Kitabı oxu: «Systemische Therapie»
Die Autorin

Christina Hunger-Schoppe ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Witten/Herdecke. Studium der Psychologie (Dipl.-Psych.), Universität Koblenz-Landau (2000–2006); Studium der Psychologischen und Psychiatrischen Anthropologie (M.Sc.), Brunel University West London, England (2006–2008). Binationale Promotion im Deutsch-Chilenischen Graduiertenkolleg, Universität Heidelberg, Pontificia Universidad Católica de Chile, Universidad de Chile (2007–2010): Religiosität und Spiritualität bei Depression im interkulturellen Vergleich. Akademische Mitarbeiterin (Post-Doc), Universitätsklinikum Heidelberg (2010–2020). Habilitation in Medizinischer Psychologie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg (2018): Wirksamkeit Systemischer Therapie und Entwicklung systemtherapeutischer Diagnostik. Mitglied Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (WBP), Vorstandmitglied Systemische Gesellschaft (SG), Mitherausgeberin »Familiendynamik«.
Forschungsschwerpunkte: Klinische Psychologie und Psychotherapieforschung; Prävention; Diagnostik: Patienten-, System- und Therapeutenperspektive; Moderatoren und Mediatoren: Persönlichkeit, Bindung, soziale Netzwerke, linguistische Marker, Kultur; Meta-Analysen: mehrpersonale Psychotherapien; Qualitätssicherung: therapeutische Adhärenz.
Psychologische Psychotherapeutin (Schwerpunkt Verhaltenstherapie; Zusatzbezeichnung Systemische Therapie), Systemische Beraterin und Therapeutin (Systemische Gesellschaft, SG; Deutsche Gesellschaft für Therapie, Beratung und Familientherapie, DGSF), Lehrende für Systemische Therapie (SG, DGSF).
Christina Hunger-Schoppe
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036837-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036838-5
epub: ISBN 978-3-17-036839-2
mobi: ISBN 978-3-17-036840-8
Geleitwort zur Reihe
Die Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt: In den anerkannten Psychotherapieverfahren wurde das Spektrum an Behandlungsansätzen und -methoden extrem erweitert. Diese Methoden sind weitgehend auch empirisch abgesichert und evidenzbasiert. Dazu gibt es erkennbare Tendenzen der Integration von psychotherapeutischen Ansätzen, die sich manchmal ohnehin nicht immer eindeutig einem spezifischen Verfahren zuordnen lassen.
Konsequenz dieser Veränderungen ist, dass es kaum noch möglich ist, die Theorie eines psychotherapeutischen Verfahrens und deren Umsetzung in einem exklusiven Lehrbuch darzustellen. Vielmehr wird es auch den Bedürfnissen von Praktikern und Personen in Aus- und Weiterbildung entsprechen, sich spezifisch und komprimiert Informationen über bestimmte Ansätze und Fragestellungen in der Psychotherapie zu beschaffen. Diesen Bedürfnissen soll die Buchreihe »Psychotherapie kompakt« entgegenkommen.
Die von uns herausgegebene neue Buchreihe verfolgt den Anspruch, einen systematisch angelegten und gleichermaßen klinisch wie empirisch ausgerichteten Überblick über die manchmal kaum noch überschaubare Vielzahl aktueller psychotherapeutischer Techniken und Methoden zu geben. Die Reihe orientiert sich an den wissenschaftlich fundierten Verfahren, also der Psychodynamischen Psychotherapie, der Verhaltenstherapie, der Humanistischen und der Systemischen Therapie, wobei auch Methoden dargestellt werden, die weniger durch ihre empirische, sondern durch ihre klinische Evidenz Verbreitung gefunden haben. Die einzelnen Bände werden, soweit möglich, einer vorgegeben inneren Struktur folgen, die als zentrale Merkmale die Geschichte und Entwicklung des Ansatzes, die Verbindung zu anderen Methoden, die empirische und klinische Evidenz, die Kernelemente von Diagnostik und Therapie sowie Fallbeispiele umfasst. Darüber hinaus möchten wir uns mit verfahrensübergreifenden Querschnittsthemen befassen, die u. a. Fragestellungen der Diagnostik, der verschiedenen Rahmenbedingungen, Settings, der Psychotherapieforschung und der Supervision enthalten.
Nina Heinrichs (Bremen)
Rita Rosner (Eichstätt-Ingolstadt)
Günter H. Seidler (Dossenheim/Heidelberg)
Carsten Spitzer (Rostock)
Rolf-Dieter Stieglitz (Basel)
Bernhard Strauß (Jena)
Die Buchreihe wurde begründet von Harald J. Freyberger, Rita Rosner, Ulrich Schweiger, Günter H. Seidler, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß
Geleitwort
Wie jedes Buch, so spiegelt auch dieses die historische Konstellation seines Entstehungszeitpunkts wider. Die Systemische Therapie blickt im Jahr 2021 auf zwei im Rückblick unterscheidbare Entwicklungsphasen zurück. Die erste lässt sich beschreiben als eine ca. 30-jährige Pionierphase bis etwa 1990. Wichtig war ihr die Abweichung vom damaligen psychotherapeutischen Mainstream. Ihr Ergebnis waren sehr vielfältige Innovationen in System- und Erkenntnistheorie, therapeutischer Haltung, Gesprächsführung und Interventions-Methodik. An deren Ende schrieben Arist von Schlippe und ich die erste Version (1996) unseres Lehrbuchs, um all diese bis dahin verstreuten Innovationen zusammenzuführen. Ab da begann eine weitere, bis heute ebenfalls etwa 30 Jahre dauernde Durchsetzungs- und Verankerungsphase. In den Fokus rückten nun die Qualität systemtherapeutischer Weiterbildungen, die empirische Demonstration der Wirksamkeit Systemischer Therapie und das verbands- und berufspolitische Ringen um ihre langfristige, auch institutionelle Verankerung vor allem in der Jugendhilfe und in der Psychotherapie. Die Jahre 2018 bis 2020 markieren (in Deutschland) ihre endgültige Etablierung im Kreis der »mit Brief und Siegel« sozialrechtlich anerkannten und zu finanzierenden Psychotherapieverfahren im Gesundheitswesen. Zu diesem Zeitpunkt schreibt Christina Hunger-Schoppe nun dieses Buch, das wiederum viele Entwicklungen kompakt zusammenführt.
Was der Systemischen Therapie bevorsteht, ist naturgemäß ungewiss. Ganz aktuell ist es der Aufbau neuer Approbationsaus- und (künftig) -weiterbildungen. Als Herausforderung stellt sich dabei, den unglaublichen Mehrwert der bislang berufsgruppenübergreifenden Weiterbildungen mit diesen leider rein berufsständisch zu organisierenden Lehrgängen irgendwie zu verknüpfen. Möglicherweise werden sich nun (allmählich) universitäre Forschung und Lehre in Systemischer Therapie und Beratung intensivieren. Beide sind an den Hochschulen für Angewandte Forschung bereits weiter fortgeschritten. Vorhersagbar scheint mir, dass der Dialog zwischen psychotherapeutischen Schulen »auf Augenhöhe« sich weiter intensivieren wird. Dazu müssen m. E. die humanistischen Therapien als »Vierte im Bunde« noch hinzugeladen werden, nicht nur deren Bestandteile »ausgeschlachtet« werden. Insbesondere hoffe ich, dass auch die zahlreichen wertvollen Beiträge der Systemischen Therapie aus ihrer Frühphase – besonders zu den Mehrpersonensettings der Paar- und Familientherapie und zur Erkenntnistheorie – mitgenutzt werden für die allmähliche Entwicklung einer integrativen Psychotherapie auf systemtheoretischer Grundlage. Der Weg dahin scheint mir noch weit.
Christina Hunger-Schoppe ist eine dynamische, kluge, hellwache Kollegin der »Generation X«. Ich hatte das Glück, zehn Jahre lang mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie hat das Feld der Systemischen Therapie in vielen eigenen Zugängen erforscht, sich deren Errungenschaften gedanklich und in ihrer persönlichen Haltung intensiv angeeignet und vermag nun in sehr kompakter Weise dieses Feld synoptisch darzustellen. Ihre vielen eigenen Zugänge und Fähigkeiten spiegeln sich in diesem Buch wider. Als Forscherin hat sie in kontrollierten Studien zu Systemaufstellungen und zur Systemischen Therapie sozialer Ängste deren Wirksamkeit erforscht. Als Entwicklerin von Diagnostica hat sie mit dem Fragebogen zum Erleben in Sozialen System (EXIS), der Burden Assessment Scale (BAS) und der Sozialen Netzwerkdiagnostik (SozNet) Neues geschaffen. Als Therapeutin hat sie sich parallel in Systemischer Therapie und in kognitiver Verhaltenstherapie ausgebildet und auch die Entwicklung in anderen Psychotherapieverfahren sorgsam verfolgt. Ihre Weiterbildungspraxis am Wieslocher Institut für Systemische Lösungen und ihre dortige Zusammenarbeit mit genialen Praktizierenden wie Diana Drexler und Andreas Kannicht sind in diesem Buch vielerorts spürbar. Auch die Überblicke, die sie sich im Herausgebergremium der »Familiendynamik« gemeinsam mit Hans Rudi Fischer, Ulrike Borst und Arist von Schlippe, im Vorstand der Systemischen Gesellschaft und im Wissenschaftlichen Beitrat Psychotherapie fortlaufend über viele aktuelle Facetten der Entwicklung der Systemischen Therapie verschafft, tragen zur hohen Informations-Sättigung dieses Buches bei.
Der Autorin gelingt es, in beeindruckender Vollständigkeit die wichtigsten Wissensbestände der Systemischen Therapie aus den beschriebenen ca. 60 Jahren sehr kompakt und gut verständlich zusammenzufassen und diese Synopsis zugleich mit ihren persönlichen Beiträgen einschließlich einer eigenen Kasuistik anzureichern. Das Buch ist gut lesbar, sogfältig ausgewählte »Leitgedanken« und kursive Textteile ermöglichen auch den schnellen Durchgang durch den Text. Ich glaube es wird insbesondere »Neulingen« in der Systemischen Therapie eine prima Übersichtslandkarte anbieten.
Jochen Schweitzer, Herbst 2020
Inhalt
1 Geleitwort zur Reihe
2 Geleitwort
3 Vorwort
4 Begriffswahl
5 1 Ursprung und Entwicklung des Verfahrens
6 1.1 Frühe Modelle: Familientherapie und Mehrgenerationenperspektive (ca. 1950–1980)
7 1.1.1 Unsichtbare Bindungen und Kontenausgleich
8 1.1.2 Delegation und Bezogene Individuation
9 1.1.3 Mehrgenerationalität
10 1.1.4 Selbstwerterleben und Freiheit
11 1.2 Kybernetik 1. Ordnung: Kommunikation (ca. 1960–1980)
12 1.2.1 Reziprozität
13 1.2.2 Strukturen und Grenzen
14 1.2.3 Hierarchien und Macht
15 1.2.4 (Gegen-)Paradoxon
16 1.3 Kybernetik 2. Ordnung: Reflexion von Wirklichkeitskonstruktionen (ca. 1980–1990)
17 1.3.1 Metakommunikation und Expertise des Nicht-Wissens
18 1.3.2 Autopoiese
19 1.3.3 Potential und Lösung
20 1.3.4 Herrschende und unterdrückte Geschichten
21 1.4 Nachfolgende Modelle: Bindung, größere Systeme und Ordnungen (ab ca. 1990)
22 1.4.1 Bindung und Emotion
23 1.4.2 Ökosystemik und größere Systeme
24 1.4.3 Ordnungen
25 2 Verwandtschaft mit anderen Verfahren
26 2.1 Historisches
27 2.2 Gemeinsamkeiten
28 2.2.1 Transdisziplinarität in systemtherapeutischen Ansätzen
29 2.2.2 Psychologische Ansätze in Systemaufstellungen
30 2.3 Abgrenzungen
31 2.4 Allgemeine Wirkfaktoren
32 3 Wissenschaftliche und therapietheoretische Grundlagen
33 3.1 Soziale Systeme
34 3.2 Grundprinzipien der Systemischen Therapie
35 3.2.1 Wahrheit @ Sozial verhandelte Realitäten
36 3.2.2 Expertentum @ Therapeutische Beziehung auf Augenhöhe
37 3.2.3 Ursache-Wirkung @ Zirkularität
38 3.2.4 Steuerbarkeit @ Selbstorganisation
39 3.2.5 Defizitdenken @ Ressourcendenken
40 3.2.6 Eigenschaften @ Kontextbezug
41 3.2.7 Fakten @ Denkkollektive
42 3.3 Synergetik
43 3.4 Soziologie
44 3.4.1 Systemtheorie
45 3.4.2 Kontextsensibilität
46 3.5 Anthropologie
47 3.5.1 Strukturfunktionalismus
48 3.5.2 Teilnehmende Beobachtung
49 3.6 Philosophie
50 3.6.1 Radikaler Konstruktivismus und KybernEthik
51 3.6.2 (Nicht-)Störungsorientierung
52 4 Kernelemente der Diagnostik
53 4.1 Besonderheiten
54 4.2 Diagnostik und Intervention
55 4.3 Soziale Interaktionsstörungen
56 4.4 Erhebungsverfahren
57 4.4.1 3-Ebenen-Modell
58 4.4.2 Fragebogen
59 4.4.3 Interview und szenische Methoden
60 4.4.4 Rating
61 5 Kernelemente der Systemischen Therapie
62 5.1 Transparenz: Reflektierendes Team
63 5.2 Systemtherapeutische Grundhaltung
64 5.2.1 Vielgerichtete Parteilichkeit (Allparteilichkeit)
65 5.2.2 Neutralität
66 5.3 Gesprächssteuerung
67 5.3.1 Fokussieren
68 5.3.2 Zuhören
69 5.3.3 Positionieren
70 5.4 Auftragskonstruktion
71 5.4.1 Leitideen
72 5.4.2 Telefonischer Erstkontakt
73 5.4.3 Perspektiven: Anlass, Anliegen, Auftrag, Übereinstimmung
74 5.5 Prozesssteuerung: Bühnenmodell
75 5.5.1 Hintergrund: Transgenerationalität
76 5.5.2 Gegenwart: Zirkularität
77 5.5.3 Lösung: Wunder und Ausnahmen
78 5.6 Experimente: Arbeiten mit Symptomen und Ambivalenzen
79 5.6.1 Positive Konnotierung
80 5.6.2 Lösung-Problem-Zirkel
81 5.6.3 Symptomverschreibung (Paradoxe Intervention)
82 5.6.4 Externalisierung
83 5.6.5 Systemaufstellung
84 5.7 Abschlüsse
85 5.7.1 Erfolgreicher Abschluss und Nicht-Beginn von Therapien
86 5.7.2 Abbruch in Therapien
87 5.7.3 Beendigung im Konsens
88 5.7.4 Konsolidierung
89 6 Klinisches Fallbeispiel
90 6.1 Konstruktion von Aufträgen, Therapiesystem und Hypothesen (Phase 1)
91 6.2 Systemtherapeutisches Intervenieren (Phase 2)
92 6.3 Abschied in ein Leben ohne Therapie (Phase 3)
93 6.4 Konsolidierung und Nachsorge (Phase 4)
94 7 Hauptanwendungsgebiete
95 7.1 Indikationen
96 7.2 Kontraindikationen
97 8 Settings
98 8.1 Einzel-, Paar- und Familientherapie
99 8.1.1 Einzeltherapie
100 8.1.2 Paar- und Familientherapie
101 8.1.3 Welches Setting wann mit wem?
102 8.2 Gruppentherapie
103 8.3 Aufsuchende Therapie
104 8.4 Multifamilientherapie
105 8.5 Co-Therapie
106 9 Therapeutische Beziehung
107 9.1 Therapeutisches Bündnis (Allianz)
108 9.2 Kommunikative Beziehungs(!)angebote
109 9.2.1 Beschwichtigungen, Anklagen, Rationalisierungen, Ablenkungen
110 9.2.2 Besuchende, Klagende, Kundige
111 10 Evidenz
112 10.1 Systemische Forschung
113 10.2 Evidenzbasierte Medizin
114 10.2.1 Mehrere RCT-Studien (Stufe Ia)
115 10.2.2 Eine RCT und eine naturalistische Studie (Stufe Ib, II, III)
116 10.2.3 Qualitative Studien und Expertenmeinungen (Stufen IV, V)
117 11 Ausblick auf Weiterentwicklungen
118 11.1 Integrative Systemische Therapie
119 11.2 Systemorientierte Psychotherapie
120 11.3 Systemtherapeutische Gemeinschaftsleistungen
121 11.3.1 Psychiatrische Akutversorgung (SYMPA)
122 11.3.2 Bedürfnisangepasste Behandlung (Offener Dialog)
123 12 Institutionelle Verankerung
124 12.1 Deutschland
125 12.1.1 Private Institute und Dachverbände
126 12.1.2 Universitäten
127 12.1.3 Wissenschaftliche und sozialrechtliche Anerkennung
128 12.2 Europa
129 12.3 Amerika
130 12.4 Systemtherapeutische Zeitschriften
131 13 Infos zu Aus-, Fort- und Weiterbildung
132 13.1 Approbation Systemische Therapie
133 13.1.1 Rahmenbedingungen bis 2020
134 13.1.2 Rahmenbedingungen ab 2020
135 13.2 Zusatzbezeichnung Systemische Therapie
136 13.3 Weiterbildung Systemische Therapie
137 13.4 Weiterbildung Lehrende Systemische Therapie
138 Literatur
139 Stichwortverzeichnis
Vorwort
»Symptome drücken aus, wie es in Beziehungen geht: zu anderen, zur Welt, zu mir!« Dies ist sicherlich nur eine der Quintessenzen der Systemischen Therapie, die mich in meiner ersten Begegnung mit ihr faszinierten. Von früh an erlebte ich mich am kraftvollsten, wenn ich mich mit anderen vernetzt und mit mir selbst gut im Kontakt fühlte, inkl. meiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Den Menschen als genuin soziales Wesen, und damit Gesundheit als Gemeinschaftsleistung zu verstehen, fiel mir stets leichter, als Menschen losgelöst von ihrem sozialen Kontext, und damit Krankheit als individuelle Herausforderung, zu denken. »Symptome verkörpern Sinnkonstruktionen und ›eigen-artige‹ Qualitäten eines sozialen Feldes!« Dies wurde sehr schnell eine weitere Quintessenz, die mich in meinem professionellen Verständnis grundständig beseelte. Es ist bis heute die unbedingte Wertschätzung gegenüber den engagierten Lösungsversuchen von als existenziell erlebten Herausforderungen an bedeutsamen Schwellenphasen im Leben betroffener sozialer Systeme, die mir die Systemische Therapie zu einer Herzensangelegenheit werden ließen. Ihre Grundhaltung ist geprägt von einem fundamentalen Vertrauen in eine demokratische (Psychotherapie-)Kultur, in der Gesundheit als Gemeinschaftsleistung und Störung als die kontextbezogen für den Moment beste Möglichkeit verstanden wird, individuellen sowie kollektiven (Seelen-)Bewegungen eines betroffenen sozialen Systems und seiner konstituierenden Mitglieder Ausdruck zu verleihen. Stets auf Augenhöhe und in mitmenschlicher Verbundenheit ermöglicht sie v. a. durch zirkuläre und mit den Symptomen sich ausprobierenden Interventionen eine (Neu-)Kontextualisierung der sozialen Rollen und Interaktionen der bedeutsamen Systemmitglieder in mehrpersonalen bis Einzelsettings.
Die Anfrage der Herausgebenden dieser Reihe Psychotherapie kompakt zu einem fachlich fundierten, praxisnahen sowie evidenzbasierten und damit grundlegenden Überblick zur Systemischen Therapie hat mich daher besonders gefreut. So gibt dieses Buch Einblicke in die Geschichte, Erkenntnistheorie, Kernelemente der Diagnostik, Therapie sowie therapeutischen Beziehung, Anwendungsgebiete und Settings der Systemischen Therapie, veranschaulicht durch ein Fallbeispiel und abgerundet durch Informationen zur Aus- und Weiterbildung sowie ihrer institutionellen Verankerung. Das Buch ist mit großer Begeisterung entstanden und ich hoffe, es begeistert auch die einen oder anderen, die es lesen werden!
Meine Begeisterung für die Systemische Therapie dauert nun seit mehr als zehn Jahren an. Seither fühle ich mich ihr und ihren Akteuren von Grund auf verbunden, sowohl in meinen Forschungen, der Lehre als auch meiner therapeutischen Praxis. Dabei bin ich vielen Menschen begegnet, die die Gestaltung dieses Buchs in hohem Maße mit beeinflusst haben! Insbesondere möchte an dieser Stelle Jochen Schweitzer-Rothers nennen, der mich mit der Systemischen Therapie am Universitätsklinikum Heidelberg nicht nur bekannt, sondern vielfach in gemeinsamer Reflexion vertraut machte und der mich alle Jahre sowohl mit fachlichem Input als auch einem wohlwollenden Maß an Freiheit zur Forschung begleitete. Seiner Förderung und Wertschätzung ist es zu verdanken, dass ich zur Wirksamkeit Systemischer Therapie und ihrer Interventionen, und damit zu meiner Herzensangelegenheit, habilitieren konnte. Ein großer Teil dieses Buches wurde in stiller Kommunikation mit ihm geschrieben! Die Forschung brachte mich in Kontakt mit Diana Drexler als Inhaberin des Wieslocher Instituts für Systemische Lösungen, die mich eines Tages zu meiner großen Freude fragte, ob ich mir eine Weiterbildung zur Lehrenden in Systemischer Therapie an ihrem Institut vorstellen könnte. Ihrer Offenheit und ihrem unermüdlichen Zuspruch ist es zu verdanken, dass ich sowohl mein erkenntnistheoretisches Wissen als auch meine didaktischen Konzepte zur Vermittlung systemtherapeutischer Inhalte und Methoden grundlegend erweitern konnte. Bis heute bietet sie mir eine reichhaltige Plattform zu Lehrangeboten in Systemischer Therapie, gestaltet für sowohl Berufserfahrene als auch Studierende und Berufseinsteigende. Über sie lernte ich Andreas Kannicht kennen, der schließlich mein weiterbildender Lehrtherapeut sowie Supervisor wurde und dem sicherlich der größte Anteil in der Konzeption dieses Buches zukommt. In der Begegnung mit ihm konnte ich das, was ich bereist in meiner grundständigen Weiterbildung als Systemische Therapeutin durch v. a. Rüdiger Retzlaff, Liz Nicolai und Mechthild Reinhardt erfahren hatte, erkenntnistheoretisch sowie lehrdidaktisch und -praktisch fundamental erweitern. Was zuvor ein fasziniertes Hören und erste Schritte in der Umsetzung systemtherapeutischer Praxis betraf, wurde in den Jahren mit ihm zu einer nochmal verstärkt identitätsstiftenden Erfahrung. Offensichtlich wird dies in der konzeptionellen sowie sprachgebundenen Darstellung v. a. der Grundprinzipien und Kernelemente der Systemischen Therapie. Sie sind dem von Andreas Kannicht, Rudolf Klein und Kordula Richelshagen am Wieslocher Institut für Systemische Lösungen entwickelten Curriculum zur Vermittlung der Theorien und Methoden entlang der Rahmenrichtlinien zur Weiterbildung Systemische Therapie, wie von den beiden deutschen Dachverbänden der Systemischen Gesellschaft (SG) und Deutschen Gesellschaft für Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) formuliert, in vielen Teilen entnommen. Daher seien an dieser Stelle zwei Publikationen genannt, die ebenfalls kompakt und fundiert Einblicke in die Systemische Therapie geben. Sie erweitern die genannten Aspekte v. a. in den Kapiteln 3 und 5 um spezifische Inhalte, folgen jedoch einem alternativen Aufbau:
• Kannicht A & Schmid B (2015) Einführung in systemische Konzept der Selbststeuerung. Heidelberg: Carl-Auer.
• Klein R & Kannicht A (2011) Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer.
Eine kompakte Reihe hat den Vorteil, Bedeutsames überblicksartig darzustellen. Sie impliziert gleichfalls die Notwendigkeit, weiteres Bedeutsames außen vor zu lassen. Daher sei an dieser Stelle auf drei große Lehrbücher sowie das Lexikon Systemischer Therapie, ein Praxislehrbuch und die Reihe Störungsspezifische Systemtherapie für die weiter interessierten Leserinnen und Lesern verwiesen: