Kitabı oxu: «Der deutsche Wortschatz»
Christine Römer
Der deutsche Wortschatz
Struktur, Regeln und Merkmale
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-8233-8288-1 (Print)
ISBN 978-3-8233-0142-4 (ePub)
Inhalt
Vorbemerkungen
1 Lexikologie – Wissenschaft vom Wortschatz1.1 Wortschätze1.2 Wortschatzumfang des Deutschen1.3 Gegenstände der Lexikolgie1.4 Sub- und Teildisziplinen der Lexikologie1.5 Angelagerte Disziplinen zur Lexikologie1.6 Fazit1.7 Literaturhinweise1.8 Übungsaufgaben
2 Wörter2.1 Analyseprobleme und -ebenen2.2 Das phonetisch-phonologische Wort2.3 Das grafische Wort2.4 Das morphologische Wort und seine Komponenten2.5 Das syntaktische Wort2.6 Das semantische Wort2.7 Das pragmatische Wort2.8 Die Definition des prototypischen Wortes2.9 Das lexikalische Wort2.10 Lexeme2.11 Listeme2.12 Literaturhinweise2.13 Übungsaufgaben
3 Komplexe Wörter3.1 Charakterisierung der komplexen Wörter3.2 Arten von komplexen Wörtern3.3 Wortbildung3.3.1 Funktion der Wortbildung3.3.2 Typen, Muster und Regeln3.3.3 Kompositionen3.3.4 Derivationen3.3.5 Reduktionen3.4 Beschränkungen für die Bildung komplexer Wörter3.5 Literaturhinweise3.6 Übungsaufgaben
4 Feste Fügungen4.1 Verfestigte lexikalische Einheiten4.2 Phraseologismen4.2.1 Merkmale4.2.2 Fazit zu den Merkmalen von Phraseologismen4.3 Kognitive Beschreibung4.3.1 Der Erwerb der phraseologischen Kompetenz4.3.2 Kognitive Bedeutungsanalayse: Die Hypothese der Embodied Cognition4.3.3 Die mentale Repräsentation von Phraseologismen4.3.4 Die Verarbeitung von Phraseologismen4.4 Phraseologismen als kulturelles Gedächtnis4.5 Soziale Markiertheit von Phraseologismen4.6 Textuelle Eigenschaften von Phraseologismen4.7 Arten von Phraseologismen4.7.1 Klassifikation4.7.2 Idiomatische Phraseologismen4.7.3 Nichtidiomatische Phraseologismen4.8 Literaturhinweise4.9 Übungsaufgaben
5 Wörter als sprachliche Zeichen: semiotische Wortcharakteristika5.1 Relevante Zeichenmodelle5.2 Das Wort als sprachliches Zeichen5.2.1 Der Zeichencharakter von Wörtern5.2.2 Die Komponenten sprachlicher Zeichen5.3 Arbitrarität und Motivierungen5.3.1 Phonetische Motivierung5.3.2 Morphematische Motivierung5.3.3 Semantische Motivierung5.3.4 Etymologische Motivierung5.3.5 Politisch „korrekte“ Motivierungen5.4 Wörter als Teile von Zeichensystemen5.5 Zeichenstabilität: Unveränderlichkeit und Veränderbarkeit5.6 Typ(e) und Token5.7 Literaturhinweise5.8 Übungsaufgaben
6 Lexikalische Subsysteme6.1 Das mentale Lexikon6.1.1 Wissensmodule im mentalen Lexikon6.1.2 Abgrenzung von Wissensarten6.2 Wörter als soziale und kulturelle Phänomene6.3 Die zeitliche Markierung des Wortschatzes6.3.1 Neulexeme6.3.2 Historische Wörter6.4 Die internationale Markierung6.4.1 Entlehnungen – Wortschatzerweiterungen6.4.2 Arten von Entlehnungen6.5 Die nationale und regionale Gliederung des WortschatzesNationale und regionale (areale) ...6.5.1 Nationale Standardvarietäten6.5.2 Regionale Varietäten6.5.3 Stadtsprachen6.6 Die soziale Prägung des Wortschatzes6.6.1 Transitorische Lexik: Lebensaltersprachen6.6.2 Habituelle Lexik: Beispiel Frauensprache6.6.3 Temporäre Lexik: Beispiel Fachsprachen6.7 Literaturhinweise6.8 Übungsaufgaben
7 Beziehungen zwischen den Wörtern7.1 Sichtweisen auf die lexikalischen Sinnrelationen7.2 Assoziative Relationen zwischen Lexemen7.2.1 Bedeutungsgleichheit (Synonymie)7.2.2 Relation des Andersseins (Antonymie)7.2.3 Relation der Abstufung / Bedeutungshierarchie (Hyponymie)7.3 Wortfelder7.3.1 Entstehung der Kategorie Wortfeld7.3.2 Charakteristik von Wortfeldern7.3.3 Arten von Wortfeldern7.3.4 Interdisziplinäre Aspekte von Wortfeldern7.4 Wortfamilien7.5 Literaturhinweise7.6 Übungsaufgaben
8 Wortbedeutungen: Merkmale und Beschreibungen8.1 Zum Problem der Wortbedeutung8.2 Lexikalisches Bedeutungswissen8.3 Syntaktische Worteigenschaften8.4 Stereotype Merkmale8.5 Unbestimmtheit der Bedeutung8.5.1 Einordnung der Problematik8.5.2 Kontextabhängigkeit8.5.3 Vagheit8.5.4 Mehrdeutigkeit8.6 Methoden der Wortbedeutungsbeschreibung8.6.1 Enge und weite Modelle der Wortbedeutung als Beschreibungsgrundlagen8.6.2 Beispiele für enge Bedeutungsbeschreibungen8.6.3 Weite, pragmatische Bedeutungsbeschreibungen8.6.4 Komposition, Dekomposition, Ganzheitlichkeit8.6.5 Beispiele für kompositionelle Bedeutungsbeschreibungen8.7 Kognitive Bedeutungsbeschreibungen8.7.1 Allgemeine Einordnung8.7.2 Prototypen8.7.3 Frames und Scripts8.8 Bedeutungswandel8.9 Literaturhinweise8.10 Übungsaufgaben
9 Aktuelle Entwicklungen im deutschen Wortschatz9.1 Dynamik im Wortschatz9.2 Abbau im Wortschatz9.3 Wortschatzerweiterungen – Entwicklungstendenzen9.3.1 Instabilitäten in der Wortverwendung und Wortbildung9.3.2 Gelenkte Umbenennungen9.3.3 Das Eindringen von Fachwörtern in die Gemeinsprache9.3.4 Der Verlust der deutschen Fachsprache9.4 Literaturhinweise9.5 Übungsaufgaben
Literatur
Sachregister
Index der Namen
Index der Beispielwörter
Vorbemerkungen
Man kann die Sprache mit einem ungeheuren Gewebe vergleichen, in dem jeder Theil mit dem anderen, und alle mit dem Ganzen in mehr oder weniger deutlich erkennbarem Zusammenhang stehen.
(Wilhelm von HumboldtHumboldt, W. von)
Das Studienbuch Der deutsche Wortschatz, das jetzt in einer deutlich überarbeiteten, zweiten Auflage vorliegt, basiert auf dem Studienbuch Lexikologie des Deutschen. Eine Einführung (Römer und Matzke 2005) und stellt das komplexe Phänomen deutscher Wortschatz vor, indem dieses aus verschiedenen inhaltlichen und methodischen Perspektiven betrachtet wird.
Es verdeutlicht auch, dass das Lexikon keine bloße Anhäufung von Fakten, Merkmalen und Idiosynkrasien (Irregularitäten) ist, dass das richtige Verstehen und Bilden sowie die angemessene Verwendung von Wörtern mit Regeln, Konventionen, Restriktionen sowie Traditionen und Entwicklungstendenzen verknüpft ist.
Das Studienbuch setzt keine speziellen linguistischen Vorkenntnisse voraus. Es versucht, eine Verbindung zwischen den aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen zum Wortschatz und dem tatsächlichen Wortwissen im Sprachgebrauch und -lernen herzustellen. Es verfolgt einen interaktiven Ansatz: Da nicht alle relevanten Themen im Rahmen eines Lehrbuchs in der gesamten Breite und Tiefe dargestellt werden können, werden die nach Meinung der Verfasserin wichtigsten Themen ausgeführt und Hinweise auf Ergänzungsquellen gegeben (mit „Siehe weiter …“).
Das Lehrbuch ist sowohl zum Selbststudium als auch als Grundlage für Lehrveranstaltungen zum Wort und dem deutschen Wortschatz geeignet. Dem Text sind zu jedem Kapitel Hinweise auf weiterführende Literatur und Aufgaben zur Anwendung des Dargelegten beigefügt. Die Lösungshinweise sind unter www.meta.narr.de/9783823382881/Loesungen_Studienbuch.pdf zu finden.
Mit der Neufassung des Themas „Wortschatz“ soll zum einen den Veränderungen zur modularen Organisation der Lehre an den Hochschulen im deutschsprachigen Raum und zum anderen der wissenschaftlichen Entwicklung Rechnung getragen werden. Deshalb ist ein eigenständiger Teil zu „Wortstruktur und Regeln der Wortbildung“, der in den Vorgängerversionen von Brigitte Matzke Matzke, B.verfasst wurde, nicht mehr enthalten. Anstelle dessen wird in den neu verfassten Kapiteln 3 (Komplexe Wörter) und 9 (Aktuelle Entwicklungen im deutschen Wortschatz) auf Phänomene der Wortbildung eingegangen. Die vertretenen Konzepte zur Wortbildung hat die Verfasserin in dem UTB-Buch Morphologie der deutschen Sprache (Römer 2006) Römer, C.ausführlicher dargelegt. Da die Wortschatzforschung Wortschatzforschungin den letzten Jahren wieder verstärkt in den Blickpunkt gerückt ist, wurde ein Kapitel zur Wissenschaft vom Wortschatz (Kapitel 1) eingefügt, das die Erweiterungen der Erkenntnisinteressen und Methoden der Lexikologie ins Zentrum stellt.
Hinzugekommen ist auch ein Index zu den besprochenen Lexembeispielen (ohne die Phraseologismen aus Kapitel 4). Wie auch beim Sachregister und dem Index der Namen werden nur die relevanten Begriffe und davon die wichtigsten Textstellen genannt. Deshalb wird bei Beispielgruppen nur ein Beispiel angeführt. Ein wichtiges Prinzip der neueren Linguistik ist, dass man Aussagen belegt und die Beispiele in einem Kontext verwendet; diejenigen, die aus dem Internet stammen, werden nur in den Fußnoten nachgewiesen. Auf eine „geschlechtergerechte Sprache“ wird im Text aus ökonomischen Gründen verzichtet. Beim tradierten generischen Maskulinum sind nicht männliche Referenten mit gemeint. Das generische Maskulinum wird als die vom Sexus abstrahierende Ausdrucksform verwendet. Sprachegeschlechtergerecht
Bedanken möchte ich mich bei Brigitte Matzke Matzke, B.für die sehr gute Zusammenarbeit und ihr viel Erfolg auf ihrem neuen Arbeitsgebiet der Musikwissenschaft wünschen. Dankbar bin ich den Studentinnen und Studenten, die in den Lehrveranstaltungen Hinweise und Verbesserungsvorschläge eingebracht haben; Susanne Wiegand Wiegand, S.für die Anregungen zur Umsetzung in der Lehre und dem Gunter Narr Verlag für die Lektorierung.
Jena, August 2019 Christine Römer
1 Lexikologie – Wissenschaft vom Wortschatz
1.1 Wortschätze Wortschätze
Für die Gesamtheit aller Wörter wird oft der Terminus Wortschatz verwendet. Es ist jedoch erst einmal sinnvoll „zwischen dem Wortschatz einer Sprache und dem Wortschatz einer bestimmten Person(engruppe) zu unterscheiden.“ (Schnörch 2015, S. 3) Es ist unter anderem der Wortschatz einzelner Sprachen (der deutsche Wortschatz), von spezifischen Wortgruppen (‘der Wortschatz in der Pflege’)1 oder einzelner Personen (von Goethe im Goethe-Wörterbuch) zu trennen. Man spricht auch von Wortschatzgebieten innerhalb des Wortschatzes, beispielsweise vom „Computerwortschatz“ bzw. „Computervokabular“. (Bruendl 2001) Zum anderen muss einbezogen werden, dass sich der Wortschatz lebender Sprachen ständig in der Veränderung befindet, also ein dynamisches Objekt ist. Deshalb muss man einen Unterschied zwischen historischen Wortschätzen und Wortschätzen in der Gegenwart machen. Wortschätze
1.2 Wortschatzumfang des Deutschen
Dass der Umfang des Wortschatzes Wortschatzumfangder deutschen Sprache nur geschätzt werden kann, hat verschiedene Ursachen: Das Lexikon einer Sprache ist ein offenes und instabiles System, in das ständig neue LexikonWörter aufgenommen werden. Gleichzeitig werden Wörter ungebräuchlich und gelegentlich aussortiert.
Insgesamt hat die deutsche Sprache, wie andere entwickelte Kultursprachen auch, ihren Umfang im 19. und 20. Jahrhundert stark vergrößert. Bei der Feststellung des genauen Umfangs erhebt sich die Frage, ob alle Wortbildungen, Wortformen und Fachwörter einbezogen werden sollen. Ohne die Fachwörter und morphologischen Wortformen nimmt man 300 000 – 500 000 deutsche Wörter an, mit den Fachwörtern Fachwörtersind es 5 – 10 Millionen. Die Medizin beispielsweise verfügt mindestens über eine halbe Million Fachwörter: 80 000 für Medikamente, 10 000 für Körperteile und Organe und 60 000 für Krankheitsbezeichnungen.
Die Durchschnittssprecher beherrschen aktiv 6 000 – 10 000 Wörter (= produktiver Wortschatz), Wortschatzaktiverwie viele es genau sind, hängt von der Ausbildung, dem Beruf und den Interessen ab. Auf jeden Fall ist es immer nur ein kleiner Teil der gesamten Wortmenge. Bei Personen, die ständig mit der Sprache umgehen, liegt die Zahl höher. Für den Schriftsteller Theodor Storm hat man festgestellt, dass er 22 500 Wörter in seinem Gesamtwerk benutzt hat. Für Goethe gibt man 80 000 an. Der Verstehenswortschatz (= rezeptiver oder passiver Wortschatz) Wortschatzpassiverumfasst beim Muttersprachler ca. 100 000 Wörter. (Schnoerch 2015) Schnörch, U.
Wichtiger als die Frage nach der Wortmenge ist die Feststellung der Benutzungshäufigkeit der einzelnen Wörter, weil diese für die Ableitung von Grundwortschätzen relevant ist. GrundwortschatzGrundwortschätze können verschiedenen Zwecken dienen: GrundwortschatzZwecke
dem Unterricht im Zweitspracherwerb,
der Grundschuldidaktik (Orthografie-, Grammatik- und Ausdrucksunterricht),
der Wörterbucherstellung.
Deshalb sind nicht nur quantitative, sondern auch kommunikativ-pragmatische Faktoren (Schnörch, 2002) – wie Benutzer, Situation, Handlungsmuster, Thema – für die Erstellung lexikalischer Minima relevant.
Es wurde eine ganze Reihe verschiedenartiger statistischer Erhebungen angestellt. Schnörch (2002) stellt sieben von ihnen vor und gewinnt daraus seine „Untersuchungsschnittmenge“. Man stellt den Grundwortschatz meist in Teilmodulen vor. Diese sind entweder wortartenspezifisch, wie bei Schnörch, oder wie bei Krohn (1992)Krohn, D. in funktionale Wortklassen (Synsemantika, themenunspezifische und themenspezifische Autosemantika) aufgeteilt. Die letztere Aufteilung scheint sehr sinnvoll zu sein, weil sie auch der Tatsache Rechnung trägt, dass die am häufigsten verwendeten Wörter zu der kleinen Gruppe der Synsemantika zählt Synsemantikonund bedeutungsmäßig vage bzw. unspezifische Wörter häufiger benutzt werden. Die Grundwortschatzlexikografie diskutiert auch, ob Wörter, Lexeme (Nennformen) oder Sememe (Lesarten) die Grundeinheiten sein sollten.
Laut Meier (1964) Meier, H.machen die 200 häufigsten Wortformen ca. 54 % aller Textwörter aus. Bei den Verben werden die gebeugten Formen der Hilfsverben (sein, haben, werden) am häufigsten verwendet. „Die fünfzig häufigsten Wörter der deutschen Gegenwartssprache gehören überwiegend zu den Klassen der Artikel, der Pronomen und Präpositionen; überraschend die hervorragende Stellung einiger Adverbien bzw. Modalpartikeln (noch, auch, doch, schon) und die kaum erwartete Häufigkeit der Konjunktionen und, aber, wenn, denn.“ (Braun, 1979, S. 161) Braun, P.Wortschatzumfang
1.3 Gegenstände der Lexikolgie LexikologieGegenstände
In der modernen Linguistik hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Wortschätze der Sprachen (Lexika) wichtige Komponenten der menschlichen Sprachfähigkeit sind, die wissenschaftlich u.a. das Objekt der Lexikologie sind.
„Die Lexikologie ist die Theorie des Lexikons.“ (Schwarze und Wunderlich, 1985, Einleitung) Das Fachwort Lexikologie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet ‘Lehre von den Wörtern’, damit ist das Objekt der linguistischen Teildisziplin gut bezeichnet: Die Wörter, die Wortschätze, stehen also im Zentrum. Bezüglich der Wortschätze wird bei Lutzeier (2002, S. 4) Lutzeier, P. R.zwischen Lexis (‘Sammlung der Wörter der Einzelsprachen’), mentaler Speicherung der Wörter und ihrer Charakteristika und Lexikon, auf das die Grammatik zugreift, unterschieden; diese Wortschätze sind Gegenstände der Lexikologie.
Engere traditionelle Auffassungen sehen vor allem die Inhaltsseite als primär für die Lexikologie an. So lesen wir beispielsweise bei Wanzeck (2010, S. 11): „Beim Wort geht es innerhalb der Lexikologie primär um die Inhaltsseite.“ oder „Im Zentrum stehen dabei Fragen der Wortbedeutung.“ (Harm, 2015, Klappentext)
Wörter bilden die Basiskomponenten aller Sprachen. Sie haben verschiedene Charakteristika, was auch in geflügelten Worten deutscher Dichter sichtbar wird (siehe die angeführten Beispiele in (1.0), die zum Nachdenken und Diskutieren anregen sollen). So verweist Goethe im Faust auf den Zusammenhang zwischen Wörtern, Handlungen und dem Denken. Das Gedicht „Wink“ aus dem West-östlichen Divan verweist auch auf die komplizierte Zuordnung der Form- und Inhaltsseite des Wortes. Die ausgewählten Verse von Heine zeigen die Verbindung zwischen Wörtern und Emotionen auf1.
| (1.0) | a. Der Worte sind genug gewechselt, b. Und doch haben sie recht, die ich schelte: Denn, daß ein Wort nicht einfach gelte, Das müßte sich wohl von selbst verstehn. Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben Blicken ein paar schöne Augen hervor, Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor, Er verdeckt mir zwar das Gesicht, Aber das Mädchen verbirgt er nicht, Weil das Schönste, was sie besitzt, Das Auge, mir ins Auge blitzt. (Goethe: Hafis Namek: Buch Hafis aus West-östlicher Divan) c. Die Worte und die Küsse Sind wunderbar vermischt (Heine: Neue Gedichte) |
Diese vielfältigen Aspekte des Wortschatzes, die nicht nur unsere großen Dichter fasziniert haben, werden heute von speziellen Lexikologien bzw. Subdisziplinen der Lexikologie betrachtet. LexikologieGegenstände
1.4 Sub- und Teildisziplinen der Lexikologie LexikologieSubdisziplinen
Die Wortschätze sind, wie festgestellt, das Objekt der linguistischen Subdisziplin Lexikologie, die wiederum in Lehre und Forschung dieses Objekt, da es sehr komplex ist, mit unterschiedlichen Fragestellungen, Methoden und verschiedenen Interessen betrachtet. Man kann deshalb mindestens die nachfolgend skizzierten lexikologischen Subdisziplinen annehmen.
Die allgemeine Lexikologie Lexikologieallgemeinesucht nach den Gemeinsamkeiten aller Wörter aller Sprachen, fragt also nach den Universalien und den theoretischen Grundlagen. Ansichten, die das Lexikon Lexikonnur für eine Ansammlung von Zufälligkeiten „oder scheinbar eine eintönige Wortliste, die Stück für Stück stumpfsinnig auswendig gelernt werden muß“ (Pinker, 1994, S. 145) Pinker, S.halten, werden von der allgemeinen Lexikologie und auch hier nicht geteilt.
So lassen sich bestimmte Tatbestände voraussagen, die universelle Eigenschaften aller Sprachen sind: Universalien
Alle Sprachen verfügen über einen Vorrat an Morphemen (Wortteilen) und eine Menge Konventionen, die festlegen, wie sich diese zu sinnvollen Kombinationen wie komplexen Wörtern, Phrasen und Sätzen zusammenbauen lassen. Werden Wörter zusammengebaut, so haben sie die Wahl zwischen Suffixen, Präfixen und Infixen (Einfügungen), können eine Vokal- oder Konsonantenänderung durchlaufen oder redupliziert werden. (Pinker, 2000, S. 251) Pinker, S.
Eine andere Universalie ist, dass sich Wörter binär aufbauen und dass sie binär interpretiert werden, wie nachfolgend die Zerlegung des Beispielwortes Hochschullehrerin zeigt. Hochschullehrerin
| (1.1) | Hochschullehrerin | ||
| Hochschul Lehrerin | = | Hochschullehrerin | |
| hoch Schule | = | Hochschule | |
| Lehrer in | = | Lehrerin | |
| Lehr er | = | Lehrer | |
Die spezielle Lexikologie beschäftigt sich mit den Spezifika der Einzelsprachen. Sie ist in der Regel auch synchron auf die Gegenwartssprache ausgerichtet und hat als Objekt den Wortschatz einer speziellen Sprache. Dieses Buch versteht sich als eine Beschreibung der speziellen Lexikologie der deutschen Sprache.
Die historische Lexikologie, Lexikologiehistorischedie auch Etymologie Etymologiegenannt wird, betrachtet die historische Dimension des Wortschatzes. Sie kann zum einen den Wortschatz zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit beschreiben (um 1500) oder zum anderen die Entwicklung einzelner Wörter über einen historischen Zeitraum hinweg.
So hat das Wort WeinbrandWeinbrand eine interessante Geschichte. Es ist eine deutlich motivierte Prägung (Weinbrand ← gebrannter Wein) eines Sprachwissenschaftlers, die im Gefolge der Restriktionen nach dem ersten Weltkrieg entstanden ist, als Cognac aber zu einer geschützten Bezeichnung für Weinbrand aus dem französischen Weinanbaugebiet Cognac wurde.
Die historische Lexikologie betrachtet die Wörter sowohl in ihrer formalen als auch inhaltlichen Entwicklung. Diese Aspekte sind auch nicht unwichtig für das gegenwärtige Wortverständnis. So kann man häufig als Beleg für Luthers derbe Sprache hören, dass er gesagt hat, man solle dem einfachen Volk „aufs Maul schauen, wie sie reden“. Dies ist aber kein richtiger Beleg, weil Maul zu Luthers Zeiten noch keine Bedeutungsverengung erfahren hatte.
Die kognitive Lexikologie beschreibt die Speicherung und Verarbeitung der Wörter im menschlichen Gehirn bzw. „Geist“. Sie beschäftigt sich damit, welche Charakteristika das mentale Lexikon hat und aus welchen Modulen es besteht. Sie interessiert sich für die Spezifika der Worterkennungs- und Wortproduktionsprozesse. Ein wichtiger Gegenstand ist auch die Bedeutungsrepräsentation der Wörter im konzeptuellen System.
Die computerlinguistische Lexikologie „models the understanding of natural language through computers with a central role for knowledge sources such as lexicons.“1 Im angewandten Bereich beschäftigt sie sich mit der Entwicklung und Verwendung von computerlinguistischen Methoden zur Formalisierung und Implementierung von lexikalischen Regularitäten und Ausnahmen. Außerdem erstellt sie mit den Mitteln der automatischen Sprachverarbeitung (statistischen Methoden) die verschiedensten Lexika.
Die vergleichende Lexikologie (auch komparative, kontrastive oder konfrontative Lexikologie) vergleicht die Lexik von Sprachen miteinander, um Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschiede festzustellen. (Tekin, 2012, Einleitung) Dies ist u.a. für den Fremdsprachenunterricht, die Universalienforschung und die Spracherwerbsforschung wichtig. (Pöll, 2002, Kap. 6.1)Pöll, B. Popescu (2018)Popescu, F. zeigt die vergleichende Methodik beispielhaft an der englischen Sprache auf. Lexikologievergleichende
Wichtig ist, dass die Subdisziplinen nicht als autonom gesetzt werden, vielmehr sollte das komplexe Phänomen Lexikon integrativ beschrieben und erforscht werden. Pöll (2002, Kap. 1) hat dies anschaulich gemacht, indem er die Lexikologie als „eine Disziplin mit unscharfen Rändern“ beschrieb.
Zur Entwicklung der Lexikologie sei angemerkt, dass sie in der Regel als „relativ junge sprachwissenschaftliche Disziplin“ charakterisiert wird; so auch bei Schippan (2002, S. 18) Schippan, Th.und Schlaefer (2002, S. 12):
Als selbständige sprachwissenschaftliche Disziplin ist die Lexikologie noch sehr jung. Erst in den 60er Jahren wird in der deutschsprachigen Linguistik die Bezeichnung „Lexikologie“ verwendet. (Schippan, 2002)
Es wird aber auch immer hervorgehoben, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Wortschätzen schon sehr alt ist. Sie erfolgte meist im Rahmen anwendungsorientierter Ziele, explizit in der Lexikografie (‘Lehre von den Wörterbüchern’), der Orthografie und der Rhetorik bzw. Stilistik (‘Wortkunde’). Arens (1980, S. 99) Arens, H.schreibt: „Die ältesten erhaltenen Zeugnisse der Linguistik sind sumerisch-akkadische Wörterlisten, nach Sachgruppen geordnet, des 3. Jts.“
Außerdem war und ist das Wort in Hinsicht auf seine formalen Charakteristika Gegenstand der Morphologie, einem Teilgebiet der Grammatik im engeren Sinne. Schwarze und Wunderlich (1985, S. 7) Schwarze, C.Wunderlich, D.fassen das Gesagte so zusammen:
Die traditionelle Forschung hat sich mit den Wörtern einer Sprache hauptsächlich deshalb befasst, weil der Wortschatz ein soziales und kulturelles Faktum darstellt: in den Wörtern sind die für die Kommunikation unentbehrlichen Erfahrungen der Sprachgemeinschaft gespeichert. Das Studium des Wortschatzes konnte so als eine Methode der Kultur- und Geistesgeschichte angesehen werden.
Sie heben aber auch hervor, dass die lexikalische Semantik „innerhalb der strukturellen Linguistik eine Tradition“ (als Semasiologie) habe. „Die Semasiologie wurde als Wissenschaft, als Sondergebiet der Grammatik, zuerst von C. K. Reisig Reisig, C. K.in den 1839 veröffentlichten Vorlesungen über lateinische Sprachwissenschaft eingeführt.“ (Schippan, 1975, S. 16)
Die spezielle Lexikologie der deutschen Sprache hat sich, je nachdem welchen Aspekt des Wortschatzes diese beschreibt und untersucht, in Teildisziplinen mit spezifischen Arbeitsgebieten LexikologieTeildisziplinenaufgespaltet, die aber nicht isoliert voneinander existieren. Welche Teildisziplinen und spezifischen Arbeitsgebiete zur Lexikologie gehören, wird keineswegs einheitlich gesehen. So gibt es eher enge Auffassungen wie bei Wanzeck (2010) oder weite wie bei Schwarze und Wunderlich (1985).
Schippan (2002), die maßgeblich zur Entwicklung der systemorientierten „Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache“ beigetragen hat, nahm in der Erstausgabe ihres Lehrbuchs (Schippan, 1992) drei Teildisziplinen an: die Semantik und die Soziologie des Wortschatzsystems sowie die Wortschatzentwicklung. Die Wortbildungslehre, die Phraseologie und die Lexikografie charakterisierte sie als Nachbarwissenschaften der Lexikologie.
Schwarze und Wunderlich (1985) haben die kognitive Sichtweise in die germanistische Lexikolgie eingebracht („Wörter in psychischen Prozessen“ (Teil C)) und zusätzlich auch die Anwendungen in der Lexikografie, im Fremdsprachenunterricht und der KI-Forschung als Gegenstände der Lexikologie beschrieben.
Die Wortschatzkunde beschäftigt sich mit den systemhaften Charakteristika von Wörtern in den einzelnen Sprachen. Wortschatzkunde (oder Wortkunde) wird im weiteren Sinne auch synonym mit Lexikologie verwendet. Im engeren Sinne beschäftigt sie sich mit den semiotischen, grammatischen, kognitiven, soziolinguistischen und strukturellen Aspekten des Wortschatzes. Von besonderer Relevanz sind die Relationen zwischen der Form- und Inhaltsseite des Wortschatzes, zwischen den Wortschatzeinheiten und anderen Wissensmodulen.
Die lexikalische Semantik der deutschen Sprache beschäftigt sich mit der Bedeutung der Lexeme. Sie interessiert sich für ihren sprachspezifischen Inhalt und für die Methodik, diesen Inhalt zu erforschen. Sie wird nur aus theoretischen Gründen von der Satz- und Textsemantik getrennt. Die Verbindung zum Satz und Text muss im Auge behalten werden, sonst sind bestimmte Phänomene überhaupt nicht erklärbar. Z.B. zeigt sich, dass trinken ein polysemes (mehrdeutiges) Wort Polysemieist, erst im Satzkontext.
| (1.2) | a. trinken 1: jemand trinkt etwas Carl trinkt meistens Tonic Water. b. trinken 2: jemand trinkt regelmäßig, suchthaft Alkohol Carla trinkt. |
Wörter gehen oftmals in ihrer Textreferenz über die Satzgrenze hinaus, so auch das in (1.3).
| (1.3) | Es war einmal eine Zeit, da gab der Kaiser Franz auf der Bühne des FC Bayern München nicht nur die strahlende Leitfigur, …. Das ist länger her.2 (Süddeutsche Zeitung, 14./15.08.2002) |
Wichtig ist auch, dass im strengen Sinne innerhalb der lexikalischen Semantik der semasiologische von dem onomasiologischen Blickwinkel zu trennen ist. In Kapitel 8 wird genauer auf die lexikalische Semantik eingegangen.
Semasiologisches Vorgehen liegt Semasiologiedann vor, wenn vom sprachlichen Zeichen ausgegangen wird und nach der Bedeutung dieses Zeichens gefragt wird. Also, wenn ich beispielsweise frage, was bedeuten die Wörter Pannenhilfe und Notruf Pannenhilfeim Beispiel (1.4) in der deutschen Sprache.
| (1.4) | Pannenhilfe mit Notruf verwechselt Erfurt (dpa/tlz): Ein angetrunkener Autofahrer hat am Samstagmorgen in Erfurt die Pannenhilfe mit dem Polizeinotruf verwechselt. (TLZ, 09.09.2002) |
Das onomasiologische Vorgehen geht Onomasiologievon den Denotaten (Referenten) bzw. Begriffen (Konzepten) aus und fragt, welche Zeichen für sie in einer Sprache zur Verfügung stehen. Beispielsweise: Wie kann in der deutschen Sprache die Polizei noch benannt werden? Beispiele für Synonyme sind in (1.5) angeführt.
| (1.5) | Polizei, Auge des Gesetzes, Polente, Plempe, … |
Auch hinsichtlich der Bedeutungsbeschreibung von Wörtern ist die historische Komponente von Interesse, die hier aus oben genannten Gründen weitgehend ausgeklammert werden muss. Grundsätzlich ist aber auch hier den Verfassern der Thesen des Prager Linguistenkreises zuzustimmen (Scharnhorst und Ising, 1976, S. 48):
Zwischen der synchronischen und der diachronischen Methode dürfen keine unüberwindlichen Schranken aufgerichtet werden. […] die synchrone Beschreibung [kann] den Begriff der Entwicklung nicht mehr völlig ausschließen, weil selbst in einem synchronisch betrachteten Ausschnitt immer das Bewußtsein von einem im Schwinden begriffenen Stadium, von einem gegenwärtigen Stadium und einem sich herausbildenden Stadium vorhanden ist. LexikologieTeildisziplinen
1.5 Angelagerte Disziplinen zur Lexikologie Lexikologie;angelagerte Disziplinen
Komplexe Wörter und feste Wendungen gehören zwar zum Wortschatz und sind auch im mentalen Lexikon gespeichert. Ihre wissenschaftliche Beschreibung hat sich in den letzten Jahren jedoch mehr und mehr aus der Lexikologie heraus gelöst und erfolgt in eigenständigen sprachwissenschaftlichen Disziplinen.
Die Phraseologie beschäftigt sich mit den festen Wortgruppen, also mit Wortgruppen, die wie Einzelwörter im Langzeitgedächtnis (im mentalen Lexikon) gespeichert sind, sich jedoch in verschiedener Hinsicht von den Wörtern und den freien Wortgruppen unterscheiden. Während früher die Phraseologismen als Ausnahmen, als etwas, was keinen Regeln folgt, betrachtet wurden, hat sich das in jüngerer Zeit geändert. Zum anderen wurde auch der Gegenstandsbereich der Phraseologie auf die Kollokationen (usuelle Wortverknüpfungen) ausgedehnt.
Die Wortbildung befasst sich mit der Bildung und Strukturierung der komplexen Wörter. Sie untersucht die Wortbausteine und die Regeln ihrer Zusammenfügung. Sie kann auch als Wortsyntax bezeichnet werden und hat eine enge Verbindung zur Satzsyntax. So treten wie bei den Phrasen, den Grundbausteinen des Satzes, auch in komplexen Wörtern Kopfkonstituenten auf, die den kategorialen Charakter bestimmen. Wenn wir aus dem Satz (1.6) die Präpositionalphrase beim Drittligisten Unterhaching diesbezüglich betrachten, so ist beim der Kopf der Phrase, Phrasenkopfder den Kasus der folgenden Nominalphrase festlegt. Haching ist der Kopf des komplexen Wortes Unterhaching, der den substantivischen Status festlegt. Andererseits gibt es aber auch deutliche Unterschiede zwischen Wort- und Satzgrammatik. In unserem gewählten Beispiel betrifft das die Stellung der Kopfkonstituente. Der Kopf im komplexen deutschen Wort steht in der Regel rechts, für die deutschen Satzphrasen kann eine solche generelle Aussage nicht getroffen werden.
| (1.6) | Der in der Bundesliga bislang so enttäuschende Vizemeister setzte sich im Pokal-Viertelfinale beim Drittligisten Unterhaching durch. (Spiegel.Online, 06.01.2003) |
Die Lexikografie ist eine Disziplin, die mit der Lexikologie eng verbunden ist, weil sie ihre Ergebnisse zum Teil aufnimmt und zum anderen auch an der Wiege ihrer Entwicklung gestanden hat. Im engeren Sinne bezeichnet Lexikografie das Erstellen von Wörterbüchern und im weiteren Sinne die Theorie und Praxis der Wörterbuchforschung; Letzteres wird als Metalexikografie Metalexikografiebezeichnet. (Vgl. Herbst und Klotz, 2003)
Die Morphologie wird in der Linguistik unterschiedlich eingeordnet. Der Terminus Morphologie wird auch mehrdeutig verwendet, zum einen als Synonym zu Wortbildung und zum anderen als Teilgebiet der Grammatik im engeren Sinne, welches die grammatischen Wortformen Morphologiebeschreibt. Bei Eisenberg (2013)Eisenberg, P. ist die Morphologie neben der Phonologie und Orthografie Teil der „Wortgrammatik“. Es ist sinnvoll, zwischen Flexionsmorphologie und Wortbildungsmorphologie zu unterscheiden. Eisenberg schließt neben der Flexions- auch die Wortbildungsmorphologie in seine Wortgrammatik ein.
Die Namenkunde (Onomastik) ist ein Forschungsgebiet, das sich aus diachroner und synchroner Sicht besonders mit den Eigennamen (Personen- und Ortsnamen) „unter theoretischen sowie sprach-, siedlungs-, kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Aspekten“ befasst. (Kunze, 1999) Kunze, K.Historisch betrachtet, besteht der „größte Teil des Wortschatzes Namenkunde[…] aus Namen.“
Die Sprachkontaktforschung hat in unserer globalisierten Welt an Bedeutung gewonnen. Auch wenn sich die Wissenschaftler nicht einig sind bei der Beantwortung der Frage, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt, wird von den meisten die Annahme gemacht, dass alle Sprachen SprachkontaktforschungWörter besitzen, die auf der Basis der angeborenen Sprachfähigkeit der Menschen im Umfeld einer konkreten Sprache erlernt werden müssen.
Durch Sprachkontakte kam und kommt es zur Beeinflussung zwischen den Wortschätzen verschiedener Sprachen. Dies schlägt sich u.a. in Entlehnungen und der Entstehung von Internationalismen nieder (genauer in Kapitel 6.4).
Sprachvergleiche Sprachvergleichehaben zu Tage gebracht, dass sich in unterschiedlichen Sprachgemeinschaften die Konzeptualisierung der Wirklichkeit und das sprachgebundene Verhalten unterscheiden können. Wenn in einer Sprachgemeinschaft das Rechtssystem eine Unterscheidung zwischen Verwandten mütterlicher- und väterlicherseits vornimmt, werden auch die entsprechenden Bezeichnungen von der Sprache bereitgestellt. Wenn diese Unterscheidung im Rechtssystem verschwindet, wie dies im römischen Recht war, sterben diese Bezeichnungen, wie im Lateinischen wieder aus.
Nicht für jedes Wort in der Muttersprache gibt es in anderen Sprachen ein gleichbedeutendes. Auch sind die „falschen Freunde“ diesbezüglich interessant. (Siehe weiter bei Riehl, 2009). Wanzeck, C.
Die Korpuslinguistik (Bubenhofer, 2018) hat im letzten Jahrzehnt auch für die moderne Lexikologie wie für die gesamte Linguistik immer mehr an Bedeutung gewonnen. KorpuslinguistikDeren Methode, spezifische Fragestellungen mit aufbereiteten (digitalen) Textsammlungen zu bearbeiten, wird ebenfalls in der Lexikologie für die Überprüfung von Hypothesen, von empirischen Fragen oder die Ermittlung von Regeln eingesetzt. In der Ausbildung spielen außerdem korpuslinguistische Methoden eine Rolle:
Korpuslinguistische Methoden gehören inzwischen zum Standardrepertoire vieler Forscherinnen und Forscher in der Sprachwissenschaft. So verwundert es nicht, dass die Korpuslinguistik auch Eingang in die linguistische Lehre findet. (Bubenhofer, 2011)
So machen es die existierenden Korpusportale leicht, beispielhafte Recherchen, „Faktenchecks“, vorzunehmen. (Beispiele sind bei Bubenhofer (2018) zu finden.) Daneben können die Online-Enzyklopädie Wikipedia und Suchmaschinen wie Google für wissenschaftliche Voruntersuchungen als Korpora benutzt werden, da beispielsweise nach Wortverwendungen, Wortformen und -teilen gesucht werden kann. Konkordanzprogramme bieten dafür systematische Suchoptionen an, die es erlauben, Klassen von Zeichenketten und Kollokationen zu bestimmen. Die gefundenen Trefferlisten können dann manuell durchgesehen werden. Ein mächtiges Instrument sind die Korpora vom Institut für deutsche Sprache (IDS), „mit 42 Milliarden Wörtern (Stand 13.11.2018) [bilden sie] die weltweit größte linguistisch motivierte Sammlung elektronischer Korpora mit geschriebenen deutschsprachigen Texten aus der Gegenwart und der neueren Vergangenheit. [Sie] sind über COSMAS II kostenlos abfragbar.“ (www1.ids-mannheim.de/kl/projekte/korpora/; Zugriff 17.04.2019)
Die politische Sprachkritik hat im Rahmen der Diskussionen zu Political Correctness im öffentlichen Sprachgebrauch nicht nur für die Lexikografie sondern auch für die Lexikologie an Relevanz gewonnen. In der jüngeren deutschen Geschichte war es der Romanist V. Klemperer, der 1947 sein LTI – Notizbuch eines Philologen über die Sprache der Nazi-Diktatur veröffentlichte, und mit authentischen Beispielen auf die destruktive Kraft der Sprache aufmerksam machte. JudeSo wurde das Wort Jude systematisch mit negativen Konnotationen belegt und in Wortbildungen und Wendungen wie Judenstern, Judenhaus, Judengeschäft, Dieses Haus ist judenrein. weiter vertieft (LTI, Kap. 25). Die alte Wendung Hier geht es zu wie in der Judenschule., die sich ursprünglich auf das Stimmengewirr in jüdischen Schulen des Mittelalters bezog, erhielt für die Gegenwart eine antisemantische Konnotation1.
Aktuell beklagen Politiker und Publizisten eine „Sprachverrohung“ im politischen Kontext. Darauf reagierend, setzt sich der Linguist Stefanowitsch (2018) für eine politisch korrekte Sprache ein, weil er den diskriminierenden Wörtern eine kognitive Wirkungskraft zuspricht. Busch (2018) dagegen „wirft die Frage auf, ob wir eine politisch korrekte Sprache überhaupt brauchen. Er beantwortet sie gleich dreimal mit Nein“ und verweist u.a. darauf: „Ein belastetes Wort durch ein anderes zu ersetzen, sei nicht sinnvoll, solange die Veränderung von Stereotypen nicht zuerst im Kopf stattgefunden habe.“ (Zur Thematik siehe weiter im Kapitel 5.3.5 in diesem Studienbuch). Lexikologieangelagerte Disziplinen
1.6 Fazit
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die aktuelle germanistische Wortschatzforschung durch den Anschluss an neue Ansätze aus den Nachbarwissenschaften der Linguistik, beispielsweise der Integration von psycho- und kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen (kognitive Lexikologie) sowie computer- und korpuslinguistischen Methoden gekennzeichnet ist. Dies hat dazu geführt, dass die „germanistische Wortschatzforschung […] zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Linguistik und in der Didaktik eine wieder erstarkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit“ erfährt. (Kilian und Eckhoff, 2015, S. 1)
1.7
Literaturhinweise
Christiane Wanzeck, Hrsg. (2010). Lexikologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Kap. 1.1–1.3, 2.1–2.2 Wanzeck, C.
Ulrike Haß (2015). „Das Wort in der Lexikografie“. In: Handbuch Wort und Wortschatz. Hrsg. von Ulrike Haß und Petra Storjohann. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, S. 492–515 Haß, U.
Lothar Lemnitzer und Heike Zinsmeister (2006). Korpuslinguistik. Eine Einführung. narr studienbücher. Tübingen: Gunter Narr Verlag Lemmnitzer, L.Zinsmeister, H.
Lothar Lemnitzer und Kay-Michael Würzner (2015). „Das Wort in der Sprachtechnologie“. In: Handbuch Wort und Wortschatz. Hrsg. von Ulrike Haß und Petra Storjohann. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, S. 297–319 Lemnitzer, L.Würzner, K.-M.
1.8
Übungsaufgaben
1 Studieren Sie Haß (2015). Charakterisieren Sie die Beziehungen zwischen der Lexikologie und der Lexikografie.
2 Studieren Sie Lemnitzer und Würzner (2015, Kap. 2). Wie versucht die Sprachtechnologie den Wortbegriff exakter zu fassen?
3 Handelt es sich bei der Wortgruppe weißer Teller aus der Äußerung „Vom weißen Teller gegessen schmeckt Erbeerkuchen besser.“ um eine Kollokation? Ziehen Sie Korpora für die Beantwortung hinzu.
4 Die Psycholinguistik erforscht interdisziplinär die kognitiven Grundlagen der Sprachverarbeitung. Inwiefern sind für sie die Ergebnisse der lexikologischen Forschung relevant? (Spalek, 2012a; Spalek, 2012b).
2 Wörter
2.1 Analyseprobleme und -ebenen
Zwar wissen alle Sprachbenutzer, was ein Wort ist, dennoch fällt es schwer, es wissenschaftlich exakt zu bestimmen. Wissenschaftliche Wortbeschreibungen Wortbeschreibungwissenschaftlichmöchten definieren, wie sich das Wort von anderen sprachlichen Einheiten unterscheidet. Sie suchen Charakteristika, die ausschließlich auf das Wort zutreffen.
Ausgehend von de Saussure haben die Strukturalisten zwei Ebenen der Sprache unterschieden, die Laut- und die Bedeutungsseite. Martinet (1968, S. 23) Martinet, A.hat dies im Jahre 1960 folgendermaßen ausgedrückt:
Eine Äußerung wie ich habe Kopfweh oder ein Teil einer Äußerung, der einen Sinn ergibt, wie Kopfweh oder ich, heißt ein sprachliches Z e i c h e n. Jedes sprachliche Zeichen hat ein S i g n i f i k a t (signifié): seine Bedeutung (sens) – oder seinen Wert (valeur) […] und einen S i g n i f i k a n t e n (signifiant), durch den das Zeichen manifestiert wird.
In der Folgezeit wurde diese Vorstellung modifiziert, indem zusätzliche Sprachebenen angenommen wurden. Heute gehen eigentlich alle Grammatikmodelle von Vermittlungsebenen zwischen der Laut- und Bedeutungsseite sprachlicher Gebilde aus. Die Grundzüge einer deutschen Grammatik (Heidolph, Fläming und Motsch, 1981, S. 35) Heidolph, K. E.Flämig, W.Motsch, W.sehen in der Grammatik die „Gesamtheit von Regeln, die die Einheit von Wirklichkeitsabbildung und lautlicher Form in der Äußerung der Sprache begründen, [die das] widersprüchliche und auf komplizierte Weise vermittelte Verhältnis der beiden Seiten [ausdrückt].“ In dieser Beschreibung wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass es keine eindeutige Verbindung (Isomorphie) Isomorphiezwischen Form und Inhalt in der Sprache gibt. Als Beispiel soll auf die Mehrdeutigkeit Mehrdeutigkeitverwiesen werden. So steht das Wort Dame für verschiedene gedankliche Einheiten Dame(Konzepte):
für eine weibliche erwachsene Person (Eine Dame trägt einen Hut.),
für eine Spielkarte (Er legt eine Dame aus.),
für einen Spielstein und ein Spiel (Damespiel)(Wollen wir heute Dame oder Mühle spielen?),
für eine Spielfigur (im Schachspiel) (Die Dame schlägt den Springer.).
Anderseits gibt es für den Begriff weibliche erwachsene Person verschiedene Lautkörper in der deutschen Sprache:
Frau, Weib, Dame, Fräulein …
In den Mehrebenenmodellgrammatischen Mehrebenenmodellen werden in der Regel fünf Ebenen angenommen, die als relativ selbstständige Grammatikkomponenten GrammatikRegeln und Komponentenmit eigenständigen Regeln zu sehen sind. Schematisch zeigt das die Abbildung 2.1.

Abbildung 2.1: Mehrebenenmodell
Diese Abbildung soll andeuten, dass die Zuordnung der Form einer Äußerung (Formativ) zur Inhaltsseite (Bedeutung) über die dazwischenliegende morphologische und syntaktische Ebene erfolgt und außerdem bestimmt wird durch die Verwendungseigenschaften, bei denen die syntaktischen von den pragmatischen zu trennen sind. Die pragmatische Ebene nimmt Einfluss auf alle Ebenen. Die syntaktische Komponente regelt die Verknüpfung zu komplexen Zeichen und die pragmatische Komponente die Situationsangemessenheit. Diese Ebenen bestätigen die von der Norm abweichenden Sätze in (2.0).
| (2.0) | a. * Das Auto ging auf der Autobahn spazieren. Verstoß auf semantischer Ebene. b. * Unter einer andere Führung könne er …. (Süddeutsche Zeitung, 04.10.2006, S. 31) Verstoß auf morphologischer Ebene. c. Weltmeister Andreas Breme: „* Steckt niemals den Sand in den Kopf“. (Der Spiegel, 43/2005 (Hohlspiegel): Aus dem Badischen Tageblatt) Verstoß auf syntaktischer Ebene. d. * Chier gann man gut leijben. Verstoß auf grafischer Ebene. e. * Im Saal saßen 700 Nasen, die eine mitreißende, unkonventionelle teils unbequeme und unterhaltsame Rede hörten. (Der Spiegel, 46/2006 (Hohlspiegel): Aus dem Heuberger Boten) Verstoß auf pragmatischer Ebene. |
Beispiel (2a.) ist semantisch falsch, weil spazieren gehen nicht mit unbelebten Objekten verbunden werden kann. In (2b.) ist andere die falsche Flexionsform. In (2c.) wurde gegen syntaktische Reihenfolgeregeln verstoßen. Beispiel (2d.) weicht in der Lautung bzw. Schreibung von der Norm ab. Und (2e.) wäre in der privaten Kommunikation im Familienkreis angebracht, ist aber in einer offiziellen Situation unangemessen.
Wir gehen ähnlich wie Eisenberg (2013)Eisenberg, P. und Gallmann (1999)Gallmann, P. auch beim Wort von mehreren Ebenen aus und möchten aus linguistischer Sicht sechs Wörter unterscheiden – das semantische, das morphologische, das syntaktische, das phonetische, das grafische und das pragmatische Wort. Da es keine Isomorphie IsomorphieWortebenenzwischen allen Wortebenen geben muss, kommt es vor, dass eine lexikalische Einheit nicht allen sechs Wortdefinitionen genügt, kein prototypisches Wort ist.
Beispielsweise ist der Artikel die in der Wendung die kalte Küche ein orthografisches, aber kein semantisches Wort, weil er, wie nachfolgend noch erklärt wird, nur grammatische Bedeutung hat. Andererseits ist kalte Küche mehrdeutig und stellt in der idiomatisierten (morphologisch-semantisch undurchsichtigen) Wendung ein semantisches Wort, jedoch zwei orthografische und zwei syntaktische Wörter dar. Sprachzeichen
2.2 Das phonetisch-phonologische Wort
Ein ausgesprochenes Wort ist im Deutschen dadurch bestimmt, dass es aus einer zusammenhängenden Kette von Sprachlauten besteht. Wortphonetisch-phonologischesDie gebrauchsbasierte Betrachtung des sprachlichen Wissens nimmt an, dass das „lautliche Wissen […] nicht nur aus abstrakten Segmenten oder Merkmalen, sondern aus konkreten und detaillierten Einheiten“ besteht. Bergmann (2018, S. 10) Bergmann, P.Dies wird durch das leistungsstarke menschliche Gedächtnis möglich. Pinker (2000) Pinker, S.verdeutlicht dies an den unregelmäßigen, starken Verben (wie singen, sang, gesungen), die gelernt und somit eingeprägt werden müssen. Diese Verbindung wird nicht nur in der Morphologie sondern auch in der Aussprache von Wörtern deutlich, beispielsweise bei Ortsnamen. Wir sprechen deshalb auch vom phonetisch-phonologischen Wort, da eine Verbindung von phonetischer, realisierter Substanz und phonologischer, abstrakter Funktion existiert.
Die gesprochenen Wörter können segmentiert werden, die Laute, Silben und Akzente sind die wesentlichen Teile. Dabei sind einige Laute (Phoneme) Phonemeaufgrund ihrer distinktiven (unterscheidenden) Merkmale für die Bedeutungsdifferenzierung von Relevanz. Sie führen dazu, dass sich verschiedene Wörter in ihrem Klang unterscheiden. Beispielsweise ist dies bei den Wörtern in (2.1) der Fall. /H/, /G/, /M/ sind hier bedeutungsdifferenzierend (im Deutschen gibt es etwa 20 Konsonanten- und 16 Vokalphoneme).
| (2.1) | a. Hut /hu:t/ b. Gut /gu:t/ c. Mut /mu:t/ |
Es ist aber nicht so, dass unterschiedliche Bedeutungen immer mit unterschiedlichen Klangbildern verknüpft sind, wie das auch in (2.2) der Fall ist. Bank
| (2.2) | Bank /baŋk/ (‘Sitzgelegenheit’ vs. ‘Geldinstitut’ vs. …) |
Die Sprachbenutzenden erkennen die Wörter aufgrund der gespeicherten LautbilderLautbilder. Dies zeigt sich darin, dass Wörter durch prosodische Mittel, beispielsweise mit einer Akzentsetzung, hervorhebbar sind. In der Regel wird das mündliche Wort als eine prosodische Einheit charakterisiert, wie bei Meibauer (2002, S. 17)Meibauer, J., der Folgendes ausführt: „man benötigt […] einen Wortbegriff, der sich auch in Bezug auf die gesprochene Sprache bewährt. Dies könnte man dadurch erreichen, dass man Grenzsignale wie Wortakzent oder Sprechpausen zwischen zwei Wörtern in die Definition einbezieht. Man kann dann vom phonologischen Wort sprechen.“ Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass es diese Grenzsignale objektiv nicht gibt und Pausen eher die Ausnahmen sind.
2.3 Das grafische Wort
Da neben dem Sprechen das Lesen und Schreiben konstitutiv für die Sprachfähigkeit einer entwickelten Sprache ist, gilt es die grafischen Wörter einzubeziehen, auch wenn es Sprachen und Existenzformen (Dialekte) gibt, die nicht verschriftlicht sind.
Beim Definieren Wortgrafischesdes schriftlichen Wortes (auch graphematischen Wortes) spielt die Pause eine wichtige Rolle. Die grafischen Wörter sind daran erkennbar, dass nach jedem Wort im Text eine Lücke folgt, ein Zwischenraum gelassen wird. Wann aber eine Lücke gelassen werden muss, ist häufig unklar. Es sei nur darauf verwiesen, dass eine Hauptquelle für Orthografieverstöße Orthografieverstößein der deutschen Sprache der Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung ist. Das hat neben den historischen Entwicklungsprozessen seine Ursache im Einwirken mehrerer Prinzipien auf die normgerechte Schreibung (vgl. Fuhrhop, 2006; Wurzel, 2000)Fuhrhop, N.Wurzel, W. U.:
1 Das WorteinheitsprinzipOrthografieWorteinheitsprinzip: Ein Wort bildet eine grafische Einheit und wird deshalb zusammengeschrieben.
2 Das WortbildungsprinzipOrthografieWortbildungsprinzip: Durch eine Wortbildung zusammengefügte Morpheme und Stämme werden zusammengeschrieben (Tisch + -ler = Tischler; Tischler + Werkstatt = Tischlerwerkstatt; …).
3 Das RelationsprinzipOrthografieRelationsprinzip: Einheiten, die nicht als syntaktische Relation analysierbar sind, werden zusammengeschrieben (vgl. (2.3)). Gartenzaun
| (2.3) | a. Er streicht den Gartenzaun. b. * Er streicht den Garten Zaun. c. Er streicht den Zaun um den Garten. d. * Er streicht den Zaunumgarten. |
2.4 Das morphologische Wort und seine Komponenten
Wir sehen die Morpheme als kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheiten an. Sie sind u.E. zwar auch Lexikonbestandteile; sie treten jedoch nur als „Wortbausteine“ auf. Wir klassifizieren sie, wie in Abbildung 2.2 skizziert.
Im Falle der Basismorpheme können sie auch einzeln ein Wort bilden (wie dort). Verben müssen aber beispielsweise im Deutschen immer ein grammatisches Morphem hinzunehmen (lieg-t, lieg-en)Morphemarten.
Abbildung 2.2:
Morpheme
Das morphologische Wort Wortmorphologischesist dadurch charakterisiert, dass es mindestens aus einem lexikalischen Morphem besteht. Wörter werden durch die Verbindung von Morphemen gebildet bzw. sie können in Morpheme zerlegt werden. Dies trifft auch auf das Wortungetüm das Jugendfreiwilligendienstegesetz (JFDG) zu, das 2008 kreiert wurde. Dabei wird beim Wort, wie auch beim Satz, davon ausgegangen, dass der linearen phonetisch-orthografischen Struktur eine hierarchische Wortstruktur entspricht. Das ist in Abbildung 2.3 dargestellt.
Abbildung 2.3:
Binäre Wortstruktur
Aus morphologischer Sicht gibt es in der deutschen Sprache zwei Gruppen Wortklassemorphologischevon Wörtern:
Die 1. Gruppe unterteilt hinsichtlich des Gesichtspunktes, ob die Wörter nur aus einem Morphem bestehen oder Morphemkombinationen sind, in Wurzelwörter und Wortbildungen.
Die 2. Gruppe gliedert sich in flektierende bzw. nicht flektierende Wörter, also danach, ob die Wörter ihre Form im Satz verändern können oder nicht.
Aus der Wortbildungssicht gibt es also Wörter, die nur aus einem TischBasismorphem (Tisch) bestehen, und solche, die morphologisch komplex sind (Tischler, Tischlerwerkstatt). Nach dem zweiten Gesichtspunkt unterscheiden sich die deutschen Wörter nach ihrer Flexionsfähigkeit in flektierbare und nicht flektierbare WörterWörter;flektier-& unflektierbare. Die flektierbaren bilden in der Verwendung Wortformen, die nicht flektierbaren können keine Wortformen bilden. Die flektierenden Wörter schaffen FormenparadigmenFormenparadigmen, die lexikalisch-paradigmatische Einheiten darstellen. So können die meisten Adjektive in unflektierter Form als Prädikative heiß(Manche mögen’s heiß.) auftreten oder in flektierter Form als Attribute (ein heißer Tag, ein heißes Eisen, heiße Höschen, …), außerdem bilden sie Steigerungsformen (heißer, heißesten). Die Paradigmen bestehen aus der Zitierform und den LexemvariantenLexemvarianten. Zu der Zitierform heiß gehören also mehrere morphologische Wortformen.
Innerhalb der Flexionsparadigmen sind in der deutschen Sprache nicht alle Wortformen Wortformmit spezifischen Flexionsmerkmalen Flexionsmerkmalversehen. Beispielsweise ist innerhalb des Komparationsparadigmas die erste Stufe, der Positiv, nicht formal markiert.
Hinsichtlich der spezifischen Flexionseigenschaften können im Deutschen fünf Wortklassen (Morphologische Wortarten) mittels der morphologischen Merkmale [α dekliniert], [α konjugiert], [α kompariert] und [α genusfest]1 unterschieden werden: Wortarten
Verben, die konjugiert werden,
infinite Verben, die nicht konjugiert werden,
Substantive,
Adjektive und
Pronomen.
Erst in dem jeweiligen Kontext, in dem das Wort (das Textwort) verwendet wird, werden die anderen grammatischen Merkmale (wie Kasus-, Tempus- und Kongruenzmerkmale) ergänzt. Es ist deshalb sehr sinnvoll, zwischen dem Lexikonwort (Lexem) und den Lexikonwortsyntaktischen Wortformen zu unterscheiden. So nimmt man beispielsweise bei der syntaktischen Nominalisierung, die kein Wortbildungsphänomen ist, eine diesbezügliche Unterscheidung vor. Im Beispiel (2.4) sind Sie und Er syntaktische Substantive, da sie aber als solche keine festen Lexikoneinheiten sind, werden sie als Pronomen im Lexikon, als Lexikonwörter, abgespeichert. Maus
| (2.4) | Diese Maus ist keine Sie, sondern ein Er. |
In der folgenden Übersicht 2.4 sehen wir die morphologischen deutschen Wortarten mit ihren hierarchisch angeordneten morphologischen Lexikonmerkmalen (genauer, mit den speziellen Merkmalsbelegungen der Wortklassen nachzulesen in Römer, 2006, Kap. 4.1.2). Römer, C.
Abbildung 2.4:
Morphologische Wortklassen
2.5 Das syntaktische Wort
Die Syntax beschäftigt sich Wortsyntaktischesmit der Struktur von Sätzen. Für die Erhellung dieser Satzstrukturen gibt es zwei Hauptzugangswege. Zum einen wird nach der logisch-strukturellen Abhängigkeit der Satzbausteine gefragt (Dependenzgrammatiken) und zum anderen wird von den Teil-Ganzes-Relationen ausgegangen (Konstituentengrammatiken). Dem Beispielsatz Das Haus am See verfällt. können demnach die zwei vereinfachten Strukturen in der Abbildung 2.5 zugeordnet werden:
Abbildung 2.5:
Satzstruktur
Die Teile, die die Satzstruktur bilden, sind im Normalfall nicht Wörter, sondern Wortgruppen (Phrasen). Nur ein Teil der phonetisch-orthografischen Wörter kann Kern (Kopf) einer lexikalischen Phrase sein. Phrasen sind endozentrisch; das heißt, sie sind Projektionen der jeweiligen Kopfelemente. Diejenigen Wörter, die Kopfelemente sein können, sind syntaktische Wörter. Genaueres zum Begriff des syntaktischen Wortes findet man bei Gallmann (1999, S. 272)Gallmann, P..
Außerdem gibt es Wörter, die nicht Kopf einer lexikalischen Phrase sein können, dies Phrasenkopfsind die Artikel (morphologisch eine Teilklasse der Pronomen), die Hilfsverben und die Konjunktionen. Sie sind immer Teil einer lexikalischen Phrase. Die Artikel sind Bestandteile von Substantivphrasen, die Hilfsverben von Verbphrasen und die Konjunktionen von Sätzen oder Phrasen.
Wenn man, wie in der Generativen Grammatik üblich, die funktionalen Köpfe einbezieht, kommt man zu einer weiteren Gruppe von syntaktischen Wörtern. Funktionale Kategorien funktionale Kategorien(z.B. INFL(flection): Flexionsmorphem(e)) liefern die grammatischen Informationen, wie Tempus oder Kongruenz.1 Nach Abney (1987) Abney, S. P.stellen funktionale Klassen geschlossene Klassen dar, die zum größten Teil aus morphologisch abhängigen Elementen (wie Affixe) bestehen. Es fehlt ihnen jeglicher deskriptiver Gehalt. Das Einbeziehen der funktionalen Kategorien führt zu Phrasenprojektionen. In diesen funktionalen Projektionen treten die oben genannten Wörter, die keine Köpfe von lexikalischen Phrasen sein können, als Köpfe von funktionalen Phrasen auf und sind deshalb auch als syntaktische Wörter anzusehen. So tritt beispielsweise der Artikel (gehört zu den Determinierern) als Kopf der Determiniererphrase auf, die der Sitz der grammatischen Merkmale der Nominalphrase ist. Die Determiniererphrase ist somit eine funktionale Erweiterung der Nominalphrase. Die funktionalen Kategorien enthalten nur grammatische Merkmale; der Artikel ist deshalb ein syntaktisches Wort, aber kein eigenständiges semantisches, weil es keinen deskriptiven Gehalt, keine Intension, hat.
2.6 Das semantische Wort
Das semantische Wort Wortsemantischesist der kleinste selbstständige Bedeutungsträger, d.h. die Sprachbenutzer können mit ihm einen Inhalt verbinden. So bezeichnet Tischdas Lexem Tisch ‘einen konkreten Gegenstand’, Liebe ‘ein Gefühl’, grün ‘eine Farbeigenschaft’, oder ‘eine logische Beziehung’ und tauchen ‘eine Tätigkeit’.
Wörter können zu komplexen Wörtern zusammengeschlossen werden und nehmen dann oftmals eine Bedeutung an, die nicht einfach eine Summe aus den Teilbedeutungen darstellt, weil ein Idiomatisierungsprozess (Verlust der semantisch-morphologischen Durchsichtigkeit des Wortes) Idiomatisierungeintritt, wie in Bleistift oder Weichei.
Eine in der Sprachwissenschaft umstrittene Frage ist die, ob es eine Wortartenbedeutung gibt. WortartenbedeutungEs ist jenen zuzustimmen, die es als nicht sinnvoll ansehen, diese anzunehmen, weil es keine direkte Zuordnung von grammatischen und semantischen Wortklassen gibt. So sind nicht alle Substantive „Dingwörter“ (beispielsweise Essen in (2.5)).
| (2.5) | Das Essen dauert lange. |
Das Essen verbalisiert hier einen Vorgang. Oder: Nicht alle Wörter, die Eigenschaften bezeichnen, sind Adjektive (wie 2.6).
| (2.6) | Schönheit erfreut. |
Als sinnvoll sehen wir es jedoch Wortklassesemantischean, fünf semantische Hauptklassen von Wörtern zu unterscheiden:
Wörter, die auch ohne Satzkontext eine relativ abgeschlossene Bedeutung haben.
| (2.7) | Eva (Eigenname1), Apfel (Gattungsbezeichnung) |
Wörter mit Gattungsbezeichnungrelationaler Bedeutung, die eine Rektion haben und Partner für die Entfaltung ihrer Bedeutung benötigen.
| (2.8) | sparsam ist jemand jemand spart etwas Misstrauen hat man gegenüber jemandem oder etwas |
Wörter mit „zeigender“ Bedeutung (Deixis).
| (2.9) | dort steht sie |
Wörter, die keine lexikalische Bedeutung haben. Dies sind phonetisch-orthografische Wörter, die keine selbstständigen Bedeutungsträger sind, die anstelle von morphologischen Affixen die Formenbildung übernehmen und grammatische Bedeutungselemente einbringen. Innerhalb des Verbparadigmas sind das die Hilfsverben und innerhalb des Substantivparadigmas die Artikel. Hilfsverben und Artikelwörter sind zwar phonetisch-orthografische Wörter, in dem oben erläuterten Sinn auch syntaktische, aber keine semantischen Wörter. Diese Wörter werden oft auch als Synsemantika („Leerwörter“) bezeichnet und die bedeutungstragenden als Autosemantika. SynsemantikonNicht Autosemantikongeteilt wird die vorkommende Auffassung, dass Präpositionen und Konjunktionen Synsemantika seien, weil sie in der Regel wichtige Bedeutungselemente einbringen. Beispielsweise macht es einen wichtigen Unterschied, ob man Katze und Sofa mit auf oder unter verbindet oder ob man beim Fleischer Bratwürste und Rostbrätchen mit und oder oder verbindet. Auf die Einzelfälle von weitgehend bedeutungsleeren Präpositionen und Konjunktionen kann hier nicht eingegangen werden (vgl. Er versprach, dass er anruft. Sie wartete vergebens auf den Anruf.).
Wörter, die Teil einer lexikalischen Phrase sind und keine isolierbare Bedeutung innerhalb der Phrase haben. Es handelt sich bei dieser Gruppe um Phraseologismenbestandteile, die stabile, im Langzeitgedächtnis fest verankerte, idiomatische Wortgruppen sind.
| (2.10) | mit dem Klammersack gepudert sein = ‘dumm sein’ |
2.7 Das pragmatische Wort
Die Pragmalinguistik thematisiert den Handlungsaspekt von sprachlichen Zeichen bzw. Äußerungen; sie interessiert sich vor allem für deren sprachliche Funktionen und kommunikativen Möglichkeiten.
Aus der Sicht Wortpragmatischesder Zeichenbenutzer können semantische Wörter Unterschiedliches in eine kommunikative Handlung einbringen. Sie können etwas bezeichnen (einen Gegenstand oder einen Vorgang) und/oder Emotionen bzw. Wertungen ausdrücken (z.B. eine Abneigung) und/oder eine Absicht artikulieren. Dies hatte schon der berühmte Sprachpsychologe K. Bühler 1934 mit seiner Unterscheidung der Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion der sprachlichen Zeichen Zeichenfunktionhervorgehoben und in seinem Zeichenmodell Zeichenmodell; Bühlerveranschaulicht (vgl. Abbildung 2.6).
Abbildung 2.6:
Bühler’sches Zeichenmodell (Bühler (1934, 28)) Bühler, K.
Mit der Darstellungsfunktion von sprachlichen Zeichen ist gemeint, dass mit sprachlichen Zeichen Informationen über Gegenstände, Vorgänge, Personen und Sachverhalte vermittelt werden können. Man kann mit ihnen auf Anwesendes und Nichtanwesendes Bezug nehmen.So benennen in dem geflügelten Wort Alles besiegt die Liebe die Wörter Unterschiedliches. Sie stellen Unterschiedliches dar:Alles ‘die Gesamtheit des Möglichen’,besiegen ‘ein Ereignis, bei dem jemand über etwas den Sieg davon trägt’,die Liebe ‘ein starkes Gefühl der Zuneigung zu einer Person’.
Die Ausdrucksfunktion (auch expressive Funktion) beinhaltet, dass Wörter emotive Befindlichkeiten der Sprechenden anzeigen können. Die emotive Funktion der Sprache ist von der Linguistik lange vernachlässigt worden.
Nach Schwarz-Friesel (2007, S. 57) Schwarz-Friesel, M.sind Emotionen psychische Zustände der Menschen, die auf drei Ebenen, die meist interagieren, wahrnehmbar sind: im nonverbalen Ausdruck als Mimik und Gestik (z.B. Lachen oder Weinen), in körperlichen Zuständen (Rotwerden etc.) und als sprachliche Äußerungen.
Abbildung 2.7:
Circumplexmodell (nach Leary, 1957)
Das sogenannte Circumplexmodell der Emotionen EmotionenCircumplexmodell(in Abbildung 2.7 wiedergegeben) siedelt die Emotionen Emotionzwischen den Polen Erregung vs. Ruhe und Unlust vs. Lust an.
In der Psychologie wird beim Auslösen von Emotionen die nachfolgende Geschehensfolge angenommen:
Ereignis → Informationsverarbeitung → Bewertung → Emotion.
Beispielsweise könnten wir in einem kleinen Ferienort neben dem Hotel unerwartet einen Kirchturm vorfinden (so wie in Abbildung 2.8).

Abbildung 2.8: Emotionsauslösung
Dieses unerwartete Ereignis (Informationsverarbeitung) veranlasst zu einer negativen oder positiven Bewertung, zum Auslösen von Emotionen, Erregung oder Lust bzw. Ruhe oder Unlust, die physisch (Tränen, erblassen, weglaufen oder lächeln, erröten, näherkommen) und/oder verbal ausgedrückt werden können, so mit Juchhe! (Freude), Nanu! (Verwunderung) oder Mist! (Verärgertsein).
Aus linguistischer Sicht können drei Gruppen von Wörtern Wortemotionalesmit emotiven Funktionen unterschieden werden: Gefühlswörter, Affektwörter und Bewertungswörter (Herrmann, 1995):
GefühlswörterGefühlswörter: Wörter zur Benennung und Deskription von Emotionen und Affekten (Stimmungen und Erregungen), ohne selbst expressiv zu sein. Da sie die Funktion der Diagnose bzw. der Distanzschaffung haben können, sind sie auch psychologische Vokabeln, wie Liebe, Haß, Trauer, Eifersucht, …
Affektwörter: Wörter und Wendungen zum Ausdrücken von Gefühlen und Affekten. Dies können sein:
Psychologische Vokabelnpsychologische Vokabeln, die Gefühle und Gemütszustände benennen, wie
Ich hasse dich!, Das freut mich aber!, Das tut mir aber leid! …
Empfindungswörter, Kosenamen, Schimpfwörter, wie Oh, Mausi, …
Affektive Adjektive, Substantive und Verben, wie (Ist das aber) gemein!,
(Dieser) Lügner!, (Er) säuft! …
BewertungswörterBewertungswörter: Wörter, die das Benannte zugleich bewerten, wie Köter, verrecken, Klassefrau.
Wörter, die Emotionen und Affekte anzeigen, sind oft mehrdeutig. Der Kontext hebt dies dann allerdings auf (vgl. (2.11)).
| (2.11) | Ach! (?) Ach, du Armer! (Bedauern, Mitleid) Ach, wenn es doch wieder so wäre! (Sehnsucht) |
Fries (2000, S. 14) Fries, N.betont die pragmatische Komponente von emotiven Wörtern, wenn er u.a. hervorhebt, dass der Ausdruck und das Verstehen von Gefühlen maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg kommunikativer Bemühungen habe. Außerdem kann nach ihm (Fries 2000, S. 33) Fries, N.ein Wort wie Trauer auf drei unterschiedliche Phänomenbereiche verweisen:
Auf einen internen, introspektiv wahrnehmbaren Zustand = subjektiv-psychologischer Aspekt: Ein Beispiel für diese Verwendung von Trauer: Lasst uns einfach unsre Trauer leben, denn damit verarbeiten wir das ganze. (Katrin Zilch, www.lichterkette.net.ms; Zugriff 25.3.2004)
Auf einen chemisch und physikalisch nachweisbaren Prozess (z.B. Tränen und Schlaflosigkeit) = physiologischer Aspekt: Trauerarbeit […] Trauernde können bei ihrer Arbeit auch scheitern, krank werden, daran zerbrechen, weil sie ihr Leben nicht mehr leben können. (www.lichterkette.net.ms; Zugriff 25.3.2004)
auf Gegenstände und/oder Sachverhalte, die als gefühlsauslösend betrachtet werden = sozialer Aspekt: Wenn die Gondeln Trauer tragen (deutscher Titel eines Films).
Zur Ausdrucksfunktion kann auch das Anzeigen der Beziehungsrelation Beziehungsrelationim „Nachrichtenquadrat“ Nachrichtenquadrat(von Thun, 2010) Thun, F. vongerechnet werden. Als Psychologe hat von Thun, der sich speziell mit Kommunikationsstörungen befasst, das dreiseitige Zeichenmodell um eine vierte Komponente erweitert. Eine Nachricht überbringt danach mehrere Botschaften gleichzeitig (vgl. Abbildung 2.9, die es aus der Sendersicht formalisiert).

Abbildung 2.9: „Nachrichten“-Funktionen nach von Thun (2010) (www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat)
Mit einer Äußerung könnten danach in spezifischen Kontexten mehrere Funktionen realisiert werden. Beispielsweise sagt Jemand (= Sender) zu Jemandem (= Empfänger) nachdrücklich: Es zieht! Damit wird erstmal eine Sachinformation gegeben. Gleichzeitig wird deutlich, dass die deutschsprachige Person friert (= Selbstoffenbarung) und deshalb den Angesprochenen veranlassen möchte, die offene Tür zu schließen (= Appell). Dass er dies als möglich ansieht, resultiert aus seiner Einschätzung des Angesprochenen (= Beziehung). Möglicherweise ist der Angesprochene ihm sozial unterstellt. Dieser wird den barschen Befehlston sicher seinerseits als einen Vorwurf verstehen (vgl. Abbildung 2.10).

Abbildung 2.10: „Nachrichten“-Funktionen für Es zieht!
Auch an der Wortwahl kann der Stand der Beziehung zwischen Kommunikationspartnern abgelesen werden. Wenn ein Mann seine Freundin Prinzessin nennt, kann dies heißen, dass er sie verehrt, sie anhimmelt, und ausdrücken will, dass er ihr untertan ist. Es kann aber auch gemeint sein, dass sie verwöhnt ist.
Mit der explizit markierten Appellfunktion werden Absichten, wie zum Handeln, Durchdenken oder Mitmachen, an den Hörenden mitgeteilt. Im Wort sind diese häufig mit einer Bewertungskomponente Bewertungskomponenteverbunden. Dies ist der Fall, wenn jemand als Jammerlappen (Heinz ist ein richtiger Jammerlappen!) bezeichnet wird. Es wird dann eine negative Bewertung einer männlichen, ängstlichen Person vorgenommen, die auch beinhaltet, dass die/der Hörende diesen Heinz ablehnen soll. Wenn ein Tier als ausgehungert charakterisiert wird, kann dies implizieren, dass es gefüttert werden soll.
2.8 Die Definition des prototypischen Wortes
Ein prototypisches Wort Wortprototypischesträgt auf allen Sprachsystemebenen Wortcharakter. Es ist, zusammenfassend dargestellt, gekennzeichnet durch
1 seine Isolierbarkeit in Rede und Schrift,
2 seinen selbstständigen Bedeutungscharakter,
3 seine Morphemstruktur,
4 seine Fähigkeit, Phrasenkern sein zu können, und
5 seinen kommunikativen Charakter, etwas darzustellen und/oder Gefühle auszudrücken und/oder eine Intention zu Wortdefinitiontransportieren.
2.9 Das lexikalische Wort
Da Wörter in der Sprachverwendung, entsprechend den oben skizzierten Charakteristika, in Wortformen auftreten, ist es sinnvoll noch ein lexikalisches Wort Wortlexikalischesanzunehmen, das die abstrakte Repräsentation für Formenparadigmen ist. (Schaefer, 2016, S. 171 f.) Schäfer, R.Nach Kürschner (1997, S. 101) Kürschner, W.ist das lexikalische Wort als Einheit des Lexikons bzw. Grundeinheit der Wörterbücher der Repräsentant aller Realisierungsformen, Wortformen, in denen es erscheinen kann. Bei flektierbaren Wörtern spricht man auch von Nennformen bzw. Zitierformen. Beim Substantiv ist beispielsweise die endungslose Form des Nominativ Singular die Nennform (der Tisch).
2.10 Lexeme
Alltagssprachlich wird Lexem häufig synonym zu lexikalisches Wort verwendet. Manche Linguisten definieren es (wie beispielsweise Conrad 1985, S. 140) als „Wort oder Wortstamm als Einheit des Wörterbuchs, d.h. als abstrakte Einheit, die Träger einer lexikalischen Bedeutung ist.“ Danach sind sowohl die Wortformen, die bei der Flexion abgeleitet werden, als auch die Hilfswörter, WortHilfswortdie keine lexikalische Bedeutung haben, keine Lexeme. Innerhalb des Syntagmas Das Haus hat gebrannt. ist demnach nur Haus ein Wort mit Lexemstatus; das und hat haben diesen Status nicht, weil sie grammatische Hilfswörter sind und gebrannt ist keines, weil es eine Wortform zu dem Lexem brennen ist. Oft werden auch Phraseologismen als Lexeme aufgefasst, weil sie eine konzeptuelle Einheit vertreten (dumm wie Bohnenstroh = ‘sehr dumm’). Man spricht dann von MehrwortlexemenLexemMehrwort-.
2.11 Listeme
Das Fachwort Listem wurde in der Psycholinguistik von Di Sciullo und Williams (1988) Di Sciullo, A.Williams, E.als Oberbegriff für alle idiosynkratischen Lexikoneinheiten eingeführt, die im Gedächtnis gespeichert, „gelistet“ sind. Damit umfasst dieser Oberbegriff nicht nur mentale Wörter und Wendungen, sondern auch Wortbildungsmorpheme, Flexive und die Wortformen. Der Begriff Listem soll die Tatsache hervorheben, dass diese Lexikoneinheiten mit ihren spezifischen phonologischen, morphologischen, syntaktischen und semantischen Charakteristika (idiosynkratische Eigenschaften) aufgelistet sind und auswendig gelernt werden müssen, da sie nicht wie die syntaktischen Phrasen durch allgemeine Regeln herleitbar und analysierbar seien. Dieser psychologische Terminus ist in der germanistischen Linguistik eher ungebräuchlich.
2.12
Literaturhinweise
Zum phonologischen Wort:Bergmann, P.Pia Bergmann (2018). Morphologisch komplexe Wörter: Prosodische Struktur und phonetische Beschreibung. Berlin: Language Science Press. url: http://langsci-press.org/catalog/book/155, Kap. 2
Zum grafischen Wort:Nanna Fuhrhop und Franziska Buchmann (2015). „Das Wort in der (Recht-)Schreibung“. In: Handbuch Wort und Wortschatz. Hrsg. von Ulrike und Petra Storjohann. Bd. 3. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, S. 413–438
Zum morphologischen Wort:Eisenberg, P.Peter Eisenberg (2013). Grundriss der deutschen Grammatik. 3. Aufl. Bd. 1. Das Wort. Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. MetzlerRömer, C.Christine Römer (2006). Morphologie der deutschen Sprache. UTB 2811. Tübingen, Basel: A. Francke Verlag
Zum syntaktischen Wort:Sternefeld, W.Wolfgang Sternefeld (2006). Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. Bd. 1. Tübingen: Stauffenburg Verlag, Kap. 1
Zum semantisch-pragmatischen Wort:Pafel, J.Reich, I.Jürgen Pafel und Ingo Reich (2016). Einführung in die Semantik. Grundlagen – Analysen – Theorien. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, Kap. 1Ehrhardt, C.Heringer, H. J.Claus Ehrhardt und Hans Jürgen Heringer (2011). Pragmatik. Paderborn: Wilhelm FinkFinkbeiner, R.Rita Finkbeiner, Hrsg. (2015). Einführung in die Pragmatik. Darmstadt: WBG, Kap. 4.1
2.13
Übungsaufgaben
1 Das Bessere ist der Feind des Guten. Welche sprachlichen Einheiten in obigem geflügelten Wort haben prototypischen Wortcharakter?Welche sprachlichen Einheiten sind nicht auf allen Sprachsystemebenen Wörter? Begründen Sie Ihre Entscheidungen.
2 Welche Prinzipien liegen der deutschen Getrennt- und Zusammenschreibung zugrunde? Informieren Sie sich bei Fuhrhop/Buchmann (2015, Abschnitt 2.2).
3 Charakterisieren Sie die performativen Verben (taufen und verurteilen) hinsichtlich ihres pragmatischen Wortcharakters. Informieren Sie sich dazu über performative Verben in einem linguistischen Wörterbuch.
3 Komplexe Wörter
3.1 Charakterisierung der komplexen Wörter Wörter;komplexe
Komplexe Wörter werden von Simplizia unterschieden. Simplizische Wörter (wie blau und Tisch) werden auch als einfach charakterisiert, da sie nur aus einer sinnhaltigen Komponente bestehen und deshalb nicht weiter zerlegbar sind. Komplexe Wörter (wie Tische und Tischbein) haben dagegen prototypisch mindestens zwei sinnhaltige Bestandteile. Die Sinnhaltigkeit der Wörter im Deutschen zeigt sich darin, dass sie minimale freie Formen sind,1 d.h. sie können allein an einer andere Stelle im Text auftreten.
Nach dieser Definition ist das Wort Tische morphologisch komplex, da es aus zwei minimalen Einheiten besteht: Tischder lexikalischen Basis Tisch und dem grammatischen Pluralmarker e. Letzterer kann auch an anderen Wörtern als Pluralmarker auftreten (Stühle). Tischbein ist auch morphologisch komplex: Es ist eine Wortzusammensetzung (Wortbildung) aus zwei minimalen Einheiten, den Wörtern Tisch und Bein (‘Bein vom Tisch’). Wohnzimmerschrank ist eine Verbindung des komplexen Wortes Wohnzimmer (‘Zimmer zum Wohnen’) mit dem einfachen Wort Schrank. Und Wohnzimmerschrankwand ist eine feste Verknüpfung von zwei komplexen Wörtern: ‘eine Schrankwand fürs Wohnzimmer’.
Wörter können also zum einen komplex werden, wenn sie mit einer minimalen Einheit mit grammatischer oder wortbildender Funktion2 (wie bei Tischler) kombiniert werden. Zum anderen werden sie komplex, wenn sie sich mit anderen Wörtern verbinden. Lyons (1983, S. 141) bezeichnet erstere als „komplexe Lexeme“ (Derivationen) und letztere als „zusammengesetzte Lexeme“ (Kompositionen). LexemkomplexLexemzusammengesetzt
Mittels der Methode der Segmentierung werden die komplexen Wörter identifiziert. Die kompetenten Sprecher und Hörer werden aufgrund ihres lexikalischen Wissens unbewusst, ohne große kognitive Anstrengung, das Wort Tische in die zwei Komponenten Tisch und e und nicht in Tis und che zerlegen. Diese Fähigkeit setzt jedoch bei den lexikalisierten komplexen Wörtern morphologische und semantische Transparenz voraus. Ein produktives Bildungsmuster, die Morphemstruktur und die Bedeutung der Wortkonstituenten muss also erkennbar sein. Wenn die Transparenz im Verlaufe der Wortentwicklung verloren gegangen ist, spricht man von Demotivierung bzw. Idiomatisierung oder Bedeutungsisolierung. Bei dem Wort blaumachen (‘schwänzen’) blaumachenist die morphologische Transparenz vorhanden, jedoch die Bedeutung kann nicht mehr aus den Komponenten ermittelt werden3, sie muss als Ganzes erlernt werden. Im wörtlichen Sinn bedeutet es ‘blau färben’, das der empfohlenen Rechtschreibung nach getrennt geschrieben wird.
Die Übergänge zwischen morphosemantisch transparent und nicht transparent sind fließend. Dies wird in der Wissenschaft u.a. mit dem „Vorschlag einer Skala morphosemantischer Transparenz“ beschrieben (Galèas, 2003, S. 287). Usuelle komplexe Wörter sind mehr oder weniger lexikalisiert; die Motivierung eines Wortes lässt nach und verschwindet. Bei völliger Lexikalisierung geht die Möglichkeit der KompositionalitätStufenKompositionalität und damit die Transparenz verloren, da eine kompositionale Dekodierung nicht möglich ist. Galèas (2003) unterscheidet sieben Stufen der morphologischen Transparenz: Sie reichen von völliger Kompositionalität, bei der die Bedeutungen der Teile im komplexen Wort nicht verändert wurden, wie bei Haustür, bis zur totalen Suppletion, wenn keine Ableitung nach den allgemeinen phonologischen oder morphologischen Regeln möglich ist, wie bei engl. go – went oder dt. sein – bin – war. (Nübling, 1999, S. 78)
Falschsegmentierungen von transparenten Wörtern treten in der Sprachverwendung auch bei Muttersprachlern auf. Beispielsweise bei Ambiguitäten wie in dem Satz: Im Umschlag ist ein Druckerzeugnis. Zu Druckerzeugnis existieren die Lesarten ‘Druck-Erzeugnis’ oder ‘Drucker-Zeugnis’ (siehe weiter dazu Römer, 2009) Römer, C.oder bei „wenig vertrauten fremdsprachlichen Entlehnungen.“ marode(Plank, 1981, S. 68) Dies ist beispielsweise bei dem aus dem Französischen entlehnten Adjektiv marode der Fall, das „letztlich auf frz. maraud ‘Vagabund, Bettler, Lump, schlechter Kerl’ zurück“ geht. (Pfeifer, 1989, Bd. 2, S. 1066) Komplexe Fremdwörter werden am Beginn ihres Auftretens häufig als Simplizia wahrgenommen: „Wiederholen sie sich mit immer den gleichen Affixgruppen, können wir die Fremdaffixe langsam als eigenständige Morpheme erkennen, und wir zerlegen die Fremdwörter nachträglich in ihre morphologischen Bestandteile, das heißt, wir realisieren die Form.“ (Elsen, 2014, Kap. 9.2)
3.2 Arten von komplexen Wörtern Wörter;komplexe;Arten
In der Literatur haben sich verschiedene Blickwinkel auf die Differenzierung komplexer Wörter etabliert.
Zum einen werden sie nach der Produktivität der Wortbildung differenziert: Jene, „die durch produktive Prozesse gebildet werden und daher morphosyntaktisch und semantisch regelmäßig sind.“ Andere, „die zwar morphologisch komplex sind, aber entweder nicht auf allen Ebenen kompositionell sind oder keinem produktiven Muster angehören.“ (Schmid u.a., 2001, S. 2) Es kann also nicht strikt unterschieden werden in regelbasiert gebildete und nicht regelbasierte komplexe Wörter, weil es Übergangserscheinungen gibt.
Ein anderes Kriterium ist, ob historisch komplexe Wörter transparent sind, ob sie synchron noch in Komponenten zerlegt werden können. Wenn dies nicht der Fall ist, werden sie als Simplizia im Lexikon gespeichert. (Schmid u.a., 2001, a.a.O.) Während Wasserglas ohne Probleme in die Konstituenten Glas und Wasser (‘Glas für Wasser’) zerlegt werden kann, ist dies bei Kleinod (‘Kostbarkeit’) nicht der Fall, da es in der Gegenwartssprache keine Minimaleinheit Od gibt. UsualitätDie komplexen Wörter werden auch hinsichtlich der Usualität (Üblichkeit) differenziert. Man unterscheidet usuelle von okkasionellen, beispielsweise bei Bhatt (1991, S. 27). Bhatt, C.In dem nachfolgenden Beispiel ist das Wort Superreiche enthalten, das ein usuelles komplexes Wort ist. Die Schöpfung (Geldver-)Mähren wird sicher okkasionell (nicht usuell) bleiben und nicht in den deutschen Wortschatz eingehen.
[…] würden wir gern wissen, um wen es sich bei den vier anderen Superreichen aus Böhmen und (Geldver-)Mähren handelt […]1
Neben den morphologisch-semantisch komplexen Wörtern können phonologisch komplexe Wörter bestimmt werden. SpracheGliederungdoppelteDie menschliche Sprache ist doppelt gegliedert, d.h. neben einer inhaltlichen Strukturierung ist auch eine rhythmische Organisation vorhanden. Während die Morpheme die inhaltlichen Grundeinheiten sind, die es ermöglichen, auch bisher unbekannte Wörter zu interpretieren, bilden die Silben auf der Ausdrucksebene die Sprechgrundeinheiten, da sie sich auf einen Zug aussprechen lassen. Sie bilden sich unabhängig von ihrer Bedeutung. Das Wissen um sie, ermöglicht es, auch bei neuen Wörtern eine Resilbifizierung vorzunehmen. Außerdem sind sie maßgeblich für die deutsche Worttrennung am Zeilenende (Silbentrennung). Im Deutschen ist die Morphemstruktur mit der Silbenstruktur häufig nicht übereinstimmend, beispielsweise bei biegen (bieg+en [bi:.gən]) (genauer in Römer und Voß, 2010). Römer, C.Voß, H.
Hinsichtlich der rhythmischen Wortstruktur sind einsilbige von den mehrsilbigen (silbig komplexen) Wörtern zu unterscheiden, Beispiele nachfolgend:
Baum, Maus, … = einsilbig
ha-ben, Mie-te … = zweisilbig
ein-tei-len, Schluss-leuch-te … = dreisilbig
Tret-boot-ver-leih, Ze-bra-strei-fen … = viersilbig
Cha-rak-te-ris-tik, Pup-pen-the-a-ter …= fünfsilbig
…
Zusammenfassend unterscheiden wir nach unterschiedlichen Kriterien (Transparenz, Wort- und Wortformenbildung, Lexikalisierung, Silbigkeit) synchron folgende Arten von komplexen Wörtern (KW):
1 morpho-semantisch transparente KW
2 eingeschränkt kompositionell transparente KW
3 KW mit derivationellen Wortbildungsmarkern
4 zusammengesetzte Bildungen KW
5 usuelle KW
6 okkasionelle KW (Augenblicksbildungen)
7 phonologisch KW (Mehrsilber) Wörter;komplexe
3.3 Wortbildung Wortbildung
3.3.1 Funktion der Wortbildung WortbildungFunktion
Der Wortschatz ist ein dynamisches System, das sich in ständiger Veränderung befindet. Ein Aspekt dabei ist die potentiell unbegrenzte Wortschatzerweiterung durch die Bildung neuer Wörter. Dabei werden unter Zuhilfenahme des vorhandenen Sprachmaterials neue Wörter (= Wortbildungen) geschaffen. Die Bildung neuer Wörter erfolgt auch in Analogie zu den vorhandenen, beispielsweise Hausfrau > Hausmann, rauchen > dampfen. Die Wortbildungslehre, ein Teilgebiet der Morphologie, hat aus der Analyse der vorhandenen Wörter „Normen“ für das Bilden von Wörtern abgeleitet.
Die Bildung von komplexen Wörtern schließt Bezeichnungslücken und eröffnet die Möglichkeit Texte zu verdichten, indem aus syntaktischen Fügungen kürzere Wörter werden, beispielsweise Der Pullover kann gewaschen werden, er ist waschbar. Die Komprimierung wird oft bei der Komposition übertrieben. Es entstehen dann sogenannte besonders lange Bandwurmwörter Bandwurmwortwie Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung.
(Zu dem Sprachwissen, das wir uns aneignen, gehört auch) ein Wissen um die Funktionalität der Wortbildung. Da es keine einfache Funktionszuordnung gibt, haben Wortbildungen, je nach den Textteilen, in denen sie vorkommen, und je nach der stilistischen Intention des Textes, einen unterschiedlichen Platz, und bedingt auch die Präferenz für unterschiedliche bzw. auch unterschiedlich auffällige Bildungen.
(Eichinger, 2012, S. 30)
Das oben angeführte Bandwurmwort ist stilistisch eindeutig als Wort aus der Rechtssprache erkennbar und für die Alltagssprache nicht geeignet. Die morphologisch inkorrekte Wendung Hier werden sie geholfen wurde in der Werbesprache sehr bekannt, da dort Auffälligkeit ein Merkmal ist. In anderen Textsorten wird sie als Bildungsdefizit angesehen. Wie in Römer (2012) dargestellt, gibt es für Werbetexte spezielle Wortschatzgruppen. Beispielsweise treten Hochwertwörter wie biologisch oder fair oftmals auf fair(Beispiel in 3.0), diese gehen dann in dieser Textsorte auch häufig in Wortbildungen ein.
| (3.0.) | Biomineralwasser; biologisch-dynamische Präparate; Bio-Spiral. Der rein biologische Abflussreiniger Fairness im Handel; Fair Fashion; Unter dem Motto „Fairer Wein – Qualität und Genuss“ hatten die Fairtrade-Stadt Homburg und der Fairtrade-Kreis Saarpfalz … |
3.3.2 Typen, Muster und Regeln
Bezüglich der Regelhaftigkeit der Wortbildung kann man zwischen Typen, Mustern und Regeln unterscheiden (ausführlicher in Römer, 2015):
Die Wortbildungstypen sind die grundlegenden Verfahren, die nach der Art der verwendeten Bestandteile differenziert werden. In der Regel unterscheidet man für die deutsche Sprache die Komposition (Wortzusammensetzungen) und Derivation (Wortableitungen). Manche, wie Donalies (2007), nehmen noch die Kurzwortbildung als dritten Typ an. Andere sehen sie als Sondertyp an. WortbildungTypen
Wortbildungsmuster knüpfen an die Typen an und subklassifizieren und charakterisieren diese weiter entsprechend dem morpho-syntaktischen, morpho-phonologischen und/oder morpho-semantischen Status der Bestandteile. Aufgrund dieser Status-Beschreibungen werden mögliche Wortbildungen vorhergesagt. WortbildungMuster
Als eine Form der produktiven Muster werden auch kognitiv verankerte morpho-syntaktische Schablonen (Konstruktionen) im Rahmen der Konstruktionsgrammatik angesehen. „Konstruktionen Im Rahmen dieser Grammatikkonzeption bestehen Konstruktionen für komplexe Wörter entweder aus freien oder aber zum Teil bereits gefüllten Slots.“ (Michel, 2014, S. 2) Nach dieser Theorie treten Affixe im Gegensatz zu Wörtern nur innerhalb von Konstruktionen auf und sind an komplexere Einheiten gebunden (siehe weiter Michel, 2014, Kap. 4.2). Michel, S.Konstruktionsgrammatik
Beispielsweise kann man für das sehr produktive Suffix -er, das mehrdeutig ist, für die explizite Substantivableitung (Nomen Agentis) von verbalen Wortgruppen (Fliesen legen → Fliesenleger, Ofensetzer, Dachdecker …) ein spezielles Konstruktionsmuster annehmen und wie nachfolgend veranschaulichen (Abbildung 3.1). Für Nomina agentis gibt es viele konkurrierende Ableitungssuffixe, beispielsweise -ler (Tischler) -ner (Schaffner) oder -e (Putze). Diese müssten dann nach der Annahme eigene Schemata erhalten.
In dem ersten, allgemeinen Schema haben wir einen leeren Slot für Verbphrasen (VP); in dem zweiten, speziellen ist dieser ausgefüllt.

Abbildung 3.1: -er-Derivationsschema
WortbildungRegeln Wortbildungsregeln sind dynamisch, rekursiv (mehrfach an einem Objekt anwendbar) und werden als kreative, implizite Elemente des menschlichen Sprachvermögens angesehen. Sie sind aus den Mustern ableitbar, jedoch auf den Erzeugungsprozess orientiert. Die Derivationsregeln sind danach „Regeln, die ein neues Wort aus alten Wörtern bilden.“ (Pinker, 2000, S. 38) Die Kompositionsregeln bilden die „Zusammenfügung von Wörtern bzw. Wortstämmen zu einem neuen Wort“ ab. (Sternefeld, 2006, S. 4) Sternefeld, W.Die Anwendung der Wortbildungsregeln unterliegt Restriktionen, die ihre Anwendungen verhindern können.
Neben Regeln werden auch abstrakte, allgemeine Prinzipien angenommen, die erklärende Funktionen haben. PrinzipFregeSo nimmt man für Bedeutungsbeschreibungen ein semantisches Kompositionalitätsprinzip (auch „Frege-Prinzip“) an. Dies besagt, dass sich die Bedeutungen komplexer Ausdrücke aus den Bedeutungen der Bestandteile und der Art, wie sie zusammengefügt sind, ergeben. Beispielsweise ergeben sich die Gesamtbedeutungen der Adjektivkomposita (wie dunkelblond und schwarz-rot gestreift) aus den Bedeutungen der Teile und aus den Strukturtypen der Zusammenfügung: dunkelblond ist eine determinative Komposition, der zweite Teil bestimmt den ersten; schwarz-rot ist dagegen eine kopulative Fügung, was durch den Bindestrich signalisiert wird.
Ein anderes relevantes Prinzip ist das strukturelle Kopfprinzip. PrinzipKopf-Es erklärt u.a. die Tatsache, dass nicht alle an den Bildungen komplexer Wörter beteiligten Teile „gleichberechtigt“ sind. Ein Bestandteil, der Kopf (engl. head), legt die grammatischen und semantischen Grundeigenschaften des Gesamtwortes fest. Wenn man giftgrün mit Rattengift vergleicht, so sieht man, dass giftgrün ein Adjektiv ist, da das Gesamtwort vom zweiten Teil, der Kopfkonstituente, diese Eigenschaft übernommen hat. Rattengift ist dagegen ein Substantiv, weil Gift hier die Kopfkonstituente ist. In der deutschen Sprache sind die komplexen Wörter in der Regel rechtsköpfig. (Zwicky, 1985)
Zentrale Aufgabe der Wortbildungs(lehre) ist es, zu beschreiben, was ein mögliches Wort einer Sprache (z.B. der deutschen) ist, d.h. welche Wörter bzw. Wortbestandteile (z.B. Affixe) wie miteinander kombiniert werden können, und welche regelmäßigen Beziehungen es zwischen der Bedeutung des komplexen Wortes gibt. Man kann sich für den jetzigen Bestand von Wortbildungsprozessen interessieren (synchrone Wortbildung), man kann auch untersuchen, wann bestimmte komplexe Wörter wie entstanden sind, welcher Herkunft die Wortbildungs-Affixe sind, wie produktiv bestimmte Wortbildungsprozesse waren usw. (diachrone Wortbildung). (Clément, 1996, S. 38) Clément, D.
Einen kompakten Überblick findet man im Teil Wortbildung der Dudengrammatik. (Wöllstein und Dudenredaktion, 2016)
3.3.3 Kompositionen WortbildungKompositionen
Die meisten komplexen Wörter sind im Deutschen Komposita (Wortzusammenfügungen). Mindestens zwei Wörter bzw. frei vorkommende Morpheme werden zu einem neuen Wort fest zusammengefügt, das zusammengeschrieben wird. Bei der Vereinigung von mehr als drei Wörtern kann trotzdem eine binäre Gliederung (mit Ausnahme der Kopulakomposita) festgestellt werden, wobei die Teile in dem Verhältnis der Über- und Unterordnung stehen, was das Verständnis erleichtert. In der Abbildung 3.2 wird dies mittels eines Konstituentenbaumes veranschaulicht. Konstituentenstruktur

Abbildung 3.2: Konstituentenstrukturbaum
Bahnhof wurde mit Güter zu Güterbahnhof verbunden; Bahnhof entstand aus der Verbindung der Wörter Bahn und Hof. In der Regel ist die zweite unmittelbare Konstituente das Hauptwort, dies wird auch durch eine Transformation in eine Wortgruppe deutlich: Güterbahnhof → Bahnhof für Güter; Bahnhof → Hof für die Bahn. Dieses Hauptwort bestimmt auch die grammatischen Eigenschaften des entstandenen Kompositums (Wortart, Genus, Flexion): das Gut/die Güter + der Bahnhof → der Güterbahnhof. Wie bei der Zusammensetzung Bahnhof augenfällig ist, ist die Gesamtbedeutung des Kompositums keine einfache Zusammenfügung der Bedeutungen der Teilwörter. Dieser Prozess wird auch als Univerbierung bezeichnet (siehe weiter Römer, 2017). Bei der Zusammenfügung der Wörter werden oft Fugenelemente an der „Nahtstelle“ eingefügt (Landsmann); siehe dazu Fuhrhop (1996). Es fallen aber auch Wortteile weg (Sprachwissenschaft < Wissenschaft über Sprachen).
„Als Grundtypen der Wortzusammensetzung werden gewöhnlich Determinativ-, Possesiv- und Kopulativkomposita angesehen, wobei vor allem substantivische Determinativkomposita von vielen Autoren als Prototyp betrachtet werden.“ (Klos, 2011, S. 13) Die Zusammenrückung hinzufügend, sollen diese Grundtypen der Komposition jetzt kurz charakterisiert werden. Auf die Untertypen wird hier nicht eingegangen. Determinativkompositum
Determinativkomposita (DK)
Der Terminus DK bezeichnet die Haupteigenschaft dieser Bildungen: Die erste unmittelbare Konstituente (Bestimmungswort) modifiziert die zweite (Grundwort) und benennt damit eine Untermenge, wie in der Abbildung 3.3, wo Sturm modifiziert wird. Sturm

Abbildung 3.3: Determinativkomposition
Possesivkomposita (PK) Possesivkompositum
Bei den PK liegt auch ein determinatives Verhältnis zwischen den unmittelbaren Konstituenten der Komposita vor. Das bezeichnete Objekt wird jedoch nicht vom Grundwort benannt, es befindet sich außerhalb, wie bei Rotkehlchen: ‘ein Vogel mit rotem Kehlchen’. Deshalb werden die PK auch exozentrische Komposita genannt. Rotkehlchen
Kopulativkomposita (KK) Kopulativkompositum
Die KK, die relativ selten vorkommen, werden auch als Reihenwort bezeichnet, weil deren Glieder (unmittelbare Konstituenten) gleichgeordnet sind. Eine Speise wird als süßsauer charakterisiert, weil sie süß und sauer schmeckt; das Wetter als nasskalt, wenn es nass und kalt ist; die deutsche Fahne ist schwarz-rot-gold (schwarz + rot + gold) gestreift. schwatz-rot-gold
Zusammenrückungen (ZR) Zusammenrückung
Bei ZR wird eine freie semantisch zusammenhängende Wortgruppe ohne weitere Wortbildungsmittel zu einem Wort zusammengerückt, an dem das Syntagma zu erkennen ist (Gernegroß, Stelldichein, zugunsten). WortbildungKompositionen
3.3.4 Derivationen WortbildungDerivationen
Explizite Ableitungen Ableitungexplizit
Während bei der Komposition vorhandene Wörter zu neuen, komplexen Wörtern verbunden werden, findet bei der expliziten Ableitung (Derivation) die Schaffung neuer, komplexer Wörter durch Ableitung mittels Wortbildungsmorphemen statt. Nach der Stellung im Morphemgefüge werden sie unterteilt:
SuffigierungenAm häufigsten erfolgen Ableitungen durch das Anfügen von Suffixen (wie waschen > waschbar); dieser Prozess wird als Suffigierung bezeichnet. Suffigierung
Präfigierungen PräfigierungWenn ein Präfix vor die Ausgangsbasis tritt, spricht man von einer Präfigierung (Sinn > Unsinn). Während das Suffix meist die Wortart der Basis ändert, ist dies bei der Präfigierung nicht der Fall.
Kombinatorische Derivate DerivationkombinatorischeBei der kombinatorischen Derivation treten gleichzeitig ein Präfix und ein Suffix an das Ausgangswort, dies nennt man Zirkumfix. ZirkumfixEs stellt sich um die Basis herum (lehren > ge-lehr-ig).
Implizite Ableitungen Derivationimplizite
Neben der expliziten Derivation steht die implizite Derivation als Wortbildungsmuster zur Verfügung. Diese impliziten Ableitungen von vorhandenen Wörtern erfolgen jedoch nicht mit zusätzlichem sichtbaren Wortbildungsmaterial, weshalb es nicht zu komplexeren Wörtern führt. Diese impliziten Ableitungsprozesse erfolgen vielmehr durch:
Rückbildungen (V → N : laufen > der Lauf),
innere Ableitungen (V → N : trinken > der Trank; A → V : weit > weiten),
Konversionen (V → N : essen > das Essen). KonversionWortbildungDerivationen
3.3.5 Reduktionen Reduktion
Durch Reduktionen werden auch neue Wörter gebildet, die jedoch nicht komplexer werden. Beim Kurzwort wird eine Langform gekürzt (Navigationsgerät → Navi), die neben der Langform aber ein eigenständiges Lexikonelement ist, siehe weiter Kapitel 9.3.1 in diesem Studienbuch. Wortkreuzungen (auch Blending, Kontamination, Kofferwort) sind auch Reduktionen (Besserwisser + Wessi → Besserwessi), jedoch keine Kurzwörter, da sie keine Vollformen besitzen.
3.4 Beschränkungen für die Bildung komplexer Wörter WortbildungBeschränkungen
Die Bildung neuer Wörter erfolgt nicht willkürlich, sondern ist regelbasiert. Die Regeln leiten sich weitgehend vom vorhandenen Wortschatz ab. Die Produktivität der Wortbildung ist Veränderungen unterworfen. Zu bestimmten Zeiten erfreuen sich spezielle Regeln besonderer Beliebtheit und andere werden unproduktiv. Die Sprachwandelforschung versucht für Zeiträume nicht nur die aktuellen Regelmäßigkeiten zu ermitteln, sie ist auch an den regelhaften Beschränkungen interessiert.
Man kann folgendes Schema der Wortbildungskomponenten annehmen (Abbildung 3.4):
Abbildung 3.4:
Komponenten der Wortbildung
Die Wortbildungsregeln für die übliche Interpretation und Bildung komplexer Wörter beinhalten Beschränkungen, die man in Input- und Outputbeschränkungen unterteilt. Die Inputbeschränkungen beziehen sich auf die in Frage kommenden Basen, die Outputbeschränkungen auf die möglichen bzw. unmöglichen Lesarten des gebildeten Wortes. Die Beschränkungen sind spezifisch für die Wortebenen. So existieren neben den grammatischen Beschränkungen (phonologische, morphologische, syntaktische, semantische) auch pragmatische. Letztere liegen beispielsweise vor, wenn Wortbildungsmuster auf bestimmte Textsorten festgelegt sind, „an Erfahrungen mit vergleichbaren Textsorten gebunden“ sind. (Fleischer und Barz, 1995, S. 80)
Neue Bildungen werden auch von vorhandenen Wörtern blockiert (=lexikalische Beschränkungen). So ist es ein übliches Verfahren mit dem Suffix -er von Verben die Bezeichnung von Handlungsträgern abzuleiten (Nomina agentis), wie rauchen > Raucher oder kaufen > Käufer. Die Bildung Kocher, jemand, der kocht, ist durch das vorhandene Wort Kocher, ‘Gerät zum Kochen’ blockiert. Mit dem Suffix -er können nämlich u.a. auch Geräte benannt werden (Nomina instrumenti). Neben der Outputbeschränkung, die die neue lexikalische Lesart von Kocher verhindert, existiert für das Suffix -er die Inputbeschränkung, dass folglich simplizische Verbbasen vor komplexen Verben bevorzugt werden. (Lohde, 2006, S. 94) Lohde, M.
Eine pragmatische Beschränkung beinhaltet das Suffix -i, das in der gegenwärtigen Jugendsprache für die emphatische Bezeichnung von Personen Verwendung findet: Basti ‘beste Freundin’1, Assi, Blödi, Geppi, Horni, Mopsi, Puschi, Schlongi, Spasti, Ziggi2. In der aktuellen Jugendsprache wird das überlieferte, veraltete Suffix i, das zur Bildung von Verkleinerungsformen und für Kosewortbildungen Verwendung fand, mit neuer Bedeutung wieder aktiviert. Während es in der Vergangenheit eine wohlwollende Zuneigung zur bezeichneten Person ausdrückte (Duden-Grammatik, 2009, S. 737), dient es jetzt auch dazu, negative Einstellungen auszudrücken, wie bei Assi oder Spasti. Es hat also eine Bedeutungserweiterung erfahren.
3.5
Literaturhinweise
Sternefeld, W.Wolfgang Sternefeld (2006). Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. Bd. 1. Tübingen: Stauffenburg Verlag, Kap. 1 Wörter
Klos, V.Verena Klos (2011). Komposition und Kompositionalität. Berlin, New York: Walter de Gruyter, Kap. 4.4 Bedeutungen von komplexen Wörtern
Donalies, E.Elke Donalies (2011). Wortbildung im Deutschen. 2. Aufl. Tübingen: Gunter Narr Verlag
3.6
Übungsaufgaben
Ja, der schriftliche Austausch erlebt eine Renaissance, zumindest auf elektronischem Weg. Man könnte gar behaupten: Noch nie ist so viel getextet worden wie jetzt – in den letzten hundert Jahren aber auch noch nie so fehlerreich und liederlich, keineswegs nur im Privaten.
Dass in der Oberstufe fehlerhafter geschrieben wird als noch vor zehn Jahren, ist angesichts verbreiteter Klagen aus dem Lehrkörper kaum zu bestreiten. An den Hochschulen sieht es nicht viel besser aus.
(NZZ; www.nzz.ch/schweiz/ 1317484)
1 Ermitteln Sie die morpho-semantisch komplexen Wörter in dem obigen Text und segmentieren Sie diese.
2 Bestimmen Sie die morpho-semantisch komplexen Substantive aus dem Text hinsichtlich der Transparenz und Wortbildungsart.
3 Zeichnen Sie den Konstituentenstrukturbaum von fehlerhaft.
4 Informieren Sie sich darüber, was Rektionskomposita sind.
4 Feste Fügungen
4.1 Verfestigte lexikalische Einheiten
Neben den Wörtern haben wir im mentalen Lexikon auch „vorgefertigte lexikalische Chunks, kookkurrierende Ausdrücke und verfestigte Mehrwortlexeme. Solche Einheiten werden als „Bausteine“ abgerufen und eingesetzt, weil sie effizient zum Lösen kommunikativer Aufgaben beitragen.“ (Steyer, 2018, Vorwort, S. 7) Diese verfestigten Wortverbindungen sind im Lexikon genauso verankert wie die Wörter. Die linguistische Kerndisziplin für die Beschreibung der verfestigten Ausdrücke ist die Phraseologie.
Der Terminus Chunk (Muster) stammt aus der Psychologie und bezeichnet wortübergreifende Speichereinheiten bei Lernprozessen. Chunk
…a list of exceptional phenomena contains things that are larger than words, which are like words in that they have to be learned separately as individual whole facts. (Fillmore, Kay und O’Conner, 1988, S. 504)
In der Psycholinguistik werden damit in einem weiteren Sinne Wörter gemeint, die eine sinnvolle Einheit, eine Wortphrase (kookkurrierende, gemeinsam auftretende, Ausdrücke), bilden, wie das Idiom etwas ausbaden müssen oder die Routineformel Mach’s gut!.
Neben lexikalisierten Wortverbindungen werden abstrakte Konstruktionsmuster als Lexikonbestandteile angenommen: „Die Natur der Ausfüllungen derartiger Muster ist primär funktional restringiert und regelbasiert kaum vorhersagbar. Korpuslinguistische Methoden ermöglichen es nun, sprachliche Massendaten systematisch auszuwerten und so Verfestigungsprozesse und Musterbildungen zu rekonstruieren.“ (Steyer, 2018, a.a.O.) Steyer, K.
Im Rahmen der Grammatiktheorie ist es die Konstruktionsgrammatik, Konstruktionsgrammatikdie die Konstruktionen primär aus dem kognitiv-semiotischen Blickwinkel analysiert. (Siehe weiter Ziem und Lasch, 2013). In diesem Grammatikrahmen interessiert man sich besonders für die strukturellen Phraseologismen, die in jüngerer Zeit dadurch mehr ins Zentrum der phraseologischen Forschung gerückt sind. Ziem und Lasch (2013, S. 152) Ziem, A.Lasch, A.sehen die Phraseologismen als Paradebeispiel für Konstruktionen (lexikalisch geprägte Muster) an.
4.2 Phraseologismen Phraseologismus
4.2.1 Merkmale PhraseologismusMerkmale
Wie oben ausgeführt werden als Lexikonelemente neben den Wörtern auch lexikalisierte polylexikalische Zeichen angenommen, die aus mindestens zwei Wörtern bestehen. Diese werden traditionell Phraseologismen genannt, oft wird auch der Terminus Phraseme verwendet. Manche nehmen auch einen differierenden Inhalt zwischen den beiden Termini an (wie Farō, 2015). Auch in diesem Studienbuch soll Phraseologismus als Oberbegriff für Phrasemalle Arten einer lexikalisierten Wortverbindung verwendet werden. Der antonymische Terminus ist freie Wortverbindung.
Als Merkmale von Phraseologismen führt Fleischer (1983, S. 307)Fleischer, W., einer der Begründer der Phraseologie, folgende Charakteristika an:
Ihr besonderer Charakter als feste Wortverbindungen ergibt sich vor allem aus ihrer (semantischen) Idiomatizität und ihrer (semantisch-syntaktischen) Stabilität. Damit zusammen hängt ihre Speicherung (Lexikalisierung) als lexikalische Einheit, die bei Lexikalisierungder Textgestaltung reproduziert wird.
Burger (2015) Burger, H.hebt Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität hervor, und Nunberg, Sag und Wasow (1994) Nunberg, G.Sag, I. A.Wassow, T.betonen „conventionality, inflexibility, figuration, proverbiality, and affect.“ Donalies (2009) nimmt analog zu den zitierten Autoren für die „Phraseme“ Phrasemdie Eigenheiten Polylexikalität, syntaktische Wiederholbarkeit / Reproduzierbarkeit und die Möglichkeit der Idiomatizität an.
Aus grammatischer Sicht sind Phraseologismen also Wortverbindungen, die den Sprechern des Deutschen bekannt sind und Standardverwendungen repräsentieren (Konventionalität). Sie sind wie Wörter feste Bestandteile des Lexikons (Festigkeit) und haben obligatorisch die Merkmale der Polylexikalität und Lexikalisierung. Eine größere Gruppe trägt außerdem das Merkmal der Metakommunikativität. Phraseologismen (Idiome) sind häufig bildhaft und haben bewertenden Charakter und werden deshalb gern in der mündlichen Sprache verwendet.
Phonetisch-grafisches Merkmal der Polylexikalität
Phraseologismen Polylexikalitätumfassen mehrere Wörter, mindestens zwei und maximal einen Satz. Es werden deshalb Phraseologismen mit Wortgruppen- (4.0a) und Satzstruktur (4.0b) unterschieden. Frosch
| (4.0) | a. Wie ein geprellter Frosch (daliegen) b. Sei kein Frosch! |
Ausgeschlossen werden so, die orthografisch usuellen Einwortidiome wie
| (4.1) | Gernegroß, sich großtun, Damoklesschwert |
Da der orthografische Usus nach Meinung mancher mehr zufälliger Natur ist, nehmen sie idiomatische Wortbildungskonstruktionen mit in das Phraseolexikon auf. Nicht alle Autoren sind sich darüber einig, ob Phraseologismen mindestens ein Autosemantikon beinhalten müssen. Diejenigen, die das annehmen (z.B. W. Fleischer), schließen deshalb Verbindungen, die nur aus Synsemantika bestehen (wie in (4.2)), aus.
| (4.2) | entweder … oder, so dass, ohne dass, als ob |
Semantisches Merkmal der Lexikalisierung
Die Bedeutung Lexikalisierungeines Phraseologismus bildet eine feste Einheit, die durch eine Bedeutungsvereinigung der Wörter, aus denen dieser besteht, entstanden ist. Dabei kann die Bedeutungsverschmelzung der Komponenten lose oder fest, idiomatisch, teilidiomatisch oder wörtlich sein. Sowohl die Bedeutungsverschmelzung als auch die Idiomatizität ist eine graduelle Erscheinung.
Lose Verschmelzungen der Komponenten kommen durch usuellen Gebrauch, die häufige gemeinsame Verwendung zustande. Die Wörter dieser losen Wortverbindungen sind aber nur in geringem Maße zu einer Bedeutungseinheit geworden. Dass eine gewisse Verschmelzung vorhanden ist, zeigt sich in der Aufhebung der Mehrdeutigkeit der einzelnen Konstituenten. Ein spezielles Semem wird durch die Kontextpartner in der Konstruktion fixiert. Beispielsweise wird in den Wendungen mit zivil in (4.3) ein Semem mit positiver Wertungskomponente fixiert, das sich von dem Semem ‘gesittet’ bei zivilisiert ableitet. Das Semem ‘modern’ von zivilisiert wird unterdrückt.
| (4.3) | ziviler Ungehorsam, zivile Preise |
Bei den losen Verschmelzungen lässt sich aber die Gesamtbedeutung noch kompositionell aus den Gliedern erschließen.
Feste Verschmelzungen liegen vor, wenn keine kompositionelle Bedeutungserschließung erfolgen kann. Dies haben wir besonders auffällig bei bildhaften Wendungen wie in (4.4a) oder bei Konstruktionen mit unikalen Komponenten1 wie in (4.4b).
| (4.4) | a. unter dem Pantoffel stehen b. Maulaffen feilhalten |
Nicht idiomatische Phraseologismen sind die strukturellen Phraseologismen Phraseologismusnicht idiomatischerwie im Beispiel (4.5), die Relationen zwischen Größen anzeigen.
| (4.5) | in Bezug auf, sowohl … als auch |
Auch die Kollokationen in (4.6) gehören zu dieser Gruppe.
| (4.6) | Wäsche waschen, einen Vertrag abschließen |
Idiomatische Phraseologismen sind PhraseologismusidiomatischerWortverbindungen, bei denen die Gesamtbedeutungen nicht direkt aus den Bedeutungen der Einzelelemente ableitbar sind. So ist für die umgangssprachliche Wortverbindung (4.7) die Gesamtbedeutung ‘vor Überraschung einfältig aussehen’ nicht kompositionell aus den Wortbedeutungen der Komponenten herstellbar.
| (4.7) | dumm aus der Wäsche gucken |
Auch bei der Idiomatizität Idiomatizitätmuss betont werden, dass es sich um ein graduelles Phänomen handelt. So können die Idiome noch durchsichtig sein, d.h. sie können noch motiviert werden, wie in (4.8).
| (4.8) | Dabei ist Johannes B. Kerner fast so nett wie ein Schaulustiger, der vorbeikommt, wenn Brandstifter einem das Haus angezündet haben, Öl ins Feuer gießt, einem dann anteilnehmend auf die Schulter klopft und kopfschüttelnd fragt, was für Leute so was nur machen. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.12.2002, S. 27) |
Der Journalist Niggemeier spielt mit der Wendung Öl ins Feuer gießen. Hier gehört zum Weltwissen, dass man ein Feuer intensivieren kann, wenn man brennbare Flüssigkeiten hineingießt. Analog kann ein Streit intensiviert werden, wenn weitere streitbare Argumente eingeführt werden.
Der andere Pol der Idiomatizität ist die Undurchsichtigkeit, die Muttersprachler können keine Motivierung mehr herstellen, wie in (4.9).
| (4.9) | den Advocatus Diaboli spielen |
Dieser Phraseologismus bedeutet soviel wie ‘mit Argumenten der Gegenseite helfen, ohne ihr anzugehören’. Advocatus Diaboli hat die fachsprachliche Markierung [+ aus dem katholischen Kirchenrecht], die den wenigsten Sprachteilnehmern bekannt ist.
Als teilidiomatische Phraseologismen werden PhraseologismusteilidiomatischerKonstruktionen bezeichnet, bei denen nur ein Teil der Konstruktion umgedeutet ist, wie in (4.10).
| (4.10) | ein bunter [‘abwechslungsreicher’] Abend |
Bei den idiomatischen Phraseologismen handelt es Phraseologismusidiomatischersich um Wendungen, bei denen alle Komponenten umgedeutet sind. Es sind meist „bildhafte“, metaphorische oder metonymische Ausdrücke, die durch einen Vergleich motiviert sind.
| (4.11) | (jmdm.) das Wort im Munde herumdrehen = ‘Die Aussage ins Gegenteil verkehren’ |
In (4.11) besteht zwischen Wort und ‘Aussage’ eine logische (metonymische) Beziehung, ein Teil (das Wort) wird für das Ganze (‘die Aussage’) gesetzt. Zwischen herumdrehen und verkehren besteht eine metaphorische Beziehung. Ein abstrakter Vorgang wird mit einem konkreten veranschaulicht.
Vernetzung in Sinnrelationen
In die Semantik Sinnrelationder Phraseologismen geht auch ein, dass zwischen ihnen Sinnrelationen bestehen. Wie in Kapitel 7 näher ausgeführt wird, gibt es im Lexikon verschiedene Arten von semantischen Relationen. Diese bestehen auch im Phraseolexikon.
Die Gleichheitsrelation (Synonymie) im strengen Sinne kommt bei PhraseologismenSynonymie kaum vor. Sie ist bei dem Nebeneinanderstehen von entlehnten und entsprechenden muttersprachlichen Wendungen annehmbar (4.12):
| (4.12) | up to date sein – ‘aktuell sein’ E(lectronic) Mail – ‘elektronische Post’ world wide web – ‘weltweites Netz’ ad hoc – ‘eigens für diesen Zweck’ |
Die Ähnlichkeitsrelation (Feldverbindung) tritt dagegen häufig auf. Palm (1997)Palm, Ch., Dobrovolskij (1995)Dobrovol'skij, D., Hessky und Ettinger (1997) Hessky, R.Ettinger, St.und andere haben Felder von Phraseologismen ermittelt und zusammengestellt. Als ein Beispiel soll hier ein kleines Feld von bedeutungsähnlichen Phraseologismen mit dem begrifflichen Bedeutungskern ‘unangemessen gekleidet sein’ aufgeführt werden:
| overdressed sein | [+ zu elegant] |
| wie eine Vogelscheuche herumlaufen | [+ unattraktiv] |
| wie ein Pfingstochse herausgeputzt | [+ auffallend + geschmacklos] |
| wie ein Pfingstochse geschmückt sein | [+ auffallend + geschmacklos] |
| wie ein Lackaffe herumlaufen | [+ zu auffallend] |
| aufgetakelt wie eine Fregatte sein | [+ zu sehr herausgeputzt] |
Die Andersseinrelation kommt auch vor: Kontradiktion (bipolarer Gegensatz) wird beispielsweise durch den Austausch einer Komponente Kontradiktionangezeigt:
| auf dem aufsteigenden Ast sein | auf dem absteigenden Ast sein |
| ums Leben kommen | das Leben geben |
| auf der Bildfläche erscheinen | von der Bildfläche verschwinden |
Antonymie (skalare Bedeutungsabgrenzung) ist Antonymieebenfalls feststellbar. So nimmt bei den nachfolgenden Beispielen das Betrunkensein bzw. das Alter immer mehr zu.
| ‘betrunken sein’ | ‘älter werden’ |
| einen Schwips haben | den Kinderschuhen entwachsen |
| einen intus haben | in die Jahre kommen |
| einen Affen sitzen haben | aus den besten Jahren heraus sein |
| Schlagseite haben | Moos ansetzen |
| voll wie eine Strandhaubitze sein | grau werden |
Die Bedeutungen der Phraseologismen stehen Hyperonymieauch in der SinnrelationAllgemeiner-Spezieller-Relation:
| sich in Bewegung setzen | in See stechen | (Hyperonymie) |
| den Schleier nehmen | ins Kloster gehen | (Hyponymie) |
Semantische Unbestimmtheit
Bei der semantischen Charakterisierung der Phraseologismen muss hervorgehoben werden, dass sie wie semantische UnbestimmtheitEinwortlexeme semantisch unbestimmt sein können; die semantische Unbestimmtheit ist bei ihnen sogar der Normalfall. Dies resultiert vor allem aus der besonders ausgeprägten Kontextabhängigkeit der festen Wortverbindungen, die ihrerseits aus der soziolinguistischen Markiertheit folgt, wie auch das folgende KontextabhängigkeitBeispiel (4.13) zeigt:
| (4.13) | Asylsuchende in Deutschland […] Ihre Lebenssituation spottet jeder Beschreibung und allen menschenrechtlichen Mindeststandards. (TCZ Jena.Thüringische Campzeitung, 12.–19.07.2002, S. 32) |
Ob der Phraseologismus (4.14) im positiven oder negativen Sinn gebraucht wird, wird erst durch den Kontext klar.
| (4.14) | spottet jeder Beschreibung (bedeutet soviel wie ‘jedes Maß überschreiten’) |
Phraseologismen können aber auch vage in ihrer Bedeutung sein. Dies trifft Vagheitbesonders auf die große Gruppe zu, die vorrangig bewertenden Charakter hat, die Einstellungen verbalisiert. Hier ist der Bezeichnungsaspekt sekundär, beispielsweise bei Phraseologismen zum Ausdruck von ‘Nachsicht’ (4.15):
| (4.15) | a. Gnade vor Recht ergehen lassen b. Nachsicht üben c. durch die Finger sehen d. weiche Welle e. Engelsgeduld haben f. auf (jmdn.) nichts kommen lassen |
Außerdem tritt Mehrdeutigkeit auf (siehe Schippan, 2002)Schippan, Th.. Von Homonymie kann Homonymiein den Fällen gesprochen Mehrdeutigkeitwerden, wenn es von dem gleichen Formativ eine phraseologische und eine nicht phraseologische Lesart gibt, wie in (4.16).
| (4.16) | etwas über Bord werfen a. Man wirft keine Bananenschalen über Bord. b. Er wollte seine eisernen Grundsätze nicht über Bord werfen. |
Polysemie liegt dann vor, wenn es mehrere phraseologische PolysemieSememe (feste Lesarten) gibt, wie in (4.17).
| (4.17) | passen wie die Faust auf’s Auge a. Semem 1: ‘nicht angemessen sein’ b. Semem 2: ‘sehr angemessen sein’ |
Die Eigenschaft der Mehrdeutigkeit von Phraseologismen nutzen auch der Witz und die Werbung aus (4.18).
| (4.18) | a. „Wie kommt man am schnellsten zu einem großen Vermögen?“ „Ehrlich währt am längsten.“ b. Verbesserungen erreicht man nicht mit links. (Wahlwerbung der CDU in Thüringen 2009) c. Weniger ist leer. (2009 Werbeplakat für Brot für die Welt; © Brot für die Welt, www.brot-fuer-die-welt.de, Zugriff 17.04.2019) |
Konnotative Markiertheit

Konnotationen sind nach Eco (1972, S. 111) Eco, U.die Summe „aller kulturellen Einheiten, die das Signifikans dem Empfänger institutionell ins Gedächtnis rufen kann.“ Obwohl sie ein umstrittener Begriff sind (vgl. Kapitel 8.6.3), wird in allen Überblicken zur Phraseologie mit Recht betont, dass viele Phraseologismen und alle Idiome konnotative Bedeutungselemente tragen. Eine genauere Beschreibung fehlt jedoch noch. Der konnotative Mehrwert der Phraseologismen betrifft u. a.:
die Stilschichten,
| (4.19) | a. homerisches Gelächter (gehoben) b. den Kürzeren ziehen (umgangssprachlich) c. einen in der Krone haben (umgangssprachlich–salopp) d. zum Kotzen sein (derb) |
die Stilfärbungen,
| (4.20) | a. der Esel hat (jemanden) im Galopp verloren (scherzhaft) b. über den Jordan gehen (verhüllend) |
die Textsortenrestriktionen,
| (4.21) | a. einen Diebstahl begehen (amtlich) b. etwas mausen (alltagssprachlich) |
die ausgedrückten Emotionen,
| (4.22) | a. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. b. Scher dich zum Teufel! |
die ausgedrückten Bewertungen,
| (4.23) | a. hässlich wie die Nacht b. schön wie der junge Morgen |
die Soziolekte
| (4.24) | Südtiroler Apfelstrudel (Kochrezept) Ermittlungen führen (Rechtssprache) etwas auf Kiel legen (Schiffsbau) etwas auf dem Kien haben (Berlinerisch) jemanden auf der Kimme haben (veraltet) |
Semantisches Merkmal der graduellen Opazität (morphosemantische Transparenz)
Auch die Motiviertheit;phraseologischemorphosemantische Transparenz (semantische Opazität) der Phraseologismen ist ein graduelles Phänomen. (Galèas 2003) Die semantischen Beziehungen zwischen den Bestandteilen der Phraseologismen und deren Gesamtbedeutungen können von semantisch vollkommen transparent (Guten Tag!) über semi-transparent (goldene Brücken bauen) zu semi-opak (wie die Flinte ins Korn werfen) und bis zu opak (Fersengeld geben) sein. Die morphosemantische Durchsichtigkeit nimmt bei dieser Reihung immer mehr ab. (G. Mueller, 2012) Müller, G.
Die morphosemantisch transparenten Phraseologismen unterscheiden sich von freien Wortverbindungen dadurch, dass sie formelhaft sind, als fertige Bausteine im Lexikon gespeichert sind, beispielsweise Zähne putzen ist völlig transparent, als Wendung jedoch gespeichert, Zähne schrubben jedoch nicht. (Siehe weiter Belica und Perlkuhn, 2015, S. 205). Belica, C.Perkuhn, R.
Die morphosemantische Undurchsichtigkeit (Opazität) wird durch das Vorkommen von Nekrotismen (gestorbene Wörter), Archaismen (veraltete Wörter) oder Unikale bzw. „Cranberry-Wörter“ (auf ein oder wenige Phrasem(e) beschränkte Wörter) wahrscheinlich. (G. Müller, 2012) Beispiele sind in 4.25 aufgeführt.
| (4.25) | an den Prager stellen (mit Archaismus Pranger) Lug und Trug (mit Nekrotismen Lug, Trug) Maulaffen feilhalten (mit Cranberry Wort Maulaffen) |
Syntaktisches Merkmal der Festigkeit / Formelhaftigkeit
In syntaktischer Hinsicht phraseologische Festigkeitunterliegen die Wörter in den fest geprägten Phraseologismen Restriktionen. Sie sind nur eingeschränkt abwandelbar. Das heißt, ihre grammatische Struktur und morphologische Form ist nur gering oder gar nicht veränderbar. In Anlehnung an Burger (2002) Burger, H.kann zwischen mentaler, syntaktischer und pragmatischer Festigkeit unterschieden werden. Die mentale Festigkeit betrifft die Tatsache, dass Phraseologismen im Langzeitgedächtnis als Einheiten abgespeichert und somit abgerufen und reproduziert werden können. Die grammatische Festigkeit betrifft eine Reihe von systemhaften Teilcharakteristika: Die Eingeschränktheit bei Transformationen, Expansionen und Reduktionen zeigt den Grad der syntaktischen Festigkeit an. Gar nicht fest sind die freien (nicht phraseologischen) Wortverbindungen, weniger fest die nicht idiomatischen phraseologischen Konstruktionen, am festesten die idiomatischen Phraseologismen.
Die Festigkeit hängt auch davon ab, wie häufig die verbundenen Wörter gemeinsam verwendet werden und wie groß die Auswahl an potentiellen Verknüpfungspartnern im Lexikon ist.
| (4.26) | a. Lorbeeren ernten = ‘Erfolg haben’ (idiomatischer Phraseologismus) b. Äpfel ernten (freie Wortverbindung) |
Wenn wir (4.27a) und (4.27b) vergleichen, so fällt auf, dass die Passivierung (4.27b) nur bei (4.26b), bei der freien Wortverbindung, möglich ist, aber nicht beim Phraseologismus (4.26a), weil dieser bei der Umformung seine idiomatische Bedeutung verliert (vgl. 4.27):
| (4.27) | a. *Lorbeeren wurden geerntet. b. Äpfel wurden geerntet. c. ?Mit dieser Arbeit können Lorbeeren nicht geerntet werden. |
Analoge Befunde haben wir bei der Relativsatz- und Nominalisierungstransformation. Auch hier geht bei den Transformationen die idiomatisierte Phraseologismusbedeutung verloren (4.28):
| (4.28) | a. *die Lorbeeren, die er geerntet hat vs. die Äpfel, die er geerntet hat. b. *das Lorbeerenpflücken vs. das Äpfelpflücken. |
Expansionen durch Attribute sind genauso wenig möglich wie Reduktionen (4.29):
| (4.29) | a. *Große, glänzende Lorbeeren pflücken. vs. b. Große, saftige Äpfel pflücken. |
Andererseits kann man das Idiom (4.30a) sehr wohl grammatisch modifizieren (beispielsweise passivieren (4.30b), ohne dass die idiomatische Bedeutung verloren geht:
| (4.30) | a. das Fell über die Ohren ziehen b. Ihm wurde das Fell über die Ohren gezogen. |
Bezüglich der grammatischen Einschränkungen, denen Phraseologismen unterliegen, gibt es noch viele Unklarheiten und einigen Forschungsbedarf. Im Rahmen der „Head-Driven Phrase Structure Grammar“ hat Soehn (2006) Söhn, J.-P.zu den Idiomen ohne freie Lesart eine tiefgründige, beispielgebende Analyse vorgelegt. Dobrovolskij (1999) Dobrovol'skij, D.hat sich näher mit der Frage beschäftigt, ob es Regeln für die Passivierung deutscher Idiome gibt, und ist dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bedingungen, die die Idiompassivierung ermöglichen, komplexer Natur sind und es keine einheitliche Regel gibt, die die Passivtransformation erklären kann. So wurde die semantische Teilbarkeit der Idiomstruktur als Voraussetzung angenommen, d.h., wenn eine entsprechende semantisch autonome Nominalphrase vorhanden ist, die referentiellen Status bekommen könnte, dann ist das Idiom passivierbar (4.31).
| (4.31) | a. zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen b. Mit einer Klappe werden zwei Fliegen geschlagen. |
Andererseits ist aber die Passivierung z. T. auch dann möglich, wenn keine autonome Konstituente vorhanden ist (4.32).
| (4.32) | a. Der Sven macht den Fliegen den Garaus. b. Den Fliegen wird der Garaus gemacht. |
Eine freie Modifizierung bei den morphologischen Kategorien liegt somit auch nicht vor. So ist der idiomatische Phraseologismus (4.33a) im Tempus und Modus nicht veränderbar (4.33b).
| (4.33) | a. wissen, wo der Frosch die Locken hat b. *wusste / wüsste, wo der Frosch die Locken hat |
Es tritt auch fester Numerus auf, wie (4.34) zeigt.
| (4.34) | a. Karl ist gänzlich auf den Hund gekommen. b. Karl ist vor die Hunde gegangen. |
Da ein großer Teil der Phraseologismen aus Zeiten mit anderen Sprachverhältnissen stammt, können diese Sprachverhältnisse auch in ihnen eingefroren sein; so haben wir in (4.35a) ein unflektiertes Attribut oder in (4.35b) einen vorangestellten Genitiv.
| (4.35) | a. auf gut Glück b. des Pudels Kern |
Die nicht idiomatischen Kollokationen (4.36) können zwar syntaktisch und morphologisch abgewandelt werden, unterliegen aber auch grammatischen Restriktionen. So wirkt beispielsweise der Austausch durch im deutschen Sprachsystem vorhandene Synonyme ungewöhnlich.
| (4.36) | a. Die Frösche quaken. b. Einen Frosch fangen. c. *Die Frösche rufen. d.*Einen Frosch fischen. |
Auch hinsichtlich der Textualität können die Phraseologismen gewissen Restriktionen unterliegen. So müssen die Grußformeln an ganz bestimmten Stellen im Text stehen. Idiome befinden sich bei journalistischen Texten oft in der Überschrift (4.37)
| (4.37) | Die Rezession reißt tiefe Löcher in die Kassen. (Der Spiegel, Nr. 32; 03.08.2009, S. 60) |
Der Grad der Festigkeit kann auch an der Valenz der prädikativen/verbhaltigen Wortverbindungen phraseologische Valenzabgelesen werden. Es kommt bei idiomatischen Phraseologismen häufig zu Unterschieden zwischen externer und interner Valenz. PhraseologismusValenzAls wendungsexterne (konstruktionsexterne) Valenz wird das Fordern von Ergänzungen vom ganzen Phraseologismus verstanden. Wendungsinterne bzw. konstruktionsinterne Valenz geht nur vom Verb des Phraseologismus aus und meint die von ihm geforderten Ergänzungen, die fester Bestandteil des Phraseologismus sind. So hat der Phraseologismus (4.38a) eine interne Valenzstelle (seinen Mann), die fest geprägt und nicht veränderbar ist, und eine externe, die morphologisch (Nominalphrase im Nominativ) und semantisch (‘Agens’) festgelegt ist, aber lexikalische Variabilität aufweist.
| (4.38) | a. seinen Mann stehen b. Peter steht seinen Mann. c. Hans steht seinen Mann. |
Bei dem idiomatischen Phraseologismus (4.39a) aufblasenhaben wir intern kein Argument und extern das Agensargument. Bei der nicht phraseologischen Verwendung (4.39c) von aufblasen ist phraseologische Valenzsowohl das Agensargument als auch ein Patiensargument subkategorisiert. Es kommt also beim Phraseologismus zu einer Argumentreduzierung. Nach Torzova (1983) Torzova, M. V.ist das der häufigste Fall.
| (4.39) | a. (jmd.) bläst sich auf b. Hans bläst sich auf = ‘tut sich wichtig’ c. Hans bläst den Luftballon auf. |
Es gibt aber auch Fälle der Argumenterhöhung: schlafen (4.40a) ist einwertig und schlafen schicken (4.40b) zweiwertig.
| (4.40) | a. schlafen (Hans schläft.) b. (jmd.) schlafen schicken (Ottke schickte bereits in der zweiten Runde seinen Gegner schlafen.) |
Extern können Phraseologismen einwertig (4.41a), zweiwertig (4.41b) und dreiwertig (4.41c) sein.
| (4.41) | a. (jmdm.) läuft es kalt den Rücken herunter b. (jmd.) macht sich (bei jmdm.) lieb Kind c. (jmd.) schiebt (jmdm.) (etwas) in die Schuhe |
Bei differenzierterer Betrachtung können auch bei den verbhaltigen Phraseologismen verschiedene Valenzarten unterschieden werden, zwischen denen keine Isomorphie bestehen muss, wie am folgenden Beispiel sichtbar wird.
Logische Valenz (betrifft die Prädikat-Argument-Struktur):Es regnet Bindfäden.: P (extern nullwertig).
Semantisch-begriffliche Valenz (betrifft die inhaltliche Selektion der Argumente):Das beim Beispiel Es regnet Bindfäden. vorhandene syntaktische Argument ist inhaltsleer, es besetzt nur die Subjektposition.
Syntaktische Valenz (betrifft die Üblichkeit, d.h. das Obligatorisch- oder Fakultativ-Sein bei der Leerstellenbesetzung):Es regnet Bindfäden.: syntaktisch ein externes Argument obligatorisch.
Morphologische Valenz (betrifft die morphosyntaktische Charakteristik der Argumente):Es regnet Bindfäden.: P (es/das [Nominativ]).
Pragmatische Valenz (betrifft die kontextabhängige lexikalische Auswahl der Argumente):Es regnet Bindfäden. vs. Es regnet Schusterjungen. vs. …
Mit pragmatischer Festigkeit ist die Vorgeprägtheit eines Teils der Phraseologismen auf bestimmte kommunikative Funktionen gemeint.
Pragmatisches Merkmal der Metakommunikativität
Dieses Merkmal Metakommunikativitättrifft nicht auf alle Phraseologismen zu, betrifft aber zwei große Gruppen: die Gruß- und Routineformeln und die Sprichwörter. Gemeinsam ist ihnen, dass sie pragmatische Funktionen übernehmen. Es handelt sich um die Funktion der
Gesprächssteuerung
| (4.42) | nicht wahr? |
Textgliederung
| (4.43) | siehe unten |
Partnerorientierung
| (4.44) | Gib deinem Herzen einen Stoß! |
Äußerungskommentierung
| (4.45) | Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. |
Höflichkeitsanzeige
| (4.46) | mit vorzüglicher Hochachtung |
4.2.2 Fazit zu den Merkmalen von Phraseologismen PhraseologismusMerkmale
Zusammenfassend sollen die angesprochenen Merkmale mit einem jeweiligen Verweis auf die Seite, wo die Erläuterungen beginnen, aufgelistet werden.
Merkmale von Phraseologismen sind:
S. 50 f. die phonetisch-grafische Polylexikalität,
S. 51 ff. die Lexikalisierung,
S. 53 f. die Vernetzung in Sinnrelationen,
S. 54 f. die semantische Unbestimmtheit,
S. 55 f. die konnotative Markiertheit,
S. 56 f. die graduelle Opazität,
S. 57 ff. die syntaktische Festigkeit,
S. 61 f. die pragmatische Metakommunikativität.
Analysebeispiel:
Der russische Künstler Igor Lipchanskiy hat sich dazu seine ganz eigenen Gedanken gemacht. Und Sie werden Augen machen.
(14.11.2018; t-online Nachrichten)
Wenn man das Beispiel Augen machen aus der obigen Textsequenz mit Bezug auf die genannten Merkmale von Phraseologismen analysiert, kommt man zu den nachfolgenden Ergebnissen:
Augen machen ist eine feste, usuelle Einheit, die aus zwei Wörtern besteht (= polylexikalisch) und die übertragene Bedeutung ‘staunen / sich wundern’ hat.
Der Phaseologismus ist lexikaliert, die Bestandteile, die fest verschmolzen sind, bilden eine Bedeutungseinheit.
Wie ein Blick in das „Idiomatische Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DUDEN 11) zeigt, existieren zahlreiche idiomatische Wendungen mit Auge, bespielsweise das Auge des Gesetzes, ganz Auge und Ohr sein ….Die Wendung Augen machen ist in Sinnrelationen vernetzt, beispielsweise:jmdm. aus den Augen kommen, keine Augen im Kopf haben – Gegensatzrelation;ein Auge für etwas haben, jmd. gehen die Augen über – Ähnlichkeitsrelation.
Die Wendung ist mehrdeutig. Sie kann auch wörtlich verstanden werden:Dem Schneemann Augen machen.
Die idomatische Wendung ist hinsichtlich der Stilschicht (umgangssprachlich) und Emotion (positiv, Erstaunen) markiert.
Sie ist nicht transparent, da die Bedeutung nicht kompositionell ermittelt werden kann.
Die Wendung ist im Langzeitgedächtnis der Muttersprachler gespeichert (mentale Festigkeit). Grammatische Festigkeit liegt vor; eine Umformung in den Singular ist beispielsweise nicht üblich (*ein Auge machen). Es existiert jedoch die intensivierende Erweiterung große Augen machen; das Adjektiv große kann aber nicht ausgetauscht werden (*kleine Augen machen). Die Wendung schöne Augen machen hat eine andere Bedeutung, nämlich ‘flirten’.
Eine spezielle pragmatische Funktion liegt nicht vor. PhraseologismusMerkmale
4.3 Kognitive Beschreibung Phraseologismuskognitiv
Die kognitive Beschreibung der Phraseologismen, wie sie im Rahmen der kognitiven Linguistik erfolgt, stellt keine Alternative zur linguistischen Phraseologie dar. Sie ist vielmehr eine wichtige Ergänzung und erfasst das Erlernen, die Wissensstrukturen und Prozeduren, über die die Sprachteilnehmer verfügen, um Phraseologismen verstehen zu können.
4.3.1 Der Erwerb der phraseologischen Kompetenz Phraseologismenerwerb
Der Erwerb von Phraseologismen in der Erstsprache stellt aufgrund der syntaktischen, semantischen und pragmatischen Besonderheiten phraseologischer Einheiten ein spezifisches Erwerbsproblem dar. Phraseologismen werden in einem Prozess erworben, der sich über alle Entwicklungsstufen ab der frühen Kindheit erstreckt und noch im Erwachsenenalter kontinuiert wird. (Finkbeiner, 2011, S. 47) Finkbeiner, R.
So ist zwar klar, dass die meisten Kinder mit etwa einem Jahr das erste Wort produzieren und nach und nach einige Wörter hinzufügen. Es gibt auch Klarheit darüber, dass die weitere Wortschatzentwicklung mit anwachsender Geschwindigkeit verläuft. „Der aktive Wortschatz sechsjähriger Kinder wird auf etwa 5000 Wörter geschätzt, während bereits bis zu 14000 Wörter verstanden werden.“ (Kauschke, 2000, S. 1) Kauschke, C.Zu den Fragen, wann und wie die ersten Phraseologismen erworben werden, konnte man sich noch auf keine einheitliche Lehrmeinung einigen. Man stimmt aber darin überein, dass dafür vor allem die Faktoren Alter und Sozialisationsstufe von größter Wichtigkeit zu sein scheinen. Es ist auch wichtig, zu unterscheiden welche Arten von Phraseologismen gemeint sind. Kollokationen werden schon ab dem ersten Lebensjahr erworben. Idiomatische Wendungen verstehen Kinder erst ab dem vierten bis fünften Lebensjahr. Insgesamt sind veröffentlichte Arbeiten zum Erwerb von Phraseologismen rar.1
Die Phraseologie stellt auch für den Fremdspracherwerb „und namentlich für das konkrete Textverstehen in der Fremdsprache eine erhebliche Barriere dar.“ Deshalb hat in jüngerer Zeit im Fremdsprachenunterricht die Beschäftigung mit den Phraseologismen zugenommen. (Farō, 2015, S. 243) Diese werden nicht mehr als Randphänomen betrachtet. (Zur Vermittlung von Phraseologismen in der deutschsprachigen Phraseodidaktik Farōsiehe Hallsteinsdottir, 2011Hallsteinsdottir, E.).
Empirische Erhebungen von Haase (1999) Haase, A.haben folgende Entwicklung der phraseologischen Kompetenz vom deutschen Kleinkindalter bis zum 18. Lebensjahr ergeben:
Vorschulalter (4–6 Jahre):Hier hat das synkretisch-wörtliche – die verschiedenen Bedeutungsvarianten zu einem Formativ fallen zusammen, werden nicht getrennt – Verstehen Vorrang, deshalb finden keine richtigen Bedeutungszuweisungen zu idiomatischen Phraseologismen statt. Die Doppeldeutigkeit von Wendungen wird nicht durchschaut, stattdessen werden auf Nachfrage Erklärungen aus dem kindlichen Erfahrungshorizont gegeben, wie bei der Wendung (4.47), die kontextfrei motiviert werden sollte.
| (4.47) | Das geht auf keine Kuhhaut! a. Phillip (5 Jahre alt): Dass man eine kriegt, denn man haut keine Kuh! b. Jan (5): Man soll keine Kuh hauen! c. Beatrice (6): Die Kuh haut! |
Doch bereits in dieser frühen Phase der Entwicklung der phraseologischen Kompetenz wird in Einzelfällen der verstehensfördernde Einfluss eines gegebenen Kontextes sichtbar, wie das Beispiel (4.48) zeigt, das, in einen Kontext eingebettet, motiviert werden sollte.
| (4.48) | Rotes Kreuz a. Andreas (6): Krankenhaus b. Cindy (6): Notarzt c. Beatrice (6): Rettungshubschrauber d. Phillip (5): rot geworden, wie eine rote Tomate e. Jan (5): Das ist das Kreuz hier im Rücken (Demonstration durch Geste) und das blutet. |
Grundschulalter (7–10 Jahre):Die Sekundärsozialisation setzt ein. Das synkretische Verstehen wird mehr und mehr vom wörtlichen Verstehen abgelöst. Das Beispiel (4.49) soll das demonstrieren.
| (4.49) | ein Mann von Welt (in isolierter Betrachtung) a. Hans (7): erforscht die Welt b. Manuel (7): aus einem anderen Land: Türke, Eskimo c. Jakob (8): Vielleicht der Man in Black. |
Die phraseologische Kompetenz nimmt im 10. Lebensjahr deutlich zu.
Mittelstufenalter (11–12 Jahre):Die phraseologische Kompetenz wächst weiter, dies trifft auch auf das Verstehen isolierter Phraseologismen zu. Verwechslungen treten aber noch auf. Ein Beispiel ist das kontextfreie Motivieren der folgenden Wendung (4.50).
| (4.50) | gehupft wie gesprungen a. Es ist so wie so rum, es gibt keine richtige Lösung. b. Egal wie man das macht, es kommt das Gleiche raus. c. Ein Glas halb voll oder halb leer – nur ein Beispiel. d. Wenn zwei oder mehr Redewendungen dasselbe ausdrücken. |
Jugendalter: Ab dem 14. Lebensjahr kann von einer voll entwickelten phraseologischen Kompetenz ausgegangen werden. Dies zeigt sich auch im jugendtypischen spielerischen Umgang mit Phraseologismen. Ein Beispiel sind Antworten auf die Komplettierungsaufgabe zu (4.51).
| (4.51) | Hunger leiden a. Hunger schieben b. Hunger und Wasser leiden c. Hunger und Not leiden |
Bezüglich der korrekten Erzeugung von Phraseologismen zeigten Komplettierungsaufgaben, dass bis zum 12.–14. Lebensjahr Probleme bestehen. Rhythmisch-formelhafte Strukturtypen wie (4.52) bereiten aber weniger Schwierigkeiten.
| (4.52) | a. wie Schritt für Schritt b. mit Schimpf und Schande |
4.3.2 Kognitive Bedeutungsanalayse: Die Hypothese der Embodied Cognition Semantikkognitive
Der Kognitiven Semantik, die der Linguist Lakoff und der Philosoph Johnson etabliert haben(Lakoff und Johnson, 1980), geht es primär um die konzeptuelle Wahrnehmung und das damit verbundene Handeln der Wirklichkeit. Dabei spielt die Analyse von Metaphern und Metonymien die zentrale Rolle. Man geht bei dieser konzeptuellen Metapherntheorie Metapherntheoriekonzeptuelledavon aus, dass Metaphern, die als grundlegende Bestandteile der Kognition angenommen werden, da sie helfen, schwerer verständliche Konzepte und Erfahrungen auf leichter verständliche, körperlich erfahrbare Konzepte und Erfahrungen abzubilden. Das sogenannte „Mapping“ Mappingbezeichnet die konzeptuelle Projektion und Integration. Zwischen einem Quell- und Zielbereich findet kognitiv das selektive Mapping, die Projektion statt. Das methaphorische Konzept „MEHR IST OBEN“, das auf dem erworbenen Wissen basiert, findet sich im Deutschen in zahlreichen metaphorischen Ausdrücken, beispielsweise das Einkommen steigt, die oberen Zehntausend, da stehe ich drüber. (Fauconnier und Turner, 2002) Fauconnier, G.Turner, M.
Bildschemata spielen in der Phraseologie speziell bei den Idiomen eine große Rolle, in vielen sind konzeptuelle Metaphern Metaphereingefroreneeingefroren. Im Sinne von Lakoff und Johnson (1980)Lakoff, G.Johnson, M., Baldauf (1997) Baldauf, C.und anderen Vertretern der kognitiven Metapherntheorie nehmen wir an, dass wir in dem eingefrorenen Bild ein Ausgangskonzept haben, das der Veranschaulichung eines konzeptuellen Zielbereiches dient.
| mit (jmdm.) auf Kriegsfuß stehen | = | STREIT HABEN |
| Ausgangskonzept | Zielkonzept | |
| → STREIT ist KRIEG | ||
Wie bei den lexikalisierten Wortmetaphern kann man auch bei den Idiomen Metapherkonzeptualisierteverschiedene Arten von konzeptualisierten Metaphern unterscheiden. So treten auf:
Attributsmetaphern (der Zielbereich erhält eine zusätzliche metaphorische Eigenschaft, wie in (4.53)
| (4.53) | Drei MP3-Player mit =gg-Vobis-Support im Test: Spritziges Trio (easylinux, Ausgabe 03/2009, S. 108) |
ontologische Metaphern (gut bekannte, konkrete Objekte oder Substanzen werden zur Konzeptualiserung von vagen und/oder abstrakten Vorstellungen benutzt, wie in (4.54)
| (4.54) | Als sie zum zweiten Mal ins Irrenhaus kam, nahm der Elfjährige, der nicht ins Armenhaus zurück wollte, sein Schicksal selbst in die Hand. (Mannheimer Morgen, 30.03.1989) |
Bildschematische Metaphern (gestalthafte Strukturen werden auf vage, unstrukturierte Zielbereiche übertragen, wie in (4.55)
| (4.55) | … aus Schmerz über den Selbstmord des Schlagersängers und Komponisten Luigi Tenco (27) ist die Hausfrau Maria Celesca (36) ebenfalls freiwillig aus dem Leben geschieden. (Bildzeitung, 09.03.1967) |
In diesem Beispiel wird das Leben als „Behälter“, als ein abgeschlossenes Objekt, aus dem man rein- und herausgelangt, konzeptualisiert.
Konstellationsmetaphern (komplexe (Alltags)situationen (Szenarien) bilden die Ausgangsbereiche für Vergleiche, wie in (4.56), eine Personalentscheidung wird hier mit einem Spiel verglichen)
| (4.56) | Sender-Poker Moderator Jörg Pilawa gibt ZDF den Zuschlag Er sollte beim ZDF unterschreiben, brachte die ARD, seinen bisherigen Arbeitgeber, wieder ins Spiel – und alle waren verwirrt. (spiegel.de/kultur/, 03.09.2009) |
Pulsuz fraqment bitdi.