Kitabı oxu: «Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus»

Şrift:


Die Autorin

Dr. Christine Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie sowie selbst Asperger-Autistin. Sie hält regelmäßig Vorträge zum Thema und richtet sich in ihren Büchern an Betroffene, deren Angehörige sowie an Fachleute.

Christine Preißmann

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2., aktualisierte Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039142-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-039143-7

epub: ISBN 978-3-17-039144-4

mobi: ISBN 978-3-17-039145-1

Inhalt

1  Vorwort

2  Eine persönliche Betrachtung: Was bedeutet Glück für mich?

3  Einführung: Glück und Lebenszufriedenheit

4  Begriffsdefinitionen

5  Glücksforschung

6  Persönliche Beziehungen

7  Erwartungen

8  Glücklichsein mit Kleinigkeiten

9  (Aus-) Bildung und berufliche Situation

10  Stabilität, aber auch Offenheit für Neues

11  Eigene Entscheidungen, Erfahrungen und Erlebnisse

12  Gesundheit und Inklusion

13  Lebenssinn

14  Was kann man selbst tun, um glücklich zu werden?

15  Glücklichsein – für sich selbst und für andere

16  Berichte von Betroffenen: Was bedeutet Glück für Menschen mit Autismus?

17  Glück und Lebenszufriedenheit für Menschen mit Autismus

18  Was ist den betroffenen Menschen selbst wichtig?

19  Stress und Entspannung

20  Stress durch Unerwartetes, Veränderungen und fehlende Selbstbestimmung

21  Stress durch Sinneswahrnehmungen

22  Stress durch ungünstige gesellschaftliche Entwicklungen

23  Stress in der Schule

24  Stress durch eine ungünstige Arbeitssituation

25  Stress durch fehlende psychosoziale Unterstützung

26  Stress aufgrund der eigenen Persönlichkeitsfaktoren

27  Entspannung

28  Sozialkontakte

29  Freundschaft

30  Partnerschaft

31  Hilfe beim Umgang mit Emotionen

32  Unterschiede zu anderen Menschen

33  Sich mit anderen Menschen beschäftigen

34  Praktische Hilfe im Alltag

35  Psychoedukation und Kompetenztraining

36  Bewältigungsstrategien im Alltag

37  Wohnsituation

38  Unterstützung bei Begleiterkrankungen

39  Psychische Komorbidität

40  Zusätzliche körperliche Erkrankungen

41  Ambulante ärztliche Versorgung

42  Klinikbehandlung

43  Gesundheitspolitische Aspekte

44  Unterstützung im Hinblick auf die eigene Identität

45  Möglichkeiten schaffen, sich mitzuteilen

46  Diagnose als Voraussetzung zum Glücklichsein?

47  Individuelle Wünsche und Erwartungen

48  Lebensziele realisieren

49  Individualität versus Anpassung

50  Lässt sich das Glück messen? – und der Versuch einer Zusammenfassung

51  Literatur

52  Stichwortverzeichnis

Vorwort

»Zufriedenheit mit seiner Lage ist der größte und sicherste Reichtum.«

Marcus Tullius Cicero

Dieses Zitat von Marcus Tullius Cicero ist heute genauso aktuell wie damals. Und es verdeutlicht, dass Lebensqualität etwas sehr Individuelles ist. Deshalb war es mir ein wichtiges Anliegen, möglichst viele Menschen mit Autismus zu erreichen und sie um ihre ganz eigene Sichtweise zu bitten. Die Meinungen, Perspektiven und Hoffnungen sind schließlich sehr unterschiedlich, so verschieden wie auch andere Menschen sind. Es gibt heute nicht mehr die »typischen Autisten« mit dem entsprechenden Lebenslauf. Die bessere Diagnostik und die höhere Sensibilität für autistische Störungen führen dazu, dass auch das Leben autistischer Menschen immer individueller wird. Es ist daher sehr wichtig, eine auf jeden einzelnen Menschen ganz persönlich zugeschnittene Lösung zu finden.

Die vielfältigen Möglichkeiten, die das Leben bietet, sollen im Zuge der Inklusion auch Menschen mit Autismus offenstehen. Das ist eine große Herausforderung für die Betroffenen selbst, die sich in aller Regel feste Strukturen, Verbindlichkeit und Stabilität wünschen. Aber auch alle Fachleute sind gefordert, die mit autistischen Menschen arbeiten. Während früher die Möglichkeiten überschaubar waren, muss heute die ganze Fülle an Lebensentwürfen bedacht werden. Das ist anstrengend, aber gleichzeitig auch sehr schön, wenn man miterleben darf, dass die anvertrauten Menschen ihren Weg ganz selbstverständlich in der Gesellschaft gehen dürfen.

Nun, ganz so weit sind wir nicht – noch nicht. Aber das wird die Zukunft sein, und trotz aller Schwierigkeiten werden wir es schaffen. Dazu aber braucht es motivierte und engagierte Menschen, die sich nicht nur mit Autismus auskennen, sondern die (und das wird immer wichtiger werden) vor allem ein gutes Gespür dafür haben, individuelle Lebensentwürfe für Menschen mit bestimmten Auffälligkeiten auszuwählen und zu begleiten – gemeinsam mit dem jeweiligen Betroffenen. Dafür ist es wichtig und notwendig, nach den ganz eigenen Wünschen, Zielen und Bedürfnissen zu fragen: »Wenn wir etwas für Menschen mit Autismus tun wollen, müssen wir uns damit auseinandersetzen, was wir dafür tun können, dass den Betroffenen ein zufriedenes Leben möglich wird« (Rickert-Bolg 2014, 267).

Und so ist dieses Buch entstanden. Es bietet autistischen Menschen die Möglichkeit, darzulegen, was ihnen wichtig ist, was für sie zählt. Und es enthält darüber hinaus auch theoretische Ausführungen über die Dinge, die sich die meisten Menschen zum Glücklichsein wünschen, vor allem aber auch über die speziellen Erfordernisse von Menschen mit Autismus. Ich wünsche mir, dass pädagogische, therapeutische und lebenspraktische Maßnahmen für die Betroffenen diesen neuen Herausforderungen angepasst werden.

Ich bedanke mich bei den Mitarbeitern des Verlags W. Kohlhammer, insbesondere bei der Lektorin, Frau Annika Grupp, für die Begleitung bei der zweiten Auflage dieses Buchprojektes. Mein ganz besonderer Dank aber gilt den Menschen, die mir schon seit vielen Jahren dabei helfen, ein schönes und erfülltes Leben zu führen:

meinen Eltern

Frau E. Sauerwein, Dipl.-Psychologin

Frau M. Miller, Ergotherapeutin.

Ihnen widme ich dieses Buch.

Darmstadt, im Herbst 2020

Christine Preißmann

Eine persönliche Betrachtung: Was bedeutet Glück für mich?

»Eine gute Freundin, das wäre das größte Glück in meinem Leben.« So habe ich es vor einigen Jahren beschrieben, und dieser Satz gilt nach wie vor für mich. Ich habe ein schönes und gutes Leben und finde auch in der Isolation immer wieder Ruhe, Stabilität und Zufriedenheit, vor allem dann, wenn ich miterlebe, wie unvorhersehbar, chaotisch und anstrengend andere Menschen sein können. Manchmal aber ist der Wunsch, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften pflegen zu können, nach wie vor drängend. Vor allem stelle ich mir vor, dass es angenehm wäre, schöne Momente und Glücksgefühle mit anderen zu teilen, und gerade in guten Zeiten fühle ich mich deshalb oft besonders allein.

Auch stelle ich es mir schön vor, ein eigenes Kind zu haben. Aber ich weiß, es würde mich überfordern, deshalb ist es gut so. Nach wie vor tut es immer wieder einmal weh, aber ich habe andere Projekte für mein Leben gefunden, um die ich mich kümmern kann. Manchmal denke ich, meine Bücher und meine Veranstaltungen zum Thema Autismus sind vielleicht auch so etwas wie eigene Kinder. Ich selbst bin dafür verantwortlich und muss dafür sorgen, dass sie gelingen. Ganz generell finde ich die eigene Verantwortung für das Leben wichtig, natürlich immer im individuell sinnvollen Rahmen.

Abgesehen von dem Bereich der Freundschaft und persönlichen Beziehungen, habe ich mir im Laufe der Jahre auf vielen Gebieten so manches erarbeitet, was mir Zufriedenheit gibt und mich glücklich sein lässt. Ich habe herausgefunden, dass ich an freien Tagen vor allem dann zur Ruhe komme und Glück empfinde, wenn ich drei Aspekte kombinieren kann: Genuss bzw. Entspannung, Aktivität und die dosierte sinnvolle Tätigkeit. Im Gegensatz zu früher bin ich viel aktiver, gehe häufiger aus und habe deshalb auch öfter die Möglichkeit, schöne Erfahrungen zu machen. Ich bin offener geworden und viel interessierter an meiner Umgebung.

Und wenn ich so mit offenen Augen durch die Gegend laufe, entdecke ich viel Schönes, was mir Freude macht. Ich bin sehr glücklich über diese Entwicklung und vor allem dankbar dafür, denn ich weiß natürlich, dass ich sehr viel Glück gehabt und liebe Menschen gefunden habe, die mich unterstützen. Anfangs war es schwer für mich, diese Unterstützung anzunehmen, ich war es nicht gewohnt, Schwierigkeiten mit anderen zu besprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die Dinge, die mir wichtig waren, versuchte ich alleine, und was mir nicht gelang, ließ ich sein. Inzwischen weiß ich, dass das nicht immer der richtige Weg ist, weil sich vieles gemeinsam besser und leichter lösen lässt. Dennoch muss ich auch heute noch immer wieder ein gutes Mittelmaß finden zwischen Autonomie und Hilfsbedürftigkeit. Das muss ich immer wieder neu austaxieren.

Ein großes Glück war es für mich, eine schwere Erkrankung überwinden zu dürfen, die mich für einige Monate völlig außer Gefecht setzte. Ich hatte Angst, weil ich fürchtete, die Lebensfreude und die Aktivität, die ich mir über Jahre hinweg mühsam erkämpft hatte, wieder zu verlieren. Aber gleichzeitig erkannte ich auch die ungeheure Kraft, die man aus solch schwierigen Situationen ziehen kann. Das Leben wurde mir irgendwie kostbarer als vorher, ich bin nun dankbar, wenn ich morgens aufwache und mich gut fühle, denn ich weiß jetzt, dass das keineswegs selbstverständlich, sondern ein großes Geschenk ist. Viele kleinere Probleme erhielten einen anderen Stellenwert; was waren sie schon dagegen, dass ich weiterleben durfte? Dadurch haben sich meine geistige Flexibilität und meine Toleranz ein kleines bisschen vergrößert, wenn nicht alles exakt so läuft wie vorgesehen. Es gibt etwas, das wichtiger ist als Glück, und das ist der Sinn. Wenn man in einer Sache einen Sinn sieht, kann man auch unglückliche Zeiten überstehen. Sucht man dagegen nur und ausschließlich das Glück, dann ist Unglück gleichbedeutend mit Scheitern.

Ich bin insgesamt vielleicht nicht mehr so unbekümmert wie früher, aber ich habe vieles gewonnen, vor allem die alltägliche Dankbarkeit, wenn die Menschen, die mir wichtig sind, gesund bleiben. Dagegen ist alles andere zweitrangig.

Wichtig sind mir auch Routinen und Rituale, die verlässlich wiederkehren. Auch dadurch erklärt sich wohl meine Liebe zum Weihnachtsfest. Ganz egal, ob es mir gut geht oder eher nicht, ob ich müde, traurig oder glücklich, gesund oder krank bin – es wird in jedem Jahr aufs Neue Weihnachten werden. Für jeden Menschen und auch für mich. Das hat etwas ungeheuer Tröstliches. Die Welt verändert sich rasant, Stabilität und Sicherheit sind rar geworden, aber Rituale sind verlässlich und geben Sicherheit. Das macht sie für mich so wichtig, dass ich sie vor allem in schwierigen und anstrengenden Zeiten ganz gezielt in mein Leben einbaue. Das kann dann so aussehen, dass ich in diesen Momenten meinen Tag sehr eng strukturiere und bewusst so plane, wie es gut für mich ist. Es ist wichtig, zumindest ein Stück weit die Kontrolle über das eigene Leben behalten und eigene Entscheidungen treffen zu können. Und im Rückblick merke ich, dass die wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben in Ordnung waren. Nur wenige Wege, die ich im Laufe der Zeit eingeschlagen habe, würde ich im Nachhinein verändern. Diese Erkenntnis gibt mir eine große Zufriedenheit, aber auch die Zuversicht, dass ich mich auch zukünftig auf meine Entscheidungen größtenteils verlassen kann und sich für die weniger glücklichen Momente Lösungen finden lassen. Es ist wichtig, nicht aufzugeben, denn irgendwie geht es weiter. Immer.

Vieles ist und bleibt natürlich schwierig, jeden Tag, auch in meinem Leben. Aber ich habe beruflich mein Glück gefunden, bin Ärztin, Therapeutin und Autorin und habe Beschäftigungen, die mich erfüllen. Ich hatte das Glück, eine Erkrankung geschenkt zu bekommen, die ich überwinden konnte, durch die ich menschlich sehr gereift bin und eine ganze Menge Lebenszufriedenheit neu erfahren habe. Ich habe die Wege eingeschlagen und die Ziele verfolgt, die ich selbst für richtig hielt, und ich hatte das Glück, dass sich an den entscheidenden Stellen Lösungen finden ließen für die auftretenden Schwierigkeiten.

Mein größtes Glück aber sind meine lieben Eltern und Therapeutinnen, die mich schon seit vielen Jahren unterstützen.

Und deshalb, aus all diesen Gründen, darf ich mich in meinem Leben über mangelndes Glück eigentlich nie wieder beschweren.

Einführung: Glück und Lebenszufriedenheit

Das Wort »Glück« kommt vom Mittelniederdeutschen gelucke/lucke (ab 12. Jahrhundert) bzw. vom Mittelhochdeutschen gelücke/lücke. Es bezeichnete den günstigen Ausgang eines Ereignisses unabhängig von einem bestimmten Talent oder von eigenem Zutun. Dagegen behauptet der Volksmund eine mindestens anteilige Verantwortung des Einzelnen für die Erlangung von Lebensglück in dem Ausspruch: »Jeder ist seines Glückes Schmied.«

Vermutlich ist beides richtig. Die Fähigkeit zum Glücklichsein hängt außer von äußeren Umständen auch von individuellen Einstellungen und vom Verhalten in entscheidenden Situationen ab. Und sie erfordert Aktivität, denn man muss sich erst einmal die eigenen Bedürfnisse bewusst machen und dann aktiv dafür sorgen, dass sie befriedigt werden.

Das Streben nach Glück ist dabei so alt wie die Menschheit selbst. Es lässt manche Menschen um die Welt reisen, zur Einkehr ins Kloster ziehen oder Drogen nehmen, es treibt andere in Yoga-Studios und ist Inhalt zahlreicher Ratgeber und Seminare, die stets neue Techniken vorstellen, die geeignet sein sollen, wirklich und tatsächlich glücklich zu werden.

Auch die Politik entdeckt Glück und Zufriedenheit für sich, so hat die Bundesregierung auf einer Klausurtagung eine neue Regierungsstrategie beschlossen, die einen Bürgerdialog zum Thema »Gut leben – Lebensqualität in Deutschland« beinhaltet. Später sollte dann anhand der Ergebnisse ein neues System von Indikatoren zur Beurteilung der Lebensqualität in Deutschland präsentiert werden (z. B. Demmer 2015).

Glück ist also ein wichtiges Ziel menschlichen Daseins, aber es ist nicht immer ganz leicht zu erreichen. Es gibt nicht »das« ultimative Glücksrezept für alle Menschen, weil eben jeder so unterschiedlich ist, eigene Wünsche, Vorstellungen, Ziele und Bedürfnisse für sein Leben hat und »Glück« (auch im Sinne von Zufriedenheit) auf ganz eigene Weise definiert.

Trotzdem ist es aber möglich, durch jahrelange Forschung einige Faktoren zu nennen, die den meisten Menschen ein bisschen dabei helfen können, ihr Glück zu finden und ein gutes Leben zu führen. Dazu gibt es die Glücksforschung als eine eigene Disziplin, und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen werden in der »World Database of Happiness«, der Weltdatenbank des Glücks, in Rotterdam gesammelt.

Begriffsdefinitionen

Die Begriffe Glück und Zufriedenheit werden häufig synonym gebraucht. Wenn man es genau nimmt, gibt es aber durchaus Unterschiede. »Glück ist immer etwas Flüchtiges. Ein Zustand, der in Erwartung von etwas entsteht, der uns zu einer Handlung bewegen soll. Im Gehirn wird dazu ein Bereich aktiviert, in dem der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet wird. Es kommt zu einem Feuerwerk, das aber schnell abbrennt. Zufriedenheit ist etwas völlig anderes. Sie entsteht, wenn die Bedürfnisse, die wir haben, auf Dauer weitgehend befriedigt werden«, erklärt der Psychoanalytiker und Kunsthistoriker Hans-Otto Thomashoff, dessen Buchtitel »Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit« genau das verdeutlicht (Thomashoff 2014). Glück bezeichnet also das augenblicklich erlebte intensive Hochgefühl und findet daher immer nur im Jetzt statt. Zufriedenheit dagegen ist eher so etwas wie eine Bilanz über das Erlebte (u. a. Walter 2014). Sie resultiert aus dem Vergleich der aktuellen Lebenssituation mit der Vergangenheit bzw. dem »subjektiven Abwägen der eigenen Ziele und Ansprüche mit dem davon Erreichten« (Mayring 2000, zit. nach Bundschuh & Dworschak 2003, 34). Wenn also Menschen gefragt werden, wie glücklich sie sind, dann ist eigentlich die Zufriedenheit gemeint, und diese ist im Gegensatz zum Glück auch eine relativ stabile Eigenschaft. Die objektiven Lebensbedingungen haben natürlich durchaus einen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit, aber sie können auch im völligen Gegensatz dazu stehen.

In diesem Buch soll nicht so scharf unterschieden werden zwischen den einzelnen Begriffen, zumal auch in vielen Berichten der betroffenen Menschen »Glück« im Sinne von »Zufriedenheit« oder »Lebensqualität« beschrieben wird. Die exakte Definition ist hier letztlich nicht so entscheidend, viel wichtiger ist es, Menschen mit Autismus ein Leben zu ermöglichen, das sie als »glücklich« oder »zufrieden« bezeichnen können.

Es werden in der Literatur unterschiedliche psychologische Betrachtungsweisen im Hinblick auf die Lebensqualität vorgestellt (z. B. Osterrieder 2010, 87):

Lebensqualität als Abwesenheit von Belastung, Beeinträchtigung, Krankheit

Lebensqualität als positive Affektbilanz (Fokussierung auf die emotionale Facette)

Lebensqualität als Grad der Zielerreichung bzw. als individuelles Befriedigungsniveau (Fokussierung auf die motivationale Facette)

Lebensqualität als Resultat individueller Bewertungs- und Urteilsprozesse (Fokussierung auf die kognitive Facette)

Lebensqualität als Persönlichkeitsmerkmal im Sinne einer Glücksfähigkeit, gekoppelt mit einer positiven Grundeinstellung

Lebensqualität als »Glück von innen« im Sinne des »Mit-sich-im-Reinen-Seins«.

Die Beurteilung der Lebenszufriedenheit und Lebensqualität eines jeden Menschen kann nach diesen Betrachtungsweisen nur von ihm selbst vorgenommen werden.

Anders verhält es sich bei dem Modell des »positiven Funktionierens« von Ryff (1989, zitiert in Frank 2007, 6), das einen der inzwischen zahlreichen Versuche darstellt, objektive Faktoren zu ermitteln, die die Lebensqualität eines Menschen messen sollen. Sie wird hier anhand folgender Kriterien beurteilt:

Selbstakzeptanz

positive Beziehungen zu anderen

Autonomie

Umweltbewältigungen

Lebenssinn

persönliches Wachstum.

Deutlich wird dabei jedoch bereits an dieser Stelle, dass hier die ganz eigenen innerpsychischen Aspekte, die subjektive Beurteilung und vor allem auch die unterschiedlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten bezüglich der Ausdrucksfähigkeit fehlen. Ähnlich sieht es aus bei den standardisierten Fragebögen, die zur Erfassung der Lebenszufriedenheit zur Verfügung stehen, etwa dem Fragebogen zu Lebenszielen und zur Lebenszufriedenheit (FLL) von Kraak und Nord-Rüdiger (1989) oder dem Fragebogen zur Lebenszufriedenheit (FLZ) von Fahrenberg et al. (2000), der zehn Lebensbereiche erfasst: Arbeit und Beruf, finanzielle Situation, Freizeit, Ehe und Partnerschaft, eigene Kinder, eigene Person, Sexualität, sonstige Kontakte und Wohnung.

Bislang liegen keine Erfahrungen vor, ob sich solche Verfahren auch bei autistischen Menschen anwenden lassen und welche Aussagekraft sie dabei haben können. Weiter unten (S. 175ff) soll noch eine Diskussion angeregt werden, ob und ggf. wie sich Lebenszufriedenheit und Glück bei Menschen mit Autismus anhand objektiver Kriterien ermitteln lassen.

Glücksforschung

Inzwischen hat sich eine ganze Forschungsindustrie etabliert, um der Frage nachzugehen, was Menschen glücklich macht. Ed Diener und Martin Seligman gelten als die Begründer der Glücksforschung. Sie formulierten erstmals die Notwendigkeit, nicht nur zu untersuchen, was Menschen unglücklich und krank macht, sondern auch die Faktoren herauszufinden, die ein glückliches Leben begünstigen.

Seither suchen Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche nach Sozialindikatoren, um die Voraussetzungen für Glück und Lebenszufriedenheit möglichst exakt zu bestimmen. Solche Indikatoren sind u. a.:

Wohnsituation

Sozialkontakte

Ehe, Familie

Haushalt

Einkommen

gesundheitlicher Zustand

Bildungsniveau und Erwerbsstatus (vgl. Stosberg 1994, 108).

Auch die Hirnforschung ist am Thema Glück beteiligt, denn all das, was wir als Glück erleben, entsteht im Gehirn durch ein sehr komplexes Zusammenspiel der unterschiedlichen Hirnregionen und durch körpereigene Botenstoffe, insbesondere Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, die deswegen manchmal auch als »Glückshormone« bezeichnet werden (u. a. Walter 2014). Von der pharmazeutischen Industrie zu medizinischen Zwecken hergestellt, werden solche Substanzen als Medikamente etwa bei Depressionen verwendet.

Es ist nachgewiesen, dass das Gehirn mit seinen Aufgaben »wächst«, und zwar ganz im wörtlichen Sinne. Durch gezielte Anforderungen vergrößern sich tatsächlich die entsprechenden Hirnbereiche, um darauf angemessen reagieren zu können. So kann sich das Gehirn u. a. darauf einstellen, auch auf schwierige Situationen und Herausforderungen zu reagieren, sie gut zu verarbeiten und damit klarzukommen.

Das Glücksempfinden selbst scheint altersabhängig zu sein. Zwischen 20 und etwa 35 Jahren erfahren die meisten Menschen einen ersten Höhepunkt, das ist das junge Erwachsenenalter, in dem man frei zu sein scheint von Verpflichtungen und Unsicherheiten. Dann folgt ein »Glückseinbruch« mit einem Tiefpunkt im Alter von etwa vierzig Jahren. In dieser ersten Hälfte des Berufslebens muss eine Existenz aufgebaut werden, nicht alle Hoffnungen und Erwartungen lassen sich erfüllen. Außerdem kommt oft Stress in Partnerschaft und Familie hinzu. Aber schließlich, ein paar Jahre nach der berüchtigten »Midlife-Crisis«, kehrt das Glück langsam zurück, die Menschen werden gelassener und sind nach Ansicht der Forscher kurz vor der Rente wieder so glücklich wie einst mit zwanzig (Raffelhüschen & Güllner 2014).

In anderen Fragen der Glücksforschung sind sich die Wissenschaftler aber nicht einig. So glauben manche, vor allem die Gene seien entscheidend für das Erleben von Glück, andere sind überzeugt, es hänge vor allem von den ganz eigenen Erwartungen ab, also davon, was man sich vom Leben erhofft. Und wieder andere Forscher halten die Lebensumstände oder auch den Zufall für besonders wichtig. Gerade in den letzten Jahren aber haben sie entdeckt, dass Glück und Wohlbefinden in weit geringerem Ausmaß als zunächst gedacht von äußeren Einflüssen abhängen. Viel wichtiger für das Wohlergehen sind erfüllte Erwartungen, gute zwischenmenschliche Beziehungen, ein Ziel im Leben und ein positives Selbstwertgefühl. Heidl et al. (2012) definierten als Determinanten von Lebenszufriedenheit den Gesundheits- und Erwerbsstatus sowie die Häufigkeit von Glücksgefühlen. Sie stellten zudem die Vermutung auf, dass die psychische Gesundheit einen höheren Einfluss hat als die körperliche. Fahrenberg et al. (2000) beschreiben insbesondere den positiven Einfluss einer aktiven Gestaltung der Freizeit (Hobbys, Veranstaltungen, Vereine, körperliche Aktivitäten) auf die Lebenszufriedenheit, und nach Mayring (1991) spielt der Familienstand eine große Rolle, so sind verheiratete oder in einer Partnerschaft lebende Menschen signifikant zufriedener als Alleinstehende. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Signifikanz schwindet, hier zeigten sich in einer festen Beziehung lebende Menschen nur noch leicht glücklicher, allerdings gaben die alleinstehenden Befragten hier an, dass sie ersatzweise viele Freunde hätten und deshalb partnerschaftliche Kontakte nicht vermissten (Hartmann-Wolff & Reinhard 2015).

Sehr wichtig sind auch die Erwartungen, die eine Person an ihr Leben hat. Menschen, die die Möglichkeiten, die ihnen selbst nicht offenstehen, bei anderen erfüllt sehen, hadern offenbar besonders stark mit ihrem Schicksal. Diese Überlegungen wurden schon vor Jahrzehnten als Hypothese formuliert. Erkenntnisse hinsichtlich des Einkommens stützen diese; ab einem Einkommen von etwa 30 000 Euro entsteht plötzlich Raum für unerfüllte Wünsche und Neid – man will noch mehr verdienen, ein noch besseres Auto oder ein ebenso großes Haus wie die Nachbarn haben. Und in Skandinavien sind die Menschen vermutlich auch deshalb so glücklich, weil es hier weit flachere Hierarchien gibt als in anderen Ländern. »Rangordnungen« kennt man hier kaum, die Menschen müssen sich nicht mit den anderen vergleichen, sie können sich als gleichwertig betrachten und fühlen sich deshalb glücklicher.

Insgesamt bezeichnen sich die meisten Menschen der westlichen Länder als glücklich, wenn sie (u. a. Bormans 2012, Frank 2007)

in einer stabilen Beziehung leben

nur einige wenige, dafür aber enge und vertraute Freunde haben

eine angemessene (Aus-) Bildung erlangen können und schließlich eine Arbeitsstelle finden, die ihre Fähigkeiten berücksichtigt und die ihnen Wertschätzung vermittelt

mit ihrer Arbeit etwas Nützliches tun können

eigene Ziele haben, selbst Einfluss nehmen können auf die Gestaltung ihres Lebens und einen Sinn in ihrem Dasein sehen

die Anforderungen des Alltags bewältigen können

sich selbst als Person akzeptieren und auch von anderen akzeptiert werden

genug Geld haben, um ihre Grundbedürfnisse zu stillen

in Gesundheit und Freiheit leben können.

Persönliche Beziehungen

Die Fähigkeit, zu lieben und sich lieben zu lassen, gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für ein glückliches Leben (u. a. Romberg 2011). Freundschaft bietet die Möglichkeit, glückliche Momente zu teilen und von der Unterstützung anderer zu profitieren, wenn es uns nicht gut geht. Freunde geben uns die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und sie helfen uns, glücklicher zu leben. Menschen mit engen sozialen Kontakten haben wohl deshalb auch einen niedrigeren Cortison-Spiegel (ein Maß für Stress) als Personen, denen dies nicht gelingt.

Experten gehen dabei davon aus, dass der Mensch insbesondere für ein Leben in kleinen, überschaubaren Gruppen geschaffen ist. Nötig sind also nur einige wenige stabile Beziehungen, um glücklich zu sein, um sich sicher und geborgen fühlen zu können. Tatsächlich aber leben immer mehr Menschen in großen Städten, mit vielen eher lockeren Bekanntschaften, aber oft weit entfernt von Familie und Freunden.

Überhaupt ist die Familie von unschätzbarem Wert. Jeder Mensch braucht jemanden, der ihm ein Gefühl von Sicherheit und liebevoller Fürsorge vermittelt, ein Bewusstsein dafür, dass er so akzeptiert wird, wie er ist, mit allen guten und auch ungünstigen Eigenschaften.

Der einzelne Mensch gilt umso weniger, je größer die Gruppe ist, in der er sich bewegt. Viele Angestellte arbeiten in Unternehmen mit Hunderten oder Tausenden Kollegen, sie spüren täglich, dass sie problemlos und jederzeit zu ersetzen sind. Nach Ansicht von Forschern ist das ein sehr entscheidender Punkt. Zu erfahren, dass die eigene Arbeit wertgeschätzt wird, ist ihrer Meinung nach für die Psyche des Menschen überlebenswichtig.

Wenn man nun diese Aspekte analysiert und davon ausgeht, dass das Wohlbefinden entscheidend davon abhängt, tiefe, enge Bindungen zu haben und ein wertgeschätztes Mitglied einer Gruppe zu sein, dann muss man eben auch erkennen, dass die Bedingungen des modernen Lebens menschliches Glück offenbar geradezu verhindern. Forscher fanden jüngst heraus, dass die sozialen Medien ihre Nutzer tendenziell unglücklich machen, da sie dafür sorgen, dass wir uns permanent mit anderen Menschen messen und mit ihnen wetteifern.

Erwartungen

Wer also immer einer Vorstellung vom vollkommenen Glück hinterherjagt, der macht sich leicht unglücklich und kann den eigentlichen Moment immer weniger genießen.

Insgesamt sind gute Beziehungen zur Familie, zum Partner und zu Freunden sehr wichtig für das Empfinden von Glück. Aber die aktuellen Scheidungsraten belegen natürlich auch, dass für sehr viele Menschen dieses Glück nicht ewig anhält. Und auch Kinder sind offenbar kein Garant für ein erfülltes Leben, was oft mit falschen Erwartungen zu tun hat. So kommen etwa viele Menschen, die erst relativ spät Kinder bekommen haben, nicht mit dem Verlust ihrer persönlichen Freiheit zurecht.

Wer aber mit den ganz persönlichen Lebensumständen umgehen kann, der kann auch glücklich werden, auch dann, wenn die Bedingungen ganz objektiv betrachtet nicht die besten sind. Dabei können gerade in schwierigen Zeiten Religion und Glaube hilfreich sein. Aktiv religiöse Menschen fühlen sich signifikant glücklicher als andere und können Krisen besser bewältigen.

Glücklichsein mit Kleinigkeiten

In einer Zeit, in der alles scheinbar immer perfekter, besser und angenehmer werden muss, entdecken viele Menschen ihr Glück neu in den einfachen Dingen. Es gelingt ihnen, sich ganz gezielt Kleinigkeiten zuzuwenden, die sie zutiefst beglücken (vgl. Lechner 2012).

Wichtig dafür ist die Achtsamkeit, die deshalb auch gelehrt wird, um Menschen zu befähigen, wieder mehr im Hier und Jetzt zu leben und ihr Glück im Erleben des Augenblicks zu finden. Ein leckeres Essen, ein angenehmer Duft, schöne Musik, der Anblick von Dingen, die einem ganz persönlich Freude bereiten, eine angenehme Berührung: Mit allen Sinnen können wir Glück erleben, wenn wir aufmerksam dafür sind. Dafür ist eine ruhige Umgebung nötig, die es ermöglicht, sich dem Genuss ganz gezielt hinzugeben. Manche Forscher gehen davon aus, dass das Leben in der Natur die Menschen tatsächlich glücklicher macht als in einem städtischen Umfeld.

Es ist hilfreich, sich immer wieder bewusst an freudige und glückliche Momente zu erinnern. Man fokussiert sich dann auf diese Freude und erlebt sie aufs Neue. Je öfter wir auf diese Weise unsere Aufmerksamkeit für ein paar Minuten auf die guten Momente bündeln, desto mehr stimmen wir unser Gehirn darauf ein, in jeder Lage bevorzugt das Erfreuliche herauszufiltern und wahrzunehmen.

(Aus-) Bildung und berufliche Situation

Insgesamt hat das Ausbildungsniveau der Menschen nur eine begrenzte Wirkung auf ihr generelles Wohlergehen, das Ausmaß der Selbstachtung, die Menschen aus ihrer Arbeit beziehen, scheint aber ihr Glücksniveau doch deutlich zu beeinflussen (Bormans 2012, 183). Wichtig ist, dass das Bildungsniveau den persönlichen Möglichkeiten entspricht, also als stimmig erlebt wird. Menschen erreichen außerdem vor allem dann ein stabiles Hochgefühl, wenn die eigenen Fähigkeiten im Vordergrund stehen und sich die persönlichen Interessen mit den Arbeitsinhalten decken.

Nun gibt es aber auch innerhalb eines Landes sehr ungleiche Ausbildungsbedingungen, was man als ungerecht empfinden und deshalb vermuten könnte, dass diese unterschiedlichen Chancen in vielen Fällen auch die Möglichkeiten begrenzen. In einer Untersuchung mit einer riesigen Stichprobe zeigt sich jedoch: Auch vermeintlich schlechtere Ausbildungsbedingungen können durch das optimale Umfeld kompensiert werden. Man hat herausgefunden, dass für eine erfolgreiche Schulbildung eine motivierende, stimulierende Lernumgebung besonders wichtig ist, vor allem dem Lehrer kommt größte Bedeutung zu (Hattie & Zierer 2014).

Auch die berufliche Stellung scheint keinen besonders großen Einfluss auf das Glücksempfinden zu haben. Wichtige Glücksfaktoren im Hinblick auf Arbeit und Beruf sind jedoch die Wertschätzung am Arbeitsort und die Möglichkeit, selbstbestimmt arbeiten zu können. Das ließe sich in allen Branchen und in jeder beruflichen Position ermöglichen. Außerdem fühlen sich Menschen dann zufrieden, wenn sie bei ihrer Tätigkeit gefordert, aber nicht überfordert sind.

Insgesamt hat die Möglichkeit, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Lebenszufriedenheit der Menschen. Als einer der größten »Glückskiller« wird dagegen die Arbeitslosigkeit beschrieben, die auch bei bestehender finanzieller Unterstützung einen Verlust von Identität, sozialen Beziehungen und Struktur bedeutet (Fedders 2014). Ein frühzeitiger Ausstieg aus dem Berufsleben führt in der Mehrzahl der Fälle zu keinem Anstieg der Lebenszufriedenheit, demgegenüber sind Personen, die über das 65. Lebensjahr hinaus berufstätig sind, überdurchschnittlich glücklich (Raffelhüschen & Güllner 2014).

Beim Faktor Geld ist man sich unsicher. Früher nahm man an, dass Geld keine Rolle für das Glücksempfinden spielt, inzwischen aber hat man herausgefunden, dass die Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen doch ein wichtiger Faktor ist und vermögende Personen doch etwas glücklicher zu sein scheinen als solche mit geringeren Vermögenswerten. Allerdings scheint ab einem gewissen Einkommen das Glück nicht mehr weiter zuzunehmen. Wichtig ist also insbesondere eine gewisse finanzielle Sicherheit. Existenzängste dagegen stehen dem Glück zweifellos entgegen, so weisen Menschen mit Schulden und ohne jedes Vermögen deutlich niedrigere Zufriedenheitswerte auf (Raffelhüschen & Güllner 2014, Bormans 2012).

Stabilität, aber auch Offenheit für Neues

Um gut leben zu können, ist es wichtig, eine ausreichende Stabilität zu haben. Ein ungefährdeter Arbeitsplatz, eine stabile Partnerschaft, ein sicheres Wohnumfeld und eine gute Gesundheit sind ganz wesentliche Voraussetzungen für ein glückliches Leben. Häufig kommt es vor allem dann zu Krisen, wenn diese Bereiche instabil werden.

Auf der anderen Seite aber gehört aber auch die Offenheit für Neues, für Unterschiede und für andere Menschen und ihre Lebensweisen ganz wesentlich zu den Quellen des Glücks. Hierzu zählen das Interesse und Engagement für andere sowie die Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken und (kulturelle wie persönliche) Unterschiede als Bereicherung wertzuschätzen. Alles Neue bietet eben auch neue Herausforderungen und Chancen zum Denken, Fühlen und Handeln.

Insgesamt bietet das Leben so viele Möglichkeiten, und jeder einzelne Mensch muss für sich herausfinden, wie weit er gehen kann, wo der für ihn beste Kompromiss liegt zwischen Sicherheit und Stabilität auf der einen Seite sowie Lern- und Veränderungsbereitschaft andererseits.

Eigene Entscheidungen, Erfahrungen und Erlebnisse

Die Möglichkeit, zu wählen und eigene Entscheidungen zu treffen, also gewissermaßen Spezialist für das eigene Leben zu werden, macht glücklich. Dazu gehört auch, diese Entscheidungen dann auch zu akzeptieren und nicht ständig in die Vergangenheit zu blicken. Ein rückblickendes »Hätte ich damals doch nur dieses oder jenes getan« hilft uns nicht weiter. Später ist man immer schlauer, aber die Entscheidungen, die wir im Laufe unseres Lebens getroffen haben, schienen mit der damaligen Erfahrung richtig zu sein. Es ist sinnvoller, nach vorne zu blicken und zu schauen, welche weiteren wichtigen Weichen für das Leben gestellt werden müssen, um gut leben zu können. »Es trägt zum Glücklichsein bei, sich Ziele für sein Leben zu setzen, weil sie eine Richtung und Beschäftigung vorgeben«, betont Meik Wiking, Direktor des Instituts für Glücksforschung in Dänemark. Und dazu gehört es eben auch, sich für den einen oder anderen Weg zu entscheiden.

Das Bedürfnis nach einem Gefühl der Kontrolle über das eigene Verhalten, nach Autonomie und Eigenverantwortung gehört für alle Menschen zu den wichtigsten Anliegen, um glücklich leben zu können. Und auch Emmy Werner ermittelte in ihren Studien, dass Kinder immer dann besonders widerstandsfähig werden, wenn sie schon von klein auf Verantwortung übernehmen müssen (Werner 1992). Dies begünstigt offenbar die Entstehung von Selbstwirksamkeit und Ausdauervermögen, die Kinder erleben schon früh, dass sie mit ihrer Leistung etwas bewirken können, und wagen sich in der Folge auch an schwierigere Anforderungen heran. Die Erwartung, ein Problem lösen zu können, hilft ihnen dabei, die Situation tatsächlich zu meistern. Es ist also falsch, alles Unangenehme von den Kindern fernzuhalten, weil dann das Bedürfnis, selbst etwas zu bewirken, zu kurz kommt. Den Kindern fehlt das Lernen am Erfolg, das sich einstellt, wenn man selber etwas schafft.

Es ist wichtig zu unterscheiden, wann es sinnvoll ist, Hilfe anzubieten, wann andererseits aber ein eigenständiges Ausprobieren besser ist, denn eine psychische Stärke wächst erst durch die Auseinandersetzung mit anderen Menschen und mit Problemen, die es zu meistern gilt. Voraussetzung dafür ist aber, dass sich die Schwierigkeiten auch wieder legen und nicht zur Katastrophe ausarten.

Forscher raten Glücksuchenden außerdem, lieber Erlebnisse und Ereignisse als Gegenstände zu konsumieren, weil sich gezeigt hat, dass dies glücklicher macht. Die Art der Erlebnisse lässt sich dagegen nicht so exakt definieren, aber neben aller Individualität (einem Menschen gefällt das Bergsteigen ganz besonders, ein anderer liebt das Segelfliegen oder Abenteuertrips durch Wüste und Dschungel) scheint es ganz wesentlich auch auf das Alter anzukommen: Während jüngere Menschen außergewöhnliche Erlebnisse genießen (etwa Hochzeiten, Abenteuer und neue Erfahrungen), finden ältere Menschen ihr Glück eher in den schönen Momenten des Alltags (Zeit mit der Familie, soziale Bindungen, Gewohnheiten). Die Forscher folgern also: Wenn wir jung sind, sollten wir das Außergewöhnliche suchen, denn die Summe dieser Erfahrungen prägt die eigene Persönlichkeit und lässt uns unseren Platz im Leben finden. Wenn wir älter werden, uns selbst und unseren Platz im Leben bereits gefunden haben, sollten wir das Glück erkennen und suchen, das in den kleinen Dingen des Alltags versteckt ist (Bhattacharjee & Mogilner 2014).

Gesundheit und Inklusion

Der Einfluss des Gesundheitszustands auf die allgemeine Lebenszufriedenheit ist enorm, und dabei ist es nicht in erster Linie so, dass Gesundheit glücklich macht; vielmehr macht das Fehlen von Gesundheit unglücklich (Fedders 2014). Deutlich weniger zufrieden als die Gesamtbevölkerung sind in Deutschland lebende Menschen mit schwerer Erkrankung oder Behinderung. Ihre subjektive Lebenszufriedenheit stieg zwar in den letzten Jahren an, doch ist der Abstand zu Menschen ohne Behinderung heute nur unwesentlich geringer als zu Zeiten der Jahrtausendwende. Es zeigt sich also, dass sich politische und gesellschaftliche Bemühungen um eine bessere Teilhabe von Menschen mit Behinderung hinsichtlich der Lebenszufriedenheit noch nicht nachhaltig niedergeschlagen haben (Raffelhüschen & Güllner 2014). Für die geringere Zufriedenheit sind vor allem die begleitenden gesundheitlichen Probleme verantwortlich, aber auch Faktoren wie Einkommen, Arbeit und Familienleben spielen hier eine Rolle sowie das Wissen um die Möglichkeit eines vermeintlich besseren Lebens, das man vielleicht sogar selbst in der Vergangenheit leben konnte und das jetzt so nicht mehr möglich ist.

Es zeigt sich, dass eine verbesserte gesellschaftliche Teilhabe die Lebenszufriedenheit von Menschen mit Behinderung deutlich steigern kann. Grundsätzlich ist Inklusion in hohem Maße erwünscht, es klafft aber eine Lücke zwischen dem Wunsch und der wahrgenommenen Umsetzbarkeit einer inklusiven Gesellschaft. Das Desinteresse und der Egoismus der Umgebung sind hier die größten Hemmnisse. Wesentliche Voraussetzungen auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft sind deshalb der verstärkte Kontakt und Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderung und ganz objektive Informationen.

Die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung wird von der Gesellschaft nämlich noch immer sehr häufig falsch eingeschätzt. Menschen ohne Behinderung gehen mehrheitlich davon aus, dass sich die Situation von Menschen mit Behinderung in Deutschland in den letzten zehn Jahren stark verbessert hat; die Mehrheit der Betroffenen selbst sieht dagegen keine wesentlichen Verbesserungen oder gar Verschlechterungen.

Lebenssinn

Ganz entscheidend ist die Erfahrung, im Alltag einen tieferen Lebenssinn zu finden und die eigenen Stärken in den Dienst einer höheren Sache stellen zu können, also das »Richtige« zu tun und nicht nur ausschließlich das Angenehme. Das können ein Ehrenamt oder auch lediglich Kleinigkeiten sein, die man mit voller Konzentration deshalb tut, weil sie einem wichtig erscheinen. Glück erfährt, wer versucht, ein Leben aufzubauen, in dem er das tut, was er gut kann, um damit die Lebensqualität anderer Menschen zu verbessern. Eckart von Hirschhausen etwa erklärt, dass Glück für ihn nicht die Hauptsache, sondern das Nebenprodukt eines sinnvollen Lebens ist. Zu tun, was einem entspricht, sich auch auf andere Menschen zu beziehen, nicht nur auf sich selbst, und ständig dazuzulernen – das sind für ihn die Grundbedingungen für ein glückliches Leben.

Was kann man selbst tun, um glücklich zu werden?

Man kann selbst eine ganze Menge dazu beitragen, um sich gut zu fühlen, und oft hilft es dafür schon, nur kleine Dinge zu verändern, etwa im Alltag, in der Umgebung oder am eigenen Verhalten.

Sportliche Betätigung an der frischen Luft schüttet im Gehirn Serotonin, eines der »Glückshormone«, aus, dafür reichen schon ein paar Minuten am Tag. Körperliche Bewegung kann also Glücksgefühle auslösen, sogar leichte Depressionen bessern und Gesundheit und Energie fördern. Die positiven Aspekte von Ausdauersport sind wissenschaftlich am besten belegt, andere Sportarten sind aber ähnlich geeignet. Deshalb werden sie als Begleittherapie für Menschen mit psychischen Erkrankungen immer bedeutender: »Spiel, Sport, aber auch ganz normales Spazierengehen in der freien Natur und gleichzeitig Sehen, Hören, Riechen sind eine Quelle für Freude und Glück. Oft sind unsere Sinne verkümmert und wir müssen diese Dinge erst wieder lernen« (Gödtel 2002, 17).

Glückliche Menschen sind aktiv und voller Energie, aber sie nehmen sich auch genug Zeit für die Regeneration durch Schlaf und Alleinsein. Zeiten nur für sich sind wichtig für jeden Menschen, und kurzzeitiger Schlafmangel kann zwar die Stimmung verbessern (dies entspricht dem Effekt der Schlafentzugstherapie bei z. B. leichteren Depressionen), aber ein chronisches Schlafdefizit macht unglücklich und krank. Dabei ist die individuell richtige Schlafdauer jedoch sehr unterschiedlich und bei jedem Menschen anders. Während einige mit vier oder fünf Stunden Nachtruhe auskommen, benötigen andere acht Stunden oder mehr. Was für die eigene Person gut ist, kann man nur selbst herausfinden.

Ab und zu ein Stück Schokolade kann ebenso glücklich machen wie häufiges Lachen oder viel gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden. Das alles sind Ratschläge, die man auch von früher schon kennt, die aber nach wie vor nicht an Bedeutung verloren haben, im Gegenteil.

Hinzu kommt die Notwendigkeit, auch schwierige, leidvolle Erlebnisse nicht zu verdrängen, denn die Erfahrung, sie überwinden zu können, ist sehr wertvoll und lässt den Menschen danach glücklicher, offener und authentischer erscheinen. Generell scheint es für das Glückserleben nicht so entscheidend zu sein, ob jemand Schicksalsschläge zu bewältigen hatte oder rein äußerlich vom Glück begünstigt zu sein schien. Amerikanische Psychologen untersuchten etwa die Lebenszufriedenheit von Menschen, die wenige Monate zuvor im Lotto gewonnen oder aber nach einem Unfall ein Bein verloren hatten. Und die Ergebnisse waren ganz ähnlich denen anderer Menschen. Die Forscher folgerten daraus, dass sowohl ein Hochgefühl (etwa nach dem Lottogewinn) als auch Gefühle von Schock, Schmerz, Trauer und Wut höchstens einige Monate anhalten, aber nicht dauerhaft glücklich oder betrübt machen. Wichtig ist in jedem Fall, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Leid, Traurigkeit und Erkrankungen gehören zum Leben dazu. Aber manchmal sagt sich das so leicht. Jedenfalls jedoch können auch Menschen, die schwer erkrankt sind, eines Tages wieder glücklich werden.

Sinnvoll kann es sein, ein »Dank- und Glückstagebuch« zu führen, in dem man jeden Abend drei Dinge aufschreibt, die an diesem Tag gut gelaufen sind oder für die man dankbar ist. Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die täglich innehalten, um über positive Aspekte des eigenen Lebens nachzudenken (beispielsweise im Hinblick auf die Gesundheit, Familie, Freunde, Bildung, persönliche Interessen, Natur oder Sinneserfahrungen), ein stärkeres Wohlbefinden und mehr Lebenszufriedenheit verspüren.

Viele Menschen empfinden großes Glück, wenn sie etwa einem Hobby nachgehen und dabei Raum und Zeit vollkommen vergessen und ganz in der Beschäftigung aufgehen. Dieser Zustand wird als »Flow« bezeichnet und gilt als sehr erstrebenswert. Man empfindet währenddessen Glück. Welche Arten von Aktivität individuelles Glück am meisten fördern, richtet sich nach den jeweiligen persönlichen Neigungen und Stärken: »Es passt nicht allen der gleiche Schuh, und ähnliche Glücksniveaus hängen mit sehr unterschiedlichen Betätigungen zusammen« (Bormans 2012, 152). Für jeden Menschen wichtig und unerlässlich ist es also, auf die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu achten, immer wieder gezielt Dinge zu tun, an denen er ganz persönlich Freude hat und die er entspannend findet. Vor allem körperliche Aktivitäten sind dabei wichtig, idealerweise als eine sinnvolle Kombination aus Bewegung und Entspannung.

Und der wichtigste Rat lautet wohl: Pflegen Sie soziale Kontakte. Studien zeigen, dass Menschen soziale Wesen sind und es ihnen guttut, von Freunden umgeben zu sein.

Glücklichsein – für sich selbst und für andere

Der amerikanische Psychologe Ed Diener glaubt, dass Glück und Zufriedenheit nicht nur dem Einzelnen nutzen, weil sie sich gut anfühlen, sondern auch der Gesellschaft. Mehrere Studien geben ihm recht. Sie belegen, dass glückliche Menschen mehr zu geben haben als unglückliche, etwa eine höhere Arbeitsleistung und mehr soziales Engagement, und sie haben eine bessere Gesundheit und mit größerer Wahrscheinlichkeit eine stabile, befriedigende Beziehung. Glück vermehrt außerdem die Hilfsbereitschaft: Wer sich gut fühlt, tut auch anderen Gutes. Und dieses Geben steigert sogar noch das Glück, denn umgekehrt gilt dasselbe: Auch der Einsatz für andere macht glücklich; wir freuen uns, wenn wir anderen etwas Gutes tun können und auch sie glücklich sind. Seine Freude in der Freude des anderen finden zu können, das ist eines der Geheimnisse des Glücks. Es geht also »darum, eine Gesellschaft aufzubauen, in der sich die Menschen mehr umeinander kümmern« (Bormans 2012, 333) – und dabei glücklich werden.

Berichte von Betroffenen: Was bedeutet Glück für Menschen mit Autismus?

Nach den allgemeinen Überlegungen und meinen eigenen Gedanken zum Thema Glück sollen nun viele weitere Menschen mit Autismus zu Wort kommen. Dem Aufruf, einen kurzen schriftlichen Beitrag zu leisten, sind zahlreiche Betroffene gefolgt. Entstanden sind Texte völlig unterschiedlicher Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen. Viele der Autoren gaben an, die Auseinandersetzung mit diesem Thema habe ihnen sehr gutgetan, sie beschrieben es als wichtig, über die eigenen Wünsche und Lebensziele nachzudenken.

Die Beiträge sollen nicht bewertet oder kommentiert werden, sie stehen für sich und zeigen, dass autistische Menschen reflektiert, klug, engagiert und interessiert ihre eigenen Möglichkeiten beleuchten können. Es ist wichtig, jeden einzelnen Betroffenen immer wieder bei diesem Prozess zu unterstützen. Immer häufiger wird die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung gestellt, gleichzeitig werden die finanziellen Spielräume für therapeutische und andere Maßnahmen eher enger. Es wird daher zukünftig von großer Bedeutung sein, die Behandlung von Menschen mit Autismus ganz gezielt auf die jeweilige Lebenssituation abzustimmen und die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Dafür ist es notwendig, jeden einzelnen Betroffenen gezielt danach zu befragen, was er sich für sein Leben vorstellt und was ihn ganz persönlich glücklich macht.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei allen Autoren, die mir ihre Texte zur Verfügung gestellt haben und die damit verdeutlichen, wie wichtig es ist, eine sehr individuelle Behandlung anzustreben, die die Kenntnisse des Autismus berücksichtigt, daneben aber auch noch genug Freiraum lässt zur optimalen Gestaltung der ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Beitrag von Leonie Klom

Heute kann ich sagen: Ich bin ein zufriedener und oft auch glücklicher Mensch. Das war nicht immer so. Erst mit Anfang Zwanzig wurde bei mir Autismus diagnostiziert. Bis dahin hatte ich einen sehr mühsamen Weg hinter mir. Viele Psychiater hatten viele unterschiedliche Diagnosen gestellt.

In dieser Zeit wurde ich von massiven Schlafstörungen und einem dauernden Gefühl der Andersartigkeit geplagt. Dieses Gefühl tief in mir, gepaart mit der Rückmeldung der Psychiater, dass ich doch so viel Potenzial hätte und mich nur bemühen müsste, Freunde zu finden und mein Studium »einfach durchzuziehen«, führte zu einem tiefen Gefühl von Unglück, das bis hin zur Lebensunlust reichte.

Mein damaliger Psychiater teilte mir nach einiger Zeit mit, dass er bei mir den starken Verdacht hätte, dass ich Autistin sei. Wenig später bekam ich dann in einer Spezialambulanz die Diagnose Asperger-Syndrom. Das war mein erstes Glück. Endlich wusste ich, dass meine Wahrnehmung, anders zu sein, richtig war.

Ich lebe in einem Umfeld, das zwar klein, aber sehr stabil ist und das es mir erlaubt, autistisch zu sein. Nach einiger Zeit erlaubte ich mir das auch selbst, statt mich immer »zusammenzureißen«. Der Druck, mich altersgemäß zu verhalten, wurde kleiner. Mein Verhalten wurde authentischer und ist es bis heute geblieben. Ich nehme mir heute schneller die Ruhezeiten, die ich brauche, um zufrieden zu bleiben. Das ist mein zweites Glück.

Ich bekam Famke, eine Hündin, die mir genau in den Bereichen hilft, in denen ich sehr große Probleme habe: Sie strukturiert meinen Tag, sorgt dafür, dass ich regelmäßig raus gehe und viel leichter in Kontakt komme mit anderen Menschen. Das macht sie einerseits durch ihre sehr gute Menschenkenntnis und durch ihre Kontaktfreude. Das ist mein drittes Glück.

Diese drei Punkte sind meine Bedingungen für ein glückliches Leben. Daneben gibt es noch einige Grundsätze, die meine Zufriedenheit ungemein steigern:

Ich habe gelernt, meine Schlafstörungen als meinen eigenen Schlafrhythmus zu akzeptieren. Sämtliche medikamentösen und schlafhygienischen Maßnahmen sind gescheitert, und so nutze ich meine nächtlichen Wachzeiten jetzt als Zeit für mich.

Ich bemühe mich, mir nur Gedanken zu den Problemen zu machen, die ich ändern kann. Das erspart mir viel Stress.

Ich nehme mir einen Ruhetag pro Woche. An diesem Tag nehme ich mir nichts vor. Ich schlafe. Ich esse. Ich sehe fern. Dies ist mein »Auszeiten-Tag«, der mir die Energie gibt, die Woche in einer Welt voller nicht-autistischem Chaos zu überstehen.

Ich baue viele kleine Routinen in meinen Alltag ein. Das ist bei der Arbeit manchmal ganz schön schwer, weil es dort immer wieder Veränderungen gibt. Doch im Kleinen gelingt es mir.

Ich mache mir nur wenige Gedanken um das, was in meinem Leben anders hätte laufen können, denn diese Gedanken haben mich früher oft unglücklich gemacht.

Ich mache ganz gezielt die Dinge, die mich glücklich machen, z. B. Achterbahnfahren oder ein Lied 100 Mal hintereinander hören. Schade finde ich es manchmal, dass es mir auch nach schönen Erlebnissen nicht immer gut geht. Oftmals bin ich auch nach tollen Tagen fix und fertig, weil sie meine Routinen durchbrechen. Das belastet mich sehr, weil ich so gerne Sachen erleben möchte (z. B. reisen), dafür aber noch mal dieselbe oder sogar mehr Zeit im Nachklang zur Erholung mit starren Routinen benötige. Dass ich so sehr auf Routinen und Gleichmäßigkeit angewiesen bin und auf so vieles verzichten muss, weil ich sonst im Overload lande, ist oft noch schwer auszuhalten.

Ich nehme mir in der Regel nur Sachen vor, die ich auch genießen kann. Früher habe ich alles gemacht, weil ich dachte, es würde mich zufriedener machen. Heute plane ich genau und versuche abzuwägen, ob ein Ausflug noch schön für mich ist. Manchmal muss ich trotzdem erkennen, dass ich mich überschätzt habe und die Abweichung von meinem Alltagsrhythmus, gepaart mit vielen neuen Eindrücken, zu viel für mich ist.

Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle oder über etwas ärgere, setze ich mich für mich selbst ein und spreche Dinge offen an, auch wenn mir das manchmal nicht leichtfällt.

Bei Erlebnissen, die mich emotional sehr betreffen, überlege ich mir, ob es eine Lösung gibt. Wenn es keine gibt, schiebe ich die Gedanken dazu weg. Das klingt nach Verdrängen, ist es aber nicht. Wenn sich emotionale Ereignisse erst einmal in meine Seele eingebrannt haben, sind sie dort unlöschbar verankert. Es ist fast unmöglich, das betreffende Gefühl zu löschen oder auch nur zu verändern. Deswegen ist das für mich die beste Strategie.

Wenn ich ein Problem habe, das sich in meinem Autismus begründet, überlege ich mir, ob es etwas gibt, das meine Schwierigkeiten verbessern könnte. Oft belasse ich dann aber bewusst alles so, wie es ist. Durch diese Strategie verringert sich für mich das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber meinen autistischen Anteilen, die oft wie unüberwindliche Hürden erscheinen.

Ich nehme mich selbst und meine Wahrnehmung der Welt ernst und werte sie nicht ab.

Noch heute ist es so, dass mein Leben ein Drahtseilakt ist. Kleinigkeiten wie z. B. die falsche Anordnung der Gegenstände auf meinem Schreibtisch, weil die Reinigungskraft bei der Arbeit nicht wieder exakt alles an seinen Platz gelegt hat, sorgen manchmal dafür, dass ich den ganzen Tag tief verunsichert und unglücklich bin. Aber ich habe jetzt eine Erklärung dafür. Sie heißt Autismus. Das macht vieles etwas leichter.

Beitrag von Svenja S.

Glück ist für mich ein neues Konstrukt. Ich hatte mir Gefühle grundsätzlich abtrainiert. Sonst hätte ich nicht funktionieren können.

Meine Asperger-Diagnose erhielt ich mit Ende Zwanzig. Die Zeit von der Grundschule bis dahin verbrachte ich im Überlebensmodus. Es galt, irgendwie die Anforderungen zu bestehen und durch den Tag zu kommen, ohne mehr als nötig verletzt zu werden.

Irgendwie konnte niemand mit mir etwas anfangen, egal ob Mitschüler, Lehrer, Mitglieder in Vereinen, Kinder aus der Nachbarschaft oder andere Leute. Zu Hause musste ich mich regelmäßig dafür rechtfertigen, warum ich beispielsweise nicht auf Partys ging wie »normale« Jugendliche. Dabei wäre ich eigentlich gerne hingegangen. Ich wusste nur nicht, was ich da genau machen sollte, stand nur schweigend herum, und außerdem hatte ich sowieso auch keine Einladungen. Überall war ich der »Alien«. Und das allergrößte Problem war, dass ich einfach nicht wusste, warum das so war.

Ich wusste nicht, was an mir es war, das so abstoßend war, das mich immer zum Außenseiter machte. War ich zu dick, war ich zu hässlich, war ich einfach nicht liebenswert, war ich zu dumm? Ich fühlte mich komplett allein auf der Welt.

Mir hat nie jemand gezeigt, wie man sich in verschiedenen Situationen verhält, man hat mich nur kritisiert, wenn ich etwas falsch gemacht hatte. Darum versuchte ich, möglichst wenig zu agieren und so wenige Informationen wie möglich über mich herauszugeben. Möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten also. Ich baute um mich herum eine riesige Mauer auf und wirkte so auf andere noch seltsamer. Auch meine Emotionen mauerte ich ein.

Ich testete immer neue Strategien, wie Menschen vielleicht nicht ablehnend auf mich reagieren könnten. Zum Beispiel dachte ich mit 14, dass es an meinem Äußeren lag, aß nur noch so wenig wie möglich und begann, jede freie Zeit mit Sport zu füllen. Ich kasteite mich rund um die Uhr. Doch auch schlank zu sein änderte nichts am Verhalten anderer mir gegenüber.

Ab 16 versuchte ich, in der Schule gut zu sein. Ich arbeitete wie verrückt, war komplett auf meine Noten fokussiert – mit der ständigen Angst, gar nichts mehr zu haben, wenn ich diese nicht halten könnte. Und nach dem Abitur wusste ich trotzdem nur, was ich alles nicht gut konnte. Schwer depressiv, war ich komplett entscheidungsunfähig und versuchte, aus den rund 8000 Studienmöglichkeiten anhand objektiver Kriterien das Beste für mich zu finden. Doch ich konnte mich ja nicht einmal im Supermarkt für eine Brotsorte entscheiden. Also nahm ich irgendwann das, was als erste Zusage kam. Ich war weiterhin unglücklich und innerlich tot. Mein Körper reagierte immer mehr. Irgendwann war mir rund um die Uhr schlecht und schwindlig und ich hatte täglich schwere Migräneattacken, die trotz aller Maßnahmen über die Grenze des Aushaltbaren hinausgingen. Da ich Zufriedenheit seit der Grundschule nicht mehr kannte, konnte ich auch nicht wissen, dass ich depressiv war.

Das ging so über Monate und Jahre. Brachte ich die Energie auf, zu einem Arzt zu gehen, konnte ich die Dramatik der Situation nicht kommunizieren. So konnte mir niemand helfen und ich verzweifelte einfach komplett an der Welt. Im »Zombie-Modus« funktionierte ich, weil ich keine Alternative dazu kannte. Mit 25 war dann jedoch auch die letzte Reserve meiner Kraft verbraucht. Ich hatte Gedächtnisaussetzer und schaffte es nicht mehr, einkaufen zu gehen. Ich kam irgendwie noch zu einem Arzt und entschied (gegen dessen Meinung), dass ich einen Klinikplatz brauchte. Ich kündigte meine Wohnung und zog wieder zu meinen Eltern.

In sechs Monaten Klinikaufenthalt wurde mir erstmals klar, dass das, was ich tat, nichts mit »leben« zu tun hatte. Es dauerte, aber ganz langsam gelang es mir, meine Schutzmauer ein bisschen abzusenken. Mit unzähligen Schaubildern, die ich anfertigte, versuchte ich für mich herauszufinden, wer ich ursprünglich vor der Zeit der Depressionen einmal war. Ich probierte aus, wer ich unter meinem Schutzpanzer sein könnte. Ich übte, um verschiedene Emotionen unterscheiden zu können.

Dies war ein großer Schritt, aber nur der erste. Jetzt, sechs Jahre später, bin ich immer noch inmitten dieses Prozesses mit Höhen und Tiefen. Mein Körper lässt mich immer noch häufig im Stich. Es fällt mir schwer, unter Menschen zu gehen. Ich habe viele schlechte Erinnerungen, die mich belasten.

Es fällt mir seither schwer, mich anzustrengen. Mein Kopf sagt »Nein« zu vielen Aufgaben. Ich habe keine Lust mehr, mich zu knechten. Ich mache keinen Sport mehr. Ich achte nicht mehr auf meine Ernährung. Ich versuche, sinnliche Genüsse genießen zu können. Es ist viel einfacher, Glück durch einen duftenden Kaffee oder ein heißes Bad zu empfinden als dadurch, irgendwo die Beste oder Dünnste zu sein.

Ich habe auch das erste Mal Menschen in meiner Umgebung, an die ich mich wenden kann. Glück ist für mich, nicht komplett allein auf der Welt zu sein. Einen besten Freund zu haben, dem ich vertraue, auch wenn mir das noch schwerfällt. Ich versuche immer öfter, angstfrei zu agieren. Etwas zu sagen oder zu tun, ohne Angst zu haben, ein negativer Kommentar könnte mich in den Boden stampfen. Ich fühle mich zufrieden.

Manchmal denke ich, mir fehlt die Fähigkeit, mich einfach in einer Situation zu verlieren. Einfach auf einer Party zu tanzen und zu singen und dabei alles um mich herum zu vergessen. Da würde ich gerne hinkommen. Ich merke das, wenn am Wochenende grölende Gruppen von Menschen in meinem Alter an mir vorbeiziehen. Einfach diesen Rausch erleben, ich glaube, das kann ich nicht.

Aber vielleicht brauche ich das auch nicht. Ich habe mehrere Monate in einem Kloster im Himalaya am Ganges verbracht. Dort habe ich gelernt: Man hat alles in sich drinnen, um glücklich zu sein. Theoretisch kann man alles rings herum verlieren. Das hat mir auch mein Absturz gezeigt. Wenn man mal ganz unten war, verliert man viele Ängste. Das befreit. Ich nehme seither vieles nicht mehr so ernst wie andere. Ich versuche, darauf zu achten, was wirklich wichtig ist.

Beitrag von Dennis Kranz

Im Gegensatz zu manch anderen Autisten war es nie ein Problem für mich, so zu sein, wie ich bin; darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Die punkige Einstellung, einfach so zu leben, wie es mir gefiel, egal, was die anderen darüber dachten, trug ich also schon immer in mir, nur fehlte mir irgendwie der Anschluss an die Szene.

2008 habe ich dann über ein soziales Netzwerk (im Folgenden »Punkerfacebook« genannt) ein Mädchen kennengelernt, das versuchte, mich für Musik zu begeistern, und ich fing an, alleine auf Konzerte zu gehen. Leichter und schöner hätte ich es gefunden, wenn Diejenige, die mir im Chat die Punkwelt nahebringen wollte, dies auch zusammen mit mir in der Realität getan hätte. Leider fand sie mich letztendlich wohl doch zu komisch und wollte keinen realen Kontakt, und als ich sie bei einem Festival damit überraschte, dass ich auch dort war, brach sie den Kontakt ganz ab.

Der Grundstein war nun aber gelegt, und ich fuhr nun mit Hilfe des Terminkalenders vom Punkerfacebook immer irgendwohin, wo etwas Cooles los war, und meistens lernte ich dabei Leute kennen, ohne sie selber zuerst ansprechen zu müssen.

Inzwischen kenne ich so viele Leute wie wahrscheinlich kein anderer Mensch in der Punkszene, werde von fast allen Leuten akzeptiert, als Ratgeber in Sachen Fahrpläne und Bahnfahrkarten geschätzt und als zuverlässiger Organisator von Sammelbestellungen und gemeinsamen Bahnfahrten zu Festivals angesehen.

Wenn es mal Situationen gibt, mit denen ich nicht oder nur schlecht klarkomme, kann ich mich meistens darauf verlassen, dass Freunde mir im Gedränge genug Platz verschaffen, damit ich durchkomme, oder dass sie mir beim Treppensteigen den Rücken frei- oder den Gegenverkehr kurz aufhalten, bis ich die Stufen geschafft habe (aufgrund meines Asperger-Syndroms brauche ich beim Treppensteigen genug Platz um mich herum, um mich konzentrieren zu können). Auch als ich bei »Punk im Pott 2014« am zweiten Tag sehr heiser war, haben einige Freunde sich um mich gekümmert und ein offenes Ohr für meine Wünsche und Bedürfnisse gehabt, selbst wenn sie aufstehen mussten, um mich zu verstehen.

Glücklich macht es mich natürlich auch, den anderen zu helfen, wenn außer mir niemand mehr Orientierung hat und nicht weiß, wo in der Stadt wir uns gerade befinden, wie wir am Bahnhof zum richtigen Zug kommen, oder außer mir keiner mehr den Durchblick hat, in welche versteckte Ecke sich unsere Freunde zum Schlafen hingelegt haben.

In einem sozialen Netzwerk las ich folgenden Eintrag, der an meine Adresse gerichtet war: »Du bist der coolste, freundlichste, organisierteste, hilfsbereiteste, herzlichste und aufgeschlossenste Autist, den ich kenne. Danke, dass du so viel für uns tust und trotz deiner Bekanntheit für jeden ein offenes Ohr hast. Bleib so lieb, offen und szenenah, wie du bist!« Trotz all des Lobes aber bleibe ich bescheiden und möchte manchmal sprichwörtlich rot werden, wenn ich zu viel gelobt werde.

Beitrag von Marc Schnitzler

Alter: 16 Jahre, Schulform: Gymnasium, Diagnose: Asperger-Autismus und hochgradige Sehschädigung

Ich kenne mich aus offensichtlichen Gründen nicht so gut damit aus, vermute aber, dass mich geistige Anregung und Musik, wenn sie mir gefällt, glücklich machen. Geistige Anregung nimmt sich etwa so aus, dass mir ständig etwas einfällt, das es wert ist, aufgeschrieben zu werden, so gut ich mich noch daran erinnere, es ist schon länger nicht mehr vorgekommen. Außerdem geht sie wohl gewöhnlich von Dingen aus, derer ich mich zu meiner Unterhaltung bediene. Mich unterhalten bestimmte Hörbücher und Videos im Internet. Es ist übrigens so, als wäre in meinem Kopf ein Karussell voller guter Ideen, wenn sich der Zustand der geistigen Anregung einfindet. Ich bin gar nicht wirklich wild darauf, Glück abzubekommen, gewöhnlich reicht es mir, Spaß zu haben. Unter Spaß verstehe ich die Beschäftigung mit sowohl den Dingen, die ich bereits erwähnt habe, als auch mit Computerspielen, bei denen ich weder unter Zeitdruck noch vor sonstigen übergroßen Problemen stehe.

Ich habe also schon eine Vorstellung von Glück, kann aber auch darauf verzichten.

Beitrag von Lisa Huber

Um in Worte fassen zu können, was Glück für mich bedeutet, muss ich zunächst beschreiben, wie ich dieses Gefühl, diesen Zustand wahrnehme, denn ich denke, dass kein Lebewesen dies gleich einem anderen erlebt.

Das Gefühl des Glücklichseins umschreibt für mich einen Moment, in dem fast alle zu diesem Zeitpunkt relevanten Umstände in gesteigertem Maße zufriedenstellend sind. Es gibt nur verschwindend wenige Faktoren, die ich als besorgniserregend empfinde und die auch nur von geringer Bedeutung sind im Gegensatz zur Vielzahl derer, die erheblich zu meinem Wohlbefinden beitragen. Dieser Moment kann von unterschiedlicher Dauer sein. Theoretisch kann ich sowohl zwei Sekunden lang glücklich sein als auch sechs Jahre, wenngleich ich letzteres noch nicht erlebt habe. Irgendwann ist immer irgendetwas.

Ich empfinde Glück, wie ich es interpretiere, recht selten, dafür aber umso bewusster und intensiver. Erst kürzlich empfand ich Glücksgefühle, als sich meine finanzielle und berufliche Situation für die nächsten Jahre als sichergestellt erwiesen hatte und ich mich in meiner wohl temperierten Wohnung wiederfand mit der Aussicht, diese für die nächsten Tage nicht mehr zwangsläufig verlassen zu müssen. Das Außenthermometer zeigte erstmalig Minusgrade, meine familiäre und anderweitig soziale Situation hatte den bislang wohl harmonischsten Zustand erreicht und mein neues Migräne-Medikament schwang seinen nebenwirkungsfreien Zauberstab. Das Wohnzimmer um mich herum war angenehm dunkel und roch nach Räucherstäbchen, meine Katzen taten ihr Wohlbefinden rücklings auf und neben mir schnurrend kund, während ich mich auf dem Sofa dem Finale eines guten Buches näherte. Mein Partner käme bald von seiner Arbeit nach Hause und zuvor würde ich noch in angenehm erhöhter Lautstärke eines der für meinen Geschmack großartigsten Lieder, die jemals geschrieben wurden, hören. Natürlich gab es noch unzählige weitere stimmige Faktoren, die nicht unwesentlich zu meinem Glücksgefühl beitrugen, doch die Beschreibung eines jeden einzelnen würde nun doch den Rahmen sprengen.

Es sind viele kleine Fragmente, die sich entweder über eine geraume Zeit Stück für Stück auftürmen oder die durch eine zufällige Fügung plötzlich ein großes Ganzes ergeben, an welchem ich mich nicht nur erfreuen kann, welches mich nicht nur Zufriedenheit spüren lässt, sondern mit Glück erfüllt.

Mich stellen parallele und geordnete Dinge, wie Tischreihen mit ordentlich herangeschobenen Stühlen oder Büchern und Stiften, die parallel zur Tischkante liegen, zufrieden. Als ich letztens ein neues Puzzle kaufte und damit beginnen konnte, empfand ich Freude, welche am Abend durch ein leckeres Essen sogar noch gesteigert werden konnte. Konnte ich an einem Tag eine Handvoll soziale Interaktionen ohne große Anstrengungen und ohne viel Schauspielerei durchführen, bin ich zufrieden. Wenn ich nach Hause komme und von einer meiner Katzen freudig maunzend empfangen werde, geht es mir genauso.

Doch von der Zufriedenheit und Freude zum Glück ist es für mich ein großer Sprung. Hatte ich vor wenigen Stunden eine Panikattacke oder einen sehr anstrengenden Tag mit vielen Reizüberflutungen oder zu viel unangenehmem Kontakt zu fremden Menschen, kann ich nicht glücklich sein. Stehen auf meinem Tagesplan stressreiche Erledigungen, die ich bislang vor mir hergeschoben habe, wie beispielsweise ein Telefonat, ein Arztbesuch oder ein Einkauf, dann werde ich so lange kein Glück empfinden können, bis diese Dinge auf meiner Liste abgehakt sind.

»Irgendwann ist immer irgendetwas«, schrieb ich zu Beginn. Hiermit meine ich die kleinen Unannehmlichkeiten, die sich immer wieder ergeben, wie finanzielle Probleme, defekte Waschmaschinen oder Routine-Tierarztbesuche. Dieser Satz beschreibt aber auch immer wiederkehrende tieferliegende Komplikationen wie Erinnerungen an vergangene Geschehnisse, seien sie positiver oder negativer Natur. Eine unschöne Erinnerung bringt mir wieder ins Gedächtnis, welche Folgen dieses Ereignis für mein weiteres Leben hatte, während eine schöne Erinnerung mir womöglich vorführt, welche Momente vorbei sind und nie wiederkommen werden. Zu den tieferliegenden Komplikationen gehören auch die zwischenmenschlichen Situationen, in denen mir deutlich vor Augen geführt wird, wie weit entfernt ich mich geistig von den meisten Menschen fühle. Die Momente, in denen mein Unverständnis für mich betreffende nonverbale und auch manch verbale Kommunikation schamlos ausgenutzt wird, oder die, in denen ein Gespräch wieder einmal nach viel zu langer Dauer im redensartlichen Sande verläuft, weil meine natürliche, unveränderte Art zu denken scheinbar in gänzlich anderen Dimensionen verläuft als die vieler Menschen, die meinen Lebensweg kreuzen. In solchen Momenten fühle ich mich nicht ansatzweise glücklich, vielmehr einsam und ein wenig verloren. Auch in reizüberfluteten Situationen bin ich weit vom Gefühl des Glücks entfernt. Wie soll ich glücklich sein, wenn sich die Welt um mich herum immer wieder aufs Neue zu einem gigantischen, ja geradezu monströsen Geflecht unentwirrbarer, unerträglich überdimensionierter Sinneseindrücke formt und unaufhörlich auf mein Gehirn einschlägt? Menschen sind laut und für meine Verhältnisse unkoordiniert, sprunghaft und viel zu spontan. All das bin ich ganz und gar nicht, und bei unzähligen Versuchen, den klaffenden Abgrund zwischen mir und dem Großteil dieser unberechenbaren Spezies zu überwinden, scheitere ich kläglich an dem Abstand zwischen unseren beiden kleinen Fleckchen auf dieser Erde. Manchmal scheint mir die andere Seite greifbar nah, an einem anderen Tag erkenne ich sie kaum, doch gleichbleibend ist, dass nur ganz selten einer dieser Menschen sein geistiges Fernglas auspackt, erkennt, dass ich Hilfe benötige, und mir die Hand reicht. Das hindert mich mindestens wöchentlich, oft sogar täglich ganz enorm am Glücklichsein.

Langfristig gesehen, bin ich weitestgehend zufrieden mit mir und meinem Leben, glücklich nach meiner Auffassung bin ich eher selten. Doch ich denke, ich muss nicht sonderlich häufig Glück empfinden, denn die Tatsache, dass ich dazu überhaupt in der Lage bin und mir diese Momente ab und an zuteilwerden, ist ausgesprochen viel Wert.

Glück ist für mich eine wunderbare Rarität von unschätzbarem Wert, welche ich niemals versuche zu erzwingen, niemals erwarte oder auch nur erhoffe. Es sucht mich überraschend auf und lässt mich mein Dasein für den Moment unbeschwert und grenzenlos genießen.

Beitrag von Sonja Merz

Manchmal habe ich mich als Kind gefragt, ob ich glücklich bin, weil ich etwas von der »glücklichen Kindheit« gehört hatte. Ich kam zu dem Schluss, dass ich eher keine glückliche Kindheit hatte, kein glückliches Kind war. Ursachen dafür waren hauptsächlich zwei Dinge: zum einen die Fremdbestimmung, über viele Stunden des Tages Dinge tun müssen, die ich nicht tun wollte, Dinge nicht tun können, die ich tun wollte. Zum andern das Gefühl, den Anforderungen nicht zu genügen und abgelehnt zu werden, und dass alles immer schwierig ist. Ich habe sehr viel nachgedacht, vieles hinterfragt, mir immer Sorgen gemacht, weil ich möglichst alles richtig machen wollte. Doch oft genügte es nicht. Es war alles sehr mühsam, eine einzige Abstrampelei.

Ich fühlte mich innerlich erschöpft. Inzwischen bin ich 42 (bald 43), und dieses Gefühl ist mir eigentlich bis heute erhalten geblieben.

Glück bedeutet demnach, Dinge tun zu können, die ich tun will, Zeit für mich zu haben. Freiheit, Selbstbestimmung. Das Gefühl zu haben, dass ich mein Leben selbst steuern und beeinflussen kann. Es bedeutet auch, nicht so viel nachdenken zu müssen, mit mir selbst zufrieden zu sein und von anderen so akzeptiert zu werden, wie ich bin. Das macht mich glücklich.

Welche Dinge tue ich gerne?

Eigentlich ganz viele. Generell mag ich die Natur, am meisten dann, wenn dort keine anderen Menschen sind, ich alleine bin und den Wind spüre, den Geruch z. B. von Waldboden und die Farben in mich aufnehme. Dann spüre ich so einen inneren Frieden.

Ich kann in Verzückung geraten, wenn ich an einem sonnigen Tag über eine grüne Wiese gehe und Gras für meine Meerschweinchen pflücke. Dann muss ich lachen, das Glücksgefühl geht durch meinen ganzen Körper und verursacht leichte Aufregung, und vielleicht hüpfe ich ein bisschen durch die Gegend, wenn’s keiner sieht. Auch afrikanische Musik macht mir eigentlich fast immer gute Laune.

Außerdem sehe ich gern lustige Filme, doch es macht mich auch glücklich, wenn ich nur eine meiner gewohnten Serien sehen kann. Wenn ich abends von der Arbeit heimkomme, dann ist es ein festes Ritual, eine Serie anzuschauen, in der Regel eine, die ich schon hundert Mal gesehen habe. Das beruhigt mich, und dann habe ich das Gefühl, alles läuft so, wie ich es möchte. Auch Essen beruhigt mich, und eine leckere Mahlzeit kann mich durchaus auch glücklich machen.

Wichtig für mein Wohlbefinden ist eine ruhige, nicht hellhörige Wohnung, die als Rückzugsort dienen kann, wo ich mich sicher und zu Hause fühle.

Bei vielen Dingen, die ich mache, bin ich alleine, und das ist auch in Ordnung für mich. Ich bin meistens zufrieden, wenn ich alleine bin. Es gibt aber auch Situationen, wo mich Gesellschaft glücklich macht. Nur braucht es dafür spezielle Bedingungen. Es würde mir zum Beispiel überhaupt keinen Spaß machen, einfach auf irgendeine Party, in irgendeine Lokalität oder eine Disco zu gehen, um dort Gesellschaft zu haben. Das sind erstens nicht die richtigen Rahmenbedingungen, und zweitens müssen mir die Leute, mit denen ich zusammen bin, auch vertraut sein, und es dürfen nicht zu viele sein.

Glücksgefühle habe ich in Gesellschaft mitunter erlebt, wenn ich mit anderen gemeinsame Spieleabende veranstaltet hatte. Das waren dann Leute, die ich regelmäßig traf und die ich deshalb gut kannte. In so einer Runde kann ich mich entspannen, und dann kann ein Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz entstehen.

Zugehörigkeit und das Gefühl, akzeptiert oder sogar gemocht zu werden (das zweite wage ich kaum zu erwarten), sind sehr wichtig. Manchmal habe ich diese Gefühle auch, wenn ich mit Arbeitskollegen zusammen bin. Ich glaube, ich könnte meine Arbeit gar nicht dauerhaft machen, wenn das nicht der Fall wäre, denn der Arbeitsinhalt alleine würde mir nicht so viel geben, und der Fremdbestimmungsaspekt würde bei der Arbeit überwiegen. Aber am Arbeitsplatz habe ich die meisten meiner Sozialkontakte und erlebe am ehesten das Gefühl, gleichwertiger Teil einer Gruppe zu sein.

Das führt zur letzten Frage: Was fehlt mir zum Glück?

Neben der Million Euro und dem schönen, ruhig gelegenen Haus im Grünen fehlt mir vor allem manchmal das Gefühl, dazuzugehören und gemocht zu werden. Das Problem ist halt, dass dieses Gefühl nur entstehen kann, wenn ich mit jemandem gut vertraut bin, und dafür müsste ich ihn regelmäßig zu meinen Bedingungen treffen (meine Bedingungen wären z. B. feste Termine, nicht zu oft, dazwischen keine Telefonate – ich hasse telefonieren – und möglichst oft die gleiche Beschäftigung), d. h. die Treffen müssten für mich verlässlich, regelmäßig und planbar sein. Aber die wenigsten Leute lassen sich darauf ein, sondern sie verlieren bei diesen Bedingungen sehr schnell das Interesse, und mir fällt es sehr schwer, mich auf neue Leute einzulassen oder überhaupt Kontakt zu ihnen zu bekommen.

Als ich jünger war, verstand ich nicht, was Freundschaft bedeutet, dass man z. B. mit einem Freund sein Innerstes teilen kann. Ich hatte Schulfreundinnen, mit denen ich Zeit verbrachte und zusammen spielte, aber auch da ging es immer darum, mich richtig zu verhalten, und nicht darum, Freundschaft zu erfahren, etwas wirklich mit jemandem zu teilen. Heute könnte ich das vielleicht eher (ich bin nicht sicher), aber jetzt habe ich niemanden mehr dafür. In dieser Hinsicht fühle ich mich, obwohl ich gerne allein bin, auf eine abstrakte Weise manchmal einsam, weil ich mich frage, was mir da vielleicht fehlt oder entgeht.

Da es nun also Dinge gibt, die ich voraussichtlich niemals haben werde (die Million Euro, das Haus im Grünen und die richtige Freundschaft), liegt das Glück auch darin, die Ansprüche nicht zu hoch anzusetzen und mit dem zufrieden zu sein, was ich habe. Dazu gehört, jeden schönen Moment und jedes Glücksgefühl zu genießen, auch wenn es ein unwichtiger Anlass oder nur ein kurzer Moment ist. Es bedeutet, nicht so viel nachzudenken, sich nicht ständig zu hinterfragen, sich selbst anzunehmen, zu sich zu stehen. Oder auch die eigenen Gefühle so zu spüren und auszudrücken, wie sie kommen, und nicht zu fragen, ob sie denn angemessen sind oder ob man sich damit gerade blöd verhält. Deshalb hüpfe ich mitunter lachend über eine grüne Wiese, wenn die Sonne scheint. Früher hätte ich das unterdrückt, so wie ich fast alles an Gefühlen unterdrückt habe.

Dass ich die Diagnose Asperger-Syndrom im Jahr 2010 bekommen habe, war insofern Glück für mich, obwohl es mich anfangs ziemlich mitgenommen hat und ich oft dachte, es wäre besser gewesen, keine Diagnose einzuholen, weil es nur deprimierend schien. Aber der Nutzen war eben das bessere Verständnis für mich selbst und endlich die Möglichkeit, mich so anzunehmen, wie ich bin, und mich nicht mehr ständig zu fragen, was ich falsch mache und warum ich so bin, wie ich bin. Durch diese Selbstakzeptanz bin ich momentan glücklicher, als ich es jemals zuvor in meinem Leben war. Ich lebe bewusster, achte mehr auf mich selbst, und es geht nicht mehr (immer) darum, nur zu funktionieren.

Eine Utopie für die Zukunft wäre, dass Autisten in der Öffentlichkeit so akzeptiert würden, wie sie sind. Wenn z. B. stereotype Bewegungen genauso wenig auffielen wie Nase schnäuzen. Wenn man einen Autisten nicht komisch fände, nur weil ihm mal nichts einfiele, was er in der Situation sagen könnte, oder weil er etwas sagte, was nicht ganz passend wäre, oder weil er es nicht auf die richtige Weise sagte (Tonfall, Blickkontakt). Wenn Menschen nicht immer das als Norm voraussetzten, was sie kannten, als wäre es das einzig Wahre und Richtige.

Dann wäre der Zeitpunkt erreicht, wo ich mich nicht mehr verstecken und verstellen müsste und einfach ich selbst sein könnte, nicht nur, wenn ich allein wäre, sondern auch in Gesellschaft. Und vielleicht hätte ich es dann auch leichter, Kontakte zu knüpfen, weil ich nicht ständig versuchen müsste, Ansprüchen zu genügen. Die Leute könnten sehen, wie ich wirklich wäre.

Es ist Utopie, aber erwähnen kann man es ja mal.

Beitrag von Susa Forster

Ich bin glücklich verheiratet mit meinem Mann und lebe mit unseren zwei Kindern im schönen Schleswig-Holstein.

Was ist Glück? Was bedeutet Glück für mich (aus der Sicht einer Mutter, bei der das Asperger-Syndrom erst im Alter von 46 Jahren festgestellt wurde)?

In unserer Familie sind neben mir auch andere Personen betroffen. Das Wort »betroffen« sollte man hier jetzt nicht zu wörtlich nehmen. Wir fühlen uns alle wohl damit – genau so, wie wir sind. Es (das AS) schränkt hier und da zwar ein, macht uns aber auch zu eigenen Persönlichkeiten, die ihr »Anderssein« offen leben können. Verstellen ist unter uns nicht drin. Das ist schon einmal sehr positiv. Kurzum: Wir sind sehr glücklich, gerade weil wir so anders sind. Inzwischen haben wir es akzeptiert und angenommen sowie unser Leben darauf eingestellt. Und das ist die gute Nachricht für alle anderen: Es funktioniert fast immer!

Glück bedeutet in erster Linie für mich, dass wir als Familie zusammen sind. Natürlich war es auch Glück, überhaupt eine Familie gründen zu können. Für mein Glück habe ich bisher immer auch etwas getan. Wenn ich so recht überlege, kam es niemals nur so zugeflogen. Von »Zeit investieren für eine Sache« bis »hier und da etwas gearbeitet oder gelernt« über »ganz viel gekämpft« war alles dabei. Wenn ich mich zurückerinnere, muss ich wirklich scharf nachdenken, ob ich nur »einfach mal so« im Leben Glück hatte. Ich denke nicht. Genau so, wie es ist, ist es auch in Ordnung.

Glück ist auch, wenn man vorher »Pech« hatte, danach wieder aufsteht und alles wird gut. Diesess Gefühl nenne ich Glück. Ein schönes Gefühl übrigens. Aus diesem sogenannten »Pech« kann man sich viel Gutes herausziehen. Genau so viel, wie man braucht, um das Gute im Unguten zu sehen. Das beste Beispiel war meine Zeit im Krankenhaus, im Rollstuhl, bei mehreren Operationen. Natürlich war das nicht die beste Zeit, ich hätte gut darauf verzichten können. Jedoch weiß ich heute, wie sich jemand fühlt, der im Rollstuhl sitzt, der ins Krankenhaus zur Operation geladen wird usw. Ich kann mich erst durch das eigene Erleben in die Rolle des anderen versetzen. Das macht mich um eine große Erfahrung reicher.

Neurotypische Menschen (Menschen ohne Autismus; d. Hrsg.) bekommen so etwas im Leben mit, indem sie sich das vorstellen können, ohne es erlebt zu haben. Ohne Frage ist das der einfachere Weg. Jedoch habe ich quasi auf Umwegen dasselbe Ziel erreicht. Diese Fähigkeit konnte ich schon oft im Leben gebrauchen.

Glücklich machen mich meine Familie, mein Mann mit seinem weltbesten Humor, meine und andere Kinder, schöne Momente und Augenblicke, Lachen, Gesundheit, Bewegung, Ruhe, tolles Wetter, Zufriedenheit, eine Arbeit, die Freude bereitet, Entspannung, leckeres Essen, ein gutes Buch, Freunde, nette Menschen und Tiere – und, nicht zu vergessen: ein erreichtes Ziel, Lebenserfahrungen sowie ein gemütliches familiäres Zuhause.

Pulsuz fraqment bitdi.

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
18 dekabr 2025
Həcm:
261 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783170391444
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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