Kitabı oxu: «Rechtsextremismus»

Şrift:

CHRISTOPH SCHULZE

RECHTSEXTREMISMUS

GESTALT UND GESCHICHTE



INHALT


Ein Sommer in Deutschland

Begriffe und Dimensionen

Was ist Rechtsextremismus?

Ideologie-Kern und gesellschaftliche Grundvorstellungen

Geschichte und Gestalt

Geschichtliche Konjunkturen

Zur Geschichte rechtsextremer Parteien

Aktuelles Gravitationszentrum AfD

Traditionelle Kulturgemeinschaften und Jugendverbände

Publizistik

Neonazigruppen

Neonazistisch geprägte Jugend- und Subkulturen

Terrorismus und Gewalt

Rechtsextremismus in Interessengruppen und staatlichen Institutionen

Neue Fluidität: Internetmilieus, Verschwörungsgläubige und »Reichsbürger«

Kampagnen und Themen

Fallbeispiel Neue Rechte: Hintergründe, Strategie, Aufstieg und Bedeutungsverlust der »Identitären«

Verbreitung und Ursachen

Wie verbreitet ist rechtsextremes Denken?

Erklärungen, Bedingungen und Ursachen

Gegenmaßnahmen

Weiterführende Literatur

EIN SOMMER IN DEUTSCHLAND


»Widerstand! Widerstand!«, hallt es durch die Straßen von Chemnitz. Es herrscht ein mildes Wetter an diesem 1. September 2018, aber die Stimmung auf der Demonstration in der sächsischen Großstadt ist aufgeheizt.

Seit 2015, also seit drei Jahren, befindet sich die extreme Rechte republikweit im Kampagnenmodus. Mit aggressiver Rhetorik, wütenden Demonstrationen und flankiert von Gewalttaten macht das Spektrum mobil. Es geht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, denen pauschal und abwertend ein Hang zur Kriminalität und invasorische Absichten unterstellt werden. An den Aufmärschen sind besonders am Anfang Menschen beteiligt, die vielleicht nur eine Unsicherheit angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen verspüren oder konkretere rassistische Ressentiments pflegen, die jedoch keine geschlossene rechtsextreme Ideologie vertreten. Später vereindeutigt sich das Bild: Die Proteste werden immer radikaler. Es gebe einen sinisteren Plan, ausgedacht von dunklen, volksfeindlichen Mächten, von der Merkel-Regierung: Mit dem »großen Austausch«, so die rechtsextreme Propaganda, soll mithilfe der Flüchtlinge die Abschaffung des deutschen Volkes erreicht werden. Diese Erzählung über eine deutschenfeindliche Verschwörung ist wirksam. Wer das apokalyptische Szenario für realistisch hält, sieht sich als befugt an, zu drastischen Gegenmaßnahmen zu greifen.

Der Ruf nach »Widerstand« steht im Rahmen der flüchtlingsfeindlichen Kampagne seit 2015 in einer politischen Tradition. Ab 1970 mobilisierte in der alten Bundesrepublik das rechtsextreme Milieu zur »Aktion Widerstand«, einem wichtigen Markstein auf dem Weg zum neueren rechten Terrorismus. Damals ging es noch nicht gegen Flüchtlinge, sondern gegen die Ostpolitik der Bundesregierung von Kanzler Willy Brandt, dem von rechts der Verrat an deutschen Interessen vorgeworfen wurde.

Bei einem gut besuchten Stadtfest in Chemnitz am 25. August 2018 kommt es wegen einer Nichtigkeit zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Personengruppen. Dabei wird Daniel H. mit einem Messer tödlich verletzt. Der schnell ermittelte und festgenommene Hauptverdächtige ist ein syrischer Flüchtling. Rechtsextreme Gruppen nutzen dieses Tötungsdelikt als willkommenen Anlass, um ihre Antiflüchtlings-Kampagne zu einem neuen Höhepunkt zu treiben. In den Sozialen Medien werden schon Stunden nach der Tat absurde Gerüchte und Lügen über das Geschehene verbreitet, wodurch die Stimmung in der Stadt angeheizt wird. Rechte Hooligans schreiten voran – hunderte marschieren am 26. August durch die Stadt: »Wir sind die Krieger, wir sind die Fans, Adolf-Hitler-Hooligans«. Menschen, die für Flüchtlinge gehalten werden, werden aus der Demonstration heraus verfolgt und angegriffen. Auch Polizeikräfte werden attackiert. Am nächsten Tag kommt es zu einem neuen Aufmarsch, etliche weitere sollten folgen. Abends wird das einzige jüdische Restaurant der Stadt unter antisemitischen Parolen überfallen und der Inhaber verletzt. Der Ehrenvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, erklärt die Ausschreitungen bei den Protesten ausdrücklich für normal: »Wenn eine solche Tötungstat passiert, ist es normal, dass Menschen ausrasten.«

Die Appelle der Familie des Erstochenen Daniel H., den Tod ihres Angehörigen nicht für rassistische Mobilmachung zu missbrauchen, interessieren die Rechtsextremen nicht. Daniel H., ein Deutschkubaner, war zu Lebzeiten selbst Rassismus ausgesetzt. Ein Justizbeamter verstößt derweil gegen seine professionellen Pflichten und stellt den Haftbefehl gegen den Hauptverdächtigen online. Weitere rechtsextreme Gruppen beginnen, nach Chemnitz zu mobilisieren und beteiligen sich an den Demonstrationen.

Am 1. September ziehen dann tausende Rechtsextreme durch Chemnitz, intensiv begleitet von den Kameras und Mikrofonen der ihnen nahestehenden »alternativen« Presseorgane. Zu diesem Aufmarsch haben Landesverbände der AfD, »Pegida« aus Dresden und »Pro Chemnitz« aufgerufen. Vorne stehen AfD-Funktionäre wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz, weiter hinten versammeln sich die militanten Neonazis. Mit dabei ist der spätere Mörder des Kasseler CDU-Politikers Walter Lübcke. Nach dieser Demonstration, so der Attentäter später, »stand fest, dass wir das machen«. Auch die Gruppe »Revolution Chemnitz«, deren Mitglieder später wegen der Planung terroristischer Anschläge verurteilt werden, ist mit dabei. Erneut werden Menschen gejagt. Ein von Vermummten verprügelter Afghane muss im Krankenhaus behandelt werden. Aufgrund einer Blockade durch einen Gegenprotest kommt die Demonstration zwischendurch zum Stehen. Die Neonazis werden noch aggressiver – der Aufzug endet in Chaos und Randalen.

Die Gegenbewegung zu den rassistischen Aufmärschen wächst schließlich an und beginnt sich Tage später durchzusetzen. Am Konzert »Wir sind mehr« mit Bands wie den Toten Hosen und der Chemnitzer Band Kraftklub nehmen am 3. September Zehntausende teil, um gegen die rechtsextreme Eskalation Stellung zu beziehen. Derweil sorgen Äußerungen des amtierenden Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen für Irritationen, als er sich trotz der vielfachen und wohldokumentierten Gewalt festlegt, dass es in Chemnitz keine »Hetzjagden« gegeben habe. Schließlich wird der CDU-Mann in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Auch wenn seit den Ereignissen von Chemnitz mittlerweile einige Zeit vergangen ist: Was sich in diesen Tagen im Sommer 2018 abspielte, wirft Licht auf wichtige Facetten des gegenwärtigen Rechtsextremismus in Deutschland. Rechtsextremismus ist eine gewachsene, vielgestaltige und ausdifferenzierte politische Erscheinung. In immer wieder aufflammenden, mal machtvolleren und mal fehlschlagenden Kampagnen greift die extreme Rechte gesellschaftliche Entwicklungen und Diskussionen auf, und versucht so, die politischen Verhältnisse und die Regeln des sozialen Zusammenlebens zu beeinflussen und letztendlich zu kippen. Dem Rechtsextremismus stehen eigene oder mit ihm zumindest verbundene Medien und Mobilisierungskanäle zur Verfügung. Die Möglichkeiten des Internets allgemein und speziell die Stimmungsmache in Sozialen Medien werden massentauglich eingesetzt. Rechtsextremismus erscheint in Gestalt von politischen Parteien, in Straßenbewegungen, im Netz. Bei Anlässen wie in Chemnitz agieren Rechtsextreme gemeinsam, auch wenn sie sonst häufig genug über Fragen der Haltung, der Strategie und des Programms zerstritten sind. Ein radikaler, exkludierender Nationalismus und Rassismus sind die weltanschaulichen Säulen, und immer wieder tritt ein aggressiver Antisemitismus zutage. Rechtsextreme beschwören Krisenszenarien, rufen zur Tat, verherrlichen die Durchsetzungskraft – darum kommt es aus ihren Reihen heraus zur Anwendung von Gewalt, ja sogar zum Terrorismus. In seiner jahrzehntelangen Geschichte hat der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik eigene Traditionen entwickelt, die sich regelmäßig bemerkbar machen: In Chemnitz verwiesen die »Widerstands«-Rufe auf die »Aktion Widerstand« von 1970, also auf eine fast 50 Jahre alte Episode der eigenen Bewegung. Solche Traditionen werden aufrechterhalten, auch wenn sich der Rechtsextremismus in einer sich wandelnden Gesellschaft immer wieder selbst hat wandeln müssen. Viele Phänomene, die mit dem deutschen Rechtsextremismus verbunden sind, lassen sich auch in anderen europäischen und westlichen Ländern übereinstimmend oder in Varianten auffinden. Doch mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus und dessen millionenhaftem Morden hat er im Land der Täterinnen und Täter besondere Bedingungen: Nach den konkreten Erfahrungen der deutschen Geschichte haben radikaler Nationalismus und Rassismus eigentlich doch jede legitimatorische Grundlage verloren.

Wie stark sich Rechtsextreme entfalten können, hängt von den politischen Gelegenheiten ab, die sich ihnen bieten, und auch davon, ob sie in der Lage sind, diese auszunutzen. Rechtsextreme agieren nicht in einem Vakuum, sondern sind in die Gesellschaft eingebettet. Ihnen schlägt vielfältiger Widerstand entgegen, der sich sozial, kulturell und politisch in Form von Gegenmaßnahmen und Gegendemonstrationen äußert und der ihre Handlungsoptionen begrenzt. Zu anderen politischen Strömungen hält er Kontakt und kann sich in seiner Agitation auf ein Reservoir an Vorurteilen und Diskriminierungsmustern in Teilen der Bevölkerung stützen. Der Staat wird durch den Rechtsextremismus herausgefordert, hat auf ihn zu reagieren und ihm Grenzen zu setzen. Allerdings gibt es auch – konstant über die Jahrzehnte – in den Behörden Trägerinnen und Träger rechtsextremer Ideen, Verharmlosungen oder sogar Mittun.

Der deutsche Rechtsextremismus hat einen Doppelcharakter. Er stellt einerseits ein zersplittertes, minoritäres Lager dar, das oft stark auf sich selbst bezogen ist und sich seit 1945 in der Opposition befindet. Andererseits ist das entsprechende Denken in vielen Teilen der Bevölkerung zu finden, zumindest in Fragmenten. Das rechtsextreme Lager vermochte es, sich am Leben zu halten und immer wieder Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. In der AfD hat es in den vergangenen Jahren wie bisher nie zuvor eine Partei gefunden, mit der Wahlerfolge erstritten werden und durch die es Einfluss und Finanzkraft generieren kann.

Weiter gehen vom Rechtsextremismus Gefahren für das gesellschaftliche Zusammenleben und die Demokratie aus – und, weniger abstrakt, sind durch ihn Freiheit, Leib und Leben von Menschen gefährdet.

Ein solides Wissen ist ein Rüstzeug, um den Gefahren des Rechtsextremismus begegnen zu können. Zu diesem Zweck bietet dieses Buch einen Überblick zur Gestalt und Geschichte dieses politischen Lagers. Es ist in drei Hauptkapitel gegliedert. Zunächst wird das Begriffsinstrumentarium diskutiert (»Begriffe und Dimensionen«). Die gängigen Definitionsansätze des Rechtsextremismus (bzw.: Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und ähnliches) werden besprochen und zudem werden die damit verbundenen Inhalte und Hauptideen skizziert.

Zweitens werden im Kapitel »Geschichte und Erscheinungen« das Gewirr der rechtsextremen Organisationen entknotet und die wichtigen Formationen genannt und eingeordnet – ob sie nun regelmäßiger Gegenstand von Presseberichterstattung sind oder weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit existieren. Die Perspektive, die dieses Kapitel einnimmt, betont also die Akteursebene und stellt somit die extreme Rechte und ihre Kampagnen selbst zentral. Die Parteien werden gemeinsam behandelt, ebenso Milieuorganisationen oder die subkulturellen Phänomene. Um ein vollständiges Bild anbieten zu können und um die Wirkmöglichkeiten der extremen Rechten verstehen zu können, müssen auch Übergangsbereiche beachtet werden. Darum wird der Blick – zumindest kursorisch – auch auf die rechtsextremen Anteile in Milieus und Organisationen gerichtet, die für sich genommen nicht oder nicht vollständig rechtsextrem sind. Genauso werden rechtsextreme Tendenzen, wie sie in staatlichen Institutionen vorkommen, eingeordnet. Derweil ist vieles, was in der Berichterstattung zum Rechtsextremismus als Neuigkeit erscheint, keinesfalls beispiellos. Darum werden die gegenwärtigen Phänomene historisch informiert anhand ihrer Entstehung und ihrer Entwicklung in der Zeitgeschichte Deutschlands ab 1945 dargestellt und hergeleitet. Als ein Fallbeispiel für das konkrete Agieren von Rechtsextremen wird die sogenannte »Neue Rechte« und deren jüngste Inkarnation in der »Identitären Bewegung« vorgestellt.

Im dritten Hauptkapitel »Verbreitung und Ursachen« wird der Blick von der Akteursebene gelöst und auf die Rahmenbedingungen gerichtet. Einerseits werden die Erkenntnisse zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung – also die potenzielle Nachfrage zu den Angeboten, die die extreme Rechte macht – diskutiert. Andererseits werden mehrere Ansätze dargestellt, die die Ursachen für den Rechtsextremismus identifizieren.

Als Quellen dienen Dokumente aus der extremen Rechten selbst, aber vor allem schöpfen sich die hier versammelten Informationen aus wissenschaftlicher und journalistischer Literatur über und gegen die extreme Rechte. Auch wenn dieses Buch nicht den Anspruch hat, einen vollständigen Verweisapparat anzubieten, werden einige der Forscherinnen und Forscher, die die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus prägten, genannt und wichtige Publikationen im Anhang aufgeführt.

Dieses Buch spiegelt notwendigerweise den Stand des Wissens zum Thema und kann darum nicht geeignet sein, bestehende Schwächen zu überwinden und Lücken zu schließen. Es handelt sich um ein Überblickswerk zum deutschen Rechtsextremismus, der in den hiesigen Traditionslinien des rechten deutschen Nationalismus steht. Darum ist es nicht leistbar, denjenigen Rechtextremismus in Deutschland, der sich primär auf den Nationalismus in anderen Ländern bezieht, erschöpfend einzubeziehen. Beispielsweise können die Präsenz der »Grauen Wölfe« in türkischstämmigen Communitys in Deutschland oder Gruppen, die mit der faschistischen Ustaša-Bewegung in Kroatien sympathisieren, hier nicht mitbehandelt werden. Ebenso wenig können andere Phänomene wie der islamistische Fundamentalismus – der mit dem Rechtsextremismus einige Gemeinsamkeiten teilt – diskutiert werden.

BEGRIFFE UND DIMENSIONEN


Worüber reden wir, wenn wir von Rechtsextremismus reden? Was ist damit gemeint und was nicht? Die Antwort auf diese Fragen ist diffiziler, als es zunächst erscheinen mag. Noch immer werden manche Presseberichte zum Thema mit Archivfotos von klobigen Skinhead-Springerstiefeln illustriert. Doch gerecht wird man dem Phänomen mit Stereotypen nicht. Anhand von Kleidung, Symbolen oder brachialen Parolen ist Rechtsextremismus selten identifizierbar. Nur kleinere Fraktionen der Rechtsextremen bekennen sich tatsächlich über die Mode nach außen zu ihrer Gesinnung. Ein Fokus auf Äußerlichkeiten vereinfacht zu stark und suggeriert irrtümlich, dass Rechtsextremismus ein Problem randständiger Schlägertypen sei: Rechtsextreme, das sind die anderen, die mit uns nichts zu tun haben.

In diesem Kapitel werden dem Begriff Rechtsextremismus und verwandten Bezeichnungen eine Kontur verliehen. Dafür werden die gängigen Herangehensweisen vorgestellt, eingeordnet und gegebenenfalls auf jeweilige analytische Vor- und Nachteile hingewiesen. Der Schwerpunkt liegt auf der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Problem, doch auch das davon abzugrenzende behördliche Verständnis wird berücksichtigt. Vertiefend wird auf ausgewählte Elemente des rechtsextremen Denkens eingegangen und an Beispielen die Spannbreite der teils widersprüchlichen Positionen skizziert, die im Rechtsextremismus zu gesellschaftlichen Fragen zu finden sind.

Was ist Rechtsextremismus?

Kaum jemand bezeichnet sich selbst als »rechtsradikal« oder »rechtsextrem«. Sicherlich gibt es prominente Ausnahmen, wie das bis 2013 erschienene Magazin Hier & Jetzt, das sich an das NPD-Milieu wendete und den Claim »radikal rechte Zeitschrift« prominent im Untertitel führte. Die allermeisten Rechtsextremen hingegen weisen solche Einordnungen von sich und bestehen darauf, vielleicht seltener gewordene aber doch respektable, demokratische Inhalte zu vertreten. Schon die Rede von »Radikalität« wird von ihnen als aufgezwungener Platzanweiser in der politischen Landschaft verstanden. Selbst ihr Rechtssein weisen viele zurück und reklamieren stattdessen, einen soliden Konservatismus zu vertreten. Andere wollen für »gesunden Menschenverstand« jenseits von »rechts« und »links« und anderem »Schubladendenken« stehen. Durch die Geschichte der Bundesrepublik waren Eigenbezeichnungen wie »Nationale«, »nationales Lager«, »nationale Opposition« oder simpel »Patrioten« gängig und werden auch weiterhin verwendet.

Mit der »extremen Rechten« ist im Kern ein bestimmtes politisches Milieu gemeint. Es wird durch ein – manchmal enges, manchmal loseres – Wir-Gefühl zusammengehalten, das sich aus ideologischen und weltanschaulichen Grundüberzeugungen, aus der Geschichte und aus sozialen, personellen und organisatorischen Verbindungen nährt. Freilich grenzt die extreme Rechte an andere politische Milieus an und in bestimmten Bereichen sind Überlappungen zu finden. Manche Rechtextreme bewegen sich auch in nicht-rechtsextremen Organisationen. Obendrein ist rechtsextremes Denken als Einstellungsmuster in der Bevölkerung verbreitet, hat also auch eine unorganisierte und nicht notwendig mit konkreten Handlungen verknüpfte Dimension.

Folgt man dem italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio, dann können links und rechts als Pole verstanden werden, die einander entgegenstehende soziökonomische Vorstellungen betreffen. Der linke Pol des politischen Spektrums ist egalitär orientiert und strebt dementsprechend das Abfedern sozioökonomischer Schieflagen zwischen Menschengruppen oder gar das Erreichen sozialer Gleichheit an. Am rechten Pol wird die grundsätzliche Gleichheit von Menschen bestritten. Die Extremposition: Ungleichheit zwischen Menschen und Menschengruppen ist kein Unrecht und kein Produkt menschlichen Handelns, sondern ein Naturzustand, den es zu bejahen, zu bewahren und zu verwalten gilt. Für die Abbildung politischer Überzeugungen ist ergänzend zu diesen sozioökonomischen Polen eine zweite, politisch-kulturelle Achse hinzuzudenken. In der Frage nach den Grundvorstellungen bezüglich staatlicher und sozialer Ordnung bildet diese die Antagonismen Autoritarismus und Libertarismus ab, unterscheidet also zwischen strikter, pluralismusfeindlicher Herrschaft und größtmöglichen Handlungsfreiheiten.

Mit der extremen Rechten ist das politische Milieu gemeint, welches für eine scharfe Ablehnung des Gleichheitsgedankens einsteht und in aller Regel scharf autoritaristisch orientiert ist. Dabei ist es in politischen Einzelfragen, in ihren Strategien und sozial nuanciert. Generell aber will die extreme Rechte mit der Durchsetzung eines harten und ethnozentrischen Nationalismus dem Ungleichheitsgedanken in ihrer Weltanschauung die ihrer Ansicht nach gebührende politische Geltung verschaffen. Oft werden dafür die Ideen der Aufklärung und des Universalismus radikal verworfen, mindestens wird ihren Prämissen misstraut. Hierin liegt ein markanter Unterschied zwischen dem Rechtsextremismus und einem modernen, konstitutionellen und aufgeklärten Konservatismus.

Die grundsätzlich unterschiedlichen Menschen könnten laut den rechtsextremen Ideen ihr Potenzial zum Wohle der nationalen Gemeinschaft am besten entfalten, wenn diese an den ihnen qua Natur (oder: qua göttlichem Willen) zustehenden Positionen in der Gesellschaft lebten und arbeiteten. Eine soziale Mobilität der Volksangehörigen ist nur in einem geringen Maße vorgesehen. Ein Arbeiter ist Arbeiter und sollte Arbeiter bleiben. Identität ist hergebracht, den Individuen eingeschrieben und nur ihre Aufrechterhaltung und Entfaltung verspricht, die Ordnung zu bewahren. Staat und Gesellschaft werden oft als ganzheitliche Körper beschrieben, deren Fortexistenz davon abhänge, dass ihre Gliedmaßen die jeweiligen Funktionen erfüllen können und »Wucherungen« nicht zugelassen werden. Wenn alle Volksangehörigen an ihrem Platz wirkten, werde Harmonie erreicht. Ambivalenzen und gesellschaftlichen Interessenkonflikten wird tendenziell die Legitimität abgesprochen. Um den nötigen Zusammenhalt zu gewährleisten, seien Staat und Gesellschaft auf eine hierarchische Gliederung angewiesen, in der sich die Ungleichheit der Menschen organisch abbilde. Legitimen Anspruch auf Gleichheit gebe es nur unter Gleichrangigen – die sozialen Bindungskräfte, etwa bei der Pflichterfüllung im Militärdienst, gelten als kameradschaftliche Tugend. Dieses Grundprinzip von Ungleichheit und Hierarchie erstreckt sich auf die meisten gesellschaftlichen Felder, von der Arbeitswelt über das Geschlechterverhältnis bis hin zu politischen Mitspracherechten. Verbunden mit dem völkischen Nationalismus steht im Rechtsextremismus darum das Ansinnen im Zentrum, »Ordnungen der Ungleichheit« (so Stefan Breuer über die deutsche radikale Rechte von 1871 bis 1945) zu schaffen und zu sichern. Häufig blickt die extreme Rechte mit Bewunderung auf ausgewählte ältere und archaische Gesellschaften, von denen sie zu wissen glaubt, dass in ihnen eine »natürliche Ordnung« gewahrt war. Aus Sicht des Rechtsextremismus ist die eigene Politik gewissermaßen eine Art angewandte Anthropologie. Was den Menschen (bzw.: die Völker oder die »Rassen«) ausmacht, ist entweder unabänderlich oder das zu bewahrende und zu respektierende Produkt von gigantischen Werdungsprozessen. Aufgabe von Politik ist in diesem Verständnis weniger die Gestaltung von Gesellschaft, sondern eher die Gerechtigkeit gegenüber dem ohnehin Gegebenen. Die NPD etwa behauptet von sich, ein »lebensrichtiges Menschenbild« zu vertreten, das »auf der Natur des Menschen« aufbaue und die Naturgesetze in das politische Handeln einbeziehe. Das Menschenbild des Rechtsextremismus neigt zu einem starken Bezug auf vermeintlich verhaltensbiologisch bedingte Konstanten. Instinkte und Konkurrenzempfinden trieben menschliches Handeln an und Kampf und Auseinandersetzung seien darum zu bejahen. Sozialdarwinistisch wird das Recht des Stärkeren affirmiert: »Leben ist Kampf«, und wer sich durchsetzt, hat Recht.

Den hauptsächlichen Bezugsrahmen bildet für die extreme Rechte das Begriffspaar von Nation und Volk, verstanden als staatliche Formgebung bzw. als ethnisch weitgehend homogene Einheit. Wer sich zum Volk zählen darf, wird mit einer Mischung aus essenzialistisch-kulturellen und biologisch-rassistischen Argumenten begründet. Veränderungen und Verschiebungen, welche die vermeintliche Einheit des Volkes betreffen, werden von Rechtsextremen abgelehnt oder nur mit großer Trägheit und Verzögerung akzeptiert – das Deutschsein der Nachfahrinnen und Nachfahren der polnischen Einwanderung ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhunderts wird auch von heutigen Rechtsextremen nicht mehr in Zweifel gezogen.

Rechtsextreme vertreten in Übereinstimmung mit ihren Ungleichheitsvorstellungen auf kultureller Ebene in aller Regel eine drastische Gegenwartskritik. Die von ihr als natürlich angesehene Ordnung sei aus den Fugen geraten und müsse darum restauriert werden – anders könne dem von ihr beständig diagnostizierten »Verfall« kein Einhalt geboten werden. Dass ausgerechnet die Nation das Fundament ist, auf der die vermeintlich natürliche Ordnung der Gesellschaft aufgebaut werden soll, ist eigentlich ein Paradoxon. Denn natürlich ist die Idee der Nation selbst keine übergeschichtliche Konstante, sondern ein vergleichsweise junges Produkt menschlichen Denkens und Handelns. Die heutigen Vorstellungen von Nationalstaatlichkeit sind erst im 18. Jahrhundert entstanden. Somit ist die extreme Rechte selbst ein modernes Phänomen – trotz ihrer Sehnsucht nach der Wiederherstellung alter Zustände. Im »Reichs«- und »Abendland«-Denken vieler Rechtsextremer gehen Nationalismus, idealistisch-mythische Vorstellungen und imperiale und auch kolonialistische Ideen ineinander über. Das Verhältnis von Rechtsextremen zur Moderne ist generell ambivalent. Bestimmte »Exzesse« bekämpft sie. Oft versteht sie ihr Tun selbst als »reaktionär«, als Verteidigung gegen die Zumutungen der heutigen Zeit. Nur in obskureren Varianten aber will sie alle Erscheinungen der Moderne wieder abschaffen. In gewisser Hinsicht ist die extreme Rechte sogar eine Meisterin in der Nutzung neuer Möglichkeiten – moderne Kommunikationstechnologie in der Propaganda werden von ihr nicht verschmäht, sondern vorbehaltlos eingesetzt.

In der öffentlichen und auch wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Themenfeld ist eine ausgesprochene Vielfalt von unterschiedlichen Bezeichnungen anzutreffen, die für Verwirrung sorgen kann. Heißt es nun Rechtsextremismus? Rechtsradikalismus? Wie steht es um andere Bezeichnungen wie Rechtspopulismus oder Neofaschismus? Meinen diese dasselbe Phänomen? Es lohnt, diese Fragen knapp zu diskutieren, da die Begriffe eine jeweils eigene Geschichte haben und ihre Verwendung Akzente setzen kann. Zunächst ist festzuhalten, dass diese Begriffe in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und somit auch in unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen angewendet werden. Zu nennen ist der Gebrauch zur Markierung der Illegitimität von Positionen in öffentlichen Debatten, der Gebrauch im staatlich-administrativen Bereich sowie, drittens, der Gebrauch in den Sozialwissenschaften.

Erstens ist die öffentliche Debatte zu beachten. Wenn von Rechtsextremismus oder Rechtsradikalismus die Rede ist, werden in der Regel Grenzen des Hinnehmbaren markiert. Hier geht es um die Assoziation zum geschichtlichen Erbe des historischen Nationalsozialismus, zu dem sich die Gesellschaft positionieren und mit dem sie sich kritisch auseinandersetzen sollte – je nachdem, wohin die Debatte pendelt, mittels Repression und Abgrenzung oder Dialog und Integration. Demzufolge handelt es sich um politische Begriffe, da mit ihnen die Legitimität eines politischen Akteurs bewertet wird. In ihren Diskursstrategien versuchen Rechtsextreme durch Provokationen und die ständige Wiederholung von Parolen, einerseits ihre Sichtweisen in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen und so zu normalisieren (also: die Grenzen des »Sagbaren« und »Machbaren« zu ihren Gunsten zu erweitern). Andererseits betreiben sie, wenn es in der öffentlichen Selbstdarstellung als opportun erscheint, eine »Mimikry« (so der Rechtsextreme Karlheinz Weißmann) bzw. eine »Selbstverharmlosung« (Götz Kubitschek) und stellen sich selbst und ihre Forderungen als moderater dar, als sie tatsächlich sind. Der Einsatz solcher Mittel dient dem Zweck, einer Etikettierung als rechtsextrem in öffentlichen Debatten zu entkommen. Zudem versuchen Rechtsextreme mit gleicher Intention, Begriffe aufzuweichen, um sie zu entwerten. Etwa durch Retorsionen, das heißt vergeltende Erwiderungen: Kritikerinnen und Kritikern wird vorgeworfen, wie eine »SAntifa« zu agieren, oder die kritische Thematisierung von Rassismus wird als eigentlicher oder »antideutscher« Rassismus zu brandmarken versucht.

Zweitens handelt es sich um behördliche Termini. Als sich in der jungen Bundesrepublik Rechtsextreme wieder organisierten und zur Tat schritten, wurde 1952 die »Sozialistische Reichspartei« (SRP) durch das Bundesverfassungsgericht verboten. Das Gericht definierte in der Urteilsfindung die »freiheitlich-demokratische Grundordnung«, gegen dessen Feinde sich der Staat durch Verbote zur Wehr setzen dürfe. In Abkehr von der ursprünglichen »antifaschistisch-demokratischen Politik« der Alliierten wurde in diesem Zuge ein »antitotalitärer Grundkonsens« zur Norm. Als »wehrhafte Demokratie« müsse sich die Bundesrepublik gegen den Radikalismus sowohl von links als auch von rechts verteidigen. 1956 wurde die »Kommunistische Partei Deutschlands« (KPD) verboten. Ausführlich begründete das Bundesverfassungsbericht in diesem Urteil, dass für ein Parteienverbot eine Ablehnung der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« (»verfassungsfeindlich«) nicht genüge, sondern auch, dass diese Ablehnung mit einer konkreten, »aktiv kämpferischen, aggressiven Haltung« einhergehen müsse (»verfassungswidrig«). Unterdessen gab es bisher nur die beiden genannten Verbote von Parteien in der Bundesrepublik. Zwei Verbotsverfahren gegen die NPD (2001–2003 und 2013–2017) wurden eingestellt. Das erste ausgerechnet aufgrund der hohen Durchsetzung der Partei mit V-Leuten des Verfassungsschutzes, das zweite mit der bemerkenswerten Begründung, dass diese Partei zwar verfassungswidrige Ziele verfolge, aber organisatorisch nicht in der Lage sei, diese umzusetzen. Auch Verbote gegen andere Gruppierungen wie etwa Vereine werden nicht häufig ausgesprochen, was aus der Perspektive politischer Grundrechte durchaus begrüßenswert sein kann. Dies heißt jedoch auch: Rechtsextremismus und auch Rassismus oder Nationalismus sind in der Bundesrepublik grundsätzlich keineswegs verboten. Entsprechende Bestrebungen sind gegebenenfalls lediglich unter Beobachtung gestellt. Die Geheimdienste, unter anderem die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder, sprachen zur Bezeichnung ihrer Beobachtungsobjekte bis in die 1970er-Jahre von »Radikalismus« und schwenkten dann auf den Extremismusbegriff um. Sie unterscheiden dabei vorrangig Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus und »extremistische Bestrebungen von Ausländern«, die allesamt in fundamentalem Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung stünden.

Der Begriff »Radikalismus« wird in den Publikationen des Verfassungsschutzes kaum mehr verwendet. Wenn doch, dann dient er als Bezeichnung für die Randbereiche des prinzipiell mit dem Grundgesetz vereinbaren politischen Spektrums, das also (noch) nicht extremistisch sei und darum nicht Beobachtungsgegenstand der Behörden sein darf. Zur praktischen Bestimmung der Aufgabenbereiche eines Geheimdienstes mag die Orientierung am Verhältnis der fraglichen politischen Erscheinungen zum Grundgesetz und diese Unterteilung in Teilbereiche Vorteile haben. Analytisch ergeben sich jedoch Leerstellen. Die Vorstellung etwa, dass es einen »Ausländerextremismus« gebe, wird der Realität nicht gerecht. Tatsächlich werden in dieser Rubrik Gruppierungen kategorisiert, die in ideologischer Hinsicht unterschiedlicher kaum sein könnten und von der kurdischen PKK bis zur rechtsextremen türkischen Ülkücü-Bewegung reichen. Bei großen Teilen der jeweiligen Anhängerschaft handelt es sich zudem mitnichten um »Ausländer«, sondern um deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit Migrationsgeschichte.

Drittens gibt es – in den letzten Jahren verstärkt – eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Themenfeld. Hier ist die Begriffsvielfalt besonders ausgeprägt. Auch durch seine Verbreitung in den Sicherheitsbehörden und seine öffentliche Nutzung ist »Rechtsextremismus« am häufigsten anzutreffen. Eine allgemein anerkannte Definition existiert aber nicht. Große Akzeptanz hat gleichwohl die Definition des Politikwissenschaftlers Hans-Gerd Jaschke aus dem Jahr 1994 gefunden, die weitgehend mit den eingangs angestellten Betrachtungen korrespondiert:

»Unter ›Rechtsextremismus‹ verstehen wir die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschheit ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklarationen ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen.«

Daran schließt eine weitere, 2001 von elf Sozialforscherinnen und Sozialforschern erarbeitete Definition an, die etwas weniger sperrig formuliert ist und den Fokus auf Einstellungsmuster legt:

»Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.«

Mithilfe solcher Definitionen lässt sich das Phänomen für die empirische Forschung hinreichend eingrenzen. Sie eint, dass sie im Rechtsextremismus eine Kombination verschiedener Teilelemente sehen – diesen also als Syndrom verstehen. Welche Teilelemente im Zentrum stehen, ist Gegenstand von anhaltenden Debatten über diesen – manchmal etwas flapsig als »shopping list approach« kritisierten – Ansatz. Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde zählte schon in der Mitte der 1990er-Jahre 26 Definitionen in der Forschungsliteratur, in denen insgesamt 58 verschiedene Teilelemente vorkamen.

Anders konstruiert ist das Modell, das von der generischen Extremismusforschung vorgeschlagen wird. Dieser kommt durch ihre Nähe zum und ihre Funktion für den staatlichen Sicherheitsapparat eine besondere Deutungsmacht zu. Die generische Extremismusforschung geht von der Existenz eines politischen Extremismus aus, der sich in verschiedene, miteinander konkurrierende Subspektren unterteilen lasse. Die Extremismen seien durch bestimmte übereinstimmende Merkmale gekennzeichnet, etwa dadurch, dass sie sich jenseits des normativen Rahmens der freiheitlich demokratischen Grundordnung befänden, einen Wahrheitsanspruch der eigenen Ideologie behaupten und Mehrdeutigkeiten nicht zuließen. Ein besonders in früheren Jahren häufig bemühtes Bild: Wie die Enden eines Hufeisens befänden sich die extremistischen Ränder der Gesellschaft nahe beieinander und in recht großer Distanz zur Mitte. Links- und Rechtsextremismus stünden zwar in Konkurrenz zueinander, seien sich aber in wichtigen Punkten strukturell ähnlich. Extremistisch seien, so der Politologe Steffen Kailitz, alle Bestrebungen, »die auf die Bewahrung oder Errichtung einer autoritären oder totalitären Diktatur zielen« und die sich in Gegnerschaft zu den Ideen des demokratischen Verfassungsstaats befinden, also »Kernmerkmale der Demokratie« wie freie Wahlen, Gewaltenteilung, den Rechtsstaat oder die Menschenrechte angreifen.

Kritisiert wird an der generischen Extremismusforschung, dass ihre Konzeption normsetzend und künstlich sei. Die Phänomene, die sie unter Extremismus subsummiert, seien in der Realität weit voneinander entfernt und verfolgten völlig entgegengesetzte Ziele. Ein radikaler linker Antikapitalismus und der Neonazismus beispielsweise haben kaum etwas gemein. Die einen beklagen, dass das Gleichheitsversprechen in liberalen kapitalistischen Systemen nicht eingelöst werde, während die anderen die Gleichheit als solche verneinen. Kaum zu bestreiten ist hingegen, dass gewisse Ideologeme sowohl bei radikalen Linken als auch bei Rechtsextremen zu finden sind – beispielsweise gibt es nicht nur rechten, sondern auch linken Antisemitismus. Aber mit dieser Feststellung ist – so die Kritik –, noch nichts über den Charakter, die Herkunft, Verbreitung und Wirkung des jeweiligen Antisemitismus gesagt und auch nicht darüber, wo Antisemitismus in der Gesellschaft jenseits von Linken und Rechten aufzufinden ist. Solche Probleme externalisiere die generische Extremismusforschung und erkläre sie zu Randerscheinungen, während die Mitte von ihnen freigesprochen werde. Als ein Hinweis auf die Stichhaltigkeit der generischen Extremismusforschung kann der Umstand gelten, dass es Beispiele für Menschen gibt, die von einem radikalen Lager ins andere wechselten. Tatsächlich sind Biografien wie die von Horst Mahler und seine Wandlung vom RAF-Mitglied zum neonazistischen Holocaustleugner erklärungsbedürftig. Andererseits sind solche Wechsel eher Ausnahmen. Viel mehr Rechtsextreme haben ihr politisches Engagement in demokratischen Organisationen begonnen. Frank Schwerdt, eine Schlüsselfigur im Neonaziumfeld der Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund«, war über ein Jahrzehnt lang CDU-Funktionär, bevor er sich rechtsextremen Gruppen anschloss.

Es gibt in den Sozialwissenschaften somit zwei Hauptinterpretationen von »Rechtsextremismus«: das insgesamt breiter anerkannte, welches Rechtsextremismus als Syndrom verschiedener antiegalitärer Ideologeme in den Blick nimmt, und jenes der generischen Extremismusforschung, das näher an der Behördenpraxis ist. Teilweise werden in der ersteren Forschungsrichtung sprachliche Hilfskonstruktionen wie »extrem rechts« verwendet, um eine Abgrenzung zur generischen Extremismusforschung zu unterstreichen.

Gegen die Verwendung von »Rechtsradikalismus« wird eingewandt, dass dieses Wort fälschlicherweise impliziere, dass das besagte politische Spektrum gesellschaftliche Probleme grundsätzlich und von der Wurzel her lösen wolle, während es tatsächlich Probleme zuspitze und verschärfe. Der lateinische Wortstamm »radix« bedeutet »Wurzel«. Der marxistische Philosoph Ernst Bloch befand darum, dass die Rede von Rechtsradikalismus ein »Unding« sei: »radikal ist links«. Das Radikale am Rechtsradikalismus, so lässt sich der Begriff gegen diesen Einwand verteidigen, ist jedoch nicht in seiner Problemlösungskompetenz zu finden, sondern in seiner fundamentalen Verneinung des Gleichheitsgedankens. In der deutschsprachigen Forschung und auch international werden »Rechtsradikalismus« und »Rechtsextremismus« teilweise ergänzend zueinander genutzt. Der in den USA forschende Politikwissenschaftler Cas Mudde etwa schlägt den Übergriff »far right« (in etwa: »Äußere Rechte«) vor, die in die nicht vollständig systemfeindliche »radical right« und die offen demokratiefeindliche »extreme right« zu unterteilen sei. Der Politikwissenschaftler Michael Minkenberg wiederum sieht den Rechtsextremismus als besonders aggressive und demokratiefeindliche Variante des für ihn als Überbegriff fungierenden Rechtsradikalismus. Eine Beschränkung auf den Superlativ »Rechtsextremismus« erschwere es, die unterschiedlichen ideologischen Härtegrade und eingesetzten Mittel des politischen Kampfes im fraglichen Spektrum erfassen zu können.

Mit dem Rechtspopulismus kursiert derweil ein weiterer Begriff in den öffentlichen Diskussionen zum Themenfeld. Auch hier gibt es keinen Konsens über seine Bedeutung. Populismus kennzeichne allgemein, so definiert die große Mehrheit der Forschung das Minimalkriterium, dass er eine Kluft zwischen der herrschenden Politik und dem Volk beschwöre und abzuschaffen verspricht: »Die da oben tun nicht (mehr), was die Menschen wollen und brauchen.« Dazu gehört die – der komplexen und von Interessenkonflikten durchzogenen Realität der Gegenwart widersprechende – Idee eines »eigentlichen«, eines essenziellen Volkswillens. Populismus reklamiert für gewöhnlich für sich, demokratisch zu sein, da er die als korrupt dargestellten Eliten entmachten und den vorgestellten Volkswillen umsetzen wolle. Umstritten ist, ob die Existenz einer charismatischen Führungsfigur nötig ist, um von Populismus zu sprechen. Bei einigen unter dem Populismusparadigma diskutierten Erscheinungen liegt dies vor (etwa bei der Politik Geert Wilders in den Niederlanden), bei anderen scheint dies zu fehlen – je nachdem, wie Charisma definiert wird.

Teilweise wird in öffentlichen Debatten »Rechtspopulismus« gleichbedeutend mit »Rechtsextremismus« oder »Rechtsradikalismus« genutzt. Andere nutzen ihn als Scharnierbegriff, also als Bezeichnung für das Feld zwischen demokratischen Kräften und dem antidemokratischen Rechtsextremismus, etwa wenn die AfD nicht als rechtsextrem, aber als mit dem Rechtsextremismus in Berührung stehend porträtiert wird. Rechtspopulismus ist in diesem Verständnis eine Art Rechtsextremismus light.

In der Forschung sind zwei Strömungen in der Analyse des Populismus auszumachen. Einerseits wird in der »Wir gegen die da oben«-Logik des Populismus eine eigene Ideologie gesehen, die für sich genommen jedoch »schwach« oder »dünn« sei (»thin ideology«) und sich darum unweigerlich mit anderen Ideologien verbinden müsse. Spielarten des Populismus seien links und rechts zu finden: »Die Politik steht im Dienst der Banken und vernachlässigt das Volk« (Linkspopulismus) oder »Die Politik überschwemmt uns mit Einwanderern, obwohl dies dem Volk schadet« (Rechtspopulismus). Andererseits wird von anderen Forschenden infrage gestellt, ob es sich beim Populismus um eine eigene Ideologie handele. Stattdessen wäre Populismus ein kommunikativer Stil bzw. eine Strategie, eine Methode in der politischen Reklame. Mit populistischer Rhetorik ließen sich fast alle Inhalte verpacken, egal, wo sie auf einer Rechts-Links-Skala einzuordnen sind. Auch wirtschaftsliberale Positionen könnten populistisch beworben werden: »Die Regierung gängelt uns, weil sie uns überhöhte Steuern abpresst.« Das Verständnis von Populismus als Stil ermöglicht eine Differenzierung zwischen Ideologie bzw. Inhalten sowie dem öffentlichen Auftreten von politischen Akteurinnen und Akteuren. Auch die neonazistische Weltanschauungspartei NPD setzt schlichte und populistische Parolen in ihrer Wahlwerbung ein. Populismus sei in der gesamten Historie rechtextremer Politik zu finden und darum sogar als »genuiner Kernbestandteil des Rechtsextremismus« zu verstehen, so die Einschätzung des Politikwissenschaftlers Richard Stöss. Nicht selten sind inzwischen auch Varianten anzutreffen, in denen verschiedene Begriffe kombiniert werden, wenn beispielsweise von einer »populist radical right« gesprochen wird.

Faschismus (oder für Nachkriegserscheinungen: Neofaschismus) ist derweil ein weiterer Begriff, der in den gegenwärtigen Diskussionen anzutreffen ist. Von der marxistisch-leninistischen Lesart, die im Faschismus ein Instrument der Bourgeoise und einen durch Krisen zugespitzten Kapitalismus sieht, hat sich der Terminus dabei größtenteils gelöst. Manchmal wird Faschismus auf die konkrete historische Bewegung unter Benito Mussolini in Italien reduziert. Häufiger werden darunter verschiedene internationale Bewegungen gefasst, die ihren Anfang in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatten. Der Nationalsozialismus kann als eine deutsche Spielart des Faschismus aufgefasst werden, der sich durch das Spezifikum eines besonders radikalen und eliminatorischen Antisemitismus auszeichnete. Der britische Historiker und Faschismusforscher Roger Griffin sieht es als gerechtfertigt an, einen generischen Faschismusbegriff zu nutzen. Faschismus sei eine populistische und antiliberale Ideologie, die nach einer Palingenese (Neugeburt) der Nation strebe und sich dabei revolutionärer Mittel bediene. Die Nation werde, so Griffin, mythisch überhöht und als organische Einheit betrachtet. Faschismus und Neofaschismus eignen sich begrifflich, um eine Subkategorie des aktuellen Rechtsextremismus zu bestimmen. Dies trifft beispielsweise auf Gruppierungen zu, die sich auf den historischen Nationalsozialismus beziehen, ist aber auch auf einige weitere rechtsextreme Spektren anwendbar. So kann es in Anbetracht seiner palingenetischen Äußerungen nicht nur im juristischem Sinne legal, sondern auch analytisch sinnvoll sein, den AfD-Politiker Björn Höcke einen »Faschisten« zu nennen. Am Faschismusbegriff Griffins wird zuweilen kritisiert, zu sehr den sakralen Charakter des Faschismus (»politische Religion«) zu betonen und Ideologieelemente wie Rassismus zu wenig zu berücksichtigen.

Ideologie-Kern und gesellschaftliche Grundvorstellungen

Rechtsextremismus basiert in weiten Teilen nicht auf einem geschlossenen, in sich logischen und systematischen Denksystem. Auf eine theoretische Unterfütterung, die versucht, bestehende Defizite und Lücken zu schließen und Widersprüche aufzulösen, wird im Vergleich zu anderen politischen Strömungen wenig Wert gelegt.

Trotz der Theoriearmut gibt es hervorstechende Kernelemente rechtsextremer Ideologie. Welche Formen von Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus im Rechtsextremismus zusammenwirken, wird im Folgenden skizziert. Nur für sich genommen handelt es sich bei solchen Erscheinungen um keine Alleinstellungsmerkmale des Rechtsextremismus. Nationalismus und Rassismus gibt es in zahlreichen Varianten. Ein Rechtsextremismus ohne Nationalismus hingegen oder einer, der auf Rassismus zugunsten eines universalistischen Menschenbildes verzichtet, sind kaum denkbar. Auch in weiteren bedeutenden politischen und sozialen Feldern sind im Rechtsextremismus Positionen zu finden, die im Einzelnen je nach Subspektrum variieren, sich aber immer in einer bestimmten Richtung zuspitzen. Dies gilt etwa für die rechtsextremen Vorstellungen in Hinsicht auf Geschlechterrollen und Familien, die in rechtsextremen Gesellschaftsideen zentral gesetzt und rigide ausgelegt werden. Es ließen sich weitere Beispiele nennen: Betreffend der inneren Sicherheit beschwören die meisten Rechtsextremen die Gefahr einer ausufernden Kriminalität und befürworten deshalb autoritäre Ordnungsvorstellungen, eine strenge Strafverfolgung und erweiterte Befugnisse für die Polizei.

In anderen Bereichen hingegen sind die rechtsextremen Positionen je nach Subspektrum unterschiedlich ausgeprägt. Einer Demokratisierung der Gesellschaft im Sinne der Schaffung von umfassenden Partizipationsmöglichkeiten aller Menschen steht die extreme Rechte unisono ablehnend gegenüber. Zur Demokratie allgemein existieren jedoch Meinungsverschiedenheiten: Manche wollen explizit die Demokratie und das bestehende System revolutionär stürzen und eine Führerdiktatur errichten; andere streben eine Systemtransformation an und sehen die von ihr präferierte Herrschaft als »wahre Demokratie« an. Analog im Bereich der Wirtschaft: Prinzipiell werden Leistungs- und Konkurrenzprinzip bejaht, doch manche Rechtsextreme sehen sich selbst als vehement antikapitalistisch und andere wiederum als explizit »Mittelstands-« oder »wirtschaftsfreundlich« an. Sehr weit reicht die Vielfalt der rechtsextremen Positionen in der Religionsfrage: von Indifferenz und Opportunismus über die Betonung eines christlichen Charakters von Deutschtum und Abendland bis zur heidnischen Position, in der dem Christentum ein verwerfliches universalistisches Menschenbild vorgeworfen wird.

Nationalismus

Rechtsextremes Denken ist das Denken in starr gefassten Gemeinschaften, deren Priorität gegenüber Individuen und ihren Rechten betont wird. Als zentrale Makrokategorien von Gemeinschaften werden von Rechtsextremen »Rasse«, »Volk« und »Nation« betrachtet, die je nach Subströmung unterschiedlich gewichtet werden. Der Beschwörung dieser Großgemeinschaften kommt die Aufgabe zu, die kollektive Identität eines übergeordneten »Wir« herzustellen und zu erhalten. In der Form einer Nation erhalte das Volk einen Modus, in dem es geeint agieren und sich entfalten könne: alle Volksangehörigen trügen an den jeweils ihnen zustehenden Positionen zum gemeinsamen Wohlergehen bei. Dieser idealisierte Zustand wird von vielen Rechtsextremen als »Volksgemeinschaft« bezeichnet. Neben der integrativen Funktion nach innen soll die Nation auch nach außen wirken, also helfen, als »eigene Interessen« markierte Forderungen gegenüber anderen Nationen durchzusetzen.

Allgemein bezeichnet Nationalismus die politische Forderung nach Schaffung oder Erhaltung eines Nationalstaates und kann auch mit linken, liberalen oder religiösen Inhalten verknüpft werden. Nationalismus kann beispielsweise als Mittel zur Befreiung von Unterdrückung verstanden werden oder expansionistische und imperialistische Ziele haben. Nationen sind immer gewachsene Gebilde, also das Ergebnis historischer, menschengemachter Prozesse. Im Rechtsextremismus wird die Nation als ganzheitliche Über-Idee behandelt und als zentraler Bezugspunkt politischen Handelns überhöht. Zumeist wird die geschichtliche Nationswerdung stärker noch als in anderen politischen Richtungen mit Gründungsmythen ausgestattet.

Historisch dominierten im deutschen Nationalismus bis zur Reichsgründung 1871 liberale, national-freiheitliche Elemente. Bald begannen sich aber ein konservativ-autoritärer, illiberaler und aggressiver Reichsnationalismus und schließlich der radikal-rassistische, antisemitische und expansionistische völkische Nationalismus zu entwickeln. An diese beiden letztgenannten, anti-emanzipativen Traditionen knüpft der rechtsextreme Nationalismus an. Die Fortführung des Reichsgedankens – mit mythischen Bezügen auf die Geschichte, Blut und Boden – war für den frühen Nachkriegsrechtsextremismus ein ursprüngliches und leitendes Konzept. Eine besondere Faszination geht zudem für viele Rechtsextreme vom historischen Vorbild des Preußentums aus. Dem Reichsdenken weiter verbunden blieben auch später alt-nationalistische Formationen (wie Neonazis und Deutschnationale). Andere Rechtsextreme aktualisierten das nationalistische Vokabular und entwickelten neu-nationalistische Positionen, in denen die veränderte geopolitische Konstellation nach dem Zweiten Weltkrieg Widerhall fand.

Aufgabe von »nationaler« Politik ist es aus Sicht von Rechtsextremen, die Nation zur Blüte zu bringen und das, was ihnen als »nationale Interessen« gilt, zum Maßstab der Politik zu machen. Geschichte und Politik erscheinen Rechtsextremen als Ringen zwischen Völkern, »Rassen« und eben von Nationen. Auf der Ebene der Nationalstaaten können je nach aktuellen Erfordernissen auch Bündnisse mit anderen Nationen eingegangen werden, generell wird jedoch von einer Überlegenheit der eigenen gegenüber anderen Nationen ausgegangen (Chauvinismus). Im deutschen Rechtsextremismus wird Deutschland wenig überraschend der Anspruch auf eine führende Rolle in Europa und der Welt zugedacht.

Die Nation befindet sich nach Ansicht von Rechtsextremen in einer permanenten Krise, da sie von äußeren wie von inneren Feinden bedroht sei. Von außen kommend bedrohen andere Nationen oder Zuwanderer die eigene Nation, von innen gilt es, Angriffe durch Linke und den Feminismus, durch »schmarotzende« Gesellschaftssegmente und andere Gefährdungen abzuwehren. Bevölkerungspolitische, »rassenhygienische« und eugenische Maßnahmen zur vermeintlichen Sicherung und Aufwertung der Qualität des Volkes sind nicht selten Bestandteil rechtsextremer Ideen. Ausgegrenzt und bekämpft werden von Rechtsextremen alle, die von vornherein nicht zum nationalen »Wir« gezählt werden, und zudem auch jene, die sich den in der nationalen Gemeinschaft zugewiesenen Aufgaben durch abweichendes Verhalten als unwürdig erweisen (»Volksverräter«).

Deutschland, so die anhaltende Analyse des deutschen Rechtsextremismus seit 1945, sei eine durch fremde Mächte am Boden gehaltene, unterdrückte und nicht-souveräne Nation. Als geschichtliche Bezugspunkte dienen, je nach Spektrum, mystische Vorstellungen von Germanentum oder des mittelalterlichen Reiches, des Kaiserreiches oder des Nationalsozialismus, deren grundsätzliche Gesellschaftskonfiguration auf nationaler Ebene wiederhergestellt werden solle. Bei wachsender zeitlicher Distanz wird auch auf die Gesellschaft der frühen Bundesrepublik positiver Bezug genommen. Der Prozess der Globalisierung und übernationale Institutionen wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen werden von Rechtsextremen negativ bewertet, da in ihnen eine Gefahr für den Bestand und die Handlungsfähigkeit der Nation bzw. ein »globalistischer« Ungeist gesehen wird.

Rassismus

Rassismus, so eine klassische Definition des französischen Soziologen Albert Memmi aus dem Jahr 1982, ist »die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen«. Memmi argumentierte, dass Rassismus in drei Schritten vorgehe: Unterschiede zwischen Menschengruppen hebe er hervor oder konstruiere sie erst, dann folge eine Wertung und schließlich werde diese Wertung vom »Ankläger« für eigene Interessen gebraucht. Als fremd markierten Gruppen würden also (unabhängig von Staatsangehörigkeit und Sozialisation) bestimmte Eigenschaften zugeschrieben und daraus Schlüsse gezogen. Angehörige von Fremdgruppen werden, so Memmi, tendenziell auf eben ihre Gruppenzugehörigkeit reduziert und somit entindividualisiert. Klassisch berief sich der Rassismus vor allem auf vermeintliche biologische Merkmale. Forschende wie Stuart Hall oder Étienne Balibar haben seit dem Ende der 1980er-Jahre darauf hingewiesen, dass sich daneben auch ein »Rassismus ohne Rassen« entwickelt hat, der die Konstruktion des »Anderen« (was in der Fachdiskussion »othering« genannt wird, was sich grob als »Andersmachung« übersetzen lässt) vor allem über den Hinweis auf kulturelle Unterschiede vornehme. Dieser »Neo-Rassismus« komme teilweise ohne die Behauptung einer Überlegenheit bestimmter Gruppen gegenüber anderen aus. Er beschränke sich, so formuliert es Balibar, gegebenenfalls darauf, »die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweise und Traditionen zu behaupten«. Rassismus stellt eine soziale Hierarchie her und nimmt so auf die Verteilung von sozialer Macht und Ressourcen Einfluss. Er ist nicht nur ein Vorurteil oder ein Einstellungsmuster im Denken von Individuen, sondern eine geschichtlich gewachsene Struktur, die etwa in die Kolonialzeit zurückreicht und die ganze Gesellschaft beispielsweise in Form von Wissensbeständen, Stereotypen und im Handeln von Menschen und Institutionen durchzieht.

Der rechtsextreme Rassismus ist auf vielfältige Art verwoben mit dem Rassismus, der allgemein in der Gesellschaft vorzufinden ist, er soll hier jedoch analytisch von diesem unterschieden werden. Rassismus als gesellschaftliches Machtverhältnis betrifft alle Angehörigen der deutschen Gesellschaft zu ihrem Vor- oder Nachteil und wirkt sich beispielsweise in Form von strukturellen und alltäglichen Diskriminierungen aus (etwa im Berufsleben oder auf dem Wohnungsmarkt). Im Rechtsextremismus ist Rassismus hingegen radikalisiert, ideologisiert und wird in politische Forderungen und Handlungen übersetzt. Der zugrundeliegende Gedanke der Ungleichheit der Menschen wird zum erhaltenswerten Naturzustand erklärt.

Schon der Nationalismus der extremen Rechten ist blutsgebunden und hat einen rassistischen Charakter. In ihrer Vorstellung ist die Nation vollständig oder weitestgehend ethnisch homogen. Dem Volk stehe demnach ein mehr oder minder exklusives Recht auf einen angestammten Lebensraum zu – Blut und Boden sind aneinander geknüpft. Die angestrebte, als harmonisches und organisches Zusammenspiel des Volkes konzipierte Gemeinschaft sei also nur zu erreichen oder abzusichern, wenn ein hohes Maß von ethnischer Homogenität bestehe. Diese Homogenität wird in der Regel als eine Homogenität im biologischen Sinn konkretisiert, weil sie streng auf der Abstammung, auf dem Blut basieren müsse (ius sanguinis). Dieses Denkprinzip wird manchmal von Rechtsextremen verleugnet, indem sie behaupten, dass es ihnen schlicht um Kultur und Identität gehe, deren Fortexistenz durch das Zäumen von Fremdeinflüssen gesichert werden müsse. Häufiger aber sind beide Prinzipien verkoppelt: Blut und Kultur bedingten einander auf die eine oder andere Art. Besonders nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 hat indes auch in Deutschland ein antimuslimischer Rassismus an Profil gewonnen, der im Rechtsextremismus verbreitet ist und die abzulehnende Andersartigkeit zuvorderst über ein kulturelles Merkmal – das der Religion – konstruiert. Parallel dazu leben andere Rassismen wie etwa Antiziganismus (gegen Sinti und Roma gerichtet) und der Antislawismus weiter. Zudem wird das geschichtliche Erbe des deutschen Kolonialismus kleingeredet, verharmlost oder als positive Episode verherrlicht.

Das moderne Verständnis von Staatsbürgerschaft, das ein Übermaß von oft als »Papierdeutschen« verunglimpften Bürgerinnen und Bürgern hervorbringe, wird von Rechtsextremen abgelehnt. Die Realitäten einer Zuwanderungsgesellschaft samt den Problemen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Diversität werden von der extremen Rechten als Zerfallsprozesse beschrieben und beklagt. Millionen von Deutschen werden also exkludiert und ihre »wirkliche« Zugehörigkeit zum Land infrage gestellt oder verneint. Zur deutschen Nation gehörten nur Deutsche, und »Deutschtum« wird ethnisch, biologisch und kulturell starr gefasst.

Die zu wahrenden Identitäten seien aufzufinden auf der regionalen Ebene (etwa: Schwaben), auf der nationalen (Deutsche), aber auch auf darüber hinausreichenden Ebenen: Die Ordnung der Welt beruhe auf Großeinheiten, zu denen etwa das Abendland oder Europa gehöre. Europa sei ein weißer Kontinent, und die Vorherrschaft der Weißen müsse gesichert werden. Die damit verbundene rassistische Ausgrenzung und Abwertung betrifft vehement schwarze Menschen, während beispielsweise einem (selbstverständlich als weiß vorgestellten) Schweden durchaus die Möglichkeit zugestanden werden kann, qua Assimilierung deutsch zu werden. Abseits von Assimilation ist Deutschwerdung für Rechtsextreme kaum vorstellbar. Hybride, mehrgestaltige Identitäten, wie sie in modernen Gesellschaften an der Tagesordnung sind und von vielen gelebt werden, lehnen Rechtsextreme als letztlich substanzzerstörend ab oder behandeln sie als im Einzelfall duldbare Sonderfälle. Menschen sind aus rechtsextremer Sicht verpflichtet, vor allem Fortträger »ihrer« Gene und Kultur zu sein. Vermischungen und Aneignungen gelte es zu verhindern.

In ihren rassistischen Kampagnen nehmen Rechtsextreme den gesellschaftlichen Rassismus auf, versuchen die Kritik oder Ablehnung von Zuwanderung zuzuspitzen oder sich als Bollwerk zur Verteidigung der Vorrechte der Eingesessenen (Nativismus) in Szene zu setzen.

Antisemitismus

Als ein regelrechtes Weltdeutungsmuster fungiert der Antisemitismus im rechtsextremen Lager. Die Schuld an Störungen der eigentlich harmonischen und natürlichen Ordnung sei nach Ansicht von Rechtsextremen im verdammenswerten Tun von Feinden zu suchen, die aus Herrsch- und Profitsucht Volk und Nation angriffen und auflösen wollten. Durch die Geschichte rechtsextremer Politik ziehen sich Erzählungen über solche volksfeindlichen Elemente, die im Geheimen handelten – rechtsextremes Denken neigt zum Glauben an Verschwörungen. Klassischer Ausdruck hiervon ist der Antisemitismus. Jüdinnen und Juden wird eine ganze Reihe von (sich teils widersprechenden) Eigenschaften zugeschrieben, durch die sie als besondere Erscheinung qualifiziert werden: ort- und wurzellos, materialistisch und gierig, egoistisch, als verschworene Gemeinschaft, als mächtig und verstohlen, künstlich und intellektuell, mal als Religion, mal als eigene Abstammungsgemeinschaft auftretend, dazu arrogant, weil sie sich für auserwählt und für das Volk Gottes hielten. Im Judentum wären letztlich die Strippenzieher auszumachen, die das Fortkommen der Nation hinderten und ihre Zerstörung verursachten. Sie seien die steuernde Macht hinter den Verwerfungen der Welt und schuld an Kriegen oder an den negativen Auswirkungen des Kapitalismus. Internationalismus oder Kommunismus, aber auch liberale Gesellschaftsvorstellungen und der »Verfall« von Werten und Moral gingen auf ihr geheimes, auf Spaltung und Destruktion zielendes Wirken zurück. Sei es das Bild des »Bolschewismus«, das die Nazis verbreiteten, die Anklagen gegen die Kritische Theorie der Frankfurter Schule oder jüngst die Anwürfe gegen den Holocaustüberlebenden und Philanthropen George Soros – in den Kampagnen der extremen Rechten tauchen regelmäßig jüdische oder als jüdisch markierte und so zu denkende Feindbilder auf.

Antisemitische Denkfiguren sind aus der politischen Praxis der extremen Rechten also kaum wegzudenken. Allerdings hat sich der Modus der Präsentation des Antisemitismus nach dem Massenmord des Holocaust verschoben und ist seitdem weiteren konjunkturellen Änderungen unterworfen gewesen: die Abwehr und Relativierung der deutschen Schuld und die Agitation gegen den Staat Israel als eigentlichen Profiteur des Holocausts sind hinzugetreten (»sekundärer Antisemitismus«).

Viele Rechtextreme vertreten einen offenen Antisemitismus, gängiger sind aber eine Kommunikation über Umwege und die Kodierung antisemitischer Topoi geworden. Entschädigungsleistungen und die Erinnerung an den Holocaust werden als ungerechtfertigte Bevorteilung von Jüdinnen und Juden, als Ausdruck von Schwäche und Selbstkasteiung und als anti-deutsch abgelehnt; Judenfeindschaft wird als Antizionismus oder als Kritik am Handeln des Staates Israel dargestellt. Wie zentral die antisemitischen Anteile im Denkgebäude von Rechtsextremen stehen, hängt indes vom jeweiligen Spektrum ab. In der AfD sind klassische und radikale Antisemitinnen und Antisemiten anzutreffen, die Partei als Ganzes stellt sich jedoch als israelfreundlich dar. Im antimuslimischen Rassismus ist durchaus ein antisemitisch strukturiertes Verschwörungsdenken gängig, doch werden Jüdinnen und Juden teilweise als Bündnispartner im Kampf gegen den Islam angesprochen oder bestimmte politische Forderungen und Maßnahmen der israelischen Rechten begrüßt.

Geschlechter- und Familienvorstellungen

Die extreme Rechte vertritt traditionalistische Vorstellungen von Familie und von Geschlechterrollen. Als gesellschaftliche Grundeinheit und als Ideal gilt ihr die heteronormative, also aus Mann und Frau sowie Kindern zusammengesetzte Kernfamilie, die bevorzugt an einen größeren und weitere Generationen übergreifenden Familienverbund angeschlossen ist. Die Besonderheit der rechtsextremen Vorstellungen von Familie ist die Rigidität, mit der sie vertreten werden. Die Bedeutung heteronormativer Familien wird meist mit ihrer reproduktiven Funktion begründet. Individuelle Entscheidungen, wahrgenommenes Glück und die Lebensqualität der Menschen sind ihr tendenziell nachrangig. Dass die »klassische« Familie der Ort ist, an dem sexualisierte Gewalt vorrangig stattfindet, wird ignoriert und die Kernfamilie als Organisationsgrundlage der Gesellschaft verabsolutiert. Ihr wird ein geradezu ewiger Wert zugesprochen, obwohl sie tatsächlich ein Produkt der industriellen Revolution ist.

Liberalisierungsprozesse – weit mehr als jede dritte Ehe wird heutzutage geschieden – gelten als Bedrohungen des nationalen Zusammenlebens. »Regenbogen«-Familien, alleinerziehende Elternschaft und andere Optionen, die die Möglichkeiten des familiären Lebens erweitern, werden genauso problematisiert. Auch wenn die meisten Rechtextremen in ihrer Lebenspraxis die Möglichkeiten gesellschaftlicher Auflockerungen für sich selbst durchaus in Anspruch nehmen, bleibt das »bürgerliche« Modell von Familie ihr Ideal. Zumindest betrifft dies Deutsche im völkischen Sinne – Menschen mit Migrationsgeschichte wird – in rassistischer Logik durchaus konsequent – nicht selten gerade das Festhalten an traditionellen Familienvorstellungen und Geschlechterrollen und ein damit verbundener Kinderreichtum vorgeworfen.

Die Forscherin Renate Bitzan weist darauf hin, dass im Rechtsextremismus – wie selbstverständlich auch in weiten Teilen der Gesellschaft – von zwei aufs Deutlichste zu unterscheidenden Geschlechtern ausgegangen wird. In Absehung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse aber auch in Absehung eines Bundesverfassungsgerichts-Urteils von 2017, das die Geschlechtskategorie »divers« ermöglichte, beharren Rechtsextreme auf einer strikten, biologisch begründeten Einteilung in Männer und Frauen. Die Existenz von Inter- oder Transsexualität wird verleugnet oder als krankhaft dargestellt. Nicht heterosexuelles Leben – also etwa Homosexualität – betrachten Rechtsextreme als einzuhegendes Problem, schon weil es mit ihrem Familienideal kollidiert.

Die Vorstellungen über die Rollen der Geschlechter sind im Rechtsextremismus analog dazu ausgesprochen traditionalistisch und werden auf biologische Veranlagungen zurückgeführt. Die sozialen Geschlechterrollen sind aus Sicht von Rechtsextremen natürliche Tatsachen, die nur durch Störungen aus der Balance geraten sind: wenn endlich keine schädlichen Ideologien die vermeintlich natürliche Ordnung mehr bedrohten, könnten Frauen wieder Frauen und Männer wieder Männer sein. Das Spektrum der als akzeptabel und erstrebenswert geltenden Männlichkeitsund Weiblichkeitsmodelle ist vergleichsweise eng. Kampf, Kultur, Politik und Herrschaft gelten im Rechtsextremismus als männliche Sphären, während Reproduktion, Fürsorge, Natur, Privatheit und Ausgleichsstreben als weiblich betrachtet werden. Von Rechtsextremen wird zumeist betont, dass die Geschlechter zwar als »nicht gleichartig« aber als »gleichwertig« anzusehen seien, da sie sich in der Form der Familie gegenseitig komplettierten. Tatsächlich ist (beispielsweise soldatisch, hypermaskulin oder proletarisch geprägte) Männlichkeit jedoch die ausgesprochene oder unausgesprochene Norm, und ihr ist Herrschaft und Gestaltung der Gesellschaft vorbehalten. Der rechtsextreme Funktionär Martin Sellner forderte 2015, dass »der schlafende Furor teutonicus, das ewig unzivilisierbare, urdeutsche Fieber« wiedererweckt werden müsste. Solche Appelle beschwören eine kämpferische, archaische Männlichkeit und verorten die Pflicht und Fähigkeit zum politischen Handeln bei Männern. Explizit proklamierte der AfD-Politiker Björn Höcke im gleichen Jahr: »Nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden!«

Maskulinität kommt im rechtsextremen Geschlechtermodell also die vorrangige politische Entscheidungsgewalt zu. Der Feminismus wird als universalistische und zerstörerische Tendenz abgelehnt und für sittlichen Verfall, Entmännlichung der Männer, für Kinderarmut und Abtreibungen verantwortlich gemacht. Bis auf seltene Ausnahmen betonen auch weibliche Rechtsextreme ihren Antifeminismus. Eine Befreiung von Frauen wird dennoch zuweilen in Aussicht gestellt. Damit gemeint ist zweierlei: Zum einen die Befreiung hin zu den als gefährdet angesehenen traditionellen Geschlechterrollen, also ihre Restauration gegen die Ziele des Feminismus. Zum anderen werden Frauenrechte positiv angesprochen, allerdings in der Regel durch ihre Ethnisierung. Die deutschen Frauen müssten vor Bedrohungen durch männliche Zuwanderer geschützt werden.

Auch wenn es homosexuelle Rechtsextreme gibt, ist die Homophobie wesentlich schärfer ausgeprägt als in anderen Teilen der Gesellschaft. Bekannte Homosexuelle in den eigenen Reihen werden eher nur geduldet und müssen potenziell mit Anfeindungen aufgrund ihrer Sexualität rechnen.

Demokratie und Autoritarismus

Die Kleinstpartei »Die Rechte« stellt sich in ihrem Programm an prominenter Stelle als eine entschieden demokratische Kraft dar: »vollinhaltlich und ohne jeden Vorbehalt« bekennt sich die Gruppierung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik und zum Grundgesetz. Tatsächlich aber hat »Die Rechte« – eine klar als neonazistisch einzuordnende Gruppe – mit Demokratie und Grundgesetz nichts am Hut. Wenn sie sich positiv auf solche Begriffe bezieht, geht es ihr darum, sich gegen drohende Repressionen oder ein Verbot abzusichern. Bekenntnisse zur Demokratie dienen Rechtsextremen häufig nur dazu, ihre wirklichen Ziele zu verschleiern. Nur eine Minderheit der Rechtsextremen lehnt Demokratie und Grundgesetz offen ab, wie etwa »Der III. Weg«, eine weitere Neonazipartei, die umstandslos das »Grundgesetz als Organisationsform der Fremdherrschaft« geißelt.

Jedoch ist das Verhältnis der extremen Rechten zur Demokratie komplexer, und nicht nur auf die Frage nach einer offenen oder verschleiernden Kommunikation ihrer politischen Ziele zu reduzieren. Manche der demokratiepolitischen Forderungen aus der extremen Rechten sind nicht ohne weiteres als antidemokratisch einzuordnen. Zu ihrem Arsenal gehört es, plebiszitäre Entscheidungsfindungen, also Elemente direkter Demokratie, zu befürworten. Die »Alternative für Deutschland« etwa legt nicht nur Wert darauf, sich als grundgesetz-treue Partei zu präsentieren, sondern will auch »Volksentscheide nach Schweizer Vorbild« einführen. Direktdemokratische Elemente werden sogar aus der neonazistischen Rechten gefordert. Zum vollständigen Langnamen von »Die Rechte« gehört der Beititel »Partei für Volksabstimmung, Souveränität und Heimatschutz«. Diese Neonazigruppe nimmt also ebenfalls in Anspruch, direktdemokratische Volksabstimmungen fördern zu wollen. Dies trifft ebenso auf »Der III. Weg« zu und auch das Parteiprogramm der NPD sieht die »Stärkung der Gesetzgebung durch Volksentscheide auf allen Ebenen« vor. Ganz verwundern muss dies nicht, selbst im Nationalsozialismus fanden schließlich einige Wahlen statt und es wurden Volksbefragungen durchgeführt.

Die Unterstützung für direktdemokratische Elemente aus der extremen Rechten dient freilich nicht dazu, die Mitsprache von allen Gesellschaftsmitgliedern zu stärken. Rechtsextremes Denken ist immer Denken in Hierarchien. Dem Menschenbild des Rechtsextremismus zufolge sind in der Gesellschaft wenige zur Führung und Herrschaft prädestiniert, während die »Masse« nur für niedere Aufgaben geeignet seien. Daraus ergibt sich eine Logik von Autorität und Gehorsam, die alle gesellschaftlichen Fragen durchzieht und mit zeitgemäßen Vorstellungen von Demokratie nicht in Einklang zu bringen ist. Eine Gesellschaft aus mündigen, selbstbestimmten, gleichberechtigten und umfassend partizipierenden Bürgerinnen und Bürgern ist aus rechtsextremer Sicht – Lippenbekenntnissen zum Trotz – eine lebensfremde und gefährliche Utopie. Eine Elite soll herrschen, deren politische Legitimität an ihre Volksnähe und die Wahrung der »nationalen Interessen« zurückgekoppelt ist. Häufig wird ein präsidiales System vorgeschlagen, in dem das Staatsoberhaupt mit umfangreichen Befugnissen ausgestattet ist, um ohne Umwege und mit starker Hand regieren zu können. Der in einer rechten Interpretation des volonté générale (Jean-Jacques Rousseau) als tendenziell homogen gedachte Volkswille soll vom Staatsoberhaupt (oder einem kleinen Führungskreis) also erkannt und direkt umgesetzt werden. Was die Führung tut und was die Geführten wollen, wäre tendenziell ohnehin identisch.

Die extreme Rechte sieht sich dementsprechend als Anwältin des Volksinteresses. Diese Konstellation erklärt zum einen, warum die extreme Rechte in den allermeisten Erscheinungsformen einen populistischen Einschlag hat. Zum anderen begründet sich so ihre Stellung zur liberalen, repräsentativen Demokratie. Je nach Spektrum wird diese rundweg abgelehnt (etwa im Neonazismus) oder soll beschnitten und gezäumt werden (in den in dieser Hinsicht gemäßigteren Varianten). Staatlichen Institutionen tritt die extreme Rechte in ihrer Oppositionsrolle skeptisch oder ablehnend gegenüber, wenn diese aus ihrer Sicht das vermeintliche nationale Interesse nicht wahren oder ihm gar Schaden zufügen. Sie sollen geschwächt oder abgeschafft werden.

In Anlehnung an die Schriften des Staatsrechtlers Carl Schmitt argumentieren manche Rechtsextreme, dass es einen regelrechten Gegensatz zwischen Parlamentarismus und Demokratie gebe, da Demokratie ein hohes Maß an Homogenität brauche, die durch den parlamentarischen Pluralismus untergraben werde – »nötigenfalls« brauche Demokratie »die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen«. Parteien sind aus Sicht von Rechtsextremen ein Inbegriff für Fehlstellungen im gegenwärtigen politischen System, da die Parteien volksfern agierten und eine ziellose Schwatzhaftigkeit kultiviert hätten. Die Parteiendemokratie wird von der extremen Rechten verdächtigt, den Staat handlungsunfähig zu machen. Korrupterweise hätten sich die Parteien den »Staat zur Beute gemacht« (eine gern zitierte Wendung von Hans Herbert von Arnim), dabei den Volkswillen verraten und seien nicht organisch. In der Bundesrepublik herrsche deshalb keine »wahre« Demokratie. Demokratie ist für den Rechtsextremismus zudem auf Grundlage eines ethnisch-identitären Volksbegriffes zu denken. Eine Teilhabe ist nur für die »Eigenen« vorgesehen, die anhand von Kultur und Geschichte, aber immer auch aufgrund der Herkunft definiert werden.

Viele rechtsextreme Formationen erheben in ihrer Praxis (natürlich sachlich begründbare) Forderungen wie die nach einer Verkleinerung des Bundestages oder der Einschränkung der Parteienfinanzierung. Auch die AfD kündigt in ihrem Programm an, »die Macht der Parteien beschränken« zu wollen. Je nach Spektrum soll der Parlamentarismus überwunden oder gezähmt werden. In qualitativer Hinsicht liegt hierin natürlich ein Unterschied, weswegen der Politikwissenschaftler Cas Mudde in seiner Konzeption der »far right« darum zwischen einem rundweg antidemokratischen Pol und einem Pol, der reformistisch auftritt und die liberale Parteiendemokratie in Richtung Illiberalität transformieren will, unterscheidet. Für viele Rechtsextreme sind autoritär geprägte, illiberale Demokratien wie in Russland oder Ungarn darum auch jenseits geostrategischer Überlegungen positive Bezugspunkte. Aus ihrer Sicht stehe dort das jeweilige nationale Interesse im Mittelpunkt der Politik. Öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland vehement als »Staatsfunk« und »Propaganda« zu kritisieren und gleichzeitig Propaganda und Einschränkungen der Pressefreiheit in illiberalen Staaten zu begrüßen, stellt für Rechtsextreme darum nicht unbedingt einen Widerspruch dar.

Kapitalismus und Anti-Kapitalismus

Zu den Fragen der sozialen Gerechtigkeit und zur Ablehnung oder Befürwortung des Kapitalismus sind in der extremen Rechten sehr unterschiedliche Positionen zu finden. Was sie eint, ist darum nur in allgemeinen Kategorien beschreibbar. Auch im ökonomischen und sozialen Bereich geht die extreme Rechte von einer natürlichen Ungleichheit der Menschen aus. Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft muss und soll sich aus ihrer Sicht auch ökonomisch widerspiegeln. Auf diejenigen, denen fehlende Leistungsfähigkeit und -bereitschaft und »Schmarotzertum« vorgeworfen wird, blickt die extreme Rechte herab. Linke und sozialistische Modelle, die ein hohes Maß von sozialer Mobilität und eine größere oder völlige Überwindung sozialer Ungleichheit anstreben, lehnt die extreme Rechte ab. Klassischen Gewerkschaften wird regelmäßig »Klassenkampf« und ähnliches vorgeworfen, da sie gesellschaftliche Unruhe stifteten. Von »sozialer Ungleichheit« ist im Rechtsextremismus damit übereinstimmend nie die Rede, da aus seiner Sicht das Soziale ohnehin immer von Ungleichheit geprägt zu sein hat. Sehr wohl aber bezieht er sich positiv auf den Begriff der »sozialen Gerechtigkeit« – was genau als gerecht eingestuft werden kann, bleibt freilich strittig.

Der hauptsächliche Rahmen, auf den sich die extreme Rechte in ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik bezieht, ist die Nation. Sie stelle die Voraussetzungen bereit, die allen Angehörigen des Volkes erlaubten, hierarchisch gegliedert aber harmonisch aufeinander abgestimmt zu wirtschaften und zu arbeiten. Durch alle Spektren der extremen Rechten zieht sich eine Tendenz zur Ethnisierung der Sozialen Frage. Für soziale Probleme werden Migrantinnen und Migranten oder ausländische und internationale Einflüsse verantwortlich gemacht. Im Parteiprogramm der NPD heißt es beispielsweise: »Wir Deutschen müssen uns zwischen Sozialstaat und Einwanderungsstaat entscheiden«. Migrantinnen und Migranten wären unproduktiv, neigten zu Kriminalität, raubten Sozialleistungen, gefährdeten darum die nationalen Sicherungsnetze oder machten den Deutschen Arbeitsplätze streitig. Durch internationale Organisationen hingegen würden zum Nachteil der Nation hierzulande erarbeitete Güter mit ungenügenden Gegenleistungen ins Ausland transferiert und die nationale Souveränität angegriffen. Wo die extreme Rechte soziale Sicherungsmechanismen befürwortet, meint sie dies immer im Sinne einer exkludierenden Solidarität im nationalen Rahmen, von der sowohl »schmarotzende« Deutsche als auch Menschen, die in ihrem Verständnis nicht deutsch sind, tendenziell ausgeschlossen bleiben sollen.

Mit welcher Rhetorik diese Inhalte beschrieben werden und welche konkreten Maßnahmen umgesetzt werden sollen, wird in den verschiedenen Strömungen der extremen Rechten unterschiedlich gehandhabt. Wirtschafts- und sozialpolitische Forderungen sind dabei auch im Fluss und werden, je nachdem, wie es opportun erscheint, als flexibles Instrument zur Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen eingesetzt. Die Mittelschichten werden gemeinhin als wirtschaftliches Rückgrat der Nation umworben und etwa die Bekämpfung von ausufernder Bürokratie oder von mittelstandsfeindlicher, übertriebener Steuerbelastung versprochen. Wirtschaftseliten hingegen sind in der Geschichte der Bundesrepublik bisher nicht die hauptsächlichen Zielgruppen von Rechtsextremen gewesen. Bekannt gewordene Großspenden an entsprechende Organisationen illustrieren aber, dass es auch dort Sympathien für rechtsextreme Gruppierungen gibt. Insbesondere die Versprechen marktradikaler Rechtsextremer, Einmischungen des Staates in das Wirtschaftsleben zu minimieren, kommen der Interessenlage wirtschaftlicher Eliten entgegen.

Neben der Mittelstands-Rhetorik gibt es auch eine rechtsextreme Ansprache, in der erweiternd betont wird, die Interessen des »kleinen Manns« und des »hart arbeitenden Volkes« zu vertreten. Damit sind zum einen Mittelständlerinnen und Mittelständler gemeint, aber auch Anliegen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern werden von Rechtsextremen aufgenommen, ein Mindestlohn gefordert oder der Ausbau und der Schutz der Sozialsysteme in die Programme aufgenommen. Im Neonazismus wird die Soziale Frage sogar überwiegend aus der Perspektive des »einfachen Volkes« beantwortet und ein »Antikapitalismus von rechts« propagiert. Diese Selbstbezeichnung ist irreführend, weil keineswegs eine Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der auf Konkurrenz basierenden Marktwirtschaft beabsichtigt ist. Allerdings aber sind Arbeiterschaft oder das Handwerk die Hauptadressaten der Neonazipolitik. Durch einen starken und protektionistischen Staat sollen diese gestärkt werden. Als Feindbilder dienen Großkonzerne, sofern diese international auftreten, und der als nichtproduktiv kritisierte Finanzsektor. Das »schaffende« (und als »deutsch« gedachte) Kapital soll nach Vorstellung der Neonazis also gefördert und das »raffende« Kapital bekämpft werden. Hinter dieser Unterscheidung verbirgt sich ein Antisemitismus in nationalsozialistischer Tradition, wie er etwa beim NS-Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder zu finden war. Internationalismus, Schrankenlosigkeit, »Globalismus« und die damit einhergehende Zerstörung von Nation und tradierten Bindungen werden als »jüdisch« betrachtet. Neonazis verachten Sozialismus und Liberalismus als zwei Seiten derselben materialistischen, antinationalen und jüdischen Medaille, gegen die sie ihr Verständnis von nationalistischem Idealismus stellen. Die NPD nennt ihr Modell einer »harmonisch ausgewogenen« ökonomischen Ordnung »raum orientierte Volkswirtschaft«. Andere Rechtsextreme vertreten eine romantische Kapitalismuskritik, die ökonomisiertes und konsumorientiertes Denken als leere und oberflächliche Haltungen angreift und überwinden will. Dafür bedürfe es nur stellenweise einer Zähmung der Wirtschaft, vor allem aber müsse eine geistige Erneuerung bewirkt werden. Forderungen nach Arbeitszeitverkürzungen oder Lohnerhöhungen wird von diesen Rechtsextremen mit Skepsis begegnet, da sie ebenfalls ökonomistischem Denken entspringen würden und darum nur Scheinlösungen für ein anders gelagertes Problem seien.

In anderen Teilen der extremen Rechten wird hingegen auf den wirtschaftlichen Liberalismus positiv Bezug genommen und zuweilen werden offensiv Kapitalismus und Marktwirtschaft gepriesen. Das Konkurrenzprinzip im wirtschaftlichen Feld müsse sich frei entfalten können, um zum Wohle der Nation und im Sinne der sozialen Gerechtigkeit die Starken und die Leistungsfähigen zu ihrem Recht kommen zu lassen. Ein »ausufernder« Wohlfahrtsstaat führe zu einer Erschlaffung der Gesellschaft und letztlich zu ihrer Selbstauflösung. Soziale Sicherungssysteme werden darum manchmal abgelehnt oder nur als wohldosierte Befriedungs- und Sicherungsmaßnahmen des Staates befürwortet. Breiteren Partizipationsmöglichkeiten durch leicht zugängliche Bildung und Teilhabe steht dieses Spektrum mit der Begründung ablehnend gegenüber, dass so die natürlichen Prozesse der sozialen Selektion und der Elitenbildung aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Der Staat soll gleichermaßen schlank und stark sein, sich Eingriffen in das Wirtschaftsleben und sozialer Umverteilung enthalten, Regulationsmechanismen abbauen und lediglich mit harter Hand dafür sorgen, als notwendig erachtete Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten. Dazu gehören Homogenität in ethnischer und kultureller Hinsicht sowie eine Beschränkung von politischer Teilhabe und Pluralität. Rechtextreme dieser Couleur fürchten die Gefahren, die der Ordnung durch »funktionslose Unterschichten« im Volk und durch unqualifizierte Einwanderung drohten. Gegen die Bestürmung der Gesellschaft durch Parteien und Partikularinteressen habe der Staat sowohl sich selbst als auch die Wirtschaft zu schützen. Nicht selten wird der Politik der Bundesrepublik vorgeworfen, in Wahrheit eine sozialistische Gesellschaft schaffen zu wollen oder bereits geschaffen zu haben. Manche Elemente dieser rechtsextremen Sichtweisen auf Wirtschaftsund Sozialpolitik haben Berührungs- und Überschneidungspunkte mit dem Ordo- und Neoliberalismus; positiver Bezug wird beispielsweise auf die Theoretiker der sozialen Marktwirtschaft der Freiburger Schule genommen. In der AfD und in der ihnen nahestehenden Publizistik finden zudem Ansichten Resonanz, die etwa auf die österreichische Schule der Nationalökonomie (Friedrich August von Hayek, Ludwig Mises) oder auf Ideen der Chicagoer Schule (Milton Friedman) rekurrieren.

Religion

Die Frage, welche Position sie zur Religion beziehen soll, ist für die extreme Rechte von einiger Bedeutung. Je nach Spektrum fallen die Antworten unterschiedlich aus. Auch wenn es durchaus Schnittmengen gibt, ist die extreme Rechte selbst vom religiösen Fundamentalismus zu unterscheiden. International und in der Geschichte hat es aber durchaus Beispiele gegeben, in der rechtsextreme Ideologie und die organisierte Religion eng miteinander verknüpft wurden, etwa im spanischen Franquismus. Im Nationalsozialismus gab es christlichen Widerstand, aber eben auch christliche Kreise, die das NS-Regime begrüßten und mit ihm kooperierten.

In ihrer Mehrheit nimmt die extreme Rechte für sich in Anspruch, Verteidigerin des »Abendlandes« zu sein. Dieser Begriff wurde in der Geschichte der Rechten mit unterschiedlichen Bedeutungen unterlegt und beispielsweise mit dem Reichsgedanken verknüpft. Inbegriffen war eine Deutung des Abendlandes als Überbegriff für das christliche Westeuropa mit Deutschland im Zentrum. Die christliche Tradition wurde als ein zu schützender oder wiederherzustellender Kernbestandteil der europäischen Kultur betrachtet. Mit nationalistischen Ideen vereint wurde das Christentum an die eigenen Europakonzeptionen gekoppelt. In nicht geringen Ausmaß bildeten sich dabei auch konfessionelle Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Protestantismus ab. Die historische völkische Bewegung war beispielsweise größtenteils antikatholisch ausgerichtet.

In jüngerer Zeit sind die Bezüge, die die extreme Rechte auf Christentum und Abendland nimmt, nicht unbedingt seltener geworden, aber sie haben sich entkonkretisiert. An den großen Kirchen wird zumeist harsche Kritik geübt. Ihnen wird vorgeworfen, zu zeitgeistkonform zu agieren. Stellenweise kommt es hierbei zu Überschneidungen von christlichen Rechten mit dem Rechtsextremismus. Als abstrakter Bestandteil des europäischen und damit auch deutschen Erbes wird das Christentum jedoch viel häufiger und auf vielfältige Weise beschworen. Dabei spielen in der Gesamtheit die konkreten religiösen Inhalte und Praktiken eine immer geringere Rolle. Die im weithin säkular geprägten Ostdeutschland ansässigen »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (Pegida) erklärten in einem früh veröffentlichten Manifest ausdrücklich, »den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur« erreichen zu wollen. Im tatsächlichen Aktivismus dieses Zusammenschlusses spielt das Christentum – vom Judentum ganz zu schweigen – hingegen kaum eine Rolle. Aus dem Dunstkreis der »Identitären Bewegung« wird stellenweise gleichfalls eine Re-Christianisierung des Abendlandes gefordert, obgleich diese rechtsextreme Gruppe keineswegs christlich geprägt ist. Der Bezug auf das Christentum dient in solchen Zusammenhängen eher als ein Symbol für die angestrebte Stärkung von Traditionen. Es wird in erster Linie nicht als konkreter Glaube adressiert, sondern dient als Merkmal, durch das sich Europa und Deutschland von anderen Regionen der Welt abgrenzen lasse.

Die Idee eines christlichen Abendlandes ist freilich nicht ohne ein entsprechendes Gegenstück zu denken. Das »Morgenland« und mit ihm der Islam wird von der extremen Rechten als Gegenentwurf zu den eigenen Werten präsentiert und ist im antimuslimischen Rassismus zu einem umfassenden Feindbild ausgebaut worden. Manche Rechtsextreme zeichnen den Islam dabei als unzivilisiert und zivilisationszerstörend, als eine durch und durch totalitäre und aggressive Ideologie. Friedfertigkeit und Kultur seien die dagegen zu verteidigenden christlichen Werte. Andere Rechtsextreme erkennen den Islam als eine – konkurrierende – Kultur an, die zwar in Deutschland und Europa raumfremd sei, jedoch in »ihren« Weltregionen eine Daseinsberechtigung habe. Die erste Variante nutzt zumeist die drastischere Rhetorik, und verunglimpft den Islam beispielsweise als Pädophilenreligion. Gleichzeitig aber eignet sie sich universalistische und mit dem Rechtsextremismus schwer in Übereinstimmung zu bringende Begriffe an: Der Islam sei barbarisch und müsse im Interesse von Menschenrecht und Grundgesetz abgewehrt werden. Die zweite Variante ist in dieser Hinsicht konsequenter und radikaler, da sie Universalismus und Menschenrecht von vorneherein verwirft. Eine strenge Segregation von Islam und Christentum, von Abendland und Morgenland ergebe sich weniger aus bestimmten behaupteten oder tatsächlichen Charakteristika des Islam, sondern allein daraus, dass der Islam nicht zum »Eigenen« gezählt wird.

Dem Islam werden zuweilen sogar positive Eigenschaften zugeschrieben. Durch Aufklärung, Marxismus, Feminismus und andere Einflüsse verursachte Zerfallsprozesse hätten eine Erschlaffung und Entmännlichung der deutschen und verwandter Gesellschaften bewirkt – eine »thymotische Unterversorgung«, wie es zuweilen in Anlehnung an einen Begriff aus Platons Philosophie formuliert wird. Ein Wiedererwecken von Kampfgeist und Aggressivität sei darum nötig, also explizit keine Stärkung der Zivilisation, sondern das Abschneiden eines »überzivilisierten« Überhangs zur Rettung derselben. Im Islam und speziell unter männlichen Muslimen hingegen seien diese gesunden Regungen lebendig und könnten auf dieser Ebene als Vorbild zur Rettung des Eigenen dienen. Durch einige weitere Anknüpfungspunkte, beispielsweise in den Feldern des Antisemitismus und Antiamerikanismus, gibt es zudem gewisse inhaltliche Konvergenzen zwischen Teilen des Rechtsextremismus und dem islamistischen Fundamentalismus. Versuche zur konkreten politischen Zusammenarbeit sind jedoch bisher marginal geblieben.

Besonders im Neonazismus sind hingegen auch neuheidnische und radikal antichristlich-antisemitische Positionen zu finden. Das wiederherzustellende Ideal wird hier im Unterschied zu anderen Strömungen des Rechtsextremismus nicht als Mythos einer in der christlich-abendländischen Welt angesiedelten Nation entworfen. Stattdessen werden nordische, germanische und vorchristliche Traditionen angesprochen und als Vorbild inszeniert. Das Christentum wird als Verlängerung des Judentums diffamiert. Es handele sich um eine letztlich jüdische Erfindung, die in Europa unterdrückerisch und gewaltsam durchgesetzt worden sei. Christliche Konzepte wie die »Nächstenliebe« widersprächen der Natur des Menschen bzw. der Natur der weißen »Rassen« und seien Ausdruck von Schwäche. Zur Befreiung von der Fremdherrschaft müsste daher das Christentum überwunden werden und an seine Stelle eine neu zu entdeckende heidnisch-germanische Religiosität treten. Manche Kleingruppen wollen einen »Artglauben« einführen, in dem die Vergöttlichung der europäisch-weißen »Rassen«, also die Vergottung des eigenen »Blutes«, im Zentrum steht. Weniger als tatsächliche Glaubenspraxis aber in Form eines symbolischen Repertoires haben heidnische Vorstellungen im subkulturellen Rechtsextremismus einen bedeutenden Einfluss. Zahlreiche Rechtsrockbands besingen Gottheiten wie Thor oder nutzen Runen- Schriftzeichen oder den Thorshammer (Mjölnir) als Embleme.

Im internationalen Kontext

In diesem Buch wird der Rechtsextremismus in Deutschland in den Blick genommen, also die Erscheinungen, die geschichtlich gesehen im radikalen, rechten Nationalismus Deutschlands verwurzelt sind und vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte agieren. Gleichwohl gilt: Rechtsextreme Ideologie ist mit jeweils eigenen nationalen Spezifika ausgestattet, hat aber weltweite Verbreitung, und die Organisationen sind europaweit und stellenweise global vernetzt.

Internationale neofaschistische Bewegungen, besonders in Ländern, die mit dem historischen Nationalsozialismus verbündet waren oder starke pro-nationalsozialistische Vorläufer hatten, beziehen sich in der Regel positiv auf Deutschland und den deutschen Rechtsextremismus. Anderswo ist das Deutschlandbild ambivalenter und von geschichtlichen Belastungen geprägt, da sich die jeweiligen nationalistischen Interessen von denen des deutschen Rechtsextremismus unterscheiden. Manche Rechtsextreme in der Tschechischen Republik, in Polen oder Italien misstrauen ihrer politischen Verwandtschaft in Deutschland, da sie den dort anzutreffenden großdeutschen Grenzrevisionismus ablehnen müssen. Mit der Globalisierung hat sich jedoch auch der Rechtsextremismus globalisiert.

Durch Globalisierung und das Internet haben sich die transnationale Vernetzung und die Zusammenarbeit in Kampagnen vereinfacht und dynamisiert. So stark wie aktuell haben internationale autoritäre und rechtsextreme Bewegungen wohl noch nie kooperiert und sich gegenseitig beeinflusst. Im Stil ihrer Internetkommunikation und im Einsatz von Desinformationskampagnen fallen internationale Ähnlichkeiten auf. So wie radikale Republikaner-Anhängerinnen und -Anhänger in den USA nachweislos Wahlmanipulationen zuungunsten Donald Trumps anprangerten, versuchen auch AfD-nahe Vereine Misstrauen gegen die Legitimität von Wahlen in Deutschland zu säen. In ihrer Ablehnung des »Globalismus« sind sich Rechtsextreme global einig. Und in vielen Ländern versuchen sie gleichermaßen, kulturkämpferisch Gegensätze zwischen dem kosmopolitischen Leben der »anywheres« in Metropolen und dem Leben von bodenständig-verwurzelten »somewheres« herauszustellen, zu befeuern und in politisches Kapital zu verwandeln.

Rechtsextreme Europakonzeptionen lassen internationale Kooperationen von radikalen nationalistischen Kräften auf dem Kontinent, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken, ohnehin zu. Auch der Rassismus dieses Lagers hat sich flexibel gezeigt. Die Einschätzung, dass eine Islamisierung Europas und eine Überflutung des Kontinents bzw. der christlichen Welt mit »Kulturfremden« drohe, eint internationale rechtsextreme Bewegungen und hat ihre Zusammenarbeit im »Counter Jihad« ermöglicht. Deutsche und osteuropäische Neonazis sehen über den mörderischen historischen Antislawismus der Nazis hinweg und betonen ihre »rassische« Ähnlichkeit: »Nie wieder Bruderkrieg« und »White Pride Worldwide«. Das auch in Deutschland aktive (wenn auch seit 2000 verbotene) Neonazi-Skinhead-Netzwerk »Blood & Honour« wurde ab Ende der 1980er-Jahre eine Vorreiterorganisation für internationale Kooperationen im Bereich rechtsextremer Subkultur.

Der Aufschwung autoritärer und rechter Politik in den letzten Jahren ist ein internationales Phänomen. Schon seit Jahrzehnten feiern die »Freiheitliche Partei Österreichs« (FPÖ) und der »Rassemblement National« in Frankreich (RN, vor 2018: »Front National«) Wahlerfolge. Beide Parteien waren Gründungen der extremen Rechten, formulieren ihre politischen Forderungen aber mittlerweile moderater. Ihre Anbindung zum Rechtsextremismus haben sie jedoch keineswegs gekappt und vertreten eine autoritäre, antiliberale und migrationsfeindliche Politik. »Radikal rechtspopulistische Parteien« (Cas Mudde) haben mittlerweile in fast allen europäischen Ländern an Bedeutung gewonnen, führen in Polen und Ungarn die Regierungen an und sind in weiteren an Regierungskoalitionen beteiligt. Auch die Präsidentschaft Donald Trumps in den USA oder die Wahl des Rechtsextremen Jair Bolsonaro zum Staatspräsidenten Brasiliens im Jahr 2018 sind in die internationale Konjunktur von nationalistischer, autoritär-illiberaler Politik einzuordnen. Beide Staatschefs kamen bemerkenswerterweise über Parteien ins Amt, die ein zwar konservatives, aber keineswegs rechtsextremes Profil hatten. Ein für rechtsextreme Einflussnahmen und den populistischen Politikstil offener Konservatismus, das politische, rechtsevangelikale Christentum und nativistische und marktradikale Formationen hatten Trump zusammen mit rechtsextremer Unterstützung zur Macht verholfen. Das Ausmaß rechtsextremer Gewalt stieg in den USA während der Präsidentschaft Trumps sprunghaft an und die dortigen Rechtsextremen stimmten mit der nationalen Abschottungsagenda Trumps überein. Zu Recht sahen die rechtsextremen Militanten, die im Januar 2021 das Capitol stürmten, um den Machtwechsel zu verhindern, in Trump einen Verbündeten. Der Sturz der amerikanischen Demokratie misslang bekanntlich. Aber: Rechtsaußenpolitik ist ohne Frage international im Mainstream angekommen. Auch außerhalb der westlichen Welt gibt es starke rechtsautoritäre Tendenzen. In Indien stellt die fast 150 Millionen Mitglieder zählende rechte, hindunationalistische »Bharatiya Janata Party« seit 2014 mit Narendra Modi den Ministerpräsidenten. Natürlich bilden sich diese internationalen Entwicklungen auch in Deutschland ab: Die Erfolge der rechtsextrem dominierten »Alternative für Deutschland« in der Bundesrepublik sind auch als hiesiger Ausdruck rechter Mobilisierungen weltweit zu verstehen.

GESCHICHTE UND GESTALT


In diesem Kapitel werden das Spektrum des deutschen Rechtsextremismus und seine sozialen wie auch politischen Milieus vorgestellt und eingeordnet. Ziel ist es, eine Landkarte dieses politischen Lagers zu zeichnen, die geeignet ist, die Vielfältigkeit des Phänomens zu verdeutlichen und die eingesetzten Methoden und Themenschwerpunkte zu illustrieren. Mehr noch: Auch die zeitgeschichtliche Genese und Markpunkte der rechtsextremen Inhalte, des entsprechenden Handelns und der Kampagnen werden beschrieben.

Aktuell kann der Rechtsextremismus in drei besonders relevante Lager unterteilt werden. Zum einen ist das Feld um den Neonazismus zu nennen, der sich in Subkulturen und in Organisationen wie »Kameradschaften«, »Bruderschaften« und einigen Parteien zeigt. Ein eigenes Segment stellt der Rechtsextremismus in der »Alternative für Deutschland« und ihren Vorfeld- und Umfeldorganisationen dar. Drittens existiert ein neuerer, fluider Rechtsextremismus, der sich in Online-Subkulturen, in Verschwörungsszenen und im Bereich rund um »Reichsbürger« formiert hat. Die Grenzen zwischen diesen Lagern sind nicht immer klar gezogen und es gibt auch Überlappungen in andere politische Milieus.

Wieviel Rechtsextreme gegenwärtig in der Bundesrepublik politisch tätig sind – also ein Mindestmaß an Aktivitäten an den Tag legen –, kann nur geschätzt werden. Der Verfassungsschutz zählte für das Jahr 2020 rund 33 300 Personen, die im Berichtszeitraum als politisch aktive Rechtsextreme aufgefallen sind, darunter 13 300, die als gewaltbereit eingestuft werden. Die rechtsextrem dominierte AfD hat insgesamt rund 32 000 Mitglieder, die Umfeld- und Vorfeldorganisationen größtenteils nicht mit einberechnet. Die Zahl der Menschen, die sich in unterschiedlichen Intensitätsgraden am kleinteiligen und niedrigschwelligen rechtsextremen Onlineaktivismus beteiligen, ist unbekannt. Sie dürfte im sechsstelligen Bereich liegen. Aus dieser Sphäre rekrutiert sich wahrscheinlich die Mehrheit der Menschen, die mit rechtsextremer Gesinnung an »Querdenken«-Protesten und anderen Straßenmobilisierungen teilnehmen. Das Spektrum der »Reichsbürger und Selbstverwalter« wird vom Verfassungsschutz mit 20 000 beziffert (die als »staatsfeindlich« beobachtet werden, von denen nach den Maßstäben der Behörde aber nur eine Minderheit dezidiert rechtsextrem orientiert sei). Jenseits von Neonazismus, AfD und fluiden Erscheinungen dürften Rechtsextreme in diversen anderen Zusammenhängen zusätzlich insgesamt einige tausend Personen zählen – von völkischen Siedlerinnen und Siedlern über Diskussionszirkel und unabhängige kulturelle Zusammenschlüsse bis hin zu den Resten rechtsextremer Vertriebenen-Vereine.

Je nach Spektrum sind rechtsextreme Organisationen sozial und demografisch sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Zum Anteil und zur Rolle von Frauen seien hier einige Anmerkungen gemacht. Der organisierte Rechtsextremismus ist männlich dominiert, und zwar stärker noch, als es in anderen politischen Organisationen üblich ist. Bei rechtsmotivierten Straftaten liegt der Anteil der dafür verantwortlichen Männer bei über 90 Prozent. Auf der Führungsebene von Parteien und anderen Gruppierungen rangiert der Männeranteil bei Werten um 80 Prozent. Auf der Ebene der einfachen Mitgliedschaft sind Frauen etwas stärker vertreten. Mit erstaunlicher Konstanz wurden rechtsextreme Parteien in den vergangenen Jahrzehnten zu ungefähr zwei Dritteln von Männern und zu einem Drittel von Frauen gewählt. Auf der Ebene der Verbreitung von rechtsextremen Einstellungsmustern in der Bevölkerung sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern weit geringer.

Trotz der Dominanz von Männern und der allgemeinen Orientierung an Männlichkeit wird das Mitwirken von Frauen in rechtsextremen Organisationen prinzipiell begrüßt. Teils, weil sie als werbewirksame Aushängeschilder angesehen werden, teils aber auch, weil die »Sicht von Frauen« für eine »ganzheitliche« Organisation als nötig erachtet wird. Weibliche Rechtsextreme sind häufig – und im Spannungsverhältnis zu den propagierten rechtsextremen Familienmodellen – berufstätig, nehmen die Möglichkeit zur Kitabetreuung von Kindern in Anspruch oder artikulieren Unzufriedenheit über das Gebaren von Männern in den eigenen Organisationen. Die Sozialarbeitsprofessorinnen Esther Lehnert und Heike Radvan warnen davor, die Beiträge von Frauen am Rechtsextremismus zu unterschätzen. Frauen partizipieren in relevantem Umfang und artikulieren oft selbstbewusst ihre nicht minder radikalen Ansichten. Weil Frauen gesellschaftlich oft stereotyp Friedfertigkeit und ein geringeres Interesse an Politik unterstellt werde, bleibe ihr Tun mitunter unsichtbar und werde systematisch unterschätzt.

Der Rechtsextremismus verfügt in seinen unterschiedlichen Ausdifferenzierungen über verschiedene Dichtegrade der organisatorischen Verfasstheit. Es gibt klassische Zusammenschlüsse wie Parteien oder Vereine, seine Verlage treten auch als Wirtschaftsunternehmen auf, zudem existieren lose und informell vernetzte intellektuelle Zirkel und fluide, sich immer wieder selbst erneuernde und umformende informelle Sphären wie die Subkulturen. Die folgende Darstellung richtet sich in erster Linie an diesen Orientierungspunkten aus. Allerdings sind die jeweiligen programmatischen Schwerpunkte der politischen Subspektren bei der Kartierung des Rechtsextremismus ebenfalls zu beachten. Die Subspektren verfolgen unterschiedliche Strategien, durch die bedingt ihr politisches Handeln sehr verschieden ausfällt. Die Strategien reichen vom Versuch, am politischen System der Bundesrepublik teilzuhaben und sich dessen Regeln zumindest temporär zu unterwerfen, um es legal gemäß den eigenen Vorstellungen zu verändern, bis hin zu einem systemantagonistischen Fundamentalismus, der eine Revolution herbeiführen will und dafür den systematischen Einsatz von Gewalt für gerechtfertigt hält.

Ein Kern der folgenden Darstellung stellt das rechtsextreme Parteienspektrum in der Bundesrepublik dar. Der AfD als der in den vergangenen Jahren fraglos relevantesten und erfolgreichsten Partei ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Auch wenn es streitbar bleibt, ob mittlerweile alle ihre Gliederungen dem Rechtsextremismus zuzuschlagen sind, so ist die AfD als Gesamtpartei doch klar rechtsextrem dominiert und zum Gravitationszentrum des gesamten Spektrums geworden. Als weitere Ebenen des Rechtsextremismus werden ferner die Kultur- und Milieuorganisationen und die Publizistik behandelt sowie die Subkulturen, der organisierte Neonazismus und die terroristischen Erscheinungen. Erwähnung finden auch Milieus, die zwar nicht rechtsextrem sind, für die soziale und politische Basis des Rechtsextremismus jedoch relevant und in manchen Zeiten sogar prägend waren. Hierzu zählen soldatische Traditionsverbände oder die Studentenverbindungen.

Wegen der Präsenz von Rechtsextremen im Staatsdienst – bei Polizei und Armee –, welche mit Verweis auf immer wieder publik werdende Skandale nachvollziehbar ist, und den massiven sicherheitspolitischen Implikationen, die daraus folgen, findet auch dieser Aspekt Beachtung. Eine Entgrenzung, Entformalisierung und Ausweitung ist derweil in jüngeren, fluiden Ausformungen des Rechtsextremismus zu beobachten. Die rechtsextremen und entsprechend beeinflussten Milieus im Internet, die Verschwörungsszenerien und die Szene um die »Reichsbürger« werden porträtiert. Die Bedeutung, die ihnen mittlerweile innerhalb des Rechtsextremismus zukommt, rechtfertigt diese Darstellung.

Abschließend wird der Blick auf das politische Handeln des Rechtsextremismus um eine weitere Perspektive ergänzt. Mit welchen Themen und Problemdeutungsangeboten versuchen Rechtsextreme, auf sich aufmerksam zu machen und Einfluss zu generieren? Dafür werden einige Beispiele für bedeutende rechtsextreme Kampagnen und Kampagnenketten vorgestellt – beispielsweise die Kampagnen gegen »Überfremdung« und zur nationalistischen Neubewertung der deutschen Geschichte. Als ein Fallbeispiel für ein politisches Submilieu dient die »Neue Rechte« in der Bundesrepublik. Entstehung und Gehalt dieses Begriffs und die »Identitäre Bewegung« als eine aktuellere Erscheinungsform dieses Spektrums werden porträtiert.

Geschichtliche Konjunkturen

Generell gilt: Rechtsextremismus ist ein vergleichsweise junges Phänomen, dass sich erst im 19. Jahrhundert aus dem zeitgenössischen Nationalismus entwickelte und mit völkischen, antisemitischen, rassistischen und kolonialistischen Tendenzen verband. Im parteipolitischen Bereich entstanden im Kaiserreich (mäßig erfolgreiche) antisemitische Organisationen wie die »Deutschsoziale Partei« (1889 gegründet, auch »Deutschsoziale Antisemitische Partei«) oder die »Deutsche Reformpartei« (1890 als »Antisemitische Volkspartei« gegründet). Seitdem blühte eine lebendige und verzweigte politische Subkultur aus rechtsextremen Verbänden und Zirkeln auf. Im parlamentarisch orientierten Bereich entstand unter dem Eindruck der nahenden deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1917 unter Mitwirkung des späteren Putschisten Wolfgang Kapp mit der »Deutschen Vaterlandspartei« (DVLP) eine erste Partei auf deutschem Boden, die über ein vollständig rechtsextremes Profil im heutigen Sinn verfügte und die sich stark auf Militärkreise stützte. Die Existenz der DVLP endete allerdings bereits 1919. In der Weimarer Republik waren die monarchistische »Deutschnationale Volkspartei« (DNVP) und die »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei« (NSDAP) die bedeutendsten rechtsextremen Formationen im Parteienspektrum. Letztere wurde in der Diktatur des »Dritten Reichs« bekanntlich zur Staatspartei.

Die folgenden historischen Einordnungen beschränken sich in diesem Kapitel jedoch auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wo angebracht, findet der Rechtsextremismus in der DDR Beachtung, auch wenn er sich dort schon aufgrund der allgemeinen politischen Repression nicht über ein bestimmtes Niveau hinaus entfalten konnte. Die extreme Rechte in der DDR blieb im Vergleich insgesamt subkutan und eher subkulturell. Wandlungsprozesse betrafen eher die kulturellen Ausdrucksformen, etwa durch die Entstehung rechtsextremer Skinhead- und dann »Fascho«-Szenen in den 1980er-Jahren.

Die Entwicklungen in den westalliierten Besatzungszonen und dann in der Bundesrepublik waren wesentlich ausgeprägter. Sie lassen sich in mehrere Perioden einteilen und dabei auch in Beziehung zu weltweiten Prozessen setzen. Auf internationaler Ebene teilt der Politologe Cas Mudde in Anlehnung an Vorarbeiten seines deutschen Kollegen Klaus von Beyme die Entwicklung der »äußeren Rechten« anhand dominierender Erscheinungsformen und Wahlerfolge in vier Wellen ein: Neofaschismus (1945–1955), Rechtspopulismus (1955–1980), radikale Rechte (1980–2000) sowie eine seit dem Jahrtausendwechsel andauernde vierte Welle, die von neuen Erfolgen, einem Ankommen im politischen Mainstream und einer Heterogenisierung gekennzeichnet ist. Forschende wie Richard Stöss, Gideon Botsch, Juliane Wetzel oder Armin Pfahl-Traughber haben den Rechtsextremismus in der Bundesrepublik in davon teils abweichende Zeitabschnitte eingeteilt. Zumeist fanden dafür die spezifische gesellschaftliche Entwicklung Westdeutschlands als äußerem Faktor und die Erfolge und Misserfolge der rechtsextremen Organisationen als Binnenfaktor Beachtung. In Anlehnung an diese Modelle wird hier eine mögliche Variante einer Vier-Phasen-Einteilung (1945–1969, 1970–1989, 1990–2010, 2010–heute) skizziert.

Der Zeitraum 1945 bis 1969 erfasst den Rechtsextremismus unter den Bedingungen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Die ehemaligen Trägerinnen und Träger des nationalsozialistischen Regimes wurden dabei größtenteils in das neue System integriert. Sie wurden in den Aufbau der neuen Institutionen eingebunden und prägten diese auf vielfältige Weise mit. Nicht wenige behielten ihre Ansichten bei, brachten diese in den neuen Staatapparat ein und nutzten ihre Positionen, um ihresgleichen zu protegieren. Das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie sei angesichts der nichtaufgearbeiteten jungen Vergangenheit und der deutschen Schlussstrich-Sehnsüchte bedrohlicher als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie, urteilte der Philosoph Theodor Adorno im Jahr 1959. Daneben begannen einige ehemalige Nazis, neue Strukturen aufzubauen und stellten ihre Organisationen als Interessenvertretungen der Vertriebenen und der ehemaligen Soldaten auf. In weiten Teilen hielten sie zunächst am alten Reichsgedanken fest. Vor dem Hintergrund der Blockkonfrontation Ost gegen West betonte die extreme Rechte ihren Antikommunismus und trug zum größeren Teil den Regierungskurs der Westbindung mit. Daneben bestanden aber auch neutralistische Tendenzen, die ein vereintes Europa als Kraft zwischen USA und UdSSR oder eine separate Entwicklung Deutschlands in Äquidistanz zu allen Machtblöcken vorschlugen. Pro-östliche (nationalbolschewistische) Strömungen blieben in der krassen Minderheit.

Zur bedeutendsten Kraft entwickelte sich zunächst die »Deutsche Reichspartei«. Die »Deutsche Gemeinschaft« als Organisation des neuen Nationalismus verschwand hingegen schnell in der Bedeutungslosigkeit. Der organisierte Rechtsextremismus blieb in dieser Phase schwach, da sich das politische System der Bundesrepublik als stabil erwies und die ökonomische Entwicklung (»Wirtschaftswunder«) positiv verlief. Als im Verlauf der 1960er-Jahre ein wirtschaftlicher Abschwung einsetzte, die industrielle Strukturkrise begann und Ende 1966 dann eine Große Koalition aus Union und SPD gegründet wurde, stieg die bereits 1964 gegründete NPD zur wichtigsten rechtsextremen Partei auf. Jedoch verpasste sie 1969 den sicher geglaubten Einzug in den Bundestag.

Zwischen 1970 und 1989 befand sich der Rechtsextremismus in einer Übergangsphase. Mit der »Aktion Widerstand«, einer Kampagne aus dem Spektrum der niedergehenden NPD, setzte eine Radikalisierung ein. Die im Zuge der 68er-Bewegung einsetzende gesellschaftliche Liberalisierung lehnten Rechtsextreme vehement ab. Die 1969 gebildete sozialliberale Koalition aus SPD und FDP wurde zum Feindbild. Zu einer regelrechten Hassfigur avancierte SPD-Bundeskanzler Willy Brandt, dem seine auf Entspannung zielende Ostpolitik als Verrat an deutschen Interessen vorgeworfen wurde. Rechtsterroristische Taten häuften sich und ein junger, generationell nicht mehr von der »Erlebnisgeneration« geprägter Neonazismus begann sich zu formieren. Einige Rechtsextreme strebten unter dem Stichwort »Neue Rechte« eine intellektuelle Erneuerung des Rechtsextremismus an, unter anderem in Anlehnung an antidemokratische Vorlagen aus der Weimarer Republik und im Austausch mit Rechtsextremen in Frankreich und weiteren europäischen Ländern. Versuche von weiteren Rechtsextremen, mit den oppositionellen CDU und CSU gemeinsame Sache zu machen, schlugen trotz entsprechender Signale von den rechten Rändern der Unionsparteien fehl. Neben dem Kampf um die Deutung der deutschen Geschichte und der »Deutschen Frage« (also: der Wiedervereinigung) entwickelte der Rechtsextremismus ab der Mitte der 1970er-Jahre eine weitere, nämlich eine rassistische Kampagne: Die »Überfremdung« Deutschlands durch Migration wurde fortan zu einem zugkräftigen Schlagwort in der Agitation. Zusätzlich beschäftigten sich einige Rechtsextreme mit der ökologischen Frage und brachten sich in den Gründungsprozess der Partei »Die Grünen« ein. Aus rechtsextremer Sicht versäumte die seit 1982 wieder regierende CDU, die von Kanzler Helmut Kohl versprochene »geistig-moralische Wende« gegen die Liberalisierung der Republik umzusetzen. Die extreme Rechte begab sich darum auch zur konservativen Regierung auf Konfrontationskurs. Daran anschließend und mit ihrem Einsatz gegen den Zuzug von »Ausländern« werbend stiegen »Die Republikaner«, eine 1983 als CSU-Abspaltung gegründete Formation, bis zum Ende der 1980er-Jahre zur wichtigsten rechtsextremen Partei auf. Die NPD und die 1987 zur Partei umgewandelte Gruppe »Deutsche Volksunion« führten im Vergleich ein Schattendasein.

1990 begann die dritte Phase des deutschen Nachkriegsrechtsextremismus, in der sich das Spektrum unter den Bedingungen der deutschen Einheit neu orientieren musste. Der Umbruch 1989 und 1990 traf den Rechtsextremismus – wie andere politische Strömungen – völlig unvorbereitet. Mit der Wiedervereinigung war eine seiner hauptsächlichen politischen Forderungen unversehens und ohne eigenes Mittun erfüllt worden; freilich exklusive der nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenen Gebiete wie Schlesien und dem Sudetenland. Während besonders auf dem Gebiet der ehemaligen DDR rechtsextreme Subkulturen aufblühten und damit einhergehend die rassistische Gewalt eskalierte, blieben die rechtsextremen Wahlparteien im Osten zunächst erfolgloser als im Westen. Aus den rechtsextremen Subkulturen und dem organisierten Neonazismus gründete sich die Terrororganisation »Nationalsozialistischer Untergrund«. Die »Überfremdungs«-Kampagne wurde schließlich endgültig zum wichtigsten Zugpferd der extremen Rechten und im Laufe der Jahre mehrmals variiert: Waren zuvor die »Gastarbeiter« der hauptsächliche Fokus der rassistischen Agitation, traten die Flüchtlinge (etwa aus den Jugoslawienkriegen) hinzu. Rassistische Morde, Anschläge und Ausschreitungen wie in Rostock, Hoyerswerda, Solingen und Mölln prägten die 1990er-Jahre. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 wurde schließlich ein antimuslimisch ausgerichteter Rassismus wichtiger. »Die Republikaner« verloren in den 1990er-Jahren wieder an Einfluss. Stattdessen gewannen die älteren rechtsextremen Parteien DVU und die sich in Richtung Neonazismus transformierende NPD ab 1998 Fraktionen in ostdeutschen Landesparlamenten. Die Erfolge der weltweiten, politisch linksstehenden Antiglobalisierungsbewegung und stärker noch die Proteststimmung gegen die »Hartz IV«-Sozialreformen der seit 1998 regierenden rotgrünen Bundesregierung sorgten für eine Hinwendung des Rechtsextremismus zur Sozialen Frage.

Der Beginn der vierten, aktuell andauernden Phase in der Entwicklung des bundesdeutschen Rechtsextremismus lässt sich auf das Jahr 2010 datieren. Mit dem in diesem Jahr erschienenen Bestseller Deutschland schafft sich ab des ehemaligen Berliner SPD-Finanzsenators Thilo Sarrazin setzte eine verschärfte gesellschaftliche Diskussion über die Themen Islam, Zuwanderung und das Sozialsystem ein. Die extreme Rechte reagierte euphorisch auf die sich ihr dadurch unverhofft eröffnenden Diskursräume – die Grenzen zwischen dezidiert rechtsextremen Positionen und denen der gesellschaftlichen Mitte verschwammen. Derweil löste sich mit der DVU eine altgediente rechtextreme Partei zugunsten ihrer einstigen Konkurrentin NPD auf. Letztere konnte davon jedoch nicht profitieren. Im Jahr 2011 glückte ihr letztmalig der Einzug in ein Landesparlament. Es folgten Neugründungen von kleineren Neonaziparteien. Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise (die bereits 2007 begann) und der Eurokrise ab 2010 schufen indes weitere politische Interventionsmöglichkeiten für rechtsgerichtete Politik, insbesondere unter Betonung der »Souveränität« der Bundesrepublik gegenüber der Europäischen Union. 2013 gründete sich als rechte Sammlungspartei die »Alternative für Deutschland« (AfD), zunächst in Opposition zur Eurorettungspolitik von CDU-Kanzlerin Angela Merkel als im Kern wirtschaftsliberale Partei rechts von CDU und FDP. Alsbald setzte ein Radikalisierungsprozess ein, der die AfD ins rechtsextreme Lager geführt hat. Hintergrundbedingung war die »Flüchtlingskrise« ab 2015, die von der AfD im Zusammenspiel mit Protestbündnissen wie »Pegida« mittels migrationsfeindlicher Parolen zur politischen Werbung in eigener Sache genutzt wurde. 2017 zog die AfD in den Bundestag ein und ist spätestens zu diesem Zeitpunkt zum Gravitationszentrum des Rechtsextremismus geworden. In anderen Bereichen bildeten sich fluide Erscheinungsformen des Rechtsextremismus jenseits der tradierten Formen heraus.

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9783843806909
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