Kitabı oxu: «Die wichtigsten Psychologen im Porträt»
Dr. Christiane Schlüter, geb. 1961 in Göttingen, Studium der evangelischen Theologie in Göttingen und Genf, 1993 Promotion, 1992–1994 Tageszeitungsvolontariat, anschließend Zeitungs- und Zeitschriftenredakteurin in Goslar und Augsburg. Seit 2004 freiberuflich in Augsburg tätig. Veröffentlichung von rund 30 Sach- und Geschenkbüchern, vor allem in den Bereichen Religion, Philosophie und Psychologie. 2002–2003 zusätzliche seelsorgerliche Ausbildung, seit 2005 Psychodrama-Ausbildung.
Zum Buch
Die wichtigsten Psychologen im Porträt
In über 50 biografisch-werkgeschichtlichen Porträts zeichnet das Buch die Entwicklung der psychologischen und psychotherapeutischen Ansätze und Schulen im Kontext ihrer jeweiligen Zeit nach – von den Psychophysikern des 19. Jahrhunderts über die Tiefenpsychologie, die Lern- und Persönlichkeitstheorien bis hin zu den systemischen Ansätzen der Gegenwart. Den Porträts ist ein ausführlicher Abriss über die wichtigsten psychologischen Lehren von der Antike bis zum 19. Jahrhundert vorangestellt.
Christiane Schlüter
Die wichtigsten Psychologen im Porträt
Christiane Schlüter
Die wichtigsten
Psychologen im Porträt

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Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012
Lektorat: Adrian Urban, München
Covergestaltung: Thomas Jarzina, Köln
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0222-2
www.marixverlag.de
INHALT
ZUR EINFÜHRUNG
| I. | VON DER ANTIKE BIS ZUM 19. JAHRHUNDERT | ||
| II. | SINNESPHYSIOLOGIE – BEWUSSTSEINSPSYCHOLOGIE – GESTALTPSYCHOLOGIE | ||
| 1 Das »romantische Land der Psychophysik« | |||
| Gustav Theodor Fechner | |||
| 2 Ein materialistischer Eid | |||
| Hermann von Helmholtz | |||
| 3 Das erste psychologische Labor | |||
| Wilhelm Wundt | |||
| 4 Verstehen statt Erklären | |||
| Wilhelm Dilthey | |||
| 5 Dem Gedächtnis auf der Spur | |||
| Hermann Ebbinghaus | |||
| 6 Ganzheit und Gestalt | |||
| Max Wertheimer | |||
| III. | TIEFENPSYCHOLOGISCHE ANSÄTZE | ||
| 7 Die Entdeckung des Unbewussten | |||
| Sigmund Freud | |||
| 8 Interesse für das Ich | |||
| Alfred Adler | |||
| 9 Märchen, Mythen, Archetypen | |||
| Carl Gustav Jung | |||
| 10 Abschied von der Kindheitsidylle | |||
| Melanie Klein | |||
| 11 Die »sanfte Rebellin der Psychoanalyse« | |||
| Karen Horney | |||
| 12 Die Theorie vom »gehemmten Menschen« | |||
| Harald Schultz-Hencke | |||
| 13 Mehr als nur Vaters Tochter | |||
| Anna Freud | |||
| 14 Bioenergie und Charakterpanzer | |||
| Wilhelm Reich | |||
| 15 Protest eines Humanisten | |||
| Erich Fromm | |||
| 16 Unterwegs zur eigenen Identität | |||
| Erik H. Erikson | |||
| 17 Der »Glanz im Auge der Mutter« | |||
| Heinz Kohut | |||
| 18 Das Unbewusste als Sprache | |||
| Jacques Lacan | |||
| IV. | LERN- UND KOGNITIONSPSYCHOLOGISCHE ANSÄTZE | ||
| 19 Die Hunde und der Glockenton | |||
| Iwan P. Pawlow | |||
| 20 Das Gesetz von Versuch und Irrtum | |||
| Edward L. Thorndike | |||
| 21 Behavioristische Utopie | |||
| John B. Watson | |||
| 22 Kluge Ratten in der Box | |||
| Burrhus F. Skinner | |||
| 23 Geist und Wirklichkeit | |||
| Jean Piaget | |||
| 24 Lernen durch Bezugspersonen | |||
| Lew S. Wygotski | |||
| 25 Eine angeborene Universalgrammatik | |||
| Avram Noam Chomsky | |||
| 26 Die Kraft der Einsicht | |||
| Albert Ellis | |||
| 27 Schluss mit negativen Gedanken | |||
| Aaron T. Beck | |||
| 28 Alles nur Nachahmung | |||
| Albert Bandura | |||
| 29 Hilflos aus Erfahrung | |||
| Martin E. P. Seligman | |||
| V. | HUMANISTISCHE UND RESSOURCENORIENTIERTE ANSÄTZE | ||
| 30 Eine Bühne für die Seele | |||
| Jakob L. Moreno | |||
| 31 An der Wiege der Humanistischen Psychologie | |||
| Charlotte Bühler | |||
| 32 Offene und geschlossene Gestalten | |||
| Fritz Perls | |||
| 33 Behandlung unter Hypnose | |||
| Milton H. Erickson | |||
| 34 Psychotherapie als Gespräch | |||
| Carl R. Rogers | |||
| 35 Heilung durch Sinnfindung | |||
| Viktor E. Frankl | |||
| 36 Die Bedürfnispyramide | |||
| Abraham H. Maslow | |||
| 37 Die »Spiele der Erwachsenen« | |||
| Eric Berne | |||
| 38 Der Mensch, die Gruppe, das Thema | |||
| Ruth C. Cohn | |||
| VI. | SYSTEMISCHE ANSÄTZE | ||
| 39 Die Familie als Patient | |||
| Virginia Satir | |||
| 40 Mit der Kraft des Paradoxen | |||
| Mara Selvini Palazzoli | |||
| 41 Kommunikation und Wirklichkeit | |||
| Paul Watzlawick | |||
| 42 Von Aufträgen und Vermächtnissen | |||
| Helm Stierlin | |||
| 43 Die unbewusste Komplizenschaft der Liebenden | |||
| Jürg Willi | |||
| VII. | PERSÖNLICHKEITS- UND INTELLIGENZFORSCHUNG | ||
| 44 Die getestete Intelligenz | |||
| Alfred Binet | |||
| 45 Auf der Suche nach dem Besonderen | |||
| William Stern | |||
| 46 Sieben menschliche Fähigkeiten | |||
| Louis L. Thurstone | |||
| 47 Die Einzigartigkeit des Individuums | |||
| Gordon Willard Allport | |||
| 48 Klassifizierung der Wesenszüge | |||
| Raymond B. Cattell | |||
| 49 Grundbausteine der Persönlichkeit | |||
| Hans J. Eysenck | |||
| VIII. | SOZIALPSYCHOLOGISCHE ANSÄTZE | ||
| 50 Der Mensch im Lebensraum | |||
| Kurt Lewin | |||
| 51 Von der »Unfähigkeit zu trauern« | |||
| Alexander und Margarete Mitscherlich | |||
| 52 Sympathie und Solidarität | |||
| Horst E. Richter | |||
| 53 Das Straf-Experiment | |||
| Stanley Milgram | |||
| 54 Die Sprache des Gesichts | |||
| Paul Ekman | |||
| LITERATURVERZEICHNIS | |||
ZUR EINFÜHRUNG
Am Anfang steht ein Widerspruch. »Die Psychologie hat eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte«, stellte im Jahr 1908 der Gedächtnisforscher Hermann Ebbinghaus fest. Er hatte Recht. Seit Jahrtausenden beschäftigen sich die Menschen mit den Geheimnissen der Seele, weshalb die Wurzeln der Psychologie weit in die vorchristliche Zeit hinabreichen.
Als Wissenschaft im Sinne empirischer, das heißt methodisch überprüfbarer Forschung wird die Psychologie jedoch erst seit dem 19. Jahrhundert betrieben. Seit der Zeit also, da sich die Naturwissenschaften zu emanzipieren begannen und ihrerseits die Deutungshoheit über Mensch und Welt beanspruchten. Was vorher in die Zuständigkeit von Dichtern und Philosophen gefallen war, wurde nun zum Arbeitsfeld für Biologen, Physiker, Chemiker und Mediziner. Die noch junge Wissenschaft der Psychologie verstand sich selbst überwiegend als naturwissenschaftlicher Forschungszweig der Philosophie. An den Universitäten blieb sie auch lange, trotz ihrer experimentellen Arbeitsweise, ein Teil der philosophischen Fakultäten. Doch bestand daneben eine zweite, geisteswissenschaftlich orientierte Psychologie fort. Sie arbeitete mit dem Verstehen statt mit dem naturwissenschaftlichen Experiment.
Der doppelte methodische Ansatz prägt die Psychologie bis heute. Er rührt daher, dass ihre eigenständige Entwicklung just in der Epoche begann, in der sich Geistes- und Naturwissenschaften voneinander trennten. Innerhalb der Psychologie kam es dabei zu interessanten Überkreuzungen. Zum Beispiel befassten sich gerade die Neurologen und Psychiater als Erste mit der unempirischsten aller psychologischen Richtungen, mit der Psychoanalyse nämlich. Was daran lag, dass deren Begründer Sigmund Freud selber Arzt war.
Während sich also die Psychoanalyse entfaltete, erforschten andere die Wahrnehmung und das Verhalten, das menschliche Lernen, die Intelligenz, die Kommunikation und vieles mehr. In der praktischen Anwendung fanden die verschiedenen Themen dann nicht selten wieder zusammen und setzten auf diese Weise neue Forschungen in Gang. So erscheint die Psychologie wie ein dickes Tau aus vielen verschiedenen Strängen. Je länger dieses Tau wird, desto mehr öffnen sich die Stränge füreinander und bilden neue Verflechtungen.
Das vorliegende Buch versammelt nicht nur die therapeutischen Richtungen, auf welche die Psychologie im allgemeinen Verständnis gern reduziert wird. Es stellt auch andere psychologische Ansätze vor, um ein vielfältiges Bild dieser Wissenschaft zu geben. In der Darstellung folgt es dem zeitlichen Verlauf und ordnet zugleich die Porträtierten einem Hauptthema ihrer Arbeit zu. Daraus ergibt sich die Unterteilung in acht große Abschnitte:
Der erste Abschnitt setzt am unteren Ende des beschriebenen Taus an, dort, wo die Psyche erstmals als wissenschaftlicher Begriff auftritt. Von da bis zum 19. Jahrhundert markiere ich kurz ein paar Daten an diesem Tau und stelle einige bedeutende Menschen aus der langen Vergangenheit der Psychologie vor.
Im zweiten Abschnitt geht es um die naturwissenschaftliche Sicht auf die Leistung der Sinnesorgane, aber auch um die Erforschung des Bewusstseins und der Wahrnehmung.
Der dritte Abschnitt handelt von der Tiefenpsychologie, die, beginnend mit der Psychoanalyse, einen völlig anderen Blick auf die Seele wirft.
Im Mittelpunkt des vierten Abschnitts steht das menschliche Lernen und Verhalten. Manche Wissenschaftler erklären alles Verhalten als automatische Reaktionen auf Sinnesreize. Andere betrachten den Geist des Menschen und untersuchen, wie er im Wechselspiel mit der Außenwelt seine eigenen Vorstellungen von der Realität bildet.
Der fünfte Abschnitt stellt therapeutische Ansätze vor, die weniger die Störungen der Psyche betrachten als vielmehr ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Die Vertreter dieser ressourcenorientierten Herangehensweise verstehen sich als Humanisten, das heißt: Sie betonen besonders die Würde und Entscheidungsfreiheit des Menschen.
Im sechsten Abschnitt kommt das Beziehungsgeflecht des Patienten in den Blick, denn man hat erkannt: Nicht der Einzelne allein ist behandlungsbedürftig, sondern das zwischenmenschliche System, zu dem er gehört. Diese Ansätze, die sich zunächst auf die Familientherapie beziehen, werden heute allgemein als systemisch bezeichnet.
Der siebte Abschnitt stellt Wissenschaftler vor, die Bedeutendes für die Erforschung der menschlichen Eigenschaften und der Intelligenz geleistet haben.
Im achten Abschnitt geht es um den Menschen als soziales Wesen, als Mitglied einer Gruppe, der Gesellschaft, des Staates. Hier zeigt sich noch einmal besonders deutlich, wie vielfältig die Psychologie in ihrer Anwendung ist.
I.
VON DER ANTIKE BIS ZUM 19. JAHRHUNDERT
UM 400 V. CHR.
Der griechische Philosoph Platon (427–347 v. Chr.) gliedert die Psyche in einen unsterblichen Anteil, der als Denken im Kopf angesiedelt ist und das ewige Gute schaut, und in zwei sterbliche Anteile: das Begehren im Unterleib und die Zielstrebigkeit in der Brust. Der Gedanke einer unsterblichen, von Gott stammenden Seele prägt später die gesamte abendländische Kultur.
UM 330 V. CHR.
In seiner Schrift »Über die Seele« führt Aristoteles (384–324 v. Chr.) als Erster den Begriff der Psyche in ein wissenschaftliches System ein. Der Grieche bindet in seiner Beschreibung des Menschen den Körper und die Seele enger zusammen als sein Lehrer Platon. Doch letztlich unterscheidet auch Aristoteles zwischen einem vegetativen, sterblichen Aspekt der Seele und einem unsterblichen, geistigen Aspekt.
397 N. CHR.
In seiner autobiografischen Schrift »Bekenntnisse« beschreibt der nordafrikanische Kirchenvater Augustinus (354–430 n. Chr.) seine Bekehrung und seine innere Erfahrung. Damit begründet er eine psychologische Methode, die später sehr wichtig wird: die Selbstbeobachtung, die Schau nach innen (Introspektion).
11.–13. JH.
Die mittelalterlichen Scholastiker, unter ihnen der Italiener Thomas von Aquin (1224/25–1274), übernehmen die Zweiteilung (Dualismus) der Griechen. Sie begreifen die Seele als immaterielle, unsterbliche Substanz, die unmittelbar von Gott gegeben ist und den Körper mit dem Tod verlässt.
UM 1520
In einer Schrift des dalmatinischen Humanisten Marko Maurulic (1450–1524) ist erstmals der Begriff der Psychologie (Seelenkunde) nachzuweisen. Er wird sich jedoch erst im 19. Jahrhundert völlig durchsetzen.
16. JH.
Der deutsche Reformator und Humanist Philipp Melanchthon (1497–1560) fasst die Seelenlehre der Antike und des zeitgenössischen Humanismus zusammen.
1644
In seinen »Prinzipien der Philosophie« setzt der französische Philosoph René Descartes (1596–1650) die Seele gänzlich mit der Denk- und Erkenntnisfähigkeit (cogitatio) des Menschen gleich. Als Einzige lebendig, steht diese denkende Substanz (res cogitans) der toten, ausgedehnten Materie (res extensa) gegenüber. Zu der gehören nicht nur die Tiere, sondern auch der menschliche Körper – beide sind für Descartes lediglich Automaten. Den Wirkungsort der Seele vermutet Descartes in der Zirbeldrüse, die er als Verbindungsstück zwischen Leib und Seele ansieht.
1714
Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) begreift in seiner »Monadologie« die Welt als Beziehungsnetz kleinster Einheiten, so genannter Monaden. Die Monaden denkt Leibniz sich als individuelle, in sich abgeschlossene (»fensterlose«) und seelenartige Substanzen.
17./18. JH.
Die englischen Philosophen des Empirismus betonen die Erkenntnis aus Erfahrung. Das wirkt sich auf die Sicht der Seele aus. John Locke (1632–1704) führt alle Vorstellungen, also alle Inhalte der Psyche, auf die Erfahrung zurück. Für ihn ist die Seele bei der Geburt ein leeres Blatt Papier. David Hume (1711–1776) geht noch weiter: Alles, was wir von der Seele kennen, sind ihm zufolge Vorstellungen, die in unaufhörlicher Folge im Bewusstsein auftauchen und wieder verschwinden. Hume verzichtet darauf, überhaupt eine seelische Substanz anzunehmen, er löst die Seele ganz in den Prozess der inneren Erfahrung auf. In den psychologischen Ansätzen der Folgezeit wird die Erfahrung nun immer wichtiger.
1785 ff.
Einen »psychologischen Roman« nennt der deutsche Schriftsteller Karl Philipp Moritz (1756–1793) seinen vierbändigen »Anton Reiser«, der zwischen 1785 und 1790 erscheint. Das kaum verhüllte autobiografische Werk schildert die grausame Kindheit und Jugend dieses jung verstorbenen Spätaufklärers und frühen Klassikers. Von 1783 bis 1793 gibt Moritz ein »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde« heraus. Die Zeitschrift verschreibt sich einem empirischen, also an Beobachtung und Experiment orientierten Ansatz. Ursprünglich sollte Anton Reisers Geschichte in ihr als Modellfall erscheinen.
1824/25
Der deutsche Philosoph und Pädagoge Johann Friedrich Herbart (1776–1841) veröffentlicht sein zweibändiges Werk »Psychologie als Wissenschaft«. Er versucht darin, Seelisches mit mathematischen Modellen zu erfassen, womit er Gustav Th. Fechner (s. Kap. 1) beeinflussen wird. In der Selbstbeobachtung entdeckt Herbart das so genannte »flüssige Wesen« des Psychischen, vertritt also trotz des mathematischen Zugangsversuchs einen ganzheitlichen Ansatz, gegen die Zergliederung in einzelne »Seelenvermögen«.
1846
In seinem Werk »Psyche« vermutet der deutsche Arzt und Philosoph Carl Gustav Carus (1789–1869) den »Schlüssel zur Erkenntnis des bewussten Seelenlebens« in der »Region des Unbewusstseins« oder auch »Unbewussten«. Es sei die erste Aufgabe der Wissenschaft von der Seele, den Weg in diese Tiefen zu weisen.
1859 ff.
Die Philosophen Moritz Lazarus (1824–1903) und Chajim Steinthal (1823–1899) geben die »Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft« heraus. Die Völkerpsychologie befasst sich nicht mit dem Individuum, sondern mit den historischen und gesellschaftlichen Formen des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Der Begriff stammt von Wilhelm von Humboldt (1767–1835). Zuvor schon hatte Johann Gottfried Herder (1744–1803) den Gedanken der Volksseele eingeführt. Wilhelm Wundt (s. Kap. 3) wird später eine zehnbändige »Völkerpsychologie« verfassen.
1872
Der englische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) veröffentlicht ein Buch über den »Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren«. Darin überträgt er die Lehre von der Abstammung auf das Psychische: Auch die mimischen und gestischen Gefühlsäußerungen werden im Lauf der Evolution weitergegeben. An diese Erkenntnis knüpft später Paul Ekman an (s. Kap. 54).
II.
1 DAS »ROMANTISCHE LAND DER PSYCHOPHYSIK«
GUSTAV THEODOR FECHNER
Der Physiker, Arzt, Philosoph und Schriftsteller Gustav Theodor Fechner begründete die Psychophysik, die Messung seelischer Empfindungen. Damit gehört er zu den Vätern der modernen Psychologie. Die von ihm erarbeitete mathematische Gleichung zur Bestimmung von Sinnesreizen ist bis heute gültig. Sigmund Freud nannte ihn nur den »großen Fechner«.
WEG
Als Pfarrerssohn 1801 in Groß-Särchen in der Niederlausitz geboren, studiert Gustav Theodor Fechner Medizin in Leipzig. Weil er sich jedoch als Arzt für »bar jeden Talents« hält, verfasst und übersetzt er nach der Promotion Lehrbücher für Physik und Chemie und gibt ein Hauslexikon heraus, dessen Beiträge überwiegend von ihm selbst stammen. Unter dem Pseudonym Dr. Mises schreibt er medizinische Satiren, nebenbei studiert er noch Philosophie und habilitiert sich 1823. Von 1834 bis 1840 lehrt er als Professor für Physik in Leipzig.
Im Jahr 1840 erkrankt Fechner an den Augen – eine Folge seiner Experimente am eigenen Leib. Drei Jahre lang ist er arbeitsunfähig, hält sich in einem schwarz gestrichenen, abgedunkelten Zimmer auf oder schützt seine Augen mit einer Maske. Er kann kaum etwas essen – nach heutiger Kenntnis ist er an einer massiven Depression erkrankt.
Die Krankheit hat auch eine schöpferische Seite. Nachdem er seine Lebenskrise überwunden hat, wird Fechner zum Begründer der Psychophysik: Ihn interessiert, wie stark Reize und auch die Unterschiede zwischen ihnen sein müssen, um wahrgenommen zu werden. Seine Erkenntnisse legt er 1860 in »Elemente der Psychophysik« nieder und verteidigt sie in mehreren Folgeveröffentlichungen. Eine Schrift, die er noch in seinem Todesjahr veröffentlicht, bezeichnet er gar als »Ritt ins romantische Land der Psychophysik« – so sehr haben ihm seine Erkenntnisse am Herzen gelegen. Fechner stirbt 1887 in seiner Heimatstadt Leipzig, deren Ehrenbürger er geworden ist.
IDEEN
Gustav Th. Fechner begreift das Universum als kosmischen Organismus, dessen Glieder bis hin zu den Pflanzen und Steinen beseelt sind. Dieser naturphilosophische Gedanke der Allbesee-lung führt ihn zu der Annahme, dass zwischen Physischem und Psychischem eine durchgängige Parallelität besteht. Die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen beiden Bereichen erforscht er in der Psychophysik. Sie ist keine metaphysische, sondern eine exakte Wissenschaft, welche die psychologischen Phänomene durch Messen und Experimentieren untersucht. Die »innere Psychophysik« befasst sich mit der Beziehung zwischen den neuronalen Vorgängen und dem Erleben, heute würde man sagen: den kognitiven Neurowissenschaften. Für sie fehlt damals jedoch das methodische Handwerkszeug.
Die »äußere Psychophysik« handelt von den Zusammenhängen zwischen dem Erleben und der physischen Außenwelt. Fechner untersucht die Schwellen eines Reizes: Ab wann ist ein Reiz so stark, dass er bemerkt wird, und ab welcher Intensität verwandelt er sich in Schmerz? Bereits sein akademischer Lehrer Ernst Heinrich Weber (1795–1878) hat diese Reizschwellen erforscht. Fechner baut darauf auf. In Selbstversuchen – beispielsweise mit unterschiedlich schweren Gewichten in der rechten und der linken Hand – findet er heraus, dass Reizveränderungen, die als solche wahrgenommen werden sollen, immer in einem bestimmten Verhältnis zum Standardreiz stehen müssen. Dabei besitzt jede Sinnesmodalität einen eigenen, immer gleichen Steigerungsquotienten – die Helligkeit beispielsweise 1 zu 60, die Temperatur 1 zu 30. Diese Werte, die über die Leistungsfähigkeit der menschlichen Sinnesorgane Aufschluss geben, werden als »Weber-Fechnersche Konstante« bezeichnet. Die mathematische Gleichung, in die Fechner seine Erkenntnis überführt hat, behält als »Weber-Fechnersches Gesetz« bis heute für die mitt leren Bereiche der sinnlichen Wahrnehmung ihre Gültigkeit. Mit seinen Erkenntnissen betrachtet Fechner die Psychologie als vollendet und wendet sich der Untersuchung des ästhetischen Empfindens zu. In Wahrheit aber hat er der Experimentalpsychologie erst den Weg geebnet.
Anekdote: Ein Schinkengericht stand am Beginn von Fechners Genesung. Eine Freundin des Hauses hatte es nach einem Traumerlebnis für ihn zubereitet. Er aß und vertrug es, wurde wieder gesund – und erlebte anschließend seine schöpferischste Lebensphase.
2 EIN MATERIALISTISCHER EID
HERMANN VON HELMHOLTZ
Er war der wohl genialste Naturwissenschaftler seines Jahrhunderts – die wilhelminische Geschichtsschreibung ernannte ihn zum »Reichskanzler der Physik«. Hermann von Helmholtz hat die sinnesphysiologische Forschung mitbegründet. Deshalb zählt er zu den Wegbereitern der Psychologie als experimenteller Wissenschaft.
WEG
Im Jahr 1821 in Potsdam geboren, studiert Hermann Helmholtz – er wird erst 1882 geadelt – Medizin in Berlin. Seine Liebe gehört jedoch der Physik. Die aber gilt in seiner Jugendzeit noch als »brotlose Kunst«. Bis 1848 dient er als Militärarzt in Potsdam. Bereits 1847 formuliert er den Grundsatz endgültig aus, wonach innerhalb eines geschlossenen Systems Energie zusätzlich weder erzeugt noch vernichtet werden kann. Über seinen Studienfreund Ernst von Brücke wird dieses Gesetz später Sigmund Freud (s. Kap. 7) bei der Formulierung seiner Triebtheorie beeinflussen.
Nach Stationen in Berlin, Königsberg und Bonn lehrt von Helmholtz ab 1858 als Professor der Physiologie in Heidelberg. Hier wird Wilhelm Wundt (s. Kap. 3) sein Assistent, der spätere Begründer des weltweit ersten experimentalpsychologischen Instituts. 1871 wechselt von Helmholtz an die Berliner Universität – nun endlich als Professor für Physik. Die Liste seiner wissenschaftlichen Erfolge ist schier endlos. Unter anderem bestimmt er die Wellenlängen des UV-Lichts und erfindet den Augenspiegel, er arbeitet zur Elektro- und zur Thermodynamik und begründet die Meteorologie als Wissenschaft. Hermann von Helmholtz stirbt 1894 in Charlottenburg (heute Berlin).
IDEEN
Unter seinen vielen Arbeiten sind für die Psychologie besonders die sinnesphysiologischen Erforschungen der Leitgeschwindigkeit in den Nerven sowie die Untersuchung der Farbwahrnehmung, des Hörens und des Sehens bedeutsam. Bereits im Jahr 1826 hatte von Helmholtz’ Lehrer an der Berliner Universität, der Zoologe, Anatom und Physiologe Johannes P. Müller (1801–1858), das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien aufgestellt. Danach nehmen Sinnesorgane nur die Reize wahr, die ihnen gemäß sind: die Augen das Licht, die Ohren die Schallwellen und so fort. Hermann von Helmholtz baut darauf auf und unterscheidet die Methoden, beispielsweise in seinem 1866 abgeschlossenen »Handbuch der psychologischen Optik«: Während die Physik die Wege des Reizes im Sinnesorgan nachvollzieht und die Physiologie die Empfindungen des betreffenden Nervenapparates untersucht, kommt der Psychologie eine dritte Aufgabe zu. Sie soll klären, wie die solchermaßen entstandenen Wahrnehmungen verstanden, also zu einem einheitlichen Bild gestaltet werden.
Mit dieser Aufteilung spricht von Helmholtz der Psychologie ein eigenständiges, von den Bereichen der Physik und der Physiologie unterschiedenes Wissenschaftsgebiet zu. So bereitet er die Emanzipation der Psychologie mit vor, sichert zugleich deren Anschluss an die Naturwissenschaften und rechtfertigt nachfolgende Forschungen.
Anekdote: Mit Studienfreunden schwor von Helmholtz im Jahr 1842 einen materialistischen Eid: Keine anderen als physikalisch-chemische oder damit vergleichbare Kräfte wollten sie im Organismus annehmen. Bislang nicht erklärte Phänomene müssten mit Hilfe der Physik und der Mathematik entschlüsselt werden. Einer dieser Freunde war Ernst Wilhelm Ritter von Brücke ( 1819–1892 ), später der wichtigste akademische Lehrer des jungen Sigmund Freud (s. Kap. 7).
3 DAS ERSTE PSYCHOLOGISCHE LABOR
WILHELM WUNDT
Er verankerte das Experiment endgültig in der Psychologie und sorgte gleichzeitig für deren inhaltliche Anbindung an die Ideen- und Begriffsgeschichte seiner Zeit. Damit verhalf Wilhelm Wundt der Psychologie zu einer eigenen Methodik. Sein Leipziger Institut bildete bis nach dem Ersten Weltkrieg das Zentrum psychologischer Forschung und Lehre.
WEG
Wie Gustav Th. Fechner (s. Kap. 1) ist auch der 1832 in Neckarau geborene Wilhelm Wundt ein Pfarrerssohn, wie jener studiert er Medizin. Er arbeitet als Assistent bei Hermann von Helmholtz (s. Kap. 2) in Heidelberg und wird dort 1864 Professor für Anthropologie und medizinische Psychologie. Zugleich sitzt er als Abgeordneter für die bürgerlich-liberale Badische Fortschrittspartei im Badischen Landtag.
1874 geht Wundt an die philosophische Fakultät in Zürich und im Jahr darauf nach Leipzig, in die Stadt Gustav Theodor Fechners, wo er die Universitätswohnung von Fechners akademischem Lehrer Ernst Heinrich Weber übernimmt. In Leipzig gründet Wilhelm Wundt 1879 das Institut für experimentelle Psychologie. Es ist das weltweit erste psychologische Institut überhaupt und wird zur Pilgerstätte für junge Wissenschaftler aus aller Welt. Sein Gründer finanziert es jahrelang selbst, bis es 1883/84 staatlich anerkannt wird. Das Institut gehört, wie damals üblich, zum philosophischen Lehrstuhl. Die Psychologie, einst hervorgegangen aus dem Nachdenken über die Seele, ist immer noch Teil der philosophischen Wissenschaft, und die Studenten sind hauptsächlich angehende Lehrer.
Die »Ära Wundt« markiert jedoch einen Meilenstein auf dem Weg zur naturwissenschaftlichen Grundlegung dieser Disziplin, denn nun wird das Experiment endgültig in ihr verankert. Die Selbstbeobachtung, die typische Methode der damaligen Zeit, ist für Wundt nur unter strengen experimentellen Bedin-gungen aussagekräftig, und das heißt: wenn gemessen wird. Von Helmholtz und Fechner hatten dazu bereits einiges geleistet. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern entwirft Wundt zahlreiche Versuchsgeräte und lässt sie bauen. Aus heutiger Sicht wirken die Experimente sehr einfach: Die Versuchspersonen müssen beispielsweise Gerüche, Töne, optische Reize oder Gewichte vergleichen und ihre Empfindungen darüber mitteilen – das Bewusstsein reflektiert sich selbst. In seinen gut besuchten Vorlesungen demonstriert Wilhelm Wundt eigene Versuche, was damals nicht üblich ist.
Dennoch bezieht er immer auch die Philosophie und andere Disziplinen in sein Denken mit ein, indem er die Ergebnisse der Experimente philosophisch begründet. Nachdem Wundt seinen Ansatz unter anderem im »Grundriss der Psychologie« (1896) niedergelegt hat, verfasst er in seinen letzten 20 Lebensjahren die zehnbändige »Völkerpsychologie«. Heute würde man sie als kulturhistorische Analyse bezeichnen. Sie hat sich nicht auf die zeitgleich in den USA entwickelte Sozialpsychologie ausgewirkt, denn experimentelle Untersuchungen sozialer Prozesse hat ihr Verfasser abgelehnt. Stattdessen verdanken ihr die Ethnologie und die Linguistik wichtige Impulse.
Auch als Wissenschaftspolitiker nimmt Wundt Einfluss. Im Jahr 1912 protestieren Philosophiedozenten vieler Universitäten dagegen, dass immer mehr philosophische Lehrstühle mit Psychologen besetzt werden. Doch Wundt, der einen Bedeutungsverlust für seine Disziplin befürchtet, setzt sich dafür ein, dass sie – obgleich vielfach von Mathematikern und Naturwissenschaft lern betrieben – noch für Jahrzehnte an die philosophischen Fakultäten angebunden bleibt.
Wilhelm Wundt stirbt 1920 in Großbothen bei Leipzig. Aus der Psychologiegeschichte ist er nicht wegzudenken. Durch sein Institut, das zur Keimstätte der so genannten Leipziger Schule wird, und durch seine empirischen Methoden, die über eine ganze Generation von Wissenschaftlern weiterwirken, wird die Psychologie zunehmend eigenständig – und zwar nach beiden Seiten hin: nach der philosophischen und der physiologischen.
IDEEN
Seit Wilhelm Wundt fragt die Psychologie, wie Sinneseindrücke erfahren und verarbeitet werden. Dabei interessiert diesen Forscher weniger die physikalische Seite, also der Weg des Reizes zum Sinnesnerv, sondern vielmehr das Problem, wie sich die Reizung des Sinnesnerven in erlebte Empfindung, in einen Bewusstseinsinhalt verwandelt. Das ist die psychologische Fragestellung, die Wundt streng gegen die physikalische abgrenzt.
Das Erleben, das er im Experiment betrachtet, begreift Wundt als Prozess. Er fragt nicht nach einem substanzhaften Bewusstsein, das als Träger der Vorgänge dienen würde, sondern er löst das Psychische ganz in diesem Prozess auf. Das Geschehen, in dem sich eine Empfindung in einen Bewusstseinsinhalt verwandelt, nennt er Apperzeption, vom lateinischen adpercipere – hinzuwahrnehmen. Der Begriff ist seit Gottfried W. Leibniz (1646–1716) bekannt. In der Apperzeption ordnet sich das Vorstellen, Fühlen und Wollen zur Einheit des Bewusstseins. Dieses besteht also aus ununterbrochenen Apperzeptionsvorgängen, einfachen und komplexeren.
Wundt versteht die Apperzeption als zielgerichtete Willenshandlung, weshalb er seinen Ansatz später auch Voluntarismus (Lehre vom Willen) nennt, und macht sie zum Modell aller psychischen Prozesse. Weil sie einen schöpferischen und auf eine Synthese ausgerichteten Prozess annimmt, unterscheidet sich seine Apperzeptionstheorie von den mechanistischeren Modellen der zeitgleich forschenden klassischen Assoziationspsychologen wie Hermann Ebbinghaus (s. Kap. 5). Diese gehen von einem Zusammenschluss der psychischen Elemente aus, ohne, wie Wundt, die Einheit des Erlebens zu berücksichtigen und auf einen Willensakt zurückzuführen. Weil Wundt aber wie die Assoziationspsychologen von Bewusstseinselementen ausgeht, die es zu finden gelte, wird er letztlich doch in ihre Nähe gestellt.
Gegen die Annahme einzelner, sich zur Einheit des Bewusstseins erst zusammenschließender Elemente wird sich dann später Wilhelm Dilthey mit seiner geisteswissenschaftlichen Psychologie (s. Kap. 4) wenden. Auch die so genannte Würzburger Schule entsteht in dieser Auseinandersetzung. Ihre Protagonisten sind unter anderen der ehemalige Wundt-Schüler Oswald Külpe (1862–1915) und sein Schüler Karl Bühler (1879–1963). Die Würzburger kritisieren an Wundts Bewusstseinspsychologie, dass sie die Selbstbeobachtung auf Wahrnehmungen und Vorstellungen beschränkt, also auf anschauliche Bewusstseinsinhalte. Was aber ist mit den unanschaulichen Bewusstseinsinhalten, mit den Gedanken und spontanen Einfällen? Mit ihrem Anliegen, den unbewussten Denkvorgängen auf die Spur zu kommen, begründen die Würzburger die so genannte Denkpsychologie. Sie lassen Versuchspersonen von dem berichten, was während der Lösung von Denkaufgaben in ihrem Bewusstsein geschieht. So zeigen sie, dass das Denken nicht als assoziative Ansammlung von Bewusstseinsinhalten abläuft, sondern durch unbewusste Kräfte gelenkt und bestimmt wird, etwa durch die jeweilige Aufgabe und durch das Erkenntnisziel.
Anekdote: Ist er je Kind gewesen? Edwin Boring, Psychologiegeschichtler in Harvard, konnte sich den bedeutenden Wilhelm Wundt nicht anders denn als Erwachsenen vorstellen und behauptete daher, dieser habe in jungen Jahren nicht gespielt und keine Freunde gehabt. Wahrscheinlicher ist aber doch, dass Wundt auch schon in jungen Jahren einfach sehr fleißig gewesen ist. Nach Schätzung von Edwin Boring hat der unermüdliche Arbeiter im Lauf seines Gelehrtenlebens mehr als 53.000 Seiten veröffentlicht.
4 VERSTEHEN STATT ERKLÄREN
WILHELM DILTHEY
»Verstehen statt erklären« lautete sein Motto. Wilhelm Dilthey hat die Geisteswissenschaften im Gegenüber zu den Naturwissenschaften methodisch auf eine neue Grundlage gestellt und mit seiner »verstehenden Psychologie« ein Gegengewicht zur experimentalpsychologischen Betrachtungsweise geschaffen.
WEG
Auch Wilhelm Dilthey ist, wie viele Gelehrte seiner Zeit, ein Pfarrerssohn. Geboren 1833 im rheinischen Biebrich, studiert er unter anderem Geschichte, Philosophie und Theologie. Nach dem ersten theologischen Examen und der staatlichen Schulamtsprüfung arbeitet er zunächst als Lehrer, zieht sich jedoch 1857 aus dem Schuldienst zurück, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen. 1864 wird Dilthey mit einer Arbeit über die Ethik Schleiermachers promoviert, im selben Jahr habilitiert er sich mit einer Abhandlung über das »moralische Bewusstsein«. Es folgen Professuren in Basel, Kiel, Breslau und von 1883 bis 1908 in Berlin. Dilthey gilt als unglaublich arbeitsam. Bei seinem Tod im Jahr 1911 in Seis am Schlern hinterlässt er eine umfangreiche Bibliografie: Die derzeit erscheinende Ausgabe seiner Gesammelten Werke umfasst bislang 26 Bände.
IDEEN
Um das Jahr 1890 herrscht in der Psychologie eine klare Tendenz vor: Sinneserlebnisse werden in kleinste Einheiten (Elemente) zerlegt, die Bewusstseinsinhalte werden auf diese Elemente zurückgeführt, komplexere Prozesse erklärt man durch eine assoziative Verknüpfung der kleineren Einheiten. Gegen diese Elementar- oder Assoziationspsychologie wendet sich Wilhelm Dilthey. Für die nachfolgende Geistesgeschichte erwirbt er sich dadurch große Bedeutung.
Diltheys Zeit ist geprägt vom Siegeszug der Naturwissenschaften. Der Positivismus, jene philosophische Richtung, welche die Erkenntnisfähigkeit auf das beschränkt, was durch die Sinne erfahrbar und letztlich messbar ist, hat seinen Siegeszug angetreten. Mit ihrem Anspruch des Analysierens stellen die Naturwissenschaften die Geisteswissenschaften, etwa die Geschichtsschreibung, in Frage: Georg W. F. Hegel (1770–1831) konnte hinter den Einzelereignissen der Weltgeschichte noch ein höheres Ganzes sehen, das sich stufenweise verwirklicht. Wilhelm Dilthey ist das zu seiner Zeit nicht mehr möglich, die Historie löst sich ihm in lauter geschichtlich bedingte Einzelerscheinungen auf (historischer Relativismus). Dies entspricht dem geschilderten Elemente-Denken der Psychologie jener Zeit, wie es die klassischen Assoziationspsychologen vertreten.
Doch Dilthey findet zur Einheit des Ganzen zurück: in der so genannten Lebensphilosophie, deren wichtigster deutscher Vertreter er wird (für Frankreich ist hier Henri Bergson, 1859–1941, zu nennen). Die Lebensphilosophie trauert dem absoluten Sein, das sich restlos in die Vielfalt der historischen Erscheinungen aufgelöst hat, nicht mehr nach. Stattdessen versucht sie, jenes Werden und Vergehen als Bewegung des Lebens selbst zu erkennen und zu würdigen: Trotz seiner Prozesshaftigkeit sei das Leben eben doch mehr als bloß die Summe seiner Einzelerscheinungen. Diese Sichtweise führt im Grenzbereich der Biologie zum so genannten Vitalismus mit seiner Annahme einer zielgerichteten natürlichen Lebenskraft. In der Psychologie wird sie später die Gestalttheorie (s. Kap. 6) beeinflussen. Doch zunächst bringt sie durch die Arbeit Diltheys einen Gegenentwurf zur zeitgenössischen, naturwissenschaftlich orientierten Assoziationspsychologie hervor.
Wilhelm Dilthey denkt ganzheitlich, wie man heute sagen würde. Er stellt fest, dass eine rein elementarisierende Betrachtungsweise das Eigentümliche der menschlichen Seele verkennt. Diese ist für ihn nämlich eine komplexe Struktur, bestehend aus dem Willen, aus Gefühls- und Triebleben und aus der Intelligenz. Der Mensch ist ein Lebewesen, das will, fühlt und sich etwas vorstellt. Dieser Strukturzusammenhang bewirkt, dass psychische Prozesse immer auch Sinn- und Wertaspekte beinhalten. Psychisches Leben steht deshalb nicht einfach reproduzierbar und messbar zur Verfügung. Stattdessen lässt es sich aus seinem vielfältigen Ausdruck – aus Aussagen, Handlungen und der Äußerung unmittelbarer Erlebnisse – erschließen. Es kann nicht erklärend in isolierte Wahrnehmungselemente zerlegt, sondern muss als Ganzes verstanden werden: Dilthey fordert statt der »erklärenden« eine »verstehende«, eine geisteswissenschaftliche Psychologie, die sich um Wesenserkenntnis bemüht. Daneben etabliert er eine vergleichende Forschung, die eine überindividuelle Typenlehre herausarbeitet.
Seitenblick: Dilthey hat den Geisteswissenschaften eine eigene methodische Grundlage erschlossen und ihnen damit zu neuem Selbstverständnis und zur Selbstständigkeit gegenüber den Naturwissenschaftgen verholfen. Die Lehre vom deutenden Verstehen aus dem Gesamtzusammenhang heraus (Hermeneutik) hat die Philosophie befruchtet bis hin zu Martin Heidegger (1889–1976) und Hans-Georg Gadamer (1900–2002). Auf dem Gebiet der Psychologie hat Diltheys Schüler Eduard Spranger (1882–1963) den typologischen Ansatz weiter ausgearbeitet, etwa in seinen 1914 erschienenen »Lebensformen«. Auch der Psychiater und spätere Existenzphilosoph Karl Jaspers (1883–1969) baut in seiner »Psychologie der Weltanschauungen« (1919) auf Dilthey auf.
5 DEM GEDÄCHTNIS AUF DER SPUR
HERMANN EBBINGHAUS
Mit ihm wandte sich die Psychologie der experimentellen Gedächtnisforschung zu. In disziplinierten Selbstversuchen erforschte Hermann Ebbinghaus die Gesetze des Behaltens und Vergessens. Von ihm stammt auch der erste Intelligenztest für Kinder.
WEG
Der 1850 geborene Unternehmersohn Hermann Ebbinghaus aus Barmen gehört zu den Wegbereitern der experimentellen Psychologie. Wie Fechner und von Helmholtz will er psychologische Phänomene durch Messungen exakt bestimmen. Doch wo Fechner die Reizverarbeitung im Blick hatte, interessiert ihn die Leistung des menschlichen Gedächtnisses.
Vom Studium her ist Ebbinghaus Philosoph, in diesem Fach wird er 1873 in Bonn promoviert. Er geht nach Berlin, studiert Mathematik und Naturwissenschaften, reist viel und arbeitet als Privatlehrer, zuletzt beim Prinzen Waldemar von Preußen. Nach dessen Tod 1879 beginnt er mit den oben beschriebenen Selbstversuchen, deren Ergebnisse er in seiner 1880 an der Berliner Universität eingereichten Habilitationsschrift niederlegt. Einer seiner Gutachter ist übrigens Hermann von Helmholtz (s. Kap. 2).
Nun beginnt Ebbinghaus’ wechselvolle akademische Laufbahn. Er vertieft seine Gedächtnisforschung im ersten, von ihm eingerichteten Berliner Laboratorium für experimentelle Psychologie – was aufgrund der Notwendigkeit, Lern- und Vergessensphasen genau einzuhalten, eine eher stereotype Lebensweise und somit einige Opferbereitschaft erfordert. Als Mitherausgeber der ersten deutschsprachigen »Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane« fördert er die naturwissenschaftliche Ausrichtung der Psychologie.
1894 geht Ebbinghaus nach Breslau. Hier entwickelt er im Auftrag des städtischen Magistrats den ersten Konzentrations- und Leistungstest für Kinder, auch als Ebbinghaussche Lückenprobe bezeichnet, weil in einem Text Lücken ergänzt werden müssen. Die Tests werden gebraucht, um Befürchtungen zu widerlegen, die Schüler könnten durch die ständigen geistigen Anforderungen während des Unterrichts überlastet werden.
1905 wechselt Hermann Ebbinghaus nach Halle. Hier stirbt er bereits vier Jahre später an einer Lungenentzündung.
IDEEN
Ein Mann sitzt in seinem Studierzimmer und murmelt sinnlose Silben vor sich hin: »dot chauf maut …« Anschließend beschäftigt er sich mit anderen Dingen, behält jedoch die Stoppuhr genau im Auge. Nach einer festgelegten Zeit überprüft er, wie viele Silben er noch behalten hat … So weit ein kurzer Einblick in das früheste Labor für experimentelle Gedächtnisforschung. Versuchsleiter, Protokollant und Versuchsobjekt in einer Person: Hermann Ebbinghaus.
Bei seinen Selbstversuchen findet und formuliert er das nach ihm benannte Gesetz, wonach ein Lernstoff wesentlich häufiger durch Wiederholung eingeprägt werden muss, wenn er auch nur geringfügig anwächst (Lernkurve). Je häufiger jedoch etwas repetiert wird, umso weniger Zeit braucht man dafür – dies ist die so genannte »Ersparnismethode«.
Auch die von Ebbinghaus im Jahr 1885 bestimmte Verges-senskurve ist bis heute gültig. Sie besagt, dass Gelerntes zu Beginn schnell und allmählich immer langsamer vergessen wird. Bestimmte Lerntechniken und die emotionale Beziehung des Lernenden zum Lernstoff können allerdings bewirken, dass man den Stoff länger im Gedächtnis behält. Mit seinen Experimenten bekräftigt Ebbinghaus zudem die Theorie der klassischen Assoziationspsychologie, wonach die kleinsten, elementaren Bewusstseinsinhalte sich nach bestimmten Prinzipien wie Ähnlichkeit oder Kontrast zu größeren Komplexen zusammenschließen.
Seitenblick: Zu Ebbinghaus’ wissenschaftlichem Widerpart entwickelt sich in Berlin ein ursprünglich befreundeter Kollege: Wilhelm Dilthey (s. Kap. 4). Gegen die experimentelle, »erklärende« Psychologie vertritt Dilthey die »beschreibende« und »verstehende« Psychologie: Sie soll den Menschen als »geisteswissenschaftlichen Gegenstand« betrachten und sein Seelenleben als Struktur, die erfasst und verglichen werden muss. Die Diskussion mit Dilthey markiert das bis heute spürbare Dilemma der Psychologie, doppelt verwurzelt zu sein: in den Geistes- und in den Naturwissenschaften. Sie wird in Streitschriften öffentlich ausgetragen und ist wohl einer der Gründe, warum Hermann Ebbinghaus 1894 Berlin verlässt.
6 GANZHEIT UND GESTALT
MAX WERTHEIMER
Ihm und seinen Mitstreitern verdanken wir die Einsicht, dass psychische Phänomene als organisiertes und strukturiertes Ganzes verstanden werden müssen. Max Wertheimer war der führende Vertreter der Gestaltpsychologie, die in den 1920er-Jahren in Frankfurt und Berlin wichtige Schulen begründete.
WEG
1880 in Prag geboren, studiert Max Wertheimer unter anderem Jura, Philosophie und Psychologie und forscht nach seiner Promotion 1905 zunächst an verschiedenen Universitäten privat weiter. 1910 beginnt seine Arbeit am Institut für Psychologie an der damaligen Frankfurter Akademie für Handels- und Sozialwissenschaften, der späteren Universität. Denn hier steht ein Radtachistoskop – ein Instrument zur Messung von visuellen Reizen. Es gelingt in den folgenden Jahren, experimentelle Belege einer Gestalttheorie der Wahrnehmung zu erbringen, das heißt: nachzuweisen, dass die Wahrnehmung als organisiertes und strukturiertes Ganzes angesehen werden muss und nicht in Elemente zerlegt werden darf.
Bis 1916 bleibt Max Wertheimer in Frankfurt, geht dann nach Berlin und kehrt 1929 wieder nach Frankfurt zurück. Seine Mitstreiter sind Wolfgang Köhler (1887–1967) und Kurt Koffka (1886–1941). Köhler wird 1922 Leiter des Psychologischen Instituts in Berlin. Gestaltpsychologisch ausgerichtet, entwickelt das Berliner Institut in den 1920er-Jahren eine ähnliche Anziehungskraft wie zuvor das Leipziger Institut Wilhelm Wundts (s. Kap. 3), weshalb man auch von der »Berliner Schule« spricht. Zum engeren Umkreis der Gestaltpsychologie gehört auch der Neurologe und Psychiater Kurt Goldstein (1878–1965), der ebenfalls in Frankfurt und Berlin tätig ist. Bei seiner Arbeit mit Hirnverletzten erkennt er, dass der Mensch im Akt des Wahrnehmens dazu neigt, aus Teilen ein Ganzes zu machen. 1935 wird Goldstein in die USA auswandern und dort Mitbegründer der Humanistischen Psychologie (s. Kap. 36).
Bereits vor Goldstein emigriert Max Wertheimer mit seiner Familie über die Tschechoslowakei in die USA – am Tag vor der deutschen Märzwahl im Jahr 1933, unter dem Eindruck von Hitlers Rundfunkrede. Kurt Koffka ist schon 1924 ausgewandert. Wolfgang Köhler, der den Nationalsozialisten mehrfach öffentlich Widerstand geleistet hat, folgt 1934. Durch die Emigration der führenden Köpfe der Gestaltpsychologie etabliert sich diese, wenn auch langsam, in den USA. Sie empfängt hier Anregungen aus der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus (s. Kap. 21 u. 22) und entfernt sich von der Philosophie, mit der sie in Europa enger verbunden war. Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie (s. Kap. 32), wird von ihr beeinflusst werden.
Max Wertheimer lehrt bis zu seinem Tod an der New School for Social Research in New York. Er stirbt 1943 in New Rochelle, New York.
IDEEN
Um die Jahrhundertwende dominiert in der Psychologie noch der elementaristische Ansatz: Man stellt sich das Bewusstsein als Zusammenschluss aus kleinsten Einheiten vor, die es zu untersuchen gelte. Wie jede Einseitigkeit ruft auch diese Richtung eine Gegenbewegung hervor, die in dem Fall ganzheitlich denkt: Das ist die Gestaltpsychologie. Bereits 1890 hat der Grazer Philosoph Christian Maria von Ehrenfels (1859–1932) seine berühmte Schrift »Über Gestaltqualitäten« vorgelegt. Er erklärt darin am Beispiel der Musik, dass die menschliche Wahrnehmung die einzelnen Elemente des sinnlichen Reizes, in diesem Fall die Töne, nicht nur einfach zusammenaddiert. Vielmehr macht sie aus ihnen etwas Neues, Ganzes – etwas, das über die Summe der Einzelelemente hinausgeht, in diesem Fall die Melodie.
Das Prinzip, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, nennt sich »Übersummenhaftigkeit«. In der Philosophie ist dieser Gedanke der Ganzheit (Holismus) bereits seit der Antike bekannt und hat beispielsweise in Aristoteles, Leibniz, Goethe und Hegel prominente Vertreter gefunden. Doch seine Anwendung auf die Psychologie ist neu und der Grazer Schule um von Ehrenfels zu verdanken. Populär wird die Gestaltpsychologie dann mit der Frankfurter und der Berliner Schule um Max Wertheimer.
Am Frankfurter Radtachistoskop erforscht Wertheimer die so genannte Scheinbewegung, auch phänomenale Bewegung genannt. Sie entsteht, wenn eine Bilderfolge schnell genug gezeigt wird, dass sich der Eindruck der Bewegung ergibt, so wie beim Film. Wertheimer nennt diese Bewegungsgestalt »Phi-Phänomen«. Sie belegt, dass Wahrnehmungen sich nicht nur aus Einzelelementen zusammensetzen, sondern als sinnvolle Einheiten, als Gestalten, im Bewusstsein erscheinen, etwa in von Ehrenfels’ Beispiel die Melodie. Anders als die Grazer Schule um von Ehrenfels erklärt Wertheimer diese Gestalten jedoch nicht zu Ergebnissen von Sinneseindrücken, sondern zu ursprünglichen Grundeinheiten der Psyche. Kurt Koffka weitet seine Theorie aus: Nicht nur die Wahrnehmung, auch das Handeln ist von Gestalten geleitet.
Anekdote: Historisch ist dieser Anfang der Gestaltpsychologie nicht belegt, aber Max Wertheimer erzählte ihn immer wieder gern: wie er, ein unbekannter Privatgelehrter, 1910 auf der Fahrt von Wien ins Rheinland spontan in Frankfurt am Main ausgestiegen sei, um hier ein Kinder-Stroboskop zu kaufen und damit in einem Hotelzimmer zu experimentieren. Gleich danach habe er Kontakt mit dem Institut aufgenommen, woraus sich dann seine produktive Arbeit entwickelte.
Übrigens: Auch unsere evolutionsgeschichtlichen Verwandten, die Menschenaffen, bestätigen durch ihr Handeln die gestaltpsychologische Grundthese. Das belegte Wolfgang Köhler von 1914 bis 1920 in einer Schimpansenstation auf Teneriffa. Wie könnten Schimpansen beispielsweise Stöcke als Instrumente benutzen oder Kisten zu Stapeln auftürmen, um an Futter zu gelangen, wenn sie nicht von einer Gestalt geleitet wären, bestehend aus dem Zusammenhang zwischen Ziel und Hilfsmittel?
III.
7 DIE ENTDECKUNG DES UNBEWUSSTEN
SIGMUND FREUD
Er hat die Welt umgekrempelt, und er ist sich dessen bewusst gewesen. Sigmund Freuds Werk, die Psychoanalyse, markiert einen tiefen Einschnitt im Selbstverständnis des Menschen. Nicht nur Medizin und Psychologie, sondern auch Kunst, Alltagsleben und unser Verständnis von der Gesellschaft sind von ihr beeinflusst. Worte wie »Verdrängung« oder »Freudsche Fehlleistung« gehören zum normalen sprachlichen Repertoire, und das Deuten von Träumen ist längst eine Art Volkssport geworden.
WEG
Sigmund Freud wird 1856 im mährischen Freiberg, dem heutigen Příbor in Tschechien, geboren. Sein Vater, ein jüdischer Wollhändler, ist in dritter Ehe mit Freuds Mutter verheiratet, so dass der junge Sigismund Schlomo – er wird sich erst 1878 Sigmund nennen – neben den kleineren Geschwistern auch zwei ältere Halbbrüder hat. Als er drei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Wien. Hier wächst Freud auf.
Schon als Schüler beweist er seine brillante Formulierungsgabe. Er studiert Medizin und wird 1881 promoviert. 1882 bis 1886 arbeitet er als Arzt am Allgemeinen Wiener Krankenhaus und setzt nebenbei seine wissenschaftliche Studien fort. 1884 entdeckt er die schmerzstillende Wirkung des Kokains, ohne den Anästhesieeffekt weiter zu verfolgen. Er experi-mentiert aber eine Zeit lang selbst mit Kokain und empfiehlt es auch, bis er sich eingestehen muss, ein Drogenproblem zu haben, woraufhin er von der gefährlichen Substanz Abstand nimmt.
Von Oktober 1885 bis Februar 1886 arbeitet Sigmund Freud bei Jean Martin Charcot (1825–1893) am Krankenhaus Salpêtrière in Paris. Er wird Zeuge, wie Charcot bei Patientinnen unter Hypnose pseudoepileptische, so genannte hysterische Anfälle hervorruft. Das bestärkt ihn in der Vermutung, dass nicht körperliche, sondern psychische Ursachen hinter dem Krankheitsbild stecken.
»Hysterie« steht damals für alle Verhaltensweisen, die übertrieben nervös, erregt und überspannt wirken. Der Begriff kommt vom griechischen hystéra – Gebärmutter. Tatsächlich gilt die Hysterie lange als Frauenkrankheit. Dem widerspricht Charcot. Er vermutet, dass vor allem traumatische Erlebnisse zur Hysterie führen. Heute wird der Begriff der Hysterie nicht mehr für die Diagnose verwendet, man spricht stattdessen von der histrionischen Persönlichkeitsstörung, wobei »histrionisch« für »theatralisch« steht. Rückblickend gesehen, spiegelt die Hysterie als sozial- und kulturgeschichtliche Erscheinung vor allem das Leiden der Frauen unter der sinnesfeindlichen Moral jener spätviktorianischen Zeit wider: Erotische Wünsche zu hegen oder sie gar auszuleben, gilt seinerzeit gerade für junge Mädchen und Frauen als anstößig – ein Konflikt, auf den viele Betroffene mit Symptomen reagieren. Indem diese Frauen für hysterisch erklärt werden, pathologisiert man ihre vitalen Bedürfnisse. Nicht zuletzt ist die Hysterisierung der Frauen Ausdruck des damaligen Geschlechterkampfes. Noch heute werden Frauen, um sie abzuwerten, gern als hysterisch – im Sinne von gefühlsbetont und irrational – bezeichnet.
1886 eröffnet Freud in Wien eine nervenärztliche Privatpraxis und heiratet seine langjährige Verlobte Martha Bernays (1861–1951), Tochter einer vornehmen jüdischen Hamburger Familie. Drei Söhne und drei Töchter werden im Lauf der Jahre geboren. 1891 verlegt Freud seine Praxis in die Berggasse 19. Unter dieser berühmt gewordenen Adresse wird er fast ein halbes Jahrhundert lang leben und arbeiten. Spät, nämlich erst 1902, wird er außerplanmäßiger Professor an der Wiener Universität.
Die »nervösen Leiden« seiner Patienten versucht Freud zunächst mit Elektrotherapie und Hypnose zu heilen. Bereits 1878 hat er sich mit dem Wiener Arzt und Philosophen Josef Breuer (1842–1925) angefreundet, mit dem er ab 1889 enger zusammenarbeitet und dabei auch einen zurückliegenden Fall auswertet: Breuer hatte 1880/81 die junge Bertha Pappenheim wegen Kopfschmerzen, Sehstörungen, Lähmungen, Absenzen und Angstzuständen behandelt – »hysterischen« Symptomen also, hinter denen er psychische Ursachen erkannte. Die Patientin, die unter dem Pseudonym »Anna O.« berühmt geworden ist, entwickelte gemeinsam mit ihrem Arzt eine »talking cure« (Redekur): Sie berichtete von jedem ihrer Symptome, wann und wie es aufgetreten war. Während dieses Aussprechens durchlebte sie die dazugehörigen aufgestauten Gefühle noch einmal und reagierte sie auf diese Weise ab.
Das Reden, so schließt Freud jetzt gemeinsam mit Breuer, besitzt offenbar eine kathartische (reinigende) Wirkung, weil es die Vorgänge des Unbewussten beeinflusst. 1892 kommt Freud zu dem Schluss, dass die reinigende Aussprache völlig frei erfolgen muss, einzig von den Assoziationen des Patienten geleitet.
Mit der kathartischen Redekur beginnt die allmähliche Entwicklung des psychoanalytischen Verfahrens. An dessen Wiege, so wird Freud 1909 rückblickend feststellen, steht letztlich nicht er, sondern Josef Breuer – und dessen einstige Patientin, wie der Freud-Biograf Ernest Jones zu Recht bemerkt. Bertha Pappenheim, eine später bekannte jüdische Sozialreformerin und Frauenrechtlerin, hat die Psychoanalyse allerdings zeitlebens sehr ambivalent beurteilt.
Nach Joseph Breuer wird der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ für einige Zeit ein wichtiger Gesprächspartner für Freud. Die Korrespondenz mit Fließ entwickelt sich zu einer schriftlichen »Redekur« für den Begründer der Psychoanalyse. Das Prinzip, wonach sich ein Analytiker in der eigenen Seele gut auskennen muss, um anderen helfen zu können, hat er in dieser Zeit auf sich selbst angewandt. Bis heute durchlaufen die Analytiker während ihrer Ausbildung eine eigene Analyse – natürlich nicht mehr bei sich selbst wie Freud, sondern bei einem Lehranalytiker. Es wird freilich noch dauern, bis die Psychoanalyse sich von der anfänglichen Redekur zu ihrer ausgereiften Gestalt entwickelt.
In den Briefen an Fließ berichtet Freud auch über eigene Träume und Fantasien. Der Traum erschließt sich ihm immer mehr als der »Königsweg« zu den tieferen Schichten der Seele, zum Unbewussten, wie er es nennen wird. So erscheint schließlich im Jahr 1899, auf das Jahr 1900 vordatiert, sein bahnbrechendes Buch »Die Traumdeutung«. Es ist die erste von vielen wichtigen Veröffentlichungen, in denen Freud während der nächsten Jahrzehnte die psychoanalytische Theorie und Methode immer wieder verändern und erweitern wird. »Die Traumdeutung« gilt ihm zeitlebens als sein wichtigstes Werk.
Mittlerweile interessieren sich auch Ärzte und Pädagogen aus Wien und weit darüber hinaus für die Psychoanalyse, Freud versammelt Schüler und Mitstreiter um sich. 1909 reist er mit seinen Schülern Carl Gustav Jung (s. Kap. 9) und Sándor Ferenczi zu einer Vorlesungsreihe in die USA. Die beiden gehören zur 1908 gegründeten Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Sie ist aus der so genannten Mittwochsgesellschaft hervorgegangen, einer Gruppe von Analytikern der ersten Generation, die sich seit 1902 immer mittwochs in Freuds Praxis trifft. 1910 wird die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. Auf einem berühmt gewordenen Foto vom Weimarer Kongress 1911 posieren deren führende Vertreter: Neben Freud steht Jung, Präsident der Vereinigung. Schon zwei Jahre später kommt es zum Bruch zwischen ihm und Freud – das Motiv der irgendwann untreuen, weil inhaltlich eigenständigen Schüler zieht sich durch Freuds Leben. Eine Ausnahme bildet unter anderen Karl Abraham (1877–1925). Der spätere Begründer des Berliner Psychoanalytischen Instituts (gemeinsam mit Max Eitingon) bleibt Freud sein Leben lang freundschaftlich und fachlich verbunden, wobei er keineswegs nur der Nehmende ist. Als erster bezieht er die Psychoanalyse auch auf die Behandlung von Psychosen. Nach Abrahams frühem Tod ist Freud vor Kummer einen Monat lang nicht in der Lage, der Witwe ein Beileidsschreiben zu senden.
In seinen Schriften zieht Freud viele Patientengeschichten anonymisiert zur Begründung und zur Erläuterung seiner Gedanken heran. Aber nicht nur deshalb, sondern auch wegen seines brillanten Stils besitzen Freuds Werke eine hohe literarische Qualität. In den 1920er-Jahren wird er sogar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Diese Auszeichnung erhält er dann doch nicht, wohl aber zahlreiche andere. 1930 bekommt er, mittlerweile 74 Jahre alt, den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main verliehen. Seine Tochter Anna Freud (s. Kap. 13) nimmt den Preis für ihn entgegen. Sie ist längst seine wichtigste Mitarbeiterin geworden und unterstützt ihn besonders, seit er 1923 an Gaumenkrebs erkrankt ist und nach unzähligen Operationen schwer leidet. Die Hilfe wird benötigt: Nicht nur die fachliche, auch die organisatorische Arbeit ist immens geworden. Längst ist die Psychoanalyse in vielen Ländern der Welt vertreten und hat sich auch in verschiedene konzeptionelle und therapeutische Richtungen aufgespalten.
1933 ergreifen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Durch Bücherverbrennungen versuchen sie, ihnen nicht genehmes Gedankengut zu vernichten. Auch Freuds Werke sind davon betroffen. Ihr Autor konstatiert trocken, dass zu früheren Zeiten sicher er selbst verbrannt worden wäre. 1938 marschieren die Deutschen nach Österreich ein. Als Jude und wegen seines Lebenswerks ist Freud in Gefahr. Vermittelt durch eine wohlhabende und einflussreiche Schülerin, die französische Prinzessin Marie Bonaparte, gelingt ihm und seiner Familie im Juni 1938 die Emigration nach London. Vier seiner fünf Schwestern, denen er vergeblich die Flucht zu ermöglichen sucht, kommen später in Theresienstadt ums Leben. Sigmund Freud stirbt 1939 in London. Sein dortiges Therapiezimmer mit der Couch, aber auch die einstige Praxis in der Wiener Berggasse sind heute viel besuchte Museen.
IDEEN
Zu den zentralen Theorien Freuds gehört die Unterteilung psychischer Prozesse in Bewusstes, Vorbewusstes und Unbewusstes. Das Unbewusste hat die Philosophen, Psychologen und Dichter schon seit Jahrhunderten beschäftigt. Man sah es zum Beispiel als Ansammlung unmerklicher, winziger Vorstellungen, als Nachtseite der Seele oder als Sitz der Triebe, gar des Bösen. Doch erst Sigmund Freud begründet eine eigene Psychologie des Unbewussten.
Zum Vergleich: Die Bewusstseinspsychologie Wilhelm Wundts (s. Kap. 3) und auch die klassische Assoziationspsychologie fragen nach den unbekannten Elementen und Mechanismen, die sich im menschlichen Wahrnehmen und Erkennen zum Ganzen des Bewusstseins zusammenfügen. Freud interessiert etwas anderes: die mächtigen sexuellen Wünsche und Phantasien am Grunde der Seele, denen man mit Experimenten nicht auf die Spur kommt. »Sexuell« meint dabei ein inneres Drängen nach Lust, das viel mehr umfasst als das, was wir in unserer Alltagssprache darunter verstehen. Dieses unbewusste Drängen sieht er im Verhalten, in den Träumen und Phantasien seiner Patienten am Werk. In der Psychoanalyse sucht er es zu ergründen, denn in ihm vermutet er den Schlüssel zu den neurotischen Störungen.
Schon das Beispiel von »Anna O.« hatte ihm gezeigt: Wenn Wünsche und Phantasien verdrängt werden, entfalten sie ein ungutes Eigenleben. Sie geben keine Ruhe, sondern machen weiter auf sich aufmerksam, aber gleichsam in verkleideter Gestalt: als neurotische Störung mit entsprechenden körperlichen Symptomen und Verhaltensweisen. Das bedeutet Leiden. Wenn jedoch die Ursache eines Symptoms entschlüsselt und bewusst gemacht worden ist, dann wird das Symptom überflüssig und kann verschwinden. Der Mensch gewinnt an Autonomie, und die Phantasien haben ihren Schrecken verloren. Damit kann der Mensch ein erfülltes Leben führen. Freud sagt: Er wird fähig, zu lieben und zu arbeiten.
Zur Unterscheidung seines Ansatzes von der Bewusstseinspsychologie verwendet er ab 1913 die Bezeichnung Tiefenpsychologie, die auf den Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857–1939) zurückgeht. Am Ende seines Lebens wird Freud dankbar feststellen, er habe das Glück gehabt, das Unbewusste zu entdecken. Den Begriff der Psychoanalyse (Seelenzergliederung) gebraucht er erstmals 1896. Nach einer späteren Definition von 1923 meint der Begriff dreierlei: erstens das Verfahren, mit dem ansonsten kaum zugängliche seelische Vorgänge untersucht werden; zweitens die Methode zur Behandlung der neurotischen Störungen, die bei der Untersuchung zutage getreten sind; und drittens das System aus Erkenntnissen, Einsichten und Theorien, die zusammen eine neue Wissenschaft ergeben.
Aus dem Bisherigen folgt, dass für Freud die neurotischen Störungen eine biografische Ursache haben – und zwar schon in der frühen Kindheit. 1905 erscheinen die »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, in denen er erstmals von einer frühkindlichen Sexualität spricht. Das stößt seinerzeit auf großes Entsetzen, findet anderseits aber auch viel Zuspruch. Freud zeigt, dass das Kind sexuelle Gefühle erlebt, indem es den eigenen Körper wahrnimmt, wobei in drei aufeinander folgenden Phasen die Mundregion, der Anus und die genitale Region die Zonen der größten Lust und Neugier und die hauptsächlichen Quellen der Befriedigung darstellen. Die dritte, frühgenitale Phase heißt auch ödipale oder phallische Phase, wobei laut Freud die Mädchen in dieser Zeit das Nichtvorhandensein eines Penis verarbeiten müssen – der so genannte Penisneid gehört zu den Theorien Freuds, die heute als zeitgebundener Ausdruck einer mittlerweile widerlegten Sicht auf die Sexualität der Frau gesehen werden müssen.
Nach Freud hegt das drei- bis fünfjährige Kind sexuelle Wünsche und Phantasien in Bezug auf den gegengeschlechtlichen Elternteil. Den gleichgeschlechtlichen Elternteil, den es bislang ausschließlich geliebt hat, empfindet es nun zugleich als strafenden Rivalen, was in ihm einen seelischen Konflikt erzeugt – dies ist der bekannte Ödipuskomplex. Vom geglückten Ausgang des Konflikts hängt die gesunde Reifung der Persönlichkeit ab. Geglückt ist die Lösung, wenn das Kind akzeptieren kann, dass die Eltern eine eigene Beziehung miteinander haben, aus der es ausgeschlossen ist, und wenn es die daraus erwachsenden Rechte des gleichgeschlechtlichen Elternteils anerkennt. Freud bezieht den Ödipuskomplex vor allem auf Jungen, sein Schüler Carl Gustav Jung spricht später analog vom Elektrakomplex bei Mädchen. Ödipus und Elektra sind Gestalten der griechischen Mythologie. Die Mythen versteht Freud als Reaktionen auf verdrängte Wünsche – nur weil sie diesen Ursprung haben, können sie uns so faszinieren, sagt er. Für die Deutung von Phantasien und Träumen seiner Patienten bieten ihm die Sagen des Altertums ein unerschöpfliches Reservoir.
Auch im Traum sieht Freud, ähnlich wie im Mythos, eine Reaktion auf sexuelle Wünsche, die man sich nicht gestattet. Im Schlaf, wenn das Bewusstsein ausgeschaltet ist, wollen sich diese unbewussten Wünsche zeigen. Doch müssen sie auch jetzt noch entschärft werden – völlig unzensiert würden sie den Schlafenden sofort erwachen lassen. Der Traum übernimmt nun die Aufgabe, durch Entstellung und Veränderung (Verschiebung) der Motive die Wünsche so weit zu verharmlosen, dass sie überhaupt durch die Zensur kommen, ohne den Schlaf zu stören. Deshalb bezeichnet Freud den Traum auch als »Hüter des Schlafs«. Zweihundert Träume, darunter fünfzig eigene, hat er in seiner »Traumdeutung« von 1900 entschlüsselt und unter der scheinbar abstrusen Oberfläche der (manifesten) Traumerzählungen den verborgenen (latenten) Inhalt gesucht, der Aufschluss gibt über das, was im Unbewussten abläuft.
Die Energie, mit der die sexuellen Wünsche und Phantasien auf Erfüllung drängen, nennt Freud Libido, vom gleich lautenden lateinischen Wort für Lust. Für ihn kann libidinöse Energie nicht einfach verloren gehen. Wenn ein Trieb auf Dauer nicht befriedigt und die Energie auf diese Weise verbraucht wird, verschiebt man sie auf ein anderes, möglicherweise weniger geeignetes Objekt. Oder aber die libidinösen Bedürfnisse werden mitsamt der Angst, die sie erzeugen, abgewehrt: Man verdrängt sie, das heißt, man versucht alle Bilder, Erinnerungen und Gedanken, die damit zusammenhängen, ins Unbewusste zurückzustoßen. Eine andere Form der Abwehr besteht darin, die Bedürfnisse durch scheinbar vernünftige Argumentation für falsch zu erklären, sie zu rationalisieren. Die einzig konstruktive Art der Abwehr ist nach Freud die Sublimierung: wenn die mit dem Trieb verbundene Energie genutzt wird, um kulturell oder sozial etwas zu schaffen oder zu leisten. Eine eingehende Systematik der Abwehrmechanismen hat Anna Freud 1936 in ihrem Buch »Das Ich und die Abwehrmechanismen« erarbeitet (s. Kap. 13).
Der Libido oder dem Eros (griechisch für Liebe, Begehren) stellt Sigmund Freud später einen zweiten, zerstörerischen Trieb gegenüber: Thanatos (griechisch für Tod). Diese Triebtheorie entwickelt Freud in »Jenseits des Lustprinzips« (1920) und in »Das Ich und das Es« (1923). In der letztgenannten Schrift entfaltet er dann auch jenes Strukturmodell, das von all seinen Theorien wohl die bekannteste ist: das Modell der drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich.
Den Begriff des Es hat Freud von dem Arzt und Schriftsteller Georg Groddeck (1866–1934) übernommen. Groddeck wiederum, der als Urvater der psychosomatischen Medizin gilt, hat ihn vermutlich bei Friedrich Nietzsche gefunden. Das Es bezeichnet jene Instanz, in der die Triebe Eros und Thanatos sowie die Affekte (Emotionen) gründen: die Gefühle, die spürbar werden, wenn Triebe sich an konkrete Objekte heften. Das Es entzieht sich jeder Kontrolle und ist gänzlich unbewusst. Es funktioniert einzig nach dem Lustprinzip: Sein Ziel ist die Befriedigung der Wünsche.
Das Ich hingegen trägt die bewussten Wahrnehmungs-, Gedächtnis-, Denk- und Bewegungsfunktionen. Während das Es von Geburt an gegeben ist, bildet sich das Ich im Laufe der Entwicklung heraus, indem es sich vom Es abgrenzt. Freud sagt: »Wo Es ist, soll Ich werden.« Doch besitzt auch das Ich unbewusste Anteile.
Zum Schutz gegen das Es entsteht aus dem Ich heraus ein Kontrollsystem, das aus verinnerlichten Normen und Verboten besteht: das Über-Ich. Das Über-Ich markiert also den Gegenpol zum Es, indem es als moralische Instanz fungiert. Während das Es auf Reize reagiert, ist das Über-Ich durch Werte und Normvorstellungen ansprechbar. Auf Wünsche und Phantasien, die den herrschenden Normen zuwiderlaufen, reagiert es mit Schuldgefühlen. Auch das Über-Ich ist teilweise unbewusst.
Das Ich muss nun zwischen den Forderungen von Es und Über-Ich vermitteln und dafür sorgen, dass beide in angemessener Weise zu ihrem Recht kommen. Es muss die beiden anderen Instanzen kontrollieren, damit aus dem Zusammenspiel aller psychischen Kräfte ein einheitliches und der Situation angemessenes Verhalten entsteht – ein starkes Ich funktioniert nach dem so genannten Realitätsprinzip.
Seine Erkenntnis, dass das Ich vom Unbewussten überwältigt werden kann und »nicht Herr im eigenen Haus« ist, hat Freud selbst als die dritte, die psychologische Kränkung der Menschheit bezeichnet. Die erste Kränkung war die kosmologische durch Kopernikus, der den Menschen vom Mittelpunkt des Universums an dessen Rand rückte. Die zweite Kränkung ist die biologische, verursacht durch Darwin, der den Menschen in den Prozess der Evolution einreihte und ihm damit seine Einzigartigkeit nahm.
Freud selbst hat immer gehofft, dass seine Modelle eines Tages neurobiologisch bestätigt werden würden. Alles deutet darauf hin, dass von dieser Hoffnung mehr in Erfüllung gehen könnte, als seine Kritiker jemals annahmen. Dass das »Ich nicht Herr im eigenen Haus« ist, diese Kränkung des aufgeklärten Menschen wird von der Hirnforschung mittlerweile bestätigt. Und man weiß heute, dass nicht nur Medikamente unser Gehirn verändern können, sondern auch die Psychotherapie.
Eine Psychoanalyse bedeutet harte Arbeit, denn der Zugang zu den frühen Konflikten macht Angst und ist mit Widerständen verbunden. Es fällt zunächst schwer, ohne Zensur alles zu erzählen, was in der Seele aufsteigt, in freier Assoziation, ohne Rücksicht auf Konvention und erlernte Moral. Bei der klassischen Psychoanalyse liegt der Patient auf einer Couch. Hinter deren Kopfende sitzt der Analytiker, hört, möglichst wertfrei und annehmend, zu und deutet das Erzählte sehr vorsichtig, indem er es in einen neuen, weiteren Kontext stellt. So hilft der Therapeut dem Patienten, sich selbst besser zu verstehen.
Der Analytiker ist auch die Bezugsperson, mit der ein Patient seine frühen Konflikte noch einmal erlebt – in der so genannten Übertragung. Unterstützt vom Therapeuten und aufgrund seiner neuen Erfahrungen in der Gegenwart kann der Patient die alten Konflikte nun nicht nur verstandes-, sondern vor allem auch gefühlsmäßig besser bewältigen als zuvor. Die krank machenden Abwehrstrategien werden überflüssig, und die Energie kann dorthin fließen, wo sie hingehört: in die angemessene Befriedigung der Bedürfnisse.
Die klassische Psychoanalyse dauert mehrere Jahre und umfasst heute in der Regel drei bis vier Stunden pro Woche. Doch gibt es mittlerweile auch kürzere psychoanalytische Therapien, die nicht unbedingt im Liegen und meist mit ein bis zwei Stunde pro Woche durchgeführt werden. Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie ist durch Studien belegt. Seit der Zeit Sigmund Freuds haben sich zahlreiche andere Therapieformen unter dem Einfluss, aber auch in Abgrenzung von der Psychoanalyse entwickelt. Psychoanalytische Behandlungen werden hierzulande heute in der Tradition nach Freud, nach Alfred Adler und nach C. G. Jung angeboten.
Als Naturwissenschaftler, als Nervenarzt, hatte Sigmund Freud begonnen. In der Psychoanalyse hat er die Grenzen der Naturwissenschaft weit überschritten und das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Leben bis in die Künste hinein beeinflusst. Neben der Bedeutsamkeit der unbewussten Prozesse im Seelenleben verdanken wir ihm die Erkenntnis, wie wichtig die Kindheit für die Entwicklung eines Menschen ist. Manche von Freuds Theorien sind zeitgebunden gewesen und heute überholt, etwa seine Ansichten über die Sexualität der Frau. Auch ist man insgesamt dahin gekommen, die Bedeutung der Sexualität für die Persönlichkeit weniger absolut zu sehen als er. Doch bis heute steht die Psychoanalyse auf dem von Sigmund Freud gelegten Fundament.
Übrigens: Freud hat auch das Alltagsleben untersucht und festgestellt, wie das Unbewusste im Vergessen und Versprechen wirkt. Die »Freudsche Fehlleistung«, die er 1901 in der »Psychopathologie des Alltagslebens« beschreibt, ist heute jedem ein Begriff. Sie entsteht, wenn jemand etwas anderes sagt, als er eigentlich fühlt, und das Zurückgehaltene sich dennoch Bahn brechen will – was dann zum Versprecher führt.
Seitenblick: Das berühmt gewordene Foto vom Weimarer Kongress 1911 zeigt in der ersten Reihe eine auffallend schöne Frau mit Pelz. Es ist Lou Andreas-Salomé (1861–1937), eine russische Schriftstellerin, die mit ihrem Mann, einem Orientalisten, in Göttingen lebte. Ihr Intellekt und ihr Verständnis für die Psychoanalyse faszinierten Freud. Lou Andreas-Salomé wurde eine der ersten Analytikerinnen in Deutschland und später auch eine enge Brieffreundin von Freuds jüngster Tochter Anna. Sie war unter anderem deshalb zur Psychoanalyse gestoßen, weil sie für den Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926), mit dem sie zeitlebens eng befreundet und zeitweise liiert war, Hilfe suchte. Rilke lehnte eine Analyse jedoch stets ab: Er fürchtete, mit seinen seelischen Problemen auch seine Kreativität zu verlieren.
8 INTERESSE FÜR DAS ICH
ALFRED ADLER
Er gehört zu den Pionieren der Tiefenpsychologie und hat nach seiner Abkehr von Freud eine eigene Richtung begründet: die Individualpsychologie. Alfred Adlers optimistisches, auf die Selbstverwirklichung ausgerichtetes Menschenbild wirkt in Therapie, Beratung und Pädagogik bis heute.
WEG
Als Sohn eines jüdischen Getreidehändlers wird Alfred Adler 1870 in Rudolfsheim bei Wien geboren. In der Kindheit leidet er an Rachitis und wiederholten Stimmritzenkrämpfen und wird deshalb von der Mutter allzu sehr umsorgt – diese Erfahrung schlägt sich später in seinem psychologischen Ansatz nieder. Adler studiert in Wien Medizin und eröffnet eine augenärztliche, später auch allgemeinmedizinische Praxis in einem Wiener Arme-Leute-Bezirk. Zeitlebens steht er dem Sozialismus nahe – wie er überhaupt die sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen der Menschen stärker in den Blick nimmt als Sigmund Freud (s. Kap. 7). So veröffentlicht er 1898 ein »Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe«.
1902 kommt es zum persönlichen Kontakt mit Freud. Adler gehört zu den ersten vier Mitgliedern der Mittwochsgesellschaft, einer Gruppe von Analytikern der ersten Generation, die sich seit 1902 immer mittwochs in Freuds Praxis trifft. In der psychoanalytischen Bewegung hat er bald eine führende Position inne. Dennoch ist er nie Freuds Schüler, sondern vertritt stets eigene, mitunter abweichende Meinungen. Damit wirkt er auch inspirierend auf Freud, trägt etwa zu dessen zunehmender Beachtung des Ich als eigener Instanz bei.
Mit der Zeit werden jedoch nach einigen Vorträgen Adlers die inhaltlichen Differenzen so offensichtlich, dass dieser 1911 den Kreis um Freud verlässt. Er gründet seine eigene Gesellschaft, den Verein für Individualpsychologie. Mit diesem Begriff möchte er deutlich machen, dass er den Menschen als Einheit sieht und ihn nicht in einzelne Triebe oder Instanzen zergliedert. Die Analytiker müssen fortan zwischen den beiden Richtungen wählen. Als eine von wenigen kann die Göttinger Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937) sich zeitweise eine Doppelmitgliedschaft erlauben, bevor sie sich für Freud entscheidet.
Neben seiner ärztlichen Arbeit betätigt Adler sich vor allem als Reformer, Vortragsredner und Organisator, er engagiert sich in der Fortbildung von Pädagogen und gründet zahlreiche Erziehungsberatungsstellen. Dies liegt in seinem psychologischen Verständnis begründet, wonach die Erziehung der Entstehung von Neurosen vorbeugen muss. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wird Adlers Individualpsychologie mit ihrem volksbildnerischen Ansatz zur maßgeblichen Richtung im sozialdemokratisch geprägten Wien. Bereits 1912 hat Adler sein Hauptwerk »Über den nervösen Charakter« veröffentlicht. 1924 erscheint »Praxis und Theorie der Individualpsychologie«, 1932 das Spätwerk »Der Sinn des Lebens«.
Nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich emigriert Adler, der zuvor schon Gastprofessuren in den USA innehatte, 1935 endgültig dorthin. Zwei Jahre später stirbt er im schottischen Aberdeen an einem Herzschlag.
IDEEN
Anders als Freud sieht Adler nicht die Triebbefriedigung, sondern das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Geltung und persönlicher Vollkommenheit als inneren Motor des Menschen. Er stellt aber zugleich fest, dass Minderwertigkeitsgefühle – den Begriff hat er populär gemacht – das Erreichen dieses Ziels erschweren. Das Menschsein ist für Adler durch die subjektiv erlebte Minderwertigkeit geradezu definiert: »Menschsein heißt, sich minderwertig fühlen«, sagt er in seinem Spätwerk. Zu diesem Gefühl tragen verschiedene Faktoren bei: körperliche Schwächen, eine zu strenge oder verzärtelnde Erziehung, aber auch die jeweiligen Positionen im sozialen Gefüge der Familie und darüber hinaus – hier erweist Adler sich als Vordenker der Sozialpsychologie. Allerdings kann man nicht eins zu eins von den äußeren Gegebenheiten auf Inhalt und Intensität des Minderwertigkeitsgefühls schließen.
Das Minderwertigkeitserleben ruft nun logischerweise ein Bemühen um Ausgleich, um Kompensation, hervor. Das reicht von der rein körperlichen Ebene, auf der ein Organ die Schwäche eines anderen kompensiert, bis hin zur psychischen Ebene, auf der beispielsweise eine Minderbegabung durch die Pflege eines anderen Talentes ausgeglichen wird. Wir alle erleben uns in irgendeiner Weise als minderwertig, und die Kompensation ist der Motor unserer Leistungen und Erfolge wie auch der kulturellen Errungenschaften. Sie treibt uns vorwärts, weg vom Mangel, hin zur persönlichen Fülle.
Wenn dies aber misslingt und das Minderwertigkeitsgefühl umso stärker wird, beginnt der Betreffende überzukompensieren: Das Streben versucht auf Umwegen und durch Übertreibung zum Ziel zu kommen. Das ist dann die Neurose. Adler wählt zeitweise den Begriff des »männlichen Protests«, um die überkompensatorische Reaktion (beider Geschlechter) zu beschreiben. Eine für unsere Gesellschaft typische Form des männlichen Protests ist zum Beispiel das Statusdenken.
Bei Adler ist das überkompensierende Geltungsstreben also das, was bei Freud die Verdrängung ist: nämlich die Fehlleitung eines grundlegenden Bedürfnisses – bei Freud geht es um Triebbefriedigung, bei Adler um die Verwirklichung des eigenen Persönlichkeitsideals. Hier klingt nun ein sehr moderner Begriff an, der sich bei Adler zwar nicht im Wortlaut, aber schon der Sache nach findet: die Selbstverwirklichung. Für ihn verfolgt jeder Mensch eine individuelle, schöpferische Zielsetzung, einen Lebensplan, in dem seine persönliche Einheit gründet. In diesem Gedanken erweist sich übrigens Adlers inhaltliche Nähe zur Gestaltpsychologie (s. Kap. 6).
Um Missverständnissen vorzubeugen, gebraucht er später den Begriff des Lebensstils, in dem sich der Lebensplan manifestiert. Adler spricht auch von der Melodie, die als durchgehendes Thema das Erleben und Verhalten eines Menschen prägt – und zwar so, wie sie in den ersten Kindheitsjahren festgeschrieben worden ist. Heißt das nun aber, dass wir alle Marionetten unseres jeweiligen Lebensstils – und oft genug auch unserer eigenen Neurose – sind und nichts ändern können, selbst wenn wir es wollten? Glücklicherweise nicht, sagt Adler, und führt an dieser Stelle den wohl wichtigsten Begriff seines Denkens ein: das Gemeinschaftsgefühl.
Das Geltungsstreben als Reaktion auf die gefühlte Minderwertigkeit ist zunächst, wie man sich denken kann, ein isolierendes, egoistisches Motiv. Daneben gibt es jedoch das Gemeinschaftsgefühl, und das ist ebenfalls eine Art der Kompensation, aber eine weitaus wünschenswertere. Es entsteht, wenn das Geltungsstreben nicht in den Dienst der eigenen Person gestellt wird, sondern in den Dienst der Gemeinschaft. Dieser Begriff nun meint alle zwischenmenschlichen Beziehungsformen von der Mutter-Kind-Bindung über Freundschaften und Liebesbeziehungen bis hin zur Gemeinschaft aller Menschen und zur Verantwortung für die Welt. Und trotz des Wortes »Gefühl« hat Adler dabei nicht nur das Herz, sondern auch den Kopf und die Hand im Blick: Das Gemeinschaftsgefühl verwirklicht sich im Denken und Handeln.
In der Hinwendung zur Gemeinschaft sieht Adler die Möglichkeit, den eigenen Lebensplan positiv zu verändern. Entweder, indem der beträchtliche Unterschied zwischen dem eigenen Geltungsstreben und den Erfordernissen der Gemeinschaft erkannt beziehungsweise durch größere Fehlschläge erlitten wird, oder vermittelt durch Erziehung und Therapie.
In der individualpsychologischen Behandlung sitzt der Therapeut dem Patienten als Dialogpartner gegenüber. Gemeinsam wird der Lebensstil des Patienten analysiert und jenem erstmalig bewusst gemacht. Wenn der Patient erkennt, welches falsche Persönlichkeitsideal er bislang verfolgt hat, kann er das neurotische Verhalten, das ihn dorthin brachte, verstehen und ablegen. Denn die Neurose an sich ist nicht falsch, falsch ist immer nur das Ziel, in dessen Dienst sie steht. Es kommt darauf an, einen konstruktiven, auf die Gemeinschaft ausgerichteten Lebensstil zu entwickeln. Diese Neuorientierung, bei welcher der Therapeut den Patienten auch durch Ermutigung stärkt, befreit von den Verstrickungen der Vergangenheit.
Adler hat folglich ein sehr positives Menschenbild, für ihn ist die Fähigkeit zu Güte und Großzügigkeit angeboren. Seine Orientierung an der Selbstverwirklichung des Menschen wird später von der Humanistischen Psychologie aufgegriffen: Deren Mitbegründer Abraham Maslow (s. Kap. 36) setzt die Selbstverwirklichung an die Spitze einer von ihm erarbeiteten, hierarchisch aufgebauten Pyramide menschlicher Bedürfnisse. Auch sonst hat die Individualpsychologie andere Ansätze beeinflusst. Die Bedeutung des Lebenssinnes zum Beispiel kehrt in Viktor Frankls (s. Kap. 35) Logotherapie wieder und die Zielgerichtetheit des Lebensprozesses im Individuationsgedanken von C. G. Jung (s. Kap. 9). Bis heute sind Alfred Adlers Gedanken über die Grenzen der Psychologie hinaus in Pädagogik und Beratung wirksam.
Seitenblick: Auf das Geltungsstreben ist Adler auch durch die Lektüre Friedrich Nietzsches (1844–1910) aufmerksam geworden. Für den Philosophen stellt der »Wille zur Macht« den Grundtrieb im Menschen und in der Welt dar. Nietzsches Schlussfolgerungen, die vom Übermenschen träumen, widersprechen allerdings dem auf die Gemeinschaft ausgerichteten Ideal Adlers.
9 MÄRCHEN, MYTHEN, ARCHETYPEN
CARL GUSTAV JUNG
Er führte die Arbeit mit Bildern in die Psychotherapie ein und eröffnete ein tieferes Verständnis für die verschiedenen Persönlichkeitstypen und für die Probleme und Anforderungen des menschlichen Lebenslaufs. Mit seiner Analytischen Psychologie hat Carl Gustav Jung eine ganz eigene Richtung innerhalb der Tiefenpsychologie begründet.
WEG
Der Pfarrerssohn Carl Gustav Jung wird 1875 in Kesswil am Bodensee geboren. Seine Kindheit erlebt er als von Ängsten und Einsamkeit überschattet. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wird er später die notwendige innere Entwicklung des Menschen unter dem Stichwort »Individuation« zu einem wichtigen Bestandteil seiner Lehre machen. Eine enge Bindung besteht zur Mutter, die prophetische Fähigkeiten für sich beansprucht und ein seinerzeit modisches Interesse für Okkultismus pflegt.
Jung studiert Medizin an der Universität Basel und arbeitet nach seinem Staatsexamen als Stationsarzt am psychiatrischen Krankenhaus Burghölzli in Zürich. Dessen Leiter Eugen Bleuler (1857–1939), von dem auch der Begriff Tiefenpsychologie stammt, steht der Psychoanalyse aufgeschlossen gegenüber. Am Burghölzli führt Jung Experimente über normale und pathologische Wortassoziationen durch und entwickelt dabei seine Komplextheorie. 1903 heiratet er die Fabrikantentochter Emma Rauschenbach (1882–1955), mit der er fünf Kinder haben wird. Emma Jung wird zur lebenslangen Mitarbeiterin ihres Mannes und ist später auch als Lehranalytikerin tätig.
Nach seiner Habilitation nimmt Jung Kontakt mit Sigmund Freud auf, dessen Schriften er gelesen hat und von dem er sich wichtige Anregungen zur Behandlung seiner Patienten erhofft. Er wird zum Anhänger der Psychoanalyse und riskiert dafür auch, wegen Freuds damaliger Außenseiterposition selbst ins fachliche Abseits zu geraten. Für Freud wiederum ist Jung ein willkommener Schüler, weil er zu jener Zeit einer der wenigen nichtjüdischen Verfechter der Psychoanalyse ist. Freud fürchtet antisemitische Diffamierungen seiner Lehre, die es dann ja auch geben wird. Bevor sich die inhaltlichen Differenzen zu Jung abzeichnen, erwägt Freud sogar eine Zeit lang, das organisatorische Zentrum der Psychoanalytischen Bewegung von Wien nach Zürich zu verlegen.
Eine etwas unrühmliche Dreiecksgeschichte verbindet Freud und Jung im Fall der Russin Sabina Spielrein (1885–1941). Im Jahr 1904 als Jungs Patientin ans Burghölzli gekommen, hat Spielrein nach ihrer Entlassung in Zürich ein Medizinstudium aufgenommen, sie arbeitet an Jungs Projekten mit und wird später selbst Analytikerin. Zwischen Jung und Spielrein entwickelt sich eine Liebesbeziehung, wobei der tatsächliche Grad der Intimität unbekannt ist. Ab 1906 ersucht Jung mehrmals bei Freud um Hilfe, wobei er Spielrein als eine in ihren Therapeuten verliebte Patientin darstellt – eine Sicht, die Freud zunächst ungeprüft übernimmt. Erst als sich Spielrein selbst an den Begründer der Psychoanalyse wendet, ändert der seine Sicht und nimmt nun auch Jungs Verstricktheit wahr. Spielrein, die als Jüdin davon träumt, mit Freud und Jung das Juden- und das Christentum miteinander versöhnen zu können, wird nach ihrer Trennung von Jung zur Freudianerin. Gleichwohl bleibt sie Jung verbunden.
1909 verlässt dieser nach einem Zerwürfnis mit Bleuler das Burghölzli und eröffnet in Küsnacht am Zürichsee seine Privatpraxis. 1923, im Todesjahr seiner Mutter, wird Jung in Bollingen am oberen Zürichsee mit dem eigenhändigen Bau eines erst 1955 vollendeten Turms beginnen, der ihm lebenslang als Rückzugs- und Meditationsort dient. Im Herbst 1909 geht er mit Freud und weiteren Freud-Schülern auf eine sechswöchige Vortragsreise in die USA. Beim gegenseitigen Deuten der Träume werden in dieser Zeit erste inhaltliche Unterschiede zwischen Freud und seinem »Kronprinzen« Jung deutlich. Dennoch wirkt Jung am Aufbau der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung mit und wird 1910 sogar ihr Präsident. Drei Jahre später kommt es zum Bruch mit Freud. Jung tritt aus der Vereinigung aus, gibt auch seine Privatdozentur an der Universität Zürich auf und zieht sich vollkommen zurück. Er durchlebt bis 1919 eine schöpferische Krise. 1921 tritt er mit seinem Buch »Psychologische Typen« wieder an die Öffentlichkeit und entwickelt nun seine eigene tiefenpsychologische Richtung. Er beschäftigt sich ausgiebig mit alten alchemistischen Texten, mit Märchen, Mythen und Religionen, mit der Ethnologie und mit fernöstlichen Weisheitslehren. Zu diesem Zweck reist er neben seiner praktisch-therapeutischen Tätigkeit viel: nach Nordafrika, nach Arizona und Neu Mexiko, nach Kenia und Uganda sowie nach Indien. Die gesammelten Erkenntnisse fließen in sein Denken ein.
Aufgrund seiner Publikationen wird Jung zunehmend bekannt. Ab 1933 lehrt er für einige Jahre als Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Zürich. Eine 1944 übernommene Professur für Medizinische Psychologie an der Universität Basel hat er aus Krankheitsgründen nur kurz inne. Als er während der Zeit des Nationalsozialismus Freuds Psychoanalyse als »jüdische Irrlehre« angreift, zieht er die Kritik vieler Intellektueller auf sich.
1948 wird in Küsnacht das C. G. Jung-Institut als Ausbildungsstätte für Psychotherapie gegründet. Carl Gustav Jung stirbt 1961 hoch geehrt in Küsnacht, kurz nachdem er sein zunächst auf Englisch erschienenes Buch »Der Mensch und seine Symbole« (dt. 1968) vollendet hat.
IDEEN
Carl Gustav Jung ist neben Freud und Alfred Adler (s. Kap. 7 u. 8) einer der wichtigsten Vordenker der Tiefenpsychologie. Zur Unterscheidung von der Psychoanalyse Freuds wählt er nach dem Ende der Zusammenarbeit für sein eigenes System den Begriff »Analytische Psychologie«. In späteren Jahrzehnten nennt Jung sein Theoriegebäude auch »Komplexe Psychologie«. Tatsächlich sind die so genannten Komplexe ein wichtiger Bestandteil dieser Lehre.
Seine Komplextheorie entwickelt Jung während der Zeit am Burghölzli. Die Bewusstseinspsychologie der Ära Wilhelm Wundts (s. Kap. 3) verstand unter einem Komplex eine Gruppe von fest verbundenen Gedächtnisinhalten. Später galten auch Gefühle, weil sie sich nicht näher zergliedern ließen, als Komplexe. Bei Jung, der den Begriff in die Psychoanalyse einführt, kehren die beiden Aspekte wieder. Nach ihm besteht ein Komplex aus einem Kernstück, beispielsweise einer bestimmten Angst oder einem Bedürfnis, sowie aus sekundären Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen und Erinnerungen, die aufgrund ihrer Verwandtschaft mit dem Kernstück von ihm angezogen worden sind. Je größer ein Komplex, desto mehr Energie besitzt er. Komplexe wirken abgespalten vom Bewusstsein, sie äußern sich auf zunächst unverständliche Weise und sind nach Jung die »Brenn- und Knotenpunkte« der Seele. Sie weisen stets auf notwendige Bearbeitungen hin, bringen den Menschen damit aber auch vorwärts. Damit wirken sie nicht nur negativ – es gibt auch förderliche Komplexe. Das zeigt sich beispielsweise in überraschenden schöpferischen Entwicklungen eines Menschen, die sprungartig ins Bewusstsein treten und doch schon länger im Unbewussten existiert haben müssen. Wenn allerdings ein Komplex besonders unbeeinflussbar ist, kann er sich, etwa in Form einer Zwangsidee, das ganze Leben eines Menschen unterwerfen.
Auch die »Psychologischen Typen«, die Jung 1921 in seinem ersten großen Werk nach dem Bruch mit Freud herausarbeitet, können als Komplexe gesehen werden. Seine Erkenntnisse bezieht Jung dabei nicht nur aus seiner therapeutischen Praxis, sondern auch aus eigenen geistesgeschichtlichen und literaturhistorischen Recherchen. Acht menschliche Grundtypen beschreibt er, wobei klar ist, dass diese acht idealtypische Vereinfachungen darstellen, während die individuelle Wirklichkeit vielfältiger erscheint.
Auf die Zahl acht kommt Jung durch die Erkenntnis, dass der Mensch entweder nach innen gekehrt (introvertiert) oder nach außen gekehrt (extravertiert) ist. Jede dieser beiden Gruppen unterteilt er noch einmal vierfach, gemäß den vier Grundfunktionen des bewussten Seelenlebens, die er unterscheidet: Denken, Fühlen (also die Emotionen), Empfinden und Intuieren. Die ersten beiden nennt Jung rationale Funktionen – auch das Fühlen, weil er es als Akt des Bewertens ansieht. Die letzten beiden nennt er irrationale Funktionen, weil sie nur mit der sinnlichen Wahrnehmung und ohne Wertung arbeiten. Dabei richtet sich die Empfindung nach außen und die Intuition auf dieselbe Weise nach innen, ins eigene Innere.
Auf Jungs Unterscheidung von Extra- und Introversion hat später der Persönlichkeitspsychologe Hans Jürgen Eysenck (s. Kap. 49) aufgebaut und sie durch den Gegensatz von emotionaler Stabilität und Labilität ergänzt. Anders als Jung konnte er die Persönlichkeitsmerkmale bereits mit modernen statistischen Methoden untersuchen, er untergliederte sie weiter und grenzte sie voneinander ab.
Mit der Unterscheidung der Persönlichkeitsmerkmale ist ein Grundzug der Jungschen Psychologie angesprochen: das Denken in Gegensätzen und vor allem im Prozess ihrer angestrebten Einung. Wie Freud sieht auch Jung es als Aufgabe eines jeden Menschen, zu reifen. Doch während Freud darunter die Integration verdrängter sexueller Wünsche durch ein zunehmend erstarkendes Ich versteht, erweitert Jung die Perspektive: Für ihn geht es im menschlichen Leben nicht primär um die Sexualität. Die Libido – darüber kam es zum Bruch mit Freud – versteht er nicht als sexuelle Trieb-, sondern als allgemeine Lebensenergie. Von ihr geleitet, soll der Mensch zu einem harmonischen Ganzen reifen, in dem sich die Persönlichkeit weiterentwickelt und Einseitigkeiten ausgeglichen werden.
In diesem Zusammenhang sind zwei wichtige Begriffe Jungs zu nennen: Animus und Anima. Diese so genannten Seelenbilder repräsentieren den gegengeschlechtlichen Anteil in jedem Menschen, mit dem es sich im Interesse einer voll entwickelten Persönlichkeit auseinanderzusetzen gilt: für die Frau den Animus, für den Mann die Anima. Denn psychisch gesehen ist der Mensch doppelgeschlechtlich. Wie die Lebensbilder beim Einzelnen konkret aussehen, das wird durch die Erfahrungen mit Vater und Mutter und durch weitere soziokulturelle Bedingungen beeinflusst. Auch der so genannte Schatten ist ein wichtiger Begriff im System der zu einenden Gegensätzlichkeit: Er steht für die noch nicht gelebte Seite eines Menschen, also beispielsweise gemäß der Typenlehre beim Extravertierten für die Introversion und umgekehrt. Der Schatten repräsentiert aber auch die unangenehmen Seiten der Persönlichkeit, also die, welche man sich selbst nicht gern eingesteht und lieber im Dunkeln lassen würde.
Animus, Anima und der Schatten führen zum Kern der Jungschen Psychologie: zur Archetypenlehre. Denn sie sind archetypische Leitbilder. Unter diesem Begriff versteht man allen Menschen gemeinsame Symbole oder Urbilder, die im Unbewussten wirken und von hier aus unser Selbstverständnis, unser Wahrnehmen und Handeln bestimmen. Sie begegnen einem in Mythen und Märchen, in Träumen, aber auch in Tagträumen und künstlerischen Werken. Obgleich Urbilder, sind sie doch keine konkreten Vorstellungen, die der Mensch ererbt, sondern eher Dispositionen, Empfänglichkeiten für Phantasien, die sich dann, abhängig von der individuellen Prägung, in der Seele und im Leben konkret ausbilden.
Jung kann den Archetypus religiös als »geistiges Ziel« und gleichzeitig biologisch als »Instinkt« beschreiben – so weit gefasst ist der Begriff. Seine Füllung findet sich in der Unmenge des geistes- und religionsgeschichtlichen Materials, das Jung heranzieht. Denn neben den drei genannten Archetypen gibt es zahlreiche weitere, die zusammen alle Bereiche menschlichen Daseins umfassen: Gott, Heiland, jungfräuliche Mutter, Baum, Berg, Riese, Zwerg und viele mehr. Jung spricht auch von einem Gottes-Archetypus, was jedoch nicht als Beweis für die Existenz Gottes zu verstehen ist. Seine Aufgeschlossenheit für religiöse Aussagen zeigt sich auch darin, dass Jung gern den in der Schulpsychologie unüblichen, weil religiös aufgeladenen Begriff der Seele verwendet.
Die Archetypenlehre führt bis in die unterste Schicht der Seele. Die alte Vorstellung von Bewusstseinsschichten hatte schon Freud mit der Dreiheit von Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem aufgegriffen, sie dann aber wegen ihres statischen Charakters durch die Dynamik der drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich ergänzt. Auf jeden Fall ist dieser Aufbau lediglich als Modell und nicht als reales Abbild der Psyche zu verstehen.
Nach Jung gibt es fünf pyramidenartig aufeinander ruhende Schichten, und zwar, von oben angefangen: erstens das Ich, zweitens das Bewusstsein, drittens das persönliche Unbewusste, das dem Freudschen Unbewussten entspricht, viertens ein überindividuelles, so genanntes kollektives Unbewusstes, das bewusst gemacht werden kann, und fünftes ein ebensolches, das sich aber nicht bewusst machen lässt. Das kollektive Unbewusste teilen alle Menschen und Völker als gemeinsames seelisches Fundament; es enthält die Archetypen.
Besonders wichtig sind die archetypischen Leitbilder der Großen Mutter und des Alten Weisen. Nach Jung stehen sie für die Entwicklungsstufe, die der Mensch in der zweiten Lebenshälfte erreichen soll, für die Hinwendung zum Geistigen, während in der ersten Lebenshälfte die Auseinandersetzung mit dem Seelenbild und dem Schatten wichtiger erscheint. Interessant ist: Für Jung reicht die Jugendzeit bis zur Lebensmitte. Aus den Wirren der Pubertät weisen die Ideale des beruflichen Erfolgs und der Familiengründung den Weg. Ab der Lebensmitte geht es dann um den Erwerb eines neuen Bewusstseins, um ein kulturelles Ziel. Gerade bei dieser Neuorientierung sieht die Analytische Psychologie ihre therapeutische Aufgabe.
Den lebenslangen Reifungsprozess, der von den aufsteigenden und zur Verwirklichung drängenden archetypischen Bildern geleitet ist und in dessen Verlauf die individuelle Persönlichkeit errungen und immer neu bewahrt werden muss, nennt Jung Individuation – Selbstwerdung. Er begreift ihn als zielgerichtet. Auch das unterscheidet ihn von Freud, der die Psyche kausal determiniert sieht. Ziel der Individuation ist das Selbst, das nicht mit dem Ich verwechselt werden darf – dieses ist lediglich das Zentrum des Bewusstseins, gleichsam dessen auf sich selbst bezogener Teil. Das Selbst hingegen steht für die Einheit und Gesamtheit der Persönlichkeit und gilt ebenfalls als Archetypus. Jung sieht es beispielsweise im indischen Mandala symbolisiert, das er ausführlich erforscht und interpretiert.
Überhaupt macht die Arbeit mit Bildern – individuellen und kollektiven – einen wichtigen Teil der therapeutischen Arbeit nach Jung aus. Wie bei Freud ist es Ziel der Therapie, mit Hilfe des Unbewussten einen bislang nicht gelösten Konflikt zu bewältigen. Doch während Freud die Neurose aus dem Konflikt zwischen Trieb und Abwehr erklärt, sieht Jung sie weiter gefasst. Für ihn ist sie das Resultat des Konflikts zwischen individuellen Bedürfnissen und der geforderten Anpassung, ein störender Komplex, der jedoch wichtig zu sein scheint, weil er auf Unerledigtes hinweist: auf Einseitigkeiten, die ausgeglichen, und auf Entwicklungsstufen, die erreicht werden wollen.
Auch die Methoden unterscheiden sich. An die Stelle der freien Assoziation nach Freud tritt hier die erweiternde Deutung mit Hilfe der Archetypen. Denn die universellen Bilder, die der Menschheit in ihren religiösen und künstlerischen Erzeugnissen zur Verfügung stehen, sind durch das kollektive Unbewusste mit den Bildern identisch, die am Grund der individuellen Seele schlummern und in der persönlichen Lebensgestaltung Wirklichkeit werden wollen. Der Patient soll folglich auch versuchen, in seinem Inneren gegenständliche Bilder entstehen zu lassen, um mit ihrer Hilfe seine Situation und seine Träume zu deuten. Im therapeutischen Malen und anderen künstlerischen Ausdrucksformen wird mit dem imaginierten Material gearbeitet.
Durch diese methodische Vielfalt hat Jung die Psychotherapie entscheidend bereichert und ihre Nähe zu den Geisteswissenschaften und zur Kultur gestärkt, er hat allerdings auch der Esoterik die Tür geöffnet. Der Therapeut etwa erscheint nach Jung in archetypischen Rollen – nicht nur als Vater oder Mutter, sondern auch als Heiler, Hexer, Riese oder Alchemist.
Die oft gestellte Frage, wer »Recht« habe, Freud oder Jung, ist letztlich müßig. Während man Freud sein deterministisches, am naturwissenschaftlich-mechanistischen Denken orientiertes Menschenbild vorwerfen kann, ist Jung durch seinen Mystizismus angreifbar. Doch beide haben auf ihre Weise das Selbstverständnis des Menschen verändert, in beiden therapeutischen Richtungen kann man sich verstanden und begleitet fühlen. Mit der von ihm angeregten psychologischen Auswertung von Bildern und Mythen, mit seiner Typenlehre und der Deutung des menschlichen Lebenslaufs gehört Carl Gustav Jung zu den wichtigsten Vordenkern der Tiefenpsychologie.
Anekdote: Eine Legende in Jungs Herkunftsfamilie besagte, dass C. G. Jungs gleichnamiger Urgroßvater väterlicherseits (1794–1864) ein unehelicher Sohn Goethes gewesen sei. Als Urgroßmutter war kurzzeitig sogar Goethes Altersliebe Marianne von Willemer (1784–1860) im Gespräch, bis klar wurde, dass dies wegen des geringen Altersunterschieds ausgeschlossen war. Zwischen Jungs echter Urgroßmutter und Goethe ließ sich keine Beziehung nachweisen.
10 ABSCHIED VON DER KINDHEITSIDYLLE
MELANIE KLEIN
Die Kinderanalytikerin Melanie Klein verstand ihre nicht unumstrittenen Theorien als konsequente Weiterentwicklung der Freudschen Lehre. Mit ihnen begründete sie eine eigene psychoanalytische Richtung. Bahnbrechend war ihre Erkenntnis, dass die spätere Wahrnehmung der Welt von den frühesten kindlichen Beziehungen abhängt.
WEG
Wie viele andere Psychoanalytiker stammt auch Melanie Klein aus jüdischem Elternhaus. 1882 als Melanie Reizes in Wien geboren, studiert sie hier Kunstgeschichte und Geschichte, eine Wahl, die sie später oft bereuen wird. Sie heiratet den Industriechemiker Arthur Klein und bekommt mit ihm drei Kinder.
Nach der Geburt des zweiten Kindes erkrankt Klein an Depressionen. Ein Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz bringt keine bleibende Besserung. Vor dem Ersten Weltkrieg wechselt die Familie aus beruflichem Grund nach Budapest. Hier beginnt Klein eine Psychoanalyse bei Sándor Ferenczi (1873–1933), einem engen Vertrauten Sigmund Freuds (s. Kap. 7) und Pionier der Psychoanalyse in Ungarn. Von Ferenczi gefördert, tritt sie der Ungarischen Psychoanalytischen Gesellschaft bei. 1921 wechselt die Familie nach Berlin, und Klein beginnt eine Lehranalyse bei Karl Abraham (1877–1925). Drei Jahre später trennt sich das Ehepaar. Nun baut sich Melanie Klein eine eigene Praxis als Kinderanalytikerin auf. Teilweise ist es in Berlin regelrecht schick, die eigenen Kinder zu ihr in Analyse zu geben.
Bei der Ausarbeitung ihrer Theorien, die sie als konsequente Weiterentwicklung von Freuds Gedanken versteht, wird Klein von Ferenczi und Abraham unterstützt. Sonst stößt sie in den internationalen Zentren der Psychoanalyse jedoch eher auf Skepsis, ausgenommen in London. Dorthin holt sie 1926 Ernest Jones (1879–1958), der Vorreiter der Freudianer in England und spätere Freud-Biograf, um seine Familie von ihr behandeln zu lassen. Fortan lebt und arbeitet Melanie Klein in London.
Schon bald wird sie innerhalb der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft zu einer beherrschenden Figur. 1932 veröffentlicht sie ihr Buch »Die Psychoanalyse des Kindes«. Ihre Ansichten zur kindlichen Entwicklung und zum Stellenwert der Psychoanalyse in der Kindheit unterscheiden sich sehr von den Aussagen Anna Freuds (s. Kap. 13). Diese beansprucht ihrerseits, als Kinderanalytikerin die Lehre ihres Vaters angemessen weiterentwickelt zu haben. Vor allem nach der Emigration der Freud-Familie nach England 1938 führt der inhaltliche Konflikt zu heftigen Richtungskämpfen in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft.
Melanie Klein stirbt 1960 in London. Bis heute nimmt sie durch ihre Theorien zur Kinderpsychoanalyse einen bedeutenden Platz in der Nachfolgegeneration Sigmund Freuds ein. Innerhalb der Psychoanalyse bilden die Kleinianer eine eigene, ausdifferenzierte Schulrichtung.
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