Kitabı oxu: «Malvina Moorwood (Bd. 1)»

Şrift:

Für Christina

eISBN 978-3-649-63371-6

© 2021 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Christian Loeffelbein

Illustrationen: Julia Christians

Lektorat: Jutta Knollmann

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-63134-7.

Christian Loeffelbein

MALVINA MOORWOOD

Das Geheimnis von Moorwood Castle


Mit Illustrationen

von Julia Christians



Malvinas Name ist ein Ort.

Seht ihr ihren Schatten dort?

Seht ihr die Schatten an der Wand?

In Moorwood geht ein Geist durchs Land.


Inhalt

Kapitel 1 Der schlimmste Tag meines Lebens

Kapitel 2 Ich lasse eine Bombe platzen

Kapitel 3 Rettung in höchster Not

Kapitel 4 Ich starte meine Karriere als Detektivin

Kapitel 5 Der Blutige Schinken

Kapitel 6 Der Fluch des Hauses Moorwood

Kapitel 7 Der graus’ge Geist

Kapitel 8 Heimliche Telefonate

Kapitel 9 Die Schwarzpest

Kapitel 10 Das Fluchtuch

Kapitel 11 So große Raben gibt es nicht!

Kapitel 12 Der Geheimcode

Kapitel 13 Das gibt’s doch nicht!

Kapitel 14 Magische Tomatenklopse

Kapitel 15 In allen vier Ecken soll Glück sich verstecken

Kapitel 16 Die Auserwählte

Kapitel 17 Gefangen in der Dunkelheit

Kapitel 18 Das Labyrinth

Kapitel 19 Die Katakomben von Moorwood Castle

Kapitel 20 Flucht durch den Schlosspark

Kapitel 21 Böse Überraschung

Kapitel 22 Das letzte Stündlein

Kapitel 23 Die Nacht des Schreckens

Kapitel 24 Ich bin sprachlos

Über den Autor

Kapitel 1
Der schlimmste Tag meines Lebens


Der 16. Juli hätte ein wunderbarer Tag sein können.

Die Schule war aus, drei Stunden früher als geplant, die Sommerferien gingen los und es war so heiß wie noch nie.

In vier Tagen hatte ich Geburtstag und würde elf Jahre alt werden.

Alles war super.

Während ich mit meinem besten Freund Tom den Heckenrosenweg entlangschlenderte, sammelte ich ein paar flache Kieselsteine auf. Ein kleiner Wettkampf war jetzt genau das Richtige.

»Wetten, dass ich dich zuerst treffe?«, rief ich Tom zu und hielt ihm eins meiner Wurfgeschosse unter die Nase, damit er gleich verstand, was Sache war.

»Treffen?«, fragte Tom. »Wo denn? Und nach welchen Regeln?«

Tom musste immer alles ganz genau wissen. Sein Lieblingssport war Denksport, und er verbrachte Stunden damit, im Internet Knobelaufgaben zu lösen. Außerdem war Tom der totale Streber. Er hatte nur Einsen und ging freiwillig zu den Lateinkursen von Mr Brix. Nichts gegen die Lateinkurse von Mr Brix, aber hin und wieder musste man einem Besserwisser wie Tom schon mal zeigen, wo das Leben wirklich spielte.

Ich feuerte einfach drauflos und erwischte Tom an der Brust. Eine große Kunst war das allerdings nicht, denn er war ziemlich breit und trug noch dazu trotz der Hitze eine Windjacke, die ihm ein paar Nummern zu groß war.

»He!«, rief Tom, machte aber keine Anstalten zurückzuwerfen. Er hatte noch nicht mal einen Kieselstein in der Hand.

Spielverderber.

Ich spähte durch die Hecke. Wir waren gleich beim Spielplatz von Moorwood, den man außer durch das Tor etwas weiter südlich auch über einen schmalen Geheimgang gleich vor unserer Nase erreichen konnte. Geheimgänge liebte ich über alles.

Natürlich waren Tom und ich für Spielplätze schon viel zu alt, aber nicht für eine Mutprobe, die man hier machen konnte. Die war nämlich richtig gefährlich.

Und sie ging so:

Ich stellte mich auf die eine Seite der Wippe. Tom kletterte in der Zwischenzeit auf den Holzturm, der sich gleich daneben befand. Und dann musste er von dort aus auf die andere Seite der Wippe springen, was dazu führte, dass ich in hohem Bogen durch die Luft katapultiert wurde.

Wenn Tom nicht richtig sprang, tat er sich ziemlich weh. Und ich mir noch viel mehr, wenn ich nicht richtig landete.

Ich fand, dass ein bisschen Nervenkitzel immer gut war, aber Tom fand das nicht. Das erkannte ich an dem kritischen Blick, mit dem er stets die Wippe musterte.

Weil Tom jedoch mein bester Freund war, ließ er sich jedes Mal von mir überreden. Ich war nämlich nicht nur im Abspringen und Durch-die-Luft-Fliegen gut, sondern auch darin, andere Leute zu bequatschen.

Gerade als ich den Mund öffnen wollte, um loszulegen, hob Tom die Arme. »Schon gut, Malvina. Ein Sprung! Ein einziger. Aber dann ist erst mal Schluss. Bis Weihnachten. Mindestens!«

»Bis zum Ende der Ferien«, sagte ich.

»Bis November«, erwiderte Tom.

»Oktober!«

»Okay, okay.« Tom verdrehte die Augen und machte sich auf den Weg zum Holzturm. Ich kletterte vergnügt auf die Wippe und wartete auf meinen Einsatz. Und der kam schneller als gedacht. Normalerweise trödelte Tom immer ziemlich, aber diesmal sprang er sofort los und ich segelte Richtung Himmel und brach dabei meinen Hoch-durch-die-Luft-segel-Rekord. Es kribbelte im Bauch, mein Herz schlug wie verrückt und ein bisschen Angst hatte ich auch. Aber nur ein bisschen. Alles in allem genau die richtige Mischung.

Tom war nicht gerade für große Gefühlsausbrüche bekannt, aber nach dieser gemeinsamen akrobatischen Leistung hob selbst er seine linke Hand und ließ sie gegen meine ebenfalls erhobene rechte klatschen.

»Kommst du heute Nachmittag zu mir?«, fragte ich. »Wir können uns den Gruselfilm angucken, den du im Laden von deiner Mutter gefunden hast.«

Wenn es um Gruselfilme ging, musste man Tom nicht lange überreden. Er mochte spannende Aktivitäten hauptsächlich dann, wenn sie sich in einem sicheren Umfeld erledigen ließen. Und wenn sie etwas mit einer weichen Sitzgelegenheit zu tun hatten.

»Geht nicht«, entgegnete er. »Der Film ist auf einer alten Videokassette aus dem letzten Jahrhundert.«

»Lass dich überraschen.« Statt weiterer Worte blinzelte ich ihm diesmal nur geheimnisvoll zu.

»Okay«, sagte Tom. »Um vier bei dir.« Dann trottete er davon.

Bevor er bei der Bäckerei um die Ecke bog, drehte er sich noch mal um und rief: »Um vier!«

Tom hatte sichtlich gute Laune.

Ich nickte zufrieden. Es war ein schönes Gefühl, wenn jemand, den man mochte, sich freute.

Wie gesagt, es hätte ein wunderbarer Tag sein können.

Ich fuhr mit dem Bus nach Hause und hielt ein kleines Schwätzchen mit meinem Lieblingsbusfahrer Bernie. Während der Fahrt setzte ich mich nicht hin, sondern stand schräg hinter Bernies Fahrerecke, die ein bisschen so aussah wie die Kommandobrücke eines sehr alten Raumschiffs. Bernie versorgte mich mit Gummibärchen, die er aus einer großen gelben Tüte angelte. Süßigkeiten vor dem Mittagessen waren immer gut für die Stimmung.

Bernie konnte noch mehr quatschen als ich und ich lauschte seinem Redeschwall. Dabei betrachtete ich die kleinen Figürchen und den anderen Krimskrams, der an einer Schnur an dem Spiegel hing, mit dem Bernie den hinteren Teil des Busses im Auge haben konnte. Einiges davon stammte aus Überraschungseiern, aber das meiste musste er aus einer anderen, sehr viel geheimnisvolleren Quelle haben. Zum Beispiel die kleine Flöte, die aussah, als wäre sie aus einem Knochen geschnitzt. Oder der gelbe Totenkopf darunter. Ein gelber Totenkopf mit rosafarbenen Haaren, die steil zu Berge standen, und mit riesigen Kulleraugen, die in allen Regenbogenfarben schimmerten.

»In den nächsten Tagen wird es noch heißer werden«, erzählte Bernie. »Und dann soll es Gewitter geben und vielleicht sogar einen Wirbelsturm.«

»Super«, sagte ich. Denn im Gegensatz zu Tom war ich gern mittendrin, statt nur dabei.

Dann hielt Bernie bei der Bushaltestelle am alten Torhaus und ich stieg aus. Ich winkte zum Abschied.

Das alte Torhaus hieß so, weil es hier früher einmal ein großes Eingangstor und eine Zugbrücke gegeben hatte, aber wie alles auf unserem Grundstück waren Tor und Brücke alt und verfallen.

Also genau richtig.

Das sahen die Fahrer der Autos, die in unserem Schlossgraben gelandet waren, natürlich anders. Und weil solche Autofahrer mehr zu sagen hatten als fast elfjährige Mädchen wie ich, hatte mein Vater das Tor abgerissen und die Brücke durch einen Betonklotz ersetzt.

Nur das Torhaus moderte noch in stiller Würde vor sich hin. Weil sich dort drinnen ein alter Trafo vom Elektrizitätswerk befand, war es dem Abriss entgangen.

Im Park traf ich Poldi, unseren Hund. Er hatte versucht, Kaninchen zu jagen, aber natürlich keinen Erfolg gehabt. Poldi war schon ziemlich alt und Kaninchen waren viel zu schnell für ihn. Ich pflückte ein paar kleine grüne Birnen und warf sie durch die Luft. Kleine grüne Birnen waren viel leichter zu fangen als Kaninchen. Poldi sprang wild umher und bellte jedes Mal glücklich, wenn er eine Birne erwischte.

Dann fiel uns beiden das Mittagessen ein und wir liefen um die große verwilderte Haselnusshecke auf unser Schloss zu. Mit dem sommerlichen Park drum herum und dem blauen Himmel darüber sah der alte Kasten noch hässlicher aus als sonst und erinnerte mehr an eine heruntergekommene Fabrik als an ein Schloss. Das hieß, dass die schiefen Türme, die bröckelige Außentreppe und das graue Mauerwerk ganz besonders auffielen, weil alles andere so hübsch und romantisch wirkte.

Das Schloss hieß übrigens Moorwood Castle und es war uralt. In Butlers Burgen- und Schlösser-Lexikon hatte ich einmal gelesen, dass es zu den zehn hässlichsten Bauwerken Großbritanniens gehört, aber das ist natürlich Quatsch. Moorwood Castle gehört nicht zu den zehn hässlichsten Bauwerken Großbritanniens, es ist das hässlichste. Mit Abstand. Und gerade deswegen ungeheuer liebenswert. Wenn wir in der Schule einen Ort malen sollten, an dem wir besonders glücklich waren, dann malte ich immer unser Schloss. Auch wenn meine Eltern meinten, dass es kurz davor war zusammenzukrachen.

Poldi und ich wetzten am Hauptportal vorbei, das mit Brettern vernagelt war. Auch die Fenster links und rechts vom Portal waren verriegelt und verrammelt. Das hatte natürlich Papa gemacht. Papa war der Earl of Moorwood und wie viele englische Landadlige war er bettelarm. Deswegen wohnten wir auch nicht direkt im Schloss, sondern in einem Anbau, in dem früher einmal die Kutschen und die Knechte untergebracht worden waren. Natürlich gab es schon lange keine Kutschen und erst recht keine Knechte mehr bei uns. Wir machten alles selbst und zum Herumkutschieren hatten wir Opas alten Landrover und Mamas neuen Mini. Mama war Zahnärztin und hatte eine Praxis im Städtchen Moorwood, ganz in der Nähe vom Krimskramsund Geschenkartikelladen von Toms Mutter.


Ich atmete tief ein. Es roch nach Sommer, nach Pferden und nach Tante Fridas Schweinebraten mit Apfelsoße. Das war mein Leibgericht.

Sagte ich bereits, dass es ein wunderbarer Tag hätte sein können?

Schweinebraten mit Apfelsoße! Und mein Geburtstag stand vor der Tür! Aber leider auch mein Bruder Tristan.

Also, er stand wirklich vor der Tür, der Küchentür nämlich. Das erste nicht so schöne Ereignis an diesem bislang perfekten Tag.

»Was machst du denn hier?«, fragte Tristan.

»Ich wohne hier«, sagte ich.

»Oh Mann«, knurrte er. »Was du jetzt schon hier machst.«

»Feststellen, dass du mal wieder vom Pferd geflogen bist«, sagte ich.

»Bin ich nicht«, log Tristan.

Ich hätte ihn darauf hinweisen können, dass die Quarz-Sandspäne aus der Reithalle, mit denen seine Hose, sein Hemd und sein Reithelm paniert waren, eine andere Geschichte erzählten, aber ich tat es nicht und entgegnete stattdessen: »Schule war früher aus. Hab schon Bescheid gesagt. Deswegen gibt’s jetzt Schweinebraten mit Apfelsoße. Hat Tante Frida extra für mich gemacht.«

»Igitt«, sagte Tristan, der Apfelsoße nicht mochte.

Und genau das war das Problem. Wenn etwas auf den Tisch kam, was er nicht gern aß, wurde mein großer Bruder zum schlimmsten Miesmacher der Welt.

Zum Glück bimmelte in diesem Moment Tristans Handy. Bestimmt Onkel Bob, der Tristan zurück in den Stall beorderte. Der gehörte übrigens auch zu unserem Schloss, also der Stall. Papa betrieb zusammen mit Onkel Bob eine Reitschule und eine Pferdepension.

Ich hörte, wie Onkel Bobs laute Stimme aus dem Gerät Befehle erteilte. Der Hengst sollte beschlagen werden, und Tristan sollte helfen, das wilde Tier festzuhalten. Außerdem mussten mindestens drei der Pensionspferde auf die Weide hinter dem Stall gebracht werden und drei andere Pferde wieder von der Weide herunter, weil die sich nicht gut miteinander vertrugen.

Tristan wollte nicht und fing an zu diskutieren, aber gegen Onkel Bob hatte er keine Chance. Wenn man es genau betrachtete, war Tristan eigentlich so etwas wie der Knecht von Onkel Bob. Allerdings war das jetzt nicht mein Problem.

Ich huschte an meinem hilflosen Bruder vorbei in die Küche. Tante Frida empfing mich mit einer ihrer üblichen warmherzigen Umarmungen und wie immer schnupperte ich dabei an ihrer Bluse. Tante Frida duftete nämlich geheimnisvoll. Obwohl sie viel in der Küche stand, roch sie nie danach, keine Ahnung, wie sie das machte. Sie war die sehr viel jüngere Schwester von Opa und hatte eine Zeit lang in Ingolstadt gelebt, einer Stadt im Süden von Deutschland, wo es noch echte Hexen gab – jedenfalls versicherte das Tante Frida. Und ich glaubte ihr. Sie hatte dunkle, glatte Haare und riesengroße grüne Augen, und sie sah aus wie fünfundzwanzig, obwohl sie schon sechzig war oder vielleicht sogar noch älter, das wusste keiner so genau. Tante Frida war übrigens die Frau von Onkel Bob.

»Tristan kommt später, er muss noch mal in den Stall«, sagte ich und Poldi bellte zur Bestätigung. »Kann ich schon essen? Ich sterbe vor Hunger«, behauptete ich und verschwieg, dass ich mir gerade noch eine nicht unerhebliche Menge Gummibärchen reingepfiffen hatte. Poldi behauptete vorsichtshalber dasselbe, indem er erneut laut bellte.

Tante Frida ließ sich erweichen, obwohl gemeinsames Essen bei ihr hoch im Kurs stand. »Dann lass es dir mal schmecken, meine Süße. Du kannst ja eine ordentliche Portion vertragen.« Sie rollte vielsagend mit den Augen.

Das mit der Portion sagte sie immer. Ich bin nämlich nicht gerade voluminös – die Einschätzungen schwanken zwischen klapperdürr (Tristan) und zart gebaut (Mama) – und Tante Frida meinte stets, dass ich zu wenig essen würde, was jedoch nachweislich nicht stimmte.

Aber was sollte das mit dem Augenrollen bedeuten?

»Alles in Ordnung, Tante Frida?«, fragte ich.

»Gewiss, gewiss.« Sie nickte und verteilte großzügig Soße über den Braten und den Knödel auf meinem Teller.

Wenn ich in diesem Moment genau hingeschaut hätte, statt mit Messer und Gabel zu hantieren, dann hätte ich bemerkt, dass Tante Frida ein wenig flunkerte. Die richtige Antwort auf meine Frage hätte nämlich lauten müssen: »Nein, keineswegs. Unheil naht.«

Aber verfressen, wie ich war, bekam ich das nicht mit und ging weiter davon aus, mich mitten in einem perfekten Tag zu befinden.

Ich hatte den besten Schweinebraten der Welt plus einen Extraknödel gerade verspeist, als mein Bruder in die Küche gepoltert kam. Perfektes Timing. Ich schnappte mir meine Schultasche, sauste aus der Küche, flitzte durch den Flur, rannte die Treppe nach oben und stürmte in mein Zimmer. Dafür brauchte ich vierundzwanzig Sekunden. Zwei weniger als gestern. Perfekte sportliche Leistung. Ich begann, meine Schulsachen ganz weit unten in meinem Kleiderschrank zu verstauen und dabei eine ganze Menge T-Shirts, Hosen und Pullis zu finden, die ich schon seit Ewigkeiten gesucht hatte.

Mitten in mein Gewühle hinein klingelte es. Das konnte nur Tom sein, den die Neugier früher als erwartet zu mir getrieben hatte. Ich sprang auf, stürmte hinunter und öffnete die Haustür.

»Ist der Wirbelsturm schon losgegangen?«, erkundigte ich mich, denn Tom sah ziemlich zerzaust aus.

»Was für ein Sturm?« Tom wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Bin gerannt«, erklärte er dann.

Er sah mich an, und das Glitzern in seinen Augen verriet, dass er jetzt nicht weiter über das Wetter sprechen wollte – sondern über den Gruselfilm, der in seinem Rucksack steckte.

»Und du hast also echt ein Abspielgerät gefunden?«, fragte er.

Ich machte ein geheimnisvolles Gesicht und flüsterte: »Wart’s ab.«

Dann schwärmte ich Tom von Tante Fridas Schweinebraten vor, entwarf einen Plan dafür, im alten Torhaus ein Geheimversteck für uns beide einzurichten, und lotste Tom währenddessen die Treppe nach oben in den ersten Stock. Dort bogen wir in einen langen Korridor ein, der zu der kleinen Wendeltreppe führte, über die man in den zweiten Stock schlich, wenn man nicht wollte, dass es jemand mitbekam.

»Wo führst du mich denn hin?«, fragte Tom.

»Pst!«, antwortete ich und hielt ausnahmsweise selbst ebenfalls den Mund, um ein gutes Beispiel abzugeben.

Ich ging mit Tom im Dunkeln einen weiteren Korridor entlang. Am Ende angekommen, schaltete ich die Taschenlampenfunktion meines Handys ein und leuchtete in eine Nische.

»Da steht ein Gummibaum«, stellte Tom fest. Besonders begeistert klang er nicht. »Ich dachte, wir gucken uns den Gruselfilm an und keine Zimmerpflanzen, die …«

»Abwarten«, unterbrach ich ihn. Letztens hatte ich nämlich herausgefunden, dass sich hinter dem Gummibaum ein schmaler Durchgang befand – ein Durchgang zu unserem Schloss! Wenn man die Pflanze mitsamt dem großen Übertopf ein wenig beiseiteschob, konnten sich zwei kleine dünne Kinder dort hindurchquetschen. Okay, Tom war weder klein noch dünn, aber er war immerhin ein Kind und musste dann eben den Bauch einziehen. Er fand das nicht so toll, doch schließlich hatten wir es geschafft.

»Jetzt sind wir gleich da«, raunte ich Tom zu und knipste das Licht an. Weil die Fenster mit Brettern vernagelt waren, konnte uns keiner auf die Schliche kommen.

»Sag bloß, wir sind jetzt in Moorwood Castle«, schnaufte Tom.

»Blitzmerker«, erwiderte ich.

»Aber …« Tom sah sich um. »Aber ist das nicht verboten?«

»Du meinst, hierherzukommen?« Ich winkte ihm zu, mir zu folgen.

»Ja«, sagte Tom, »ich dachte, es ist gefährlich, weil das Schloss einstürzen kann.«

»Ach was«, murmelte ich, was natürlich keine richtige Antwort war, aber ich wollte jetzt keine Diskussion um Verbote aufkommen lassen. Denn leider hatte Tom mit seiner Frage mitten ins Schwarze getroffen. Wir befanden uns im Ostflügel von Moorwood Castle und die Zimmer dort waren tatsächlich verboten – während die Zimmer im Haupthaus und im Westflügel strengstens verboten waren und der Dachboden allerstrengstens. Und der Keller war so dermaßen streng verboten, dass es dafür gar kein Wort mehr gab. Angeblich war dort vor dreißig Jahren der letzte Gärtner, der je für die Familie Moorwood gearbeitet hatte, von einem herabstürzenden Mauerstein erschlagen worden. Und seitdem war es dort nicht mehr geheuer. Das hieß, dass es dort unten spuken sollte – jedenfalls behauptete das mein Bruder Tristan.

Aber das war natürlich Unsinn. Warum sollten sich Gespenster, die durch Wände und geschlossene Türen schweben konnten, auf den Keller beschränken? Die geisterten natürlich durchs ganze Schloss! Und selbstverständlich gab es in so einem uralten Gemäuer wie Moorwood Castle nicht nur ein einziges armseliges Gärtner-Gespenst. Hier hausten noch jede Menge andere Spukgestalten. Der rote Baron zum Beispiel und der Henker Harry. Die Spinnen-Lady und die weiße Wasserleiche. Das kriechende Kind und der tanzende Totengräber.

Gesehen hatte ich von diesen gruseligen Gesellen allerdings noch keinen. Leider.

Da Tante Frida meine Begeisterung für unheimliche Dinge aller Art teilte, hatten wir beide eine E-Mail an den Verlag von Butlers Burgen- und Schlösser-Lexikon geschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass Moorwood Castle nicht nur das hässlichste Schloss Englands war, sondern auch das, in dem es am meisten spukte. Na ja. So ganz genau wussten wir das natürlich nicht. Was wir allerdings ganz genau wussten, war, dass man sich im alten großen Ballsaal keine fünf Minuten aufhalten konnte, ohne eine Gänsehaut zu bekommen. Und dass aus dem Klo im zweiten Stock des Anbaus, in dem wir wohnten, manchmal merkwürdige Röchelgeräusche kamen, obwohl gar keiner drin war. Und dass man in das Astloch der alten Eiche im Garten Spielsachen hineinwerfen konnte, die dann spurlos verschwanden.

Vielleicht würden die vom Verlag so etwas wie einen Spuk-Beobachter schicken, also jemanden, der richtig Ahnung davon hatte. Mit dem könnte ich dann gemeinsam auf Geisterjagd gehen. Darauf freute ich mich schon sehr.

Aber jetzt freute ich mich erst mal darauf, Tom zu überraschen.

Der Ostflügel war übrigens bis kurz vor Tristans Geburt noch von meiner Familie genutzt worden, natürlich ohne zugenagelte Fenster. Onkel Frank hatte hier gewohnt, bevor er nach London gezogen war, um ein berühmter Schauspieler zu werden. Mama und Papa hatten ebenfalls hier gelebt, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, aber Mama fand das nicht so toll, weil sie alte Häuser nicht mochte. Kaum zu glauben, aber wahr: Mama träumte davon, in einem kleinen Appartement mit Zentralheizung zu wohnen. Vielleicht lag es daran, dass ihr einmal beim Schlafen ein Teil der Stuckverzierung von der Decke aufs Gesicht gefallen war. Keine Ahnung, warum sie sich wegen ein bisschen Gipsstaub so anstellte, aber so war Mama halt. Für sie musste immer alles tipptopp sein.

»Hier entlang«, sagte ich zu Tom und winkte erneut. Diesmal energischer, weil Tom nur noch zögerlich einen Fuß vor den anderen setzte.

Ob er Angst hatte?

Ein wenig unheimlich war es hier nämlich schon. Die Wandbeleuchtung flackerte, und die Tapete des Flurs, den wir entlanggingen, war aus dem vorvorigen Jahrhundert und hatte wahrscheinlich auch schon damals keine besonders heitere Stimmung verbreitet. Die verschlungenen Muster sahen aus wie grinsende Totenköpfe, und ich konnte mir gut vorstellen, dass Henker Harry hier gern um Mitternacht herumstreunte.

Ich führte Tom zu Papas altem Arbeitszimmer und knipste das Licht im Flur wieder aus. Für eine Weile standen wir in der schwülwarmen Dunkelheit.

Tom schnaufte erneut, während ich mich zu Papas Schreibtisch vortastete. Dort machte ich die Lampe an und gab dann ein übermütiges »Ta-ta-ta-ta!« von mir. Gleichzeitig zeigte ich mit beiden Händen auf den alten Fernseher neben dem Schreibtisch. Er stand auf einem Rollwagen, zusammen mit dem Abspielgerät für Videokassetten. Der Fernseher sah aus wie ein Backofen und das Videogerät wie ein Metallklotz vom Schrottplatz.

Tom riss die Augen auf.

»Nicht schlecht«, sagte er anerkennend und holte die Videokassette aus seinem Rucksack. Dracula verkündete eine blutrote Schrift auf dem Titelbild, das außerdem eine verfallene Burg und einen höhnisch grinsenden Vampirfürsten zeigte. Sehr vielversprechend und genau der richtige Film für den letzten Schultag.

»Funktioniert die Anlage denn auch?«, fragte Tom.

Ich nickte, denn ich hatte die beiden Geräte aus der Steinzeit schon einmal mit Tristan ausprobiert.

Aber gerade in dem Moment, als ich den Fernseher einschalten wollte, fiel mein Blick auf den Papierkram, der auf dem Schreibtisch lag.

Neuer Papierkram.

Papierkram, der bei meinem letzten Besuch noch nicht da gewesen war.

Papierkram, der nichts Gutes bedeutete, das spürte ich sofort, denn es gab einen ganz bestimmten Grund, warum er hier herumlag und nicht in Papas normalem Arbeitszimmer neben der Küche:

Es war Papierkram, den ich nicht sehen sollte. Und vermutlich Tristan und meine beiden Schwestern auch nicht.

»Was ist denn los?«, fragte Tom. Er klang besorgt.

Ich murmelte etwas Unverständliches vor mich hin, weil ich damit beschäftigt war, den Papierkram anzustarren. Den Papierkram, den keiner sehen sollte.

Tom trat neben mich und half mir beim Starren. Ich war froh, dass er da war, denn ich fühlte mich plötzlich so, als hätte mir jemand in den Magen geboxt und mich gleichzeitig mit eiskaltem Wasser überschüttet.

»Verdammte Axt«, flüsterte Tom, ein Ausdruck, den er von seinem Vater aufgeschnappt hatte und den er nicht leichtfertig einsetzte. Verdammte Axt war für außergewöhnlich schreckliche Dinge reserviert.

Dinge wie diesen Papierkram.

»Weißt du, was das bedeutet?«, flüsterte Tom.

Ich nickte.

Natürlich wusste ich es.

»Dein Papa hat euer Schloss verkauft«, sagte Tom.

Ich holte tief Luft, damit ich nicht anfing zu heulen. »Allerdings«, sagte ich.

»An einen gewissen Mr Bommel.«

Der 16. Juli hätte ein wunderbarer Tag sein können.

Aber es war der schlimmste Tag meines Lebens.


Kapitel 2
Ich lasse eine Bombe platzen


Zum Abendessen gab es eine kalte Version von Tante Fridas Schweinebraten und diesmal waren alle Familienmitglieder in der Küche versammelt. Allerdings nicht um den Tisch herum, sondern im Raum verstreut. Das war nicht unüblich bei uns, wenn eine Art Buffet serviert wurde.

Papa hatte ein Stück Schweinebraten in der einen Hand und unsere alte, klapprige elektrische Heckenschere in der anderen. Er versuchte, das Teil auf ein Stück Zeitung zu legen (also die alte, klapprige elektrische Heckenschere, nicht den Schweinebraten), wobei ihm Poldi fortwährend in die Quere kam.

Onkel Bob scherzte am Herd mit Tante Frida, wobei er abwechselnd ein riesiges Stück Käse und ein Glas Rotwein zum Mund führte und laut lachte. Offenbar hatte das mit den Hufeisen und unserem Hengst geklappt, denn sonst wäre Onkel Bob nicht so gut drauf gewesen.

Tante Frida rührte konzentriert in einem Topf, in dem sich ihre berühmte rote Grütze aus Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren befand. Hin und wieder sagte sie Sachen wie »Aha«, »Na, so was« und »Ist ja nicht zu fassen« (Tante Frida interessierte sich nicht besonders für Pferde).

Mama saß mir gegenüber am Esstisch, knabberte gedankenverloren an einer Mohrrübe und ging irgendwelche Rechnungen durch (Mama interessierte sich nicht besonders fürs Essen).

Amalia und Georgina (meine beiden großen Schwestern, wie immer gleich angezogen und geschminkt und mit dem gleichen nervigen Wir-sind-Zwillinge-und-etwas-Besseres-Blick) tippten auf ihren Handys herum, während sie in der Mitte der Küche und Tristan im Weg standen. Der versuchte nämlich gerade, eine geöffnete Flasche Cola, ein geöffnetes Glas Erdnussbutter, eine Packung Toastbrot, zwei Bananen und einen Teller zum Esstisch zu balancieren, und kam an den beiden nicht vorbei.

Genau der richtige Moment, um die Bombe platzen zu lassen.

Tom hatte mir zwar davon abgeraten, aber man kann nicht immer auf seine Freunde hören. Und der schlimmste Tag meines Lebens sollte auch für meine Familie (und vor allem für meinen hinterhältigen Papa) nicht angenehm enden.

»Ich habe heute so einen Typen in Moorwood getroffen«, sagte ich.

Tante Frida schaute an Onkel Bob vorbei zu mir. Sie hob die Augenbrauen und eventuell bewegte sie den Kopf ganz leicht von links nach rechts, das konnte ich aus dem Augenwinkel nicht so genau sehen. Ansonsten reagierte keiner.


Papa untersuchte das Kabel der Heckenschere, das offenbar defekt war. Onkel Bob wedelte mit Käse und Rotwein herum, Mama knabberte, die Zwillinge kicherten und Tristan versuchte weiter, sich an ihnen vorbeizuschieben.

»Hat gesagt, dass er zu wissen glaubt, wer ich bin, der Typ«, fuhr ich fort.

Tante Frida zog die Augenbrauen noch eine Spur höher. Papa drehte den Kopf in meine Richtung, und Mama hörte mit dem Knabbern auf, nicht aber damit, die Rechnungen durchzuschauen.

»Hat gefragt, ob ich die kleine Lady Moorwood bin«, sagte ich.

Tante Frida hob jetzt zusätzlich zu ihren Brauen auch noch ihren Kochlöffel. Mama hörte auf, in ihren Rechnungen zu blättern.

»Und wer war dieser Gentleman, Liebes?«, fragte Papa.

»Hat gemeint, dass er Mr Bommel heißt«, sagte ich.

Der erste Teil der Bombe war explodiert und die Wirkung nicht schlecht.

Tante Fridas Kochlöffel zitterte in der Luft, Onkel Bob bekleckerte sich mit Rotwein, Papa wurde so bleich wie das Stück Käse, das Onkel Bob inzwischen fallen gelassen hatte, und Mama holte zischend Luft und hüstelte. Die Zwillinge stellten ihr Gekicher ein, weil sie merkten, dass irgendetwas vor sich ging (sie waren zwar hochnäsig, aber nicht blöd). Nur mein Bruder machte ungerührt mit seinem Geeiere weiter und versuchte jetzt, links an Amalia vorbeizukommen.

»Hat erzählt, dass er unser Schloss gekauft hat, der Mr Bommel«, sagte ich.

Kawumms! Volle Ladung!

Tante Fridas Kochlöffel verschwand in der Grütze. Onkel Bob begoss das am Boden liegende Stück Käse mit dem Rotwein. Papa riss die Heckenschere an ihrem Kabel nach oben und ließ sie dann gleich wieder fallen, wobei sie um ein Haar Poldi den Schwanz abrasiert hätte. Poldi fing an, klagend zu bellen, aber das war nichts gegen den Lärm, den Tristan mit dem Erdnussbutterglas, der Colaflasche und dem Teller veranstaltete. Ich hätte nie gedacht, dass es derart laut werden kann, wenn Glas und Porzellan auf dem Küchenfußboden zerschellen. Die Zwillinge kreischten »Igitt!« und »Äh!«, weil sie von einer Erdnussbutter-Cola-Scherben-Mischung getroffen wurden, und Mama legte ihre angeknabberte Möhre auf einen Teller und sagte: »Dieser Vollidiot.«

Tristan wollte protestieren, weil er diese wenig schmeichelhafte Bezeichnung auf sich bezogen hatte, aber dann merkte er, dass es gar nicht um ihn ging, und hielt den Mund.

Überhaupt war es plötzlich ganz still in der Küche. Poldi bellte nicht mehr und die Zwillinge hörten auf zu kreischen. Niemand gab einen Laut von sich, bis auf die rote Grütze, die in ihrem Topf vor sich hin blubberte.

»Stimmt das?«, fragten Amalia und Georgina nach einer Weile wie aus einem Mund.

»Nein«, sagte mein Vater.

»Lügner!«, rief ich und verlor dabei leider die Beherrschung. Ich hatte plötzlich Tränen in den Augen. »Du hast unser Schloss an diesen Mr Bommel verkauft. Unser schönes, altes Schloss.«

»Echt jetzt?«, wollte Tristan wissen und nutzte die Dramatik der Ereignisse dazu, sich nicht weiter um die Schweinerei zu kümmern, die er auf dem Küchenfußboden angerichtet hatte.

Papa machte das, was er immer tat, wenn er nicht weiterwusste. Er streichelte Poldi und sah Hilfe suchend zu Mama.

»Nein«, sagte Mama.

»Ihr lügt«, kreischte ich. »Alle beide! Mr Bommel hat es mir gesagt. Ihr lügt! Ihr lügt!! Ihr lügt!!!«

Natürlich log ich auch, aber das war in diesem Fall erlaubt, hatte ich entschieden. Tatsächlich hatte ich diesen Mr Bommel ja gar nicht getroffen, sondern nur seinen Namen auf der Verkaufsurkunde in den verbotenen Zimmern des Ostflügels gelesen, und auch das nicht besonders deutlich.

»Wir lügen nicht«, sagte Mama und reichte mir ein Taschentuch. Keine Ahnung, wo sie das plötzlich herhatte.

»Der Name des Herrn wird übrigens französisch ausgesprochen und er heißt Beaumel und nicht Bommel. In der Tat interessiert sich Mr Beaumel dafür, Moorwood Castle zu erwerben«, fuhr Mama fort. »Aber wir hatten mit ihm vereinbart, darüber Stillschweigen zu bewahren.«

»Krass«, stellte Tristan fest. »Ihr wollt die Hütte also echt verticken.«

»Für wie viel?«, fragten Amalia und Georgina – erneut im Chor.

»Das spielt doch überhaupt keine Rolle!«, rief ich mit viel zu schriller Stimme. »Unser Schloss ist unverkäuflich. Es gehört uns, nur uns und niemandem sonst, und man darf es nicht verkaufen, weil es seit Jahrhunderten unserer Familie gehört, und Opa würde niemals …«

Ich wusste nicht mehr weiter. Wo steckte Opa überhaupt? Erst jetzt und leider etwas zu spät fiel mir auf, dass er gar nicht in der Küche war, als ich die Bombe hatte platzen lassen. Nicht auf Opa zu warten, war natürlich ziemlich dämlich von mir, denn er wäre bestimmt super sauer auf Papa und auf meiner Seite gewesen.

»Was ist denn hier los?«

Na, wer sagt’s denn – da kam Opa gerade noch rechtzeitig durch die Küchentür, mit einem Schraubenschlüssel in den ölverschmierten Händen. Vermutlich hatte er mal wieder an der Heizung herumgewerkelt, die war nämlich des Öfteren kaputt, obwohl sie dringend gebraucht wurde, auch im Sommer. Von der Hitze draußen kam so gut wie nichts in unsere Räume hinein. Wegen der dicken Mauern und der schmalen Fenster.

»Papa will unser Schloss verkaufen, an einen Typen, der Mr Bommel heißt«, berichtete ich schnell, ehe jemand etwas anderes behaupten konnte. Und natürlich sprach ich den Namen von diesem schmierigen Typen nicht französisch aus.

Jetzt würde es gleich ein Donnerwetter geben, das sich gewaschen hatte. Opa war zwar nicht so der zornige Typ und er war ja auch nicht mehr der Jüngste, aber er war unglaublich stark, stärker noch als Onkel Bob. Und früher war Opa mal Soldat gewesen und hatte in einem echten Krieg mitgemacht, wegen irgendwelcher Inseln bei Argentinien, glaube ich. Keine Ahnung, ob damals auch richtig geschossen wurde, aber in unserer Küche würde es auf jeden Fall gleich noch mal richtig rumsen.

Dachte ich.

Tatsächlich schlenderte Opa nur zum Herd, wich mit einem eleganten Seitwärtsschritt dem Käse auf dem Fußboden aus und verkündete:

»Stachelbeerkompott, das ist mein Lieblingsnachtisch.«

»Es gibt rote Grütze, Georgy«, sagte Tante Frida.

»Noch besser«, bemerkte Opa und saß keine fünf Sekunden später mit einem Teller dampfender Grütze vor seiner Nase neben mir.

»Unser Schloss«, jammerte ich. »Unser Schloss, Papa hat es verkauft!«

Jetzt musste Opa mich gehört haben. In seinem Gesicht bildeten sich Falten.

Vielleicht wurde er sogar so wütend, dass er den Teller mit der Grütze nach Papa schmiss.

Schon wieder falsch gedacht.

Die Falten, das waren Lachfalten.

Opa sah mich mit einem verschmitzten Grinsen an.

»Hat dieser Bommel also tatsächlich zugeschlagen?«, raunte er mir verschwörerisch zu.

»Nein, das hat er noch nicht«, mischte sich nun Mama ein. »Und der Mann heißt Beaumel. Er hat lediglich eine Absichtserklärung unterschrieben und sich damit ein Vorkaufsrecht gesichert.«

»Na, immerhin«, freute sich Opa und löffelte vergnügt rote Grütze.

Ich verstand die Welt nicht mehr.

»Opa, hast du mir nicht richtig zugehört?«, fragte ich und rüttelte an seinem Arm. »Unser Schloss! Papa will es verkaufen.«

»Ja, natürlich«, sagte Opa sanft. »Das wollen wir doch alle, oder?«

»Sind wir dann reich?«, fragte Georgina.

»Ziehen wir nach London?«, wollte Amalia wissen.

»Wird die Bruchbude abgerissen?«, erkundigte sich Tristan und fügte noch hinzu: »Falls sie nicht vorher von allein zusammenkracht.«

Statt einer Antwort sagte Mama: »Wir wollten es euch eigentlich erst nach den Sommerferien sagen. Es ist sehr ärgerlich, dass Mr Beaumel so indiskret war und Malvina einfach angesprochen hat.«

»Ach egal«, nuschelte Opa und gab Tante Frida durch Handzeichen zu verstehen, wie sehr ihm die rote Grütze schmeckte. »Hauptsache, wir sitzen nächstes Jahr um diese Zeit alle in einer schönen, gemütlichen Neubauwohnung.«

Da riss bei mir endgültig der Geduldsfaden.

»Neiiiiiiin!«, kreischte ich und schlug mit beiden Fäusten so doll auf den Tisch, dass Opas Teller in die Luft sprang.

Leider war ich nicht besonders geübt darin, auf Tische zu schlagen, und es tat so weh, dass ich für ein paar Sekunden keine Luft mehr bekam. Als ich wieder atmen konnte, ging es mir noch schlechter als vorher.

Mir blieb nichts weiter übrig, als mich fallen zu lassen, unter dem Tisch hindurchzukrabbeln (wobei ich mir natürlich auch noch den Kopf stieß) und aus der Küche zu rennen. Währenddessen sagte Mama etwas, das ich nicht verstand, Opa meinte, dass ich mich schon wieder einkriegen würde und morgen beste Laune hätte, und Papa erwiderte: »Das glaube ich nicht. Malvina hängt an Moorwood Castle.«

Immerhin gab es in meiner missratenen Familie wenigstens einen, der mich verstand, aber das nutzte mir jetzt auch nichts mehr.

Kapitel 3
Rettung in höchster Not


Ich stampfte die Treppe nach oben und schlug meine Zimmertür mit voller Wucht hinter mir zu. Dabei fiel mir ein, dass es vielleicht nicht verkehrt gewesen wäre, Mamas chinesische Vase im Flur von der Vitrine zu fegen, damit sie in genauso viele Einzelteile zersprang wie Tristans Erdnussbutterglas.

Aber ich war zu erschöpft, um noch mal umzukehren.

Und natürlich sollte man seine Wut auch nicht an chinesischen Vasen auslassen, die meistens nichts dafürkönnen, dass schlimme Sachen passieren.

Eine Weile trommelte ich mit den Händen auf mein Bett, was wenigstens nicht wehtat. Besser fühlte ich mich dadurch allerdings auch nicht.

Eher noch mieser.

Als mein Handy die fröhliche Melodie dudelte, die es immer dudelte, wenn jemand anrief, hatte ich große Lust, das dämliche Teil auf den Boden zu werfen und darauf herumzuspringen. Aber dann sah ich, dass der Anrufer mein Onkel Frank war.

Onkel Frank war mein Lieblingsonkel, gewissermaßen das männliche Gegenstück zu Tante Frida. Mama, Papa, Opa und Onkel Bob mochten ihn allerdings nicht besonders und behaupteten sogar, er hätte lange Finger gemacht und was gestohlen, als er aus dem Schloss ausgezogen war.


Aber ich glaubte das nicht und es war mir auch egal, denn Onkel Frank war super. Vor vier Jahren hatte er einmal das völlig lahme Fest zu meinem sechsten Geburtstag gerettet, indem er als lustig kostümierter Überraschungsgast aufgetreten war, überall Konfetti verstreut und mit Karamellbonbons um sich geworfen hatte. Das Ganze war in einer tollen Kuchenschlacht geendet, und ich verstand bis heute nicht, warum er danach endgültig Hausverbot bekommen hatte.

»Prinzesschen, du hast Kummer«, stellte Onkel Frank fest, kaum dass ich »Hallo« ins Telefon geschnieft hatte.

»Das geht ja gar nicht«, empörte er sich, nachdem ich die Lage geschildert hatte. »Wir müssen sofort etwas unternehmen!«

Dreimal mitten ins Schwarze getroffen – typisch Lieblingsonkel.

»Kannst du nicht herkommen und Papa und Opa umstimmen?«, fragte ich und war von meiner eigenen Idee so begeistert, dass ich mich ruckartig im Bett aufsetzte. »Doch, das kannst du«, ereiferte ich mich, ohne Onkel Frank zu Wort kommen zu lassen. »Natürlich kannst du das. Es ist doch auch dein Schloss, oder etwa nicht? Du bist doch Papas Cousin, da ist es ganz klar, dass du ein Wörtchen mitzureden hast, wenn euer Familienschloss verkauft wird. Mama hat natürlich nichts zu melden, die kommt ja aus so einer normalen Familie, aber du nicht. Du, Opa und Papa, ihr seid die Bestimmer, und du musst jetzt sofort hierherkommen und auf dein Recht pochen und dann …«

»Prinzesschen, jetzt halt mal die Luft an«, sagte Onkel Frank und lachte ein wenig, aber nicht so, dass ich mich auf den Arm genommen fühlte. Wenn Onkel Frank mit mir sprach, hatte ich immer das Gefühl, viel älter zu sein, als ich es in Wirklichkeit war.

»Prinzipiell ist das eine sehr gute Idee von dir, aber es ist leider nicht ganz so, wie du meinst. Moorwood Castle gehört nicht automatisch allen Mitgliedern der Familie Moorwood, sondern immer nur einem von uns. Und im Augenblick ist das dein Opa.«


»Das heißt, Papa hat auch nichts zu melden?«, fragte ich.

»Hm, ja, könnte man so sagen, doch er wird das Schloss einmal erben.«

»Warum kannst du es nicht erben?«, wollte ich wissen, obwohl die Frage ein bisschen sinnlos war, denn Opa würde hundert Jahre alt werden, mindestens.

Onkel Frank lachte wieder. »Ach, Prinzesschen, das würde uns jetzt auch nicht weiterhelfen, denn Opa wird mindestens hundert Jahre alt«, sagte er.

Klarer Fall von Seelenverwandtschaft. Kein Wunder, dass ich Onkel Frank so gern mochte. Wir dachten fast immer das Gleiche.

»Aber es ist auch felsenfest in unseren Familiengesetzen so geregelt«, fuhr Onkel Frank fort. »Das Schloss wird immer vom Vater auf den ältesten Sohn vererbt.«

»Das heißt, wenn Papa unser Schloss nicht verkaufen würde, dann würde es Tristan mal erben«, schlussfolgerte ich.

»Stimmt genau«, bestätigte Onkel Frank.

Eine Weile schwiegen wir beide.

»Jetzt pass mal auf«, sagte Onkel Frank dann. »Das Problem ist nicht dein Papa«, erklärte er, »auch wenn er den Verkauf an diesen Mr Beaumel angeleiert hat. Entscheidend ist, dass Opa das Schloss verkaufen will, und was Opa will, das wird auch gemacht. Selbst wenn deine Geschwister und deine Eltern nicht so begeistert von der Idee wären, könnten sie gegen den Willen von Opa nur wenig unternehmen.«

»Das heißt, wir müssen Opa umstimmen«, kombinierte ich und fühlte mich wieder total traurig. Opa umstimmen, das war so, wie ohne Rakete zum Mond zu fliegen, und das wusste auch Onkel Frank.

Er seufzte.

»Schwierig, schwierig«, schätzte er die Lage ein. Genau wie ich.

»Aber nicht unmöglich«, sagte er dann und klang auf einmal so ähnlich wie Tom, wenn der vor einer seiner verzwickten Knobelaufgaben oder vor einem Latein-Rätsel hockte.

»Pass mal auf«, sagte Onkel Frank wieder. »Wir brauchen jetzt erst mal Zeit. Irgendwie müssen wir verhindern, dass dieser Mr Beaumel in den nächsten Tagen einen Kaufvertrag unterschreibt. Das hat er doch noch nicht getan, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. Dann fiel mir ein, dass Onkel Frank das ja nicht sehen konnte, und ich sagte: »Ich glaube nicht. Mama meinte, dass er das Schloss nur kaufen will, und dann hat sie so ein komisches Wort gebraucht, das habe ich nicht genau verstanden.«

»Vorkaufsrecht?«, fragte Onkel Frank.

»Ja, kann sein.«

»Okay.«

Schweigen.

»Onkel Frank?«, fragte ich.

»Denke nach«, murmelte er.

»Kannst du nicht einfach herkommen?«, schlug ich noch mal vor.

»Ich würde so gern«, sagte er, »aber ich mache bei einer Großproduktion mit und wir drehen gerade jeden Tag. So was wie Sommerferien gibt es bei uns leider nicht. Ich spiele eine der Hauptrollen und ich kann da echt nicht fehlen.«

Ich hatte ganz vergessen, dass Onkel Frank ja als Schauspieler arbeitete. Auch einer der Gründe, warum er mein Lieblingsonkel war.

»Klingt spannend«, sagte ich.

»Hm«, machte er, »ist es auch, aber im Augenblick ist viel spannender, was bei euch in Moorwood passiert.«

Da hatte er natürlich recht.

»Du hast dich doch mit diesem Mr Beaumel schon einmal unterhalten?«, fragte Onkel Frank.

Mist. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem meine kleine Lügengeschichte aufflog.

»Hm«, machte ich. Das hatte ich mir gerade bei Onkel Frank abgeguckt. Hm war immer gut. Das konnte alles Mögliche bedeuten.

»Vielleicht kannst du noch mal mit ihm reden«, schlug Onkel Frank vor.

»Wie mit ihm reden?«, fragte ich.

»Herausfinden, was er so plant«, erklärte Onkel Frank. »Natürlich darf er nicht Lunte riechen, dass du genau das verhindern willst.«

»Lunte riechen?«, fragte ich.

Onkel Frank lachte wieder. »Das ist so ein altes Sprichwort. Eine Lunte ist eine Art Schnur, die mit ein wenig Schießpulver gefüllt ist und die zu einem Fass führt, in dem sich richtig viel Schießpulver befindet. Wenn man die Lunte anzündet, dann wandert die Flamme langsam zu dem Fass und dann …«

»Dann macht es rums!«, sagte ich.

»Genau«, sagte Onkel Frank. »Und wenn jemand die Lunte riecht, dann merkt er, dass es gleich rums macht.«

Ich kicherte.

»Meinst du, du kriegst das hin?«

»Klar«, sagte ich. »Das mache ich gleich morgen.«

»Prima. Ruf mich danach sofort an.«

»Alles klar.« Ich nickte heftig.

»Ach, Prinzesschen, und noch was«, sagte Onkel Frank und senkte dabei die Stimme. »Wahrscheinlich ist es besser, wenn du niemandem von unserem Telefonat erzählst.«

»Logo«, sagte ich.

»Dann mach’s gut«, verabschiedete er sich.

»Mach’s besser«, erwiderte ich.

Onkel Frank lachte und legte auf.

Ich holte tief Luft. Zwar hatte ich noch keinen Plan, wie ich an diesen dämlichen Mr Bommel herankommen, geschweige denn, ihn in ein Gespräch verwickeln sollte –, aber ich würde es schaffen, das stand schon mal fest. So wahr ich Malvina Moorwood hieß.

Kapitel 4
Ich starte meine Karriere als Detektivin


Zunächst musste ich erst mal den Ball flach halten, um nicht weiter Aufsehen zu erregen und am Ende noch irgendwelche Strafen wie Zimmerarrest zu kassieren. Deshalb war ich sehr froh, dass ich Mamas chinesische Vase nicht zerdeppert hatte. Überhaupt galt es jetzt, sich von Mamas unbeschreiblicher Coolness eine Scheibe abzuschneiden.

Am nächsten Tag stapfte ich also mit gleichmütigem Gesicht in die Küche und wünschte Tante Frida, die am Herd stand und in einer Pfanne Speck brutzelte, einen guten Morgen. Das Rührei war schon fertig und stand in einer Schüssel auf der Anrichte. Ich schnappte mir einen Toast und eine nicht allzu kleine Portion Rührei und verzog mich damit an den hintersten Winkel des Esstischs, gewissermaßen in die Schmollecke.

Das klappte prima.

Opa kam und legte mir einen seiner starken Arme auf die Schultern.

»Was sein muss, muss sein, das ist nun einmal so, meine Kleine«, sagte er.

»Warum muss es sein?«, fragte ich.

Eine Weile starrte Opa auf mein Rührei, und ich dachte schon, er wollte es mir wegfuttern, aber dann sagte er nur: »Wir haben kein Geld mehr, Malvina, und Moorwood verfällt so langsam. Der Dachstuhl muss renoviert werden, sonst stürzt er ein. Der Keller ist noch baufälliger. Und wir können das nicht bezahlen.«

Wenn Opa mich Malvina nannte, dann meinte er all das, was er um meinen Namen herum äußerte, ernst. Sehr ernst. Eigentlich nannte er mich nur Malvina, wenn er sauer auf mich war. Zum Beispiel, wenn ich am Waffenschrank herumhantiert oder Poldi einen seiner Orden umgehängt hatte.

Widerworte waren jetzt also eher nicht angebracht, trotzdem konnte ich sie mir nicht ganz verkneifen: »Papa und Onkel Bob haben doch die Reitschule. Und Mama ist Zahnärztin und bohrt ganz Moorwood für Geld in den Zähnen herum. Und du kriegst eine Pension oder wie das heißt, das haben wir in der Schule gelernt, alle alten Leute kriegen so was. Und Tristan könnte sich auch mal nützlich machen und arbeiten gehen. Er könnte bei McDonald’s Hamburger braten und ich würde mein ganzes Taschengeld …«

Opa drückte mich kurz an sich. Er drückte ziemlich doll.

Und da fiel mir noch etwas ein, weil ich gerade an den Waffenschrank gedacht hatte. Es gab nämlich noch so einen Schrank, drüben im Schloss. Da lagerten Opas antike Gewehre und Flinten. Und die waren echt was wert, das hatte Opa mir selbst mal gesagt.

»Du könntest dich von deiner antiken Waffensammlung trennen«, schlug ich vor.

Opa lachte einmal kurz, aber so richtig fröhlich klang es nicht.

»Eher erschieße ich mich«, sagte er dann, wurde aber sofort wieder ernst.

»Das reicht alles nicht, meine Süße. Allein das Dach kostet Millionen.«

Opa hatte sehr leise gesprochen, deswegen verstand ich, dass es Melonen kostete. Das war witzig, aber mir war nicht zum Lachen zumute.

Opa auch nicht.

Er stand auf, goss sich eine Tasse Tee ein und ging dann aus der Küche.

Als Nächstes kam Tristan ins Zimmer, gefolgt von Onkel Bob, der sogleich die Kaffeemaschine anschmiss, weil er Tee nicht ausstehen konnte.

Tristan setzte sich neben mich. Genau wie Opa legte er seinen Arm um meine Schulter.

»Das wird schon alles, Schwesterherz«, erklärte er vergnügt. »Wenn wir die Hütte erst mal vertickt haben, dann haben wir richtig Asche.«

»Asche interessiert mich nicht«, brummelte ich. »Ich will hier wohnen bleiben.«

»Ach, komm«, sagte Tristan und warf einen gierigen Blick auf mein Rührei.

Ich umfasste die Gabel etwas fester und machte mich bereit, mein Frühstück zu verteidigen, aber Tristan hatte flinke Finger und plötzlich Ei im Mund.

»Die Bude hier kracht demnächst zusammen«, verkündete er kauend. »Da ist es besser, wir wohnen woanders.«

»Geh lieber Burger braten«, sagte ich, »und lass mich in Ruhe.«

Den ersten Teil des Satzes verstand Tristan nicht, aber er ließ mich trotzdem in Ruhe und verzog sich.

Seinen Platz nahm Papa ein, der während des tiefsinnigen Gesprächs mit meinem Bruder zusammen mit den Zwillingen die Küche betreten hatte. Und wieder hatte ich einen männlichen Arm auf der Schulter liegen.

»Es geht leider nicht anders, Mäuschen«, sagte er.

»Ja, ja«, antwortete ich. »Hat mir Opa auch schon erklärt. Wir haben kein Geld für das Dach.«

Papa seufzte.

Er hatte schlecht geschlafen und sah ziemlich zerknittert aus. Das geschah ihm ganz recht, fand ich, aber er tat mir auch ein bisschen leid. Trotzdem sagte ich mit einem Anflug von Bockigkeit in der Stimme: »Lieber ein Schloss ohne Dach als gar kein Schloss.«

Papa seufzte erneut.

Bildete ich mir das nur ein oder schielte auch er auf mein Rührei? Vorsichtshalber stopfte ich mir eine große Portion davon in den Mund.

»Es ist nicht nur der Dachstuhl«, sagte er. Wie Opa sprach er sehr leise. »In den Keller sickert Moorwasser ein. Das ganze Gebäude müsste auf ein neues Fundament gestellt werden. Das kostet Millionen.«

Da waren sie wieder, die Melonen.

Von Dächern und Kellern und Fundamenten hatte ich natürlich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass unser Schloss schon seit Jahrhunderten da stand, wo es stand, und das offenbar ohne irgendwelche kostspieligen Baumaßnahmen. Aber da ich ja keinen Ärger machen wollte, hielt ich einfach die Klappe und schlürfte etwas von dem Kakao, den mir Mama vor die Nase gestellt hatte.

Kurz darauf saß sie neben mir, während Papa versuchte, sich mit Onkel Bobs frisch gebrühtem Kaffee in Stimmung zu bringen.

»Wir müssen jetzt alle vernünftig sein, Liebes«, sagte Mama und nickte mir aufmunternd zu. Offensichtlich war sie der Ansicht, dass ich für heute Morgen genug Arme auf meiner Schulter gehabt hatte, denn sie unterließ es, mir auf die Pelle zu rücken.

»Willst du was von meinem Rührei?«, bot ich an.

Mama schüttelte den Kopf und stand auf.

»Ich muss los«, sagte sie.

Das war mein Stichwort. »Nimmst du mich mit?«

»Was willst du denn so früh am Morgen in Moorwood?«, fragte Mama, allerdings ohne etwas zu sagen. Sie beherrschte die Kunst, mit Blicken zu sprechen.

Da ich das leider nicht konnte und sowieso lieber meinen Mund benutzte, antwortete ich: »Bin mit Tom verabredet.«

»Dann aber fix«, sagte Mama, wiederum ohne die Lippen zu bewegen. Unglaublich, wie sie das machte.

Ich schaufelte mir den Rest Rührei hinein und versuchte, so viel von dem süßen Kakao zu trinken wie möglich. Das war gar nicht so leicht, denn Mamas Platz hatten nun Amalia und Georgina eingenommen, und beide überboten sich darin, mir Fotos von Häusern in London zu zeigen, die sie auf den Bildschirmen ihrer Handys hin und her schoben. Scheinbar gingen die beiden davon aus, dass wir dort demnächst wohnen würden.

Abwarten, dachte ich.

»Schau mal, das hier liegt an den Kensington Gardens«, flötete Amalia.

»Und von hier aus kannst du direkt zum Shoppen in die Market Street«, trällerte Georgina.


»Ich muss los«, sagte ich. Das mit dem Kakao konnte ich vergessen. Ich bekam die Tasse nicht zum Mund, weil unentwegt Zwillingshände mit Telefonen vor meinem Gesicht herumwackelten.

Im Flur zur Eingangshalle stand plötzlich Tante Frida vor mir. Während Mama die Fähigkeit hatte, etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen, besaß Tante Frida die Gabe, an einem Ort aufzutauchen, ohne dass man wusste, wie sie dorthin gelangt war. Noch vor wenigen Sekunden hatte sie ja am Herd Frühstücksspeck gebraten.

»Ich muss dir was zeigen«, flüsterte sie mir zu.

Verschwörerisch. Geheimnisvoll. Vielversprechend.

Aber nicht so vielversprechend wie der Plan, den ich mit Onkel Frank ausgeheckt hatte. Deshalb erwiderte ich: »Nachher, wenn ich wieder da bin. Jetzt muss ich erst mal zu Tom.«

»Mach keine Dummheiten«, sagte Tante Frida mit einem unergründlichen Blick aus ihren unergründlichen großen Augen.

Ohne dass ich es verhindern konnte, zuckte ich zusammen. Wusste Tante Frida etwa, was ich vorhatte? Das war völlig unmöglich. Trotzdem schlüpfte ich ein wenig verunsichert in meine Turnschuhe.

Aber schon im Auto fühlte ich mich wieder völlig sicher. Was daran lag, dass ich mich immer so fühlte, wenn ich mit Mama durch die Gegend gondelte. Schon als kleines Kind liebte ich es, von ihr herumkutschiert zu werden, vor allem dann, wenn sie mit dem großen Geländewagen fuhr. Der war zwar alt und klapprig, vermittelte aber trotzdem den Eindruck, völlig unzerstörbar zu sein. Genau wie Mama. Und genau wie unser Schloss. Na ja, jedenfalls hatte ich das bislang gedacht. Schade, dass Mama in Sachen Schloss nicht auf meiner Seite war.

Schweigend bretterten wir durch die sommerliche Landschaft.

Ich versuchte, Mama eine Botschaft zu übermitteln, indem ich sie intensiv anstarrte und dachte: Moorwood Castle darf niemals verkauft werden. Moorwood Castle darf niemals verkauft werden.

»Ich muss später noch was einkaufen«, sagte Mama. »Danach kann ich dich bei Tom abholen. So gegen zwei. In Ordnung?«

Mist. Hatte nicht geklappt.

Mama parkte den Landrover vor dem roten Backsteinhaus, in dem sich ihre Zahnarztpraxis befand. Nicht weit entfernt hatte Toms Mutter ihren Kramladen, und wenn man von dort aus einmal um die Ecke bog, stand man direkt vor dem schmalen Wohnhaus der Baxters.

Wir stiegen aus, Mama winkte mir zum Abschied zu und verschwand. Ich blieb allein in der menschenleeren Straße zurück und fühlte mich nun ganz und gar nicht mehr sicher. Der Nachteil an meinem Plan war nämlich, dass ich ja noch gar keinen hatte. Genau genommen hatte ich noch nicht einmal eine Verabredung mit Tom.

Ich holte mein Handy aus der Hosentasche und wählte seine Nummer.

»Hallo«, sagte Tom. Er klang äußerst verpennt.

»Hallo«, sagte ich. »Wir müssen was unternehmen.«

»Du meinst, weil dein Vater euer Schloss verkauft hat?«, fragte er und gähnte.

»Er hat es noch nicht verkauft«, erklärte ich. »Diese Papiere, die wir gesehen haben, die bedeuten, dass es jemanden gibt, der es kaufen will, und zwar dieser Mr Bommel.«

»Aha«, machte Tom. Ich hörte ihn mit seiner Bettdecke rascheln und wurde neidisch.

»Wir müssen mehr über diesen Kerl herausfinden«, sagte ich. »Vielleicht können wir dann verhindern, dass er das Schloss kauft.«

»Wie sollen wir ihn denn daran hindern?«, fragte Tom.

Raschel. Raschel.

Der machte es sich jetzt so richtig schön gemütlich, während ich hier herumstand und mir vorkam wie bestellt und nicht abgeholt.

»Weiß ich noch nicht«, antwortete ich. »Erst mal stöbern wir diesen Typen auf und finden was über ihn heraus.«

»Du meinst wie Detektive?«

Tom hörte sich auf einmal nicht mehr ganz so verpennt an. Er mochte nämlich Detektivgeschichten, wie mir gerade einfiel. Tom mochte eigentlich jede Art von Büchern und las im Gegensatz zu mir von morgens bis abends (wenn er nicht irgendwelche Knobelaufgaben löste oder mit seiner Playstation herumdaddelte) – aber Detektivgeschichten, die las er besonders gern.

Ich hatte ihn am Haken.

»Ganz genau. Wie Detektive«, sagte ich. »Bist du dabei?«

»Bin ich«, bestätigte Tom.

»Schlag ein«, sagte ich und hob meine rechte Hand.

Tom raschelte mit seiner Bettdecke. Außerdem war das schrille Bimmeln einer Türglocke zu hören.

»Mach ich«, sagte Tom. »Wenn wir uns das nächste Mal treffen.«

Wieder das schrille Bimmeln.

»Es klingelt«, sagte ich.

»Ja«, brummte Tom. Durch den Lautsprecher meines Telefons hörte ich ihn eine Treppe hinuntertapern. Dann öffnete er die Haustür.

Davor stand ich. Mit erhobener rechter Hand.

»Huch!«, machte Tom.

»Schlag ein!«, wiederholte ich.

Tom gehorchte und donnerte pflichtschuldig seine große Pranke gegen meine kleine Handfläche.

Wenig später saß ich in der baxterschen Küche, die in etwa die Ausmaße des Kofferraums von unserem Geländewagen hatte. Überall standen Becher, Tonkrüge, Figürchen, mehr Becher und noch mehr Figürchen herum. Den meisten Platz aber nahm Toms Mutter ein, die im Gegensatz zu dem Haus, das sie bewohnte, gigantische Ausmaße hatte. Trotzdem schaffte sie es, keinen einzigen der Becher und Tonkrüge mit den schlackerigen Ärmeln ihrer Fransenbluse zu Fall zu bringen. Auch die dreitausend Figürchen kippten beim Auftischen von Speck, Rühreiern und Toastbrot nicht um.

Es roch nach Earl Grey Tee.

Und ich fühlte mich wunderbar.

Fast noch sicherer als bei Mama im Wagen.

Kapitel 5
Der Blutige Schinken


Obwohl ich vor nicht allzu langer Zeit bereits eine Portion Rührei verdrückt hatte, langte ich bei den Baxters ordentlich zu. Ein zweites Frühstück war ja nie verkehrt und im Gegensatz zu der etwas trüben Vorstellung bei uns heute Morgen im Schloss ging es bei Tom ziemlich fröhlich zu.

Mr Baxter quetschte sich mitsamt seiner Polizeiuniform in die Küche und erzählte Tomatenwitze. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob Toms Vater nicht seinen Beruf verfehlt hatte, denn er war wirklich gut darin, Tomatenwitze zu erzählen. Das hätte er auf jeder Bühne machen können und bestimmt wären alle Plätze im Zuschauerraum besetzt gewesen. Na ja, immerhin hatte Moorwood auf diese Weise den lustigsten Polizeichef von England.

Dann unterhielten sich Tom und sein Vater über eine Denksport-Olympiade, die gerade live im Internet lief. Das war stinklangweilig, aber Mrs Baxter versorgte mich währenddessen mit Geschichten aus ihrem Laden, in dem sie allen möglichen merkwürdigen Krimskrams verkaufte und dementsprechend merkwürdige Kunden hatte. Ein Mann mit einer knallroten Krawatte, die noch dazu mit den Symbolen verschiedener Sternzeichen bedruckt gewesen war, hatte sich in ihrem Laden die Vitrine mit den magischen Heilsteinen angeschaut. Und dann die Kristallkugeln. Und dann hatte er alle Postkarten gekauft, auf denen unser Schloss abgebildet war. Und etwas später am Tag war ein anderer Mann in den Laden gekommen, der trotz der Hitze eine schwarze Lederjacke getragen hatte und der ebenfalls alle Postkarten haben wollte, die Moorwood Castle zeigten. Nur dass eben keine mehr da waren. Da hatte der Mann angefangen zu schimpfen, aber nicht auf Englisch.

»Ich glaube, es war Russisch«, erklärte mir Mrs Baxter.

Daraufhin hörte Mr Baxter auf, mit Tom über Denksport zu sprechen, und gab einen Tomatenwitz zum Besten, in dem außer Tomaten auch ein Russe, ein Chinese und ein Eisbär vorkamen. Der Witz war so komisch, dass selbst Tom vor Lachen fast vom Stuhl fiel, und er war einiges an Tomatenwitzen gewohnt.

Schließlich ging Mr Baxter zu seiner Polizeistation, Mrs Baxter in ihren Laden und Tom und ich gingen in Toms Zimmer.

»Wir haben eine erste Spur«, verkündete ich.

»Echt?« Tom machte so große Augen wie der Teddybär, der auf dem Oberteil seines Pyjamas prangte.

»Schickes Teil«, sagte ich.

Tom wurde rot. Er nuschelte etwas, das ich nicht verstand, und verschwand mit seinen Klamotten im Badezimmer.

»Hast du nicht gehört, was deine Mutter erzählt hat?«, rief ich durch die geschlossene Tür.

»Was denn?«, fragte Tom.

»Da waren diese beiden Herren, die Ansichtskarten von Moorwood Castle kaufen wollten. Der eine hat alle abgestaubt und der andere ging leer aus.«

»Und das ist eine Spur?« Tom erschien wieder auf der Bildfläche.

»Jetzt denk doch mal nach«, forderte ich ihn auf. Als Detektiv war Tom gerade eindeutig nicht in Bestform. Warum eigentlich nicht?

Aha!

Sein Blick ging an mir vorbei, geradewegs auf den Bildschirm seines Computers zu, den er auf dem Weg ins Badezimmer noch schnell angeschmissen hatte. Auf dem Monitor war ein Feld zu sehen, das aus verschiedenen Plättchen bestand, so ähnlich wie ein Schachbrett, aber ziemlich bunt. Ein verpeilt aussehender Typ stand vor dem Feld und schien die bunten Plättchen auf irgendeine Art ordnen zu müssen. Meine Güte, war das langweilig. Ich machte einen Schritt zu Toms Schreibtisch, bückte mich und zog den Stecker vom Computer.

»He!«, protestierte Tom.

»Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun«, sagte ich.

»Die Denksport-Olympiade ist auch wichtig«, maulte Tom.

»Aber nicht so wichtig wie unsere Detektivarbeit«, widersprach ich.

Tom seufzte. Er wusste, dass ich recht hatte.

»Also, da waren diese beiden Typen, die Postkarten kaufen wollten«, setzte Tom an. Jetzt kam er so langsam in Fahrt. »Der eine hat gleich alle gekauft, die da waren. Auch Motive, die er dann doppelt hat«, folgerte er.

»Gehen wir mal davon aus, dass er sie nicht gekauft hat, um seiner Verwandtschaft Urlaubsgrüße aus Moorwood zu schicken«, sagte ich.

Tom nickte. »Dann hat er vielleicht so viele Postkarten gekauft, weil er nicht wollte, dass noch andere Leute Postkarten von eurem Schloss abbekommen.«

»Und wer könnte daran ein Interesse haben?«, fragte ich und wedelte mit den Armen, um anzudeuten, dass ich die Antwort auch selbst wusste und die Frage nur stellte, um Tom auf die Sprünge zu helfen.

»Du meinst, dieser Mr Bommel, der euer Schloss kaufen will?«, sagte Tom etwas träge. Er rieb sich über die Stirn.

»Na klar.« Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, Tom zu schütteln. Aber ich tat es nicht. »Natürlich war er das. Deine Mutter hat gesagt, dass der Typ eine alberne rote Krawatte trug. Das passt doch genau zu jemandem, der den albernen Namen Mr Bommel hat. Du brauchst nur eins und eins zusammenzuzählen. So machen das gute Detektive. Übrigens spricht man den Namen Beaumel aus, der Kerl ist nämlich Franzose. Aber ich sage weiter Mr Bommel.«

»Ich weiß nicht«, brummte Tom noch träger.

Mein Schüttel-Bedürfnis verstärkte sich um ein Vielfaches.

»Ich weiß nicht«, wiederholte er.

»Was weißt du nicht?«, fragte ich ungeduldig. »Wie man den ausspricht, ist ja total egal. Und alles andere ist doch klar. Dieser Bommel war gestern im Laden deiner Mutter, das heißt, dass er hier im Städtchen herumlungert und nur darauf wartet, sich unser Schloss unter den Nagel zu reißen. Bestimmt wohnt er in einem Hotel und genau dort werden wir ihn jetzt aufspüren und ausquetschen.«

»Ich weiß nicht …«

Schütteln reichte eigentlich nicht mehr. Am liebsten hätte ich Tom gegens Schienbein getreten oder wäre ihm auf die Füße gesprungen, aber ich hatte Angst, dass er dann nicht mehr mitspielte.

»Hallo-ho!«, rief ich stattdessen. »Ist jemand zu Hause? Malvina an To-hom! Ich denke, wir wollen Detektive sein!«

»Ja eben«, brummte Tom. »Und Detektive halten sich an die Fakten und ziehen Schlussfolgerungen«, erwiderte er neunmalklug.

»Ja, ja, genau.« Ich lief zur Tür. »Eins und eins macht zwei. So geht’s!«

»Na ja, aber das sind alles keine echten Schlussfolgerungen«, widersprach er. »Wenn jemand Bommel oder Beaumel heißt, bedeutet das nicht, dass er rote Krawatten trägt. Und wenn jemand Postkarten von eurem Schloss kauft, bedeutet das nicht, dass er euer Schloss auch kaufen will. Und selbst wenn es so wäre, bedeutet das nicht, dass er in Moorwood übernachtet.«

Ich wurde sauer. Erstens, weil ich nie und nimmer gedacht hätte, dass mein bester Freund so ein mieser Spielverderber war. Und zweitens, weil er recht hatte.

Wütend stampfte ich mit dem Fuß auf. »Dieser Bommel lauert im Hotel, um was wollen wir wetten?«

Tom zuckte mit den Schultern. Ich sah ihm an der Nasenspitze an, dass er kurz davor war, seinen dämlichen Computer wieder hochzufahren und die noch dämlichere Denksport-Olympiade anzuglotzen. Mit zusammengekniffenen Augen blitzte ich ihn an und versuchte den Mama-Trick, also die wortlose Übermittlung einer wichtigen Botschaft. Sie lautete: Du. Kommst. Jetzt. Mit.

»Na gut«, brummte Tom und schlurfte mir entgegen.

Na, wer sagt’s denn!

Wenig später gingen wir gemeinsam durch die immer noch ziemlich leeren Straßen. Das Städtchen Moorwood war zwar nicht ganz so alt wie unser Schloss, aber dafür um einiges hübscher, zumindest der Stadtteil, in dem Tom wohnte, und wenn man auf Blumenbeete, Strohdachhäuser und sehr saubere Straßen stand. Für mich war das alles ein wenig zu aufgeräumt, aber es gab eine ganze Menge Touristen, die sich das gern anguckten, und deswegen gab es auch ein Hotel. Nach ungefähr zwanzig Minuten waren wir dort.

»Fünf Schokofrösche«, sagte Tom.

Da das Hotel von Moorwood Zur fetten Forelle hieß, starrte ich ihn mit großen Augen an.

»Na, deine Wette«, erklärte Tom. »Fünf Schokofrösche, dass Mr Beaumel nicht in der Fetten Forelle ist.«

Ach, daher wehte der Wind!

»Na klar«, sagte ich siegessicher.

Und dann standen wir auch schon vor unserem ersten Einsatzort.

Und jetzt?

»Und jetzt?«, fragte Tom, obwohl ich ihm diesmal gar keine stumme Botschaft übermittelt hatte.

Ein Plan musste her, und zwar sofort. Ich wollte auf keinen Fall, dass Tom mir noch mal einen Vortrag darüber hielt, wie ein richtiger Detektiv vorging.

»Ich marschiere jetzt da rein«, beschloss ich. »Und dann sage ich, dass ich Betty Bommel bin und zu meinem Onkel will, der hier wohnt. Und dann sagt mir der Typ an der Rezeption, in welchem Zimmer der Bommel wohnt, und wir wissen Bescheid.«

»Aber …«, fing Tom an, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. Statt mit ihm zu diskutieren, stieß ich die schwere Eingangstür der Fetten Forelle auf und ging hinein. Drinnen war es ziemlich dunkel und es roch noch feuchtem Mörtel. Merkwürdig. Aber gut, wenn die hier Strom sparen wollten, umso besser, das erhöhte wenigstens die Chancen, dass mich keiner erkannte.

Ich ging zu dem Typen am Empfangstresen, der damit beschäftigt war, einen großen Karton mit Styroporplatten auszupacken.

Komische Tätigkeit für einen Empfangstresen-Typen.

Hier stimmte etwas nicht. Aber was?

»Oh, hallo, ist das nicht die kleine Lady Malvina?«, flötete er mir entgegen.

Mist.

»Was verschafft mir denn die Ehre?«, wollte er wissen.

Doppel-Mist.

»Nichts«, sagte ich. Was Besseres fiel mir einfach nicht ein. Ich drehte mich auf dem Absatz um und rannte nach draußen, wo mich Tom mit einem Grinsen empfing. Sah man mir meinen Misserfolg so deutlich an?

»Was ist?«, knurrte ich. Leider war ich nicht gut darin, schlechte Laune zu verbergen.

»Die haben geschlossen, weil renoviert wird.« Tom zeigte auf ein großes Schild, das neben dem Eingang stand. Man musste schon sehr blind sein, das zu übersehen.

»Mr Beaumel ist nicht hier«, schlussfolgerte er überflüssigerweise.

»Was du nicht sagst«, zickte ich ihn an. Das war nicht fair, aber mein Reinfall setzte mir ziemlich zu.

»Vielleicht ist er im Blutigen Schinken«, sagte Tom.

Zum Blutigen Schinken, so hieß das Wirtshaus in einer Seitenstraße vom Marktplatz, übrigens eine etwas weniger aufgeräumte Gegend von Moorwood. Die Erwachsenen sagten zwielichtig dazu, und es gab ein ungeschriebenes Gesetz, dass Kinder am Blutigen Schinken nicht vorbeigehen durften, ohne die Straßenseite zu wechseln.

»Im Blutigen Schinken gibt es ein paar Fremdenzimmer«, sagte Tom. »Vielleicht ist dein Mr Beaumel ja dort abgestiegen, falls er sich tatsächlich noch in Moorwood aufhält.«

»Genial!«, lobte ich ihn für seine gute Idee und klatschte etwas albern in die Hände.

»Na ja«, meinte Tom, »das steht da auf dem Schild.«

Er drückte seinen Daumen auf die Tafel und las vor: »Gästezimmer vermietet Mr J. Randolf, Gasthaus Zum Blutigen Schinken, Marktstraße 11. Ein größeres Hotel finden Sie in unserem Nachbarort West Bucklington. Ab September sind wir dann wieder für Sie da.«

Tom sah mich mit funkelnden Augen an. »Ich habe einfach eins und eins zusammengezählt.« Er grinste breit. »So machen das doch gute Detektive. Hast du selbst gesagt.«

»Hm«, brummte ich.

Vergnügt pfeifend zog Tom los, ich trottete hinterher. Das passte mir zwar eigentlich gar nicht in den Kram, aber ich hatte keine andere Wahl.

»Da ist es«, sagte Tom, als ob ich auch noch zu blöd wäre, das Gasthaus im Halbdunkel der Seitenstraße zu erkennen. An einer Eisenstange über der Eingangstür baumelte eine hölzerne Schinkenkeule, deren rote Farbe schon etwas verblichen und verwittert war. Im Mauerwerk klafften Risse und die Fenster mussten auch mal wieder geputzt werden … Schon als ich klein war, hatte dieses Haus eine dunkle Anziehungskraft auf mich gehabt, und ich war immer traurig gewesen, wenn Mama mich schnell daran vorbeigezerrt hatte.

Inzwischen war ich allerdings alt genug, um zu verstehen, warum sie das getan hatte.

Aus der Tür des Gasthauses trat gerade ein Mann, dessen ungesunde Gesichtsfarbe ein wenig dem über ihm baumelnden Holzschinken glich. Eine Wolke aus Tabakqualm und der scharfe Geruch von noch schärferen Getränken waberten uns entgegen.

»Heudehamwirallelampenan«, lallte der Mann, nachdem sich die Tür hinter ihm wieder geschlossen hatte. Er torkelte auf uns zu, und wenn Tom nicht zur Seite gesprungen wäre, hätte der Mann ihn angerempelt.

»Puh«, machte Tom.

Ich nickte und hielt mir die Nase zu.

»Und jetzt?« Er sah mich fragend an.

Erfreut darüber, dass er nicht mehr die Führungsrolle beanspruchte, reckte ich mich auf die Zehenspitzen. Das Dumme war nur, dass ich auch nicht so richtig weiterwusste. Durch die verschmierten Glasscheiben konnte ich nicht besonders viel erkennen, aber doch genug, um einzusehen, dass weder Tom noch ich so einfach in den Schinken hineinspazieren konnten.

Zu allem Überfluss kam mir jetzt in den Sinn, dass Jack Randolf, der Wirt des Schinkens, den Spitznamen Jack the Ripper trug. Und dass er schon mal im Gefängnis gewesen sein soll, und zwar nicht nur zu Besuch. Auf einmal hatte ich gar keine große Lust mehr, in den Blutigen Schinken hineinzuspazieren …

»Was macht ihr denn da?« Mama war auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgetaucht und schaute uns mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich glaube, sie hätte mich sofort am Arm gepackt, wenn sie nicht in jeder Hand eine Papiertüte mit Geschenken getragen hätte.

Mit Geschenken für mich, da war ich mir ziemlich sicher. Aber das war jetzt natürlich nicht so wichtig.

»Öh«, machte ich.

»Äh«, machte Tom. »Hallo, Lady Moorwood!«

»Hallo, Tom«, grüßte Mama zurück.

Für mich hatte sie lediglich einen ihrer mitteilsamen Blicke übrig.

Ab ins Auto, sagte der Blick.

Mama drückte mir eine der Papiertüten in die Hände, holte den Wagenschlüssel aus ihrer Tasche, und gleich darauf machte es neben uns klack, als die Zentralverriegelung unseres Landrovers aufsprang. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass der am Straßenrand stand.

Mama wandte sich Tom zu. »Sollen wir dich nach Hause fahren?«, fragte sie.

Das heißt, eigentlich fragte sie das nicht. Es war eher ein Befehl.

Tom beeilte sich einzusteigen und ich war ebenso schnell im Wagen.

Und dann geschah es:

Während Mama die Papiertüten im Kofferraum verstaute, ging erneut die Tür vom Blutigen Schinken auf. Und erneut trat ein Mann heraus. Diesmal allerdings alles andere als so eine traurige wankende Gestalt wie gerade eben, wenn auch nicht weniger gruselig.


Genau genommen: viel gruseliger!

Tom hielt den Atem an.

Ich auch.

Der Mann war Jack »the Ripper« Randolf persönlich.

Zwei Meter groß, mindestens.

Glatze. Pechschwarzer Bart bis zur Brust. Pechschwarze Augenbrauen. Pechschwarze Augen. Arme, so dick wie Beine und über und über tätowiert. Ich erkannte einen Totenkopf, ein Skelett, einen Totenkopf mit einem Stahlhelm. Und dann noch einen Totenkopf mit einem Messer im Mund. Der Totenkopf mit dem Messer grinste.

Und Jack the Ripper grinste ebenfalls.

Er holte tief Luft.

Machen Mörder so etwas, bevor sie sich auf einen stürzen?

Ich wusste es nicht, war mir aber sicher, dass ich es gleich erfahren würde.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes.

Statt uns aus dem Auto zu zerren und uns den Hals umzudrehen, begann Jack the Ripper, laut zu lachen.

»Hahaha«, dröhnte er. »Bonjour, Monsieur Beaumel!«

»Bonjour, bonjour«, sagte eine kleine Gestalt, die mit zierlichen Schritten um die Ecke getrippelt kam.

»Vous êtes contente avec votre chambre?«

Jack the Ripper hob einen seiner tätowierten Arme und zeigte auf eine der verschmierten Scheiben im ersten Stock des Blutigen Schinkens.

»Mais oui, bien sûr«, sagte die kleine Gestalt.

Eine kleine Gestalt, die eindeutig männlich war.

Ein Mann, der trotz der Hitze einen karierten Anzug trug. Und eine knallrote Krawatte.

Mit Sternzeichen-Symbolen.

Kapitel 6
Der Fluch des Hauses Moorwood


Die haben Französisch gesprochen«, sagte ich, während ich durch mein Zimmerfenster beobachtete, wie im Garten von Moorwood Castle die Bienen hin und her summten. In der einen Hand hielt ich mein Handy, in der anderen eine Flasche Orangenlimonade, die ich aus der Küche hatte mitgehen lassen. Auf der Fensterbank vor mir stand ein Sandwich mit Haselnusscreme.

»Und sie kannten sich«, ergänzte Tom. Seine Stimme klang etwas quakig, aber davon abgesehen fast so, als ob er im gleichen Raum wäre wie ich.

»Wusstest du, dass der Wirt vom Blutigen Schinken Französisch kann?«, fragte ich.

»Von dem wusste ich bislang nur, dass er der Wirt vom Blutigen Schinken ist«, sagte Tom.

»Gruseliger Typ«, meinte ich.

»Stimmt«, bestätigte Tom.

Ich nahm einen Schluck Limo. »Aber er war nicht mehr ganz so gruselig, als er Französisch gesprochen hat.«

»Meinst du?« Tom klang jetzt etwas abgelenkt. Vermutlich starrte er mal wieder auf seinen Bildschirm, über den irgendwelche Knobelaufgaben flimmerten. Oder er löste eines der Latein-Rätsel, mit denen Mr Brix seine Schüler auch in den Ferien versorgte.

»Auf jeden Fall wissen wir jetzt, dass der Mann, der unser Schloss haben will, Franzose ist und tatsächlich im Blutigen Schinken wohnt«, fasste ich unsere Detektivarbeit zusammen. »Und das ist gut.«

»Ja?«, fragte Tom. Er war eindeutig abgelenkt.

»Ja-ha«, sagte ich. »Weil wir ihm jetzt auf den Zahn fühlen können.«

Tom schwieg. Aber er war noch da, ich hörte ihn atmen.

Draußen summten immer noch die Bienen. Und mir wurde plötzlich klar, dass ich gar nicht wusste, welche Informationen ich dem mysteriösen Schlosskäufer entlocken sollte. Onkel Frank hatte das nicht erklärt. Das war typisch für Erwachsene, selbst wenn es Lieblingsonkel waren: Sie sagten einem irgendetwas, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was dieses Irgendetwas eigentlich bedeuten sollte.

Auf einmal schlüpfte Tante Frida ins Zimmer und zwinkerte mir auf geheimnisvolle Art und Weise zu. Mir fiel wieder ein, dass sie mir schon heute Morgen etwas Wichtiges hatte sagen wollen.

»Muss Schluss machen«, raunte ich dem schnaufenden Schweiger am anderen Ende der Leitung zu und legte auf.

»Komm mal mit«, flüsterte Tante Frida.

Jetzt wurde es spannend. Wenn Tante Frida flüsterte, dann ging es meistens um ihr Hobby, den Spiritismus.

Spiritismus bedeutet, dass sich Erwachsene mit Geistern beschäftigen. Ernsthaft. Nicht so Bettlaken-Gespenster-mäßig, eher auf eine wissenschaftliche Art und Weise.

Tante Frida tat mir immer ein bisschen leid mit ihrem Spiritismus, weil sie keiner in unserer Familie ernst nahm – außer mir natürlich. Aber sobald dieser Geisterprüfer vom Butlers Burgen-Lexikon hier anrückte, würde sich das ändern. Dann würden wir triumphieren!

In dem Moment fiel mir ein, dass wir ja vielleicht gar nicht mehr hier sein würden, wenn der Typ von Butlers kam. Sondern in einer Neubauwohnung.

Tante Frida lotste mich in ihr Lesezimmer. Das war ein ziemlich großer Raum, den sie mit vielen Büchern und noch mehr Krimskrams vollgestopft hatte, sodass er trotz seiner Größe eher den Eindruck einer Rumpelkammer machte. Es sah dort so ähnlich aus wie im Laden von Toms Mutter, nur die Postkarten fehlten.

»Schau mal, hier.« Sie hielt mir ein altes Blatt Papier oder eine Art Tuch vor die Nase und sah mich erwartungsvoll an. »Das ist heute Morgen mit der Post gekommen. Ein Antiquar aus London hat es mir geschickt.«

»Ein was?«, fragte ich.

»Jemand, der mit alten und wertvollen Büchern handelt«, erklärte Tante Frida. »Er hat zwar keinen Absender auf das Päckchen geschrieben, aber er hat einen Brief beigelegt.«

Tante Frida hielt ein zweites Stück Papier hoch. Es sah wie eine normale Din-A4-Seite aus dem Drucker eines Computers aus.


»Er schreibt, dass ihm jemand mehrere alte Bücher verkauft hat. Bedauerlicherweise trug dieser Jemand wohl einen falschen Bart und einen viel zu großen Hut, weshalb er ihn nicht erkannt hat. Aber auf jeden Fall hat der Antiquar in einem der Bücher das hier gefunden.«

Tante Frida wedelte nun wieder mit diesem Tuch. »Er meint, dass es unserer Familie gehören muss, und hat es uns deshalb zusammen mit dem Buch zurückgeschickt. Ganz offensichtlich sei das Diebesgut gewesen.«

Ich runzelte die Stirn. »Wer klaut denn unsere Bücher? Hier kommt doch keiner einfach so rein.« Ich sah mich um, als könnte ich jeden Moment einen Langfinger auf frischer Tat ertappen.

»Vielleicht einer der Handwerker, die letztes Jahr in der Bibliothek waren, um Stützbalken für die Decke einzuziehen«, überlegte Tante Frida.

»Frechheit«, murmelte ich.

»Allerdings.« Tante Frida nickte. »Doch es ist äußerst anständig von dem Buchhändler, dass er uns dieses Buch und seinen wertvollen Inhalt zurückgeschickt hat.«

Ich hob die Augenbrauen, völlig ahnungslos, worauf sie hinauswollte.

»Ja«, sagte Tante Frida nachdrücklich. »Denn das hier …« Wieder wedelte sie. »… das hier ist das berühmte Fluchtuch vom Alten Lord. Opa hat es als Kind mal zu Gesicht bekommen und dann ist es irgendwann verschwunden. Offenbar hat es jemand in diesem Buch versteckt. Vielleicht war das sogar Opa selbst, als Kind, und dann hat er es vergessen. Für Familientradition hatte er noch nie viel übrig, abgesehen von alten Gewehren.«

Tante Frida legte das Fluchtuch auf ihren Schreibtisch und ich betrachtete es staunend. Oben prangte das Wappen des Hauses Moorwood, eine wirre Mischung aus mehreren Löwen, einem Einhorn, Lanzen, Ritterhelmen, einer Truhe, einem Teddybären, einem Glas Bier und einer etwas beschönigenden Ansicht unseres Schlosses. Darunter waren jede Menge verschnörkelte Buchstaben, Tintenkleckse und komische Zeichen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Das Ding sah aus wie die Tischdecke eines ganz besonders tiefsinnigen Geisterbeschwörers.

»Hier oben steht eine Art Widmung.« Tante Frida tippte auf das Tuch. »Sie ist in Latein verfasst. Willst du sie mal lesen?«

Ich schaute auf ein paar krakelige Linien, neben denen so etwas Ähnliches wie ein Totenkopf prangte. Vielleicht war es aber auch nur ein weiterer Tintenklecks.

Mühsam entzifferte ich:

qui domum nostrum vendebit

pestilentia negra noctu in illum incidit …

Weiter kam ich nicht, meine Augen begannen zu brennen. Und wozu die ganze Mühe?

»Tom ist derjenige mit dem Lateinkurs«, sagte ich. Tante Frida lachte und übersetzte dann selbst. »Da steht:

Wer unser Haus dereinst zu Golde macht,

der kriegt die Schwarzpest in der Nacht.

Und wer nach Moorwood seine Finger streckt,

der wird vom graus’gen Geist geweckt.

Der stirbt sogleich vor Schreck,

die Leiche trägt der Rabe weg.

Doch wer den Schatz kann finden,

der soll den Zauber binden.«

Ich spürte, wie ich eine Gänsehaut bekam und es mir kalt den Rücken runterlief. Langsam dämmerte mir, warum Tante Frida so aufgeregt war.

»Glaubst du, mit unser Haus ist Moorwood Castle gemeint?«, fragte ich atemlos.

Tante Fridas geheimnisvoller Duft umwehte mich. »Ganz bestimmt«, hörte ich sie wie aus weiter Ferne antworten. »Diesen Text hat dein Urururururururgroßvater geschrieben, der alte Lord Aldwyn Moorwood, der erste Earl of Moorwood. Er hat euer Schloss damals bauen lassen, vor mehr als siebenhundert Jahren, und zwar unter sehr mysteriösen Umständen. Danach ist er verschwunden, ebenfalls auf sehr merkwürdige Art und Weise. Einige sagen, er sei vom Teufel geholt worden, andere behaupten, jemand hätte ihn äußerst unschön verschwinden lassen … Lord Aldwyn soll sich nämlich sehr für magische Praktiken und für die Sterndeutung interessiert haben. Außerdem war er einer der bekanntesten Alchemisten seiner Zeit und weit über die Grenzen Englands …«

»Wissen Opa und Papa das?«, unterbrach ich Tante Frida ungeduldig. »Wissen die, dass der Alte Lord es, äh, na ja, also, dass er es verboten hat, unser Schloss zu verkaufen? Denn das ist doch wohl damit gemeint, oder? Etwas zu Golde machen heißt, dass man etwas verscherbelt.«

»Ja, so ist es.« Tante Frida nickte.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ihr Ja sich auch auf Opa und Papa bezog, aber eigentlich war das auch egal. Selbst wenn die beiden den Text kannten, würden sie sich vermutlich nicht davon beeindrucken lassen. Papa ließ sich nur von Mama was sagen und Opa von niemandem, und schon gar nicht von einem Vorfahren, der bereits seit Jahrhunderten tot war und sich noch dazu für magische Praktiken, die Sterne und Alchemie interessiert hatte – für solche Typen hatte Opa nur ein müdes Grinsen übrig.

Ganz im Gegensatz zu mir.

Und das Ding da vor mir auf dem Schreibtisch hieß ja ganz offensichtlich auch nicht umsonst das Fluchtuch.

Mit einem Mal hatte ich eine super Idee.

Dank Tante Frida wusste ich nun, wie unser Schloss zu retten war.

Ich umarmte sie stürmisch, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und sagte: »Du bist die Beste!«

Dann rannte ich los.

»Wo willst du denn hin?«, rief sie mir hinterher.

»Was Wichtiges erledigen!« Noch im Laufen holte ich mein Handy aus der Tasche und drückte auf das Gesicht von Tom, das mir unter Favoriten entgegengrinste.

»Ja?«, meldete er sich mit der trägen Stimme eines Denksport-Fans. Wahrscheinlich hatte er seit unserem letzten Gespräch nichts anderes getan, als seinen Monitor anzuglotzen.

Sorgfältig schloss ich die Tür meines Zimmers, dann legte ich los.

»Ich habe einen neuen Plan«, raunte ich. »Ganz große Sache und nur für Detektive in Bestform.«

»Echt?« Tom klang immer noch etwas verpeilt, aber leicht interessiert.

Ich berichtete, was ich gerade erfahren hatte, und schloss mit dem effektvollen Satz: »Der Alte Lord hat bestimmt, dass alle, die was mit dem Verkauf des Schlosses zu tun haben, verflucht sein sollen.«

»Oh Mann. Und das glaubst du?«, gab Tom zurück.

»Warum denn nicht?«, fragte ich giftig. Tom hatte mal wieder gar nichts kapiert.

»Außerdem ist es völlig egal, was ich glaube«, erklärte ich ihm. »Entscheidend ist in diesem Fall, dass Spiritisten an Flüche und Magie glauben!«

»Hä?«, machte Tom. »Und was hat das mit uns …«

»Mit unserem Fall hat das eine ganze Menge zu tun«, unterbrach ich ihn. »Mr Bommel oder Boooomel oder wie dieser französische Schlossklauer auch immer heißt, also der ist Spiritist. Und wenn wir dem verklickern, dass Moorwood Castle total verflucht ist, wenn er sich’s unter den Nagel reißt, und er gleich mit, na, dann wird er das schön bleiben lassen und sehen, dass er wegkommt.«

Stille am anderen Ende der Leitung.

»Oh Mann«, stöhnte Tom wieder.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Vielleicht waren ja Jubelschreie ein wenig zu viel erwartet, aber ein genervtes Oh Mann war eindeutig fehl am Platz.

»Wieso, oh Mann?«, patzte ich ihn an.

»Also erstens will Mr Beaumel euer Schloss nicht klauen, sondern kaufen«, sagte Tom. »Und zweitens wissen wir ja gar nicht, ob er Spiritist ist.«

»Wohl!«, rief ich in den Lautsprecher und stapfte gleichzeitig mit dem Fuß auf. »Schon vergessen, was deine Mutter erzählt hat? Er ist in euren Laden gekommen und hat die Heilsteine und die Kristallkugeln angeschaut und dann hat er die Postkarten vom Schloss gekauft.«

»Und das beweist, dass er ein Spiritist ist?«

»Wer schaut sich denn sonst solchen Kram an?«, fragte ich hitzig.

Tom seufzte. »Das beweist gar nichts«, meinte er dann. »Vielleicht hat sich Mr Beaumel ja einfach irgendetwas in unserem Laden angeschaut, weil er sich gelangweilt hat. Oder damit es nicht so auffällt, dass er ganz gezielt sämtliche Postkarten von eurem Schloss kauft.«

Stille. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Tom kapierte leider doch immer eine ganze Menge und war vor allem ein Meister darin, einem den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Und wenn schon«, brummelte ich schließlich. »Der Boooomel ist auf jeden Fall ein Spiritist. Der sieht nämlich genauso aus!«

»Wie sieht denn ein Spiritist aus?«, wollte Tom wissen. Er klang jetzt ehrlich interessiert.

»Na, wie dieser Boooomel«, sagte ich. Und dann fiel mir noch was ein: »Außerdem hatte der doch auch diese ganzen Sternzeichen auf seiner komischen Krawatte.«

Pulsuz fraqment bitdi.

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Litresdə buraxılış tarixi:
29 dekabr 2025
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235 səh. 42 illustrasiyalar
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9783649633716
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