Kitabı oxu: «Mehr Natur, weniger Chemie»

Şrift:

DR. PHARM. CHRISTOPH BACHMANN

Es liegt in der Natur der Sache, dass im vorliegenden Werk verschiedene Arzneimittelhersteller bzw. Arzneimittel namentlich genannt werden. Es ist dem Autor ein Anliegen, hervorzuheben, dass diese Nennungen rein zu Informationszwecken erfolgen und zwischen dem Autor und den Herstellern keinerlei Abreden bestehen, welche dem Autor für entsprechende Nennungen wirtschaftliche oder nichtwirtschaftliche Vorteile in Aussicht stellen würden.

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für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

Lektorat: Susanne Schulten, Duisburg

Umschlaggestaltung, Layout und Satz: Cameo Verlag GmbH, Bern

ISBN: 978-3-906287-91-1

eBook: CPI books GmbH, Leck

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorbemerkungen

1. Ohne Pflanzen keine Menschen

2. Homo sapiens und pflanzliche Arzneimittel

3. Klinische Studien und Erfahrung

4. Unterschiede zwischen pflanzlichen und synthetischen Arzneimitteln

5. Pflanzliche Arzneiformen

6. Verschiedene Phytotherapie-Systeme

Pflanzliche Anwendungen

7. Nervensystem

7.1 Unruhe, Nervosität, Schlaf

7.1.1 Baldrian

7.1.2 Melisse

7.1.3 Passionsblume

7.1.4 Hopfen

7.1.5 Hafer

7.2 Angst, Stress, Depressionen

7.2.1 Lavendel

7.2.2 Rosenwurz

7.2.3 Ginseng

7.2.4 Johanniskraut

7.3 Kognitive Störungen

7.3.1 Ginkgo

7.4 Schmerzen

7.4.1 Allgemeine Schmerzen

7.4.2 Kopfschmerzen und Migräne

7.4.2.1 Pestwurz

7.4.2.2 Ätherische Öle

Literatur

8. Atemwege

8.1 Sonnenhut

8.2 Weitere immunmodulierende Pflanzen

8.2.1 Taigawurzel

8.2.2 Propolis

8.3 Husten

8.3.1 Antitussiva

8.3.1.1 Eibisch

8.3.1.2 Malve

8.3.1.3 Spitzwegerich

8.3.1.4 Isländisches Moos

8.3.1.5 Sonnentau

8.3.1.6 Thymian

8.3.2 Expektoranzien

8.3.2.1 Efeu

8.3.2.2 Fichte/Tanne

8.3.2.3 Bartflechte

8.3.2.4 Holunder

8.2.2.5 Primel

8.3.2.6 Umckaloabo

8.4 Nebenhöhlenentzündungen

8.4.1 Inhalationen

8.4.2 Pflanzliche Präparate gegen Sinusitis

8.5 Schnupfen

Literatur

9. Verdauungsapparat

9.1 Übelkeit, Erbrechen

9.1.1 Ingwer

9.1.2 Weitere pflanzliche Anwendungen

9.2 Magenbrennen

9.3 Blähungen

9.4 Dyspepsien

9.4.1 Kamille

9.4.2 Enzian

9.4.3 Tausendgüldenkraut

9.4.4 Wermut

9.4.5 Schafgarbe

9.4.6 Kalmus

9.4.7 Artischocke

9.4.8 Löwenzahn

9.4.9 Mariendistel

9.4.10 Kombinationspräparate

9.4.11 Zusammenfassung Dyspepsien

9.5 Durchfall, Verstopfung

9.5.1 Durchfall

9.5.2 Verstopfung

9.5.2.1 Anthrachinonhaltige Präparate

9.5.2.2 Weitere pflanzliche Präparate

Literatur

10. Herz-Kreislauf-System

10.1 Herzschwäche

10.1.1 Weißdorn

10.2 Hoher Blutdruck

10.3 Tiefer Blutdruck

10.4 Arterielle Durchblutungsstörungen

10.5 Venenbeschwerden

10.5.1 Rosskastanie

10.5.2 Mäusedorn

10.5.3 Weinrebe

10.6 Hämorrhoiden

Literatur

11. Weibliche Geschlechtsorgane

11.1 Prämenstruelles Syndrom

11.1.1 Mönchspfeffer

11.2 Menopausale Beschwerden

11.2.1 Trauben-Silberkerze

11.2.2 Mönchspfeffer

11.2.3 Rotklee und Soja

11.2.4 Salbei

11.2.5 Sibirischer Rhabarber bzw. Rhapontikrhabarber

11.2.6 Nachtkerze

Literatur

12. Harnwege

12.1 Prostata-Vergrößerung

12.1.1 Weidenröschen

12.1.2 Kürbis

12.1.3 Afrikanischer Pflaumenbaum

12.1.4 Roggenpollen

12.1.5 Brennnessel

12.1.6 Sägepalme

12.2 Blasenbeschwerden

12.2.1 Arzneipflanzen gegen Blasenbeschwerden

12.2.2 Kombinationspräparate

Literatur

13. Bewegungsapparat

13.1 Arnika

13.1.1 Monopräparate

13.1.2 Kombinationspräparate

13.2 Spilanthes

13.3 Wallwurz

13.3.1 Monopräparate

13.3.2 Kombinationspräparate

13.4 Teufelskralle

13.4.1 Präparate

13.5 Weihrauch

13.6 Wärmende Anwendungen

Literatur

14. Haut

14.1 Hautverletzungen, Hautinfektionen

14.1.1 Kamille

14.1.2 Malve

14.1.3 Ringelblume

14.1.4 Zaubernuss

14.2 Ekzeme

14.2.1 Zaubernuss

14.2.2 Ballonrebe

14.2.3 Mahonie

14.2.4 Nachtkerze

14.2.5 Stiefmütterchen

14.3 Fieberblasen

Literatur

15. Nachlese

15.1 Augen

15.1.1 Augentrost

15.1.2 Zaubernuss

15.2 Hals und Rachen bei Erkältungen

15.2.1 Fertigpräparate

15.3 Heuschnupfen

15.3.1 Pestwurz

16. Schlussfolgerungen

Mein Dank

Index

Anmerkungen

Vorwort

Die Anfrage des Verlags, ob ich ein Buch zum Thema «Mehr Natur, weniger Chemie» schreiben könne, erreichte mich genau im richtigen Moment, denn ich war gerade dabei, mich nach 32 Jahren Tätigkeit als Apotheker zurückzuziehen und meine Apotheke zu schließen. Diese Frage erschien mir daher wie eine Aufforderung, mein pharmazeutisches Vermächtnis zu verfassen. Immer wieder habe ich in den letzten 32 Jahren versucht, zwischen Natur und Wissenschaften zu vermitteln und die leider oft allzu tiefe Kluft zwischen natürlichen und synthetischen Arzneimitteln zu überbrücken; immer wieder habe ich in unzähligen Beratungsgesprächen gesagt: «So pflanzlich wie möglich, so synthetisch wie nötig.» Es ist wahrscheinlich kaum ein Tag vergangen, ohne dass Ratsuchende diesen Satz in meiner Apotheke zu hören bekamen. Und er bedeutet weitaus mehr, als man im ersten Moment vermuten würde.

Wenn man Pharmazie oder Medizin studiert, dann erfährt man sehr viel über die Wirkungsweise und die Anwendungsmöglichkeiten synthetischer Wirkstoffe. Dieses Wissen begann sich vor etwa 150 Jahren zu entwickeln, als vor allem Apotheker und Chemiker begannen – zumeist von Naturstoffen ausgehend –, synthetische Wirkstoffe herzustellen. Dieses Wissen wächst seither immer weiter und wird durch wissenschaftliche Studien vertieft. Zudem erbringt die moderne Medizin erstaunliche Leistungen und hat auf allen Gebieten bewundernswerte Fortschritte gemacht; speziell zu erwähnen ist hier die Onkologie, die Lehre von den Tumoren. Obwohl Tumore und ihre Entstehung uns in vielen Fällen noch immer Rätsel aufgeben, können heute viele Krebserkrankungen im Gegensatz zu früher geheilt werden, und die sogenannte Fünfjahresüberlebensrate – also der Prozentsatz der Patienten, die fünf Jahre nach Ausbruch einer Tumorerkrankung noch leben – steigt ständig.

Aber was ist mit dem Erfahrungswissen früherer Generationen? Leider vernachlässigen heute die Universitäten bei der Ausbildung von Medizinalpersonen, vor allem von Ärzten und Ärztinnen, diesen wichtigen Aspekt; die Studenten lernen kaum etwas darüber. Und trotz einer in den letzten Jahren durchaus merkbaren, wenn auch noch sehr zaghaften Trendwende vertritt immer noch die Mehrheit der Ärzte- und Apothekerschaft die Ansicht, pflanzliche Arzneimittel seien kaum wirksam, und «richtige» Arzneimittel gäbe es erst seit der Entstehung der pharmazeutischen Industrie und universitären Forschung. Und so besteht die Gefahr, dass bei den Fachleuten die Fähigkeit verloren geht, in ihrer Arbeit volksmedizinische Überlieferung und wissenschaftliche Erkenntnisse zu vereinen.

Mit dem vorliegenden Buch möchte ich dieser Meinung entgegenwirken und zeigen, dass man viele Beschwerden mit pflanzlichen Arzneimitteln oder pflanzlichen Anwendungen erfolgreich behandeln kann. Untermauern werde ich meine Ausführungen immer wieder mit wissenschaftlichen Studien, in denen die Wirksamkeit einer ganzen Reihe von pflanzlichen Präparaten nachgewiesen wurde.

Und ich möchte auch Folgendes betonen: Es geht nicht um die Frage «Natur oder Chemie?». Denn auch natürliche Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen besitzen eine chemische Struktur. Darum möchte ich nicht zwischen Natur und Chemie unterscheiden und vermitteln, sondern zwischen «natürlichen», d. h. pflanzlichen, Wirkstoffen und in der Natur nicht vorkommenden, also «synthetischen», Wirkstoffen. Diese werden von den meisten Menschen jedoch «chemische Wirkstoffe» genannt. Also werden wir hier immer den schon zitierten Satz «So pflanzlich wie möglich, so synthetisch wie nötig» verwenden.

Des Weiteren werde ich bei der Beschreibung von Beschwerden und den pflanzlichen Möglichkeiten zu ihrer Behandlung Markennamen von Arzneimitteln erwähnen, welche in der Schweiz zugelassen und im Handel sind, und die Leserinnen und Leser können sich in deutschen oder österreichischen Apotheken erkundigen, wie die entsprechenden Präparate in diesen Ländern heißen. Im ganzen deutschen Sprachraum sind viele pflanzliche Arzneimittel erhältlich.

Es kann aber vorkommen, dass ich bei einer Anwendung nicht alle für diese Indikation zugelassenen Präparate erwähne. Das spricht aber überhaupt nicht gegen die Wirksamkeit und Qualität dieser Arzneimittel – bei bestimmten Themen kann ich wegen der Fülle der erhältlichen Medikamente einfach nicht alle nennen.

Ich werde keine Dosierungen nennen und unerwünschte Wirkungen nur sehr ausnahmsweise, denn das würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Wenn jemand eines der in diesem Buch erwähnten Arzneimittel anwenden möchte, so rate ich dazu, sich vorher von einer Fachperson gründlich beraten zu lassen. Medizinalpersonen, welche Kranken ein Arzneimittel verschreiben oder geben, sind vom Gesetz her dazu verpflichtet, über Wirkungen, Nebenwirkungen und alle anderen Aspekte Auskunft zu geben, und zwar in einer verständlichen Sprache. Aber auch bei größter Sorgfalt können sich kleinere Fehler oder Unzulänglichkeiten einschleichen – ob in einem Beratungsgespräch oder eben hier in diesem Buch. Man möge mir dies verzeihen. Auch habe ich diesen Text nach bestem Wissen und Gewissen erstellt, ohne jeden Interessenskonflikt, und habe für die Erwähnung bestimmter Präparate bzw. die Nichterwähnung von Konkurrenzprodukten keinerlei Zuwendungen erhalten.

Ich wähle in diesem Buch in der Regel die männliche Form von Personen und Berufen des Gesundheitswesens. Natürlich sind damit auch alle Frauen gemeint. Dies ist selbstverständlich, zumal bei den Medizinalberufen der Anteil der Frauen ständig zunimmt, was ich persönlich sowohl notwendig als auch hocherfreulich finde.

Luzern, im Frühling 2021

Dr. pharm. Christoph Bachmann

MEHR NATUR
so synthetisch wie nötig
Vorbemerkungen

1. Ohne Pflanzen keine Menschen

2. Homo sapiens und pflanzliche Arzneimittel

3. Klinische Studien und Erfahrung

4. Unterschiede zwischen pflanzlichen und synthetischen Arzneimitteln

5. Pflanzliche Arzneiformen

6. Verschiedene Phytotherapie-Systeme

1. Ohne Pflanzen keine Menschen

Im Alltag aller Menschen spielen Pflanzen eine wichtige Rolle. Ob jemand in einer Großstadt lebt, weit fort von der freien Natur, oder – eng mit ihr verbunden – auf einem Bauernhof, ist nicht entscheidend. Jeder Mensch ist sein Leben lang ständig auf Pflanzen angewiesen. Ja, man kann sagen, dass es Homo sapiens ohne Pflanzen gar nicht gäbe.

Vor etwa 550 Millionen Jahren kam es dann zur sogenannten kambrischen Explosion. Darunter versteht man den Teil der Erdgeschichte, in dem innerhalb kurzer Zeit viele neue Lebensformen entstanden und damit auch die ersten Tierarten, die sich von den gemeinsamen Vorfahren der Pflanzen und Tiere trennten. Hätten sie sich nicht von Pflanzen ernähren können, wäre die Entwicklung zu den Primaten, dann zu den Hominiden und schließlich zum Homo sapiens nicht möglich geworden.

Beim Homo sapiens standen Pflanzen neben Tieren schon immer auf dem Speisezettel. Interessanterweise dient nur ein kleiner Teil der äußerst vielfältigen Pflanzenwelt als Nahrung. Ich habe einmal gelesen, dass nur etwa 30 Arten zu den regelmäßig von Menschen verspeisten Pflanzen gehören.

Schon viel früher lebende Vorfahren des Homo sapiens bildeten Kulturen und vertieften so ihre Abhängigkeit von den Pflanzen. Der Mensch stellte zuerst aus behauenen Steinen Werkzeuge und Waffen her. Doch schon bald lernte er auch aus Holz Spieße, Speere und viele Werkzeuge herzustellen.

Ein entscheidender Kulturfortschritt gelang den Menschen, als sie lernten, mit Feuer umzugehen, und fähig wurden, mit Brennholz das Feuer «aufzubewahren». Die ersten Kleider stellten sie aus Tierfellen her. Doch vor etwa 30’000 Jahren kam die Fähigkeit des Webens hinzu, des Herstellens von Gewebe aus den Fasern von Flachs. Als der Mensch nicht mehr nur in Höhlen lebte, sondern begann, Häuser zu errichten, spielten Pflanzen wieder eine entscheidende Rolle. Holz lieferte einen entscheidenden Teil des Baumaterials.

Inzwischen wurden aus den Jäger- und Sammlerstämmen sesshafte Bauern, die gelernt hatten, Pflanzen zu züchten und anzubauen. Weiter lernte der Mensch aus Holz Schmuckstücke und Musikinstrumente (Trommeln, Pfeifen, einfache Streich-instrumente) herzustellen. Man könnte sagen: Je höher die menschlichen Kulturen entwickelt waren, umso größer war die Rolle, die Pflanzen im Alltag spielten.

Und dann kam die Kunst der Parfumherstellung dazu. Der Mensch lernte, aus pflanzlichen Düften wohlriechende Öle und Salben zu machen. Eine weitere Verwendung von Pflanzen stellen die Gewürze dar, die in Europa seit der Jungsteinzeit Verwendung fanden. Pfeffer, Knoblauch, Koriander und Kümmel beispielsweise hatten einen hohen Handelswert.

Erst im 20. Jahrhundert verloren Pflanzen zugunsten von Metallen und speziell von Kunststoffen zum Teil wieder ihre Bedeutung als Werkstoffe.

2. Homo sapiens und pflanzliche Arzneimittel

Krankheiten sind etwas Natürliches und kommen bei allen Lebewesen vor. Der Grund einer Erkrankung ist entweder eine krankhafte Veränderung von Gewebe oder die Fehlfunktion eines Organs. Bei den krankhaften Veränderungen eines Gewebes kann es eine harmlose Entzündung sein, die nach einiger Zeit wieder verschwindet. Es kann sich aber auch um einen gut- oder bösartigen Tumor handeln. Letzteres war für die betroffene Personen in früheren Zeiten meistens ein Todesurteil. Eine ständig tropfende Nase ist eine lästige Fehlfunktion der betroffenen Nasenschleimhaut, sicher aber kein bedrohlicher Zustand. Wenn aber zum Beispiel der Pankreas, die Bauchspeicheldrüse, kein Insulin mehr produziert, dann führt das unbehandelt zum baldigen Tod des Patienten.

Krankheiten können durch eine Infektion ausgelöst werden, den Befall durch Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder andere ein- oder mehrzellige Lebewesen. Aktuell zeigt die Corona-Pandemie uns das auf dramatische Weise. Krankheiten können auch altersbedingt auftreten, durch den Verschleiß von Gelenken und Organen. Sie können die Folge eines ungesunden Lebensstils sein (Rauchen, zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung) oder sie können auch einfach keine eindeutig erkennbare Ursache haben.

Ganz bestimmt war Homo sapiens schon von Anfang an mit Krankheiten konfrontiert. Und obwohl die Zeugnisse von ersten Arzneimitteln nur einige Tausend Jahre zurückreichen, bin ich überzeugt, dass unsere Vorfahren schon viel früher gelernt haben, viele alltägliche Erkrankungen zu behandeln. Natürlich standen sie lebensbedrohlichen Infektionen, Tumoren und ähnlichen Erkrankungen mehr oder weniger hilflos gegenüber. Und schon eine aus heutiger Sicht harmlose Blinddarmentzündung, die mit einer Operation von maximal 30 Minuten aus der Welt geschafft wird, hat die Betroffenen früher nur allzu schnell dahingerafft. Homo sapiens ist ein hochintelligentes Wesen, kann genau beobachten, Misserfolg von Erfolg unterscheiden und daraus seine Schlüsse ziehen. Weiter kann er bei Teilerfolgen durch Überlegungen Strategien entwickeln, welche mit weiteren Erfolgen zum Ziel führen. Und ein weiteres, sehr wichtiges Element war und ist dabei der Zeitfaktor.

Die Hektik der heutigen Zeit und der Druck, bei medizinischen Behandlungen sofort Erfolg zu erringen, waren damals überhaupt noch nicht vorhanden. Erkenntnisse über die therapeutische Verwendung von Heilpflanzen wuchsen im Verlauf von Generationen, wenn nicht sogar im Verlauf von Hunderten oder Tausenden von Jahren. Durch Beobachtung von Tieren und anschließender Selbstanwendung oder durch die zufällige Entdeckung der Wirksamkeit gewisser Pflanzen merkte der Mensch, dass diese bei bestimmten Beschwerden zum Beispiel eine lindernde Wirkung ausübten. Vielleicht brauchte es wieder die Erfahrung mehrere Generationen, bis man merkte, dass das Kauen von Kamille zwar bei Verdauungsbeschwerden eine positive Wirkung hat, dieser Nutzen aber wegen der Unverdaulichkeit der Pflanzenfasern relativ gering war. Irgendeinmal kam dann die wahrscheinlich zufällig gewonnene Erkenntnis dazu, dass der Presssaft der Pflanze, allein angewandt, deutlich mehr Nutzen bringt. Und wie erfuhr der Mensch, dass das Kochen des Presssaftes im heißen Wasser noch mehr Vorteile bringt? Wir wissen es nicht, aber: Irgendwann war – voilà – der erste Kamillentee entstanden.

Bei Verletzungen, Schürfungen und infektiösen Hauterkrankungen wurden zuerst Pflanzen, zum Beispiel Ringelblume (Calendula officinalis), auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Und der Mensch merkte, dass die Wunden dadurch schneller heilten. Außerdem entstanden durch das Auflegen der Pflanze weniger häufig Wundinfektionen. Und wie lange dauerte es, bis der Mensch lernte, Pflanzen zu einem Brei zu zerstoßen, in dem die wirksamen Inhaltsstoffe nun frei lagen und somit besser wirken konnten?

Natürlich mussten – und müssen immer noch – auch unzählige Umwege genommen und Sackgassen überwunden werden, bis wichtige Erkenntnisse gewonnen und neue Methoden gefunden wurden. Wie oft wohl haben Menschen leuchtende, schwarze Beeren in der Annahme gegessen, etwas Nahrhaftes zu sich zu nehmen, und sind an einer Vergiftung mit Tollkirsche (Atropa belladonna) gestorben? Und sicher brauchte es viele Generationen, bis genießbare Beeren von giftigen unterschieden werden konnten. Menschen, welche in alpinen Regionen lebten, hatten vielleicht schon die heilsame Wirkung von Gelbem Enzian (Gentiana lutea) erkannt. Wie viele aber starben, weil sie den Enzian mit dem Weißen Germer (Veratrum album) verwechselten, bis die Höhlenbewohner gelernt hatten, diese beiden Pflanzen zu unterscheiden? Enzian hat verdauungsfördernde Eigenschaften, der Germer kann jedoch aufgrund seiner Alkaloide (einer Art von Inhaltsstoffen), hier besonders im Wurzelstock, zu Krämpfen, Kollaps und im Extremfall zum Tod führen.

Aber der Faktor Tod spielte damals eine ganz andere Rolle als heute. Homo sapiens war in der Frühzeit seiner Existenz ständig mit dem Tod konfrontiert, auf der Jagd, bei Begegnungen mit Raubtieren, durch Unfälle im täglichen Kampf ums Überleben oder kriegerische Auseinandersetzungen. Das sehr niedrige Durchschnittsalter unsere Vorfahren – sie wurden wahrscheinlich kaum älter als 35 Jahre – und die hohe Säuglingssterblichkeit sorgten dafür, dass unsere Urahnen eine ganz andere Beziehung zum Tod hatten als dies heute bei uns der Fall ist. Ich möchte damit nicht sagen, dass Verstorbene nicht betrauert worden wären – aber zynisch ausgedrückt, jeder Tod, eben auch einer durch Vergiftung mit einer Pflanze, bedeutete auch einen Zuwachs an Erfahrung.

Fatalismus war und ist hilfreich für das Leben unter extremen Bedingungen – wenn der Hunger groß ist, setzen sich Menschen auch in eine Nussschale von Boot, um auf einem Fluss inmitten von Krokodilen zu fischen.

In der heutigen Zeit spielt die Evidenz eines Arzneimittels eine wichtige Rolle (vgl. weiter unten). Evidenzbasierte Medizin erhebt ausdrücklich die Forderung, dass bei einer medizinischen Behandlung patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden sollen, und die wissenschaftliche Aussagefähigkeit klinischer Studien wird durch Evidenzgrade beschrieben. Die evidenzbasierte Medizin soll eine «patientenzentrierte Wissenschaftlichkeit» darstellen.

Der frühe Homo sapiens verfügte natürlich noch nicht über naturwissenschaftliche Kenntnisse im heutigen Sinne und betrieb noch keine moderne Forschung. Seine Labore waren die positiven und negativen Wirkungen, welche Pflanzen bei ihm auslösten, seine Datenbanken die Erfahrung von Generationen aus Jahrhunderten und Jahrtausenden. Langsam, langsam – für heutige Verhältnisse und Bedürfnisse unerträglich langsam – wurden Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt, oft nur auf lokal beschränkter Ebene und nicht, wie heute, in einem atemberaubenden Tempo um die ganze Welt verbreitet, kaum dass sie gewonnen sind.

3. Klinische Studien und Erfahrung

Ich möchte nun klinische Studien und Erfahrungen miteinander vergleichen. Mit klinischen Studien wird die oben erwähnte Evidenz erreicht. Neue Arzneimittel und Behandlungen haben nur eine Chance, von der etablierten Medizin anerkannt und von den Krankenkassen bezahlt zu werden, wenn ihre Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit mittels wissenschaftlicher Studien nachgewiesen werden können. Diese werden aber immer aufwendiger und sind inzwischen so teuer geworden, dass zumeist nur noch etablierte Pharmafirmen in der Lage sind, große klinische Studien in Auftrag zu geben.

Als die Methode der klinischen Studien noch in den Kinderschuhen steckte, wurde eine Anzahl Patienten ausgewählt, welche an einer bestimmten Krankheit litten. Diese wurden in zwei Gruppen eingeteilt, von denen der einen das zu überprüfenden Medikament verabreicht wurde, das sogenannte Verum. In der anderen Gruppe erhielten die Personen ein wirkungsloses Scheinpräparat, ein sogenanntes Placebo. Sofern in der Ve-rumgruppe die Heilungsrate wesentlich größer war als in der Placebogruppe, galt dies als wissenschaftlicher Wirkungsnachweis. Wenn die betroffenen Patienten nicht wissen, ob sie in der Verum- oder in der Placebogruppe sind, spricht man von einer Blindstudie, und wenn auch die behandelnden Ärzte dies nicht wissen, spricht man von einer Doppelblindstudie. In diesem Fall erfahren nur unabhängige, an der ärztlichen Behandlung nicht beteiligte Fachleute, welche die Resultate auswerten, welche Patienten in der Verum- und welche in der Placebogruppe waren.

Im Verlaufe der Zeit sind die Anforderungen an klinische Studien immer größer geworden, und an einer modernen Studie ist mittlerweile eine beachtliche Zahl von Fachleuten beteiligt. Zuerst erstellen Spezialisten das Studiendesign, also den Plan der Studie, der das Studienziel beschreibt sowie die verschiedenen Etappen der Studie, die zu diesem Ziel führen sollen. Ein wichtiger Teil des Studiendesigns ist die Anzahl der Patienten, welche nach immer komplizierter werdenden Einschluss- und Ausschlussregeln ausgewählt werden. Dann erfolgt die Rekrutierung von Probanden, wie man die Patienten einer Studie nennt. Die Anzahl der benötigten Probanden ist sehr wichtig, damit die Resultate überhaupt aussagekräftig sind, wenn man sie auf die Häufigkeit der in einer bestimmten Bevölkerungszahl auftretenden Krankheitsfälle bezieht. An der eigentlichen Studie nehmen neben den Prüfärzten verschiedene Fachleute teil, welche zum Beispiel die Zufälligkeit der Randomisierung – der Einteilung der Probanden in eine der Studiengruppen unter Verwendung eines Zufallsmechanismus – garantieren und ebenso die Verblindung des Verums und des Placebos. Die so gewonnenen Studienresultate werden wiederum von Fachleuten ausgewertet, die man Biostatistiker nennt. Unabhängige Fachleute durchmustern die Studie nach allfälligen Fehlern, welche die Resultate verfälschen können. Ein solcher Fehler wird Bias genannt.

Eine spezielle Art von Studien stellen Meta-Analysen dar – hier werden in der Fachliteratur publizierte Studien miteinander verglichen und zum Teil neu ausgewertet. Klinische Studien sind wichtig, und ihr Nutzen soll hier in keiner Weise in Frage gestellt werden. Eine Studie mit einem positiven Resultat stellt dem entsprechenden Präparat ein wichtiges Zeugnis für seine Wirksamkeit aus. Publizierte Studien müssen aber kritisch überprüft werden.

Denn gerade auf dem Gebiet der Phytotherapie gibt es Negativstudien – also Studien, die eine bestimmte Wirksamkeit verneinen –, die haarsträubende methodische Fehler aufweisen. Ich werde weiter unten ein solches Beispiel erwähnen. Aber wie soll man mit den vielen pflanzlichen Präparaten umgehen, deren Wirksamkeit bisher nicht oder nur mit älteren Studien ohne moderne Anforderungen überprüft wurde? Ein bisher ungeprüftes oder nicht ausreichend geprüftes Präparat, ob pflanzlicher oder synthetischer Art, sollte keinesfalls als unwirksam bezeichnet werden. «Bisher ungeprüft» heißt nämlich nur, dass bis dato die wissenschaftlichen Daten für eine klare Aussage fehlen, und es ist durchaus möglich, dass bald folgende klinische Studien ein positives Resultat ergeben, also die Wirksamkeit eines Präparates wissenschaftlich untermauern. Die Aussage «unwirksam» darf nur bei Präparaten gemacht werden, welche mit einer Studie, im Idealfall mit mehreren methodisch korrekt durchgeführten klinischen Studien als unwirksam erkannt wurden.

Gibt es Fälle, in denen man auch ohne klinisches Datenmaterial von einem Präparat annehmen darf, dass seine Wirksamkeit bewiesen ist? Meines Erachtens ja: Ich bin davon überzeugt, dass eine langdauernde, volksmedizinische Überlieferung auch eine Art Beweis für die Wirksamkeit von Präparaten sein kann. Solche Überlieferungen müssen aber auf einer langen Tradition beruhen, immer wieder und in verschiedenen Quellen erwähnt worden sein und übereinstimmende Indikationen (Anwendungen) haben. Denn es wäre einfach nicht plausibel, wenn verschiedene Generationen eine Anwendung empfehlen, die gar nicht wirksam ist. Nur hartgesottene Gegner der Phytotherapie sprechen allen Anwendungen ohne eindeutige klinische Wirksamkeitsbeweise ihre Existenzberechtigung ab.

Außerdem gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass sich ein nicht zu unterschätzender Anteil des ärztlichen Handelns nicht nur auf klinische Studien stützt. Für die Behandlung im Alltag werden Empfehlungen von sogenannten Opinion Leaders, also z. B. von Universitätsprofessoren und von älteren, erfahrenen Kollegen und Kolleginnen befolgt. Außerdem spielten die in der eigenen Praxis gemachten Erfahrungen eine große Rolle. Und ich persönlich finde, dass solche Quellen auch sehr wichtig und nützlich sind.

Fachleute

In diesem Buch verweise ich immer wieder auf «Fachleute», deren Beratung man in Anspruch nehmen kann und soll. Aber was verstehe ich unter diesem Begriff? Fachleute auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) sind für mich Personen mit professionellen medizinischen Kenntnissen. Dazu gehört auch tiefgreifendes Wissen im Bereich der Phytotherapie. Fachleute, Fachpersonen, müssen sich in der volksmedizinischen Tradition auskennen und fähig sein, wissenschaftliche Studien zu verstehen und zu interpretieren. Für mich ist auch sehr wichtig, dass sie keine Tendenz zur einseitigen Bevorzugung von pflanzlichen Präparaten haben und alle synthetischen Präparate als «nur chemisch» und schlecht bezeichnen. Sicher gehören zu diesen Fachleuten:

• Medizinalpersonen: Pharmazeuten und Pharmazeutinnen sowie Ärzte und Ärztinnen, die sich genügend weitergebildet haben im Bereich der Phytotherapie. Diese Personen dürfen keine einseitige Ausrichtung auf synthetische Präparate haben.

• Weitere Medizinalpersonen wie Zahnärzte und Zahnärztinnen sowie Hebammen. Natürlich können sich auch Tierärzte und Tierärztinnen zu Phytotherapie-Fachleuten entwickeln.

• Drogisten und Drogistinnen sowie Heilpraktiker und Heilpraktikerinnen, welche sich mit der wissenschaftlichen Phytotherapie auseinandersetzen und natürliche Präparate nicht einseitig bevorzugen.

• Personen, welche sich beruflich mit Phytotherapie befassen und sich tiefgreifende Kenntnisse zur Phytotherapie angeeignet haben. Dabei handelt es sich meistens um Personen, welche ein naturwissenschaftliches Studium absolviert haben.

Ein Bekannter von mir ist Eigentümer und Geschäftsführer einer kleinen Phytotherapie-Firma. Ursprünglich hat er Wirtschaftswissenschaften studiert, ist aber durch seine berufliche Tätigkeit im Lauf der Jahre Fachmann geworden. Es ist also auch auf diese Weise möglich, eine Phytotherapie-Fachperson zu werden.

4. Unterschiede zwischen pflanzlichen und synthetischen Arzneimitteln

Synthetische Arzneimittel enthalten meistens nur einen Inhaltsstoff. Der Markenname Voltaren® ist ein Arzneimittel gegen Schmerzen und Entzündungen. Der Inhaltsstoff von Voltaren® ist Diclofenac. Synthetische Arzneimittel können auch zwei, selten drei Inhaltsstoffe bzw. Wirkstoffe enthalten. Jeder Wirkstoff eines synthetischen Arzneimittels hat eine definierte, zumeist genau bekannte Wirkung. Enthält ein Arzneimittel zwei Wirkstoffe, entfalten diese sehr oft eine synergistische Wirkung, steigern also zusammen die Wirksamkeit und können auch beide tiefer dosiert werden. Dies vermindert wiederum das Auftreten von Nebenwirkungen.

Ganz anders verhält es sich bei einem pflanzlichen Arzneimittel. Eine Arzneipflanze enthält immer eine Vielfalt an chemisch ähnlichen, aber auch unterschiedlichen Inhaltsstoffen. Es gibt Arzneipflanzen, in denen Hunderte verschiedener Inhaltsstoffe identifiziert wurden. Gemäß Definition der modernen Phytotherapie stellt die Gesamtheit dieser Inhaltsstoffe den Wirkstoff dar. Anders ausgedrückt: Pflanzliche Arzneimittel haben nicht eine, zwei oder maximal drei definierte Substanzen als Wirkstoff, sondern alle in der Arzneipflanze vorhandenen Inhaltsstoffe sind der Wirkstoff. Es spielt dabei keine Rolle, ob einzelne oder mehrere Inhaltsstoffe dieser Arzneipflanze besonders zur Wirksamkeit beitragen oder ob man darüber noch nichts weiß. Die Gesamtheit der Inhaltstoffe ist das Orchester, das eine harmonische Musik, sprich eine therapeutische Wirksamkeit hervorruft.

Bei der Arzneipflanze Ginkgo biloba, welche die Gehirndurchblutung fördert, hat die Wissenschaft herausgefunden, welche Inhaltsstoffe besonders für die Wirksamkeit verantwortlich sind: dies sind einerseits gewisse Flavonolglykoside, andererseits Terpenlactone. Es gibt aber auch sehr häufig verwendete Arzneipflanzen wie beispielsweise den Baldrian (Valeriana officinalis) oder das Johanniskraut (Hypericum perforatum), bei denen die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe trotz unzähliger Studien – noch – nicht bekannt sind. Ich persönlich bin der (vielleicht etwas gewagten) Überzeugung, dass dies für viele Arzneipflanzen gilt und auch noch lange gelten wird.

Die Suche nach dem einen Wirkstoff entspricht der Denkweise der modernen Pharmakologie, der Wissenschaft, welche die Wirkung von Arzneistoffen untersucht, aber vielleicht nicht der Dualität Mensch–Pflanze. Der Mensch hat, wie oben beschrieben, im Verlaufe seiner Entwicklung gelernt, die Vielfalt der Pflanzen zu nutzen, und er erlebte diese als Ganzes, nicht aufgeschlüsselt nach Hunderten von Inhaltsstoffen. Der Mensch isst auch Getreide und Kartoffeln, nicht einzelne Kohlenhydrate, er ernährt sich von Früchten und nicht von einzelnen der vielen Zuckerverbindungen. Die Mehrheit der Menschen isst auch Fleisch und nicht einzelne Proteine. Und so könnte es sein, dass die Vielstoffgemische, die Arzneipflanzen darstellen, dem Menschen eher entsprechen als Einzelwirkstoffe.

Zwei Tatsachen sprechen dafür: Beim Vergleich von pflanzlichen Arzneimitteln mit synthetischen Präparaten, welche für dieselbe Indikation (Beschwerde) eingesetzt werden, schneiden die pflanzlichen Präparate in Bezug auf die Nebenwirkungen meistens besser ab als ihre synthetischen Konkurrenten. Es gibt viele klinische Studien, welche diese Tatsache bestätigen (2,3). Außerdem besitzen die meisten pflanzlichen Arzneimittel eine viel größere therapeutische Breite als synthetische Präparate. Unter therapeutischer Breite versteht man den Konzentrationsbereich vom Beginn einer therapeutischen bis zum Beginn einer toxischen Wirkung.

5. Pflanzliche Arzneiformen

Ich habe oben kurz beschrieben, wie die Menschen lernten, Arzneipflanzen anzuwenden. Heute gibt es eine ganze Reihe von pflanzlichen Arzneiformen. Die einfachste erhält man durch Trocknen und Mahlen der Arzneipflanze. Das Pulver hat oft einen wenig angenehmen Geschmack und wird deshalb in Kapseln abgefüllt oder mit Hilfe von Klebemitteln zu Tabletten zusammengepresst. Getrocknete und gemahlene Pulver von Arzneipflanzen findet man oft bei traditionellen Heilmethoden wie bei der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin, oder bei der tibetischen Medizin.

In den westlichen Ländern werden die Inhaltstoffe von Arzneipflanzen sehr häufig extrahiert, das heißt, sie werden der Pflanze mit geeigneten Lösungsmitteln entzogen. Geschieht dies mit heißem Wasser, entsteht ein Tee. Von einer Tinktur spricht man bei einer Extraktion mit Äthanol. Eine Mariendistel-Tinktur ist also eine äthanolische Lösung, in der die Inhaltsstoffe der Mariendistel (Silybum marianum, alter Name: Carduus marianus) gelöst sind. Tee oder Tinkturen können mit getrockneten Arzneipflanzen hergestellt werden. Eine Urtinktur allerdings – die Ausgangstinktur für homöopathische Potenzen, die aber auch als Urtinktur phytotherapeutisch eingesetzt werden kann – muss, wenn immer möglich, mit Frischpflanzen zubereitet werden. Ein Auszug kann auch durch Einlegen der Pflanze in ein Lösungsmittel gemacht werden. Man spricht dann von einer Mazeration. Wird das Pflanzenmaterial in einen säulenartigen Behälter gefüllt und lässt man das Äthanol tropfenweise durch das Pflanzenmaterial fließen, spricht man von einer Perkolation. Eine Tinktur kann also durch Mazeration oder Perkolation gewonnen werden.

In Bezug auf Extraktionsmethoden hat die Forschung in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Oft werden Lösungsmittelgemische verwendet. Eine sehr moderne Extraktionsmethode wird mit subkritischer Kohlensäure gemacht. Die Herstellung einer Urtinktur geschieht gewöhnlich mithilfe einer Mazeration. Eine Tinktur und eine Urtinktur von derselben Arzneipflanze sind oft praktisch identisch und unterscheiden sich in Zusammensetzung und Gehalt an Inhaltsstoffen praktisch nicht. Zur Herstellung von homöopathischen Potenzen muss zuerst eine Urtinktur hergestellt werden. Daraus entstehen die Potenzen. Ich schreibe in Zukunft nur von Tinkturen, möchte aber darauf hinweisen, dass jederzeit auch Urtinkturen gemeint sein können. Eine Tinkturenmischung kann also immer auch aus den entsprechenden Urtinkturen hergestellt werden.

Wichtig ist auch die Tatsache, dass man mit unterschiedlichen Lösungsmitteln unterschiedlich wirksame Extrakte erhält. Wenn man mit einem öligen Lösungsmittel Johannisöl gewinnt, steht ein äußerlich anwendbares, wundheilungs- und granulationsförderndes Arzneimittel zur Verfügung. Wird die Extraktion mit Äthanol durchgeführt, entsteht ein Extrakt, der bei innerlicher Anwendung stimmungsaufhellende Eigenschaften besitzt.

Ein weiteres schönes Beispiel ist ein Vergleich aus dem Lebensmittelbereich, und er lässt sich mit Kaffee (Coffea tosta) ziehen. Je nachdem, wie das Pulver mit heißem Wasser in Kontakt gebracht wird, entstehen Getränke mit unterschiedlichen Eigenschaften. Stellt man mit dem Pulver einen Filterkaffee her, enthält dieser viel Koffein und wenig Aroma. Mit einer Espressomaschine erhält man einen Kaffee, der wenig Koffein, aber viel Aroma besitzt. Türkischer Kaffee enthält sowohl viel Koffein als auch viel Aroma. Man erhält also ganz unterschiedliche Produkte, je nachdem, ob man heißes Wasser langsam durch das gemahlene Kaffeepulver laufen lässt, es mit Druck durchs Pulver jagt, oder ob das Pulver in heißem Wasser mazeriert wird.

6. Verschiedene Phytotherapie-Systeme

Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Phytotherapie-Systeme etabliert, von denen hier nur die westliche Phytotherapie besprochen werden soll. In den letzten Jahren hat die TCM, die Traditionelle Chinesische Medizin, an Bedeutung gewonnen, welche neben ostasiatischen Heilpflanzen weitere Therapieformen wie die Akkupunktur einsetzt. Die vom Philosophen Rudolf Steiner entwickelte anthroposophische Medizin verwendet neben Arzneipflanzen, für deren Anbau spezielle Regeln gelten, auch mineralische Mischungen sowie homöopathische Potenzen. Oft werden Gemische pflanzlicher und mineralischer Anteile, zum Teil homöopathisch potenziert, verwendet.

Im hier vorliegenden Buch wird nur die westliche Phytotherapie vorgestellt; TCM und anthroposophische Medizin werden, abgesehen von kleinen Ausnahmen, nicht berücksichtigt.

WENIGER CHEMIE
so pflanzlich wie möglich
Pflanzliche Anwendungen

7. Nervensystem

8. Atemwege

9. Verdauungstrakt

10. Herz-Kreislauf-System

11. Weibliche Geschlechtsorgane

12. Harnwege

13. Bewegungsapparat

14. Haut

15. Nachlese

16. Schlussfolgerungen

In der Folge werden nun pflanzliche Anwendungen bei verschiedenen Beschwerden beschrieben. Die Aufzählung der in den verschiedenen Kapiteln erwähnten Handelspräparate erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für eine vollständige Liste aller Präparate verweise ich auf das Phyto-Kompendium «Phytotherapeutika – Pflanzliche Arzneimittel» von Dr. Beatrix Falch, Vizepräsidentin der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP).1 Weiter erwähne ich nur Präparate, welche allgemein erhältlich sind. Präparate, die nur in speziellen Apotheken-Ketten verkauft werden, finden hier keine Erwähnung.

7. Nervensystem
7.1 Unruhe, Nervosität, Schlaf

Wahrscheinlich traten beim frühen Menschen Unruhe und Nervosität viel weniger häufig auf, als dies in der heutigen Zeit der Fall ist. Die Gründe dafür sind hinreichend bekannt. Das moderne Leben, vor allem in größeren Gemeinden, in denen viel Lärm und Verkehr entsteht, führt bei vielen Menschen zu einer inneren Unruhe. Dazu kommt oft noch eine gehetzte Lebensweise, in der zu wenig stille Ruhephasen vorkommen. Statt sich abends auszuruhen und die heilsame Wirkung der Stille zu erfahren, neigen viele Menschen auch abends zu Aktivitäten, bei denen oft auch laute Musik und grelle Lichter auf sie eindringen.

Lärm und ein hektischer Alltag kamen bei unseren Vorfahren in dieser Form sicher nicht täglich vor. Vielleicht kauten sie nach der Großwildjagd beruhigende Kräuter, nachdem sie, noch gezeichnet vom Kampf mit dem erlegten Mammut, ihre Wunden versorgt, vielleicht einen getöteten Kameraden beerdigt und alle zusammen ein üppiges Mahl genossen hatten.

Obwohl also Unruhe und Nervosität eher zu den modernen Beschwerden zählen dürften, stellt uns die Natur eine ganze Reihe von Pflanzen zur Verfügung, welche das Nervensystem beruhigen können (vgl. Tabelle). Die Schulmedizin behandelt Unruhe, Nervosität und Schlafstörungen sehr oft mit Benzodiazepinen und anderen synthetischen Psychopharmaka. Benzodiazepine haben eine stark beruhigende, angstlösende oder schlaffördernde Wirkung, zum Teil auch eine muskelrelaxierende, d. h. verkrampfte Muskeln können damit wieder gelöst werden. Benzodiazepine wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren in die Medizin eingeführt und galten lange als «Wunderdroge». Ihre Wirksamkeit ist unbestritten, und Suizid-Gefährdete können sich mit Benzodiazepinen nicht mehr umbringen – oder zumindest nur, wenn sie genügend Fachwissen besitzen. Mit der früheren Generation von Schlafmitteln, wie zum Beispiel den heute kaum mehr verwendeten Barbituraten, war dies deutlich einfacher: Von diesen Schlafmitteln musste man einfach eine mehrfach überdosierte Menge einnehmen und starb in der Bewusstlosigkeit an Atemstillstand.

Nach einigen Jahren wurde aber die stark abhängig machende Nebenwirkung der Benzodiazepine immer offensichtlicher, und die Medizin verwendet sie heute deutlich vorsichtiger. Als junger Apotheker führte ich noch viele entsprechende Rezepte für Patienten aus, welche mir offen mitteilten, sie brächten ohne die abendliche Einnahme ihrer Benzodiazepin-Tablette nachts kein Auge mehr zu.

Wenn man im Falle einer Schlaflosigkeit oder Unruhe ein pflanzliches Präparat einsetzen möchte, kann man eines der in der Folge aufgelisteten Präparate ausprobieren oder den Arzt bzw. die Ärztin auffordern, ein entsprechendes Präparat zu verschreiben. Jede Arzneipflanze, welche gegen Unruhe wirkt, kann auch schlaffördernd wirken. Hier macht die Dosierung den Unterschied aus. Schon der Arzt Paracelsus (1493/94–1541) hat mit seinem berühmten Satz «Dosis facit venenum» erklärt, dass die Dosis entscheidet, ob ein Stoff Heilwirkung entfaltet – oder giftig wirkt. Und auch im Bereich der Heilwirkung können verschiedene Dosierungen unterschiedlich wirken. Man muss sich aber bewusst sein, dass pflanzliche Präparate nicht die Stärke von Benzodiazepinen erreichen.

Arzneipflanzen mit einer beruhigenden Wirkung


Deutscher Name Botanischer Name Verwendeter Teil Studien vorhanden Markennamen
Baldrian Valeriana officinalis Wurzel wenig Baldriparan® für die Nacht Natu-Seda® Sedonium®
Melisse Melissa officinalis Kraut wenig nur als Bestandteil von Kombinations-präparaten
Hopfen Humulus lupulus Zapfen wenig nur als Bestandteil von Kombinations-präparaten
Passionsblume Passiflora incarnata Kraut wenig Passiflor® Valverde Beruhigung
Hafer Avena sativa Kraut wenig nur als Bestandteil von Kombinations-präparaten
Lavendel Lavandula officinalis Blüte einige Lasea®/Laitea® (Lavendelöl)
Kamille Matricaria recutica Blüte wenig keine Fertigpräparate zur Beruhigung
Johanniskraut Hypericum perforatum Kraut viele siehe dort
Kava Piper methysticum Wurzel (Rhizom) mehrere keine Fertigpräparate
Kalifornischer Mohn Eschscholzia californica Kraut und Blüte kaum Arkocaps Escholtzia

7.1.1 Baldrian

Die bekannteste Arzneipflanze mit einer beruhigenden Wirkung ist der Baldrian (Valeriana officinalis). Seine beruhigende Wirkung wurde schon in der Antike vom griechischen Arzt Pedanios Dioskurides beschrieben, der im ersten Jahrhundert zur Zeit des römischen Kaisers Nero lebte. Die meisten Menschen nehmen in ihrem Leben mindestens einmal Baldrian ein, sehr oft als Baldriantropfen.

Dabei handelt es sich um eine Tinktur, also um einen äthanolischen Auszug. Interessanterweise gehört der Baldrian zu den Arzneipflanzen, bei denen nicht bekannt ist, welcher der vielen isolierten Inhaltsstoffe eigentlich wirksamkeitsbestimmend ist. Wir haben hier wieder ein klassisches Beispiel für die Tatsache, dass der Extrakt der Wirkstoff ist. Das Orchester der Baldrianinhaltsstoffe erzeugt die Musik, welche beruhigend und schlaffördernd wirkt. Übrigens: Ich selber finde den Geschmack von Baldrian widerlich und verstehe nicht, warum recht viele Leute darauf bestehen, zur Beruhigung oder zum Einschlafen Baldriantropfen einzunehmen, denn der Geschmack einer Baldriantinktur ist wirklich abscheulich. Aber wahrscheinlich lassen sie sich nicht davon überzeugen, dass ein entsprechendes Baldrian-Präparat in Tablettenform genauso natürlich ist wie eine Baldriantinktur, also «Baldriantropfen».

Nun könnte man meinen, eine so bekannte Arzneipflanze wie der Baldrian sei mittlerweile intensiv erforscht worden. In der Tat gibt es aber nur wenige klinische Studien, welche sich mit Baldrian befassen. Und an dieser Stelle muss wieder einmal gesagt werden, dass eine klinische Studie heute sehr viel kostet. Nur große pharmazeutische Firmen können daher klinische Studien durchführen. Jedoch: Pflanzliche Arzneimittel kosten in der Regel im Vergleich zu synthetischen wenig – und daher lassen sich mit ihnen nicht die hohen Gewinne erzielen, welche die Durchführung von klinischen Studien ermöglichen bzw. für die pharmazeutischen Firmen überhaupt erst attraktiv machen.

Es gibt jedoch einige Fertigpräparate, welche Baldrian als Wirkstoff enthalten, und mehrere zusammengesetzte Präparate (siehe Kasten unten).

7.1.2 Melisse

Die Melisse, auch Zitronenmelisse genannt (Melissa officinalis), ist eine weitere Arzneipflanze mit einem sedierenden Potenzial. Auch sie wurde schon im Altertum beschrieben. Ihre beruhigende Wirkung ist etwas weniger ausgeprägt als diejenige des Baldrians. Verwendet werden die Blätter, welche zu Tee oder Tinkturen verarbeitet und zur Behandlung von nervösen Zuständen eingenommen werden. Die Melisse ist aber auch Bestandteil von Teemischungen gegen Verdauungsbeschwerden. Außerdem gibt es Lippensalben zur Behandlung von Fieberbläschen (Herpes labialis), die einen Melissenextrakt als Wirkstoff enthalten (vgl. 14.3).

Mir sind keine klinischen Studien bekannt, welche die sedierende Wirkung von Zubereitungen aus Melisse untersuchen und dokumentieren. Die lange volksmedizinische Tradition lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Melisse beruhigend wirkt. In der Schweiz ist kein Monopräparat mit Melisse im Handel, also ein Präparat, dessen Wirkstoff ausschließlich ein Melissen-Extrakt ist. Es gibt aber einige gut etablierte Kombinationspräparate, die unter anderem Melissenextrakt enthalten. Sie wirken beruhigend und schlaffördernd.

Im Buch «Pflanzliche Urtinkturen» (5) beschreiben die Autoren die Wirkungsweise von verschiedenen Arzneipflanzen. Sie weisen diesen nicht nur Indikationen zu, sondern beschreiben auch sogenannte Arzneipflanzen-Wesen. Das Wesen der Melisse wirkt nach dieser Betrachtungsweise beruhigend bei Menschen mit einem sehr zarten Wesen, das sehr schnell erschüttert wird. Solche Betrachtungsweisen findet man immer wieder, aber es gibt dafür keinerlei Evidenz, also schulmedizinische Nachweise mittels Studien.

Beruhigende Kombinationspräparate und Markennamen

Baldrian und Hopfen

Redormin®/Valverde Schlaf/Zeller Schlaf

Dormeasan®

Hova®

Baldrian, Passionsblume, Melisse und Pestwurz

Relaxane®/Valverde Entspannung

Baldrian und Melisse

Dormiplant®

Songha Night®

Baldrian, Hopfen und Melisse

Baldriparan®

Baldrian, Hopfen, Melisse und Passionsblume

Soporin®

7.1.3 Passionsblume

Auch die Passionsblume (Passiflora incarnata) gehört zu den sedierenden Arzneipflanzen, die noch keine so lange Tradition haben. Wissenschaftliche Beweise, die den heutigen Anforderungen entsprechen, was die beruhigende Wirkung dieser in den USA heimischen Pflanze betrifft, gibt es nicht, jedoch jahrelange Erfahrung (6).

Die amerikanischen Ureinwohner haben die Passionsblume für verschiedene Anwendungen eingesetzt, und die europäischen Einwanderer wurden auf sie aufmerksam. Daraus entwickelte sich die Anwendung bei Nervosität. 1978 lehnte die FDA, die Food and Drug Administration, also die amerikanische Zulassungsbehörde, die medizinische Verwendung von Passiflora incarnata ab, weil keine wissenschaftlichen Beweise der Wirksamkeiten geliefert werden konnten. Dafür verbreitete sich die Anwendung in Europa. Im Buch «Pflanzliche Urtinkturen» wird die Passionsblume als beruhigende Arzneipflanze beschrieben, die Menschen helfen kann, welche eine innere Unruhe verspüren, wenn sie an einem Scheideweg stehen und nicht wissen, welche Richtung sie einschlagen sollen.

In der Schweiz gibt es zwei Monopräparate mit der Passionsblume: Valverde Beruhigung sowie Passiflor®. Die Passionsblume ist auch Bestandteil einiger etablierter Kombinationspräparate (vgl. Liste).

7.1.4 Hopfen

Hopfen (Humulus lupulus) ist ein wichtiger Bestanteil von Bier. Viel weniger bekannt ist aber, dass der Hopfen auch eine Arzneipflanze ist, welche beruhigend wirkt. Pharmazeutisch werden die Hopfenzapfen verwendet, der lateinische Name dieser Arzneidroge2 lautet Humulus lupulus. Der Hopfen wurde schon im 18. Jahrhundert als schlaffördernde Arzneipflanze beschrieben und 2007 sogar zur Arzneipflanze des Jahres ernannt.

Möglicherweise besitzt der Hopfen eine medizinisch sehr interessante Eigenschaft. Studien weisen darauf hin, dass er eventuell eine mit Melatonin vergleichbare Wirkung besitzt (7). Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das den menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Das Kombinationspräparat Redormin©, bestehend aus Baldrian und Hopfen, ist in dieser Beziehung ein sehr interessantes Präparat mit zwei synergistischen Wirkungen: Der Baldrian fördert die Schlafbereitschaft des Patienten, und der Hopfen pendelt den Tag-Nacht-Rhythmus wieder ein, der zum Beispiel wegen einer Zeitverschiebung durcheinandergeraten ist – also ein mögliches Medikament gegen Jetlag. Ich empfehle Ärzten und Apothekern, welche Redormin® verschreiben bzw. empfehlen, später ihre Patienten zu befragen, ob sie mit der Einnahme des Präparats Erfahrungen gemacht haben, welche eine solche Wirksamkeit bestätigen.

7.1.5 Hafer

Auch der Hafer (Avena sativa) ist nicht in erster Linie als Arzneipflanze, sondern als Nahrungsmittel bekannt und wird auch in unseren Breitengraden schon seit Tausenden von Jahren angebaut. Daneben hat er aber auch eine naturheilkundliche, wenn auch geringe Bedeutung als Sedativum.

7.2 Angst, Stress, Depressionen
7.2.1 Lavendel

Eine sehr interessante Pflanze ist der Lavendel (Lavandula officinalis oder Lavandula angustifolia). Diese Pflanze mit ihrer typisch blauen Farbe und dem charakteristischen, angenehmen Geruch ist im Mittelmeerraum heimisch und wird in Südfrankreich in großen Kulturen angebaut. Lavendel wird als Zierpflanze, zur Herstellung von Düften und als Arzneipflanze verwendet. Zur Herstellung von beruhigenden Anwendungen wird die Blüte des Lavendels eingesetzt. Bekannt sind die Lavendelkissen, bei denen getrocknete Lavendelblüten in Stoffsäckchen eingenäht werden. Man kann Lavendel auch als Beruhigungstee einnehmen.

Seit einigen Jahren gibt es ein Fertigpräparat (Lasea® bzw. Laitea®) auf der Basis von Lavendelöl gegen Angst- und Unruhezustände. Die Wirkung wurde mit klinischen Studien nachgewiesen (8). Diese beiden – identischen – Präparate enthalten als Wirkstoff nicht den gesamten Extrakt von Lavendel, sondern das ätherische Öl, das sowohl für die Duftwirkung wie auch für die medizinische Wirksamkeit verantwortlich ist.

Es wurde auch eine Studie publiziert, welche zeigt, dass Lavendel möglicherweise auch antidepressive Eigenschaften besitzt (6). Aber mit dem weiter unten beschriebenen Johanniskraut haben wir eine wirklich gut antidepressiv wirkende Arzneipflanze, welche alle anderen Berichte von antidepressiv wirksamen Arzneipflanzen in den Hintergrund rücken lässt. Ich rate allen Betroffenen, welche wegen Angstzuständen in ärztliche Behandlung gehen, sich nicht sofort ein Benzodiazepin verschreiben zu lassen, sondern den Arzt auf Lasea®/Laitea® aufmerksam zu machen.

In den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts kam eine Arzneipflanze auf den Markt, deren Extrakt in einem gegen Ängste und Spannungszustände sehr wirksamen Arzneimittel verarbeitet war. Sein Name war Laitan®. Kava (Piper methysticum), auch Rauschpfeffer genannt – die entsprechende Arzneipflanze –, wird von indigenen Ethnien in Ozeanien zu kultischen Zwecken verwendet. Eine deutsche Firma entwickelte daraus das genannte Präparat gegen Angst- und Spannungszustände. Als aber Meldungen zu leberschädigenden Nebenwirkungen von Kava auftraten, wurden alle Anwendungen verboten. Hier standen jedoch etwa zwölf Fälle gegen viele Millionen Anwendungen.

Auch bei den Benzodiazepinen, welche von den Zulassungsbehörden als Alternative zu Kava-Präparaten empfohlen wurden, gibt es schwere Nebenwirkungen mit einer vergleichbaren Häufigkeit (Inzidenz) wie bei Kava. Doch diese wurden nicht verboten. Immerhin hat man das Verbot zur medizinischen Verwendung von Kava inzwischen aufgehoben, doch der Ruf der vorzüglichen Arzneipflanze Piper methysticum wurde unwiderruflich beschädigt.

7.2.2 Rosenwurz

Die Rosenwurz (Rhodiola rosea) ist eine in nördlichen Gegenden Europas vorkommende Heilpflanze, welche in den letzten 15 Jahren wissenschaftlich intensiv erforscht wurde. In der Volksmedizin ist diese Arzneipflanze allerdings schon lange bekannt. Sie wird zur Verminderung von geistigen und körperlichen Symptomen bei stress- und überarbeitungsbedingter Erschöpfung eingesetzt. In der Schweiz gibt es ein seit 2010 zugelassenes Arzneimittel (Vitango®), dessen Wirkstoff ein Extrakt aus der Rosenwurz ist. Bei Stress sollte man sich also nicht sofort ein Benzodiazepin verschreiben lassen, sondern vorher dieses Präparat ausprobieren, denn seine Wirksamkeit basiert neben der volksmedizinischen Überlieferung auch auf Studien (18,19). Ich habe das Präparat in meiner Apotheke oft empfohlen und auch viele positive Rückmeldungen erhalten.

7.2.3 Ginseng

Der Ginseng (Panax ginseng) ist eine aus Korea stammende Arzneipflanze, die in Asien seit Tausenden von Jahren verwendet wird. Dieser Ginseng wird als asiatischer oder koreanischer Ginseng bezeichnet. Er sollte nicht mit dem weiter unten beschriebenen sibirischen Ginseng (Eleutherococcus senticosus) verwechselt werden, der nicht zur botanischen Gattung Ginseng gehört, obwohl er ähnliche Eigenschaften wie Panax ginseng besitzt. Für medizinische Zwecke verwendet wird die Ginseng-Wurzel. Entsprechende Präparate fördern die körperliche Leistungsfähigkeit. Sie helfen dem Körper, besser auf psychische und körperliche Stresssituationen zu reagieren. Es gibt klinische Studien, welche diese volksmedizinischen Erfahrungen wissenschaftlich bestätigen (20). Im Handel findet man Präparate mit sogenanntem Weißem bzw. Rotem Ginseng. Diese unterscheiden sich in der Zubereitung der Ginseng-Wurzel.

Pharmazeutische Firmen, die Arzneipflanzen-Präparate anbieten, können sich nicht mit Patenten absichern, wie dies bei synthetischen Arzneimitteln der Fall ist. Darum versuchen sie auf solche Weise, die Vorzüge ihrer Zubereitung hervorzuheben und grenzen diese von anderen Produkten, also solchen der Konkurrenz, ab. Ich glaube nicht, dass es zwischen dem Roten und dem Weißen Ginseng einen Wirksamkeitsunterschied gibt. Im Falle einer Stresssituation soll man eines der angebotenen Ginseng-Präparate auswählen und lange genug einnehmen.

In der Schweiz gibt es verschiedene Ginseng-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel oder als zugelassene Arzneimittel. Ich möchte nur die auf dem Ginseng-Extrakt G115 beruhenden Ginseng-Präparate erwähnen, unter anderem Ginsana® der Firma Zeller. Der Extrakt G115 wurde in der Schweiz auf der Grundlage von jahrelanger Ginseng-Forschung entwickelt. Wenn jemand in einer Stresssituation ein Ginseng-Präparat einsetzen möchte, dann empfehle ich daher ein Präparat auf der Basis des Extraktes G115.

7.2.4 Johanniskraut

Während Lavendel eine mögliche Wirksamkeit gegen Depressionen besitzt, haben wir mit Johanniskraut (Hypericum perforatum) eine Arzneipflanze zur Verfügung, deren Wirksamkeit gegen leichte bis mittlere Depressionen mit zahlreichen klinischen Studien mehrfach nachgewiesen wurde (3,9). Es wurden sogar klinische Studien publiziert, die zeigen, dass gewisse Johanniskraut-Präparate in Bezug auf die antidepressive Wirksamkeit etablierten synthetischen Antidepressiva ebenbürtig sind. Dazu konnte gezeigt werden, dass die Verträglichkeit von Johanniskraut-Präparaten deutlich besser ist als diejenige der synthetischen Konkurrenzprodukte. Dies hat allenfalls bei den entsprechenden Firmen Nervosität ausgelöst, denn Antidepressiva stellen einen großen Markt dar. Vor der großen Preissenkungsrunde, die vor mehreren Jahren eingeleitet wurde, hatte eines der weltweit führenden Antidepressiva pro Jahr immerhin 2 Mrd. Dollar Umsatz gemacht.

Jedenfalls wurde die Wirksamkeit von Johanniskraut in amerikanischen Studien immer wieder in Zweifel gezogen. Diese Studien wurden aber von Wissenschaftlern durchgeführt, welche mit den Eigenheiten der Phytotherapie nicht vertraut sind und methodische Fehler machten. Daher sind diese Studien nicht aussagekräftig – abgesehen davon, dass eine dieser Studien ausgerechnet von der Firma finanziell unterstützt wurde, die das bereits erwähnte synthetische Antidepressivum herstellt. Es gibt aber immer mehr Ärzte, wenn auch leider immer noch zu wenige, welche gegen Depressionen Johanniskraut-Präparate verschreiben.

Die folgende Tabelle listet die als Arzneimittel zugelassenen Präparate auf.

Schweizer Johanniskraut-Präparate


Markenname Indikation «leichte bis mittlere Depressionen» erlaubt rezeptpflichtig
Arkocaps Johanniskraut nein
Ceres Hypericum omp. nein
Deprivita ja x
Hyperimed nein
Hyperiplant Rx ja x
Hypericum Sandoz nein
Jarsin 300 nein
Jarsin 450 nein
Rebalance 250 nein
Rebalance 500 nein
Rebalance Rx ja x
Remotiv 250 nein
Remotiv 500 nein
Sidroga Johanniskraut nein
Solevita Neo ja x
Vogel Hyperiforce nein

Bei vier der hier aufgeführten Präparate darf als Indikation «leichte bis mittlere Depressionen» angegeben werden. Darum sind sie rezeptpflichtig, weil nur ein Arzt bzw. eine Ärztin in der Lage ist, diese Indikation zu stellen. Die anderen Präparate sind rezeptfrei erhältlich und haben als Indikation «Gemütsverstimmungen, Nervosität und leichte Schlafstörungen». Ein Laie kann nicht beurteilen, ob bei ihm die Indikation Depression gegeben ist oder nicht. Und ebenso wenig kann er erkennen, ob im Falle einer vorliegenden Depression von einer leichten, einer mittelschweren oder einer schweren auszugehen ist. Gegen schwere Depressionen sind Johanniskraut-Präparate nicht wirksam.

Aber man kann bei einer ärztlichen Behandlung gegen psychische Probleme Johanniskraut-Präparate zur Diskussion stellen und verlangen, dass im Falle einer entsprechenden Depression nicht gleich ein synthetisches Präparat verschrieben wird, sondern ein Johanniskraut-Präparat, denn viele synthetische Antidepressiva haben unangenehme Nebenwirkungen. Ich möchte die synthetischen Antidepressiva aber nicht einseitig darstellen, denn für schwer depressive Patienten können sie sogar ein Segen sein, weil solche Patienten ohne diese Behandlungsmöglichkeit nicht außerhalb einer psychiatrischen Klinik leben könnten und selbstmordgefährdet wären.

Personen mit Verstimmungszuständen, die Richtung Depression gehen, können auch selbständig eines der oben beschriebenen rezeptfreien Johanniskraut-Präparate einsetzen. Wenn eine solche Person zum Beispiel an Winterblues leidet oder an täglichen Stimmungsschwankungen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie mit einem solchen Präparat eine Linderung ihrer psychischen Probleme erfährt.

Vor einigen Jahren hat sich zwischen den Anbietern verschiedener Johanniskraut-Präparate ein verhängnisvoller Streit zugetragen. Es ging um die Frage der richtigen Zusammensetzung eines Johanniskraut-Extraktes und welcher Extrakt wirksam und mit wenig Nebenwirkungen behaftet ist. Bei Fachtagungen wurden zum Teil abenteuerliche Thesen zugunsten der einen oder der anderen Seite vorgetragen. Ich habe diesen Streit mit großer Skepsis verfolgt, weil mir sofort klar wurde, dass die lachenden Dritten die Firmen waren, welche synthetische Antidepressiva anboten. Die Anbieter kamen mir wie Hühner vor, die um einen Wurm streiten und nicht merken, dass im Gebüsch der Fuchs lauert. Diese Auseinandersetzung dauert immer noch fort, wird aber nicht mehr so erbittert geführt wie in der ersten Zeit. Und ich beobachte weiterhin, dass alle guten Johanniskraut-Präparate wirksam sind und kaum Nebenwirkungen haben.

Es wird viel über Interaktionen von Johanniskraut-Präparaten mit anderen Präparaten geschrieben. das betrifft vor allem die Interaktion mit der Antibaby-Pille. In den Packungsprospekten dieser Präparate wird empfohlen, dass Frauen im Falle einer gleichzeitigen Einnahme einer Antibaby-Pille und eines Johanniskraut-Präparates zusätzlich verhüten sollten. Dieser Eintrag in die Packungsprospekte wird von den Zulassungsbehörden verlangt. Darüber könnte man fast ein eigenes Buch schreiben; eine Beurteilung dessen, was alles dazu geschrieben wurde, würde aber den Rahmen dieses Buches sprengen. Darum empfehle ich allen Frauen das Prinzip «Sicher ist sicher» anzuwenden und diese behördliche Anordnung zu befolgen. Trotzdem möchte ich zum Thema Antibaby-Pille plus Johanniskraut-Präparat anmerken: Ich habe die zur Verfügung stehende Literatur studiert und bin zu der Überzeugung gelangt, dass die gleichzeitige Anwendung beider Präparate zu keiner unerwünschten Schwangerschaft führt. Aber wie gesagt: Sicherheit geht trotzdem vor.

Weiter kann man in entsprechenden Fachartikeln lesen, Johanniskraut sei eine sehr unsichere Arzneipflanze und könne wegen vieler Interaktionen mit anderen Arzneimitteln nicht empfohlen werden. Hinter dieser Behauptung steckt die Tatsache, dass Johanniskraut-Präparate mit einigen Arzneimitteln nicht kompatibel sind, d. h. nicht gleichzeitig mit ihnen angewendet werden sollten. Das gilt z. B. für Arzneimittel, welche nach Transplantationen, bei Immunschwäche usw. eingesetzt werden. In diesen Fällen handelt es sich jedoch immer um Patienten, welche streng medizinisch überwacht werden und wissen, dass sie keine anderen Medikamente ohne vorherige Absprache mit dem Arzt einnehmen dürfen.

Also ist diese generelle Behauptung für «normale» Menschen ohne Bedeutung. Im Falle einer ärztlichen Behandlung oder bei einer Beratung in der Apotheke sollten Sie aber dennoch alle Medikamente nennen, die Sie in Selbstmedikation einnehmen, und auf keinen Fall sagen: «Nein, nein, ich nehme kein Medikament ein, ‹nur› ein pflanzliches Präparat.»

Kommentar

Es wurden hier nun einige Arzneipflanzen beschrieben, welche eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit gegen Stress, Überarbeitung, Ängstlichkeit und depressive Verstimmung besitzen. Es stellt sich nun aber die Frage, wann man welches Arzneimittel anwenden soll. Denn wie kann der Laie die verschiedenen, häufig ineinander übergehenden Beschwerden unterscheiden?

Dies ist oft auch für Fachleute eine schwierige Herausforderung und erfordert ein intensives Gespräch mit den Ratsuchenden. Am besten unterscheidbar sind wahrscheinlich depressive Zustände, welche einige typische Zeichen aufweisen, wie zum Beispiel den zirkadianen Rhythmus. Darunter versteht man täglich auftretende Verbesserungen und Verschlechterungen der Symptome. Depressionen lassen die Betroffenen oft alles schwarz und ohne Perspektive für die Zukunft sehen – in einem solchen Fall sollte man sich einem Fachmann, Arzt oder Psychiater anvertrauen, erst recht dann, wenn ein schon eingesetztes Johanniskraut-Präparat nicht den erhofften Erfolg gebracht hat.

Aber was setzt man ein, wenn man «nur» erschöpft ist und eine Phase der Ängstlichkeit erlebt? Ich rate in einem solchen Fall an, sich zum Beispiel in einer Apotheke beraten zu lassen und dann eines der zur Verfügung stehenden Präparate konsequent und lange genug einzunehmen.

Eine sicher falsche Vorgehensweise ist, sich wahllos von selbst ernannten Fachleuten beraten zu lassen und immer nach ein paar Tagen ein weiteres Präparat einzusetzen.

Wenn die Beschwerden eher durch körperliche Überanstrengung entstehen, dann kann man ein Ginseng-Präparat verwenden. Wenn auch geistige Anstrengung die Ursache ist, dann ist vielleicht ein Rosenwurz-Präparat angebracht. Und wenn jemand einen ängstlichen Charakter hat, dann ist wahrscheinlich ein Lavendel-Präparat das Mittel der Wahl.

Man sollte aber erst ein Präparat absetzen und etwas Neues ausprobieren, nachdem man das ausgewählte Arzneimittel in der vorgeschriebenen Dosierung und während einer genügend langen Zeitspanne eingenommen hat.

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