Kitabı oxu: «Die Kunst der Bestimmung»

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DIE KUNST DER BESTIMMUNG

ÜBER DAS BUCH

London, 1678. Die Royal Society bestellt Professor Chrysander zum Kurator ihrer Sammlungen, und der schwedische Naturforscher kehrt die verlotterte Wunderkammer mit eisernem Besen aus. Für den exzentrischen Lord Fearnall hingegen ist das Leben ein Maskenstück. Als er Chrysander begegnet, prallen zwei Welten aufeinander. Ein Spiel von Verführung und Gegenwehr beginnt …

Der schwedische Professor Simon Chrysander ist berühmt für seine Fähigkeit, Dinge zu ordnen und zu bestimmen. Davon hat auch die englische Royal Society Wind bekommen. Im Jahr 1678 bestellt sie den Skandinavier nach London, um ihre naturkundliche Sammlung zu sortieren. Chrysander folgt dem Ruf. Doch je mehr Struktur er in das obskure Durcheinander aus konservierten Kuriositäten bringt, desto mehr stürzt sein eigenes Dasein ins Chaos. Dafür sorgt eine Begegnung mit dem jungen Lord Fearnall, der haltlos durch die Paläste und Lasterhöhlen des barocken Londons treibt und dessen irrlichternde Persönlichkeit sich allen Ordnungsrastern entzieht. Als Chrysander erkennt, dass Fearnalls Unberechenbarkeit seine Existenz gefährdet, ist es zu spät. Längst hat sich der junge Lord in den Kopf gesetzt, von dem kauzigen Professor «bestimmt» zu werden. Ein Kräftemessen zwischen Abwehr und Zuneigung, Ratio und Ungewissheit, Leben und Tod beginnt.

Die Kunst der Bestimmung ist nicht nur ein erzählerisches Meisterstück, randvoll mit skurrilen Charakteren, historischen Anekdoten und brillierendem Sprachwitz – der Roman ist auch mehr denn je auf der Höhe der Zeit. Von der Leichtigkeit, mit der er Gender-Normen hintertreibt, Queerness im Subtext miterzählt und Beziehungskonventionen auf den Kopf stellt, können heutige Diversity-Experten viel lernen.

ÜBER DIE AUTORIN

Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München und schreibt über ungewöhnliche Menschen. Ihre Romane Der Fuchs und Dr. Shimamura (2015), Katie (2017) und Die Dame mit der bemalten Hand (2020) wurden für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2020 erhielt sie den Literaturpreis der Landeshauptstadt München und den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Bei Albino erschien zuletzt ihre Erzählung Missouri.

Christine Wunnicke

DIE KUNST DER BESTIMMUNG

Roman


1. Auflage

© 2021 Albino Verlag

Salzgeber Buchverlage GmbH

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin

info@albino-verlag.de

Die Kunst der Bestimmung erschien zuerst

im Jahr 2003 im Kindler Verlag.

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth

Umschlagabbildung: Jacques Barraband

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-309-8

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PROLOG

IM JAHR 1679, zwei Tage vor Martini, erreichte ein später Reisender den Marktflecken Kalix bei Torneå. Er blieb nur eine Nacht. Dennoch hinterließ er einen bleibenden, nicht sonderlich günstigen Eindruck.

Es hatte viel geschneit. Das Land war kaum wegbar. Der Reisende kam zweispännig, allein und von Norden, wo man kein Schwedisch sprach und das Vaterunser nicht betete. Er war bärtig, in mittleren Jahren, die Lippen weiß vom Frost. Die Schlittenfelle hatte er nach Art der Lappen fest um den Leib gebunden, damit sie sich im Fahrtwind nicht bauschten. Hinten im Schlitten lag ein Ding, in Stroh und Decken gepackt, ein Schrank vielleicht oder eine große Kiste. Die Leute hatten Licht geholt. Selten kamen Fremde nach Kalix, man wollte den Mann nicht unbeleuchtet passieren lassen. Die Zügel hatten seine Handschuhe aufgescheuert und die Handflächen. «Nichts weiter», sagte er, als er vor der Kirche vom Kutschbock stieg, «nur tut mir die Gnade, ihr guten Leute, und erlöst die Rentiere von ihrem Leiden, denn sie werden nicht weiter laufen können.»

«Ja so», meinte der Schlachter. Er schirrte schweigend aus. Der Reisende bat um ein neues Gespann für die Weiterfahrt, um ein Nachtquartier und einen Stellplatz für seinen Schlitten. Er sprach besonnen und im Tonfall des Südens. Er hatte Gold. Das war in Kalix ein seltener Anblick. Gefragt nach Herkunft und Namen, stellte er sich vor als Simon Chrysander, Professor Upsaliensis. Keinem hier war ein solcher Titel geläufig. Er nannte die Leute noch einmal «ihr Guten», das kam ihnen in gewisser Weise verdächtig vor. Kalix ist nicht der Ort für Vertraulichkeiten und die Zeit um Martini keine gute Zeit. Die Leute schwiegen. Der Schlachter tat seine Pflicht mit den Rentieren, hinten im Hof der Schlachterei. Dann zeigte jemand auf das Ding im Schlitten und murmelte: «Zoll».

Kalix hatte kein Zollrecht. Der Mann aus Uppsala wusste nichts vom Zollrecht im Norden. Er bot Gold an, man wollte kein Gold, was soll man mit Gold in Kalix? Zoll sind Waren und Waren sind gut im Winter. Man holte mehr Licht. «Um der Liebe des Herrn willen ...», begann Chrysander, als man unter Stroh und Decken nach seiner Fracht tastete, doch keiner beachtete ihn. Das Ding war schwer. Man stellte ein Brett schräg und zog es mit zwei Stricken vom Schlitten. Vier Männer richteten es auf und lehnten es gegen den Kutschbock. Die Decken glitten zu Boden.

Das Ding war ein Eisblock, klar gefroren ohne Riss oder Blasen. Er stand übermannshoch. Oben lief er spitz zu und hinten, wo er am Schlitten lehnte, war er gerundet wie ein gläsernes Boot. Darin eingeschlossen, gleichsam schwebend, den Kopf geneigt, das linke Bein leicht angewinkelt wie in einem zaghaften Sprung, war ein Mensch. Er schien unverletzt und ohne Spuren von Verwesung, ein junger Mann, ins Eis geraten, bevor die Zeit ihr Werk an ihm tun konnte. Er trug dunkle Hosen, weder Strümpfe noch Schuhe, ein weißes Hemd, die Bänder an Kragen und Manschetten erstarrt zu verflochtenen Schnörkeln. Einige Strähnen seines langen hellen Haares umschlangen den Hals, der Rest floss in einer wirren Spirale über Augen und Stirn. Seine Lippen waren leicht geöffnet. Die Fingerspitzen berührten sich vor der Brust. Im Eis brach sich das Licht der Fackeln. «Nun denn», sagte Simon Chrysander, «ich hatte euch gebeten, den Zoll in bar zu nehmen.»

Hierauf wussten die Leute von Kalix nicht recht viel zu erwidern.

Man holte den Pfarrer aus dem Pfarrhaus, damit jemand zu dem Fremden sprach. Der Pfarrer betrachtete den toten Jüngling im Eis und befahl, ihn wieder hinzulegen; in dieser Stellung, aufrecht wie eine Statue, hatte das Bild etwas Unverschämtes. Niemand wollte das Eis berühren. Der Besitzer der unverzollbaren Fracht entschuldigte sich, allein könne er den Block nicht bewegen. Er versicherte dem Pfarrer, nichts Unrechtes sei geschehen. Er fügte hinzu, der Transport der Leiche habe diplomatische Gründe. Als Mitglied des englischen Oberhauses unterstehe der Tote nicht der schwedischen Krone und müsse die Bürger von Kalix folglich nicht kümmern. Auch der Pfarrer wusste nicht viel zu erwidern. Er begriff jedoch den Nutzen von Gold. Am Morgen würde der Mann aus Uppsala ein neues Gespann bekommen und Helfer zum Beladen; dafür wollte der Pfarrer Sorge tragen. Er befahl den Leuten, zu Bett zu gehen, und verschwand im Pfarrhaus.

Simon Chrysander bekam kein Quartier in Kalix. Man ließ ihm zwei Fackeln und zog sich zurück. Die Nacht dauerte noch viele Stunden. Chrysander ging auf und ab, die Arme hinterm Rücken. Die erste Fackel erlosch. Im Schein der zweiten betrachtete er noch eine Weile den Toten. Er hatte ihn liegen sehen im Eis, doch aufgerichtet, wie er halb sprang und halb schwebte und den Kopf neigte in einem vielleicht scheuen, vielleicht auch trotzigen Gruß, kannte er ihn erst seit dieser Nacht. Er versuchte, dem Toten in die Augen zu blicken, doch auch hochkant war dies nicht möglich, das Haar verhüllte sein halbes Gesicht. Er betrachtete ihn lange. Ein dreistes Schaustück in einer vergänglichen Vitrine. Chrysander zog seine durchgeriebenen Handschuhe aus und legte die Handflächen aufs Eis, bis es sich wärmer anfühlte als seine Haut.

Inhalt

Über das Buch

Übef die Autorin

Prolog

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Epilog

I

«MIT DEM MORGENURIN», sagte Mr. Hooke bei der Sitzung der Royal Society am 15. Juli 1678, «habe ich heute einen Stein ausgeschieden, welcher jenem, den uns Sir William Throgmorton gütigst für das Kabinett überlassen hat, vielleicht in Größe und Gewicht ein wenig nachsteht, nicht aber in allgemeiner Merkwürdigkeit.»

Josiah Blane, der Stenograph, nahm dies zu Protokoll. Er schrieb es in die Experimentalkladde und nicht in die Vermischten Bemerkungen, obschon Mr. Hooke den Stein nicht herzeigte. Er würde noch nach ihm schicken, dessen war sich Josiah gewiss, und dann wäre der Stein ein Ding und kein Wort mehr und gehörte somit in die empirischen Vermerke.

«Ich wüsste gerne», sagte Dr. Croune versonnen, «woher der Schleim der Aale kommt.»

«In Kensington», sagte Mr. Aubrey, «wo einer im Pranger stand, leckten Hunde von seinem putriden Eiter und starben, und einem Mann, der die Schuhe eines Toten auftrug, faulten die Füße ab. Quid mirum, nicht wahr, und zum Wohl!»

Mr. Aubrey hob sein Glas. Er trank Wein, als Einziger, und er trug Rot, Feuerrot, wie ein junger Stutzer. Voriges Jahr hatte er Josiahs Horoskop gestellt und gesagt, er habe Geistesgaben. Dann hatte er ihm gezeigt, wie man mit der rechten Hand schreibt und mit der linken zeichnet. Einer mit Geistesgaben müsse vieles auf einmal tun. Mr. Aubrey konnte sogar reiten und zeichnen zugleich, und dabei noch denken und sprechen und trinken. Josiah schrieb die Sache mit dem Eiter nieder und zeichnete dabei, mit der Linken, Mr. Hooke. Er zeichnete ihn in ein Koordinatensystem, damit sein schiefer Wuchs besser zur Geltung kam. Seit er sich mit Mr. Newton über die Lichtbrechung gestritten hatte, wurde Mr. Hooke immer schiefer. Er trug schon keine Perücke mehr, weil sie rutschte. Er trug sein eigenes Haar, braun, lang und fettig. Sein Kopf war zu groß, sein Mund zu klein, seine Knochen drückten von innen gegen die Haut wie bei den morschen indianischen Affen, die im Kabinett ihrer Beschriftung harrten.

Mr. Hooke wusste alles. Mr. Hooke war die Royal Society. Die Royal Society war Mr. Hooke. Bisweilen träumte Josiah, Mr. Hooke verdopple und potenziere sich, bis lauter Hookes das Sitzungszimmer füllten, Allwissen und Affenknochen unendlich gespiegelt, als blicke Josiah durch das Prismenauge der Gemeinen Stubenfliege, wie es dargestellt war auf Mr. Hookes mikroskopischen Tafeln.

«Die Aufklärung der Herkunft des Schleimes an Aalen», bemerkte Dr. Croune, «läge mir durchaus am Herzen.»

Josiah Blane setzte den Schleim der Aale auf die Liste der Disputanda und zeichnete gleichzeitig ein wenig schmeichelhaftes Membrum zwischen die Beine des Mr. Hooke. Josiah bewohnte eine Kammer, die Wand an Wand mit Mr. Hookes Schlafzimmer lag, oben im Ostflügel des Gresham College. Dort wurde er stets Zeuge von Mr. Hookes Erfreuungen. Bis zu drei Erfreuungen pro Nacht gelangen Mr. Hooke, mit Doll, seiner Magd, oder Grace, seiner Nichte. Letzte Woche hatte sich Mr. Hooke eine Totgeburt aus Blackfriars kommen lassen, wegen Gaumenspalte und doppelten Rückgrats. Die lag nun im Kabinett und stank. Josiah hätte sie gerne präpariert. Vielleicht wäre es ihm gelungen. Vielleicht zufriedenstellend. Vielleicht gut. Vielleicht hätte Mr. Hooke genickt. Vielleicht hätte er «brav» gesagt. Josiah Blane traute sich nicht zu fragen, ob er die Totgeburt aus Blackfriars präparieren dürfe.

«Der Trigonalaspekt zwischen Mars und Saturn begünstigt die Fäulnis», sagte Mr. Aubrey, «und ihre Konjunktion den trockenen Zerfall.»

«Mein Stein ist pfriemenförmig, fast lanzettlich», berichtete Mr. Hooke, «eine gute halbe Drachme schwer, von hellgrüner Färbung, die Oberfläche warzig und kristallin. Ich trank Meerrettich-Bier, die Entleerung war schmerzlos. Der Stein ist überaus beachtenswert.»

Josiah stenographierte, mit der Linken näherte er das Radiermesser Mr. Hookes abgebildeter Männlichkeit. Er saß allein an seinem Schreibpult. Die Herren sahen nicht, was er tat, sie prüften nur später die Reinschrift. Josiah Blane war einmal in Cambridge gewesen. Josiah Blane hatte Arzt werden wollen. Geld und Gaben reichten nicht hin. Als Protokollant der Royal Society hatte er mit jährlich zwanzig Pfund sein Auskommen, dazu Kost und Logis. Er teilte die Kammer mit den zwei Dienern, Harry und Tom. Manchmal kaufte er einen Traktat über Anatomie. Manchmal schaute er Grace Hooke hinterher. Oft zeichnete er die Konterfeis der Gentlemen am Sitzungstisch. Josiah Blane war fünfundzwanzig und sein Leben war eigentlich vorbei.

«Ich vermute», sagte Dr. Grew, «der Schleim auf Aalen wird durch ähnliche Glandulae hervorgerufen wie der Schleim in unserem Hals.»

Mr. Hooke schickte Harry hinauf zu Grace, um seinen Stein zu holen.

«Der Schleim in unserem Hals dringt nicht nach außen», stellte Mr. Colwall fest.

«Bisweilen schon», entgegnete Mr. Aubrey.

«Nicht durch die Haut, Sir», meinte Mr. Colwall.

«Der Schleim auf Aalen», erklärte Mr. Hooke, «ist eine Transpiration, welche, sobald sie sich mit Wasser oder Luft vermischt, schleimige Eigenschaften annimmt.»

«Die Haut des Aals hat in der Tat erkennbare Poren», setzte Dr. Grew hinzu.

«Nein, Sir», sagte Mr. Colwall.

«Ich sehe die Poren unter dem Mikroskop, sie sind dreieckig, ich sehe, wie sie transpirieren!»

Josiah Blane zeichnete Affenohren zwischen die perückenlosen Haare des Mr. Hooke.

«Die Haut des Aals hat keine Poren», sagte Mr. Colwall.

«Die Haut des Aals», fuhr Mr. Hooke fort, «besteht aus zwei Stoffen, von denen einer fest ist, der andere flüssig. Der feste Stoff ist gewebt aus einzelnen Fäden, locker, wie grobes Linnen. Der flüssige Stoff gewährleistet die Elastizität, ein Teil aber dringt nach außen und mischt sich mit Wasser oder Luft zu Schleim.»

«Die Haut des Aals hat keine Poren», beharrte Mr. Colwall.

«Die Poren sind dreieckig», wiederholte Dr. Grew.

«In der Vakuummaschine wird der Aal trocken», sagte Mr. Hooke.

«Und stirbt», fügte Mr. Aubrey hinzu.

«Er stirbt an Austrocknung», erklärte Mr. Hooke.

«Er stirbt, dann trocknet er», sagte Mr. Aubrey.

Mr. Colwall schickte Tom zum Markt nach einem Aal und Harry, der soeben ein samtenes Läppchen mit Mr. Hookes Stein brachte, ins Kabinett nach der Vakuummaschine.

«Zum Wohl», sagte Mr. Aubrey und leerte sein Weinglas, «des Weiteren wurde mir aus Kensington berichtet, dass ein Knabe, der seinen Daumen in das Fleisch eines Gehenkten steckte, seinen Arm an den Wundbrand verlor.»

«Wie lange hing er?», fragte Dr. Grew.

«Lange», entgegnete Mr. Aubrey lächelnd. «Wie möchte wohl ein Knabe frisches Fleisch mit dem Finger durchstoßen?»

Bis Tom mit dem Aal zurückkam, hatten die Herren die Experimentalkladde und die Vermischten Bemerkungen um manchen Beitrag bereichert. Nach einem kurzen Disput hatte man beschlossen, Mr. Hookes Stein nicht dem Kabinett, sondern einer chemischen Analyse zuzuführen. Man hatte ihn im Mörser zerstoßen, mit Aquafortis geschüttelt, gefiltert, das Sediment probiert, alles ohne rechtes Ergebnis. Vom Aquafortis war man zur Reinigung von Perlen gelangt, von dieser zur Herstellung rostfreier Nägel, von dort zum Schiffsbau und von jenem zu dem Vulkanausbruch, der von Teneriffa berichtet wurde. Dr. Grew und Mr. Colwall gerieten in einen Wortwechsel über die Ursachen unterirdischen Feuers. Dazwischen sprach Dr. Croune über die Formung des Kükens im Ei und den Wandel der Dichte des Wassers. Mr. Aubrey beschrieb ein Tier, das in Kensington als Bastard eines Kaninchens und eines Katers das Licht der Welt erblickt habe und seither ein etwas unentschiedenes Leben führe. Mr. Hooke wollte das Tier kaufen, Dr. Grew zweifelte dessen Existenz an, woraufhin sich Mr. Colwall erinnerte, es mit eigenen Augen gesehen zu haben bei seinem letzten Ausflug nach Kensington. Mr. Aubrey und Mr. Colwall wurden beauftragt, das Tier zu erwerben und auszustopfen, während man Mr. Hooke bat, bis zur nächsten Sitzung die Analyse seines Steins abzuschließen, was er sich ohne Murren, wenn auch ein wenig unfroh zu eigen machte, hätte er den Stein doch lieber unversehrt im Kabinett gesehen. Mr. Aubrey war bei der zweiten Flasche Wein angelangt, Dr. Croune stärkte sich mit Barbados-Likör, Mr. Colwall erläuterte die jüngste Testreihe des Florentiner Experiments und Josiah Blane zeichnete.

Er zeichnete Regale, ähnlich jenen im Kabinett, dazu Wandhaken, Tischchen, Vitrinen, alles, was man braucht in einer Naturaliensammlung, um die Objekte angenehm auszustellen. Als der Raum bestückt und nach den Regeln der Perspektive mit Fluchtpunkt und kunstfertigen Schrägen versehen war, widmete sich Josiah den Schaustücken selbst. Er zeichnete die Halswirbelsäule des Mr. Hooke, aufgestellt auf einer Konsole als Lehrstück naturwidrigen Wuchses, er zeichnete auch Mr. Hookes eifrige Männlichkeit in ein Glas mit rektifiziertem Öl, und daneben, in Wachs präpariert, Mr. Aubreys mitgenommene Leber. Von einem einzigen Haken baumelten die Schädel des Mr. Colwall und Dr. Grew, wie sie einander feindselig beäugten aus vier weiß gescheuerten Augenhöhlen. Josiah verschönerte seine Zeichnung weiter, mit Fingern, Blasen, Kniegelenken der anwesenden und auch der abwesenden Mitglieder der Royal Society, mit den Augen des Mr. Pepys und Dr. Kings geblähtem Gehirn, mit der abgezogenen Haut des jungen Earl of Fearnall, eines Mitglieds honoris causa, und mit allen gewesenen und künftigen Steinen des Mr. Hooke. Zuletzt zeichnete er sich selbst ins Museum, ausgestopft und lebensecht hingestellt an ein Pult in schreibender Haltung. Josiah protokollierte, während er zeichnete, und eben schrieb seine Rechte Dr. Grews Meinung zur Ausschmelzung von Antimon mit Eisen nieder, während er mit der Linken die Mundwinkel seines eigenen Konterfeis hinabzog zu einer trüben Grimasse, als Tom mit dem Aal kam und die Tür zufallen ließ.

«Meine Herren», sagte Sir Christopher Wren, der bislang wie die Statue der Geduld mit zwar offenen, aber blicklosen Augen unbewegt und stumm im Sessel des Vorsitzenden verharrt hatte, «ich möchte Sie nun, wie letzten Mittwoch und bereits mehrmals zuvor vereinbart, um Ihre Stimmen zur Bestellung des korrespondierenden Mitglieds Dr. Chrysander zum Kurator unserer Sammlungen bitten.

Josiah Blane schnitt die Feder nach und öffnete die Kladde Beschlüsse und Ergebnisse.

«So er denn sein kaltsinniges Nordmoos nicht in meinem Garten zu kultivieren beabsichtigt», sagte Mr. Aubrey, «soll mir der Herr Kollege aus Uppsala willkommen sein, obschon ich bedauere, dass er mir seine Geburtsstunde verschweigt.»

Mit diesem Satz begann jede Diskussion über das Thema Chrysander, an der Mr. Aubrey teilnahm. Er hatte den Schweden bereits vor zwei Jahren nach seiner Geburtsstunde gefragt, da ihm einiges an dessen Wesen, wie es zutage trat in seinen Briefen und Publikationen, auf eine ungesunde Ballung diverser Planeten hinzudeuten schien; eine Antwort hatte er nicht erhalten. Bei dem Moos, welches Mr. Aubrey missfiel, handelte es sich um eine flache, dunkle und stets ein wenig verfilzte Art aus Lappland, welche der Schwede vor einigen Jahren beschrieben und mit gutem Recht Chrysandria getauft hatte, da sie zuvor niemandem aufgefallen war. Das lappländische Moos lag Dr. Chrysander sehr am Herzen; ein halbes Dutzend Traktate hatte er bereits darüber geschrieben, obschon die Chrysandria, so Mr. Aubrey, das langweiligste Geschöpf auf Gottes Erde war. Sie hatte keinen Samen, keinen Keim, kein Geschlecht, und selbst im kurzen und wilden nordischen Frühling, der sonst, wie man aus den Büchern wusste, die ganze Welt unverhofft zu Bocksprüngen trieb, blieb die Chrysandria saftlos, filzig und von einer ungerührten Keuschheit, die weder Pollen kannte noch Pistillum und keinen Wunsch nach Vermehrung. Freiwillig breitete sie sich nicht aus; wollte man sie kultivieren, musste man ein Stielchen im Mörser zerreiben und es dann aussäen auf einem trockenen und schattigen Stein, wo das Moos sodann, lustlos, wie es schien, und sehr langsam, ein neues Polster bildete, welches wiederum allen Anfechtungen des Frühlings widerstand.

Der Eifer, mit dem Simon Chrysander dem lappischen Moos anhing, wäre ihm fast zum Verhängnis geworden. Seine Abhandlung De Origine Animalium a Vegetabili Regno führte in der Universität Uppsala zu einem Skandal, da man mutmaßte, Chrysander wolle behaupten, in seinem Lieblingsmoos läge der Ursprung des Lebens und alle anderen Arten seien aus ihm hervorgegangen. Sehr zu Mr. Aubreys Belustigung hatte es hierbei stets auch den Anschein, als werfe der Autor jeder Pflanze, jedem Tier und zuvörderst dem Menschen vor, sich aufgrund einer unheiligen Degeneration von der paradiesischen Demut der Chrysandria ab- und stattdessen einer auf Geilheit und Kampfeslust fußenden Lebensform zugewandt zu haben. Was Mr. Aubrey ebenfalls, die theologische Fakultät von Uppsala dagegen wenig amüsierte, waren einige verwaschene Sätze, denen man, wenn man denn wollte, entnehmen konnte, Chrysander vertrete die Theorie, der Gott der Genesis habe Wasser, Erde und Chrysandria geschaffen und sich sodann zur Ruhe gesetzt, um den Fortgang der Geschichte dem Zufall zu überlassen.

Nachdem ihn diese Abhandlung beinahe den Lehrstuhl für Medizin gekostet hatte, den er seit nunmehr zehn Jahren besetzte, wurde Dr. Chrysander besonnener und publizierte nun meistens in England, da hier das Interesse an der Heiligen Schrift als Fundament der empirischen Wissenschaft doch geringer war als in Schweden. Auch gab er kaum mehr solch gewagte Thesen in den Druck, sondern wandte sich den Details der Schöpfung zu, die er einzeln beschrieb und verglich, mit einer Ausdauer, die fast darauf schließen ließ, er würde keine Ruhe geben, bis er nicht jedes Tier, jede Pflanze, jedes Mineral oder Salz, jede Naturkraft und jedes Gesetz der Physik, kurz, alles, was auf Erden zu beobachten war, erschöpfend dargestellt, erklärt und gemäß seiner jeweiligen Eigenschaften zweifelsfrei in eine Vitrine seines hypothetischen Museums eingeordnet hätte.

Viele seiner Werke trugen dieses Wort im Titel: Musaeum Vermium Occidentalium. Musaeum Cerebri Animalis. Musaeum Regni Lapideum incl. Fossiliae. Dabei begnügte sich Dr. Chrysander nicht damit, die Dinge der Natur zu schildern, sondern er fasste sie auch in mathematische Formeln, die er Rationes nannte. Die Ratio einer Art bestimmte sich, soweit man dies begriffen hatte in der viel beschäftigten Royal Society, gemäß ihrer Stellung zu benachbarten Arten und vermutlich auch immer zu jener fragwürdigen Prima Causa, dem lappländischen Moos; denn von diesem wollte Dr. Chrysander nicht lassen. Mehrere Rationes ergaben eine Ratio höherer Ordnung, die wiederum mit anderen Rationes verrechnet werden konnte, bis schließlich, so schien es, die ganze unruhige Welt in einer einzigen Formel erfasst und gebändigt wäre. Es war vermutlich klug, dass Dr. Chrysander in England publizierte; denn stets blieb ein wenig im Dunkeln, welchen Platz Gott der Herr fand in jenem Koordinatensystem und welchen die christliche Demut, und es hatte auch bisweilen den Anschein, als sei dem Autor die unsterbliche Seele abhandengekommen bei all seinen Vergleichen zwischen Pflanze, Tier und Mensch.

«Das soll vorkommen», seufzte Dr. Grew.

«Nun denn, die Seele ...», gähnte Mr. Aubrey.

«Dafür gibt es die Kirche», meinte Dr. Croune, «teuer genug wird sie ja bezahlt.»

Weder Moos noch Rationes waren der Grund, weshalb man im Gresham College über Dr. Chrysander beriet. Er klassifizierte, so Sir Christopher, wie ein Engel, und das Kabinett bedurfte in der Tat eines klassifizierenden Geistes. Die Sammlungen wurden größer von Woche zu Woche und hatten weder Ordnung noch Katalog. Ein Mann wie Chrysander, der ausfegte und aufräumte in den Reichen der Natur, und der seine Seele, wie Mr. Aubrey dies ausdrückte, schon vor Jahren dem Ordnungsteufel verkauft hatte unter Umgehung des ersten Buches Mose, schien vielen der richtige für diese Aufgabe.

Man sang schon Spottverse über das liederliche Kabinett der Royal Society. Vor kurzem erst hatte Mr. Hooke wutschnaubend die Komödie verlassen, als der Hanswurst ein Lied anstimmte, das von dem Liebesspiel eines schiefen Professors, zweier brasilianischer Moorhennen und einer gewachsten Gallenblase erzählte, welche in ihrer Glut über faulige Föten und namenlose Nüsse stolperten; und solche Scherze waren zäh und fruchtbar wie Ratten.

Ratten lebten auch im Kabinett. Man fand immer wieder geheimnisvolle Objekte im Treppenhaus, herausgenagt aus größeren Geheimnissen, verdreckt und verschleppt und verloren. Ein solches Überbleibsel schickte Mr. Aubrey eines Tages nach Uppsala, um zu prüfen, ob Dr. Chrysanders Gaben seinem Ruf entsprächen. Postwendend erhielt man die Antwort: Partikel eines Hodens eines Bären, benagt von einer Ratte. Man setzte das Examen fort. Klaglos folgte Bestimmung auf Bestimmung, Gewebe des menschlichen Dünndarms, Kralle einer Fledermaus, Meerwurmnest verbacken mit Teer, Rose von Jericho, Ziegenhorn mit Spuren von Feile und Leim. Sir Christopher Wren hatte nach dem letzten Brief eigenmächtig einen gehörnten Hasen aus Sachsen fortgeworfen und plädierte seitdem dafür, Dr. Chrysander einzuladen, um in der Frist eines halben Jahres dem Kabinett mit seinem Wissen und seiner kurz angebundenen Gefälligkeit zu einem Glanz zu verhelfen, welchen es, so Sir Christopher, wahrscheinlich verdiente, aber ohne Kurator wohl nicht bekommen würde bis zum Jüngsten Tag.

«In den Augen der Welt», sagte Sir Christopher sanft, «erscheinen die Wangen der Royal Society ein wenig blass in diesen Tagen.»

«Und Dr. Chrysander», fragte Mr. Colwall, «wäre nun das Schminköl, um dem beizukommen?»

«Ein Öltuch gegen den Regen der Verleumdung?», schlug Dr. Croune vor.

«Pariser Öl gegen Altersfalten?», bot Mr. Aubrey an.

«Die letzte Ölung, gegebenenfalls», murmelte Mr. Hooke.

«Zumindest ein wenig Rosenöl wäre durchaus vonnöten im Kabinett», meinte Mr. Aubrey, «seit Mr. Hooke das Terpentinöl ausgegangen ist. Allerdings bewies auch Herkules seine Stärke zunächst in einem Misthaufen.»

«Mit einem Ölbaum als Keule», setzte Dr. Crew hinzu.

«Terpentin?», fauchte Mr. Hooke. «Ich präpariere in Wachs, Sir, und ich präpariere, wann ich will!»

So sprachen die Herren und so schrieb Josiah Blane, und eine unsichtbare Sonne wanderte draußen über den Himmel. Zwei Stunden später warf Sir Christopher sein nussbraunes Haar über die linke Schulter zurück. Dies war das Signal für Josiah, ein Ergebnis zu notieren. Wie so oft, hatte er dessen Geburt nicht zu folgen vermocht. Schwer schlugen Sir Christophers Locken gegen seinen samtenen Rücken, das teuerste Haar der Gesellschaft. Josiah schnitt die Feder nach. Der Vorsitzende diktierte: Die anwesenden Mitglieder beschlössen, dem Konzil zu empfehlen, Dr. Simon Chrysander für das Gehalt eines Ordinarius nach London zu bitten, um die Objekte der Sammlungen im Gresham College zu sichten, zu bestimmen, zu beschriften, zu vergleichen, einzuteilen, zurechtzumachen und übersichtlich aufzustellen, wie dies ihrer Form, Art, Natur und Bedeutung entspreche. Die Empfehlung sei einstimmig, diktierte Sir Christopher. Mr. Hooke zog dazu ein Gesicht, das Josiah nicht hätte zu Protokoll nehmen mögen. Sir Christopher machte sein Kompliment und beendete die Sitzung.

Die Herren brachen auf, um in Garraways Kaffeehaus hinter der Börse den Abend zu beschließen. Nur Mr. Aubrey machte sich davon zu einem Lokal mit allen Lizenzen. Er zwinkerte Josiah zu, als er am Stenographenpult vorüberkam, schnitt sogar eine Grimasse; ein Scherz, ähnlich jenem, mit dem ein Hagestolz einen Säugling neckt.

Josiah Blane stand auf und verharrte verbeugt, bis er alleine war. Dann bündelte er seine Niederschriften. Nun würde er also kommen, Dr. Chrysander aus Uppsala, dessen Liebe der Ordnung galt, den Rationes und einem dürftigen Moos aus Lappland. Bald wäre er hier und Josiah könnte ihn zeichnen. Würde Dr. Chrysander London gefallen? Josiah bezweifelte das. Auf dem Tisch stand der Kübel mit dem Aal. Er zuckte in seinem kleinen Gefängnis, fast hob er den Deckel. Josiah schloss leise sein Tintenfass. Er lauschte. Ein Aal, der pocht, bedeckt mit Schleim. Josiah kratzte eine Weile seinen Nacken, dann nahm er den Kübel und brachte ihn in die Küche. Später aß er den Aal zu Abend.

II

IM NOVEMBER 1678 bezog Simon Chrysander sein Quartier in London. Robert Hooke, der Sekretär der Royal Society, hatte in dem Haus, das die Throgmorton Street mit der Broad Street verband, das erste Stockwerk für ihn herrichten und möblieren lassen, das er nun, wenn alles nach Wunsch verlief, zusammen mit seinem Diener Kauppi und einer Köchin namens Peg, die ihm ebenfalls Mr. Hooke überlassen hatte, ein halbes Jahr lang bewohnen würde. Wenn Dr. Chrysander aus dem Fenster blickte, sah er zur Linken die Kirche St. Peter Le Poor, zur Rechten die Steuerbehörde, und dahinter, tief im Nebel, die Schornsteine des Gresham College.

Chrysander war ein grobknochiger Mann in den Dreißigern, von mittlerer Statur, kantigen Zügen und einem dunklen, fast südländischen Teint. Seine Augen standen ein wenig eng, die Brauen berührten sich und der Bartschatten widerstand jeder Rasur. Das Haar, schwarz mit dem ersten Grau, trug er nackenlang; Kauppi schnitt es unter einem Topf. Schwarze Haare wuchsen auch auf Chrysanders Händen und bildeten um die Knöchel kleine Wirbel. Seine Finger waren kurz und gedrungen, zwei Nägel der Rechten dafür lang, einer flach gefeilt, der andere spitz, Werkzeuge für unterwegs. In Uppsala hatten ihn manche für einen Bauern gehalten, zumal er sich oft nicht sorgfältig kleidete; die Engländer verwechselten ihn mit einem Priester oder Schlimmerem. Erst hatte er jedermanns «Hochwürden» korrigieren müssen, später sah er verwundert, wie ihn fremde Passanten mit der Geste für Galgenstrick begrüßten oder sogar Kot nach ihm warfen. Erst allmählich begriff er, dass hier ein schwarzer Rock und kurzes Haar Bekenntnisse waren, für allzu viel Frömmigkeit und gegen den Hof mitsamt der französischen Mode. Chrysander wusste, warum er in England publizierte. Dass Gottesfurcht mit Kotwerfen geahndet wurde, befremdete ihn allerdings doch.

Vor drei Tagen war er in London eingetroffen. Übermorgen würde er die Royal Society besuchen. Eine außerordentliche Sitzung war anberaumt, um den Kurator des Kabinetts zu begrüßen. Chrysander würde sprechen müssen. Darauf freute er sich nicht. Er freute sich allerdings auf Mr. Hookes Fossilien und auf die Farne und Pilze aus Übersee.

Kauppi rückte mit finsterer Miene das Mobiliar. Wahrscheinlich versuchte er, Chrysanders Wohnung in Uppsala nachzustellen, denn Kauppi fühlte sich in London nicht wohl. Er war ein Lappe von ungefähr sechzehn Jahren, kurz und rundlich, mit flachem Gesicht, der nur selten sprach und nie fragte; Chrysander schätzte dies sehr. Vor fünf Jahren hatte er Kauppi gefunden, ein herrenloses Kind auf einem Hügel bei Jukkasjärvi, den der Professor erklomm auf der Suche nach den Geheimnissen der nordischen Fauna und Flora. Er hatte das Kind zur Seite geschoben, was es sich leise fauchend gefallen ließ, und unter ihm jenes Moos entdeckt, das er später Chrysandria taufte. Beide hatte er nach Süden gebracht und behalten, den lappischen Knaben und das lappische Moos, und während der Erste soeben einen englischen Teetisch aus seinem Blickfeld zu entfernen suchte, lebte das Zweite, flach hingeduckt auf einen Granitstein, unter einem Glassturz in Chrysanders Arbeitszimmer und zeigte sich keineswegs beeindruckt von der Reise nach London. Das Moos bedurfte keiner Erde und kaum eines Tropfen Wassers, muckste sich nicht und wünschte weder Paarung noch Luft, und in den nunmehr fünf Jahren, da es seinem Herrn für jeden wissenschaftlichen Vergleich als Bezugspunkt diente, hatte es sich nicht einen einzigen Zoll vorgewagt auf den noch unbewachsenen Grund.

Kauppi verwahrte den Schlüssel zum Arbeitszimmer. Kauppi bewachte das Moos. Auch Kauppi war genügsam. Wenn er Möbel rückte, bis alles die rechte Ordnung hatte, so konnte sein Herr diesen Wunsch gut verstehen.

Simon Chrysander war der Sohn des Pfarrers von Söderfors in Dalarna, das älteste Kind von sechs lebenden und sechs toten Geschwistern. Er hatte selbst Pfarrer werden sollen in Söderfors. Stattdessen wurde er Professor in Uppsala und ging nicht mehr zur Kirche. Wieder blickte er aus dem Fenster. Nie klarte es auf. Jedes Metall lief an in dem rötlichen Dunst, Kofferschließen, Knöpfe, Sezierbesteck, alles sah aus wie Bronze. Dicht lag der Nebel über der Broad Street, über Männern, Frauen, Kindern, Kutschen, Hunden, Bettlern und allerlei Unrat in den Gossen, über einem entlaufenen Pferd, das in einen Laden drängte, über einem Greis, der gestürzt war und nicht mehr aufstand, über einer Sänfte ohne Träger, schräg in den Schlamm gerammt, als solle sie dort Wurzeln schlagen. Es wurde schon dunkel. Es war nie hell gewesen. Chrysander graute es vor dem Gresham College und ihn graute auch sonst. Die Welt war groß. Der Arten waren viele. Kaum reichte eine Lebenszeit hin, dies alles recht zu sortieren. Schon dreimal hatte Chrysander heute das Moos aufgedeckt, um sich an seiner Verlässlichkeit zu freuen. Er spürte Kauppis Hand an seinem Rockschoß. Kauppi roch, wenn die Furcht zum Professor kam. Chrysander scheuchte ihn fort. Er schloss die Fensterläden und griff nach Ogilbys Stadtplan von London.

Als er das Haus verließ, war Nacht. Er hatte Kauppi zu Bett geschickt und die Tür von außen verriegelt, denn er wollte nicht, dass Kauppi nach ihm suchen kam, wie er es in Uppsala manchmal tat. Nicht immer hielten Riegel den Lappen zurück; aber Chrysander wollte ihm doch wenigstens den Ausbruch erschweren.

Er ging zu Fuß, die Kapuze über den Hut und das halbe Gesicht gezogen, den Degen griffbereit und einen Dolch im Ärmel. Er bezahlte einen Jungen, der ihm leuchtete, vorbei am Church Market und bis Walbrook. Dort kaufte ihm Chrysander das Licht ab und setzte seinen Weg alleine fort.

Er wusste, was er brauchte, aber er wusste nicht, wo es war. Ogilbys Tafeln hatten ihm wenig Aufschluss gegeben über Londons verworrene Anatomie. Zunächst ging er viel zu nah ans Wasser. Er geriet in die Docks von Dowgate und musste umkehren. Er stolperte über einen Betrunkenen oder Toten, bog ein in die Thames Street und folgte ihr hartnäckig nach Westen. Ein verirrtes Schwein stieß ihn bittend mit der Schnauze an. Chrysander unternahm diese Wanderung nicht gern, aber es war an der Zeit und es half nichts, sich zu sträuben. Chrysander war kein Moos. Er bedauerte dies täglich, doch ändern konnte er es nicht.

Er nahm Witterung auf von der Stadt. Es war nicht einfach. London hatte sein Aroma verloren in den Flammen von ’66 und die neuen Häuser wiesen ihm nicht den Weg. Sie waren schnell gebaut und oft schon rissig. Chrysander passierte Kirchhöfe ohne Kirchen, öde Flecken voller Unrat und Morast. Hier und da standen noch Brandruinen, in denen man Waren feilbot oder fertigte, in denen man schlief, wenn man kein Obdach hatte, in denen man gewiss auch mordete, wenn man ein Mörder war und ein Opfer fand in der Nacht. Chrysander tastete nach seinem Dolch. Er ging zügig voran, Blackfriars vor sich, dahinter Alsatia, dahinter der linke Rand von John Ogilbys ungenügendem Stadtplan.

Schließlich wurde er fündig, oder man fand ihn, noch bevor er das kartographierte Gebiet verließ. Ein Jüngling, der an einer Hauswand lehnte, abgerissen, aber im Putz. «Huren, Sir?» Chrysander nickte.

Er folgte dem Schlepper in eine Seitengasse, in einen Durchgang, in einen dunklen Hof. Man hielt dort Kaninchen und Geflügel. Die Ställe stanken. Die Hühner glucksten und scharrten leise im Schlaf. In der Haustür hingen gefilzte Vorhänge, der Zubringer schob Chrysander hindurch, dann machte er kehrt und bezog wieder Posten auf der Straße. Chrysander schlug die Kapuze zurück. Die Wirtin des Lokals nahm den neuen Gast in Empfang. Sie knickste, ließ ihn ein, ließ ihn stehen. Chrysander kannte hier nicht die Gepflogenheiten. Er blieb allein in einem düsteren Gang, Steinboden, an der Wand zwei Stühle, über der Tür eine Feuerglocke, daneben ein Gemälde von Susanna im Bade. Zaghaft folgte er dem Licht und fand den Salon.

Es war ein bescheidenes Unternehmen, sparsam mit Mobiliar und Mädchen. Chrysander verharrte schweigend in der Tür. Auf einem Sofa saß eine Frau und stickte. Ein Alter befühlte vergnügt zwei kleine Mädchen, eines auf jedem Knie. Chrysander atmete auf. Dies waren Huren, die schlichteste Spezies in der Klasse der Res Humanae, hilfreich gegen das Grauen und einfach zu fassen in einer Formel aus Körper und Geld.

Ein weiteres Mädchen, schon besser gerundet, plauderte an einem Tisch mit drei jungen Herren in vollem Staat. Sie blickten auf, als Chrysander eintrat, grinsten, grüßten nicht, sprachen weiter. Sie sprachen vom Theater. Eben kamen sie aus der Vorstellung. Kleopatra hatten sie gesehen, davor einen Prolog, Scherze, wie dumm der König sei. Der König war in seiner Loge gewesen. Der König hatte gelacht. Darüber lachte nun die Hure, artig und etwas matt. Die drei Männer lasen ihr den Prolog vor, den sie gedruckt besaßen, mit einer Rollenverteilung, die keinen Sinn ergab. Huren, Theater, das Gerede vom König, draußen die Hühnerställe und hier die Männer im Galakleid, saphirblau, lavendel, maron, Brokat über Brokat über Satin über ellenweise Brüsseler Spitzen, die längst nicht mehr weiß waren nach einem nebeligen Tag: Auch dies ergab wenig Sinn für Chrysander. Die Ratio für Hurenhaus, so trostreich in Uppsala, hatte hier nicht die beste Kontur. Chrysander wollte kehrtmachen. Doch ein Mädchen wollte er auch. Dem Ding war Genüge zu tun. Andernfalls schrie es Alarm. Wenn das Ding pochte, konnte Chrysander nicht denken, und er musste denken, tagaus, tagein, denn das war sein Beruf. Er wich einen Schritt zurück. Er tat einen Schritt nach vorne. Die jungen Herren blickten auf.

«Gott zum Gruße, Hochwürden», rief der Saphirblaue.

«Beau jeu, Sir», kicherte der in Maron.

«Er soll Maudlin haben», bestimmte der Lavendelfarbene. «Maudlin wird Hochwürden gefallen.»

Die Hure am Tisch lachte. Die Hure auf dem Sofa schlug ein Kreuz und lachte dann auch. Der Alte mit den Kindern hob an zu einer Frage, besann sich aber und schwieg.

«Ich wähle selbst, Sir», sagte Chrysander, «und ich habe kein geistliches Amt.»

Die Herren ließen sich nicht beirren. Sie riefen «Mutter Bushell», das war die Wirtin, sie erschien, bekam ein Trinkgeld und nickte. Ob Maudlin umgekleidet sei? Jawohl. Ob Maudlin bereit sei? Zu Diensten in ihrer Kammer.

Chrysander wollte Maudlin nicht. Er mochte keine Huren mit Namen. Daheim in Uppsala, bei den Mädchen von Svartbäcken, war es Brauch, dass der Kunde sie taufte. Hesperis, Clematis, Nymphäa – viele gaben ihnen die Namen, die im nahe gelegenen Botanischen Garten auf den Schildern standen. Chrysander tat das nie. Er mochte keine Huren mit Namen. Gespräche mit anderen Kunden mochte er indes noch weniger. Er wollte die Ware, ihren Preis entrichten, und fort.

«Wo ist das Mädchen», fragte Chrysander, «und wie und bei wem wird bezahlt?»

Die Wirtin bestand auf Vorkasse. Sie bat Chrysander, Umhang und Degen abzulegen, dann schickte sie ihn die Treppe hinauf, erster Stock, erste Tür rechts. «A votre plaisir», rief der Herr in Lavendel und lachte. Chrysander verließ den Salon.

Er fand die Tür und klopfte. Niemand gab Antwort. Er wartete. Dann trat er ein. Eine Kammer, karg möbliert, ein Schrank, ein Stuhl, ein Bett. Die Wand zur Rechten war aus Brettern genagelt und reichte nicht ganz bis zur Decke. Sie trennte den Raum vom nächsten Verschlag, die zweckdienliche Bauart eines Stalles. Vor dem Fenster hing eine grüne Gardine, über dem Bett ein Stich aus dem Aretin, zwei nackte Leiber, vielleicht auch drei, kunstvoll ineinander verschlungen. Neben dem Schrank stand ein Mädchen vor einem kleinen Spiegel. Als Chrysander eintrat, wandte sie sich um, stutzte, dann lächelte sie.

Sie war schmal und hoch gewachsen, um einiges größer als ihr Gast. Rotes Haar, unberührt von der Brennschere, fiel über ihre Schultern und fast bis hinab auf die Taille. Rotblond waren auch Brauen und Wimpern. Den Kohlestift kannte sie nicht. Nur die Lippen waren geschminkt, ungeschickt hingepinseltes Rouge, ein greller Fleck in ihrem blassen Gesicht. Sie war übersät mit Sommersprossen, helle Tupfen auf noch hellerer Haut, im Gesicht, auf Händen und Armen, im Ausschnitt ihres Kleides. Schlüsselbeine und Brustbein zeichneten sich ab, kaum Busen. Im Mieder steckte ein zerknittertes Stoffblumensträußchen, Goldlack und Maßliebchen. Sie trug ein schlichtes weißes Unterkleid, knapp, vielleicht einfach zu klein, und blassgelbe Pantoffeln aus zerschlissenem Atlas. Ihre Füße waren groß, auch die Hände, lange getupfte Finger, ineinander verschränkt vor einem flachen, kaum geschnürten Bauch. Sie war nicht sehr jung; über zwanzig. An eine Hure gemahnte nichts. Sie war schön und sonderbar, wie ein Einhorn, ein Meerweib, ein Wappentier. Ungerufen kam ein Gedanke in Chrysanders Kopf, kauf sie frei, nimm sie mit. Er erschrak. Das Mädchen legte den Kopf schief. Dann faltete sich ihr langer Körper in einem tiefen Knicks.

«Maudlin?»

«Ja, lieber Herr.»

Sie sprach rau, ein wenig heiser, ein wenig gedehnt; der Tonfall einer ländlichen Gegend. Nur langsam richtete sie sich auf. Sie rückte den Stuhl für Chrysander zurecht, wischte den Sitz mit dem Rockzipfel ab und bat ihn Platz zu nehmen, mit einer etwas zu großartigen Geste, als spiele ein Kind die Prinzessin. Sie kicherte, nur kurz, fast ein Schluckauf. Dann lächelte sie. Chrysander wollte sich nicht setzen. Er wollte fort und nicht fort. Etwas war nicht in der Ordnung. Maudlin kräuselte die Nase, als röche sie Chrysanders Zweifel. Feuerrot waren ihre Lippen, weiß die Zähne, wie bei einer Dame von Stand. Sie betrachtete ihren Gast aufmerksam. Sie tat nicht ihre Hurenpflicht. Sie schaute und blinzelte, als traue sie nicht ihren Augen. Chrysander setzte sich doch. Seine Kunst der Bestimmung versagte. Animalia. Viviparos. Oviparos. Vegetabilia. Cruciferae. Saxifraga. Zoophythes. Chrysanders Denkmaschine spuckte Begriffe aus, schnell und furchtsam, wie ein Gebet in Not. Er hob den Kopf und blickte in Maudlins helle Augen.

Irgendwann trat sie einen Schritt zurück. Sie senkte den Kopf und nestelte an ihren Maßliebchen.

«Aus Cheshire komm ich, lieber Herr. Schweinemagd bin ich gewesen. Ich war im Stall und draußen sind alle an der Pest gestorben, sie haben mich draußen nicht wollen, Mama und Vater und das Dorf, weil Ihr seht ja, ich bin zu rot, und der Teufel hat mich scheckig gespuckt, und zu lang bin ich, das Stalltor ging viel zu weit runter, ich haute mir den Kopf und alle lachten, und dann hat sie die Pest geholt, oh ja, das weiß der Herr, nicht wahr, der liebe kluge Herr weiß um die Pest in Cheshire?»

Chrysander schauderte. Quadrupedes. Amphibia. Eine Hure, die biographisch vorgeht, sah sein System nicht vor.

«Cheshire ist grün», fuhr Maudlin fort, «grüne Wiesen, sonst nicht arg viel, aber fein grün in Cheshire, vor der Pest, guter Herr, und nach der Pest auch, und nun, nun, einer nahm mich mit, hat mich malen wollen als die heilige Magdalene, aber froschnackt, der Schelm, und nun, nun bin ich hier, lieber Herr, das bin ich, eine femme de plaisir, und Ihr?»

Maudlin bückte sich. Ihr Haar streifte Chrysanders Hände. Sie verharrte reglos. Sie wiederholte: «Und Ihr?»

«Schweden», murmelte Chrysander.

«Was?»

«Aus Schweden, mein Kind. Ein anderes Land.»

«Grün?»

«Im Frühling.»

«Und habt Ihr Heimweh, lieber Herr?»

Chrysander gab keine Antwort. Maudlin ging in die Hocke und hielt sich mit beiden Händen an seinen Knien fest. Chrysander betrachtete ihr Brustbein, die Linie ihres Halses. Er wollte sie haben, jetzt und weiterhin. Er würde davonlaufen müssen. Das Mädchen richtete Schaden an in seinem Gehirn.

«Seid Ihr Priester?», fragte Maudlin. «Sprecht Ihr mich los?»

«Nein. Du musst zur Kirche gehen.»

«Was seid Ihr sonst?»

«Arzt und Professor.»

«Professor? Was ist das?»

«Einer, der ordnet. Der die Ordnung sucht.»

«Ihr ordnet, guter Herr? Was?»

«Alles. Die Dinge der Welt. Es sind viele. Es ist eine Frage der Zeit.»

Chrysander hörte sich sprechen wie einen Fremden. Hatten sie ihm eine Hexe gegeben? Gab es solche? Eine noch offene Frage in der Klasse der Res Humanae.

«Ordnung», sagte Maudlin, den Kopf gesenkt, «das ist schön. Das erstaunt mich. Das ist wie Friede. Könnt Ihr das? Wo lerntet Ihr das? Ordnet Ihr alles? Auch Leute?»

«Auch diese.» Chrysanders Zunge war schwer. Maudlin streichelte abwesend sein linkes Bein. Schatten huschten über ihr Gesicht, Kummer, Freude, Furcht, Verwirrung oder nur eine nervöse Verschiebung der Muskeln.

«Verzeiht, Sir. Ich bin neu hier. Ich muss das Spiel noch lernen.»

Chrysander versuchte aufzustehen. Maudlin hielt ihn fest, ein harter Griff um beide Knie, als packe sie ein Ferkel im Stall.

«Wie geht das?», fragte sie laut, fast befehlend. «Wie macht Ihr das, ein jedes Ding recht zu ordnen?»

«Ich sehe es an, ich bestimme es, dann gebe ich ihm einen Namen.» Es klang einfach, wenn Chrysander das sagte. Er wagte nun, sich zurückzulehnen. Er wagte einen langen Blick auf Maudlins unfassbares Haar.

«Tut es mit mir, guter Herr.»

«Dich bestimmen?»

«Nun ja!»

Chrysander verzog den Mund. Es wurde fast ein Lächeln. Maudlin neigte den Kopf, tief und tiefer, und berührte mit den Lippen seine Hand.

«Es ist schwer», sagte Maudlin, «nicht wahr?»

«Es ist einfach», sagte Chrysander.

«Glaubt Ihr?»

«Oh ja!»

«So tut es denn!»

«Du bist ein Mädchen, Maudlin», begann Chrysander, «du bist ein gutes Mädchen», ergänzte er verblüfft, «das einen Wirrkopf hat und den rechten Weg versäumte.»

Maudlin überlegte. Dann sagte sie leise, «nennt mich nicht so, nennt mich Lucy.»

Chrysander blickte sie fragend an. Ein Name war ihm mehr als genug.

«Lucy heiß ich. Maudlin war meine Schwester. Sie war bös und starb und ich stahl ihren Namen. Aber Lucy ist meiner. Mein eigener. Ich ...»

Sie stockte. Sie verschränkte ihre Finger sorgfältig über Chrysanders Knie und legte den Kopf in den Nacken.

«Ich mag Euch. Lieber Herr. Nennt mich Lucy.»

«Ich muss dich nicht nennen, mein Kind.»

«Das ist schade.»

Mit Entsetzen beobachtete Chrysander seine Hand. Sie hob sich und öffnete sich, als wolle sie etwas nehmen. Chrysander hatte der Hand nicht befohlen, dies zu tun. Sie öffnete sich weiter und bewegte sich weiter und dann geriet sie in das Haar des Mädchens, das Maudlin heißen sollte und Lucy hieß, das sich anbot als Hure und sich nicht wie eine Hure benahm. Ihr Haar war weich und fein. Chrysander hielt eine Strähne und hob sie hoch, nah vor seine Augen, als sei das ein Farnwedel, ein Faden der Seidenraupe, die Mähne eines fremdartigen Tieres.

«Man könnte nachsehen», murmelte Chrysander, «wie du zu bestimmen bist, Kind, unter deinen Kleidern.»

«Ihr seid galant, Sir?» Lucy rückte beklommen ab.

«Ich möchte», sagte Chrysander, «nicht sprechen.»

«Nicht?»

«Ich weiß es nicht. Ich dachte, ich käme als Kunde. Du bist nicht zu Hause in deinem Gewerbe.»

«Mögt Ihr Huren?»

«Manchmal.»

«Warum?»

«Weil sie schweigen. Weil sie nicht fragen.»

«Oh», sagte Lucy. «Oh, lieber Herr. Das ist schlimm.»

Langsam rückte sie weiter ab und langsam stand sie auf. Noch immer hielt Chrysander eine Strähne ihres Haares und Lucy ließ ihn gewähren, sie stand krumm und wartete geduldig, bis ihr Gast genug hatte von dieser Betastung.

Er hatte nicht genug. Dennoch ließ er die Strähne los. Lucy blickte ihn an. Etwas wandelte sich in ihrer Miene, unbestimmt, unbestimmbar, sie wischte über ihre Augen, als verscheuche sie einen Traum.

«Es ist nicht gut hier», sagte sie leise. «Ich komme mit Euch. Nicht jetzt. Ich lass Euch fort, und dann komme ich in Euer Haus, wann Ihr wollt, wann Ihr befehlt. Ich will auch schweigen. Ich will auch tun, was die Huren tun. Ich will auch bei Euch bleiben, wenn Euch das gefällt. Es ist nicht gut hier. Glaubt mir, lieber Herr. Geht jetzt fort. Dann ruft mich. Dann komm ich.»

Chrysander schwieg. Auch er war aufgestanden. Er stand nahe vor Lucy. Sie neigte höflich den Kopf, um ihren Gast nicht allzu sehr zu überragen. Chrysander spürte ihren Atem und roch ihre Haut.

Simon Chrysander besuchte Bordelle seit bald zwei Jahrzehnten. Er hatte die Mädchen von Svartbäcken bezahlt, junge Dinger mit eckigen Hüften, auch Weiber jenseits der Blüte, deren dienstfertige Haut schon abgenutzt war, und auch zuweilen eine verirrte Schöne, deren Bild ihm im Kopf blieb für eine oder anderthalb Stunden. Er hatte Mädchen von der Straße bezahlt und die Ware im Hausgang genommen, auch die Töchter der Lappen kannte er, die sich nicht hinlegen mochten, weil sie sagten, so täte man es nur mit dem Liebsten. Seit zwanzig Jahren kannte Simon Chrysander die schlichte Formel der Hurerei, und nie war es ihm eingefallen, ein Mädchen zu sich zu nehmen, und sei es auch nur für einen einzigen Tag.

«Wollt Ihr, guter Herr?», fragte Lucy.

Chrysander wandte sich ab. Er ging zum Fenster. Er studierte den stockfleckigen Stich aus dem Aretin. Er konnte die Worte nicht sagen, nein, mein Kind, du bist nicht bei Sinnen. Chrysander schwieg und starrte auf das Bett, das zu kurz schien für Lucys langen Körper.

«Geht fort», sagte Lucy. Sie hatte sich angeschlichen. «Geht fort, lieber Herr. Es ist nicht gut. Wenn Ihr bleibt ...»

Chrysander drehte sich um. Lucy war tief errötet.

«Wenn Ihr bleibt, entflammt Ihr ganz mein Herz, so sagt man doch in den Romanen?»

Chrysander wich zurück. Er floh zu dem Stuhl und hielt sich an dessen Lehne.

«Sagt man so?», fragte Lucy. «Sagen dies die Ritter zu ihren Damen?»

«Schweig still», sagte Chrysander mühsam. «Ich habe für dich bezahlt.»

«Ihr wollt nicht fort?»

«Nein», sagte Chrysander.

«Geht», sagte Lucy.

«Nein», wiederholte Chrysander.

«So bleibt denn.» Lucy seufzte. «Und ich will unschuldig sein an allem.»

Chrysander setzte sich. Man würde das Geschäft nun abwickeln. Alles wäre dann an seinem Platz. Nichts wäre geschehen, mit Lucy, mit Chrysander, wenn sie miteinander handelten, wie es der Sitte entsprach.

«Komm», bat Chrysander, «komm her.»

Lucy kam folgsam näher. Auf halbem Weg blieb sie stehen und kratzte ihre linke Wade mit der Spitze des rechten Pantoffels.

«Ihr habt nicht viel Zeit? Ihr wollt Euch schnell erfreuen, und dann fort, und wieder ordnen, nicht wahr?»

Chrysander nickte dankbar.

«Ich bin Jungfrau», sagte Lucy. «Hat Euch Mutter Bushell unterrichtet?»

Chrysander schüttelte den Kopf.

«Sie ist tölpisch. Alles überlässt sie den Mädchen. Aber sorgt Euch nicht. Ich bin geschickt. Ich will knien und von der Pumpe trinken.»

«Nein!», rief Chrysander.

«Doch wohl! Hab ich’s nicht schön gesagt?»

Lucy schürzte ihre Röcke und ging vor Chrysander in die Knie. Sie strich über seine Schenkel. Sie öffneten sich fügsam. Chrysander legte eine Hand in Lucys Nacken, fand den Weg unter die Haare, fand ihren Hals. Lucy schauderte, denn Chrysanders Hand war kalt. Sie nahm die zweite und wärmte sie zwischen den ihren. Dann rückte sie näher, schlug seinen Rock zurück und öffnete langsam die unteren Knöpfe der Weste. Sie fand seinen Hosenlatz. Sie öffnete auch diesen.

«Das ist ungezogen», sagte Lucy, «Ihr werdet es mögen.»

Das Ding befreite sich selbst. Es lauerte schon länger. Lucy lächelte, als sei es hübsch anzusehen. Sie schloss drei Finger darum, behutsam und linkisch. Chrysander atmete auf. Dieses Bild war bekannt. Die dienstwillige Hand der Hure, das blödsinnig entzückte Ding. Die Hure beugte sich vor, einige rote Strähnen fielen ihr übers Gesicht.

«Möchte der Herr mein Haar bitte halten, bis die Pumpe Wasser gibt?»

Mit beiden Händen fasste Chrysander die Strähnen zusammen. Die Hure befeuchtete gewissenhaft ihre geschminkten Lippen. Sie holte tief Luft, als wolle sie tauchen, und sie lächelte dabei noch immer. «Lucy», sagte Chrysander. Er kannte seine Stimme nicht. Lucy neigte den Kopf. Dann zerbarst die Bretterwand, die den Raum vom nächsten trennte.

Chrysander fuhr zurück. Fast wäre er vom Stuhl gefallen. Lucy setzte sich auf die Fersen und drehte sich langsam um. Krach und Geschrei. Die jungen Stutzer aus dem Salon, zwei brachen durch den Verschlag, der dritte riss die Tür auf, sie johlten und lachten, ein Wirbel aus Haaren und Spitze. Auf der Treppe zeterte die Wirtin. Unten kreischten die Mädchen. Der Saphirblaue hatte Chrysander entwaffnet, bevor er sich überhaupt an seinen Dolch erinnerte. Er stieß Chrysander aufs Bett. Der in Maron gab ihm eine Kopfnuss. Der Saphirblaue schrie, «bei allen Teufeln, Herr Jesuit, sie wähnten sich wohl im heiligen Rom!» Chrysander fand keine Worte. Er wollte aufstehen, der Maronbraune stieß ihn zurück. Lucy saß noch immer auf dem Boden, die Röcke hochgerutscht, das Haar im Gesicht, die Miene schläfrig und leer. «Aufwachen, Mylady», rief der Mann in Lavendel. Lucy hob langsam den Kopf. Der Lavendelfarbene griff ihre Hand und zog sie auf die Füße. Er trug Kleider über dem Arm, eine lange Perücke, schweren goldenen Stoff. Chrysander sprang auf. Der Saphirblaue zog den Degen und hielt die Spitze unter sein Kinn. So stand Chrysander, schwankend, den Bettkasten in den Kniekehlen, halb aufrecht, halb sitzend, und sah zu, was mit Lucy geschah.

Zaghaft, mit unbestimmter Miene, zupfte sie an Stoff und Haar auf dem Arm des Lavendelfarbenen. Sie bekam einen Ärmel zu fassen, zog daran, es war ein Hemd, Lucy sah es an, es gefiel ihr nicht, sie ließ es fallen. Der Lavendelfarbene grinste und hielt artig die Garderobe, als sei er ihr Kammerdiener. Lucy befreite den Goldstoff aus dem Wust. Ein Gehrock, schwer brokatiert, eng an eng bedeckt mit Steinen und Perlen. Lucy zog ihn ungeschickt über. Er passte. Sie strich zweifelnd über die Hügel und Täler der glänzenden Stickerei.

Allmählich erwachte sie. Ihr Gesicht veränderte sich. Die Augen wurden schmäler, der Mund breiter, sie versuchte zu lachen, es misslang. «Prost», murmelte Lucy. Der Maronbraune trug eine Weinflasche. Lucy fingerte eine Weile am Korken, dann schlug sie den Hals an der Stuhllehne ab und trank. Der Wein lief ihr übers Kinn.

«Auf Leviticus 20», schrie der Lavendelfarbene, «wer beim Tiere schläft und beim Knaben, dem faule der Sack ab, spricht der Herr, par bonheur!»

Lucy fasste ihr Haar zusammen und drehte einen Knoten, dann nahm sie die Perücke, beugte sich vornüber, ein Griff in die Stirn, ein Griff in den Nacken, sie richtete sich auf und warf die Locken zurück. Sie fielen in Form. Braunes Haar à la mode, kostbar geölt und gekräuselt. Lucy straffte die Schultern. Ein schmaler Junge in fürstlichem Brokat, groß, sehr blass, voller Sommersprossen. «Ihr Wohl, Mylord», rief der Herr in Maron. «Was nun?», fragte der Lavendelfarbene. «Wein!», plärrte der Saphirblaue, der nicht an die Flasche kam, da er Chrysander vor dem Degen hatte. Man gab ihm den Wein. Er trank. Dann schrie er «vive la sodomie», und kippte Chrysander einen guten Schluck ins Gesicht.

Lucys fadenscheinige gelbe Pantoffeln. Das Kleidchen, ein wenig zu klein, schlichtes Leinentuch unter dem Goldstoff. Chrysander blinzelte. Er saß wieder auf dem Bett. Bin ich schwer zu bestimmen.? Oh nein, es ist einfach. Der Wein brannte in Chrysanders Augen.

«Lasst sein», sagte Lucy, «lasst ihn sein, lasst ihn gehen.»

Die Herren lachten. Lucy hielt ein Paar Hosen und Strümpfe in den Händen, drehte und knautschte sie ratlos. Er sah aus, als wolle er weinen. Er machte einen Schritt zum Bett und hielt inne.

«Ich sagte, Sie sollten fort. Ich will unschuldig sein an allem. Ich bin ...» Lucy verstummte. Dann zerrte er heftig an seinen Strümpfen und flüsterte «Hilfe».

Der Lavendelfarbene ging in die Knie und kleidete ihn an. Knopf um Knopf, Schnalle um Schnalle, Strumpfbänder und Hosenbänder, Schleifen in Ocker und Karmin und doppelte Spangen unter den Knien. Hemd und Weste wollte Lucy nicht haben. Er raffte über den Hosen das Kleid. Der in Maron legte ihm den Degen um. Lucy stopfte weißen Stoff unter das Gehänge. Der Lavendelfarbene half ihm in die Schuhe. Schwarzes Maroquin, Rheinkiesel am Spann, hohe Absätze, korallenrot.

Chrysander auf dem Bett. Lucy neben der Tür. Ihre Blicke trafen sich. Lucys Rock fing das Licht. Sein Hals war nackt und getupft, das Lippenrot verschmiert bis zum Kinn. Die Rosette an seiner Degenscheide schimmerte von Perlen. Über der Wange eine feine Strähne rotes Haar. Unter dem Goldbrokat ein Zipfel vom Hurenkleid. Ein junger Falter, dem noch das Weißzeug des Kokons anhängt, eine stockende, mühsame Verwandlung. Lucy senkte den Kopf. «Un badinage», murmelte er, «bloß badinage, ein dummer Streich, guter Herr ...»

Chrysander sprang auf und ging mit den Fäusten auf die lachenden Herren los, als gelte es, eine zerborstene Welt wieder in Form zu schlagen.

Es bekam ihm nicht. Die Herren zerrten ihn aus dem Zimmer und warfen ihn die Treppe hinab, er fiel über die Wirtin und die Huren. Eine kreischte, ein Zahn war ihr abgebrochen, ein paar Münzen brachten sie zum Schweigen. Die Herren schleppten Chrysander in den Hühnerstall. Sie prügelten und traten ihn, dazu sangen sie, dreistimmig und falsch und französisch. Die Hühner flatterten. Die Herren schlugen zu. Chrysanders Nase blutete, aves, gallinae, rostrum conicum, Federn überall, Gestank und Gegacker, Blut an den Federn und Federn im Blut, dann schleppten sie ihn auf die Straße. Die Nachbarn hingen aus den Fenstern und lachten. Chrysander kämpfte. Es war töricht. Sie stießen ihn hin und her. An der Hauswand, ein wenig abseits, stand Lucy. Sein Rock funkelte im Licht aus den Häusern. Bisweilen sagte er etwas. Das Geschrei war zu laut, es zu hören, und Lucy erhob nicht die Stimme. Er nestelte an seiner Degenschleife. Er zupfte an seinem Ärmel. Dann hielt er sich mit beiden Händen die Augen zu.

«Verflucht sollst du sein», sagte Chrysander. Blut lief ihm übers Kinn und ins Hemd. Der Saphirblaue puffte ihn in den Rücken, immer wieder, erst leicht, dann härter.

«Eine Missgeburt.» Chrysander sprach leise, wie zu sich selbst. «Ein Wechselbalg. Ein Monstrum. Nicht wert das Terpentin, in dem man seine Haut gerbt. Nicht wert eines einzigen Wortes. Es ist ohne Nutzen, es soll sterben und verrotten, wie es hätte verrotten sollen im Mutterleib.»

«Oho!», flötete der Saphirblaue.

«Quel petit insolent!», zirpte der im Lavendelrock.

«Ist dies das rechte Kompliment, Hochwürden», fragte der in Maron, «für unseren Freund Lucius Lawes, den ehrenwerten Earl of Fearnall?»

«So heiße ich.» Das Geschöpf im Goldrock blickte scheu durch seine Finger. «Ich heiße Lucy. Sie hörten nicht, Sir. Ich sagte, ich käme. Ich sagte, Sie sollten fort.»

«Kein Getändel, Mylady», lachte der Herr in Saphir.

«A votre santé», sang der Herr in Lavendel und schlug mit der Weinflasche zu. Chrysanders Kopf traf die Wand. Lucy schrie auf. Chrysander verlor die Besinnung.

Er sah sich den Orbis Pictus lesen, daheim im Pfarrhaus zu Söderfors, das Buch zum Lateinlernen, das Buch über Gottes Welt. Er hörte den Mannesälv rauschen, gleich hinter der Wohnstube, den Fluss, in dem Simon nicht baden durfte, weil sich das nicht schickte für den künftigen Pfarrer von Söderfors. Simon hatte den Orbis Pictus bunt gemalt für seine jüngeren Brüder. Sie saßen bei ihm. Er las ihnen vor. Venatus die Jagd. Praestigia die Gaukelei. Temperantia die Begnügsamkeit. Supplicia Maleficorum der Übeltäter Leibesstrafen. Dann gingen die Brüder fort, nach draußen zum Fluss, um zu baden, denn es war Sommer und man brauchte nur einen Pfarrer in Söderfors. Simon saß allein mit dem Orbis Pictus, dem Buch über Gottes Welt, und er kolorierte es mit Pflaumensaft, mit geraspelter Rinde in Eiklar, mit Messwein und Grasbrei und Blut. Er las Terra die Erde und Lapis der Stein, Flores, Fruges, Frutices, die Binsen, das knotige Schilfrohr, die Holderstaude, der Rosenstock, und draußen floss der Mannesälv mit den Kindern, und Simon las und malte, Geometria die Erdmesskunst, Phases Lunae des Monds Gestalten, und er malte die Weltweisheit blau, und er malte die Fischerei grün, und er malte Aves Rapaces die Raubvögel blutbraun, und mit schwarzer Tinte füllte er die Umrisse der Amphibia, der beidlebigen Tiere, das Krokodil, den gänsfüßigen Biber, den Otter, den quakenden Frosch mit der Kröte, und Sartor der Schneider, und Lintea das Linnen, und die Luft und die Wolke, Getreide und Bäume, Herdenvieh und Lastvieh, Uhrwerke und Fuhrwerke, und Coelum der Himmel und Mundus die Welt. Der Messwein war verschüttet. Der Pflaumensaft aufgebraucht. Die Rinde in Eiklar klumpte, das Blut war geronnen, das Gras auf der Wiese längst braun. Schwarz malte Simon Chrysander den ganzen Orbis Pictus. Der Mannesälv rauschte. Gott der Herr schritt am Ufer und zuckte die Achseln und Gott der Herr sah den Orbis Pictus und zuckte die Achseln, er schalt nicht, sprach nicht, segnete nicht, und er sah nicht, dass es gut war, und er sah nicht, dass es schlecht war, und er sah auch Simon Chrysander nicht über seinem schwarz gemalten Orbis Pictus, und Gott der Herr ging weiter, fort vom Pfarrhaus, fort vom Mannesälv, fort aus Söderfors, fort aus Dalarna, fort aus Schweden und fort aus Mundus, der Welt, und seine Achseln zuckten unaufhörlich, und seine Engel waren um ihn her wie auf den Bildern.

Chrysander schlug die Augen auf. Die Straße war still. Über ihm, mit einem Licht, stand Kauppi.

«Ich will nicht, dass du mir nachkommst», sagte Chrysander. Kauppi half ihm auf die Beine. Chrysander schluckte. Dann übergab er sich. Dann brachte ihn Kauppi nach Hause.

III

«IN GUARDIA!», schrie Vater und band Lucius’ Klinge innerhalb.

Das Gras war grün in Cheshire und der Himmel hing niedrig. Man übte auf dem Feld und nicht im Haus. Auch der Krieg fand im Feld statt und nicht in Häusern. Wenn es regnete, blieb man. Auch der Krieg blieb Krieg, wenn es regnete. Lucius wagte einen schnellen Blick zum Himmel.

«Cavation! Via!», schrie Vater.

Lucius cavierte, Vater cavierte desgleichen, Lucius ging abermals mit der Klinge durch und Vater wiederum, und Lucius cavierte ein fünftes Mal und machte dann die Finte in der Quarta nach Vaters rechter Brust, und Vater ging nach links, und Lucius passierte unter Vaters Rapier und stieß in der Seconda nach Vaters unterem Leib, und Vater griff seine Klinge.

«Hopp!», schrie Vater. «In guardia! Cavation! Via!»

Und Lucius cavierte wieder, und Vater cavierte dagegen, und Lucius ging durch und Vater ging wiederum durch, und nach der fünften Cavation und der Quarta nach rechts machte Lucius abermals die Passata sotto, die linke Hand im nassen Gras, und schnell wieder hoch, damit Vater nicht spottet, und dann die Seconda abermals nach der unteren Linie, und wieder griff Vater die Klinge.

«Hopp!», schrie Vater. «In guardia! Cavation! Via!»

Die ersten Regentropfen fielen.

«Schlafen Sie, Sir?», schrie Vater. «Via!»

Und Lucius cavierte und Vater ging durch und Lucius ging wiederum durch und dann abermals Vater, und im Haus waren die Schwestern, Maudlin und Barbara, sie hatten Lucius im Türstock gemessen, in nur einem Monat war er gewachsen um die Breite von Maudlins Kamm, sie lachten ihn aus, und Lucius machte die Finte nach rechts und Vater ging nach links und schon fiel mehr Regen, und Lucius bückte sich unter Vaters Klinge, zum dreißigsten Mal, zum vierzigsten Mal, und da war längst ein Abdruck seiner linken Hand im Gras, denn man wich nicht und wirbelte nicht und schlenkerte nicht, sondern hielt die Bahn und hielt die Mensur, sonst war man ein Feigling, und Lucius stieß in der Seconda zu, und Vater griff seine Klinge.

«Hopp!», schrie Vater. «In guardia! Cavation! Via!»

Lucius cavierte, und Vater, und Lucius, und Vater wieder, und dann die Quarta, Lucy, sagten die Schwestern, Lucy lernt die Passata seit Wochen, nichts als die Passata, gewiss ist er dumm, denn Vater drillt ihn wie einen Hund, und bald passt er nicht mehr unter Vaters Degen durch, bald ist er ein Riese und kommt auf den Jahrmarkt. Lucy, unser Lucy, die großen Schwestern nannten ihn so, wenn Vater es nicht hörte, und die Mutter hatte ihn so genannt, denn sie zog Töchter vor, denn Töchter lebten, Söhne kamen meist tot zur Welt, Töchter waren besser. Lucy, sagte die Mutter zu ihrem Sohn und dann starb sie selbst, und Lucius nannte sich selbst Lucy, wenn keiner es hörte, denn Mädchen müssen nicht fechten und Mädchen wachsen nicht so. Lucy, dachte Lucius, blamier dich nicht, und Vater ging nach links, und Lucius machte die Passata sotto und ging in die Seconda, glatt und geschmeidig wie Vater, und Vater griff seine Klinge.

«Hopp!», schrie Vater. «In guardia! Cavation! Via!»

Der Regen fiel stärker und Lucius cavierte, und Vater cavierte, und Lucius ging wieder durch, und Vater ging wieder durch, und der Regen wurde dunkel und das Gras immer grüner, ein tiefer See, und Lucy machte die Finte mit der Quarta, und er schwamm, ein Fisch mit Rapier, «via!», schrie Vater, und Lucy passierte unter Vaters Klinge davon auf Nimmerwiedersehen, eine Muschel, die versank, und ein Wasservogel, der davonflog, und Vater schrie «via!» und Lucy flog, und er wurde eine Spottdrossel und ein Papagei und ein gefiederter Drache und eine rote Taube, und Vater machte die Primeinladung und stieß mit der Quarta zu und stieß wiederum mit der Quarta zu und fluchte, denn er stieß ins Leere, denn Lucy war ein Vogel, und er stieß abermals ins Leere, denn Lucy war ein Fisch, und dann wurde er eine Wolke und dann wurde er Wasser und dann wurde er Luft, und Vater stieß zu, und Lucy wandelte sich, glatt und geschmeidig wie lauter vollendete Kreisfinten, vom Fisch zur Muschel zum Vogel zum Wasser zur Wolke, wie Proteus, der Meergott, der die Gestalten wechselt wie das Kleid, den keiner zu halten vermag, denn seit Lucius Lawes so schrecklich gewachsen war, wollte er werden wie Proteus und längst nicht mehr werden wie Vater.

Lucius erwachte. Er fror. Das Bettzeug war klamm. Er schloss die Augen und versuchte zu verschwinden. Er versuchte das öfters. Gelungen war es ihm noch nie. Statt zu verschwinden, stahl sich der Earl of Fearnall leise aus Bett und Zimmer.

Er hatte nichts an. Er fand ein Hemd in seinem Ankleidezimmer, keine Hose, keinen Morgenmantel, nur zwei Strümpfe. Irgendwo gedämpfte Stimmen, Personal vielleicht, oder die Orangenfrau, oder der Mann mit den Spitzen, der jeden Morgen kam, oder sogar Besuch – Lucius rannte nackt von Zimmer zu Zimmer, bog ab, bog wieder ab, fort von den Stimmen, ihn schwindelte, er stolperte über die Schwelle einer Kammer, schlug die Tür zu und kauerte sich in eine Ecke. Hier verwahrte er sein Schwarzpulver. Hierher folgte ihm niemand ohne Befehl. Lucius steckte den Kopf in die zerknitterte Wäsche, die er unterwegs gefunden hatte, kniff die Augen zu und versuchte wieder einzuschlafen.

«In guardia!», schrie Vater. «Quartflankonade und Kreisstoß! Via!»

Lucius entschied sich gegen den Schlaf. Er versuchte sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Es gelang ihm nicht. Lucius hatte viel getrunken, mehr als einen verschwommenen Kummer bekam er nicht zu fassen. Der Kummer schien ihm ein Schmerz der Liebe, der Nachhall eines misslungenen Rendezvous. Vielleicht war er bei einer Frau gewesen. Vielleicht war etwas nicht gut gegangen mit dieser Frau. Womöglich hatte Lucius dies oder jenes verwechselt, das Spiel für die eine Freundin mit dem Spiel für die andere, womöglich die Masken vertauscht, vermischt oder irrtümlich abgelegt, eine Verwandlung falsch begonnen. Selten unterliefen Lucius solche Fehler. Manchmal geschah es doch. In vielen Gestalten erschien Lucius Lawes, um seine Freundinnen zu unterhalten. Er kam als Verliebter oder Libertin, als Spieler oder Spielzeug, Verführer oder Verführter, als Philosoph zuweilen, der etwas von Freiheit versteht, als Unschuld vom Lande, die es zu verderben gilt, und auch als Verrückter, dessen Grillen die Sinneslust heilt, und hier und da, in besonderen Fällen, als Beförderer der empirischen Wissenschaft, dem die Liebe nichts anderes ist als ein Experiment zu den Gesetzen von Stoß und Wirkung. Das Repertoire war umfangreich. Eine Verwechslung wäre verzeihlich. Vielleicht hatte Lucius jemanden enttäuscht. Sein Kummer wuchs. Sein Gedächtnis blieb gelähmt. Lucius roch traurig an seiner Schulter. Manchmal belebte ein fremder Duft die Erinnerung, doch heute roch Lucius nur nach Schlaf. Ein Faden war gerissen im farbenreichen Gewebe des Earl of Fearnall und die verlorenen Enden passten nicht mehr zusammen.

Lucius streifte das Hemd über den Kopf. Dann zog er den rechten Strumpf an. Den linken vergaß er, noch während er ihn krempelte. Reglos saß er auf dem kalten Boden, das Hemd um die Schultern, die Arme und alles Weitere nackt, nur das rechte Bein und die rechte Hand jeweils bekleidet mit einem schönen taubenblauen Strumpf. Lucius’ Haar war wirr, seine Miene leer, der Kopf freudlos betrunken vom Wein und vom Träumen. Das gestrige Spiel war vergessen. Ein neues Spiel fiel ihm nicht ein. Und wenn Lucius Lawes kein Spiel einfiel, konnte er sich nicht bewegen.

Allmählich und zunehmend unbehaglich spürte er jenen inwendigen Druck, den er oft empfand, am Morgen vor allem, doch auch sonst in wehrlosen Minuten. Er konnte den Druck nicht benennen; es fühlte sich an, als sei etwas in seinem Körper gefangen, zu viel von etwas, das anschwoll und hinauswollte und den Weg nicht fand. Lucius wünschte, er hätte Brandy, um dieses Gefühl zu betäuben, doch es gab keinen Brandy in dieser Kammer, es gab nur Schwarzpulver und Natron und Soda und Antimon, Lapis Solaris und Lapis Infernalis, Auripigment vielleicht und ein wenig Knallgold, falls noch welches übrig war und nicht schon alles verpufft. Lucius übte sich mitunter in der leuchtenden Chemie. Von Zeit zu Zeit besuchte er eine Sitzung der Royal Society und führte dort Detonationen vor, bebrillt, zerstreut und im mausgrauen Rock. Jetzt stand ihm der Sinn nur nach Brandy. Mühsam zwang er sich aufzustehen. Er fand keinen Brandy. Er fand nur einen Dolch. Den nahm er mit in seine Ecke.

Lucius kannte den Dolch nicht. Er zog ihn aus der Scheide. Er war spitz und scharf, der Griff aus Eisenbändern geflochten wie ein kleiner Käfig, obenauf ein Kreuz. Er sah aus, als gehöre er Sir Lancelot, der damit Bären stach, weil ihm ein Speer zu bequem war. Lucius betrachtete den Dolch lange. Er sah Sir Lancelot reiten durch karstiges Land, ohne Schwert, ohne Rüstung, barhaupt, mit flatterndem Haar, weil er büßte oder prahlte oder vom Wahnsinn geschlagen war, und er hatte nur diesen Dolch, und erst kam ein Wolf, den Sir Lancelot stach, und dann kam ein Eber, den stach er auch, und dann kam ein Bär, ein Drache, ein siebenköpfiger Löwe ... Lucius blinzelte. Er erinnerte sich, der Dolch gehörte dem Schweden, die Herren hatten ihn ihm gestern fortgenommen in Mutter Bushells Hurenhaus.

Dies war das misslungene Spiel. Im Theater mit den Herren, Kleopatra, und ein Handkuss für den König, und dann hinaus in die Nacht. Lucius hatte den Goldrock getragen. Dies war sein Kostüm fürs Theater und für das Spiel namens «die Lustbarkeiten des verwilderten Lords». Er spielte es selten. Es strengte ihn an. Es galt, durch die Stadt zu ziehen, mit den Freunden, die sonst keine Freunde waren, und Unheil anzurichten, wo immer sich die Gelegenheit ergab. Man musste Steine werfen und Leute erschrecken und mancherlei tun, um die Nachtwächter aufzubringen, bis sie einen mit gesenkter Pike verfolgten, und schließlich, bevor man einkehrte und sich sehr betrank, galt es auch stets, ein Opfer zu finden, das die Freunde prügeln konnten aus diesem oder jenem Grund. Lucius im Goldrock spielte hier meistens den Köder. Gestern hatte er sich als gefallenes Mädchen verkleidet, eine neue Maske, die sich gut anfühlte und ihm wohl auch gut stand. Dann hatten die Gentlemen den gefoppten Kunden verbläut. Die Szene war falsch gewesen. Lucius hatte schlecht gespielt. Der Kunde hatte ebenfalls schlecht gespielt. Der Kunde war kein Kunde gewesen, Lucius war keine Hure gewesen, nur die Freunde hatten getan, was im Libretto stand, gelacht, geschlagen, getreten. Ich mag Euch. Lieber Herr. Nennt mich Lucy. «Gottverdammt, süßer Jesus», flüsterte Lucius, «die schwarze Pest soll mich fressen!»

Er drehte den Dolch des Schweden in den Händen. Er strich über die Schärfe. Er befühlte das kleine Kreuz. Ihr habt mein Herz entflammt. So sagt man doch in den Romanen? Lucius berührte die Klinge vorsichtig mit den Lippen. Der Druck in seinem Körper nahm zu. Er könnte nach einem Arzt schicken. Dazu müsste er rufen. Lucius konnte nicht rufen, und er sah auch den Nutzen nicht ein. Der Arzt würde ihm Senneswasser geben und Ratschläge und vielleicht eine Ader schlagen. Er würde Patient sein müssen, um mit dem Arzt zu sprechen. Eben war er kein Patient. Er war gar nichts, nackt und benommen, ein Wesen namens Lucy, das es eigentlich nicht gab. Es vermochte nicht viel, das Wesen namens Lucy. Eine Ader zu schlagen verstand es jedoch wohl.

Lucy fand eine Küvette und trug sie in seine Ecke. Dann löste er den Strumpf von der Rechten und band damit den linken Arm ab. Seine Adern traten schön hervor, oft geschlagene Adern, stets hinlänglich verheilt. Er nahm den Dolch des Schweden, machte einen Schnitt und lockerte langsam die Stauung.

Er blutete gut. Die Schleuse war geöffnet, das Wasser konnte zu Tal, das Gefangene ging frei davon und musste nicht mehr drücken. Lucy legte den Kopf schief und sah seinem Blut zu, wie es in die Küvette floss, gleichmäßig und friedlich und ohne einen Laut. Er wurde matt und weich. Der Druck schwand, und die Träume der Nacht und der Wunsch nach der schwarzen Pest. Er ließ sich gründlich zur Ader. Bald fielen seine Augen zu. Er sah Sir Lancelot reiten, er sah grüne Wiesen, er hörte den Schweden, Lucy, du bist ein gutes Kind, und dann sah er den Schweden, seine Hände so freundlich in Lucys Haar, und er hörte ihn wiederum reden, du hast einen Wirrkopf, mein Kind, und abermals, ganz leise, Missgeburt, Wechselbalg, Monstrum, und all dies waren nur Kosenamen, wenn das Blut so tröstlich floss, und Sir Lancelot ritt, eine Dame vor sich im Sattel, Ihr entflammt mein Herz, schöne Lady, sagte Sir Lancelot und ritt über die Wiesen von Cheshire.

Irgendwann griff Lucy traumverloren in seine Wunde und drückte die Ader ab. Dann nahm er den linken Strumpf und verband sich. Einen Augenblick gab er sich noch, still in die Ecke geschmiegt; dann zog er das Hemd an und den rechten Strumpf aus, nahm den Dolch und stand auf. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er hielt sich an der Wand. Der Dolch war blutig, er wischte ihn ab, er wollte ihn behalten.

«In guardia», flüsterte Lucy. Lord Fearnall begann seinen Tag und schrie aus vollem Hals nach seinen Dienern.

Lucius Lawes trank eine Tasse Schokolade und ein Glas Brandy, dann legte er sein Muttergottesamulett um, schwärzte seine Brauen mit Kohle, wählte eine dunkle Perücke und einen altmodischen schwarzen Rock von annähernd spanischer Machart und fuhr, wie jeden Sonntag, mit der Mietkutsche zur katholischen Messe.

Erst vor kurzem, als in London die Rede ging, die Jesuiten wollten dem König ans Leben, war Lord Fearnall heimlich konvertiert. Nun war er Papist und schloss in der Kutsche eigenhändig die Fensterläden, wie es sich schickte für eine solche Reise. Sein Ziel lag in Southwark, jenseits der Themse. Dort sah es aus, als wüte noch immer die Pest. Es gab genügend katholische Messen in London, aber keine schätzte Lucius so wie diese. Sie erinnerte ihn an das Schafott, das die Whigs wohl in Kürze für die Papisten aufrichten würden, einen riesigen Galgen mitten im Tower, wo die Verurteilten störrisch das Sanctus sängen, bis ihnen der Strick den Atem nahm. Lucius mochte diese Vorstellung und schmückte sie immer weiter aus. Damit vertrieb er sich die Zeit, wenn er im spanischen Wams nach Southwark fuhr, die silberne Schmerzensmutter kühl auf der bloßen Haut.

Bis zur London Bridge träumte er vom Martertod. Über dem Wasser verblasste dieses Bild. Am Südufer stimmte er sich ein auf die Pracht des Christe eleison, während der Kutscher, wie geheißen, die düstersten Gassen nahm. Als Lucius schließlich ausstieg, war er heilig und kalt und verworfen wie das ewige Rom und der Papst höchstselbst, der die Frevler ins Feuer stößt wie einst Kaiser Nero die Christen.

Die Katholiken von Southwark trafen sich in einem Hinterhaus, grimmige Menschen, die in einer klammen Kapelle einem irischen Priester lauschten, der auf Lateinisch lamentierte. Lucius hieß Don Hieronimo in diesem Kreis. Niemand glaubte es ihm, aber man schätzte seinen Beitrag zur Kollekte. Don Hieronimo nahm Weihwasser. Er küsste seine Fingerspitzen und schlug einige vertrackte Kreuze, wie dies die Sitte war in seiner spanischen Heimat. Asperges me, Domine, hyssopo, et mundabor. Ein Zauberspruch.

Lucius’ Latein war nicht das beste. Er zählte die Bekreuzungen des Priesters. Zweiundfünfzig würden es sein, bis die Messe vorüber war, wenn er nichts versäumte. Lucius fiel auf die Knie und verharrte so, als Einziger. Et clamor meus ad te veniat, Domine. Don Hieronimo verbarg das Gesicht in den Händen und vergoss ein paar Tränen, vielleicht für seine untreue Frau in Kastilien, die er eigenhändig erstochen hatte, vielleicht für seine Brüder und Vettern, die am fernen Amazonas den Pfeilen der Wilden erlagen, vielleicht auch für einen verbläuten Professor und die vielen Sünden des Lucius Lawes. Er tupfte vorsichtig seine Augen, um den Kohlestift nicht zu verschmieren, dann blickte er auf und wartete auf die Wandlung.

Seit er den Katholiken von Southwark eine Dose Weihrauch geschenkt hatte, beglückte ihn das Opfer besonders. Während der Priester Wasser und Wein vermischte, mischte Lucius Spanien mit dem Rom der Alten. Bald sah er sich im Morgennebel auf dem Kapitol der Venus Genetrix opfern, Lucius Sulla in jungen Jahren, als er noch wild war und sittenlos, mit blauen Augen und so vielen Sommersprossen, dass die Spötter den Vers auf ihn machten, «Sulla ist gesprenkelt gleich einer mehlbestäubten Maulbeere», wie Plutarch erzählt. Sic fiat sacrificium nostrum, sagte der Priester zu Gott und Lucius zur schaumgeborenen Venus, und er opferte ihr, statt der Hostie, einen Granatapfel und eine Taube und bat um Glück in der Liebe, mit der Dame Nicopolis und dem Knaben Metrobius, die ihm beide gewogen waren; denn auch dies verschwieg Plutarch nicht. Erst beim Sanctus verblasste das Kapitol. Lucius rückte seine Toga zurecht und sprach ein stilles Gebet für Gott den Allmächtigen. Er bat um Vergebung. Gott vergab ihm. Ich schuf dich mit schwärmendem Geist, sprach Gott, sei ohne Sorge, Lucy mein Sohn. Lord Fearnall verbeugte sich tief vor dem Altar. Dann verließ er eilig die Kapelle und sprang in die Kutsche, denn sein Zeitplan war, wie immer, äußerst gedrängt.

Als er nach Hause kam, warteten schon zwei Diener darauf, ihn umzukleiden. Die Hoftracht war steif und schwer. Lucius stand wie eine Puppe, die Beine gespreizt, die Arme ausgestreckt, dass man auch alles recht in Form bringen konnte. Er trug Pfirsich und Ocker an diesem Sonntag und venetianerrote Borten, die Spitzen in Creme, Bänder und Rosetten schwarz wie die Nacht, dazu die braune Perücke, den hübschen Degen, der nichts taugte, und den Hut mit den blassgelben Flaumfedern eines Riesenvogels aus Übersee. Don Hieronimos Augenbrauen wurden abgewischt. Lucius trank ein Glas Brandy, ließ sich die Wangen pudern, dann stieg er in die Schuhe und in seine eigene Kutsche, vierspännig, mit Glasfenstern, schwarz wie ein Leichenwagen. Er saß gebückt bis Whitehall, um die Federn auf seinem Hut nicht zu stauchen.

Lord Fearnall wartete dem König in dessen privaten Gemächern auf. Er teilte dieses Amt mit mehreren Dutzend Damen und Herren. «Nun, Lucius?», fragte der König. Lucius verneigte sich. Er stand in der Gunst des Königs dank Vaters Heldentaten. Einst war Vater ein einfacher Soldat gewesen. Dann wurde er General. Er schlug die Feinde der Krone aufs Haupt, Schotten, Rundköpfe, Holländer und was sich sonst noch tummelte an bösartigem Gesindel. So wurde George Lawes der erste Earl of Fearnall. Dann starb er. So wurde Lucius der zweite Earl, fünfzehnjährig, wortkarg, der beste Fechter von Cheshire. Der König hatte George Lawes’ drei Waisen damals nach Whitehall geholt, um die Töchter alles und den Sohn noch etwas anderes als den Umgang mit dem Rapier zu lehren, und seit dieser Zeit betrachtete er Lucius, der nun volljährig war und Mitglied des House of Lords, stets mit freundlichem Interesse.

Lucius erhob sich geschmeidig aus der Reverenz. Er wartete, welches Spiel Charles II. befehlen würde. Manchmal wollte er, dass Lucius den Prüfling spielte: ob die Erziehung in Whitehall auch schöne Früchte trug. Manchmal wünschte er Unterhaltung, ernste, schlüpfrige, alberne, chemische, je nach Laune und Augenblick. Zuweilen wollte er Lucius als Knaben sehen. Zuweilen als Gentleman. Zuweilen als jungen Politiker, der stets die richtigen Dinge sagt. Mitunter durfte Lucius auch den Narren spielen, fahrig, geniert und niemals nüchtern, der seine Beine verhaspelt bei der banalsten Courante und nach der Duchess of Cleveland seufzt, als sei sie eine ehrbare Frau.

Lucius Lawes stand in seinen Kleidern wie in den Kulissen eines Theaters und wartete, dass ihm der König das Textbuch reiche für seinen Auftritt. Doch der König wollte heute nicht spielen mit dem Earl of Fearnall. Er wiederholte, «nun, Lucius?», dann besprach er sich mit dem Duke of Lauderdale über schottische Angelegenheiten. Der Duke of Lauderdale hatte eine lange Oberlippe, die oft zwischen die Zähne geriet. Die Zähne waren grau, die lange Lippe beim Sprechen voll Schaum. Der Duke of Lauderdale war der Diktator von Schottland und auch sonst ein Herr von Gewicht. Lucius verneigte sich wieder, im Stil des Soldaten nun, seine Absätze klackten.

Er folgte dem Hof in die Kapelle. Längst spürte er wieder den Druck im Inneren. Längst wünschte er sich wieder Brandy. Er sah die Schwestern, Barbara und Maudlin, beide im Gefolge der Duchess of York. Vielleicht würden sie mit Lucy spielen. Vielleicht würden sie «Kleiner Bruder in Nöten» mit ihm spielen. Aber sie waren zu weit entfernt und Lucius hatte nicht die Kraft, sich durch die Menge zu drängen. Man las Jesaja zum Morgengebet. Höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodom. Wie geht das zu, dass die fromme Stadt zur Hure wurde? Es gab keinen Weihrauch. Es gab kein Latein. Es gab weder Spanien noch die Venus Genetrix.

«Apropos Hure», meinte der Herr, der neben Lucius saß, «war dies nicht précieux, das Plaisir? Bald wollen wir wieder bei Mutter Bushell einkehren, Sie mit erlogenem Kleinod und wir mit wahrhaftigen Fäusten!»

Lucius drehte langsam den Kopf. Der Sohn des Lord Stretton, wie meist in Maron.

«Allzeit à votre service!» Der Sohn des Lord Stretton lachte.

Lucius stand auf. Er schlich durch die ganze Kirche, auf Zehenspitzen, damit seine Absätze keinen Lärm machten. Leute blickten sich um. Eine Missgeburt. Ein Monstrum. Verflucht sollst du sein. Lucius verließ die Kapelle. Er folgte dem Flur, den Zimmerfluchten, passierte Diener, Wachen und den Lord Chamberlain, eine unruhige Dame ohne Geleit und einen verirrten Menschen mit sechs Otterhunden. Dann trat er ins Freie. Er suchte seinen Diener und fand ihn nicht, er fand seine Kutsche, nicht den Kutscher. Lucius verspürte das dringende Bedürfnis, sich auszuziehen. Er musste fest die Arme kreuzen, um sich daran zu hindern. Endlich kamen seine Leute zurück. Lucius befahl die Heimfahrt.

Er ertrug das Schweigen nicht. Er wollte auch nicht nach Hause. Mitten auf der Pall Mall ließ er halten und stieg aus. Er blickte die Männer an, den Diener auf dem Tritt, den Kutscher auf dem Bock, er kannte sie gut, er wusste nicht, wie sie hießen. Vielleicht hieß der Kutscher John.

«John?», fragte Lucius.

«Jawohl, Mylord?»

«Heißt du John?»

«Nein, Mylord.»

«Pardon», sagte Lucius. «Ich möchte trotzdem bei dir sitzen.»

Ein verblüffter Blick, aber der Kutscher rückte zur Seite. Lucius kletterte auf den Bock. Er saß unbequem auf seinen steifen Rockschößen.

«Fahr nach Smithfield», sagte Lucius, «und wieder zurück.»

Der Kutscher, der nicht John hieß, trieb die Pferde an. Der Nebel machte sich an Lucius’ Haar zu schaffen und an den Federn auf seinem Hut. Lucius wischte die Feuchtigkeit von seinen Wangen. Er wollte nicht nach Smithfield und auch nicht wieder zurück.

«Vor einigen Jahren», sagte Lucius, «war im Hatton Garden ein Mann, der das Paradies ausstellte. Hast du das gesehen?»

«Zu Diensten, Mylord.» Der Kutscher räusperte sich. Er gab keine Antwort auf Lucius’ Frage.

«Das Paradies», fuhr Lucius fort, «war ein Pavillon, ein Zelt, grüne Leinwand. Der Eintritt kostete fünfzehn Penny. Tiere, Vögel, Pflanzen und Gestein, alles war auf Holz oder Stoff gemalt und dann ausgesägt oder aufgespannt, jedes Tier, wie es stand oder lief oder kroch oder lag, und jeder Vogel, wie er saß oder flog, und dazwischen Bäume und Büsche und Felsbrocken, auf denen wiederum Tiere standen oder saßen, Affen zum Beispiel, ich erinnere mich an die Affen, sie waren lustig. Ich war damals noch ein Knabe, die Schwestern führten mich hin. Der Besitzer des Paradieses ging darinnen umher und sagte Gedichte zu jedem Tier und jeder Pflanze und wie sie miteinander lebten und wie sie fruchtbar waren und sich mehrten, und wie Gott sah, dass es gut war etcetera, alles in Reimen. Dann ahmte er die Rufe der Tiere nach, wie die Vögel singen und die Affen schreien, und dann ahmte er das Geräusch der Blätter im Wind nach und sogar das Trippeln der kleinen Füße der Eidechsen auf dem Fels. Es war nur ein einziger Mann. Er konnte das alles zur selben Zeit. Sicherlich hatte er auch die Figuren gemalt und gesägt und geschnitten und hingestellt. Das Zelt platzte schier aus den Nähten. Es war ein großes Durcheinander im Paradies. Maudlin spottete darüber, und der Mann sagte ein Gedicht auf sie, das ging ungefähr so: Die Dame spare das Geplärr / zusammen reimt sich’s Gott der Herr. Maudlin war beleidigt und wir mussten gehen. In der Woche darauf war das Paradies verschwunden. Übrig blieb nur ein runder Fleck auf dem Rasen. Ich erinnere mich an die Affen. Sie waren lustig.»

«Hat Mylord in Smithfield Geschäfte?», fragte der Kutscher.

«Wenn du an das Paradies denkst: Glaubst du, es ist vollgestopft mit Tieren und ohne Sinn und Verstand?», fragte Lucius.

«Möchte Mylord in Smithfield halten oder gleich umkehren, wie befohlen?»

«Umkehren. Denkst du von Zeit zu Zeit an das Paradies?»

Der Kutscher wendete am Marktplatz.

«Gibst du mir bitte eine Antwort?», sagte Lucius.

Der Kutscher zog erschrocken den Kopf ein. «Ich denke, wenn belieben, nicht ans Paradies, Euer Ehren.»

«Und wenn du daran dächtest: Wie dächtest du es dir? Geordnet?»

«Zu Diensten, Euer Ehren, ich weiß nicht.»

«Ich glaube, es ist ohne Sinn und Verstand», sagte Lucius, «und grün, und durcheinander, und voller Tiere und Vögel und Pflanzen und Gestein. Und besonders voller Affen. Das glaube ich. Du hast etwas versäumt im Hatton Garden.»

«Wie Mylord befiehlt», murmelte der Kutscher.

Lucius ließ halten. Er stieg vom Bock und in die Chaise. Wieder einmal versuchte er zu verschwinden und wieder einmal gelang es ihm nicht, sich auch nur eines einzigen Zolls seiner sperrigen Person zu entledigen.

Zu Hause schickte Lord Fearnall nach einem Arzt. Als er kam, empfing er ihn nicht. Er schrie nach dem Mittagessen, nach dem Hausmantel, nach Briefpapier, Brandy und der Badewanne. Alles bekam er und nichts wollte er haben. Lucius schrie nach seinem Papagei. Man brachte ihn ins Zimmer. Der Papagei hörte auf den Namen Lauderdale, wegen seiner blassen Augen und der Form des leicht vermorschten Schnabels. Lucius schickte die Diener fort. Lauderdale kratzte sich.

«Ich will wissen», sagte Lucius, «wie er heißt.»

Lauderdale biss in seine Stange, den Kopf zwischen den Füßen.

«Gibt es einen schwedischen Gesandten in London?»

Lauderdale versuchte einen Überschlag und verhedderte sich in seiner Kette.

«Ich versprach, ich besuche ihn. Ich möchte ihn noch immer besuchen. Ich kann ihn gut leiden. Ich möchte sehen, was er tut. Und warum. Ich möchte ...»

«Rää», sagte Lauderdale.

«Ich möchte», begann Lucius wieder, «ich möchte, zum Teufel, ich will ...»

«Rää», wiederholte Lauderdale. Er kniff die Augen zu.

«Er sagte, ich sei leicht zu bestimmen.»

Lauderdale lachte.

«Dann sagte er, ich sei eine Missgeburt. Er ist ein Scheusal. Ich mag ihn nicht. Ich will wissen, wo er wohnt. Ich will ihn besuchen. Ich werde etwas finden, um es anzuziehen. Er wird verstehen, dass ich nicht stets die femme de plaisir sein kann, er wird mich auch anders empfangen.»

Lauderdale lachte heiser. Lucius trat gegen den Pfosten, der seine Stange hielt. Lauderdale hustete und klammerte sich fest.

«Gibt es eine Behörde», fragte Lucius, «in der man die Ankunft von Fremden notiert? Gibt es ein Amt für Schweden? Er ist Professor. Wer ist unterrichtet über Professoren aus Schweden?»

«Rää! Rää!», rief Lauderdale.

Lucius lächelte. Er kraulte Lauderdales Bauch.

«Danke. Die Royal Society. Das ist eine gute Idee.»

Da Mr. Hooke ausgegangen war, holte Lucius’ Diener kurzerhand Josiah Blane. Er saß in der schwarzen Kutsche, bevor er wusste, wie ihm geschah, ohne Anhaltspunkt, ohne Hut und in den Schuhen fürs Haus. Josiah versuchte sich geehrt zu fühlen. Stattdessen fürchtete er nur um sein Augenlicht.

Josiah kannte den jungen Earl. Er hatte ihn oft schon gezeichnet. Wenn er teilnahm an einer Sitzung der Royal Society – er war Mitglied ehrenhalber, wie alle Herren von Stand –, gab es meist wenig zu protokollieren. Niemand begriff seine Experimente. Sie waren laut und feurig und nicht geeignet für geschlossene Räume. Niemand wagte, den Earl in den Hof zu schicken, da er hoch in der Gunst des Königs stand. So führte er denn im Sitzungssaal vor, was gewisse Substanzen vermochten, wenn man sie mit Schwung zusammengab. Sie vermochten Erstaunliches. Sie schwärzten die Hände des Earls, den Tisch und oft auch die Decke. Zuweilen ließ sich eine Detonation nicht gut an. Dann half Lord Fearnall mit Schwarzpulver nach. Er besaß mehr davon, wurde erzählt, als die Artillerie des Coldstream-Regiments. Der Earl sprach selten. Nichts kümmerte ihn außer der Chemie. Er war zerstreut wie ein alter Gelehrter und wusch sich die Haare nicht öfter als Mr. Hooke.

In unfroher Stimmung betrat Josiah Blane das Haus des Earl of Fearnall, ein Gebäude nicht weit vom Strand und kaum einen Steinwurf entfernt von Arundell House. Der Diener führte ihn durch Treppenhaus und Gemächer. Das Auge des Protokollanten sog ein, was die Kürze der Zeit erlaubte. Teppiche. Tapeten. Mobiliar. Ein Gemälde von Susanna im Bade, wie es heute ein jeder besaß. Das Haus wirkte kalt und neutral, als könne man es mieten. Nichts deutete hin auf die Neigungen eines Besitzers. Nichts deutete hin auf den Earl of Fearnall. Der Diener stellte Josiah vor eine Tür und brachte sich in Sicherheit.

Zögerlich betrat Josiah eine verdunkelte Kammer. Lord Fearnall verkochte Stinkendes in einem offenen Gefäß, wie stets ohne Handschuhe und in einem schlechten mausgrauen Rock. Zwei Knöpfe fehlten. Brandlöcher zierten die Ärmel. Die Brille des Earls beschlug über dem dampfenden Tiegel, ein Bügel war geflickt mit Draht. Barfuß stand er in den Schuhen, zerschlissene gelbe Pantoffeln wie die eines Mädchens aus kläglichen Verhältnissen. Sein Hals war schief, sein Haar fahl und fettig, als habe der Herrgott in einer seltsamen Laune einen Jüngling geschaffen nach dem Vorbild des Mr. Hooke.

Josiah verbeugte sich. Er grüßte, dann grüßte er lauter. Endlich blickte der Chemiker auf.

«Bitte? Wer sind Sie?

«Josiah Blane. Zu Diensten. Ihr habt mich gerufen, Mylord.»

Der Earl blinzelte verwundert durch seine trübe Brille. Die Kalzination trat in eine kritische Phase ein. Eine Flamme beleckte den Daumen des Earls, er schien es nicht zu bemerken.

«Royal Society, Euer Ehren», fügte Josiah Blane hinzu, «ich bin der Stenograph.»

«Vitriol», murmelte der Earl, «Vitriol ... es klumpt ... der Saturn steht schlecht ...» Abwesend kratzte er seine linke Wade mit der Spitze des rechten Pantoffels. Dann wandte er sich langsam um und betrachtete Josiah Blane, als sei er ein Stückchen Brennstein, von geringer Bedeutung, allenfalls brauchbar für die eine oder andere Reaktion.

«Kennen Sie einen Professor, junger Mann ...», begann er zäh, dann verstummte er. Der Tiegel glühte. Josiah wich zurück bis zur Tür.

«Wie nennt man gleich dieses Land», fragte der Earl, «dieses Land, dieses Land ... das Land dort im Norden ...» Er seufzte tief und kratzte seinen fettigen Kopf. «Ah, Schweden! Einen Professor aus Schweden. Er versteht sich, so heißt es, aufs Vitriol.»

«Stets zu Diensten», sagte Josiah, «ich kenne keinen Schweden, der sich aufs Vitriol versteht.»

«Er versteht sich auch wohl auf anderes ...» Endlich nahm Lord Fearnall seinen Tiegel vom Feuer. Er entzündete einen Holzspan.

«Die Society sollte unterrichtet sein über Gelehrte aus dem Ausland ...» Er bewegte die Flamme unentschlossen von hier nach dort. «Der Stenograph sollte unterrichtet sein über die Belange der Society ...»

Der brennende Span verirrte sich in die Nähe einiger eng verschnürter Pakete. Lord Fearnall schien ihn vergessen zu haben. Er starrte angestrengt in den Tiegel. Josiah musterte die Pakete. Er dachte an den Spruch vom Coldstream-Regiment. Er fragte sich, in welchen Behältnissen man Pulver verwahrt.

«Ich wüsste doch gerne», sagte der Earl, «um was es sich handelt bei dieser schwedischen Angelegenheit.» Die Flamme berührte die Schnur des größten Pakets.

«Simon Chrysander, Professor Upsaliensis», rief Josiah, die Hand an der Klinke, «er ist bestellt, das Kabinett zu ordnen, morgen wird er im Gresham College empfangen, er wohnt in der Throgmorton Street, das Eckhaus an der Broad Street, Mr. Hooke gab ihm seine Köchin, er reist mit einem kleinen Wilden aus Lappland, er rechnet Rationes über die Welt und gewiss auch übers Vitriol, Euer Ehren, achtet auf Eure Lunte!»

«Danke», sagte der Earl of Fearnall. Er ließ den Fidibus fallen und trat ihn aus. Dann wies er auf die Tür. Josiah Blane lief davon. Lucius nahm die Perücke ab.

Lange durchforschte er seine Garderobe. Sämtliche Gewänder, und es gab deren viele, blätterte er aufmerksam durch, ob er die passende Geschichte fände in diesem vielfältigen und kostbaren Buch, doch nichts gefiel ihm und nichts empfahl sich als Anfang eines neuen Spiels für den Mann namens Simon Chrysander. Endlich stieß er auf das Kleid des Winters. Er hatte es auf der Bühne getragen, als man in Whitehall das Stück von Pomona und Pan aufführte zum Geburtstag der Königin. Der Winter hatte Pomona geraubt und fortgeschleppt und dazu allerlei Verse über kargen Boden und Bäume ohne Frucht rezitiert, um den König zu amüsieren, der seine kinderlose Frau nicht allzu sehr schätzte.

Das Kostüm des Winters war weiß wie das Kleidchen der Hure: alles, vom Hut bis zu den Schuhen. Nur eine schmale silberne Stickerei, Schneeflocken vielleicht oder Eisblumen, zierten Ärmel und Hosenbänder. Man konnte diesen Anzug in Gesellschaft nicht tragen. Weiß in Weiß sah die Mode nicht vor. Lucius drehte die Perücke des Winters in den Händen. Die weißen Locken sagten ihm nicht zu. Er überlegte. Dann schickte er nach dem Barbier.

Drei Stunden später warf der Barbier die Papilloten fort und stellte die Brennscheren ins Wasser. Lucius massierte seinen Nacken. Es war schwere Arbeit, sein glattes Haar in ein Gebilde zu verwandeln, das aussah wie die schönste Perücke. Lucius ließ sich ankleiden und trat vor den Spiegel. Da stand der Winter, mit blassen Wangen, dicht in rote Locken gehüllt, als trüge er Feuer auf den Schultern. Lucius war sich fremd in diesem Kostüm. Er schminkte seine Lippen, dann wischte er die Farbe wieder fort. Auch Puder wollte er nicht und erst recht kein Bleiweiß. Der Schwede sollte ihn erkennen. Das wiederholte er lautlos, als er in die Kutsche stieg, er soll sich wundern, aber er soll mich kennen, er soll wissen, dass ich das bin, ich, Lord Fearnall, ich, Lucius Lawes, ich, Lucy, im weißen Kleid und mit dem eigenen Haar.

Er lächelte furchtsam vor sich hin. Er wollte den Degen ablegen. Eine seltsame Idee. Lucius lächelte weiter, ein wenig starr, und er legte den Degen ab und schob ihn unter den Sitz.

Er fuhr bis zur Royal Exchange, dort stieg er aus und nahm eine Sänfte. Es waren nur noch wenige Schritte bis zum Haus des Schweden, aber er konnte nicht zu Fuß gehen in seinen weißen Seidenschuhen und all seiner weißen Pracht. Throgmorton Ecke Broad Street schickte er die Sänfte fort. Es war längst dunkel. Viele Leute eilten noch durch die Straßen, die Männer von der Börse und vom Steueramt, die auch sonntags nicht von ihren Dienststellen lassen konnten, Verkäufer, Gesindel, Burschen mit Licht, Familien, die andere Familien besuchten zum Abendbrot. Lucius stakste über eine Pfütze und suchte sich eine trockene Stelle. Dort stand er wie festgewurzelt. Passanten gafften ihn an. Lucius blickte hinauf zu den Fenstern.

Nun beträte er das Haus. Dann stiege er die Treppen hinauf. Es gäbe einen Türklopfer, vielleicht eine Glocke, vielleicht stünde der junge Wilde auf der Schwelle, vielleicht auch die eine oder andere gelehrte Erfindung, ein Messgerät womöglich, das Besucher begutachtete, ob sie auch wohlgesinnt seien. Bei Lucius mäße das Gerät vertrackte Werte. Er träte trotzdem ein. Der Schwede trüge einen Hausmantel und ein Tuch um den Kopf und zöge eine seltsame Miene. Er schwiege. Lucius schwiege ebenfalls. Er wäre verlegen und wüsste nicht, was zu tun sei in diesem Fall. Der Schwede sähe ihn lange an, und Lucius ertrüge den Blick tapfer, und der Schwede würde dann seines weißen Anzugs gewahr und seiner roten Locken und auch seiner Verlegenheit, und er ließe Lucius noch ein wenig leiden und dann bäte er ihn leise und nicht allzu freundlich, ihn zu unterrichten über die Bedeutung dieses Kostüms, und wenn sich Lucius überwände, in die Augen des Schweden zu blicken, sähe er darinnen, dass dieser den Winter überaus kleidsam fand und auch das Werk der Brennschere. Lucius lüde den Schweden dann ein, selbst zu bestimmen – das Kleid, das Haar, den späten Besuch, und Lucius an sich: was dies alles bedeute.

«Mylord», begänne der Schwede, «um Euch zu bestimmen, muss ich Euch, mit Verlaub, untersuchen, wie die Objekte im Gresham College. Voreilig hielt ich diese Aufgabe für einfach. Doch ist sie wohl der Mühe wert. Zwar nannte ich Euch eine Missgeburt und kann dies eben nicht widerrufen, doch auch solche, wie man weiß, lohnen eine Bestimmung und zeigen die Vielfalt der Natur. Zwar habt Ihr mich gefoppt und beleidigt und ich grolle Euch sehr, doch weil ich Euch, in meinem Aberwitz, gut leiden mochte, als wir einander gestern trafen ...» Hier unterbräche er sich. Lucius schlüge die Augen nieder. «Nun denn», führe der Schwede fort, «ich will annehmen, Mylord, dass Ihr Wert genug habt, um studiert zu werden wie ein indianischer Kürbis oder ein Einsiedlerkrebs, der sich fremde Muschelschalen anzieht, weil er selbst kein Haus hat und sein Leib zu weich ist für ein ungepanzertes Leben. So will ich Euch denn bestimmen, zumal Ihr ausseht in Eurem weißen Kleid wie ein Baumwollstrauch aus Virginia.»

So spräche der Mann aus Schweden zu Lucy im weißen Kleid. Bald vergäße er den Mylord und das Euer Ehren, und Lucy vergäße, dass er kein Spiel wusste für den Schweden, und der Schwede brächte nach und nach eine gute Ordnung in Lucy, und Lucy brächte nach und nach eine gute Unordnung in den Schweden, und dies ginge weiter und weiter, die ganze Nacht.

Wie versteinert stand der Earl of Fearnall in der Throgmorton Street. Er fror. Sein Nacken schmerzte. Keinen einzigen Schritt wagte er in Richtung dieses Hauses. Er stand lange, eine Alabasterfigur mit menschlichem Haar, stumm und entsetzt und immer entsetzter, «die Pest ...», begann er, und noch einmal «die Pest ...», und irgendwann gab er es auf.

Lucius rannte die Broad Street entlang bis zur Börse und bis nach Cornhill und bis zum Church Market. Er stolperte. Er hatte kein Licht. Bald waren seine Schuhe nass und dann auch die Strümpfe und der Kot der Straße bespritzte das Kleid des Winters. Lucius folgte der Cheapside, dann bog er nach links ab in die finsteren Gassen. Er lief weiter, den Hut unterm Arm. Seine Locken ringelten sich eng, dann lösten sie sich langsam auf. Das Öl, das sie festigte, mischte sich mit dem Nebel, es machte Flecken auf Lucius’ Schultern und auf seiner Stirn. Er erreichte Lambeth Hill und lief hinunter zu den Werften. «Die Pest soll dich holen!», schrie Lucius die Themse an. Es gab Piraten auf dem Fluss. Lucius wünschte sich sehr, einer möge kommen, ihn angreifen vielleicht oder besser, ihn mitnehmen, auf die Themse und bis zum Meer, und ihn dort in seine Obhut nehmen als Piratenschüler, mit neuem Namen und geschorenem Haar und einem künstlichen Gesicht aus Wachs, damit niemand auf den gekaperten Schiffen den Earl of Fearnall erkenne, der seinen Stand und seine Erziehung so schimpflich verleugnete.

Kein Pirat kam zu Lucius Lawes. Auch sonst kam niemand. Allerlei Gestalten schlichen bei den Werften umher, aber sie behelligten das weiße Wesen nicht, denn es sah aus wie ein Schauspieler, den man von der Bühne gepfiffen hatte, oder wie das Gespenst eines Ertrunkenen.

Lucius kehrte um. Er lief die Thames Street stadtauswärts und dann nach links in die Black Boy Alley. Er fand das Haus, das er suchte. Lucius begann zu schreien. Er schrie nach Mr. Digges, immer wieder, immer lauter. Irgendwann öffnete Mrs. Digges ein Fenster. Sie war fett und pockennarbig und nicht angetan von der späten Störung.

«Schaffen Sie mir Ihren Mann her», brüllte Lucius. «Jetzt!»

Mrs. Digges verschwand. Mr. Digges schlurfte zum Fenster.

«Ja!», schrie Lucius.

Mr. Digges erkannte ihn nicht.

«Ich bin’s, Edward Pett», schrie Lucius, «kommen Sie herunter, ich brauche Sie, bringen Sie zwei Waffen mit, beim Himmel, ich bitte Sie, ich brauche Sie jetzt!»

Mr. Digges stöhnte und verschwand. Dann kam er auf die Straße, in Hemd und Hose, in der Hand zwei Degen. Edward Pett sah eigenartig aus in seinem unzeitigen Karnevalskostüm, aber wenn er nach Mr. Digges verlangte, wollte ihm Mr. Digges den Gefallen tun. Denn Edward Pett zahlte gut für Mr. Digges’ Dienste.

Unter den vielen Fechtmeistern der Stadt London war Mr. Digges derjenige, auf dessen Können man am meisten und auf dessen Leumund man am wenigsten gab. Er kämpfte auch mit Bären, wenn man ihm Geld dafür bot. Seine Haut war wie Baumrinde, seine Kunst mit dem Rapier unerreicht. Die Fechtlehrer des Adels drohten den Knaben mit Mr. Digges, wie man Kindern droht mit Waldgespenstern. Der junge Mann namens Pett, ein desertierter Matrose aus dem holländischen Krieg, war eines Tages bei Mr. Digges erschienen, um mit ihm die Klingen zu kreuzen. Dies sei ein Gelübde, sagte Pett. Edward Pett musste fechten mit dem schrecklichen Mr. Digges, weil er sein Land verraten und seine Familie verlassen und sonst noch allerlei Übles getan hatte, das ihm Geld einbrachte, welches er nun Mr. Digges gab wegen ebendieses Schwures. Mr. Digges kümmerten Mr. Petts Schwüre wenig, und woher er das Geld nahm, das er Mr. Digges gab, war Mr. Digges’ Sache nicht. Er warf einen kurzen Blick auf den Jüngling in Weiß, der nicht aussah wie jener Pett, den er kannte. Doch auch dies hatte Mr. Digges nicht zu kümmern. Er gab dem Kostümierten einen Degen, nahm eine Fackel und ging voran.

Lucius bezahlte im Voraus. Er folgte Mr. Digges zur Ruine von St. Mary Magdalen. Dort hatte Mr. Digges seine Fechthalle eingerichtet und empfing seine Schüler, wenn er denn welche hatte. Außer dem verrückten Edward Pett kamen wenige, und Schüler mochte Mr. Digges diesen Gast nicht nennen, denn der Matrose, warum auch immer, führte das Rapier wie sonst keiner in London, außer, vielleicht, Mr. Digges. Es gab Licht in St. Mary Magdalen, Fackeln, offenes Feuer. Die Brandwachen ließen den Meister gewähren, denn einem Mr. Digges fuhr man nicht in die Parade.

«Schnell», sagte Lucius.

Mr. Digges zündete die Fackeln an. Eine Kirche ohne Dach, geborstene Fenster. Lucius legte Rock und Weste ab. Er machte einen Schritt vor und einen zurück, er stand nicht gut, er bückte sich und zog die Schuhe aus, dann öffnete er die Spangen und die Bänder an den Knien und zog auch die Strümpfe aus, und dann nahm er den Dolch des Schweden, schnitt eine der Litzen ab und band damit sein Haar zurück.

«Schnell», wiederholte Lucius.

Mr. Digges zog. Lucius zog. Sie verzichteten, wie stets, auf den Gruß. Und dann schlugen sie sich, Mr. Digges und Lucius Lawes, hart und wortlos, Viertelstunde um Viertelstunde, bis die Stunde voll war, und dann hinein in die zweite Stunde, das Geräusch der Klingen, das Geräusch der Schritte, Attacco pede fermo, Attacco per camminata, Mr. Digges’ Stiefel und Lucius’ bloße Füße auf dem kalten Steinboden der rußgeschwärzten einstmaligen Kirche St. Mary Magdalen.

IV

SIMON CHRYSANDER saß an seinem Arbeitstisch und zergliederte eine Ratte. Sie war ein Weibchen. Er hatte es in der Gosse hinter der Pinners’ Hall aufgescheucht und erschlagen. Brustkorb und Bauchdecke waren bereits geöffnet, zurückgeklappt und festgesteckt, die Dünndarmschlingen zur Seite herausgelegt. Mit einer Uhrmacherpinzette zupfte Chrysander das Eingeweidenetz zurecht, bis es sich von den Gedärmen löste. Er studierte die Milz und den prallen graugrünen Blinddarm. Mit dem Griff des Skalpells berührte er die Harnblase, die Ratte hatte sie vor ihrem Tod nicht entleert. Chrysander durchtrennte Speiseröhre und Gekröse und entfernte dann den gesamten Darm. Die linke Niere war gerissen, wohl ein Ergebnis der Stockschläge, die rechte lag heil unter einem Leberlappen, blaurot, fest umschlossen von der Nierenkapsel, die Chrysander behutsam abzog. Er folgte dem Lauf der Arteria renalis mit der Spitze einer Präpariernadel. Alles war an seinem Platz. Auch die Eierstöcke, zwei kleine Trauben rechts und links auf der Rumpfwand, glichen jenen der schwedischen Ratten aufs Haar. Chrysander lehnte sich zurück. Zwei Gebärmütter hatte die Ratte aus der Gosse hinter der Pinners’ Hall, verwachsen am Stamm und gespreizt nach kranial wie ein Ypsilon. Auch dies hatte sie mit den Ratten aus Uppsala gemein. Chrysander blickte auf die Uhr. Die Nacht war noch längst nicht zu Ende.

Er zog die Nadeln aus dem Kadaver und warf ihn fort. Eine Weile half das Zergliedern, tröstete und besänftigte das Gemüt, doch irgendwann verbrauchte sich diese Arznei. Gestern hatte Chrysander ein Huhn aus der Küche seziert, einen Hering vom Markt und dann eine Stubenfliege und eine müde Assel. Er hatte das lappländische Moos untersucht, mit Lupe und Mikroskop, und einen Haken in das Büchlein gezeichnet, worin er alles niederschrieb, was die Chrysandria anbetraf. Auch Kauppi hatte er untersucht, seinen Puls, seine Atmung, Haut und Zähne und Haar. Alles fand Chrysander in bester Ordnung, Ratte, Huhn, Hering, Fliege, Assel, Moos und Kauppi, und dennoch mochte er nicht zu Bett gehen. Kaum schlief er ein, kamen Träume. Möchte der Herr mein Haar bitte halten, bis die Pumpe Wasser gibt? Chrysander schreckte auf, erhitzt und atemlos, und er rief sich ins Gedächtnis, worum es sich handelte bei dem Alb namens Lucy. Er zündete das Licht an. Er stand auf und fluchte. Dann löschte er das Licht und legte sich wieder hin. Ihr entflammt mein Herz, so sagt man doch in den Romanen? Lucys Brustbein, die Maßliebchen, die Linie ihres Halses. Zehn lange getupfte Finger, die kühl aussehen und dann doch warm sind, wenn man sie spürt. Und Lucy im Gehrock aus Goldbrokat, eine groteske Verkleidung, und Lucy mit Degen, ein sinnloser Schmuck für das sanfte Mädchen aus Cheshire. Bloß Badinage, guter Herr. Ruft mich. Dann komm ich. Die wohlgeordneten Eingeweide aller Kadaver von London hätten Simon Chrysander nicht zu erlösen vermocht von diesem Knoten in seinem Gehirn.

Josiah Blane hatte sich Dr. Chrysander anders vorgestellt. Älter. Nicht so schwarz. Und nicht so erbärmlich zerbläut.

Auf dem Weg in die Paternoster Row, wo er in einem Laden flämische Horlogien in Augenschein nehmen wollte, hatte Dr. Chrysander, so sagte er, innegehalten, um die Baustelle der neuen St. Paul’s Cathedral zu besichtigen; just in diesem Augenblick sei ein Brett vom Gerüst und auf seinen Kopf gefallen. An mindestens fünf Stellen hatte es ihn getroffen: Seine Lippe war gesprungen, das linke Auge verquollen und blutunterlaufen, die Stirn zerschrammt, die rechte Hand verbunden, und zudem hinkte er wie der Leibhaftige. Sir Christopher Wren, der Architekt von St. Pauls, entschuldigte sich wortreich, als habe er selbst auf dem Gerüst gestanden und das Brett auf den Schweden geworfen. Dr. Chrysander entgegnete nur wenig. Geniert sah Josiah mit an, wie Sir Christopher, noch halb in der Reverenz, auf ein Gegenkompliment wartete, das nicht kam. Sir Christopher richtete sich ruhig auf. Welch böses Brett dies gewesen sei, meinte er ernst, zumal auf einem Gotteshaus; Verwundungen verursache es wie ein Grobian in einer Wirtshausprügelei. Auch hierauf erwiderte Dr. Chrysander nichts.

Die Sitzung der Royal Society war gut besucht. Man hatte Stühle aus dem Physiktrakt holen müssen, um alle unterzubringen: Dr. Crew und Mr. Colwall, Sir John Hoskyns, Sir Jonas Moore, Mr. Hill und Mr. Hall und Mr. Perlons, Dr. Croune, Dr. Mapletoft, den alten Dr. King, Dr. Cox, Dr. Holder, Dr. Gale, den stets erblindenden Mr. Pepys, der die Augenklappe heute links trug, Mr. Ent, Mr. Houghton, Mr. Henshaw und natürlich Mr. Hooke, mit sauberer Halsbinde, gewaschenem Haar und einer bedrohlich gekräuselten Oberlippe. Den Vorsitz führte turnusgemäß Mr. Aubrey. Er trug Purpur wie ein Kardinal und Silberspitzen bis fast übers Kinn. Er grinste. Sir Christopher antwortete mit dem Hauch eines Lächelns. Josiah Blane warf einen schnellen Blick auf Dr. Chrysanders blaues Auge.

Die Mitglieder der Royal Society standen auf der einen Seite des langen Tisches, Dr. Chrysander, allein, auf der anderen. Mr. Aubrey machte sein Kompliment und eröffnete die Sitzung. Die Engländer tippten auf ihre Degenknäufe, um die Rockfalten zurückzustoßen, Lind nahmen dann Platz. Der Schwede setzte sich ebenfalls, das steife Bein ausgestreckt, und zerrte mit der Linken den Rockschoß unter seinem Gesäß hervor. Auf dem Tisch stand das Katzenkaninchen aus Kensington. Mr. Colwall hatte es nach Mr. Aubreys Beschreibung ausfindig gemacht und entführt, dann getötet, ausgenommen, ausgestopft, in eine gefällige Haltung gebracht – aufrecht, mit offenem Maul, fast wie der steigende Löwe in einem Wappen –, schließlich hatte er es auf einen Mahagonisockel genagelt und auf den Sitzungstisch gestellt. Alle Augen ruhten auf dem Wunder. Dann wanderten die Blicke zu Simon Chrysander. Josiah Blane, er wusste selbst nicht warum, öffnete die Kladde Beschlüsse und Ergebnisse.

«Ich danke Ihnen, meine Herren, für die Einladung nach London», sagte Dr. Chrysander in seinem weichen und singenden Englisch, das seine spitze Handschrift, fand Josiah, in befremdlicher Weise Lügen strafte. «Ich danke Ihnen auch, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um mich im Gresham College zu begrüßen. Ich möchte Ihnen nun in der gebotenen Kürze die Grundzüge meiner Methode erläutern, damit Sie unterrichtet sind, welche Dienste ich Ihnen und Ihren Sammlungen anbieten kann.»

Mr. Colwall räusperte sich. Dr. Chrysander folgte Mr. Colwalls Blick, der starr auf das Tier aus Kensington gerichtet war. Dr. Chrysander sah es an, als handle es sich um einen beliebigen Tafelaufsatz, Silberwaren vielleicht oder ein Blumengesteck. Dann fuhr er fort mit seiner Ansprache.

«Die Klassen der Natur, meine Herren, schreiten fort vom Ungestalteten zum Gestalteten, vom Einfachen zum Mehrfachen, vom leicht Verständlichen zur schwierig verflochtenen Struktur. Jede Ordnung beginnt mit Beschreibung. Jede Beschreibung beginnt ...»

«Ich glaubte, Sir», unterbrach ihn Mr. Colwall, «einigen Grund zu der Annahme zu haben, dass das Objekt auf dem Tisch Ihre Aufmerksamkeit verdienen könnte.»

Dr. Chrysander gab keine Antwort. Er stand jedoch auf und besichtigte folgsam das Tier. Er strich über Rücken und Bauch, berührte die Blume, dann steckte er zwei Finger ins Maul und betastete die Zähne. Er nickte und setzte sich wieder.

«Schön, Herr Kollege. Ein Kater mit deformiertem Gebiss, der früh den Schwanz verlor, weshalb das Haarkleid dicht den Stumpf umwuchs.»

«Haha», machte Dr. Grew.

«Das Monstrum», sagte Mr. Colwall, «wurde von einem Kaninchen geboren.»

«Behauptet Mr. Colwall», setzte Dr. Grew hinzu.

«Wurde berichtet aus Kensington», ergänzte Mr. Aubrey.

«Haha», machte Dr. Grew.

Josiah musterte das Tier. Alles Kaninchenhafte war aus dem Monstrum verschwunden in den Augen von Josiah Blane.

«Carnivora und Hasenartige kreuzen sich nicht», sagte Dr. Chrysander, «darum wird die Mutter des Katers kein Kaninchen gewesen sein.»

«Kennen Sie Kensington?», fragte Mr. Aubrey. «Die Sitten sind locker dort.»

«Die Sitten schlagen nicht die Regeln der Natur.»

«Man gab eine Hure mit einem Affen zusammen in Kensington. Sie empfing, doch die Frucht ging ab.»

«Eine Frau und ein Affe», erklärte Dr. Chrysander, «ähneln einander mehr als eine Katze und ein Kaninchen.»

«Worin? In den Sitten?»

«Im Gebiss. In der Stellung der Daumen, der Faltung des Gehirns, dem Schädelbau, der Rückenmuskulatur und den brustständigen doppelten Zitzen.»

Mr. Pepys und Dr. King begannen herzlich zu lachen. Dr. Grew seufzte ein wenig über Mr. Colwall und schenkte Dr. Chrysander ein nicht erwidertes Lächeln.

«Welches ist Ihre Geburtsstunde?», erkundigte sich Mr. Aubrey.

«Ich weiß es nicht, Sir. Es wurde nicht notiert.»

«Ob Ihr Saturn Ihre Venus beengt? Gott sei’s geklagt, Herr Kollege, wir werden es wohl nie erfahren.»

Sir Jonas Moore und Mr. Henshaw stimmten in Mr. Pepys’ Gelächter ein. Dr. King war verstummt und begann ein Buch zu lesen. Dr. Mapletoft verlangte nach Kaffee. Mr. Hall tuschelte mit Mr. Houghton. Josiah Blane klappte Beschlüsse und Ergebnisse zu und öffnete die Vermischten Bemerkungen. Dr. Grew warf kühle Blicke auf Mr. Colwall und dessen Jagdtrophäe aus Kensington. Mr. Hooke stand auf, griff sich das Tier, rief Harry, übergab es ihm und befahl, es ins Kabinett zu tragen.

«Ich gestehe, Sir», sagte Mr. Hooke, «dass ich erfreut wäre, nun in Bälde die Fortführung Ihrer Geleitworte zur Ordnung der Sammlungen zu vernehmen.»

Sir Jonas, Mr. Henshaw und Mr. Pepys hörten auf zu lachen. Dafür kicherte nun Mr. Aubrey. Er schlug über seinem Weinglas lautlos die Hände zusammen. Die Silberspitzen flirrten unter seinem Kinn.

«Ein naturkundliches Kabinett», sagte Dr. Chrysander, «sofern es gut angelegt ist, bildet die Welt ab und nicht den Ehrgeiz des Sammlers. Das hypothetische Museum ist der Schöpfung gleich; es umfasst alles, vom Niedrigsten bis zum Höchsten, in einer Ordnung, die der verborgenen Ordnung der Welt entspricht. Vollständigkeit bleibt allemal unerreichbar. Der Ordnung indes, und dies ist das Ziel, vermögen wir uns, so wir bescheiden bleiben, durchaus anzunähern. Bescheiden sein heißt: die Lücken der Sammlung dulden. Bescheiden sein heißt auch: die Lücken nicht dem Scheine nach schließen, indem wir zusammenzwingen, was nicht zusammengeht. Ordnung heißt: vom Kleinsten zum Kleinen fortschreiten, nach dem Mittleren tasten, das Große als fern begreifen. Ordnung heißt nicht: kunstvolle Hüte auf die unpassenden Köpfe setzen. Sammeln heißt: gerecht sein mit der Vielfalt. Sammeln heißt nicht: das Schöne, das Abseitige, das Monströse, das Fremde horten. Missgeburten, wie man sie liebt in den Kabinetten, sind entbehrlich und beweisen nichts. Selten sind sie das Terpentin wert, in dem man sie verwahrt. Sammeln heißt nicht, einen Jahrmarkt bestücken. Sammeln heißt nicht Mischmascherei. Und Sammeln heißt auch nicht ...»

Mr. Colwall hatte sich verschluckt. Er hustete schlimm. Dr. Croune klopfte ihm auf den Rücken, Harry brachte Wasser, Mr. Colwall trank und hustete weiter.

Josiah Blane massierte seine Schreibhand. Er vernahm etwas in Mr. Colwalls Husten, das wie «schulfüchsische Überweisheit» klang. Josiah blickte Dr. Chrysander an. Er sprach nicht gern, sah Josiah; bisweilen sah Josiah Blane solche Dinge.

«Sammeln heißt ergänzen», fuhr Dr. Chrysander fort, «und ergänzen heißt verstehen. Wenn wir verstehen, was wir haben, verstehen wir, was uns fehlt. Wir haben die Haut eines Mohren – wir ergänzen die Haut eines Weißen. Wir haben eine Gallenblase mit Krebs – wir ergänzen eine gesunde. Wir haben ein Krokodil, wir ergänzen einen Frosch, wir haben eine mexikanische Fleckwanze und ergänzen eine Bettwanze aus der Paternoster Row.»

«Und wir haben zwei Räume», meinte Sir Christopher sanft, «und wir ergänzen ein großes Haus, denn andernfalls, Herr Kollege, bleiben Ihre geschätzten Bettwanzen unbehaust, falls Sie, wenn ich Sie recht verstehe, zukaufen möchten.»

«Es ist nicht nötig», erwiderte Dr. Chrysander, «denn nichts schmückt uns so wie der Mangel: Gestehen wir ihn ein, tun wir kund, dass wir wissen um die fehlenden Glieder.»

«Und das hieße in praxi?», fragte Mr. Hooke.

«Lücken», sagte Dr. Chrysander, «sichtbare schlichte Lücken.»

«Mit Zetteln versehen», empfahl Mr. Aubrey, «‹geneigter Betrachter, hier fehlt uns die Bettwanze, bitte verzeihen Sie›; ‹Hier müsste eine Spitzmaus sitzen, wenn wir sie denn hätten, seien Sie so gütig, gehen Sie weiter zur Rose von Jericho›.»

Die Royal Society lachte. Dr. Croune bat den Schweden um eine Erläuterung seiner rätselhaften Rationes.

«In der gebotenen Bescheidenheit will ich es versuchen.» Dr. Chrysanders verquollenes Auge tränte. Er wischte sich die Wange.

«Ich nenne Ratio, was ich als Teil des Ganzen zu verstehen begann. Die Ratio ist die mathematische Darstellung der Ordnung eines umschriebenen Gebiets. Ich schreite fort von Ratio zu Ratio, wie der Kartograph, der das Land durchwandert, um es Schritt für Schritt zu beschreiben. Der Rationes sind viele. Sie berühren einander und haben die Grenzen gemein, wie Waben in einem Bienenstock, wie die Blasen im Seifenschaum. Sind sie recht gefasst, so ordnen sie sich zwanglos zueinander, ergänzen und umschließen sich, wie auch die Dinge der Welt sich zueinander ordnen, sich ergänzen und umschließen und wieder umschließen, bis das Ganze aus seinen Meilen recht gefügt ist. Die Ratio der Welt ...»

Pulsuz fraqment bitdi.

30,31 ₼
Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
22 yanvar 2025
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9783863003111
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