Kitabı oxu: «Verschleppt»
Christina Wahldén
Verschleppt
Kriminalroman
Aus dem Schwedischen von
Marie-Sophie Kasten
Saga
»Polizisten sind das Beste, was ich kenne. Nach Rhabarbercreme.«
Pippi Langstrumpf
Vorwort
Alle Ereignisse und Personen, die in diesem Buch vorkommen, sind frei erfunden. Auch die Stadt, in der sich der Roman abspielt, ist fiktiv. Aus dramaturgischen Gründen habe ich die tatsächlich existierende Regierungsstadt und die kleineren Ortschaften entlang der Grenze im Norden zu einer einzigen Stadt zusammengefasst.
Ansonsten trägt die Geschichte reale Züge. Einzelne Umstände habe ich verschiedenen großen Zuhältereiprozessen entnommen, die 2003 aktuell waren. Das hier Erzählte hätte passieren können.
Die Fakten sehen wie folgt aus: 2002 sowie beinahe im gesamten Jahr 2003 hat die Polizei im Bezirk Norrbotten keine einzige Untersuchung wegen Zuhälterei oder Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution eingeleitet. Die lokale Polizeidirektion findet an dieser Tatsache eigentlich nichts auszusetzen, da sie der Meinung ist, Prostitution stelle kein entscheidendes Problem dar, und es erfordere allzu große Ressourcen, umfassendere Fahndungen zu betreiben. Darüber habe ich als Kriminalreporterin eine Anzahl Artikel veröffentlicht.
Der Polizeibeamte, dessen Aufgabe es war, den Sexhandel in Norrbotten zu erfassen, wurde versetzt. Die lokale Polizeidirektion kritisierte seine umfangreiche Grundlagenuntersuchung und behauptete, die Angaben seien übertrieben. Deshalb führte die Reichskriminalpolizei im Frühsommer 2003 eine eigene Ermittlung durch. Die zuständigen Beamten der Reichskripo zogen den Schluss, dass die früheren Berichte nicht übertrieben waren, sondern eher noch gemäßigt ausfielen. Daher beschloss der Chef der Reichskripo, dass die eigenen Beamten die Polizei in Norrbotten künftig kontinuierlich bei der weiteren Untersuchung von Sexualdelikten unterstützen und verstärken sollten.
Verschiedene Ermittlungen deuten darauf hin, dass in Nordschweden minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen werden. Die Abteilung für organisiertes Verbrechen bei der Staatsanwaltschaft Sundsvall leitete unmittelbar nach den Ermittlungen der Reichskripo eine Voruntersuchung wegen des Verdachts auf Zuhälterei ein, die von der Vermutung ausgeht, dass zwei 15- und 16-jährige russische Mädchen Opfer von Frauenhandel geworden sind.
Die polizeilichen Ermittlungen dauern noch an, während dieses Buch geschrieben wird, und Polizei und Staatsanwaltschaft sind verschwiegen, was den Umfang der Untersuchung angeht.
Nach Angaben der Reichskriminalpolizei werden jährlich zwischen zweihundert und dreihundert Frauen und Kinder Opfer des internationalen Menschenhandels in Schweden. Bis Ende des Jahres 2003 wurden lediglich zwei Personen wegen des Deliktes »Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution« verurteilt, das am 1. Juli 2002 in das Strafgesetz aufgenommen worden ist. Es handelt sich dabei um eine Frau und einen Mann, die 2003 vom Gericht in Göteborg verurteilt wurden, weil sie zwei jugendliche Mädchen, das jüngere davon sechzehn Jahre alt, getäuscht und zur Prostitution gezwungen hatten. Das Strafmaß für Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution beträgt mindestens zwei und höchstens zehn Jahre Haft.
Im September 2003 versprach Justizminister Thomas Bodström, dass die Regierung in den nächsten drei Jahren zehn Millionen Kronen für die Bekämpfung von Menschenhandel einsetzen wolle. Das Geld solle der Reichspolizei zugeteilt werden, die dann frei darüber verfügen kann.
Die Regierung sowie verschiedene freiwillige Organisationen betreiben gemeinsam mit Vertretern sämtlicher betroffener Länder diverse Projekte gegen den Frauenhandel in der Region um die Barentssee.
Christina Wahldén
1
Kompakte Dunkelheit umgibt sie. Wie sehr sie auch die Augen aufreißt und starrt, sie sieht nichts. Es riecht nach frischem Holz. Sogar der Boden der Sauna, in die man sie gesperrt hat, besteht aus neuen Holzdielen. Sie fühlt ein Astloch an ihrer Wange. Einige Tropfen Harz sind aus der Planke gequollen, als die Temperatur vorhin bis zur Hundert-Grad-Marke anstieg. Die dumpfe Finsternis, die sie umschließt, ist ganz still.
Unwillkürlich greift sie sich an den Hals, um das Kreuz zu berühren, um Kraft zu schöpfen. Da fällt ihr ein, dass sie es ihr schon vor langer Zeit weggerissen haben. Die Bewegung schmerzt, der ganze Körper tut weh.
Sie hat Todesangst, aber kämpft dagegen an. Nicht, weil ihr Leben besonders viel wert wäre, sondern weil es das ihre ist.
Eben deswegen muss sie, Irina Volkova, besonders viel Prügel einstecken. Und noch anderes, wofür ihr die Worte fehlen. Aber sie kann ihnen nicht nachgeben, nicht jetzt. Wenn sie es tut, ist es vorbei mit ihr.
Irina weiß nicht, was schlimmer ist, das Haus oder die Männer. Das Haus ist ganz neu gebaut, es duftet gut nach frisch geschlagenem Holz, das dachte sie jedenfalls, als sie zum ersten Mal hierher kam. Oder was sie glaubt, gedacht zu haben. Sie erinnert sich nicht mehr so gut daran. Das hier geht schon zu lange.
Es könnte also eigentlich ein gutes Haus sein. Aber der mannshohe Zaun um das große Grundstück deutet darauf hin, dass hier keine Güte wohnt. Die beiden Kampfhunde, die dort draußen hechelnd umherschleichen, wenn die Männer aus verschiedenen Gründen weggefahren sind, bestärken diesen Eindruck. Das Haus steht abgeschieden, geradezu einsam, umgeben von einem dichten Wald auf der einen Seite und einem braunroten Moor auf der anderen. Einmal hat sie in der Dämmerung einen Elch am Rande des Moors gesehen. Irina glaubte trotz der verschlossenen Fenster das Geräusch der enormen, auf das Wasser klatschenden Hufe zu hören, als das Tier langsam durch den Nebel schritt. Sie weiß nicht, wie es dort draußen riecht, aber sie stellt sich vor, dass es frisch und herb nach Gagel und Sumpfporst duftet.
Die Männer. Einer von ihnen ist immer dabei. Sie hat begriffen, dass er es ist, der befiehlt. Sergej. Ein Mann aus Stahl und Eiseskälte, ganz in Leder und Gold gekleidet. Wo sein Gesicht sein sollte, befindet sich nur ein schwarzes Loch. Er hat Dinge mit ihr gemacht, für die sie keine Worte kennt, für die sie keine Worte haben will. Er droht und schlägt, bis selbst eine wie sie genau das tut, was Sergej sagt und will. Bis sie gehorcht.
Oft hat er ein paar Freunde um sich. Besonders häufig einen Schatten, der Sergejs kleinstem Wink folgt, ein Mann, der ihn sich so mächtig fühlen lässt, wie er es gerne hätte. Das denkt Irina, wenn sie ab und zu im Keller, auf dem Boden der Sauna, hinwegdämmert. Sie versucht nicht daran zu denken, dass Sergej auf die Idee kommen könnte, die Sauna einzuheizen. Sie muss versuchen, von hier wegzukommen, bevor das geschieht. Sergej würde das sicher für einen glänzenden Einfall halten.
Heute ist sie allein, jedenfalls in der Sauna. Manchmal hat Sergej neue Mädchen mitgebracht, eines oder zwei auf einmal. Sie sind dann einige Tage geblieben, vielleicht eine Woche, aber immer nur genauso lange, wie es dauerte, sie zu bezwingen. Ist ihr Widerstand gebrochen, müssen sie weiter, damit Sergej keine finanziellen Verluste macht. Aber bevor die Ware weiterbefördert wird, muss sie untersucht werden, um festzustellen, ob sie gut oder schlecht ist. Sergej handelt nur mit den besten Mädchen, nichts anderem. Und um zu wissen, ob sie wirklich die besten auf dem Markt sind, muss er sie zunächst selbst testen. Das versteht sich. Sergej probiert sie immer aus, ein oder mehrere Male. Manchmal sind seine Freunde dabei. Nicht selten werden mehrere Mädchen gleichzeitig von verschiedenen Männern im selben Raum getestet.
Sie wusste, dass die Arbeit, die er ihr bot, die einer Stripteasetänzerin war. Allein das Wort ist für ein jugendliches Mädchen mit einem Kreuz um den Hals schwer in den Mund zu nehmen. Aber es gibt Gründe dafür, warum sie damals dachte, es sei gar kein so schlechter Gedanke, eher ein ganz interessanter. Sie könne es doch zumindest versuchen. Wenn es nicht gut liefe oder sie ihr dumm kämen, könne sie schließlich wieder nach Hause fahren. Wo auch immer sich ihr Zuhause befand.
Es spannt um den Mund herum, als sie in der Dunkelheit leise lacht.
Vielleicht ist sie dabei, verrückt zu werden. Wenn sie es nicht schon ist.
Nicht grübeln.
Sie schließt die Augen, zwingt sich, an einen Sonnenuntergang am Meer zu denken oder an eine paradiesische Insel mit kreideweißem Sand. Dorthin wollte sie anschließend fahren. Wenn sie überlebt hatte. Denn überleben würde sie.
Vorsichtig fährt sie mit der Zunge über die Zähne am Oberkiefer. Hoffentlich hat er ihr wenigstens keinen Zahn ausgeschlagen, als er ihr mit der Schöpfkelle, die im Eimer in der Sauna liegt, einen Schlag versetzte. Die Kelle ist dabei mittendurch gebrochen, und es fühlt sich an, als sei mit ihrem Gesicht dasselbe passiert.
»You must do as I say!«, brüllte er. Zum wievielten Mal weiß sie nicht.
In der Dunkelheit der Sauna kann niemand erkennen, dass sie rot wird. Und niemand kann ihre Tränen sehen. Natürlich wusste Irina, dass man nur mit Hilfe des Mundes Liebe machen konnte. Sie konnte sich nicht richtig vorstellen, wie es sich wohl anfühlte, aber sie glaubte, dass es sanft und weich und feucht sein müsste. Ruhig und behutsam. Sie hatte nicht gedacht, dass sie einen nach Urin stinkenden Penis, dick wie ein Telefonmast, in den Rachen geschoben bekommen würde. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass ein Mann sie festhalten könnte, während ein anderer sie erniedrigte und ein dritter dabei zuschaute. Sie hätte nie geglaubt, dass zwei andere Mädchen zur gleichen Zeit, im selben Raum, Opfer solcher Übergriffe sein würden. Nicht in ihren kühnsten Phantasien hätte sie sich ausmalen können, dass sie gezwungen werden sollte, sich nackt auf zwei anderen verschreckten Schulmädchen aus demselben Wohnviertel herumzuschlängeln, während zwei Männer mit glasigem Blick ihren Samen über sie spritzten.
Niemals hätte sie gedacht, dass sie zuerst anal vergewaltigt werden würde, um direkt im Anschluss zu Oralsex mit einem erigierten Penis gezwungen zu werden, der nicht nur nach Pisse stank, sondern auch von ihren eigenen Exkrementen verunreinigt war. Und all das wurde ihr tief in den Hals gesteckt. Wieder und wieder.
Irina Volkova erbrach sich heftig.
Sergej Björkman, kreativer Unternehmer, in verschiedenen Erwerbszweigen tätig, lachte. Der Mann ohne Gesicht.
Und hier liegt sie nun. Die Hände tasten vorsichtig nach dem Hals. Das Kruzifix ist unwiederbringlich verschwunden.
Sie hört eine Tür zuschlagen, setzt sich abrupt auf, legt sich aber wieder hin, als das Pochen im Gesicht zu stark wird. Sie spitzt die Ohren, fühlt die Angst in der Magengrube. Kommt Sergej? Ist er allein? Hat er einen Mann oder ein neues Mädchen bei sich? Fängt es wieder von vorne an? Ihr Puls rast, ihr Atem geht keuchend.
»Ich, Irina Volkova, werde aus diesem Haus herauskommen. Lebend«, zischt sie leise.
Sie muss mit sich selbst laut reden, sonst wird sie wirklich verrückt. Sie hat trotz allem einen Namen. Irina versucht, eine schöne Erinnerung wachzurufen, aber es gibt so wenige davon: Großmutters Hände, das blanke, unbenutzte Zeichenpapier und die beinahe neue Kreide, die die Großmutter auf dem Markt erstanden hatte.
Es ist ein Glück, dass Großmutter tot ist, denkt sie und erschrickt über sich selbst. Nach all dem könnte sie nie wieder ihrem Blick begegnen, ohne vor Scham und Schuldgefühl in der Erde zu versinken. Vor sich sieht sie den gesenkten Kopf der Großmutter in dem blumigen Schal, eine gelbe Wachskerze in den Händen, in ein stilles Gebet vor der Ikone vertieft.
Herr, erbarme dich meiner.
Irina wird von grellem Licht geblendet, als die Tür zur Sauna aufgerissen wird. Dort draußen steht ein Mann, den sie noch nie gesehen hat. Er lächelt aufreizend. Sie schleudert ihm den Holzeimer entgegen, und einen Moment lang sieht er erstaunt aus. Es knallt ordentlich, und er greift sich an die Stirn. Dann sieht er sie an und lacht laut.
2
Sie steuern den rostbedeckten Wagen die ganze Nacht über Richtung Norden. Zunächst wird der Wald im Herbstregen immer dichter, die Espen leuchten feuerrot. Viel später erheben sich bläuliche Berge aus der Dunkelheit des Waldes, als schwebten sie darüber, auf halbem Weg in den Himmel. Wie enorme gestrandete Wale wirft die Erde sich auf. Dann lichtet es sich, sowohl die Bäume als auch die Autos werden spärlicher. Eine schmale, gerade Straße, umgeben von meilenweitem stramm stehenden Kiefernwald. Kilometer für Kilometer.
Anfangs ist der Ton zwischen ihnen scherzhaft, beinahe albern, wie sie da zwischen Bergen von Gepäck zusammengepfercht sitzen. Keiner von beiden weiß, wie lange sie dort oben bleiben werden. Am besten, man ist auf alles vorbereitet. Sie hat neue Daunenhausschuhe und drei Flanellpyjamas eingepackt. Kälte ist für sie das Schlimmste, was es gibt. Er hat fünfzig seiner besten CDs mitgenommen und die tragbare Stereoanlage.
Sie bittet darum, als Erste fahren zu dürfen, obwohl der schäbige Wagen sein Privatauto ist. Das Einzige, was darin gut funktioniert, sind der CD-Player und das Radio. Sie haben sich für das Auto und gegen das Fliegen entschieden, um zu ihrem Auftrag auf unbestimmte Zeit mehr Sachen mitnehmen zu können. Und sie fahren nachts anstatt tagsüber, um Zeit zu sparen und weil sie dachten, es sei dann weniger Verkehr. Aber die Lastwagen donnern weiterhin durch die Dunkelheit. Hedvig fährt konstant hundertfünfundzwanzig. Sowohl Rafael als auch das Auto knarren, als er versucht, eine für seinen beeindruckenden Körperbau bequeme Position zu finden. Seine Knie stoßen gegen das Handschuhfach und der Kopf gegen das Dach.
»Zweihundertsechs Zentimeter, falls es dich interessiert.« Das ist das Erste, was er sagt, bevor sie überhaupt dazu kommt nachzufragen. Sie überlegt, ob seine Uniform wohl eine Spezialanfertigung ist. So große Größen gibt es bestimmt nicht von der Stange.
Er schließt die Augen und schläft die ersten dreihundert Kilometer über. Dann erwacht er mit einem Ruck und teilt ihr mit, dass er pinkeln muss. Sie halten an einem Gasthaus, aber nur sie benutzt dort die Toilette, er selbst verschwindet im Gebüsch hinter dem Parkplatz und kehrt sichtbar erleichtert, seinen Reißverschluss hochziehend, zurück. Sie essen beide ein Beefsteak mit Zwiebeln, und er trinkt drei Tassen schwarzen Kaffee. Er fragt nicht erst, sondern geht direkt auf die Fahrerseite des Wagens zu. Sie wirft ihm die Schlüssel hinüber und gleitet auf den Beifahrersitz. Es dauert eine Weile, bis sie losfahren können, da er den Sitz maximal nach hinten schieben muss, was bedeutet, dass drei Taschen beiseite gerückt werden müssen. Er dreht die Stereoanlage voll auf. Discomusik für eine neue Generation von Bullen. Keine langweilige Schlagerband oder, noch schlimmer, Oper. Die Bässe vibrieren.
I am not a sinner, nor a saint
not that I will loose my head and faint
Sie starrt verärgert durch das Fenster. Muss sie das noch tausend Kilometer lang ertragen?
»Du, Rafael. Worauf haben wir uns verdammt noch einmal eingelassen?«
Er wirft einen schnellen Blick in den Rückspiegel auf einen Lastwagen, der ein unsinniges Überholmanöver an einem Hang ohne jede Sicht plant. Er betätigt die Bremse und lässt den Lkw mit polnischem Nummernschild vorbeifahren, bevor er auf hundertdreißig beschleunigt. Er muss immer der Beste sein.
»Ein Kamikazeauftrag. Kann lustig werden. Ärger ist garantiert. Diese faulen Penner werden uns hassen«, sagt er munter.
Sie schließt die Augen und versucht zu schlafen. Ohne viel Erfolg. Es hat angefangen zu regnen, und sie friert. Er murrt nicht, als sie ihn bittet, die Heizung höher zu stellen. Er hat beschlossen, eine Weile großzügig zu sein.
Hedvig Ek weiß nicht viel über ihren neuen Kollegen. Sie sind schon eine Zeit lang in derselben Abteilung, aber haben noch nie zusammengearbeitet. Sie kennt die äußeren Fakten über Rafael, dass er aus Lateinamerika stammt und deshalb von der Polizeibehörde gerne als Vorzeigeexemplar benutzt wird, wenn es um ihr Bestreben geht, mehr Leute aus Einwanderungsländern in den Polizeiberuf zu locken. Und er ist geradezu ein Musterbeispiel. Gilt als extrem sprachbegabt und schlau. Aber wie er sich in das Straßenbild im Norden einfügen und verdächtige Personen beobachten soll, ohne sofort aufzufallen, ist ihr ein Rätsel. Wenn man ihn einmal gesehen hat, vergisst man ihn nicht mehr. Er sticht hervor. Rafael Flores Alba, wie sein vollständiger, imponierender Name lautet, spricht manchmal von seiner Mutter Mercedes, aber viel mehr weiß Hedvig nicht über sein Privatleben. Vermutlich wirft er Damen um wie Bowlingkegel. Wenn ihm danach ist. Er ist immer sehr gut gekleidet, wenn er in Zivil ist, kennt sich mit den neuesten Modetrends aus und besitzt wahrscheinlich mehr Paar Schuhe als sie. Ein auf den ersten Blick eitler Mensch mit einer Vorliebe für dicke Goldketten. Ein Anachronismus: Autohändler und Fotomodell in ein und derselben Person. Aber der gammelige Wagen steht in auffallendem Kontrast zu seinem Besitzer.
Er ist nicht leicht zu durchschauen. Viel von dem, was man sagt, lässt er mit einem spöttelnden Grinsen von sich abprallen. Hedvig glaubt verstanden zu haben, dass seine gute Laune eine Art Überlebensstrategie ist, eine Attitüde, hinter der er sich verstecken kann. Wer er wirklich ist, hat sie noch nicht herausgefunden. Sie weiß nur, dass er Discomusik liebt. Ein unglaublich kindischer Typ.
Wenn Rafael an Hedvig denkt, sieht er eine sehr kleine Frau vor sich. Clever und impulsiv. Unglamourös, kein bisschen eitel. Die anderen Kollegen behaupten, sie sei nicht immer so gewesen. Sie habe sich verändert. Manchmal scheint es, als würde sie gegen die ganze Welt kämpfen. Sie trainiert hart, hat eine ungewöhnlich gute physische Kondition. Mindestens so gut wie er selbst. Ist wohl viel geklettert. Oft handelt sie zuerst und denkt dann. Aber sie ist ohne Zweifel intelligent. Er hat sich wie gesagt dazu entschlossen, einen wohlwollenden Eindruck von ihr zu haben. Sie sind hier oben aufeinander angewiesen. Und äußerer Druck vereint ja bekanntlich.
Sie fahren schweigend weiter. Der Regen prasselt gegen die Fenster, die Scheibenwischer bewegen sich in der Dunkelheit monoton hin und her. Nasses Laub, leuchtende Autoscheinwerfer und zum dritten Mal Am I a bad boy, maybe? Am I a sad boy, let’s see. Oder vielleicht zum vierten Mal.
Nach ein paar Stunden hört der Regen auf. Sie halten an einer Tankstelle, die auch als Bäckerei, Imbissbude, Videothek und Postamt fungiert. Es ist zwei Uhr nachts. Der Kaffee schmeckt nach Zyanid. Er trinkt zwei Tassen. Sie kippt ihren in ein Gebüsch neben der Einfahrt zur Autowaschanlage. Das grelle Licht in der Tankstelle bildet einen scharfen Kontrast zur Nachtschwärze außerhalb.
Rafael joggt zwischen den Benzinpumpen hin und her. Wie ein großer, nasser Seehund zwängt er sich prustend durch die Wagentür. Sie beißt die Zähne zusammen, sagt nicht, dass sie friert. Trotz Daunenjacke, Wollmütze und Handschuhen. Wie dumm, dass sie die Wollsocken ganz unten in die Reisetasche gepackt hat.
Sie sieht wirklich zu lächerlich aus in all diesen Kleidern, denkt Rafael. Und ihre Verärgerung lässt sie nur noch lächerlicher erscheinen. Warum trägt sie diese alberne Mütze? Was soll das geben, wenn’s erst richtig Winter wird?
Sie fahren weiter. Sie sitzt am Steuer.
»Sollen wir Elche zählen?«, fragt Rafael.
Hedvig starrt in die Dunkelheit. Nach siebzig Kilometern hat sie noch keinen einzigen entdeckt. Sie haben sich wahrscheinlich schon lange schlafen gelegt. Also unterhalten sie und Rafael sich zur Abwechslung eine Weile.
»Was haben sie nur zu verbergen?«, wundert sich Hedvig.
Er schüttelt den Kopf und fährt sich durch das dunkle, kräftige Haar.
»Glaubst du an Verschwörungstheorien?«, fragt er.
Sie starrt auf die weißen Mittelstreifen, die ihr entgegenschießen.
»Nein.«
»Gut, dann sind wir schon zwei. Wir halten uns zunächst zurück und beobachten. Lassen sie glauben, dass wir nicht sehr gefährlich sind. Versuchen, die Strukturen zu erkennen. Dann können wir direkt zum Angriff übergehen.«
Sie fahren wieder eine Weile schweigend.
»Aber es ist doch trotzdem seltsam«, sagt sie und gähnt.
Er atmet ganz kurz ein. Es ist, als würde selbst die Sprache spärlicher, je weiter sie nach Norden kommen.
»Ja.«
Es ist früher Morgen, als sie bei Gunnar Rantatalo, dem Mann, bei dem sie sich eingemietet haben, auf dem Hof vorfahren. Sie sind von der Durchfahrtsstraße abgebogen und auf einem schmalen Schotterweg gelandet, der am väterlichen Gutshof von Gunnar Rantatalo endet. Rundum stehen gerade, stille Bäume.
Der Stall ist das erste Gebäude, an dem sie vorbeikommen, aus der Ferne hören sie das Muhen der Kühe, als sie die Autotüren zuschlagen. Unter einem Blechdach stehen ein Traktor und einige andere Maschinen, deren Bezeichnung Hedvig nicht kennt. Hinter dem Wohnhaus, das sich direkt vor ihnen befindet, liegen die Weiden verlassen da. Um den Stall herum springt eine weiße Katze mit einem entzündeten roten Auge. Weiter hinten im Schatten sitzen weitere scheue und struppige Exemplare.
Zuerst klopfen sie an die Haustür, die nicht verschlossen scheint; Rafael drückt sie auf und ruft ein vorsichtiges »Hallo?« in den Flur hinein.
Keine Antwort.
Sie gehen zurück zum Stall. Die Katzen stieben wie verschreckte Kanonenkugeln auseinander und verschwinden in einer zugewachsenen Laube, als die zwei sich nähern. Im Stall brennt Licht. Die Kühe wühlen im Futter und starren sie mit mahlenden Kiefern glotzäugig an. Sie scheinen gerade gefüttert worden zu sein.
»Hallo?«
Noch immer keine Antwort. Aber von der Rückseite des Stalls hören sie ein mürrisches Gemurmel. Rafael steckt den Kopf hinaus. Draußen, mitten auf dem Misthaufen, steht ein krummer, magerer Mann mit Händen groß wie Bratpfannen und scheint mit seinen kräftigen Händen etwas abzumessen.
»Fünfeinhalb Meter, verdammt ...«
»Entschuldigung.«
Der Mann zuckt zusammen und starrt sie an. Dann strömen die Worte aus ihm heraus, als habe man einen Eispfropfen aus einem Fluss gezogen:
»Wenn nicht diese verdammte, blöde EU wäre, würde ich gut zurechtkommen. Aber nein, eine Dungabdeckung muss absolut sein, ohne Dungabdeckung geht es nicht, versuch das mal, diesen Froschfressern zu erklären, dass wir hier fünfhundert Jahre, ja sogar tausend Jahre, glücklich ohne Dungabdeckung gelebt haben, zum Teufel. Und dann kommen die mit ihren verdammten arroganten Forderungen. Sonst kriegen wir keine Unterstützung. Pfui Teufel«, sagt er wütend und mit Nachdruck.
Der Mann spuckt eine Ladung dunkelbraunen Kautabak vor Rafaels ordentlich geputzte Schuhe.
»Wir suchen Gunnar. Wir bräuchten nur nach Gunnar Rantatalo zu fragen, hat er am Telefon gesagt.«
Der Alte schiebt sich die Mütze in den Nacken und blinzelt sie an. »Ja, aber zum Teufel«, sagt er, beinahe verwundert, »Gunnar Rantatalo bin doch ich.«
Er betrachtet sie von oben bis unten. Sie weiß, was er denkt. Der Alte sagt nichts, aber besinnt sich und streckt eine schwielige Hand aus. Er reicht sie Rafael.
»Hallo, ich heiße Rafael Flores Alba.«
»Was sagen Sie?« Der Alte bleibt verwundert stehen.
»Das ist Spanisch, könnte man sagen.«
»Aha, aha. Ach so.«
»Ich habe wegen des Hauses angerufen.«
»Ja, ja, natürlich, der Schlüssel hängt drinnen neben der Tür. Können Sie ihn selbst holen?«
Hedvig reicht ihm die Hand, und er nimmt sie zögernd. Er weiß schließlich, wo sie arbeitet. Würde schlecht aussehen, wenn er sie nicht grüßte.
»Hedvig Ek«, sagt sie.
Er nickt schweigend, zieht Luft zwischen den Zähnen ein und sagt dann:
»Ja. Ich kann nicht mit zum Haus gehen, sehen Sie. Ich muss mich um diese verdammte Betonabdeckung kümmern, bevor das Jahr zu Ende ist, und wenn es anfängt zu schneien, kann man sie nicht mehr gießen. Es ist zu blöd. Ich habe oben die Heizung angemacht, aber es zieht womöglich leicht. Kommen Sie vorbei, wenn etwas ist. Wie lange bleiben Sie?«
»Das ist noch unklar. So lange es nötig ist.«
Gunnar spuckt den restlichen Tabak mit einem kräftigen Schnauben aus und wischt sich den Mund am Ärmel seines karierten Flanellhemdes ab.
»Wenn Sie einen guten Rat hören wollen, dann können Sie genauso gut gleich wieder umkehren und nach Hause zurückfahren. Hier gibt es nichts zu ermitteln. Nicht das kleinste bisschen. Gäbe es etwas, hätten sich unsere Jungs hier schon darum gekümmert.«
Rafael nickt.
Sie gehen hinauf zum Wohnhaus und finden ein Schlüsselbund, das mit Gunnars Beschreibung übereinstimmt. Auf dem Weg zurück zum Auto zischt Rafael Hedvig zu: »Ich könnte wetten, dass er eine illegale Anlage zum Schnapsbrennen hat, die in irgendeiner Scheune vor sich hin brodelt. Danach werde ich mich an einem freien Tag einmal umsehen.«
Ihr Haus liegt einige hundert Meter oberhalb von Gunnars Hof. Es war das Einzige, was sich außer einem Hotel so kurzfristig auftreiben ließ. Sowohl Hedvig als auch Rafael waren gegen ein Hotel, da sie meinten, es sei besser, so wenig wie möglich aus der Menge hervorzustechen, um ihren Auftrag hier oben ausführen zu können. So kamen sie zu dieser Bruchbude, einer baufälligen Altenteilhütte am Waldrand, bei der die rote Farbe abblättert und der Garten verwuchert ist. Das lange, nasse, strohige Gras liegt in großen unordentlichen Büscheln da. Hinter dem Haus fängt unmittelbar der Wald an. Wie viele arme, dürre Bäume gibt es in diesem Land? Aber setzt man sich auf die feuchte Vortreppe, hat man einen einzigartigen Blick. Man sieht weit über die Felder, ein Stück dahinter kann man einen See erahnen, und auf der anderen Seite erhebt sich hinter dem Wald ein Berg. Es ist still. Absolut still. Der Gedanke daran, dass sie nicht wissen, wie lange sie hier bleiben werden, erscheint ihnen ein wenig unwirklich.
Hedvig schließt die wettergegerbte Tür auf und tritt ein. Ihr Atem hängt ihnen beiden wie eine dunstige Wolke vor dem Mund, und Hedvig fragt sich, ob Gunnar tatsächlich geheizt hat. Die Küche ist die schmutzigste und schäbigste, die sie je gesehen hat. Niemand hat darin auch nur einen Finger gerührt, seit sie vor bestenfalls fünfzig Jahren renoviert wurde.
Die ganze Baracke scheint in Braun gehalten zu sein. Brauner Kunststoffboden, braune Tapeten, braune, flickenbesetzte Sitzmöbel mit ungewissem Innenleben. Das ist wahrscheinlich der einzige Vorteil der Kälte im Haus: dass die eine oder andere Milbe hoffentlich draufgegangen ist.
Rafael schlängelt sich die steile Treppe in den oberen Stock hinauf, und sie hört ihn mit schweren Tritten herumschlurfen, dass es in den Wänden und im Boden knackt. Er ruft nach ihr, und sie folgt ihm. Dort oben befinden sich ein Schlafzimmer und ein altmodisches Badezimmer mit einer Badewanne, die auf Füßen steht. Außerdem gibt es eine Dachkammer, die bis zum Dachfirst hinaufreicht. Durch das Fenster im Giebel hat man Blick auf das ganze Tal. Sie bleiben schweigend stehen.
Rafael schaut auf sein Handy. Dann lässt er es wieder sinken und sieht Hedvig an.
»Kein Empfang. Wenn die Geschäfte öffnen, fahren wir in die Stadt und kaufen etwas Farbe. Hier können wir sonst nicht wohnen, verdammt. Wir würden vor lauter Hässlichkeit sterben«, sagt er, und in dem alten, müden Holz ächzt es, als er in zwei Sätzen die Treppe hinabspringt.
Sie hieven das meiste Gepäck aus dem Wagen und werfen es in die Diele. Dann fahren sie den Hügel hinunter, und Rafael steckt noch einmal den Kopf in die Scheune, um die Erlaubnis einzuholen, alles weiß zu streichen. Gunnar scheint verwundert, dass sich jemand darüber Gedanken macht. Er selbst hat das nie getan. Sich um nichts gekümmert. Aber natürlich dürfen sie streichen. Er denkt, dass es für ihn so wenigstens umsonst ist.
Hedvig fährt in die Stadt. Dort gibt es das, was man in kleineren Städten üblicherweise findet: ein Rathaus am einen Ende einer protzig breiten Allee und ein Theater von der letzten Jahrhundertwende am anderen. Eine Fußgängerzone entlang eines offenbar renovierten Marktplatzes, wo unter anderem ein paar Warenhäuser und ein Kino stehen. In den Straßen rundum befinden sich kleine Geschäfte, die Geschenke und Kunsthandwerk aus der Region verkaufen, ein paar kleine Restaurants, eine Bank mitsamt Geldautomat und eine Apotheke. Am Marktplatz, der laut Straßenschild Stora torget heißt, liegt unter anderem ein Konsum-Supermarkt. Direkt gegenüber befindet sich im Übrigen das Polizeirevier, in das sie am Montag gehen sollen, aber jetzt ist nicht der passende Moment, um vorbeizuschauen und Hallo zu sagen.
Sie frühstücken in einem Hamburgerlokal, das morgens geöffnet hat, während sie darauf warten, dass es neun Uhr wird. Die Zeit kriecht voran, aber schließlich sind alle Minuten vergangen.
Der Konsum ist kein besonders großer Laden, aber dennoch scheint das meiste vorhanden zu sein. Alle Waren sind ordentlich gestapelt, und die Preise sind sowohl in Kronen als auch in Euro ausgewiesen, obwohl formal gesehen keine Währungsunion existiert. Zu kommen und nach fünfzig Litern weißer Wandfarbe, matt, zu fragen, scheint nicht im Geringsten seltsam. Pinsel, Farbeimer und Rollen gibt es auch. Lasse, wie der Filialleiter heißt, ist äußerst freundlich und hilfsbereit in seiner grün karierten Weste aus hundert Prozent Polyester, die alle Angestellten während der Arbeit zu tragen haben.
In Gunnars Küche brennt Licht, als sie eine Weile später an seinem Haus vorbeifahren. Sie tragen ihre neu erstandenen Malerutensilien hinein und schieben alle Möbel in der Mitte des Raumes zusammen. Darüber breiten sie ein paar alte Laken aus. Sie beschließen, mit dem Erdgeschoss zu beginnen und mit dem oberen Stockwerk zu enden. Die Farbe hält hoffentlich so lange, wie sie hier sein werden. Wenn sie also mit dem Untergrund pfuschen, wird es sie vermutlich nicht mehr selbst treffen.
Rafael hat angeboten, in dem kleinen Wohnzimmer im unteren Stock zu schlafen, da es weniger Abgeschiedenheit erlaubt.
»Ich will mal versuchen, Gentleman zu sein«, sagt er.
Nicht, dass sie viel Besuch erwarten. Beide hoffen, dass ihr Auftrag schnell erledigt sein wird, damit sie wieder nach Hause fahren können.
Rafael kann ohne Leiter die Decke streichen, daher darf er das machen. Eine neue Disco-CD schmettert los, und Hedvig muss sich selbst eingestehen, dass es das Ganze ein wenig unterhaltsamer gestaltet. Sie streicht die Wände. Die alten Tapeten saugen mehr Farbe auf, als sie zunächst angenommen hatten, aber das Ergebnis ist ganz zufriedenstellend. Sie legen eine kurze Mittagspause ein und wärmen das Essen in der Mikrowelle auf, die Rafael schlau genug war mitzunehmen. Er nimmt zwei Portionen, sie eine.
Sie machen im Obergeschoss weiter. Das Streichen geht beinahe von selbst. Hedvig putzt die Küche, und dann machen sie eine zweite Tour zu den Geschäften in der Stadt. Ein paar Elektroöfen, Gardinen, Blumentöpfe und Überwürfe später sieht das Haus ganz wohnlich aus. Die schlimmsten geflickten Möbel tragen sie in einen Anbau hinaus, der eine Mischung aus Vorratskammer, Holzschuppen und Hühnerhaus ohne Hühner ist. Die anderen Möbel bekommen einfache Bezüge und werden so ganz akzeptabel.
»Jetzt reicht es aber mit dem Gemütlichmachen. Man darf es auch nicht übertreiben«, sagt Rafael. »Jetzt tun wir das, wofür wir hergekommen sind.«
Sie ziehen sich um und fahren noch einmal mit dem Auto in die Stadt. Neben der Polizeiwache, gegenüber vom Konsum am Marktplatz, gibt es einen Pub, in den sie hineingehen.
Rafael bestellt ein Malzbier. Hedvig bietet an zurückzufahren und nimmt einen Moosbeerensaft. Sie sehen sich um. Entweder ist es zu früh am Abend, oder sie sind am ganz falschen Ort, denn in dem dunklen Lokal ist es beinahe leer. An einem Tisch hängen zwei pickelige Jugendliche, die vielleicht gerade einmal achtzehn sind. An einem anderen sitzt ein fetter Kerl in einem orangefarbenen Helly-Hansen-Pullover und spricht laut in sein Handy:
»Ja, aber verdammt, Sergej, hör jetzt zu! Donnerstagnachmittag, drei Uhr an der OK-Tankstelle. Das haben wir doch die ganze Zeit schon gesagt. Beruhige dich!«
Weiter hinten in dem schwach beleuchteten Lokal hocken ein paar einsame Männer über ihr Bier gebeugt. Leise Musik ist zu hören. Weine mir keine Tränen nach ...
»Was sollen wir morgen denn für eine Taktik einschlagen?«, fragt sie.
»Wir machen es so wie ursprünglich besprochen. Überhaupt keine Taktik. Gleich zur Sache kommen. Ihnen ein wenig Angst einjagen.«
Er zeigt ein breites Grinsen und schiebt sich eine gewaltige Prise Tabak in den Mund.
»Nimmst du Kautabak?«
»Man muss die landesüblichen Gewohnheiten annehmen«, sagt er und streckt ihr die Dose entgegen.
Sie schüttelt den Kopf und trinkt einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas.
»Das hier wird keine einfache Sache werden.«
»Für sie vielleicht nicht, für uns schon. Entspann dich mal, Hedvig. Es ist alles in Ordnung.«
Ein rothaariger Mann mit wässrigen blauen Augen und einer beinahe durchsichtigen, mit Sommersprossen bedeckten Haut drängt sich an ihnen vorbei nach draußen. Warum auch immer er ihnen so nahe kommen muss, wo das halbe Lokal leer ist. Hedvig hat den Eindruck, er starre sie an, aber wahrscheinlich bildet sie es sich nur ein.
»Willst du noch einen, Ek?«, fragt Rafael.
Sie zögert.
»Komm schon! Mehr als zwei kriegst du ohnehin nicht runter, also kannst du mir wenigstens so lange Gesellschaft leisten. Ich kann dich anschließend nach Hause tragen«, sagt Rafael.
Wenn er keinen so freundlichen Ton gehabt hätte, hätte sie ihn vermutlich verprügelt.
Wieder in der Hütte, rollt Rafael nach einem notdürftigen Duschbad unter lauwarmem Wasser, das von den alten Rohren zum hauseigenen Brunnen voller Rostablagerungen ist, seine extra lange, spezialangefertigte Schlafmatte aus. Er genießt die erfrischende Kühle. Dann stellt er die beiden zusätzlichen Elektroheizungen auf, die sie gekauft haben, und dreht sie voll auf. Mit einem Verlängerungskabel bringt er den kleinen Fernseher mit eingebautem Videorecorder, den er mitgebracht hat, zum Laufen. Hedvig bekommt unter der Dusche Kälteschauer und zittert bei dem Gedanken an all die ungefrorene Kälte, die in der nächsten Zeit noch vor ihr liegt. Sie zieht zwei Pullover übereinander an und wird in Rafaels Lager eingeladen. Gemeinsam sitzen sie vor den Heizkörpern, und Hedvig fühlt sich wie ein Stück Fleisch über einem offenen Feuer, warm am Bauch und eiskalt im Rücken. Es riecht nicht so stark nach Farbe, wie man hätte annehmen können.
Rafael kramt eine Flasche hervor, auf der »Gancia« steht, und aus blumigen Kaffeetassen trinken sie die gelbliche Flüssigkeit, die sich darin befindet. Sie schmeckt ein bisschen wie Wermut.
»Eigentlich muss es draußen warm sein, wenn man das hier trinkt«, sagt Rafael und legt sich die Decke um.
Hedvigs Daunensocken wärmen gut, und alles wirkt gleich behaglicher. Erschöpft sehen sie einen amerikanischen Thriller an, den Rafael mitgebracht hat. Der Film handelt von einer hochschwangeren Polizistin in einem Schneesturm und einem schwedischen Psychopathen als Schurke, der seine Opfer mit der Kettensäge zermahlt. Als der Film zu Ende ist, geht Hedvig in ihr Zimmer hinauf und macht ihr Bett.
So müde sie auch ist, fällt es ihr schwer einzuschlafen, wie immer in der ersten Nacht an einem fremden Ort. Sie liegt da und wirft sich hin und her. Zieht die Daunensocken aus. Zieht sie wieder an. Seufzt. Schläft schließlich ein. Schläft unruhig. Wacht auf und lauscht der Stille. Sucht nach der kleinen blauen Schachtel und stellt sie neben das Bett. Hört Rafael husten. Dreht sich auf die andere Seite und schläft wieder ein. Sie ist nicht allein.
Stig Rönnlund, genannt Stickan, eilt aus der Bar. Er geht dabei so nahe an den Objekten vorbei, wie es möglich ist, ohne dass sie seine Beobachtung bemerken. Das Herz klopft ihm bis zum Hals. Ihm ist ein Durchbruch gelungen! Er hat mit größter Wahrscheinlichkeit gerade einen neu eingetroffenen Zweig der Unterwelt entdeckt. Er lacht in sich hinein, als er die wenigen Schritte über den Platz läuft und die Stufen zum Polizeigebäude hinaufspringt. Innerlich hört er schon die Lobeshymnen. Åke wird dafür sorgen, dass er in der Hierarchie aufsteigt. Und das auch noch in seiner Freizeit; man stelle sich vor, dass man sogar aufmerksam sein muss, wenn man nicht im Dienst ist. »Aufgeweckt«, wird Åke sagen. Vor allen anderen, bei der Dienstbesprechung.
Im Foyer ist es dunkel. Sonja ist schon lange nach Hause gegangen. Stickan zieht seine Schlüsselkarte hervor, als wäre sie seine Dienstwaffe, und tippt den Kode ein, bevor die Tür sich öffnet. Er ist zu ungeduldig, um auf den Aufzug zu warten, und rennt stattdessen in drei Sprüngen die Treppe hinauf. Sein Puls ist noch immer erhöht.
In seinem Zimmer brennt Licht. Streng genommen ist es eigentlich nicht seines, sondern das Büro desjenigen, der gerade Dienst hat. Aber Stickan betrachtet das Zimmer als sein eigenes. Im Grunde genommen könnte »Stig Rönnlund« an der Tür stehen, auch wenn das tatsächlich nicht der Fall ist. Sein Kollege Erik Bergström sitzt nun an einem der beiden Computer und surft im Internet. Stickan nickt ihm kurz zu und schaltet den anderen Computer ein. Er steckt seine Karte hinein, um an die Register zu kommen, die er benötigt.
»Hast du kein Zuhause?«, murrt er und starrt Erik über den Bildschirm hinweg an.
Erik schaut zurück, unberührt. Eines Tages wird Erik Stickan dorthin befördern, wo er hingehört. In die Diebesgutausgabe.
»Ich habe eine Beobachtung gemacht«, sagt Stickan.
Eigentlich will er nicht mehr erzählen. Es besteht die Gefahr, dass Erik seinen Tipp herunterspielt und versucht, auf irgendeine Weise seinen Ruhm einzuheimsen.
»Aha. Was denn?«
Wieder diese Augen über dem Bildschirm. Besorg dir ein eigenes Leben, Erik. Und besorg dir einen eigenen Computer, so wie alle anderen in diesem Laden. Aber das sagt er natürlich nicht.
»Unten im Pub sitzt ein verdammt zwielichtiger Typ. Mindestens zwei Meter groß. Irgendein Kanake. Gut frisiert. Teuer gekleidet. Drei Kilo Gold um den Hals. Lederjacke. Ja, du weißt schon, wie diese Typen aussehen.«
Plötzlich klingt seine Beobachtung nicht mehr so messerscharf, wie er sie sich in seinem Kopf zurechtgelegt hat.
»Aha?«
»Die Mafia, natürlich.«
»Mafia?«
»Ja, die Unterwelt. Das international organisierte Verbrechen. Vermutlich ein neu eingetroffener Drogenkurier, vielleicht für Zigaretten oder Wodka oder noch härtere Sachen. Oder Waffen. Atomwaffen. Heutzutage fließt hier schließlich viel Scheiße aus dem Osten und dem Norden durch.«
»Ist das so?«
Erik starrt ihn an, bis es ihm beinahe unbehaglich wird. Stickan tut so, als habe er die Frage nicht gehört.
»Er hatte auch eine kleine Donna dabei. Abstinenzlerin oder schwanger, sie hat irgendein alkoholfreies Gesöff getrunken. Verdammt dubios war das.«
Erik nickt langsam.
»Ich schreibe einen Bericht, wir müssen dann mal sehen, wann wir mit der Beschattung anfangen können«, sagt Stickan bestimmt und öffnet ein neues Dokument. Langsam, Zeigefinger für Zeigefinger, tippt er ein, was er beobachtet hat. Das dauert.
Erik sitzt noch immer da, als er geht.
»Vergiss nicht, dass morgen ›Lustige Truppe‹ ist«, sagt Stickan, bevor er die Tür zum Flur hinter sich schließt.
3
Montagmorgen. Ein herrlich klarer Tag mit Sonnenschein und blauem Himmel. Kurz nach acht, als die Polizeiwache öffnet, kommt eine alte Frau auf einem riesigen Damenrad, das mindestens so altersschwach ist wie sie. Sie fährt mit erstaunlicher Geschmeidigkeit, bevor sie bremst und absteigt. Dann stellt sie das Rad im Fahrradständer neben einem Blumenkübel mit verwelkten Tagetes ab. Am Lenker hängen zwei Bastkörbe, die dunkle Beerenflecken aufweisen. So früh am Tag sind sie noch leer.
Viola Uusitalos knochige Hände streichen schnell über den blumigen Baumwollhut, den sie auf ihre grauen Locken gedrückt hat. Sie nimmt die leeren Körbe und betritt mit entschlossenem Schritt den Eingangsbereich. Dort sitzt Tore Östers Tochter Sonja an der Information und strickt Babysöckchen aus gelber Angorawolle.
»Guten Morgen«, sagt Viola. »Ist es wieder so weit?«
»Ja, jetzt kommt bald Enkelkind Nummer fünf«, sagt Sonja und strahlt über das ganze Gesicht. »Aber wir wissen noch nicht, was es wird, deshalb halte ich mich an Gelb und Grün, dann sind wir auf der sicheren Seite.«
»Ich komme ja normalerweise nicht ständig hierher gelaufen. Aber jetzt möchte ich doch etwas anzeigen, nämlich eine, ja wie soll ich es nennen, eine mysteriöse Entdeckung könnte man wohl sagen. Hast du vielleicht einen guten Polizisten an der Hand, mit dem ich reden könnte?«
»Worum geht es?«
Sonja beugt sich neugierig vor, aber so einfach funktioniert es nicht. Viola räuspert sich.
»Nun ja, ich muss mit einem Polizisten sprechen.«
Sonja versteht den Wink. Sie wirft den Kopf zurück, genauso wie als Teenager, dann sagt sie »einen Moment« und schaut mit wichtiger Mine auf ihre Telefonschaltzentrale. Dass sie all diese Knöpfe auseinander halten kann, denkt Viola.
Gütiger Himmel, denkt Sonja. Warum müssen immer alle Verrückten am Montagmorgen hierher kommen und von mysteriösen Entdeckungen berichten? Sie erreicht diese Schlafmütze Stickan. Zu Viola sagt sie:
»Sie können sich gerne dort auf das Sofa setzen und warten. Stig Rönnlund kommt gleich.«
»Ist er gut? Kann man ihm vertrauen?«
Viola sieht Sonja misstrauisch an.
»Er ist garantiert der Beste, den wir haben. Nach dem Polizeichef natürlich«, fügt Sonja hinzu und beginnt wütend zu stricken, so dass die Nadeln aneinander schlagen.
Nach diesem Söckchen stricke ich eine passende Jacke mit der Rundnadel, denkt sie und blickt kurz zu Viola Uusitalo hinüber. Welch eigensinniger Mensch – natürlich hat sie sich nicht gesetzt, sondern steht auf ihren krummen alten Beinen da.
Mindestens zehn Minuten muss sie warten, bis es Stickan behagt, sich von seinem Patiencespiel am Computer zu lösen. Sonja sieht wohl, wie Viola von einem Bein auf das andere tritt, aber die Alte scheint zäh wie Kiefernholz zu sein.
»Guten Morgen, Konstapel«, sagt Viola laut und nimmt seine Rechte mit einem festen Händedruck.
Stickan lacht und weist ihr den Weg. Er erkennt auf den ersten Blick, wenn jemand chronische Schmerzen hat.
Er nimmt sie mit in sein und Eriks Zimmer, bittet sie, sich zu setzen, und ist zufrieden mit sich, weil er daran denkt, Viola zu fragen, ob sie Kaffee möchte. Sie möchte nicht. Sie möchte, dass er die Tür schließt. Stickan spürt eine leichte Verärgerung aufkeimen. Wer zum Teufel glaubt sie, dass sie ist, diese religiöse Alte, die ständig zu Gebetsstunden rennt und dasselbe von anderen erwartet?
»Also, Sie haben etwas gesehen, wovon Sie Mitteilung machen möchten«, sagt er und faltet die Hände auf dem Schreibtisch.
»Willst du dir nicht notieren, was ich sage, Stig?«, fragt Viola streng.
»Ich notiere es mir hier«, sagt Stickan und klopft sich mit dem Finger an die Stirn.
Sie schaut ihn lange an. Viola weiß schließlich, was für ein Schlamper der kleine Stig Rönnlund immer gewesen ist. Es wunderte sie sehr, dass er es geschafft hatte, auf die Polizeischule zu kommen, aber das war freilich auch zu einer Zeit, in der sie händeringend nach Leuten suchten, die bereit waren, eine Uniform anzuziehen. Die kleine Sonja weiß wohl nicht, wovon sie redet, wenn sie behauptet, Stig sei der beste Polizist, den sie hätten. Wenn es um die Polizei so übel bestellt ist, kann sie genauso gut gleich einpacken und dichtmachen, denkt Viola.
Sie beugt sich vor und stellt zu Stickans Verdruss ihre beiden Bastkörbe auf den Schreibtisch. Er will keine Beerenflecken auf seine wichtigen Unterlagen bekommen. Sie senkt die Stimme.
»Es ist so, Stig, ich möchte, dass du notierst, was ich sage.«
Er sinnt über diese Unerhörtheit nach. Die Schachtel nimmt sich etwas heraus.
Aber er kann natürlich auch mitspielen. Er will die Alte lediglich so schnell wie möglich zur Tür hinaus und wieder im Wald haben. Er setzt ein angestrengtes Lächeln auf und holt aus einer Schublade einen abgenutzten Collegeblock hervor. Der erste Stift schreibt nicht, er wirft ihn in den Papierkorb. Der zweite Stift funktioniert zwar nicht gut, muss aber reichen.
»Also?«, fragt er kurz.
Die Alte nimmt Anlauf. Sie sieht streng aus. Sie hat sich genau überlegt, was sie sagen will.
»Ich bin hierher gekommen, weil ich ein verdächtiges Gebäude entdeckt habe, vermutlich ohne Genehmigung errichtet.«
Stickan kritzelt unlustig etwas auf das Papier. Was hat die Frau hier zu meckern?
»Jemand hat ein ganz neues Haus im Moorgebiet hochgezogen. Es ist schlampig gebaut und muss sehr schnell entstanden sein.«
»Entschuldigen Sie, Viola, aber das klingt mehr nach einem Fall für die Bauaufsichtsbehörde. Die Polizei erteilt keine Baugenehmigungen«, sagt Stickan.
»Um das Haus herum steht ein hoher Zaun, und manchmal sieht man Wachhunde dahinter«, fährt sie fort und schiebt ihre Beerenkörbe noch weiter zu Stickan hinüber. Er schiebt sie wieder ein Stück zurück.
»Weder Zäune noch Wachhunde sind ungesetzlich«, sagt er. Jetzt soll die Alte aber Ruhe geben.
»Machst du dir Notizen?«
»Ja, ja, natürlich, verdammt, Entschuldigung, natürlich.« Sie hält inne. Wartet auf den Trödelheini Stig Rönnlund. Wie soll er dieses Gekrakel jemals wieder entziffern können?
»Ich habe gesehen, dass Autos dorthin fahren. Autos mit jungen Mädchen darin. Sehr jungen Mädchen«, sagt die Alte.
Stickan läuft es kalt den Rücken hinunter. Was zum Teufel erzählt sie da?
»Sergej Björkman habe ich oft dort gesehen«, sagt Viola und starrt ihn an.
Stickan bricht in Gelächter aus.
»Sergej! Was hat der jetzt damit zu tun? Verdächtigen Sie ihn irgendeines Verbrechens? Er kann keiner Fliege etwas zu Leide tun. Er ist gut darin, der halben Stadt Jagdhunde zu verkaufen, aber ich glaube kaum, dass er etwas anderes zustande bringt. Sergej würde doch kein Haus im Moor bauen. Warum sollte jemand dort wohnen wollen, bei den ganzen Bremsen und Mistviechern, die es dort gibt?«
»Eben«, sagt Viola und sieht Stickan wieder in die Augen. »Seine Jagdhunde sind nach und nach verrückt geworden. Ich habe gehört, dass er Inzucht betrieben hat, um an das schnelle Geld zu kommen. Vielleicht muss er also die Branche wechseln, wenn man es so nennen will«, sagt Viola quasi ins Blaue hinein.
Stickan schluckt. Die Frau ist genauso verrückt wie Sergejs wertlose Elchhunde.
»Das Gebäude steht in seinem Jagdrevier. Ich habe es im Sommer entdeckt, als ich im Moor Multbeeren sammeln war. Man muss ja auf der Hut sein«, sagt sie und macht ein paar Schmatzgeräusche mit ihrem Gebiss, das ein wenig locker sitzt.
Stickan beschließt, bis zum Ende mitzuspielen, um sie schnell loszuwerden. Er setzt eine ernste Miene auf.
»Ich danke Ihnen dafür, Viola, dass Sie mit dieser wertvollen Information hierher gekommen sind. Wenn nur alle Bürger ein so großes Verantwortungsbewusstsein hätten wie Sie. Das würde unsere Arbeit enorm erleichtern.«
»Was passiert jetzt mit meinen Angaben?«
»Wir werden sie bearbeiten. Ich spreche mit meinem direkten Vorgesetzten darüber, dann sehen wir, was wir tun können.«
Sie blinzelt und seufzt kurz auf.
»Mach das, kleiner Stig, mach das.«
Er beißt die Zähne zusammen. Kein Mensch darf ihn »kleiner Stig« nennen. Er ist froh, dass die Tür zum Flur geschlossen ist. Erik hätte sich totgelacht. Er begleitet sie zurück zum Ausgang. Gibt ihr wieder die Hand. Gerade als sie gehen will, sagt sie noch:
»Weißt du nicht, dass es eine Sünde ist, Karten zu spielen? Auch am Computer. Sei achtsam, Stig Rönnlund. Ich bin zwar alt, aber ich sehe immer noch gut. Und glaube nicht, dass Gott dich hinter deinem Schreibtisch nicht sieht, denn das tut er.«
Dann nimmt sie ihre Körbe und geht hinaus zu ihrem Fahrrad.
Stickan kehrt in sein Büro zurück, reißt das Blatt aus dem Block, auf das er Wörter wie »Moor« und »illegales Gebäude« gekritzelt hat, und stopft es direkt in den Reißwolf.
Eine Anzeige gegen Sergej aufsetzen.
Nie im Leben.
Er hört klackende Absätze auf dem Flur. Es ist Sonja.
»Kommst du, Stickan? Alle warten auf dich im Konferenzraum. Diese beiden Neuen sind jetzt da. Es gibt frischen Kaffee und Gebäck. Solches mit Nüssen drin, das isst du doch so gerne«, sagt sie, bevor sie zurück zur Information klappert.
Stickan seufzt. Dieser Montag ist schlimmer als gewöhnlich. Jetzt werden sie wie die Schuljungen einen Verweis bekommen, von zwei verdammten Idioten aus Stockholm, die keinen blassen Schimmer davon haben, wie es ist, hier oben zu arbeiten, aber glauben, sie wüssten alles. Er nimmt seine Tasse mit, die noch kein einziges Mal gespült wurde, seit er sie vor zwei Jahren gekauft hat, und geht zum Konferenzraum. Dort sitzen die meisten, die an diesem Tag im Dienst sind. Selbstverständlich Polizeidirektor Åke Vallgren und Kripochef Mats Julin mit gefüllten Kaffeetassen; das fettige Kopenhagener Gebäck liegt vor ihnen auf Servietten, auf denen Frohe Ostern steht. Sie müssen aus irgendeinem alten Restpostenbestand stammen. Außerdem ist Sofia Blind da, ein Frauenzimmer, das starrsinnig versucht, Sexualverbrechen gegen Kinder aufzudecken, obwohl alle wissen, wie viel sich solche Gören zusammenreimen und ausdenken können. Der Kriminaltechniker Rolf Blom und sogar der Staatsanwalt Sture Holmlund sind anwesend. Letzterer muss extra eingeladen worden sein. Stickan nimmt neben Erik Platz, der so diskret wie möglich hustet. Stickan wirft einen Blick unter den Tisch, und tatsächlich liegt dort einer von Åkes Elchhunden. Es sieht aus, als würde Erik weinen, aber er ist nur extrem allergisch gegen Hundehaare. Dennoch will er sich nicht mit dem Chef überwerfen, der immer einen seiner Jagdhunde mit zur Arbeit bringt.
»Hatschi«, niest Erik und schnäuzt sich in eine der Osterservietten.
»Jetzt kommen sie«, ruft Sonja vom Flur aus, und kurz darauf wird der Türrahmen vom größten Menschen, den Stickan je gesehen hat, verdunkelt.
Er muss sich geradezu bücken, um durch die Tür zu kommen. Teufel noch einmal. Stickan erstarrt.
Vor seinen Augen, an seinem Arbeitsplatz, offenbart sich der Chef der Unterwelt in Eigenschaft eines übergeordneten und unabhängigen Polizisten aus Stockholm. Das ist nicht zu fassen! Das kann nicht die richtige Person sein. Ein Mann, der aussieht wie dieser Kanake, kann vielleicht Zigaretten oder Waffen schmuggeln. Aber nicht der lange Arm des Gesetzes sein. Und hat er sich seine Uniform aus irgendeinem alten Vorhangstoff selbst genäht? So große Uniformen gibt es doch gar nicht, denkt Stickan, während er gleichzeitig überlegt, wie er den Bericht löschen kann, den er selbst so eifrig am Abend zuvor in einer Überstunde niedergeschrieben hat.
Hinter dem Leuchtturm folgt das Anhängsel. Diese Bazille, das Mädchen, das in der Kneipe dabei war, ist es überhaupt volljährig? Und hat es seine Uniform auch selbst zusammengeschustert? Aus einem Taschentuch? Oder vielleicht zweien?
Die beiden Neuankömmlinge sehen sich im Raum um, nicken kurz und setzen sich dann auf die ihnen zugewiesenen Plätze. Sonja stolziert um sie herum, schenkt Kaffee ein und drängt ihnen Gebäck auf. Aber der Riese sagt: »Nein danke, ich bin Veganer.«
»Aber in Kopenhagener Gebäck ist doch kein Fleisch«, ruft Sonja erschrocken aus, beinahe als habe er sie geschlagen.
»Ich bin sehr orthodox, wissen Sie, und Fett ist oft tierischer Herkunft. Ich möchte kein Risiko eingehen. Außerdem brauche ich nicht mehr zu wachsen.«
Niemand sagt etwas. Die Frau neben ihm verdreht ein wenig die Augen, es sieht fast so aus, als sei sie entrüstet. Verdammt, Rafael, denkt Hedvig. Mach es nicht schlimmer, als es ist. Gestern noch hast du ein blutiges Beefsteak gegessen. Sie finden uns ohnehin schon seltsam.
Sonja versorgt sich mit einer Tasse Kaffee und dem größten Gebäckstück, das noch übrig ist. Sie war es, die auf das Brotkörbchen mit blauer und gelber Acrylfarbe, die sie im Konsum erstanden hatte, das Emblem der Polizei gemalt hat. Die kleine, neu eingetroffene Frau schiebt Sonja einen Stuhl zu, die errötend sagt: »Oh, nein, ich bleibe nicht, ich sitze nur in der Telefonzentrale. Außerdem verbrennt man mehr Fett, wenn man im Stehen isst. Das habe ich in der Zeitung gelesen.«
Dann klappert sie den Flur entlang davon.
Åke schließt hinter ihr die Tür und unterbricht dann die leicht angestrengte Stille.
»Im Namen der Polizeibehörde heiße ich unsere Kollegen aus dem Süden hier willkommen. Wir wissen alle, warum Sie da sind, aber über den Grund haben wir unterschiedliche Auffassungen. Ich habe zu diesem kleinen Treffen eingeladen, damit Sie die Gelegenheit haben, so viele wie möglich von uns kennen zu lernen, und damit wir unsere Sicht auf die Dinge schildern können. Willkommen, Hedvig Ek und Gabriel ...«
»Rafael«, sagt Rafael.
»Ja, Rafael, wie auch immer man Ihren Nachnamen ausspricht.«
»Flores Alba«, sagt Rafael.
»Ja, hm, Alba«, wiederholt Åke.
»Flores Alba.«
»Genau, willkommen hier bei uns.«
Dann beginnt Åke mit einer Erläuterung, der die beiden Neuankömmlinge ganz und gar zustimmen. Sie handelt davon, dass Geldmangel herrscht, zu wenig Polizisten für einen geografisch extrem großen Bezirk zuständig sind und es zu viele Krankschreibungen gibt. So weit sind alle einer Meinung. Aber hinsichtlich der Prioritätenliste weichen die Ansichten voneinander ab.
»Wir setzen das schwere internationale Verbrechen an erste Stelle, wissen Sie«, sagt Åke und schiebt sich seine Lesebrille in die Stirn.
»Grenzüberschreitender Frauenhandel ist ein schweres internationales Verbrechen«, sagt die Frau aus Stockholm.
Der Polizeichef ergreift wieder das Wort. »Das Gesetz macht sehr hohe Auflagen, wenn es um solchen Sexhandel geht. Wir müssen die Täter im Prinzip in flagranti ertappen, wenn es zu einer Anklage kommen soll. Die Strafe beträgt zudem nicht mehr als sechs Monate oder ein Bußgeld, wie Sie wissen, deswegen konzentrieren wir uns stattdessen auf Drogen- und Waffenkriminalität«, sagt Åke.
»Die Höchststrafe für Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution beträgt zehn Jahre Haft. Ist das hart genug?«, fragt Hedvig, und ihr ist klar, dass sie bereits gehasst wird.
»Es ist ein unerhört schwieriges Unterfangen, so ein Verbrechen zu beweisen. Geben Sie uns alle Polizeikräfte zurück, die wir in den letzten zehn Jahren eingebüßt haben, vielleicht können wir dann ein paar Ermittler ausschicken. Außerdem ist es doch so, dass die Frauen, von denen wir jetzt sprechen, nicht mit der Polizei zusammenarbeiten wollen. Sie tun das hier doch, weil sie es wollen, sie wollen Geld mit ihrem Körper verdienen«, sagt Åke.
»Wie viele Prostituierte haben Sie im letzten Jahr verhört?«
Diese verdammte Tussi ist schonungslos.
Stille.
»Hm«, sagt Åke schließlich.
»Wie viele?«
»Keine.«
Er sagt es leise und äußerst widerstrebend.
»Woher wissen Sie dann, dass sie nicht aussagen wollen?«
Erneutes Schweigen.
Der Riese holt tief Luft und spricht dann zu ihnen, ganz ohne Akzent. Bei dem Namen hätte man denken können, dass er einen Dolmetscher braucht.
»Über ein Jahr lang haben Sie keine einzige Untersuchung wegen des Verdachts auf Prostitution oder eines Verstoßes gegen das Gesetz zur Bekämpfung von Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution eingeleitet. Obwohl wir über Informationen verfügen, die darauf hindeuten, dass der Frauenhandel an der finnischen Grenze besonders floriert. Russische Frauen werden über die Grenze nach Schweden zu schwedischen Männern gebracht, die für Sex bezahlen. Dass es nicht zur Anklage gekommen ist, ist vielleicht eine Sache, aber wie erklären Sie, dass Sie keine verdächtigen Fälle und konkreten Tipps untersuchen?«
»Nun ist die Sache ja nicht so einfach, wie Sie versuchen, sie darzustellen. Wenn es um Angaben sexueller Naturgeht, lügen die Menschen deutlich mehr als sonst. Man möchte sich interessant machen und prahlen. Es gibt so viele Gerüchte. Nicht zuletzt vom hiesigen Frauenhaus«, sagt der Polizeichef.
Hier macht Åke eine Pause, bevor er fortfährt: »Viele haben etwas gehört oder glauben, etwas zu wissen, aber die wenigsten wissen etwas Konkretes. Nur weil Frauen aus einem bestimmten Land zusammen in einer Wohnung wohnen, heißt das noch nicht, dass sie Prostituierte sind; nur weil sie an irgendeiner Tankstelle in einen Wagen mit schwedischem Nummernschild steigen, bedeutet es nicht, dass sie dabei sind, sich zu verkaufen. Sie müssen auch daran denken, was das bei all den netten und gesetzestreuen Frauen aus Russland bewirkt, die hier wohnen. Sie fühlen sich durch all diese Gerüchte gebrandmarkt! Diejenigen, die nichts getan haben. Es ist schlimm, dass sie so bestraft werden sollen«, sagt Åke und lehnt sich über den Konferenztisch.
»Ich spreche nicht von gesetzestreuen Personen. Um die braucht die Polizei sich nicht zu kümmern. Um sie geht es hier nicht«, sagt Rafael.
»Das können Sie leicht sagen! Hier kennen sich alle, und es sind ungeheuer ernste Beschuldigungen, mit denen Sie hier ankommen«, sagt der Kripochef Mats Julin.
Åke spricht mit dem Mund voll Gebäck: »So etwas kann man schließlich nicht geheim halten, das verstehen Sie doch. In Kleinstädten wissen die Leute über ihre Nachbarn Bescheid. Es ließe sich nichts machen, ohne dass jemand etwas erführe.«
»Aber wenn man auf einem abgelegenen Hof im Wald wohnt?«, fragt Rafael.
»Vor der Abzweigung zum kleinen Schotterweg in den Wald ist eine Kreuzung. Wenn dort viel Verkehr herrscht, wissen die Leute darüber Bescheid«, sagt Åke und füllt sich Kaffee nach.
»Und angenommen, sie wissen Bescheid, angenommen, alle wissen, was vor sich geht, könnte es dann sein, dass sie schweigen? Weil sie sich gegenseitig in der Hand haben, weil sie verwandt miteinander sind oder zusammen auf die Jagd gehen oder gemeinsam Schnaps brennen?«
»Hören Sie mal, so etwas bildet ihr Stockholmer euch doch ein! Das ist völliger Unsinn! Weder jagen wir illegal, noch betreiben wir Schwarzbrennerei! Wenn Sie solche Vorurteile haben, können Sie gleich wieder nach Hause fahren.«
»Sie wissen genauso gut wie ich, dass wir einen Auftrag erhalten haben. Nicht von Ihnen, sondern von höherer Stelle. Es geht nicht darum, Sie zu überprüfen, um herauszufinden, ob Sie richtig oder falsch gehandelt haben. Das Einzige, was wir versuchen sollen, ist, einen Anhaltspunkt zu finden, um selbst beurteilen zu können, ob es sich nur um Gerüchte und unsinniges Gerede handelt, wie Sie behaupten. Wir werden unseren Auftrag ausführen, was auch immer Sie darüber denken mögen. Wir haben die Erlaubnis, auf eigene Faust zu handeln, wie Sie wissen«, sagt Rafael.
Unter dem Konferenztisch gibt der Elchhund des Polizeidirektors einen geräuschvollen Furz von sich, der nach Trockenfutter stinkt.
»Aber Lola«, sagt Åke und wedelt verärgert mit der Hand.
Staatsanwalt Sture Holmlund zieht seine venezianische Rohseidenkrawatte zurecht und sagt: »Mir ist eigentlich nicht ganz klar, warum ich hier anwesend sein soll. Ich gehöre ja schließlich einer ganz anderen Behörde an. Die Polizei sollte ihre Probleme intern regeln.«
Rafael erwidert: »Aber Sie tragen auch eine gewisse Verantwortung. Wenn Sie Kenntnisse über ein mutmaßliches Verbrechen haben und keine Untersuchung einleiten, begehen Sie selbst ein Verbrechen. Ihre Behörde hat landesweit den niedrigsten Prozentsatz an gerichtlichen Vorladungen wegen Sexualverbrechen und Gewalt gegen Frauen und Kinder. Wie erklären Sie sich das?«
Der Staatsanwalt überlegt einen Moment, dann erhebt er sich, rückt den Stuhl zurecht und verlässt ohne ein Wort den Raum.
Alle schauen auf Rafael, der sagt: »Tja, dann fangen wir wohl mit der Arbeit an.«
»Warten Sie einen Moment.«
Åke hebt die Hand.
»Das war doch wohl unnötig. Und ich bin noch nicht fertig. Natürlich werden wir mit Ihnen zusammenarbeiten, damit Sie Ihren Auftrag ausführen können. Aber ich möchte Sie warnen, Sie werden mit Sicherheit enttäuscht werden. Hier gibt es nichts von dem, was Sie andeuten. Nichts! Keinen Menschenhandel, keine Prostitution. Gäbe es das, hätten wir dem bereits Einhalt geboten. Nun dachte ich daran, Ihnen einen eigenen Streifenwagen zuzuteilen, dann können Sie sich heute in den normalen Dienst eingliedern.«
Hedvig und Rafael starren ihn an.
»Auf die Art gewinnen Sie ein besseres Verständnis dafür, wie es bei uns hier oben zugeht. In Wirklichkeit. Damit Sie Ihren hochwohlgeborenen Chefs da unten in der königlichen Hauptstadt die Wahrheit erzählen können.«
Hedvig gewinnt als Erste wieder die Fassung.
»Natürlich. Selbstverständlich«, sagt sie.
»Gut. Mats kümmert sich im kleinen Konferenzraum um die Einteilung«, sagt Åke.
»Oh, nein! Da trifft sich doch die ›Lustige Truppe‹!«, wendet Stickan ein.
»Müssen wir eben ausweichen«, antwortet Erik.
Dann niest er so, dass Gebäckkrümel über den gesamten Konferenztisch fliegen.
»Kommen Sie zunächst einmal noch mit zu mir, dann können wir etwas ungestörter miteinander reden. Ich möchte auf keinen Fall wie ein Bremser wirken oder den Eindruck erwecken, ich würde mich der Entscheidung, dass Sie hier sind, widersetzen. Selbstverständlich dürfen Sie völlig frei agieren, niemand von uns denkt daran, sich einzumischen. Hier entlang, mein Büro liegt dort vorne links«, sagt Åke und treibt Hedvig und Rafael vor sich den Gang entlang.
»Aber Sie verstehen bestimmt, dass diese Angelegenheit starke Emotionen weckt. Die Leute hier im Haus, die lange an dieser Sache gearbeitet haben, fühlen sich ganz einfach übergangen und in Frage gestellt. Ich hoffe, Sie begreifen das?«
Weder Rafael noch Hedvig antworten ihm, stattdessen setzen sie sich schweigend auf ein braunes Ledersofa, das dem breiten Schreibtisch, der voller Papiere ist, genau gegenübersteht. Åke folgt Hedvigs Blick, der an einer Fotografie auf dem Schreibtisch hängen geblieben ist. Er deutet mit dem Kopf darauf: »Das ist Birgitta, meine Gattin. Eine wirklich talentierte Frau. Sie ist Ärztin. Kümmert sich um diejenigen, die es schwer haben. Ich bin so stolz auf sie«, sagt er beinahe schüchtern.
Die Frau auf dem Bild sieht apart aus.
Hedvig nickt, weil sie den Eindruck hat, es sei angebracht.
»Ich liebe sie über alles auf der Welt, wirklich.«
Einen Augenblick lang ist es still, dann sagt Rafael: »Entschuldigen Sie die Frage, aber was ist denn diese ›Lustige Truppe‹?«
Åke fährt sich mit der Hand in den Hemdkragen, bevor er antwortet: »Es ist ein Versuch, die Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu erhöhen, könnte man sagen. Als ich diese Stelle antrat, gab es viele Klagen von Seiten der Gewerkschaft, darüber, dass die Leute sich aufreiben, ohne jemals etwas Freundliches zurückzubekommen. Dieser Job ist schließlich nicht immer besonders spaßig oder schön, wenn man so will. Deshalb wurde die ›Lustige Truppe‹ gegründet, und im Moment ist sie gerade dabei, einen Ausflug ins Polizeimuseum nach Stockholm zu organisieren, glaube ich. Dort soll es viele interessante Mordwerkzeuge geben, die man studieren kann. Und abends ist ein Theaterbesuch geplant, irgendetwas mit einer Mausefalle, habe ich gehört. Man könnte das Ganze als Studienreise bezeichnen, ja als Fortbildung geradezu«, sagt Åke.
»In dem Stück spielt ein Polizist eine entscheidende Rolle«, erwidert Hedvig.
»Aha, ist das so? Wie nett«, meint Åke.
»Wir dachten daran, uns ein wenig umzuschauen«, sagt Hedvig und steht auf. Sie will keine Sekunde länger hier sitzen und bei zwanghafter Konversation Wurzeln schlagen.
Åke nickt und seufzt: »Ja. Natürlich, tun Sie das. Aber wie gesagt, hier gibt es nichts zu entdecken. Sie werden unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren müssen.«
Später, nachdem sie ihren ersten Arbeitstag absolviert haben und bei diversen Routineeinsätzen mehr Kilometer gefahren sind, als Hedvig jemals für möglich gehalten hätte, gehen sie und Rafael in den Fitnessraum der Polizeiwache hinunter und trainieren eine Runde, um den Kopf freizubekommen. Beide konzentrieren sich ganz auf ihren eigenen Körper, darauf, die Bewegungen korrekt auszuführen und so lange wie möglich durchzuhalten. Rafael weiß, dass Hedvig gut trainiert ist, dennoch staunt er darüber, wie eine so kleine Frau wie sie so viele Gewichte heben und stemmen kann. An der einen Wand sind Spiegel angebracht. Hedvig sieht verbissen aus, um nicht zu sagen wütend. Rafael lacht heimlich.
Hedvig schließt die Augen und fährt fort, bis ihre Muskeln vor Übersäuerung brennen. Ihr Kopf entspannt sich, ihre Wut erhält eine Richtung: noch einmal, noch einmal ... Wenn sie kurz davor ist aufzugeben, denkt sie an Anders, und dadurch schafft sie immer noch einmal. Seinetwegen.
Dann dehnt sie sich. Straffe Muskeln und viel Kraft. So will sie sein. Sie brilliert vor Rafael, indem sie in den Spagat geht. Aber Rafael lacht nur.
4
Der Morgen ist kühl, die Luft klar. Es dampft zwischen den Bäumen, als Åke zu seinem Hochsitz geht. Seiner Meinung nach ist die Elchjagdsaison die beste Zeit im Jahr. Da nimmt er seinen restlichen Urlaub und seine Überstunden und positioniert sich zusammen mit Lola und den Jungs vom Jagdverein im Wald. Beinahe vierundzwanzig Stunden am Tag sind sie draußen, umgeben von Mannsbildern, wilden Tieren, Waffen und Flachmännern. Mit orangefarbenen Bändern um Schirmmützen und Hüte. Besser kann man es auf dieser Welt nicht haben.
Er ist im selben Jagdverein wie Sergej Björkman, der Elchhundzüchter. Und sie jagen in Sergejs Revier. Åke hat bereits am ersten Tag ein Elchtier geschossen, aber danach blieb es beunruhigend still. Jetzt muss es bald wieder so weit sein. Sie haben aus der Ferne zwei einjährige Jungtiere gesehen. Vielleicht erwischen sie wenigstens das eine.
Åke behält Lola angeleint, aber die Hündin bleibt vor einer mächtigen Fichte stehen und markiert. Wie sehr Åke auch an der Leine zieht, der Hund will ihm nicht folgen. Er signalisiert, dass eben dort, unter der Fichte, eine erlegte Beute liegt.
Åke ärgert sich über die Hündin, bis er erkennt, dass wohl tatsächlich etwas dort liegt. Er geht in dem nassen Gras näher heran, ein paar rote Blätter bleiben an seinen grünen Stiefeln hängen. Der Hund zieht an der Leine.
Zunächst begreift er nicht, was er sieht. Er schiebt einen der untersten Zweige beiseite. Der ist steif, und die Nadeln streifen sein Gesicht. Zunächst sieht es nur nach einem Haufen alter Lumpen aus. Irgendein braun geblümter Stoff, feucht und schmutzig. Er will gerade den Zweig loslassen, als er sich aus einem Impuls heraus tiefer beugt. Die Hündin springt um seine Beine herum und ist völlig außer sich.
Auf einem Kissen wird ein Hinterkopf sichtbar, mit grauem, verworrenem Haar, und darüber liegt eine Decke; sie ist es, die geblümt ist. Er hebt die Decke am oberen Ende ein wenig an, nur um bestätigt zu bekommen, was ihm gerade klar geworden ist: Hier liegt ein toter Mensch gebettet.
Wenig später wimmelt der Wald von Menschen. Kriminaltechniker Rolf Blom ist mit dem Wagen der Spurensicherung eingetroffen, eigensinnig trägt er seine Taschen, Plastikplanen und Tüten vom Schotterweg den halben Kilometer in den Wald, wo die Leiche liegt.
»Was ist passiert?«, fragt Sergej, der mit seinen Hunden herbeikommt und eine Portion Kautabak anbietet, doch Åke lehnt ab.
»Ein Toter. Unter der Fichte liegt ein Toter.«
»Oh, verdammt«, sagt Sergej. »Wer kann das sein?«
Åke ist zu sauer, um zu antworten. Er sitzt auf einem Stein und kaut wütend auf einem Nikotinkaugummi. Das war’s dann mit der Elchjagd. Jetzt gibt es anderes zu tun, so viel ist klar, obwohl das eigentlich Mats’ Baustelle ist. Aber wie sähe das aus, wenn man einen Todesfall an den Hals bekommt, und der Polizeichef macht weiter Urlaub?
»Was ist das für ein verdammter Penner, der sich mitten im Wald unter eine Fichte legt? Hier gibt es doch keine Feuerstelle oder sonst irgendetwas«, sagt er zu Mats, der auch in den dichten Nadelwald gekommen ist. Mats hat Rolf Blom eine Zeit lang während der Arbeit über die Schulter geschaut.
»Das hier ist kein Obdachloser. Es scheint jemand zu sein, der erschlagen wurde«, erwidert Mats trocken.
»Was zum Teufel sagst du?«
Åke bindet Lola an eine junge Kiefer. Die beiden Männer nähern sich Rolf Blom, der mit seinen Planen und Plastiktüten unter der Fichte hockt.
»Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand am Kopf. Mehr kann ich jetzt noch nicht sagen«, sagt Rolf.
»Wer ist es denn?«
»Das ist im Moment noch schwer festzustellen. Wir müssen den Betreffenden ein wenig säubern und dann genauer anschauen.«
Sergej nimmt seine Hunde und geht zurück zum Auto.
»Wir hören voneinander«, sagt er.
»Ja«, sagt Åke.
Es blitzt zwischen den Bäumen auf. Die idiotische Fotografin von Norrbottens Allehanda hat natürlich mit ihrem verdammten Radio, das sie wahrscheinlich sogar mit ins Bett nimmt, den Polizeifunk abgehört.
»He, Sie. Verschwinden Sie jetzt.«
»Was ist passiert?«
»Wir können noch nichts sagen. Bei den Vorermittlungen herrscht Geheimhaltungspflicht, wovon Sie sicher schon gehört haben. Oder gehört haben sollten.«
Es ist eine Neue, ein mit Teleobjektiven behängtes Frauenzimmer. Wie will sie mit diesen digitalen Ungetümen fertig werden?, fragt sich Åke. Aber sie blitzt munter drauflos, und er hat den Eindruck, als würde auch er auf einen Teil der Bilder geraten.
»Wen haben Sie gefunden?«
»Kein Kommentar«, sagt Åke und treibt die Frau vor sich in Richtung Straße.
Dann fällt ihm Lola ein, und er muss noch einmal kehrtmachen. Die Fotografin nutzt sofort die Gelegenheit, näher an den Fundort heranzukommen, aber dann wird ihr Lola auf die Fersen geschickt, und schnell nimmt sie Kurs auf ihr Auto.
Åke setzt sich in seinem Dienstwagen seufzend hinter das Steuer. Es ist doch typisch, dass man nie seine verdammten Überstunden abfeiern kann, ohne dass aus dem Nichts erschlagene Leute auftauchen.
Auch im SKL, dem Staatlichen Kriminaltechnischen Laboratorium in Linköping, bricht ein Herbstmorgen an. Die Laborantin Fanny Olsson steht mit einer großen Kiste in den Händen in der Biologie, der Biologischen Abteilung. Die Kiste enthält die Kleider einer toten Person aus Nordschweden. Von dort kam ein Anruf, natürlich mit der Bitte um vorrangige Behandlung. Jeder einzelne Techniker und Untersuchungsleiter verlangt, dass gerade sein Fall schnell erledigt wird. Wenn sie wüssten, wie viel Arbeit das SKL hat. DNA-Analysen machen einen immer größeren Teil innerhalb der technischen Voruntersuchungen und der Beweisführungen der Ankläger aus. Das Volumen erhöht sich lawinenartig. In diesem speziellen Fall gibt es bisher noch keinen mutmaßlichen Täter, und dann ist es schlichtweg unmöglich, eine privilegierte Behandlung zu bekommen, das versteht sich von selbst.
Aber manchmal muss man einfach Glück haben. Fanny Olsson ist nicht nur Laborantin, sondern auch Doktorandin und Expertin für Zerfallszeiten in feuchten Milieus. Als sie daher erfährt, dass dieses Opfer in einem Wald, wenige Kilometer von einem großen Moor entfernt, gefunden wurde, bittet sie darum, die Kleider gesondert untersuchen zu dürfen. Und damit wird der Fall doch vorrangig behandelt.
Sie geht in einen der großen, hellen Räume, die ihr zur Verfügung stehen. Auf den hohen Tischen hat sie bereits meterweise gewöhnliches braunes Packpapier ausgebreitet. Vorsichtig legt sie den Inhalt der Kiste auf das Papier. Dabei entsteht ein lebendiges Bild. Ein unmoderner, zerbeulter Hut aus irgendeinem Wollstoff, ein Baumwollhemd und eine dunkelblaue Hose aus synthetischem Material, eine hellbraune, dicke Strumpfhose, die an mehreren Stellen mit braunem Garn gestopft ist, was wie lange Narben aussieht, sowie ein Paar ordentliche braune Wanderschuhe. Ein Bettlaken mit Decke und ein Kopfkissen samt Bezug befinden sich in einem anderen Karton. Die Tische sind bald voll. Fanny schaltet die tief hängenden Lampen ein und betrachtet konzentriert, was vor ihr liegt. Es sind alles praktische und funktionelle Gegenstände. Sie zieht die Latexhandschuhe höher und rückt den weißen Kittel zurecht, den sie trägt, um nicht selbst die Proben zu kontaminieren. Überall hinterlassen wir Spuren und Abdrücke, denkt sie, bevor sie sich daranmacht, die Schuhe zu untersuchen.
5
Der Mann, nach dem Irina in der Sauna den Eimer geworfen hat, wird wütend, weil sie sich sträubt und nicht tut, was man ihr sagt. Sie weigert sich einfach. Woher sie die Kraft nimmt, weiß sie selbst nicht, wahrscheinlich entspringt sie gleichermaßen dem Schrecken wie der Verzweiflung.
Sie sollen mich lieber töten, als dass ich tue, was sie wollen, denkt sie und flieht aus der Sauna ins Haus hinauf. Alles Greifbare, das sie findet, schleudert sie dem Mann entgegen. Lampen, Schalen, Schuhe. Sein Lachen geht in ein immer wütenderes Fluchen über. Sergej hat es ihm schließlich erlaubt. Er wurde gewarnt, dass sie schwer zu bändigen sei, es sei beinahe unmöglich, aber erst jetzt begreift er, wie stur sie tatsächlich ist. Die kleine Hure. Warte nur, bis ich dich erwische ...
Sie verbarrikadiert sich in einem der Schlafzimmer im ersten Stock. Rechtzeitig gelingt es ihr, den Schreibtisch und das dürftige Bett vor die neue, starke Kieferntür zu schieben. Er steht davor und trommelt eine Weile dagegen, schreit und flucht fürchterlich. Verängstigt versucht sie ein Fenster aufzubekommen, aber sie sind verriegelt und lassen sich nicht öffnen, so dass sie nicht entkommen kann.
Gerade als sie bereit ist aufzugeben, sich ihrem Henker auszuliefern, hört das Wummern an der Tür auf.
»Ich hole Sergej«, ruft der Mann mit einer tiefen Stimme wie aus der Unterwelt.
Das einzige Wort, das Irina versteht, ist der verhasste Name: Sergej. Sergej kommt. Jetzt wird er mich umbringen.
Sie hört den Mann mit wütenden, trampelnden Schritten, die durch das ganze Haus hallen, die Treppe hinuntergehen. Die Flüche sind immer undeutlicher zu hören, dann schlägt die Haustür zu. Es knackt im elektronischen Schloss, das nur Sergej und seine Männer mit Hilfe eines Codes öffnen können. Durch die Haustür kommt sie niemals hinaus. Seit das Auto abgefahren ist, steht sie unbeweglich in der Stille.
Wieder sucht die Hand am Hals nach dem Kreuz, das nicht mehr dort hängt. Dann handelt sie. Mit zitternden Händen schiebt Irina das Bett und den Schreibtisch beiseite, bis ein Spalt entsteht, der groß genug ist, um hindurchzuschlüpfen. Wenn er es sich nun anders überlegt und sofort kehrtmacht? Die Beine tragen sie kaum, als sie auf bloßen Füßen die Treppe hinunter in die Küche eilt. Sie öffnet den Kühlschrank.
Das Steak, das gestern übrig war, wo ist es? Wo? Sie reißt, zerrt, eine Packung Milch kippt um, und der Inhalt fließt über ihre Hände auf den Boden. Sie muss es finden. Da! Sie nimmt das in Frischhaltefolie eingewickelte Paket und sieht sich um. Ein Wachhund bellt und starrt sie mit gesträubtem Fell durch das Küchenfenster an. Sie schluckt, aber ihr Mund bleibt trocken.
Heilige Mutter Gottes, steh mir bei. Führe mich von hier fort.
Irina wickelt die rechte Hand in ein Küchentuch und greift nach einem steinernen Kerzenhalter. Sie denkt, dass sie den Moment, da ihre Flucht entdeckt wird, so lange wie möglich hinausschieben muss, daher geht sie in das Schlafzimmer, das im Erdgeschoss auf der Rückseite des Hauses liegt. Gerade als sie den schweren Kerzenhalter gegen die Scheibe schlägt, durchzuckt sie der Gedanke, dass das Fenster vielleicht mit einem Alarm gesichert ist. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Umso größere Eile ist geboten.
Das Fensterglas gibt einen dumpfen Laut von sich, aber es lässt sich weniger leicht einschlagen, als sie vermutet hatte. Sie fühlt Panik in sich aufsteigen, legt ihre ganze Kraft in den nächsten Schlag, und das Fenster zersplittert. Falls sie sich verletzt, spürt sie es nicht. Schnell bricht sie alle Splitter heraus. Im Gras unter dem Fenster bellt der Hund wie verrückt. Sie greift nach einem Kissen und legt es auf den Fensterrahmen, um sich nicht zu schneiden.
Das Fleisch, wo ist das Fleisch? Ihre Hände zittern so sehr, dass sie es kaum schafft, das Paket zu öffnen. Sie nimmt das große Fleischstück und wirft es so weit, wie sie kann. Der Hund springt hinterher und stürzt sich darauf. Ein weiterer borstiger Hund kommt herbeigerannt, und sie beginnen, um das Fleisch zu kämpfen.
Sie fällt eher, als dass sie aus dem Fenster springt. Sieht sich nicht nach den Hunden um. Rennt, rennt, rennt auf den enormen Zaun zu. Nicht daran denken, dass es nicht klappen könnte, ich muss darüber, bevor die Hunde etwas merken, muss es schaffen. Ihre Geschwindigkeit hilft ihr, ein gutes Stück den grobmaschigen Draht hinaufzugelangen. Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie barfuß ist, aber vielleicht ist es gut so, die Füße finden ohne Schuhsohlen zwischen sich und dem Metallnetz einen besseren Halt. Sie klettert, zieht sich empor, sieht den Stacheldraht ganz oben, nicht zurückschrecken jetzt, Jesus, hilf mir! Die Hunde haben ihren Fluchtversuch bemerkt, sie springen und schnappen nach ihr, und es scheint, als hebe sie der Schreck das letzte Stück über den Zaun hinüber. Einmal auf der Außenseite, stürzt sie beinahe senkrecht hinunter. Die Füße gehorchen nicht, die Beine wollen sie nicht tragen. Ganz in der Nähe die rasenden Hunde. Nur ein dünnes Gitter trennt sie von ihnen. Verwundert blickt sie in die rosaroten, geifernden Mäuler.
Irina steht auf, wankt. Und jetzt? Wohin, und wie weiter? Sie können jeden Augenblick kommen, der wütende Mann wird bald zurück sein, und dann hat er Sergej bei sich. Sie werden die Hunde loslassen. Diese Erkenntnis bringt sie in Bewegung. Sie hinkt eilig den Sumpf entlang. Mit einem Bein scheint etwas nicht in Ordnung zu sein, aber sie hat jetzt keine Zeit, sich darum zu kümmern. Die Jeans ist zerrissen, und ihre Hand wird blutig, als sie sich an den Schenkel fasst.
Halb in dem sumpfigen Boden versinkend rennt sie am Rande des Moors entlang, wo es unter den Bäumen rotgolden leuchtet. Noch nie zuvor hat sie so viele Preiselbeeren gesehen. Sie geht so weit ins Wasser hinein, wie sie es sich traut, damit die Hunde verwirrt werden und ihre Spur verlieren. Zum Schluss wankt sie zurück in den Wald, geht weiter und weiter, im halben Laufschritt, geduckt. Ein schmerzhaftes Pochen macht sich langsam bemerkbar, sowohl im Gesicht als auch im Bein. Sie beißt die Zähne zusammen, zwingt sich weiterzugehen. Sie gelangt an einen Schotterweg, biegt aber wieder in den Wald ab, entdeckt einen weichen, mit Baumnadeln bedeckten Pfad, folgt ihm und hofft, dass er sie zugleich fort und nach Hause führt. Sie bleibt stehen und lauscht keuchend. Alles ist still. Dann hört sie aus der Ferne Hundegebell. Holt tief Luft. Fällt auf die Knie.
Sie zwingt sich, wieder aufzustehen. Es ist zu früh, um zu danken. Sie ist noch nicht in Sicherheit. Wenn sie ihr nun folgen und sie zurückbringen.
Viola Uusitalo hat sich nie als Privatdetektivin verstanden. Sie ist nicht der Typ, der herumspioniert, findet sie zumindest selbst. Dennoch ist es eine Art Beschattung, die sie vornimmt, als sie so nahe, wie sie sich heranwagt, unweit des neuen Hauses im Moor, hinter einem großen, bemoosten Stein hockt. Stig Rönnlund traut sie keine Sekunde. Schon als Kind war er ein hoffnungsloser Fall. Heulte bei der geringsten Kleinigkeit und hing seiner Mutter am Rockzipfel.
Das Haus ist auf einer kleinen Anhöhe unmittelbar neben dem Moor errichtet. Es müssten doch noch andere außer ihr bemerkt haben, dass Holz hierher transportiert wurde, oder geschah es nachts? Die vielen Mücken und Bremsen müssen eine wahre Plage sein, wenn die Zeit kommt. Und warum brauchen sie einen so hohen Zaun? Mit Stacheldraht obendrauf? Das hier ist kein gewöhnliches Wohnhaus. Es ist nicht normal.
Sie hält die Luft an, als die Haustür auffliegt und ein großer Kerl, den sie noch nie gesehen hat, herausstürzt. Er schreit und flucht, wirft sich in den Wagen, lässt den Motor aufheulen, fährt durch das Tor, muss aber noch einmal aussteigen, um hinter sich abzuschließen. Dann lässt er zwei große Hunde frei. Sind es Wachhunde? Viola steht ganz still da, als der rote Wagen wie ein Pfeil den Schotterweg entlangschießt.
Nun ja, sie sollte jetzt wohl doch lieber verschwinden. Es könnten gefährliche Dinge sein, die hier vor sich gehen. Vielleicht sollte sie zurück zur Polizei fahren und darum bitten, mit Stigs Chef sprechen zu dürfen.
Gerade hat sie die Thermoskanne mit dem schwarzen Kaffee in den zerschlissenen, ausgebleichten grünen Baumwollrucksack gepackt, als sie ein dumpfes, klopfendes Geräusch hört, das in ein Klirren übergeht. Etwas fliegt durch das zerbrochene Fenster. Die Hunde schlagen sich wie wild darum, was auch immer es sein mag. Dann sieht Viola etwas aus dem Fenster springen und in Richtung Zaun rennen. Es muss ein Mensch sein. Er macht sich daran, den Zaun hinaufzuklettern. Violas Puls fängt an zu rasen, sie wusste doch, dass hier seltsame Dinge geschehen. Es scheint sich um ein junges Mädchen zu handeln. Nein, jetzt bemerken die Hunde es! Viola weiß nicht, wohin sie sich wenden soll, es kommt ihr wie eine Ewigkeit vor, bis das arme Mädchen an der Außenseite des Zauns hinunterfällt und liegen bleibt. Viola ist nahe daran, sich auf den Weg zu ihm zu machen, als das Mädchen aufsteht und davonhinkt, geradewegs auf das Moor zu.
»Das kann nicht gut gehen«, denkt Viola, aber folgt dem Mädchen in einiger Entfernung.
Sie muss sich beeilen, um zu sehen, welchen Weg das hinkende Mädchen ohne Schuhe einschlägt. Eine ganze Weile laufen sie tiefer in den Wald hinein, und als Viola gerade denkt, dass es nicht viel länger durchhalten wird, bricht das Mädchen zusammen. Es zittert am ganzen Körper, und Viola eilt zu ihm.
»Fürchte dich nicht«, sagt sie und streicht ihm vorsichtig über das Haar.
Das Mädchen fährt zusammen und schaut sie panisch an. Es ist schmutzig und blutet im Gesicht, eine hässliche Wunde klafft neben dem Mund.
»Kleines«, sagt Viola so sanft sie kann. »Fürchte dich nicht, Kleines.«
Tränen steigen in den Augen des Mädchens auf, das süß aussieht, aber sehr schmutzig und mager. Es ist noch ein Kind. Ein Strom russischer Wörter fließt aus seinem Mund, es ist sehr aufgeregt. Von all den Worten versteht Viola nur ein einziges. Es fällt wieder und wieder.
Sergej. Sergej. Sergej.
Viola nimmt das Kind in den Arm und wiegt es hin und her.
»Beruhige dich, beruhige dich.«
Aber das Mädchen steht auf, es ist unruhig, zeigt mit den Händen, dass jemand – Sergej – hinter ihnen her ist und jeden Moment kommen kann.
»Wir nehmen mein Fahrrad«, sagt Viola und führt das Mädchen bei der Hand.
Sie leitet es durch den Preiselbeerwald, an ihren besten Pilz- und Beerenstellen vorbei. Sie versteht, dass Eile geboten ist, auf eine Art und Weise, wie sie sie nie zuvor erlebt hat. Während sie gehen, denkt Viola darüber nach, welchen Weg sie einschlagen könnten, um zu ihrer Wohnung zu gelangen, ohne die Hauptstraße zu passieren.
Das Fahrrad steht ein Stück weit entfernt an eine Fichte gelehnt, an der Kreuzung zwischen dem breiteren Schotterweg und einem kleineren Waldweg. Einen Moment lang bleiben sie unschlüssig stehen. Sie sind zu zweit, aber es gibt nur ein Fahrrad. Das Mädchen ist es, das eine Lösung findet. Es fährt, während die alte Frau auf dem Gepäckträger sitzt.
So rollt ein ungewöhnliches Gespann durch den dichten Wald, weg von dem Haus am Moor in Richtung Stadt. Eine magere Jugendliche mit Verletzungen im Gesicht und zerrissenen Jeans tritt mühsam die Pedale des schweren alten Damenrads. Hintendrauf, auf dem Gepäckträger, sitzt eine ältere Dame, die aussieht wie ein kleiner Spatz. Der Hut auf ihren selbst gelegten graublauen Dauerwellen hüpft auf und nieder. Indem sie dem Mädchen vorsichtig einen Klaps auf die eine oder andere Seite gibt, zeigt Viola ihm, wie es fahren soll, als sie sich der Stadt nähern.
Sie ist wie Großmutter, denkt Irina. Die Heilige Mutter Gottes hat meine Not erkannt und mir einen Engel zur Hilfe geschickt. Eine kleine alte Frau. Sergej wäre ziemlich erstaunt, wenn er das wüsste.
Sie hat die gleichen Hände wie Großmutter. Hände, die Marmelade einkochen können und Pilze sammeln und den Boden schrubben und Brot backen.
Wie im Nebel fährt Irina weiter, versucht, keinen Schmerz zu empfinden. Sie bekommt Angst, als sie am Waldrand Häuser auftauchen sieht, aber die kleine Oma auf dem Gepäckträger tätschelt ihr freundlich das unverletzte Bein. Als würde sie verstehen, dass Irina sich fürchtet.
6
Der Abteilungsleiter vom Konsum, Lasse, stapelt Tunfischdosen zu zwei symmetrischen Türmen. Die in Öl rechts, die im eigenen Saft links. Er hört es am Eingang läuten und eilt nach vorne, um zu sehen, ob er jemandem behilflich sein kann. Da steht ein maskierter Mann.
Nun ja, was heißt maskiert. Er hat die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen und trägt ein schwarzes Halstuch vor Mund und Nase.
»Money. Quick!«, ist alles, was er sagt.
Lasse will gerade protestieren, als er bemerkt, wie der Mann seine Jacke öffnet und diskret eine Schusswaffe vorzeigt, die er dort versteckt hält. Es ist unmöglich zu erkennen, ob es sich um einen Revolver oder eine Pistole handelt. Stattdessen zeigt Lasse also ein breites Lächeln und sagt »okay, okay«, während er die Tageseinnahmen in die schmutzige Plastiktüte legt, die der Dieb die zweifelhafte Freundlichkeit besaß mitzubringen.
Erst als der Mann wieder zur Tür hinaus ist, löst Lasse den Alarm aus. Dann setzt er sich auf ein kleines Holzfass, auf das er eigentlich die Lachssoße und die Hofmeistersoße genauso ordentlich stapeln wollte wie den Tunfisch. Aber das muss jetzt warten.
Rafael und Hedvig haben gerade ein vermisstes Kind wiedergefunden und es bei der besorgten, unruhigen Mutter abgeliefert, die den Sprössling sofort nach allen Regeln der Kunst ausschimpft, als sie über Funk von dem Überfall erfahren. Es ist nur ein paar Straßen weiter, und bevor Hedvig einen Ton sagen kann, hat Rafael den Notruf bereits entgegengenommen und mitgeteilt, dass sie die Sache übernehmen.
»Wie sollen wir jemals die Zeit finden, das zu tun, weswegen wir hier sind? Das ist doch völlig absurd! Wir sind doch nicht hergekommen, um nach verschwundenen Kindern zu suchen und Supermarktdiebe zu jagen«, sagt Hedvig.
Rafael nimmt sich schnell Lasses an und notiert die wenigen Angaben, die von Bedeutung sind. Die Täterbeschreibung gibt nicht viel her. Lasse fängt plötzlich an zu weinen, und Rafael fischt ein sauberes Stofftaschentuch aus seiner Uniformjacke und reicht es ihm. Lasse schnäuzt sich geräuschvoll.
»Ich glaube, ich schließe den Laden für heute«, sagt er.
Als Rafael und Hedvig sich zum Gehen wenden, treffen sie auf einen erregten älteren Herrn, der behauptet, er habe den Dieb in einem roten Auto unklarer Marke verschwinden sehen.
»Er ist nach Süden gefahren, zu Gunnar Rantatalos Hof«, ruft der Mann und zeigt beharrlich in die Richtung.
Sie springen ins Auto, und um dem Zeugen Freude zu machen, schaltet Rafael die Sirene ein und gibt Gas. Sie fahren schweigend. Der Weg aus der Stadt verläuft schnurgerade. Es herrscht fast kein Verkehr.
»Wir fahren am besten zu Gunnar und drehen dann wieder um«, sagt Rafael mehr zu sich selbst.
Kein roter Wagen so weit das Auge reicht, obwohl Hedvig in jeden kleinen Waldweg starrt. Der Alte hat sich vielleicht geirrt. Oder das Auto ist in eine andere Richtung gefahren.
»Da!«, ruft Hedvig.
Auf einem Rastplatz an einem kleinen See steht ein unordentlich geparkter roter Mercedes. Der Wagen sieht leer aus, und auf gut Glück fährt Rafael weiter.
»Er hat den Wagen gewechselt!«
»Wonach suchen wir dann jetzt?«
Rafael meldet per Funk, dass jemand den roten Benz kontrollieren solle. Vor seinem inneren Auge sieht er bereits Erik und Stickan den Auftrag erhalten. Kein Wunder, dass diese Abteilung auf Sparflamme läuft.
Als sie bei Gunnars Hof ankommen, tritt Rafael auf die Bremse, und einen Moment lang befürchtet Hedvig, dass er die Pedale durch den Wagenboden treten wird.
»Wir fragen, ob er etwas gesehen hat«, sagt Rafael bestimmt.
Im Stall ist außer den Kühen niemand. Sie eilen weiter zum Wohnhaus und hämmern an die Tür. Rafael ruft: »Polizei! Aufmachen!« Das Ganze wirkt ein wenig übertrieben, findet Hedvig. Nach langem Warten öffnet Gunnar die Tür einen Spaltbreit. Die Haare stehen ihm vom Kopf ab. Er blinzelt gegen das Licht.
»Hallo, entschuldigen Sie die Störung. Es hat einen Überfall auf den Konsum-Supermarkt gegeben, von einem bewaffneten Täter. Wir haben Grund zur Annahme, dass er in diese Richtung hier geflohen ist. Sie haben nicht zufällig etwas gesehen?«, fragt Rafael.
Gunnar fährt sich durch das Haar und schüttelt langsam den Kopf.
»Nee, was sollte ich gesehen haben?«
Er steht im Türspalt und hält die Haustür so geschlossen wie möglich.
Rafael stellt ein paar weitere Fragen, und Hedvig lässt den Blick über die Hausfassade schweifen, hinüber zum Stall und wieder zurück. Sie meint hinter der Gardine an einem der Fenster im Erdgeschoss ein Gesicht zu sehen. Vermutlich Gunnars Frau, sicher eine, die immer am Fenster steht und heimlich die Leute beobachtet, die kommen und gehen, denkt sie.
Gunnar ist nicht von Nutzen, hier war kein Räuber. Er verspricht aber, sofort die Polizei zu verständigen, wenn er etwas Verdächtiges bemerkt. Sie danken und kehren zum Streifenwagen zurück.
»Die Spur ist kalt. Wir haben den Typen verloren. Er kann jetzt genauso gut fünfzig Kilometer weit weg sein«, brummt Rafael.
»Gunnar hat kaum die Tür geöffnet«, sagt Hedvig.
»Er hatte wohl Angst, dass es drinnen kalt wird«, meint Rafael. »Strom ist teuer, weiß du.«
Später auf dem Revier, als der Bericht geschrieben ist, erzählt Hedvig Stig im Gemeinschaftsraum bei einem Weightwatcher-Imbiss, den sie zuvor acht Minuten in der Mikrowelle aufgewärmt hat, von dem Besuch bei Gunnar. Währenddessen schaufelt Stickan einen Berg Kohlrouladen in sich hinein, die seine Mutter gemacht hat, sowie einen See an selbst eingekochter Preiselbeermarmelade und starrt Hedvig ausdruckslos an.
»Ich glaube, ich habe eine Frau im Haus gesehen. Die Gardine hat sich bewegt«, sagt sie.
»Aha«, erwidert Stickan.
»Ist Gunnar verheiratet?«
»Nein, ist er nicht. Nie gewesen. Er ist ein eingefleischter Junggeselle.«
Stickans Handy klingelt, und Hedvig steht auf, um die Plastikschale wegzuwerfen, in der ihr Essen war. Dann holt sie sich eine Tasse Kaffee und macht sich auf die Suche nach Rafael.
Viola und Irina stellen das Rad im Fahrradständer neben dem Mehrfamilienhaus am Stadtrand ab, in dem die alte Frau wohnt. Gott sei Dank sind sie bisher keiner Menschenseele begegnet. Aber im Treppenhaus treffen sie auf einen Nachbarn, einen jungen Mann, der auf dem Weg nach draußen ist und beim Anblick von Irinas zerschundenem Gesicht zusammenzuckt.
»Was ist passiert?«, fragt er.
Irina wendet den Kopf ab und schließt instinktiv die Augen.
»Ein Unfall. Ich sorge dafür, dass sie Hilfe bekommt«, sagt Viola bestimmt und schiebt das junge Mädchen weiter.
Der Mann eilt aus dem Haus. Er wirkt bestürzt.
Viola sucht eine Weile in ihrem grünen Rucksack nach dem Wohnungsschlüssel. Schließlich findet sie ihn und führt Irina behutsam in ihre kleine Zweizimmerwohnung mit Balkon. Sorgsam verschließt sie hinter sich die Tür. Normalerweise zieht sie immer als Erstes die Schuhe aus, wenn sie hineinkommt, aber heute nicht.
Viola hat es mit eigenen Augen gesehen, aber den ganzen Rückweg über hat sie darüber nachgegrübelt, was es wohl bedeutet. Was ist das für ein Haus am Moor? Was geschieht dort? Was ist so furchtbar, dass man ein Fenster zerschlagen und hinausspringen muss, obwohl man dabei riskiert, von zwei lebensgefährlichen Wachhunden in Stücke gerissen zu werden? Wer hat das junge Mädchen so übel zugerichtet?
Viola sieht Irina nachdenklich an. Das Mädchen seinerseits schaut sich in der Wohnung um. Es hat das Bild über Violas Sofa entdeckt, eine alte Lithographie, die einen mild blickenden Christus mit ausgestreckten Armen darstellt, umgeben von einem seltsamen Strahlen. Das Mädchen fällt zwischen Klavier und Wohnzimmertisch auf die Knie. Es spricht in seiner Sprache ein Gebet. Tränen fließen ihm über das Gesicht.
Viola ist gewiss eine alte Frau, aber ihre Kenntnisse als Kreiskrankenschwester sitzen tief. Atmung, Blutung, Schock, geht ihr routinemäßig durch den Kopf. Sie hilft dem Mädchen behutsam auf und führt es ins Badezimmer. Setzt es auf die Klobrille, streichelt ihm über die Wange und spricht zu ihm wie zu einem kleinen Kind.
»Ist gut, ist gut, beruhige dich! Jetzt wirst du sehen, dass alles wieder gut wird. Ich bin da, dir kann nichts mehr geschehen. Ich helfe dir.«
Viola schält das Mädchen vorsichtig aus einer Schicht schmutziger Kleider, die sie in den Wäschekorb legt. Der Pullover des Mädchens ist von der Verletzung im Gesicht blutverschmiert und die Jeans zerrissen. Eine hässliche, frische Wunde klafft auf einem Schenkel, wahrscheinlich stammt sie von dem Stacheldraht. Vielleicht sollte das Kind besser in ein Krankenhaus und genäht werden, überlegt Viola. Aber zuerst spreche ich mit Sergej. Und zuallererst muss das Mädchen notdürftig verarztet werden. Viola reinigt und verbindet vorsichtig die Wunde. Auf dieselbe Weise verfährt sie mit der älteren Verletzung im Gesicht. Es muss unerhört wehtun, aber das arme Mädchen gibt keinen Ton von sich. Vielleicht sollte es zu einem Zahnarzt gehen, es ist schwer zu beurteilen, ob nicht auch der Kiefer verletzt wurde. Viola hilft dem Mädchen, sich mit weichen Waschlappen zu säubern. Gemeinsam waschen sie die verschwitzten, glanzlosen Haare. Mit Magnolienschampoo für feines und sprödes Haar. Das Mädchen genießt es trotz der Schmerzen.
Viola wickelt es in ein großes Badetuch und holt ein sauberes Nachthemd, das sie dem Mädchen, das sich deutlich beruhigt zu haben scheint, vorsichtig über den Kopf zieht. Sie führt es in die Küche, bedeutet ihm, auf der Bank Platz zu nehmen, und öffnet den Kühlschrank. Nichts ist so beruhigend wie etwas zu essen. Viola setzt Teewasser auf und holt Brot, Käse und ein wenig selbst gemachte Marmelade hervor. Als sie die Lampe einschaltet, die auf dem Küchentisch steht, beginnt das Mädchen wieder zu weinen.
»Iss jetzt«, sagt Viola, obwohl sie weiß, dass das Mädchen sie nicht versteht.
Aber die Bedeutung ist universal. Das Mädchen isst. Schnäuzt sich und isst. Dann bricht es in eine lange, wortreiche Tirade aus. Viola glaubt den Inhalt zu verstehen.
»Jaja, es geht in Ordnung. Du brauchst mir nicht zu danken, Kleines. Iss jetzt.«
Als sich die Wohnungstür hinter ihnen schließt, wagt Irina aufzuatmen. Hier fühlt sie sich sicher. Mit großen Augen blickt sie sich in der kleinen, ordentlichen Wohnung um. Die Möbel sind aus dunklem Holz und haben gepolsterte Kissen. Überall sind kleine Deckchen, getrocknete Blumen und Kerzenleuchter. Ein schwarzes Klavier steht neben der Balkontür, und an der Wand hängt ein Christus-Bild.
Da begreift sie endlich, dass sie nichts zu befürchten hat, dass sie gerettet ist, dass die Macht des Gebets sie aus der Finsternis geführt hat.
Sie fällt auf die Knie und sagt all die Gebete auf, die ihre Großmutter sie gelehrt hat. Sie hat geradezu das Gefühl, wieder bei ihrer Großmutter zu sein, wieder zu Hause. Aber dann erkennt sie, dass es nicht so ist. Dies hier ist lediglich eine andere alte Frau, eine, die ihre Großmutter hätte sein können. Eine barmherzige Samariterin, die sie gerettet hat.
Nun ist sie so müde. Es pocht in der Wunde. Die alte Frau gibt ihr zwei weiße Tabletten, die Irina zunächst nicht nehmen will. Die Alte ist sehr bestimmt und streicht ihr über die Wange. Ihre Augen blicken ernst. Sie nimmt Irinas Hand und berührt leicht die Verletzung im Gesicht und den verbundenen Schenkel. Dann zeigt sie erneut auf die Tabletten. Irina gibt nach und genießt es, das zu tun. Sie braucht nicht länger trotzig zu sein, sie braucht nicht mehr um ihr Leben zu fürchten. Sie ist in Sicherheit. Jetzt wird alles wieder gut.
Die alte Frau führt sie in den hinteren Raum der Wohnung. Es ist ihr Schlafzimmer, und außer einem Bett befindet sich dort noch ein großer Sessel vor einem alten Fernsehapparat. Die Frau zieht die gehäkelte weiße Tagesdecke weg, in die kleine runde Knospen aus Baumwollgarn eingearbeitet sind. Dann bezieht sie das Bett frisch, mit gestärkten und bestickten Laken, von denen das obere, das um die blumige Decke geschlagen wird, mit Spitze und einem weiß gestickten Monogramm versehen ist. Irina sieht das Kreuz über dem Bett und fällt wieder auf die Knie. Dieses Mal kniet die Großmutter auch. Sie beten, jede in der eigenen Sprache:
»Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.«
Das Mädchen ist eingeschlafen, sowie es den Kopf auf das Kissen gelegt hat. Viola bleibt neben ihm stehen und betrachtet es. Was führte es hierher in mein Bett? Was hat es erlebt? Das liebe Kind. Es wimmert im Schlaf. Viola streicht ihm langsam über das feuchte Haar. Sie lässt eine kleine Lampe im Fenster brennen und schließt die Schlafzimmertür. Sie nimmt das alte Bettzeug mit, legt es in den Wäschekorb und geht in die Küche, um abzuspülen. Währenddessen versucht sie so scharf wie möglich nachzudenken. Viola Uusitalo begreift, dass sie es mit dem Teufel selbst zu tun hat.
Als die letzte Tasse auf dem Abtropfgestell landet, hat Viola zu Ende gedacht. Sie tut zwei Dinge. Nach kurzem Herumhantieren öffnet sie in dem alten Sekretär im Wohnzimmer ein Geheimfach, das sich über der Schublade mit dem Tafelsilber befindet. Sie zieht einen zerknitterten Umschlag hervor. Wie viele ältere Menschen hat Viola das Vertrauen in die Banken verloren und bewahrt deshalb eine größere Geldsumme bei sich zu Hause auf, wo sie das Gefühl hat, es besser unter Kontrolle zu haben.
Das hier könnte gefährlich werden, denkt sie. Wenn mir etwas passieren sollte, was vielleicht gar nicht der Fall sein wird, aber wenn, dann will ich diesem Mädchen die Möglichkeit geben, auf eigene Faust nach Hause zu kommen. Zuerst zählt Viola tausend Kronen ab. Dann überlegt sie einen Moment und legt viertausend dazu. Geld hat im Grunde genommen aufgehört, irgendetwas wert zu sein, das hat sie verstanden. Es besteht natürlich die Gefahr, dass sie die gesamte Summe verliert, vielleicht führt das Mädchen sie an der Nase herum, aber nein ... Und wenn es so wäre, müsste ich eben damit leben. Es gibt schließlich keinen, der mich beerben wird, also kann niemand anderes böse darüber sein, dass ich mein eigenes Geld hergebe.
Viola schiebt die Scheine in einen neuen Umschlag und schreibt mit zittriger Handschrift »Für dich« darauf. Sie weiß noch nicht einmal, wie das Mädchen heißt. Dann kramt sie in ihrem Schmuckfach im Sekretär und findet schließlich das Gewünschte. Sie nimmt eine blaue Samtschachtel und stellt sie zusammen mit dem Umschlag auf den Nachttisch neben das tief schlafende Mädchen. Dann verlässt sie das Schlafzimmer, macht die Tür zu, zieht einen Mantel an und setzt ihren besten Hut auf, den flauschigen. Sie schließt die Haustür ab, geht hinaus und setzt sich wieder auf ihr Fahrrad. Die mit Pilzen und Beeren gefüllten Körbe hängen noch immer am Lenker, sie wird sich später darum kümmern.
Es dämmert, als sie denselben Weg zurückfährt, den sie und das Mädchen vorhin gekommen sind. Sie ist entschlossen und verbissen. Sie wird Sergej Björkman die Leviten lesen, diesem Tunichtgut und Nichtsnutz. Sie fand schon immer, dass Sergej Björkman untauglich ist. Groß im Reden, armselig im Handeln. Als Kind wurde er von seinen Eltern, der schönen Olga aus Murmansk und dem kränklichen Sven Björkman, streng erzogen. Im Namen von Zucht und Ordnung wurde er jede Woche zur Sonntagsschule geschleift. Aber gebracht hat es wenig. Sergej hat sicher nicht mehr den Fuß in eine Kirche gesetzt, seit er konfirmiert wurde und seine Geschenke bekam. Geheiratet hat er nur standesamtlich, schon allein das!
Die Umstände haben ihn zweisprachig werden lassen. Als der Vater starb, zog Olga zurück in die Heimat und bekam von einem neuen Mann einen zweiten Sohn, Vladimir. Aber Sergej blieb zurück, so verwurzelt, wie er in Schweden war. Olga starb vor ein paar Jahren, und es heißt, Vladimir käme manchmal hierher, um seinen Bruder zu besuchen. Viola hat die Brüder ein paar seltene Male zusammen gesehen, sie findet, dass sie beide wie Lumpen aussehen.
Sie radelt zurück in den Wald, zurück zum Moor. Viola sieht nicht wie sonst die Schönheiten der Natur um sich herum, so aufgewühlt ist sie. Sie glaubt nicht an die Möglichkeit, dass Sergej bei sich zu Hause sein könnte, auf dem Hof außerhalb der Stadt, den er mit seiner Frau bewohnt. Irgendetwas macht Viola ganz sicher, dass sie Sergej in genau diesem neuen Haus am Moor finden wird, von dem alle behaupten, es nicht zu kennen. Denn es war sein Name, den das Mädchen nannte. Das zerschundene, verängstigte Kind. Innerlich kocht es in Viola, wenn sie an die Wunden denkt, die sie soeben gereinigt und verbunden hat. Nichts macht eine Krankenschwester so wütend wie unnötig zugefügter Schaden. Unfälle sind eine Sache, sie lassen sich nicht vorhersagen und sind etwas, in das sich auch ein Christ fügen muss. Aber reine Gewalt – das ist nicht zu akzeptieren. Das ist Sünde und ein Werk des Teufels.
Als Viola das Haus erreicht, ist es fast dunkel. Der Wind frischt auf und fährt durch die Baumkronen über ihr. Ein Geruch nach Fäulnis und Brackwasser weht vom Moor zu ihr herüber. Oberhalb der Treppe brennt Licht am Haus. Das Tor steht offen, Hunde sind nicht zu sehen. Sie spricht leise ein kurzes Gebet, stellt das Rad ab und steigt die Treppe hinauf. Es gibt weder eine Klingel noch einen Klopfer.
Entschlossen pocht sie an die Tür. Keine Reaktion. Sie klopft noch einmal.
»Sergej!«, ruft sie, so laut sie kann.
Der Wind scheint ihre Stimme einzufangen und weit über das Moor zu tragen.
»Sergej! Ich will mit dir sprechen!«
Die Tür öffnet sich einen Spaltbreit. Zwei misstrauische Augen blicken sie an.
»Ich möchte mit Sergej sprechen«, sagt Viola so freundlich wie möglich.
Die Tür will sich sofort wieder schließen, aber Viola greift nach der Klinke und sagt mit ihrer lang vergessenen, entschlossensten Krankenschwesterstimme: »Ich will Sergej sprechen. Jetzt. Holen Sie ihn her. Ich weiß, dass er hier ist.«
Dennoch denkt sie: Vielleicht ist er gar nicht hier, vielleicht irre ich mich vollständig?
Da steht er vor ihr. In einem blauen Seidenhemd mit offen stehenden Knöpfen und einer Lederhose. Er grinst von einem Ohr zum anderen. Er war es selbst, der die Tür geöffnet hat, sie hat ihn nur nicht gleich erkannt.
»Guten Tag, Sergej«, sagt Viola.
Er lacht nur. Am liebsten würde sie diesem Nichtsnutz den Kopf waschen. Er braucht nicht zu glauben, dass er so davonkommt.
»Hast du vergessen, was du in der Sonntagsschule gelernt hast, Sergej?«
Er grinst noch immer.
»Dass Gott und Jesus alles sehen und alles hören. Hast du das vergessen?«
»Scher dich zum Teufel, Alte«, sagt Sergej und versucht, die Tür zu schließen.
Es gelingt ihr, einen Fuß dazwischenzuschieben.
»Ich glaube gewiss, dass dir heute Abend ein Mädchen abhanden gekommen ist, Sergej.«
Sein Blick verfinstert sich.
»Hast du all deine Schäfchen gezählt, Sergej?«
»Zum Teufel! Was ...«
»Hör mir zu, Sergej. Hör mir gut zu.«
»Was soll denn der Blödsinn, verdammt!«
»Hör zu! Ich weiß, was du treibst. Du brauchst nicht zu glauben, ich wüsste es nicht. Und ich bin nicht so alt, dass ich nicht eins und eins zusammenzählen kann, auch wenn es sich um eine private Angelegenheit handelt. Das, was du tust, ist sündig, Sergej. Gott sieht dich.«
»Verschwinde von hier!«
»Nein, hör mir jetzt zu, ich bin noch nicht fertig. Du hast die Wahl, Sergej. Jeder Mensch kann frei wählen. Deswegen hat das Böse einen Platz in der Welt, daran erinnerst du dich doch noch aus der Sonntagsschule? Mach die Tür nicht zu!«
Sie schiebt den Fuß noch ein Stück weiter zwischen Tür und Schwelle.
»Der freie Wille erlaubt es dem Bösen zu wachsen. Du hast die Wahl, mit dem, was du tust, aufzuhören. Du kannst deine Türen aufsperren und die Mädchen, die Kinder, die du hier festhältst, freilassen.«
»Zur Hölle!«
»Du solltest nicht mit mir über die Hölle sprechen, Sergej. Hörst du? Dort wirst du nämlich enden, wenn du so weitermachst. In der Hölle, Sergej, denk daran! Der Teufel selbst wird kommen und dich zu sich in die Hölle holen.«
Der Mann vor ihr schrumpft zusammen, wird wieder zu einem unsicheren Kind. Ängstlich, eingenässt, verwundbar und weinerlich. Gott sieht dich, Sergej.
»Verdammtes Weib, scher dich zum Teufel!«, sagt er heiser, aber kraftlos.
»Du hast die freie Wahl, Sergej. Das Mädchen, das nicht mehr hier ist, befindet sich in Sicherheit. Du wirst es nie mehr sehen. Nie mehr, hörst du? Die anderen werden auch bald frei sein. Denn du bist kein böser Mensch, Sergej, oder? Zeige Gott, dass du kein böser Mensch bist«, sagt Viola ganz leise.
Sie stehen noch immer auf dem Treppenabsatz, Viola draußen im Sturm, Sergej hinter der Türschwelle.
Sie lächelt ihn an und sagt: »Gott segne dich, Sergej.«
Ohne eine Reaktion abzuwarten, zieht die alte Frau ihren Fuß aus der Türöffnung zurück, dreht sich um und steigt die Treppe hinab. Plötzlich ist sie sehr müde. Mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren erscheint unmöglich, aber es muss sein. Um des Mädchens willen, das in ihrem Bett schläft.
Mühsam schiebt sie das Fahrrad neben sich her, rückt die Körbe zurecht. Sie darf nicht vergessen, die Beeren und Pilze mit in die Wohnung zu nehmen und sie zu waschen, sonst gehen sie kaputt. Sie setzt sich auf das Rad und strampelt langsam davon.
Fanny Olsson stützt sich in der Biologischen Abteilung des Staatlichen Kriminaltechnischen Labors gegen die Tischplatte und streckt sich. Lange hat sie jedes einzelne Kleidungsstück gedreht und gewendet, um mögliche Spuren zu finden. Das Blut am Kragen stammt wahrscheinlich vom Opfer, vermutet sie. Ansonsten gibt es keine weiteren Anzeichen für Gewalt, keine Risse oder andere Schäden an den Kleidern.
Als sie die Hose auf links dreht, entdeckt sie etwas, das von dem Untergrund stammen könnte, auf dem die Leiche lag. Irgendeine getrocknete Pflanze. Fanny ist mit einem Schlag hellwach, und durch das erleuchtete Vergrößerungsglas, das in ihre Lampe eingebaut ist, betrachtet sie neugierig, was vor ihr liegt. Es sieht wie Sonnentau aus. Aber Moment, wo wurde das Opfer gefunden? War das nicht unter einer Fichte mitten im Wald? Sie schaut im mitgeschickten Bericht nach. Genau, das Opfer lag im Trockenen unter einer Fichte, seltsamerweise unter einer Decke.
Fanny Olsson schaut auf und starrt in die Luft. Sonnentau wächst nicht im Wald, man findet es in feuchten Gebieten, in Sümpfen oder Moorgegenden. Und in der Nähe des Orts, an dem die Leiche entdeckt wurde, gab es doch auch ein Moor.
Das Opfer lag ursprünglich nicht am Fundort, sondern wurde dorthin gebracht. Vermutlich, nachdem der Tod eingetreten war.
Pulsuz fraqment bitdi.