Kitabı oxu: «Göttinnen, Götter, Mythen»

Şrift:


Die Autorinnen


Christiane Lutz ist als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie als Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Stuttgart tätig. Sie ist Dozentin am C. G. Jung-Institut in Stuttgart.


Pia Schiller, M.A. (phil.), ist als Heilpraktikerin in eigener Praxis tätig.

Christiane Lutz, Pia Schiller

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037934-3

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-037935-0

epub: ISBN 978-3-17-037936-7

mobi: ISBN 978-3-17-037937-4

Inhalt

1  1 Einführung

2  1.1 Götter – Spiegel des Menschlichen, Menschliches – Spiegel des Göttlichen?

3  2 Die Weisheit Ägyptens

4  2.1 Archetypische Träume von Recht und Unrecht, Untergang und Neuwerdung

5  2.1.1 Die Maat und die Suche nach Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit

6  2.1.2 Das Totengericht mit Anubis, Thot und Ptah

7  3 Der Wunsch nach Gottgleichheit und die Hybris

8  3.1 Archetypische Träume von grenzüberschreitender Hybris, kritikloser Selbstgefälligkeit und Todesbedrohung

9  3.1.1 Prometheus und das Aufbegehren in Selbstüberschätzung

10  3.1.2 Ikarus und der grenzüberschreitende Höhenflug als Protesthaltung

11  3.1.3 Sisyphos, listenreicher Trickster in der Auseinandersetzung mit dem Göttlichen, mit Leben und Tod

12  3.1.4 Marsyas und Apolls Herausforderung und Wandlungsnotwendigkeit

13  3.2 Archetypische Träume von labyrinthischer Verwirrung, Erkenntnis und Ganzwerdung

14  3.2.1 Wege und Irrwege – vom Ich zum Selbst

15  3.2.2 Eifersucht und Rivalität, die Sehnsucht nach überragender Bedeutung

16  3.2.3 König Minos und die Notwendigkeit des Opfers

17  3.2.4 Der Minotauros und das Labyrinth

18  3.2.5 Die Sehnsucht nach dem Paradies

19  3.2.6 Das Mysterium der Einweihung und der Auftrag: »Werde, der du bist«

20  4 Die Muttergottheiten als Ausdruck des zugrunde liegenden Matriarchats

21  4.1 Archetypische Träume von Macht, Überlegenheit und Verantwortlichkeit

22  4.1.1 Hera, die köngliche Göttin

23  4.2 Archetypische Träume von der heilenden und helfenden Natur

24  4.2.1 Brigid, die Erhabene

25  4.3 Archetypische Träume von selbstbewusstem, individuellem Wertgefühl

26  4.3.1 Lilith und der Mut zur Unabhängigkeit

27  4.4 Archetypische Träume von mütterlicher Fürsorge und selbstlosem Engagement

28  4.4.1 Hestia, die in Selbstlosigkeit sorgende Göttin

29  4.5 Archetypische Träume von inniger Verbundenheit und der Notwendigkeit der Ablösung

30  4.5.1 Demeter, die hingebungsvolle Muttergöttin

31  5 Die Vatergottheiten als Ausdruck des zugrunde liegenden Patriarchats

32  5.1 Archetypische Träume von Macht und Dominanz

33  5.1.1 Zeus, der Herrscher und Vatergott

34  5.2 Archetypische Träume von Impulsivität und Gewalt

35  5.2.1 Poseidon, der Herrscher der Meere

36  5.3 Archetypische Träume von der ängstigenden Dunkelheit des Unbewussten

37  5.3.1 Hades, der Herrscher in der Unterwelt

38  6 Das Kind, Kindheit und Kindsein

39  6.1 Archetypische Träume vom inneren Kind

40  6.1.1 Das göttliche Kind im Mythos der Ägypter

41  6.2 Archetypische Träume zum Umgang mit dem inneren Kind

42  6.2.1 Das göttliche Kind bei den Kelten, Etruskern und im Christentum

43  7 Die Göttinnen der nächsten Generation

44  7.1 Archetypische Träume von Kampf und Weisheit

45  7.1.1 Athene, die Vatertochter

46  7.2 Archetypische Träume von Stärke und (Über)Macht

47  7.2.1 Artemis, die Jägerin und die große Göttin

48  7.3 Archetypische Träume von äußerer Vollkommenheit und neuen Perspektiven

49  7.3.1 Aphrodite, die makellos Schöne

50  7.4 Archetypische Träume von der ängstigenden Dunkelheit des Unbewussten

51  7.4.1 Hekate, die Göttin des Schattenreiches

52  8 Die männlichen Gottheiten der nächsten Generation

53  8.1 Archetypische Träume zu Würde und Heil

54  8.1.1 Apoll, der Lichtgott und sein Sohn Asklepios, der Heiler

55  8.2 Archetypische Träume von Schattenperspektiven und Wandlung

56  8.2.1 Hephaistos, der hinkende Künstler

57  8.3 Archetypische Träume von der gewandelten Dynamik aggressiv-destruktiver Kraft

58  8.3.1 Ares, der von Triebimpulsen beherrschte Gott

59  8.4 Archetypische Träume von Beweglichkeit und Freude an der Veränderung

60  8.4.1 Hermes, Gott der Doppelbödigkeit, der Trickster

61  8.5 Archetypische Träume von Mehrdeutigkeit und Triebnähe

62  8.5.1 Dionysos, der Gott orgiastischer Kulte und des Theaters

63  9 Gedanken zum Schluss

64  Literatur

65  Stichwortverzeichnis

1 Einführung

Was können uns die großen Göttergeschichten heute noch sagen? Repräsentieren sie alte Geschichten, die vor unserem klaren Denken kaum etwas anderes sind als dramatische Geschichten, die Abbilder menschlichen Erlebens darstellen, aber im Grunde in die Märchenschublade gehören?

Der Mythos ist nach griechischem Verständnis das Wahre, Wahrhaftige (Lutz 2016). Es ist der Niederschlag dessen, was die Menschheit seit Urzeiten erlebt und erlitten hat. Es sind einerseits die farbigen Erzählungen, andererseits die göttlichen Gestalten, die ein unsterbliches Erlebnisgut repräsentieren, das den jungen Menschen auch heute noch viel zu sagen hat. Die Erfolgsserien von Rick Riordan sprechen eine eigene Sprache, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen fasziniert. Der Autor verknüpft griechisches, ägyptisches und nordisches mythologisches Gedankengut mit dem gegenwärtigen Erleben von Kindern in der beginnenden Pubertät. In dramatischen Szenen sind die Leser Akteure in den gefährlichen Interaktionen zwischen den Göttern. Sie sind zum Beispiel Kinder der Vatergötter Zeus und Poseidon und kämpfen mit dem Unterweltsgott Hades. In anderen Bänden werden die Kinder zu »Gottlingen«, indem sich die ägyptischen Götter in ihnen niederlassen (Riordan 2011–2014).

Die umfassende Begeisterung der Heranwachsenden zeigt, dass in diesen Themen eigenstes, archetypisches Erleben angesprochen wird. Dies gilt für die bewusste Wahrnehmung. Dass die Beziehung auf der Ebene von bewusst zu unbewusst eine noch tiefere Dimension anspricht, zeigen die archetypischen Träume der Kinder und Jugendlichen. Diese Träume unterscheiden sich deutlich von denjenigen Träumen, die eine Handlung mit bekannten Personen abbilden. Hier ist das Ich als reale Person mit unterschiedlichen Gefühlen beteiligt. Zumeist ist der Traum wie ein griechisches Drama aufgebaut. Es findet eine Einleitung statt, es entwickelt sich eine Handlung mit sich steigernder Dynamik bis zu einer Katastrophe. Dann ebbt die Handlung ab bis zu einem gelegentlich beruhigenden Schluss, und sei es der, beim Aufwachen festzustellen, dass es »nur« ein Traum war.

Archetypische Träume stellen sich hingegen anders dar. In der Regel gibt es keine Handlung, stattdessen werden Bilder wahrgenommen. Es existieren keine bekannten Personen und das Traum-Ich agiert häufig als Beobachter. Die dargestellte Szene ist häufig rätselhaft »unlogisch«. Gesetze der Naturwissenschaft erscheinen aufgehoben. Nicht selten sind die Träume auch farbig und unterstreichen damit den Aspekt der Lebendigkeit und Aktualität. Die auftauchenden Figuren sind unpersönlich, erinnern an keine Bekannten oder Freunde. Sie scheinen deutlich etwas zu symbolisieren, was sich jedoch dem spontanen, interpretierenden Bewusstsein verschließt. Nicht selten steht man einem solchen Traum ähnlich gegenüber wie der rätselhaften Pythia, die lorbeerkauend ihre Orakel verkündete, die, zumeist doppelbödig, häufig missverstanden wurden.

Der Versuch, Göttinnen, Götter und Mythen in ihrer tiefen Botschaft mit archetypischen Träumen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu verbinden, hat sich in der praktischen therapeutischen Arbeit als sehr hilfreich erwiesen. Es sind Quellen der Erkenntnis, die jenseits von rationalen Deutungen und Interpretationen die selbstheilenden Kräfte im Patienten aktivieren und damit nicht selten die Behandlungszeit verkürzen. Die Archetypen aktivieren Erkenntniskräfte im Einzelnen, die nicht selten in Krisensituationen weiterhelfen.

1.1 Götter – Spiegel des Menschlichen, Menschliches – Spiegel des Göttlichen?

In Zeiten zunehmender Verunsicherung, im immer flüchtigeren Zeiterleben, in Gewalttätigkeit und Terrorismus im Namen Gottes erhebt sich immer stärker die Frage nach dem Göttlichen.

Gibt es eine transzendente Verbindlichkeit, gibt es Gott in seinen vielfältigen Erscheinungsformen in Natur und Kultur?

Meinen die vielen Götter im Alten Ägypten, in Griechenland, bei den Etruskern und Römern, bei den Germanen und Kelten schließlich immer nur den einen Einzigen? Ist es die Sonne als Manifestation dieses Einzigen, wie es Echnaton, der rätselhafte Pharao und Gemahl der schönen Nofretete vor 3 000 Jahren verkündete? Ist es aber gleichzeitig auch der Mensch, der sich über die Verehrung des Göttlichen selbst zum Gott erhebt, wie es Echnaton in seinem Sonnengesang beschrieb als Ausdruck tiefster Überzeugung, die nichts mit Anmaßung zu tun hatte.

Und was ist an dem Mythos des »goldenen Zeitalters« der Griechen dran, die den Menschen über seinen Geist zu einem unsterblichen Wesen machte? Oder woher kommt die Überzeugung zum Beispiel bei den Kelten, dass ein würdiger Mensch, sei es ein Druide, Priester oder machtvoller Fürst nach dem Tod zum Gott wurde?

Und wenn es so ist, dass Gott Mensch ist, wie es der christliche Mythos über die Gestalt Christi verkündet, müsste die Umkehr berechtigt sein, zu denken, dass der Mensch zumindest Göttliches in sich trägt. Hat nicht auch Goethe etwas Ähnliches ausgedrückt, wenn er davon spricht, dass uns Göttliches nur entzücken kann, weil das Gottähnliche im Menschen ist?

Die vielschichtigen Mythen unseres Kulturraums umkreisen immer wieder dieses Rätsel der Beziehung zwischen dem Göttlichen und dem Menschen. Sie versuchen Verbindendes und Trennendes zu erfassen. Aber die absolute Wahrheit werden wir aus unserer menschlichen Perspektive des aktuellen Daseins nicht finden. Vielleicht können die zahlreichen Repräsentanten des Göttlichen in ihrer Beziehung zum Menschen mithilfe assoziativen Denkens helfen, sich der Wahrheit anzunähern. In den vielen Facetten, die Göttinnen, Götter und Mythen anbieten, kann sich der Einzelne finden und damit beitragen, sich dem Geheimnis des Seins aus göttlicher und menschlicher Perspektive anzunähern.

Der Traum eines Vierjährigen mag das in einer symbolischen Form belegen:

Ich gehe in eine Pyramide, durch einen Gang bis in die Mitte unter der Spitze. Die Spitze war offen, sodass Licht hereinkam. Ich legte mich auf ein Tuch, bis es genug war und dann ging ich wieder hinaus.

2 Die Weisheit Ägyptens

Die alten Ägypter müssen in ihrem differenzierten Umgang mit Leben und Tod ein tiefes Wissen von der Nähe zum göttlichen Sein gehabt haben. Sprechen hierfür nicht auch die tiefen Symbole der Tiermasken, die die Götter trugen? Ihre Bedeutung war vor allem beim sogenannten Totengericht erlebbar, an der Schwelle zu einem neuen Leben, das möglicherweise auf dem Entwicklungsweg zum Göttlichen gedacht wurde. Ein Hinweis darauf ergibt sich aus der Tatsache, dass die Herzenswägung als zentraler Prozess des Totengerichtes darüber entschied, ob es ein Weiterleben gab. Wurde das Herz als zu schwer befunden, bedeutete dies, dass der Mensch sich zu sehr in menschlicher Schuld, in den Niederungen des Menschlichen, wir würden vielleicht heute von einer ausschließlichen Bezogenheit aufs Materielle sprechen, verstrickt hatte. Sein Herz wurde dem Untier zur ewigen Verdammnis vorgeworfen. Ein Weiterleben gab es für diesen Menschen nicht. War das Herz hingegen leicht, durfte sich der Verstorbene mit dem Totengott Osiris vereinigen, was letztlich die Wandlung ins Göttliche bedeuten sollte.

Isis war die Schwestergemahlin des Osiris. Beide wurden als Fruchtbarkeitsgötter verehrt. Ein archetypisches Thema, Neid und Rivalität zwischen den ungleichen Brüdern Seth und Osiris, führte zum Tod des Osiris: Seth fertigte eine kostbare Lade an, die dem zugehörig sein sollte, der hineinpasste. Osiris ging auf diese Verführung ein und, da die Lade extra für ihn angefertigt war, wurde er auf diese Weise von seinem Schattenbruder überlistet, in Stücke zerteilt und über das ganze Land verstreut. Isis suchte die Teile und fügte sie wieder zusammen, allerdings fehlte der Penis, den bereits ein Fisch verschluckt hatte. Trotzdem gebar Isis das göttliche Kind Horus.

Osiris, der durch seinen neidischen Bruder Seth getötet wurde, war der Gott der Fruchtbarkeit. Über ein Verteilen des zerstückelten Gottes wurde auch die Dürre fruchtbar, denn Seth war der Gott der Wüste. So mag das Wort des Mephisto aus Goethes Faust erneut Bedeutung gewinnen, indem das Böse zwar gewollt, dennoch das Gute schafft.

Verstehen wir den Bruderzwist zwischen Osiris und Seth unter archetypischem Gesichtspunkt, wird deutlich, dass weder das Gute noch das Böse allein Gültigkeit haben. Das Lichte eines Osiris braucht das Dunkel des Seth um über enge Grenzen hinaus Fruchtbarkeit zu ermöglichen. Hinter diesem Begriff steht das Leben als sich ständig wandelnder Entwicklungsprozess. Umgekehrt ist das Böse in seiner Einseitigkeit angewiesen auf das Gute, um seinerseits die Vitalität, die im Dunkel verborgen liegt, entfalten zu können. Hier wird der Begriff des Schattens, wie ihn C. G. Jung eingeführt hat, bedeutsam. Er versteht unter dem Schatten die Fülle vitaler Triebimpulse, die jedoch der Selbststeuerung bedürfen, um nicht destruktiv zu werden. Unter Selbstkontrolle versteht Joachim Bauer (2017) den freien Willen, die Möglichkeiten eines die Triebimpulse steuernden Ichs. Jene sollen nicht unterdrückt werden, wie es einst die sogenannte schwarze Pädagogik tat, jedoch auch nicht willkürlich ausgelebt werden. Nur im Gleichgewicht von Triebimpulsen, die Bauer Basisbedürfnisse nennt und einer Selbstkontrolle seitens des präfrontalen Cortex ergibt sich das harmonische Wechselspiel von unten und oben, von Licht und Schatten. Damit liegt es in unseren menschlichen Möglichkeiten über die Selbststeuerung dieses Gleichgewichts zwischen Basisimpulsen, die von Angst, Aggression und kurzzeitigen Belohnungsimpulsen und der Kontrolle des präfrontalen Cortex immer neu herzustellen (Bauer 2011, S. 37). Es ist die Fähigkeit, das Leben bewusst und gleichzeitig lustvoll zu gestalten, ohne in die Sackgasse von Süchten als fehlgeleitete Sehnsüchte abzugleiten.

Traum eines 16-Jährigen:

Von der Decke schien etwas herabzukommen, wie die Unterseite eines Sarges, der mit vier Seilen befestigt von der Decke hing. Darin lag eine Person, die Haare waren schwarz und in langen Locken gedreht. Die Person sah aus wie ein Mann, aber es könnte auch eine hagere Frau gewesen sein. Dann sagte diese Person, jetzt könne sich der nächste hineinlegen. Er selbst sagte, als er den Traum berichtete, ich wusste noch während er träumte, dass er das war.

Der Jugendliche demonstrierte in den Stunden immer wieder seine intellektuelle Überlegenheit. In einer lebhaften Übertragungsbeziehung versuchte er mich immer wieder zu entwerten. »Frauen können nicht denken« war seine Überzeugung. »Die können nur Kinder kriegen.« In der Realität lebte er mit einer alleinerziehenden Mutter, deren »ein und alles« er war. Die unterschwellige Verachtung dem Weiblichen gegenüber, von dem er sich gleichzeitig vereinnahmt und entmündigt fühlte, rief nach einem Wandlungssymbol. So gesehen dürfte der Sarg, der aus den luftigen Weiten kam, möglicherweise demonstrieren, dass es um klare Urteilskraft gehen müsse. Das rein fühlende Erleben, das Osiris, der Fruchtbarkeitsgott symbolisiert, muss von klarem Denken begleitet werden. Dies fehlte dem Jugendlichen angesichts eines fernen Vaters, der sich nicht um ihn kümmerte und darum als positives strukturierendes Moment fehlte.

In einer Reihe von Schachspielen versuchte er seine Überlegenheit zu demonstrieren, scheiterte jedoch immer daran, dass er nicht intuitiv einfühlend spüren konnte, ob meine Züge dem Angriff der Verteidigung oder einer Planlosigkeit entsprangen.

Über die Deutung, dass seine Rationalität ein sehr einseitiger Versuch war, die emotionale ebenso einseitige Haltung seiner Mutter zu kompensieren, versuchte er neue Wege, indem er seiner Intuition Raum gab. Hier schien es mir angebracht, über den ägyptischen Mythos von Osiris und Seth zu vermitteln, dass beide Repräsentanten einer einseitigen Haltung waren und darum der Tod als Wandlungssymbol wichtig war. Eine einseitige Identifikation macht bei aller Intelligenz »dumm«. Die Vereinigung der Gegensätze, Fruchtbarkeit in Dürre und Wüste zu bringen, muss das Bild für die notwendige Vereinigung polarer Positionen verstanden werden.

2.1 Archetypische Träume von Recht und Unrecht, Untergang und Neuwerdung
2.1.1 Die Maat und die Suche nach Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit

Die Göttin Maat vertritt in der ägyptischen Mythologie das Prinzip der Ordnung, der Gerechtigkeit und der Wahrheit. Sie war ein universelles Prinzip, dem Götter und Menschen gleichermaßen, wenn auch in anderen Kategorien, unterworfen waren. Als Tochter des Sonnengottes Re symbolisierte sie dieses Ordnungsprinzip, dargestellt als eine Frau mit langen schwarzen Haaren mit einer, manchmal zwei, Straußenfedern auf dem Kopf.

Sie war Begleiterin und somit richtungsweisend für den König, der zuständig für den Gang des Kosmos und der in der archaischen Zeit Träger des Bewusstseins war. Innerhalb der Gesellschaft gab sie das moralische, ethische und gefühlvoll-verbindende Verhalten vor, welches die Gesellschaft zusammenhielt und somit Ordnung und Sicherheit gewährleistet.

War die Maat in den Anfängen der ägyptischen Geschichte zur Stabilisierung der äußeren Realität wichtig, nimmt sie in deren Verlauf den Wandel zu einer inneren Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Einzelnen vor. Im zentralen Motiv des Totengerichtes, mit der Wägung des Herzens des Verstorbenen entschied sich, ob der Verstorbene weiterleben durfte.

Die Prüfung vor dem Totengericht, mit seinem negativen Sündenbekenntnis, bei dem der Verstorbene sich selbst von seinen Verfehlungen gegen die Maat freisprechen musste, war entscheidend. Anschließend wurde das Herz gegen die Feder der Maat gewogen. Bei den Ägyptern war das Herz das zentrale Organ für Denken, Fühlen und Handeln und somit mussten das gesprochene Wort und das Herz gleichgewichtig übereinstimmen. Den Vorsitz des Gerichtes hatte Osiris, der Gott der Wiederauferstehung und Erneuerung. Mit einer Standwaage wurde die Herzenswägung durchgeführt, mit Thot dem Gott der Schreiber und Anubis als Begleiter des Verstorbenen.

Für die Ägypter war es von existentieller Bedeutung, sich in der Konfrontation mit der Maat zu bewähren, um nachtodlich weiterleben zu können. Dies wird in einer alten Pyramideninschrift deutlich, die das Geheimnis der Zusammengehörigkeit von Tod und neuem Leben belegt: »Du schläfst damit du aufwachst –, du stirbst damit du lebst« (Clarus1979, S. 6). Das Gericht selbst spielt hier die Rolle der Instanz, mit der man sich nach bestandener Prüfung verbindet, um weiterzuleben wie die Götter.

Das Streben nach einer gerechten inneren und äußeren Ordnung und des Kreislaufs von Leben und Sterben wurde damals mit dem Konzept der Maat verwirklicht. Auch heute noch findet man in den archetypischen Träumen von Jugendlichen diesen Wunsch nach innerer und äußerer Orientierung, umso mehr, als es unsere heutige Zeit schwer macht, einen gradlinigen Weg zu finden.

Ich sitze im Auto und fahre. Vor mir rennt ein Vogelstrauß in hoher Geschwindigkeit. Er läuft zick-zack und ich sehe die gebauschten schwarzen Federn. Ganz kurz überlege ich, ob ich ihn überholen kann, lasse es dann aber. Ich träume, dass die Sonne immer von unten hochkommt, wie wenn sie einmal unter der Erde unten durch muss. Sie steht nicht von allein oben.

Im Traum des Zwölfjährigen muss das Autofahren symbolisch verstanden werden als Versuch, mit den hereindrängenden Triebimpulsen mit dem Leben autonom zurecht zu kommen. Beeindruckend ist in diesem Traum, dass er ohne Wissen das archetypische Bild der Nachtmeerfahrt der alten Ägypter beschrieben hat. Nach ihrer Vorstellung ging die Sonne in Gestalt des Chepre auf, war mittags Re, die Sonne im Zenit und wurde abends zu Atum. Dann vollzog die Sonne ihren Weg durch das Dunkel der Nacht im beständigen Kampf mit der Schlange Apophis, die sie zu verschlingen drohte, um dann am Morgen erneut aufzuerstehen.

Ich scheute mich vor einer Interpretation, zu sehr war ich von der Kongruenz des Traumes mit dem archetypischen Bild beeindruckt. In der individuellen Verstrickung der Krisenzeit der Pubertät stand ja auch vor ihm die Aufgabe, sein Ichbewusstsein zu festigen und zu einer Individualität zu formen.

Die Maat vertritt also Werte wie Struktur, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Sie vermittelt als Göttin und als Symbol die Notwendigkeit ein der göttlichen Ordnung entsprechendes Leben zu führen. Dieser objektiven Gesetzlichkeit waren die Menschen, ebenso wie die Vertreter der Göttlichkeit auf Erden, Pharao und seine große Königsgemahlin unterworfen.

Maat wird entweder als Göttin mit einer Feder auf dem Haupt oder als Feder selbst dargestellt. Ihr obliegt die Aufgabe, beim Totengericht das Gegengewicht zum Herzen des Verstorbenen zu bilden. Wiegt sie in Ihrer Leichtigkeit schwerer als das Herz, darf der Tote in der Vereinigung mit Osiris weiterleben. Ist das Herz schwerer, hat der Tote nicht nach der Maat gelebt und ist damit dem ewigen Tod überantwortet. Dahinter steht der den Ägypter ein Leben lang begleitende Aufruf, mit dem Kosmos, der Außen- und der Innenwelt im Gleichgewicht zu leben. Dann kann das Herz leicht wie eine Feder sein.

Äußerlich wird dieses innere Gleichgewicht als Ausdruck der subjektiven und objektiven Wahrheit sichtbar in der Verbindung der polaren Gegensätze, im göttlichen Brüderpaar Osiris und Seth, aber auch nachfolgend in Horus, dem Sohn von Isis und Osiris, und Seth.

Wer diesen Zustand des inneren Gleichgewichtes zwischen zwei sich widerstreitenden und gleichzeitig zusammengehörigen Lebenseinstellungen immer neu als diese innere Wahrheit begreift, hat einen Zustand der Leichtigkeit des Seins erreicht. Dieser wiederum verkörpert sich in der Maat, die in ihrer Leichtigkeit und Schwere wiederum Gegensätze vereinigt, der Sinn oder Un-Sinn eines Menschenlebens symbolisch umschließen.

Im Totengericht steht der Verstorbene im Mittelpunkt. Für ihn wird sich in dieser Konfrontation herausstellen, ob er weiterleben wird oder sein Herz dem schrecklichen Untier Ammit zum ewigen Untergang vorgeworfen wird.

2.1.2 Das Totengericht mit Anubis, Thot und Ptah

Der Schakalgott Anubis, seine bildhafte Darstellung und seine Rolle bei der Herzenswägung zeigt die große Fähigkeit der Ägypter unterschiedliche Aspekte eines Gottes in verschiedenen Facetten und Erscheinungsformen darzustellen, um sein Wesen zu erfassen. Anubis war der Gott des Jenseits, der Gräber und der Mumifizierung. »Dargestellt als schwarzer Canide (»Schakal«) oder in Mischgestalt von »Hundskopf« und Menschenleib.« (Hornung 2011, S. 282)

Der Schakal als Wüstentier und Aasfresser, der um die Gräber schlich, mag den Ägyptern als Charakteristikum gegolten haben dafür, dass dieser Gott in seiner Präsenz im Reich der Vergänglichkeit auch als Schutzgott und Wächter dient. Die Verbindung von tierischen und menschlichen Eigenschaften waren Ihnen auch im Spiegel der göttlichen Zugehörigkeit wichtig.

Beim Totengericht, das vom einbalsamierenden Gott Anubis vorgenommen wurde, führt der Gott Thot unerbittlich Buch. Während dieses Vorgangs legt der Tote das sogenannte negative Sündenbekenntnis ab, Sätze, die in ihrem Wortlaut nicht verändert werden dürfen:

Gruß dir, du Größter Gott, Herr der Vollständigen Wahrheit!

Ich bin zu dir gekommen, mein Herr,

ich bin geholt worden, um deine Vollkommenheit zu schaun.

Ich kenne dich, und ich kenne deinen Namen,

ich kenne die Namen dieser 42 Götter, die mit dir sind in dieser Halle der Vollständigen Wahrheit, die von denen leben, die zum Bösen gehören, und sich von ihrem Blut nähren an jenem Tag, an dem Rechenschaft abgelegt wird vor Osiris

Ich habe keinen Gott beleidigt.

Ich habe kein Waisenkind um sein Eigentum gebracht.

Ich habe nicht getan, was die Götter verabscheuen.

Ich habe keinen Diener bei seinem Vorgesetzten verleumdet.

Ich habe nicht Schmerz zugefügt und ich habe niemanden hungern lassen,

ich habe keine Tränen verursacht.

Ich habe nicht getötet,

und ich habe (auch) nicht zu töten befohlen

niemanden habe ich ein Leid angetan.

Ich habe die Opferspeisen in den Tempeln nicht vermindert

und die Götterbrote nicht angetastet;

ich habe die Opferkuchen der Verklärten nicht fortgenommen.

(Naville 1886)

Wurde das Herz bei diesen Worten leicht befunden, wurde der Tote Osiris übergeben, sodass er jetzt ewig in der Vereinigung mit dem Totengott in einer anderen Form weiterleben durfte. War das Herz zu schwer, wurde der Tote der ewigen Verdammnis überantwortet und von Ammit, gefressen. Dieses stets lauernde Ungeheuer, mit dem Maul eines Krokodils, dem Vorderteil eines Löwen oder Leoparden und dem Hinterteil eines Nilpferdes war in ihrer Dreiheit Repräsentantin der gefürchtetsten Tiere Ägyptens. Gerechtigkeit aber auch Furcht und Schrecken begleiteten das Totengericht.

Ein Schlüssel, um die Vielschichtigkeit dieser Übergangssituation zu verstehen, bietet sich über die Symbolik der Götterfiguren an, die unter der Dominanz der Maat die Herzenswägung durchführten.

Zum einen ist es Anubis, der schakalköpfige Gott. Ein letztlich minderwertig erscheinendes Tier wird zum unerbittlichen Prüfer eines gelebten Lebens. Im negativen Sündenbekenntnis wird deutlich, dass es hierbei nicht allein um ein gerechtes Leben geht. Es liegt gleichermaßen das Gewicht auf emotionale Qualitäten und den Umgang mit Triebimpulsen. Vielleicht ist dieser Gott darum wesentlich, weil er seinen »hündischen« Charakter mit göttlicher Ordnung in Einklang gebracht hat.

Anubis ist auch der Seelenbegleiter der Führer, der dem Verstorbenen bei seinem Weg in das Weiterleben beisteht.

Hier zeigt sich der wohlwollende, zugewandte Aspekt des Anubis und auch des Totengerichts. Man tritt hier vor keinen Richter, der ein Urteil fällt, sondern man selbst muss in eigener Verantwortung Rechenschaft ablegen, dass man in seinem Leben seinem fühlenden Herzen gefolgt ist. In der Herzenswägung stellt sich dann heraus, ob die Balance, das Gleichgewicht stimmt, das dann die Kontinuität des Fortbestehens sichert und über die Vereinigung mit dem Gott in die Erneuerung mündet. Nicht die Eindeutigkeit von richtig oder falsch, von gut oder schlecht ist wichtig, sondern das Gleichgewicht zwischen zwei Seins Zuständen, der menschlichen und der göttlichen Ordnung. Die menschliche Ordnung, symbolisiert im Herz, stellt die Frage, ob Mitgefühl und liebende Verbundenheit das Leben prägten. Die göttliche Ordnung fragt nach dem Einhalten von Gesetz, von Sitte und Werten, also Aspekten, die wir auch archetypisch nennen könnten.

Der ibisköpfige Thot ist der Vertreter der Intelligenz, Schutzgott der irdischen Gesetze, aber auch der Künste und Wissenschaften. Er gilt als Erfinder der Schrift (Hieroglyphen) und ist damit zu Recht der unbestechliche Protokollant beim Totengericht. Zusätzlich wird dieser Gott auch in Gestalt eines Pavians verehrt.

Damit könnte auf einer anderen Ebene in gleicher Weise wie bei Anubis die Verbindung von Gegensätzen angedeutet sein, deren Verbindung ein sinnvolles Leben auszeichnet.

Das Leben als Vorbereitung für einen gelingenden Beginn im Jenseits war zentrales Streben der alten Ägypter, der Pharaonen, der Adeligen und der Handwerker, wie die zahlreichen vielfarbig ausgestatteten Gräber in Luxor beweisen. Das Leben in Gestalt der repräsentierenden Gottheiten war jedoch zusätzlich auch immer vom Moment des schöpferischen Gestaltens bestimmt: Das Vergehen des Lebens wurde immer auch in der Parallele zum Entstehen des Lebens gedacht und gefühlt: Der Schöpfergott Ptah formte die Menschen aus Lehm und stand damit sinnbildlich für Kreativität, die Fähigkeit, sich über diese Eigenschaft immer wieder neu zu erschaffen. Ist es nicht eine wichtige Erfahrung des Menschen, dass jede kreative Handlung, sei es in der Literatur, in der Musik oder im gestaltenden Tun einer Geburt gleicht, dem Gefühl einer Neuwerdung über das Erschaffene?

Die Voraussetzung für jegliche kreative Neuwerdung ist jedoch die Fähigkeit, gegenläufige Befindlichkeiten anzuerkennen. Nach einer Phase des zur Ruhe Kommens kann sich in der Verbindung dieser polaren Kräfte etwas Neues entfalten.

Ein schwarzer Stier. Links an seinem Huf liegt eine große schwarze Schlange. Er könnte sie zertreten, aber er steht ganz ruhig da und auch die Schlange rührt sich nicht.

Dieser Traum wurde überraschender Weise von einem zehnjährigen Mädchen geträumt. Sie kam wegen selektivem Mutismus in die Therapie und gestaltete in vielen Stunden hochsymbolische Szenen im Sand, ohne ein Wort zu reden. Über die Symbolik fanden wir eine Brücke, indem meine Beschreibungen und Interpretationen jeweils von einem Kopfnicken oder -schütteln beantwortet wurden.

In kleinen Schritten konnten wir einen verbalen Austausch aufbauen. Schlüsselerlebnis war dieser Traum, den sie mir strahlend berichtete, als ob sie mir ein Geschenk überreichte. Als solches fasste ich es auf, wobei ich gleichzeitig spürte, dass jedes Reden darüber zu einem subjektiven Gefühl des Zerstörens führte, bei dem Mädchen ebenso, wie bei mir.

Ich beließ es bei einer Ahnung, dass sich hier das Geheimnis der ägyptischen Haltung abbildete: Gegensätze, die sich gelten lassen. Vielleicht liegt in der gemeinsamen schwarzen Farbe das Wissen um Zusammengehörigkeit und Wandlungsmöglichkeit?

Ein Zwölfjähriger, ganz vom Intellekt bestimmt, litt an einer gravierenden Reifungsdisharmonie. Konnte er rational argumentieren »wie ein Alter«, so die Eltern in einer Mischung von Bewunderung und Verzweiflung, war seine emotionale Entwicklung auf der Stufe eines Vorschulkindes stecken geblieben. In einer die Altersgenossen weit hinter sich lassenden sprachlichen Kompetenz genoss er es, die Klassenkameraden »fertig zu machen.« Diese antworteten mit Isolation und Ausgrenzung, was er rationalisierend bagatellisierte. Zuhause überfielen ihn jedoch depressive Verstimmungen und suizidale Fantasien.

In der Therapie äußerte er mit einem gewissen Stolz, er habe zwei linke Hände und würde später sowieso alles mit seinem Kopf erledigen.

Wie eine Antwort auf diese Äußerung, die ich zunächst nur hingenommen hatte, berichtete er wenige Stunden später folgenden Traum:

Ein Baumstamm war mit den Wurzeln noch im Boden. Ich sah, wie aus diesem Stamm zwei Hände ragten, die einen Menschen formten. Danach war der Mensch von drei Seiten zu erkennen, von rechts, von links und von vorn. Hinten ging er in den halbrunden Stamm über.

Selbst im Traum wird die Eloquenz des Träumers spürbar. Es gelang jedoch, dem Jungen zu vermitteln, wie wesentlich die praktischen Formkräfte in Gestalt der Hände seien, die ihm im Traum die enge Verbindung zur Natur zeigten. Auch er sei ein Teil dieser Natur, die Leben ermöglicht. Um die zugehörige vierte Seite des Menschen zu erkennen, muss man allerdings den gewohnten Standpunkt verlassen. Da wären die eigenen gestalterischen Kräfte zu entdecken, die wenig mit dem Intellekt und viel mit der eigenen Ganzheit zu tun haben.

Ich merkte dabei, wie ich bei der Deutung dieses berührenden Traums auch in der Gefahr war, zu viel zu reden, wie im Bedürfnis, das Geheimnis der lebendigen Natur unter Beweis zu stellen. So verstummte ich im Vertrauen auf die heilenden Kräfte dieser archetypischen Begegnung, während der Junge zum ersten Mal in den vielen Behandlungsstunden längere Zeit schwieg.

Zusammenfassung

In der ägyptischen Kultur war die Zusammengehörigkeit von polaren Gedanken und Empfindungen, von Gott und Mensch selbstverständlich. So wurde das Mysterium vom Tod als Beginn eines neuen Lebens zu einem zentralen Inhalt, der die Rätsel unseres Seins transparenter macht. In der Polarität erfährt sich der Mensch bis heute in seiner göttlichen, kreativen, Leben erschaffenden Dynamik und gleichermaßen in seiner menschlichen leidvollen Begrenzung. Ein Pol bedingt den anderen, so wie die Gottesvorstellung nur über das Erleben und Erleiden des Menschseins gedacht werden kann.

Literatur zur vertiefenden Lektüre

Champollion, J.-F. (2007). Heilige Worte, Ägyptische Hieroglyphen, ihre Historie, Kultur- und Geistesgeschichte. München: Hugendubel.

Clarus, I. (1979). Du stirbst damit du lebst. Die Mythologie der alten Ägypter in tiefenpsychologischer Sicht. Fellbach: Bonz.

Kubisch, S. (2008). Das Alte Ägypten. Stuttgart: Konrad Theiss.

Lutz, C. (2019). Im Einklang mit Menschen und Natur, eine individuelle und kollektive Herausforderung. In: Pfeifer, E. (Hrsg.). Natur in Psychotherapie und Künstlerischer Therapie Gießen: Psychosozial. S. 391–413.

Shaw, J. & Nicoles, W. (Hrsg) (1998). Reclams Lexikon des Alten Ägypten. Stuttgart: Reclam.

Teichmann, F. (1999). Die ägyptischen Mysterien: Quellen einer Hochkultur. Stuttgart: Freies Geistesleben.

Teichmann, F. (2003). Der Mensch und sein Tempel: Ägypten. Stuttgart: Freies Geistesleben.

Weiterführende Fragen

• Wie ist die Tatsache zu verstehen, dass die Ägypter nicht im Kopf, sondern im Herzen die zentrale Schaltstelle menschlichen Seins lokalisierten?

• Inwiefern kann eine Kenntnis der Symbolik die hohe Wertschätzung von Tieren erklären?

• Unterstützt die analytische Psychologie die Theorie, dass polare Prinzipien sich berühren und darum nicht in einer sich ausschließenden Gegensätzlichkeit gedacht werden dürfen?

• Findet sich für diese Hypothese eine Entsprechung in den Naturwissenschaften?

3 Der Wunsch nach Gottgleichheit und die Hybris

Gott gleich zu sein, scheint nicht nur Anmaßung, sondern urmenschliches Bedürfnis zu sein, das sich in griechischen Mythen widerspiegelt. Der Sohn des Helios wünschte einmal mit den Gespannen des göttlichen Vaters über den Himmel zu jagen. Dabei verlor er das Maß, beschleunigte zu sehr, verlor den Halt und stürzte ab. Das entspricht der jugendlichen Perspektive, die im Rausch des philobatischen Lebensgefühls, Grenzen überschreiten und in der unendlichen Weite der Möglichkeiten, sich selbst überschätzend den Boden unter den Füßen verliert. Der Philobat möchte unbeschränkt sein, für ihn verspricht die Weite Geborgenheit, möglicherweise die Chance, den Sprung aus der engen menschlichen Begrenztheit zu verwirklichen (Hopf 2019, S. 183). Diesem Bedürfnis entspricht Ikarus, der Sohn des kunstreichen Dädalus, der das Labyrinth für den Minotauros baute. Ikarus setzte sich über das Gebot des Vaters, der Sonne nicht zu nahezukommen, hinweg und stürzte ab. Sollte damit ausgedrückt sein, dass die Sehnsucht, Gott zu werden, ohne die eigene Menschlichkeit zu berücksichtigen, zum Untergang führt?

Heißt Gott werden wollen, die Sehnsucht, die Enge menschlicher Grenzen zu überwinden? Sehnsucht drückt jedoch nicht Vermögen und Können aus, sondern bedeutet, weiter auf der Suche zu sein. Am ehesten vielleicht mit dem Paulus Wort zu vergleichen »nicht dass ich es schon ergriffen habe, oder schon vollendet sei…« (Phillipper 3, Vers 12).

Gottähnlich zu sein, das Göttliche in sich zu verwirklichen, auf den göttlichen Funken im Menschen zu vertrauen – es stellen sich viele Fragen, die sich um dieses Geheimnis ranken, es aber nicht entschlüsseln.

3.1 Archetypische Träume von grenzüberschreitender Hybris, kritikloser Selbstgefälligkeit und Todesbedrohung
3.1.1 Prometheus und das Aufbegehren in Selbstüberschätzung

Der beeindruckende Mythos von Prometheus weist erneut auf diese Problematik hin: Angeblich dauerte es ihn als machtvoller Titan, dass die Menschen unter der Kälte, dem fehlenden Feuer litten. Das Feuer war jedoch Vorrecht der Götter. Symbolisch gesprochen offenbarte sich im Feuer, diesem vielschichtigen Symbol, ihre Göttlichkeit. Indem Prometheus scheinbar aus Mitleid den Göttern das Feuer raubte und es den Menschen schenkte, machte er sie den Göttern gleich und missachtete die Grenze zwischen Gott und Mensch. Zur Strafe wurde er an den Kaukasus geschmiedet. Ein Adler fraß täglich seine Leber, die jedoch immer wieder nachwuchs.

Wie dürfen wir diese Geschichte verstehen? Wollte Prometheus mit seiner Tat einen eigenen Anspruch befriedigen, nämlich Göttlichkeit einerseits zu relativieren, Menschlichkeit andererseits aufzuwerten? War er selbst der, der nach den Sternen der Göttlichkeit griff und die Grenzen, die ihm als entmachteter Titan auferlegt waren, missachtete? Der Adler als Symboltier des Zeus raubte ihm sein lebenswichtiges Entgiftungsorgan, das jedoch täglich wieder nachwuchs.

Wie lässt sich das interpretieren? Die Leber ist zentrales, lebenswichtiges Entgiftungsorgan. Sie zu verlieren, bedeutet den Tod, sie immer neu zu gewinnen, das Leben. So hing Prometheus, an den Kaukasus geschmiedet, zwischen Tod und Leben, in Gott-Nähe und Gott-Ferne. Nicht von ungefähr scheint hier auch im christlichen Mythos dieses Thema in Gestalt des Gottessohns transparent zu werden. Sind wir nicht gleichermaßen in der Gefahr, als die armen Menschen zu leben, denen das Göttliche fern zu sein scheint? Prometheus ist ein Bild für Menschsein in aller Ambivalenz. Ist die trotzige Gottferne, wie Goethe sie in seinem gleichnamigen Gedicht (Goethe 1992, S. 161) thematisiert, eine Lösung? Ist sogar gerade in der trotzigen Auflehnung ein Funken der eigenen göttlichen Kraft zu entdecken?

3.1.2 Ikarus und der grenzüberschreitende Höhenflug als Protesthaltung

Ikarus fliegt entgegen dem Rat des Vaters im jugendlichen Leichtsinn zu hoch. Die Sonne lässt das Wachs seiner Flügel schmelzen, sodass er seine Hybris mit dem tödlichen Absturz ins Meer bezahlen muss. Die Sonne galt im Altertum als Repräsentant des Göttlichen schlechthin. Die gefährliche Nähe zeigte auf der Symbolebene die Gefahr, Mensch und Gott synonym zu denken. Ikarus zeigt sich als typischer Vertreter eines aufbegehrenden Jugendlichen, der sich die eigenen Grenzen nicht eingesteht und, vergleichbar der Zeit des »Sturm und Drangs«, sich als »Original- und Kraftgenie« gebärdet. Das charakteristische Empfinden ist, alles besser zu wissen und die Erfahrungen der älteren Generation in den Wind zu schlagen. Die eigenen Grenzen auszuloten ist auf dem Weg zur Eigenständigkeit ein unverzichtbares Anliegen. Dass damit jedoch immer auch Todesgefahr verbunden ist, erfüllt alle Eltern dieser Jugendlichen mit Sorge. Ermahnungen allein, wie sie Dädalos ausspricht, genügen jedoch nicht, im Gegenteil, sie fordern die Grenzüberschreitung geradezu heraus. Dädalos warnte vor der Maßlosigkeit, nämlich der Sonne und dem Meer nicht zu nahezukommen. Hilfreicher als dieser gut gemeinte Hinweis wäre eine vorsichtige Begleitung des Jugendlichen gewesen, die mit Nähe und Distanz, mit Anerkennung der Autonomie und dem Schutz vor Selbstüberschätzung angemessen umgeht.

Der Hinweis, alles mit Maß zu tun, den erstmals Thales von Milet 500 vor Christus aussprach (Capelle 1993, S. 66 ff.), wäre weniger als rettender Ermahnung für den Sohn wirksam, sondern als eigene Haltung zu beherzigen gewesen. Der Mythos könnte damit auch als wichtiger Hinweis für die erziehende Generation Geltung haben.

3.1.3 Sisyphos, listenreicher Trickster in der Auseinandersetzung mit dem Göttlichen, mit Leben und Tod

Sisyphos, König von Korinth, Sohn des thessalischen Königs Aiolos, lebte im 14.Jh. v. Chr. Der Name seines Vaters – und dessen Namensgleichheit mit dem Gott der Winde – könnte schon ein Hinweis auf geistige Beweglichkeit, Schnelligkeit und Energie sein. Sisyphos besaß eine rasche Auffassungsgabe und gute Intuition, sodass er geschickt, einfallsreich und immer zu seinem Vorteil handeln konnte. Der Name der Mutter wird nicht erwähnt. Lässt sich daran schon die fehlende Erdhaftigkeit, der mangelnde Bezug zu den Gesetzmäßigkeiten der Natur herauslesen? Sein ganzes Leben agierte Sisyphos wie ein gerissener Kaufmann, der rücksichtslos andere manipulierte, der auch nicht vor mörderischen Intrigen zurückschreckte, um eine Macht zu erhalten, die nur dem eigenen Vorteil verpflichtet war. »Seine Zeitgenossen nannten ihn den größten lebenden Schurken, gaben allerdings zu, dass er Handel und Seefahrt förderte« (Ranke-Graves 2011, S. 194). Eine seiner Taten, als er den Meisterdieb Autolykos geschickt überführte und Rache nahm, erinnert an Taten von Hermes, der schon als Säugling seinen Bruder Apoll listig hereinlegte und seine Tat so beharrlich abstritt, dass selbst Zeus von dieser Dreistigkeit und Intelligenz beeindruckt war.

Hybris zeigt einen Realitätsverlust von Gesetzmäßigkeiten, Grenzen und Ordnungen, denen wir als Menschen unterworfen sind.

Hat sich Sisyphos mit den tricksterhaften Eigenschaften eines Gottes derart identifiziert, dass von einer geistigen Inflation zu sprechen ist?

Sisyphos verrät den Göttervater Zeus in einer Liebesangelegenheit an den Flußgott Asopos, der auf der Suche nach seiner Tochter ist. Als Strafe für den Verrat göttlicher Geheimnisse befahl Zeus seinem Bruder Hades ihn in den Tartaros zu holen. Sisyphos überlistete Hades und fesselte ihn in seinen eigenen Fesseln. Hades war gefangen und keiner konnte auf der Erde nun sterben, die natürliche Ordnung von Leben und Sterben war außer Kraft gesetzt. Der Kriegsgott Ares befreite Hades und lieferte Sisyphos aus. Es gelang ihm jedoch ein zweites Mal mit einer List dem Tod zu entkommen. Diesmal legte er Persephone, die Gemahlin des Hades herein und es gelang ihm erneut die Unterwelt zu verlassen.

Als er schließlich starb, wurde er als Strafe für seine Taten in den Tartaros verbannt und musste immer wieder einen Felsbrocken den Berg hinaufrollen, um dann die Vergeblichkeit seines Tuns wahrzunehmen, wenn der Stein wieder hinab rollte und er erneut, in qualvoller Wiederholung mit seinem Werk beginnen musste. Warum verhängten die Götter eine derart schwere körperliche Strafe, die letztlich so ziel- und sinnlos scheint?

Sisyphos hatte die Götter versucht, in dem er den Tod überlistete und somit das Gleichgewicht der kosmischen Ordnung ins Wanken brachte, um sein eigenes Leben zu verlängern. Haben seine lebenslangen tricksterhaften Manöver ihn von der menschlichen Realität so weit entfernt, dass er glaubte, den Tod dauerhaft überlisten zu können? Ist die Tatsache, dass niemand da war, der Einhalt gebot, sich ihm entgegenstellte, widersprach oder vor den Folgen seines Tuns warnte, ein Hinweis darauf, dass hier über das individuelle Tun eine archetypische Sehnsucht oder auch Verführung zum Ausdruck kommt?

Den Felsbrocken immer wieder auf den Berg zu rollen, heißt ewig, nämlich zeitlos zwanghaft das Gleiche tun zu müssen. Es gibt weder eine progressive Entwicklung noch eine Auflösung komplexbesetzter Erfahrungen. Freud spricht in diesem Zusammenhang vom neurotischen Wiederholungszwang (Freud 2000, S. 205–215).

Muss Sisyphos jetzt in sinnloser Weise den Stein in die Höhe wuchten, weil er sein Leben lang ein zwanghafter Spieler war, vielleicht sogar in einem Wahngebilde gefangen, welches jetzt diese Strafe widerspiegelt? Oder hatte er solche Ängste vor den Gesetzen der Natur, dass er ein Leben lang vor jenen auf der Flucht in die luftigen Höhen der eigenen Überlegenheit, der eigenen Großartigkeit war? Dann braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um zu erklären, warum er den Tod außer Gefecht setzen wollte: es ist die archetypische Angst vor der eigenen Endlichkeit, Gefangener in der Erdenschwer menschlicher Gegebenheit. Dieser fehlende Bezug zur Realität der eigenen Vergänglichkeit, die im Sterben offenbar wird, erinnert an die Atmosphäre und Grundsituation des Märchens »Jugend ohne Alter, Leben ohne Tod«. Hier verliert sich der Held im Stillstand der ewigen Jugend und verfällt zum Schluss zu Staub, als er in eine scheinbare Wirklichkeit zurückkehren will, die er Jahrhunderte zuvor verlassen hat (Lutz 2010, S. 174 ff.).

Vielleicht lässt sich intuitiv erahnen, was mit Sisyphos passieren würde, wenn er den Felsbrocken, statt ihn auf den Berg zu rollen in einen Bach geworfen hätte, vergleichbar dem Märchen von »Hans im Glück« (Grimm 1984 KHM Bd. I, S. 407) und sich damit von einer Last zu befreien, sich also symbolisch in den Fluss des Lebens einzufügen. Als Konsequenz würde er sich dann jedoch dem Fluss der Zeit überantworten und damit sterblich sein. Und angenommen, er hätte diese Entscheidungsmöglichkeit aufzuhören, würde er es tun? Wenn jener Stein der einzige Halt und so die einzige Möglichkeit wäre, autonom zu handeln, könnte er dann darauf verzichten?

Eine andere vorstellbare Lösungsmöglichkeit wäre, dass Sisyphos durch das ständige Wiederholen dieses zwanghaften Rituals, dieser schweren körperlichen Tätigkeit, ein wirkliches Gefühl zu seinem Körper, zu der eigenen Erdhaftigkeit und somit Menschlichkeit bekommt. Somit wäre es möglich, sich selbst erlösend, zu spüren, was Materie auch bedeutet, nämlich Halt, Rahmen und sicheres Angebundensein. Vielleicht könnte dann etwas Neues entstehen und der Teufelskreis der sinnlosen Wiederholung durchbrochen werden.

Hybris als irrealer Höhenflug und Zwang, in seiner Materie nahen Wiederholung scheinen die zwei Pole des gleichen Themas zu sein. Es ist die Angst vor den eigenen lebendigen Gefühlen, die Anfang und Ende des eigenen Lebens umreißen.

Die Endlichkeit der eigenen Person anzuerkennen, würde die Freiheit bedeuten, sein Leben innerhalb der gezogenen Grenzen sinnvoll und autonom zu gestalten. Viele Religionen und geistige Traditionen wissen um die Notwendigkeit der letzten großen Wandlung durch den Tod, der die Seele befreit und erinnern immer wieder an die Tatsache, dass nur wer den Tod anerkennt, die Bedeutung des Lebens erfassen kann.

Auch in den folgenden Träumen spiegeln sich diese Themen wider.

Auf einem kleinen Lederstück, wie an meine dunkelblaue Jeans geheftet, steht der Satz von Leben und Sterben und das eines wie das andere ist. Leben und Sterben und Leben und Sterben und so fort. Es ist eines wie das andere: der Lichtpunkt muss weitergegeben werden.

Die 20-jährige Träumerin hatte gerade wenige Wochen zuvor ihre Mutter ganz plötzlich verloren und kam sehr erschüttert zu mir in die Sprechstunde. Sie war zwar nach der Scheidung ihrer Eltern beim Vater aufgewachsen und hatte wenig äußeren und emotionalen Kontakt mit der Mutter. Trotzdem quälten sie Schuldgefühle. Der Traum erwies sich als wichtige Hilfe den plötzlichen Tod der Mutter ohne Vorwurf und ohne schlechtes Gewissen hinzunehmen. »Es ist für mich Impuls, noch bewusster mein Leben zu gestalten und mir der Endlichkeit bewusst zu sein. Meine Mutter hat sich nie mit diesem Thema auseinandergesetzt, aber ich weiß jetzt, dass bewusstes Leben immer das Wissen um ein plötzliches Ende einschließen muss.«

Ich fahre mit einem gelben Motorrad immer schneller, ich hebe in die Luft ab. Dann stürzt das Motorrad ab und da ist nur noch Asche.

Ich stehe auf der Bühne der Metropolitan Oper in New York und schmettere lauthals eine Arie. Dabei dirigiere ich auch noch das Orchester. Irgendwie spüre ich, dass man mir sagen will, ich soll doch das mit dem Dirigieren lassen, aber ich bin so beschäftigt mit beidem, dass nichts wirklich zu mir durchdringt. Ich weiß, ich bin Placido Domingo (Spanischer Opernsänger).

Der junge Mann hatte gerade sein Abitur mit Bestnote abgelegt und war damit beschäftigt, ein Studium zu suchen, das sowohl Geltung und Macht, als auch ein hohes Einkommen garantierte. Beide Träume, kurz hintereinander geträumt, haben Züge von Maßlosigkeit und Geltungsbedürfnis. Man muss sie als Spiegel seiner narzisstischen Struktur verstehen. Sein Ziel war »einsame Spitze« zu sein. »Andere Menschen brauche ich nicht wirklich,« so meinte er.

Mein Bemühen, ihm in der Interpretation der Träume die Einseitigkeit seiner Lebenseinstellung zu spiegeln, seine Verleugnung von Lebensgefahr und Überforderung prallten ab, wie an einer fest gefügten Mauer. »Ich glaube, sie können meine Bedürfnisse nicht wirklich angemessen einordnen, vielleicht haben sie einfach nicht die intellektuellen Voraussetzungen, um mich zu verstehen oder mir weiterzuhelfen.«

Damit verabschiedete sich der junge Mann ohne sichtbares Zeichen einer emotionalen Berührtheit. Ich blieb betroffen zurück und empfand in der Gegenübertragung Hilflosigkeit und Trauer. Aber auch das gehört zum therapeutischen Alltag.

Ein Mann sagte mir, ich soll mit einem Fesselballon über die Hügel und die dahinter liegenden Berge fliegen. Ich sagte, das kann ich nicht, ich habe keinen Führerschein für einen Ballon. Der Mann war ganz ruhig und freundlich und sagte, das sei ganz leicht und er sei überzeugt, dass ich das könne. Danach bekomme ich den Ballon und die ganze Ausrüstung geschenkt.

Dieser Traum spiegelt die Fähigkeit, sich zu bescheiden, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen wahrzunehmen und gegebenenfalls zu verzichten.

Er stammt vom gleichen Träumer, der mich vier Jahre nach seinem abrupten Abschied erneut aufsuchte. »Mein Leben ist nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Ich musste manches erkennen, was Sie mir zwar immer wieder gesagt haben, was ich aber einfach nicht hören wollte. Ich glaube, jetzt weiß ich besser worauf es ankommt. Ich habe meinen Lebensentwurf geändert. Schade, dass ich nicht wieder bei Ihnen anfangen kann, sie sind schließlich nur für Kinder und Jugendliche zuständig, aber ich werde mir unter anderen Voraussetzungen wieder eine therapeutische Begleitung suchen.«

3.1.4 Marsyas und Apolls Herausforderung und Wandlungsnotwendigkeit

Mit dem Göttlichen in Wettstreit zu treten, in der Auseinandersetzung gleichwertig zu sein, das wiederholt sich als Sehnsucht in unterschiedlichen Mythen und zeigt, dass nur eine Wandlung der inneren Einstellung zum inneren Sieg führt.

Marsyas, ein Satyr spielte den Aulos so meisterhaft, dass er es wagte, den Leier spielenden Apoll zum Wettstreit heraus zu fordern. Nymphen und Musen waren die Zuhörerinnen und wollten schon dem Satyr den Sieg zuerkennen, als Apoll verlangte, dass der Sieg nur jenem gebühre, der das Instrument auch umgekehrt spielen könne. Das ging zwar mit einer Leier, nicht aber mit dem Aulos, der bekanntlich ein doppelläufiges Rohrblattinstrument ist. So wurde Apoll Sieger. Als Strafe ließ er Marsyas die Haut abziehen. Was könnte symbolisch dahinterstehen?

Haut ist Schutzorgan, erlaubt über die Berührung fühlendes Erleben, Geborgenheit schenkende Nähe. Heißt die Vermessenheit, sich mit einem Gott auf die gleiche Stufe zu stellen, zu wollen, in die Gefahr zu kommen, einen existentiell notwendigen Schutz zu verlieren? Als Satyr war Marsyas ein Gefolgsmann des Dionysos. Dieser Gott vertritt, wie kaum ein anderer, menschliche Basisimpulse, wie sie Joachim Bauer (2011) beschreibt. Es sind die vitalen Triebenergien, die in Maßlosigkeit und Rausch, in orgiastischer Sinnenlust die menschlichen Niederungen symbolisch offenbart. Dionysos ist aber gleichzeitig auch der Gott des Schauspiels. In Tragödie und Komödie werden die Erfahrungen des Menschseins dargestellt und in ihrer Größe dem Göttlichen angenähert. Goethe formuliert es so: »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu reden, was ich leide.« (Goethe Torquato Tasso Kap. 5, Auftritt 5). Heißt das, das Sprache als Instrument der Bewusstheit Gottähnlichkeit verleiht?

Eine Parallele findet sich auch im Bereich des Weiblichen. Arachne, eine begnadete griechische Weberin forderte Athene zum Wettstreit heraus. Die Aufgabe war, wer von beiden das feinere Gewebe spinnen könne. Zur Empörung von Athene war Arachne die Erfolgreichere. Außer sich über diese, von der Göttin so erlebte Anmaßung, verwandelte sie jene in eine Spinne.

Das Gerechtigkeitsgefühl empört sich über diese menschlichen Züge von Apoll ebenso wie jene von Athene. Götter dürfen keine Schattenseiten haben, so scheint es. Aber zeigt sich nicht gerade in ihrer Macht, auch wenn sie willkürliche Züge zu haben scheint, ihre göttliche Überlegenheit? Ist es nicht eine häufige Klage der Menschen, dass sie das Göttliche als ungerecht, willkürlich erleben? Hier zeigt sich unsere menschliche Begrenztheit. Wir können in der Gegenwart oft nicht begreifen, was sich viel später im Rückblick in ihrer Sinnhaftigkeit entschlüsselt. Nehmen wir die Symbolik und die damit verbundene intuitive Erkenntnisfähigkeit zur Hilfe, dann könnte sich auch in diesen mythischen Geschichten ein Sinn erschließen: Was musste Marsyas hautnah gehen? War es vielleicht seine eigene tricksterhafte Natur, die sich im Spiegel des Gottes und seines Tuns offenbarte? Fehlte ihm die Klarheit der Unterscheidung zwischen dionysischem und apollinischem Prinzip? Diese beiden Haltungen sollten zwar gleichermaßen wertgeschätzt, nicht aber vermischt werden. Man muss, um dies besser zu verstehen, wissen, dass das Sommerhalbjahr in exakter zeitlicher Begrenzung Apoll und seinen Anhängern zugeordnet war. Das gleiche Heiligtum, Delphi, gehörte im Winterhalbjahr Dionysos und seinem Gefolge. Wurden die zeitlichen Grenzen überschritten, wurden jene, die es achtlos taten, getötet.

Könnte menschliches Bemühen vor diesem Hintergrund gerade in einer Sackgasse münden, wenn eine Fähigkeit und Stärke einseitig betont wird, statt eine ganzheitliche Entwicklung anzustreben? Hier ist C. G. Jung mit seiner Beschreibung unterschiedlicher Funktionen richtungweisend. Es ist nicht gesund, sich nur auf eine Funktion, sei es Denken oder Fühlen, Intuition oder Empfindung, im Sinne des praktischen Tuns festzulegen. Einseitigkeit mündet häufig in Enge, in voreiliges Urteilen bzw. verurteilen allem gegenüber, was dem Eigenen nicht entspricht. Damit entfernen wir uns von Eigenschaften, die mit Großzügigkeit, Toleranz vorurteilsfreier Wahrnehmung den Horizont weiten und sinnbildlich gesprochen göttliche Perspektiven zum Maßstab machen.

Ich klettere in einem schwarzen, verbrannten hügeligen Gelände. Es war sehr bröckelig, wohl Tuffgestein, und absolut trostlos. Ich war ganz allein und wusste, dass ich irgendwann keinen Halt mehr finden würde, weil alles so brüchig war. Ich stellte mir vor, wie ich abstürzen würde und schwer verletzte sterben müsste. Ich hatte aber keine andere Chance, ich musste weiter und ich würde abstürzen.

Ich bin in einer wilden schönen Gegend auf einer Art Gehöft mit viel Gerümpel auf dem Hof. Ein Kind räkelt sich im Halbschlaf auf einem alten Sofa. Ein altes Plumpsklo ist auch da. Ich stehe plötzlich mit mehreren Leuten an einem Tisch und wechsle Geld. Die Währung ist mir unbekannt.

Dann befinde ich in einem alten Gemäuer und gehe eine Rundtreppe nach oben auf eine Terrasse, auf die man hinaustreten kann. Hinter mir sind auch noch Menschen. Dann steht vor uns der Mann mit einer Goldmaske in Form einer Sonne. Irgendwie haben ihn alle erwartet.

Diese Träume einer 18-jährigen jungen Erwachsenen zeigen in eindrucksvoller Weise einen Prozess der Veränderung und Wandlung. Die Ausgangssituation ist das trostlose Gelände in der die Träumerin allein und hilflos herumirrt. Sie ist in Todesgefahr und weiß es. Diese Situation entspricht der Symptomatik einer schwerwiegenden Magersucht. Der drohende Tod im Traum entsprach ihrer selbstinszenierten Problematik, war aber gleichzeitig der Wendepunkt angesichts einer für sie bedrohlich erlebten Klinikeinweisung.

Zunächst scheint sich der Blick im Traum in die Vergangenheit zu richten. Hierbei geht es nicht primär um reale Vorkommnisse, sondern die Erfahrung eines einfachen Lebens, ohne Zwang und Perfektion. Diese Situation erwies sich als kompensatorischer Aspekt gegenüber ihrer zwanghaft kontrollierten Haltung, die den Hintergrund für ihre Symptomatik bildete. Das Wechseln des Geldes in eine unbekannte Währung scheint auf das Abenteuer, in das Neuland des Unbewussten vorzustoßen, hinzuweisen.

Es ist anzunehmen, dass die Träumerin lernen musste, mit der unbekannten Währung umzugehen, damit, als Zukunftsperspektive, der Spiralweg einer progressiven Entwicklung angetreten werden kann. Der Mann mit der Goldmaske in Sonnenform dürfte auf das Ziel hinweisen, auf Delphi mit dem zentralen Spruch über dem Eingang ins Heiligtum: »Erkenne dich selbst.«

Zusammenfassung

In den griechischen Mythen, seien es die des Titanen Prometheus, des Dädalos und Ikarus oder des Wettstreits zwischen Marsyas und Apoll wird die archetypische Sehnsucht des Menschen gespiegelt, sich nicht wahllos dem Göttlichen anzunähern und die gezogenen menschlichen Grenzen nicht zu überschreiten. Das Streben nach Vollkommenheit darf nicht verwechselt werden mit der Hybris, Gott zu sein. Das Maß als Ausdruck des Angemessenen zu verinnerlichen, umfasst die Anerkennung des Menschseins. Diese Haltung schließt in sich den Verzicht auf illusionäre Größenfantasien, die sich nicht selten als eine willkommene Kompensation einer ernüchternden Realität anbieten.

Literatur zur vertiefenden Lektüre

Campbell, J. (1994). Die Kraft der Mythen. Zürich: Artemis.

Dommermuth-Gudrich, G. (2016). Die großen Mythen der Griechischen Antike. Köln: Anaconda.

Hartz, C. (2013) Götter, Monster und Heroen. Mainz: Nünnerich-Asmus.

Hopf, H. (2019). Jungen verstehen. Stuttgart: Klett Cotta.

Lücke, H.K. & Lücke, S. (2005). Antike Mythologie. Wiesbaden: Matrix.

Lutz, C. (2012). Leben Lieben-Leben Lassen. Von Konfrontation und Individuation im Märchen. Stuttgart: opus magnum.

Ranke-Graves, R.v. (2011). Griechische Mythologie (18. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Weiterführende Fragen

• Unterscheiden Sie ein gesundes Selbstwertgefühl von narzisstischen Größenfantasien.

• Inwiefern kann analog der Mythen Selbstüberschätzung in den physischen und psychischen Tod führen?

• Die aktive Lebensgestaltung, der drängende Impuls zur Progression darf nicht mit ehrgeiziger Selbstüberschätzung gleichgesetzt werden. Schildern Sie anhand von Beispielen, die sich am Mythos orientieren, den Unterschied zwischen beiden Haltungen.

3.2 Archetypische Träume von labyrinthischer Verwirrung, Erkenntnis und Ganzwerdung
3.2.1 Wege und Irrwege – vom Ich zum Selbst

Ichbewusstsein und Selbstbewusstsein sind nicht selbstverständlich deckungsgleiche Größen. Das Ich versteht sich in seinem bewussten Wollen, in seinen Vorstellungen und Meinungen hinsichtlich der Welt und der eigenen Person. Unser Ich geht vom Bewusstsein aus. Es orientiert sich an den Meinungen, aber auch Wertungen, die ihm seitens seiner Erfahrungen im Leben und in der Auseinandersetzung mit der Welt zugänglich sind.

Der Gang einer Therapie, oft im Traum als ein Weg in die Tiefe erlebt, setzt sich zunächst mit der eigenen Schattenthematik auseinander. Es sind die Empfindungen, Bedürfnisse und Wünsche, die nicht zu einem idealen Bild vom eigenen Ich passen. Diese zu integrieren, ist der erste Schritt zum Selbst. Aber bereits hier stolpern schon die meisten Menschen. Wer möchte anerkennen, dass Rivalität und Eifersucht, Machtbedürfnis und aktive Aggressionsbereitschaft zur eigenen Person gehören? Im weiteren Weg stehen die Komplexe im Mittelpunkt. Es sind all die Erfahrungen und Prägungen, die uns geformt haben. Sie können sowohl negativer als auch positiver Natur sein, aber es ist ein hartes Stück Arbeit, sich zu sagen, das bin ich auch. Im nächsten Schritt breiten sich die archetypischen Erfahrungen, zumeist in Bilderform aus, die einen kollektiven Schatz darstellen. Aber auch zu ihnen gehört ein dunkler und ein heller Pol, mit dem das Ich klärend umgehen muss. Erst dann ist der Zugang zum Selbst erreicht, ein Ziel, das den Menschen in seiner Ganzheit, in seinen bewussten und unbewussten Anteilen umfasst. Hier liegt das Ziel, dem wir uns im Laufe des Lebens annähern sollen, um zu einem tragenden Selbst-Bewusstsein zu finden.

3.2.2 Eifersucht und Rivalität, die Sehnsucht nach überragender Bedeutung
Der Weg der Verführung zu äußerem Glanz

In dem berühmten griechischen Mythos »Das Urteil des Paris« kommt es zu einer folgenschweren Entscheidung von Paris, die als Auslöser des trojanischen Krieges gilt.

Bei einer Hochzeit waren die olympischen Götter alle eingeladen bis auf Eris, die Göttin der Zwietracht. Gekränkt warf sie daraufhin einen Apfel in die Runde der Götter und Göttinnen mit der Aufschrift »der Schönsten«. Zwischen Hera, Athene und Aphrodite entbrannte daraufhin ein heftiger Streit um diese Auszeichnung. Zeus befahl schließlich dem Götterboten Hermes, den verstoßenen Sohn des Königs Priamos von Troja, Paris, als Schiedsrichter aufzusuchen. Paris war als Säugling ausgesetzt worden, weil ein Fluch auf ihn lastete, er würde das Ende Trojas zu verantworten haben. Die Entscheidung des Paris, der als einfacher Viehhirte lebte, fiel auf Aphrodite. Sie hatte ihm als Lohn die schönste Frau der Welt – nämlich Helena – zugesagt. Athenes Versprechen ruhmreicher Siege im Kampf und Heras Angebot machtvoller Herrscher zu sein, entsprach dem Wesen des schönen, aber weichen Königssohns nicht. Der Raub der Helena, die mit König Menelaos aus Sparta verheiratet war, löste den trojanischen Krieg aus.

Warum führt die Frage nach der Schönsten, zu einer derartigen Rivalität unter den Göttinnen, die mit allen Mitteln der Bestechung um diesen Titel kämpften?

Der Auslöser ist die Göttin Eris, die übergangen wurde. Das heißt, dass die Schatteneigenschaft, die die Göttin repräsentierte, nicht integriert, sondern ausgegrenzt wurde. Wie alle abgespaltenen negativen Eigenschaften drängt sich auch diese über eine dramatische »Explosion« ins Bewusstsein. Der »Zankapfel« verführt die drei lichtvollen Göttinnen in die Niederungen der aggressiv getönten Rivalität. Schönheit muss in diesem Zusammenhang als Frage nach dem höchsten Gut, der wertvollsten Eigenschaft verstanden werden. Wenn man die drei Göttinnen betrachtet, vertreten sie sehr unterschiedliche Werte, die archetypische Qualität haben.

Hera, in vormythischer Zeit eine machtvolle Erdgöttin, wachte in ihrer Rolle als Frau des Zeus über Beziehung und eheliche Treue. Es wird verständlich, dass sie darum über die zahllosen Liebschaften ihres Mannes empört, aber ihm gegenüber immer wieder versöhnlich war. Sie bietet als Qualität ihrer Schönheit die Macht zu herrschen, psychologisch steht dahinter möglicherweise Autonomie als Fähigkeit unabhängig zu sein und das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Für Paris als Sproß eines ehrwürdigen Königshauses ist verantwortliche Eigenständigkeit keine erstrebenswerte Haltung.

Athene, die Strategin, Göttin der Weisheit, Zeus aus dem Kopf geboren, ist eine klassische »Vatertochter«. Sie ehrt und schätzt ihren Vater, weshalb sie auch an sexuellen Beziehungen zu anderen Göttern nicht interessiert ist. Sie unterstützt selbstlos Helden im Überlebenskampf. Sie stärkt damit Männer in ihrem mutigen Einsatz gegen die Unbilden des Schicksals. Ihre Schönheit wäre die Fähigkeit des klugen Einsatzes eigener Kräfte, aber gleichzeitig auch die Bereitschaft, Vaterfiguren als mächtig anzuerkennen, und eigene Grenzen wahrzunehmen. Diese reflektierende Innenschau ist einem Paris fremd.

Aphrodite, die makellos Schöne vertritt mit ihrer Person die archetypische Sehnsucht nach äußerer Vollkommenheit. Sie verfügt über den magischen Gürtel, der ganz allgemein beziehungsstiftend ist. Das gilt nicht nur für die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern gleichermaßen für die gleichgeschlechtliche Liebe und die Bezogenheit unter Menschen. Dieser Aspekt ist für den weichen, schönen Paris selbst bedeutsam. Als Viehhirte in der einsamen Natur hat er einen Bezug zu triebhaft animalischen Bedürfnissen und sieht in der vordergründigen Befriedigung dieser Wünsche offensichtlich den höchsten Wert. Darum erkennt er Aphrodite den Apfel zu.

Hera und Athene fühlen sich angesichts dieses für sie oberflächlichen Wertes verkannt, schmiedet sie aber gleichzeitig, wie wir es in Dreierkonstellationen kennen in der Feindschaft zu Aphrodite zusammen. Folgerichtig unterstützen sie im Kampf um Troja die Griechen, während Aphrodite die Trojaner begleitet.

Aber geht es in dieser rivalisierenden Auseinandersetzung tatsächlich nur um einen Machtkampf? Soll mit der Betonung ihrer Stärken lediglich ein Sterblicher bestochen werden, um den Göttinnen eine Steigerung ihres Selbstwertes zu erlauben? Eifersüchtiges Rivalisieren muss immer auch hinsichtlich eines anderen gedacht werden, um dessen Gunst es letztlich geht. In der Auseinandersetzung zwischen Geschwistern geht es auch immer um den Aspekt, von Vater oder Mutter mehr wertgeschätzt zu werden.

Könnte auch hier die Anerkennung durch den mächtigen Zeus Triebfeder für die rivalisierende Auseinandersetzung sein?

Wie drei Frauen, die um die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Vaters rivalisieren und hinzu kommt noch die Ausgeschlossene, Eris, die mit ihrem Zankapfel plötzlich im Mittelpunkt steht. Zeus enthält sich der Entscheidung und delegiert sie an einen braven, schönen Hirtenjungen, königlichen Geblütes. Indem er weder schlichtet noch vermittelt, erhält er sich seinerseits Überlegenheit und Macht, wie es der patriarchalen Struktur entspricht. Der Hirte Paris, Abbild eines naturverbundenen jungen Menschen, steht für ein schlichtes, dem Triebleben nahestehendes Leben. Symbolisch könnte das auf einen noch wenig differenzierten Charakter hinweisen, der eine Entscheidung ganz nach seinem Instinkt und Gefühl trifft.

Warum lassen sich die Göttinnen in diesen Konflikt so hineinziehen, in dessen Folge Ehebruch, der Raub der Helena und schließlich der zehnjährige Krieg um Troja beginnt? Es wird verständlich, wenn wir uns die Rahmenbedingungen des Patriarchats vor Augen führen, dem damals selbst machtvolle Göttinnen unterworfen waren. Werden nicht auch heute noch Mädchen oftmals auf ein freundliches, angepasstes und liebenswürdiges Wesen und Verhalten reduziert? Erlaubt man ihnen selbstverständlich eine »Ronja Räubertochter«? Kraft, Durchsetzungsvermögen, Entschlossenheit, das klare Vertreten eines Standpunktes wird auch heute noch sehr viel selbstverständlicher mit dem Männlichen verbunden. Und es sind wiederum Mütter, die ihre Söhne und Töchter so erziehen.

Viele Frauen lassen sich heute noch immer festlegen auf das Attribut, »die Schönste« sein zu müssen. Das kann nur dann gelingen, wenn sie ihre anderen Attribute nicht kennen oder nicht wertschätzen. Dann aber entsteht zwangsläufig Eifersucht, Neid und Rivalität, weil das Ziel darin besteht, den Männern zu gefallen, und diese wiederum werden gemäß dem patriarchalen Muster ihrerseits auf eine ähnliche Einseitigkeit festgelegt, die sie im Grund heute immer weniger übernehmen wollen. Im beruflichen oder privaten Feld, in der medialen Welt und in der Öffentlichkeit werden Rivalitätskonflikte unter Frauen oft mit unerbittlicher Härte geführt – und die Umstehenden schauen, manchmal hilflos zu, was da so eskalieren kann. Eine archetypische Situation zwischen Athene und Aphrodite unterstreicht diese Aktualität: Zeus ermahnt Aphrodite, als sie sich in den trojanischen Krieg aktiv einbringt und verletzt wird, sie möge sich doch auf ihre Rolle einer Schönen besinnen und das Kämpfen anderen überlassen. Und Athene verweist Aphrodite ihrerseits in die Schranken, als diese heimlich webt und damit ihre Rolle, nur schön und verführerisch zu sein, zugunsten von gestaltender Aktivität verlässt.

Dies archetypische Thema weist uns darauf hin, dass Frauen den Umgang miteinander differenzierter überprüfen sollten. Statt Rivalität wird Solidarität notwendig. Dann wird auch das Männliche aus seiner patriarchalen Dominanz entlassen und kann sich in Möglichkeiten entwickeln, die angesichts seiner Rolle als starker Held bisher zu wenig gelebt wurden.

Dass Schönheit als Machtmittel eingesetzt wird, um einen mächtigen Mann an sich zu binden, bei gleichzeitiger Preisgabe der eigenen Macht, zeigt letztlich die Selbstunsicherheit in Bezug auf die eigene weibliche Potenz, die sich nicht auf ein einziges Attribut reduzieren lässt. Neben dem mühsamen Weg einer Herauslösung aus patriarchalen Beziehungsmustern für Mann und Frau, steht die Überzeugung einer Gleichwertigkeit, die auf das gefallen Wollen verzichten kann. Parallel würde weibliche Solidarität die Chance in sich tragen, auf eiferndes Rivalisieren als Kompensation von Unterlegenheitsgefühlen zu verzichten. Schwesterliche Verbundenheit im Wissen um eine Gleichwertigkeit der Geschlechter ermöglicht Ziele anzusteuern, die die Rettung unseres Planeten im Zentrum haben, nicht mehr ein egoistisches »die Schönste« sein.

Aus einem ganz anderen Kulturkreis stammt die Sigurdsage, die gleichermaßen das Thema Rivalität unter Frauen behandelt. Sie unterstreicht die archetypischen Wurzeln, die bereits im »Urteil des Paris« erkennbar waren. In der Sigurdsage, die im Nibelungenlied variiert wird, führt es zum Tod des Helden Sigurd und zur unversöhnlichen Rache Gudruns und den Tod vieler Männer, wobei sie selbst ihre Brüder nicht schont.

Sigurd bezwang Brynhild, die machtvolle Walküre und Tochter des Wotan. Weil sie sich gegen den Willen des Vaters aufgelehnt hatte und nicht dem alten König Helmgunnar, sondern dem jungen Agnar zum Sieg verhalf, verurteilte Wotan sie dazu, sich vermählen zu müssen, wie eine gewöhnliche Frau, was für eine Walküre eine Schande war. Wotan legte um sie einen Feuerwall und versprach ihr, dass nur derjenige, der in der Lage sei, diesen Feuerwall zu durchschreiten ein würdiger Ehemann für sie sei. Sigurd, der mutige Held wagte es und erweckte die schlafende Walküre zu Leben und Liebe. Sigurd wusste, dass Brynhild als Tochter Wotans neben ihren kämpferischen Fähigkeiten über geistige Kenntnisse verfügte. So lernte er bei ihr viele Geheimnisse und die Weisheit der Runen. Eine moderne Partnerschaft, in der sich zwei Partner in gemeinsamer Stärke verbinden? Jedenfalls versprachen sie sich wechselseitige ewige Treue.

Aber Sigurd verliebte sich am Hof des Königs Gjuki in die schöne Gudrun und vergaß Brynhild und sein Versprechen. Mit seiner Hilfe durchbrach Gunnar, ein Bruder Gudruns erneut den Feuerkranz, Sigurd nahm die Gestalt Gunnars an und wurde so zum Mann Brynhilds. Diese ergab sich in ihr Schicksal, jetzt einem anderen anzugehören – vom Rollentausch hatte sie nichts bemerkt.

Sigurd heiratete Gudrun, die sanfte, ihn anbetende Frau. Gunnar verband sich mit der starken Brynhild, die ihn letztlich verachtete. Die Rivalität beider Frauen rankte sich um die Frage, wer den bedeutenderen Mann habe. Sigurd und damit Gudrun schien unterlegen zu sein, weil er nur Vasall des Königs Gunnar war. Daraus leitete Brynhild das Recht ab, weiter oben im Fluss ihre Haare zu waschen und Gudrun das Schmutzwasser zuzumuten. Erbost enthüllte Kriemhild den Betrug. Sigurd war der Stärkere und hatte nur in der Gestalt Gunnars den Feuerwall durchritten. Brynhild in ihrem Selbstwert gekränkt, fühlte sich ihrer Ehre beraubt und sann von da an über Rache und trachtete von da an danach, Sigurd töten zu lassen. In gnadenlosem Rachedurst forderte Brynhild, die Betrogene, den Tod Sigurds. Abweichend von der Nibelungensage wurde Sigurd im Schlaf ermordet. Das Ende ist ähnlich wie das im Nibelungenlied. König Atli heiratete Gudrun. Sie lud ihre Brüder ins Hunnenland ein und ließ sie dort erschlagen. Auch wenn Gudrun in der Sigurdsage noch weiterlebt, wird sie nie wieder glücklich. Das Bedürfnis nach Macht, und das Moment der Rivalität fand im hochsymbolischen Thema des Haarewaschens seinen Niederschlag. Haare bedeuten symbolisch den Sitz von Kraft Macht und Stärke. Diese Haarpracht in sauberem Wasser zu waschen, dürfte die Bedeutung der Überlegenheit unterstreichen. Gudrun weigerte sich das Schmutzwasser der Konkurrentin zu benutzen, in der symbolisch zu verstehenden Befürchtung, damit ihre Unterlegenheit zu bestätigen. Das Thema beider Frauen ist als ein Wettstreit hinsichtlich von Stärke, Macht und Wert zu verstehen. Es geht dabei jedoch weniger um die eigenen Fähigkeiten als um die Stärke des Partners. Bei aller Eigenständigkeit des Weiblichen, gerade auch in der nordischen Mythologie, stimmt es nachdenklich, dass erst das Männliche, dem man zugehörig ist, den eigenen Wert ausmacht. Hier mutet die Rivalität zwischen den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite wesentlich autonomer an. Trotzdem bleiben die verheerenden Folgen die gleichen.

Ich träume, ich bekomme von meiner Schwester etwas zu trinken. Es sollte Kaffee sein, aber es ist ein kleines Glas mit Flüssigkeit drin in dem etwas ekliges Rundes liegt. Ich werde so wütend, dass ich ihr am liebsten an die Gurgel will! Während ich so wütend bin, halte ich inne und sage zu ihr: die Schwester-Rivalität kommt aus der Mutter-Richtung, das ist ihr Erbe!

Die 20 Jahre alte Träumerin berichtete von ihrer maßlosen Eifersucht im Blick auf die zwei Jahre jüngere Schwester. Jene sei immer seitens der Mutter bevorzugt gewesen. Bei Auseinandersetzungen habe die Träumerin immer den Kürzeren gezogen. Sie habe der Schwester gegenüber zu wenig Verständnis gezeigt. Die Mutter habe förmlich suggestiv geäußert, dass es ihr doch Spaß machen müsse, für die kleinere Schwester zu sorgen. Diese habe sie jedoch ihrerseits immer gestört und gewollt, dass sie mit den Freundinnen der großen Schwester genauso kommunizieren dürfe. Sie habe ihr oft den Tod gewünscht, aber immer dabei ein schlechtes Gewissen gehabt. Eine Leidensgeschichte, die sich in vielen Geschwisterkonstellationen wiederholt!

Der Traum zeigt deutlich, dass Eifersucht und Rivalität archetypische Themen sind. Für die Patientin relativierte diese Tatsache die Schuldgefühle. Es wurde ihr klar, dass die Wut auf die Schwester einem nicht eingestandenen Affekt gegenüber der Mutter entsprach. Als ich mich stellvertretend als Übertragungsobjekt anbot, schaute sie mich zunächst zweifelnd an und äußerte dann mit einem befreiten Lachen »da müssen sie sich aber warm anziehen«!

Eine wesentlich jüngere Träumerin, 13-jährig, setzte sich mit der gleichen Thematik mit etwas anderem Schwerpunkt auseinander.

Meine Schwester zieht meinen Lieblingspulli an und ich sage ihr, sie soll ihn ausziehen, ich habe ihr das nicht erlaubt. Ich werde wütend, weil sie eher schnippisch reagiert. Ich packe sie regelrecht und drohe ihr mit einem Pfannenwender. Sie sagt zu mir: ist ja kein Wunder, dass zu dir keine Lichtgestalt kommt, wenn du so eine Zicke bist.

Die Träumerin war zunächst sehr betroffen, konnte sich jedoch eingestehen, dass sie auf ihre vier Jahre ältere Schwester enorm eifersüchtig war. Sie, so sagte sie, wäre eigentlich diejenige, die sich immer wieder Klamotten von ihrer Schwester ausleihe und vergesse, sie zurück zu geben. Außerdem würde sie sie glühend beneiden, weil sie immer wieder so nette Freunde habe und sie stünde dann im besten Fall als dumme kleine Schwester da. Der »Pfannenwender« war das Stichwort, das Erkenntnis vermittelte. Sollte die Patientin erkennen, dass der Traum ihr in der Projektion auf die Schwester die eigene Schattenseite bewusst machen wollte? Sie stimmte dem zögernd zu, äußerte jedoch dann triumphierend: »Meine Schwester wird immer die ältere bleiben, aber irgendwann bin ich auch mal 17 und dann werden schon eine oder sogar mehrere Lichtgestalten auftauchen!«

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18 dekabr 2025
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