Kitabı oxu: «Jesu Traum»

Şrift:

Christoph Türcke

Jesu Traum

Psychoanalyse

des Neuen Testaments


»Mihi ipsi scripsi«

Friedrich Nietzsche

2. Auflage 2010

© 2009 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

info@zuklampen.de · www.zuklampen.de

Umschlag: Matthias Vogel (paramikron), Hannover,

unter Verwendung des Gemäldes »Taufe Christi«

von Joachim Patinier, Kunsthistorisches Museum, Wien

Satz: thielen VERLAGSBÜRO, Hannover

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 9783866743342

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Verzeichnis der Abkürzungen

Vorwort

1. Die unfaßbare Kehrtwende: Das Urchristentum

Nachträgliche Weissagung

Heiligung des Schreckens

Abtrünnige Gefolgsleute – anhängliche Gewährsleute

Untot – auferstanden

Allmähliche Verfertigung der Gedanken

»Für unsere Sünden«

Paulus

Von Damaskus zum Kaiser

Beschneidung

Abendmahl

Paulus und Petrus

2. Mosaik aus Störfaktoren: Der historische Jesus

Historisch-kritische Forschung

Nazareth

Johannes der Täufer

Attraktion und Repulsion

Mahlzeiten

Heilungen

Typus

Gleichnisse

Bergpredigt

Immoralismus

Finale

Nachwort

Dank

Christoph Türcke bei zu Klampen

Fußnoten

Verzeichnis der Abkürzungen

Altes Testament

Gen = Genesis (1. Mose)

Ex = Exodus (2. Mose)

Lev = Leviticus (3. Mose)

Dtn = Deuteronomium (5. Mose)

Jes = Jesaia Hi = Hiob

Neues Testament

Mt = Matthäusevangelium (ca. 90 n. Chr.)

Mk = Markusevangelium (ca. 70 n. Chr.)

Lk = Lukasevangelium (ca. 100 n. Chr.)

Joh = Johannesevangelium (ca. 110 n. Chr.)

Apg = Apostelgeschichte des Lukas (ca. 100 n. Chr.)

Briefe des Paulus

Röm = Römerbrief (ca. 53/​54 n. Chr.)

1Kor = 1. Korintherbrief (ca. 51 n. Chr.)

2Kor = 2. Korintherbrief (ca. 52 n. Chr.)

Gal = Galaterbrief (ca. 52 n. Chr.)

Phil = Philipperbrief (ca. 51/​52 oder 57 n. Chr.)

Vorwort

Das Abendland ist schon lange nicht mehr christlich. Aber ohne Christentum wäre es nie zur Wiege von Renaissance, Kolonialismus, Aufklärung, Menschenrechten, exakten Wissenschaften, Schwerindustrie und Mikroelektronik geworden, nie zur Keimzelle jener westlichen Welt, die so wirkt, als sei sie das Maß aller Dinge. Aus allen Erdteilen wird zu ihr aufgeschaut. Nirgends ist die Konzentration von Kapital, Know-how und technischen Errungenschaften, nirgends der physische, rechtliche und moralische Bewegungsspielraum für menschliche Individuen größer als im Westen. Statistisch gesehen gibt es etwa zwei Milliarden Christen, gut zwei Drittel davon in Europa und Amerika. Die wenigsten allerdings leben strikt nach christlichen Ritualen und Lehren. Auch wenn man die vor allem in den USA erstarkenden fundamentalistischen Kirchen und Sekten mitzählt, gilt: Die erdrückende Mehrheit westlicher Christen nimmt ihre Religion nur noch als zeremoniellen Dienstleister für Taufe, Kommunion, Konfirmation, Heirat, Beerdigung und zu hohen kirchlichen Feiertagen in Anspruch, ohne von der Bibel, der Liturgie, dem Katechismus oder den Dogmen noch irgendeine zusammenhängende Kenntnis zu haben. Zurückgeblieben sind ein paar Wissensbruchstücke und einige verwaschene Überzeugungen über eine höhere Macht und ein Leben nach dem Tod, die die meisten gern für sich behalten, um sie keiner peinlichen Befragung auszusetzen. Ansonsten richten sie sich, wie andere Gläubige und Ungläubige auch, nach den profanen Gesetzmäßigkeiten und Mächten ein, die ihren Alltag tatsächlich bestimmen.

Das in der westlichen Welt praktizierte Christentum ist, aufs Ganze gesehen, hohl und morsch. Nicht so das in der westlichen Welt sedimentierte Christentum. Es gehört zum Fundus dieser Welt. Einst, als es noch groß und mächtig war, hat es die Weichen zur europäisch-nordamerikanischen Moderne gestellt. Mehr als ein halbes Jahrtausend ist das her. Das Christentum von damals ist bloß noch die Ablagerung einer vergangenen Zeit, gleichsam der festgetretene, beruhigte Untergrund, auf dem sich das unruhige Leben der Moderne abspielt. Und solange der Untergrund tatsächlich ruhig blieb, ließ er sich bequem ignorieren. Seit jedoch ein neuer Ost-West-Konflikt Platz gegriffen hat, worin »Osten« nicht mehr mit Sozialismus assoziiert wird, sondern mit einem Islam, der forsch in die westliche Welt eindringt und deren Grundüberzeugungen in Frage stellt, stehen auch die christlichen Fermente dieser Welt erneut zur Debatte. Das authentische westliche Gegenstück zur Koranlesung ist nun einmal die Bibellesung, nicht die Dichterlesung; das zum Ramadan die christliche Fastenzeit, nicht die Schlankheitskur; das zum Freitagsgebet der Sonntagsgottesdienst, nicht die Gymnastikstunde; das zum Propheten Mohammed heißt Jesus von Nazareth, nicht Michael Jackson oder Madonna.

Und so geschieht etwas, was niemand voraussehen konnte: Durch die neue Präsenz des Islam in der westlichen Welt wird deren christlicher Untergrund wieder aufgerührt. Gerade Zeitgenossen, die auf Aufklärung und Gedankenfreiheit pochen und durchaus nicht zum christlichen Glauben zurückwollen, sehen sich durch die islamische – zum Teil islamistische – Offensive genötigt, sich zu jenem abgelagerten Christentum, um das sie sich lange nicht kümmern mußten, erneut zu positionieren. Dadurch aber kommt es sozusagen wieder hoch und gewinnt eine neue, diffuse, gewissermaßen desedimentierte, in ihrer Tragweite noch schwer absehbare Präsenz. Sitzt es womöglich viel tiefer im vegetativen Nervensystem der westlichen Welt, im Empfindungs-, Vorstellungs- und Denkhaushalt ihrer Individuen, als bisher gedacht? Friedrich Nietzsche hat das ja schon vor mehr als hundert Jahren vermutet: »Was hilft alle Freigeisterei, Modernität, Spötterei und Wendehals-Geschmeidigkeit, wenn man mit seinen Eingeweiden Christ, Katholik und sogar Priester geblieben ist!«1 Und nun stellt der neue Ost-West-Konflikt tatsächlich die »Eingeweide« der westlichen Welt mit nie gekannter Dringlichkeit zur Debatte und schürt den Verdacht, daß der Geist des Christentums sie weit stärker durchweht und bläht, daß er für den Stoffwechsel der High-Tech-Welt weit konstitutiver ist, als die hektische Oberfläche ihres Alltags zu erkennen gibt. Um hier Klarheit zu gewinnen, bedarf es einer neuen Eingeweideschau auf der Höhe wissenschaftlicher Methodik, anders gesagt, einer Tiefenhermeneutik mit Fingerspitzengefühl für mentale Verdauungsprozesse und Ablagerungen.

Doch halt: Um die christlichen Eingeweide der westlichen Welt analysieren zu können, muß man erst einmal einen tiefen Blick in die Eingeweide des Christentums tun. Ja, auch das Christentum hat Eingeweide. Unter der Haut seiner wahrnehmbaren Gestalten pulsiert sein vegetatives Innenleben. Anders gesagt: Hier schweifen seine Wünsche. Wünschen ist die primitivste, affektivste, aber auch intensivste Form von Denken, und das Christentum ist auf eine geradezu inständige Weise wishful thinking. Seine ältesten erhaltenen Zeugnisse, die neutestamentlichen Schriften, sind allerdings nur die Außenseite seines inneren Wunschlebens. Es verhält sich damit ganz ähnlich wie beim Traum. Was wir als Traum erleben und erzählen, ist nur dessen Fassade. Das Entscheidende spielt sich dahinter ab. Dort wirken die sogenannten latenten Traumgedanken. Das sind jene Wunschkräfte, die den Traum konstituieren und sich dabei in seinem manifesten Inhalt sowohl ausdrücken als auch verstecken. Ihre Entdeckung war eine der bahnbrechenden Leistungen Sigmund Freuds. Er hat ein ganzes Instrumentarium entwickelt, um den Wunschherd des Traums zu erschließen. Seine Methode wird sich in diesem Buch als verblüffend hilfreich erweisen, um an den Wunschherd des Christentums heranzukommen und das, was daraus aufstieg, als geschichtsträchtige und -mächtige Wachtraumgebilde wahrzunehmen.2 Genau genommen gibt es hier zwei Wunschherde. Sie flackern ineinander, sind aber wohl zu unterscheiden. Der eine glühte in den Hinterbliebenen Jesu und bewog sie, ihren gekreuzigten Herrn und Meister als auferstanden zu verkünden. Der andere brannte in Jesus selbst. Der eine bewirkte den christlichen Traum von Jesus, der andere Jesu Traum. Die neutestamentliche Wissenschaft hat ihre Quellentexte zwar bis zum Überdruß ausgelegt und ausgelaugt, aber bis zu den latenten Traumgedanken des Christentums ist sie noch kaum vorgedrungen.

1. Die unfaßbare Kehrtwende: Das Urchristentum

Nachträgliche Weissagung

Das Christentum beruft sich auf Jesus. Daraus folgt allerdings nicht, daß er es eingesetzt hat. Wie sich zeigen wird, lag ihm eine solche »Stiftung« völlig fern. Wohl aber hat er das Christentum ausgelöst. Als er in der Gegend um seinen Heimatort Nazareth auftrat und umherzog, bildete sich eine kleine Schar um ihn, bestehend aus ein paar Fischern vom See Genezareth und einigen, die sich ihnen anschlossen: Verwandten, Freunden, Neugierigen, Abenteurern, Desorientierten, Entwurzelten; man kann es nicht so genau auseinanderhalten. Eine schwer aufzuhellende Gemengelage einfachen Volks umgab ihn, war sein Resonanzboden und seine Begleitung in den wenigen Monaten oder Jahren, als er durch Galiläa und schließlich hinauf nach Jerusalem zog. Auf diese kleine Schar – gewiß mehr als zwölf Personen, aber vielleicht nicht mehr als dreißig, wer weiß – haben Jesu Worte und Taten und sein furchtbares Ende eine offenbar kaum zu überbietende Wirkung ausgeübt. Was sich vor ihren Augen und Ohren abspielte, war in doppeltem Sinne ungeheuer. Zum einen überstieg es ihr Fassungsvermögen; zum andern drückte es sich ihnen so tief ein, daß sie ihr Lebtag daran laborierten. Und nur weil sie damit nicht fertig wurden, gibt es das Christentum.

Bewältigungsversuche eines Überwältigten hat Jean Améry seine autobiographischen Aufzeichnungen über Exil, KZ und Tortur genannt.3 Auch diejenigen, die Jesus zurückgelassen hatte, waren auf ihre Weise Überwältigte. Als sie begannen, sich in seinem Namen zu versammeln, wie er das Brot zu brechen und den Weinkelch herumzureichen, dabei seine Worte zu wiederholen, seine Taten zu memorieren und allmählich das Finale seines Lebens zu rekonstruieren, da waren das notdürftige Versuche, in den Wust ihrer eigenen unbewältigten Vergangenheit eine gewisse Folge und Ordnung zu bringen und so die Fassung wiederzugewinnen, die ihnen das Ende dieses ungewöhnlichen Menschen vollends geraubt hatte. Wie war es denn gewesen, als er gefangen genommen wurde? »Und sie verließen ihn und flohen alle«, steht bei Markus (14, 50). Die Gefolgsleute Jesu hatten nicht den geringsten Anlaß, etwas für sie derart Peinliches nachträglich zu erfinden. Sie hatten ihren Meister ja nicht als neutrale Schaulustige nach Jerusalem begleitet, um mal zu sehen, was er dort alles anstellen werde, sondern in der hoch gespannten Erwartung, daß »das Reich komme«– jenes göttliche Reich, welches er ihnen in Worten und Taten vor Augen gemalt hatte.4 Sie würden mit ihm dabei sein, wenn es anbräche. Stattdessen wird er verhaftet, verurteilt, gekreuzigt. Das ganze Erwartungskonstrukt, das ihr Leben in den letzten Jahren zusammengehalten hat, zerbricht, und die Erschütterung ist derart, daß keiner der Gefolgsleute zu ihm hält. Sie verstecken sich, tauchen unter, machen sich unauffällig; man weiß es nicht so genau. Erst nach dem Tod Jesu tritt jedenfalls jener eigenartige Gesinnungswandel ein, der sie zusammen auftreten und behaupten läßt, er sei auferstanden – bereits eingetreten in jenes Reich, von dessen Kommen er geredet hatte. Und erst im Licht dieser Behauptung wird dann nach und nach das Leben dessen erzählt, der da auferstanden sein soll.

Das ergibt natürlich keine Berichte, die modernen Vorstellungen von historischer oder journalistischer Sorgfalt auch nur entfernt genügten. Vielmehr entsteht eine neue Ausdrucksform: das Evangelium, wörtlich übersetzt, die gute Botschaft. »Gut« heißt dabei so viel wie »rettend«. Besagte Botschaft soll nämlich nicht nur davon überzeugen, daß Jesus auferstanden ist, sondern den Hörern bedeuten, daß sie vital davon betroffen sind. Wer an die Auferstehung Jesu glaubt, wird an ihr teilhaben, und zwar nur, wer an sie glaubt. Nur für seine Getreuen, die in seinen Bahnen wandeln, hat er die Bahn ins göttliche »Reich« gebrochen. Nur sie wird er holen und zu sich entrücken, wenn er in Kürze wiederkehren und das Ende der alten Welt, das mit seiner Auferstehung bereits angebrochen ist, endgültig besiegeln wird. Alle andern sind verloren. Wie ungeheuer prätentiös und exklusiv diese Botschaft daherkam, hört man ihr nach zwei Jahrtausenden Christentum kaum mehr an. Die Zeitgenossen hingegen hatten durchaus ein Ohr dafür, zumal sie von diesem Jesus, wenn sie nicht zufällig Verbindung zu seinem Jüngerkreis oder zur Gerüchteküche um ihn hatten, rein gar nichts wußten. Die Botschaft von ihm hatte nur eine Chance, wenn ihr zweierlei gelang: ihn als wirklichen Menschen aus Fleisch und Blut glaubwürdig zu machen, der in Galiläa aufgetreten und nach Jerusalem gezogen war; und zugleich als den Menschen schlechthin, den einzig rettenden, in dessen Erdenleben sich an allen Ecken und Enden bereits seine Auferstehung abzeichnete – als die Quintessenz, auf die seine irdische Geschichte hinauslief.

Wenn antike Erzähler einem markanten Ereignis – Sieg oder Niederlage, Tod oder Geburt, Dürre oder Unwetter – besonderen Nachdruck und höhere Bedeutung verleihen wollten, so haben sie ihm nicht selten eine Vorgeschichte angedichtet: es einem Seher, Propheten oder Priester so in den Mund gelegt, als hätte er es schon angekündigt, ehe es eintraf. Vaticinium ex eventu (nachträgliche Weissagung, wörtlich: »Weissagung vom Ereignis aus«) nennt man dieses Verfahren. Seine Anwendung war beliebt, aber nicht obligatorisch. Im Evangelium hingegen bekommt es einen neuen, geradezu systematischen Status. Es wird zum Konstruktionsprinzip. Nicht so, daß zu jedem berichtenswerten Ereignis eine Vorankündigung erfunden wird. Oft firmieren die historischen Ereignisse selber als Vorankündigungen. Nachdem für die Hinterbliebenen Jesu als beschlossene Sache gilt, daß ihr Herr auferstanden sei, werden die Begebenheiten seines Lebens in der Rückschau so dargestellt, als weissagten sie bereits diesen eventus. Er ist der archimedische Punkt der Konstruktion. Von ihm aus und auf ihn hin sind die Worte und Taten Jesu von Anfang an zusammengetragen worden, längst ehe sie im Markusevangelium ihren ersten großen schriftlichen Niederschlag fanden – etwa vierzig Jahre nach Jesu Tod.

Ein Evangelium mußte zwei Anforderungen genügen: Zum einen so viele Begebenheiten des Lebens Jesu sammeln wie möglich; je mehr davon, desto plastischer und greifbarer die historische Gestalt. Zum andern diese Begebenheiten auferstehungskonform darstellen, will sagen, sie so zurechtrücken, daß sich in jeder von ihr der rettende Auferstandene avant la lettre zeigt. In den Worten eines anerkannten Neutestamentlers: »Der historische Jesus begegnet uns im NT [= Neuen Testament], der einzigen wirklichen Urkunde über ihn, eben nicht, wie er an und für sich gewesen ist, sondern als der Herr der an ihn glaubenden Gemeinde.« »Und die Hoheit Jesu tritt dann am deutlichsten zutage, wenn seine ersten Jünger schon meinten, seine Worte abschwächen und korrigieren zu müssen, weil sie ihn anders nicht ertragen konnten.«5 Die Theologensprache hat für solche Korrektur zugunsten der »Hoheit« so schöne Namen wie »Kerygma«, »Christologie« oder »Soteriologie« erfunden. Umgangssprachlich würde man schlicht von »Fälschung« sprechen. Selbstverständlich sind die Evangelien nach den Kriterien seriöser Historik Geschichtsfälschungen. Nur daß sich diese Fälschungen einen Haufen Steine in den Weg legen, indem sie respektvoll Worte und Begebenheiten aufbewahren, die sich als ausgesprochen fälschungsunfreundlich erweisen, weil sie einen historischen Eigensinn haben, der sich nur mit viel Mühe oder gar nicht auferstehungskonform zurechtbiegen läßt. So gewiß bei der Komposition der Evangelien Betrug im Spiel ist – er wird immer wieder von Anfällen historischer Redlichkeit unterlaufen. Warum so kompromittierende Sätze wie »Und sie verließen ihn und flohen alle«? Offenbar, weil es so gewesen ist. Historische Ereignisse und auferstehungskonforme Deutung kommen in keinem der Evangelien zu voller Übereinstimmung, nicht einmal im Johannesevangelium, das den historischen Jesus bis an den Rand der Unkenntlichkeit stilisiert. Es ist zu simpel, die Evangelien auf pure Betrugsabsicht zu reduzieren. Sie sind vielmehr in jener Grauzone von Idealbildung, Selbsttäuschung und Täuschung entstanden, von der keine Menschenseele ganz frei ist, sobald es ums Lebensentscheidende, um Schmerz und Lust, Tod und Liebe geht.

Halbwegs aufgeklärte christliche Theologen räumen heute anstandslos ein, daß die Evangelien zur Idealbildung neigen. Nehmen wir etwa die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, der mit seinen Eltern wie alljährlich nach Jerusalem zum Passahfest gezogen war, ihnen dort abhanden kam und schließlich im Tempel wiedergefunden wurde, wie er »mitten unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und sie befragte. Alle aber erstaunten über seine Einsicht und seine Antworten.« (Lk 2, 46 f.) Man muß keine nennenswerte Überzeugungsarbeit mehr dafür leisten, daß das eine Legende ist. Das vaticinium ex eventu liegt auf der Hand. Es wird erfunden, daß die Eltern Jesu jährlich zum Passah nach Jerusalem reisten – wozu ein Zimmermann aus Nazareth schwerlich Anlaß und Mittel gehabt haben dürfte –, um schon dem Zwölfjährigen (die Zwölf ist die heilige Zahl der Stämme Israels) eine besondere Begabung für etwas unterstellen zu können, was später dem Erwachsenen offenbar mehrfach gelungen ist: Schriftgelehrte in größtes Erstaunen zu versetzen. Und indem der Tempel zur Bühne dieses Auftritts wird, bekommt die Szene zudem den Status eines kindlichen Präludiums zu jener historischen Begebenheit, mit der Jesus gegen Ende seines Lebens mehr als nur Erstaunen ausgelöst hat: der Tempelaustreibung.6 Oder nehmen wir die Geschichten, wo Jesus Tote auferweckt: die namentlich nicht genannte Tochter des Jairus, die wie zufällig auch gerade zwölf Jahre alt war (Mk 5, 35 ff.), oder einen historisch nicht nachweisbaren Lazarus (Joh 11). Eine überschwengliche Phantasie hat hier die Heilkraft, die Jesus offenbar an gewissen Krankheiten bewies,7 zur Fähigkeit überdehnt, Tote wiederzubeleben, als hätte er gelegentlich vorab schon einmal Kostproben seiner eigenen, finalen Auferstehung gegeben. Man riecht förmlich die fromme Flunkerei in solchen »Proben«. Die Evangelisten haben sich nicht gescheut, sie zu erzählen, als wären sie wahr, haben daraus aber wenigstens keine Hauptbeweisstücke zu machen versucht. Weil Jesus schon in seinem Erdenleben sporadisch Tote auferweckte, ist seine und unsere finale Auferweckung verbürgt: Auf diesen Schluß den gesamten christlichen Glauben zu gründen, wagten sie dann doch nicht. Offenbar war ihnen nicht ganz wohl bei diesen Geschichten. Vielleicht spürten sie auch den theologischen Pferdefuß darin. Einer Auferweckung, die die Betroffenen lediglich ins irdische Leben mit all seinen Widrigkeiten zurückholt, fehlt ja gerade das im christlichen Sinn Rettende: die endgültige Überwindung von Leid und Tod.

Wenn man bei den Evangelien von Idealisierung spricht, meint man: Die ungewöhnliche historische Gestalt Jesu ist durch Überhöhung und Übertreibung noch weit ungewöhnlicher dargestellt worden, als sie je war. Daran Abstriche zu machen, fällt Theologen heute nicht mehr schwer, solange sie sagen können: Mag die Idealisierung auch zum Evangelium gehören wie das Klappern zum Handwerk – sie ist nicht sein Anfangsimpuls. Idealbildung trat zum Evangelium erst hinzu, als es schon da war. Hervorgegangen jedoch ist es aus einem grundstürzenden, beispiellos radikalen Gesinnungswandel. Man bedenke: Die abtrünnigen Gefolgsleute Jesu sind zu den beharrlichsten Gewährsleuten seiner Auferstehung geworden. Das ist der urevangelische Impuls: eine schlechterdings unfaßbare Kehrtwende. Warum sollten Menschen, die ihren Meister schmählich im Stich gelassen haben, nachträglich ihr Leben dafür riskieren, daß sie ihn als Auferstandenen verkündigen? Hier versagt alle Psychologie. Die Kehrtwende der Abtrünnigen konnte allein durch höheres Eingreifen bewirkt werden: dadurch, daß Jesus sich ihnen tatsächlich als auferweckt, als rettender »Herr«, »Christus« und »Sohn Gottes« mitgeteilt hat.

Heiligung des Schreckens 8

So die theologische Sprechweise am Nervenpunkt der Entstehung des Christentums. Hier muß die Eingeweideschau ansetzen. Die »unfaßbare Kehrtwende«: ist sie wirklich so unfaßbar und beispiellos? Schauen wir einmal über den Tellerrand des Christentums hinaus und werfen einen Seitenblick auf ein uraltes, in allen Kulturen geläufiges Phänomen: das Heilige. Dessen Allerweltsdefinition könnte etwa so lauten: »Heilig« ist jene höhere Macht, der zu Ehren alle Völker – auf ihre je eigene Weise – Opfer darbringen, Säulen, Häuser und Standbilder errichten, Tänze und Gesänge aufführen, Festkleider anlegen oder Selbstkasteiungen veranstalten. Das hebräische qados, das wir mit »heilig« zu übersetzen pflegen, heißt wörtlich allerdings »abgetrennt«, »dem gewöhnlichen Gebrauch entnommen«. Das griechische hagios läuft fast aufs Gleiche hinaus. Es heißt »geweiht«. Orte, Personen, Dinge »weihen« bedeutet so viel wie sie aus dem Alltagsverkehr herausnehmen, herausheben, herauslösen – sie im originären Wortsinn absolut, unbedingt, unvergleichlich machen. Einen ganz ähnlichen Bedeutungsradius hat das polynesische tabu, wörtlich »ausgezeichnet«, erst in zweiter Linie »unantastbar«, »unberührbar«– was wiederum die primäre Bedeutungsschicht des lateinischen sanctus ist. Etwas antasten, berühren heißt so viel wie es in die Zusammenhänge des Alltags hineinziehen, es vergewöhnlichen, entweihen, profanieren. Etwas Heiliges profanieren ist so viel wie die Weltordnung antasten – das Schlimmste, was man tun kann, weswegen das Heilige denn auch furchtbar auf den Frevler zurückschlägt.

Wo das Heilige als das Ehrfurchtgebietende, Gute, Fromme, Tugendhafte vorgestellt wird, ist es bereits in dicke kulturelle Watte eingehüllt, wie Rudolf Otto gezeigt hat. Der Ehrfurcht, so seine nahezu tiefenpsychologische Einsicht, geht in der Geschichte der menschlichen Gefühle etwas weit Elementareres voraus: Furcht und Schrecken. Das Abgetrennte, Absolute, Unbedingte, Unvergleichliche manifestiert sich überall dort auf authentische Weise, wo es mit unvergleichlicher Gewalt erschütternd durch Mark und Bein geht. Das echte Heilige wühlt auf. Seine Erfahrung ist die Erfahrung schlechthin. Ottos Kronzeuge ist das Alte Testament, etwa »der ›Gottesschrecken‹, den Jahveh ausströmen ja senden kann, wie einen Dämon der den Menschen lähmend in die Glieder fährt und der ganz verwandt ist dem deîma panikón (dem panischen Schrecken) der Griechen«. Die Grundschicht des Heiligen wäre somit die »des mysterium tremendum, des schauerlichen Geheimnisses«, »das durch Art und Wesen meinem Wesen inkommensurabel ist und vor dem ich deshalb in erstarrendem Staunen zurückpralle«.9

Die Menschheit hat den Schrecken freilich nicht für sich allein gepachtet. Die ganze Tierwelt laboriert daran. Wo immer sie konnte, hat sie ihn zu fliehen versucht. Und doch ist er ihr nie zum Mysterium geworden. Dazu hat er auf bestimmte Weise bearbeitet werden müssen, und die Bearbeitung zeigt überall dort ihre ersten Ansätze, wo Organismen gelernt haben, Einfluß auf ihren natürlichen Fluchtimpuls zu nehmen. Nichts erträgt ein Nervensystem so schlecht wie den Schock: den unvorbereiteten Einbruch eines Reizschwalls, den es nicht zu kanalisieren und abzuführen vermag. Und je größer und verzweigter ein Nervensystem, desto empfindlicher ist es für Schocks. Sie bekommen die Intensität traumatischen Schreckens. Der wirkt auf Nervenzellen wie ein kategorischer Imperativ: als etwas strikt zu Meidendes oder zu Fliehendes. Nur gelingt die Flucht nicht immer. Manchmal ist es zu spät. In solchen Situationen höchster Not sind einige Tierarten darauf verfallen, durch Stillstand statt durch Bewegung zu fliehen. Sie stellen sich tot und versuchen, sich ihrer Umgebung bis zur Unkenntlichkeit anzugleichen. Der Hase macht sich dem Erdboden gleich, in den er sich duckt, die Spannerraupe dem Ast, auf dem sie hockt, die Scholle nimmt gar die Farbe des Meeresgrunds an. Mimikry nennt man das. In ihr hemmt sich der Fluchtimpuls selbst – um des Überlebens willen.

Es gibt jedoch eine Spezies, die über solche Mimikry hinausgelangt ist. Sie hat ihren Fluchtimpuls nicht nur bis zum Stillstand gelähmt, sondern ihn aktiv in die Gegenrichtung umgebogen. Sie hat, mit andern Worten, die Flucht nach vorn angetreten und etwas vollkommen Widersinniges begonnen: beim Schrecklichen Zuflucht vor dem Schrecken zu suchen. Doch erst mit diesem Widersinn ist Sinn in die Welt gekommen. Erst dadurch ist der Schrecken doppelbödig geworden: nicht mehr bloß furchtbare Naturgewalt, sondern zugleich die Macht, die davon erretten soll. Nur was rettet, stiftet Sinn. Das gilt von den rohsten Anfängen menschlichen Kults bis hinauf in den feinsten Monotheismus. Schrecken als solcher aber rettet nicht. Er ist einfach nur furchtbar. Erst durch die Wendung der Flucht von ihm weg zu ihm hin wird er zum sinnstiftenden Mysterium. Das Heilige ist also nicht, wie Otto glauben machen wollte, die übernatürliche göttliche Macht, die aus unerforschlichem Ratschluß für gut befand, sich der Menschheit erst einmal im Schrecken zu bekunden, ehe sie zartere Töne anschlug. Umgekehrt: Das Heilige ist gewendeter, geheiligter Schrecken – eine elementare Interpretationsleistung gepeinigter Nerven, die ihm nicht anders zu entrinnen wußten, als daß sie ihn in bestimmter Weise guthießen.

Wenn es eine »unfaßbare Kehrtwende« in der Naturgeschichte gibt, dann ist es die Umwendung des natürlichen Fluchtimpulses. Gewiß, die Spezies, die dieses Kunststück vollbrachte, verfügt über das größte Gehirn – nicht absolut, wohl aber im Verhältnis zum Körpervolumen. Ihre Körper sind am meisten von Nervenzellen durchzogen, also buchstäblich die nervösesten, schreckempfindlichsten. Aber so wenig Durst schon für ein Getränk sorgt, so wenig bürgt Schreckanfälligkeit schon für ein Mittel zu ihrer Linderung. Woher der Homo sapiens die Kraft und Ausdauer nahm, um seinen natürlichen Fluchtimpuls gegen sich selbst zu wenden, ihn in originärem Wortsinn reflexiv zu machen; und wie er es vermochte, daraus eine Überlebensstrategie zu machen, die derart erfolgreich war, daß er schließlich als »Krone der Schöpfung« erscheinen konnte: das wird sich nie zureichend erhellen lassen. Insofern ist die Wendung des Schreckens ein Mysterium: unfaßbar.

Durchaus faßbar hingegen ist die Verlaufsform dieser Wendung, zumal sie nie bloß eine innere Umkrempelung des Gefühlshaushalts war, sondern stets handfeste äußere Erscheinungsformen hatte. Je älter sie sind, desto »physiologischer« die Umwendungspraxis, die sich in ihnen manifestiert. Begonnen haben dürfte sie nahezu reflexhaft: durch Wiederholung des traumatischen Schreckens, mit dem das Nervensystem nicht fertig wurde. Indem er aus eigenem Antrieb wieder und wieder veranstaltet, gewissermaßen in eigene Regie genommen wurde, konnten sich allmählich neuronale Bahnen bilden, um ihn abzuleiten. Oder erlebnistheoretisch gesagt: Durch absichtliche Wiederholung konnte der Schrecken in den Alltag integriert werden, nach und nach seine Unvergleichlichkeit und Unerträglichkeit verlieren, aus etwas schlechterdings Fremdem in etwas Vertrautes übergehen. Die Anfänge davon kennen wir nicht. Man kann sie sich kaum diffus und roh genug vorstellen. Dennoch haben sie eine rekonstruierbare Physio-Logik. Sie besteht darin, selbst noch einmal zu tun, was einem getan wurde. Das durch Überfälle wilder Tiere traumatisierte Kollektiv fällt seinerseits über einige der Seinen her, um das Trauma loszuwerden. Den erschütternden Lärm von Erdbeben und Unwettern sucht es durch wiederholtes eigenes Kreischen und Lärmen zu bewältigen. Historisch greifbar wird solche Umwendung durch Wiederholung freilich erst in einem Spätstadium – dort, wo sie über ihre reflexhaften Anfänge weit hinaus und längst zu festen Verlaufsformen geronnen ist: denen des Opfers.

Über Opfer wundert man sich viel zu wenig. Zunächst sind es ja blutige Opfer. Sie werden nicht freiwillig dargebracht, sondern, wie eine kulturübergreifende Sprachregelung besagt, um den »Zorn« höherer Mächte zu »besänftigen«. Aber was tut man da eigentlich? Man schlachtet imaginären Mächten etwas vom Kostbarsten hin, was man hat. Um Angst und Schrecken loszuwerden, begeht man selber etwas Schreckliches. Das wäre nur absurd und unbegreiflich, ließe sich darin nicht der Kunstgriff der Fluchtumwendung erkennen, der den Homo sapiens zum erfolgreichsten Tier auf Erden hat werden lassen. Hominidenkollektive, die immer wieder den Zwang verspüren, die kostbarsten Lebewesen – und das heißt im Klartext: ihresgleichen – gemeinschaftlich zu schlachten, beginnen die Fluchtumwendung zu ritualisieren und üben so die Heiligung des Schreckens ein. Otto bietet eine unübertreffliche Formel für diesen Vorgang: »Vor dem mir graut – zu dem michs drängt.«10 Aber er hat von seiner Funktionsweise so gut wie nichts begriffen.

Hier muß Sigmund Freud weiterhelfen. Ohne von Ottos religionspsychologischer Studie Notiz zu nehmen, hat er, nahezu zeitgleich, nämlich gegen Ende des ersten Weltkriegs, an Kriegstraumatisierten einen peinigenden Wiederholungszwang entdeckt, der den Betroffenen im Traum »immer wieder in die Situation seines Unfalls zurückführt, aus der er mit neuem Schrecken erwacht«.11 Freud hat sogleich bemerkt, daß solche Träume Selbstheilungsversuche sind. Besagte Kriegsteilnehmer haben durch neben ihnen einschlagende Geschosse oder den Anblick zerfetzter Kameraden deshalb ein so tiefsitzendes Trauma davongetragen, weil ihr Nervensystem jäh davon überrascht wurde. Es konnte sich nicht genügend darauf einstellen; dazu fehlte ihm die nötige Angst. Angst haben heißt ja eine bestimmte Gefahr erwarten. »Ich glaube nicht,« sagt Freud daher, »daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt.«12 Und so versucht das Nervensystem, den Schrecken, auf den es sich nicht genug vorbereiten konnte, sozusagen nachzubereiten: durch nachträgliche Angstentwicklung – dergestalt, daß der Traumatisierte die unbewältigte Schrecksituation im Traum immer wieder halluziniert.

Das Leiden an solchen Traumata ist zermürbend, zumal die Selbstheilungsversuche, die das Traumleben der Betroffenen unternimmt, gewöhnlich nicht ausreichen, um sie zu kurieren. Sie bedürfen zusätzlicher therapeutischer Hilfe. Ihr Leiden ist, verglichen mit den Anfängen der Menschheit, freilich schon etwas kulturell weich Eingebettetes. Es ist bloß noch der Traum, worin es voll ausbricht. Im Wachzustand ist es halbwegs unter Kontrolle. Der Traum aber verweist stets in die Vergangenheit; nicht nur in die eigene Kindheit, an die das Traumleben immer wieder anknüpft, sondern auch in die Kindheit der Menschheit. Der Traum ist »primitive Denktätigkeit«13, sagt Freud und meint damit: Was Menschen heute in der Regel nur noch im Schlaf tun, nämlich Bilder, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Lust- und Schmerzempfindungen zu halluzinieren, das war vor sehr langer Zeit bei ihren altsteinzeitlichen Vorfahren auch im Wachzustand die Regel. Halluzination ist die primitivste Form des Denkens. Stimmen hören, Gestalten sehen, Gerüche riechen, für die ersichtliche äußere Ursachen fehlen und die allen andern in unmittelbarer Umgebung verborgen bleiben: das ist heute das klinische Kriterium für eine Psychose. Sie ist definiert als krankhafte Unfähigkeit, zwischen Wahrnehmung äußerer Reize und innerer Vorstellung zu unterscheiden. Doch genau diese Differenz hat die Menschheit in ihren Anfängen unendlich mühselig lernen müssen. Innere Bilder, Vorstellungen, Gedanken sind ja nicht fertig vom Himmel gefallen. Sie haben von der Außenwelt und ihrer Wahrnehmung erst einmal abgelöst werden müssen. In der ersten, sich über viele Jahrtausende erstreckenden Ablösephase kann es gar nicht anders gewesen sein, als daß Inneres und Äußeres noch nahezu ununterschieden aneinanderklebten, wie es auch als sicher gelten darf, daß Naturwesen nicht aus Spaß die Anstrengung auf sich nehmen, von ihren Wahrnehmungen etwas so unerhört Neues abzuzweigen wie innere Vorstellungen. Die ungeheure Nervenarbeit, die da zu leisten war, deutet darauf hin, daß es etwas Ungeheures zu bewältigen gab, wie ja heute noch die Halluzinationen des alltäglichen Träumens, wenn auch zumeist in harmlosem Kleinformat, damit beschäftigt sind, unerledigte Reize zu bewältigen. Nicht von ungefähr nannte Freud die Traumtätigkeit »Traumarbeit«14.

Wenn alles Denken anfangs halluzinatorisch war, so heißt das umgekehrt auch: Es gibt kein elementareres und sinnlicheres Denken als die Halluzination. Allerdings folgt daraus nicht, daß unsere Altsteinzeitvorfahren genau so gedacht haben, wie wir träumen. Der Traum ist nur noch Halluzinationsrückstand, nur noch Untergrund jenes mentalen Raums, der in seiner Entstehungsphase von nichts als Halluzination erfüllt und noch bar jeglicher abstrakteren Vorstellung war, von Begriffen und ihrer Verknüpfung zu Urteilen und Schlüssen ganz zu schweigen. Die in den Untergrund gedrückte, nur im Schlaf aufsteigende und selbst dann noch zensierte Halluzination ist ein gestauchter Rest derjenigen, die einst das ganze mentale Leben ausgemacht hat. Dennoch sind beide wesentlich »primitive Denktätigkeit«. Die Grundmechanismen, die Freud am Traum herausgearbeitet und als seelischen »Primärvorgang« bezeichnet hat, sind keineswegs auf den Traum beschränkt; sie sind konstitutiv für jegliche Halluzination, also Primärmechanismen des menschlichen Denkens selbst, um nicht zu sagen, Grundmechanismen der Menschwerdung. Freud war auf nichts so stolz wie die Entdeckung »des sogenannten psychischen Primärvorganges« und nannte sie »unsere tiefste Einsicht in das Wesen der nervösen Energie«.15 Ausgerechnet die Reichweite dieser »tiefsten Einsicht« hat Freud gründlich unterschätzt, genauso wie er die Funktionsweise des traumatischen Wiederholungszwangs am Traumleben von Unfall- und Kriegstraumatisierten offenlegte, aber nicht bemerkte, daß er damit noch viel mehr entdeckt hatte, nämlich den menschheitsgeschichtlichen Primärvorgang der Konstitution des Heiligen: »Vor dem mir graut – zu dem michs drängt.«16

Der Primärvorgang dabei ist zunächst ein ritueller: den Schrecken durch Schlachtung zelebrieren. Der zelebrierte Schrecken ist freilich nicht mehr Naturschrecken pur, sondern gestalteter Schrecken. In der Natur ist er dezentral und regellos. Hier wilde Tiere, dort Unwetter, Überschwemmung, Erdbeben, Feuersbrunst. Im Ritual hingegen wird er zentralisiert und geregelt, das heißt von den verschiedenen Orten seines sporadischen Auftretens verschoben an einen besonderen Ort und dort zum Schrecken schlechthin, zum heiligen Schrecken verdichtet. Verdichtung und Verschiebung sind für Freud »die beiden Werkmeister«17 des Traums. Sie machen seinen »Primärvorgang« aus. Sie sind aber weit »primärer« als von Freud gedacht, konstituieren nicht erst den Traum, sondern schon den rituellen Raum, der gleichsam den Nährboden aller halluzinatorischen Kräfte bildet und zudem auf verblüffend einfache Weise transparent werden läßt, wie Verdichtung und Verschiebung mit der Umkehrung zusammenhängen, deren Wichtigkeit für Freud unzweifelhaft war, deren Status im Primärvorgang ihm aber nie ganz klar wurde.18 Nun zeigt sich: Die Umkehrung ist die Angel, in der sich der Primärvorgang dreht. Verdichtung und Verschiebung sind im Dienste der Umkehrung des Schreckens überhaupt erst in Gang gekommen.

Einmal umkehren genügt freilich nicht. Der gewendete Schrecken ist ja immer noch schrecklich. Er bedarf dringend weiterer Abmilderung, und so hat Homo sapiens von seiner Flucht nach vorn allmählich einen Fluchtweg abgezweigt und gebahnt, der nach innen führte. Auf dem Boden des rituellen Raums tat sich, sozusagen als dessen genius loci, der mentale Raum auf, worin die Schreckbewältigung in einen neuen, sublimeren Aggregatzustand überging und sich zu einer neuen Art von Gestalt verschob und verdichtete: zum inneren Bild des Schreckens. Das innere Bild hat als Notausgang begonnen. Es halluziniert den Schrecken als die höhere Macht, die die Schlachtung »will«. Erst dadurch ist die Schlachtung überhaupt zum Opfer, zur Darbringung geworden, hat einen Adressaten, ein Wozu, einen höheren Sinn bekommen, der ihr Grauen milderte. Was auf griechisch theoria heißt, nämlich das »Sehen des Göttlichen«, hat in der Halluzination eines Adressaten, eines Sinnstifters der Schlachtung seinen Anfang. Theorie hat als verzweifelte Besänftigung von Praxis begonnen. Im Opferritual sind beide auseinandergetreten, hier hat die Halluzination angefangen, sich von Sensorik und Motorik abzulösen, hier zeigt sich der Primärvorgang in seinem primären Stadium. Es besteht daher aller Anlaß, Freuds »tiefste Einsicht« bis in dieses Stadium voranzutreiben und seine Traumdeutung überall dorthin auszudehnen, wo es jene »primitive Denktätigkeit« aufzuhellen gilt, von der der Traum bloß der gestauchte Rest ist.

Abtrünnige Gefolgsleute – anhängliche Gewährsleute

Blickt man im Licht dieses kleinen Exkurses über die Heiligung des Schreckens auf die »unfaßbare Kehrtwende« am Ursprung des Christentums zurück, wird sie um einiges faßlicher. Fest steht: Es war eine Schar einfachen Volks, die mit Jesus nach Jerusalem zog. Daß seine ersten Anhänger Fischer vom See Genezareth waren, ist nicht erfunden. Vielmehr erregte Anstoß, daß derart einfache, ungebildete Leute die dienstältesten Träger einer grundstürzend neuen, höchst prätentiösen Weltsicht sein sollten. Und so entstand schon früh die Legende, Jesus habe aus den gemeinen Fischern Simon (später Petrus genannt) und Andreas, als er sie zu seinen Jüngern berief, etwas Höheres gemacht: »Menschenfischer« (Mk 1, 17) – eine denkbar schiefe Metapher, die durch Worte bekehrte Menschen mit im Netz zappelnden Fischen vergleicht. Als sicher hingegen darf gelten, daß Jesus seine Begleiterschar mit höchsten Erwartungen aufgeladen hatte. In Jerusalem sollte nicht irgendetwas passieren, sondern »das Reich kommen«: die bestehende Welt aufhören und eine völlig neue beginnen, die mit Entstehen und Vergehen, Sieg und Niederlage, Trauer und Elend nicht länger geschlagen ist. Um so größer das Desaster. Derjenige, der »das Reich« sozusagen vorverkörperte, wird gefangen genommen und gekreuzigt, und als sicher darf nur noch zweierlei gelten: Alle Jünger verließen ihn und flohen, und zumindest einige erfuhren von seiner Kreuzigung und seinem lauten Schreien, ehe er starb,19 sei es durch Stadtgespräch, sei es durch fernes, verstohlenes Zuschauen. Dann verliert sich ihre vorösterliche Spur, und erst nach einer schwer zu ermessenden Zeitspanne –»am dritten Tag« ist eine ganz unglaubwürdige, der magischen Dreizahl geschuldete Angabe20 – treten sie gemeinsam wieder hervor: als die ersten Christen.21

Was in der Zwischenzeit geschehen ist? Wir wissen es nicht. Offenbar hatten die Jünger später keinerlei Interesse daran, ihre Erinnerung an diese Tage zum Bestandteil der urchristlichen Botschaft zu machen. Wo sie sich nach der Kreuzigung Jesu aufgehalten, was sie gesagt und getan haben, dies alles wäre verdammt interessant, aber niemand hat es aufbewahrt. Und dennoch darf man gewiß sein, daß sie bestimmte Dinge sicher nicht getan haben: etwa gemütlich in einer Schenke sitzen und Würfel spielen. Sie waren in Panik geflohen, ihr über Jahre hinweg aufgebautes Selbst- und Weltverständnis war zutiefst erschüttert. Kurzum, daß sie traumatisiert und gefährdet waren, allen Anlaß hatten, sich entweder zu verkriechen oder sich ihrer Umgebung bis zur Unkenntlichkeit anzugleichen, also ihren Herrn zu »verleugnen«, um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie er: das kann man auch wissen, ohne die Details ihres Verhaltens zu kennen. Und dann – ob nach Tagen, Wochen oder Monaten, läßt sich schwer sagen – kam der Umschwung. Die abtrünnigen, untergetauchten Gefolgsleute Jesu traten als seine anhänglichsten Gewährsleute hervor. Die Panik war von ihnen abgefallen. Ihre Fluchtrichtung hatte sich umgekehrt.

Die älteste erhaltene Kunde von dieser Kehrtwende stammt aus zweiter Hand – von einem, der Jesus nie kennengelernt hat und sich dennoch in die Reihe der authentischen Zeugen seiner Auferstehung stellt: Paulus. Als er den ersten Korintherbrief schreibt, ist die Kehrtwende etwa zwanzig Jahre her. Er kennt sie nur vom Hörensagen. Bei seiner Einweisung ins Christentum hat er sie als jene eiserne Ration des Evangeliums mitgeteilt bekommen – wie und von wem, sagt er nicht –, die er der Gemeinde zu Korinth so weitergibt: »Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich selbst empfangen habe: daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach den Schriften, und daß er begraben wurde, und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach den Schriften, und daß er gesehen wurde von Kephas, dann von den Zwölfen, danach wurde er von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen […]; dann wurde er von Jakobus gesehen, dann von allen Aposteln; zuletzt von allen wurde er, als von einer Fehlgeburt, auch von mir gesehen.« (1Kor 15, 3 – 8)

Wie fern sind diese Worte dem historischen Jesus bereits! Sein Kreuzestod kommt nur noch doppelt abgefedert vor: als geschehen »für unsere Sünden« und »nach den Schriften«, will sagen, nicht mehr als grauenhaftes, sondern schlechterdings rettendes, sinnstiftendes Ereignis, und im Einklang mit den Schriften, die den Juden heilig waren. Mit andern Worten: Diese Schriften – gemeint sind vornehmlich Pentateuch, Propheten und Psalter – haben vorausgesagt, daß Jesus »für unsere Sünden« sterben werde. Das vaticinium ex eventu gehört bereits zu jenen wenigen Sätzen, die Paulus als Evangeliumsextrakt ausgibt. Mehr noch: Hier zeigt sich die Elementarfunktion der nachträglich fingierten Weissagung. Besonderen Ereignissen eine höhere Bedeutung beilegen heißt nämlich zunächst, ihr Grauen abzumildern. Sie werden erträglicher, wenn man sich sagen kann: Es war so vorgesehen; Gott hat es so gewollt. Auch mit der Auferstehung war offenbar besser zurechtzukommen, wenn sie als ein Ereignis »nach den Schriften« deklariert wurde. Die beiden grundstürzenden, ebenso untrennbaren wie gegenläufigen Heilsereignisse, die das Evangelium verkündete, verlangten nach einem vertrauten Koordinatensystem, um überhaupt verkraftet werden zu können. Kurzum, sie verlangten nach »den Schriften«, nach Integration ins Judentum, als seien sie nicht der Bruch mit der langen Tradition jüdischer Heilserwartungen, sondern die Erfüllung, auf die sie allesamt zustreben und vorausdeuten, ja als habe Jahwe, der Gott Israels, die gesamte Geschichte auf sie hin angelegt, als zeige er erst in Tod und Auferstehung Jesu ganz, wer er sei.

Dann erst reicht Paulus das dritte Ereignis nach, ohne das die andern beiden gar nicht hätten verkündet werden können: Christus »wurde gesehen« (griechisch: ophte), zuerst von Kephas22, dann von »den Zwölfen«, dem innersten Kreis um Jesus, der in der Urgemeinde offenbar viel zu bekannt war, als daß Paulus ihn namentlich aufzählen mußte. Dann sollen »mehr als fünfhundert Brüder auf einmal« Jesus »gesehen« haben, ein Massenereignis, von dem es keine weitere Notiz gibt, allenfalls einen vagen Nachhall in der Pfingstgeschichte; und dann kommen die Nachzügler: Jakobus, höchstwahrscheinlich der »Herrenbruder«, der einzige in der urchristlichen Gemeinde außer den Jüngern, der Jesus persönlich gekannt hat, aus einer bestimmten Perspektive vielleicht besser als alle andern, von dem man aber weder weiß, wie er zur christlichen Gemeinde stieß, noch was er »sah«, als ihm sein leiblicher (Halb?)-Bruder plötzlich als Christus »erschien« oder was er sonst über ihn dachte, sondern nur, daß ihm in der Jerusalemer Gemeinde zunehmend die Stellung der obersten Autorität zuwuchs. Dann kommen »alle Apostel«, ebenfalls ohne Namensangabe, weil offenbar ebenso bekannt wie »die Zwölf«. »Die Zwölf« sind der engste Kreis der Apostel; aber es gab deren mehr als zwölf. Alle Apostel sind dadurch qualifiziert, Christus »gesehen« zu haben; das gilt auch noch für den letzten in ihrer Reihe, der sich als apostolische »Fehlgeburt« bezeichnet und damit womöglich einen aus dem ältesten Jerusalemer Gemeindekreis gegen ihn gerichteten Schimpfnamen aufnimmt: Paulus selbst. Aber es gibt auch Leute, die Christus »gesehen« haben, ohne Apostel zu sein. Die »mehr als fünfhundert Brüder«, die ihn »auf einmal« gesehen haben sollen, sind dadurch nicht pauschal zu fünfhundert Aposteln promoviert worden. Es gab für Paulus also bereits ein apostolisches Sehen und ein im Vergleich dazu subalternes, ohne irgendeinen Hinweis darauf, wie beide zu unterscheiden wären.

»Nach den Schriften«: das war schon vage genug, zumal durch kein einziges Schriftzitat gestützt: ophte (»wurde gesehen«) ist noch um eine Spur lakonischer. Gewöhnlich kann kein Zeuge, der zur Erhellung eines Tathergangs beitragen will, sich damit begnügen, vom Tatverdächtigen lediglich zu behaupten, daß er ihn »gesehen« habe. Er muß hinzufügen, wann, wo, unter welchen Umständen, sonst ist er völlig unglaubwürdig. Von alledem bei Paulus kein Wort, und das, obwohl er für sich in Anspruch nimmt, Christus nicht minder »gesehen« zu haben als Petrus oder »die Zwölf«. Man bedenke: Das kahle, nackte »wurde gesehen« ist der Fels, auf den die christliche Botschaft sich gründet. Und was tun all die klugen und gelehrten Theologen, die sonst kein historisches Detail, das zum besseren Verständnis neutestamentlicher Texte beitragen könnte, unerhellt lassen, die das Christentum scharfsinnig mit griechischer Philosophie und europäischer Aufklärung zu verbinden wissen, die gnadenlos jede Schwachstelle der Marxschen oder Freudschen Religionskritik aufdecken? Sie nehmen das windige »wurde gesehen« hin, als wäre es das solideste Fundament, ignorieren seine schreiende Erläuterungsbedürftigkeit einfach oder spielen sie aufs Fadenscheinigste herunter – und loben die »Zeugen« der Auferstehung womöglich noch für ihre weise Enthaltsamkeit gegenüber der Versuchung, Jesu Auferstehung indiskreten menschlichen Beschreibungsversuchen auszusetzen.23

Untot – auferstanden

Jesus »wurde gesehen«– ausschließlich von Christen, versteht sich. Es ist niemand bekannt, der ihn nicht als Christus verehrt und ihn gleichwohl nach seiner Kreuzigung noch gesehen hätte. Es gibt keine neutralen Zeugen. Wer auf Zurechnungsfähigkeit Wert legt, kommt schwerlich an dem Befund vorbei, daß Leute, die jemanden nach seinem Tod als ihren Retter »sehen«, während er allen andern in ihrer Umgebung hartnäckig verborgen bleibt, milde gesagt eine Vision haben. Schärfer gesagt: Sie halluzinieren. Das muß sie keineswegs sogleich disqualifizieren. Halluzination ist, wie oben gezeigt, zunächst einmal primitive Denktätigkeit, und das schließt ein: maximal sinnliche und erregte Denktätigkeit. Glaube ist »Betroffensein« von etwas, »was uns unbedingt angeht«, sagt Paul Tillich.24 Das trifft auf die Halluzination voll zu. Von hier aus ließe sich schnell der unfruchtbare Streit schlichten, ob Glaube als Betroffensein etwas anderes ist als Denken oder nur eine Spielart davon, nämlich »mit Zustimmung denken«, wie es in der Scholastik heißt. Halluzination ist Denktätigkeit, aber in einem Stadium, wo man sie von sinnlicher Wahrnehmung und Erregung noch gar nicht trennscharf unterscheiden kann. Es gibt keinen authentischen Glauben ohne die Tiefenschicht primitiver Denktätigkeit, und am Beginn des Christentums bestand der Glaube nahezu nur aus dieser Schicht.

Schauen wir uns unter diesem Gesichtspunkt den Fischer Petrus, ein schlichtes Gemüt aus der galiläischen Provinz, aber stark erregbar und hoch empfänglich für die Erwartungen, die Jesus entfachte, etwas genauer an, so läßt sich einiges darüber herausbekommen, was dahintergesteckt haben dürfte, als er eines Tages verkündete, seinen Herrn »gesehen« zu haben. Als erster Jünger Jesu, der ihm besonders nahe gestanden hatte, war er auch von seiner Gefangennahme und Kreuzigung besonders traumatisiert – und zudem besonders gepeinigt davon, daß er Reißaus genommen und seinen Herrn kläglich im Stich gelassen hatte. Das ist keine bloße Vermutung. Wie sehr ihn seine Schuld plagte, hat sich in der Geschichte von seiner Verleugnung Jesu niedergeschlagen. Es gab nicht den geringsten Anlaß, etwas so Unschönes zu erfinden, wohl aber einigen, es abzumildern, und das tut die Geschichte schon ihrer ältesten überlieferten Form gleich doppelt. »In dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen« (Mk 14, 30), legt sie Jesus in den Mund. Ein weiteres vaticinium ex eventu. Weil Jesus die Verleugnung voraussah, war sie vorgesehen – ungemein schäbig zwar, aber dennoch eine Fügung. Ein Zahlenspiel – zweimal krähen, dreimal verleugnen – gibt ihr zudem das Ansehen eines geradezu rituell sanktionierten Ablaufs. Erst am Schluß der Geschichte schimmert Ungeschminktes durch: Petrus »verhüllte sich und weinte« (Mk 14, 72).

Das wird sich nicht auf die Stunden nach der Verhaftung Jesu beschränkt, sondern unter dem Eindruck seines grauenhaften Tods noch entschieden verstärkt haben. Und in dieser desolaten Situation begannen die »Bewältigungsversuche eines Überwältigten«. Überwältigt war er ebenso vom Zusammenbruch all dessen, was Jesus in ihm aufgebaut hatte wie vom Gefühl, am Tod seines Herrn mitschuldig zu sein. Wie sollte da ausbleiben, daß der gestorbene Jesus im Nervensystem seines engsten Jüngers ein furchtbares Nachleben zu entfalten begann? Man braucht wenig Phantasie, um es sich vorzustellen, wenn man einen Begriff davon hat, was traumatische Erfahrung ist. Petrus mußte sich an Jesus nicht eigens erinnern. Die Erinnerung war übermächtig da. Bei Tag und Nacht, im Traum und im Wachzustand klagte sie ihn an und schüttelte ihn, und wenn er nach solchen Erinnerungsanfällen Jesus »gesehen« zu haben angab, dann gewiß aus ehrlichster Überzeugung.

Den historischen Jesus hatte er fliehen können. Den untoten Jesus, der ihn mit größter Zudringlichkeit heimsuchte und ihn stumm oder laut fragte: »Mein Simon, mein Simon, warum hast du mich verlassen?«– den konnte er nicht fliehen. Hier gab es nur einen Ausweg, nämlich die Flucht nach vorn: vor dem Grauenhaften, was er »sah«, beim Grauenhaften Zuflucht suchen, es in eine von allem Grauen errettende Macht wenden, es »heiligen«. Eine solch ungeheure Umkehrung läßt sich freilich nicht mit einem Mal vollbringen. Sie bedarf vieler heftiger Anläufe, bis sie allmählich gelingt. Kurzum, sie braucht Zeit, und diese Zeit, von der wir nicht wissen, wie lange sie gedauert hat, ist die Inkubationszeit des Christentums. Natürlich kann sie nicht »am dritten Tage« zu Ende gewesen sein. Auch die vierzig Tage von der »Auferstehung« bis zur »Himmelfahrt« Jesu sind mehr als knapp bemessen und selbstverständlich eine nachträglich eingesetzte rituelle Zahl. Sie lehnt sich an die vierzig Jahre an, die Israel beim Auszug aus Ägypten ins gelobte Land in der Wüste verbracht haben soll – als Zeitangabe völlig unzuverlässig, und dennoch sinnig. Die Kehrtwende des Petrus ist gewiß ein Gang durch eine innere Wüste gewesen, die man sich kaum ungemütlich genug vorstellen kann: eine Selbstüberwindung auf Leben und Tod.

Die primitive Denktätigkeit, die sich dabei vollzog, läßt sich dennoch auf eine karge Gleichung bringen: untot = auferstanden. Niemand der sogenannten ersten Zeugen hat je zu behaupten gewagt, er habe gesehen, wie Jesus auferstanden sei. Alle haben nur angegeben, das, was sie gesehen hätten, sei der Auferstandene gewesen. Das aber ist bereits eine Deutung des Gesehenen, um nicht zu sagen, eine Umdeutung, die in all ihrer halluzinatorischen Sinnlichkeit bereits eine logische Schlußfigur enthält: Er ist nicht tot, also ist er auferstanden. Es hätte durchaus noch andere Schlußoptionen gegeben, und eine davon hat das frühste Christentum offenbar direkt bedroht, sei es von innen oder von außen: Er ist nicht tot, also ist er gar nicht gestorben, sei es, daß er scheintot gewesen war, sich irgendwo versteckt hielt oder umging. Das waren lauter furchtbare Vorstellungen für die abtrünnigen Jünger. Daher ihre Insistenz darauf, daß er »begraben« wurde, obwohl nichts dafür spricht, daß auch nur einer von ihnen dabei war. Angeblich »sahen Maria Magdalena und die Maria des Jakobus, wo er hingelegt worden war« (Mk 15, 47). Aber den Ort sollen sie dann hübsch für sich behalten haben? Sehr unglaubwürdig. Die Geschichte vom netten Ratsherrn Joseph von Arimathia, der seine Grabstelle abtritt und sonst nirgends wieder auftritt (Mk 15, 43 ff.), ist ohnehin nicht für bare Münze zu nehmen. Allenfalls mag der Name historisch sein, tatsächlich einem Ratsherrn gehören, der »an das Reich Gottes glaubte«, also Vorstellungen davon hegte, die mit denen im Jesus-Kreis eine gewisse Ähnlichkeit hatten. Aber was dieser Person dann angedichtet wurde, ist auf den ersten Blick als beschwichtigende Legende erkennbar. Wer eine derart schändliche Hinrichtung wie Jesus erlitten hatte, dürfte kaum anders als anonym verscharrt worden sein. Aber nur unter der Voraussetzung, daß Jesus definitiv tot war – und dafür stand »begraben«–, konnte er aufhören, untot zu sein. Sein Begrabensein mußte eigens beschworen werden, um von seinen postmortalen Heimsuchungen loszukommen.

Als Petrus das gelang, erlebte er eine für ihn gewiß unfaßbare Kehrtwende. Sehr plausibel, daß er nicht wußte, wie ihm geschah, als er den untoten Jesus als auferstanden auszurufen begann, sehr glaubwürdig, daß das zunächst nicht in wohlgesetzten Worten vor sich ging, sondern konfus, stammelnd, ekstatisch, wie es die Geschichte von der »Ausgießung des heiligen Geistes«, dem Pfingstwunder, nachträglich stilisiert hat. War doch die Kehrtwende eine Art Selbstexorzismus. Der Dämon einer unbewältigten Vergangenheit, der anklagend an den Nerven riß, war auszutreiben – jenes Gespenst, als das Jesus selbst in den hoch stilisierten Auferstehungslegenden des Lukas nicht aufhört, umzugehen (Lk 24, 37); jene innere Befindlichkeit, die noch Markus als österliches Primärerlebnis verzeichnet: »Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.« (Mk 16, 8)

»Auferstanden«: dies Wort konnte nur dann von dem furchtbaren Dämon erretten, wenn es mehr hieß als »wiederbelebt«, wenn es in engstem Zusammenhang mit den Erwartungen stand, die der historische Jesus geweckt hatte: daß »das Reich komme«. In diesem rettenden Reich sollte es keinen Tod mehr geben, und wenn Jesus »lebte«, dann mußte das so zu verstehen sein, daß er in dieses Reich auferstanden war. Es hatte schon begonnen. Er war den Seinen dahin vorausgegangen. Gewöhnlich wird ein kürzlich Gestorbener, der einem Angehörigen mit großer Zudringlichkeit im Traum erscheint, als Alp erlebt: als jemand, der kommt, um den Träumer zu »holen«. Das Grauen davor in ein Sehnen danach zu verwandeln: das ist die genuine Osterleistung gewesen. Ja, der Vorausgegangene soll uns holen: in sein Reich. Mehr noch: Er wird in Kürze wiederkehren und seine Getreuen holen. Diese Kehrtwende ermöglichte, das zusammengebrochene Erwartungskonstrukt wie einen inneren Tempel wieder aufzubauen, und zwar schöner und größer, als es zuvor gewesen war. Damals stand das Reich nur unmittelbar bevor; jetzt ist es bereits angebrochen. Damals war Jesus nur der Herr seiner Jünger gewesen und jemand, der durch seine Worte und Taten dies Reich gleichsam vorskizzierte. Nun ist das Reich sein Reich und er nicht mehr bloß Herr über eine kleine Schar, sondern der Herr schlechthin, was nach jüdischem Verständnis nur heißen konnte: der Gesalbte (hebräisch: Messias, griechisch: Christos), der wahre, lang erwartete Nachfahre Davids, der sein Volk endlich errettet.

Die Kehrtwende aber ermöglichte noch mehr: das peinigende Schuldgefühl der Abtrünnigen durch eine neue Anhänglichkeit zu überwinden, die die Jesus zu Lebzeiten erwiesene überbot – zum einen, weil sie nun weit mehr in ihm sah als damals, nicht nur den überwältigend authentischen Boten der Rettung, sondern den Retter selbst; zum andern, weil sie nun ein stabileres emotionales Fundament hatte. Die neue Anhänglichkeit war gleichgültiger gegen äußere Gefahren als die alte. Lieber nahm sie die Verfolgung durch Juden und Römer in Kauf, als daß sie die Wiederkehr des furchtbaren Schuldgefühls riskierte.

Allmähliche Verfertigung der Gedanken

Petrus ist der Bahnbrecher dieser Kehrtwende gewesen.25 Aber sie wäre gewiß verpufft, wenn nicht andere abtrünnige Gefolgsleute Jesu in seiner Nähe gewesen wären und ähnlich gefühlt hätten wie er, so daß er sie mitreißen konnte und irgendwann nicht mehr nur er den untoten Jesus als auferstandenen Christus »sah«, sondern auch »die Zwölf«, zu denen er selbst gehörte, und schließlich »alle Apostel«. Und erst aus dieser gemeinsamen Vision konnte der Kehrtwende die Kraft zuwachsen, weitere Kreise zu ziehen und Leute zu erfassen, die bis dato von Jesus nichts wußten. Mit andern Worten: Die Kehrtwende der Jünger konnte in die Bekehrung von Außenstehenden übergehen. Man muß sich das freilich nicht als zwei säuberlich getrennte Phasen vorstellen. Die Wehen der inneren Kehrtwende durchleiden: das war schwerlich möglich, ohne für das, was einem da widerfuhr, nach Worten zu ringen. Jesus als Auferstandenen zu »sehen« bekommen und davon sprechen müssen war eins. Die ihn »gesehen« hatten, waren zu Worten Getriebene; theologisch ausgedrückt: »Apostel«, was ja wörtlich »Abgesandte« heißt. Eine innere Nötigung »sandte« sie, den »Gesehenen« allen, die es hören oder auch nicht hören wollten, ohne Rücksicht auf Gefahren und Verluste zu verkünden.

Die Apostel brauchten Außenstehende, und zwar für das, was Heinrich von Kleist Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden genannt hat. »Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, […] mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. […] Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten […]. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, nach dem ersten Ansatz […]. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte […]. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letztere häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. […] Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben.«26

Das sind unübertroffene Worte für das Hochkulturstadium eines Vorgangs, der am Beginn des Christentums viel primitiver abgelaufen ist. Indem man eine innere Kehrtwende, von der man so auf- und umgewühlt ist, daß man keine Worte dafür hat, Außenstehenden, denen diese Wende völlig fremd ist, mitteilt, findet man überhaupt erst die Worte, die sie einem selbst faßbar machen. Worte geben Fassungslosen die Fassung wieder, und die hatten die Apostel dringend nötig, als es sie hinaustrieb unter die Fremden, um ihnen mitzuteilen, was sie zuinnerst bewegte. Dabei gelangten sie allmählich von ekstatischem Gestammel zu geordneten Worten. Das ist der prosaische historische Kern jenes »Sprachwunders«, das in der Pfingstgeschichte seine legendarische Ausgestaltung gefunden hat. »Sie fingen an, in anderen Sprachen zu reden«, und »jeder hörte sie in seinem eigenen Dialekt reden. Es erstaunten aber alle, verwunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht all diese, die reden, Galiläer?« »Römer, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden. Sie erstaunten aber alle und waren ratlos und sagten einer zum andern: Was will das sein? Andere aber spotteten und sagten: Sie sind voll süßen Weins.« (Apg 2, 4 ff.)

Sobald sich die Apostel aber an Außenstehende wandten, trat eine folgenreiche Differenz ins Christentum. Die authentische Kehrtwende hatten nur Menschen vollziehen können, die zuvor als Jünger mit Jesus gezogen waren. Psychologisch gesprochen: Nur Leuten, die ein ganz persönliches Jesus-Trauma zu verarbeiten hatten, konnte die ungeheure Umkehrungsleistung gelingen, den untoten Jesus als Auferstandenen zu »sehen«. Nur sie waren authentische »Zeugen der Auferstehung« (Apg 1, 22), oder, was in der urchristlichen Fachterminologie auf dasselbe hinausläuft, »Apostel«. Die von ihnen Bekehrten hingegen mußten an keinem Jesus-Trauma mehr laborieren, sondern lediglich in die Fußstapfen derer treten, die es durchgemacht hatten. Das war ungleich komfortabler, aber auch weniger authentisch. Bekehrung ist Kehrtwende zweiten Grades – nicht mehr unmittelbar durch »Sehen«, sondern nur noch durch Hören dessen, was andere behaupten, gesehen zu haben. Das war nicht mehr dieselbe Erfahrung, aber sie sollte dasselbe Resultat haben. Die Bekehrten sollten genauso der Rettung teilhaftig werden wie die Apostel. Genauso? Ja, das sagte die Botschaft. Aber sie tat etwas anderes. Mit jeder erfolgreichen Bekehrung markierte sie erneut den Erfahrungsunterschied zwischen denen, die das »Sehen« des Auferstandenen nur vom Hörensagen kannten und denen, die es persönlich erlebt hatten. Und dieser Unterschied mußte sich niederschlagen. Die neu Hinzukommenden mußten für das unglaubliche Privileg, um das Jesus-Trauma herumgekommen zu sein und trotzdem zu den Rettungskandidaten zu gehören, einen Tribut entrichten. Aber welchen?

Da kam nun etwas ins Spiel, was wiederum die Jesus-Jünger nur vom Hörensagen kannten, aber großen Eindruck auf sie gemacht hatte. Ihr Meister war einst Jünger eines Täufers gewesen. Er hatte ihnen davon erzählt, zwar nicht alles, aber genug, um ihnen die hohe Autorität spürbar zu machen, die dieser Täufer für Jesus zeitlebens behalten hatte. Jesus hatte seine Jünger zwar nicht getauft, und womöglich haben sie nie voll begriffen, warum. Aber sie wußten: Seine eigene Taufe hatte er derart als reinigende Kraft erlebt, daß er nicht aufhörte, sich als Schuldner des Täufers zu fühlen.27 Daran knüpften sie nun an. Die neu Hinzukommenden einem Reinigungsritus unterziehen und sie zu ihren Schuldnern machen: Das war das Verfahren, mit dem die ehemaligen Jünger ihren Sonderstatus als »Zeugen der Auferstehung« markieren konnten. Natürlich haben sie es nicht, wie die Apostelgeschichte suggeriert, vom ersten Tag ihres Auftretens an praktiziert, als hätte es sich von selbst verstanden, andere zu taufen (Apg 2, 38 ff.). Erst als sie schon Außenstehende integriert hatten, entstand das Problem, sich signifikant von ihnen zu unterscheiden. Die ominösen »mehr als fünfhundert Brüder«, die Christus »auf einmal gesehen« haben sollen, ohne dadurch automatisch zu Aposteln zu werden, dürften für jenen ersten Schub von Fremden stehen, den die Apostel bei ihrem »pfingstlichen« Auftreten bekehrt und spontan in ihren Kreis hereingelassen hatten, ohne an Taufe auch nur zu denken. Bald jedoch mußten sie daran denken, und nun galt: Ungetauft sind allein die Apostel, denn sie haben den Auferstandenen »gesehen«. Wer hingegen nur die Botschaft dieses Sehens empfangen hat, muß getauft werden, und die Täufer konnten anfangs nur die Apostel selbst sein. Die Taufe war eine Unterordnung unter sie, ein ritueller Nachvollzug jenes Selbstexorzismus, den sie durchlitten hatten, durch einen symbolischen Exorzismus, eine Reinigung, zu der sie die Täuflinge eigenhändig untertauchten – buchstäblich herunterdrückten.

»Für unsere Sünden«

Das »Sehen« der Apostel war gewissermaßen noch präevangelisch. Erst mit der »allmählichen Verfertigung von Gedanken«, will sagen, der Umsetzung des Gesehenen in Worte, nahm das Evangelium seinen Lauf. Sein Urwort ist »auferstanden«. Es gab der unfaßbaren Kehrtwende einen ersten faßbaren, wiederholbaren, kommunizierbaren Ausdruck, und der wiederum war die Plattform, von der aus die Kehrtwende zu einer zweiten Runde starten konnte. Wenn sich der untote Jesus in einen rettenden Auferstandenen wenden ließ, warum dann nicht auch sein Tod in ein Heilsereignis? In Gestalt dieses Gedankens begann sich die Kehrtwende gleichsam rückwärts zu tasten, sich rückzuversichern, oder, anders gesagt, sich selbst auszulegen. Zunächst waren die Betroffenen vom »Sehen« des Auferstandenen viel zu aufgewühlt, um ermessen zu können, was sich da eigentlich in ihnen vollzog: eine überschwengliche Flucht nach vorn, um über einen schuldbeladenen inneren Zusammenbruch hinwegzukommen. Erst in der zweiten Runde dämmerte die Erklärung dafür. Der Auferstandene ist zuvor »gestorben für unsere Sünden«. Auch hier ist die Kehrtwende zugleich eine Überhöhung. »Unsere« Sünden sind jetzt nicht mehr nur die ganz konkreten Verfehlungen abtrünniger Jünger; es sind ebenso die Sünden der neu Hinzugekommenen. Sünde ist nunmehr die menschliche Allgemeinbefindlichkeit, von der Jesu Tod errettet haben soll. Das ist auch insofern eine grandiose Verallgemeinerung, als dieser Tod sich nun wie von selbst in ein Vorstellungsmuster einfügt, das allen alten Völkern vertraut war, weil es zum ältesten menschlichen Gemeingut gehört: das Opfer. Es gab keine Verständnisbarrieren gegenüber dem »gestorben für unsere Sünden«. Jeder konnte sich angesprochen fühlen: »auch für meine Sünden«. Und jeder würde schon wissen, worin sie bestanden.

Ob schon die Jerusalemer Apostel auf das »gestorben für unsere Sünden« verfielen, ist schwer zu sagen. Strengen Juden war diese Formel eigentlich verboten. Im mosaischen Gesetz stand: »Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben.« (Dtn 24,16) Andrerseits drängte sich den Hinterbliebenen Jesu dieser verbotene Gedanke geradezu auf. Er machte ihnen wie nichts sonst das geradezu balsamische Schuldentlastungsgefühl verständlich, das ihnen die Erhöhung Jesu zum Auferstandenen verschafft hatte. Es wird also nicht lange gedauert haben, bis das »gestorben für unsere Sünden« in der Gemeinde zirkulierte. Spätestens mit dem Eintritt hellenistisch geprägter Juden, die es im Schmelztiegel Jerusalem reichlich gab und in deren kulturellem Umfeld das Sterben eines Menschen für andere weit weniger tabuisiert war, dürfte diese Formel zu einem Grundpfeiler urchristlicher Selbstverständigung avanciert sein. Damit war der Tod Jesu nicht nur als Opfer eines Menschen, sondern als Opfer für die Menschheit ausgelegt. Dessen Wirkung konnte nicht auf Juden beschränkt bleiben. Alle Völker mußten daran teilhaben können. Das unbestimmt-allgemeine »für unsere Sünden« hatte bereits die Tür zur Heidenmission geöffnet. Paulus stieß sie nur systematisch auf, als er den ungeheuren Vorsatz faßte, das Evangelium durch Kleinasien und Griechenland bis nach Rom und Spanien zu tragen. Allerdings gab auch er es nie wie Freibier aus. Immer war Eintritt zu zahlen. Wie die Apostel die entscheidende Befreiung von ihrer persönlichen Schuld erst dadurch verspürten, daß sie ihren Herrn als auferstandenen Christus »sahen«, so war auch für alle andern die rettende Wirkung seines Todes an die Bedingung geknüpft, daß sie diese »Sicht« zu der ihren machten. Das konnten sie freilich nur mittelbar. Statt Sehen war ihnen nur Hören und Untertauchen beschieden. Und das Wort von dieser Sicht, das Evangelium, mochte noch so sehr als Frohbotschaft daherkommen, es war immer auch Drohbotschaft. Der Subtext der Rettung, die es allen versprach, die es annahmen, war stets: Wer es nicht annimmt, ist verloren.

Paulus reiht in seiner eisernen Ration des Evangeliums die drei entscheidenden Heilsereignisse chronologisch auf: zuerst »gestorben für unsere Sünden«, dann »auferstanden«, dann »gesehen«. Lesen muß man diese Chronologie freilich in umgekehrter Richtung. Zuerst wurde der untote Jesus gesehen, dann als auferstanden interpretiert, und dann erst wurde sein Tod zum Menschheitsopfer stilisiert. Und erst als die »unfaßbare Kehrtwende« bis zu diesem Gedanken gediehen war und sich damit eine allgemein nachvollziehbare Auslegung gegeben hatte, verfügten Petrus, »die Zwölf« und sonstige Hinterbliebene über die Matrix, die ihren aufgewühlten Gefühlen einen inneren Halt und ihren unbewältigten Erinnerungstrümmern an die Worte und Taten Jesu den Rahmen bot, worin sie sich sammeln, ordnen und allmählich zu einem auferstehungskonformen Erinnerungsbild zusammensetzen ließen. Relevantes zu diesem Bild beisteuern konnte nur, wer Jesus gekannt hatte, und wer sollte das sein, wenn nicht diejenigen, die er seit seinem Auftreten in Galiläa um sich geschart hatte? Allerdings gab es da bald eine Ausnahme. Es war jemand zur frühsten Gemeinde hinzugekommen, der kein Jünger war und Jesus dennoch aus nächster Nähe kannte: sein leiblicher (Halb?)-Bruder Jakobus. Ob auch er ein Jesus-Trauma hatte, eine Schuld abzutragen, ein Zerwürfnis zu überwinden? Einiges spricht dafür,28 aber sicher ist es nicht. Er kann ebensogut ein tief Ergriffener wie Petrus gewesen sein als auch ein Wichtigtuer, der auf den Kredit seiner Verwandtschaft mit Jesus Anerkennung suchte und fand. Jedenfalls erachteten die Jünger ihn als einen ebenso authentischen Hinterbliebenen wie sich selbst und nahmen ihn als ihresgleichen auf: als einen, der ihren Herrn vielleicht anders, aber nicht minder als sie »gesehen« hatte; kurzum, als Apostel. Schwer vorstellbar, daß sie ihn zuvor untertauchten wie einen normalen Bekehrten. Er dürfte ungetauft, als »Zeuge der Auferstehung«, in die Gemeinde eingetreten sein.

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22 dekabr 2023
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9783866743342
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