Kitabı oxu: «Die Entführung der Dinharazade»

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Epilog

Die Entführung der Dinharazade

Christina Wermescher

© 2021 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

15/2021

Covergestaltung: Julia Dibbern

Lektorat: Noah Stoffers | textpfade

Printed in the EU

ISBN TB 978-3-95869-471-2

ISBN ebook 978-3-95869-473-6

Alle Rechte vorbehalten

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

v1/21

Für André,

meinen Tüftler

Kapitel 1

Dinah raffte ihr pfirsichfarbenes Seidenkleid und nahm im Laufschritt die ausgetretenen, steinernen Stufen, die zu Abdis Atelier hinaufführten. Der hatte sich bei ihrem letzten Besuch sehr geheimnisvoll gegeben und stand wohl wieder einmal kurz vor der Fertigstellung einer neuen Erfindung. Neugierig öffnete sie die Tür zur Werkstatt, die sie als Hort von Betriebsamkeit und Tüftelei fast ebenso sehr liebte wie den alten Waffenbaumeister selbst. Abdi war ihr in den vergangenen Jahren nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein wahrer Freund geworden.

Kein Klappern, kein Hämmern, nicht das leiseste Geräusch drang aus der Werkstatt. Irritiert über die Stille hielt sie am Eingang inne und ließ den Blick suchend durch den halbdunklen Raum gleiten. Brütete der Meister über den Plänen zu seinem nächsten Projekt?

Im Atelier war es angenehm kühl, und lediglich durch ein verhängtes Fenster drang etwas Licht. Dinah atmete den Duft der Werkstatt ein. Diese Mischung aus Papyrus, Öl, Metall und Holz war längst ein wohliger Hauch von Heimat für sie geworden. Sie sah sich suchend um, und als ein leichter Luftzug ihre Haut streifte, bemerkte sie, dass die Tür zur Dachterrasse einen Spalt offenstand. Dinah durchschritt das Halbdunkel des Raumes. Silhouetten von Schriftrollen und allerlei Gerätschaften zeichneten sich schemenhaft ab. Als sie die Holztür aufschob, blendeten die Strahlen der Mittagssonne sie nach dem Dämmerlicht des Ateliers. Sie schirmte die Augen mit der Hand ab. Noch ehe sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte und irgendetwas erkennen konnte, hörte sie Abdis freudiges Rufen.

»Da bist du ja, Dinah! Ich habe dich schon erwartet!«

Er erhob sich von dem Lager aus bunten Kissen, die unter einem purpurnen Stoffdach lagen. Üppige Stauden verliehen der Terrasse den Charme einer Oase.

»Komm näher, Dinah! Setz dich zu mir«, bat er. Er hatte das blaue Tuch, das er üblicherweise um den Kopf gebunden trug, abgelegt, und sein Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Es war weiß wie der unberührte Schnee auf den höchsten Gipfeln des Hissargebirges.

#Dinah ging zu ihm und ließ sich lächelnd neben ihm auf dem farbenfrohen Kissenlager nieder. Aus dem Rohr eines silbernen Samowars qualmte es beachtlich.

Abdi schien sie wirklich erwartet und dem Teewasser bereits kräftig eingeheizt zu haben. Der dicke Stoff über ihr schützte sie vor den Sonnenstrahlen. Dieses angenehm schattige Plätzchen lud zu einem Gläschen Tee ein. Außerdem kochte niemand so guten Chai wie Abdi. Da konnten selbst die Diener am königlichen Hof noch etwas lernen.

Gewissenhaft nahm der alte Mann das Rohr vom Samowar und füllte eine silberne Kanne, in der er bereits Tee und seine geheime Gewürzmischung vorbereitet hatte, mit heißem Wasser.

Dann stellte er die Kanne vor ihnen auf einen niedrigen Holztisch, auf dem auch zwei verzierte Gläser bereitstanden und ein Gegenstand, der jedoch unter Abdis blauem Kopftuch verborgen war. Neugierig begutachtete Dinah die Umrisse, die sich durch den Stoff abzeichneten. Was mochte das sein?

Abdi lächelte verschmitzt, als er ihren Blick bemerkte. Um seine Augen spielten zahlreiche Lachfältchen, und sie schauten Dinah abenteuerlustig an wie die eines Kindes. Sein wacher Geist hatte ihr schon oft atemloses Staunen und interessante Erkenntnisse beschert. Auch heute hatte er also wieder einmal eine Überraschung für sie.

»Was führst du denn im Schilde, Abdi?«, fragte sie ihn schmunzelnd. Er rieb sich voller Vorfreude die Hände.

»Nur Geduld, meine Liebe. Jetzt trinken wir erst einmal einen Chai auf diesen wunderschönen Tag.«

Aus der silbernen Teekanne stieg ihr bereits ein verführerisch würziger Duft in die Nase. Er vermischte sich mit dem süßlichen Geruch der blühenden Stauden, die in großen Steinbottichen gepflanzt waren.

Endlich befand der königliche Waffenbaumeister, dass der Tee lange genug gezogen hatte und füllte die beiden Gläser mit der dampfenden, dunkelbraunen Flüssigkeit. Dann nahm er unter Dinahs gespanntem Blick das Tuch von dem geheimnisvollen Gegenstand. Doch auch nun, wo sie ihn betrachten konnte, verstand Dinah nicht, was es mit dieser Ansammlung von Metallteilen und dem glänzenden Rädchen auf sich hatte, auf der oberhalb ein filigraner Schmetterling angebracht war. Sie beugte sich vor, um besser sehen zu können, und beobachtete Abdi dabei, wie er die Apparatur behutsam auf eines der Teegläser setzte.

Nach kurzem Zögern begann das kleine Rad sich wie von Geisterhand zu drehen. Zwei Stäbchen führten davon über kleine Übersetzungsrädchen zur Unterseite der Schmetterlingsflügel, die nun schlugen, als würde das metallene Insekt jeden Moment abheben.

Entzückt klatschte Dinah in die Hände, und Abdi strahlte über das ganze Gesicht.

»Wunderbar! Wie hast du das gemacht?«, rief sie. Sie liebte es, seine Basteleien zu betrachten. Aber noch mehr liebte sie es, ihre Mechanismen zu ergründen.

»Das ist ein Motor, der die Wärme unseres Chais als Antriebsquelle nutzt«, verkündete der Meister stolz.

Dinah zog überrascht die Luft ein. »Ein Motor ohne Feuer und Dampf?«

Abdi nickte lächelnd.

»Erzähl mir alles darüber!«, bat sie und hing an seinen Lippen, als er ihr die Funktionsweise erklärte von der Kammer mit dem sich ausdehnenden und wieder verdichtenden Gas, in der sich eine Platte als Verdränger über dem Teeglas auf und ab bewegte, bis hin zu dem auf Hochglanz polierten Schwungrädchen. Dieser Mechanismus hätte völlig ausgereicht, um Dinah in Verzückung zu versetzen. Damit, dass der Motor einen Schmetterling scheinbar zum Leben erweckte, hatte Abdi noch eins draufgesetzt.

»Das ist ja unglaublich! Du hast dich wieder einmal selbst übertroffen!« Während Dinah den kleinen Motor beobachtete, hatte sie plötzlich eine Idee. »Das Rädchen erinnert mich an mein Spinnrad. Mutter besteht noch immer darauf, dass ich mich mit Handarbeiten beschäftige und gibt mir ständig neue Aufgaben.« Bei diesem Gedanken rollte sie genervt mit den Augen. »Könnten wir mein Spinnrad nicht mit solch einem Motor ausstatten?«

Abdi lachte laut auf. »Ich bin gerade dabei, verschiedene Anwendungsmöglichkeiten zu prüfen. An ein Spinnrad hatte ich nicht gedacht, aber bring es morgen mit. Dann überlegen wir uns etwas«, sagte er und zwinkerte ihr zu.

Dinah jubelte und umarmte ihn. Mit einem motorisierten Spinnrad würde ihr die Handarbeit vielleicht sogar Spaß machen.

Sie schwatzten noch eine ganze Weile über Abdis Erfindung und was man damit alles antreiben könnte, tranken Chai und genossen das lauschige Plätzchen unter dem purpurnen Stoffdach. Als die Sonne sank, bemerkte Dinah, dass es Zeit war, sich auf den Weg in den königlichen Palastgarten zu machen. Ihre Schwester Scheherazade würde dort bereits auf sie warten. Dinah verabschiedete sich von ihrem Lehrmeister und freute sich schon auf den nächsten Tag, wenn sie zusammen an ihrem Spinnrad basteln würden.

»Ich werde dir einen Diener schicken, um dein Spinnrad abzuholen.« Die beiden schmunzelten sich verschwörerisch an. Im Palast des Großwesirs, Dinahs Vaters, gab es natürlich eine stattliche Anzahl an Bediensteten, die das Spinnrad zu Abdi hätten bringen können. Doch sie wollten ihr kleines Experiment erst einmal geheim halten. Denn Dinas Mutter hatte sich die Arbeit ihrer Tochter am Spinnrad gewiss anders vorgestellt.

Sie drückte Abdi zum Abschied und lief dann gut gelaunt durch die Werkstatt und die steinernen Treppen hinunter. Zum Palastgarten war es nur ein Katzensprung. Schah Rayâr war darauf bedacht, alle wichtigen Menschen des Hofes und seine Berater stets in greifbarer Nähe zu haben. Und auch wenn Abdi sich nicht nur mit dem Bau von Waffen und Kriegsgerät beschäftigte, so hielt doch jeder im Reich große Stücke auf ihn und seine Fähigkeiten. Kein anderer im Dienst des Königs hätte sich so viele Spielereien erlauben können wie Abdi.

Beschwingt von dem schönen Nachmittag betrat Dinah die Pairidaeza. Dinah konnte es kaum erwarten, die Füße im kühlen Wasser dort zu baden. Gerade an solch heißen Tagen gab es kaum einen verlockenderen Ort in ganz Samarqand.

Der große, rechteckige Garten war zwischen den königlichen Privatgemächern und dem Regierungsgebäude mit seinen Empfangs- und Verhandlungssälen und den Unterkünften für hohe Staatsbesuche eingebettet. Erst einmal war Dinah dort drinnen gewesen. Sie erinnerte sich an die farbenprächtigen Mosaike in der Empfangshalle, die dem Gemach ihrer Schwester an Prunk und Raffinesse in nichts nachstand. An der Vorder- und Rückseite begrenzten jeweils zwei hohe Steinmauern mit großen Holztoren das weitläufige Areal, von denen die der inneren Mauern meist offenstanden. So boten die Durchgänge schattige Plätzchen für die Soldaten der königlichen Garde, die die Pairidaeza mit grimmigen Gesichtern und geschliffenen Säbeln bewachten. Als sie Dinah erblickten hellten sich ihre entschlossenen Mienen kurz auf. So mancher der Gardisten hätte ihrer hübschen Erscheinung nur zu gerne den Hof gemacht. Doch als Tochter des Großwesirs und Schwägerin des Königs war Dinah die wohl begehrteste junge Frau des Reiches. Für einen einfachen Soldaten kam es deshalb nicht infrage, ihr schöne Augen zu machen. Und so senkten sie stattdessen ehrfürchtig den Blick und verbeugten sich zum stillen Gruß.

Dinah war es längst leid, als gute Partie betrachtet zu werden. Gerne hätte sie mit den Soldaten gescherzt, doch sie wusste, dass sie mit solch unziemlichem Verhalten nur den Unmut ihrer Eltern oder gar des Königs selbst auf sich ziehen würde. Deshalb quittierte sie die Verbeugungen lediglich mit einem zurückhaltenden Lächeln.

Dinah lief einen Weg entlang, der linker Hand durch einen Wassergraben und auf der anderen Seite von ausladenden Dattelpalmen flankiert wurde. Aus jeder Himmelsrichtung kam einer dieser Gräben. Sie durchzogen das üppige Grün, teilten es in vier Rechtecke und mündeten in einem gekachelten Bassin im Zentrum der Pairidaeza. Dort sah sie Scheherazade schon von Weitem sitzen. Ihr violettes Kopftuch harmonierte märchenhaft mit den Grün- und Blautönen, die das Innere des Gartens beherrschten. Denn die Stauden, die in allen Farben des Regenbogens blühten, hielten sich ringsum an die Mauern gedrängt, wo sie ein bisschen Schatten ergattern konnten und überließen das Herz des Pairidaeza Palmen, Papyrus und Wasserspielen.

Dinah hätte ihre Schwester malen mögen inmitten dieser Idylle, doch dazu fehlte ihr die künstlerische Begabung. So hielt sie einen Moment inne, um sich das Bild einzuprägen. Eine friedliche Stille lag über der Szenerie. Nur die gelegentlichen Rufe der blauen Pfaue, die durch den Garten stolzierten, waren zu hören. Schah Rayâr hatte die Tiere als Geschenk von einem Maharadscha bekommen. In dessen Heimat galten diese schillernden Vögel als heilig. Ein Schmunzeln huschte über Dinahs Gesicht, als sie an den Fauxpas des hohen Gastes dachte. In Samarqand waren Pfaue ein Symbol der Unvollkommenheit, da ihre prachtvoll gefiederten Körper auf solch unschönen Füßen ruhten, und auch ihre Flugfähigkeit eines Vogels unwürdig war. Schah Rayâr hatte damals eines der Tiere sogleich schlachten und dem Maharadscha zum Abendessen vorsetzen lassen. Doch nach diesem Denkzettel hatte ihr Schwager Größe bewiesen und den restlichen Pfauenvögeln im Palastgarten eine neue Heimat geschenkt.

Kapitel 2

Ihre Schwester Scheherazade blickte erst auf, als Dinah sie von hinten umarmte. Sie sah aus, als hätte sie in der letzten Nacht kaum geschlafen. Der Grund dafür war wohl das kleine Bündel, das in ihren Armen lag. Dinahs kleiner Neffe hatte die Augen geschlossen und schlief wohlig in ein Tuch gekuschelt auf dem Schoß seiner Mutter. Dinah setzte sich zu den beiden auf eine Decke, die ihre Schwester ausgebreitet hatte. »Hallo Zayriddin«, flüsterte sie und streichelte dem Baby sanft über die rosige Wange.

»Jetzt schläft er selig«, meinte Scheherazade mit schiefem Lächeln. »Heute Nacht wollte er davon nur wenig wissen.« Liebevoll schaute sie ihr Kind an. So einem perfekten kleinen Geschöpf könnte man wohl auch dann nicht böse sein, wenn es einen um den Schlaf von tausendundeins Nächten brächte.

»Welche Geschichte hast du heute für mich?«, fragte Scheherazade.

Dinah hatte sich schon immer gerne Märchen und Abenteuer ausgedacht, doch dass das Geschichtenspinnen einmal einen so wichtigen Teil in ihrem Leben einnehmen würde, hätte sie niemals erwartet. »Denkst du denn wirklich, dass das noch notwendig ist, jetzt, wo du dem König sogar einen Thronfolger geschenkt hast?«, fragte Dinah skeptisch.

»Wenn ich das nur wüsste!« Ihre Schwester zuckte hilflos mit den Schultern. »Es stimmt schon, Rayâr ist ganz vernarrt in den Kleinen.« Sie lächelte nachdenklich, während sie das Bündel in ihrem Arm betrachtete. »Eigentlich kann ich nicht glauben, dass er im Stande wäre, Zayriddin die Mutter zu stehlen.« Scheherazades Blick verdunkelte sich. »Doch ich möchte es nicht darauf ankommen lassen.«

Beruhigend legte Dinah ihr die Hand auf die Schulter. Natürlich würde sie ihr auch heute wieder eine Geschichte liefern, mit der sie die Neugierde ihres königlichen Gemahls aufrechterhalten konnte.

»Aber da fällt mir etwas ein«, wechselte Scheherazade plötzlich das Thema. »Wie ich höre, kannst du dich inzwischen kaum noch retten vor Verehrern.« Sie zwinkerte verschmitzt, während Dinah die Nase krauszog.

»Ach, Schwester, davon will ich gar nichts hören!«

Scheherazade kicherte. »Sei unbesorgt, ich werde dir ein Geheimnis verraten über die Männer.«

Dinah horchte auf.

»Unsere Großmutter hat mir einst erzählt, wie man einen guten Mann erkennt. Und dieses Wissen gebe ich nun an dich weiter, kleine Schwester.«

Dinah strebte nicht im Geringsten danach, sich einen Mann zu suchen. Es nervte sie viel mehr, wenn ihre Mutter ihr immer wieder mit bedeutungsvoller Miene erzählte, welcher wohlhabende oder einflussreiche Herr im Dunstkreis des Palastes noch ledig war. Richtig schlimm wurde es, wenn der Betreffende sich auch noch nach ihr erkundigt hatte, was in der letzten Zeit immer öfter passierte. Plötzlich kam ihr Khan Bassam in den Sinn. Er war der Einzige, der bisher Dinahs Interesse geweckt hatte. Der berüchtigte Wüstenkönig tauchte immer wieder zu verschiedenen Gelegenheiten in der Stadt auf und versetzte die Samarqander in Aufruhr. Als sie ihm bei den letzten Schaukämpfen begegnet war, hatten sie sich sogar kurz unterhalten. Dinahs Mutter hatte ihr deshalb eine furchtbare Szene gemacht. Schnaubend schob Dinah den Gedanken an ihre Standpauke über Schicklichkeit und den richtigen Umgang für eine Dame von Rang beiseite und wandte sich wieder ihrer Schwester zu. Wenn das Geheimnis von ihrer Großmutter kam, dann wollte sie es auf jeden Fall erfahren. Denn sie war eine kluge und gewitzte Frau gewesen, die es mit ihrer forschen und ehrlichen Art auch in Kauf genommen hatte, in den noblen Kreisen, in denen sich ihr Sohn als Großwesir bald bewegt hatte, hier und da anzuecken. Neugierig beugte Dinah sich vor und fixierte Scheherazade, die sich augenscheinlich alle Mühe gab, ein wichtiges Gesicht aufzusetzen.

»Großmutters Rat ist so simpel wie genial: Wenn du wissen willst, was ein Mann für ein Liebhaber ist, dann beobachte ihn dabei, wie er einen Granatapfel isst. So wirst du es erkennen.«

»Einen Granatapfel?«, fragte Dinah ungläubig nach, und Scheherazade nickte mit ernster Miene.

Sie wusste selbst nicht, was für eine Art von Geheimnis sie eigentlich erwartet hatte, doch dieser angebliche Granatapfeltest verblüffte sie völlig. Wollte Scheherazade sie auf den Arm nehmen? Dinah zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.

»Schau mich nicht so ungläubig an!«, rief Scheherazade. »Sei lieber froh um den Rat. So kannst du dir auf einfache und schlaue Art eine Enttäuschung ersparen.« Sie kicherte in sich hinein.

»Hast du Schah Rayâr auch diesem ominösen Test unterzogen, bevor du ihn geheiratet hast?«

»Also bitte!« empört sich Scheherazade nun. »Er ist der König und deshalb über jeden Zweifel erhaben!«

»So, so«, antwortete Dinah grinsend. »Da hast du ja Glück gehabt«.

Dinah war versucht, das Ganze als Quatsch abzutun, doch wenn ihre Großmutter das wirklich gesagt hatte, dann war vielleicht etwas Wahres dran, egal wie lächerlich es klang.

»Guten Abend, verehrte Damen!«, ertönte plötzlich eine Männerstimme hinter ihnen. Dinah drehte sich um und erkannte Khan Bassam, der wie selbstverständlich durch die Pairidaeza auf sie zuschritt. Gerade hatte sie noch an ihre letzte Begegnung gedacht, doch dass sie ihn so bald wiedertreffen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Erst nach endlosem Betteln hatte sie ihren Vater vor ein paar Tagen zu den Schaukämpfen in der Stadt begleiten dürfen. Dort war auch Khan Bassam mit einigen Gefolgsleuten im Publikum aufgetaucht. Die meisten Zuschauer hatten deren Anwesenheit für interessanter befunden als die Kämpfe selbst. Und wenn Dinah ehrlich war, war es ihr nicht anders gegangen. Schließlich galt sein Volk zwar als roh und brutal aber auch als stark und geheimnisvoll. Das Getuschel war allgegenwärtig gewesen, und jeder schien etwas über ihn zu sagen gehabt zu haben. Zum Beispiel, dass er in einem magischen Palast wohne, der nicht gefunden werden kann, und dass sein Volk in der Lage war, mit Tieren zu sprechen. Insgeheim freute Dinah sich, ihn wiederzusehen. Doch in dieser vertrauten Umgebung wirkte er in seiner braunen Lederrüstung wie ein unerhörter Eindringling, und eine unterschwellige Bedrohung ging von ihm aus.

Khan Bassam ignorierte die erschrockenen Gesichter der Schwestern. Als er sie erreicht hatte, verbeugte er sich tief und setzte dabei ein Knie auf den sandigen Boden.

»Verehrte Scheherazade, eure Schönheit übertrifft die Erzählungen, die mir zu Ohren gekommen sind, bei Weitem.« Dann wandte er sich dem Baby zu. »Und welch eine Ehre, dass ich den kleinen Thronfolger Zayriddin auch gleich kennenlernen darf.«

Dinah beobachtete den Wüstenkönig irritiert. Er bewegte sich hier so selbstverständlich. Aber wäre er im Palastgarten nicht willkommen, so hätten die Wächter an den großen Pforten ihm sicherlich den Zutritt verweigert. Vermutlich bestand gar kein Grund zur Sorge. Und außerdem gab Khan Bassam sich überraschend galant.

»Meine teure Dinharazade«, wandte er sich nun an sie und ergriff ihre Hand. Überrumpelt zuckte sie zusammen und schaute ihn verdutzt an. Khan Bassams kinnlanges, gewelltes Haar, war so schwarz wie seine funkelnden Augen, die sie nun eindringlich anblickten. Sein Gesicht war ebenmäßig, die Züge fast sanft. Doch der Schatten an seinen Wangen, der verriet, dass die letzte Rasur schon ein paar Tage zurücklag, und eine kleine Narbe, die sich schräg über die rechte Augenbraue zog, verliehen ihm eine Spur von Verwegenheit.

»Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, Euch wiederzusehen.« Dabei senkte er den Kopf, doch anstatt den Handkuss nur anzudeuten, streifte er mit Nase und Lippen sanft über ihren Handrücken. Dinah zog scharf die Luft ein, und Khan Bassam beantwortete ihre Empörung mit einem unschuldigen Lächeln. Der Blick seiner schwarzen Augen hielt ihren fest. Und sie vergaß darüber völlig, ihre Hand zurückzuziehen.

»Was führt Euch zu uns?«, erkundigte Scheherazade sich. Ihre Stimme brach den Bann, und endlich lösten sich die beiden voneinander.

Khan Bassam setzte sich unaufgefordert zu ihnen und holte ein Holzkästchen und ein golden glänzendes, verziertes Fläschchen aus seiner Ledertasche.

»Ich habe Euch etwas mitgebracht, Königin Scheherazade.« Interessiert betrachtete sie seine Gaben. »Was ist das?«

In diesem Moment löste Khan Bassam ein weiteres Fläschchen von seinem Gürtel, öffnete es und legte es hinter sich in den Sand. Für Scheherazade war es wohl durch den Wüstenkönig verdeckt, doch Dinah beobachtete, wie etwa ein Dutzend Skorpione, die aus den Weiten des Gartens zu kommen schienen, auf das Fläschchen zu krabbelten. Die kleinen Tiere lösten sich an der Öffnung in blauen Dunst auf, der in die Flasche hineinzog.

Sie hielt den Atem an. Spannung kribbelte durch ihren ganzen Körper. Die Geschichten, die man über das Wüstenvolk und deren geheimnisvollen Bräuche und Geister erzählte, waren tatsächlich wahr! Die Leute sagten, das Getier der Wüste sei ihre mächtigste Waffe. Doch Dinah hatte sich darauf bislang keinen Reim machen können.

»Ich möchte Euch bitten, das Kästchen erst später zu öffnen. Darin ist lediglich ein Gesuch, das Euer Gemahl und Ihr in Eurer bekannten Weisheit und Güte bitte prüfen möget. Außerdem befindet sich darin eine Brieftaube, mit der Ihr mir Eure Antwort übermitteln könnt.«

Scheherazade runzelte misstrauisch die Stirn. »Ich werde die Kiste natürlich von unserem Waffenbaumeister untersuchen lassen, bevor sie zu Schah Rayâr gebracht wird.«

Khan Bassams Lächeln war unverrückbar, und Scheherazades Worte schienen ihn ehrlich zu belustigen. »Natürlich.«

Er drehte sich kurz um und nahm das Fläschchen mit den geisterhaften Skorpionen wieder an sich, verstöpselte es sorgfältig und hängte es zurück an seinen Gürtel. Dinah bemerkte interessiert, dass sich dort noch zwei weitere solcher Fläschchen befanden.

»Was war das?«, platzte Dinah heraus. Sie musste ihn einfach danach fragen. So etwas wie diese Skorpione hatte sie noch nie gesehen.

Khan Bassam legte den Kopf schief und erwiderte ihren Blick. »Diese Fläschchen hier meint Ihr?«, erkundigte er sich mit Unschuldsmiene. Dinah hatte das deutliche Gefühl, dass er versuchte, sich vor einer Antwort zu drücken.

Sie nickte ungeduldig, während Scheherazade überrascht zwischen ihnen hin und her blickte.

»Ich hätte wissen sollen, dass sie Eurem aufmerksamen Auge nicht entgehen«, meinte er lächelnd.

»Nun?«, fragte Dinah stur nach.

»Darin sind Flaschengeister«, gab er schließlich zu.

»Ihr dringt in den Palastgarten ein und tragt dabei magische Waffen an Eurem Gürtel?«, schaltete sich Scheherazade nun wieder in das Gespräch ein. Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen und machte ein Gesicht wie eine strenge Mutter. Die Rolle beherrschte sie schon jetzt ausgezeichnet.

»Aber, verehrte Königin«, antwortete Khan Bassam in beschwichtigendem Tonfall. »Nicht alle Flaschengeister sind Waffen. Viele von ihnen haben völlig andere Fähigkeiten.« Mit diesen Worten schob er das Fläschchen, das er zusammen mit der Holzkiste ausgepackt hatte, näher an Scheherazade heran. Es ähnelte jenen, die an seinem Gürtel hingen, nur dass es kunstvoll verziert war.

»Was ist das?« Nun konzentrierte auch Scheherazade sich auf das Fläschchen, das zwischen ihnen auf dem Boden stand und im Sonnenlicht golden glänzte.

»Das ist ein Flaschengeist. Ihr könnt ihn ebenfalls gerne überprüfen lassen, doch ich versichere Euch, dass seine Absichten gänzlich friedlicher Natur sind.« Khan Bassam hob lachend beide Hände, als wolle er sich ergeben. Sein Charme besänftigte ihre Schwester. Hätte sie gerade ebenfalls die Skorpione gesehen, würde sie sich bestimmt nicht so leicht um den Finger wickeln lassen und hätte längst um Hilfe gerufen.

»Aber …«, setzte sie erneut an.

»Gleich, Dinah«, würgte ihre Schwester sie ab. Khan Bassams Geschenk hatte ihr Interesse geweckt.

Unbehaglich schaute Dinah sich nach den Wachen um.

»Und was kann er?«, wollte Scheherazade nun wissen.

»Er ist ein fantastischer Geschichtenerzähler. Zwar wird er bestimmt Mühe haben, mit Dinharazades Fantasie und Erzählkunst mitzuhalten, doch ich denke, er wird während ihrer Abwesenheit trotzdem ein würdiger Ersatz sein.«

Entsetzt schauten die beiden Frauen ihn an, und Scheherazade schlug sich gar die Hand vor den Mund. Wie konnte Khan Bassam von ihrem Geschichtengeheimnis wissen? Und wieso ging er davon aus, dass Dinah Samarqand verlassen würde?

»Woher?«, stammelte die Königin.

Khan Bassam winkte ab.

»Ich bitte Euch, Majestät, verschwendet diesen wunderschönen Tag nicht mit einfältigen Fragen. Das steht Euch nicht gut zu Gesicht.« Der Wüstenkönig umfasste sein Knie mit beiden Händen und lehnte sich selbstgefällig zurück. Er genoss die Verwirrung, die er gestiftet hatte, sichtlich.

»Mit Verlaub, verehrte Scheherazade«, ergriff er wieder das Wort, »nur ein Narr könnte auf die Idee kommen, Euch töten zu lassen, wenn er sich stattdessen auch einfach jeden Tag aufs Neue an Eurer Schönheit erfreuen könnte. Noch dazu wo Ihr dem König jetzt auch noch einen solch prächtigen Erben geschenkt habt.«

Er beugte sich vor und fixierte Scheherazade, die während seiner Worte förmlich erstarrt war und seinen Blick ohne jede Regung wie eine steinerne Maske erwiderte. »Und Euer Schah ist doch wohl kein Narr, oder?«

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
12 noyabr 2024
Həcm:
230 səh.
ISBN:
9783958694736
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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