus dem Sumpf zu tragen, hatte er wieder einmal gemerkt, wie merkwürdig es war, Gedanken zu formen, die nicht dem entsprachen, was er anschließend auch tatsächlich tat. Er übte sich darin, seit er Drakkans Gedanken und Gefühle empfing.
Natürlich hätte er Jiang fressen können. Und sie hätte auch gut geschmeckt. Davon war er überzeugt.
Doch wenn er das wirklich hätte tun wollen, hätte er es längst getan. – Vor vielen Wintern schon, als er sie zum ersten Mal gerochen hatte.
Jetzt darüber nachzudenken, erschien ihm merkwürdig verwirrend. Für gewöhnlich tat er auch, was er dachte oder dachte was er tat oder höchstens noch, wie er es am besten tun konnte.
Jiangs Geruch lud in der Tat dazu ein, sie zu fressen, doch sie war Drakkans Weibchen, auch wenn sie sich noch nicht gepaart hatten. Er verstand nicht, warum nicht, denn sein Rudelführer paarte sich sonst gerne und oft und mit vielen Weibchen. Ganz so wie es gut und richtig war.
Sehr langsam ließ er Jiang zu Boden gleiten, damit sie sich ausruhen konnte.
Sie mussten den Sumpf möglichst bald verlassen, damit er für sie beide etwas jagen konnte.
Außerdem war das Wasser hier ungenießbar.
Statt nach den anderen Mitgliedern des Rudels zu suchen, beschloss er, erst das zierliche Weibchen in Sicherheit zu bringen. Die Übrigen waren körperlich stärker und würden ohne seine Hilfe zu Recht kommen.
Er blickte auf Jiang hinunter, die sich unruhig hin und her wälzte, ihre Hände abwehrend vor sich haltend.
Ihr war nicht ganz klar, wo sie sich befand und warum ihre Reise aufgehört hatte, denn sie versuchte gerade, Zi tsin Tau davon abzuhalten, sie in sein Bett zu zwingen. Obwohl sie wusste, dass es keinen Zweck haben würde, versuchte sie immer wieder, ihn von sich weg zu schieben.
Dieses Mal hatte er sie in einen kleinen Raum gedrängt, mit hartem, kaltem Boden. Er hatte sie zu Boden gezwungen, offenbar in einer Wäschekammer, denn alles um sie herum war feucht, klamm und dunkel.
Sie wehrte sich nach Kräften, doch das schien ihn nur anzuspornen. Sie wagte nicht, ihre mystischen Fähigkeiten einzusetzen, denn er war ein hoher Beamter des Kaisers. Sie konnte sich nur wehren, bis er hoffentlich bald von ihr abließ.
Shadarr stand ein wenig ratlos neben der zappelnden Shâi, die sich unsinniger Weise im Schlamm hin und her wälzte. Vielleicht half ihr das, wieder gesund zu werden. Dafür erregte ihr Gezappel mehr Aufmerksamkeit als seine massige, aber reglose Gestalt.
Sein Magen knurrte. Zeit aufzubrechen.
Jiang wurde plötzlich von starken Armen gepackt, die Ihr jeden Bewegungsspielraum nahmen. Wie eiserne Fesseln hielt man sie fest, so dass sie sich nicht mehr wehren konnte.
Rücken und Beine meldeten sofort wieder Schmerzen.
Beinahe sämtliche Muskeln verkrampften sich, aber wenigstens war ihr Nacken entlastet, weil sie auf dem Bauch lag. Obwohl sie voller Angst drauf wartete das Zi tsin Tau sie wie ein Stück Vieh bestieg, ergab sich ihr Körper schließlich den Anstrengungen und dem Fieber. Dunkelheit umhüllte sie, als sie allmählich das Bewusstsein verlor.
1 - 6 Badefreuden -
Das Wasser war sogar noch kälter als erwartet. Tausend Nadelstiche bohrten sich in seine Haut. Wie Öl klebte die Brühe an ihm, als er mit kräftigen Schwimmstößen auf das Ufer zu strebte. Auch der Gestank war so knapp über der Oberfläche noch unerträglicher. Droin hatte das Gefühl, sich durch Sirup ziehen zu müssen. Mühsam kämpfte er sich vorwärts. Es war nur etwas mehr als zwei Seillängen bis zu dem Streifen öden Landes, den er als Nordufer auserkoren hatte. Ganz überzeugt war er noch nicht, allerdings ziemlich sicher. Dort würde er einen Weg zurück bis zur Stadt suchen, um unterwegs nach seinen Gefährten Ausschau zu halten. So unübersichtlich die Landschaft auch war, allzu weit dürften sie nicht auseinander gerissen worden sein. Attravals Kompass alleine durch ein derart feindliches Territorium zu schaffen, war fast unmöglich. Er brauchte die Unterstützung seiner Gefährten. In Gedanken versuchte er die Bedeutung des Fundes zu ergründen. Einer der bedeutendsten Schätze der Naurim so nah bei sich zu haben war erschreckend und beflügelnd zugleich.
Er mochte seinen Klan und dem gesamten Nordreich die Gelegenheit geben, in Gebiete vorzudringen, die sie vor vielen Wintern an die Schrecken der Tiefe verloren hatten. Eine reizvolle Vorstellung. Dafür musste er jedoch zunächst heil aus Narfahel entkommen.
Die Kälte bohrte sich immer tiefer in seinen Körper und lähmte langsam seine Muskeln. Er durfte keinen Augenblick länger im Wasser bleiben als unbedingt nötig.
Etwas streifte sein Bein.
„Das hat mir noch gefehlt!“, fluchte er, während er seinen Dolch zog. Noch zehn Schritte bis zum Ufer. Wieder eine Berührung, dieses Mal an der Schulter.
Es streifte seinen Ellenbogen.
Droin hatte den flüchtigen Eindruck von rauer Schuppenhaut.
Dann fühlte er plötzlich einen scharfen Schmerz an seiner Wade. Etwas hatte ihn gebissen.
Fluchend unterdrückte er das Bedürfnis, die Wunde zu untersuchen. Stattdessen mühte er sich, noch schneller zu schwimmen. Wieder ein Biss, dieses Mal in die Hüfte, dann ein weitere in seinen Arm.
Er betrachtete kurz die Wunde, die knapp neben seinem Handgelenk war. Sie war kleiner als befürchtet. Ein kreisrundes Stück Haut von der Größe einer Münze fehlte dort. Die Ränder zeugten ganz deutlich die Abdrücke kleiner scharfer Zähne.
Droin erhöhte sein Tempo. Nur fünf Schritte bis zum Ufer. Als wären seine Bemühungen das Stichwort, bissen ihn mehrere Kreaturen zugleich.
Er schlug und trat wütend um sich, traf aber keinen seiner Peiniger. Immerhin schaffte er es so, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Er sprang regelrecht auf das Ufer. Keuchend blieb er einen Atemzug liegen, den Blick auf das Wasser gerichtet. Sein Körper war mit zahlreichen Wunden übersäht.
Er hatte sie noch nicht alle gezählt, als er plötzlich ein platschendes Geräusch neben sich hörte. Er wandte den Kopf in die entsprechende Richtung. Eine kleine, unförmige Kreatur hockte im Schlamm neben ihm. Sie war nicht viel länger als seine Hand, hatte vier Froschbeine mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen und einen langgestreckten Körper wie eine Schlange. Anscheinend war sie blind, denn er konnte keine Augen entdecken.
Leider schien es sie nicht zu behindern, denn das Maul öffnete sich sofort und wandte sich in seine Richtung. Es passte genau zu den Wunden.
Bevor er reagieren konnte, schoss plötzlich eine unmöglich lange Zunge daraus hervor. Sobald sie seine Wade berührte, hüpfte das Biest wie ein Frosch zu ihm hinüber und biss hinein.
Droins Dolch zuckte vor und spießte den Schlagenfrosch auf. Er stieß einen leisen, quakenden Laut aus, dann rutschte sie leblos von der Klinge.
Wie aufs Stichwort begann das Wasser plötzlich zu brodeln. Schlangenfrösche hüpften oder kletterten ans Ufer. Eine regelrechte Horde. Sie quakten wild durcheinander, wie ein schlecht abgestimmter Chor. Dafür richteten sie ihre Aufmerksamkeit alle auf Droin.
Obwohl die Bisswunden wie Feuer brannten, blieb Droin nicht liegen, um herauszufinden, wie groß der Schwarm war. Er hatte schon beim ersten Anzeichen den Rückzug angetreten. So schnell er konnte, zerrte er den Kompass vom Flussufer weg. Seine alten Knochen protestierten gegen die neuerliche Anstrengung und nicht zum ersten Mal überlegte er, ob es nicht allmählich an der Zeit war, in den Rat der Ältesten einzutreten.
Er war bereits der älteste Naurim von Clan Fenloth, der noch immer die Welt bereiste.
Auf der anderen Seite fühlte er sich gerade in Augenblicken wie diesen lebendig. Im Kampf auf Leben und Tod, in feindseligen Landstrichen, wo nur die Starken und Mutigen überleben konnten.
Erst hielten die Schlangenfrösche noch mit ihm mit, doch mit jedem Schritt, fielen sie weiter hinter ihm zurück, je weiter er sich vom Wasser entfernte. Als der Boden unter seinen Füßen schließlich fest und trocken wurde, kehrten die kleinen Biester endgültig um. Ihr Quaken klang wütend, bevor die trübe Brühe sie wieder verschluckte.
Droin beglückwünschte sich zunächst zu seinem Instinkt, dann ließ er sich ächzend zu Boden sinken.
Genau rechtzeitig, um in der mittlerweile angebrochenen Nacht kaum zwei Bogenschussweiten entfernt eine gewaltige Flammensäule in den Himmel schießen zu sehen. Sie schrumpfte fast sofort wieder zu einem schwachen, rötlichen Lichtschein, der kaum über die Hügelkuppe hinweg leuchtete.
Für Droin war sie jedoch völlig ausreichend gewesen.
„Warum nicht einen Moment früher?“, schimpfte er, als er sich mühsam wieder auf die Füße kämpfte.
Zielstrebig marschierte er auf die Stelle des Feuers zu. Er war sich ziemlich sicher, dass nur Phyria so unachtsam gewesen sein konnte, allen Kreaturen der Umgebung anzuzeigen, wo es etwas zu fressen gab. Auf der anderen Seite: wenn er ihre Gaben hätte, wäre ihm das vermutlich auch egal.
Bei den Kreaturen hier war Heimlichkeit allerdings die bei Weitem bessere Wahl.
Ohne mehr als seine Stiefel anzuziehen und sich um die blutenden Wunden zu kümmern, marschierte er los, so schnell er konnte. Er sah sich gründlich um, mied alle Hügelkuppen und behielt Bolzenwerfer und Kriegshacke in den Händen. Das raue Seil, mit dem er die Ausrüstung und den Kompass hinter sich her zog, scheuerte über seine nackte Haut. Die Wunden brannten unangenehm, außerdem bluteten sie noch immer. Bald musste er anhalten, um sich darum zu kümmern, oder er würde zu viel von seiner Ausdauer verlieren, gleich ob sein Klan dafür berühmt war.
Er schätzte die Distanz zu Phyria ab und entschied sich dann dafür, weiter zu marschieren. Obwohl er durch Senken und schlammige Rinnsale stapfte, die nicht auf direktem Weg zu ihr führten, kam er rasch voran. Er hatte in dem unbewaldeten Gebiet keine Mühe, die Richtung zu halten. Lautlos näherte er sich der unvorsichtigen Flammentänzerin.
Phyria wärmte sich noch immer an dem brennenden Baum. Zwar war ihre Kleidung längst getrocknet, doch sie verspürte nicht die geringste Lust, sich auf den Weg zu machen. Erst hier und jetzt wurde ihr wirklich bewusst, dass sie ohne die Hilfe ihrer neuen Gefährten niemals so weite gelangt wäre. Sie konnte nur hoffen, dass sie sie davon überzeugen konnte, ihr auch weiterhin zur Seite stehen. Gerade in diesem Moment konnte sie…
Was sie alarmiert hatte, war ihr nicht so ganz klar.
Mit flammenden Händen wirbelte sie herum.
Der Anblick, der sich ihr bot, war so grotesk, dass sie unwillkürlich lachen musste. Keine zehn Schritt von ihr entfernt stand Droin, die Arme in die Hüften gestemmt. Dass es der Naurim war, erkannte sie allerdings erst, auf den zweiten Blick. Er war von oben bis unten mit Schlamm bedeckt. Außerdem trug er nicht mehr als einen Lendenschurz und Eisenstiefel.
„Was gibt es denn da zu lachen?“
1 - 7 Dornen und Bären -
Auch Anaya konnte die Stichflamme in der Entfernung erkennen. Leider befand sie sich mehr als zwei Meilen weit weg, mit dem Fluss dazwischen.
Ein Bad erschien ihr für den Moment wenig erstrebenswert, denn sie konnte Dutzende armlanger Lebewesen darin ausmachen. Und ziemlich sicher waren das keine Fische.
In Richtung Feuer entdeckte sie eine kleine Gruppe Blutbäume, die zielstrebig langsam auf einen anderen Punkt ganz in ihrer Nähe zu wankten. Aus ihrem Verhalten schloss sie, dass sie Beute gewittert haben mussten.
Rasch prüfte sie ihren eigenen Geruch und maskierte ihn dann mit dem von vermoderndem Holz. Außerdem sorgte sie dafür, dass ihre Beine kürzer und ihre Hufe breiter wurden, damit sie nicht so deutlich sichtbare Spuren hinterließ. Das Bärenfell behielt sie vorerst bei, es war schön warm.
Sie musste einen lustigen Anblick bieten. In braunes Fell gekleidet, kurze Beine, breite Hufe, kleine Hörner und eine grünliche Hautfarbe.
Schulterzuckend setzte sie sich wieder in Bewegung.
Wenn sich ihre Überlegungen als richtig herausstellten, würde sie gleich hinter dem nächsten Hügel auf die Beute der Blutbäume treffen. Sie musste sich beeilen, wollte sie ihnen zuvorkommen.
Da sie die Bäume nicht für Kannibalen hielt, musste es eine andere Beute sein. Wahrscheinlich einer ihrer Gefährten. Sie eilte in gleichmäßigem Tempo voran, wobei sie sich bemühte, eine niedrige Silhouette zu bieten, um die Aufmerksamkeit der Leichensammler nicht auf sich zu ziehen.
Solange die Bäume sich weiter in eine Richtung bewegten, waren sie noch nicht am Ziel. Das gab ihr die Chance, sie zu überholen, oder doch zumindest vor ihnen am Ziel zu sein.
Kmarr sah seinem Schicksal ruhig entgegen. Die Flamberge war nutzlos, die Axt irgendwo verloren gegangen. Nur der Bolzenwerfer war übriggeblieben.
So sehr er seine Erfindung auch schätzte, gegen die Blutbäume würde die Waffe wenig nutzen. Nicht umsonst fällte man Bäume mit einer Axt.
Er hatte nur einen Versuch gemacht, aufzustehen. Die Schmerzen hatten ihm beinahe das Bewusstsein geraubt, noch bevor er sich überhaupt richtig bewegt hatte. Lieber blieb er sitzen und schoss, solange er konnte, Bolzen auf seine Feinde.
Danach konnte er nur hoffen, dass sie ihn schnell fraßen.
Ruhig hob er die Waffe zum ersten Schuss. Wie nebenbei bemerkte er, dass eine Vorrichtung zum Zielen nützlich wäre. Der Hebel zum Nachladen ließ sich bestimmt ebenfalls verbessern. Er hatte Mühe, ihn zu betätigen.
Dafür war der kleine Wald aus Blutbäumen nur schwer zu verfehlen.
Obwohl er sich bemühte, den Rückschlag mit den Armen abzufangen, ging trotzdem eine Welle der Agonie durch seinen Körper, die einen Schweißausbruch bewirkte.
Mit zitternden Fingern quälte er den nächsten Lauf in Schussposition. Ohne darauf zu achten, ob er getroffen hatte, schoss er erneut. Dieses Mal tanzten bunte Punkte vor seinen Augen. Zwei Anläufe, dann hatte er den dritten Lauf feuerbereit gemacht. Dafür wurde er dieses Mal mit Schmerzgeheul belohnt, dass er leider nicht genießen konnte, weil er die verbleibende Kraft dafür brauchte, nicht das Bewusstsein zu verlieren.
Zu den Flecken vor seinen Augen gesellte sich der bittere Geschmack von Galle im Mund, doch aufgeben kam nicht in Frage.
Wieder schoss er auf die Bäume, die soeben den Abstieg von der Hügelkuppe begonnen hatten.
Für einen Moment musste er doch die Besinnung verloren haben, denn im nächsten Augenblick lag der Bolzenwerfer in seinem Schoß und ein Bär, der Anaya bis auf den Kopf verschluckt hatte, kniete neben ihm.
„Du solltest sie wieder ausspucken“, riet er dem Bären: „Sie hat es nicht gerne, wenn man sie frisst.“
Doch der Bär wühlte mit seinen Pranken einfach nur im Dreck neben ihm. Bestimmt suchte er nach Wurzeln. Ehe er ihn fraß.
„Nimm die Wurzeln von den Bäumen da. Die schmecken viel besser als ich“, wollte er sagen, aber seine Zunge verweigerte ihm den Dienst.
Anaya bemühte sich, zu verstehen, was Kmarr zu sagen versuchte, mehr als unverständliche Knurrlaute gab er dabei jedoch nicht von sich.
Für mehr blieb keine Zeit.
Sie hatte ihren gesamten Vorrat an Würgedornsamen im Kreis um sie herum im Schlamm verteilt. Jetzt lenkte sie die unbändige Lebenskraft des Sumpfes in ihr schnelles Wachstum.
Dabei musste sie gleichzeitig aufpassen, nicht Kmarrs ohnehin schon schwache Lebenskraft anzuzapfen.
Die Belastung zwang sie dazu, ihre eigene Verwandlung aufzugeben.
Zunächst tat sich nichts, doch dann drängten sich die ersten Keimblätter aus dem Boden ans Licht.
Sie entfalteten sich rasch zu jungen Trieben, die sich sofort weiter verzweigten.
Anfangs wucherten die Ranken noch über den Boden in alle Richtungen. Erst mit Anayas Einfluss formten sie nach und nach einen Ring, der gut drei Mannslängen durchmaß. Die einzelnen Äste verhakten sich in den Pflanzen links und rechts, während sie gleichzeitig nach oben wuchsen. Schnell gewannen die Stämme an Umfang und Größe.
Als die Blutbäume noch zwanzig Schritte entfernt waren, hatte die Hecke bereits einen halben Schritt Höhe erreicht und war einen Schritt tief. Die Ranken waren fingerdick geworden, mit kurzen Dornen und kleinen, rundlichen Blättern an allen Seiten, die nicht nur bitter schmeckten, sondern obendrein auch noch giftig waren.
Obwohl ihre Anstrengungen die Konzentration forderten, warf sie zwischendurch dennoch einen Blick auf Kmarr, dessen Kopf nach vorne gesunken war. Er hatte das Bewusstsein verloren. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig, so dass keine akute Gefahr für ihn bestand.
Die Hecke wuchs unterdessen weiter in die Höhe. Als sie einen Schritt erreicht hatte, neigte Anaya sie langsam nach innen, um über ihnen ein Dach zu formen. Nur so würde das Gebilde dem Ansturm der Blutbäume Stand halten.
Diese waren mittlerweile schon bis auf zehn Schritte heran gewankt. Ihre Tentakel streckten sich erregt nach vorne, in Erwartung leichter Beute.
Unterdessen schlangen sich die dornigen Ranken immer höher und höher. Unten hatten sie inzwischen die Dicke ihres Handgelenks erreicht und die Dornen waren so lang, wie ihre Finger.
In Galladorn formten die Druiden aus ihnen Hecken um ihre Hütten und Dörfer, als Schutz vor Raubtieren.
Außerdem umschloss der Grüne Wall das gesamte Reich. Dreißig Schritte hoch, und ebenso tief, bildete er eine undurchdringliche Barriere für alle ungebetenen Besucher, sofern sie nicht über Flügel oder Luftschiffe verfügten.
Manche Druiden formten sogar ihre Häuser aus Würgedornen. Von innen verkleidet mit Brettern oder Lehm, mit natürlich vergitterten Fenstern, waren sie durchaus gemütlich zu nennen.
Die Kuppel, die Anaya gerade schuf, war diesen Hütten nachempfunden, nur hatte sie nicht vor, Fenster oder eine Tür in ihren Entwurf zu integrieren.
Das Dach würde nicht rechtzeitig fertig werden, also zwang sie einzelne Ranken, wie bei einer Gewölbehalle Stützbögen zu bilden. Die Zwischenräume füllte sie nach und nach mit kleineren Ranken.
Keinen Augenblick zu früh.
Schon brandeten die Blutbäume gegen das Hindernis. Sie kreischten überrascht, denn auch wenn sie viele Gemeinsamkeiten mit richtigen Bäumen hatten, eine harte Borke besaßen sie nicht. Deshalb bohrten sich die Dornen in ihre stammartigen Körper. Die Hecke erbebte unter ihrem Ansturm, hielt aber ohne Probleme stand. Sorge machten Anaya nur die Tentakel. Statt durch die Lücken im Dach zu greifen, versuchten sie direkt durch die Hecke zu gelangen.
Ihre Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Die Blutbäume waren zu dumm für solch eine ausgeklügelte Taktik. Sie begriffen nicht, dass die Hecke vor ihnen kein abgestorbenes Buschwerk war, auf das sie normalerweise trafen.
Und je länger sie brauchten, das Problem zu verstehen, je geringer waren ihre Chancen, doch noch zu einer Gefahr für Kmarr und sie zu werden, denn die Lücken im Dach wuchsen rasch zu.
Gleichzeitig wurde es immer dunkler, denn das dichte Geflecht blockierte das ohnehin spärliche Tageslicht beinahe völlig.
Als sie mit ihrem Werk schließlich zufrieden war, blieb nur das Kreischen der Bäume draußen zurück. Erschöpft zog Anaya ihre Hände aus dem Schlamm.
Gerne hätte sie eine Weile ausgeruht, aber dafür blieb ihr keine Zeit. Die Verletzung von Kmarr war schwer und musste dringend versorgt werden.
Vorsichtig begutachtete sie den Schaden, den der Ast im Körper des Leoniden angerichtet hatte. Es handelte sich um eine ernste Verletzung, die mit Sicherheit tödlich war, wenn sie nichts unternahm. Zum Glück war es ein Ast, auf dem er gelandet war. Wäre es ein Felsen oder ein eiserner Pfahl, hätte sie nichts für ihn tun können, aber so…
Entschlossen griff sie nach dem spitzen Ende.
Kmarr stöhnte leise, ohne aufzuwachen.
Sie lockte das tote Holz mit dem Versprechen neuer Kraft, gesunder Erde und warmer Sonnenstrahlen Sie spendete etwas ihrer eigenen Lebenskraft, um es zu wecken.
Schließlich spürte sie ein dünnes Rinnsal neuer Energie. Sie lenkte es behutsam in die Rinde, glättete sie, schrumpfte den Ast vom Durchmesser ihres Unterschenkels bis auf die Dicke ihres Armes. Zusätzlich wurde das Holz so glatt, bis es glänzte, als hätte sie es tagelang poliert. Am Rücken verstärkte sie es, damit Kmarr nicht noch weiter rutschen konnte. Zuletzt schwächte sie das Holz knapp vor seiner Brust, so dass sie den Rest ohne Mühe dort abbrechen konnte.
Wieder stöhnte Kmarr knurrend. Ein dünner Blutstrom sickerte aus der Wunde.
Für den nächsten Schritt brauchte sie ihn wach und einigermaßen bei Kräften.
Da sie ihn nicht wecken wollte, entfachte sie mit ihren Vorräten aus Kohle und dem abgebrochenen Ast ein Feuer.
Erst dann ließ sie sich erschöpft zu Boden sinken.
Obwohl die Blutbäume ein nervtötendes Kreischen verursachten, war sie kurz darauf eingeschlafen.
1 - 8 Jagdwetter -
Sie erwachte mit Fieber und Schüttelfrost auf einem Berg abgestorbenen Schilfgrases. Ihr Lager befand sich zwischen zwei Hälften eines gespaltenen Felsens, die sie vor dem Regen schützten, den der Wind von Norden heran peitschte. Ihre Decke, die halb neben ihr lag, war verrutscht, doch sie fühlte sich zu schwach, um mehr zu tun, als sie halbherzig nach oben zu ziehen. Selbst den Kopf zu heben, strengte sie aufs Äußerste an. Immerhin lag ihr Wasserschlauch neben ihrer Hand.
Dennoch dauerte es, bis sie ihn geöffnet hatte, um einen Schluck zu trinken. Anschließend zitterten ihre Muskeln wie nach einem Marsch von fünfzig Meilen ohne Pause.
Das eiskalte Wasser war die Anstrengung jedoch wert. Danach sank sie erneut in einen dämmrigen Zustand irgendwo zwischen Schlafen und Wachen, in dem die Zeit still zu stehen schien.
Shadarr beobachtete, wie Jiang etwas trank, bevor sie wieder auf dem Graslager zurücksank, dass er zusammengetragen hatte, um sie warm und einigermaßen trocken zu halten.
Die Stelle zwischen den Felsen war ein Glücksfund, der auch ihm einen gewissen Schutz vor dem Regen bot.
Seit dem frühen Morgen schüttete es ohne Unterlass.
Zum Glück konnte er sich neben Jiang wenigstens zum Teil in die Felsspalte zwängen. Die Position war einigermaßen bequem, so dass er zwischen Jiangs Füßen hindurch die Umgebung gut im Auge behalten konnte.
Das schlechte Wetter schränkte die Sichtweite beträchtlich ein und machte Gehör und Geruch weitgehend nutzlos, doch es verbarg sie auch vor möglichen Raubtieren und neugierigen Bewohnern des Sumpfes.
Nur der ständige Hunger bereitete ihm Unbehagen. Das Wetter hatte die wenigen Libellenegel vertrieben, die er hatte fressen wollen. Nur drei konnte er erwischen, bevor sie zu ihrem trockenen Unterschlupf flüchteten.
Immerhin hatten sie halbwegs vernünftig geschmeckt. Um sich richtig satt zu fressen, hätte er die zehnfache Menge gebraucht. Leider hatten die Kreaturen beim ersten Donnergrollen sogleich die Flucht ergriffen.
Sie waren geradewegs zu einem großen Wald aus Blutbäumen geflogen.
Bei der Verfolgung war er im Wasser eines trüben Tümpels über ein paar Schlangenfrösche gestolpert. Leider hatten sie nicht viel besser geschmeckt als das brackige Wasser, aus dem sie gehüpft waren. Wenigstens sättigten sie ihn ein Wenig.
Jetzt hoffte er auf ein Ende des Regens, um wieder Jagd auf die fliegenden Egel machen zu können.
Solange er darauf wartete, betrachtete er Jiang, deren Decke erneut verrutscht war.
Mit einer einzelnen Kralle schob er sie wieder zurück. Er hatte bei Anayas zahlreichen Vorträgen über Verletzungen gehört, dass Wärme offenbar wichtig war und Decken dabei halfen.
Es war ziemlich mühsam gewesen, sie aus Jiangs Rucksack zu befreien, ohne den restlichen Inhalt dabei zu zerstören. Trotzdem war einiges beschädigt worden. Besonders geschickt war er noch nie gewesen.
Sie waren noch immer in Sichtweite des großen Flusses, inzwischen allerdings viele Meilen von der Stadt entfernt, in der sich das Siegel befunden hatte.
Normalerweise hätte Shadarr die anderen Mitglieder seines Rudels gesucht, aber er konnte Drakkan über ihre Geistverbindung nicht erreichen und Jiang war eines der Weibchen des Rudelführers, auch wenn er nicht verstand, wie die Beziehungen im Rudel entstanden und wodurch sie geprägt waren.
Auf jeden Fall hätte er gewollt, dass Shadarr als bester Jäger achtgab auf die Weibchen, und dieses hier in Sicherheit brachte.
An Flüssen gab es oft Behausungen von Menschen oder wenigstens Weiden und Felder auf denen Nahrung zu finden war.
Gewöhnlich fanden sich dort auch Boote, mit denen man noch schneller vorankam. Bei all seiner Stärke, war Shadarr nicht gut dazu geeignet jemanden zu tragen, der nicht selbst auf ihm Reiten konnte.
Nach dem Regen und einer ausgiebigen Jagd wollte er wieder aufbrechen. Er hasste das Nass, das von oben kam, genauso sehr wie Drakkan.
1 - 9 Lagerfeuergeschichten -
„Statt zu lachen, mach lieber Platz am Feuer.“
Ungerührt von ihrer Erheiterung stapfte Droin hinüber zu dem einladenden Lagerplatz.
„Bist Du verletzt?“, fragte sie überrascht, als sie bemerkte, dass sich Blut mit dem Schlamm vermischt hatte, das aus zahlreichen Bisswunden zu stammen schien.
„Scharfsinnig beobachtet“, spottete er mit leiser Stimme: „Mach mehr Feuer, damit Du siehst, was Du machst, wenn Du die Verletzungen vom Schlamm befreist. Ohne Rüstung gehe ich hier keinen Schritt mehr.“
Gehorsam fachte Phyria die Flammen an, auch wenn das Holz so schneller aufgebraucht sein würde. Sie war heilfroh, auf den erfahrenen Naurim getroffen zu sein. Besorgt musterte sie die Wunden.
Während Droin sich vom Feuer trocknen ließ, damit sie den Schlamm entfernen konnte, erzählte er ihr von den Schlangenfröschen.
Die Hitze und seine natürliche Zähigkeit ließen den Blutstrom aus den meisten Wunden schnell versiegen, trotzdem verband Phyria sie alle nach seiner Anweisung, sobald sie den gröbsten Dreck von seinem Körper geschrubbt hatte. Die Bisse brannten höllisch, dennoch machte er sich keine übermäßigen Sorgen wegen einer möglichen Entzündung.
Wundbrand gab es bei den Naurim so gut wie nie. Die Verbände dienten hauptsächlich der Polsterung damit seine Rüstung weniger stark scheuerte.
Phyria stellte eine entsprechende Frage: „Kannst Du so bandagiert überhaupt die Plattenteile anlegen?“
„Ein Vergnügen wird es nicht und ich werde mich vermutlich bewegen, wie ein betrunkener Ochse, aber gehen wird es.“
„Mit Deinen Wunden wäre ich längst gestorben“, erwiderte sie: „Ich verstehe nicht, wie ihr alle so…“, sie suchte nach Worten: „…zäh und unerschütterlich sein könnt. Verglichen damit erscheinen meine eigenen Fähigkeiten lächerlich und nutzlos.“
Zum ersten Mal fiel Droin auf, wie jung Phyria noch war. Kaum erwachsen geworden, ohne Erfahrungen, auf die sie zählen konnte. Er ließ sich Zeit mit der Antwort: „Der Leichensammler wäre sicherlich anderer Meinung. Du unterschätzt Dein Können. Was Dir fehlt, sind hauptsächlich Jahre. Jahre, in denen Du Erfahrungen sammeln konntest, in denen Du andere Länder besucht, fremde Völker und Kulturen getroffen hast. Eure Abtei mag stark gewirkt haben, doch eure Isolation hat euch auch verwundbar gemacht. Ihr konntet stets nur reagieren, niemals aktiv handeln. Du weißt nicht, was Du jetzt tun sollst, weil Du nicht gelernt hast, mit neuen Situationen wie dieser fertig zu werden.“
Erst wollte sie auffahren, doch der sachliche Tonfall ließ sie innehalten. Droins ruhige Art zeigte ihr, dass er sie damit nicht bewertete, er schilderte nur die Fakten, wie er sie sah.
„Immerhin hast Du mich nur dank meiner Fähigkeiten gefunden“, erwiderte sie.
Es gelang ihr sogar, nur wenig beleidigt zu klingen.
„Ja. Und auch jeder andere im Umkreis von zwei Meilen weiß jetzt, wo Du bist. Du hast Glück gehabt, dass niemand dabei war, der Hunger hatte. Lange können wir daher nicht mehr hierbleiben.“
„Mit denen werde ich schon fertig.“
„Dann frage ich mich, weshalb wir alle über den Sumpf verstreut worden sind.“
„Euch ist es auch nicht anders ergangen. Wenn ihr so erfahren seid, weshalb habt ihr dann auch nicht mehr Erfolg gehabt?“
„Weil das im Wesen des Unbekannten liegt. Ich habe allerdings auch nicht behauptet, dass ich damit fertig werde. Die Kunst, als Kopfjäger lange zu überleben besteht darin, sich schnell anzupassen. Wie jetzt. Das Feuer ist schon da, wieso es also nicht nutzen, solange es geht. Das Licht hilft mir dabei, den Kompass auf Schäden zu untersuchen und mit Dir zusammen kann ich es sogar tun, ohne gleichzeitig auf Gefahren zu achten, weil Du Wache halten kannst.“
Noch während er das sagte, hatte er die letzten Teile seiner alten Rüstung angelegt. Die kostbare Drachenrüstung ließ er in ihrem Gepäckbündel.
„Und was dann?“
„Du könntest einen Blick in die Karten von Biraanogk werfen und die Frage für uns beide beantworten.“
Einen Moment starrte sie ihn verblüfft an, dann musste sie lachen: „An die habe ich gar nicht mehr gedacht.“
Sie griff nach dem Schriftrollenbehälter, hielt aber mitten in der Bewegung inne: „Willst Du dann nach den Anderen suchen?“
„Nein. Ich glaube, wenn wir in einer großen Gruppe unterwegs sind, könnte uns das Wesen aufspüren, das die Flutwelle gesandt hat.“
An seiner Miene konnte sie ablesen, dass ihm die Antwort ebenso wenig gefiel, wie ihr.
„Wie kannst Du Deine Freunde einfach so im Stich lassen? Bist Du nicht der erfahrenste Spurenleser von euch? Ich bin sicher, Du könntest sie alle wiederfinden.“
Ohne aufzublicken, löste Droin die Seile um die Ölplane, mit der der Kompass verpackt war.
„Du hast nicht zugehört. Was ich vermag und was ich für das Beste halte, ist in diesem Fall leider nicht das Gleiche. Zuerst müssen wir selbst überleben, erst dann können wir uns erlauben, uns über die Anderen Gedanken zu machen.“
Phyria machte keinen überzeugten Eindruck. Außerdem fühlte sie sich fast wieder in das Klassenzimmer in der Abtei zurückversetzt. Droin hatte beinahe den gleichen schulmeisterlichen Tonfall angeschlagen, wie einst ihre Lehrerinnen.
„In der Umgebung nach Spuren zu suchen, kann nicht so lange dauern. Was sollte unser Überleben gefährden? Mit den Raubtieren, Blutbäumen und Fröschen werden wir zusammen schon fertig. In der Gruppe sind wir nur stärker.“
Sie hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und starrte Droin trotzig an.
Er machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen, als er den Kompass inspizierte: „Wasser.“
„Wie bitte?“
„Wasser.“
Er deutete auf die schlammige Pfütze zu seinen Füßen: „Glaubst Du, wir können das trinken?“
Phyria folgte seinem Finger: „Natürlich nicht. Wir werden schon sauberes finden.“
Doch ihre Stimme wirkte unsicher.
„Woher willst Du das wissen? Ich hoffe, es wird so sein, doch erstmal muss ich annehmen, dass wir kein Glück haben werden und muss entsprechend handeln. Und das bedeutet, so schnell wie möglich hier weg.
Genau da sind Deine Karten hilfreich. Glaub mir, wenn wir unterwegs zusammentreffen, werde ich mich darüber freuen, aber suchen kann ich sie nicht. Außerdem“, und damit deutete er auf den Kompass: „ist der noch hier.“
Phyria macht ein verständnisloses Gesicht.
Droin seufzte innerlich, während er sich daran machte, ihn wieder sorgfältig einzupacken. Attravals Kompass hatte die Reise bisher besser verkraftet als jeder einzelne von ihnen.
„Für mein Volk ist er ebenso wichtig, wie die Siegel, die Dein Orden bewacht hat.“
Er hob die Hand, um ihre Einwände abzuwehren: „Natürlich wartet keine Armee von Dämonen darauf, durch ihn freigelassen zu werden, aber was denkst Du, ist ein Artefakt wert, mit dem man alle Orte der Welt zu allen Zeiten sehen kann? Das Schicksal ganzer Völker vielleicht?“
Erst wollte sie etwas erwidern, doch sie unterbrach sich selbst: „Alle Orte? Zu jeder Zeit?“
„So sagt es die Legende.“
„Auch unsere Abtei? Vor dem Angriff?“
Phyrias Miene verfinsterte sich, als Droin bedächtig nickte.
„Dann muss ich einen Blick hineinwerfen.“
Aus irgendeinem Grund war Phorys der Erste, an den sie sich erinnerte. Andere Namen und Gesichter folgten.
Droin sah, wie ihr Tränen in die Augen traten. Für diese Art Erinnerungen gab es keine tröstenden Worte. Jeder musste alleine damit fertig werden. Daher fuhr er mit dem Verpacken des Kompasses fort. Gleichzeitig behielt er die Umgebung im Auge, weil er wusste, dass Phyria gerade andere Dinge sah als mögliche Bedrohungen.
‚Langsam werde ich zu alt dafür‘, dachte er amüsiert. Erst Jiang, dann Anaya und Kmarr und jetzt die junge Feuertänzerin. Nur mit Drakkan verhielt es sich anders.
Auch dieser war anfangs ungestüm und unbedarft gewesen. Allerdings war er weit umsichtiger, als sein Verhalten oft den Anschein hatte.
Zu Beginn hatte der Versuch, ihm etwas beizubringen etwa so viel Spaß gemacht, wie der Versuch, einen Nagel mit der bloßen Hand einzuschlagen: Er ging zwar ein, aber man schadete sich selbst mehr als dem Holz.
Phyria war dagegen eine einfache Übung.
„Bewahre ihre Andenken und such uns einen Weg hier raus, damit wir nach Hause kommen. Nur so war nicht alles umsonst.“
In seinen Ohren klang das schal wie abgestandenes Bier, doch Phyria hatte es anscheinend richtig verstanden. Sie nickte. Vorsichtig befreite sie die Karten aus dem gut verschlossenen Behälter. Sie suchte die Richtige heraus, bevor sie die Übrigen sofort wieder verstaute. Droin winkte sie zum Kompass herüber, der ungerührt von allem weiter einen Fuß hoch über dem Boden schwebte. Auf der Ölplane breitete sie die Karte aus. Droin deutete auf den Irrkatt, der das Land in eine Nord- und eine Südhälfte teilte: „Wir sind irgendwo am Fluss.“
Drei Städte und mehrere Weiler oder Dörfer waren daran entlang eingezeichnet.
„Aus der Reihenfolge und der Fahrt vermute ich, es ist die hier.“
Droin deutete auf die Erste, die am nächsten an Kalteon lag und deren Namen mit Serhel angegeben war, wenn er die alte Schrift richtig entziffert hatte.
Von dort führte eine Straße von Norden nach Süden bis zur Grenze nach Denelorn zur heutigen Blutmark.
Der Legende nach eine Handelsstraße zu einem anderen Ort mit Namen Heleran, weiter im Norden. Die Distanz betrug mindestens eine Wochenreise und von dort nochmals vier oder fünf Tage bis zur Grenze des Landes. Zumindest war dies in der Vergangenheit so gewesen. Mit einsetzendem Winter und einem lebensfeindlichen Sumpf wie diesem konnten leicht zwei Wochen daraus werden.
Droin teilte Phyria seine Überlegungen mit.
„Schaffen wir das?“
„Wenn es regnet oder schneit: Ja. Sonst wird es schwer.“
„Wegen des Wassers?“
Er nickte. Ganz ohne Verstand war sie also nicht: „Schnee ist besser. Zur Not tut es auch Regen. Verstehst Du nun, warum wir die Anderen nicht suchen können? Wir müssen los, sobald es geht.“
„Ist euer Leben immer so?“
Phyria fühlte sich ziemlich überfordert von der schieren Fülle an Möglichkeiten. Sie konnte alles tun, doch wie man daraus das Richtige auswählte, war ihr ein Rätsel.
„Du meinst abwechslungsreich?“
„Ich dachte eher an ungewiss.“
„Beides ist richtig. Das ist es, was dem Leben die Würze verleiht. Oder Du bleibst ein Schaf, dem man sagt, wo es grasen darf – bis man es schlachtet.“
Phyria musste an ihre Schafe denken, Sie waren sicher glücklich gewesen, besonders weil es bei ihnen nur um Wolle gegangen war – meistens zumindest. Geschlachtet werden, wollte sie selbst aber nicht.
Trotzdem, die Unbedarftheit hatte etwas Verlockendes.
„So denken Viele. Warte, bis Du mehr von den fantastischen Orten unserer Welt gesehen hast. Wer einmal von der Reiselust gekostet hat, wird niemals davon geheilt werden.“
Anscheinend hatte sie ihre letzten Gedanken laut ausgesprochen.
Sie war sich nicht sicher, ob sie dafür geschaffen war. Eine Wahl gab es für sie im Augenblick jedenfalls nicht.
Also tat sie, was sie in einem solchen Moment bisher immer getan hatte, wenn sie nicht weiterwusste: „Bring mir alles bei, was ich wissen muss.“
Droin nickte schlicht: „Lektion Eins: Wenn Du zu langsam lernst, bist Du tot. Und jetzt los.“
Er fasste seine Waffen fester: „Wir bekommen Gesellschaft.“
1 - 10 Nicht gestorben -
Überrascht registrierte Kmarr, dass er anscheinend nicht gestorben war. Dafür war er in einer undurchdringlichen Dornenhecke gefangen und ein kleines Feuer brannte neben ihm.
Der Ast, der ihn durchbohrt hatte, diente dabei als Brennholz. Zuerst wusste er nicht, was ihn geweckt hatte, doch dann ließ ihn das wütende Kreischen einer Horde Blutbäume zusammenzucken, die vergeblich an der Hecke rüttelte. Die winzige Bewegung sandte Wellen aus Schmerz durch seinen Körper. Ein Knurren war alles, was ihm entwich. Die Verletzung würde ihn noch immer töten, sobald er sich bewegte. Immerhin würden ihn die Bäume nicht bekommen. Doch das war kein sonderlicher Trost. Er würde verhungern oder vorher krank und schwach verenden, nicht stolz und aufrecht, wie ein Krieger. Er knurrte wütend. Dieses Mal so laut, dass sich auf einmal noch jemand bewegte.
Anaya hob soeben verschlafen den Kopf: „Gut, Du bist wach. Nicht bewegen, der Rest des Astes steckt noch drin.“
„Hab ich bemerkt“, keuchte er.
„Ich werde ihn glätten, damit er nicht bricht, oder sich Splitter lösen.“
„Du verstehst es, mir die angenehmen Seiten des Lebens schmackhaft zu machen.“
„Besser ich als Drakkan.“
Wieder besseren Wissen musste Kmarr lachen.
Schmerzen zuckten durch seinen Körper, die das Gelächter in ein abgehacktes Keuchen verwandelten.
„Du hast angefangen“, erwiderte Anaya, als er wieder halbwegs Luft hatte.
Sie kniete sich hinter ihn, eine Hand auf dem Ast, eine auf seiner Schulter.
Ein leiser Singsang lullte Kmarr in einen dämmrigen Halbschlaf, doch jede Bewegung des Astes rief wieder neue Agonie hervor, die sich immer weiter steigerte, ohne dass er etwas dagegen machen konnte. Seine Muskeln zitterten und was immer Anaya tat, es fühlte sich so an, als würde jemand ein Schwert in seinen Eingeweiden immer wieder hin und her drehen.
Bittere Galle sammelte sich in seinem Mund. Sein Fell klebte vom Schweiß und Dreck
Von seiner Position aus unsichtbar, spürte er trotzdem, wie Blut aus beiden Wunden rann.
Anaya arbeitete unterdessen konzentriert und schnell. Sie wusste, dass Kmarr nicht mehr lange durchhalten würde. Sie griff auf den enormen Vorrat an Lebenskraft zurück, den sie trotz der Hecke überall um sich herum spürte. Narfahel mochte als verlorene Provinz gelten, ohne Leben war sie deshalb keineswegs.
Der alte Ast ließ sich anfangs nur schwer wecken. Ein kleines Rinnsal neuer Lebenskraft fand nur langsam den Weg hinein. Im Rhythmus ihrer Herzschläge kehrte das Leben zurück. Aus dem Boden sog er sich schon bald mit Wasser voll. Dadurch wurde das Holz weicher und biegsam. Anaya nutzte dies, indem sie Sprösslinge entfernte. Abzweigungen zurück bildete und allmählich die gesamte Rinde glättete. Dabei beobachtete sie Kmarr genau. Beim ersten Anzeichen großer Schmerzen hielt sie inne, bis er sich wieder beruhigt hatte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beendete Anaya ihre Arbeit. Kmarr bemerkte es jedoch nicht sofort. Er war in einem Dämmerzustand versunken.
„Fertig?“, mühte er sich zu sagen, als er endlich registrierte, dass sie längst dabei war, zwei Verbände vorzubereiten.
„Nö, keine Lust mehr.“
„Natürlich nicht. Der Ast ist doch noch da. Oder soll ich mal probehalber daran ziehen, damit Du das merkst?“
„Nicht lustig. Wie ist der Plan?“
„Ich ziehe Dich runter, dann verbinde ich die Wunden. Deine Aufgabe ist einfach: Du stirbst nicht.“
„Guter Plan.“
Anaya hielt nichts davon, die Wahrheit mit schönen Worten zu verschleiern, wenn es um Leben oder Tod ging. Während sie Kmarr antwortete, sah sie ihm daher direkt in die Augen.
„Wie?“
„Sieh zu und staune“, erwiderte sie schnippisch.
Sie stellte sich von ihn, genau an den Rand der Hecke, die sie beide umgab. Ihre Schuhe hatte sie bereits ausgezogen, so dass sie barfuß im eisigen Matsch stand.
Was sie vorhatte war schwierig und kraftraubend. Sich mit Tieren zu verbinden, war ihr stets leichtgefallen, doch Pflanzen waren etwas anderes. Sie waren ihr fremd, so dass sie nur selten auf deren Fähigkeiten zurückgriff.
Sehr langsam versenkte sie ihren Geist in den Erinnerungen an den Wald ihrer einstigen Heimat.
Mächtige Buchen, ehrwürdige Steineichen, langblättrige Uferweiden, Erlen, Ulmen, Eisenbäume, Dornstelzen mit ihren schmackhaften Wurzeln, Feuerblatt mit dem herrlichen Laub, das auch im Sommer in Rot und Orange zwischen den anderen Bäumen leuchtete. Sie fühlte ihre raue Rinde unter ihren Fingern, sog den Geruch nach Erde und Holz auf, hörte das Rascheln der Blätter, wenn ein Eichhorn es auf der Suche nach Nüssen und Beeren durchforstete, lauschte dem leisen Murmeln des Windes in den Wipfeln. Unter sich spürte sie die weiche Erde voller Käfer, Asseln, Würmer, Mäuse und Maulwürfe, durch die sich die Wurzeln bis hinunter zum Wasser ausbreiteten.
Während sie ihre Erinnerungen vertieften, bemerkte Kmarr erste Anzeichen einer äußerlichen Veränderung an ihr, auch wenn es ihn Kraft kostete, die Augen offen zu halten.
Anayas Haut verfärbte sich allmählich immer dunkler. Als flösse die grüne Farbe langsam in den Boden, wurde ihre Haut immer brauner. Gleichzeitig wurde sie hart und rissig, wie die Borke eines alten Baumes. Ihre Beine wurden dicker, ihr ganzer Körper massiger, sie sank einige Fingerbreit tiefer in den Schlamm ein, durch den Kmarr Wurzeln kriechen sah, die aus Anayas Füßen wuchsen und Halt im Untergrund suchten.
Ihre Haare wurden struppig, dicker wie die Nadeln von Bergkiefern. Ihre Arme verwandelten sich in knorrige Äste, ihre Finger in kräftige Triebe, die sie langsam in seine Richtung ausstreckte.
Unterdessen formte ihr Geweih eine wundervolle Baumkrone voller bunter Blätter unterschiedlicher Bäume.
Nur ihr Gesicht veränderte sich nicht, außer dass ihr Hautton das tiefe Dunkelgrün von Moos annahm, bis nur noch ihre Augen wie zwei kleine Juwelen daraus hervorstachen, den Blick in die ferne Vergangenheit gerichtet. Erstaunlich sanft umfassten die jungen Triebe der neu geborenen Dryade Kmarrs Arme. Er fühlte, wie sie sich vom Nacken bis zum Steiß hinter seinem Rücken verschränkten. Danach trat ein langer Moment der Ruhe ein, in dem sich Anaya langsam wieder zurück in das Hier und Jetzt tastete.
Ihr Blick bohrte sich in seinen: „Bereit?“, fragte sie ihn mit der unfassbar tiefen Stimme des Waldes, die seinen ganzen Körper erbeben ließ.
„Nein“, grollte er zurück: „Fang an.“
Anaya zog Kmarr so schnell zu sich heran, als wöge er nicht mehr als ein Kind.
Sein Gebrüll erschütterte die gesamte Umgebung, selbst die Blutbäume schienen davon beeindruckt, denn ihr Kreischen verstummte einen Augenblick, um dann bei dem Geruch von frischem Blut doppelt so laut zurück zu kehren.
Kmarr sank in Anayas Armen auf die Knie. Nur ihre Baumähnliche Kraft hielt ihn noch aufrecht. Langsam schwanden ihm die Sinne. Dieses Mal wehrte er sich nicht.
Anayas Finger tasteten nach den Verbänden, die bereit lagen. Sie presste die Moospakete nacheinander auf die Wunden an Bauch und Rücken. Rasch schlang sie die Verbände um seinen Leib, ehe sie ein letztes Mal die Kraft bemühte, um ihn vorsichtig auf die unverletzte Seite zu betten.
Danach kippte sie selbst wie ein gefällter Baum um.
1 - 11 Belohnungen -
Missmutig wartete er ab, bis aus dem Wolkenbruch ein feiner Sprühregen geworden war, dann packte er Jiang samt Gepäck wieder mit dem Maul und trabte weiter am schlammigen Fluss entlang.
Unterdessen floh Jiang aus Shâo. Beschämt, entehrt. Verfolgt von den Schattenmeistern des Jadekaisers, schlief sie in der Gosse, unter Marktkarren oder in Schweineställen. Ihre Kleidung war verfilzt und starrte vor Dreck. Ihre Haare waren als Zeichen der Schande geschoren worden, trotzdem hatte sie Läuse bekommen.
Sie stahl Essen, wo immer sie konnte, litt dennoch Hunger. Sie mied Siedlungen, wo es ihr möglich war, reiste nachts oder in der Dämmerung. Ihre Verfolger verloren mehrfach ihre Spur, aber es gelang ihr einfach nicht, sie abzuschütteln. Immer wenn sie glaubte, endlich aus ihrer Reichweite gelangt zu sein, tauchten sie wieder auf.
Shadarr hörte, wie Jiang leise in ihrer Sprache etwas flüsterte. In ihren Fieberträumen hörte sie auch die höhnischen Antworten der Hofdamen, als sie versuchte, zu erklären, dass sie nicht versucht hatte, Zi tsin Tau zu verführen, sondern er sie vergewaltigt hatte. Doch der unschuldig wirkende Jüngling, der zugleich ein hoher Beamter am Hof war, war natürlich über jeden Zweifel erhaben gewesen. Also hatte Jiang ihn mit seinem eigenen Messer kastriert und zusehen lassen, wie sie sein bestes Stück verbrannte, während er auf seinem Bett verblutete.
Danach hatte sie sein Haus angezündet und war geflohen.
Natürlich hatte man sie gefangen. Sie spürte noch immer die kalten Fesseln und die Folter, die ihrer Hinrichtung vorausgegangen war. Wieder und wieder versuchte sie sich zu befreien, doch es gab kein Entrinnen.
Für Shadarr waren ihre Bemühungen lästig, aber auch wenn sie in ihrem Fieberwahn kräftig zappelte, hatte er am Ende keine Mühe, sie festzuhalten. Unbeirrt trabte er weiter.
Unterdessen zitterte Jiang einsam in einem tiefen Kerkerloch, das stets beinahe hüfthoch unter Wasser stand. Nur ein enges Gitte unendlich weit am Himmel über ihr ließ manchmal ein wenig Licht zu ihr hinein.
Sie hing nackt und halb ertrunken auf ein Bambusgitter gefesselt im eisigen Wasser. Stinkender Unrat trieb auf der Oberfläche, die Wärter verrichteten lachen ihr Geschäft durch das Gitter. Sie zielten dabei immer auf ihren Kopf oder schlossen Wetten darauf ab, wer den besten Treffer landete. Die Küchenmägde kippten ihre Abfälle hinunter.
Sie wollte sich waschen, doch sie war gefesselt und konnte sie nicht bewegen. Bald schon würden die Henker kommen, um sie zur öffentlichen Hinrichtung zu bringen. Sie würde nackt gefesselt der Menge gezeigt werden, dann würde man ihr ihre Verbrechen vorlesen und sie anschließend langsam erwürgen.
Fast sehnte sie den nächsten Morgen herbei, damit alles endlich ein Ende finden würde, doch als er endlich kam, flackerte ein letzter Rest ihres Selbst auf. Einen Augenblick der Klarheit trotz des Fiebers, dass sie dem Unrat in der Zelle zu verdanken hatte, ließ sie das riesenhafte Monster erkennen, dessen Beute sie geworden war. Es trug sie gerade in seinem Maul durch den scheußlichen Geistersumpf in der Provinz des Tigers hinter dem Min Tsâo nahe des Nebelklosters von Tiang zao Lung. Wie sie aus ihrer Zelle dorthin gelangt war, konnte sie nicht sagen, doch ihr Schicksal schien kaum besser zu werden.
Dabei hatte sie Kun Lung Tar, der oberste Kanzler des Jadekaisers höchstselbst aus der Zelle holen lassen. Sie war mit groben Bürsten und eisigem Wasser sauber geschrubbt worden, man hatte ihre Wunden verbunden. Dann hatte er sie in einem kleinen Gemach in eine Seidenrobe gehüllt empfangen. Er bot ihr die Freiheit, offenbarte ihr, dass man wusste, dass ihr von Zi tsin Tau Gewalt angetan worden war und das, hätte sie gewartet, dieser in aller Stille entsprechend bestraft worden wäre. Sie selbst wurde nicht für ihre Tat bestraft, sondern dafür, dass sie das Recht und Privileg des Kaisers verletzt hatte, in dem sie diesem die Möglichkeit genommen hatte, Gerechtigkeit walten zu lassen.
Flucht und Verbannung waren ihr einziger Weg, zu überleben.
Natürlich hatte sie gezögert. Sie war eine treue Dienerin des Kaisers. Ihr Land für immer zu verlassen, kam ihr unvorstellbar vor. Der Tod war der bessere Ausweg. Offenbar hatte Kun Lung Tar dies erwartet, denn bedauernd hatte er ihr mitgeteilt, dass es bereits so beschlossen worden war. Sie würde nun Kleidung, Schuhe und Proviant erhalten und aus einer geheimen Pforte den Palast verlassen. Natürlich würde man sie verfolgen.
Aber ihre Verfolger würden nach Süden ziehen, sie dagegen nach Norden.
Und weil Kun Lung Tar all dies für sie arrangiert hatte, würde sie sich sicherlich dankbar zeigen.
Er ließ sie von seinen Wachen festhalten und bestieg sie wie ein Tier. Als er fertig war, ordnete er seine Kleidung, bevor er ohne ein weiteres Wort verschwand.
Seine Wachen waren äußerst beflissen. Sie nahmen sich ein Beispiel an ihrem Herren und taten es ihm nach.
Einer nach dem Anderen nahm sie, wie es ihm gefiel. Am Ende schleiften sie sie beinahe aus dem Palast, da sie kaum laufen konnte. Mit einem Bündel Ausrüstung stießen sie sie nackt durch die Pforte und warfen das Tor hinter ihr krachend ins Schloss.
Schlimmer beschmutzt als in ihrer Zelle hatte sie sich zum nächsten Wasserloch geschleppt, um sich so gut es ging zu reinigen, bevor sie sich in einem Bambuswald zusammenrollte und darum betete, zu sterben.
Shadarr hörte Jiang bitterlich weinen und jammern, konnte aber nicht verstehen, was sie so leise vor sich hin wimmerte. Immerhin hatte sie schon vor einiger Zeit aufgehört, zu zappeln. So war es bedeutend einfacher, sie zu tragen.
Zwischendurch hatte er einmal kurz den Eindruck gehabt, sie wäre wach und klar im Kopf, doch ehe er reagieren konnte, war der Moment bereits wieder vergangen.
Noch immer roch sie ungesund. Außerdem fühlte sich ihre Haut abwechselnd warm und kalt an.
Shadarr überlegte, ob er ihr eine Ruhepause gönnen sollte, doch Schwäche war ihm fremd, so dass er seinen Weg fortsetzte. Entweder sie würde überleben oder eben nicht.
Vor ihm lag ein ausgedehntes Feld mannshohen Schilfs, in dem sich allerlei Getier verbergen konnte, doch er kam gar nicht erst auf den Gedanken, einen Umweg zu gehen. Ohne anzuhalten, marschierte er direkt hinein.
1 - 12 Ein ungebetener Gast -
„Was ist denn da?“, wollte Phyria wissen, die nichts erkennen konnte.
„Leise.“
Droin schob sie um das Feuer herum in die Dunkelheit: „Weiß ich nicht“, flüsterte er.
„Wie kannst Du dann wissen, dass jemand auf uns zukommt?“, fragte sie zurück.
Dieses Mal versuchte sie leise zu antworten.
„Benutz Deine Ohren. Was hörst Du?“
Phyria überlegte einen Moment angestrengt, versuchte irgendwelche Geräusche zu entdecken, doch außer ihren eigenen Schritten hörte sich fast nichts, nur gelegentlich quietschte Droins Rüstung.
„In der Natur gibt es immer etwas. Blätter rascheln, Wind rauscht, ein Tier frisst Gras, rupft junge Triebe von einem Busch, Balzrufe, ein Vogel stößt Warnschreie aus. Wenn absolut nichts zu hören ist, bedeutet das, ein Raubtier ist in der Nähe, vor dem alle anderen Tiere Angst haben. Wenn wir Glück haben, überdeckt der Brandgeruch unsere Duftspuren.“
Unbehaglich sah sich Phyria um: „Und wenn nicht?“
„Dann hoffen wir, dass wir schneller und schlauer oder stärker sind.“
„Was ist, wenn nicht?“
„Dann sind wir tot. Und jetzt weniger reden und mehr laufen. Hilf mir, den Kompass zu schieben.“
Für die nächste Zeit war alles an das Phyria denken konnte, das unbekannte Raubtier, vor dem sogar die Blutbäume Respekt zu haben schienen, denn sie begegneten auf wundersame Weise keinem einzigen mehr.
Immer wieder blickte sie sich um oder zuckte bei einem vermeintlich verdächtigen Geräusch zusammen.
Einmal glaubte sie sogar, die Silhouette einer riesigen Bestie entdeckt zu haben, doch gerade als sie Droin darauf hinweisen wollte, musste sie feststellen, dass es nur die Reste eines verfallenen Gebäudes waren. Überrascht bemerkte sie, dass sie anscheinend einer Straße folgten. Rechts und links tauchten nun immer wieder Ruinen auf.
Wie Droin in der Finsternis hierher gefunden hatte, war Phyria unbegreiflich. Der Naurim musste eine eigene Art der Magie besitzen. Sie grübelte darüber nach, bis sie es nicht mehr aushalten konnte und ihn danach fragte.
„Einfach. Auf der Karte habe ich gesehen, wo sie ist. Dann sind wir immer darauf zu gelaufen, bis ich sie entdeckt habe.“
Danach schwieg er wieder. Die Wunden schmerzten, so dass er seine gesamte Konzentration darauf verwenden musste, nicht zu stolpern oder die Straße wieder zu verlieren. Nur hier war der Untergrund sicher genug, um schnell voran zu kommen. Trotzdem wurde er das Gefühl der Bedrohung nicht los. Im Gegenteil. Es wurde sogar noch stärker. Die Kreatur hatte sie als Beute ausgewählt.
Offenbar war sie intelligent genug, sich Zeit zu lassen, um ihre Beute zu ermüden, bevor sie angriff. Noch verbarg sie die Nacht vor ihren Blicken. Außerdem zog ein Sturm von Norden heran. Mit etwas Glück konnten sie darin ihre Spuren verbergen, auch wenn er es bezweifelte. Deshalb hielt er bei der Anstrengung und Eile Ausschau nach einem geeigneten Platz für einen Kampf.
Ein hoher Felsen etwa, oder wenigstens ein steiler Abhang. Die Ruinen empfand er zwar als verlockend, doch weder die schrecklichen steinernen Würmer noch die gequälten Seelen ihrer ehemaligen Besitzer ließen diese Möglichkeit zu.
Darüber hinaus spürte er, wie Phyrias Kräfte allmählich nachließen. Schon bald würde sie ihn eher behindern, als ihm helfen. Dass sie nicht im Mindesten leise war, störte dabei kaum noch, denn das Gewitter kam rasch näher. Ein leichter Regen hatte sie schon erreicht. Er übertönte die meisten Geräusche, die die Magana verursachte. Sie hüllten sich in Öl und Wachs getränkte Planen, um nicht sofort gänzlich durchweicht zu werden.
Droin wechselte vom Ziehen des Kompasses zum Schieben, weil ihm der Abstand zwischen ihm und Phyria nicht gefiel. Zusätzlich knotete er die Seile so, dass er sich mit einem einzigen Ruck davon befreien konnte. Er legte seine Waffengriffbereit oben auf dem Kompass ab, ebenso wie seinen Schild und Phyrias Gepäck. Es gefiel ihm nicht, das kostbare Artefakt so zu behandeln, doch es gab keine Alternative. Gefressen werden hatte noch weniger Reiz.
Auch wenn er nichts sehen konnte, war Droin sich sicher, dass die Kreatur wenig mehr als hundert Schritte entfernt war, höchstens eine Hügelkuppe weit weg. Dort zwischen den Ruinen oder dort, hinter den verkrüppelten Büschen.
„Wir werden kämpfen müssen.“
„Ich weiß. Ich kann es fühlen. Warum greift es nicht an?“, keuchte sie zurück. Sie war erschöpft, hungrig und fror erbärmlich.
„Die Kreatur ist schlau. Sie versucht, uns zu ermüden, bevor sie sich zeigt. Ich würde es ebenso machen.“
„Ist es dann nicht besser, wir bleiben stehen und kämpfen?“
„Erst wenn wir einen Platz finden, an dem wir uns verteidigen können.“
Phyria macht ein unglückliches Gesicht: „Ich fühle mich noch immer wie ein Mühlstein, um Deinen Hals, der Dich und Deine Freunde nach unten zieht.“
Droin wog seine Antwort sorgfältig ab: „Du hast eine schwierige Aufgabe. Viel schwieriger als eine Person alleine bewältigen kann.
Reisen ist alleine eine gefährliche Angelegenheit, egal wohin, und Du musst in besonders gefährliche Länder, die niemand bereist, sofern er nicht verrückt oder tollkühn ist. Jeder von uns hat sich aus freien Stücken dafür entschieden, Dich zu begleiten. Niemand ist dazu gezwungen. Wenn…“
In diesem Augenblick zerriss ein Blitz die trübe Dämmerung, gefolgt vom Krachen des Donners.
Als wäre das ein geheimes Signal gewesen, öffnete der Himmel seine Schleusen. Der Regen reduzierte die Sichtweite praktisch auf null. Das Prasseln der Tropfen übertönte alle anderen Geräusche.
‚Wäre ich unser Verfolger, würde ich es jetzt versuchen‘, dachte Droin grimmig und legte den Schild an.
Kaum hatte er seine Kriegshacke gehoben, hörten sie plötzlich ein markerschütterndes Gebrüll, das in ein langgezogenes Heulen überging.
„Hinter mich!“, brüllte er Phyria zu.
Kaum ausgesprochen, raste ein riesiger Schatten aus der Dunkelheit heran. Kreischend fuhren Klauen über den Schild, den Droin gerade noch zwischen sich und den sicheren Tod bringen konnte. Er wurde einen Schritt zurückgeworfen. Seine Schulter fühlte sich an, als hätte sie die Wucht des Treffers um ein Haar ausgekugelt. Dennoch hatte er den Eindruck, als wäre der Schlag noch kein ernsthafter Versuch gewesen, ihn zu verwunden.
Phyria reagierte fast ebenso schnell wie Droin, indem sie ihrem Angreifer eine lange Flammenlohe hinterher sandte. Zufrieden hörte sie die Kreatur wütend zischen.
„Nicht stehen bleiben! Das Biest sieht auch nicht besser als wir. Im Regen sind sein Geruchssinn und sein Gehör nutzlos.“
Droin schob den Kompass mit der einen Hand, ohne dabei die Waffe weg zu legen, während er mit dem Schild ihre Flanke schützte.
Natürlich kam der nächste Angriff von Phyrias Seite. Sie entging dem Schlag nur, weil sie im letzten Augenblick einen weiteren Flammenstoß aussandte, so dass ihr unsichtbarer Feind zurück zuckte. Er verfehlte sie nur um weniger als eine Fingerbreite. Ein Blitz vom Himmel vermittelte ihr den Eindruck einer massigen Gestalt mit vier klauenbewehrten Beinen. Aufgewühlte Dreckklumpen flogen an ihr vorbei, als sie wieder hinter dem Vorhang aus Wassertropfen verschwand. Wie vom Antlitz der Erde gewischt, verlor sie sich darin.
„Weiter!“
Doch kaum ausgesprochen flog die Bestie in einem gewaltigen Satz über sie hinweg. Dabei hinterließen ihre Krallen klaffende Risse in Droins Kettenhaube. Fluchend riss er sich die Reste vom Kopf, weil ihm ein Teil davon vor den Augen hin und her baumelte.
Dieses Mal hatte Phyria schneller reagiert und tauchte das Wesen kurz in einen dünnen Flammenstrahl, der dunkelviolette Muskelstränge enthüllte, um die herum fingerdicke Adern pulsierten, denn Haut besaß sie keine, dafür triefte sie vor Schleim und Regenwasser. Durch das Feuer peitschten zwei Tentakel mit knochigen Haken an den Enden nach ihr. Einer verfehlte sie, doch der zweite schnitt wie ein Fleischermesser tief in ihre Schulter, glitt aber zum Glück vom Schlüsselbein ab. Doch auch so wurde ihr linker Arm taub.
Keuchend ging Phyria in die Knie, bevor sie flüssiges Feuer blutete, um die Wunde zu verschließen.
Kaum fühlte sie das Leben zurück in ihre Fingerspitzen kehren, peitschten die Tentakel wieder aus der Finsternis heran.
Irgendwie gelang es Droin, die Bewegung vorherzuahnen. Sein Schild blockte einen ab, den anderen schlug er mit der Waffe zur Seite.
Schritt um Schritt kämpften sie sich voran. Bald bluteten sie beide aus zahlreichen Schnittwunden. Die Kreatur ließ nicht nach, attackierte mit ihren Klauen, Tentakeln, schlich, sprang oder stürmte im ständigen Wechsel. Niemals blieb sie stehen oder attackierte zweimal aus derselben Richtung. Sie schien weder über Kopf noch Maul zu verfügen.
„Da vorne ist eine Brücke!“, brüllte Droin plötzlich.
„Da stellen wir uns zum Kampf.“
Phyria nickte unter Schmerzen. Der Schnitt in ihrer Schulter brannte höllisch. Ihre Flammenstöße kamen langsamer und wurden schwächer, da Kälte und Nässe ihr mehr und mehr zu schaffen machten. Sie versuchte abzuschätzen, wie lange sie noch durchzuhalten vermochte.
Beinahe hätten ihre Gedanken ihren Tod bedeutet, denn wie aus dem Nichts fegte eine Pranke heran und erwischte sie voll an der Brust. Sie wurde drei Schritte weit durch die Luft gewirbelt.
Noch im Flug überlegte sie, ob dies wohl ihr Ende war, doch als sie landete knirschten lediglich ihre Rippen. Der Boden war so mit Wasser vollgesogen, dass er den Aufprall abfederte. Während sie keuchend nach Atem rang, schoss ein Tentakel aus der Dunkelheit, der sich um ihre Wade wickelte. Der Knochenhaken bohrte sich knapp über ihrem Knie in den Oberschenkel. Vor Schmerzen schreiend zerrte sie daran, ohne Erfolg.
Dann war Droin zur Stelle. Mit einem Fuß stampfte er auf den zuckenden Anhang. Ein Schlag mit der Hacke trennte ihn sauber ab wie ein Bauer die Wurzel eines Baumes beim Roden auf einem neuen Feld.
Mit dem zweiten Schlag schnitt er den Rest kurz vor dem Haken ab. Er drängte Phyrias Hände zur Seite und verhinderte so, dass sie ihn entfernte.
„Nicht. Er verschließt die Wunde. Auf der Brücke.“
Während er das sagte, blockte er die wütenden Attacken der Kreatur ab. Gleichzeitig hielt er ihr den Stiel der Waffe als Aufstehhilfe hin. Zitternd kam sie auf die Beine. Jeder Schritt ließ sie taumeln, die Schmerzen legten sich wie ein Schleier vor die Augen, trieben ihr den Schweiß auf die Stirn. Droin hatte Recht, doch das bot ihr nur wenig Trost.
Ohne den Kompass hätten sie es trotzdem nicht geschafft. Auf das Artefakt gestützt, humpelte sie weiter die Straße entlang.
Droin schob den Kompass mit der Waffenhand, den Blick hielt er ständig in Bewegung, auf die Dunkelheit gerichtet. Den Schild hielt er abwehrbereit erhoben.
„Schaffst Du es bis zur Brücke?“
Phyria brauchte einen Moment, bevor sie genug Kraft gesammelt hatte, um die Frage zu beantworten: „Wie weit ist es noch?“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Hundert Schritte, vielleicht ein paar mehr.“
„Wenn Du mir das Viech vom Leib hältst, dann ja“, keuchte sie zurück.
Er nickte. Sie war zäher, als er erwartet hatte. Es bestand noch eine Chance, zumindest das andere Ufer zu erreichen.
„Was, beim haarigen Arsch von Ugnot’s Mutter soll das denn sein.“
Droin stieß einen wütenden Schrei aus, der einen guten Teil Unglaube beinhaltet.
Die Brücke war verschwunden. Obwohl verschwunden das falsche Wort war. Sie war durchaus noch da. Allerdings lag sie in mehrere Teile zerbrochen im Fluss.
Schlammiges Wasser strömte schäumend zwischen den Bruchstücken hindurch oder überspülte sie stellenweise gänzlich. Trotzdem war das Pflaster noch deutlich zu erkennen. An beiden Seiten führte nun eine steile Rampe über schleimige, lockere Pflastersteine zur Wasseroberfläche.
„Und jetzt?“
„Rauf auf den Kompass! Wir müssen da durch!“
„Was ist mit Dir?“
Droin ignorierte die Frage, er kniete sich hin, so dass sie über seinen Schild auf das Artefakt klettern konnte.
Mit einem kräftigen Schubs wuchtete er sie hinauf. Ein Reflex ließ ihn herum wirbeln, gerade noch rechtzeitig, um die Tentakel abzublocken, die dumpf gegen den Schild donnerten. Die Kreatur hielt nicht an, sondern war bereits wieder in der Dunkelheit verschwunden.
Ein Strom von Flüchen begleitete sie dabei.
Droin stemmte sich ächzend in die Höhe, doch mittendrin hielt er inne. Er ließ den Schild fallen und schob ihn stattdessen an die Kante nach unten.
„Was…?“, wollte Phyria fragen, doch da hatte sich der Naurim bereits mit dem Hintern darauf niedergelassen. Wie auf einem Schlitten rodelte er die Rampe hinunter. Der Kompass glitt ohne Widerstand hinterher, als Droin eines der Seile ergriff, mit denen die Plane fest verzurrt war.
„Du bist verrückt!“, rief Phyria ihm hinterher.
„Brrr!“, erwiderte er, als er bis zum Bauchnabel im Wasser verschwand.
Die kalte Brühe brannte in den Wunden, die die Schlangenfrösche ihm zugefügt hatten. Er musste sich gegen die Strömung stemmen, um seinen Schild aus den Fluten zu reißen, die drohten, ihn weg zu spülen. Zum Glück lag vor ihnen ein Stück der einstigen Brücke, das noch aus den Fluten herausragte. Hier blieben sogar die Stiefel beinahe trocken.
Triefnass vom Regen und der Landung im Fluss spielte das eigentlich keine Rolle mehr, doch es erleichterte es ihm, den Kompass samt Phyria weiter zu ziehen. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, deutete Phyria aufgeregt zum Ufer: „Ist das ein hässliches Biest.“
Die Hinterbeine angewinkelt, die langen Klauenbewehrten Arme in die Uferböschung gegraben, stierte ihnen die Kreatur hinterher. Von den vier Tentakeln, die in der Luft hin und her peitschten, fehlte von einem ein gutes Stück. Aus dem Stumpf tropfte bei jeder Bewegung zischend Blut.
Als Droin sich umwandte, bleckte es seine Zähne und gab keckernde Laute von sich, bei denen sich ihnen die Nackenhaare aufstellten. Geifer tropfte aus dem Maul.
Der Körper des Wesens begann an verschiedenen Stellen in einem fahlen, grünlichen Licht zu leuchten.
„Das gefällt mir nicht“, keuchte Phyria während Droin nur drohend die Waffe hob: „Komm nur her Du Mistvieh!“
Obwohl es so wirkte, als würde es tatsächlich jeden Moment springen wollen, duckte es sich nur tiefer. Das Leuchten wurde heller und die Kreatur bleckte erneut die Zähne, um wieder diese scheußlichen Laute von sich zu geben. Dabei öffnete sich ihr Maul wie das eines Fisches auf die vielfache Größe.
„Ich glaube wirklich, wir sollten gehen!“
Etwas in Phyrias Stimme veranlasste Droin, sich zu ihr umzudrehen.
Sie deutete nicht etwa auf ihren Verfolger, sondern auf das Wasser des Flusses. Wo eben noch nackter Stein aus den Fluten geragt hatte, spülte gerade eine erste Welle darüber hinweg.
„Das darf doch nicht wahr sein!“
Er riss sich von dem Anblick los, obwohl er beinahe erwartete, die Bestie springen zu hören. Er stapfte zum Kompass, um sich erneut mit seinem ganzen Gewicht dagegen zu stemmen. So schnell er konnte, schob er das Artefakt voran, ohne den Wasserspiegel aus den Augen zu lassen.
Phyria beobachtet unterdessen das wütende Biest, das sich aufgeregt hin und her wiegte.
Erst schwappte der schlammige Strom nur hin und wieder über das alte Pflaster der Straße. Schnell wurden die Wellen zahlreicher und höher. Noch während Droin sich über eine Lücke zwischen den Steinen kämpfte, verschwanden sie endgültig unter dem schneller und schneller anschwellenden Strom.
Natürlich traten Flüsse bei einem Regen irgendwann über die Ufer, aber das musste ja nicht ausgerechnet in dem Augenblick geschehen, in dem sie versuchten, einen davon zu überqueren.
Droin fluchte laut und ausdauernd.
Obwohl Phyria die Sprache der Naurim nicht verstand, war ihr ziemlich klar, was er da sagte.
Das Wasser war schon knöcheltief und stieg weiter. Die Strömung machte es zunehmend schwieriger, auf dem Pflaster nicht den Halt zu verlieren.
Zweimal musste sie zugreifen, um zu verhindern, dass Droin stürzte.
Jedes Mal schrie sie dabei auf, weil sich der Knochenhaken in ihrem Bein bewegte oder ihr linker Arm ihr das Gefühl vermittelte, abzureißen. Anschließend fluchte sie mit Tränen in den Augen fast so kreativ wie Droin, der trotz der ernsten Situation ein Grinsen unterdrücken musste.
Sie war wirklich aus härterem Holz gemacht, als er zunächst befürchtet hatte.
Noch bestand also Hoffnung.
- Wenn sie rechtzeitig aus dem Fluss kamen.
Das Ufer auf der anderen Seite kam in Sicht, leider war das Wasser schon knietief. Die Strömung war so stark, dass Droin mit jedem Schritt vorwärts zwei dagegen machen musste, nur um nicht sofort weggespült zu werden. Ohne die Reste der Brücke hätte er es niemals geschafft.
Direkt vor dem rettenden Ufer hatte der Fluss einen breiten Kanal gegraben, durch den das Wasser schäumend tobte.
Droin gab dem Kompass einen kräftigen Stoß und sprang dabei zugleich hoch. Er hielt sich an den Seilen fest, um sich empor zu ziehen.
Phyria rutschte so gut es ging zur Seite, als er sich ächzend den Schild voran neben sie fallen ließ.
Am liebsten wäre er liegen geblieben.
Einen Atemzug später konnte er ihren erstaunten Blick einfangen, als er begann, sich so schnell er konnte von seiner Rüstung zu entledigen. Irgendwie fand er den Platz dazu, ohne herunter zu stürzen. Es gelang ihm sogar, die Sachen alle auf dem Schild zu balancieren, ohne dass etwas herunterfiel.
„Was…?“, setzte sie an.
Droin kam ihr zuvor und deutete stromaufwärts: „Da kommt eine große Flutwelle, die Baumstämme und Sträucher vor sich her schiebt. Wenn die uns erreicht, werden wir mitgerissen. Kompass hin oder her.“
Er band sich ein Seilende um den Körper, obwohl die Bisswunden dabei höllisch brannten.
„Und…“
Wieder war Droin schneller. Er griff sich Hacke und Dolch und sprang nur im Lendenschurz mit Stiefeln in einem überraschend weiten Satz auf das Ufer zu: natürlich viel zu kurz.
Sofort riss ihn die Strömung mit. Phyria konnte nur tatenlos zusehen, wie er darin versank. Es gab einen Ruck, als sich das Seil spannte, dann wurde der Kompass mit ihr obendrauf hinter dem verrückten Naurim hergezogen.
1 - 13 Nichts -
Brackiges Wasser.
Einen Moment war das alles, dann ein stechender Schmerz in der Brust. Jemand schrie und würgte gleichzeitig.
Ein verzweifeltes Keuchen, eine Million Nadelstiche in der Brust, den Seiten.
Ein Titan, der seinen Fuß auf die Rippen stellte und langsam das Leben aus dem Körper presste, der immer tiefer im Schlamm versank.
Dann das hässlichste Gesicht der Welt und – nichts mehr.
1 - 14 Liebesdinge -
Anaya erwachte als Erste. Sie war sich nicht sicher, wie lange ihre Bewusstlosigkeit gedauert hatte. Sie lag auf schlammigem Untergrund. Ein Gewitter war aufgezogen, das noch immer andauerte. Es hatte das Feuer gelöscht und den Boden aufgeweicht.
Zum Glück hatte sie Kmarr auf eine Plane aus grobem, geöltem Zeltleinen gebettet, so dass er weitgehend trocken geblieben war.
Das erkannte sie aber erst, nachdem sie das Feuer neu entfacht hatte. Im flackernden Schein konnte sie sich auch ein Bild der Wunden machen. Die Verbände waren jeweils an einer Stelle von der Größe ihrer Hand durchgeblutet.
Wäre Kmarr kein Leonide gewesen, hätte sie sich Sorgen gemacht. So beschloss sie, sich erst um Trinkwasser und ein dichteres Dach zu kümmern, bevor sie die Verbände wechselte.
Dabei lauschte sie auf die Kreischlaute der Blutbäume und das Donnergrollen des Gewitters. Sie machte sich Sorgen um die Anderen. Die Gewalt der Flut ließ es als reinen Zufall erscheinen, dass Kmarr und sie und wohl auch Phyria überlebt hatten. Sie hoffte inständig darauf, dass es weitere Überlebende gab.
Jiang war wie eine Schwester für sie und Droin war ein unerschütterlicher Fels, an dem sie sich alle orientieren konnten.
Und dann war da noch Drakkan.
In vielerlei Hinsicht versuchte sie noch immer, sein Wesen zu enträtseln. Er schien so stur und grob, immer mit dem Kopf durch die Wand, ständig mit mehr Problemen, als ein Tempelhändler aus Ho‘teh Münzen besaß. – Und alle Welt wusste, dass niemand reicher war.
Kopfschüttelnd fragte sie sich, wieso sie sich die Schwierigkeiten aufbürdete. Im Grunde kannte sie die Antwort schon: Es war aufregend.
Das Spiel mit dem Feuer. Die Abwechslung, die Ungewissheit. Kein langweiliges Dasein als Eheweib des Bäckers von Rotlehm oder Waldwinkel oder wie die winzigen Siedlungen mit ihrer winzigen Bedeutung allenthalben hießen.
Als Aliana und Druidin war es ohnehin wenig wahrscheinlich, so zu enden, doch einen heiligen Hain zu beschützen, war in ihren Augen kein ungleich bedeutsameres Schicksal. Immerhin war sie genau wegen dieser Aussicht aus Galladorn fort gegangen.
Ob sie allerdings bereit war, Drakkan mit Jiang zu teilen, wusste sie nicht genau. Vor allem hätte sie die Bitte um Erlaubnis der kleinen Shâi nicht gebraucht. Das machte die Sache so offiziell. Als hätte man sie um den Segen zu einer Heirat gebeten.
„Hätte sie sich nicht einfach nehmen können, was sie will?“, schimpfte Anaya leise vor sich hin: „Weshalb soll ich das entscheiden?“
„Weil die Shâi ein seltsames Gefühl von Ehre haben. Du hast die älteren Rechte“, erwiderte Kmarr kaum hörbar: „Danke, dass Du mein Leben gerettet hast. Selbst wenn es sich gerade nicht so anfühlt“, fügte er nach einer Pause hinzu.
Anaya sah ihn verblüfft an. Dann begann sie zu lachen. Teils aus Erleichterung, teils weil er Recht hatte.
„An Dir ist ein großer Denker verloren gegangen.“
„Um zu wissen, was in Dir vorgeht, brauche ich meinen Kopf nicht.“
Anaya ließ sich neben dem Feuer nieder: „Sag das mal Drakk. Manchmal glaube ich, sein Helm übernimmt bei ihm das Denken.“
„Wenn Du auf sein Feingefühl anspielst, da kannst Du lange warten. Er hat keins“, entgegnete Kmarr noch immer, ohne die Augen zu öffnen: „Kannst Du mir etwas Wasser reichen? Dann verwest meine letzte Mahlzeit wieder dort, wo sie hingehört“, bat er sie, während sie ihm schon einen Wasserschlauch reichte.
„Das war nötig. Danke. Jetzt schmeckt es nur noch scheußlich. Drakk hat für Gefühle anderer ungefähr so viel Verständnis, wie ein Zaunpfosten für eine Weide. Und Jiang macht es ihm nicht gerade leicht.“
„Aber sie hat es ihm doch gesagt.“
Nun öffnete Kmarr doch träge ein Auge: „Jetzt sag mir nicht, Du hast auch nichts davon gewusst.“
Beinahe hätte er den Fehler gemacht und den Kopf geschüttelt: „Ich glaube es nicht. Du bist ebenso blind, wie er. Droin und ich haben sogar gewettet, ob er es merkt, bevor sie es ihm sagt. Jetzt bin ich einen Platinwürfel reicher.“
„Wann habt ihr gewettet?“
„Letzten Winter – nein, vorletzten, als wir die Laternenfischer gejagt haben.“
Die schleimigen Kreaturen hatten Ähnlichkeit mit großen Schnecken, die ihre Körper zum Leuchten bringen konnten. Sie lebten in den Höhlen unter dem Immerscheingebirge, die noch tiefer reichten als die Behausungen der Naurim. Das Licht lockte Beute an, die sie mit langen, klebrigen Fühlern ertasteten. Außerdem verspuckten sie lähmendes Gift.
Anaya schüttelte den Kopf: „So lange schon? Ich war tatsächlich blind. Und sie hat mich noch gefragt, ob er gut beim Bettsport sei.“
Kmarr hustete, als er sich am Wasser verschluckte.
Anaya war sich nicht sicher, ob er sie gerade auslachte.
„Wenn Du schon alles weißt, kannst Du mir auch sagen, was Jiang jetzt von mir erwartet.“
Kmarr ließ sich mit der Antwort so lange Zeit, dass Anaya schon glaubte, er wäre wieder eingeschlafen: „Die Alian leben mehr wie Tiere, was nicht heißen soll, dass ihr keine Kultur hättet, sondern dass ihr mehr nach dem Recht des Stärkeren oder Schnelleren handelt. Für die Shâi steht die Harmonie über allem. Die Ehre der Beteiligten ist wichtiger als alles andere. Sie nähern sich einander nur, wenn der andere offensichtlich Interesse hat oder sie glauben, sein Interesse wecken zu können.
Du warst schneller und könntest daher die älteren Rechte geltend machen, obwohl sie ihn länger kennt als Du.
Da ihr aber offensichtlich kein festes Paar seid, hat sie beschlossen, sein Interesse zu wecken. Und sie hat sich Mühe gegeben. Weil Drakk aber nun mal feinfühlig ist, wie eine Axt, hat er ihre Anstrengungen glatt übersehen.“
Während er erklärte, hatte Anaya einen Kessel über das Feuer gehängt, um zunächst Tee und später eine Suppe zu kochen.
„Womit hat sie angefangen?“
Ihre Gedanken kreisten um die kleine Shâi, die sie als Freundin betrachtete. Eigentlich sollte sie keine Eifersucht verspüren, doch das funktionierte erheblich schlechter als bislang. Sie fragte sich warum, während Kmarr anscheinend überlegte, wie er die Frage beantworten sollte.
Sie empfand auch sein Verhalten als ungewöhnlich. Sonst hatte er selten Mühe damit, sich gewählt auszudrücken. Das Thema berührte anscheinend auch die Anderen.
„Sie hat sich angemalt. Lippen, Wangen, Augen.“
„Was?“
„Angemalt.“
„Diese alberne Verkleidung?“, fragte sie ungläubig, als sie sich daran erinnerte, in welche unmöglichen Gewänder sich Jiang eine Zeitlang gekleidet hatte.
Zu lange Ärmel, weiße Farbe im Gesicht, sogar falsche Fingernägel und verrückte Haartürme.
„Genau, und Drakk hat genauso reagiert, wie Du.“
„Vielleicht war es nicht klug, ihm nach einer Nacht mit Droin im Zenethak ihre Aufwartung zu machen.“
Sie erinnerte sich daran, wie Droin und Drakk sturzbetrunken nach einer wüsten Schlägerei inmitten einer Horde bewusstloser Naurim am einzig heil gebliebenen Tisch in der Bar gesessen hatten, als Jiang in einer rot-grünen Seidenrobe erschienen war.
Das Gelächter ihrer beiden Freunde hatte ihr die ganze Nacht im Schädel gedröhnt, als sie auf dem Boden der Kneipe aufgewacht war.
„Er hatte auch völlig Recht. Sie sah wirklich blöd aus. Sie hat es gar nicht nötig, sich wie eine Hure zurecht zu machen und…“
Sie unterbrach sich selbst: „Götter, das hat er ihr auch gesagt, oder?“
„Genau. In einem Satz hat er ihr erst gesagt, ihre Mühe wäre vergeblich, um dann zu sagen, dass sie ihm gefällt.“
„Kein Wunder, dass sie das verwirrt hat. Aber jetzt ich weiß noch immer nicht, was ich ihr sagen soll.“
„Was sagt Dir Dein Herz? Und was Dein Verstand?“
Jetzt war es an ihr, eine lange Pause zu machen.
Kmarr konnte es hinter ihrer Stirn arbeiten sehen. Fast wäre er wieder eingeschlafen, so lange brauchte sie für eine Antwort. Die Unterhaltung hatte ihn erschöpft.
„Ich…ich…ach verdammt, ich weiß es nicht!“
„Da hast Du Deine Antwort.“
„Danke. Nur hilft mir das nicht.“
„Natürlich nicht. Ich will die Antwort auch nicht für Dich finden. Das ist Deine oder eure Sache. Aber am Ende weißt Du schon, was passieren wird.“
„Ja“, antwortete sie so leise, dass er sie beinahe nicht verstanden hätte.
Er beneidete sie nicht. Drakkan war ein freier Geist, der sich nicht binden lassen würde.
Auch nicht von Anaya oder Jiang. Vielleicht von beiden zusammen, doch er würde sich hüten, diesen Gedanken laut auszusprechen. Ein Harem war bei den Leoniden normal, daher fand er nichts bei der Vorstellung, mehrere Frauen zu haben.
Drakkan natürlich auch nicht. Nur ob es ausgerechnet diese beiden sein mussten, darüber war er sich nicht so ganz im Klaren.
Jetzt stand jedoch vor allem die Frage ihres Überlebens im Raum. Und dazu war die Suppe genau richtig, deren Duft so verführerisch in seine Nase stieg.
Mit Ausnahme von Drakkan, dessen Kochkünste sogar ein Schwein verschmähte, konnten alle ein schmackhaftes Mahl aus den einfachsten Zutaten herstellen.
Anaya rührte gedankenverloren im Topf herum. Sie war wütend auf sich selbst und gleichzeitig ratlos. Bis Jiang sie gefragt hatte, ob es ihr etwas ausmachen würde, Drakkan zu teilen, hatte sie nie Probleme damit gehabt.
Jetzt empfand sie eine gewisse Eifersucht. Ein Gefühl, das ihr überhaupt nicht gefiel. Sie genoss ihre Freiheit und hatte auch nicht vor, sie für den großen Kerl aufzugeben.
Und Jiang? Sie war eine gute und treue Freundin, die lange Jahre zugesehen und vermutlich auch zugehört hatte, was sie mit Drakkan trieb. Ein wenig Toleranz von ihr, war das Mindeste, was sie ihrer Freundin schuldig war.
„Was ist eigentlich mit unseren Nachbarn? Meinst Du, wir werden sie irgendwie los?“, unterbrach Kmarr ihre Gedankengänge.
Dankbar für die Ablenkung überlegte sie nicht lange: „Solange sie Blut riechen, werden sie bestimmt nicht verschwinden. Deshalb werden wir unseren Geruch hier zurücklassen. Sobald Deine Wunden nicht mehr bluten, brechen wir auf. Sonst kommt am Ende noch der Hexer mit seiner Flut zurück, wenn er merkt, dass wir nicht so leicht umzubringen sind.“
„Danke, einmal hat mir gereicht.“
„Mir auch. Das ist ein Gegner, dem wir nicht gewachsen sind.“
„Wohl war. Also was ist jetzt mit der Suppe? Willst Du sie noch länger rühren oder füllst Du meine Schale?“
1 - 15 Schilf -
Bislang hatte Shadarr sich immer für unglaublich aufmerksam gehalten. Seinen Sinnen entging nichts. Er war schnell, zugleich aber stark und leise. Hier im hohen Schilfgras in Narfahel musste er erkennen, dass es andere gab, die darin ebenso gut waren, sich verborgen zu halten.
Seine Angreifer fielen ihm erst auf, als die winzigen Blasrohrpfeile von seiner harten Haut abprallten, ohne ihn zu verletzen.
Die Wesen waren schlank, kaum dicker als ein kleines Bündel Schilf, hatten längliche Köpfe wie ein Rohrkolben und ebenso dunkel. Sonst waren sie von der Farbe trockenen Grases. Sie hatten vier Arme, die wohl nicht kräftiger wirkten, als ein einzelner Halm und in zarten Blütentrieben endeten, mit denen sie die Schilfblasrohre hielten.
Ihre Münder waren schmale, senkrechte Schlitze, wie bei den Blutbäumen. Ihre Augen, von denen sie vier besaßen, waren dunkle Löcher. Fast jeder hielt ein oder zwei Dolche in den freien Händen, die von Form und Material an lange Blätter erinnerten, offensichtlich aber härter und schärfer waren.
Zu hören war nur das Rascheln von Schilf im Wind, in dem das trockene Husten der Blasrohre kaum auszumachen war.
Einen Geruch hatten sie ebenso wenig.
Alles, was Shadarr roch, waren die Pflanzen und der schlammige Untergrund. Er überlegte kurz, ob es sich lohnte, ein paar von ihnen zu erlegen, doch dazu hätte er Jiang ablegen müssen.
Es war nicht so, dass er Angst verspürte, doch auch er konnte bei all seiner Stärke und Schnelligkeit nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein. Also schwenkte er sein mächtiges Haupt nur einmal hin und her, dann preschte er geradewegs auf die größte Gruppe zu. Die kleinen Viecher verschwanden raschelnd im Schilfmeer, ohne Spuren zu hinterlassen.
Obwohl er versuchte, einige unter seinen Klauen zu zermalmen, war er sich fast sicher, dass er nur ein paar Halme geknickt hatte.
Hierher musste er unbedingt zurückkehren. Die Jagd versprach, interessant zu werden.
Jetzt war Eile wichtiger. Besonders, weil er fühlte, wie Jiang sich regte. Irgendwie hatte sie ein kleines Fläschchen von ihrem Gürtel gelöst, und schluckte gerade die beißend riechende Flüssigkeit daraus hinunter.
Der Bambuswald war endlos. Seltsamerweise waren die Stämme kleiner als sie und stachelig. Kleine Dämonen mit langen Nasen spuckten sie an, während sie an ihnen vorbei glitt, ohne einen Schritt zu tun. Sie schwebte auf einer stacheligen Sänfte vorbei.
Blicke aus tausend Augen begleiteten sie, sich stachen wie Nadeln nach ihr, gleichzeitig brannten sie wie Feuer unter der Haut. Was als leichtes Kribbeln begonnen hatte, wurde unerträglich, als die Krämpfe einsetzten.
Dunkel erinnerte Sie sich an eine grünhäutige Dämonin mit Hörnern und Hufen, die etwas über einen Trank gesagt hatte, der alle Schmerzen fraß. – Wenn man ihn überlebte.
Kaum einen Lidschlag, nachdem der letzte Tropfen ihre Kehle passiert hatte, setzten die Krämpfe ein. Es war als würden alle Muskeln gleichzeitig angespannt. Sie biss sich beinahe die Zunge ab, während sich ihr Rücken durchbog, als wolle ihr Rückgrat brechen.
Ihr war so, als versuche jemand ihr den Magen durch die Nase zu ziehen. Ihr Körper zitterte und schüttelte sich. Ihre Haut begann zu bluten, ihre Augen, ihre Nase, sogar ihre Oren und ihre Brustwarzen. Das Blut, welches austrat, war ölig und schwarz.
Shadarr schmeckte Aas und andere Dinge, die sich noch weniger zum Essen eignete.
Er spuckte Jiang kurzerhand aus.
Sie landete steif wie ein Brett im Schilf, den Rücken angespannt wie ein Bogen, Arme und Beine weit gespreizt. Sogar die Finger und Zehen.
Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Haut zitterte in Wellen, Schaum hatte sich vor Mund und Nase gebildet.
Die Bläschen blubberten mit der Atmung. Nicht nur der Geschmack war widerlich, auch der Gestank war kaum auszuhalten.
Shadarr wurde zwei Schritte zurückgetrieben.
Er blickte sich um, sicher dass die kleinen Kreaturen noch in der Nähe waren, doch obwohl er sich gründlich umblickte, konnte er keine mehr entdecken.
So, wie sie aufgetaucht waren, so waren sie auch wieder verschwunden. Er war sich sicher, dass er sie nicht zum letzten Mal gesehen hatte.
Unterdessen hatten Jiangs Krämpfe und das Zittern aufgehört, dafür erbrach sie sich nun, während sich ihr Körper gleichzeitig auch auf andere Weise entleerte.
Sie schaffte es irgendwie, sich auf die Seite zu rollen, um nicht in ihren Exkrementen liegen zu bleiben.
Interessiert beobachtete Shadarr, wie um sie herum das Schilf verwelkte. Alles an Jiang war also giftig. Schlecht zu fressen.
Er hielt sich auf der Windabgewandten Seite, denn der Geruch, den sie verströmte, war sogar für Ihn fürchterlich abstoßend.
Eine Mischung aus süßlicher Fäule, Blut, saurer Milch und Tod.
Immerhin schien es so, als hätte sie bis hierhin überlebt, doch es war noch ein weiter Weg aus dem Schilf. Es war eisig kalt und der Untergrund nicht besonders trocken.
Was das Gift nicht vermocht hatte, konnte der einbrechende Winter noch erreichen.
Da ihm Warten nicht sinnvoll und zudem langweilig erschien, beschloss er stattdessen einige von den Grasmännchen zu fangen, die immerhin versucht hatten, ihn zu verletzen.
Beinahe lautlos verschwand er im Schilf, ohne sich nochmal umzusehen.
Hätte er es getan, hätte er bemerkt, wie sich Jiang schwach zu regen begann. Sie fühlte sich entsetzlich. Ihre Muskeln brannten wie nach einem langen Tag voller harter Feldarbeit.
Ihre Haut hatte überall kleine rote Punkte wie Mückenstiche, die schmerzten, als hätte jemand sie mit Nadeln gefoltert, wie sie feststellte, als sie endlich mühsam ihre Augen aufgezwungen hatte. Ihre Eingeweide quälten sie mit Krämpfen, während sie sich zugleich leer anfühlten.
Blut verklebte ihre Augen und Ohren, doch das schlimmste war der Geruch.
Obwohl sie nicht über Shadarrs Nase verfügte, so war das, was sie da riechen konnte, dennoch unerträglich widerlich.
Zu allem Überfluss war ihr auch noch kalt. So kalt, dass sie ohne Feuer sterben würde. Das einzig Gute war, dass das Fieber und die Träume verschwunden und ihr Kopf wieder frei waren.
Wie ein altersschwacher Greis wälzte sie sich auf die Stelle zu, an der Shadarr ihren Rucksack fallengelassen hatte. Ihre Hände zu gichtigen Klauen gekrümmt, zog sie sich Fingerbreite um Fingerbreite voran.
Die Schnallen ihres Rucksacks waren zum Glück so geformt, dass sie sich mit einer Hand öffnen ließen. Trotzdem brauchte sie mehrere Versuche, bei denen ihr zwei Fingernägel abbrachen, als wären sie aus trockenem Reisig. Hätte sie Kraft zum Fluchen gehabt, sogar Drakkan wäre beeindruckt gewesen.
So mühte sie sich einfach weiter, bis sie schließlich eine Phiole mit Höllenfeuer befreit hatte. Satt es sorgfältig auszupacken, zog sie den Korken mit den Zähnen heraus. Sie begrüßte den sauren Geschmack, weil er um vieles besser war als der von Erbrochenem.
Sie schüttete das Pulver auf eine Handvoll Kohle, die sie ungeschickt auf dem Boden ausgebreitet hatte.
Ein kleiner Funke hätte genügt, um es zu entzünden, doch so elend, wie sie sich fühlte, konnte sie die nötige Konzentration einfach nicht aufbringen. Daher musste sie es auf herkömmliche Weise versuchen. – Mit Feuerstein und Stahl.
Sie benötigte mehr Anläufe, als sie Finger und Zehen hatte, mehrfach fiel ihr sogar der Feuerstein aus den zitternden Fingern.
Als sie schließlich Glück hatte, und der ersehnte Funke gelang, seufzte sie erleichtert auf.
Das Pulver fing fauchend Feuer.
Eine gleißende Stichflamme schoss daraus hervor.
Jiang wusste, dass das Feuer heiß genug wurde, um sogar Stahl zu schmelzen. Das Schilf darunter löste sich deshalb einfach auf, ohne die Umgebung in Brand zu setzen.
Der Boden wurde trocken, rissig und begann schließlich zu qualmen. Jiang quälte sich unterdessen aus dem verdreckten Kimono, ihrem Seidengewand, das sie kurzerhand ins Feuer warf.
Mit dem eisigen Rest Wasser aus ihrem Wasserschlauch und einem abgerissenen Ärmel säuberte sie sich so gut es ging, bevor sie sich zitternd in eines ihrer älteren Gewänder und eine Felldecke hüllte, die sie ebenfalls in Kaltarra erworben hatte. Anschließend sank sie völlig erschöpft mit brennenden Muskeln, Krämpfen und wie von tausend Nadelstichen schmerzender Haut neben dem Feuer zusammen. Von den kleinen Schilfwesen, die aus allen Richtungen auf sie zu schlichen, bemerkte sie nichts.
1 - 16 Der Schöpferstab -
Die Suppe war hervorragend, schlicht, doch kräftig gewürzt – und vor allem heiß.
Das Fleisch darin verfehlte seine Wirkung ebenfalls nicht. Während sie aßen, beobachtete Kmarr Anayas nachdenkliches Gesicht. Er konnte sich gut vorstellen, was ihr durch den Kopf ging. Helfen wollte er ihr allerdings nicht. Er bedauerte Drakkan dagegen jetzt schon, wenn er wirklich zwischen Anaya und Jiang geriet.
Ernsthaft besorgt war er nicht. Tödlich würde die Auseinandersetzung wohl nicht enden. Die ein oder andere Tracht Prügel für den sturen Kaltländer fand Kmarr dagegen durchaus angebracht. Wenn er nur einen Hauch weniger stur und uneinsichtig wäre, würden sich die meisten Schwierigkeiten von ganz alleine lösten. – Falls sie überhaupt entstehen würden.
„Denk nicht für mich. Mach Dir lieber Gedanken über Phyria und ihre Geschichte.“
„Glaubst Du ihr nicht? Hältst Du sie für eine Lügnerin?“
„Nicht direkt. Sie hat uns aber wichtige Teile verschwiegen.“
„Natürlich.“
Kmarr hielt Anaya die Schale hin, für eine zweite Portion: „An ihrer Stelle hättest Du noch weniger gesagt.“
„Vermutlich“, erwiderte sie und reichte ihm die gefüllte Schale zurück: „Trotzdem sollten wir versuchen, mehr herauszufinden. Da gibt es bestimmt Möglichkeiten, die ein oder andere Münze zu verdienen. Zwischen die Fronten möchte ich dabei nur ungern geraten.“
„Da besteht wohl keine Gefahr. Moraks Truppen werden uns wohl kaum anheuern. Und nach dem Massaker, das ich gesehen habe, bin ich geneigt, sie auf der Stelle zu erschlagen, anstatt ihr Gold zu nehmen.“
Schaudernd erinnerte er sich an den Leichenberg, den er erst vor ein paar Tagen entdeckt hatte. Die Toten waren grausam verstümmelt und wie Vieh geschlachtet worden, bevor Teile von ihnen gefressen worden waren.
Anaya winkte ab: „Ich habe nicht vor für jemanden zu arbeiten der versucht, mich umzubringen. Ich dachte auch eher an reiche Kaufleute, Händler, Geldwechsler und Adlige, die ihr Hab und Gut vor einer anrückenden Armee in Sicherheit bringen wollen.“
„Klingt nach einem brauchbaren Vorschlag. Aber was ist mit diesen Siegeln? Willst Du wirklich riskieren, eine Armee Dämonen zurück in die Welt zu entlassen?“
„Wenn es sie wirklich gibt: natürlich nicht. Aber was, wenn die Geschichte gar nicht stimmt? Es ist hunderte von Wintern her, seit sie verbannt worden sein sollen. Woher wissen wir, dass es wirklich eine Armee gibt? Vielleicht ist alles nur ein Märchen. Eine alte Geschichte, um Kinder zu erschrecken. Bei allem, was wir wirklich wissen ist es sogar möglich, dass dieser obskuren Orden in Wahrheit nach der Herrschaft über die Welt strebt, und dazu nur noch die sieben Siegel benötigt.“
„Hältst Du das wirklich für möglich?“
„Nicht direkt. Aber vielleicht wissen sie selbst nicht mehr, was die Siegel eigentlich genau bewirken. Es ist lange her.“
Kmarr neigte vorsichtig sein mächtiges Haupt: „Vielleicht bringt Attravals Kompass Klarheit. Irgendwie glaube ich nicht, das Droin den verloren hat.“
Anaya wirkte nicht überzeugt: „Meinst Du wirklich, der reicht so weit zurück?“
„Keine Ahnung. Einen Versuch ist es wert. Blind umher zu stolpern ist sonst auch nicht unsere Art.“
Kmarr hatte inzwischen die Schale erneut geleert und schielte nach einer weiteren Portion.
Lächelnd erfüllte Anaya ihm seinen unausgesprochenen Wunsch.
Dankbar fuhr er zwischen den Löffeln fort: „Ich bin auch froh, wenn wir wieder zu Hause sind, auch wenn ich mich manchmal wie ein Lastesel fühle.“
Die Naurimkinder des Klans ritten gerne auf seinem Rücken. Ein Gefallen, den er ihnen oft und gerne tat.
„Knurr einfach mehr.“
„Bist Du verrückt? Dann werden es nur noch mehr. Ich hoffe, ich kann die Zeit nutzen, ein paar Sachen aus dem Buch zu konstruieren und den Bolzenwerfer der Mechanikusgilde vorzulegen.“
„Deine Belohnung scheint Dir wirklich zu gefallen.“
Kmarr nickte: „Und wie. Das Buch ist unbezahlbar. Was ist denn mit Deinem? Was hast Du damit gemacht?“
Anaya deutete auf die Hülle, in der sie ihren Bogen aufbewahrte: „Nichts.“
Dem aufmerksamen Kmarr entging nicht, wie unbehaglich sie sich zu fühlen schien. Er wunderte sich, gleichzeitig seufzte er merklich auf. Heute war einer der Tage, wo er großes Talent darin bewies, die falschen Fragen zu stellen.
„Warum nicht?“
‚Was soll‘s‘, dachte er: ‚ich kann ebenso gut beenden, was ich angefangen habe.‘
„Ehrlich gesagt, mir ist der Stab unheimlich.“
„Dir? Seit wann bist Du denn abergläubisch?“
„Du hast keine Vorstellung davon was der Zirkel getan haben muss, um diese Strafe zu verdienen. Ich fürchte, etwas ist noch in dem Stab gefangen.“
Ein Schauder fuhr ihr über den Rücken.
„Bist Du sicher?“
„Ja.“
„Wie das?“
„Es ist der Stab selbst. Hast Du gesehen, woraus er ist?“
„Nein, warum? Sind es Knochen?“
„Nicht direkt. Es ist eine Dryade.“
Kmarr starrt sie an: „Du meinst er ist lebendig?“
„Ich weiß es nicht genau.“
Sie dachte einen Augenblick darüber nach: „Nein, ich glaube nicht. Ich denke, es ist der Körper eines Baumgeistes. Eben einer Dryade.“
„Willst Du damit sagen, Du trägst eine Leiche mit Dir herum?“
Er musste einmal mehr feststellen, dass es noch immer Dinge gab, die ihn überraschen konnten.
„So wie Du das sagst, klingt das besonders abscheulich. Vor allem, weil Du vermutlich damit Recht hast und auch wieder nicht.“
Sie hob frustriert die Arme: „Es ist kompliziert.“
„Warum? Sind Baumgeister denn nicht lebendig?“
Er hatte schon von ihnen gehört, allerdings waren sie sehr verstohlen und nur selten bekam sie jemand zu Gesicht. Zumeist waren es Fallensteller oder Holzfäller, die sich ihren Zorn zuzogen.
„Und wieso ist sie so klein? Ich dachte immer, Dryaden wären groß wie ich und schlank wie Du.“
Anaya nickte: „Stimmt auch. Dryaden sind das lebendige Kernholz sehr alter Bäume. – Das ist zumindest das, was die Alian über sie wissen. Es heißt, ein Druide oder Arkanist großer Macht könne sie aus dem Baum locken oder erwecken.“
„Dann sind es magische Kreaturen? Das wusste ich gar nicht.“
„Mit solchem Wissen gehen wir vorsichtig um. Wäre es nicht ohnehin in der Bibliothek von Llûn zu finden, hätte ich es Dir nicht erzählt.“
„Was ist nun mit dem Stab? Für eine Dryade ist er doch viel zu klein.“
„Irgendwie schon. Dennoch hat er ihre Form. So als hätte sie jemand ganz fest zusammengedrückt, bis sie klein und dünn geworden ist.“
Wieder schüttelte sie sich.
„Was kann der Stab denn nun? Ist er nicht eigentlich nur ein Symbol der Macht, die der mächtigste Druide eines Zirkels hält.“
Anaya sah ihn lange an, bevor sie antworte. Kmarr hatte das Gefühl, einen Test bestanden zu haben: „Ich will die Frage so beantworten, dass ich Dir hinterher nicht töten muss.“
Sie sagte das ruhig und freundlich und trotzdem spürte Kmarr plötzlich eine Bedrohung. Sie meinte jedes Wort genauso, wie sie es sagte.
„Und das, wo Du Dir so viel Mühe gegeben hast, mein Leben zu retten“, witzelte er schwach.
„Eben.“, erwiderte sie ernst.
„Also, jeder Stab ist anders. Wie jedes Schwert von einem Schmied zum anderen unterschiedlich ist.“
„Du meinst, wie er es macht und für wen?“
„Unter anderem. Außerdem woraus, wie lang, eine Schneide oder zwei, Parier, Knauf, eben alles. Jetzt stell Dir Unterschiede zwischen Axt, Schwert, Speer, Keule und auch Pflug, Rechen, Harke, Schaufel und Bogen vor.“
Er überlegte einige Herzschläge: „Alles Werkzeuge, nur jedes zu einem anderen Zweck?“
„Genau. Manche zum Bauen, andere zum Pflanzen und manche, um zu zerstören.“
„Verstehe. Und der da“, er deutete auf den Stab: „gehört zur letzten Gruppe.“
„Nein, das wäre einfach.“
Sie holte tief Luft: „Ich glaube, es ist ein Schöpfer.“
Er musste sie verständnislos angesehen haben, denn sie seufzte: „Manchmal glaube ich, mein Volk macht sich zu viel aus Geheimnissen.“
„War das nicht der Grund, warum Du gegangen bist?“
Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Ein Schöpfer tut eben genau das.“
„Wasser schöpfen?“
„Leben erschaffen.“
„Was? Getreide? Gurken?“
Sie verdrehte die Augen: „Auch das wäre möglich. Was ich meinte ist: neues Leben.“
„Wie ein Gott“, fügte sie nach einer langen Pause hinzu.
1 - 17 Flussüberquerung -
Das Seil zog den Kompass unbarmherzig weiter auf die braunen Fluten zu. Phyria klammerte sich eisern fest, um nicht herunter gerissen zu werden.
Irgendwo dort drin, am anderen Ende ertrank gerade Droin und sie konnte nichts tun. Wasser war nicht ihr Element.
Ein Baumstamm trieb auf sie zu, der drohte, den Kompass zu rammen.
Ihr Schicksal schien gewiss, da durchbrach plötzlich ein Arm mit einem Dolch die Wasseroberfläche. Die Klinge senkte sich und verschwand im weichen Uferschlamm samt der Faust, die sie hielt. Ihr folgte einen Lidschlag später Droins anderer Arm mit der Kriegshacke.
Wie ein Dämon der Unterwelt erhob er sich langsam aus den Fluten. Wasser rann in Sturzbächen über seinen muskelbepackten Körper. Er schüttelte prustend den Kopf, so dass Tropfen in alle Richtungen geschleudert wurden.
Den Baumstamm vergessend konnte Phyria nur staunend zuschauen, wie Droin sich eine Handbreit nach der anderen am Ufer emporzog.
Schlamm spritzte jedes Mal auf, wenn er eine der Waffen neu versenkte, um sich wieder ein Stück weiter nach oben zu ziehen. Wo seine langen schwarzen Haare einen Blick auf seinen Körper frei gaben, entdeckte Phyria Narben und Tätowierungen.
Noch immer bewundernd bemerkte sie, wie er die Stiefel ebenfalls in den Schlamm rammte, als er sich gänzlich aus den Fluten befreite.
Das Tau zog er dabei nach und nach hinter sich her.
Keinen Augenblick zu früh, wie sie plötzlich entdeckte.
Der Baumstamm, der sich bis gerade noch träge auf sie zu bewegt hatte, war unterdessen beinahe zu einem Geschoss geworden, von den Wassermassen ergriffen, sauste er auf sie und den Kompass zu.
Doch Droin hatte die Kante der Uferböschung bereits erreicht.
Wie ein Fischer seinen Fang, zog er sie an der Leine Hand über Hand zu sich heran.
Nur ein paar besonders ausladende Äste streiften das Artefakt, als der Stamm krachend an ihr vorbei gespült wurde. Es zeigte sich, dass er nur ein Vorbote einer viel größeren Flutwelle war, die den Fluss noch weiter anschwellen ließ. Während sie erleichtert am Ufer vom Kompass glitt, verschwanden die Reste der einstigen Brücke bis auf einen einzelnen, abgebrochenen Felsen in den Wassermassen.
„Das war knapp“, kommentierte Droin nüchtern. Er war bereits wieder dabei, sich in seine zum Glück trockene Kleidung zu anzuziehen.
„Was macht Dein Bein?“, fragte er dabei.
Als hätte die Wunde nur darauf gewartet, schoss ein brennender Schmerz hindurch, der sie einknicken ließ. Nur dank des Artefakts blieb sie keuchend stehen.
„Dachte ich mir.“
Droin unterbrach seine Tätigkeit. Statt sich weiter anzuziehen, wühlte er in seinem Gepäck, bis er eine Kräuterpackung von Anaya gefunden hatte.
„Wir müssen aufhören, uns zu verletzen“, meinte er, während er sie rasch, aber sorgfältig verband.
„Du wirst eine Krücke brauchen. So kannst Du nicht weiterlaufen.“
„Müssen wir denn weiter?“
Sie schwankte unsicher hin und her.
Droin, der schon wieder damit fortfuhr, die Rüstung anzulegen, nickte: „Das komische Biest wird einen anderen Weg über den Fluss finden.“
„Woher willst Du das wissen?“
„Ich kann es sehen. Es steht da drüben und starrt uns hinterher. Ein Glück, dass es nicht schwimmen kann.“
Phyria schüttelte den Kopf: „Wie kannst Du sicher sein?“
„Es ist dort drüben, wir sind hier. Wenn es keine Angst vor dem Wasser hätte, könntest Du diese Frage jetzt wohl nicht mehr stellen.“
„Auch wieder wahr.“
Sie seufzte: „Jetzt hast Du mir schon wieder das Leben gerettet. So werde ich ewig in Deiner Schuld stehen.“
„Und in der von Anaya, Kmarr, Jiang und sogar Drakkan“, fügte sie nach einer Pause hinzu.
„Warte, bis Du die Rechnung bekommst. Wir sind teuer.“
So wie er das sagte, klang es ganz und gar nicht nach einem Scherz: „Wenn Du einen Teil davon begleichen willst, töte einfach das Viech, wenn es das nächste Mal auftaucht.“
„Und jetzt weg hier“, unterbrach er sie, als sie etwas erwidern wollte.
Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, als er sie samt Kompass die Straße entlang schob, die sich hier auf der anderen Seite des Flusses fortsetzte. Sie bemerkte den müden Schritt und das leise Ächzen von Droin, als sie so in die Dämmerung stolperten.
Weit marschierten sie nicht mehr. Kaum außer Sicht des Ufers, zwischen den Resten eines alten Heuschobers, der kaum groß genug für sie beide war, hielten sie an.
Droin sank in sich zusammen, als hätte sein Körper sich in Gelee verwandelt.
„Du kochst“, gab er noch von sich, dann begann er zu schnarchen.
Kochen war es wahrlich nicht. Phyria stellte aus ihren Vorräten einfach zwei Teller voll mit getrocknetem Obst und Brot, Hartkäse und einem Schinken zusammen, der so zäh war, dass man ihn erst mit einem Hammer bearbeiten musste, bevor man ihn kauen konnte – jedenfalls fast. Zum Schluss erhitzte sie einen Kessel mit Wasser, um darin einen Kräutertee zu bereiten. Mit einem Becher voll davon weckte sie den schnarchenden Naurim.
Der nahm dankbar Becher und Teller entgegen.
„Du kochst wie Drakkan“, bemerkte er trocken.
„Aber ich sehe besser aus.“
„Na das ist auch nicht weiter schwierig.“
„Kochen auch nicht – zumindest mit den richtigen Zutaten. Ich habe im Kloster viel in der Küche geholfen.“
‚Zur Strafe.‘
Bedauernd dachte sie an die Zeit in der mit Mehl und Fett geschwängerten Luft der großen Küche der Abtei zurück.
„Das ist wirklich von Nutzen. Spuren lesen und Überleben in der Wildnis kann man lernen. Fürs Kochen braucht man Talent.“
„Und Drakkan hat keins? Es gibt also etwas, das er nicht kann“, stellte sie befriedigt fest.
„Vieles. Diplomatie ist nicht seine Stärke.“
Phyria musste lachen: „Und von Frauen versteht er auch nicht viel mehr.“
Droin nickte bedächtig: „Wenn es um ihre Gefühle geht, ist er zugleich blind und taub. Das schein die meisten allerdings eher anzuspornen. Du hast das schnell bemerkt.“
„Das Anaya und Jiang beide in ihn verliebt sind? Natürlich. Anaya weiß es selbst auch noch nicht und Jiang traut sich nicht.“
„Gut beobachtet. Ist es tatsächlich so offensichtlich? Ich habe länger gebraucht, es zu erkennen.“
„Ich hätte blind sein müssen, um es nicht zu bemerken. Und taub“, fügte sie mit einem Hinweis auf die nächtlichen Aktivitäten von Drakkan und Anaya hinzu.
„Das Eine bedeutet nicht immer das Andere. In diesem Fall hast Du jedoch Recht.“
Er dachte einen Moment nach: „Einen Rat will ich Dir geben: Behalte Dein Wissen für Dich. Und misch Dich nicht ein. Das mag er gar nicht. Er hat dafür viele Qualitäten, die seinen Mangel an Taktgefühl wettmachen.“
„Wenn er sonst so direkt ist, warum versucht er dann, seine Liebschaft mit Anaya zu verbergen?“
„Das musst Du ihn schon selber fragen“, brummte Droin: „Wir haben alle unsere Geheimnisse.“
Er sah sie dabei so betont an, dass sie gar nicht anders konnte, als rot zu werden.
„Du hast Recht. Ich werde es mir merken. Erlaubst Du mir dennoch eine Frage?“
Phyria schluckte einmal, dann nahm sie all ihren Mut zusammen: „Wie kommt ihr damit klar, dass Drakkan zur Hälfte ein Dämon ist? Macht euch das gar nichts aus?“
Zu ihrer Überraschung blieb Droin ruhig: „Ich weiß, weshalb Du fragst. Du hast gelernt, dass alle Dämonen Feinde sind. Lass mich Dir so antworten: Ich habe Viele getroffen, die aufrichtig und edel wirkten und dennoch Kinder mordeten und Frauen schändeten. Und ich habe den abgerissensten Bettler gesehen, der sein Leben für einen Fremden riskierte, indem er ihn aus einem brennenden Haus rettete. Es kommt nicht darauf an, was man ist oder wo man herkommt, sondern was man tut.“
Phyria schüttelte den Kopf: „Aber genau das verstehe ich nicht. Es ist das, was er tut, was ihr verurteilen müsstet.“
Auch wenn sie den Finger nicht darauflegen konnte, was es war, dass sich geändert hatte, spürte sie, wie Droins Erschöpfung plötzlich einer wachsamen Anspannung wich.
Seine Stimme blieb dagegen vollkommen ruhig: „Was genau meinst Du? Er tötet, um zu überleben. Das tun wir alle. Gut, er kämpft nicht fair und nutzt sein dämonisches Erbe, doch wir müssen alle mit den Gaben leben, die uns die Götter gegeben haben.“
„Aber der Raub der Seele? Wie kannst Du das rechtfertigen? Er vergeht sich an dem, was Anderen von den Göttern geschenkt wurde.“
Sie war vollkommen verwirrt. Wie man einen solchen Frevel einfach mit einem Schulterzucken abtun konnte, war ihr unbegreiflich.
Als Droin dieses Mal antwortete, glich seine Haltung einer Statue, kein Muskel zuckte. Seine Stimme war eisig: „Diese Frage solltest Du ihm stellen, wenn Du in das nächste Mal siehst. Ich bin neugierig, was er darauf erwidert. Und noch etwas: Nur weil man etwas kann, bedeutet das nicht, dass man es auch tut, oder hast Du ihn schon dabei gesehen?“
Sie schüttelte wortlos den Kopf. Dabei bemerkte Sie nicht, dass Droins Hand sich so fest um den Griff seiner Waffe geschlossen hatte, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
1 - 18 Gedankenkreise -
Die Zwangspause, eingepfercht in der undurchdringlichen Dornenhecke, zehrte an Anayas Nerven. Kmarr hatte es da besser. Durch die Verletzung war er müde. Die meiste Zeit verbrachte er daher schlafend.
‚Wenigstens schnarcht er nicht‘, dachte Anaya gelangweilt. Sie hatte bereits ihre Kleidung gewaschen, ihre Ausrüstung sortiert, ein paar Pfeile repariert und vorsichtig den Schöpferstab untersucht. Doch das alles zusammen hatte insgesamt weniger als einen Tag gedauert. Jetzt war alles getan. Sie formte lustlos ein Loch in der Hecke, um hindurch auf die ferne Landschaft zu schauen. Der heftige Gewitterregen hatte ihnen reichlich Wasser beschert, dafür waren sämtliche Flüsse über die Ufer getreten. Sie spürte die Wassermassen, die sich ganz in der Nähe an ihnen vorbei wälzten.
Eine schlammige, braune Brühe voller Unrat und Treibgut. Ohne Brücke oder Fähre unmöglich zu überqueren.
Das bedeutete, entweder noch länger warten oder zurück zu der Stadt. Keine verlockende Perspektive, aber immerhin eine Möglichkeit.
Dieses Mal würden sie es heimlich versuchen müssen.
Obwohl es ihr nicht gefiel: Der Stab war ein mächtiges Artefakt. Mit ihm sollte es ihr gelingen, sie beide vor Entdeckung zu verbergen. Blieben noch die Blutbäume. Zwar waren sie ruhiger geworden, aufgegeben hatten sie leider nicht.
Die meisten standen um ihre Zuflucht herum und wiegten sich im Wind, wie es normale Bäume beständig taten. Nur das gelegentliche Kreischen verriet ihre wahre Natur.
Hier würde einfache Heimlichkeit genügen, sofern sie nachts aufbrachen.
‚Frühstens in zwei Tagen‘, entschied Anaya schließlich. Dann waren die Vorräte verbraucht. Kmarr würde länger brauchen, sich zu erholen, doch dann sollte er stark genug sein, alleine zu gehen. Sie würde ihre Gerüche maskieren und die Spuren im inzwischen schneebedeckten Schlamm verwischen. Sobald die Bäume einmal außer Sicht waren, war es kein Problem mehr, schneller zu sein.
Neidisch sah sie hinüber zu Kmarr, der ihre Überlegungen friedlich verschlief.
Die Fragen, die er ihr zu Drakkan gestellt hatte, beschäftigten sie mehr, als sie zugeben wollte. Die Situation die lange stabil geblieben war, drohte vollends im Chaos zu versinken. Zwar war Phyria für sich genommen, unschuldig daran, doch für Anaya war sie der Auslöser. Und nun wusste Drakkan, dass Jiang ihm schöne Augen machte. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen würde.
Was sie verwirrte, waren ihre eigenen Gefühle. Bislang hatte es ihr keine Probleme bereitet, ihm seine Freiheit zu lassen, doch jetzt wo sie sicher sein konnte, dass er auch Spaß dabeihaben würde und wusste mit wem, hatte sie das Bedürfnis, es zu verhindern.
Dieser Instinkt ärgerte sie, weil die Alian nie heirateten und mit einem einzigen Partner zusammenlebten. Anscheinend war sie doch ebenso sehr aus der Art geschlagen, wie Drakkan, Droin und Kmarr. Leider gereichte es ihr in ihrem Fall nicht zum Vorteil.
Seufzend wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Stab zu. Hölzer verschiedener Bäume waren darin zu einer Gestalt verschmolzen: rissig vom Alter, rau und entsetzlich verzerrt. Für sie gab es keinen Zweifel, der gequälte Gesichtsausdruck ließ sie schaudern. Es war in jedem Fall eine Dryade, wenn auch die seltsamste, die sie je gesehen hatte.
Als wäre sie erst von einer gewaltigen Kraft zusammengedrückt und gleichzeitig in die Länge gezogen worden. Im Holz verbargen sich überall Runen, meist in Form kleiner Blätter. Außerdem gab es zahlreiche Stellen mit goldenem Harz, in dem eingeschlossen, winzige Ausgaben von Tieren oder Pflanzen zu erkennen waren, wenn man sie gegen das Licht hielt. Bei manchen hatte sie das Gefühl, als würden sie sich bewegen.
Überhaupt machte der Stab einen sehr lebendigen Eindruck. Ganz so, als wüsste er genau, dass sie da war und ungeeignet, ihn zu führen.
Im Augenblick war sie dazu auch noch nicht bereit.
Die Gedanken wanderten hin und her.
Stab, Drakkan, Jiang, Stab, Phyria und wieder zurück. Nichts davon hob ihre Stimmung. Und eingesperrt zu sein, half auch nicht unbedingt. Mit zusammengebissenen Zähnen hockte sie am Rand der Hecke und starrte vor sich hin, bis sie schließlich in unruhigen Träumen versank.
1 - 19 Ein hölzernes Puzzle -
Wie gut und leise die kleinen Gestalten aus Schilf auch waren, Shadarr spürte sie dennoch auf. Während sie sich der schlafenden Jiang mit deutlicher Absicht näherten, glitt Shadarr ebenso lautlos näher an seine Beute heran. Obwohl es eigentlich unmöglich war, fiel er nicht auf. Noch bevor eine der Kreaturen den Lagerplatz betrat, schlug er zu.
Mit einem mächtigen Satz begrub er gleich drei von ihnen unter sich. Er hörte ihre Körper brechen, biss einem den Kopf ab und riss einen dort entzwei, wo bei einem Menschen der Bauchnabel gewesen wäre.
Sie raschelten laut, während dickflüssiger, grünlicher Saft aus den Wunden floss. Dann lagen sie still.
Ein süßlicher Geruch von Zucker und Zitrone stieg Shadarr in die empfindliche Nase.
Er musste niesen, bevor er sich nach weiterer Beute umsah.
Er war nicht der Einzige, der etwas von Heimlichkeit verstand.
Die kleinen Kreaturen waren so raffiniert verborgen, dass er keine mehr entdecken konnte, solange sie sich nicht bewegten. Vermutlich waren sie geflohen.
Das alles hatte nur wenige Herzschläge gedauert, so dass Jiang nicht davon wach geworden war, sondern selig weiterschlief. Ohne ein Geräusch zu machen, betrat Shadarr die Lichtung im Schilfmeer, um sich mit seiner Beute neben der kleinen Shâi nieder zu lassen.
Die beinahe, wie die Puppen kleiner Kinder anmutenden Wesen schmeckten, wie sie rochen: süß und nach Zitrone.
Ihre Körper zersplitterten wie Zuckerrohr oder Bambus zwischen seinen mächtigen Kiefern. Zufriedenstellend war die Mahlzeit nicht, dafür umso nahrhafter. Nachdem er die fünf Kreaturen verspeist hatte, fühlte sich ein Magen an, also hätte er einen Stapel Brennholz verschluckt.
Er beschloss deshalb zu ruhen, bis Jiang erwachte. Sie konnte die anschließende Wache übernehmen. Schließlich hatte sie sich lange genug von ihm tragen lassen. Sie war wieder gesund, also war das nur gerecht. Er schlief ein und träumte von saftigen Rindern.
Jiang erwachte neben einem längst kalt gewordenen Feuer und dem riesigen Körper von Shadarr, der ruhig und gleichmäßig atmete.
Zunächst konnte sie nur ein Auge öffnen, für mehr fehlte ihr die Kraft. Außerdem schätzte sie, dass es nichts gab, dass ihr nicht wehtat. Ihre Haut brannte, die Muskeln schmerzten bei jeder kleinen Bewegung und ihr Magen lieferte ständig Krämpfe.
In ihrem Nacken hatte sich offenbar etwas eingeklemmt, denn sie konnte ihren Kopf nur in eine Richtung drehen.
Erstaunt stellte sie fest, dass neben den Schmerzen auch eine leichte Lähmung existierte, die sie zusätzlich behinderte. Eine Erklärung fand sie dafür nicht, denn ihre Erinnerungen an die letzten Tage waren bestenfalls vage. Sie erinnerte sich daran, Anayas Gift genommen zu haben und an das Feuer, um ihre dreckige Kleidung zu verbrennen. Davor war alles ziemlich verworren.
Zunächst blieb sie deshalb ruhig liegen. Mit einer einfachen Atemübung klärte sie ihre Gedanken. Nach und nach gelang es ihr, den Schleier zu zerreißen, der über ihren Erinnerungen lag. Kaltarra, Phyria, die Bootsfahrt, das Siegel, die Flutwelle.
Ihrem Gespür nach, waren mindestens zwei oder drei Tage vergangen. Da sie nirgends den Fluss oder die Stadt mit dem Tafelberg sehen konnte, musste Shadarr sie getragen haben. Kein Wunder, dass sie sich so zerschlagen fühlte. Ihre Fieberträume waren zum Glück nur eine blasse Erinnerung. Allmählich kehrte das Gefühl in ihren Körper zurück. Sie konnte sich bewegen, wenn die Schmerzen auch kein Vergnügen daraus machten.
Für einen Außenstehenden wirkte es noch immer so, als wäre ihre Körper an unmöglichen Stellen biegsam, in ihrer eigenen Wahrnehmung bewegte sie sich dafür eher wie Droin.
Schließlich hatte sie es in einen Lotussitz geschafft, in dem sie häufig für mehrere Kerzenlängen meditierte, um Kraft zu sammeln.
Dieses Mal wollte es ihr nicht so recht gelingen. Dafür war Ihr Körper einfach noch zu steif und schmerzte.
Als sie schließlich entnervt aufgab, war sie überzeugt davon, dass es am Zustand ihrer völlig verdreckten Kleidung und den verfilzten Haaren lag. Der Dreck störte den Fluss ihres Chi.
Um wenigstens etwas Sinnvolles zu tun, barg sie das Chi-An aus ihrem Gepäck.
Die hölzerne Puzzle-Box, in der das mystische Spiel verborgen war, ließ sich nur öffnen, wenn man wusste, wie man die Verzierungen ziehen, schieben, klappen und drehen musste.
Jedes Element stand symbolisch für ein Element einer Geschichte. Kannte man die Geschichte, war es leicht die Box zu öffnen.
Sie hatte das Kästchen schon ein paar Mal untersucht, aber die Symbole passten zu keiner Erzählung, die sie kannte.
Da es sich einst um ein Geschenk gehandelt hatte, ging es vielleicht um den Beschenkten.
Leider brachte sie dieser Gedanke zunächst auch nicht weiter, weil sie nicht wusste, für wen es ursprünglich angefertigt worden war.
Wieder versuchte sie einen Ansatz zu finden, immerhin musste der Schenkende aus Shâo ja davon ausgegangen sein, dass es dem Empfänger aus Kalteon möglich war, die Box zu öffnen.
Ein Irrtum, denn augenscheinlich war es nicht so gewesen.
Ausgerechnet in diesem Augenblick fiel ihr der winzige Jadedrachen am Rand der Box auf. Ein Symbol für den Kaiser. Trotz der geringen Größe hätte ein Shâi es nie gewagt, ihn zu berühren. Ein Kalteaner hätte damit keine Schwierigkeiten gehabt. Jiang drückte ihn vorsichtig ein Stück ein. Dadurch konnte sie ein angrenzendes Stück Holz drehen, was ihr an anderer Stelle wiederum erlaubte, etwas zu verschieben.
Schritt um Schritt verfolgte sie die Lösung, die sich wie eine Schlange um die Kiste herum wand. – Nein, nicht um das Kästchen, sondern um die Bergsymbole herum, die Kalteon darstellten und sich nach und nach sogar zu einer Landkarte des Landes verschoben.
Der Drache im Bergreich. Verzückt klatschte sie in die Hände. Der Handwerker musste ein Meister seines Faches gewesen sein.
Ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie erkannte, wohin sie die Elemente führten: zum Jadedrachen.
Kopf und Schwanz des Drachen: Anfang und Ende des Schlosses. Sie drückte das Jadestückchen noch weiter in das Holz hinein.
Ein Berg hob sich daraufhin auf der Oberseite, genau dort, wo Kaltarra auf der Karte gelegen hätte. Sie drehte ihn herum, bis das Wappen des Königs, das auf der Seite sichtbar geworden war, genau zum Jadedrachen zeigte.
Mit einem Klicken sprang die Box auf.
1 - 20 Gespräche am Lagerfeuer -
Ohne Droin hätte Phyria es niemals geschafft. Nur seiner eisernen Konstitution hatte sie es zu verdanken, dass sie überhaupt vom Fleck kam. Er hatte ihre Wunde am Bein mehrfach versorgt und sie dann auf den Kompass gesetzt.
Sie wunderte sich über seinen Umgang mit dem kostbaren Artefakt und fragte ihn danach.
„Natürlich gefällt es mir nicht, so mit ihm umzugehen, doch mein Volk ist Jahrhunderte ohne ihn ausgekommen. Lieber bringe ich ihn beschädigt zurück als überhaupt nicht. Du kannst kaum laufen und ich kann Dich nicht tragen und den Kompass schieben. Also müsste ich Dich zurücklassen. Und Dein Leben ist das Ding nicht wert.“
Sie war für seine Antwort äußerst dankbar. Also saß sie auf einem kleinen Berg Ausrüstung, während Droin trotz seiner Wunden sie samt dem Artefakt stetig weiter gen Norden schob.
Von ihrem Aussichtspunkt konnte sie beobachten, wie der Winter nach und nach Einzug hielt. Am Morgen war das Wasser in den kleinen Pfützen bereits gefroren. Selten hielt sich das Eis gegen die Sonne.
Mittags zogen Wolken auf, aus denen am Abend der erste Schnee fiel.
Mit jedem Schritt, so schien es ihr, wurde es kälter. Zwar kannte sie Winter auch aus ihrer gebirgigen Heimat, aber das Tal, in dem das Kloster stand, war durchzogen von heißen Quellen aus denen unaufhörlich Dampf strömte, gegen den nur der strengste Frost bestehen konnte.
Die feuchte Kälte des Sumpflandes hier war etwas, dem man auf Dauer nicht entkommen konnte. Sie wickelte sich nacheinander in alle Decken, die sie hatten, fühlte sich dennoch bald verfroren.
Da sie der Straße weiter folgten, machten sie guten Weg, auch wenn der Schnee es immer schwieriger machte, sie nicht zu verlieren.
Dreimal nur wich Droin davon ab. Jedes Mal mit Absicht.
Beim ersten Mal bildete sich vor ihnen plötzlich eine Senke, in die sie um ein Haar gestürzt wären. Nur ihr entsetzter Aufschrei rettete sie, als sie die Mäuler voller scharfer Zähne entdeckte, die rings um das Loch darauf lauerten, sie zu zermalmen.
Unsanft daran erinnert, dass hier in Narfahel alles darauf aus war, sie zu töten, verbrachte Phyria die nächsten Kerzenlängen damit, nervös auf den Weg vor ihnen zu starren, obwohl nichts weiter passierte.
Erst am darauffolgenden Tag gelang es ihr, rechtzeitig eine Warnung zu rufen, als sich in der Ferne eine große Bodenwelle formte, die das Pflaster der Straße anhob, als sie sich auf sie zu bewegte.
Ruhig schob Droin den Kompass zwanzig Schritte zur Seite und wartete mit gezogener Waffe ab, bis die Welle sie passiert hatte.
Das Gelände wurde zunehmend hügeliger, so dass es nur auf den Kuppen möglich war, in die weitere Entfernung zu spähen. Dort entdeckte dieses Mal Droin als Erster das Hindernis. Es war keine weitere Begegnung mit einer der verfluchten Kreaturen, sondern ein großes Dorf.
In jedem anderen Land hätte Droin den Bewohnern zur Wahl ihres Siedlungsplatzes gratuliert. Hier erwies er sich leider als Problem.
Die Straße führte eine Art Rampe hinauf auf einen platt gedrückten Hügel, dessen Hänge steil und zerklüftet vor ihnen aufragten. Ein Blick zwischen ihnen genügte, um zu entscheiden den Ort in weitem Bogen zu umgehen.
Abseits der Straße war das Gelände alles andere als einfach. Unter dem Schnee verborgene Sumpflöcher oder knietiefer Morast machten den Weg zu einer Tortur für Droins angeschlagenen Körper.
Einen halben Tag dauerte der Umweg. Immer wieder unterbrochen von Schlangenfröschen oder Blutbäumen.
Zum Glück erschienen ihnen die Kreaturen träge und langsam.
Eine Folge der Kälte, wie Droin vermutete. Ihr größter Feind war und blieb dennoch das Land selbst.
Als sie schließlich wieder auf der Straße standen, deutete Droin grimmig auf einen nicht weit entfernten Hügel, auf dem die Rester einer Windmühle in den wolkenverhangenen Abendhimmel ragten: „Das wird unser Lagerplatz.“
„Aber was ist, wenn die ehemaligen Bewohner dort spuken?“
„Dann haben sie Pech und sterben ein zweites Mal.“
Die Art, wie Droin das sagte, hatte etwas sehr Endgültiges.
Trotzdem näherten sie sich, begleitet von der untergehenden Sonne, äußerst vorsichtig.
Es war ein alter Bau, die Steine bewachsen von einem dichten Geflecht aus Moosen und zähen Ranken, die entfernt Efeu ähnelten. Nur der untere Stock war übriggeblieben, ein schwerer Mühlstein und zwei der einstmals drei Segel des Windrades. Ihre vermoderten Reste ragten wie die gebrochenen Flügel einer riesigen Fee aus dem Boden.
Der Ort hatte etwas Trauriges an sich, der Phyrias Stimmung trübte.
Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht.
Unter Droins Anweisung spannten sie eine Ölplane als Dach zwischen die alten Steine. Die Ranken boten dabei hilfreichen Halt, bis sie sich einen kleinen Kratzer zufügte, der fürchterlich juckte und brannte.
Zusammen mit der Verletzung am Bein, der Kälte und der Trostlosigkeit wurde es ihr schlagartig zu viel: „Ich hasse dieses Land!“, schimpfte sie mit Tränen in den Augen.
„Wie kann man seinem Land nur so etwas antun?“
Ihr Blick brannte Löcher in das wettergegerbte Gesicht von Droin.
„Wenn Du Antworten suchst, kannst Du lange warten. Ich habe keine. Auch wenn ich älter bin als Du,“ fuhr er ruhiger fort, als er begonnen hatte: „so verstehe ich Grausamkeit noch immer nicht besser als als kleiner Junge. Es liegt einfach in der Natur Mancher, Andere zu quälen und sich daran zu erfreuen. Frag die Götter, vielleicht können sie Dir eine bessere Erklärung liefern.“
„Wie erträgst Du Dein Leben, wo Du darum weißt?“
„Eine harte Frage.“
Droin zerhackte ein paar Ranken in kleine Stücke, die er aufschichtete, so dass sie gut brennen würden. „Das Alter hilft dabei. Man gewöhnt sich an alles, wenn es nur lange genug andauert.“
Er schlug Funken in die Feuerkugel, um das Kohlepulver darin zu entzünden: „Halt Dich an die guten Dinge. Familie, Freunde, Gutes Bier, Huren, Abenteuer.“
„Hast Du denn Familie?“
„Ja. Meine Frau Roona, drei Söhne und zwei Töchter mit ihren Familien, sowie meine Enkel und Urenkel. Du wirst sie vielleicht kennenlernen, wenn wir meine Heimat erreichen.“
Phyria war so erstaunt, dass sie ihre Wut vergaß: „Warum reist Du dann umher? Willst Du nicht bei ihnen sein?“
Droin schüttelte den Kopf: „Wozu? Meine Kinder passen auf sich selbst auf. Sie sind alle weit älter als Du und haben ein eigenes Leben. Kaya ist froh, wenn ich nicht so oft da bin. Im Winter freuen wir uns darauf, uns zu sehen und im Frühjahr darüber, wieder getrennte Wege zu gehen. Nur die Menschen halten es für eine gute Idee, ihr ganzes Leben miteinander zu verbringen. Liebe ist ein flüchtiges Gut, dass sich oftmals zu schnell verbraucht, wenn man es ständig benutzt. In einem sehr langen Leben hat alles mehr Zeit.“
Droin sah, dass Phyria darüber eine Weile nachdenken würde, so dass er sich dazu entschloss, dieses Mal das Kochen zu übernehmen.
Es gab eine einfache, würzige Suppe mit wildem Reis und Akaria-Wurzeln.
„Sag, was weißt Du noch über die arkanen Kräfte der Dämonen“, fragte Droin beim Essen.
„Dass sie von der Art des Dämons abhängig sind. Jede Art hat eigene Fähigkeiten. Und manche erlernen auch die Disziplinen eines Arkanisten dazu.“
„Und alle rauben Seelen, um ihre Kräfte zu erneuern?“
Phyria schüttelte den Kopf: „Nicht alle, aber die Meisten.“
Droin ließ sich nichts anmerken, innerlich atmete er jedoch erleichtert auf.
„Und wenn Du einen Dämon siehst, kannst Du dann sagen, welche Kräfte er hat?“
„Solange er kein Arkanist ist, ja.“
„Wir haben bis jetzt einen Draanyr, Bakura, Lodon, Anjii und die Vulshara getroffen.“
„Außer, dass sie im Dunkeln sehen können und ihnen Kälte wenig ausmacht, sind dies keine, die über außerordentliche Fähigkeiten verfügen – sieht man von Draanyr ab. Und was der kann, wisst ihr selbst. Alles sind niedere Fußtruppen. Die Vulshara ist da schon eher ein Offizier, wenn man es mit den Rängen des Militärs vergleichen würde. Sie kann besser Gestaltwandeln als der Draanyr, ihr Blut beißt und zerfrisst sogar Gestein und sie heilt unnatürlich schnell. Ihre mächtigste Gabe ist aber die der Verführung. Sie vermag es, den Geist vieler zu verwirren oder zu beherrschen.“
Schaudernd erinnerte sich Droin an den Kampf in den Höhlen unter Kaltarra.
„Was ist mit einem Dämon, so groß wie Kmarr, breites Gesicht, schwarze Haut, rote Augen, Klauenfüßen, vier Armen…“
Phyria unterbrach ihn: „mit einem dreifach teilbaren Maul und drei Augen?“
Droin nickte.
„Das ist ein Utarr, ein Schattenmeister. Doch die gibt es nicht mehr.“
„Und wenn doch?“
„Du hast einen gesehen? Wann und wo?“
Phyria schien ehrlich überrascht: „In Freiheit?“
„Meine Sache. Ist schon lange her. Was können sie?“
Obwohl er sehen konnte, wie es ihr unter den Nägeln brannte, zu fragen, wann die Begegnung stattgefunden hatte, besann sie sich anders: „Sie beherrschen Licht und Schatten. Man sagt, sie bestünden aus der Essenz der Dunkelheit. Sie haben viele Augen und doch keines. Sie hungern nach dem Licht, können an mehreren Orten zugleich sein, haben wie Schatten auch jede Form und doch keine. Sie bewohnen die Zwischenwelt. Ihre Waffe ist der Blitz und…oh…“
„Ja. Behalte es für Dich.“
„Drakkan…“
„Ja. Wie ich gesagt habe: behalte es für Dich.“
„A-aber Utarr sind große Dämonen. Wie…“
„Blut lässt sich nicht leugnen.“
Schaudernd erinnerte sich Droin an den Kampf mit Drakkans Vater. Selten nur rief er sich die Ereignisse von damals ins Gedächtnis. Nur knapp hatten sie überlebt. Und nur, weil sie weit besser vorbereitet gewesen waren, als Assarth erwartet hatte.
„Und es war wirklich ein Utarr?“
Noch immer war Phyria fassungslos.
„Genauso, wie Du ihn beschrieben hast.“
Das war natürlich gelogen. Assarth hatte Flügel besessen, eine Anzahl Hörner und Hufe statt Klauen.
„Wenn wir das früher gewusst hätten, hätte der Orden eine Kongregation Dämonenjäger entsandt, um ihn zu vernichten. Dann wären wir nicht so überrascht worden“, fügte sie bitter hinzu.
Ihre Stimme gewann einen verlorenen Unterton, als ihr der Verlust wieder bewusst wurde, den sie erlitten hatte.
Droin, der selbst im Laufe der Jahrhunderte manche Freunde und Geliebte verloren hatte, wusste, dass nur die Zeit Linderung bringen würde.
„Bewahre die Erinnerungen, aber lebe Dein Leben weiter. Sie sind tot, Du nicht. Wenn Du das nicht erträgst, ist es ganz einfach: Wenn unser Verfolger zurückkehrt, lass Dich töten. Sonst ehre die Toten, indem Du lebst und ihre Mörder der gerechten Strafe zuführst.“
„Ist es das, was Du tust?“
„Wenn ich es kann. Manchmal sterben Freunde einfach.“
„Aber alle auf einmal?“
„Hast Du nicht gesagt, einige sind mit Dir geflohen? Dann gibt es Hoffnung, sie wiederzusehen.“
Grimmig dachte er an die Zeit mit Drakkan.
Im Krieg waren beinahe alle seine Freunde gefallen. Er war als versoffener Penner in der Gosse der Stadt der Türme gelandet, wo Drakkan buchstäblich über ihn gestolpert war.
Nach einer wüsten Prügelei waren sie am nächsten Tag gemeinsam ausgeraubt und beinahe nackt in einer Zelle aufgewacht.
Während er darüber nachsann, war auch Phyria in einem grüblerischen Schweigen versunken.
Trotz Feuer und Dach über dem Kopf war die Suppe nicht geeignet, die düstere Stimmung zu heben, die sich mit der Nacht über ein kleines Lager gesenkt hatte.
1 - 21 Ein Besuch in der Stadt -
Kurz vor Anbruch der Morgendämmerung waren sie endlich abmarschbereit. Zwei Tage Ruhe und Anayas Pflege hatten wieder einmal Wunder gewirkt. Kmarr konnte sich langsam bewegen, ohne dass die Wunden aufbrachen. Den ganzen Tag über hatten sie sich äußerst ruhig verhalten. Anaya hatte bereits am Morgen begonnen, ihre Gerüche zu verwischen. Kmarrs Nase diente ihnen als Anhaltspunkt. Als er bestätigte, dass er Anaya nicht mehr wahrnehmen konnte, hatten sie ihr Gepäck verstaut, um abmarschbereit zu sein.
Im Laufe des Tages hatte Anaya vorsichtig die Würgedornranken umgebogen um dort, wo die wenigsten Blutbäume lauerten, einen Durchgang zu schaffen.
Jetzt trennte sie nur noch eine dünne Wand aus Blättern und jungen Trieben von den alptraumhaften Kreaturen.
Anaya würde zunächst alleine gehen, nur mit ihrem Bogen, Dolchen und einem gut gefüllten Köcher voller Pfeile.
Sie würde die Blutbäume fort locken.
Kmarr würde ihr folgen, aber eine andere Richtung einschlagen. Da kein Wesen zu Fuß einer Druidin aus Galladorn gewachsen war, würde Anaya wieder zu ihm stoßen, sobald sie die Blutbäume abgehängt hatte.
Auch wenn sie sich eine Zeitlang trennen mussten, waren beide zuversichtlich, ohne Probleme entkommen zu können.
Als es Zeit war, umarmten sie sich einmal leise, dann huschte Anaya durch die Öffnung davon, die sich auf ihr Geheiß hin gebildet hatte. Um schneller laufen zu können, hatte sie ihre Beine verlängert. Außerdem hatte sie ihre Nasenflügel erweitert, damit sie besser Luft bekam.
Wie ein Pfeil von der Sehne eines Bogens sprang sie davon. Sie gab sich keine Mühe ungesehen zu bleiben, trotzdem wäre sie beinahe unbemerkt geblieben. Nur weil sie einen Pfeil tief in den Stamm eines Blutbaums versenkte, gelange es ihr, ihre Aufmerksamkeit zu wecken.
Eine Welle durchlief die Kreaturen, als sie sich wankend umwandten. Dabei verhedderten sie sich mit ihren Ästen und Wurzeln. Kreischend schwankten sie auf Anaya zu, die dreißig Schritte entfernt wartete. Sie schoss einen zweiten Pfeil auf ein weiteres Ziel ab, bevor sie eine Seillänge weiter sprintete, um nochmals einen Schuss auf einen dritten Baum abzugeben.
Jetzt folgte ihr praktisch die ganze Horde unter wütendem Gekreische.
Anaya hielt immer wieder an, um einen Pfeil nach dem anderen in den unbeweglichen Zielen zu versenken.
Rasch hatte sie ihre Verfolger über die Hügelkuppe geführt. Kmarr beobachtete, wie die letzte Baumkrone außer Sicht verschwand.
Mühsam zwängte er sich kriechend durch die dornige Öffnung ins Freie. Die Wunde in seiner Seite pochte heftig. Er musste eine Welle von Übelkeit niederringen, bevor er sich keuchend erhob.
Die Landschaft hatte sich völlig verändert. Schnee bedeckte nun die schlammigen Hügel, kalte Nordwinde ließen ihn frösteln.
Er blickte sich gründlich um, um eine weitere Überraschung zu vermeiden. Erst als er sich sicher war, keinen Leichensammler übersehen zu haben, setzte er sich in Bewegung.
Beladen mit dem gesamten Gepäck von ihnen beiden, humpelte er auf die Krücke gestützt nach Norden.
Anaya hatte seine Gehhilfe aus dem Baumstamm gefertigt, der ihn durchbohrt hatte.
Während er vorsichtig seinen Weg suchte, nahm er sich vor, aus dem Holz hinterher einen Griff für eine Axt zu schnitzen.
Doch zunächst musste sie so lange halten.
Das Kreischen der Blutbäume hatte sich unterdessen weiter entfernt.
Dem Anschein nach, hatte Anaya beschlossen, sie in einem sehr weiten Bogen weg zu führen.
Unbehelligt erreichte Kmarr daher den Fluss, der an der Stadt vorbei floss, in dem sie das Siegel aufgespürt hatten.
Die schlammige Brühe hatte Teile des Ufers verschluckt. Büsche, Bäume und Ruinen ragten aus den Fluten empor.
Ohne Brücke, Boot oder Floß war es unmöglich, an das andere Ufer zu gelangen.
Er blickte sich suchend um. Nirgends fand sich ein Hinweis auf eine solche Gelegenheit. Mit Ausnahme der Stadt selbst, und dorthin wollte Kmarr nicht unbedingt zurückkehren.
Allerdings machten auch die wenigen Bäume keinen vertrauenserweckenden Eindruck.
Um aus ihnen ein Floß zu bauen, bedurfte es schon eines mittleren Wunders – selbst mit Anayas Fähigkeiten.
Seufzend wandte er sich in Richtung Stadt.
Bevor er mehr als zwei Meilen zurückgelegt hatte, holte Anaya ihn ein.
Leichtfüßig trabte sie heran. Sie wirkte nicht besonders erschöpft. Ihr Atem ging beinahe normal. Nur ihr Köcher war zur Hälfte leer.
„Durch die Stadt?“, fragte sie ernst.
„Siehst Du eine andere Möglichkeit?“
„Nicht mit Deiner Verletzung. Wir müssten in weitem Umkreis Bäume fällen und zum Fluss schaffen. Dazu bist Du im Augenblick zu schwach.“
Kmarr nickte: „Schnell bin ich aber auch nicht gerade. Wie willst Du denn die Wächter bezwingen?“
Die Geister der einstigen Bewohner hüteten ihre Heime eifersüchtig.
Sogar die Straßen und Häuser selbst waren lebendig geworden, um sie zu verschlingen. Nur knapp war es ihnen einmal gelungen, das felsige Plateau zu erreichen, das aus der Mitte der Insel emporragte, auf der der größte Teil der Stadt lag.
Anayas stimme hatte einen tiefen Klang angenommen: „Ich bin jetzt lange genug hier im Land. Seine Geister haben mich erkannt. Sie werden uns passieren lassen.“
„Das wollte ich hören. Dann los, bevor noch irgendwas dazwischen kommt.“
Der Weg war weder weit noch beschwerlich, trotzdem dauerte es den halben Tag, bis sie den Außenbezirk der Stadt erreicht hatten, vorbei an einzelnen Gehöften und verwahrlosten Feldern.
Einstmals mochten diese fruchtbare Ernten eingebracht haben, doch nun gab es hier nichts außer verdorrtem, wildem Hafer.
Nur einmal duckten sie sich hinter die Reste einer Scheune, als in der Ferne eine Schar alptraumhafter Reiter vorüber zog.
Im frühen Morgenlicht beleuchteten die Strahlen der Sonne verdrehte Wesen, bei denen sie nicht sicher waren, wo die Rösser aufhörten und die Reiter begannen. Teile der Tiere und auch der Gestalten darauf bestanden aus Stein.
Dem einen Pferd fehlte der Kopf, dafür bestand der Rumpf und ein Bein aus Teilen einer Backsteinmauer.
Der Reiter daneben besaß gar keine Beine, sein Oberkörper ragte direkt aus dem Rumpf des Pferdes, und statt eines Armes ragte ein spitzer Holzbalken wie eine Lanze über den Hals seines Pferdes nach vorne.
Bei einem anderen Reittier konnten sie durch den Brustkorb hindurch sehen, weil es an dieser Stelle ein kleines, steinernes Fenster mit einem einzelnen Holzladen hatte, der bei jedem Schritt klappernd auf und zu schlug.
Wieder einer der Reiter verfügte über ein Rückgrat aus einem Holzbalken, der hoch über dem Kopf endete. Es dauerte einen Moment, ehe sie die daran hängenden Gebilde als Dachziegeln erkannten.
Der Reiter dahinter schwankte so stark hin und her, dass es so wirkte, als ob er jeden Augenblick durch von seinem Pferd zu fallen drohte. Sonst wirkte er beinahe normal, bis sie erkannten, dass es sich offensichtlich um eine Statue handelte.
Anaya und Kmarr beobachteten die verzerrten Gestalten, durch die Lücken zwischen den vermoderten Brettern der einstigen Scheune, bis sie in der Ferne verschwunden waren.
Schaudernd wandten sie sich ab, um sich wieder auf den Weg zu machen. Es dauerte eine Weile, ehe Kmarr seine Sprache wieder fand: „Wie kann man seinem Volk nur solch eine Grausamkeit antun?“
„Ihre Lebenskraft war sehr stark. Sie sind fest mit dem Land verbunden.“
„Das kann ich auch sehen. Aber das bedeutet nicht, dass sie glücklich sind oder sich wohl fühlen.“
„Wie es ihnen geistig geht, kann ich Dir nicht sagen. Wenn ich raten müsste, reicht mir der Blick in die Gesichter der Geister völlig, um darüber zu entscheiden.“
„Ich bin Deiner Meinung. Hoffen wir für sie, dass sie bei ihren Göttern irgendwann Gehör finden und erlöst werden.“
Noch vorsichtiger setzten sie ihren Weg fort. Aus der Entfernung beobachteten sie, dass ihr kurzer Besuch vor ein paar Tagen die Bewohner der Stadt anscheinend aus einem langen Schlaf gerissen hatte.
Immer wieder mussten sie sich vor plötzlich auftauchenden Geistern verbergen, als sie sich durch die Unterstadt auf die Stadtmauer zu schlichen.
Auch auf den Resten der Mauer bewegten sich groteske Gestalten, halb Mensch halb Mauerwerk.
Wellen, wie sie ein Wal im Meer knapp unter der Wasseroberfläche verursachte, bildeten sich unter den Pflastersteinen der Straßen. Manchmal nur kurz, manchmal rasten sie regelrecht kreuz und quer, doch zum Glück kam keine von ihnen in ihre Nähe.
„Wird wohl doch schwieriger, als ich gehofft habe.“
Anaya hatte sie bis auf eine Seillänge an eine Lücke in der Stadtmauer herangeführt. Jetzt hockten sie im Schatten eines eingestürzten Stalles, der sich einstmals an die Mauer gelehnt hatte.
„Du konntest nicht mit solcher Aktivität rechnen. Außerdem: bis jetzt hat uns noch niemand entdeckt.“
Die schlanke Aliana nickte: „Danke. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob wir es schaffen. Vielleicht sollten wir umkehren.“
„Das ist nur eine kurzfristige Lösung. Unser Aufenthalt in Narfahel würde sich unnötig verlängern. Hier kennen wir wenigstens die Herausforderungen.“
„Wie Du meinst. Ich gehe zuerst durch die Lücke. Sobald ich auf der anderen Seite bin, folgst Du mir. Wir halten uns in den Randbezirken.“
Ohne auf seine Antwort zu warten, huschte sie voran.
Kmarr bemerkte, dass sie ihre Hufe zu weit ausladenden Krallen geformt hatte, die ihr auf dem Schutt besseren Halt boten.
Zugleich hielt sie ihren Bogen schussbereit. Elegant wie eine Bergziege, erkletterte sie den Geröllhaufen, der zu der Bresche in der Mauer führte, die in fünf Schritt Höhe begann und bis zur Mauerkrone in sechs Mannslängen Höhe reichte.
Sie war gerade breit genug, dass er ohne Mühe hindurch gelangen konnte.
Naurim war die leichtfüßige Aliana verschwunden, begann er mit dem Aufstieg. Jeden Augenblick rechnete er mit Alarmrufen. Sein Rücken juckte von den Blicken, die er dort zu spüren glaubte.
Quälend langsam stolperte er nach oben, immer wieder rutschten kleinere Felsbrocken nach unten oder knirschten unter seinem Gewicht, so als würden sie jeden Augenblick nachgeben.
Gerade als er mitten in der Bresche steckte, hörte er über sich ein Geräusch. Bewegungslos verharrte er an Ort und Stelle.
Schweiß brannte in den Wunden, seine Muskeln zitterten vor der Anstrengung, ruhig zu bleiben.
Dennoch bemerkte er fasziniert, wie ein Wächter der Stadt die Luft über der Bresche betrat, ganz so, als wäre dort oben noch immer ein Wehrgang. Wie der Soldat dabei etwas sehen oder festhalten konnte, war Kmarr ein Rätsel, denn der Mann hatte weder Arme noch einen Kopf. Trotzdem bewegte er sich ganz natürlich und auch Speer und Schild, die vor ihm herschwebten, machten den Eindruck, als würden sie von unsichtbaren Händen getragen.
Anaya konnte er nirgends entdecken, obwohl sie sicher eingreifen würde, sollte der Wächter ihn bemerken.
Kmarr bewegte sich erst wieder, als die Schritte gänzlich verklungen waren. Langsam atmete er aus.
Mit zitternden Knien schwer auf seine Krücke gestützt, stolperte er unsicher den Schutthaufen auf der Innenseite der Stadtmauer wieder hinunter.
Der Abstieg wurde zusätzlich durch eine glitschige, stinkende Schlammschicht erschwert, die alles zu bedecken schien. Wände, Dächer, Straßen. Ein weiterer Beweis der Gewalt, mit der die Flutwelle über die Stadt hereingebrochen war. Beinahe fünf Schritte hoch reichte die Linie entlang der Innenseite Stadtmauer, die der Höchststand der Flut hinterlassen hatte. Weiter im Inneren der Stadt konnte er Gebäude erkennen, an denen die Flutmarken deutlich höher hinauf reichten.
Die Beobachtung machte Kmarr beinahe beiläufig, denn hauptsächlich versuchte er auf dem Schuttberg nicht den Halt zu verlieren.
Die meiste Zeit war sein Blick daher auf seine Füße gerichtet.
Als er schließlich keuchend unten stand, tauchte Anaya zwischen zwei Häusern aus einer kleinen Gasse zu seiner Linken auf. Sie winkte ihn herein, bevor sie den Bogen hob, um über ihn hinweg ein Ziel auf der Mauer im Visier zu behalten.
Der Durchgang war so schmal, dass Kmarr sich drehen musste, um überhaupt hindurch zu passen.
Am anderen Ende lenkte Anaya ihn mit der Hand an der Hüfte nach rechts, in eine kleine Seitenstraße, in der einstmals Tuchhändler ihre Häuser gehabt haben mussten, jedenfalls besagten die verdreckten Schilder das, die an rostigen Ketten oder Haken baumelten.
Anaya marschierte schnurstracks über die Straße und betrat auf der anderen Seite eines der Häuser, dem praktisch die gesamte Front fehlte.
Kmarr folgte ihr langsam. Als er sich unter den Resten des Türsturzes hindurch duckte, entdeckte er, dass Anaya das Gebäude nicht zufällig ausgewählt hatte, denn dahinter schloss sich – getrennt von einem kleinen Innenhof eine Färberei an. Große, nunmehr mit schlammigem Flusswasser, Schutt und Treibgut gefüllte, steinerne Gruben von zwei Schritt Durchmesser erstreckten sich, in vier Reihen angeordnet, fast fünfzig Schritte weit unter einem hohen, löchrigen Dach bis zu einem breiten Tor. Das Dach ruhte auf steinernen Säulen, von denen die meisten noch intakt waren.
Dort, wo früher Ware angeliefert wurde, standen zwei vermoderte Wagen. Einem fehlten die Räder, der andere lag auf der Seite, halb eingefallen.
Anaya war bereits bis zum Tor geschlichen. Sie spähte durch einen der Risse im Holz nach draußen.
‚Breite Straße‘, signalisierte sie ihm in der Zeichensprache der Diebe von Rellinn.
‚Bewegung?‘, fragte er in gleicher Weise zurück.
Sie nickte. Mit einer Geste lud sie ihn ein, sich selbst einen Überblich zu verschaffen.
Als er durch eine andere Lücke im Holz spähte, wurde er Zeuge, wie direkt auf der anderen Seite des brüchigen Tores eine Welle die Steine der Straße anhob.
Der Wurm, der dort an ihnen vorbeizog, musste hundert Schritte lang sein. Die Steine knirschten unter der Beanspruchung. Staub rieselte von dem Dach über ihnen herab, während die ganze Umgebung erbebte.
‚Hat er uns entdeckt?‘
Anaya schüttelte den Kopf. Sie bedeutete ihm, seinen Blick nach rechts zu wenden. Dort, fast am Ende des Bereiches, den er einsehen konnte, lag der Fluss. Er konnte ihn zwar nicht direkt sehen, aber die Uferpromenade und einige verfallene Ladekräne. Außerdem befand sich dort eine breite Brücke, über die die Straße führte, an der das Haus stand, in dem sie sich gerade verbargen.
Mitten auf der Brücke, am höchsten Punkt versperrte ein gewaltiger, steinerner Koloss den Weg auf die andere Seite. Die Statue war in einen archaischen Panzer gehüllt und stützte sich auf eine Axt, die gute zwei Stockwerke hoch war.
Sie war nicht aus einem Block gefertigt, sondern war offensichtlich gemauert worden. Anaya hatte einen scharfen Blick bewiesen, denn ihr war aufgefallen, dass zwar die Brücke, wie auch der Rest der Stadt von der Überschwemmung heimgesucht worden war, doch das galt offensichtlich nicht für die Statue. Sie wirkte beinahe neu.
„Was nun?“
„Versuchen wir eine andere Brücke.“
Der Vorsatz war gut, doch wie sie bald feststellen mussten, stand auf jedem Übergang ein ebensolcher Wächter. Nirgends bot sich ihnen eine Möglichkeit.
Sie ließen sich wieder in der alten Färberei nieder, um zu beraten.
„Über die Brücken kommen wir niemals. Die Wächter mögen uns nicht riechen können, aber sie sind mit Sicherheit nicht blind.“
„Außerdem ist zu wenig Platz, um sich vorbei zu schleichen“, fügte Kmarr hinzu.
„Lass uns näher an den Fluss gehen, vielleicht finden wir irgendwo ein Boot.“
1 - 22 Bergungsarbeiten -
Es dauerte gut einen Tag, das Flussufer abzusuchen, ohne dabei gesehen zu werden.
Zunächst hatten sie keinen Erfolg. Alles, was auch nur entfernt wie ein Boot wirkte, war so vermodert, dass keine Hoffnung darauf bestand, es nutzen zu können.
Erst als sie zum zweiten Mal die Hafenanlagen untersuchten, entdeckte Anaya in einem schmalen Hafenbecken, knapp unter der Wasseroberfläche zwischen verrotteten Anlegern, halb unter einem steinernen Kai verborgen, einen kleinen Nachen. Ein flaches, rechteckiges Ding, kaum länger als fünf Schritte und höchstens einen und einen halben Schritt breit.
Skeptisch betrachtete Kmarr das Gefährt: „Na ich weiß nicht. Irgendwie hatte ich etwas im Sinn, dass besser schwimmt.“
Anaya, die bereits dabei war, sich zu entkleiden, um in das eisige Wasser zu springen, schüttelte den Kopf: „Sei froh, dass es unter Wasser liegt. Da vermodert es nicht so schnell.“
Ihre Haut nahm einen schuppigen Glanz an, während sich Schwimmhäute zwischen den Fingern bildeten, die dabei zugleich länger wurden.
Ihre Hufe schrumpften unterdessen zunächst, bevor sie sich zu breiten tellerförmigen Flossen umbildeten.
Nur mit einem Seil und einem Knochenmesser in der Hand sprang sie elegant in die schlammige Brühe des Hafenbeckens, die trotz der Jahrhunderte noch immer typisch nach fauligem Fisch und brackigem Wasser stank.
Kmarr behielt die Umgebung im Auge, während er das andere Tauende fest um seine linke Hand geschlungen hielt.
Die Wunde an der Seite pochte unangenehm und die Verbände spannten, besonders nach der Anstrengung des Tages.
Er hatte sich die Krücke unter den Arm geklemmt, damit er den Bolzenwerfer mit der freien Hand bedienen konnte.
Anaya hatte das Wrack schnell umrundet. Lautlos tauchte sie wieder auf: „Es liegt ein großer Felsbrocken darin. Er hat ein Loch in den Rumpf geschlagen und den Kahn dann nach unten gedrückt. Wenn wir den Stein entfernen, müsste sich das Leck schließen lassen.“
„Dann los, bevor uns noch jemand aufstöbert.“
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, war Anaya bereits wieder unter Wasser. Sie schlang das Seil um den Rumpf des Bootes, bevor sie tiefer hinab tauchte. Er konnte nicht mehr verfolgen, was sie tat, doch das Wasser brodelte und zischte plötzlich zuerst an der Stelle, an der er den Felsen vermutete, bevor es sich über das gesamte Wrack ausbreitete.
Es gab einen Ruck am Seil, der ihm signalisierte, dass er ziehen sollte.
Für einen Menschen, Naurim oder Alian wäre das Unterfangen aussichtslos gewesen, zu versuchen, den Nachen von Hand zu bewegen, doch er war ein Leonide. Größer und stärker als ein Pferd, mit Muskeln, die von Kampf und Reise gestählt waren. Er stemmte Seine Füße in den Boden, schlang das Seil um den Arm und die Schultern und zog.
Zunächst spannte sich nur das Tau, bis es unter der Belastung zu knirschen begann. Wasser spritzte heraus, als die Stricke, aus denen es bestand, ausgepresst wurden.
Knurrend lehnte er sich vom Hafenbecken weg, um sein beträchtliches Gewicht zum Einsatz zu bringen.
Seine Verletzung meldete sich protestierend, Schmerzen breiteten sich von dort in seinen Körper aus, die ihm keuchend die Luft aus den Lungen trieben. Verbissen kämpfte er darum, nicht nachzugeben.
Schließlich musste er doch eine Pause machen, als er die Pein nicht länger ertragen konnte.
Anaya war noch nicht wieder aufgetaucht und das Wasser brodelte auch noch immer, deshalb beschloss er, zunächst abzuwarten.
Gerade rechtzeitig, denn als er den Kopf hob, entdeckte er zwei Gestalten, die soeben um die Ecke eines Hauses am anderen Ende des Hafenbeckens gebogen waren. Für einen Herzschlag bleiben sie ebenso überrascht stehen, wie er.
Es waren keine Bewohner der Stadt, sondern Soldaten aus Morak. Sie schlenderten auch nicht über die Straße, sondern schlichen im Schatten der Hauswände voran.
Die Männer reagierten eine Winzigkeit schneller. Einer bog rasch in eine Seitengasse ab, der Andere duckte sich in einen Hauseingang, um Kmarr im Auge zu behalten.
Fluchend zog dieser wieder am Seil, ohne auf die Soldaten zu achten. Dieses Mal packte er mit beiden Pranken zu.
Es passierte überhaupt nichts. Mit erneuter Anstrengung legte er zusätzlich zu seiner Muskelkraft auch sein Gewicht hinein, bis das Seil so straff gespannt war, dass er fürchtete, es würde jeden Augenblick reißen.
Gerade als er zum zweiten Mal aufgeben wollte, weil bereits bunte Flecken vor seinen Augen tanzten, spürte er wie sich das kleine Boot aus dem Schlamm des Beckengrundes löste.
Knirschend polterte ein riesiger Stein durch ein Loch mitten im Rumpf.
Anaya tauchte aus dem Wasser auf: „Was machst Du denn da? Ich war noch nicht fertig.“
„Wir müssen hier weg. Besuch aus Morak“, ächzte er gepresst, während er sich die schmerzende Seite hielt: „Zwei Soldaten bislang.“
„Wo?“
Kmarr machte eine Kopfbewegung zur Seite.
Mit zwei kräftigen Schwimmzügen katapultierte sie sich aus dem Wasser. Ihr nackter, geschuppter Körper glänzte im matten Sonnenlicht. Sie landete geschmeidig auf ihren Hufen. Die Verwandlung zurück zu ihrer normalen Gestalt vollzog sich innerhalb weniger Herzschläge.
Hastig kleidete sie sich an: „Sind es nur die zwei?“
„Mehr habe ich nicht gesehen, doch das wird nicht mehr lange so bleiben. Einer ist bereits losgelaufen, um Verstärkung zu holen. Der andere versteckt sich da hinten in einem der Häuser. Was nun?“
„Ich erledige den im Haus, Du bringst den Kahn weg. Zieh ihn näher zum Fluss. Wir müssen erst das Loch flicken, sonst kommen wir nicht weit.“
„Was Du nicht sagst.“
Kmarr blickte auf den traurigen Rest des Bootes, das nun einen Fuß aus dem Wasser ragte.
„Vorhin habe ich eine Rampe gesehen, über die man wohl früher Boote zu Wasser gelassen hat. Da werde ich auf Dich warten.“
„Einverstanden. Bis gleich.“ Sie berührte ihn kurz am Arm, dann huschte sie mit dem Bogen in der Hand davon.
Der Soldat, der wohl offensichtlich beobachtet hatte, dass nur Anaya auf ihn zu kam, entschied sich dazu, besonders tapfer zu sein. Er trat mit Axt und Schild bewaffnet aus seinem Versteck, um sich ihr zu stellen.
Das glockenhelle Lachen der Alian drang deutlich hörbar zu ihm hinüber. In einer fließenden Bewegung spannte sie ihren Bogen und schoss dem Mann durch Schild, Arm und Rüstung mitten ins Herz.
Kopfschüttelnd kehrte sie zu Kmarr zurück: „Lass uns verschwinden.“
Zu zweit zogen sie den schwer angeschlagenen Kahn durch das Hafenbecken. Ein paar Mal blieb er im Wasser an verborgenen Hindernissen hängen, doch sie erreichten die Rampe ohne weitere Zwischenfälle.
„Wie haben uns die Soldaten aus Morak nur so schnell gefunden?“
„Ich glaube, der war nicht aus Kalteon“, entgegnete Anaya: „Er hatte andere Abzeichen an seiner Rüstung. Außerdem war er viel zu unvorsichtig. Wäre er aus Morak hinter uns hergekommen, hätte er gewusst, dass er vorsichtiger sein muss.“
„Also aus Denelorn? Aus der Blutmark?“
„Deine Vermutung ist so gut, wie jede andere, aber ich glaube schon.“
„Gut, dass wir in die andere Richtung unterwegs sind.“
Gemeinsam hievten sie das kleine Boot ein Stück die verfallene Rampe hinauf. Ein paar Steinbrocken brachen dabei vom Rand ab und stürzten in das trübe Wasser, während der Kahn langsam leer lief. Kmarr war überrascht, als er sah, dass das Boot höhere Seitenwände hatte, als erwartet.
Mit drei Fuß hatte er nicht gerechnet. Ohne Loch wäre es tatsächlich brauchbar gewesen.
„Ich besorge ein paar Bretter, mit denen wir das Loch abdichten können“, verkündete Anaya.
„Pass auf, dass Du nicht noch mehr Freunde aus Morak mitbringst.“
Als Anaya zwischen den Lagerhäusern verschwunden war, die hier den Stadtteil prägten, ließ er sich langsam zu Boden sinken. Der Stein war kalt und schlammig und in den Ecken fand sich auch matschiger Schnee, den die Sonne nicht erreichte. Doch das war ihm im Augenblick egal. Seine Muskeln meldeten ihm, dass er entweder freiwillig zu Boden ging oder fallen würde, wenn sie ihm den Dienst verweigerten.
Mit dem Bolzenwerfer schussbereit auf den Knien, wartete er auf die Rückkehr seiner Gefährtin.
Lange musste er zum Glück nicht ausharren, dann erschien sie mit einem kleinen Stapel Bretter auf den Armen aus der Richtung, in der sie verschwunden war.
Beim Abladen flüsterte sie leise: „Es wimmelt nur so vor Soldaten. Ich bin sicher sie suchen nicht uns, denn sie arbeiten sich durch die Stadt zum Fluss vor.
Die Bewohner sind nicht auf ihrer Seite. Einer der Würmer hat an der Straßenecke gerade zwei von ihnen verschluckt, bevor sie auch nur schreien konnten.“
„Dann haben sie keine Ahnung, wo sie hier gelandet sind.“
„Das ist unsere Chance, hier zu verschwinden. Sorg dafür, dass sie mich nicht stören, ich muss mich konzentrieren. Das Holz ist schon ziemlich alt. Der Nachen wird schwimmen, allerdings nicht besonders lange.“
Kmarr zuckte mit den Mundwinkeln, wobei er seine Reißzähne entblößte: „Besser, als es mit einem der Kolosse zu versuchen.“
Er wartete auf eine Antwort, doch Anaya war bereits in ihre Arbeit vertieft. Er legte den Bolzenwerfer an, um beim geringsten Anzeichen von Bewegung sofort reagieren zu können.
Neben ihm knisterte und knackte das alte Holz, dem Anaya neues Leben einhauchte. Kurz verspürte er einen Anflug von Bedauern, dass ihm solche Kräfte nicht gegeben waren, doch dann erinnerte er sich an seine eigenen Erfolge bei den Erfindungen, wie dem Bolzenwerfer.
Seine Version war etwas größer und massiver als die, die er für die Anderen hatte anfertigen lassen.
Seine Bolzen waren so dick wie ein Männerdaumen und fast zwei Fuß lang.
Zu Hause, so nahm er sich vor, würde er verschieden große Varianten bauen. Und außerdem freute er sich darauf, die Geräte aus dem Gnomenbuch zu studieren.
Ein mechanischer Pflug, künstliche Federn für Vogelflügel, Ein Gerät das wirkte, wie eine Mischung aus Arm und Kran und ein Pferd aus Eisen.
Es gab noch viele weitere davon, doch bei den Übrigen war er sich über ihren Zweck noch nicht im Klaren. Außerdem musste er sich an die Zeichnungen halten, da er die Sprache, in der die Beschreibungen verfasst waren, nicht lesen konnte.
Während er darüber nachdachte, wären ihm beinahe die zwei Kundschafter entgangen, die kurz in einer der Ruinen aufgetaucht waren. Sie hatten ihn nicht bemerkt, aber aus der Richtung, die sie eingeschlagen hatten, schloss er, dass sie den Fluss ansteuerten. Das führte sie zwar zunächst wieder von ihnen weg, dafür genau dorthin, wo sie mit ihrem Kahn vorbei mussten, wenn sie ans andere Ufer wollten.
Nach kurzem Zögern entschied er sich dafür, bei Anaya zu bleiben, auch wenn die beiden Männer seinen Jagdinstinkt geweckt hatten.
Es gefiel ihm nicht, sie ziehen zu lassen.
Obwohl es keine weiteren Zwischenfälle gab, konnte er förmlich spüren, dass überall um sie herum weitere Feinde durch die Ruinen schlichen.
Prüfend sog er Witterung ein. Die Stadt war voller Gerüche, die er erwartet hatte: morsches Holz, staubige Ziegel, Schnee, Schlamm, Verwesung. Über allem lag eine schwer zu beschreibende Note von Alter und Gewalt.
Blut war in der Stadt geflossen, sehr viel sogar. Für ihn war es allgegenwärtig, es war schwer den Geruch zu ignorieren. Fast war es, als könne er die süßliche Essenz des Lebens schmecken.
„Kmarr? Hör auf zu knurren. Ich bin fertig.“
Anaya beobachtete ihn misstrauisch, die Hände in die Hüften gestemmt, den Kopf zur Seite geneigt. Normalerweise war Kmarr ruhig und ausgeglichen, es sei denn sein Blut geriet in Wallung. Dann wurde er unberechenbar. Leoniden im Blutrausch wurden zu Recht gefürchtet.
Auch Kmarr war aufbrausend und unbeherrscht gewesen, als sie ihn das erste Mal getroffen hatte, allerdings hatte er bereits damals begonnen, seine Selbstbeherrschung zu trainieren.
Sie musste schmunzeln, als sie sich daran erinnerte, wie sie ihn erst in der Taverne beim Armdrücken und dann in den folgenden Tagen beim Steinestoßen bezwungen hatte.
Bei den Wettkämpfen der östlichen Reiternomaden wurden Stammesführer bestimmt und Zwistigkeiten unter den Stämmen auf diese Weise geschlichtet. Fremde durften ihre Kräfte messen, konnten aber keinen Rang bei den Stämmen erringen.
Sein verblüfftes Gesicht, als sie sich als stärker erwiesen hatte, amüsierte sie bis heute.
„Wir können verschwinden. Es wird noch andere geben.“
Einen Augenblick schien es so, als hätte er sich nicht gehört, und sie fragte sich, wie sie sonst zu ihm durchdringen sollte, doch dann sackte er etwas zusammen und die Anspannung in seinen Muskeln erlosch.
„Entschuldige, hier riecht alles nach Gewalt, Blut und Tod. Und wir sind umgeben von Feinden. Die Verletzung schwächt meine Disziplin.“
„Ein Grund mehr, hier zu verschwinden.“
Das war ein bemerkenswertes Eingeständnis für den stolzen Leoniden. Es geschah nicht zum ersten Mal, dennoch war es selten genug, um sie zu überraschen.
Sie half ihm auf die Beine und gemeinsam schoben sie das klapprige Boot in das brackige Wasser zurück.
1 - 23 Visionen -
… Drakkans Augen wurden groß und rund, als er durch die schwere Eichentür stürmte und sie bereits im Raum dahinter stehen sah. Der Lärm einer Schlacht dran zu ihnen herein.
„Du?“, keuchte er entsetzt, als sie sich zu ihm herumdrehte. Sie lächelte. Eine Dolchklinge blitzte auf…
… „Jetzt wirst Du erfahren, was eine Seelenfalle ist. Viel Vergnügen.“
Sie fühlte einen Zug in ihrem Innersten, als würde sie etwas aus ihrem Körper reißen…
…Eine Dämonin mit kurzem orangefarbenem Haar aus dem zahlreiche Hörner oder besser Dornen empor ragten, näherte sich ihr. Die Kreatur hatte Muskeln, wo keine sein sollten, dafür fehlten sie an anderen Stellen. Ihre Haut war eine Mischung aus bleicher Knochenfarbe, unterbrochen von grauschwarzen Flecken. Graue, gefiederte Schwingen wuchsen aus den Schultern. In den Händen hielt sie Anayas Bogen…
…Eine schreiende, grölende, jubelnde Menge stand um sie herum, die einen großen Platz füllte. Ein Karree war abgesperrt, das von einer Gruppe Bewaffneter frei gehalten wurde, die sich energisch mit Helmbarten gegen die Masse stemmte. In der Mitte befand sich ein gähnendes Loch in die Dunkelheit, wie ein Fenster in die ewige Nacht unter ihnen. Ein mächtiger eiserner Deckel lag daneben.
„Werft sie hinein!“, ertönte der strenge Befehl.
Soldaten rückten mit Spießen, Keulen und dornigen Schilden näher…
…knirschend öffneten sich die mächtigen Steintore. Sie versanken langsam in den dafür vorgesehenen Spalten im Boden. Dahinter fiel das Licht der schwachen Morgensonne auf die gewaltigen Kriegszüge der Naurim. Eiserne Wagen, fahrende Türme, rollende Mauern. Ohne Zugtiere schoben sie sich schnaubend und zischend langsam aus der gewaltigen Öffnung in die eisige Luft davor…
…Ein Fischerboot schob sich knirschend auf den Strand der schmalen Bucht. Statt Kisten mit Fischen zu entladen, sprangen bewaffnete Halunken von Bord, um an Land zu waten. Sie wurden von nervös wirkenden Gefährten begrüßt, die bereits neben einer Ladung Waren auf sie gewartet hatten: „lasst uns schnell machen. Die Sümpfe gefallen mir nicht. Irgendwas treibt sich hier herum.“
„Das behauptest Du jedes Mal, aber die Leichensammler waren noch nie am Strand.“
„Das Salzwasser bekommt ihnen nicht, sagt der Meister“, ergänzte ein Zweiter.
„Weniger quatschen, mehr schleppen. Moraks Schmugglerhäscher suchen die ganze Küste nach uns ab.“
„Da können sie lange suchen“, spottete ein zahnloser Greis.
„Unterschätze die schwarzen Schiffe nicht. Es heißt, sie werden von Wasserdämonen geführt“, widersprach ein großer Mann mit mokkafarbener Haut.
„Was habe ich gesagt? Mehr schleppen und…“
„Was war das?“
Alle hielten in ihrer Arbeit inne.
Jiang musste lächeln, als sie Shadarrs knurren hörte.
Er war in der richtigen Position…
…Bilder, Geräusche, Gerüche, Wortfetzen, Sonnenlicht auf ihrer Haut, Gefühle von Wut, Angst, Verzweiflung, Stolz. Eindrücke von Tageszeiten, Orten, Plätzen. All das rauschte so schnell an ihr vorbei, dass sie nur wenige Ereignisse festhalten konnte. In ihrem Kopf rasten die Visionen umher, vermischten sich und verschwanden wieder oder verbanden sich auf neue Weise.
Nur langsam gelang es ihr, Ordnung in das Chaos zu bringen.
Mit ihrer mentalen Disziplin, Atemübungen und Meditation beruhigte sich die überwältigende Flut von Eindrücken wieder.
Erst danach konnte sie einen Blick auf die Steine des I-Ging werfen. Überrascht stellte sie fest, dass es nicht die klassischen Elfenbeinsteine waren, sondern unterschiedliche. Jade, Gold, schwarzes Horn, Ebenholz, Silber, Blutstein, Saphir. Jeder Stein war ein Einzelstück. Das Schriftzeichen graviert und mit einem anderen, wertvollen Material ausgefüllt. Nur der Jadekaiser selbst besaß einen wertvolleren Satz der Wahrsagersteine, und auch nur, weil seine Steine größer waren.
Vorsichtig strich sie mit den Fingerkuppen über die oberste Lage. Sie spürte die Vibrationen der Macht, die darin geborgen war. Ein Lächeln stahl sich in ihre sonst so beherrschten Gesichtszüge. Darum hätte sie sogar der Kanzler beneidet und selbst das Oberhaupt der Orakel von Jinchuan hätte ihr dafür einen Königsschatz angeboten. – Nicht, dass sie jemals verkaufen würde.
Die Steine konnten Kriege entscheiden, Dynastien zu Fall bringen. Richtig verwendet waren sie fast so machtvoll wie Attravals Kompass.
Nacheinander nahm sie jeden einzelnen heraus, um ihn von allen Seiten zu betrachten und anschließend wieder zurück zu legen.
Als sie ihre Untersuchung beendet hatte, bemerkte sie Shadarr, der sie aus dem Schutz des Schilfmeeres heraus beobachtete. Wirklich sehen konnte sie ihn nicht, dazu war er zu gut verborgen. Es war mehr ein Gefühl seiner Anwesenheit. Das I-Ging hatte offenbar auch ihre Wahrnehmung geschärft.
„Du hast mich bis hierher getragen, und vor allen Feinden und Raubtieren beschützt. Dafür danke ich Dir. Sind unsere Gefährten wohl auf?“
Shadarrs leises Knurren klang für sie fragend.
Er wusste es also nicht.
„Drakkan?“
Wieder ein unbestimmtes Knurren. Das war ungewöhnlich, denn die Verbindung zwischen beiden sollte eigentlich klare Aussagen möglich machen. Sie machte sich nun ernsthafte Sorgen um ihn. Wenn er…
Nein, das hätte das I-Ging ihr sicher gezeigt. Sie hatte eine Vision von ihm gehabt. Da war sie sich sicher.
„Kmarr?“
Erleichtert wandte sie sich wieder an Shadarr.
Dieses Mal war die Antwort eindeutig.
„Gut.“
Noch einer ihrer Freunde hatte wohlbehalten überlebt.
Ganz war die Sorge um Drakkan noch nicht verschwunden, allerdings vertraute sie auf die Orakelsteine.
Nach ihrer Einschätzung waren bereits mehrere Tage vergangen. Schnee hatte alle Spuren bedeckt, daher macht eine Umkehr, um sie zu suchen wenig Sinn, auch wenn sie lange darüber nachdachte.
Schließlich versuchte Sie sich an die letzten Visionen zu erinnern. Das I-Ging hatte ihr gezeigt, dass sie zum Strand gehen würde. Damit stand für sie fest, dass sie genau dies auch tun würde, und zwar mit Shadarr, den sie in der Zukunft ebenfalls gesehen hatte. Von dort würde sie ein Schiff nach Hause nehmen.
Sofern alles eintraf, was sie gesehen hatte, waren alle ihre Freunde mit dem Leben davon gekommen. Also konnte sie ihren Weg ohne schlechte Gefühle fortsetzen.
Beinahe gelang es ihr, sich davon zu überzeugen.
Zunächst galt es, Kräfte zu sammeln und sich zu reinigen.
Der Dreck war äußerst unerfreulich. Mühsam, auf wackeligen Beinen sammelte sie Holz und Schilf, um das Feuer zu erneuern, dessen Reste neben ihr gebrannt hatten. Sie verspürte Hunger, doch im Gegensatz zu sonst hatte sie kein Interesse daran, etwas zu kochen.
Sie zog die kalte Küche vor.
Irgendwo hatte Shadarr eine komische Kreatur gefangen, die aussah, wie eine Kreuzung aus Frosch und Schlange. Sie filetierte das Wesen gekonnt und aß es roh, zusammen mit einer Portion kaltem Reis. Das Fleisch schmeckte erstaunlich gut. Süßlich mit einer fischigen Note. Leider war es nur einer und sie war wirklich hungrig. Also macht sie sich daran, die Vorräte weiter zu dezimieren. Shadarr hob zwischendurch träge den Kopf, blieb ansonsten aber ruhig liegen.
„Hier lagern? Gut. Dann werde ich meditieren.“
Jiang versuchte, sich zu entspannen, was ihr angesichts des Schmutzes nicht leicht fiel. Die Stärkung hatte dennoch ihr Übriges getan, ihr neue Kraft zu geben. Sie spürte allmählich Krankheit und Anspannung weichen, ersetzt durch die innere Ruhe, die sie benötigte, um ihre arkanen Energien zu erneuern.
1 - 24 Jäger und Gejagte -
Leider versprach der Morgen keine Besserung. Noch bevor die Sonne sich über den nebligen Horizont gequält hatte, hörten sie es beide: Das fauchende Geheul ihres Verfolgers.
„Dann wollen wir ihm mal einen würdigen Empfang bereiten“, bemerkte Droin mit einer freudigen Anspannung in der Stimme: „Bleib in Deckung der Ruine. Wenn er uns nicht sieht, wird er nicht bis zur Dämmerung warten, sondern annehmen, wir wären weiter weg und unsere Fährte würde nur hier vorbei führen. Sieht er uns, wird er sich bis zur Nacht auf die Lauer legen.“
Phyria blieb gehorsam in Deckung. Sie verstaute die Ausrüstung, während Droin begann, die Drachenrüstung anzulegen. Auch ohne Feuerkugel war sie ein wirksamer Schutz.
„Du wirst den Schild nehmen und immer dafür sorgen, dass er sich zwischen Dir und unserem „Freund“ befindet. Mit Deinem Bein bist Du nicht beweglich genug, um ihm auszuweichen. Wenn er mich angreift, ohne Dich zu bemerken, wartest Du auf eine gute Schussposition und röstest ihn dann.“
Droin verteilte Krähenfüße und Lampenöl, bevor er sich auf einem Mauerrest nieder ließ, der das Erdgeschoss überragte. Bolzenwerfer, Kriegshacke und ein langer Panzerstecher lagen griffbereit. Untern kauerte Phyria hinter dem mit Ruß geschwärzten Schild unruhig auf das Eintreffen ihres Jägers.
Sie hatte einen Schutthaufen so aufgeschichtet, dass er ihr zu einer Seite Schutz bot. Nervös spähte sie zu den Lücken und Rissen im Gemäuer. Jeden Augenblick erwartete sie, eine Bewegung zu erspähen, doch es blieb alles ruhig. Während sie wartete, wurde ihr bewusst, dass die Jagd nichts für sie war. Sie hasste es, zu warten. Je mehr sie sich darauf konzentrierte, je langsamer schien die Zeit zu vergehen. Ihr Herz, das zu Anfang noch vor Aufregung wie wild gepocht hatte, hatte sich offenbar besser damit abgefunden, jedenfalls schlug es ruhig und gleichmäßig.
Hätte es das Geheul nicht gegeben, wäre sie beinahe sogar eingeschlafen.
Die Bestie hatte andere Pläne. Immer näher kam der wütende Jagdruf.
Jedes Mal, wenn er erklang, zuckte sie zusammen. Die Wunde im Bein pulsierte passend zur gleichen Zeit.
Schweiß machte den Schildgriff schlüpfrig. Sie hatte Mühe, ruhig sitzen zu bleiben. Nur weil Droin ihr wiederholt eingeschärft hatte, sich auf keinen Fall bemerkbar zu machen, gelang es ihr, nicht aufzuspringen und nachzusehen.
Das Geheul klang ihr dabei so nah, als würde die Bestie direkt auf der anderen Seite der Mauer stehen. Sie lauschte angestrengt, doch es war nichts zu hören. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. Kein Vogel, kein Blatt regte sich.
Ein kleines Steinchen fiel auf ihre Schulter, prallte davon ab. Ganz langsam hob sie den Kopf. Staub rieselte ihr aufs Gesicht. Dort, nur eine Armlänge über ihr schob sich ein Tentakel durch einen Spalt in der Mauer. Der Knochenhaken am Ende schabte dabei unheilvoll über das alte Gestein.
Vor Schreck biss sie sich fast auf die Zunge.
Um ein Haar wäre ihr der Schild entglitten. Erst im letzten Moment konnte sie es an der Schildfessel greifen. Ihr Herz pochte wilder als zu Beginn, ihr Mund war so trocken, wie Sand in der Wüste. Als sie versuchte zu schlucken, musste sie deshalb beinahe husten.
Droin hatte sie völlig vergessen. Es schien ihr, als wäre nur das Tentakel übrig. Wie eine Schlange wand es sich suchend hin und her.
Ein weiterer schob sich oben über die gezackte Krone der Mauer im einstigen ersten Stockwerk.
Ein großer Stein brach krachend heraus. Zum Glück landete er neben ihr.
Wie aufgeschreckte Tiere zuckten die Tentakel zurück, als hätte der Aufprall sie verschreckt.
Absolute Stille folgte, die sich scheinbar unendlich auszudehnen schien, bis Phyria schon beinahe glaubte, sich alles nur eingebildet zu haben.
Dann sprang die Bestie mit einem Mal plötzlich durch die gleiche Lücke, durch die sie und Droin ebenfalls die Mühle zum ersten Mal betreten hatten. Die Tentakel zuckten in alle Richtungen vor. Langsam öffneten sich die gewaltigen Kiefer. Der nackte Körper glänzte ölig in den spärlichen Strahlen der Sonne. Die Krallen hinterließen Furchen im Gestein.
Vorsichtig schwenkte der Kopf hin und her – witterte. Die Nüstern blähten sich, ein kehliges Knurren erklang, kaum hörbar und doch laut wie eine Fanfare.
‚Nicht bewegen! Nicht bewegen! Nicht bewegen!‘, feuerte sie sich selbst in Gedanken an.
Die Kreatur entsetzte sie mehr als der Überfall auf ihr Heim im Kloster. Trotzdem sah sie durch die Augen des Drachenkopfes wie gebannt zu, als sich der Kopf langsam in ihre Richtung drehte.
Die Tentakel, die sich eben noch in alle Richtungen bewegt hatten, verharrten plötzlich regungslos, dann bogen sie sich langsam nach vorne, genau auf sie zu.
Die Bestie stieß ein Triumphgeheul aus. Geifer tropfte aus ihren Lefzen. Sie hatte Phyria gewittert.
Genau in diesem Moment fiel ein goldener Blitz vom Himmel, der hart auf dem Rücken der Kreatur landete. Die Spitze von Droins Hacke drang knirschend in den Schädel, während er den Panzerstecher tief in ihren Hals stieß.
Kreischend brach die Bestie zusammen.
Die Tentakel zuckten reflexartig nach hinten. Die Knochenhaken an ihrem Ende hämmerten auf Droin ein, der zwar hin und her geschleudert wurde, sonst aber unverletzt blieb. Verglichen mit einem Drachen war die Kreatur harmlos. Die Drachenrüstung hielt den Schlägen mühelos stand.
Droin ließ sich an der Seite hinabfallen. Noch bevor er unten war, brüllte er zu Phyria: „Jetzt! Gib ihr den Rest!“
Flüssiges Feuer ergoss sich wie ein Wasserstrahl über Kopf und Flanken.
Zischend verdampfte er den Schleim, bevor das Fleisch wie Speck in der Pfanne zu knistern begann. Die Muskeln zuckten reflexartig noch ein paar Mal.
Schließlich hob Droin die Hand: „Das reicht. Sie ist tot. Und außerdem hat sie zuvor schon genug gestunken.“
Er musste es zweimal wiederholen, bevor Phyria die Flammen versiegen ließ.
„Das war ich ihr schuldig“, erwiderte sie voller Abscheu.
„Ist es immer so einfach?“, fragte sie ihn, nachdem sie sich erschöpft wieder auf den Steinen niedergelassen hatte.
Sie war völlig verblüfft. Erst waren sie geflohen, hatten zahlreiche Wunden davongetragen, ohne selbst viel auszurichten und nun hatte Droin die Kreatur mit einem einzigen Angriff zur Strecke gebracht.
„Nur wenn es richtig gemacht wird. Schätzt man den Gegner richtig ein, sieht es leicht aus. Wenn man sich irrt, bezahlt man nicht selten mit dem Leben, oder wenigstens mit Körperteilen.“
„Und woher wusstest Du, was das Viech tun würde?“
„Es gibt nicht viele Wesen, die auf unterschiedliche Arten jagen können. Dies war ein Hetzer, der seine Beute treibt, ermüdet, verwundet. Lauern liegt nicht in seiner Natur. Ein Lauerer hätte gewartet bis wir uns zeigen, um selbst aus dem Hinterhalt zuzuschlagen. Eine aggressive Bestie hätte uns so lange bedrängt, bis entweder sie oder wir unterlegen gewesen wären. Ein Rudel jagt wiederum anders, ein Fallensteller…“
„Danke. Für heute habe dich genug davon. Können wir jetzt weiter?“
„Unbedingt. Später setzen wir die Lektion fort. Wenn Du in der Wildnis überleben willst, wirst Du noch vieles lernen müssen. Gift oder Flügel, Tentakel, Sinne und Umgebung haben großen Einfluss auf die Jagdmethode. Ebenso wie die Zahl der Tiere, Einzelgänger, Paar, Familie, Rudel, Schwarm…“
„Bitte!“
Phyria hob abwehrend die Hände: „Ich ergebe mich. Ich verspreche, gut zuzuhören, nur bitte nicht jetzt. Ich will hier weg.“
„Einverstanden. Hilf mir, die Rüstung abzulegen und unsere Ausrüstung zu verstauen. Dann ziehen wir weiter. Unterwegs kannst Du ebenso gut zuhören, wie jetzt.“
Stöhnend verdrehte Phyria die Augen. Droin war ebenso stur wie ihre Lehrerinnen.
1 - 25 Der Brückenfischer -
Auch wenn der alte, modrige Kahn ächzte und knackte, es drang kein Wasser mehr ein.
Mit Brettern als primitive Ruder steuerten sie langsam auf die Einmündung im Fluss zu.
Die Geräusche aus der Stadt, die über die Wasserfläche zu ihnen drangen, deuteten auf Kämpfe hin, die anscheinend über große Teile der Stadt verteilt stattfanden. Die Dunkelheit verbarg sie vor der Entdeckung, trotzdem hielten sie den Atem an, als sie sich der ersten Brücke näherten.
Die Strömung hatte sie aus dem Hafenbecken gezogen und trieb sie nun rasch davon.
Anaya steuerte, während Kmarr ruderte, damit sie rascher über die Flussmitte hinweg gelangten. Ein Brückenpfeiler ragte vor ihnen auf, an dem sich ein Berg Unrat angesammelt hatte, der von der Strömung gegen das Gemäuer gepresst wurde. Anaya wollte links daran vorbei, doch Kmarr, der plötzlich eine Nase voll von einem schweren, süßlichen Duft abbekam, bedeutete ihr, auf jeden Fall die andere Seite zu wählen.
Gerade noch gelang ihr eine Kurskorrektur. Mit angehaltenem Atem trieben sie unter dem weiten steinernen Bogen hindurch, auf dem oben die Statue mit der Axt den Weg versperrte.
Hinter der Brücke verbreiterte sich der Fluss zu einem großen, runden Hafenbecken, in dem noch die Reste größerer Schiffe aus dem Wasser ragten. Keines davon war noch intakt.
Anaya, die nicht wusste, was Kmarr zu dem Kurswechsel veranlasst hatte, wandte den Kopf nach hinten.
Dort, unter dem anderen Brückenbogen hing – vom Mondlicht schwach beleuchtet – ein Vorhang aus dünnen, weißen Schleimfäden von den Beinen eines Brückenfischers hinab.
Die Kreatur hielt sich mit einer Reihe Beine an der Unterseite der Brücke fest. Von der anderen Hälfte erstreckten sich die schleimigen Fäden bis ins Wasser. Normalerweise wurden die Tiere vier bis fünf Schritte lang, von Kopf bis Fuß. Dieser hier jedoch maß gute zehn Schritte, ohne die zwei dünnen, biegsamen Stacheln mitzurechnen, mit denen sie die Opfer töteten, die sich in dem giftigen Schleim verfingen.
Das Gift löste die Haut, Innereien, Muskeln und sogar Knochen auf, so dass der Brückenfischer seine Opfer wie eine Spinne aussaugen konnte.
Dennoch wurden sie gerade wegen des Schleims gejagt, denn die Alian vermochten daraus Klebstoff zu machen, der besser war als Leim und Bogensehnen, die unempfindlich gegen Nässe waren.
Anaya hatte mehrere davon in ihrem Gepäck. Sie schüttelte verblüfft den Kopf. Ein so großes Tier hatte sie erst einmal gesehen. Unter anderen Umständen hätte sie vorgeschlagen, ihn zu erlegen. Hundert Sehnen oder mehr und mehrere Krüge Leim waren ein kleines Vermögen, das zudem leicht zu verdienen war.
Ein anderes Mal.
Kmarr hatte unterdessen ihren Nachen weiter in das Hafenbecken gerudert, näher an das gegenüberliegende Ufer heran, damit sie nicht über das offene Wasser in der Flussmitte getrieben wurden. Das sich dort spiegelnde Mondlicht hätte sie zu leicht entdeckbar gemacht.
Einmal knirschte es hässlich, als sie über das Ende eines Mastes glitten, der aus den trüben Tiefen fast bis zur Wasseroberfläche reichte. Anaya bemerkte ihn nur, weil vom zweiten Mast ein halber Schritt tatsächlich die schlammigen Fluten durchbrach.
Immer wieder blickte sie zur Brücke und dem anderen Ufer zurück, da sie dort jeden Augenblick das Auftauchen von Soldaten aus Morak befürchtete.
Hin und wieder entdeckte sie Fackelschein, der jedoch nicht näher kam. Niemand hatte sie bemerkt.
Vor ihnen lag die weite Fläche des Hafens, hinter der sich dunkel die Stadtmauer erhob.
Mitten im Fluss ragte der Rest eines Turmes auf, der einst die Hafeneinfahrt zusammen mit seinen Brüdern an den Ufern bewacht hatte.
Auf einer Seite waren noch die Reste einer Zugbrücke vorhanden, die einen der Ufertürme mit dem Turm in der Flussmitte verbunden hatte. Sehr wahrscheinlich hatte es auch von der anderen Seite eine solche Verbindung gegeben, doch wenn, war sie vor langer Zeit in den Fluss gestürzt und in den Fluten verschwunden. Jetzt befand sich ein Trümmerfeld zwischen den Türmen, über das der Fluss schäumend und tosend hinweg brauste. Diesen Gewalten würde ihr kleiner, altersschwacher Kahn niemals standhalten.
Anaya steuerte sie deshalb geradewegs auf die andere Lücke zu. Auch dort ragten Trümmer aus dem Wasser, doch die Passage wirkte schiffbar.
Die Strömung wurde stärker, je näher sie der Lücke kamen.
An der Oberfläche zeigten sich flache Wellen, die auf Hindernisse knapp darunter deuteten.
Sie legten sich beide mächtig ins Zeug, um ihr Boot zu beschleunigen.
Kurz vor der Lücke legte Kmarr sich flach hin, um den Tiefgang so gut es ging zu verringern, indem er sein Gewicht gleichmäßig verteilte.
Zunächst ging alles gut, er sah über sich die Reste der maroden Zugbrücke vorbei ziehen. Gerade als die Spitze des Nachens die Stadtmauer endgültig passiert hatte, gab es einen harten Schlag, dann drehte sich das Boot quer zur Strömung und er spürte, wie Wasser unter ihm durch das Holz eindrang.
Anaya hatte bereits das Paddel ergriffen und stocherte damit im Fluss herum, um das Boot wieder zurück zu drehen.
Kmarr hörte, wie sie wiederholt auf Stein traf, doch wenigstens gelang es ihr, sie jedes Mal ein Stück weiter zu befördern. Das Holz schabte über die Felsen und noch mehr Wasser drang ein.
Langsam rutschte ihr kleiner Kahn über das Hindernis. Es ruckelte noch einmal heftig hin und her, was Kmarr ein schmerzhaftes Knurren entlockte, als er gegen die Bordwand gedrückt wurde.
Mit einem letzten Schwall kalten Wassers kam das Boot frei.
Sofort richtete er sich wieder auf, und gemeinsam mit Anaya lenkte er das Boot zum anderen Ufer.
Das eindringende Wasser ignorierten sie beide, weil der Weg nicht weit war.
1 - 26 Auf der Flucht -
Langsam verschnürte Phyria ihr Gepäck zu einem Bündel.
Ihr verletztes Bein zwang sie immer wieder zu Pausen. Obwohl sie im Grunde nur reglos gewartet hatte, fühlte sie sich erschöpft und hungrig. Ihr Magen knurrte, als die Anspannung von ihr abfiel.
Droin lachte, als er es hörte: „Wenn Dein Magen noch lauter wird, hält Dich die nächste Kreatur für ein paarungsbereites Weibchen.“
Sie streckte ihm die Zunge raus, bevor auch sie zu lachen begann.
Erleichterung löste die Anspannung auf, die sie bis zu diesem Augenblick empfunden hatte.
Auch als Droin einige Zähne aus dem Kiefer der Bestie brach und die Knochenhaken abtrennte, änderte sich daran nichts. Als er jedoch einige Brocken Fleisch aus dem Körper schnitt, hob sie fragend die Brauen.
„Vorräte. Vielleicht schmeckt sie nicht gut, aber es wird uns vor dem Hunger bewahren, der schlimmer ist.“
Sie verzog angewidert das Gesicht: „Ich weiß nicht, ob ich das essen kann. Ich mag Fleisch ohnehin nicht besonders.“
„Sobald Du etwas anderes findest, kannst Du gerne das essen. Bis dahin nehme ich das Fleisch. Pflanzen sind ohnehin viel häufiger giftig als Fleisch.“
„Dafür schmecken sie besser. Hilf mir mal.“
Droin hob sie vorsichtig auf den Kompass. Sie stützte sich dabei auf seinen Schultern ab, um ihr verletztes Bein zu schonen. Von ihrer halbwegs bequemen Position sah sie zu, wie Droin die restliche Ausrüstung verstaute. Anschließend schob er sie auf diese Art durch die Lücke im Gemäuer.
Den Tag über kamen sie gut voran. Mit Hilfe der Karte und Straßen hielten sie einen genauen Kurs nach Norden.
Zweimal mussten sie allerdings Schutz vor einem Schwarm Libellenegel suchen, der in der Nähe vorbei zog.
Sonst blieb der Tag trüb und kalt, aber trocken.
Droin nutzte die Gelegenheit, Phyria genauer nach ihren Erlebnissen zu befragen, seit sie aus der Abtei geflohen war. Vom Überfall hatte sie ausführlich berichtet, doch die Geschehnisse der Tage danach hatte sie nur vage angedeutet.
Sie zuckte die Achseln: „Der Tunnel, durch den wir geflohen sind, war uralt und an vielen Stellen eingestürzt. Es hat drei Tage gedauert, bis wir uns ausgegraben hatten.“
Während sie erzählte, erinnerte sie sich an die Nächte zwischen Dreck, Staub und Spinnen, nebeneinander in Dunkelheit auf dem harten Tunnelboden.
Ausreichend Zeit über die Geschehnisse und den persönlichen Verlust nachzudenken. Schwanken zwischen Hoffnungslosigkeit und dem Wunsch nach Vergeltung.
„Als wir endlich wieder draußen waren, fanden wir uns zwanzig Meilen weiter in einer stark bewaldeten Klamm wieder, in die kaum Tageslicht fiel. Jemand hatte vor langer Zeit einen Weg in eine der Felswände geschlagen, der zu unserem Glück in besserem Zustand war als der Tunnel.
Trotzdem hat es ziemlich lange gedauert, bis wir alle wieder Tageslicht zu Gesicht bekamen.“
Sie hatte wenig Mühe, sich die Erleichterung ins Gedächtnis zu rufen, als sie endlich wieder ein winziges Stück Himmel über sich entdeckt hatte.
„Ziemlich riskant, einen Fluchttunnel so schmal zu bauen“, entgegnete Droin.
„Ich glaube, dafür war er ursprünglich nicht gemacht. Vermutlich war das früher nur ein Weg für Kuriere, damit sie nicht einmal um das ganze Gebirgsmassiv herum laufen mussten.“
Droin nickte: „Scheint fast so. Wie ging es weiter?“
Er wollte unbedingt so viel wie möglich erfahren. Außerdem war es ein guter Zeitvertreib in der öden Sumpflandschaft.
„Die Klamm war ein kleines Seitental eines Größeren, durch das wir schneller vorankamen. Hier haben wir uns aufgeteilt.
Eine Gruppe marschierte geradewegs nach Norden zur Küste, eine nach Westen zu den Zwillingsstädten und der Rest, zu dem auch ich gehörte, nach Nordosten.“
„Was aus den anderen Gruppen geworden ist, weiß ich nicht.“
„Welche Aufgaben hatten sie denn?“, fragte Droin, um zu verhindern, dass die Verzweiflung, die er aus ihrer Stimme heraushören konnte, weitere Nahrung fand und so ihre Geschichte vorzeitig beendete.
Zum Glück hielt der Zustand nur einen Augenblick an, dann hatte sie sich wieder gefangen.
„Hauptsächlich sollten sie die Bevölkerung vor den Dämonen und ihren Verbündeten warnen. Wir taten dasselbe.
An jeden Schäfer, Bauern, Holzfäller, in jedes Dorf oder Gehöft, auf das wir unterwegs trafen, überbrachten wir die Warnung. Hätten wir nicht so viele Verwundete bei uns gehabt, niemand hätte uns geglaubt. So verbreitete sich die Nachricht ziemlich schnell. An einem kleinen Vulkan mit Lavahütern teilten wir uns dann ebenfalls in kleinere Gruppen. Der größte Teil marschierte in Richtung Medare, meine Gruppe setzte dagegen ihren Weg in östlicher Richtung fort.“
„Zum Wolfswald?“
„Genau. Warum habe ich auch erst nicht verstanden, aber eine Insel kann man nun mal nur mit dem Schiff verlassen und die Maganer fahren nicht zur See. In diesem Punkt sind sie wie die Naurim.“
„Nicht ganz wie wir“, protestierte Droin: „Es ist nicht so, dass wir nicht zur See fahren, vielmehr ist es so, dass Steine nicht so gut schwimmen.“
Er spielte damit auf die Steinschiffe an, auf denen die wenigen Naurim die Meere bereisten, die keine Abneigung gegen Wasser hatten.
„Wenn Du das sagst. Jedenfalls ist es uns gelungen, durch den Wolfswald hindurch Askaris zu erreichen. Von dort haben wir gleich mehrere Schiffe genommen, jede Gruppe zu einem anderen Ziel.“
„Den Siegeln.“
Phyria nickte: „Genau. Der Hüter der Flammen hat einen direkten Kurs nach Orenoc gewählt. Wir wollten zu den Wolkeninseln, nach Tirnadin, zur Stadt der Söldner und von dort ein Luftschiff nach Gi’tay nehmen.“
„Die richtige Strecke. Direkt und schnell, aber vorhersehbar. Außerdem sehr riskant, weil sie so dicht an Morak vorbei führt.“
„Da wussten wir noch nicht, woher unsere Feinde kommen. Wir hielten sie für Lakaien der Dämonen, nicht für Verbündete.“
„Wann hat sich das geändert?“
„Auf See.“
Sie schluckte: „Einen Tag nach unserer Abreise trafen wir auf einen Leviathan.“
„Was? Die gibt es nicht. Das sind nur Märchen. Seemannsgarn.“
„Wie? Ach so, Du meinst ein Tier. Nein, ich meine ein Schiff. Ein riesiges, eisernes Monstrum mit vier Masten und einem langen Rammsporn.
Die Seiten waren mit Eisenplatten beschlagen, in die Fratzen von Ungeheuern graviert waren. In den Maulöffnungen lauerten Speerspitzen. Das Schiff wirkte langsam, doch es war schneller als wir dachten. Die Flagge, die es zeigte, kannte keiner, auch der Kapitän nicht. Da es zu groß für ein Piratenschiff war, ließen wir es zu dich an uns heran.“
„Morak?“
„Genau.“
„Wie sah die Flagge aus? Das könnte wichtig werden.“
„Ein blutiger Helm auf grünem Grund in rotem Feld. Das grüne Tuch hatte die Form von Moraks Grenzen. Jetzt wo ich darüber nachdenke, bin ich sogar sicher. Mit goldenem Faden waren die Umrisse abgegrenzt.“
„Gut beobachtet. Das könnte irgendwann wichtig werden.“
Droin wechselte von ziehen zu schieben: „Sie haben euch angegriffen?“
„Zuerst nicht. Sie wollten vom Kapitän nur wissen, woher er kam und wohin er wollte. Was er geladen hatte und ob er Passagiere mit an Bord hätte.“
Und bei eurer Erwähnung ging es los?“
Phyria wurde Rot: „Nein, ich fürchte, der Hüter hat angefangen. Wir hatten uns versteckt, um nicht gleich bemerkt zu werden, der Unterhaltung hatten wir jedoch gelauscht. Als die Besatzung des seltsamen Schiffes untereinander auf Imperyal zu reden begann, sprang der Hüter plötzlich wütend auf und hat ein Dutzend Männer des Leviathans mit einer einzigen Geste eingeäschert.
Er beschimpfte sie als Mörder und Verräter und verbrannte ihre Segel und Masten. Da kamen plötzlich Soldaten aus dem Bauch des Schiffes, gefolgt von Hexenmeistern und Dämonen.
Wir warfen Feuerkugeln auf sie und beschossen sie mit glühenden Pfeilen, Flammenstrahlen und brennenden Steinen. Trotzdem war es unser Kapitän, der uns rettete. Als er bemerkte, was vor sich ging, hatte er das Ruder herumgeworfen und so Abstand von dem Schiff gewonnen. Die Soldaten schossen mit Speerschleudern, Arbalesten und Bögen zurück, aber die meisten Geschosse konnten unsere Feuervorhänge nicht durchdringen.“
„Klingt so, als hättet ihr Glück gehabt.“
„Ja, bis auf den Hüter“, entgegnete sie niedergeschlagen: „Wir dachten schon, wir wären entkommen, da tauchte plötzlich ein Klauenbewehrter Dämon mitten unter uns auf, ein Gazakra, ein Hundert-Klauen-Dämon, der den Hüter zerfetzte, während dieser ihn mit Drachenfeuer verzehrte.“
„Es scheint, er ist ehrenvoll gestorben. Wie muss ich mir den Gazakra vorstellen? Hundert Klauen hat er doch hoffentlich nicht wirklich?“
„Nein. Er ist so groß wie Drakkan, hat sechs Arme mit sieben Krallen an jeder Hand. Außerdem hat er überall Dornen, die ihm aus der Haut wachsen. Sie können sich durch die Schatten bewegen, ebenso wie Drakkan.“
„Hässlich.“
„War es auch. Wir waren alle so geschockt, dass wir dem Kapitän unvorsichtigerweise erzählt haben, was los war. Er ist ein edler Mann und stand zu seinem Wort. Zuerst ging auch alles gut, doch als wir uns der Küste näherten, tauchten kleinere Schiffe auf, Cousins des schwarzen Monsters, die uns bedrängten. Der Hafen, den wir eigentlich anlaufen wollten, war blockiert, also mussten wir ein anderes Ziel wählen.“
Sie machte eine kurze Pause. Die Erzählung strengte sie hörbar an. Es kostete sie viel Überwindung.
Schließlich seufzte sie und fuhr fort: „Egal wohin wir uns wandten, überall waren die Schiffe aus Morak bereits eingelaufen oder tauchten in der Ferne auf. Hätte der Kapitän nicht einen alten Schmugglerhafen gekannt, hätten sie uns wohl auch erwischt. So legten wir dort nachts an und schlichen uns von Bord.“
„An der Küste zwischen den Wolkeninseln und Rellinn gibt es viele Möglichkeiten an Land zu gehen. Die haben wir auch schon häufiger genutzt. Hat euch das lange Schutz geboten?“
Phyria überlegte eine Weile, bevor sie antwortete: „Ich denke schon“, sagte sie schließlich: „Da wir selbst nicht so genau wussten, wo wir gelandet waren, waren unsere Bewegungen wohl nicht vorhersehbar. Wir haben die Städte gemieden und sind über Land und nachts gereist. Irgendwann haben wir uns dann in einem kleinen Nest in Orenoc getrennt. Meine Gruppe sollte zum Schattenwald reisen, und die andere hierher.“
Droin machte ein finsteres Gesicht: „Dann sind sie vermutlich genau in die Arme von Moraks Armee gelaufen, als die Blutmark überrannt wurde.“
„Ich fürchte auch. Meine Freundin Alissa war dabei. Hätten sie es geschafft, hätten wir hier Spuren finden müssen.“
Sie hielt inne, als der Naurim stehen blieb. Mitfühlend legte er ihr eine Hand auf das unverletzte Bein: „Noch ist ihr Schicksal nicht gewiss. Ich werde den Klan bitten, Nachrichten aus Denelorn zu sammeln. Es wird eine Zeit dauern, aber wir werden erfahren, was geschehen ist.“
„Danke.“
Ihre Stimme zitterte leicht, als sie ihre Hand auf seine legte.
„Tu mir noch einen Gefallen: Finde heraus, wer verantwortlich ist. Wenn ich weiß, was passiert ist, wird es einfacher, sie zu finden und ihnen alles heimzuzahlen.“
„Rache bringt Dir nichts ein, doch ich verstehe Deine Motive. Wie willst Du dafür bezahlen? Nachrichten sind teuer und Du bist nicht reich.“
Phyria grübelte eine Weile, dabei sah sie ihre spärlichen Besitztümer durch: „Was ist, wenn ich Dir und Deinem Klan die Karten überlasse, sobald ich sie nicht mehr brauche?“
Wieder blieb Droin stehen. Er legte seinen Kopf sehr bedächtig auf die Seite, als er antwortete: „Das ist ein überraschender Vorschlag. Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber Du hast Recht. Sie sind in der Tat sehr wertvoll. Unsere Gelehrten werden Dir einen sehr guten Preis machen. Du wirst neue Ausrüstung bekommen, Nachrichten, eine eigene Unterkunft bei uns. Und meine Dienste für eine ganze Weile. Ein guter Handel.“
„Wie kommt es eigentlich, dass Dein Volk so stur auf einer Bezahlung aller Taten besteht? Warum tut ihr nichts ohne eine Gegenleistung dafür? – Abgesehen davon, dass es sehr einträglich ist?“
Nun war es an Droin, einen Moment über die Antwort nachzudenken. Er tat dies, während er den Kompass weiter voran schob. Die Frage war nicht neu, sie tauchte immer wieder auf. Für ihn war die Antwort eindeutig und einfach. Für sein Volk als Ganzes war die Antwort etwas schwieriger zu geben.
„Ehe ich Dir darauf eine Antwort gebe, lass mich zuerst Deine Geschichte zu Ende hören.“
„Also schön.“
Sie berichtete ausführlich über die Erlebnisse bei der Durchquerung von Orenoc nach Gi’tay. Die Überfälle und Hinterhalte, vergiftetes Essen, Attentäter, falsche Anschuldigungen beim Dorfschulzen, oder wer immer sonst für eine Siedlung sprach, Pferde wurden gestohlen, Gasthöfe abgebrannt, Brunnen versalzen.
„Egal was wir unternahmen, nichts gelang. Einer nach dem anderen erlag den feigen Attacken. Als sie schließlich angriffen, waren wir zu schwach, ihnen zu widerstehen.“
Wut und Verzweiflung waren in ihrem Bericht fast greifbar. Immer wieder musste sie Pausen machen, um sich zu sammeln.
Droin verstand sie nur zu gut. Auf diese Weise hatte er selbst zusammen mit den anderen manche Räuberbande zur Strecke gebracht. Doch das verschwieg er ihr vorsichtshalber.
„Eure Feinde haben eine geschickte Strategie angewendet“, sagte er stattdessen: „Trotzdem bist Du entkommen.“
Sie nickte: „Bis nach Gi’tay waren wir noch fünf, aber außer mir waren alle verwundet oder krank.“
„In der Stadt haben wir Glück gehabt. Wir konnten Pferde und Proviant erwerben und einen Führer engagieren, der uns durch den Sumpf gebracht hat.“
„Wie haben sie euch denn dann doch noch eingeholt?“
„Gar nicht. Das Schwein hat uns direkt in ihr Lager geführt.“
„Nur weil die Anderen sich geopfert haben, konnte ich entkommen.“
Tränen rannen ihr über die Wangen, doch in Droins Ohren klang sie hauptsächlich wütend.
„Ich habe ihn zu Asche verbrannt und bin geflohen. Was danach passiert ist, weißt Du.“
Sie sah ihn direkt an, als er nickte. Es hatte sie Kraft gekostet, die Geschichte zu erzählen. Dennoch fühlte sie sich erleichtert.
Ein winziges Stück von der Last, die sie mit sich trug, war von ihr abgefallen. Während der Erzählung war ihr bewusst geworden, dass sie keine Schuld am Tod ihrer Kameraden und Freunde trug. Sie hätte wenig tun können, um etwas zu ändern, und am Ende hatte sie nur dank eines Zufalls überlebt, der sie in den Weg von Drakkan Vael geführt hatte.
Das machte die Erinnerungen nicht weniger schmerzlich, es machte sie nur weniger allgegenwärtig. Heimlich fragte sie sich, was sie wohl tun würde, wenn es ihr tatsächlich gelänge, die Siegel zu erneuern.
Weil ihr darauf keine Antwort einfiel, verdrängte sie den Gedanken schließlich wieder. Stattdessen wandte sie sich Droin zu, der stoisch den Kompass weiter schob, keinen Augenblick die Umgebung aus den Augen lassend.
Er war für sie noch derjenige, den sie am leichtesten verstand. Nur die seltsame Kultur der Naurim, für alles Bezahlung zu verlangen, wollte ihr nicht so richtig in den Schädel. Sie erinnerte Droin an ihre Frage.
Wieder dauerte es, bis er antwortete, und als er es tat, wirkten seine Worte wohlüberlegt, so als hätte er die Antwort schon häufiger gegeben.
„Es ist nicht einfach, die Frage zu beantworten. Für mich, in einem gefährlichen Beruf ist es noch ziemlich simpel: Ich riskiere ständig mein Leben. Da wäre es reichlich dumm, keine Gegenleistung zu verlangen. Gleiches gilt für Kaufleute, Handwerker, sogar Künstler und Gelehrte. Keiner käme auf den Gedanken, ohne Lohn zu arbeiten.“
„Schon, aber auch für einen Gefallen? Einen Freundschaftsdienst?“
„Ja“, fuhr er fort: „Wenn man jemanden um etwas bittet, erwartet oder erhofft man sich eine Gegenleistung, ohne selbst etwas dafür zu tun. Aber die erbetene Leistung hat dennoch einen bestimmten Wert.“
„Ist es denn nicht so, dass ich um etwas bitte, gerade weil ich es nicht selbst kann?“
„Sicher. Das gilt jedoch auch für einen Stuhl, den Du von einem Tischler kaufst oder ein Bier, welches Du in einer Taverne bestellst. Eine Bitte ist eine Frage nach einer Leistung, ohne dafür zu bezahlen.“
„Und weshalb hast Du dann geholfen, mich nach Kaltarra zu bringen? Da konntest Du doch gar nicht wissen, ob ich dafür bezahlen kann.“
Droin grinste: „Stimmt. Hätte ich auch nicht getan“, erwiderte er.
Überrascht sah sie ihn an.
„Das wäre gegen die Lehren meines Volkes gewesen.“
„Aber warum dann?“
„Drakkan hat die Bezahlung übernommen. Und wie.“
„Was? Was hat er Dir gegeben?“
„Einen halben Becher roten Sand.“
Ihren Schock hatte er erwartet. Drakkan wirkte nicht so, war aber öfter großzügig und selbstlos. Zugegeben hätte er allerdings das nie.
„Wie wir jetzt wissen, war seine Entscheidung richtig. Um sie zu verstehen, musst Du die Naurim verstehen. Wir glauben, dass alles einen Wert hat. Statt dies dem Zufall, Höflichkeit oder Schuldgefühlen zu überlassen, legen wir die Werte in Münzen fest.“
„Was ist denn mit Geschenken? Schenkt ihr euch nie etwas?“
„Da sind wir wie alle anderen. Damit tust Du etwas für jemand anderen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Im Grunde das Gegenteil einer Bitte.“
„Erhofft man sich von Geschenken denn nicht auch Wohlwollen?“
„Nicht, wenn sie ehrlich gemeint sind. Du hast den wichtigsten Punkt erkannt. Wenn Du eine Gegenleistung erhoffst, ist es kein ehrliches Geschenk.“
„Aber wieso hat Drakkan Dich bezahlt? Gehört ihr nicht zum selben Klan? Ich dachte untereinander bezahlt ihr nicht?“
„Doch. Und er hat mich auch nicht bezahlt, sondern Du. Er hat Dir nur das Geld geliehen. Ich bin sicher er wird es zurückhaben wollen.“
„Dann muss er warten. Ich habe ihn nicht darum gebeten.“
Sie machte ein wütendes Gesicht.
„Wärst Du lieber tot?“
„Blöde Frage. Natürlich nicht. Schließlich habe ich eine Aufgabe zu erfüllen. Aber gefallen muss es mir deshalb nicht.“
Innerlich seufzte Droin. Äußerlich blieb er ruhig und gelassen.
„Und weil wir Söldner sind, die nur gegen Bezahlung arbeiten, sind unsere Motive weniger edel? Ich würde es anders sagen: wir sind weniger dumm. Jeder von uns hat eigene Ziele, nur verfolgen wir sie nicht umsonst.“
„Drakkan zum Beispiel sucht die Wurzeln seines Volkes und mit dem Verdienst aus seiner Arbeit hat er Deine Rettung bezahlt. Sieh Dir an, worauf Du sitzt. Ich habe Dir geholfen, dafür einen halben Becher roten Sand bekommen, die Rüstung erhalten und Attravals Kompass gefunden. Du reist mit uns. Obwohl Du die gleichen Gefahren durchlebst, besitzt Du kaum mehr als Deine Kleidung. Es ist nichts falsch, daran, sein Leben gegen eine Kiste Gold zu riskieren.“
„Reichtum ist nicht alles.“
Die Antwort klang selbst in ihren Ohren schal wie abgestandenes Bier. Besonders, weil sie seine Argumente damit nicht entkräften konnte.
Anscheinend wusste Droin das auch, denn er antwortete nicht, sondern schob den Kompass weiter.
1 - 27 Spurensuche -
Als sie schließlich das andere Ufer erreicht hatten, stand der Nachen zur Hälfte unter Wasser. Sie zogen ihn mit einiger Mühe in ein dortiges Schilfgestrüpp, bevor sie sich langsam auf den Fußmarsch machten. Kmarr kam mit der Krücke nur langsam voran, was nur unwesentlich besser war als gar nicht. Schweigend und dabei so leise wie möglich, entfernten sie sich von der Stadt, aus der sie nun Schreie und das Klirren von Waffen hören konnten.
Misstrauisch beobachteten sie die Stadtmauern, immer in Erwartung von auftauchenden Verfolgern.
Ohne darüber gesprochen zu haben, steuerten sie zielstrebig in die Richtung in der sie einige Nächte zuvor den Feuerschein gesehen hatten. Kmarr hatte Anaya erzählt, dass Shadarr sich von ihnen entfernte. Auch jetzt konnte er ihn fühlen, er war ziemlich weit weg, auf dem Weg zur Küste. Dass er nicht anhielt oder umkehrte, war ein sicheres Zeichen, dass er jemanden begleitete. Also muss außer Shadarr, ihm, Anaya und vermutlich auch Phyria mindestens noch einer ihrer Gefährten überlebt haben.
Er sorgte sich um die anderen beiden, wer immer sie sein mochten. Leider verhinderte seine Verwundung, dass sie sich auf die Suche machten. Anaya hatte sich strikt geweigert, ihn alleine zurückzulassen.
„Was nutzt es, wenn ich die Anderen suche, während Du an Wundbrand stirbst? Von Dir weiß ich, wo Du bist und das Du lebst. Also schluck Deinen Stolz runter und bleib vernünftig.“
Sie hatte natürlich Recht. Trotzdem nagte das Schicksal der Anderen an ihm. An Anayas Gesichtsausdruck konnte er sehen, dass es ihr ebenso erging.
Sie war sich Kmarrs Blick am Rande bewusst, wollte die Diskussion aber nicht nochmals führen. Vielmehr suchte sie unablässig in der Umgebung nach Spuren. Der schlammige Untergrund bereitete dabei keine Schwierigkeiten. Problematisch war nur, dass sie ebenfalls welche hinterließen.
Im Bemühen, es Verfolgern nicht zu einfach zu machen, hatte sie ihre Hufe breit und flach gemacht, so dass sie nur seichte Mulden hinterließ, die zudem noch die Form von Bärentatzen hatten. Einen geübten Spurenleser konnte sie so nicht täuschen, dennoch war es einen Versuch wert.
Sie lief zusätzlich in unregelmäßigen Kreisen und Schleifen um ihn herum.
Schnell kamen sie so nicht voran. Einen Grund zur Eile gab es aber auch nicht. Wer überlebt hatte, war jetzt auch noch lebendig, wer gestorben war, war schon längst Wurmfutter.
Mit ihren Fähigkeiten war es für Anaya kein Problem, sie zu den Resten des Feuers zu führen.
Der geborstene Stamm des Blutbaums zeigte deutlich die Spuren von Phyrias Flammen.
„Droin war bei ihr.“
Kmarr humpelte zu ihr hinüber: „Er ist aus dem Fluss gekommen und dann sind beide zusammen nach Norden gegangen.“
„Entweder einer oder beide sind verletzt.“
Sie hob den Rest des Furar-Mooses auf, dass sie in Wundverbänden benutzte.
„Schwere Verletzungen können es nicht sein. Die Schritte sind regelmäßig, die Abstände gleich und sie sind auch überall gleich tief.“
„Warum haben sie dann nicht gewartet oder sich auf die Suche nach uns gemacht?“
Kmarr witterte knurrend: „Kann ich nicht sagen. Ihr Geruch ist schon lange verflogen.“
„Weiß ich. Was dann?“
„Raubtiere?“
Anaya wedelte ablehnend mit der Hand: „Daran hab ich auch gedacht. Wenn, sind Droin und Phyria geflohen, bevor sie hier waren. Sonst gäbe es Spuren.“
„Geh sie suchen. Ich mache mich auf den Weg hinter Droin und Phyria her. Du wirst mich schon einholen.“
Kmarr war froh, dass Droin ebenfalls zu den Überlebenden gehörte. Damit war nur das Schicksal von Drakkan und Jiang ungewiss.
Langsam humpelte er auf den gut zu sehenden Spuren voran, während Anaya in der Nacht verschwand.
Sie trafen ungefähr zur gleichen Zeit an der Stelle ein, an der große Krallenspuren auf die Fährte ihrer Kameraden trafen. Der Boden war aufgewühlt und zertrampelt, bevor die wesentlich größeren Abdrücke den Kleineren folgten.
Viel war in der Dunkelheit nicht auszumachen nur, dass die Kreatur wenigstens drei Schritte in der Länge messen musste.
„Die Spuren sind mir fremd. Also ein hier heimisches Wesen, das außerhalb von Narfahel nicht vorkommt.“
„Sie ist groß, schnell und ziemlich breitschultrig.“
Anaya maß die Abdrücke mit Seil und Fingern ab: „Sie hatte keine Eile, denn die Spuren sind hinten nicht ausgebrochen und Vorne finde ich keine Krallenabdrücke im Boden, nur die der Fußballen.“
„Einholen werden wir sie trotzdem nicht.“
„Droin wird sie sich schon vom Leib schaffen. Phyria mag zwar unerfahren sein, aber sie ist sehr stark. Unter seiner Anleitung werden sie schon damit fertig.“
„Wenden wir uns zur Küste, oder folgen wir ihnen weiter?“
„Wir folgen ihnen. So wissen wir wenigstens sicher, dass wir hier wieder rausfinden, noch dazu auf der richtigen Seite. Was immer sonst sein mag, dort ist unser Heim.“
Für den Rest der Nacht marschierten sie in den Spuren ihrer Gefährten und deren Verfolger. Schnee bedeckte bereits weite Teile der Landschaft, doch es blieben genügend Stellen frei, um die Straße und die Fährten nicht zu verlieren.
Ihre Geschwindigkeit war niedrig, denn Kmarrs Verletzung machte sich im Laufe der Zeit immer stärker bemerkbar, so dass sie zahlreiche Pausen einlegen mussten.
Seine Laune sank mit jedem Halt weiter, bis Anaya schließlich kopfschüttelnd anhielt.
„Wir müssen eine Rast machen.“
„Ich werde schon durchhalten“, knurrte Kmarr ungehalten.
„Du schon, ich aber nicht. Wenn Du weiter so miese Laune hast, könnte in mir der Wunsch erwachen, Dich auf der Stelle zu erschlagen.“
Sie starrte ihn unnachgiebig an, bis er den Blick schließlich senkte. Langsam wich die Anspannung aus seinem Körper: „Entschuldige.“
„Kein Problem. Wenn wir uns jetzt ein Lager suchen und wenigstens einen halben Tag rasten. Wir sind ohnehin langsamer als sie. Da schadet eine zusätzliche Rast auch nicht mehr.“
Niedergeschlagen blickte Kmarr auf den Boden: „Dann suchen wir aber wenigstens einen brauchbaren Platz, der uns halbwegs trocken hält. Von Wasser hab ich fürs Erste genug.“
„Einverstanden.“
Viel mehr als eine Gruppe dorniger Büsche, über die sie eine Ölplane zogen, kam dabei nicht heraus. Wenigstens gab es darunter keinen schlammigen Matsch oder Schnee.
„Nicht gerade eine Herberge.“
„Dafür ist die Unterkunft günstig. Und jetzt lass mich die Wunden untersuchen.“
Anaya erneuerte die Verbände, war ansonsten aber mit dem Heilprozess zufrieden.
„Wenn uns nicht irgendwelche Raubtiere begegnen, sollten wir morgen gut vorankommen. Wir müssen ein Feuer machen. Es ist zu kalt, um ohne zu übernachten.“
„Mir recht.“
Sie hatte nichts anderes erwartet. Kmarr hasste Schnee und Kälte. Obwohl es um sie herum von Kreaturen wimmelte, die sich gut verborgen hielten, blieb die Rast ereignislos. Anscheinend passten sie nicht in das übliche Beuteschema der Räuber.
Nachdem Anaya ein halbes Dutzend Schlangenfrösche erlegt und zubereitet hatte, setzten sie ihren Verfolgungskurs fort.
Weit kamen sie allerdings nicht, denn schon aus der Ferne konnten sie die schlammigen Fluten eines über die Ufer getretenen Flusses erkennen, der ihnen den Weg versperrte.
„Droin und Phyria müssen den Fluss überquert haben, bevor er Hochwasser geführt hat“, mutmaßte Kmarr.
„So wie die Spuren verlaufen, ist das naheliegend.“
„Was machen wir?“
„Erst mal näher heran.“
Als das Wasser nur noch eine Bogenschussweite entfernt war, hielt Anaya, die voraus ging, an: „Ihr Verfolger ist wieder zurückgekommen und nach Osten, flussaufwärts gezogen.“
„Dann hat er es nicht über den Fluss geschafft und aufgegeben?“
„Nein, ich glaube nicht, dass er aufgegeben hat. Er war sehr schnell unterwegs.“
„Du meinst, er hatte ein bestimmtes Ziel?“
„Ja. So sieht es zumindest aus. Sieh mal, da ist ein schlammiger Pfad, dem die Kreatur gefolgt ist.“
Anaya deutete den Verlauf der Spuren entlang.
„Ein anderer Überweg?“
Sie überlegte kurz: „Das würde bedeuten, das Wesen wäre intelligent und würde sich gut auskennen.“
„Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich.“
„Seit wir Phyria aufgegabelt haben, wundert mich gar nichts mehr.“
„Machen wir uns das zu Nutze. Wenn wir den Spuren folgen, sollten wir ebenfalls über den Fluss gelangen.“
Der Pfad war schmal und bestand aus wenig mehr als einer Spur klebrigen Morasts, der zum größten Teil von Schnee bedeckt war. Dennoch war es nicht besonders schwer, ihm zu folgen, denn der Fluss gab die Richtung ohnehin vor.
Der Weg erklomm langsam einen Hügel, während der Fluss im Tal zurück blieb. Daher entdeckten sie den Übergang, als sie von der Kuppe herab blickten.
Ein Gestrüpp aus verkrüppelten Bäumen und abgestorbenen Büschen bot ihnen dabei Deckung.
„Was hältst Du davon?“
„Es sieht genauso aus, wie Du vermutest“, erwiderte Kmarr leise.
Über das Tal spannte sich eine schmale Brücke mit nur einem Bogen, auf der einzelner, rechteckiger Turm den Weg versperrte. Von ihrer Position aus konnten sie das geöffnete Tor sehen und dahinter die Zacken eines zur Hälfte herunter gelassenen Fallgitters. Schießscharten auf zwei Ebenen darüber boten ausreichend Gelegenheit, unerwünschten Besuchern die Überquerung zu verweigern.
Kmarr setzte sein Auge von Szad zusammen, um einen genaueren Blick darauf zu werfen.
„Es rührt sich nichts, aber die Räume hinter den Schießscharten sind auch nicht beleuchtet. Ich kann nicht sagen, ob darin jemand lauert.“
„Wenigstens ist das Tor geöffnet. Wir sollten es riskieren. Wer weiß, wo wir die nächste Chance bekommen und ob sie besser ist als diese.“
„Vermutlich. Warten wir, bis es dunkel ist. Dann sehen sie uns wenigstens nicht kommen. Irgendwas gefällt mir daran nicht, aber ich weiß nicht was.“
„Dann sind wir schon zwei.“
Kmarr ließ sich im Gebüsch nieder, nachdem er die Plane auf dem Schnee ausgebreitet hatte. Wärmer wurde es dadurch nicht. Dafür fror nicht noch mehr Eis in seinem Fell fest. Kälte und Verletzung machten ihn missmutig und träge. Daher hatte er auch keine Schwierigkeiten damit, Anaya die erste Erkundungstour zu überlassen. Er beobachtete sie dabei, wie sie lautlos den Hügel hinab glitt. Kaum sichtbar näherte sie sich dem Wachturm. Sie hielt einen Abstand von hundert Schritten, da bei Tageslicht die Gefahr einer Entdeckung sonst zu hoch gewesen wäre.
Über zwei Kerzenlängen hinweg untersuchte Anaya die Umgebung, die Straße und den Hügel auf der anderen Seite auf Spuren. Als sie schließlich zu Kmarr zurückkam, fand sie ihn dösend vor, eine Hand auf dem Bolzenwerfer.
„Hast Du etwas entdeckt?“, fragte er sie, ohne die Augen zu öffnen.
Anaya musste grinsen, weil er sie ertappt hatte, obwohl sie sich lautlos und gegen den Wind angepirscht hatte.
„Ich bin nicht sicher. Dazu waren die Spuren zu schwach. Jemand gibt sich viel Mühe, seine Anwesenheit zu verbergen.“
„Du glaubst, es ist jemand hier?“
Pulsuz fraqment bitdi.