Kitabı oxu: «Totensteige»
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Verlagspic

Brief
Hamburg, im Januar 2011
Liebe Lisa,
seit wir uns auf der Buchmesse kennengelernt haben, denke ich oft an dich. Die Art, wie du dich in alles einmischst, imponiert mir. Ich hab schon verstanden, dass du nicht furchtlos bist, sondern eher stur – aber gerade das gefällt mir. Ich finde, wir brauchen Menschen, die hartnäckig Lügen und Gemauschel aufdecken, inneren und äußeren Widerständen trotzen, sich ein Gefühl für Richtig und Falsch bewahren. Und dabei ihren Humor nicht verlieren. Wir haben in Frankfurt viel gelacht. Gelächter ist eine Waffe gegen Fremdbestimmung, Sarkasmus eine gegen Ohnmacht. Du, Lisa, kämpfst mit beiden und machst deine Sache gut. Weiter so.
Du hast damals erwähnt, dass du überlegst, dich mit Psi-Phänomenen zu befassen, wovon ich spontan nichts wissen wollte. Bei Ariadne haben wir ja eine Art Esoterik-Sperre, weil wir diesen Spiri-Kram für ablenkend und verblödend halten. Daran hat sich grundsätzlich auch nichts geändert. Aber in letzter Zeit fällt mir auf, wie das um sich greift. Der große Vampir-Hype, der vor ein paar Jahren aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, war bloß eine Spielart des neuen Eskapismus in der trivialen Kultur. Aus dem Fernseher quellen immer mehr Serien und pseudowissenschaftliche Dokus über Geisterjäger, Botschaften aus dem Jenseits, Telepathie, Prophezeiungen – das alles hat gewaltig Konjunktur. Deshalb denke ich, du hattest vielleicht recht: Man muss sich damit doch mal auseinandersetzen. Wenn das Irrationale immer mehr kulturelle Macht gewinnt, ist irgendwas faul. Natürlich ist Aberglaube dem kapitalistischen Profitinteresse nützlicher als Ratio. Aber deshalb eine weltweite Verschwörung zu wittern wäre zu simpel: Die Realität ist nun mal kein James-Bond-Film, wo man nur einen Strippenzieher bezwingen muss.
Also halte uns bitte auf dem Laufenden über deine Recherchen. Schreib auf, was du so ausgräbst, was dir auffällt. Und wenn du nach Hamburg kommst, besuch uns mal.
Pass gut auf dich auf und sei herzlich gegrüßt
Else Laudan
Argument Verlag mit Ariadne
Titel
Christine Lehmann
Totensteige
Ariadne Krimi 1189
Argument Verlag
Copyright
Christine Lehmann bei Ariadne:
Vergeltung am Degerloch (Ariadne Krimi 1165)
Gaisburger Schlachthof (Ariadne Krimi 1167)
Pferdekuss (Ariadne Krimi 1171)
Harte Schule (Ariadne Krimi 1157)
Höhlenangst (Ariadne Krimi 1161)
Allmachtsdackel (Ariadne Krimi 1169)
Nachtkrater (Ariadne Krimi 1173)
Mit Teufelsg’walt (Ariadne Krimi 1179)
Notorisch Nerz – Storys (Ariadne Krimi 1181)
Malefizkrott (Ariadne Krimi 1185)
Totensteige (Ariadne Krimi 1189)
Zusammen mit Manfred Büttner:
Von Arsen bis Zielfahndung – Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
Christine Lehmann lebt in Stuttgart und Wangen (Allgäu), ist als Nachrichten- und Aktuellredakteurin beim SWR tätig und schreibt Romane, Kurzkrimis, Kriminalhörspiele (Radio Tatort) und Glossen.
Wolfgang Thiel (Coverfigur) ist ein Stuttgarter Bildhauer und ehemaliger Kunstlehrer der Autorin.
www.atelier-thiel.de
Deutsche Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2012
Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg
Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020
www.argument.de
Umschlag: Martin Grundmann, unter Verwendung einer Skulptur von Wolfgang Thiel
Lektorat: Iris Konopik und Else Laudan
Satz: Iris Konopik
ISBN 978-3-86754-926-4
1. Digitale Auflage 2012
Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH
Vorwort
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig, auch dann, wenn solche Personen unter Namen auftreten, die Ihnen bekannt vorkommen.
Christine Lehmann
Inhalt
Teil 1 - Das Kalteneck-Experiment
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Teil 2 - Die Straße der Toten
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Teil 3 - Ja, liebe Zuschauer, das sind keine guten Aussichten
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Teil 4 - Die Wartegg-Verschwörung
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Teil 1
Das Kalteneck-Experiment
»If even a straw could be moved by will power my conception of the universe would be altered.«
»Wenn durch Geisteskraft auch nur ein Strohhalm bewegt werden könnte, müsste meine Auffassung vom Weltall geändert werden.«
Der Physiker Michael Faraday über das Tisch rücken, vermutlich 1853
1
Der Planungsredakteur des Stuttgarter Anzeigers rief mich an und fragte, ob ich mit den Geisterjägern ins Schloss Ludwigsburg gehen könne. Die schwäbische Haunt Hunters Agency aus Sigmaringen hatte sich selbst den Auftrag gegeben, ein Gespenst aufzuspüren, und die Medien dazu eingeladen. Ich hatte keine Lust, einer Gruppe abgedrehter Geisterjäger Publicity zu verschaffen, aber es war sonst nichts los. Im Januar war noch nichts von dem passiert, was uns später in den kollektiven Wahnsinn trieb.
Es kamen drei Zeitungen und ein Filmteam des SWR. Kitty zu Salm-Kyrburg war sich ihrer Sache krachend sicher. Zu viel hatte sie schon erlebt, obgleich sie kaum die dreißig überschritten hatte: die tote Oma, der sie am Kirschbaum begegnet war, die früh ertrunkene Schwester, die am Todestag Gegenstände in der Wohnung verrückte. Und im Sigmaringer Schloss klapperte eine böse Landgräfin mit Geschirr, die dereinst ihren Gatten mit Kompott vergiftet hatte.
Kittys Augen blitzten im Scheinwerferlicht der SWR-Kamera im winterfinsteren Innenhof der Ludwigsburger Schlossanlage. Auf dem Kopf trug sie eine Schirmmütze, im schwäbischen Herzen hatte sie sich die Unerschrockenheit alten Adels ohne Besitz bewahrt, ihr Atem formierte Kältegeister. »Wir helfen nur«, erklärte sie. »Spukerscheinungen verunsichern die Menschen. Man belächelt sie, man glaubt ihnen nicht. Wir glauben ihnen und gehen der Sache nach. In der Hälfte der Fälle finden wir etwas. Geister lassen sich messen.«
»Mit dem Spuk auf Du und Du«, titelte ich im Kopf meinen Artikel.
Der Kamerascheinwerfer holte das Medium Janette ins Licht, eine schwermütige Hausfrau, deren Kinder ausgeflogen waren und die nun ihrer Bestimmung folgen konnte. »Ich spüre den Tod«, sagte sie, »das klingt seltsam, aber es ist so.« Zur Bande gehörten noch zwei Jungs mit Schirmmützen, Laptops, Mikros, Diktafon, Infrarotgeräten und Kameras. Für das Spektakel hatte die Schlossverwaltung nur die Schlosskirche und den Fasskeller öffnen wollen. Nebenan im Restaurant feierte eine Hochzeitsgesellschaft die in der Schlosskirche überstandene Trauung. Liebe lag in der Luft. Gerade war hier ein Segen gesprochen worden und zwar ein katholischer, also ein gültiger. Wird sich da ein Gespenst zeigen wollen?, fragte ich mich, während die Geisterjäger von der Bodenseeseite der Schwäbischen Alb Laptops verstöpselten und Messgeräte aufbauten.
Die Kirche war barock: hoch, aber kurz, nur ein paar dunkle Kirchenbänke lang. Gemalter Marmor, Halbsäulen, Engel und Geschnörkel wucherten, als könnte hier doch noch eine Kathedrale wachsen. Vielfältige Schatten sprangen mit jedem Schritt, den der Kameramann mit seinem Scheinwerfer machte.
Der Schlossführer plauderte von Spuk und Giftmord. Karl Alexander, der Vater von Carl Eugen, sei am Schlagfluss gestorben oder vergiftet worden. Er hauche die Besucher manchmal an. Wir hockten in den Bänken und atmeten kaum. Kitty und Janette saßen mit geschlossenen Augen in der Mitte. Es gibt Regeln, hatten wir erfahren. Stille ist eine. Warten, bis der Geist einen anfasst, bis es poltert, bis das Gaußmeter einen magnetischen Ausschlag zeigt, der kalte Hauch kommt. Dann ist er da.
Plötzlich ging das Licht der Kamera aus. Es knallte. Eine Reporterin kicherte noch. Dann Stille. Das ewige Licht am Altar war eines von zweien. Auch Kittys Magnetometer blinkte rot. Dann der Luftzug. Auf einmal stand das Portal der Kirche sperrangelweit offen.
Da fing auch ich an zu glauben. Es war dann aber doch bloß ein Wächter, der wissen wollte, wann wir fertig waren.
»Ist noch jemand hier?«, fragte Kitty nach neuerlichem Einstillen ins Barocke.
Janette zuckte, sagte: »Ja«, und drückte ein traurig-triumphierendes Lächeln in die Mundwinkel. Schande über den, der die Geisterwelt belächelt! Aber niemand lächelte in diesem Moment. Janette hob die Hand und deutete nach links in den Zwickel zwischen Apsis und Querhaus gegenüber der Orgel. Die Jungs peilten mit Kameras und Infrarotthermometern.
»Da!«, rief die Frau von der Ludwigsburger Kreiszeitung. »Da ist was!«
Ein Husch, ein Licht. Die Kameras der Haunt Hunters flashten. Sie fotografierten überhaupt unentwegt.
»Hast du hier gelebt?«, fragte Kitty.
»Ja«, sagte Janette.
Es war der Küfer, der letzte des Schlosses, der sich uns über Janette mitteilte, der Fassbauer, vermutlich betrunken.
Da war’s grad arg gschickt, dass der Fasskeller sich nebenan im Nordostflügel befand. Um dorthin zu gelangen, mussten wir nur zur Schlosskirche hinaus und rechts ins Grün. »Obacht!«, sagte der Schlossführer. Die Ludwigsburger Kreiszeitung strauchelte und fiel auf das unerwartet abschüssige Rasenstück. Dann ging es hinab in den Tannin-Brodem riesiger alter Fässer, die sich unter dem Tonnengewölbe drängten. Ein Brunnen mit einem Bacchus lachte. Jemand zupfte mich an der Jacke, aber da war niemand. Hu!
Da hörte Kitty es kratzen hinterm Brunnen und zielte mit dem Gaußmeter. Janette bekam plötzlich keine Luft mehr. Kitty zog sie aus der Brunnennische. Die Jungs tasteten mit Infrarotthermometern den Boden ab. Rote Punkte zuckten. Um den Brunnen herum war es noch mal drei Grad kälter.
Auch wenn wir uns kurz vor Mitternacht im Schlosshof nicht sicher fühlen durften, waren wir von der Journaille doch erleichtert, wieder draußen zu sein. Man hörte Autos rasen. Einige lachten schon wieder. Rasch klickten die Jungs der Haunt Hunter’s Agency ihre Bildbeute durch und spulten die Tonaufnahmen vor und zurück. Und da verging uns das Lachen. Mit triumphierendem Ernst spielte man uns die Stelle vor, als Kitty im Weinkeller ein Knistern gehört und Janette Atemnot bekommen hatte. Dumpf, aber deutlich hörten wir ein: »Ich bin Paul.«
Außerdem war uns eine Lichtkugel gefolgt. Es war nicht zu leugnen. Auf einem halben Dutzend Bildern kugelte Licht im Dunkel.
»Und dort … oh, da haben wir ihn ja!« Kittys Gesicht glänzte. »Da sehen wir ihn, unsern Paul!«
Ja wirklich. Oben links vom Altarraum, wo nur Säulengebälk hätte sein dürfen, war ein Gesicht. Auge, Nase, Mund, natürlich unscharf, aber nicht zu leugnen, nicht wegzudiskutieren.
»Gab es hier jemals einen Küfer namens Paul?«, fragte ich.
»Da müsste man in die Personalbücher schauen«, antwortete der Schlossführer.
Das hat bis heute, soviel ich weiß, niemand getan.
2
Um meinen Artikel auf eine seriöse Grundlage zu stellen, googelte ich und stieß auf das Institut für Grenzwissenschaften und Parapsychologie in Holzgerlingen. Das war ja gar nicht weit weg über die Dörfer.
Das Jahr hatte schon spukig begonnen. Beim Silvesterbesäufnis bei Bethe und Christoph waren wir ins Schauergeschichteln gekommen. Sally hatte von einem Bierseidel erzählt, der aus dem Regal sprang, als ihr Vater starb, was sie aber erst später erfuhr. Und Bethe erzählte, dass vor einem halben Jahr ihr kleiner Jan-Marcel beim Wickeln nach dem Opa gerufen habe. Aber der Opa kommt doch morgen wieder. Doch der Opa starb in dieser Nacht. Und ein paar Tage später habe Jan-Marcel beim Baden plötzlich in die Badezimmerecke hochgeschaut, gelächelt und »Opa« gesagt, »da ist der Opa!«. Bethe hatte natürlich nichts gesehen. Am Abend drauf guckte er wieder und war enttäuscht. Der Opa war nicht mehr da. Unheimlich das! Auch mit Silvesterböllern nicht wegzuknallen.
Das sollten die mir im Institut alles erklären. Ich rief dort an, um über die Sekretärin, die sich motzig meldete, einen Termin mit Institutsleiter Professor Dr. Gabriel Rosenfeld auszumachen. Montag, elf Uhr.
Wenn ich nur nie mit diesem Spukzeugs in Berührung gekommen wäre! Gern würde ich heute mein System auf den Speicherpunkt davor zurücksetzen. Auf Schwabenreporterin Lisa Nerz, aggressive Konventionsbrecherin ohne Identität, aber mit der Gewissheit, dass der Tod der letzte Punkt menschlicher Brutalität ist.
Übers Wochenende schneite es. Der Vormittagsstau auf der Autobahn nahm bei Böblingen unerwartete Ausmaße an. Dann fand ich in Holzgerlingen trotz Navi die Wasserburg Kalteneck nicht. Ich war zu spät, als ich endlich über den Holzsteg eilte und »Schwabenreporterin Lisa Nerz, ich habe einen Termin mit Professor Rosenfeld« in die Gegensprechanlage rief.
Der Eingangstür gegenüber stürzte eine steile Treppe in einen Gewölbekeller hinunter, aus dem Gruftmoder heraufstieg. Eine Kette bewahrte mich vor dem Absturz. In der Halle roch es nach frischer Farbe, feuchtem Stein und toten Blumen. Eine neue helle Treppe hatte man ins erste Stockwerk gewinkelt.
»Der Professor ist aber nicht da«, empfing mich eine sehr junge Frau hinter einem Schreibtisch mit raschem Blick zur einzigen Tür, die geschlossen war.
»Ich habe um elf einen Termin.«
»Sie hatten!« Das blonde Sonnenscheinchen an der Tastatur lächelte tückisch. Ihre Figur steckte in einem schwarzen Etuikleid mit aufgeschlitzten Ärmeln, und unterm Tisch scharrten rote Pumps mit mindestens zwölf Zentimeter langen Stielen.
»Übrigens, ich heiße Lisa«, sagte ich.
Sie stellte sich mir nicht vor. Schreibkräfte haben nie Namen. Sie war an mir auch gar nicht interessiert. Dass ich kein Mann mit Doktortitel war, senkte ihren Östrogenspiegel, und als Frau stellte ich für das Figürchen im kleinen Schwarzen keine Konkurrenz dar in meinen verschlissenen Jeans mit Bikerjacke, meinem stattlichen Kampfgewicht und den Kriegsnarben im Gesicht. So was Hässliches wie ich gehörte weggepflegt, kaschiert und ignoriert. Die Finger klapperten schon wieder, die Augen klimperten den Bildschirm an.
»Und wie heißen Sie, mein Sonnenscheinchen?«
Sie riss die Augen auf. »Desirée … äh … Motzer.«
»Schöner Name!« Ich rückte an den Tisch. Das Geschöpf wurde dünn und schmal. »Gibt es hier sonst noch jemanden? Ich war nämlich auf Geisterjagd in Ludwigsburg.«
Desirée glitschte zur anderen Seite hinter ihrem Tisch vor und sagte: »Einen Moment bitte.«
Ich bewunderte die Sicherheit ihres Laufs auf Stielen. Sie verschwand im Gang, der ins Querhaus der Burg führte. Im Austausch erschien, als hätte sie hinter der Ecke gelauert, eine Frau Mitte fünfzig mit Haar schwarz wie Teer, dunklen Mandelaugen, Gold an Hals und Handgelenken und teurer Eleganz in Blazer und Rock über perfekten Beinen mit schmalen Fesseln. Auch sie trug Absatz.
Was für ein Defilee der Damen vor der geschlossenen Tür von Professor Rosenfeld! Er musste ein ausgesprochen vielversprechender Mann sein.
»Ich bin Dr. Derya Barzani.« Sie reichte mir die Hand. »Stellvertretende Institutsleiterin. Seit Jahren interessiert sich niemand mehr für die Parapsychologie.«
»In der Not frisst der Nerz Fliegen«, sagte ich. Denn noch herrschte politisches Gähnen. Die arabische Revolution übte erst. Noch gaben sich die Atommeiler von Fukushima beherrschbar. »Ich war mit den Haunt Hunters unterwegs.«
Dr. Derya Barzani verschob verächtlich die Lippen, was den Zauber ihres Gesichts vergrößerte. »Das sind Scharlatane.«
»Ja, klar. Aber sie haben Fotos gemacht, und da war ein Gesicht drauf!«
»Gabriels … Professor Rosenfelds Schreibtisch …« Sie unterbrach sich und fingerte mit lackierten Nägeln suchend und sortierend im Köcher für längliche Bürogegenstände auf Desirées Schreibtisch herum. »… ist voll von Bildern, auf denen Geister zu sehen sind. Aber es sind nur Schatten und Lichteffekte. Wenn bei großer Blende hinten jemand vorbeihuscht, sieht es aus wie ein geisterhafter Schatten. Und die Gesichtererkennungsprogramme der modernen elektronischen Kameras stellen alles deutlicher heraus, was wie ein Gesicht aussieht.«
»Okay.« Das war eine geistesklare Erklärung für das Gespenst, das seit der Nacht in Ludwigsburg in meinen Neuronen waberte. »Was suchen Sie eigentlich?«
Dr. Barzani blickte mich zerstreut an. »Die Schere … die große … aber, hm, Gabriel wird sie …« Sie unterbrach sich wieder und entschied sich, erst einmal mich abzuservieren. »Was möchten Sie sonst noch wissen?«
»Die Stimme von Küfer Paul aus dem Fasskeller, wie kommt die aufs Band?«
»Üblicherweise kommen Stimmen in Audiofiles, weil jemand ins Mikro spricht, zum Beispiel …« Sie senkte die Stimme. »Ich bin Paul!«
»Aber das wäre Betrug.«
»Es wird öfter betrogen, als man gemeinhin denkt.«
Ach so? Ich wog die Vollbluterotik der zierlichen Türkin mit Titel, Geld und Geschmack gegen die Selbstverkaufs-Offensive des Sonnenscheinchens ab. Männer mögen es jung und unkompliziert. Vermutlich hatte Desirée unlängst gesiegt und Derya beim Professor aus dem Rennen gefickt. Es herrschte Kampfstimmung. Es roch nach Blut.
»Und Sie«, fragte ich, »decken Sie nur Betrug auf, oder gibt es da wirklich etwas?«
»Sie meinen Telepathie und Telekinese. Wenn Sie wollen, mache ich einen Test mit Ihnen …«
»Was für einen Test?«
»Keine Angst, tut nicht weh.«
Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch der Schreibkraft. Die stellvertretende Institutsleiterin blickte sich suchend um und nahm dann selbst ab.
Eine Klospülung rauschte irgendwo.
»Oh!«, rief Barzani. »How do you do?« Dann sprach sie deutsch weiter. Nein, sie wisse nicht, wo Gabriel stecke. Ja, er habe vorgehabt, ihn – den unbekannten Gesprächsteilnehmer – vom Flughafen abzuholen, das wisse sie bestimmt. Sie sei aber Freitagnachmittag früher gegangen.
Desirée stöckelte herbei.
Barzani legte auf. »Hat Gabriel Ihnen was gesagt?«
Das Sonnenscheinchen hob eine Augenbraue. »Was soll er mir gesagt haben?«
»Er wollte doch Finley McPierson vom Flughafen abholen.«
Beide Frauen blickten sich nach der verschlossenen Tür um. Insgesamt gingen drei Türen und ein Gang mit weiteren Türen von dem Foyer ab, das als Empfang mit Besucherstuhl, Schreibtisch und Hängeregisterarchiv diente.
»Seit wann schließt er eigentlich ab?«, überlegte Barzani.
Der Tod kam leise die Stiege herauf und setzte sich auf den Besucherstuhl. Oder kam es mir nur so vor, weil meine Systeme immer hochfuhren, wenn etwas ungewöhnlich war? »Haben Sie keinen Schlüssel?«
Desirée zuckte mit den Achseln.
Kalteneck besaß eine moderne Schließanlage, wie ich bereits gesehen hatte, eine mit Schlüssel ohne Zacken, dafür mit Mulden auf zwei Seiten. Es bedeutete, dass die Sperrstifte im Zylinder in mindestens zwei Richtungen angeordnet waren und ich sie mit meinem Pickset und meinen bescheidenen Fähigkeiten nicht knacken konnte.
»Was gibt es da drin denn so Wertvolles?«, fragte ich.
»Daten«, antwortete Barzani. »Wir haben Tausende von Datensätzen, die, wie Sie sich leicht denken können, nicht in unbefugte Hände fallen sollten.«
Ich schaute zu den Hängeregisterschränken.
»Das da ist nur das historische Archiv. Unsere aktuellen Fallarchive sind natürlich digital verschlüsselt.«
Aber um die Schere, die sich möglicherweise dort drin befand, oder die Fallakten ging es eigentlich nicht. Die Tür an sich beunruhigte, weil sie abgeschlossen war.
»Schon versucht, den Professor anzurufen?«, fragte ich.
Desirée nickte, was Derya mit einem Augenbrauenzucken quittierte.
»Käme man über ein Fenster hinein?« Wir befanden uns im ersten Stock. Das Eis im Graben würde mich sicher nicht tragen. »Und gibt es ein Boot?«
Das Sonnenscheinchen hellte sich auf. »Ja, hinterm Haus. Aber Sie bräuchten eine Leiter.«
»Gibt es eine?«
»Gibt es.«
Frau Doktor war skeptisch. »Das ist viel zu gefährlich.«
»Dann rufen Sie den Schlüsseldienst!«
Dr. Derya Barzani strich sich das teerschwarze Haar hinters Ohr, in dessen Läppchen eine filigrane Goldrosette steckte. »Ich weiß nicht.«
Desirée zog sich schon silberne Moonboots und ein Mäntelchen über.
3
Die Wasserburg Kalteneck lag mit wachsamem Blick ins für heranrückende Heere geeignete Tal in einer dörflichen Wohngegend. Die Fensterläden waren rot gestrichen, die Wände weiß, das Fachwerk grau. Von der Straße gesehen, sah sie aus wie ein Altstadthaus, deshalb war ich zweimal vorbeigefahren. Erst wenn man an die Mauer herantrat, sah man den Wassergraben.
Gegen die angrenzenden Grundstücke mit ihren verstädterten Bauernhöfen war der Graben abgezäunt. An seinen Böschungen stand Gebüsch in Winterstarre. Mit dem Festland von Holzgerlingen war die Insel der Geister nur durch einen Steg verbunden. »Institut für Grenzwissenschaften und Parapsychologie« stand auf dem Schild. Darunter die Sprechzeiten für Beratung.
Das Boot lag hinten an einer Terrasse. Ein paar vereiste Stufen führten hinunter. Die dünne Eisdecke splitterte, als ich in die Nussschale stieg, schwarzes Wasser quoll empor. Vermutlich würde es sich rudern lassen. Nur musste man dazu Ruder haben. Wir fanden sie zusammen mit der Leiter zwischen Bierbänken und Kisten im Gewölbekeller. Ich legte die Aluminiumleiter längs und setzte mich darauf. Bei jedem Zug knackte das Eis unterm Bug. Ich ruderte unterm Steg hindurch. Straßenseitig knallte die Sonne auf die hohe weiße Wand, die mit steinernen Widerlagern verstärkt war. Die erste Reihe der Fenster lag meterhoch, an die zweite musste ich heran. Desirée hatte mir die Fenster von Rosenfelds Eckbüro gezeigt.
Schnapsidee!
Allein die Leiter vom Boot ins Wasser schieben, ausziehen und aufstellen, grenzte an Slapstick. Der Wassergraben war allerdings nicht tief. Ertrinken konnte man darin nur, wenn man sich platt auf den Bauch legte. Die Leiter stand ganz gut im geziegelten Grund des Grabens und reichte gerade bis an den Sims des Fensters, das ich mir ausgesucht hatte. Ich leinte das Boot an einer Sprosse an und versuchte, nicht ins Wasser zu fallen, als ich zur Leiter hinüberstieg. Wenn man knirschende und wippende Gestänge erklimmt, darf man nicht nachdenken. Schnell lag das Boot tief unten. Ich sah in die Gärten der modernisierten Dorfhäuser, auf Autodächer, auf die Straße. Hinter der Mauer war ein älteres Ehepaar neben dem fröstelnden Sonnenscheinchen stehen geblieben.
Um durchs Fenster blicken zu können, musste ich mich an der nackten Wand abstützen. Die Sonne machte aus der Scheibe einen Spiegel, ich sah nur mein Rübengesicht und musste mit beiden Händen das Glas verschatten.
Es leuchteten Bücherregale und Ablagen, wo die Wintersonne hinlangte. Genau vor mir, unterm Fenster, stand ein Schreibtisch. Ich blickte auf die Rückseite eines Mac-Bildschirms, Stapel wissenschaftlicher Zeitschriften, Bücher, einen Köcher mit Stiften, eine Kaffeetasse. Doch unter dem Tisch hervor ragte ein Paar khakifarbener Hosenbeine. Die Füße steckten in braunen Trekkingschuhen. Sie stießen fast an die Tür.
Sackzement!
Den ganzen Morgen hatte ich schon ein blödes Gefühl gehabt. Wie neben der Kapp. Seit mich im Oktober ein Irrer auf der Buchmesse so gut wie totgeschossen hatte, neigte ich zu Raumzeitkrümmungen. Vielleicht eine Folge des Ketamins, mit dem man mich sediert hatte, oder der vorübergehenden Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff, jedenfalls war etwas in meinem Kopf aus der Spur gesprungen und geisterte linksherum. Manchmal wusste ich nicht, wie ich von A nach B gekommen war, ich dachte, was Richard erst Minuten später sagte, oder ich hörte mein Handy klingeln, schaute auf die Anzeige, und erst dann baute sich tatsächlich ein Anruf auf und es begann zu klingeln. Solche Sachen.
Vermutlich wurde ich nur deshalb an diesem Montag, dem 31. Januar Teil dessen, was manche heute die Kalteneck-Verschwörung nennen. Hätte ich akzeptiert, dass ich zu spät zum Termin gekommen war, und wäre einfach wieder gegangen, wäre alles anders gekommen. Hätte ich nicht nachgeguckt, wäre Rosenfeld nicht tot gewesen. Das ist das Geheimnis von Schrödingers Katze und allen Psi-Phänomenen. Sie sind erst da, wenn man im System ist. Und aus diesem System komme ich erst wieder raus, wenn ich weiß, wie ich hineingekommen bin.
Auf der Leiter an der Außenwand der Burg Kalteneck handelte ich reflexartig, routiniert, fatalistisch. Lisa Nerz findet wieder mal eine Leiche. Ich krustelte mein Handy aus der Jackentasche – nicht fallen lassen! – und machte ein paar Fotos. Was draufkam, konnte ich nicht erkennen, denn die Sonne verblendete das Display.
»Sehen Sie was?«, rief Desirée Motzer vom Fußweg über den Graben.
»Ich komme runter«, antwortete ich.
Beim Absteigen von der Leiter rutschte mir das Boot unterm Steiß weg. Ich sprang ab und stand bis zum Knie im eiskalten Wasser. Die Leiter, an der ich mich festgeklammert hatte, kippte von der Wand und schlug aufs Boot. Beinahe hätte der untere Holm mir noch einen Kinnhaken versetzt. Ganz fein, wenn man alles gut im Griff hat.
Ich angelte das Boot herbei, wuchtete die Leiter drauf, watete durch brechendes Eis zu den Stufen, die straßenseitig hochführten, und machte das Boot an einem Busch fest. »Zutritt verboten«, stand außen am Törchen. »Das Betreten der Eisfläche ist nicht gestattet.« Genau genommen hatte ich die Eisfläche nicht betreten. Ich war durchgebrochen. In meinen Schnürstiefeln quatschte Wasser. Gern hätte ich wem anders die Schuld gegeben. Zum Beispiel den Schaulustigen an der Mauer. Oder dem kichernden Sonnenscheinchen.
»Ich fürchte«, sagte ich, als wir über den Steg zurück auf die Insel gingen, »der Professor liegt in hilfloser Lage in seinem Büro.«
»O Gott! Hoffentlich ist ihm nichts passiert!«
Wenn einer rücklings auf dem Boden liegt, ist ihm was passiert. Ich hätte vielleicht gleich von einer leblosen Person sprechen sollen.
Die Uhr im Fachwerkgiebel unterm Dachfirst stand auf drei nach acht, obgleich es gerade fünf nach zwölf war. Das fiel mir auf.
»Habt ihr nicht vielleicht doch einen Generalschlüssel? Oder soll ich die Tür eintreten? Andernfalls muss der Schlüsseldienst her, und zwar zügig.«
Desirée wurde plötzlich fahrig. »Ich weiß nicht … da muss ich die Frau Doktor fragen.«
»Denk nach, Sonnenscheinchen. Eine Schließanlage wie diese hat einen Generalschlüssel!«
Desirée zog krachend Schreibtischschubladen auf und wühlte. Das beste Versteck ist Unordnung.
Ich setzte mich inzwischen auf den Besucherstuhl und zog meine nassen Stiefel und Socken aus. Das Parkett war nagelneu und angenehm warm unter den Fußsohlen. Alle Wände waren weiß gestrichen, die Türen glänzten und spiegelten. Sonnenlicht ist der Feind des Gelichters.
»Ist er das?«, rief Desirée und hielt einen Schlüssel in die Höhe.
Ich schnappte ihn mir.
»Was haben Sie vor?«, rief Dr. Barzani, aus den Tiefen des Gangs herbeieilend. »Moment!«
Auch wenn die Frau Autorität war – Doktorin, stellvertretende Leiterin eines Instituts, im Kopf ein Mann –, so war sie doch auch wieder nur das Geschöpf von Männern. Und Männer wollen hören, wenn Frauen kommen, am Klacken der Absätze, am Rascheln der Röcke, am nylonzarten Aneinanderreiben der Oberschenkel.
»Ich kann auch gleich die Polizei rufen.« Bei Akademikern half, wie bei anderen Menschen auch, das Vorhalten von harten Alternativen.
Sie schwieg.
Der Schlüsselschlitz nahm den Schlüssel in Empfang wie eine gut geschmierte Möse. Das Schloss drehte sich widerstandslos. Allerdings ließ sich die Tür nicht mehr als eine Handbreit öffnen. Auf der anderen Seite bremsten Füße in Trekkingschuhen. Es roch nach Eisen. Nach Blut. Es hatte die ganze Zeit hier schon nach Blut gerochen, ich hatte es nur falsch interpretiert. Im Hinterstübchen schaltete ich auf Tatort um. Keine Spuren verwischen. Mit der Hand zog ich erneut mein Handy aus der Tasche und stellte das Display auf Spiegelmodus. Mit dem Arm kam ich gerade so durch den Türspalt.
»Was ist? Was machen Sie da?«, fragte Barzani hinter mir.
Im Spiegel sah ich die khakifarbenen Hosenbeine und … Ich musste ausschnaufen.
Der Tote sah aus, als wäre ein Raubtier beim Fressen gestört worden. Gedärm, Nieren, Leber und Magen matschten herum, aus dem Brustkorb ragten Knochen. Die Leibeshöhle klaffte. Mit dem Kopf lag er neben dem Radkranz des Schreibtischstuhls im Schatten des Tischs. Zuerst dachte ich, das Raubtier hätte auch seine Augen herausgerissen, dann erkannte ich, dass sie zugeklebt waren mit ockerfarbenen Vierecken, Stücken von Paketklebeband. Ein längeres Stück klebte über seinem Mund. Die Arme waren nach oben gerissen und schienen gefesselt. Ich zog meine Hand ein, um das Telefon auf Kamera umzustellen. Ich machte kleine, unauffällige Bewegungen, damit die Damen es nicht mitbekamen, und knipste fünf- oder sechsmal rasch in den Raum.
»Was ist?«, riefen Derya und Desirée mit sich überschlagenden Stimmen. »Was ist los? Ist was mit ihm?«
Desirée riss mich aus der Tür. »Lassen Sie mich durch! Ich muss …«
Ich hielt sie fest. »Lieber nicht! Wir müssen die Polizei verständigen.«
»Ist er tot?«, flüsterte Derya Barzani.
4
Den Nachmittag verbrachte ich bei Karin Becker im feuerfesten Archiv des Stuttgarter Anzeigers. Becker hatte Wikipedia und Konsorten gegenüber den Vorteil, dass sie für mich vorauswählte. Ich konnte im Keller des Pressehauses an dem grauen Tisch mit den Bildschirmen im Geviert der Hängeregisterschränke und Regale die Füße ausstrecken und mich doof stellen, während sie die Wunder der Stichwortsuche und ihrer symbiotischen Kenntnisse des Archivs vor mir ausbreitete.
»Ich habe mal die spektakulärsten Fälle der letzten fünfzig Jahre herausgesucht«, sagte sie, »Nina Kulagina, der Rosenheim-Spuk, Uri Geller. Warum müssen die Medien eigentlich immer über dieselben Fälle berichten? Wird das nicht langweilig?«
»Das sehen Sie falsch, Frau Becker. Sex ist auch immer dasselbe, aber es ist nie langweilig!«
Beckers Braue zuckte. Sie lebte mit einer männlichen Katze und drei Tageszeitungen in einer Wohnung in der Elfenstraße in Möhringen mit Blick auf den Riedsee und schaute auf eine leidenschaftliche Jugend zurück, über die sie Stillschweigen bewahrte.
»Woher der Begriff kommt, wissen Sie?« Sie schaute mir kurz in die Augen. »Para bedeutet auf Griechisch neben.«
»Eine Nebenseelenwissenschaft also. Haben Gespenster eine Psyche?«
»Erstens geht es in der Parapsychologie nicht nur um Gespenster, sondern um Hellsehen, Wahrsagen, um Fernwirkungen wie Telekinese und Telepathie, um alles, was so aussieht, als wirkten Kräfte, die nicht direkt physikalisch erklärbar sind. Und zweitens sind naturgemäß alle diese Erscheinungen an Menschen gekoppelt, die davon berichten, weil sie sie wahrgenommen haben.«
»Also Einbildung.«
»Vielleicht.« Becker legte mir den ersten Packen hin, Papier und eine DVD. »Der Fall Nina Kulagina. Sie war im Krieg in Leningrad Funktechnikerin in einem Panzer, bekam Kinder und wurde in den Sechzigern mit telekinetischen Fähigkeiten bekannt. Nur einem einzigen westlichen Parapsychologen ist es 1970 gelungen, sie zu besuchen und zu filmen.«
Die Schwarzweißaufnahmen, die Becker mir am Computer vorführte, zeigten eine frisierte Hausmutter an einem Tisch mit einem Häufchen Streichhölzer und einem Salzstreuer. Sie ließ die Hände intensiv, konzentriert, beschwörend über den Gegenständen kreisen, und die ruckten dann auf sie zu. Auch einen Kompass brachte sie zum Kreiseln.
»Mit Magneten an der Hand oder auf dem Knie unterm Tisch eine durchaus lösbare Aufgabe«, bemerkte ich.
»Hat man ihr aber nicht nachweisen können. Finley McPierson, der diese Filmaufnahmen gemacht hat, ist bei Zauberkünstlern in die Lehre gegangen. Er tritt sogar auf damit, bis heute. Er hat Kulagina allerdings nur durch die Tür filmen dürfen.«
»Finley McPierson?« Das war doch der, den Rosenfeld am Freitag vom Flughafen hätte abholen sollen. Als er den Kulagina-Film drehte, war er ein junger Mann mit wilden blonden Locken gewesen. Ein aktuelles Foto zeigte einen jetzt weißen Lockenkopf mit dicker Brille vor teichblauen Augen, hagerem Gesicht und bübischem Lachen.
»Er und Professor Dr. Gabriel Rosenfeld vom Institut für Parapsychologie in Holzgerlingen …« Sie schaute mich an.
»Rosenfeld ist tot«, sagte ich. »Seine Leiche wurde am Vormittag gefunden.«
Becker blickte mich scharf an. »Ah so, darum das Interesse.«
»Dieser McPierson, wer ist das?«
»Jahrgang 1949, geboren in Bombay, dem heutigen Mumbai, als Sohn von Diplomaten. Alte schottische Familie. Er hat in der ganzen Welt studiert, auch bei Hans Bender.«
»Und wer ist das?«
»Der bekannteste deutsche Geisterjäger. Ist Ihnen der Fall Chopper ein Begriff?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Das war 1982 der Geist in einer Zahnarztpraxis. Er hat eine attraktive Helferin mit obszönen Stimmen verfolgt, die aus Klos und Waschbecken tönten. Bender hat sich in die Untersuchung gestürzt. Doch dann haben die Arzthelferin, der Zahnarzt und dessen Frau gestanden, dass sie alles inszeniert hätten. Allerdings im Fall Rosenheim …«
Ich schüttelte wieder den Kopf.
»Das war 1967.«
»Da war ich noch im vorrationalen Zustand der Menschwerdung.«
Becker lächelte nachsichtig. »Da gingen in einer Anwaltskanzlei Leuchtstoffröhren an und aus, Glühbirnen zerplatzten. Ein Telefon wählte von selbst ununterbrochen die Zeitansage an und trieb die Telefonrechnung in die Höhe, Kronleuchter schaukelten an der Decke, Bilder drehten sich um den Nagel in der Wand. Die Stromwerke maßen starke Spannungsausschläge, ohne jedoch im Leitungsnetz tatsächlich eine Überspannung feststellen zu können. Die Polizei rückte an. Dann kam Bender. Ihm gelang es zu filmen, wie sich ein an der Wand hängendes Bild einmal um sich selbst drehte. Ein einmaliges Filmdokument!« Becker lächelte untergründig und zeigte mir ein Filmchen. Auf einem blassen Schwarzweiß-Röhrenfernseher in Benders Büro sah man unter Interferenzstreifen schemenhaft ein gerahmtes Bild, das sich plötzlich gewaltig schnell um den Nagel drehte.
»Irre!« Womöglich war doch was dran an diesen Geschichten.
»Dann passen Sie mal auf.« Becker stoppte den Film. »Ich gehe noch mal zurück und wir schauen uns das Sekunde für Sekunde an. Sehen Sie her: Eine Minute, 55 Sekunden, das Bild hängt. Eine Minute, 56 Sekunden …«
»Kein Bild zu sehen, nur unscharfe weiße Streifen.«
»Und bei 58 Sekunden …«
»Da ist es wieder. Es hängt schief auf der Ecke. Was habe ich da vorhin gesehen?«
»Das.« Becker ließ die drei Sekunden lange Sequenz noch mal laufen, und in der Tat, das Bild drehte sich so schnell, dass man nicht sah, wie es sich drehte. Es schaukelte kurz aus und hing dann schief.
»Eine optische Täuschung?«
Becker nickte mit seligem Glanz auf dem hageren Jungferngesicht. »Wir ergänzen, was wir nicht sehen, zu einem Film und sehen folglich, wie es sich dreht und ausschwingt.«
»Oha!«
»Beweis oder geniale Täuschung, das ist bei diesen Phänomenen immer die Frage. Den Rosenheim-Spuk haben insgesamt vierzig Leute untersucht. Bender hat immer die These vertreten, dass ein Spuk an eine Person gekoppelt ist und von ihr ausgelöst wird. In diesem Fall wurde eine neunzehnjährige Angestellte, Annemarie Schaberl, Tochter eines Kraftfahrers, ausgemacht. Eine junge Mutter, die in einer Beziehungskrise steckte. Bender diagnostizierte bei ihr, was er für die Kennzeichen von spukauslösenden Persönlichkeiten hielt: eine Lebenskrise, seelische Labilität, leichte Erregbarkeit, geringe Frustrationstoleranz, Gier nach Beachtung. Pubertär im Grunde.«
»So was wird heute Massenmörder. Vermutlich hat man sie … wie sagte man früher? … ständig gehänselt in der Kanzlei.« Was natürlich die Phänomene nicht erklärte.
»Wer kann das heute noch sagen?« Becker legte mir einen Spiegel-Artikel vom 15.1.1968 vor und sagte: »Der Anwalt wollte das Mädchen übrigens nicht entlassen, obgleich Annemaries Fähigkeiten …«
»… falls es ihre waren oder überhaupt Fähigkeiten …«
»… obgleich sie beträchtlichen Schaden anrichteten. Er wolle einen solchen Geist nicht gern aufgeben, wird er hier zitiert. Das hört man doch heute mit ganz anderen Ohren, nicht?«
Ich stutzte und hörte es auch. Die alte Jungfer und ich alte Kriegerin, wir lächelten uns wissend an. »Nur sagen darf man es nicht, schon gar nicht schreiben! Oder?«
»Besser nicht. Annemarie lebt noch, und der Sohn des Anwalts auch. Als sie übrigens dann doch bald darauf die Kanzlei verließ, hörte der Spuk auf. Sie bestreitet bis heute, diese Kräfte besessen zu haben und die Auslöserin gewesen zu sein.«
»Vielleicht ging der Schabernack nicht von ihr, sondern von einem Witzbold aus. Eine Lampe kann man hinter ihrem Rücken anstoßen und sagen, sie sei es gewesen.«
»Wenigstens ein Fall ist dokumentiert, wo sie selbst der Lampe den Schubs gegeben hat.«
»Na bitte!«
»Bis heute ist jedoch ungeklärt, wie sie ein Telefon dazu hätte bringen können, dass es ununterbrochen die Zeitansage anwählt, ohne dass sie den Hörer abnimmt und die Wählscheibe dreht.«
Ja, die alten mechanischen Dinger. »Oder man hätte am anderen Ende der Geschichte die Telefonrechnung manipulieren müssen.« Ich ließ die Augen über die Sammlung der Artikel gleiten, darunter eine Schlagzeile der Abendzeitung: Hexenspuk in Anwaltskanzlei. »Ja, was war die denn nun?« Ich wunderte mich. »Praktikantin, Sekretärin, Auszubildende?«
»Sie werden feststellen«, sagte Becker, »dass solche Widersprüche typisch für Berichte über parapsychologische Phänomene sind. Immer sind die Daten je nach Autor ein wenig anders, auch die Maßnahmen und Erscheinungen, die geschildert werden, variieren. Ich denke manchmal, es ist, als würde hier die gewaltige erzählerische Kraft des Hörensagens und Fabulierens durchscheinen.«
»Oho!«
»Ja, Spukgeschichten sind nämlich so alt wie die Menschheit.«
Ich schaute auf. Becker war noch durchsichtiger geworden im Lauf der Jahre, noch trockener und leiser. Die Strähne, die sich so gern aus ihrem Gebinde stahl, war grau geworden. Die Glut jahrzehntelang missachteter Kompetenz lag tief versunken in dunklen Augen.
»Alle Geschichten, die uns begleiten, sind Spukgeschichten«, sagte sie. »Die halbe Bibel erzählt von paranormalen Vorgängen, Psychokinese, Telepathie, Untoten, Geistern, Wahrsagerei. Der Koran auch, unsere Märchen ebenfalls, eigentlich alle Bücher. Immer gibt es abwegige Zufälle, die sich als Schicksal erklären, geheimnisvolle Zusammentreffen, Vorahnungen, die sich erfüllen. Alles hat Bedeutung. Und es geschehen Wunder. Leute überleben Kämpfe, die sie nicht überleben können.«
Ich hüstelte und verschwieg ihr, wie ich es Richard, sogar Sally verschwiegen hatte, dass mich derzeit ebenfalls allerlei Zufälle plagten, für die ich keine Newton’sche Erklärung hatte, von denen ich nicht einmal mit Bestimmtheit sagen konnte, ob sie geschahen.
»Übrigens war Bender selbst eine, sagen wir, mythenumwobene Gestalt. Beispielsweise fehlte ihm das Diplom seines Doktortitels als Mediziner, den er 1940 erworben haben wollte. Er hat ihn vierzig Jahre später nachgemacht. Und auch von den Nazis hat er sich nicht so ferngehalten, wie wir das heute wünschen würden. Er hat sich zwar hauptsächlich mit Psychologie und Wahrnehmung beschäftigt, aber er hat eben auch mit der SS-Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe zusammengearbeitet. Der ging es darum, den arischen Rassentypus wissenschaftlich zu untermauern.«
»Ein ebenso sinnloses Unterfangen, wie dieses ganze Teledings nachweisen zu wollen, scheint mir.«
Die Archivarin lächelte fein. »Der Beweis, dass es diese geistigen Fernwirkungen nicht gibt, ist ebenso schwer zu führen. Wenn nicht noch schwerer. Um die Fermat’sche Vermutung zu beweisen, hat man auch 350 Jahre gebraucht.«
Ich jaulte auf.
»Dabei geht es ebenfalls um den Beweis, dass es etwas nicht gibt, nämlich, dass der Satz des Pythagoras, a² + b² = c², für Hochzahlen größer als 2 keine Lösung mit ganzen Zahlen hat. Das hat man zwar gewusst, aber beweis es mal bei einer unendlichen Menge von Zahlen.«
Ich beruhigte mich wieder. »Schön, wie Sie das erklären.«
»Jedenfalls haben das Koestler-Institut in Edinburgh, wo Finley McPierson lehrt, und das Institut von Gabriel Rosenfeld in Holzgerlingen den umgekehrten und leichteren Weg gewählt und vor drei Jahren eine Million Euro ausgelobt für denjenigen, der sich mit seinen Psi-Fähigkeiten Labortests unterwirft und besteht.«
»Und haben sie den gefunden, der es kann?«
»Bisher nicht. Das hätte sicher immenses Aufsehen erregt.«
»Ganz sicher.«
»Und irgendetwas gibt es.« Beckers Lächeln war diabolisch, dann ging es Schlag auf Schlag. »1989 hat der russische Schachcomputer M2-11 den damaligen Schachmeister Gudkow mit einem Stromschlag getötet. Die Maschine hatte zweimal verloren. Ein technischer Defekt wurde nicht gefunden. 1985 haben sich in Thailand einige Dieselloks selbständig gemacht. Das hat sogar die Tagesschau gemeldet. Eine Ursache wurde nie gefunden. In Brighton hat eine Aufzugsmaschine den Aufzug rauf- und runterfahren lassen, obgleich sie keinen Strom hatte, denn das Haus wurde gerade abgebrochen. Man musste die Anlage zertrümmern. 1987 stellte sich ein PC, ein Amstrad 15-12, nachts immer wieder von selber an, sogar wenn er gar keinen Strom hatte. Er produzierte Buchstaben und Wortfetzen auf seinem Bildschirm, so als ob er träumte. Man hat das über Monate gefilmt. Und dann das Dorf Canneto di Caronia auf Sizilien. Seit Januar 2004 geschehen unheimliche Dinge. Haushaltsgeräte gehen zusammen mit Sicherungskästen in Flammen auf, auch wenn der Strom abgeschaltet ist, Autos starten von allein, Autotüren lassen sich mit Fernbedienung nicht mehr öffnen, ein Bus explodiert, Handys wählen massenhaft Nummern, die es nicht gibt. Physiker der NASA geben dem Ätna die Schuld.«
»Außerirdische wären mir lieber!«
»Eher Unterirdische. Die NASA vertritt die Ansicht, dass vulkanische Aktivitäten bei diesem Dorf hochgeladene Ionen an die Erdoberfläche treiben, die elektrische Geräte entzünden und manipulieren könnten.«
Ich langte nach der Erklärung wie eine Ertrinkende nach dem Strohhalm. Damals konnte ich noch schwimmen. »Aber gibt es auch Gespenster, Frau Becker? Geister von Verstorbenen, die herumspuken?«
5
Es war schon dunkel, als ich mich die Weinsteige in den Kessel hinunter staute und die Blitzer angrinste. »Ich kann nicht schneller, sorry.«
Die Radionachrichten beschäftigten sich mit dem Zugunglück von Hordorf auf der Eisenbahnstrecke Magdeburg-Thale, bei dem zehn Menschen ums Leben gekommen waren. Hatte der Zugführer des Güterzugs oder der des Personenzugs den Fehler gemacht, oder hatte es eine technische Fehlfunktion gegeben? Daran erinnere ich mich – die Einzelheiten habe ich gerade noch mal nachgeschaut –, vielleicht, weil mir zum ersten Mal die Formulierung »technisches Versagen« auffiel und ich über menschliches Versagen nachdachte. Wie kann Technik versagen? Was heißt überhaupt versagen? Wir sind Versager, wenn wir nicht schaffen, was wir schaffen wollen oder was andere von uns erwarten. Als Tochter habe ich versagt. Zumindest aus Sicht meiner Mutter. Ich sehe das aber so, dass ich mich befreit habe aus katholischer Höllenangst und Festlegung auf Fremdsprachensekretärin und Ehefrau.
Eine Ampel wiederum hat versagt, wenn sie nicht Rot zeigt und Züge ineinanderdonnern. Oder ihr Steuercomputer hat versagt. Oder der Programmierer, der nicht alles bedacht hat, was Technik zum Versagen bringt. Letztlich ist alles menschliches Versagen. Schlecht gebaut, schlecht gewartet. Oder? Als ich am Charlottenplatz abbog, gingen mir die Züge durch den Kopf, die sich in Japan selbständig gemacht hatten, und der PC, der nachts träumte, obgleich er keinen Strom bekam. Kann man von technischem Versagen sprechen, wenn stillgelegte Geräte nicht stillstehen?
Und wie hatte Rosenfelds Mörder überhaupt den Raum verlassen? Durch die Tür jedenfalls nicht. Durch die Fenster auch nicht. Denn er hätte das Eis im Wassergraben nicht betreten können, ohne Einbruchsspuren zu hinterlassen, deren Narben im Eis auch an diesem Montag noch sichtbar gewesen wären.
Ich brachte Charlotte Brontë in ihre Garage – »Sei brav, ja. Fahr nicht weg!« –, stieg die drei Treppen zu meiner Wohnung hinauf, warf den Computer an und schaufelte die Fotos von meinem Handy.
So ’n Hure’seich! Alles verwackelt, unscharf, verblendet, eines sogar ganz schwarz. Total vergespenstert. Auch die, die ich mit ausgestrecktem Arm durch den Türspalt ins Büro von Rosenfeld hinein gemacht hatte. Das gibt’s doch nicht! Nur ein einziges, das ich von der Leiter aus gemacht hatte, ließ immerhin Rosenfelds Beine erahnen, die unter dem Tisch hervorragten. Man erkannte die Lage der Leiche, bevor die Polizei eingetroffen war und die Tür gegen den Widerstand der Beine hatten aufschieben müssen, um hineinzukommen.
Kalte Hände strichen mir über den Nacken. Wo war ich da hineingeraten? Ich nahm Cipión und ging raus, um nachzudenken, was in doppelter Hinsicht ein Misserfolg war. Cipión war es zu nass und zu kalt auf seinen kurzen Dackelbeinen und mein Hirn taugte seit jeher nicht zum Nachdenken.
»Ich bin Freitagnachmittag etwas früher gegangen«, hatte Dr. Barzani der Polizei erklärt. »Professor Rosenfeld wollte noch zum Flughafen und dort Professor McPierson abholen.« Desirée hatte nach eigenen Angaben ebenfalls Schluss gemacht, kaum hatte Dr. Barzani das Haus verlassen. Freitagnachmittag machten alle früher Schluss. Zu der Zeit war unten in der Eingangshalle noch ein Maler damit beschäftigt gewesen, die Toilettentüren zu streichen.
Ich vermutete, dass der Professor seit Freitagabend tot in seinem Büro gelegen hatte. Es war ein klassisches Doyle/Christie-Arrangement, nur dass bei den Briten die Leichen in verschlossenen Räumen nicht derartig nach schwedischem Lustmörder aussahen. Und das Herz fehlte. Auch das hatte ich zufällig mitgehört, obgleich ich es nicht hätte hören dürfen. Aber wieso hatte derjenige, der da gewütet und die Leiche so ausgelegt hatte, dass er selbst den Raum nicht mehr durch die Tür verlassen konnte, hinterher diese Tür auch noch mit einem Schlüssel verschlossen? Vielleicht um Zeit zu gewinnen. Denn wenn ich nicht gekommen wäre, hätten die Damen womöglich noch einige Tage gewartet, bis der Gestank unerträglich wurde und Maden unterm Türritz hervorkrochen.
Als ich mit Cipión wieder in die Neckarstraße bog und mein Blick auf den von Anti-Terror-Strahlern erleuchteten Bunker der Staatsanwaltschaft fiel, klingelte mein Handy.
»Meisner!« Der Name der Staatsanwältin fiel dunkel auf die Waagschale meiner Schuld. »Wieso waren Sie wieder mal vor Ort, bevor die Polizei eingetroffen ist? Das kann doch kein Zufall sein. Langsam glaube ich an widernatürliche Kräfte.«
»Ich auch. Wenn Sie aus dem Fenster schauen, können Sie mich sehen. Ich winke.«
»Sie wissen doch, dass mein Fenster nach hinten rausgeht.« Sie schaute auf den Parkplatz mit den vom Dezernat für Wirtschaftsdelikte konfiszierten Autos von Betrügern und Steuerhinterziehern.
»Dann sind Sie zuständig? Nicht Tübingen?«
»Und ich möchte umgehend die Fotos sehen, die Sie gemacht haben. Wieso muss ich das von der Polizei erfahren, und wieso hat die es nur von einer Zeugin erfahren?«
»Sie sind nichts geworden, Frau Meisner. Es sind nur Gespenster drauf.«
»Gespenster?«
»Lichteffekte, schwarze Schatten, alles unscharf. Nur auf einem ist die Lage der Leiche zu erahnen. Ich schicke es Ihnen per Mail.«
Meisner schnaufte besänftigt. »Sie schicken mir alle!«
Die Ampel ließ mich über die Straße. »Stimmt es, dass der Leiche das Herz fehlt?«
»Dazu kann ich nichts sagen, Frau Nerz. Wir müssen das rechtsmedizinische Gutachten abwarten.«
»Wo wird er obduziert? In Tübingen?«
Das durfte und konnte sie mir sagen. »Ja.«
»Hätte man nicht den Rechtsmediziner zum Fundort bitten können? Das ist doch alles sehr merkwürdig. Die zugeklebten Augen, der zugeklebte Mund …«
»Haben Sie mir nicht gerade eben erklärt, Ihre Fotos seien nichts geworden?«
»Ich habe vorher mit einem Spiegel hineingeschaut.«
Meisner seufzte. »Aber bitte nichts in der Presse!«
»Zu Befehl. Ich habe übrigens ein ganz ungutes Gefühl«, sagte ich unbedacht, während ich nach meinem Hausschlüssel suchte.
»Ich habe immer ein ungutes Gefühl bei einer Leiche«, antwortete die Staatsanwältin.
Verdammt, wo war der Schlüssel? Eine Katastrophe bahnte sich in mir an. »Das ist irgendwas Großes! Was ganz Hässliches! Ich finde meinen Hausschlüssel nicht.«
»Wenn man was sucht, muss man den Weg noch mal von Anfang an gehen. Haben Sie ihn überhaupt eingesteckt?«
Die Gute, immer praktisch. Also zurück auf Anfang. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, wie ich vor einer halben Stunde mit Cipión meine Wohnung verlassen hatte. Leere im Kopf. Man muss sich immer an das erinnern, woran man sich nicht erinnern kann, dann ist das Problem für alle Zukunft gelöst. Das Paradoxon der Freud’schen Schulpsychologie. Lisa Nerz ist eine Neurose.
Wie soll ich jemals den Anfang finden? Meinen Moment geistiger Instabilität, wo ich Teil der Verschwörung wurde? Ich bin immer geistig instabil. Als Todt Gallion mit seinem Porsche und mir gegen den Birnbaum fuhr, hatten wir uns gestritten. Doch in der Sekunde, als er von der Fahrbahn abkam, war ich nicht mehr bei der Sache gewesen. Ich hatte an was anderes gedacht. An was? An die drückenden Schuhe? An den drohenden Geburtstag meiner Mutter? Und da war noch etwas gewesen. Ich erinnere mich plötzlich an mein Gefühl: an einen unendlichen Überdruss, an Sehnsucht nach woanders, eine kraftlose Sehnsucht ohne Ausblick. Gedankenlos und lebensunlustig befand ich mich in dieser Nacht auf einer Landstraße in einer Ehe, die nicht mehr meine war. Als ob ich kurz vergessen hätte, die Leine immer schön straff zu halten. Prompt war mein Schicksal ausgeschlenkert. Todt war tot, ich im Krankenhaus und ganz wer anderes mit ganz anderer Zukunft. Ja, immer wenn etwas passierte, was Lebenswege umkehrte, hatte ich gerade nicht richtig aufgepasst.
Plötzlich hatte ich den Hausschlüssel in der Hand.
6
Noch in der Nacht nahm die Polizei den 23-jährigen Malergesellen Juri Katzenjacob in Böblingen unter dringendem Tatverdacht fest. Am folgenden Tag erging richterlicher Haftbefehl. Auf einer Pressekonferenz teilten Staatsanwaltschaft und Polizei mit, dass der Beschuldigte am Freitag auf Burg Kalteneck im unteren Stockwerk die Toilettentüren gestrichen habe. Seine DNS habe sich nicht nur dort, sondern auch in Rosenfelds Büro gefunden. Außerdem habe man in seiner Böblinger Wohnung, die er sich mit einem Kollegen teilte, ein Paar Arbeitsschuhe mit Anhaftungen vom Blut des Opfers sichergestellt. Nach der übrigen Kleidung, die massive Blutspuren aufweisen müsse, werde intensiv gesucht. Der Beschuldigte habe zur Tat keine Angaben gemacht. Auf seinem Computer habe man reichlich Bildmaterial von Tiertötungen sowie Filme und Fotos mit wüst zugerichteten Leichen von allen Kriegsschauplätzen dieser Erde gefunden.
Die lokale Presse fand schnell heraus, dass der nette Junge von nebenan mit neun oder zehn angefangen hatte, Kaninchen die Beine auszureißen und sie aufzuschneiden. Seine Kindheit hatte er in Sigmaringen verbracht. Seine Eltern waren vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Auf glatter Strecke bei Sommers, einem Ort im Schwäbischen Allgäu, von der Straße abgekommen und gegen eine Mauer geprallt. Man sah Archivfotos eines zermatschten Autos, die Straße, eine Senke und das Schild »Totensteige«.
»Haben die braven Leute den Teufel an ihrer Brust genährt?«, fragte ein Boulevardmagazin. Das Foto zeigte einen Burschen mit in sich gekehrtem Blick und vorsichtigem Lächeln in der weißen Arbeitskleidung der Maler. Er hatte seine Lehre in dem Böblinger Betrieb gemacht, der ihn anschließend übernommen hatte. Ein netter, höflicher Mensch, sagten die Kollegen unter Kopfschütteln. Fleißig und gewissenhaft.
Was hatte ihn wohl nach Böblingen verschlagen?
Staatsanwaltschaft und Ermittler verfolgten eine restriktive Informationspolitik, und schon kurz darauf war für die Medien die Frage interessanter, wie man in Doktorarbeiten richtig zitiert und einen Minister stürzt, der uns mit seinem Charme heillos zu verwirren drohte. Ein Aufatmen ging durch die Republik, als er weg war, wir sanken zurück in die gewohnte Glanzlosigkeit und diskutierten im Fernsehen über die Frage, ob die Revolution in der arabischen Welt den Untergang der westlichen Welt bedeutete. Wie gefährlich ist die Demokratie dort, wo Diktaturen das Weltgefüge zementiert haben?
Fern aller Weltfragen steuerte Baden-Württemberg in diesen Tagen auf einen Regierungswechsel zu, was nachhaltige Aufregung in Funk und Zeitungen erzeugte.
Ich dachte schon gar nicht mehr an den Fall Rosenfeld, da klingelte mein Handy. Es war Kitty zu Salm-Kyrburg. Sie fragte, wann denn nun der Artikel über die Geisterjagd im Ludwigsburger Schloss im Stuttgarter Anzeiger erscheine. »Wir haben derzeit andre Themen«, beschied ich ihr. »Außerdem soll es eh ein größerer Artikel über Parapsychologie werden. Woher haben Sie überhaupt meine Telefonnummer?«
»Aus Facebook.«
»Hm, ja.« Da hatte ich meinen Privatsphärenschutz wohl etwas nachlässig behandelt. Andererseits war das ja auch der Sinn der Klatsch- und Tratschplattform. Gefunden werden können. »Wie gesagt … ich muss noch recherchieren.«
»Sie … Sie glauben nicht an diese Sachen. Sie sind Skeptiker.«
»Und ich lasse mich auch nicht missionieren.«
Kitty lachte mir ins Ohr. »Das läge mir fern.« Sie machte eine Pause. Wartete auf eine Antwort. Sie gehörte zu denen, die dem Verstärker von Handys jede Menge Raum gaben, sich zu einem Rauschen hochzutunen.
»Ist noch was?«, fragte ich.
»Ja, also …« Pause.
Ich machte auch Pause.
»Sind Sie noch dran?«, fragte sie.
»Ja.«
Kitty kicherte. Es war ein seltsam abwehrendes Lachen.
»Sie täten’s auch lieber telepathisch, nicht wahr?«, bemerkte ich.
»Was?«
»Reden.«
Pause.
»Dabei kommt Telefonieren der Sache doch schon relativ nah, nicht wahr. Nur dass man am Telefon nicht schweigen sollte. Da kommt der Geist nicht, da geht er, vielmehr, er legt auf.«
Wieder dieses humorlose Gekicher.
»Stellen Sie die Kuh über den Eimer, Kitty. Hat Ihr Medium, wie hieß sie noch gleich, ach ja, Janette … hat sich Rosenfelds Geist bei Janette gemeldet oder was?«
»Woher wissen Sie das?«
»Wie bitte?«
»Ich habe alles über die schreckliche Tat in der Zeitung gelesen. Wir …«
Ich unterbrach sie: »Kannten Sie Rosenfeld?«
»Wie man es nimmt. Ich war einmal bei ihm im Institut. Ich hatte ihm Bildmaterial von uns geschickt von einer PU …«
»Was?«
»Einer Parapsychologischen Untersuchung. Im Sigmaringer Schloss. Da standen wir noch am Anfang. Ich hatte mir von ihm Tipps und Unterstützung erhofft. Aber er hat es nicht einmal für nötig befunden zu antworten. Das Material zurückgeschickt hat er uns auch nicht. Da bin ich nach Holzgerlingen gefahren. Er hat mir dann ziemlich arrogant erklärt, dass wir Scharlatane wären und dem Ansehen der Parapsychologie schaden würden. Im besten Fall wären wir nur dumm und naiv, im schlimmsten Betrüger. In jedem Fall müsste man uns das Handwerk legen. Dabei nehmen wir kein Geld für unsere PUs. Wir arbeiten ehrenamtlich.«
»Dankbare Spenden werden aber sicher gerne angenommen.«
»Manche wollen eben unbedingt etwas geben. Rosenfeld hat schließlich auch kassiert. Die eine Stunde beim Professor, wo ich mich habe abkanzeln lassen, hat mich 25 Euro gekostet.«
»Ja, wir sind alle Nepper. Ich koste hundert Euro pro Stunde.«
Kitty schluckte. Der Verstärker rauschte hoch. Bei manchen Leuten sind Scherze ein echter Konversationsstopper.
»Wofür denn?«, fragte sie nach reiflicher Überlegung.
»Ihnen mache ich es gratis. Was wollten Sie mir denn nun erzählen über Ihr Medium und Rosenfeld?«
»Ja, also … Janette hatte ein Erlebnis. Ich vertraue ihr da. Janette hat etwas gespürt, sagt sie, das mit Rosenfelds Tod zu tun hat. Sie hat eine große Gefahr gespürt. Wir haben überlegt, ob wir nicht im Institut mal eine PU machen sollten.«
Ich musste lachen.
»Sie haben doch den Artikel über Rosenfelds Tod geschrieben«, fuhr Kitty fort. »LiN, das ist doch Ihr Kürzel, nicht wahr, und da dachte ich, Sie könnten …«
»Aber der Fall ist geklärt. Der Tatverdächtige sitzt ein. Ach übrigens, er soll aus Sigmaringen stammen. Kennen Sie ihn?«
Pause. »Die Eltern hatten die Bäckerei, bis zu dem tragischen Unfall. Sie hatten ihn adoptiert, als er so fünf oder sechs war.« Sie druckste.
»Was ist passiert?«
»Ich weiß nicht. Na ja, er hat sich in mich verknallt. Da war er sechzehn, siebzehn. Ich bin ja nun ein gutes Stück älter. Er hat mich auf der Straße gestellt und wollte es wissen. Ich habe ihm erklärt, dass ich einen Freund habe und so. Darauf drehe ich mich um und gehe weg. In meinem Rücken fühle ich seine Augen. Man fühlt das ja. Ich gucke mich um. Da fällt ein Blumenkasten runter, auf meine Schulter. Hätte ich mich nicht umgeschaut, hätte er meinen Kopf getroffen, und ich wäre tot gewesen.«
»Wenn man’s nur immer so genau wüsste.«
»Ich bin mir absolut sicher. Es hat auch nicht geklärt werden können, wieso der Blumenkasten so plötzlich heruntergestürzt ist.«
Ich hustete das Unheimliche zurück zu ihr. »Warum ist er nach Böblingen in die Lehre gegangen?«
»Kann ich nicht sagen. Schwierigkeiten mit den Eltern, nehme ich an. Es waren liebe, aber etwas starre Leute.«
»War bekannt, dass er tote Tiere fleddert?«
»Also mir persönlich nicht. Und ich kann mir das auch nicht vorstellen. Die Polizei wird sicher gute Gründe haben, warum sie ihn verhaftet, aber …«
»Hat sie.«
»Das ist auch nicht mein Thema. Aber wo Rosenfeld sich jetzt bei Janette gemeldet hat.«
»Und was will er?«
»Also, das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber er … also er kann nicht zur Ruhe kommen. Er hat ein großes und schreckliches Geheimnis.«
Ich kramte nach meiner Zigarettenschachtel und zündete mir eine an.
»Ich weiß«, nahm Kitty den Gesprächspfad wieder auf, »Sie halten mich vermutlich für verrückt. Wer sich wie ich seit Jahren in der Welt der Geister bewegt, merkt manchmal gar nicht, wie befremdlich das auf Menschen wirkt, die keine spirituellen Erfahrungen haben.«
»Na!« Es ärgerte mich ganz grundsätzlich, dass eine gut zehn Jahre jüngere Frau mir Erfahrungen absprach, egal welcher Art.
»Am leichtesten finden wir Lebenden Kontakt zum Geist eines Verstorbenen am Ort seines Todes.«
»Und Sie erwarten jetzt von mir, dass ich die Leute vom Institut überzeuge, dass Ihre Agentur dort eine PU machen kann?«
Pause.
»Okay«, sagte ich. »Ich werd’s versuchen. Der Spaß ist es mir wert. Allerdings geht dort derzeit niemand ans Telefon.«
7
Im Fernsehen sah ich einen Bericht darüber, wie Japan seine Kinder auf Erdbeben vorbereitet. Nach den ersten Stößen, die senkrecht verlaufen, haben sie dreißig Sekunden Zeit, unter Tischen und Decken Schutz zu suchen, bevor die waagrechten Stöße beginnen, die Häuser zum Schwanken und Fensterscheiben zum Bersten bringen. Und schon bebte in Japan die Erde und erzeugte nicht nur verheerende horizontale Stöße, sondern auch einen Tsunami, der reichlich zwanzigtausend Menschen mitnahm und vier Meiler im Atomkraftwerk Fukushima zerschlug. Am Abend war klar, dass die Kernschmelze begonnen hatte. Die zufällig für den Samstag seit langem geplante Menschenkette gegen Atomkraft zwischen Stuttgart und Neckarwestheim wurde ungeahnt enggliedrig. Und jählings begriff unsere Kanzlerin, dass ein Ereignis, dem man eine Eintrittswahrscheinlichkeit von einmal in fünfhundert oder einer Million Jahren bescheinigt hatte, auch sofort passieren konnte. Zumindest erklärte sie, dies begriffen zu haben.
»Als Physikerin hätte sie es eigentlich besser wissen müssen«, bruddelte Richard. »Und wenn ihr jetzt behauptet, ihr hättet immer schon gewusst, dass so was passieren würde, ist das natürlich genauso realitätsfern.«
»Wer wir?«
»Ihr Atomkraftgegner.« Oberstaatsanwalt Dr. Richard Weber schaltete in den zweiten Gang und warf mir einen kurzen Blick zu. »Vor dem, was jetzt passiert ist, habt ihr immer Angst gehabt. Was nur zeigt, dass das menschliche Gehirn nicht für Wahrscheinlichkeitsrechnungen gemacht ist. Wie sonst können Leute bei einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 14 Millionen glauben, sie könnten im Lotto gewinnen.«
Das ließ er mich auf der Fahrt nach Ludwigsburg wissen, wo Kollegin Meisner im bereits hochsommerlich warmen April im Seeschloss Monrepos ihren fünfzigsten Geburtstag feierte. Am Ufer spielten die Mücken, Wasser gluckste unter den Ruder- und Paddelbooten. Im Saal lärmte eine Band, was nicht nur die Raucher auf die Terrasse trieb. Richards Neigung, aus jedem Geplauder eine schwäbische Grübelei zu machen, hatte seinen – unseren – Bistrotisch zum Zentrum einer Diskussion über die Wahrscheinlichkeiten gemacht, dass jemand in einer Dissertation Fehler entdeckte oder sich in einem deutschen Atomkraftwerk eine Kernschmelze ereignete.
»Ich habe Angst vorm Fliegen«, gab eine junge Staatsanwältin in leuchtend roter Busenverpackung zu. »Dabei habe ich kürzlich gelesen, dass das Risiko für einen Absturz bei 1 zu 150 000 steht und man 67 Jahre lang ununterbrochen fliegen müsste, um …«
»Das ist eben der Grundirrtum«, sagte Richard. »Am Ende dieser 67 Jahre hätte man also garantiert einen Flugzeugabsturz nicht überlebt, denken Sie. Aber genau dieser Absturz könnte sich mit derselben Wahrscheinlichkeit auch am ersten Tag ereignen oder nach drei Monaten oder nie.«
Ich hörte nicht mehr hin, bis Meisner rief: »Also, das mit Schrödingers Katze habe ich nie verstanden! Die Katze ist entweder tot oder nicht tot, wenn man den Kasten öffnet. Das ist doch banal.«
Richards Augen funkelten erregt. »Gar nicht. Der Witz ist, dass die Katze weder tot noch lebendig ist, bevor man reinguckt.«
»Meine Katze wird auch immer fetter, wenn ich nicht hingucke«, bemerkte Meisner.
Das fanden Richards Sekretärin Roswita Kallweit und die junge Staatsanwältin zum Giggeln komisch, während der Leitende Oberstaatsanwalt Krautter verlegen lächelnd in seinem Kopf kramte, um irgendwas zu finden, was er dazu beisteuern konnte.
»Schrödingers Katze«, sagte Richard, der zwar nur Apfelschorle trank, aber zu vorgerückter Stunde übermütig wurde, »ist das Gleichnis dafür, dass die Quantenphysiker einen an der Klatsche haben.«
Meisner lachte. »So kenne ich Sie ja gar nicht … Richard!«
»Doch, doch«, sagte er. »Der Physiker Erwin Schrödinger selbst«, er schaute belehrend in die Runde der Juristen und meiner ungebildeten Kleinigkeit, »einer der Erfinder der Quantenmechanik, der Theorie von den kleinsten Teilchen im Atom, stellte 1935 fest, dass eine Theorie Schwächen hat, wenn sie davon ausgeht, dass man das Verhalten von Atomen, Elektronen oder Lichtquanten nur erklären kann, wenn man annimmt, dass sie sich beispielsweise gleichzeitig an verschiedenen Orten befinden, bevor … ich betone … bevor man anfängt zu messen. Dann nämlich ändert sich alles. Der Beobachter, also das Messgerät vergibt einen exakten Wert. Was man nicht misst, bleibt unklar. So kann man beispielsweise sagen, wo sich ein Elektron befindet, aber nicht gleichzeitig auch, welche Geschwindigkeit es hat.«
»Und was ist mit der Katze?«, fragte Roswita Kallweit besorgt. Katzen waren ihr Thema, an allen strategisch wichtigen Stellen ihres Büros befanden sich Katzenfigürchen oder Katzenbilder.
»Ja, die Katze!« Richard kannte kaum ein größeres Vergnügen, als seine Wissensschatztruhe zu öffnen. »Stellen Sie sich das so vor: Eine Katze sitzt in einer verschlossenen Kiste. Wir sehen sie nicht. Mit ihr in der Kiste befindet sich ein Apparat mit radioaktivem Material, der Zyankaligas freisetzt, sobald ein Atom zerfällt. Man weiß: Innerhalb einer Stunde kann es einen Zerfall geben oder auch keinen. Die Wahrscheinlichkeit liegt genau bei 50 Prozent.«
Kallweit und die junge Staatsanwältin nickten, LOStA Krautter starrte über sein Bier auf die Tischplatte und ließ sich seine Verunsicherung nicht anmerken. Meisner schnorrte bei mir eine Zigarette. »Ich hab’s vor zwanzig Jahren aufgegeben. Aber wenn man fünfzig wird, ist das Grab eh nicht mehr weit.«
»Da wir in die Kiste nicht hineinschauen können«, redete Richard über Meisners Lebenskrise hinweg, »wissen wir nicht, ob die Katze noch lebt oder schon tot ist.«
»Natürlich wissen wir das nicht«, rief Meisner. »Das ist banal. Wirklich! Prost, Richard!« Alle am Stehtisch hoben die Gläser. »Und wenn wir schon dabei sind … also, ich bin die Gesine. Aber das wissen Sie … das weißt du ja.«
Meisner hangelte ihren Arm durch den von Weber und die beiden wurden zu Richard und Gesine, was in Kallweit sichtlich die Furcht auslöste, auch sie müsse ihren Chef künftig duzen. Das ist das Gefährliche an Geburtstagen kurz vor Mitternacht.
Aber der Kelch ging an Roswita vorüber, denn Richard hatte es eilig, in seinem Thema weiterzukommen.
»Das ist eben nicht banal, Gesine«, sagte er. »Denn die Quantentheorie sagt: Erst in dem Moment, wo wir reinschauen, nimmt die Katze einen der beiden Zustände an. Dann ist sie entweder tot oder lebendig. Bevor wir reinschauen, ist sie beides oder gar nichts davon, sie befindet sich sozusagen in einem Schwebezustand.«
Das war jetzt nicht banal, dafür aber unvorstellbar.
»Die arme Katze!«, bemerkte die junge Staatsanwältin.
Kallweit nickte heftig.
»Ja«, sagte Richard, »Schrödinger wollte mit diesem Bild darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmen kann mit den Quantentheorien. Das fand übrigens auch Einstein.«
»Gott würfelt nicht!«, rief der Leitende Oberstaatsanwalt Krautter.
»Sehr richtig!« Richard richtete seine asymmetrischen Augen auf den Chef der Justizverwaltungsangelegenheiten bei der Generalstaatsanwaltschaft, der zu schwitzen begann. »Aber vermutlich wissen Sie nicht, was Einstein damit meinte.«
»Nun ja, Sie werden es mir bestimmt gleich sagen.«
Richard lächelte. »Einstein gefiel es nicht, dass die Quantenmechanik den Zustand der Teilchen nur mit Wahrscheinlichkeiten angeben konnte. Er fand, Zufall gehört nicht in die Physik.«
Mir gefiel das auch nicht.
»Inzwischen gibt es eine Quantentheorie, die ohne Beobachter auskommt und trotzdem funktioniert. 2004 haben zwei Mathematiker mit neuen mathematischen Gleichungen gezeigt, dass Elektronen und Quarks sehr wohl objektiv existieren. Müssen sie ja auch, denn wie könnten wir, die Beobachter – oder eben die Katze –, sonst objektiv existieren? Wir bestehen letztlich auch nur aus Atomen und …«
»Gnade!«, rief Gesine Meisner. »Es reicht. Ich weigere mich anzunehmen, dass Rosenfelds Tod irgendetwas mit Quantenphysik und Psi zu tun hat. Ich weiiiigere mich!«
»Wieso?«, flutschte es mir aus dem Mund, noch bevor ich die Dimension ahnte. Der Tumult der Party zog sich plötzlich hinter eine Lärmschutzwand zurück, die unseren Tisch umfing. Gleichzeitig verloren die Staatsmächte aus den Augen, dass ich nicht dazugehörte und sie mir gegenüber Stillschweigen hätten bewahren müssen.
»Dann ist also immer noch nicht geklärt, wie der Beschuldigte wieder aus dem Raum hinausgekommen ist«, bemerkte Krautter.
»Die Operative Fallanalyse arbeitet daran.«
»Warum hat er Rosenfeld eigentlich das Herz rausgerissen?«, fragte ich.
Richard ächzte.
»Und was sagt er zu den Steinchen?«, fragte Krautter.
»Steinchen?«, wiederholte Kallweit.
»Ja.« Meisner lehnte sich über den Tisch, der unter ihrem Gewicht wankte. »Es fanden sich Kiessteine im Blut und im offenen Leib. In Rosenfelds Ohrläppchen steckte eine Stecknadel. Verzeihung, Richard.« Sie grinste.
Er lächelte schmallippig. In der ganzen Stuttgarter Staatsanwaltschaft war bekannt, dass er empfindlich war, wenn es um Leichen ging. Deshalb hatte er sich in Verbrechen mit Zahlen verbissen. »Nun ja«, bemerkte er, um sich vor den Damen keine Blöße zu geben, »was der Kerle mit dem Herzen gemacht hat, ist unschwer zu erraten.«
Meisners Augen schwammen zu ihm hinüber. »So?«
»Er hat es zu Asche verbrannt, mit Wasser vermischt und getrunken oder einem anderen zu trinken gegeben.«
»Iiiih!«, riefen Kallweit und die junge Staatsanwältin.
»Ein alter Brauch aus Rumänien, aus Transsilvanien, genauer gesagt.«
»Ich bitte dich, Richard«, stöhnte Meisner mit großer Handbewegung, »erzähl du mir jetzt nicht, dass Rosenfeld ein Vampir war!«
»In Rumänien sagt man Strigoi. Vor fünf oder sechs Jahren habe ich in der Zeitung gelesen, dass einige Männer in einem Dorf in Rumänien ein Grab aufgemacht, dem Toten das Herz herausgeschnitten, es verbrannt und die Asche in Wasser gelöst getrunken und seinen Verwandten zu trinken gegeben haben.«
»Und wozu?«, fragte Meisner.
»Weil ein Strigoi Unglück und Tod über die Lebenden bringt.«
»Zum Glück sind wir aber in Deutschland«, bemerkte ich.
»Keine Chance, Lisa!«, antwortete Richard vergnügt. »Hier nennt man sie Nachzehrer. Man kennt sie seit Pestilenzzeiten. Da hat man erfahren, dass tote Leute, sonderlich tote Weibspersonen, im Grabe ein Schmätzen getrieben wie eine Sau …«
»Herr Dr. Weber«, mahnte Krautter. »Es sind Damen anwesend.« Damit konnte er mich nicht meinen. Es war die junge Staatsanwältin, die sein Lächeln erwiderte.
»Und bei solchen Schmätzern«, fuhr Richard fort, »hat die Pest gemeiniglich heftig zugenommen. So hat es ein gewisser Pfarrer Bohemus um sechzehnhundert festgestellt. Auch im Hexenhammer, 1486, findet sich ein Bericht von einer Frau, die im Grab ihr Leichentuch verschlinge. Die Pest, heißt es, werde nicht eher enden, als bis die Hexe das Tuch ganz verschlungen habe. Man öffnete das Grab und fand das Tuch durch Mund und Hals schon halb verschlungen. Der Schulze schlug der Toten mit dem Schwert den Kopf ab, und von Stund an hörte die Pest auf.«
»Mir ist nichts bekannt, dass in Holzgerlingen die Pest grassiert«, bemerkte ich.
»Das ist doch abartig!«, rief die junge Staatsanwältin. »Worauf Menschen so alles kommen!«
»Es ist gar nicht so verwunderlich«, erwiderte Richard und wandte sich der in Rot geschlagenen jungen Frau zu. »Damals wusste man nichts über Leichen. Aber in Pestzeiten hat man frische Massengräber immer wieder öffnen müssen. Da sah man halb verweste Leichen und den Bakterienfraß in Leichentüchern und glaubte, sie holten die Lebenden herunter. Tatsächlich starben ja auch reihenweise Menschen.«
Ein Schauer schüttelte Meisner. »Richard, ich würde gerne noch ein paar Jährchen leben!« Bisher hatte ich geglaubt, die rundliche brünette Staatsanwältin vom Dezernat Tötungsdelikte lasse sich nur von einer Bäckertheke voll süßer Stückle aus der Ruhe bringen. Und Richard wiederum konnte merkwürdig kaltsinnig über historische Kadaver sprechen.
»Luther hat sich dagegen verwahrt und …«
»Bleib mir fort mit dem elenden Wüstgläubigen!«, rief ich und bekreuzigte mich.
»Es ist durchaus bedenkenswert, Lisa, was Luther einem Pfarrer antwortete, der von einem Schmätzer im Grab berichtete, der das halbe Dorf mit in den Tod zöge. Luther meinte, nur wer daran glaube, werde dahingerafft. Es ist der Teufel selbst, der uns Menschen mit Gespenstern narrt. Wer um Vergebung der Sünden betet, wird gerettet.«
»Folglich ist Juri Katzenjacob kein Protestant«, stellte ich fest.
Meisner nickte. »Daher auch der Rosenkranz.«
»Bitte?«
»Rosenfelds Hände waren mit einem Rosenkranz gefesselt … oder umschlungen, wie man es nimmt.«
»Ja, wenn man verhindern will, dass einer zum Nachzehrer wird«, mischte sich Richard erneut ein, »muss man ihm den Mund verschließen, die Augen zudrücken und die Hände fesseln. Je Region gibt es dann noch ein paar Besonderheiten. Zum Beispiel …«
»Knoblauch!«, sagte die junge Staatsanwältin, die von der Aufmerksamkeit des Leitenden Oberstaatsanwalts verleitet wurde, ihre eigene Bedeutung zu überschätzen.
»So lesen wir es bei Bram Stoker. Töten kann man sie, indem man ihnen den Kopf abschlägt, sie verbrennt oder ihnen einen Eichenpfahl ins Herz rammt. Aber hier geht es darum, wie man verhindert, dass ein Verstorbener zum Nachzehrer wird. Und diese Maßnahmen wendet man bis heute an. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen, junge Kollegin?« Richard kriegte sie alle, vor allem jene, die glaubten, sie könnten mitreden, weil der Stellvertreter des Generalstaatsanwalts sie aus dem Kreis herausgelächelt hatte. »Augen zudrücken, Mund schließen, bei den Katholiken noch der Rosenkranz …«
»Aber Rosenfelds Augen waren nicht einfach zugedrückt, sie waren zugeklebt«, unterbrach ich das patriarchale Kleinen-Mädchen-Angst-Machen. »Sein Mund auch.«
»Und in seinem Ohrläppchen steckte eine Nadel. Als Reminiszenz ans Pfählen. Da hast du, Gesine, übrigens einen Hinweis auf das Dorf im slawisch-griechischen Verbreitungsraum des Vampirglaubens, aus dem Katzenjacob vermutlich stammt.«
»Er stammt aus Sigmaringen«, bemerkte ich.
»Nein«, widersprach Gesine Meisner. »Juri wurde im Alter von sechs Jahren aus Rumänien adoptiert. Er befand sich zuletzt in einem Bukarester Waisenhaus. Wo seine Eltern lebten, ist nicht bekannt. Aber vielleicht …« Sie überlegte. »Haben wir einen Vampirexperten beim LKA?«
Krautter gab vor, dies ernsthaft zu überlegen.
»Und der Kies«, fragte ich, »was spielt der für eine Rolle?«
Staatsanwältin Meisner richtete sich auf. »Da bin ich aber mal gespannt, Richard!«
»Ein numerologischer Trick. Man kann auch Samen nehmen. Der Nachzehrer muss sie zählen, bevor er andere Seelen verzehren kann. Weil aber ein Nachzehrer des Teufels ist, kommt er niemals über die heilige Zahl 3 hinaus, denn die kann er nicht aussprechen.«
»Hm.« Meisner legte den Kopf schief. »Und wie soll ein Nachzehrer mit geschlossenen Augen zählen? Ganz abgesehen davon, dass er ja keiner mehr ist, wenn man ihm Augen und Mund verschlossen hat.«
»Logik ist nicht das Instrument, um dem Aberglauben beizukommen, Gesine.«
Meisner stöhnte. »Na, wunderbar! Da hat uns Katzenjacob vor einem Vampir gerettet.«
Richard schmunzelte, als sei er Herr über alle finsteren Mächte dieser Welt.
»Wieso eigentlich«, überlegte ich laut, »ist Rosenfeld dem Juri Katzenjacob wie ein Nachzehrer vorgekommen? Was sagt er denn dazu?«
Meisner seufzte. »Er sagt gar nichts.«
»Habt ihr es schon mal mit dem guten alten rationalen Cui bono probiert?«, fragte Richard. »Wem nützt Rosenfelds Tod?«
»Unserem Beschuldigten jedenfalls nützt er nichts. Und du wirst jetzt nicht ein neues Fass aufmachen, Richard.«
»Könnte doch sein, dass Juri nur der Auftragskiller war«, schlug ich vor.
»Warum sollte er uns dann seinen Auftraggeber nicht nennen?«
Richard öffnete den Mund, klappte ihn aber wieder zu.
»Und zu vererben hatte Rosenfeld nur ein paar Tausend Euro«, fuhr Meisner fort. »Seine Frau hat sich vor fünfzehn Jahren von ihm scheiden lassen und in Berlin einen Staatssekretär geheiratet. Die gemeinsame Tochter ist inzwischen eine gut verdienende Journalistin beim rbb in Berlin, sie ist kinderlos und verheiratet mit dem Pressesprecher eines Konzerns. Für Peanuts geben die keinen Mord in Auftrag.«
»Und die Burg Kalteneck? Wem gehört die?«
»Einer gewissen Edmund-Gurney-Stiftung.«
»Ach«, sagte Richard.
»Rosenfeld hat sie vor zehn Jahren der Stiftung überschrieben, weil er die Renovierung der Burg wegen seiner Scheidung nicht bezahlen konnte. Davor, bis in die Achtziger, gehörte sie einem Ehepaar, das sie wiederum in den Siebzigern von einem Mann erworben hatte, der ebenfalls wegen einer Scheidung den Unterhalt nicht mehr zahlen konnte.«
»Ein Fluch liegt auf der Burg«, bemerkte ich.
»Der Mann betreibt heute in Nördlingen einen Drehorgelverleih. Er hatte die Wasserburg in völlig desolatem Zustand erworben und mit den ersten grundlegenden Instandsetzungen beginnen können.«
»Und dabei hat der Scherzbold in den Raum, wo Rosenfelds Büro untergebracht ist, eine Geheimtür eingebaut.«
»Wir haben ihn danach gefragt. Der Architekt und die Handwerker wissen auch nichts von einer Geheimtür.«
»Und wer ist Edmund Gurney?«, fragte ich.
»Ein englischer Philosoph. Mitbegründer der Society for Psychical Research in London. 1882 war das. Die erste gemeinschaftliche Anstrengung unserer Gesellschaft, den unkontrollierbaren Mächten von Zauberei, Magnetismus und Hellseherei Einhalt zu gebieten, sie aus den schummrigen Hinterstuben ins Licht der Labore und der Naturwissenschaft zu holen.« Richard griff zufrieden nach seinem Schorleglas und sagte in einem Ton, als müsse er sein abseitiges Wissen erst mühsam aus den Regalen holen: »Ich meine mich zu erinnern, dass es dieser Gurney war, der erstmals Kriterien für paranormale Erscheinungen aufstellte: Berichte nur aus erster Hand und durch einen Zeugen bestätigt. Besonders interessierte ihn das, was er Krisen-Erscheinungen nannte. Irgendwo befindet sich eine Person in einer meist tödlichen Krise und woanders sieht oder hört ihn im gleichen Moment eine ihm nahestehende Person.«
»So wie bei Sally«, bemerkte ich. »Als ihr Vater starb, fiel bei ihr ein Geschenk von ihm, ein Bierkrug, runter und zerbrach.«
»Gurney hätte gesagt: Sie hat eine telepathische Botschaft empfangen. Allerdings würde ich sagen: Nichts ist so trügerisch wie unsere Erinnerung. Wer weiß, wann Sally den Bierkrug runtergeworfen hat. War es wirklich in der Stunde, als ihr Vater starb? Oder womöglich zwei Tage vorher? Ihre Erinnerung hat dann zwei Ereignisse zusammengeschweißt und daraus eine Legende gemacht, die man gut erzählen kann. Nicht absichtlich natürlich.« Er lächelte selbstzufrieden. Entzaubern war eines seiner Hobbys.
Aber diesmal konnte er keinen Erfolg haben. Die Macht des Narrativen war zu groß.
»Ich glaube aber schon, dass es so etwas gibt«, meldete sich die junge Staatsanwältin ernst. »Mein Onkel ist mit seiner ganzen Familie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Ich war damals sieben. Drei Nächte vor dem Flug hat seine Tochter geträumt, dass ein Flugzeug abstürzt. Und die Frau meines Onkels hat es am Vorabend der Reise meiner Mutter erzählt. Meine Mutter hat sie noch gefragt, ob sie denn keine Angst hätten. Aber wer bucht schon einen Flug um, nur weil ein Kind schlecht träumt? Hätten sie mal!«
Richards asymmetrischer Blick ruhte prüfend auf der kurzhaarigen jungen Frau, die noch so viel werden wollte und der die Herren doch bloß auf die Brüste in festlich roter Verpackung guckten. »Jetzt reden Sie aber nicht mehr von Gedankenübertragung, sondern von Hellsehen.«
»Glauben Sie, meine Mutter hat sich das alles nur so ausgedacht, um mir Angst zu machen?«, fuhr sie auf.
»Wieso denn Angst?«, hakte ich ein.
»Das ist doch total unheimlich, finden Sie nicht? Ich bin mit der Angst aufgewachsen, dass ich vielleicht eines Tages den Tod meiner Eltern und meiner ganzen Familie vorhersehen würde. Und ich habe immer schon Angst vorm Fliegen gehabt.«
»Sie brauchen weder vor dem einen noch dem anderen Angst zu haben«, sagte Richard onkelhaft. »Die meisten Menschen halten Hellseherei zwar für möglich, aber gerade die ist, soviel ich weiß, von den Parapsychologen noch nie bestätigt worden.«
»Wieso nicht? Meine Mutter hat sich das nicht ausgedacht!«
»Ihre Geschichte in Ehren, und ohne Ihrer Mutter zu nahe treten zu wollen, aber die Sache ist zwanzig Jahre her. Da gilt, was für alle Zeugenaussagen gilt. Nach so langer Zeit erinnert sich ein Zeuge an gar keine Zusammenhänge mehr, und die, an die er sich erinnert, erweisen sich als falsch. Und wenn ein Mensch eine Geschichte wiederholt erzählt, erinnert er sich immer nur an die zuletzt erzählte Version. Das Original geht gänzlich verloren.«
»Ich erinnere mich aber genau, es war im Mai …«
»Sie erinnern sich an die Geschichte, die man bei Ihnen daheim erzählt. Bereits ordentlich abgeschliffen und logisch verknüpft. Ein Indiz dafür ist die Zahl 3. Warum hat Ihre Cousine drei Nächte vor der Reise von einem Absturz geträumt? Warum nicht vier? Warum nicht zwei? Und was genau hat sie geträumt? Was war Interpretation der Eltern am andern Morgen? Und welche Interpretation hat Ihre Mutter nach dem Unglück der Geschichte gegeben, die ihre Schwägerin am Vorabend der Reise am Telefon erzählt hatte?«
»Aber sie hat doch die Schwägerin sogar noch gefragt, ob sie keine Angst hätten, dass der Traum sich erfüllen wird!«
»Hat sie das wirklich?«
»Warum sollte sie das erfinden?« Die junge Staatsanwältin glühte.
Richard schlitzte den Blick. Ich sah ihm an, dass er sich in diesem Moment entschied, nicht zu sagen, was ihm auf der Zunge lag. »Es ist oftmals schwierig, sich zu erinnern, wann genau man was zu wem gesagt hat«, sagte er beschwichtigend und lenkte ab. »Auf jeden Fall ist sich kein Kind von sieben Jahren bewusst, dass gerade Mai ist. Das ist schon mal nicht Ihre eigene Erinnerung.«
Die junge Staatsanwältin schluckte.
»Mein lieber Herr Dr. Weber«, sagte Krautter, »seien Sie doch nicht so erbarmungslos.«
»Eine Freundin von mir«, plauderte Roswita Kallweit los, »die war mal bei einer spiritistischen Sitzung dabei. Da hat man den Geist eines Toten gerufen. Und er ist gekommen.«
Richard lachte ratlos.
»Wie?«, erkundigte sich Meisner. »Mit Tischrücken? Ich habe das als Studentin auch mal gemacht. Man setzt sich im Kreis um einen Tisch … so wie den hier … und alle legen die Hände darauf. Los, das machen wir jetzt. Alle müssen die Hände auf den Tisch legen … Aber vorher sollten wir besser die Gläser runternehmen.«
8
Wir verteilten Gläser, Aschenbecher und Erdnussschälchen auf zwei Steinsockeln zwischen den Geländern zum See. Die Terrasse war inzwischen weitgehend entvölkert. Am andern Ende knutschten noch zwei. Die Band hatte aufgehört zu spielen. Es schien, als sei uns das Ende der Party entgangen. Seltsam nur, dass die Gäste sich nicht von Meisner verabschiedet hatten. Aber vielleicht waren wir so in unsere Diskussion verbissen gewesen, dass man uns nicht hatte stören wollen, oder die Lärmschutzwand um uns herum hatte uns unsichtbar gemacht für die anderen.
»Und jetzt?«, fragte Krautter.
»Wir legen die Hände auf den Tisch.« Meisner spreizte ihre Finger. »So dass wir uns an den kleinen Fingern berühren.«
Der Bistrotisch wackelte schon auf seinem Ständer, als wir die Hände vor uns legten. Ich spürte Richards kleinen Finger warm und ruhig an meiner rechten und Roswitas nervöses Fingerlein an meiner linken Hand. Neben ihr stand Meisner, dann kam die junge Staatsanwältin, schließlich der Vizegeneral Krautter. Unsere Handspannen reichten zwar nicht ganz, um den Kreis zu schließen, aber nach Meisners Ansicht machte das nichts.
»Das klappt doch nie und nimmer«, sagte ich.
»Ruhe auf den niederen Rängen!«, rief Meisner. »Wir müssen uns konzentrieren.«
Die junge Staatsanwältin kicherte.
»Konzentration«, zischelte ich.
Jetzt gluckste auch Roswita Kallweit. »Mich juckt’s hinterm Ohr!«
»Und was passiert jetzt?«, erkundigte sich Krautter.
»Wir warten, bis der Geist sich meldet. So ein Schloss hat sicher einen Geist. Wenn er da ist, dann bewegt sich der Tisch. Warten wir’s ab.«
Ich dachte an Kitty zu Salm-Kyrburg und ihre Behauptung, Rosenfeld habe was zu sagen. Und ich erinnerte mich an die Geisterjagd vor zwei Monaten im Schloss Ludwigsburg, dessen Ableger das Seeschlösschen Monrepos war. Wenn das Gaußmeter blinkt und die Temperatur fällt, dann ist er da, der Geist. Die Haunt Hunters hatten etwa zehn Minuten mit geschlossenen Augen in der Kirche gesessen. Ein Geist braucht Stille. Aber worauf, zum Teufel, konzentrierte man sich?
Da spürte ich ein erstes Zucken.
»Huh!«, entfuhr es Roswita. Enten auf dem See quakten.
»Scht!«, machte Meisner und fragte mit hohler Stimme: »Bist du da, Geist? So antworte mit Ja.«
Der Tisch kippte Richtung Krautter und fiel zurück.
Roswitas Finger zuckte kurz weg, aber sie wagte es nicht, die Hände zurückzuziehen. Keiner wagte es.
»Wer bist du?«, fragte Meisner. »Nenne deinen Namen. Einmal Kippen für A, zweimal für B, dreimal für C und so fort.«
Nichts passierte. Ich spürte, was Richard dachte. Ich dachte, was er dachte. Am Ende sind wir alle so entsetzt, dass der Tisch nur einmal ruckt. Und dann haben wir nur ein A für Angst. Aber seine Sorge sollte es nicht sein. Und wie er und ich schob jeder und jede die Verantwortung von sich weg. Und nachdem das klar war, begann der Spuk.
Der Tisch kippte erneut in Richtung Krautter und der jungen Staatsanwältin. Einmal, zweimal, dreimal. Und es war der Tisch. Ich tat gar nichts. Ich schwör’s. Er war es, der sich bewegte.
»A … B … C …«, sprach erst nur Meisner, dann die junge Staatsanwältin, schließlich Krautter mit. »… E … F …«
Wo wollen die hin? Gabriel wäre Rosenfelds Vorname gewesen.
»… L … M … N …«
Tja, gar nicht so leicht, sich unter fünfen auf einen Namen zu einigen, dachte ich, weil Richard es dachte.
»… Q … R.«
Der Tisch fiel auf seine Füße und rührte sich nicht mehr.
»R«, stellte Meisner fest. »Wie lautet der zweite Buchstabe?«
Der Tisch fing brav sofort wieder an. Es flutschte. »… E … F … G …«
»Rosenfeld?«, fragte ich. »Heißt du Rosenfeld?«
Der Tisch antwortete mit einem Ruckler für Ja.
In diesem Moment veränderte sich etwas. Schloss, See, Wind und Nacht entrückten sich uns. Als ob sich eine Glocke über uns gestülpt hätte, damit wir allein sein konnten mit Gabriel Rosenfelds Geist.
»Kennst du deinen Mörder?«, fragte ich.
Der Tisch wackelte zweimal. »Nein«, sagte Meisner.
Schade!, dachte ich. Oder war es Richard, der das dachte? Er hätte es spöttischer denken müssen als ich.
»Ist Juri Katzenjacob dein Mörder?«, fragte ich, ehe Meisner was anderes fragen konnte.
Der Tisch kippte zweimal. »Nein«, übersetzte nicht Meisner, sondern Roswita Kallweit. »Er ist es nicht.«
»Kennst du das Motiv?«, fragte Meisner. »Weißt du, warum du sterben musstest?«
Der Tisch neigte sich fast zögernd der jungen Staatsanwältin und dem Leitenden Oberstaatsanwalt zu, kippte zurück auf seine Füße und blieb still stehen.
»Ja?« Meisner klang erstaunt.
Jetzt wurde es ernst. Keiner im Kreis hätte noch seine Hände heben und sich vom Tisch lösen können. Nicht einmal Richard, der, wie ich deutlich spürte oder auch nur vermutete oder hoffte, standhaft blieb und nicht eine Sekunde lang glaubte, es spräche irgendetwas anderes zu uns als wir selbst, eine Gruppe, die sich nach den Regeln der Chaostheorie selbst organisierte und dabei die Verantwortung für die Bewegung des Tischs von sich weg delegierte, weshalb jeder Einzelne von uns das eigene Zutun nicht mehr spürte. Deshalb fürchtete Richard sich auch nicht. Noch nicht.
Meisner war die Erste, der einfiel, wie wir die nächste Frage stellen mussten. »Ist das Motiv … äh … Habgier?«
Gut gefragt, dachte Richard.
»Nein«, kippelte der Bistrotisch.
»Eifersucht?«, fragte die junge Staatsanwältin fast schrill.
»Nein.«
»Neid?«, fragte ich und dachte an die stellvertretende Institutsleiterin Dr. Derya Barzani, die sich die Aussicht, Institutsleiterin zu werden, erkämpft haben mochte, wenn sie schon Rosenfelds sehnigen Körper an das Sonnenscheinchen hatte abtreten müssen. Wieso, fragte ich mich, hatte Rosenfeld bei seinem Tod Trekkingstiefel angehabt?
»Nein.«
»Hass?«, fragte die junge Staatsanwältin.
Der Tisch kippte zweimal und blieb dann still stehen. »Nein.«
»Herrschsucht?«, fragte ich.
Damit konnte Rosenfelds Geist in unseren Händen nichts anfangen. Der Tisch rührte sich nicht. Zu theoretisch, hörte ich Richard denken. Er schmunzelte dabei.
»Hat es mit deiner Arbeit zu tun?«, fragte Meisner.
Der Tisch hüpfte geradezu befreit: »Ja.«
Kurz kreiste Ratlosigkeit. Was tat ein Parapsychologe den ganzen Tag? Geisterfotos angucken, die man ihm schickte, Poltergeister mit Mikrofonen verfolgen, sich Berichte von Spukhäusern anhören, selbsternannte Medien wie das der Haunt Hunters entlarven, auf Kongressen Vorträge halten, Bücher schreiben … Was davon brachte ihn in Gefahr, ermordet zu werden?
»Hast du einen Fehler gemacht?«, fragte ich.
Der Tisch wäre beinahe umgefallen, fing sich aber und fiel zurück auf seine Ständerfüße. »Ja«, stellte Meisner fest.
Dann kippte der Tisch noch mal. »Also nein.«
»Wir kommen nicht drauf«, sagte Roswita auf ihre katzenniedliche Art. Sie legte sogar den Kopf mit den langen schwarzen Haaren schief. »Sag uns den Grund, lieber Geist.«
Die Buchstabenzählerei fing wieder an. Der Tisch schaukelte zügig. »… C, D, E …« Er tanzte regelrecht. Er machte Anstalten, uns davonzulaufen. Wir hatten Mühe, unsere Hände dranzuhalten.
»… I, J, K, L, M, N, O, P, Q …«
Was kann jetzt noch kommen?, fragte ich mich. Motiv mit R? Rache. Das hatten wir nicht gefragt. Doch schon war es vorbei. »… S, T, U, V.« Stillstand.
»V!«, rief Roswita.
Was fängt mit V an?
»Und weiter?«, forderte Meisner.
Diesmal blieb er bei E stehen.
Da hatte einer von uns eine klare Vorstellung, was gesagt werden musste. Oder hatten wir aus Verlegenheit den häufigsten Buchstaben gewählt, der alles offenließ? Der nächste Durchlauf landete bei R. »Ver…, Ver…«, murmelte Krautter.
»Verschwörung?«, fragte ich.
»Ja«, kippte der Tisch.
Das Ergebnis hatte jetzt ich vorgegeben. Interessant. Dabei war ich gar nicht der Typ, der die Truppen hinter sich scharte und auf ein gemeinsames Ziel einschwor. Ich kannte mich nur als Einzelgängerin. Ich war der Querschläger in jeder Runde. Meine Frage nach der Herrschsucht als Grundmotiv allen mörderischen Handelns hatte das Kollektiv ignoriert. Nicht verstanden.
»Verschwörung? Was für eine Verschwörung denn?«, fragte Meisner verärgert.
Hatte ich das Wort Kalteneck-Verschwörung an diesem Abend gebraucht? Nein. Den Titel hat die Angelegenheit erst später von der Presse bekommen. Damals dachte noch niemand an eine Verschwörung. Man hatte Juri Katzenjacob verhaftet, den Malergesellen mit emotionalen Defiziten und perversem Interesse für blutige Leichen. Oder wusste einer in der Runde mehr? Andererseits dachten wir immer gleich an Verschwörung, wenn etwas aus dem Ruder lief.
Der Tisch kippelte herum und blieb plötzlich stehen. Niemand hatte mitbuchstabiert. Doch, einer: Richard. »N«, sagte er.
Ich war erleichtert. Also war ich es nicht, die hier insgeheim lenkte.
Der nächste Buchstabe war wieder ein E, das alle Optionen offenließ. Der dritte lautete U.
»Neu«, sagte Krautter.
Der Tisch nahm seine Sprünge wieder auf. Ich hörte kaum hin.
»S!«, rief die Runde.
Dann kam ein C, schließlich das H.
Ein kalter Windstoß riss an Roswitas langem schwarzem Haar, die junge Staatsanwältin fröstelte plötzlich in ihrem roten Busenwunder, und ich hörte jemanden – und es war keiner von uns – wispern: Neuschwanstein.
Der Tisch schien nun außer Rand und Band. Er hüpfte uns fast unter den Händen fort. Meisner lachte. Aber das beeindruckte ihn nicht. Er war in Fahrt und nicht zu bremsen, und bis zum W war es weit. Warum wunderte es mich nicht? Und die andern kamen immer noch nicht drauf.
»Neuschwwwww…«
Ein Kippler.
»A!«
Da geschah es. Im Augenwinkel sah ich einen Lichtblitz. Es knallte. Enten flatterten auf und schnatterten. Ich spürte, wie Richard neben mir zusammenzuckte. Ein Glas auf der Brüstung zerplatzte, Krautter, der der Brüstung am nächsten stand, sprang beiseite, Scherben klirrten.
Ich hörte uns atmen. Es war da, das Grauen. Wie das Kind fühlte ich mich, das mit einer Freundin einst in Todesangst im Gebüsch bei der alten Fabrik gehockt hatte, von der es hieß, dort lebe ein Landstreicher, der Kinder stehle und ermorde.
»Habt ihr das auch gesehen?«, fragte Roswita leise.
»Puh! Was war das?«, sagte Meisner mit zittriger Stimme.
Ich sprang ans Geländer. Dort ging es einige Meter hinunter. Der See plätscherte an der Treppe mit den Booten. Ich lauschte. Irgendwo beschleunigte ein Auto.
»Der See war plötzlich ganz hell«, flüsterte die junge Staatsanwältin hinter mir. »Und auf der Insel zwischen den Bäumen, da war was, eine Gestalt, riesenhaft. Ich habe es ganz deutlich gesehen.«
Krautter hatte nur den Knall gehört, den er als Fehlzündung vom Parkplatz her zu interpretieren suchte, was allerdings nicht überzeugt klang, weil seine Stimme wackelte. Meisner behauptete, es hätte ausgesehen wie ein Kugelblitz. »Er stand rechts neben der Insel.«
Roswita widersprach mit gellender Stimme: »Nein, es war da drüben, wo die Boote liegen. Es ist senkrecht in den Himmel gestiegen. Rosenfelds Geist.«
»Hast du auch was gesehen, Richard?«, fragte Meisner.
Und zu meinem Erstaunen zitterte sogar Richards Stimme. »Es hat geknallt, dann war irgendwo ein Licht. Vielleicht ein Scheinwerfer auf der anderen Seeseite.«
Aber wieso war auf der Brüstung ein Glas zersprungen? Es war Richards Glas, das mit der Apfelsaftschorle.
»Jetzt brauch ich einen Schnaps!«, rief Meisner.
9
Sie nahm dem Catering-Buben mit den glasigen Augen eine Runde Schnäpse, Bier und Wein ab und schickte ihn heim. Dann saßen wir im toten Partysaal an einem Tisch und versuchten, auf einen Nenner zu bringen, was wir eben gesehen hatten. Ein Lehrstück für die junge Staatsanwältin. Es war nicht möglich, auch nur zwei in der Runde auf ein und dieselbe Wahrnehmung festzulegen. Was war zuerst gewesen? Der Knall oder das Licht? War Richards Apfelschorleglas auf der Brüstung zersprungen oder heruntergefallen? Am Schluss zerbröselte uns alles, und dankbar vertrauten wir uns Richards Plausibilitätssinn an. Vermutlich hatte ein Auto auf dem Spazierweg um den See zu wenden versucht, dabei war sein Scheinwerfer zwischen den Bäumen hindurch über den See geblitzt. Womöglich war er rückwärts gegen einen Stein oder eine Sitzbank gekracht. Was nachts knallt, klingt wie ein Kanonenschlag, wenn man sich im Halbschlaf oder in einer spiritistischen Sitzung befindet. Als es knallte, hatte Krautter sich umgedreht und dabei eines der Gläser gestreift, das auf der Brüstung stand.
Ich erzählte schließlich von Nina Kulagina, der Meisterin der Salzstreuer, von der Rache des Schachcomputers, dem träumenden PC und dem italienischen Dorf, in dem die elektrischen Geräte in Flammen aufgingen, obgleich sie keinen Strom hatten, und vom Rosenheim-Spuk.
Als wir endlich das Schloss über die Freitreppe verließen, fragte sich Meisner laut, wie man so einen nannte, der Salzstreuer bewegte. »Medium?« Dann wäre er Mittler zwischen Geisterwelt und gegenständlicher Welt. »Ein Übersinniger«, schlug Roswita Kallweit vor. »Psi-Agent«, meinte Richard, der seine auf Pumps taumelnde Kollegin fürsorglich am Ellbogen hielt. »Parapsychopath«, schlug ich vor. »Nein, ich hab’s, man nennt ihn Channeler«, trötete Meisner in die schwäbisch stille Nacht zwischen Schloss und Schlosshotel. Sie habe da mal was gelesen – ob zu privaten Zwecken eigener Bewusstseinserweiterung oder nicht, ließ sie offen. Channeln sei das Empfangen oder Senden von Nachrichten über einen geistigen Kanal, den es zu finden gelte, um der dichten, materiellen, niedrig schwingenden Erde in die feinstoffliche Sphäre geistiger Wahrheiten zu entkommen. »Da gibt es Ratgeber dafür! Huch!«
Richards Hand sicherte sie. »Ich fahre dich am besten nach Hause.«
Der Leitende Oberstaatsanwalt Krautter war noch nüchtern und vernünftig genug, sich daran zu erinnern, dass Meisners Heim eher an seinem als an Richards Weg lag, nämlich ganz andere Richtung aus Ludwigsburg hinaus, gen Markgröningen.
Erst in Richards Limousine fühlte ich mich wieder sicher in der Welt. Sie wird zuverlässig geordnet von Ampeln, Pfeilen auf Fahrbahnen, Schildermasten und Halte- und Parkverboten. Mehr braucht kein Mensch, um zu wissen, wo er verweilen darf und wo nicht, wohin seine Reise geht und dass ein U-Turn an dieser Stelle verboten, weiter vorn aber erlaubt ist.
Auf meinem Handy war, wie ich feststellte, ein Anruf eingegangen, und zwar schon gegen 21 Uhr. Es war eine Nummer mit einer Vorwahl, die ich nicht zuordnen konnte.
Wir passierten auf breiter Stadtschneise das Blühende Barock, das hinter feudalistischen Mauern und Pforten mit seiner riesigen Schlossanlage und dem Küfer Paul schlummerte, der die kleine Ecke zwischen Kirche, Fasskeller und Glockenstuhl bespukte.
»Die Vorwahl 07571, wo gehört die hin?«, fragte ich Richard.
»Sigmaringen.«
»Ich kenne niemanden in Sigmaringen!«, behauptete ich. »Nein, ich kenne da doch wen: Kitty zu Salm-Kyrburg.«
»Die Retterin Hohenzollerns.« Richard sprangen die Hirnschubladen wieder von alleine auf. »Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg, geboren 1790 in Paris, verstorben 1841 in Sigmaringen. Sie hat die Souveränität des Fürstentums Hohenzollern-Sigmaringen gegenüber Baden und Württemberg behauptet, übrigens auch die von Hohenzollern-Hechingen.« Richard war in Balingen im Schatten der Burg Hohenzollern aufgewachsen.
»Meine Geister-Kitty betreibt einen Schönheitssalon in Sigmaringen. Und sie kennt Juri Katzenjacob.«
»Hm.«
Es war zu spät für einen Rückruf, oder vielmehr zu früh.
»Aber erschrocken warst du schon auch?«, erkundigte ich mich, als die Häuser links und rechts der fürstlichen Stadtautobahn, die Ludwigsburg zweiteilte, zurückblieben und wir ins Dunkel der Schnellstraße rollten.
»Ja!«, antwortete Richard freimütig. »Das war ganz großes Kino. Und weißt du, was mich am meisten erschreckt hat? Dass es irgendwie passte. Ich dachte nämlich gerade: Jetzt läuft alles auf Neuschwanstein raus. Auf König Ludwig und seinen mysteriösen Tod im Starnberger See. Und wenn jetzt Neuschwanstein rauskommt, dachte ich, dann ist das der Beweis, dass es nicht Rosenfelds Geist sein kann. Und bums, kam der Abbruch!«
»Ein arg verrückter Zufall!«
»Glaubst du, dass uns wirklich Rosenfelds Geist erschienen ist?«, erkundigte er sich.
»Nee! Quatsch! Das waren wir selber mit dem, was uns so im Kopf herumspukt. Was hätte Rosenfelds Geist im Seeschloss Monrepos verloren?«
»Eben. Und zufällig weiß ich, dass unser Vizegeneral Krautter Ende vergangenen Jahres Neuschwanstein besucht hat.«
Ah ja! Und genau das zu sagen, wenn unsere Séance vorbei war, hatte er sich vorgenommen, als es knallte und blitzte. Und zwar damit vor allem seine Vorzimmerdame Roswita Kallweit nicht in der ganzen Staatsanwaltschaft herumerzählte, sogar der immer so kühle und rationale Oberstaatsanwalt Weber sei hinterher von der Existenz der Geisterwelt überzeugt gewesen. Doch genau dieser Erklärungsbeweis war von einem zufällig in diesem Augenblick am Seeufer wendenden Auto vernichtet worden, bevor er entstanden war. Das war selbst schon wieder spukig.
»Aber das mit Edward Gurney …«
»Edmund!«
»Zum Teufel, das hast du erfunden! Ich glaube durchaus an dein Gedächtnis, aber ich weiiiigere mich zu glauben, dass es Randfiguren der britischen Geschichte mit einschließt.«
Richard warf mir einen zufriedenen Blick zu. »Freut mich, dich noch verblüffen zu können. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, die Edmund-Gurney-Stiftung ist mir in einem anderen Zusammenhang schon einmal untergekommen.« Wenn er so sprach, wollte er den Zusammenhang nicht nennen. Er lenkte auch sofort ab. »Übrigens ist dieser Gurney unter reichlich mysteriösen Umständen gestorben.«
»Richard, ich bin müde! Was für Umstände?«
Ich werde nie verstehen, wieso manche Menschen meinen, es sei alles gesagt, wenn über den Tod eines anderen Menschen gesagt wird, er sei nach langer oder kurzer schwerer Krankheit (welcher?) oder aber unter mysteriösen Umständen (welchen?) gestorben. Das hat nichts mit Neugierde zu tun, jedenfalls nichts mit meiner persönlichen. Es ist vielmehr ein soziales Recht zu wissen, woran und wie Mitmenschen sterben, damit man den gleichen Fehler vermeiden kann.
»Nun ja«, sagte Richard, »Gurney bekam einen Brief, der ihn nach Brighton rief. Ohne seiner Frau oder sonst wem Bescheid zu geben, ist er dorthin gereist und hat sich im Hotel Royal Albion eingemietet. Am nächsten Morgen war er tot. Man fand ihn mit einem Tuch auf dem Gesicht, das mit Chloroform getränkt war.«
»Mit Rosenkranz?«
»Nein, Lisa. Es ist nicht, wie du denkst. Alle haben damals mit Chloroform hantiert. Gurney soll es verwendet haben, um neuralgische Schmerzen zu betäuben. Ob sein Tod aber ein Unfall war oder Suizid, ist nicht geklärt.«
»Oder ob ihn der Unbekannte ermordet hat, von dem der Brief stammte.«
»Es gab Gründe für einen Suizid, Lisa. Gurney war zwar Freund etlicher berühmter Zeitgenossen, aber selbst nicht so erfolgreich, wie er es gern gewesen wäre. Er soll an einer Depression gelitten haben. Auch vermutet man, dass seine Ehe nicht glücklich war, denn seine Frau heiratete wenige Monate nach seinem Tod ein zweites Mal.«
»Na, die hat in der Tat nicht lang suchen müssen.«
»Das Datum seines Todes ist übrigens bemerkenswert. Er starb am 23. Juni, also im 6. Monat. Die Zahl 6 steht im Okkultismus für die Offenbarung des Johannes, also für Weltuntergang und den Antichrist, vor allem als 666. Und im griechischen Alphabet heißt der 23. Buchstabe Psi …«
Ich konnte das Lachen nicht unterdrücken.
»Allerdings«, fuhr Richard vergnügt fort, »wird die Bezeichnung Psi erst nach dem Zweiten Weltkrieg für paranormale Phänomene verwendet. Das mag der Grund sein, warum erst im zwanzigsten Jahrhundert die Zahl 23 zum Symbol für das Geheime und Zerstörerische wird, zur Zahl der Illuminaten.«
Es lachte aus mir heraus. Es war einfach zu viel. »Die Illuminaten! Jawoll! Vampire, Gespenster und Illuminaten!«
Es war einer der seltenen Momente, wo ich Richard feixen sah. »Gut, gell? Es gibt so wenige Ziffern und so viele Bedeutungen. Da landet man immer einen Treffer. Die Illuminaten sind übrigens keine Erfindung der Romanciers. Es gab sie wirklich in Ingolstadt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als in Europa Könige und ihre Mätressen regierten. Die Illuminaten wollten Aufklärung und sittliche Verbesserung der Gesellschaft. Das verstanden die absolutistischen Despoten natürlich als Angriff auf sich selbst. Die Gruppe wurde verboten. Erst die Romanschreiber und Filmemacher haben sie zu erbitterten Feinden der katholischen Kirche und zu Agenten einer finsteren Weltverschwörung stilisiert.«
Mir flashte das Bild der Uhr am Giebel von Kalteneck ins Hirn. Drei nach acht. »Die Uhr!«, sagte ich. »Sie stand! Und zwar 20 Uhr 3 – 23!«
»Welche Uhr?«
»Das kann kein Zufall sein, Richard. So viele Zufälle gibt es nicht. Die Illuminaten haben den Mord an Rosenfeld angeordnet und von einem abergläubischen Adoptivkind aus Rumänien ausführen lassen.«
»Und zwar warum?«
»Weil … weil …« Plötzlich hatte ich es. »Weil Rosenfeld beim Kalteneck-Experiment Erfolg hatte.«
»Was für ein Experiment?«
»Die suchen nach dem, der es kann. Dafür haben sie eine Million Euro ausgelobt. Und Rosenfeld hat ihn gefunden. Den Mann, der anderen seine Gedanken aufzwingen kann, oder die Frau.«
»Unsinn, Lisa!«
»Na gut, dann kann er Gedanken lesen. Wem würde so was nützen? Geschäftsleuten, Drogenhändlern, Außenministern … Sie wüssten, was der Gegner denkt. Nein, das ist Pippikram. Es muss was Größeres sein. Eine Macht! Sie beeinflusst Maschinen, Computer, die Börse. Stell dir vor, es gäbe einen, der Flugzeuge abstürzen lassen könnte …«
»Bitte, Lisa!«
»… oder Atomkraftwerke zur Kernschmelze bringen! An so einem hätte die halbe Welt Interesse. Die USA, Russland, China, die Taliban, al-Kaida, jede verkrachte Oppositionsbewegung, Terroristen, ein Großkonzern, einfach alle, die Macht gewinnen wollen. Und die Israelis sowieso. Die fürchten sich vor ihrer Vernichtung. Sie haben doch erst kürzlich mit einem Computervirus im Iran das Atomprogramm zu stören versucht.«
Darauf erwiderte Richard nichts mehr. Aber die Knöchel seiner Hand auf dem Lenker waren weiß geworden, obgleich sein servogelenktes Gefährt keine harte Hand verlangte.
»Sag, dass ich spinne, Richard! Sag, dass das Quatsch ist!«
»Natürlich ist das Quatsch, Lisa.«
»Aber wenn es so wäre, Richard. Nur mal angenommen. Dann hätte Rosenfeld sterben müssen, weil er den einen kannte, der es kann. Oder die eine. Weil er ihn entdeckt hat, aber den Namen niemandem mehr nennen sollte. Denn dieser eine ist längst entführt und befindet sich in den Händen derer, die mit seiner Hilfe irgendwas anrichten wollen, was ihnen immens nützt und anderen – uns – immens schadet.«
Richard ächzte. »So was hat man in den dreißiger Jahren geglaubt, Lisa. Die Nazis waren damit ganz vorn dran. Und die USA im Kalten Krieg. Mind-Control und so weiter. DerCIAhat im geheimen Projekt Stargate Hellseher beschäftigt, die sowjetische Militäranlagen im fernen Sibirien beschreiben sollten, die kein Westler je zu sehen bekam. In Einzelfällen soll es sogar gelungen sein, aber es ist niemals eine Dokumentation darüber erschienen, wie viele Fehlversuche es dabei gegeben hat und wie oft die Visionen falsch waren, falls man das überhaupt überprüfen konnte. Lisa, es geht nicht. Es gibt diesen einen – oder diese eine – nicht.«
Das Gelächter kehrte zurück und gluckerte in mir herum.
»Was gibt es da zu lachen?«
»Ich stelle mir nur … ge… hihi …rade vor, dass der Psi-Agent die Wahlmaschinen beeinflusst hat und wir … hihi … darum jetzt plötzlich eine grün-rote Landesregierung haben.«
»Darum haben wir in Deutschland keine Wahlcomputer, sondern machen unser Kreuzchen mit Bleistift auf Papier in der Kabine, Lisa. Genau darum.«
»Ach was, echt?«
10
»Schreib es auf!«, drängt mich Else wieder mal. »Fang einfach an. Denk nicht nach.«
»Aber es hört irgendwann von alleine auf«, sage ich. »Jede Abweichung von der Normalkurve findet ihr natürliches Ende. Wir befinden uns immer noch im Bereich der Wahrscheinlichkeit. Das ist das Gesetz der Serie, das kein Gesetz ist. Wenn ein Flugzeug abstürzt, stürzt kurz darauf noch eins ab.«
»Aber wir halten das nicht mehr lange aus, Lisa!«
In der Tat, zum ersten Mal wünschen sich die Regierungen der westlichen Welt, sie hätten der parapsychologischen Forschung in den vergangenen Jahrzehnten mehr Geld zur Verfügung gestellt. Dann hätte man vielleicht heute Erklärungen für das, was einen Menschen befähigt, Gegenstände zu bewegen und technische Systeme zu stören, ohne sie anzufassen. Dann hätte man vielleicht jetzt eine Ahnung, wie man dem Spuk beikommen kann.
11
Als ich am Sonntagnachmittag nach drei Bechern Kaffee und einem Spaziergang mit Cipión wieder zurechnungsfähig war, aktivierte ich auf meinem Handy den Rückruf meines Anrufs in Abwesenheit.
Es meldete sich mit schwäbischer Pausenanfälligkeit Kitty zu Salm-Kyrburg, Haunt Hunter’s Agency.
»Sie haben mich gestern Abend angerufen?«, eröffnete ich.
Pause. »Ja.« Pause.
»Und, was gibt es?«
»Janette hatte gestern Abend wieder ein Erlebnis.«
»Ah so, Rosenfeld ist ihr erschienen und hat von großen Gefahren gesprochen?«
Pause. »Ja. Aber Janette sagt, sie sei zu schwach dafür. Er braucht ein stärkeres Medium. Es müsse jemand sein, der … entschuldigen Sie … aber ich sage nur, was Janette mir gesagt hat … Es müsse jemand mit Narben sein.«
Ich lachte lauthals. »Wollen Sie mich verkackeiern?«
Stille. Mein Handyverstärker rauschte. Ich zündete mir eine Zigarette an. »Kann ein Geist eigentlich an zwei Orten gleichzeitig erscheinen?«
»Geister sind nicht unserer Zeit unterworfen.«
»Aber sie erscheinen immer nur nachts.«
»Nein. Wir wissen auch von Tagesspuks. Allerdings ist es nachts ruhiger, weniger Schwingungen. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nachts schlafen die meisten Menschen. Da sind weniger Gedanken in der Luft, gewissermaßen. Und wir hören die Toten besser.«
»Aha!« Ich erzählte ihr von unserem Tischrücken.
Pause.
»Was sagen Sie dazu?«, schubste ich sie an.
»Nun … ich war nicht dabei. Daher lässt sich schwer sagen, ob Rosenfelds Geist tatsächlich präsent war oder ob es nur … verstehen Sie … So wie Sie es mir erzählt haben, war es eher ein Gesellschaftsspiel. Ein Partygag. Natürlich kann sich dabei auch etwas ereignen.«
»Und was halten Sie von dem Hinweis auf Neuschwanstein?«
»Wie gesagt …« Ihre Stimme versackte in Stille.
»Verstehe. Wären Sie und Ihre Truppe bereit, eine PU in Neuschwanstein zu machen?«
Jetzt lachte Kitty laut. »Was glauben Sie, wie oft wir schon versucht haben, nach Neuschwanstein reinzukommen? Ich meine, außerhalb der Besuchszeiten, nachts. Null Chance!«
Ich überlegte, ob ein Oberstaatsanwalt beim Stuttgarter Landgericht einen Richter bewegen konnte, einen Beschluss zu unterschreiben, der eine spiritistische Sitzung bei Nacht im Schloss Neuschwanstein anordnete. »Dann machen wir es eben bei laufendem Betrieb.«
»Waren Sie schon mal dort?«
»Nein. Ich interessiere mich nicht für Adelshäuser.«
Die Nachfahrin der Retterin von Hohenzollern-Sigmaringen schluckte. Vielleicht war es aber auch nur eine ihrer regulären Pausen. »Ohne Führung kommen Sie da nicht hinein. Und Sie dürfen nicht fotografieren oder filmen. Wir könnten keinerlei Messungen vornehmen und keine Daten sammeln.«
»Auf den elektronischen Beleg würde ich in diesem Fall verzichten. Wenn Rosenfeld dafür sein schreckliches Geheimnis preisgibt.«
Das Lustige war, dass ich Kitty gar nicht vom Sinn eines solchen Unternehmens überzeugen musste. Schwieriger würde das bei Richard werden. Und er musste mit. Denn wenn ein Physiker und Psychologe wie Rosenfeld ein Medium suchte, das ihm geistig gewachsen war, dann nicht mich, sondern einen Mann wie Richard mit starkem Verstand und kritischem Sinn, ein Skeptiker, der, wenn er erst einmal überzeugt war, nicht ablassen würde, bis das Rätsel gelöst war. Narben besaß auch er, nur weniger deutlich sichtbare. Sie lagen verborgen unter seiner textilen Schale von Eleganz und Lebensplan.
Dabei glaubte ich nicht daran. Ehrlich. Aber nach all den Jahren, die ich zuerst für das Emanzenblatt Amazone, dann für den Stuttgarter Anzeiger und jetzt für die Sonntagsbeilagen der Südwestpresse durchs süddeutsche Kuriositätenkabinett geturnt war, hatte ich begonnen, daran zu glauben, dass ich Journalistin war. Und für eine gute Show und eine krasse Story konnte ich meine persönlichen Überzeugungen auch einmal hintanstellen.
Vielleicht war das der Moment, wo ich Teil der Verschwörung wurde. Als ich nämlich einschwenkte und so tat, als hielte ich es für möglich, dass Rosenfelds Geist uns in Neuschwanstein das Geheimnis seines Todes eröffnen würde, obgleich ich eigentlich nur Richards neuronale Datenbanken anzapfen wollte. Denn insgeheim war ich überzeugt, dass er beim Stehtischrücken einen größeren Beitrag zur Verrätselung der Causa Rosenfeld geleistet hatte, als ihm selbst bewusst war. Statt des rationalen Wegs, ihn so lange zu löchern und zu piesacken, bis er mir verriet, was er bereits wusste, was er ahnte und was er befürchtete, schlug ich den irrationalen ein.
Den Rest des Nachmittags verbrachte ich im weltweiten Netz. Ich fragte meine Freunde in Facebook, was ihnen zu einer Leiche einfalle, die sich auf einer Wasserburg in einem verschlossenen Zimmer befand. Geheimtüren nicht bekannt, der Weg durch die Fenster nachweislich unmöglich, weil das Eis des Wassergrabens andernfalls hätte beschädigt sein müssen, der Weg durch die Tür ebenfalls verwehrt, weil die Füße des Toten sie versperrten.
Und ich fand heraus, dass es sich bei dem Flugzeugabsturz, von dessen spukhaften Begleiterscheinungen die junge Staatsanwältin erzählt hatte, um den von 1991 im Westen Thailands handeln musste. Am 26. Mai hatte sich bei einer Boeing von Lauda-Air nahe Bangkok wegen eines Systemfehlers beim Steigflug die Schubumkehr eingeschaltet. Die Maschine stürzte ab, alle 213 Insassen kamen ums Leben. Unter den Passagieren hatten sich hauptsächlich Österreicher, aber auch Deutsche befunden, denn das Flugzeug war auf dem Weg von Bangkok nach Wien gewesen. Ich stutzte. Hatte die junge Staatsanwältin uns nicht erzählt, die Maschine sei auf dem Flug nach Bangkok abgestürzt? Ein Erinnerungsfehler, der zur Schubumkehr für die ganze Geschichte wurde. Denn damit hatte die Tochter der verunglückten Familie nicht drei Nächte vor dem Unglück irgendwas geträumt, sondern – je nach Länge des Urlaubs – ein oder mehrere Wochen vorher.
Ich dachte an Karin Beckers Erkenntnis, dass sich bei all diesen Geschichten über seltsame Ereignisse die realen Daten in vielfältigen Widerspruch zueinander begaben und die Kraft des Narrativen die Regie übernahm.
Doch warum tradierte man in der Familie der jungen Staatsanwältin die Legende vom vorher geträumten Unglück? Am meisten aufgeregt hatte sie sich, als Richard in Zweifel zog, dass die Mutter wirklich die Frage gestellt hatte, ob die Schwägerin keine Angst habe, der Traum der Tochter könne sich bewahrheiten. Und ich wusste auf einmal, was er gemeint hatte: Schuldgefühle! Hinterbliebene neigen zu Schuldgefühlen, wenn ein Angehöriger stirbt. Die Mutter der jungen Staatsanwältin hatte sich auf originelle Weise schuldfrei gestellt. Sie hatte es gesagt, hatte den Bruder mit Hilfe der Schwägerin zu warnen versucht. Ja, hätte man nur auf sie gehört!
»Wie hieß eigentlich diese junge Staatsanwältin?«, fragte ich Richard, als er am Abend bei mir eintrudelte.
»Nadja Locher«, antwortete er. »Warum?«
»Das mit dem Flugzeugabsturz war doch ziemlich anders, als sie es in Erinnerung hat.«
Er nickte nur, langte mir um die Hüften und zog mich an sich. So nah besehen, zerfiel die milchkaffeebraune Iris seiner Augen in goldbraune radiale Streifen mit grünen und rotbraunen Einsprengseln. Man konnte erkennen, dass die Asymmetrie seines Blicks daher rührte, dass sein linkes Augenlid hing, was er auf eine Ohrfeige seines Vaters und eine partiale Lähmung zurückführte.
»Lisa«, sagte er und tippte mir gegen die Stirn. »Ich kann deine Gedanken lesen. Du willst, dass ich Einblick in die Dokumentation der Kalteneck-Experimente verlange.«
»So ungefähr.« Eigentlich wollte ich jetzt, dass wir nach Neuschwanstein fuhren.
»Aber man wird sie mir nicht gewähren, Lisa. Das weißt du. Ich bin durch nichts autorisiert.«
»Schick die Steuerfahndung hin.«
»Dazu gibt es keinen Anlass. Die Buchführung des Instituts ist glasklar und wegen ein paar vielleicht zu viel abgerechneter Klopapierrollen beantragt man keinen Durchsuchungsbeschluss.« Er hatte es sich also auch schon überlegt.
»Und die Stiftung?«, schlug ich vor. »Stiftungen haben einen Briefkasten in Liechtenstein und sind Steuerhinterziehungsmodelle.« Ich knibbelte den obersten Knopf seiner Weste auf.
»Diese nicht. Sie hat ihren Briefkasten in der Elbchaussee in Hamburg-Blankenese.«
»Und wer beaufsichtigt sie?«
»In Hamburg ist es die Justizbehörde. Ich habe mir die Unterlagen bereits schicken lassen.«
Brav. Ich knöpfte mich bis zum Gürtel hinunter.
»Der Satzung zufolge«, sagte er, »leistet die Edmund-Gurney-Stiftung Anschubfinanzierung für Projekte im Bereich der parapsychologischen Forschung, die ohne private Unterstützung nicht möglich wären, insoweit diese eine gewisse Aussicht eröffnen, die Existenz paranormaler Phänomene zu belegen oder zu beweisen.«
Juristische Satzschrauben gingen ihm immer locker von der Zunge.
»Sie schreibt europaweit Forschungsstipendien aus. Im vergangenen Jahr haben sechzehn Wissenschaftler von einschlägigen Instituten einen Antrag gestellt, vierzehn sind bewilligt worden, darunter eine Reise von Dr. Derya Barzani aus dem Institut in Holzgerlingen ins südtürkische Hatay zur Untersuchung eines Reinkarnationsfalls bei den dort lebenden Aleviten.«
»Einer Wiedergeburt? Schräg!«
»Ja, anders als die Moslems glauben die Aleviten wie die Inder an die Seelenwanderung. Die Rechenschaftsberichte des Stiftungsvorstands an die Stiftungsaufsicht sehen über die Jahre immer ähnlich aus. Fünf Millionen Vermögen, Ausgaben in Höhe von rund anderthalb Millionen, denen Einnahmen aus Aktienfonds und einige kleinere Spenden in ähnlicher Höhe gegenüberstehen, so dass am Jahresende immer wieder eine 5 vorne steht. Alles sehr solide, Lisa. Sehr solide.«
»Und wer hat die Stiftung gegründet?«
»Gegründet wurde sie 1989 mit einer Einlage von damals 900 000 D-Mark aus dem Erbe einer Hamburgerin und Anhängerin des Spiritismus, der auch die Villa an der Elbchaussee gehörte. Die Einlage wurde 1997 aus dem Privatvermögen des Stiftungsvorsitzenden auf drei Millionen und 2009 durch eine Spende von Inter-Q-Orporate in Berlin auf die heutigen fünf Millionen erhöht. IQO vertreibt Kommunikationssysteme und ist eine Tochter des Flugzeug- und Rüstungskonzerns QarQ.«
»Oha!«
»Ja, Lisa.« Die Krawatte fuhr wie eine Schlange aus seinem Kragen. »Das sind die Bösen.«
Solche Abkürzungen zur Klassifizierung hochkomplexer wirtschaftlicher Verflechtungen erlaubte Richard sich selten. Aber QarQ war ein Sonderfall. Erst kürzlich hatte der Artikel eines Zeitungsjournalisten Aufsehen erregt, der in Spanien ein Tochterunternehmen von QarQ aufgespürt hatte, das Streubomben fertigte und an Despoten lieferte, die ihre Armeen bevorzugt die eigene Bevölkerung massakrieren ließen. Derzeit gerade in der arabischen Welt.
»Und warum gibt eine solche Firma Geld für parapsychologische Studien her?«, fragte ich. »Auch wenn zwei Millionen eher wenig sind.«
»Das hat der US-Flugzeugbauer Boeing schon in den dreißiger Jahren getan. Man wollte herausfinden, ob ein Mensch die Instrumente im Cockpit mental beeinflussen könnte.«
Ich zupfte ihm das Hemd aus dem Hosenbund. »Und ein Unternehmen wie QarQ, das sich mit Weltherrschaftsinstrumenten wie Internetkommunikation und Kriegstechnik befasst, will nun auch wissen, ob ein Mensch ihre Systeme manipulieren könnte.«
»Oder die der Konkurrenten.« Er langte zum anderen Handgelenk und fummelte den Manschettenknopf aus der Manschette.
»Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt«, erkundigte ich mich, »dich sonntags etwas knopfärmer anzuziehen?«
»Wozu den Anzug für morgen auf dem Kleiderbügel mitbringen, wenn ich ihn am Leib tragen kann.«
Knopflogisch! Ich fuhr ihm über den muskelgeribbelten Bauch. Er zuckte. Der Nachteil des Sixpacks war seine Härte, aber Richard hatte auch weiche Stellen, beispielsweise oberhalb der Hüfte. Sogar er!
Er schnurrte. »Im Kuratorium der Stiftung sitzen fünf Leute: ein Physiker, ein Chemiker, ein Psychologe, eine Krankenhausärztin, ein Neurologe und ein Betriebswirtschaftler. Als Vorstand firmiert Oiger Groschenkamp, bekannt als Börsenspekulant und Aufkäufer von Zeitungen und Fernsehsendern. Er ist der Neffe der Dame mit den spiritistischen Neigungen und hat die Villa in Blankenese geerbt. 2001 hat er Burg Kalteneck erworben und ins Stiftungsvermögen eingebracht. Groschenkamp hält Anteile bei QarQ und IQO. Andererseits vergibt er über seine Privatbank Kleinkredite an Existenzgründer und mittelständische Betriebe hauptsächlich im norddeutschen Raum.«
»Das ist aber jetzt nicht der Gute.«
Richard deutete ein Achselzucken an. »Schwer zu sagen. Es gab vor ein paar Jahren in Börsenkreisen mal ein bisschen Aufregung, weil man meinte, eine seiner Zeitungen habe das Gerücht gestreut, eine italienische Bank sei pleite, was zur Pleite dieser Bank führte. Aber dass er dahintersteckte, ließ sich nicht beweisen. Groschenkamp hat es bislang geschafft, sich so gut wie ganz aus der öffentlichen Aufmerksamkeit herauszuhalten.«
»Dann sollten wir ihn mal besuchen.«
»Dafür gibt es nicht den geringsten Grund, Lisa.«
Ich gab Richard einen Stoß gegen die Schulter. »Dann streng dich halt ein bissle an!«
Richard fing sich mit einem raschen Schritt und schnappte meine Hand. »Das tue ich ja.« Er zog mich an sich. Ein feines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Nur Geduld.«
Richard lächelte selten und nie aus sozialtaktischen Gründen. Er gehörte zu den Männern, die bei Begrüßungen ernst blieben, insbesondere wenn sein Gegenüber mächtig war und die Geste freundlicher Unterwerfung erwartete. Richard hielt es mit Luther, er fürchtete nur Gott, und manchmal hatte ich den Verdacht, nicht einmal den. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hatte er sich jedoch vor etlichen Jahren entschlossen, sich mir mit Haut und Haaren auszuliefern. Dabei hätte er jede haben können. Er war zwar kein schöner, aber ein attraktiver Mann, eher klein, dafür gut trainiert mit sturer Stirn, bissigem Kinn, heftiger Asymmetrie um die Augen und Zähnen, die niemals von einer Zahnspange in Reih und Glied geschraubt worden waren. Wenn er sie zeigte, war er deckungslos, und ich wusste dann wieder, warum ich den Affen im Anzug in mein Leben, meine Möse und meine Wohnung gelassen hatte. Wobei Letzteres am schwersten wog.
Sonntagabend kam er besonders gern von seiner Halbhöhe in meine verkorkste Neckarstraße herab, und nicht nur, weil er dann Montag früh nur über die Straße zu gehen brauchte, um ins Amt zu kommen, sondern vermutlich weil sich ihm die teure Jugendstilmöblierung seiner Junggesellenwohnung in der Kauzenhecke am Haigst aufs Gemüt legte.
»Warst du schon mal in Neuschwanstein?«, fragte ich.
Richard lachte.
12
Ein Gespenst ging um in Stuttgart: die Bauwut. Überall verschwanden Häuser, ganze Blocks wurden zu Schutt und Staub, in den Straßen klafften Löcher, wo man gerade ein Jahr zuvor neuen Asphalt gegossen hatte, Routinegänge zum Bioladen wurden zu Slalomparcours. Auch die Gleisanlage am Stöckach unter meinem Fenster, wo die Stadtbahnen in den Osten abbogen, war eines Morgens wieder aufgerissen worden. Und jedes Mal, wenn eine Stadtbahn kam oder fuhr, stieß ein Bauarbeiter ins Signalhorn, damit die Kollegen aus den Gleisen treten konnten. Das Getröte begann morgens um sieben und wiederholte sich alle fünf bis sieben Minuten. Schon Viertel vor acht war wieder Ruhe, weil Vesperpause, ich aber wach. Eines Tages werde ich aus meinem Küchenfenster auf den Stöckach schauen, und der Hochbahnsteig ist weg, das Zeppelingymnasium von der Abrissbirne zu Staub gekloppt und der Bunker der Staatsanwaltschaft eingeebnet.
Ich fuhr raus aus dem Krach und Staub über den Riegel der Schwäbischen Alb durch Trochtelfingen nach Sigmaringen und fragte mich in der Altstadt auf dem Hügel rund ums Schloss herum durch Bäckereien, Metzger, Friseurläden bis in die Nachbarschaft des Hauses, in dem die Adoptiveltern von Juri Katzenjacob gelebt hatten. Ein Metzger erzählte mir, der Juri habe eine Lehre bei ihm begonnen, sei aber immer unpünktlich gewesen. Davon, dass er leidenschaftlich gern Viecher ausnahm, habe er nichts bemerkt, er habe aber ordentlich zupacken können und gegen das Töten nichts gehabt. Er habe sich dann aber immer wieder für länger krankgemeldet. Angeblich Allergie. Mit dem Kerle habe was nicht gestimmt. Angeblich habe es Schwierigkeiten daheim gegeben, er habe sich dann verliebt und sei mit 18 ausgezogen. »Bei Adoptivkindern weiß ma halt id, was ma krieget. Wer weiß, was der Kerle in Rumänien schon elles erlebet hätt.«
In der Nachbarschaft lebte auch ein inzwischen pensionierter Hauptschullehrer. Der hatte den Journalisten gleich nach der Verhaftung erzählt, dass Juri schon als Kind seine Stallhasen gestohlen habe, später habe er sie völlig zerfleddert gefunden. Das sei mehr als nur ein Bubenstreich gewesen. Der Junge sei krank, das habe er immer schon gefunden. »Übrigens ein schlauer Bub, aber jesusmäßig faul, und zwar im Kopf faul. Keine Lust zu denken, wie bei allen jungen Leuten. Die daddeln sich das Hirn weg an den Computern. Wenn der Juri sich nur ein bisschen angestrengt hätte, dann hätte er auch das Abitur geschafft und studieren können.«
Ins Schwäbische Allgäu hinüber brauchte ich anderthalb Stunden. Die Sonne warf schon sehr lange Schatten, als ich meine Charlotte ein paar Kilometer von Wangen im Allgäu in dem Ort namens Sommers abstellte und die Landstraße entlangspazierte, wo Juris Adoptiveltern den Tod gefunden hatten. Das Schild mit der Aufschrift »Totensteige« wies in einen Feldweg, der zwischen Maisanbau einen Hang hinauf in den Himmel führte. Hier musste es passiert sein. Warum, verriet die sanft geschwungene, etwas abschüssige Straße nicht. Charlotte hatte währenddessen einigen älteren Herren schöne Augen gemacht und ließ sich vom Dorfvolk bewundern. Einer der Männer erinnerte sich an den Unfall. Er deutete in die Senke. »Die send von außerhalb gsi. Wahrscheins hat die Sonn sie blendet. Da hats die neibetschet. Sofort tot.«
Das brachte alles nicht viel.
Ich rief beim Hamburger Abendblatt an. Nach einigen »Ich stell Sie mal durch« hatte ich einen Lokalreporter dran, der Oiger Groschenkamp kannte. »Ja, er legt größten Wert darauf, dass er auf keinem Foto drauf ist. Und wir dürfen ihn in keinem Artikel namentlich nennen. Er sei nicht wichtig, erklärt er. Er lehnt auch jede Ehrung ab. Er tut ja viel für sozial Schwächere, er vergibt Kleinkredite.« Der Reporter beschrieb Groschenkamp als unauffälligen Mann um die achtzig. »Es geht übrigens die Rede, er leide unter Agoraphobie. Aber bestätigen kann ich das nicht.« Über die Edmund-Gurney-Stiftung wusste der Reporter nichts. »Ich glaube, ich weiß, welche Villa an der Elbchaussee das ist. Sie hat auffällig viele Blitzableiter, sie ist förmlich überzogen damit.«
Ich bedankte mich, holte mir von der Seite der Koestler Parapsychology Unit in Edinburgh die E-Mail-Adresse von Prof. Dr. Finley McPierson und schickte ihm eine journalistische Interviewanfrage für ein Buchprojekt über die Parapsychologie zwischen Gauklerei und Quantenphysik.
Beim Senden brachte mir mein Mailprogramm die Anfrage der Chefredakteurin der Sonntagsbeilage, ob mein Artikel über Parapsychologie bis Donnerstag fertig werde. Man wolle ihn nun am Sonntag endlich mal bringen.
Ich sagte zu und flüchtete in Recherchen über die Edmund-Gurney-Stiftung und das Kalteneck-Experiment, fand aber nichts. Also begab ich mich auf die elegante und mit bläulichen Bildern von Frieden und Freiheit durch technischen Fortschritt bestückte Netzseite von QarQ. Unter dem Link Presse verbarg sich wie bei Industriekonzernen üblich nicht die Presseabteilung, sondern eine Sammlung von Presseartikeln über den Konzern. Erst im Impressum gab sich die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zu erkennen. An oberster Stelle von fünf Gesichtern stand ein dicklicher Jungkarrierist namens Ingmar Neuner mit E-Mail-Adresse und Telefonnummer.
Ich wählte die Nummer und meldete mich als Journalistin.
Der Chef der Pressestelle war in einer Besprechung. Worum es denn gehe, fragte mich seine Vorzimmerdame. Ich wolle Herrn Neuner fragen, erklärte ich, warum das Unternehmen die Edmund-Gurney-Stiftung unterstützt. Was für eine Stiftung? Wie die sich denn schreibe? Ich diktierte es ihr. Sie versprach, Herr Neuner werde mich baldmöglichst zurückrufen.
Heute weiß ich, dieser Tag, dessen Datum ich nicht mehr fixieren kann, war der point of no return. Ich hatte nach Berlin, Hamburg und Edinburgh rückverfolgbare Signale geschickt, dass in Stuttgart eine Schwabenreporterin Lisa Nerz angefangen hatte, sich für die Kalteneck-Experimente zu interessieren. Während ich die Vorschläge meiner Facebook-Gemeinde zum Problem der Leiche im verschlossenen Raum las – sie reichten von Zauberei bis lockere Latte in der Zimmerdecke – und auf den Anruf des Pressefritzen von QarQ wartete, begannen andernorts ein paar Neuronen zu funken, ein Mensch wurde nervös und nahm Kontakt mit anderen auf. Etwas Neues entstand, formierte und organisierte sich. Am Abend war angelaufen, was wir jetzt nicht mehr kontrollieren können.
Ingmar Neuner rief nach etwa einer halben Stunde an. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen«, sagte er mit geölter Konzernrhetorik. »Meine Assistentin sagte mir, Sie möchten etwas über unser Engagement in der Edmund-Gurney-Stiftung wissen. Wir unterstützen diese Stiftung, das ist richtig, aber im Detail bin ich damit nicht befasst, und ich wollte mir erst die Unterlagen heraussuchen lassen. Sie möchten wissen, warum der QarQ-Konzern die parapsychologischen Forschungen unterstützt. Wir fördern vielfältige wissenschaftliche Aktivitäten, wie Sie vermutlich wissen. Im Fall der Edmund-Gurney-Stiftung handelt es sich, soweit ich das erkennen kann, um eine einmalige Zahlung in den Stiftungsfonds im Jahr 2009, die im Übrigen nicht hier im Mutterhaus geleistet wurde, sondern von unserem Tochterunternehmen Inter-Q-Orporate. Über die genauen Gründe kann also auch ich nur spekulieren. Aber wie Sie vielleicht wissen, ist Inter-Q-Orporate ein international agierendes Kommunikationsunternehmen. Und bei diesen parapsychologischen Phänomenen«, er lachte kurz, »handelt es sich gewissermaßen um einen Sonderfall der Kommunikation. Und wie gesagt, die Förderung zukunftsweisender Forschung halten wir ganz grundsätzlich für außerordentlich relevant. Wir dürfen neue Technologien und Entwicklungen nicht den Russen oder Chinesen überlassen. Ich hoffe, ich konnte Ihnen damit weiterhelfen, Frau Nerz.«
Dass ich noch drankommen würde, hatte ich nicht mehr zu hoffen gewagt. »Danke«, sagte ich. »Eine Frage hätte ich noch. Die Edmund-Gurney-Stiftung hat eine Million Euro ausgelobt für denjenigen, dessen paranormale Fähigkeiten einer Überprüfung unter Laborbedingungen standhalten.«
»Wenn Sie es sagen.«
»Diese Experimente wurden im Institut für Grenzwissenschaften in Holzgerlingen durchgeführt. Das ist ein kleiner Ort bei Stuttgart.«
»Und wie kann ich Ihnen in der Frage weiterhelfen?« Seine Stimme hatte sich einen Tick bedeckt.
»Sollte diese Million eines Tages ausbezahlt werden müssen, wer bringt sie auf? Sind Sie daran beteiligt, ich meine QarQ oder Inter-Q-Orporate?«
»Da müsste ich mich kundig machen. Aber wenn diese Experimente, wie Sie eben sagten, durchgeführt wurden, dann stellt sich die Frage wohl nicht unmittelbar.«
Hui. »Sie passen aber genau auf!«
»Das ist mein Job.«
»Sicher kein einfacher Job bei einem Unternehmen wie QarQ, das ja nun hin und wieder in die Kritik gerät.«
»Wenn alle Jobs einfach sein müssten, dann säßen wir heute noch auf den Bäumen. Haben Sie sonst noch Fragen?«
So gefragt, fiel mir keine mehr ein.
»Dann darf ich Ihnen eine Frage stellen. Warum interessieren Sie sich für die Stiftung? Meine Assistentin sagte mir, Sie arbeiten für den Stuttgarter Anzeiger ?«
»Nicht direkt. Ich bin freie Journalistin.« Nicht, dass er noch in der Redaktion anrief, um sich über mich zu beschweren. »Ich arbeite an einem größeren Artikel über Parapsychologie. Er soll am Sonntag in der Sonntagsbeilage erscheinen. Wir haben hier eine Agentur, die eine Geisterbeschwörung im Schloss Ludwigsburg veranstaltet hat …«
»Ihr Interesse hat nicht zufällig etwas mit dem Tod von Professor Rosenfeld zu tun? Der ist doch aufgeklärt. Ein junger Mann sitzt in Untersuchungshaft. Und die Staatsanwaltschaft wird demnächst Anklage erheben.«
»Ach, das hat man in Berlin alles so im Detail mitbekommen?«
Zum ersten Mal kam er ins Schleudern. »Man … liest auch hier Zeitung.«
»Unsere Staatsanwaltschaft ist gerade bei diesem Fall außerordentlich zurückhaltend. Aber als Pressesprecher lesen Sie vermutlich alle lokalen Blätter.«
»Nun, nicht alle. Aber … ich habe in Hohenheim Publizistik studiert. Sie denken vermutlich, dass ich dann besser über diese Stiftung Bescheid wissen müsste. Aber sehen Sie, die Sache ist sowohl von der Summe als auch von der Thematik her ein Exot, wenn Sie so wollen. Ich persönlich glaube nicht an diesen Hokuspokus. Zudem war die Spende an die Edmund-Gurney-Stiftung einmalig und liegt drei Jahre zurück. Von einem Engagement des Konzerns beim Thema Parapsychologie kann keine Rede sein. Das interessiert uns null.«
»Es könnte Sie aber interessieren, wenn es einen gäbe, der per Geisteskraft technische Systeme beeinflussen kann.«
»Inwiefern? Helfen Sie mir auf die Sprünge, Frau Nerz. Ich fürchte, ich habe nicht genug Phantasie. Flugzeuge per Geisteskraft abstürzen lassen? Das Riesenrad in London umstürzen? Das käme Terror gleich. Und ich wüsste nicht, inwiefern das dem QarQ-Konzern von Nutzen sein sollte. Wir liefern Technik, die funktioniert, nicht solche, die havariert.«
»Na, sie funktioniert doch ganz gut, Ihre Phantasie«, sagte ich.
Ingmar Neuner lachte. Ich bedankte mich. Wir schieden.
Schluss für heute mit dem Telefonieren, fang an, den Artikel zu schreiben, sonst wird das nichts. Aber Facebook hatte noch Nachrichten für mich. Meine FreundInnen hatten die Kommentarliste unter meiner Rätselfrage nach der Leiche im geschlossenen Raum verlängert.
Steffi Pelzer-Bartosch: Wie ist das mit dem Paranuss-Psychologen, der da in dem hermetisch verschlossenen Zimmer vor sich hin gammelt? Muss ich bei Conan Doyle nachlesen? (Dir, Dora Asemwald, Axel Starke und 15 weiteren gefällt das.)
Lisa Nerz: Ihr nehmt mich nicht ernst! (Dora Asemwald, Steffi Pelzer-Bartosch, Maria Lehmann, Berufsdemonstrant Schroeder und 3 weiteren gefällt das.)
Dora Asemwald: Und wie! Die Paranuss war hier. (Peter Schlegel gefällt das.)
Dem Kommentar hatte Dora einen Link angehängt zu einem Artikel der Allgäuer Zeitung vom 7. Januar mit dem Titel: »Geisterjäger in Neuschwanstein. Auch Prof. Rosenfeld kann das Phänomen des schwingenden Leuchters nicht erklären.« Das Foto zeigte Gabriel Rosenfeld in roter Trekkingjacke vor grauen Türmen. Dem Artikel zufolge sahen immer wieder mal Touristen den Kronleuchter im Thronsaal von Neuschwanstein schwingen. Ingenieure und Mechaniker waren dem Phänomen bisher nicht auf die Spur gekommen, so hatte man den Geisterexperten Rosenfeld geholt. Oder er hatte sich von sich aus angeboten. Da legte sich der Reporter nicht so genau fest. Das fiel unter die journalistische Unschärferelation, die da lautet: Wenn etwas gut klingt, dann suche nicht nach der Wahrheit.
Natürlich hatte der Kronleuchter sich nicht bewegt, als Rosenfeld dort war. Er habe es auch nicht erwartet, hatte er hinterher gesagt, Spuk sei elusiv, er sei scheu und schwer fassbar. Man dürfe ihn sich nicht als Geisterhand denken, sondern man müsse ihn sich als den Ausschlag eines komplexen, in sich geschlossenen Systems ins Unerwartete vorstellen. Dies hatte der Journalist nicht weiter zu ergründen versucht. Der Artikel verriet auch nicht, wann genau Rosenfeld seine Feldstudien im Schloss gemacht hatte. Da er nach Dreikönig erschienen war, konnte es gut sein, dass er schon lange für die Zeit nach den Feiertagen herumgelegen hatte.
Mir klopfte das Herz. So ganz verstand ich nicht, warum. Waren es die offenen Augen in Rosenfelds freundlichem Wissenschaftlergesicht, die sein Mörder mit Paketband zugeklebt hatte? Ein heller und verhaltener Blick. Oder war es, weil Neuschwanstein schon wieder aufstieg aus der Kommunikationssoße? Dora Asemwald war ein Phantom der Facebook-Welt und definitiv nicht dabei gewesen, als Neuschwanstein beim Tischrücken auf der nächtlichen Terrasse von Monrepos zu erscheinen im Begriff gewesen war. Als ob ich in eine bestimmte Richtung geschoben werden sollte. So kam es mir vor.
Ich beschloss, Gespenst zu werden und den Schwingungen zu folgen.
Zuerst rief ich in der Redaktion der Allgäuer Zeitung an. Der Autor klang jung, schimpfte aber schon wie ein alter. Er habe nur zufällig von dem Termin erfahren, von seiner Freundin, die im Schloss Führungen mache. Irgendwann kurz nach Neujahr. Man habe die Presse offenbar nicht dabeihaben wollen. Eine Pressekonferenz sei nicht geplant gewesen. Er habe auch nicht mit hineindürfen. Eine komische Aktion. Ihm sei auch bis dato nichts von einem schwingenden Kronleuchter bekannt gewesen. Ach, der Professor sei tot, ermordet? Ja, da schau her.
Man überschätzt leicht den Wissensdurst von Journalisten.
»Rosenfeld war doch sicher in Begleitung?«, stocherte ich.
»Ja, soweit ich mich erinnere, waren es vier oder fünf Leute. Techniker, hieß es.« Nein, Fotos von der Gruppe habe er nicht gemacht, soweit er sich erinnere. Er habe ja geglaubt, er könne es dann im Schloss tun. Er könne aber noch mal nachschauen.
Die bessere Quelle für Rosenfelds Reisen war wohl Dr. Barzani in Holzgerlingen. Desirée leierte den Satz »Institut für Grenzwissenschaften und Parapsychologie, guten Tag, Sie sprechen mit Frau Motzer, was kann ich für Sie tuuuuun?« herunter.
»Mein Sonnenscheinchen, ich komme«, sagte ich und legte auf.
Charlotte Brontë flog über die Autobahn. Im Rückspiegel schoben sich die dunklen Autos mit Überholprestige von der linken auf die rechte Spur, aber ein bestimmtes, das mir folgte, konnte ich nicht ausmachen. Auf der Autobahn Richtung Böblingen und weiter Richtung Singen herrschte das enge Geschiebe eines Vormittags. An der Ausfahrt Holzgerlingen löste es sich auf. Wahrscheinlich, weil ich von der Autobahn runterfuhr. Als Gespenst löst man seltsame Phänomene aus und wundert sich nicht darüber.
13
»Und hier«, sagte Dr. Derya Barzani, »wurden die Experimente durchgeführt.« Sie hatte mir den Saal im Erdgeschoss der Burg Kalteneck aufgeschlossen. Er war bestuhlt. Erst vergangene Woche hatte hier ein Vortrag stattgefunden. An der Kopfwand stand ein Podium mit Lämpchen. Cipión schnüffelte desinteressiert. Keine Geister in der Luft.
»Was haben sich denn da für Leute gemeldet?«
»Wünschelrutengänger, die hatten wir viele.«
»Mit den gegabelten Ruten, die plötzlich erigieren, wenn Wasser im Boden ist?«
Ein Lächeln rutschte ihr in den rechten Mundwinkel. »Meistens senken sie sich.«
»Und wenn der Wünschelrutengänger eine Wasserader unterm Schlafzimmer findet, muss man sein Bett umstellen, sonst bekommt man Krebs.«
»Was meinen Sie wohl, wie oft unter so einem Haus gebohrt worden ist, um die Existenz der Wasserader zu beweisen?«
»Ach so. Also Kokolores.«
»Die Geologen wären jedenfalls glücklich, wenn das Wünschelrutengehen zuverlässig funktionierte. Es wäre die billigste Methode, Bodenschätze zu finden. Aber leider muss man auch hier jeder Erfolgsmeldung die Zahl der Fehlversuche gegenüberstellen, über die ihr von der Presse gewöhnlich eben nicht berichtet.«
»Und wenn es keine Wünschelrutengänger waren, wer ist dann sonst noch so gekommen?«
»Ich weiß von einem Handwerker, der meinte, er könne fühlen, ob eine Leitung Strom führt, wenn er die Hand darüber hält. Wahrscheinlich hatte er als Handwerker so viele Treffer, weil die meisten Leitungen Strom führen. Hier lag seine Trefferquote im Zufallsbereich. Ein anderer wollte lebendiges Wasser herausschmecken können.«
»Igitt!«
»Sie legen es auch nur auf Lacher an, was, Frau Nerz?«
Oha, ein Anblaff! Er traf mich in argloser Stimmung. Das hasse ich. Die Frau Doktor hatte in ihrem Blick so etwas spöttisch Lächelndes, etwas Herabschauendes, obgleich sie einen Kopf kleiner war als ich, vor allem nur halb so breit. Tja, körperlich schwache Menschen fühlen sich nur stark, wenn sie andern die Stimmung einschwärzen.
»Soso, Sie mögen’s auch nicht gern nett«, bemerkte ich.
Das gefiel jetzt ihr nicht. Sie lächelte beiseite und brach die Konversation ab. »Aber wie ich Ihnen vorhin schon sagte: Ich war mit den Kalteneck-Experimenten nicht befasst. Sie wurden von einem Doktoranden durchgeführt.«
»Wie komme ich an den ran?«, fragte ich.
»Er ist Doktorand in Alicante bei der ….« Das Spanische fiel ihr schwer. »Asociación Española de Investigaciones Parapsicológicas.«
»Warum hat er die Versuche hier durchgeführt?«
»Weil es hier im Sommer nicht so heiß ist. Was interessiert Sie das eigentlich? Es ist nichts dabei rausgekommen, und für Wissenschaft interessiert sich die Presse doch überhaupt nicht.«
»Ich schon. Ich bin nämlich auch als Journalistin eine Niete. Hatte McPierson damit zu tun?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Das ist der Schotte, der die Nina Kulagina gefilmt hat.«
Ein Hauch von Anerkennung zuckte um den schönen Mund. Wahr ist: Ich fühlte mich vor der zierlichen Dame im blauen Blazer, roten Rock und Nylonstrümpfen auf Pumps wie der Glöckner von Notre-Dame. Sie machte mich zu einer Gespenstin in einer Parallelwelt.
Und sie flüchtete, wie ich das von Richard kannte, ins Belehren. »Finley McPierson leitet die KPU, die Koestler Parapsychology Unit an der Universität Edinburgh. Eins von vier Instituten für Parapsychologie in Großbritannien. In Deutschland gibt es nur zwei, unser Institut und das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene mit der Parapsychologischen Beratungsstelle von Professor Dr. Dr. Walter von Lucadou in Freiburg, das der berühmte Geisterjäger Hans Bender aufgebaut hat.«
»Das Problem ist ja wohl«, bemerkte ich, »dass die Parapsychologie erst einmal beweisen muss, dass es den Gegenstand ihrer Forschung überhaupt gibt.«
»Spukphänomene«, antwortete Derya Barzani, »werden seit Jahrhunderten dokumentiert.«
»Na, wenn das so läuft wie im Schloss Ludwigsburg bei den Haunt Hunters, dann …«
»Es ist manchmal schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber wenn Sie auf einem Video einen Spuk sehen, können Sie davon ausgehen, dass Sie einem Betrug aufsitzen. Paranormale Erscheinungen entziehen sich der objektiven Beobachtung. Ein Spukerlebnis verflüchtigt sich, je gründlicher wir darüber nachdenken, was wir genau erlebt haben. Am Ende erscheint es uns als Einbildung.«
Das deckte sich mit dem, was wir auf Schloss Monrepos erlebt hatten.
»Es ist eine Grundeigenschaft des Spuks, unklar zu sein. Er verschwindet auch, sobald man beginnt, ihn wissenschaftlich zu untersuchen. Wir sagen dazu: Der Spuk ist elusiv.«
»Elusiv?« Das Wort war mir unlängst schon begegnet. Nur wo? Vermutlich schaute ich wie drei Reihen Feldsalat.
»Elusivität«, die Frau Doktor spitzte die vollen Lippen, »die Flüchtigkeit, der ausweichende Charakter, die schwere Fassbarkeit der Erscheinung. Wenn also dies, die Flüchtigkeit, eine fundamentale Eigenschaft von Psi-Phänomenen sei, so wäre bereits bewiesen, dass es unseren Forschungsgegenstand gibt.«
Ich lachte grobkörnig. »Das klingt wie Religion. Der Beweis, dass Gott existiert, ist dadurch erbracht, dass wir außerstande sind, ihn in Begriffe zu fassen, geschweige denn zu fotografieren.«
»Ich will damit nur verdeutlichen, dass man zu 99,9 Prozent davon ausgehen muss, dass es sich um Betrug oder Selbstbetrug handelt, wenn man auf einem Foto einen Spuk sieht.«
»Dann kommt es Ihnen hier vor allem darauf an zu zeigen, dass es all das Sensenmanngeraffel nicht gibt. Keine Wiederkehr der Toten, keine Hellseherei, keine Telekinese …«
Barzani gab sich einen Ruck. »Letzteres, die Telekinese, gibt es gewiss, Frau Nerz. Wenn Sie wollen, mache ich einen Test mit Ihnen.«
Damit hatte sie schon mal gedroht. »Was für einen Test?«
Sie lächelte siegessicher. »Kommen Sie.«
Sie hielt mir sogar die Tür auf. Wir traten zurück in die Eingangshalle. Gegenüber befand sich ein Sackgassengang mit dem Toilettenschild. Hier hatte Juri Katzenjacob gepinselt.
»Übrigens hat heute schon einer angerufen«, sagte sie, mich mit einem Hauch von Rosenwasser streifend, als sie sich zur Treppe wandte. »Einer von der Zeitung.«
»Von welcher denn?«
»Frau Motzer hat den Anruf entgegengenommen. Auch er hat nach den Kalteneck-Experimenten gefragt. Frau Motzer hat ihm mitgeteilt …«
Wir betraten bei diesen Worten den Raum, wo das Sonnenscheinchen an seinem Tisch am Computer glühte. Schwanger! Das fiel mir sofort auf, wenn ich es auch nach dem zweiten Blick nicht mehr hätte beschwören wollen.
»… dass die Daten noch wissenschaftlich ausgewertet werden müssen, aber nichts Spektakuläres herausgekommen sei, nicht wahr, Frau Motzer? Von welcher Zeitung war der Anrufer vorhin?«
Desirée guckte hoch. »Vom Guten Tag.«
»Wir haben die Unterlagen der Kalteneck-Experimente sowieso nicht hier«, fuhr Dr. Barzani fort. »Was wir haben, sind ein paar statistische Reihen. Aber die Daten der Probanden, einschließlich der Zielvereinbarung … der Wette, wie Gabriel das immer genannt hat«, sie schluckte, »befinden sich verschlüsselt auf einem passwortgeschützten Server, zu dem ich keinen Zugang habe.«
»Hat dieser Spanier Zugang?«
»Das nehme ich an. Und Gabriel hatte natürlich das Passwort.«
»Was macht Sie eigentlich so sicher, dass es ein Zeitungsreporter war, der vorhin angerufen hat?«
Desirée senkte den Blick. Barzani zog die Brauen zusammen und fixierte mich, als könne sie aus meinem Hirn herausbohren, woran man Reporter am Telefon erkannte. »Wer denn sonst?« Sie schüttelte den Kopf. »Was glauben Sie eigentlich, was wir hier machen?«
»Sie haben hier zwei Sommer lang nach einem Channeler gesucht, einem Parapsychotiker, Übersinnigen, Psi-Agenten, Medium …«
Barzani lächelte unwillkürlich amüsiert.
»Mich wundert allerdings, dass der Gute Tag erst heute nachfragt. Eigentlich hätte er gleich nach Rosenfelds Tod nachhaken müssen. Geisterjäger von Geist erstochen und ausgeno–« Ich unterbrach mich. Derya blickte ungefähr so entsetzt drein wie Richard, wenn ich munteres Leichenfleddern machte. »So was liebt die Presse.«
Was war heute anders als vor drei Monaten oder letzte Woche?, fragte ich mich. Ich hatte angefangen zu kratzen. Das war anders. Ich hatte in Hamburg mit einem Journalisten und in Berlin mit einem Pressesprecher geredet. Ich hatte in Edinburgh einen Professor kontaktiert und meiner Facebook-AnhängerInnenschaft die Frage gestellt, wie das mit der Leiche im geschlossenen Raum geht.
»Ihr Journalisten immer!«, rief Barzani. Wobei ich schon zufrieden war, dass sie mich für eine Journalistin hielt. »Ihr verwechselt Akte X mit Wissenschaft. Mein Vater begreift das auch nie. Dabei ist es gar nicht so schwierig. Bei uns geht es um … Aber das sollen Sie jetzt selber sehen. Und …« Sie wandte sich noch mal um. »Frau Motzer, seien Sie so gut und suchen Sie bitte die Kontaktdaten von unserm Héctor in Spanien heraus.«
Desirée zog die linke Braue hoch. »Wieso … er …«
»Bitte, Frau Motzer! Und geben Sie die Adresse nachher Frau Nerz.«
Eine Wolke fiel in die Sommerhimmelaugen. Etwas kippte. Aber ich hatte keine Zeit zu verweilen. Ich musste Derya Barzani und ihrem Rosenduft folgen. Die Reste des Polizeisiegels klebten an der Tür von Rosenfelds Büro. Alle anderen Türen standen offen. Während Cipión alles anschauen dackelte, bog Barzani ins »Labor 2« ab.
Im Winter hatte um diese Tageszeit die Sonne knallig in den straßenseitigen Räumen gestanden, jetzt fiel das Licht steiler und benetzte nur ein schmales Rechteck unter den Fenstern. Der Raum sah ansonsten aus wie ein aus spärlichen Spenden zusammengemöbeltes Wohnzimmer, aber mit einem Strauß Blumen in einer Vase.
»Früher«, erklärte mir Barzani, »hat man in den Instituten für Parapsychologie Faraday’sche Käfige gehabt, Räume, die gegen elektromagnetische Wellen abgeschirmt sind. Größere Institute arbeiten immer noch damit, aber wir haben darauf verzichtet, denn es ist hinlänglich bewiesen, dass Radiowellen bei diesen Leistungen keine Rolle spielen.«
»Was für Leistungen?«
Sie nagelte ihren teerschwarzen Blick in meinen. »Glauben Sie an Zufall, Frau Nerz?«
Musste sie das »Frau« eigentlich so ironisch betonen?
»Ist der Zufall eine Religion?« Und sag jetzt nicht wieder, ich wollte die Lacher auf meine Seite ziehen!
Nein, sie sagte es nicht. Im Gegenteil, sie schaute mich zum ersten Mal fast anerkennend an. »Für die meisten Menschen ist das eine Glaubensfrage. Siebzig Prozent der Menschen sind überzeugt, dass es keinen Zufall gibt. Manches Zusammentreffen erscheint uns so schicksalhaft, dass wir eine lenkende Instanz dahinter vermuten.«
»Ich bin katholisch geprügelt worden«, bemerkte ich. »Das war lenkende Hand genug.«
Das trug mir einen prüfenden Blick ein. »Den Test hier mit der Schmidt-Maschine haben übrigens alle Kalteneck-Probanden durchlaufen.«
»Warum soll ich ihn dann machen?«
»Weil Sie Journalistin sind und ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe, dass in der Zeitung auch mal was Vernünftiges steht. Ich halte es für dringend an der Zeit, dass die Parapsychologie aus der Klopfgeisterecke eines Hans Bender und aus den Gruselsphären von Akte X herauskommt. Bei uns geht es nicht um unheimliche Kräfte, Untote, finstere Mächte, Hypnotiseure, Hexen, Flüche und Wahrsagerei.« Sie lud mich mit der Hand ein, mich zu setzen.
Ich setzte mich. »Okay. Wenn ich hinterher nicht als Parapsychopath herauskomme.«
»Das werden Sie nicht.«
Sie holte aus einem Schrank ein Kästchen, dessen Design aus den schwarzen Fünfzigern zu stammen schien, und stellte es vor mich hin. Sein Hauptbestandteil war ein Kreis kleiner Lämpchen.
»Sie werden von einem Zufallsgenerator gesteuert, der das Licht vor- und zurückspringen lässt. Schauen Sie!«
Es gab ein munteres Hin-und-her-Gespringe auf dem Lichtkreis, eins vor, zwei zurück, zwei vor, eins vor, dann wieder zurück.
»Sie sollen sich nun wünschen, dass das Licht auf seiner Kreisbahn weiterspringt, am besten einmal ganz herum.«
Nichts dergleichen würde ich tun. »Und was tut der Apparat dabei?«
»Das müssen Sie nicht wissen. Sie müssen nur die Lichter in eine Umlaufrichtung wünschen.«
»Geht es nicht mehr, wenn ich es weiß?«
Derya Barzani schmunzelte. »Sie haben die Dinge gern unter Kontrolle, was? Nach meiner Erfahrung müssten Sie eine gewisse PK-Begabung haben.«
»Bitte, was?«
»PK, Psychokinese. Die unmögliche Aufgabe.«
»Es geht doch aber offenbar, oder?«
»Physikalisch geht es nicht. Der Zufallsgenerator basiert auf radioaktivem Zerfall.«
»Wie bei Schrödingers Katze. Immer diese Radioaktivität.«
Cipión stellte kurz die Ohren, ließ sie dann aber wieder fallen. Radioaktivität war ein Wort, das ihm nichts sagte.
»Früher«, erklärte Barzani, »hat man für PK-Versuche Würfel genommen. Man ließ sie durch eine mechanisch gesteuerte Klappe eine schiefe Ebene hinunterrollen und bat die Probanden, dass sie sich wünschten, dass beispielsweise immer eine Fünf falle. Nun sind Würfel aber nie völlig gleichmäßig gearbeitet, sie haben einen Drall und bevorzugen bestimmte Augenzahlen. Deshalb hat der deutsche Physiker Helmut Schmidt in den siebziger Jahren diese Maschine erfunden. Sie enthält Strontium 90. Im Prinzip funktionieren solche Zufallsgeneratoren so: Ein Geigerzähler misst den Zerfall. Wir kennen die Rate. Im Durchschnitt zerfällt beispielsweise ein Atom pro Sekunde. Das heißt aber nicht, dass in der konkret gemessenen Sekunde tatsächlich ein Atom zerfällt. Andererseits können auch zwei zerfallen.«
Ich nickte.
»Ein Zerfall wird in den Wert Eins übersetzt, eine Sekunde ohne Zerfall in den Wert Null. Bei eins springt das Licht nach rechts weiter, bei null springt es zurück. Aber bedenken Sie: Von Strontium 90 wissen wir zwar, dass die Hälfte in 28 Jahren zerfallen ist, doch niemand kann vorausberechnen, wann welches Atom zerfällt. Und nichts kann den Zerfall beschleunigen oder abbremsen, kein Luftzug, keine Temperaturänderung, keine Feuchtigkeit, nicht die Lage des Kastens, keine elektromagnetischen Wellen.«
»Aber ich kann das? Oder wie?« Ich fühlte mich befreit. Meine Haltung zu harter Arbeit oder unmöglichen Aufgaben war seit jeher die, sie andern zu überlassen.
Sie lächelte. »Und, Frau Nerz, falls Sie vorhaben, nichts zu tun, so merken wir es auch, wenn Sie eine PK-Begabung haben. Dann produzieren Sie sozusagen einen Ausschlag ins Minus.«
Ich nicht! Dessen war ich mir sicher. »Und Cipión? Wo soll der solange hin?«
»Ich nehme nicht an, dass er die Schmidt-Maschine beeinflusst. Es gibt keinen Grund, warum er es tun sollte.«
Mein Dackel wurde mir unheimlich. »Könnte er es denn?«
»Schmidt hatte eine Katze. Die hat er in einen eiskalten Verschlag gesperrt. Darin hing eine Wärmelampe, die an seinen Apparat angeschlossen war. Die Lampe ging zufällig an und aus. Doch irgendwann wich sie vom Zufall ab und brannte länger als sie aus war. Die Katze hatte offenbar ein dringendes Bedürfnis nach Wärme gehabt. Leider hat Schmidt den Versuch mit dieser Katze nie wiederholen können.«
»Immer diese Katzen«, sagte ich. Cipión stellte wieder die Ohren und schaute mich mit Augen wie Haselnüsse an. »Schmidts Katze, Schrödingers Katze …«
»Fangen wir an?«
»In drei Teufels Namen.«
Die Parapsychologin verließ das Zimmer, und ich schaute dem Lichtkreis beim Springen zu. Unter keinen Umständen wollte ich hier irgendwas bewegen. Aber die Lichter hatten etwas Suggestives. Es quälte, dass sie so blödsinnig hin und her leuchteten und nicht über den Sechs-Uhr-Punkt hinauskamen. Es störte mich und mein optisches Gleichgewichtsempfinden. Und dann waren sie endlich mal auf der anderen Seite und kamen nicht rauf, rutschten zurück. Es war frustrierend. Es war ärgerlich und sinnlos, dass ich da draufstarrte. Wenn die Lichter einmal zügig den Kreis entlangglitten, war es eine Erholung, eine Erleichterung, eine Befriedigung. So rutschte ich hinein in das Experiment, das ich hatte torpedieren wollen, und auf einmal war ich dabei, zu fordern, dass die Lichter auf der Kreisbahn blieben, es zu wollen. Und wenn es mir gelang, dass sie in die eine Richtung sprangen, war ich stolz wie Oskar.
Als Dr. Derya Barzani hereinwehte und mich erlöste, war das Sonnenviereck, in dem Cipión sich auf die Seite gelegt hatte, um zu schlafen, schon halb von ihm heruntergerutscht. Benommen folgte ich den prallen Waden und schlanken Fesseln in ein Büro am Ende des Gangs, in dem viele Bücher standen. Derya begab sich hinter ihren Schreibtisch und klickte sich mit starrem Blick durch Kurven und Zahlen.
Ich rang um meine Ich-Renaissance und gierte nach einer Kippe. Also runter und raus. Auch Cipión freute sich über die Rückgewinnung seiner Identität als pinkelnder Rüde.
Ein Paar Stockenten durchpflügte das grüne Wasser im Graben. Mein Handy klingelte. Ich hatte es gar nicht leise gestellt, fiel mir auf. Und trotzdem rief Richard erst jetzt an und fragte: »Wo steckst du denn?«
Mir fiel ein, dass ich Dr. Barzani eigentlich nach Rosenfelds Besuch in Neuschwanstein hatte fragen wollen und es nicht getan hatte. »Auf Kalteneck«, antwortete ich. »Ich habe gerade einen PK-Test gemacht und warte auf die Auswertung.« Meine Armbanduhr zeigte halb zwei. »Wieso rufst du erst jetzt an?«
Ich hörte ihn schlucken. Er versuchte meine Frage einzuordnen. Nerz’sche Neckerei oder Gefahr im Verzug? »Störe ich?«
»Nein. Aber vor fünf Minuten hättest du mich noch beim Experiment gestört, und es wäre vermutlich misslungen.«
»Ah.« Er entschied sich für seine eigene Richtung: »Ich hatte bis eben zu tun. Dann hast du es noch nicht in den Nachrichten gehört?«
»Was denn?«
»Es hat einen Anschlag auf einen Gefangenentransport gegeben. Juri Katzenjacob saß im Wagen.«
»Ach was!«
»Es sieht nach einem Befreiungsversuch aus. Heftig. Ein Polizeibeamter wurde lebensgefährlich verletzt, einer der Angreifer ist tot. Dem ersten Augenschein nach kam er durch die vorzeitige Explosion eines Sprengsatzes ums Leben. Laut Pass stammt er aus Rumänien. Zwei, womöglich auch drei weitere sind flüchtig. Für den genauen Tathergang wird man die Auswertung der Überwachungskameras abwarten müssen.«
»Krass!« Ich sortierte mich. »Wann war das?«
»Kurz nach halb elf. Katzenjacob sollte zu einem Haftprüfungstermin gebracht werden. Sie haben den Transporter direkt an der Einfahrt angegriffen, vor dem Tor. Du weißt, wo das ist? Cannstatter Straße, hinter der Tankstelle.«
Natürlich wusste ich das. Es war genau hinter der Staatsanwaltschaft.
»Ich habe die Knallerei gehört.«
»Aber warum heute?«, fragte ich. »Was ist heute anders als letzte Woche oder vor zwei Wochen?« Damit konnten meine drei Kontaktaufnahmen nichts zu tun haben, denn eine bewaffnete Befreiung musste vorbereitet werden.
»Letzte Woche war kein Haftprüfungstermin«, antwortete Richard.
Das war eine gute Erklärung. »Also eine undichte Stelle bei der Polizei oder in der Justizverwaltung?«
»Von einem Haftprüfungstermin kann jeder wissen, der es wissen will. Die Presse wusste es. Der Anwalt hat es mitgeteilt. Am Freitag hat sich einer vom Stuttgarter Anzeiger bei uns erkundigt, wann genau der Termin ist. Seit einer Stunde versuche ich, ihn aufzutreiben. Zur Arbeit ist er nicht erschienen, er hat sich nicht krankgemeldet, und bei den Streiks der Redakteure gegen Lohnkürzungen ist er auch nicht dabei.«
»Eine Schweinerei ist das. Die wollen doch wirklich die Löhne senken, um fünfundzwanzig Prozent für Neueinsteiger.«
»Ja, Lisa. Aber weswegen ich dich anrufe … Er geht auch nicht ans Handy. Roland Hoffmann heißt er.«
»Kenne ich nicht. Vielleicht einer der neuen Freien.«
Ich hörte Richard enttäuscht ausatmen. »Hätte ja sein können.«
»Ich bin nur noch ganz selten in der Redaktion, weißt du doch. Wo wohnt der Kerl denn?«
»Die Polizei ist schon unterwegs zu ihm.« In so was war die Polizei gut. Auch im Aufspüren von Verbindungen in den osteuropäischen Raum. »Ich hatte nur gehofft, dass du Hoffmann …« Richard stockte bei der unverhofften Sinnhaftigkeit, »zufällig kennst und mir was über ihn sagen kannst.«
Mumpitz, dachte ich, das ist nicht der Grund seines Anrufs. Richard wandte sich sonst auch nicht an mich, wenn es um seinen Job und meine Kollegen ging. »Glaubt ihr denn, er hat was damit zu tun?«
»Wir glauben momentan gar nichts, Lisa. Aber es wäre mir sehr lieb, wenn du in dieser Sache äußerste Zurückhaltung walten ließest. Was machst du auf Kalteneck? Hatten wir nicht gesagt, dass es dort nichts …«
»Sorry«, unterbrach ich ihn. »Ich muss Schluss machen.« Es war nicht mal gelogen, denn soeben trat Dr. Derya Barzani vor die Tür auf die Terrasse. »Ich melde mich nachher.«
14
Fast stolperte sie über Cipión, der sie freundlich begrüßte. Sie mochte keine Hunde, das sah ich ihr an. Ein wenig steifbeinig umrundete sie den Schlappohrunhold. Cipión hingegen mochte Menschen, die keine Hunde mochten, weil sie ihm nicht in die Augen schauten. Das fand er höflich und nett.
»Ihr Wert liegt bei 3,5«, eröffnete mir die Frau Doktor.
»Kann ich damit noch Auto fahren?«
Sie lachte knapp. »PK-Experimente sind reine Statistik. Viele PK-Experimente hat man wegwerfen müssen, nachdem Statistiker sie nachgeprüft hatten. Es geht hier um äußerst geringe Abweichungen von der Normalverteilung und den kleinen Schwankungen, die das System selbst produziert. Sie verstehen?«
Ich nickte, während es in meinem Hinterkopf grübelte. Wer konnte ein Interesse daran haben, Juri Katzenjacob aus der U- Haft freizubekommen? Hatte er denn Kontakte nach Rumänien? Gab es gar Familienmitglieder, die er gesucht hatte oder die ihn gesucht hatten?
Fragte ich mich damals auf der schattigen Terrasse der Wasserburg Kalteneck aber auch schon, ob Juri womöglich der eine war, der es konnte, der Parapsychopath, der Psychokinetiker, der Channeler, der Übersinnige, der Psi-Agent? Nein. Ich dachte es nicht. Mit keinem noch so versteckten Neuronenhäufchen, das sich später melden und sagen konnte: Ich hab’s geahnt, ich hatte die ganze Zeit so ein blödes Gefühl, hättste mal auf mich gehört!
Vielmehr starrte ich auf das oberste Blatt in Barzanis goldgeschmückter Hand, auf dem eine Zickzacklinie aufstieg wie die Kurve des DAX kurz vor der Tagesschau, und versuchte mich zu konzentrieren. Immerhin ging es um meine künftige Lebenstauglichkeit.
»Wir arbeiten mit dem kritischen Bruch«, dozierte die Dame mit dem Rosenmund, »um zu entscheiden, ob der Grad der Abweichung von der Zufallserwartung signifikant größer ist als die üblichen Zufallsschwankungen. Den KB erhält man, indem man die beobachtete Abweichung durch die Standardabweichung teilt.«
»Geschenkt. Ich vertraue dem Kritischen Bruch. Habe ich den Teufelsapparat nun beeinflusst oder nicht?«
»Nein.«
»Ach so?« Ich war enttäuscht und erleichtert.
»Aber Sie haben eine signifikante Abweichung von der Normalverteilung erzeugt. Und zwar eine außerordentlich hohe.«
Mein innerer Umbau zum Gespenst nahm Gestalt an. »Ich bin an sich schon eine signifikante Abweichung von der Norm.«
»Schauen Sie«, sagte sie, meine verzweifelten Sprüche tapfer missachtend, und trat an mich heran. »Diese Linie bewegt sich weit über der x-Achse, die für die Normalverteilung steht. Das sind Sie. Bei 7000 Versuchen hatten Sie 342 Treffer.«
Das kam mir dann doch nicht so viel vor.
»Ja, es sind immer nur sehr kleine Effekte, die wir im Labor beobachten. Aber Sie haben es geschafft. Und dass die Kurve dann abfällt, ist normal.«
»Es ist ja auch anstrengend. Man ermüdet irgendwann.«
»Daran liegt es nicht.«
»Sondern?«
»Es liegt daran, dass Sie den Zufallsgenerator nicht wirklich beeinflusst haben.«
»Sie sind entzückend. Ich liebe Sie!«
Sie wischte sich das Haar hinters Ohr und kniff die Mimik zusammen. »Denken Sie an das, was ich vorhin gesagt habe: Es ist eine unmögliche Aufgabe. Sie können den radioaktiven Zerfall nicht beeinflussen. Sie können ihn nicht stoppen oder beschleunigen. Diese statistischen Ausreißer produziert die Schmidt-Maschine hin und wieder von selbst. Wir nennen das eine Fluktuation. Sie kommt in allen Systemen vor. Abweichungen, Extremzustände. Der springende Punkt ist der: Die Maschine hat die Fluktuation genau in dem Moment erzeugt, als Sie das wollten.«
»Aha. Wie das?«
»Man könnte es vielleicht so erklären: Sie haben sich just in dem Moment ins System eingeschwungen, als es eine Fluktuation produzierte. Sie sind Teil des Systems gewesen.«
»Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?«
»Es wäre schön, Sie würden es versuchen. Ich möchte, dass Sie verstehen, was wir daraus schließen. Wir schließen nämlich, dass Psi keine Energie ist, welche die physikalischen Verhältnisse außer Kraft setzt. Es handelt sich hier nicht um eine Kraft. Sie sind kein Sender, der Apparat ist kein Empfänger.«
»Hm.«
»Wenn es eine Kraft gäbe, die von außen auf die Maschine einwirkt, dann müsste man eine Spur davon im radioaktiven Material finden, eine Beschleunigung des Zerfalls, welche die durchschnittliche Zerfallsrate nachweisbar verändert hätte, irgendwas. Aber niemand hat bisher eine solche Spur von Psi gefunden.«
»Und was ist es dann, was da geschieht?«
»Psychokinese ist, wenn ein physikalisches System eine Fluktuation produziert, in dem Moment, wo Sie das wollen. Es ist eine … eine Verschwörung.«
»Ein nicht zufälliges Zusammentreffen …«, stocherte ich.
»Wie ich sage: eine Verschwörung. Der menschliche Geist verschwört sich mit einem physikalischen System und erzeugt eine Abweichung von der Wahrscheinlichkeit.«
Das beeindruckte mich nicht sonderlich. Vielleicht lag es daran, dass ich von mir selten beeindruckt war. Wenn ich was konnte, konnte es nicht viel wert sein.
»Nehmen wir ein Beispiel aus der makrophysikalischen Welt«, sagte Barzani wiederum ziemlich hellsichtig. »Ein Vater setzt seine Tochter, die gerade den Führerschein gemacht hat, ans Steuer. Hinten sitzt der kleine Bruder. Er schnallt sich los, um sich die Jacke anzuziehen. Eine Katze …«
Cipión schaute sich hektisch um und schnüffelte in die Luft.
»… läuft auf die Fahrbahn. Die Tochter legt ein Vollbremsung hin. Dabei verliert sie die Kontrolle über den Wagen. Er prallt gegen einen Poller und dann gegen eine Mülltonne. Der Bruder wird hinausgeschleudert. Aus der Mülltonne fliegt eine Bratpfanne heraus und …«
Ich musste lachen.
»Nicht möglich? Genau das habe ich vor ein paar Tagen in der Zeitung gelesen. Und weiter: Die Bratpfanne trifft den kleinen Bruder am Kopf. Er stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.«
Eben noch gelacht und schon tot. »Eine Verkettung äußerst unglücklicher Umstände.«
»Eben, eine Verkettung!« Sie hob den Finger und nahm mit ihrem Blick meine Augen in die Zange. »Ein System ist entgleist. Dabei hat es jedoch nur das getan, was ihm möglich ist.«
Grauen stieg die Kapillaren meiner Seele empor. »Und Sie meinen, jemand … die Tochter beispielsweise … hat das bewirkt? Nein, ist daran beteiligt, weil der kleine Bruder sie schon lange nervt? Oder der Vater, weil er seit Jahren von finaler Lebensflucht träumt?«
»Das wäre eine mögliche Interpretation. Wenigstens einer im Wagen befand sich im Zustand seelischer Instabilität. Dann muss nur eine Kleinigkeit passieren, und das System gerät aus dem Ruder.«
»Und wie muss ich mir diese geistige Instabilität vorstellen?«
»Als ein Nicht-bei-der-Sache-Sein vielleicht. Als Versunkenheit in einem persönlichen Problem, das auf Lösung drängt.«
»Ah so!« Ich war erleichtert. »Also ein schicksalhafter Fehler aus Mangel an Konzentration. Das kommt vor.«
»Unentwegt. Aber entscheidend ist der Moment. Warum passiert der Unfall, als der kleine Bruder sich gerade losgeschnallt hat? Und wie oft liegen Bratpfannen in einer Mülltonne?«
Wieso fiel Sally der Bierhumpen ihres Vaters aus der Hand oder aus dem Regal, als ihr Vater starb? »Okay. Und Sie meinen also, das kann jeder.«
»Nein, keineswegs. Psi-Fähigkeiten hat nicht jeder, man kann sie weder lernen noch üben. Das gilt zumindest für die Laborsituation. Die Forschung hat Psi-Fähigkeiten bestimmten Charaktereigenschaften zuordnen können, ja müssen. Sonst könnten Sie jetzt sagen, die Fluktuation hätte sich auch ereignet, wenn Desirée Motzer an Ihrer Stelle gesessen hätte. Aber das ist nicht so.«
»Und diese Charaktereigenschaften wären?« Ich gierte. Derya war ja an sich nicht zurückhaltend, mir mal kurz meine Identität zu definieren.
»Ängstliche, verklemmte Menschen produzieren jedenfalls keine PK-Effekte. Das kann man sagen. Gesellige, gelassene und extrovertierte schon eher. Es gehört ein gewisses Selbstvertrauen dazu und eine«, sie schmunzelte, »eine starke Maskulinität.«
»Klingt, als hätte man solche Experimente hauptsächlich mit Männern durchgeführt.«
»Keineswegs.« Die zierliche Frau Doktor warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Die große Kulagina, das russische PK-Medium … Aber von der haben Sie ja schon gehört.«
Ich hatte sie sogar vorhin selbst erwähnt. »Die Meisterin der Salzstreuer.«
»Sie war Soldatin. Sie hatte zwar keine Wahl, abgesehen davon, dass sie Funktechnikerin geworden war, aber Finley sagt, ihr Spirit war sehr maskulin.«
»Was auch immer das ist.«
Derya Barzani lächelte selbstsicher. »Na, Männer sind ja durchaus empfänglich für weibliche Signale. Und wenn sie fehlen …«
15
Mit der E-Mail-Adresse von Héctor Quicio, Mitarbeiter bei der AEIP, der Asociación Española de Investigaciones Parapsicológicas, fuhr ich nach Stuttgart zurück. Ich schrieb ihm sofort, ohne den genauen Grund anzugeben. Dann rief ich Richard an.
Roland Hoffmann war wieder aufgetaucht. »Er stand«, erzählte Richard, »im Megastau auf der A8 an der Messe. Da sind beim Parkhaus gestern Abend zwei Gefahrguttransporter zusammengestoßen, einer mit Essigsäure, der andere mit Benzin. Die Autobahn war bis 14 Uhr 30 siebzehn Stunden komplett gesperrt.«
»Hab ich in den Nachrichten gehört.«
»Und Hoffmanns Akku war leer. Und du, was hast du in Kalteneck gemacht?«
»Sozialgeräusche. Und wie war dein Tag?«
»Lisa«, sagte er. »Was in drei Teufels Namen soll das werden?«
»Immerhin weiß ich nun, dass ich eine PK-Begabung habe. Ich bin schon fast fahruntüchtig.«
»Schön für dich.«
»Weiß ich noch nicht, Richard. Mein Schicksal bekommt einen ganz anderen Unsinn, wenn ich annehme, ich hätte es selbst verursacht. Das heißt, man verursacht es ja nicht, man ist nur dabei, wenn es passiert, und wenn man nicht dabei wäre, würde es nicht passieren. Verstehst du das?«
»Nein«, sagte er leicht besorgt. »Alles in Ordnung bei dir?«
Wann war je irgendwas in Ordnung bei mir? »Ich möchte mit dir nach Neuschwanstein fahren, Richard.«
Ich hörte ihn atmen. »Okay, wenn dir das so wichtig ist.«
Ich verschluckte mich vor Überraschung. »Wann?«
Zwei Tage später verhaftete man in einem transsilvanischen Dorf zwei Brüder, bei denen sich Spuren des verwendeten Sprengstoffs fanden. Der Gute Tag berichtete, sie hätten gestanden, dass sie zusammen mit einem Cousin aus einem Nachbardorf den Überfall auf den Gefangenentransport in Stuttgart begangen hatten. Den Auftrag hätten sie Anfang Februar über einen Kontakt aus dem kriminellen Milieu erhalten, zusammen mit einer Anzahlung von 30 000 Euro. Bei Ablieferung des Befreiten hätten sie dasselbe noch einmal bekommen sollen. Über den Mann, den sie befreien sollten, hätten sie nichts gewusst. Sie hätten ihn in einem Transporter über die tschechische Grenze bringen und dort auf einem Parkplatz stehen lassen sollen. Nachdem das alles nicht geklappt habe, seien sie zurück in ihr Dorf Viestea de Sus gefahren.
Die Spur zum Auftraggeber endete für die Ermittler nach weiteren vier Tagen in Moskau bei der Leiche des Kontaktmanns aus dem kriminellen Milieu.
Der Presse konnte ich auch entnehmen, dass Juri Katzenjacob sich zu dem Vorgang nicht äußerte und sein Anwalt bessere Schutzmaßnahmen forderte. Über Kontakte Juris nach Osteuropa wurde nichts bekannt, aber der Gute Tag hatte ein Mädchen ausgegraben, noch Schülerin, wegen der es Juri angeblich nach Böblingen gezogen hatte. Eine gewisse Angela K., hübsch und Nichte des Malermeisters, der Juri angestellt hatte. Der Gute Tag zitierte sie auf der Stuttgarter Lokalseite mit den Worten: »Mich hat’s vor ihm gegruselt«, und kolportierte die Geschichte, dass Juri auf einer Landstraße plötzlich angehalten habe, ausgestiegen und zu einem Fuchs gegangen sei, der überfahren am Straßenrand lag. Mit bloßen Händen habe er dem Fuchs die Eingeweide herausgezogen.
Über Facebook fand ich Angela K. auch gleich und schickte ihr die Nachricht, dass ich mich gern mit ihr unterhalten würde. Sie wollte erst nicht, ließ sich dann aber mit Hilfe einiger Scheine zu einer Verabredung nach Stuttgart locken. Allerdings kam sie nicht. Ging auch nicht ans Handy. Der Unfall, der sie wenige Stunden zuvor das Leben gekostet hatte, war spektakulär genug, dass ihn am Abend die Radionachrichten meldeten. Ein Siebzehnjähriger hatte ohne Fahrbegleiter im Auto vom Vater eines Freundes betrunken die Kontrolle verloren und Angelas Fahrrad auf den Kühler genommen. Sie war zwanzig Meter weit geflogen und auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.
Mich gruselte.
Auf eine Antwort von Héctor Quicio wartete ich auch vergeblich. Ich telefonierte mich durch die Uni Alicante, bis man mir mitteilte, dass es dort keine Parapsychologen gab. Ein etwas genauerer Blick ins Internet ergab, dass die AEIP nicht zum Campus gehörte, sondern in einem Stadtteil namens San Vicente del Raspeig lag. Ich wählte die Nummer des Departamento de Investigaciones und landete bei einer Maite, die mir erklärte, sie kenne keinen Héctor, aber sie sei auch erst seit März im Institut. Und sie sei auch gerade ganz alleine. Ich solle in einer Stunde wieder anrufen. Da konnte sie mir immerhin sagen, dass Héctor das Institut Anfang des Jahres verlassen habe. Sein Vater sei krank geworden, er habe der Mutter mit dem Restaurant helfen müssen. Wo das sei, konnte sie nicht sagen. Eine private E-Mail-Adresse habe sie nicht, sie wolle sich aber erkundigen. Als ich gegen ein Uhr wieder anrief, war Mittagspause. Auch am Nachmittag ging niemand mehr an den Apparat.
Ich fand Héctor Quicio in Facebook. Aber er hatte sein Profil nur für FreundInnen offen, deren er an die tausend besaß. Eine Schnittmenge mit meinen gab es nicht. Ich suchte mir die hübscheste unter den ersten zehn aus und schickte ihr eine Freundschaftsanfrage. Sie hieß Rosario Fornes de la Torre.
Sofort Erfolg hatte ich mit Kitty zu Salm-Kyrburg. Sie erklärte sich bereit, uns mit ihren Leuten zu einer PU zu Tourismusbedingungen ins Schloss Neuschwanstein zu begleiten, vorausgesetzt, ich übernähme die Kosten von Anreise, Parkplatz, Eintritt und Verpflegung. »Und Sie müssen die Eintrittskarten vorbestellen, sonst müssen wir zwei Stunden anstehen.« Ich guckte mir die Internetseite an. Es würde teuer, wenn ich Meisner, den LOStA Krautter, die junge Staatsanwältin Nadja Locher und Roswita Kallweit überreden konnte mitzukommen. Aber waren sie wirklich nötig? Lieber hätte ich Dr. Derya Barzani dabeigehabt – keine Ahnung, warum. Und wie brachte ich das den Leuten bei?
Ich begab mich zur inneren Klärung ins Fitnessstudio. Mit Rücksicht auf die ziependen Narben meiner Schussverletzung hatte ich erst vor anderthalb Monaten wieder angefangen, Judo zu trainieren. Und noch immer fehlten mir Kraft und Ausdauer. In dem Weiber-Studio meines Vertrauens waren die Rudergeräte nicht beliebt. Es gab fünfundzwanzig Crosstrainer, zwanzig Fahrräder und fünfzehn Laufbänder, aber nur zwei Rudergeräte. Dünne Mädchen wackelten sich auf den Steppern die Pobacken ab, dicke saßen auf den Rädern. Mit vier Ave Maria von Nina Hagen ruderte ich mich in den Rausch. Das waren 24 Minuten und fünfeinhalb Kilometer. Der Buena Vista Social Club half danach weiter mit Chan Chan, Orguellecida und Candela. Dann noch mal alles von vorn.
Als ich mit Gummibeinen nach Hause kam, hatte die gute Oma Scheible mir einen Topf saurer Kutteln und Bratkartoffeln in die Küche gestellt. Sie waren noch warm.
Ich nahm den Topf mit in den Salon und stellte den Fernseher an, Nachrichten gucken. Es war der Tag, an dem US-Militärs in einer Villa im pakistanischen Kurort Abbottabat, ihren Angstgegner Osama bin Laden erschossen hatten und aufgeregte Journalisten Obama bin Laden und Barack Osama sagten, die Anschläge auf das World Trade Center in New York auf den neunten Elften legten und bewiesen, dass sie das Töten von Gegnern viel geiler fanden als deren Verhaftung und Anklage.
Ich hatte gerade begonnen, mit großem Löffel die Kutteln zu schlabbern, da rief Richard an. »Kannst du mal bitte schnell herüberkommen? Ich sag an der Pforte Bescheid.«
»Was gibt’s? Ich bin gerade …«
»Bitte!« Damit legte er auf.
16
Ich blickte Cipión in die nussbraunen Augen. Noch nie hatte Oberstaatsanwalt Dr. Weber mich in seinem Büro sehen wollen. Was ziehe ich da jetzt an? Business- oder Verbrecherkleidung. Was bei ihm keinen Unterschied machte, denn er war Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen beim Landgericht Stuttgart, er sah Kriminelle in Boss-Anzügen. Diesmal musste ich mich jedenfalls nicht mit meinem Judo-Ausweis, der die Farbe der Ausweise der Steuerfahnder hatte, zur Hintertür hineinmauscheln. Ich durfte vorn rein, offiziell als Lisa Nerz. Aber was trage ich, wenn ich ich bin? Ich kajalte meine Narben, tat mir alle Lederarmbänder um, die ich besaß, polierte den Brillanten im Ohr, gelte meine Haare, zog das Rip-Curl-T-Shirt mit dem Schädelprint an, dazu eine Boyfriend-Jeans mit Nietengürtel und Sneakers. Und dann doch noch das blaue Nadelstreifenjackett mit den Innentaschen für Geldbeutel, Handy und andere Kleinigkeiten. Ja, so ka’sch auf’d Gass.
Cipión guckte. Die Haarbüschel über seinen Augen gingen abwechselnd hinauf.
»Hast ja recht, alles Verkleidung. Ich hab halt kein Fell.«
War Cipión eigentlich zufrieden mit seinen drahtigen graubraunen Haaren, oder wünschte er sich zuweilen das seidige Fell eines Collies? Verglichen sich Tiere mit andern? Ich bin schlanker, meine Ohren sind hübscher. Oder war das Vergleichen eine ausschließlich menschliche Eigenschaft? So aussehen wollen wie alle und dennoch unverwechselbar und eigen bleiben. Die unmögliche Aufgabe.
»Möchtest du mit?«
Cipión wedelte mit der Rute.
»Richard besuchen?«
Die Rute wedelte frenetisch.
Feierlich traten wir vor die Haustür. Gelassen schlenderten wir zur Fußgängerampel. In der Luft hing der Straßenbahngeruch nach sonnenheißem Schmieröl. Wir winkelten durch Baustellenabsperrungen rüber auf die andere Seite, schritten den staatstragend breiten Fußweg entlang und stiegen die Stufen zur Pforte hoch. Es stimmte natürlich nicht, dass ich noch nie legal in der Staatsanwaltschaft gewesen war, da hatte es mal eine Besprechung mit Meisner gegeben, aber ich war noch nie vorn in der Pforte eingelaufen und hatte laut meinen Namen genannt und »Zu Oberstaatsanwalt Dr. Weber. Er erwartet mich« gesagt.
Der Polizist an der Pforte antwortete: »Ja, er hat eben angerufen. Sie kennen den Weg. Aber das Hundle, das kann fei net nei.«
Na bitte! Es wäre ja auch zu seltsam gewesen, wenn jetzt alles reibungslos verlaufen wäre.
Ich legte den Kopf schief und lächelte. »Das Hundle hat Angst allein. Und ich auch.«
Der Polizist war schon älter. Er kniff die Augen zusammen, drehte sich halb weg und winkte mich fort. Ich nahm Cipión untern Arm und drückte mich durch den Vereinzelungsapparat, wie in solchen Gebäuden die Drehtüren heißen. Und da passte wirklich nur einer durch, und zwar ohne Rucksack. Ich musste aufpassen, dass Cipións Rute nicht abgeklemmt wurde.
Dann war ich drin. Ich ließ Cipión zu Boden und von der Leine. Der Fahrstuhl befand sich rechts. Er hatte ein vorgeburtliches Alter – auf meine Geburt bezogen natürlich – und das gleiche messingverbrämte Design wie die Fahrstühle im Bürgerhospital aus dem Jahr 1958. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft steckte jetzt seit dreißig Jahren – ein ganzes Karriereleben lang – in einem Gebäude aus den Dreißigern, das ursprünglich von einem Oberpostbaurat namens Osswald für das Telegraphenbauamt der Reichspost geplant und nach dem Krieg zunächst vom Süddeutschen Rundfunk genutzt worden war. Der Stil nannte sich Neue Sachlichkeit und war längst denkmalreif. Der Fahrstuhl rumpelte mich in den dritten Stock hinauf. Eine Renovierung war vor einigen Jahren durchs Gebäude gebraust und hatte die Gänge aufgehellt. Auch gab es inzwischen Flachbildschirme.
Roswita Kallweit hatte schon Dienstschluss gemacht. Die Porzellankatzen auf ihrem Schreibtisch weinten ihr nach. Mittlerweile teilte sie sich ihr Büro mit einer weiteren Schreibkraft, die auch schon lange gegangen war. Die Tür zu Richards Büro stand offen.
»Ah!«, sagte er aufblickend.
Cipión startete durch, veranstaltete seinen Begrüßungswirbel, ratzte mit den Krallen über das edle Tuch von Richards Hosen, warf sich auf den Rücken und zwang den Staatsanwalt, sich zu bücken, zärtliche Laute auszustoßen und zu lächeln. Als der Hund genug hatte, fuhr Richard per Tastendruck seinen Computer herunter, stand auf, zog sich das Jackett über, griff sich einen Speicherstick und kam hinter seinem Tisch hervor, der noch original Süddeutscher Rundfunk war.
»Was ist eigentlich los?«, fragte ich.
»Das wirst du gleich sehen.«
Wir begaben uns in den Medienraum, der seit dem letzten Mal mächtig an Technik gewonnen hatte. Neben neueren DVD- und Blu-ray-Playern zur Überprüfung von Produktpiraterie und illegalen Kopien standen aber auch noch der alte Kassettenrekorder und das Videokassettengerät. Außerdem hatten wir hier beide bequem Platz am Tisch. Richard fuhr den Computer hoch, stöpselte den USB-Speicher ein und öffnete einen Bildordner. Ich erkannte meine missglückten Fotos von Rosenfelds Büro wieder.
»Oje!«
»Jetzt pass auf.« Richard vergrößerte eines der Bilder, auf denen verwischte Buntheit herrschte, und fuhr an die linke untere Ecke hinunter. »Siehst du das?«
Ich sah etwas Dunkles. »Total unscharf.«
»Was auch immer das ist, auf den Tatortfotos der Polizei ist es nicht drauf.«
»Ein Gespenst!«, bemerkte ich.
»Oder ein Gegenstand, der sich dort nicht mehr befand, als die Tatortgruppe eintraf.«
»Die mussten doch erst einmal die Tür aufschieben, um hineinzukommen. Es war unvermeidlich, dass sie dabei die Spurenlage an der Tür verändert haben.«
»Wie weit bist du hineingetreten?«
»Gar nicht. Ich habe nur den Arm reingestreckt. Die Tür ließ sich nur einen Spaltbreit öffnen. Außerdem hatte ich Schuhe und Strümpfe ausgezogen, weil sie patschnass waren. Schon deshalb habe ich es vermieden, einen Fuß in das Zimmer zu setzen.«
Richard nickte. »Deine Fußabdrücke hat man im Eingangsbereich gefunden und dokumentiert.« Er ging zurück in die Datei mit meinen Fotos und rief ein weiteres auf. Es zeigte ein von der Sonne verblendetes parkettfarbenes Geleuchte. »Vermutlich hast du auf den Auslöser gedrückt, als du die Hand mit dem Handy zurückgezogen hast. Schau, hier ist es wieder.«
Der Gegenstand war immer noch dunkel, aber deutlich kantiger, sogar leicht konisch.
»Und jetzt pass auf.« Richard lud das Foto aus einem anderen Ordner noch einmal hoch. »Die IT-Fachleute beim LKA haben dein Foto mit dem verwischten Gegenstand nachbearbeitet und versucht, die Bewegung herauszurechnen.«
Viel schärfer war der Gegenstand allerdings nicht geworden. »Jetzt sieht es aus wie ein schwarzer Käfer mit Leuchtdioden«, bemerkte ich.
»Die KT hat«, fuhr er mit mehr Anspannung in der Stimme fort, als mir dieser Schmutzfleck auf dem Foto zu rechtfertigen schien, »unter alle Schränke geschaut, in alle Ecken, alle Ritzen, aber nichts gefunden, was auch nur annähernd so aussieht.«
»Verdammt, was ist das nur für ein Ding?«
Er schaute mich an. »Auf der Liste der KTU stehen Kiessteine, eine Büroklammer unterm Schreibtisch, Hydrokügelchen aus dem Topf mit dem Philodendron, Klemme und Feder eines zu Bruch gegangenen Kugelschreibers, eine leere CD-Hülle unter einem Schrank, ein altes Zehn-Pfennig-Stück. Und so einen Tatort untersucht man besonders sorgfältig. Man ist sogar noch einmal hin, um sich das Büromaterial im Institut anzusehen. Aber es hat sich nichts gefunden, was annähernd so aussieht.«
»Und wem ist jetzt erst aufgefallen, dass auf meinen Fotos etwas drauf ist, was die Polizeikamera nicht erfasst hat?«
»Den Fallanalytikern im LKA. Dieses Foto von dir hilft abzuschätzen, wie weit die Tür sich gegen den Widerstand der Füße öffnen ließ. Die Fallanalytiker haben ausprobiert, ob die Lage der Leiche so sein konnte, wie sie sich auf deinen Fotos erahnen lässt, wenn jemand die Tür knapp vierzig Zentimeter geöffnet hat, um hinauszuschlüpfen. Die Antwort ist Nein. Die Leiche hätte dann anders liegen müssen.«
»Das heißt, man geht davon aus, dass der Täter das Büro durch die Tür verlassen hat.«
»Es gibt keine andere Möglichkeit. Das Büro hat zwar noch eine zweite Tür, aber sie ist seit Jahren verschlossen, mit Styropor isoliert und auf beiden Seiten mit schweren Regalen zugestellt. Es gibt einen Wandschrank, aber die Farbabdeckung zeigt, dass dort keine Bretter bewegt worden sind. Die drei Fenster waren von innen verriegelt. Die Zimmerdecke weist keine Spuren einer Manipulation auf, genauso wenig die Dielen auf dem Dachboden darüber. Die Suche nach einer anderweitigen Geheimtür verlief erfolglos. Es geht also nur die Tür.«
Ich verstand, was ihn quälte. Auf meinen Fotos lag am Türrahmen ein Gegenstand, der möglicherweise verraten hätte, wie der Täter es geschafft hatte, den Raum durch die Tür zu verlassen, ohne sie so weit zu öffnen, wie er musste, um durchzupassen. Doch der Gegenstand hatte sich verflüchtigt, als die Polizei ihre Arbeit aufnahm.
»Und nun hast du den Verdacht«, stellte ich fest, »dass ich das Ding an mich genommen habe?«
Er blickte mich an. »Und?«
»Nein, habe ich nicht, Richard! Sonst hätte ich längst damit geprahlt, dass ich wüsste, wie er es gemacht hat. Verdächtigt Meisner mich etwa?«
»Nein. Im Gegenteil, ihrer Überzeugung nach haben sich deine Fotos als wertvoller erwiesen, als es zunächst aussah. Sie zeigen, so verwackelt sie sind, die Lage des Toten. Er liegt genau senkrecht zur Tür. Und mit Hilfe der Blutspuren lässt sich belegen, dass der Körper erst drei bis vier Tage nach dem Tod seitlich verschoben wurde, nämlich als die Polizei die Tür öffnete.«
»Woran ist Rosenfeld eigentlich gestorben? In der Zeitung habe ich darüber nichts gelesen.«
»Das ist Täterwissen.«
Tabu. »Weiß es denn der Tatverdächtige auch?«, fragte ich.
Und wieder geschah etwas Seltsames: Richard drehte sich zu mir um und sagte: »Wenn du mir versprichst, dass das, was ich dir jetzt sage, nicht diesen Raum verlässt …«
Ich nickte.
»Rosenfelds Leiche wies eine doppelte Drosselmarke am Hals auf. Demnach wurde er von hinten mit einem Elektrokabel gewürgt, wobei der Täter zwei Mal ansetzte. Aber es fehlen Petechien und andere Anzeichen, dass Rosenfeld zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war.«
»Ups!«
»Rosenfelds Organismus hat auf den Gewaltakt nicht mehr reagiert. Der Todeszeitpunkt lässt sich auf zwischen 13 Uhr 30, dem Zeitpunkt, wo Dr. Barzani und sofort danach die Sekretärin das Institut verlassen haben, und ungefähr 22 Uhr 30 eingrenzen. Rosenfeld hatte etwas Alkohol im Blut, und er hat etwa eine halbe Stunde vor seinem Tod ein Käsebrötchen gegessen, woraus man schließen könnte, dass er am Spätnachmittag oder Abend noch lebte.«
»Wo stammt das Käsebrötchen her?«
»Gewöhnlich wurde die Sekretärin zu einem nahegelegenen Imbissbäcker geschickt, um einzukaufen. Das Screening auf Betäubungsmittel, Drogen, Medikamente und Gifte hat nichts ergeben. Aber natürlich gibt es etliche Substanzen, die nicht mehr nachweisbar sind, wenn eine Leiche sechzig Stunden lang herumliegt.«
»Das heißt, man weiß gar nicht, woran Rosenfeld gestorben ist?«
Richard nickte. »Laut Gutachten war er, abgesehen von typischen Alterserscheinungen und Arthrose in den Knien, organisch gesund, soweit man das bei dem Zerstörungsgrad der … der Organe feststellen konnte.«
Ich stellte mir vor, wie das Team in der Rechtsmedizin die rausgeschnittenen und zerhäckselten Organe begutachtet hatte. »Vielleicht hat er einen Herzinfarkt erlitten. Das Herz fehlt immer noch, oder?«
»Ja. Aber ein Infarkt war es nicht, sagt das forensische Gutachten. Trotz des fortgeschrittenen Zerfallsprozesses hätte sich im Blutserum ein Bioindikator dafür noch nachweisen lassen müssen.«
»Und Katzenjacob sagt nichts dazu?«
»Nein. Er hat sich nach seiner Festnahme zu ein paar Fragen geäußert und sagt jetzt nichts mehr.«
»Es könnte also sein, dass er den Professor gar nicht getötet, sondern lediglich nachträglich bearbeitet hat. Oder ist das auch nicht sicher?«
»Doch. Er war nachweislich in Rosenfelds Büro und hat sich an der Leiche zu schaffen gemacht. Das hat er auch eingeräumt, ohne ins Detail zu gehen. Er hatte Rosenfelds Blut an den Schuhen, die neuwertig waren und die er darum nicht mit den anderen Kleidern entsorgt hat.«
»Gefunden hat man sie bisher nicht?«
»Nein. Aber man hat seine DNS und Farbspuren an signifikanten Stellen im Raum und an der Leiche gefunden. Und er hat auf dem Sessel sitzend, der im Büro steht, masturbiert. Man hat sein Sperma sichergestellt.«
»Reizend. Wie nennt man diese Art der Perversion?«
»Nekrophilie.«
»Hat er gesagt, dass er Rosenfeld erdrosselt hat?«
»Nein. Das Kabel stammte übrigens von einem der Computer in Rosenfelds Büro. Der Täter hat es beim Verlassen des Tatorts nicht mitgeführt. Es lag dort. Und es hat Anhaftungen von Katzenjacobs DNS aufgewiesen.«
»Na dann … ach nein. Rosenfeld war ja schon tot. Gab es Spuren eines Kampfs?«
»Nein.«
»Sind wir überhaupt sicher, dass Rosenfeld in seinem Büro verstorben ist?«
»Ja, der Auftrag von …«, Ekel schüttelte Richard, »… Körperflüssigkeiten auf dem Büroboden weist darauf hin. Demnach lag er zunächst diagonal und mit dem Kopf zur Tür auf dem Bauch, wurde von hinten mit der Schlinge gewürgt und dann in die Lage gebracht, in der du ihn fotografiert hast.«
Ja, die Kriminaltechnik war heutzutage schon sehr gut.
»Katzenjacobs Anwalt«, sagte Richard, »wird es der Anklage jedenfalls sehr schwer machen zu beweisen, dass der Beschuldigte derjenige ist, der Rosenfeld getötet hat, auch wenn man nachweisen kann, dass er ihn post mortem stranguliert und die Leiche … manipuliert hat. Die Störung der Totenruhe – und hier geht es zweifellos um einen schweren Fall – wird nach Paragraph 168 StGB mit einer Freiheitsstrafe von nur bis zu drei Jahren bestraft.«
»Oha!«
Irgendwo im Gebäude wurde eine Tür zugeworfen. Richard zuckte zusammen. Er griff nach dem USB-Stick, packte aber nicht zu, ließ die Hand schweben. Die Schritte gingen draußen vorbei, und Richard nahm seine Hand wieder zu sich. Dämmerung hatte das Fenster zugezogen.
»Was ist los?«, fragte ich.
Er zögerte. »Lisa …«
»Ja.«
Er schaute mich an, todesmutig. »Glaubst du an diese Sachen?«
»An was?«
»Gespenster, Telekinese …? Du hast erzählt, du hättest einen Test in diesem Institut gemacht und man habe eine PK-Begabung festgestellt.«
Ich musste lachen. »Das ist eher ein statistischer Trick. Da geht es um Abweichungen von der Normalverteilung von ein paar null Komma null irgendwas Prozent. Ich bin weit davon entfernt, per Geisteskraft Gegenstände zu bewegen. Dass jemand so was kann, ist auch noch nie wissenschaftlich untermauert worden, sagt die Doktorin Barzani.«
Richard holte tief Luft. »An dem Tag, als der Gefangenentransport mit Juri Katzenjacob auf den Hinterhof des Ermittlungsgerichts fahren wollte, da … ging das Tor nicht auf. Irgendwas hat geklemmt. Später funktionierte es wieder. Einen Defekt hat man nicht feststellen können. Außerdem hat die Überwachungskamera nichts aufgezeichnet. Nichts.« Er schaute mir unglücklich in die Augen. Die eherne Rationalität seines Verstands bekam Risse. Ich konnte zuschauen.
»So was kommt vor«, sagte ich. »Ein nicht zufälliges Zusammentreffen von aus einer leichten Instabilität des Systems resultierenden Sonderfällen. Wenn Juri Katzenjacob ein Telepath ist, dann hat er den Transporter aufhalten wollen, damit seine Befreiung gelingt. Wahrscheinlich hat er auch diesen rätselhaften Gegenstand an der Tür weggezaubert, damit wir nicht herausfinden, wie er nach der Tat herausgekommen ist.«
Richard simulierte ein Lachen.
»Oder er kann durch Wände gehen. Wäre auch eine Möglichkeit.«
Richard schaute mich vorwurfsvoll an.
»Okay, okay. Dann fragen wir mal so: Warum sollte Juri Katzenjacob ein Interesse daran haben, dass die Polizei sich nicht erklären kann, wie er aus dem Raum herausgekommen ist?«
»Vielleicht ist das nicht die Frage, Lisa.«
»Was ist dann die Frage?«
Richard zog den Speicherstick aus dem Computer, ließ ihn in die Innentasche seines Jacketts gleiten, schloss die Bildprogramme und stand auf. Cipión war wie immer froh, dass nun wieder Bewegung in uns Langbeine kam, und hibbelte zur Tür.
»Vielleicht«, sagte Richard, »ist Juri Katzenjacob tatsächlich jener, welcher … Ich meine …«
»Der Parapsychopath, der das Kalteneck-Experiment bestanden hat? Nee, Richard!« Ich durchpflügte mein zerrupftes Gedächtnis. »Er war der Maler. Er hat die Klotüren bepinselt.« Ich kam in Fahrt. »Als er fertig war, so gegen 16 Uhr 30 oder 17 Uhr, hat ihn die Neugierde gepackt, oder er wollte sich verabschieden, und er ist raufgegangen ins Institut. Dort schien niemand mehr zu sein. Doch dann hat er Licht in Rosenfelds Büro gesehen. Ende Januar war es dunkel um diese Zeit. Er ist hineingegangen und hat … Ja, er hat Rosenfeld leblos auf dem Boden liegen sehen, und sein Interesse für das Innenleben organischer Körper hat ihn übermannt. Um sicherzustellen, dass Rosenfeld tot ist, hat er ein Kabel aus dem Computer gerissen und ihn gewürgt. Vielleicht hat er das mit Katzen und Hunden auch so gemacht. Es ist ein Ritual. Der Akt des Tötens am Toten, dann die Eingeweide herausholen, das Herz für eine spätere Sonderbehandlung sichern. Und zum Schluss Augen und Maul verschließen und mit einer Nadel pfählen, Kies verstreuen, damit aus dem Malträtierten kein Nachzehrer wird, der sich an ihm, Katzenjacob, rächt. Erst hinterher ist ihm klar geworden, dass Rosenfeld ein Mensch und kein Fuchs am Straßenrand war und es für ihn diesmal brenzlig wird. Daraufhin hat er wie ein gewöhnlicher Verbrecher versucht, Spuren zu verwischen. Aber wie alle hatte er keine Vorstellung davon, was die Spurensicherung bei der Polizei heute leistet. Zur Herkunft der Kiessteine hat er sich nicht geäußert, nehme ich an?«
»Nein. Aber sie stammten höchstwahrscheinlich von einer Baustelle in Holzgerlingen.«
»Das sieht nach Planung aus. Er muss sie sich ja in die Tasche gesteckt haben, bevor er zum Malen in die Burg fuhr.«
Richard nickte. »Es macht das Geschehen nicht gerade besser nachvollziehbar.«
»Aber dann kann er nicht der Channeler sein. Er ist nur das Werkzeug. Das glaube ich. Wenn Katzenjacob die Entdeckung wäre, wüsste man das seit vergangenem Sommer, wo die letzten Kalteneck-Experimente durchgeführt wurden, denn die Presse wäre ganz groß darauf eingestiegen. Das kannst du mir glauben. Wir lieben so was. Wenn er die Million gewonnen hätte, wäre er zweitens auch nicht mehr der Maler, sondern ein begehrter und heftig umkämpfter Gast in allen Talkshows. Vermutlich hätte er sogar längst seine eigene Show.«
»Ich erinnere mich noch gut«, bemerkte Richard, »wie du auf der Heimfahrt von Gesines Geburtstag ziemlich vehement die These vertreten hast, der Telekinese-Agent sei entdeckt.«
Das musste ich einräumen.
»Würde für den nicht das Gleiche gelten? Er wäre inzwischen bekannt.«
»Nicht, wenn er sofort entführt und Rosenfeld ermordet worden wäre. Ich kann mir eben nur schwer vorstellen, dass Juri seinen Entdecker getötet haben soll.«
»Es sei denn, Katzenjacob meinte, er habe diese Begabung, doch Rosenfeld hat ihm das Zertifikat verweigert. Im Umfeld dieser Experimente gibt es einige Fälle, in denen die Leute sich darüber beschweren, dass Rosenfeld das Experiment mit ihnen abgebrochen habe, weil er befürchtete, so ihre Interpretation, dass sie unter Laborbedingungen bestehen würden.«
Ich stutzte. Wie tief hatte er sich eigentlich bereits in diesen Fall eingearbeitet? Wirklich nur, weil ihn seit der Befreiungsaktion und dem technischen Versagen, das sie begleitet hatte, der Gedanke nicht mehr losließ, es könnte doch finstere Kräfte geben, die sich seinem rationalen Zugriff entzogen? Womöglich hatte ihn die Séance auf Schloss Monrepos tiefer beeindruckt, als er es damals wahrhaben wollte.
Er klinkte die Tür auf, Cipión trabte auf den dunklen Gang hinaus, und Richard schloss ab.
Ich amüsierte mich. »Wird etwa geklaut hier in der Staatsanwaltschaft?«
»Grundsätzlich ist überall alles möglich.«
Die Weisheit resignativer Menschenkenntnis rückte ihn mental halbwegs wieder ins Lot. Zügig steuerte er die Treppe an. Immer sportlich.Ich fing Cipión ein und klemmte ihn mir unter den Arm. Dackel, insbesondere meiner, neigen dazu, sich auf Treppen vom eigenen Hinterteil überholen zu lassen und den Weg holterdipolter zu beenden.
»Übrigens«, plauderte ich, »sind die Kalteneck-Experimente hauptsächlich von einem Doktoranden aus Alicante durchgeführt worden. Er heißt Héctor Quicio. Ich habe ihn noch nicht auftreiben können. Er hat die spanische Asociación de Investigaciones Parapsicológicas wohl verlassen.«
»Vielleicht hat er seine Doktorarbeit inzwischen veröffentlicht.«
»Und wie weiß ich das?«
Richard schmunzelte. »Alle Dissertationen müssen veröffentlicht werden und befinden sich in den zentralen Universitätskatalogen. Und die sind alle online einsehbar.«
Tja, ich war halt nicht vertraut mit den geheimen Regeln der akademischen Bruderschaften, was hiermit wieder einmal klargestellt war.
Richard blieb abrupt stehen und zog das Handy. Sein Gesicht hellte sich etwas auf. »Frau Barzani!«
Pulsuz fraqment bitdi.