Kitabı oxu: «Mythen, Macht + Menschen durchschaut!»
CHRISTOPH ZOLLINGER
Mythen, Macht + Menschen durchschaut!
Gegen Populismus und andere Eseleien
Kommentare 2013 – 1984
Für
Tessa, Tobias, Angela, Delia, Alison, Urs, Doris, Peter, Käti
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck in jeder Form sowie die Wiedergabe durch
Fernsehen, Rundfunk, Film, Bild- und Tonträger, die
Speicherung und Verbreitung in elektronischen Medien
oder Benutzung für Vorträge, auch auszugsweise, nur mit
ausdrücklicher und schriftlicher Genehmigung des Verlags
1. Auflage 2014
© 2014 Conzett Verlag by Sunflower Foundation, Zürich
Lektorat: Ursula Kohler
Satz und Gestaltung: Barbara Thommen
ISBN 978-3-03760-032-0
www.conzettverlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Vorwort
Intermezzo: Die Glaskugel-Gesellschaft
100 x Internetkolumne durchschaut! 2013 – 2009
Intermezzo: Der Autor
Meine Bücher
2011 – 2001
Intermezzo: Die Forder-Gesellschaft 2012
Zürichsee-Zeitungen
2004 – 2003
Intermezzo: Ursachenforschung
50 x Kilchberger Gemeindeblatt
2005 – 1984
Intermezzo: Wegwerfzeit
Schweizerische Handelszeitung
1986
Intermezzo: Warten
Nachwort
Index (Auswahl)
Vorwort
I. Persönliche Agenda
Gesucht
Die abenteuerliche Idee, einen Teil meiner in den letzten 30 Jahren publizierten Artikel in einem kleinen, harmlosen Buch zusammenzufassen, ist natürlich ein gewagtes Unternehmen. Kritikern sei, bevor sie die Stirne runzeln, versichert: Wer sich getroffen fühlt, der ist gemeint! Ja, es kommt noch besser. Leserinnen und Lesern – sofern sie überhaupt weiterblättern – sei offenbart: In Tat und Wahrheit entfaltet sich auf den nächsten 367 Seiten auch eine Art subversiver Streitschrift. Das an sich für konservative Geister schon schwer nachvollziehbare Ziel, statt vergangene Mythen zu beschwören, latente gesellschaftliche Trends aufzuspüren und damit zukünftige Szenarien zu malen, ist vordergründig durch Kommentare, Zwischenrufe und Fragen getarnt. Doch hinter der Fassade – durchschaut! – verbreiten sich, in bester Tradition eines Stéphane Hessel, Thesen eines Bürgers, der sich unablässig mit der Zukunft der Gesellschaft auseinandersetzt. Dieses wertvolle Bürgerrecht nehme ich mir heraus. Weil ich es gleichsetze mit herausfordernder Bürgerverantwortung. Ich gestatte mir ab und zu, mich zu empören. Und ich freue mich unverhohlen, wenn sich heute so etwas wie ein Epochaler Neubeginn abzeichnet. Alle Versuche der Machterhaltung sind doch à la longue zum Scheitern verurteilt, wo sie auf Unrecht, überholten Privilegien, wirtschaftlichen Missverständnissen oder sturen, politischen Denkweisen beruhen.
Meine Suche richtet sich immer auf die großen Zusammenhänge. Weniger Einzelereignisse als die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Prozesse in ihrer Gesamtwirkung faszinieren mich. Schon immer, aber in Zeiten der digitalen Transformation erst recht, blieb und bleibt keine noch so kluge Einzellösung ohne unbedachte Nebenwirkungen. Zu oft werden diese erst im Nachhinein sichtbar.
Gefragt
Viele meiner Sätze enden mit Fragezeichen. Damit bezwecke ich zweierlei. Fragen, schon bei unseren Kleinen, sind unendlich viel mehr wert als vorschnelle Antworten, besonders jener Erwachsenen, die immer schon alles wussten. Dass unser Wissen sich gelegentlich als Scheinwissen entpuppt – das zu beweisen, darin war Sokrates, gemäß mündlicher Überlieferung, unser aller Meister –, ist eine Tatsache, die man über die Jahre immer eindrücklicher erkennt. Auch jene, dass Denken ohne zu handeln uns nicht viel weiterbringt. Der Wert des vernünftigen und dialektischen Denkens – sei es auch nur in der leisen Form des Selbstgesprächs – ist eine wichtige menschliche Tätigkeit. Es würde mich freuen, wenn meine Kolumnen zum Nachdenken anregen könnten.
Gehört
Ich entwickelte die hier ausgewählten Beiträge über den Zeitraum von 1984–2013. Wenn ich mich über scheinbare Gewissheiten, gut getarnte, letztlich dennoch vergängliche Ideologien und rationales, vermeintliches Wissen wunderte oder amüsierte, dann vorerst aus dem einleuchtenden Grund, dass ich da zu oft nicht zustimmen mochte. Der Anspruch, die richtigen Lösungen der drängenden Probleme unserer Zeit zu kennen, liegt mir fern. Der missionarische Eifer, die Nichtwissenden aufzuklären, ist meiner Familie vor Generationen abhandengekommen. Über die Jahre habe ich – gerade weil ich mich brennend für die liberalen eher als konservativen Ideen zu begeistern vermag – eine gelassene Strategie entwickelt. »Ich weiß es nicht« ist heute eine meiner bevorzugten Antworten. Andere wissen es zwar auch nicht, aber sie wissen es nicht. Oder sie wissen nicht, was sie nicht wissen.
Gelesen
Meine gelegentlichen Seitenhiebe gegen einen Teil der Medien sind gut begründet: Immer mehr instrumentalisieren sie Personen und Vorkommnisse, indem sie daraus Skandale, Verschwörungen oder Betrügereien konstruieren. Natürlich las schon mein Großvater mit Akribie die damalige Zeitungsrückseite »Unglücksfälle und Verbrechen«. Widerspiegelte sie dannzumal vorwiegend das lokale und regionale Umfeld, ist daraus mittlerweile kontinentale und globale Aufgeregtheit entstanden: Das in unseren Köpfen medial vermittelte Weltbild entspricht nur zu einem verschwindenden Teil dem, was tatsächlich wichtig wäre.
Auch in der Wirtschaft sind charismatisch nicht unbegabte Übermenschen anzutreffen. Die Entwicklung der internationalen Finanzindustrie in den letzten 25 Jahren ist geprägt vom Wahn-Sinn jener rund 10’000 Individuen, die an der Spitze der globalisierten Finanzelite ein Inselleben führen, das für den Rest der Welt brandgefährlich ist. Auf ihren persönlichen, materiellen Vorteil fixiert, blenden sie die verheerenden, gesellschaftlichen Folgen ihrer Aktivität aus. Der entstehende Flurschaden dieses in höchstem Maße polarisierenden Verhaltens tritt mit Verzögerung ein. 2007 erschütterte die weltweite Finanz- und Bankenkrise unser naives Verständnis. In der Folge mussten die Steuerzahler weltweit einspringen, um einige eben dieser vornehmen Bankhäuser vor dem Kollaps zu retten. In der Schweiz die UBS.
Gedacht
Liberale Ideen, und was darunter aus meiner Sicht zu verstehen ist, möchte ich auch gleich vor- und klarstellen. Freiheit, ohne die Qualitäten Transparenz und Ganzheit ehrlich einzuschließen, ist nicht liberal. Heute ist der Staat nicht à priori Widersacher der persönlichen, freien Entfaltung. Schweizer Tradition und freiheitliche Ideen nur auf der Basis der Privatautonomie zu erforschen, ist mir zu eng. Offene Märkte ja, aber nicht immer und überall. Liberalismus ist freiheitliche Verantwortung. Verantwortung ist nur ganzheitlich verstanden liberal. Dann bin ich einverstanden.
Ganz offensichtlich, ja geradezu penetrant beharrlich, versuche ich seit Jahren, einen Beitrag zur rechtzeitigen Veränderung meiner Heimat vor dem Hintergrund zukünftiger Veränderungszwänge zu leisten. Dieser Drang entstammt wohl der Idee, dass die Welt nicht stillsteht. »Wer verharrt, verfällt«, meinte einst Jean Gebser. Da werden zwar nicht alle einverstanden sein, doch für mich stimmt das. Vorausschauen, antizipieren, projektieren, handeln. Was verändert werden soll? Wirtschaftliche Konzepte, politische Strukturen, gesellschaftliche Usanzen.
Verändern zu wollen heißt auch kritisieren. Dies wiederum hat nichts damit zu tun, dass ich die Schweiz schlecht machen will. Das Gegenteil trifft zu. Doch, nochmals: Was gut bleiben soll, muss sich rechtzeitig verändern. Und schließlich war auch Albert Einstein überzeugt: »Ich gedenke, in der Zukunft zu leben.«
Gehandelt
Während 40 Jahren war ich an vorderster Front im Food-Detailhandel involviert bei der Veränderung dieser Landschaft. In den Führungsetagen bei Denner (1. Discounter der Schweiz), Metro (1. Cash+Carry Europas), Jelmoli (1. Warenhaus mit Food-Center) pflügten wir in diesen Pionierfirmen eine ganze Branche radikal um (1961–1981). Als selbständiger Unternehmensberater habe ich in der Folge – oft auch gegen Widerstände von Firmeninhabern, sogenannten Patriarchen – als Erster in der Schweiz neue Verkaufsformen eingeführt (1981–2001), über deren Rentabilität sich meine Auftraggeber nicht zu beklagen hatten und die langfristig Erfolge generierten. Diese modernen Konzepte (Autobahnshops, Tankstellenshops, Hotelshops, Bahnhofshops APERTO, Globus DELICATESSA etc.) waren ihrer Zeit voraus.
Als Gemeinderat (Exekutive) meines Wohnorts Kilchberg handelte ich (1994–2002), nachdem ich mich vorgängig als politischer Schreibtischtäter nicht nur beliebt gemacht hatte (Pseudonym »Libero«). Und siehe da: Entgegen der landläufigen Meinung, sie, die Politik, bewege sich kaum, ließ sie sich durchaus bewegen: So gründete ich – als Sozialvorstand – den Jugendverein, den Jugendtreff, die Kinderkrippe, den Mittagstisch für Schülerinnen und Schüler, den regionalen »Runden Tisch« für Altersfragen.
Was die Gesellschaft betrifft, habe ich aktiv die Idee verfolgt, dass politische Mitwirkung nicht parteigebunden sein muss. 10 Jahre (2002–2012) koordinierte ich motivierte Kilchbergerinnen und Kilchberger bei ihrer Arbeit in Behörden und Kommissionen der Gemeinde (Vereinigung der Parteilosen, Kilchberg).
Engagierte Menschen aus der Bevölkerung in politischen Ämtern aktiv werden zu lassen, ohne vorgängig Parteikarriere gemacht zu haben, hat sich zu einem Erfolgsmodell entwickelt; die Parteilosen in Kilchberg sind inzwischen klar die zweitstärkste politische Kraft. Ja, sie sind, seit 2011, vielleicht so etwas wie ein Musterbeispiel für die Entwicklung der Parteilosenidee auf nationaler Ebene.
Die Suche nach dem roten Faden über die nächsten Seiten will ich nicht erschweren. Schon bald wird ja eine mehr oder weniger versteckte Absicht offensichtlich: Ich bin dezidiert gegen polarisierende Elemente in Politik und Wirtschaft. Mit Elementen sind »wichtige« Menschen und Machtträger gemeint. Die Brandstifter links und rechts außen auf der Politskala verhindern zu oft tragfähige und sinnvolle Lösungen. Diese Personen mögen ideologisch verblendet oder finanziell zu gut gepolstert sein. Ihr Gehabe entspringt einer perfektionierten, sektoriellen Wahrnehmungsfähigkeit. Das heißt im Klartext: Wer nur die eine Hälfte des Ganzen sieht, wird immer den Gegendruck der anderen Hälfte stärken und letztlich, statt langfristig weiterzukommen, an Ort treten.
Gefunden
Wenn ich in meinen Beiträgen und Büchern immer wieder Sokrates und andere Leuchtfiguren aus dem antiken Griechenland zitiere, so aus zwei Gründen. Im Allgemeinen: Es ist für mich schlicht staunenswert, was vor 2500 Jahren im alten Athen gedacht wurde. Im Speziellen zu Sokrates: »Erkenne dich selbst«, jene berühmte Aufforderung am Tempel des Apollon in Delphi, erinnert seither daran, wir sollten uns auf die Suche begeben, um an deren Ende schließlich zu erkennen, dass die Weisheit im Wissen um unsere eigene Unwissenheit besteht.
Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und – Philosophie. Das sind meine Themen als Zeitdiagnostiker. Ein wichtiger Bestandteil des Verstehenwollens unserer Zeit ist deren Durchschauen aus philosophischer Perspektive. Sowohl die Ergebnisse empirischer Forschung als auch die Ergebnisse wissenschaftlicher Erhebungen sind – das ist wenigstens meine Überzeugung – immer kritisch zu hinterfragen. Wie kämen wir sonst zu ethischen Fragen oder nachhaltigen Kriterien? Dazu eignet sich philosophisches Gedankengut aus 2500 Jahren. Tatsächlich können wir daraus eine Menge lernen. »Wir« heißt in diesem Fall jene unverbesserlich optimistische Gruppe von Menschen, die Geschichte und Philosophie als einander bedingend, beeinflussend und äußerst spannend und abenteuerlich erachten.
Schreiben ist meine Leidenschaft. »Und wenn mich kein Mensch lesen wird, habe ich deswegen meine Zeit damit verloren, dass ich so manche müßige Stunden mit solch nützlichen und angenehmen Gedanken verbracht habe?«, fragte sich Montaigne schon vor einiger Zeit. Angesichts der eher bescheidenen Auflagen meiner Bücher erkenne ich mich in diesen Gedanken selbst; die aufmunternden Worte meiner Gattin, »da hast du etwas in die Welt gesetzt«, waren jedenfalls verdankenswerter Trost und beruhigende Motivation. Ich schreibe offensichtlich keine massenkompatiblen Bücher.
Geschrieben
Ich habe mich entschlossen, meine Aufsätze chronologisch, mit dem letzten beginnend, aufzuführen. Den Anfang macht deshalb eine Auswahl meiner 100 Internetkolumnen durchschaut!, die ab 2012 auch in der Internetzeitung »Journal 21« erscheinen.
Meine Frau Käti hat meine Schreibwut und gelegentlichen gedanklichen Abwesenheitsphasen also während nunmehr über 30 Jahren erduldet. Dass wir beiden 2013 die Goldene Hochzeit feiern durften, spricht nochmals für Käti (aber nicht nur für sie). Wofür ihr ein ehrliches, gewaltiges Dankeschön gehört.
Einen kleinen Teil dieses Werkes bilden Hinweise auf meine vier Bücher, seit 2002 publiziert:
»EPOCHALER NEUBEGINN – Update nach 2500 Jahren« (2011)*, (*Trilogie)
»2032 – Rückblick auf die Zukunft der Schweiz« (2008)
»Die Debatte läuft – Ganzheitliche Thesen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik« (2005)*
»Die Glaskugel-Gesellschaft – Transparenz als Schlüssel zur Moderne« (2002)*
Diese Trilogie widerspiegelt meine jahrelange Überzeugung, wonach der Ruf nach vermehrter Transparenz dazu führen wird, dass mehr und mehr Menschen den ganzheitlichen Aspekt unseres Daseins erkennen und dadurch der Dualismus unserer Tage überwunden werden kann. Meine These wird seit einigen Jahren unterstützt durch überraschende Erkenntnisse aus der Wissenschaft. Einem Update nach 2500 Jahren demokratischer und gesellschaftlicher Grundregeln stünde nichts im Wege. Was mich außerordentlich freut.
Das »rote« Schweizerbuch – aus dem Jahre 2032 in der fiktiven Rückschau geschrieben – ist Antizipation, Wunschdenken und Provokation in einem. Bereits im zweiten von drei Teilen (dem Jahr 2012) ereignete sich einiges, was ich schon 2006 »erfunden« hatte. Früher Spaß, späte Genugtuung.
II. Politische Agenda
Ob wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer Phase des Epochalen Neubeginns befinden, wird sich erst in der Rückschau herausstellen. Vielleicht in 100 Jahren? Ein geschichtlicher Wendepunkt wird ja erst dann epochal, wenn ein neues, alles grundlegend beeinflussendes Prinzip in die alte Welt einbricht.
Konservative Kräfte bestehen aus zwei Gruppen. Die erste versucht heute, jene Verhältnisse (Gesetze, Rechtsprechung, politisches System) zu bewahren, die ihnen zu Macht und Reichtum verholfen haben. Die zweite, bescheidenere profitiert auf familiärem Niveau von mehr Selbstbestimmung und Wohlstand. Sie unterstützen die erste Gruppe aus Überzeugung und in guten Treuen – ehrlich, bodenständig, arbeitsam. Bei Abstimmungen und Wahlen verhelfen sie ihnen zu politischem Einfluss. So war es schon zu Gotthelfs Zeiten. Beide Gruppen orientieren sich eher Richtung Vergangenheit, gelegentlich auch durch Mythen verklärt.
Liberale aller Schattierungen sind dagegen eher zukunftsorientiert. Ihre Reaktion auf die Weltveränderungen (Globalisierung, Internet, Big Data) ist generell dynamisch, auf Erneuerung erpicht. Sie treten ein für Strukturreformen (wieder: Gesetze, Rechtsprechung, politisches System). Sie ahnen, dass einst erfolgreiche Modelle im schnellen Wandel der Zeit veralten, ja zum Standortnachteil mutieren können. Wer rastet, rostet. Nicht im Erhalt der alten (»so sind wir gut gefahren«) Lösungen sehen sie ihre zukünftigen Erfolgschancen, sondern in deren Wandlung (»kreative, schöpferische Zerstörung«). Davon versprechen sie sich … Macht, Reichtum, Selbstbestimmung, Wohlstand. Auch hier unterstützen die einen, die vielen politisch wenig Interessierten, die andern, die sich exponieren, die kämpfen und handeln. Sie erhoffen sich damit mehr politischen Einfluss, der neuen Ideen zum Durchbruch verhelfen könnte.
Den Einwand, diese Zweiteilung sei willkürlich und vereinfachend, lasse ich voll und ganz gelten. Ich werde ihn später erklären. Denn vorerst gilt es, zwei weitere Tatsachen zu akzeptieren.
Auch beim weltweit wichtigsten Anliegen der heutigen Zeit – dem Gebot der Nachhaltigkeit – ist exakt dieses dualistische Weltbild ein großes Problem. Wer sich fundiert mit Alternativenergien, Umweltanliegen und sich daraus ableitenden, dringenden Strukturreformen beschäftigt, wird zustimmen. Konservative Kreise verharmlosen im Allgemeinen die Erderwärmung, belächeln Alternativenergien, bekämpfen grüne Anliegen und strengere Raumplanungsgesetze. Ihre Kampagnen werden finanziert durch ebenso konservative wie finanzkräftige Interessengruppen (in erster Linie die Erdöl-, Bergbau-, Bau- und Atomlobbys). Sie alle schöpfen ihren Reichtum aus einst erfolgreichen Modellen, deren Problematik inzwischen erkannt ist. Dass sie diese Einwände verharmlosen oder verleugnen, ist menschlich. Sie wenden dafür weltweit Hunderte von Millionen Dollar auf. In der kleinen Schweiz sind es Dutzende von Millionen Schweizerfranken.
In den Medien ist es üblich, die politische Landschaft in links und rechts einzuteilen. Auch diese Zweiteilung ist natürlich willkürlich und vereinfachend. Sie entspringt in ihrer heutigen Einfältigkeit dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts. Doch, man hat es seither immer so gemacht. Proletariat hier, Kapitalismus dort in zeitgemässe Definitionen gekleidet. Solange die Republikaner in den USA ihren Präsidenten Barack Obama als »linken Europäer« diffamieren und Demokraten das vereinfachte Bild der Republikaner als »nimmersatte Steuerhinterzieher und Staatsabbauer« klischieren, wird sich daran kurzfristig wenig ändern. Tatsächlich aber gibt es in der Politik weder Linke noch Rechte. Der Mensch lässt sich so unbedacht nicht zuweisen.
Eigenartigerweise sind es gerade Politologen und Journalisten, die überholte Schlagworte verwenden, ohne weiter darüber nachzudenken. Ich selbst bin ein ausgesprochen liberaler Mensch, der gleichzeitig ökologisch und ökonomisch denkt. Ich trete ein für sorgfältigen und bewussten Ressourcenverbrauch, für starke Privatinitiative und zurückhaltende, staatliche Regulierung. Bin ich jetzt links oder rechts? Das soll mir mal einer erklären.
Diese Beispiele stehen stellvertretend für die Krankheit unserer Zeit. Konservative bekämpfen Liberale. Ewiggestrige streiten für ihre Atomkraftwerke gegen Pioniere von Alternativenergien. Rechte politisieren an Linken vorbei, als seien diese Aussätzige. Warum? Weil das immer so war?
Gottlieb Duttweiler, ein wahrer Pionier der Schweiz, entwickelte im letzten Jahrhundert Ansätze zur Überwindung dieses überholten Dualismus. Er war ein kaufmännisches Genie, also ein »Kapitalist«. Er entwickelte kühne Ideen, um in der Zukunft erfolgreich zu bestehen. Und er entzog sich nicht einer ausgesprochen ehrlichen sozialen Verantwortung. Als Kapitalist verschenkte er seinen Besitz, mit revolutionären Ideen erneuerte er von Grund auf den Lebensmitteldetailhandel (und zerstörte aus Wut mit einem Stein eine Glasscheibe im Bundeshaus) und er trat ein für die Arbeitenden aller Schichten. Duttweiler dachte, plante und handelte ganzheitlich. Er realisierte, dass Kooperation wichtiger ist als Kampf. Die von ihm gegründete Migros ist eine erfolgreiche Genossenschaft. Die von ihm seinerzeit lancierte Tageszeitung trug den Namen »Die Tat« – die Wochenzeitung nannte er »Wir Brückenbauer«. Selbstredend. Die von ihm gegründete politische Partei trug den etwas verklärten Namen »Landesring der Unabhängigen«. Zu seiner Zeit ein Erfolgsmodell.
Ein Visionär. Inzwischen hat das Migros-Management viele seiner Ideen »modernisiert«, dem Zeitgeist geopfert. Aus dem Brückenbauer wurde das Migros-Magazin. »Die Tat« ist längst eingestellt, mangels Auflage (oder mangels Professionalität?). Brückenbauer zu sein ist nicht mehr zeitgemäß. Kurzsichtige Optik professionell geschulter Ökonomen?
Die Glaskugel-Gesellschaft
Die fragile Glaskugel als Signatur einer transparenten, globalisierten und selbstverantwortlichen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht für die vom All her gesehene Erdkugel von verletzlicher Schönheit und zerbrechlichem Gleichgewicht, von endlicher Größe, aber ohne Grenzen. Die rotierende Glaskugel symbolisiert gleichzeitig das integrale Zukunftsbild: kein dualistisches Links oder Rechts, Oben oder Unten, sondern ein ganzheitlich wahrgenommenes, durchsichtiges Ganzes, das in einem nachhaltigen Netzwerk von Natur und Mensch den Durchblick wahrt.
www.glaskugel-gesellschaft.ch
100 × Internetkolumne durchschaut!
www.glaskugel-gesellschaft.ch (2013 – 2009) www.journal21.ch (2013 – 2012)
Fokus
Schreiben ist meine Passion. Das Internet ist da eine exzellente Plattform, um – als Ergänzung zu den Printmedien und abseits des Mainstreams – Gedanken zu entwickeln, vornehmlich zur Lage der Nation, doch nicht nur. Die Leserschaft wuchs über die Jahre kontinuierlich und belieferte mich mit spannenden Rückmeldungen. Ab 2012 übernahm zudem die führende Internetzeitung der Schweiz, das »Journal 21«, viele meiner Kolumnen. So sind im Laufe der Jahre 100 Beiträge entstanden, von denen aus Platzgründen hier nicht alle aufgeführt sind.
Um die Lesbarkeit zu verbessern, sind alle Fußnoten der ursprünglichen Kolumnen weggelassen. Wer sich im Einzelnen für Präzisierungen interessiert, findet diese auf meiner Homepage www.glaskugel-gesellschaft.ch (unter der Rubrik durchschaut!).
23. Oktober 2013
Nr. 100
Mythen, Macht + Menschen durchschaut!
Unsere Lebensreise in die Zukunft ist spannend und überraschend. Ein lohnendes, gemeinsames Ziel: unsere Mitmenschen besser verstehen zu wollen.
Durchschaut! Es ist von entscheidender Bedeutung, diesen Begriff zwischen Leserschaft und Autor auf eine einheitliche Basis zu stellen: durchschaut! ist vergleichbar mit dem Aha-Erlebnis einer überraschenden Erkenntnis. Einen Menschen zu durchschauen heißt, dessen wahre Gestalt, getarnte Motivationen oder vertuschte Zielsetzungen durch den äußeren Schein hindurch aufzudecken. Dieser Mensch mag sich der Mythen bedienen, um seine Machtbasis zu stärken. Somit sind zwei weitere Erklärungen angebracht.
Mythen sind vergangenheitsgerichtete Geschichten oder Legenden. Jedes Land kennt seine eigenen Mythen. Wilhelm Tell, Rütlischwur, »Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern« – alle Schweizerinnen und Schweizer wissen sofort, was gemeint ist. Ohne Tell gäbe es keine Armbrust als Schweizer Marke. Ohne Rütli keine AUNS. Der Mythos ist eine Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstbildnis zum Ausdruck bringen. Allerdings verfälschen Mythen die Wahrnehmung der Realität. Mythos und Wirklichkeit haben wenig miteinander zu tun. Jene, die Mythen instrumentalisieren, sind in der Regel begnadete Geschichten- und Märchenerzähler.
Macht wird gemeinhin definiert als »Befugnis, über Menschen und Verhältnisse zu bestimmen, Herrschaft auszuüben«. Schon das Wort Herrschaft weist diskret darauf hin, dass Machtausübung eine eher männliche Domäne darstellt. Personen, die Macht suchen und haben, sind – dank staatlicher Machtbefugnis oder großer privater, finanzieller Machtbasis – in der Lage, das Handeln von anderen zu steuern oder zumindest zu beeinflussen. Nachdem nun der gemeinsame Startort der Reise mithilfe dieser Klarstellungen bestimmt ist, bleibt das einheitliche Ziel festzulegen: Menschen verstehen wollen.
Vor 2500 Jahren erwachte der abendländische Mensch im antiken Griechenland zu einem neuartigen Denken und verabschiedete sich von der Götterwelt seiner Vorfahren. Seither haben sich die philosophischen Deutungsversuche unserer Welt und ihrer Bevölkerung wie Perlen auf der Kette zu einem wertvollen Schatz aneinandergereiht. Mit jener griechischen Wissensexplosion aus archaisch/mythisch geprägter Vorstellung begann sich das Streben nach Vernunft unaufhaltsam zu erweitern. Parallel dazu verfeinerte sich das menschliche Wissen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft formten und schliffen sich über die Jahrhunderte des mentalen Zeitraums. Geist, Vernunft und Verstand führten zu bemerkenswerten Entdeckungen. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, auf der Schwelle zum integralen Weltverständnis, erschüttern die Verwerfungen eines neuen Denkens einmal mehr die Menschheit. Doch wie steht es um dieses Wissen?
Wer auch wissenschaftliche Befunde als Leitplanken seines Denkprozesses akzeptiert, stellt fest, dass seit Anbruch des sogenannt integralen Zeitverständnisses bahnbrechende, neue Erkenntnisse jene wertvollen Arbeiten früherer Suchenden ergänzt und zum Teil neu formuliert haben. Mit integral ist hier übrigens ganzheitlich, auch Fokussierung auf das Ganze, gemeint. Gebieterisch drängen heute die äußerlichen Zeichen des Wandels – Globalisierung und Internet / Cloud Computing / Big Data, also die neue Erfahrung in Raum und Zeit – an die Oberfläche.
Die erste Wegmarke postierte Albert Einstein mit seinen Relativitätstheorien. Zweifellos kann sein Lebenswerk als Modell einer von der Ganzheit geprägten Weltsicht verstanden werden. Als Mathematiker und Physiker involvierte er sich in die Politik, die Wirtschaft und las seinen Mitmenschen gern und schalkhaft die Leviten.
Seither mehren sich die Anzeichen eines epochalen Neubeginns. Hier eine kleine, subjektive Auswahl aus der wissenschaftlichen Forschung:
– Der Zusammenhang zwischen Verstand und Gefühl, seit Descartes dualistisch definiert, wird neu interpretiert. Emotionen konditionieren die Ratio. Medizin und Neurowissenschaften sind sich (fast) einig.
– Die Hinterfragung des wissenschaftlichen Bildes des Menschen als rationales Wesen hat zu einer fundamentalen Neuformulierung in der Wirtschaft geführt. Deren Nutzentheorie, die auf der Annahme des rationalen Verhaltens der Teilnehmer fundiert, ist in sich zusammengebrochen. Diese Entdeckung wurde mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.
– Die Erkenntnis, dass unbewusste Gedanken unser Alltagsleben steuern, mag nicht so ganz revolutionär sein. Der Ausgangspunkt des Rationalismus, der Denken als bewussten Vorgang implizierte, ist jedoch widerlegt. Das jedenfalls meint die kognitive Wissenschaft. Denken geschieht größtenteils unbewusst. »Ich denke, also bin ich«, wirklich?
– Darwins Theorien, »Kampf ums Überleben« oder »Krieg der Natur«, werden für den Menschen aus Sicht der Medizin, Molekular- und Neurobiologie erweitert: Die menschlichen Gene sind nicht egoistisch, sondern funktionieren als Kooperatoren. Der Mensch ist ein auf Resonanz und Kooperation angelegtes Wesen.
– Aus der Physik kommen neue Töne. Das Zeitalter der Emergenz, der Selbstorganisation der Natur, ersetzt den Mythos von der absoluten Macht der Mathematik. Es ist gleichzeitig das Ende des Reduktionismus und der falschen Ideologie der menschlichen Herrschaft über alle Dinge.
Anfang 2013 erreichte uns die Nachricht, dass die ETH Lausanne von der EU den Zuschlag für das Milliardenprojekt zur Simulation des Gehirns erhalten hat. Der Kopf hinter diesem gigantischen Vorhaben ist Henry Markram. Sein Ansatz ist neu. »Solange wir nicht verstehen, wie die vielen Einzelteile zusammenpassen, mühen wir uns vielleicht an den falschen Orten ab.«
»Solange wir nicht verstehen.« Diese beiläufige Bemerkung des Hirnforschers ist entscheidend. Weil im Gehirn alles mit allem zusammenhängt, weil »alles so unglaublich verwoben ist, dass jede Tat, jede Aktion, die jemand tut, einen immens tiefen Eindruck auf die Gesamtheit der Dinge hinterlässt«, deshalb kommt der Mediziner und Physiologe zur Einsicht, dass mit dem Human Brain Project entscheidend neues Wissen geschaffen werden könnte.
Der »Reisende durch den Kosmos des menschlichen Gehirns«, wie Markram auch genannt wird, präsentiert mit seinem neuen Denken eine moderne Analogie des Weltverständnisses. Im 21. Jahrhundert malt er mit seinem simulierten Bild des Gehirns eine Parallele zum neuen Weltbild: Nur wenn der Mensch die Gesamtheit seiner Aktivitäten in Betracht zieht, handelt er zeitgemäß.
Verstehen heißt nicht, einverstanden zu sein. Doch verstehen zu wollen, warum Mitmenschen gelegentlich für uns völlig unmögliche, ja unglaubliche Thesen vertreten – das ist spannend und gleichzeitig neues Denken. Heute brechen wir auf unserer persönlichen (Zeit-)Reise ganz selbstverständlich in Jets auf und programmieren nach Ankunft das GPS, um ohne Irrfahrten ans Ziel zu gelangen. Warum also nicht auch andere, weniger geläufige Errungenschaften des wissenschaftlichen Fortschritts akzeptieren? Hier zwei Beispiele.
Kooperation statt Krieg. Einige der oben zitierten, überraschenden Befunde lassen es ratsam erscheinen, Andersdenkende nicht instinktiv und stur zu bekämpfen, um zu »siegen«. Kampf und Sieg sind Techniken aus jener Zeit, als versucht wurde, Macht in blutigen Kämpfen und Kriegen zu erringen. Überreste dieser Denkart treffen wir noch immer bei jenen politischen und wirtschaftlichen »Leadern«, die rückwärtsblickend im Alten verhaftet sind und ihre Gegner bekämpfen. Heute treten Menschen innerhalb von Kooperationen weltweit an, um gemeinsam Resultate zu erreichen. Die EU, die NATO, die UNO – alles sind letztlich Bündnisse, um Kriege zu vermeiden.
Öffentliches Teamwork statt geheimen Einzelkampfs. Wurde in Wirtschaft und Wissenschaft früher hinter verschlossenen Türen geforscht und anschließend Entdecktes patentiert, sieht die Taktik der Erfolgreichsten heute oft anders aus: Probleme werden definiert und per Internet (Cloud Computing und Big Data) in die Welt hinaus geschickt; Interessierte nehmen die Herausforderung an und schicken ihre Lösungsvorschläge zurück an den Absender. Aus geheim wird öffentlich, statt jahrelang zu suchen, werden – dank Real Time und Teamwork oft in kurzer Zeit – die neuen Erfindungen abgeholt, überall auf der Welt. Global Village.
Die Mythen verblassen. Obwohl heute Klarheit besteht, dass die alten Mythen in die Kategorie der Märchen einzureihen sind, bedienen sich populäre Märchenonkel unbeirrbar ihrer Faszination. Außer den Ewiggestrigen lassen sich aufgeklärte Menschen nicht länger verführen. Besonders die Jugend hat längst spannendere mediale Orientierungsquellen. Freiheit und Sicherheit zu versprechen, also etwas, was nie garantiert werden kann – diese einst erfolgreiche Mythenpflege vergilbt täglich mehr.
Doch auch neue Mythen haben ihr Ablaufdatum überschritten. »Der Mensch, das rationale Wesen.« »Die Märkte, immer im Gleichgewicht.« »Ich denke, also bin ich.« »Krieg, der Vater aller Dinge.« »Glaube macht selig.« »Der Mensch, Beherrscher der Welt.«
Die Macht zerfällt. Nach den Kirchenfürsten und Generälen erfahren dies Staatschefs, Diktatoren und politische Parteien. Wie sagte es Jean Gebser: »Wer den Machtanspruch zurückstellt, entgeht der Ohnmacht.« Noch klammern sich Großbanken an ihre überholten, medial wirksam formulierten Grundsätze. »Größe = Macht.« Doch diese Gleichung stimmt nicht mehr. Die mächtige UBS in der kleinen Schweiz wurde 2008 mit einem Milliardenpaket vom Staat, respektive dem Steuerzahler, vor dem Untergang gerettet. Too big to fail – hilfloses Resultat falschen Machtgehabens.
Auch die Rolle der etablierten politischen Parteien schrumpft generell und weltweit in Demokratien. Die unflexibel und oft zu dualistisch ausgerichteten Großstrukturen des Gegeneinanders werden durch dynamisch vernetzte Denkstrategien des Miteinanders abgelöst.
Wenn Mythen verblassen und Macht zerfällt, verlieren Menschen, Projekte, Strategien, die auf Mythen oder Machterhalt beruhen, ihr Erfolgspotenzial. Vor den Augen involvierter Menschen zerrinnt – wie in der Sanduhr – die Substanz; übrig bleibt das leere, durchsichtige Glasröhrchen. Wie gewonnen, so zerronnen!
Weiter oben wurde die These vertreten, wonach Menschen, die sich der Mythen bedienen, um ihre Macht auszuspielen, die wahren Beweggründe verschleiern. Spätestens jetzt spielt es keine Rolle mehr, ob sie nur missionarisch getrieben sind oder ob sich hinter der Fassade der gut getarnte Versuch versteckt, überholte Privilegien zu retten. Still und leise ist auch das durchschaut!
Wer das zu verstehen versucht, ist gut unterwegs auf seiner Lebensreise in die Zukunft.
13. Oktober 2013
Nr. 99
Agora statt Arena: Platz für ganzheitliches Denken!
Kontroverse Meinungen können sich im interessanten Dialog widerspiegeln oder im sinnlosen Disput enden. Ob Lösungen angestrebt werden oder nur der Sieg über den Gegner gesucht wird, zeigt sich in unterschiedlichen Denkmustern involvierter Menschen.
Regelmäßig am Freitagabend um 22.20 Uhr wird die friedliche Wochenendstimmung in Schweizer Familien abrupt unterbrochen. Die »Arena« – die innenpolitische Diskussionsplattform auf SRF 1 – geht auf Sendung und (wo so gewollt) Empfang. Vorbei ist es mit der entspannten Atmosphäre. Jetzt ist Kampf angesagt. Politische Vorzeigenummern und gewichtige Spitzenvertreter von Verbänden, selbsternannte Experten und medienpräsente Opinion Leaders betreten den Ring.
Das Wort »Arena« ist entlehnt aus dem lateinischen »[h]arena« und bedeutet so viel wie »Sand, Sandbahn; Kampfplatz im Amphitheater«. Arena verspricht Kampf. Der Gegner muss besiegt werden, diese Devise ist uralt. Sie basiert noch auf einem Menschenbild aus vorchristlicher Zeit, das auch durch die neurobiologische Forschung mittlerweile widerlegt ist. Die eigene Meinung als einzige »Wahrheit« zu verteidigen, ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Diese Konstrukte sind eben … auf Sand gebaut.
Agora – Marktplatz der alten Griechen – und Schauplatz dialogischer Kultur hat hingegen keinen festen Sendeplatz mehr in unserer medial getriebenen Zeit. Obwohl dieses Gefäß vielleicht erfolgversprechender wäre. Die Agora diente einst als Plattform der Demokratie in ihren Anfängen. Einzelne Historiker haben sie als Ausdruck kollektiver Intelligenz beschrieben. Dieser Kultplatz war eine gesellschaftliche Institution und ihm kam eine herausragende Rolle für das geordnete Zusammenleben einer Gemeinschaft zu.
Die Fragmentierung unseres modernen Denkens, die Spezialisierung auf Teilbereiche, die Überbetonung eines kleinen Sektors des Ganzen, ist unsere Zivilisationskrankheit. Die telegene Mode, sich gegenseitig willkürlich erkorene Bruchstücke seines privaten Weltbilds an den Kopf zu werfen, ist Ausdruck des Verlusts des dialogischen, ganzheitlichen Denkens. Die Diskussionen zwischen »Experten«, denen das Zuhören längst abhandengekommen ist, sind Zeichen eines schleichenden Kulturverlusts: Der gegenseitige Respekt, das ehrliche Vertrauen, das geduldige Zuhören wie das Gehörtwerden, sie alle machten einst – gepaart mit Offenheit und Neugier – den erfolgreichen Dialog aus.
Wo das Vertrauen zum Gesprächsgegenüber fehlt, auch die Gewissheit, von ihm nicht persönlich verletzt zu werden, da endet die Show in einen offenen Disput. Angriff und Verteidigung – die Kriegsmetapher par excellence – münden in Sieg und Niederlage.
Das Produkt der Arena war und ist der kurzfristige Sieg über den Gegner. Das Produkt der Agora war die langfristige Lösungsfindung zusammen mit Andersdenkenden. Warum klaffen heute weltweit die Vorstellungen und Hoffnungen der Zivilgesellschaften und die tatsächlichen Resultate der Politik immer mehr auseinander? Könnte es sein, dass Politiker ihren Feind in erster Linie besiegen wollen, um an der Macht zu bleiben? Während die Gesellschaft darauf wartet, dass Lösungen für ihre Alltagsprobleme austariert werden? Manchmal scheint es, die Ziele der Politik und jene der Gesellschaft wären nicht mehr kompatibel.
Obige Feststellung führt zu einer interessanten Entdeckung. Das Fernsehprodukt »Arena« ist noch weitgehend im alten Denken verhaftet. Mit veralteten Vorstellungen die neuen Kräfte des 21. Jahrhunderts bändigen zu wollen, ist letztlich eine der Ursachen vieler heutiger gesellschaftlicher Schwierigkeiten. Dieser Ansicht sind keineswegs nur Philosophen. So plädiert der bekannte Physiker Hans-Peter Dürr (»Warum es ums Ganze geht«) für neues Denken im Sinne einer Abkehr von verengten und mechanischen Strategiemustern. Beweglichkeit, Offenheit, Empathie führen zu neuen, transparent gestaltbaren Schöpfungs- und Handlungsräumen.
In die politische Umgangssprache übersetzt: Gedanken, Absichten und Persönlichkeitsmerkmale des Gegenübers erkennen und verstehen zu wollen, hilft dabei, die akuten zivilisatorischen »Baustellen« innert nützlicher Zeit zu sanieren. Und da landen wir unversehens mitten in der antiken Agora und stellen verblüfft fest, dass jene sokratischen Denk-Guidelines moderner und zeitgemäßer sind als vieles, was uns am Freitagabend ab 22.20 Uhr serviert wird.
Das lohnenswerte Ziel, den aggressiven Kampf und offenen Disput von der Arena zu verbannen und stattdessen die Meinungsverschiedenheiten auf der Agora im Sinne eines kooperativen, zivilisierten Dialogs weiterzuentwickeln, müsste natürlich vom Generaldirektor SRF bewilligt werden. Das Ganze könnte deklariert werden als Dislokation vom Ruinenfeld Amphitheater ins (Opern-)Haus des modernen Geschehens, der neuen Begegnungsstätte der schweizerischen polis.
Ich weiß, die Begriffe »Ganzheit, Ganzheitlichkeit, Kohärenz, Integration, integral« tönen abstrakt. Integral Movement, Integral Renaissance, Integral Revolution – aus dem angelsächsischen Raum entlehnt – klingen moderner, aufregender. Doch für die Rückbesinnung auf das antike Dialogprinzip in der Agora, das auf partizipierendem Denken innerhalb einer holistischen Weltsicht basiert, braucht es keine Revolution.
Der Individualismus unserer Zeit hat bisweilen dazu geführt, dass übersehen wird, dass der Mensch als Teil eines Ganzen dem Gemeinwohl verpflichtet wäre. Unsere politische Zivilisation basiert auf einer Kultur, die gemeinsam erlebt und geteilt wird. Wo das vergessen geht, zerbricht jede Zivilisation in Fragmente der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Gerade wer als modern gelten will, sollte im Hinterkopf behalten, dass Zerreden und Fragmentieren dem Ganzheitsanspruch nicht gerecht wird.
23. September 2013
Nr. 97
Nachhaltig – Programm oder Etikettenschwindel?
Nach der Klärung, was hier unter »nachhaltig« verstanden wird, kann der persönliche Entscheid gefällt werden: ein einfaches und ehrliches Prinzip zu befolgen, wofür die nächsten Generationen dankbar sind.
Der Begriff hat eine spektakuläre, weltweite Karriere hinter sich: nachhaltig – sustainable oder Nachhaltigkeit – sustainability. Kein Tag, ohne dass wir nicht davon hören oder lesen. Allerdings verstehen die Absender dieser Botschaften darunter völlig Unterschiedliches. In der Werbung, in Geschäftsberichten von Konzernen oder in politischen Diskussionen überwiegen ab und zu die missbräuchlichen Anwendungen – das nennen wir dann Etikettenschwindel. Nicht ganz unschuldig am Durcheinander im deutschen Sprachraum ist der Duden, der es bis heute nicht geschafft hat, auch zeitgemäße Definitionen nachzutragen.
Im Duden lesen wir beim Nachschlagen des Wortes Nachhaltigkeit: »sich auf längere Zeit stark auswirkend; (…) forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann.« Im Duden online ist eine weitere Definition eingefügt, die der Sache schon etwas näherkommt: »(…) Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.«
Natürlich heißt es das. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts versteht die Welt darunter etwas viel Umfassenderes: »Entwicklung, die die Bedürfnisse heutiger Generationen erfüllt, ohne die Voraussetzungen künftiger Generationen, ihre Bedürfnisse dereinst ebenfalls erfüllen zu können, einzuschränken (UNO-Leitbild).« Oder: »Nachhaltige Entwicklung basiert auf der Idee der gleichzeitigen und gleichberechtigten Umsetzung umweltbezogener, sozialer und wirtschaftlicher Ziele.«
Dafür steht im angelsächsischen Raum das Wort sustainable – klipp und klar. Für den altehrwürdigen Begriff nachhaltig gilt wie eh und je die Übersetzung lasting, ongoing – also anhaltend, dauerhaft, beständig. Und das ist ein großer Unterschied.
Eine nachhaltige Entwicklung zu beachten geht also weit über den Gummibegriff der PR-Strategen hinaus. Die UNO hat 1983 (»Brundtland-Kommission«) dies so definiert: Generationenübergreifend denken und handeln. Sich ressourcenschonend verhalten, auch zuhause. Nicht erneuerbare Energie sparen und, wo möglich, ersetzen. Sozial verträglich politisieren und wirtschaften. Umweltbewusste Mobilität anstreben usw.
Im Übrigen kann man es drehen und wenden, wie man will: Unternehmen wie z.B. Zigarettenproduzenten, Erdölmultis, Rohstoffabbaufirmen, Zementkonzerne oder auch Chunkfood-Anbieter können obige Kriterien nicht erfüllen. Dies ist nicht despektierlich gemeint.
Gemäß verlässlichen Sustainability Ratings belegt von den großen Multis Unilever Platz eins, dies dank seines konsequenten Engagements in den Bereichen Nachhaltige Landwirtschaft und Fischerei sowie in der effizienteren Nutzung von Wasser bei der Produktion. Paul Polman, der Chef dieses Konsumgüterkonzerns, kümmert sich in vorbildlicher Weise darum. Er hat erkannt, dass immer mehr Konsumenten und Aktionäre von ihren Unternehmen nachhaltiges Geschäften verlangen.
Urteilen Sie bitte selbst darüber, wovon die UBS spricht, wenn sie in ihren Corporate-Governance-Grundsätzen von »Erreichung eines nachhaltigen Wachstums« spricht. Oder wenn Glencore Xstrata ankündigt, 2013 erstmals einen »Sustainability Report« publizieren zu wollen …
Erstaunlich ist es, wenn ein Fachjournalist in der NZZ (»Green Economy« – nur aufgewärmter Malthusianismus) seinen Meinungsjournalismus ausbreitet, in dem er seine selektive Wahrnehmung dokumentiert. »Im Namen der Nachhaltigkeit wird eine planwirtschaftliche Umverteilungsmaschinerie in Gang gesetzt, die den Mangel und die Armut erst schafft, die sie zu bekämpfen vorgibt.« In diesem Beitrag wird zwar richtigerweise der betrübliche Trend kritisiert, dass einige Rohstoff- und Nahrungsmittelkonzerne begonnen haben, sich durch Produktion von Biotreibstoffen aus Soja, Mais oder Raps CO2-Gutschriften ausstellen zu lassen. Diese politisch geförderte Verirrung hat aber mit sustainability so wenig zu tun wie die Unterstellung, nachhaltiges Geschäften führe zu Planwirtschaft.
Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie ist dem Wort Nachhaltigkeit immanent. Das Subsystem Ökonomie müsste im Größeren, im System Biosphäre eingebettet sein. Heute hat man manchmal den Eindruck, es sei umgekehrt.
Rudolf Wehrli, (ehemaliger) Präsident von Economiesuisse, hat in seinem ersten Amtsjahr das Thema »Nachhaltigkeit in allen Bereichen« ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt. Nachhaltigkeit werde meist ökologisch verstanden, genauso wichtig seien aber auch die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. Erstere etwa sei ohne die letzten beiden nicht zu haben, wird er zitiert. Die mit Nachhaltigkeit angeschriebene Economiesuisse-Verpackung ist neu. Doch, Achtung: Es darf die Wirtschaft nichts kosten. Ob Wehrli, der gelernte Theologe und Philosoph, da nicht Wasser predigte und Wein trank?
Wie steht es bezüglich Ihres persönlichen, nachhaltigen Handelns? Welchen Fußabdruck hinterlassen Sie? Ein Vorschlag: Sie können an einem verregneten Sonntag im Internet mehr darüber erfahren. Swiss Climate liefert nicht nur ausgezeichnete Beratung. Unternehmen können da ihren Carbon Footprint erfahren. Auch WWF Schweiz bietet verschiedene, persönliche Testmöglichkeiten. Ecological Footprint bietet gar ein Ecological Footprint Quiz an. Auf Global Footprint Network ist nicht nur der wissenschaftliche Hintergrund solcher Fußabdruck-Erhebungen erklärt. Da gibt es auch einen Foodprint-Index der Nationen und einen über Finanzen. Und natürlich auch einen über Ihren persönlichen »Abdruck«.
Neuerdings können Sie sogar erfahren, welchen Footprint Ihr angelegtes Geld hinterlässt. Haben Sie damit schon einmal Arbeitsplätze geschaffen? Etwas Neues erfunden? Menschen ausgebildet? Energie gespart? Der Globalance Portfolio Footprint klärt Sie über die Auswirkungen Ihres Portfolios auf. Fällt der Check positiv aus, umso besser.
Ob Einzelperson, Familie oder KMU – indem Sie eine individuelle Philosophie für Nachhaltigkeit entwickeln, Ihr persönliches Programm sozusagen, handeln Sie verantwortungsbewusst gegenüber den Nachfolgegenerationen. Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt nachhaltig zu verstehen, ist ein einfaches, günstiges und ehrliches Prinzip.
3. September 2013
Nr. 95
Das »System« ist entscheidend
Die Schweiz ist das stabilste Land der Welt. Damit das auch in Zukunft so bleibt, müssen wir ab und zu Schwachpunkte des Erfolgsmodells verbessern.
Gelegentlich wundere ich mich über liebe Mitmenschen, die sich mit Nonchalance und wiederholt über gesetzliche Vorschriften hinwegsetzen, als wären diese nur für Außerirdische gültig. Oder ich staune, wenn ich höre, dass sich Studenten im letzten Semester bereits beim RAV (Regionales Arbeitsvermittlungszentrum) einschreiben, da sie davon ausgehen, keine Stelle zu finden. Dann beschwichtigen mich meine Söhne: »Reg’ dich nicht auf, solange unser System das zulässt, kannst du es nicht ändern.«
Unser politisches »System« ist grundsätzlich gut, so lautet jedenfalls meine persönliche Meinung. Es umfasst die staatlichen Institutionen, die politischen Entscheidungsprozesse und deren Ergebnisse als Summe der Gesetze und Verordnungen im Rahmen eines ausgeprägten Föderalismus.
In der wissenschaftlichen Theorie gibt es verschiedene Erkenntnisse für Gütezeichen unterschiedlicher Systeme. So verficht etwa James Robinson (Harvard) die Idee, dass die politischen Institutionen bestimmen, ob ein Land arm oder reich ist. Wohlhabende Länder zeichnen sich dadurch aus, dass sie über Institutionen verfügen, die allen offenstehen. Es sind pluralistische Systeme, die den Unternehmergeist fördern und die individuellen Rechte schützen. Das Gegenteil: Die Macht im Land gehört einigen wenigen – Armut ist meistens, Bürgerkriege sind nicht selten die Folge. Für diese Diskrepanz ist die Politik verantwortlich.
Gesellschaftsordnungen, die Menschen weitgehende, persönliche Entscheidungen ermöglichen, nennt Karl R. Popper Offene Gesellschaften, im Gegensatz zu Geschlossenen Gesellschaften, deren Ausrichtung auf einem umfassenden Kollektivismus basiert. Das offene System ist demnach vergleichbar mit einem lebenden Organismus, beruht auf einem ganzheitlichen Weltbild und einem gesunden Individualismus.
Jared Diamond, Evolutionsbiologe und Physiologe (UCLA), entwickelte seine Theorie auf der Basis von Beobachtungen in vergangenen Zeiten. Danach führten verschiedentlich Übernutzung der Umwelt respektive falsche Reaktionen auf allgemeine Umweltveränderungen zu gesellschaftlichen Zusammenbrüchen. Das sture Festhalten am Status quo (»es war doch immer so und wir sind gut damit gefahren!«) kann zum Kollaps des Systems führen, wenn wichtige Entscheidungsprozesse in Gruppen oder Gesellschaften versagen.
Die Schweiz sei das stabilste Land der Welt, meinte kürzlich der weltbekannte Essayist und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb. Warum? Weil es keine Regierung habe, lautete die Antwort. Nun, da fühlte sich unser Bundesrat wohl nicht gerade geschmeichelt. Der stets etwas übertreibende Gesellschaftsbeobachter, der unser Land recht gut kennt, meinte mit seinem Urteil, dass wir nicht auf Gedeih und Verderb einer Zentralregierung ausgeliefert wären, sondern dass unser Gemeinwesen von unten nach oben strukturiert sei, föderalistisch eben. Wir könnten also unsere Zukunft selbst bestimmen.
Bevor wir in ausgelassene Feststimmung verfallen, sollten wir definieren, wie wir diesem Modell dazu verhelfen können, dass es auch in Zukunft Bestand haben wird. Fragen wir uns zuerst, was uns zu diesem Spitzenplatz verholfen hat: eine liberale Wirtschaftsordnung, zurückhaltende staatliche Regulierung, auf Sicherheit ausgerichtete Finanzpolitik und wohl auch ein gewisser Sinn für Gemeinwohl und Gerechtigkeit? Fragen wir uns anschließend, was in letzter Zeit falsch gelaufen ist: Einer überbordenden neoliberalen Wirtschaftselite begegnet die Gesellschaft mit dem Ruf nach verstärkter staatlicher Regulierung. Unsere Finanzpolitik ist unter Druck geraten, da sie zu wenig vorausschauend ist. An die Stelle persönlicher Selbstverantwortung und Solidarität ist für viele der Sozialstaat getreten.
Generell fördert unser föderalistisches System die Tendenz, Probleme auf die lange Bank zu schieben. Stellvertretend für einige andere sollen hier einige Themen aufgeführt werden. Wir kennen sie seit Jahren, wir umkreisen sie:
– Eine AHV, die nicht von der Hand in den Mund lebt
– Mehr Selbstverantwortung statt Ruf nach dem Sozialstaat
– Ein Freizügigkeitsabkommen mit der EU, bei dem Vorteile und Nachteile möglichst ausgewogen sind, und eine Einwanderungspolitik, die ehrlich daherkommt
– Eine Asylpolitik, die nicht von »man sollte«, sondern von »wir entscheiden« lebt
1948 eingeführt, haben sich seither mehr als zwei Generationen daran gewöhnt, ab 65 Jahren (Männer) respektive 64 Jahren (Frauen heute) eine staatliche Rente zu bekommen. 1948 lag die Lebenserwartung bei ungefähr 66 respektive 69 Jahren. Die demografische Entwicklung führt heute dazu, dass das Grundprinzip der generationenübergreifenden Solidarität aus den Fugen gerät. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit respektive die Erhöhung des Rentenalters müssten längst in die nachhaltige Planung der AHV-Zukunft einfließen. Es genügt nicht, wenn Politiker besänftigen: Noch schreibt die AHV Überschüsse!
Die Ausgaben für soziale Wohlfahrt steigen von Jahr zu Jahr, parallel dazu steigt die Anspruchsmentalität. Längst haben sich viele Menschen in der Schweiz daran gewöhnt, dass der Staat den gewohnten Lebensstandard finanziert, sollten die Eigenmittel nicht reichen. Wussten Sie, dass eben dieser Staat mittlerweile jährlich über vier Milliarden Franken allein für Prämienverbilligungen der obligatorischen Krankenversicherung ausgibt? Eigenartig: Selbstbestimmung ist für uns im Alltag wichtig und selbstverständlich. Warum nicht konsequent? Dieser Trend ist ungemütlich.
In den letzten 10 Jahren betrug die jährliche Nettozuwanderung in die Schweiz durchschnittlich 62’000 Personen und in der Folge hat sich das Wirtschaftswachstum erhöht. Die Bundesverwaltung kommentiert regelmäßig die Situation. Sie hat dazu in den letzten Jahren ein halbes Dutzend akademischer Untersuchungen erstellen lassen. Fazit: Die Befunde sind nicht einheitlich (wen wundert’s?). Was wir vergebens suchen, sind Untersuchungen über die Folgen dieses bejubelten Wirtschaftswachstums – die starke Einwanderung hinterlässt offensichtlich in vielen anderen Bereichen ihre Spuren. Nicht zur Diskussion steht, dass die Schweiz auf Zuwanderer mit hoher Qualifikation angewiesen ist. Doch die Folgen sollte das Bundesamt – angesichts des verbreiteten Unbehagens in der Bevölkerung über die starke Einwanderung – nicht verschweigen.
Zu offensichtlich ist in den letzten Jahren dieser versteckte Zusammenhang geworden: Wir erstellen jährlich ziemlich genau für so viele Menschen Neubauwohnungen, wie die Zuwanderung sie ausweist. Die sichtbaren Folgen: Bauwut, Verschandelung der Natur, Wohnungsnot, explodierende Immobilienpreise und -mieten, Verkehrsstau, überfüllte Pendlerzüge, die Liste lässt sich verlängern. Wer definiert in Bern nächstens das Verhältnis zwischen Gewinnern und Verlierern der Zuwanderung?
Simonetta Sommaruga ist wahrlich nicht zu beneiden. Seit Monaten fordert die Justizministerin ein beschleunigtes Asylverfahren. Heute dauert dieses von der Einreichung eines (unberechtigten) Asylgesuches bis zu dessen Ablehnung fast vier Jahre. Man muss sich das konkret vorstellen: Ein erster negativer Entscheid kann mit einer Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (gemäß TA blieb ein konkret untersuchter Fall dort während 21 Monaten liegen) weitergezogen werden. Wird sie dort abgelehnt, kann ein Wiedererwägungsgesuch eingereicht werden. Die Zahl dieser Gesuche steigt kontinuierlich. Rund ein Viertel davon führt anschließend zu einer vorläufigen Aufnahme, der Rest zur Ablehnung oder Wegweisung. Bis die nötigen Ausweispapiere besorgt sind, tauchen die Abgewiesenen häufig unter. Oder die Behörden kommen zum Schluss, dass nach so langer Zeit eine Ausschaffung nicht mehr zumutbar wäre.
Die Diskussion um zu lange Asylverfahren hören wir seit vielen Jahren; man sollte diese ändern, heißt es in Bern. Der ehemalige Chef des Bundesamts für Flüchtlinge, Jean-Daniel Gerber, hält die aktuellen Schwierigkeiten in der Asylpolitik für unlösbar. Sind sie eigentlich gar systembedingt? Wer entscheidet darüber?
Der moderne Bundesstaat mit seiner föderalistischen Staatsstruktur ist eine gute Sache. Auf der offiziellen Homepage des Bundes erklärt die Bundeskanzlerin unser System ausführlich und sie erklärt auch eines der wichtigsten Ziele der laufenden Legislaturperiode: Die Schweiz muss ihre Wettbewerbsfähigkeit beibehalten, z.B. in der Wirtschaft, Bildung, Forschung.
Damit das auch in Zukunft so bleibt, sind ab und zu Fehlentwicklungen zu korrigieren. Wir sind ein Volk mit vielen Rechten und Pflichten, viel mehr als in anderen Staaten. Wir können unser System, zumindest indirekt, selbst bestimmen.
24. August 2013
Nr. 94
Wachstum: Doping mit schädlichen Langzeitfolgen?
Immer weniger funktioniert das Medikament »Wirtschaftswachstum« als eine Art Perpetuum mobile für ewig wachsenden Wohlstandsgewinn. Was wird passieren, wenn Wachstum irgendwann ausbleibt? Einfach so?
»Wachstum muss her!«, rufen die Staats- und Regierungschefs der EU seit Jahren verzweifelt. Das Dogma »Wachstum des Bruttoinlandprodukts« entwickelt sich mittlerweile bei den Regierungen dieser Welt zu einem absurden Wettrennen – vergleichbar jenem der von ihrer eigenen Geschwindigkeit berauschten Jugendlichen am Steuer. »Wenn wir wachsen wollen, brauchen wir mehr Leute, welche dieses Wachstum mittragen«, doziert der Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. Der globalisierte Rohstoffhandel mit Steuersitz in der Schweiz treibt die Konjunkturdaten des Landes in die Höhe. »Illusion von Wachstumswunder« titelt die Handelszeitung.
Der Westen forciert seit Jahren Wachstum mit dem Auftürmen von Schuldenbergen. Damit überpinseln die Verantwortungsträger die wirtschaftspolitischen Dummheiten eines Zeitalters, in dem Wachstumskapitalismus als Ersatzreligion seine Anhänger glauben lässt, wie einst die Päpste im Mittelalter ihre Schäflein. Menschen wachsen; physisch in ihrer Jugend, da und dort wachsen sie später verstandes- und gefühlsmäßig noch eine Weile weiter. Die Grenzen des Wachstums sind wohlbekannt und akzeptiert. Nur in der Wirtschaft soll – gemäß Wirtschaftsgrößen und politischen Machtzentren – das Wachstum ewig weitergehen. Verblendung ist eine passende Bezeichnung für diesen Zustand. Wann hören wir endlich auf, zu glauben?
Die Wachstumsdiskussion ist schwierig. An dieser Stelle ist nicht die Rede von asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Ländern, die teilweise kontinentale Dimensionen einnehmen. Wie sich diese Regionen entwickeln, entzieht sich nicht nur unserer Einflussnahme (dereinst werden sie allerdings vor den gleichen Fragen stehen wie wir heute); China, Indien, Brasilien etwa weisen eine Eigendynamik auf, die sich heute gänzlich von der unsrigen unterscheidet.
Fokussieren wir uns hier auf die »alten« westlichen Industrienationen. Frau Merkel sagt: »Europa braucht mehr Wirtschaftswachstum.« »Die Wachstumsraten unserer Volkswirtschaft müssen wieder steigen«, doppelt der Kanzlerkandidat Steinbrück nach. Finanzkrise, Eurokrise, Schuldenkrise – der Refrain lautet: mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Wachstum! Doch damit die Wirtschaft wächst, muss irgendjemand all die neuen Waren kaufen. Irgendjemand – und wenn dieser Phantommensch in vielen westlichen Wohlstandsländern schon alles hat? Auch der persönliche Vorzeigestatus als Intelligenzersatz ist irgendwann einmal gesättigt. »Wir brauchen die Einwanderung in der Schweiz, sie trägt zum Wachstum der Wirtschaft bei« und »die Vorteile der Öffnung des Arbeitsmarktes müssen der Bevölkerung besser erklärt werden«, rät der ehemalige Direktor des Arbeitgeberverbandes. »Es ist zu hoffen, dass sich Europa endlich aus seinem Wachstumsstau lösen wird«, rät der Asienkenner der NZZ.
Und die Nachteile? Darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Sind wir gar auf einem Auge blind? Ein Schweizer Autor riet seinen Landsleuten zum 1. August 2012, »die zwingende Überzeugung, dass ohne den Kraftakt zur Wachstumssteigerung der vermeintlich sichere Besitzstand bedroht ist«, müsse gestärkt werden. Guter Rat in dieser verzwickten Situation ist offensichtlich teuer und entpuppt sich ab und zu gar als Beipackzettel eines verwechselten Medikamentes.
Wirtschaftswachstum als Verheißung des Paradieses ist nur die eine Seite der Medaille. Sie glänzt in der Sonne, sie widerspiegelt die vermeintliche Lösung eines der wichtigsten Probleme unserer Wohlstandsdemokratien. Es scheint, als ob sich Europas und Amerikas Mächtige alle einig wären: »Nur Wachstumsprogramme können die explodierende Arbeitslosigkeit eindämmen und verhindern, dass nicht ganze Länder kollektiv in der Rezession versinken.« Dazu werden die Märkte geflutet mit Geld, das laufend gedruckt wird. Heute ist heute, Inflation ist morgen …
Die Rückseite der Medaille liegt im Dunkeln. Der heutige Kapitalismus beschert uns Umweltschäden und Schulden, neben Anspruchsmentalität und Wohlstand.
Auch wenn in Bonn, Brüssel oder Washington D.C. in den Tagesagenden der hohen Verantwortungsträger das Traktandum fehlt, es ist drängend: Wie könnte eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren? Könnte sie überhaupt? Diese und ähnliche Fragen sollten wir uns heute stellen. Stellvertretend für Kollegen aus aller Welt erinnert der kanadische Ökonom William Rees an diese Binsenwahrheit: Unser Globus ist rund und endlich. Die Wirtschaft ist ein Teil dieser begrenzten Welt. Die seit Jahren steil nach oben weisende, nicht enden wollende Wachstumskurve ist nicht nachhaltig und sie beruht auf einer falschen Annahme. In einer endlichen Welt könne kein Subsystem unendlich wachsen, meint er, der seit Jahren forscht. Postwachstumswirtschaft – steady state economy – heißt diese Disziplin. Postwachstumsökonomen gibt es mittlerweile auch in Deutschland und Frankreich; in der Schweiz war Hans Christoph Binswanger (Uni St. Gallen) bis zu seiner Emeritierung ein Pionier der ersten Stunde, vorrangig damit beschäftigt, einen möglichen Umbau des Finanzmarktes zu bewirken.
Tomas Sedlacek, tschechischer Ökonomieprofessor, einem breiteren Publikum seit 2012 bekannt durch sein Buch »Die Ökonomie von Gut und Böse«, schrieb darin: »Wir müssen das generelle Ziel der Wirtschaftspolitik ändern – statt MaxGDP muss es MinDebt heißen, statt Maximierung des BIP Minimierung der Schulden.« Das unumstrittene Mantra unserer Generation war »MaxGrowth (Maximierung des Wachstums um jeden Preis, Schulden, Überhitzung, Arbeitsüberlastung)«. Das heißt wohl, dass wir uns alle vernünftigere Ziele setzen sollten. Am Fuße des Monte Verità in Ascona führten drei große Denker im Frühling 2013 ein Gespräch zu Utopien. Sedlacek, einer der Teilnehmer (neben John Gray und Nassim Nicholas Taleb): »Wir müssen nicht den Menschen ändern, sondern die ökonomischen Theorien, die sein Verhalten angeblich abbilden, es in Wahrheit jedoch konditionieren. Die Ökonomie ist zu einem Fetisch geworden. Die Utopie von heute ist ständiges Wachstum. Das ständige Wachstum hat mittlerweile die Züge eines religiösen Glaubens angenommen« (Schweizer Monat, Ausgabe 1008).
Ökonomen, Politiker, ja die ganze Gesellschaft, wir sind alle gefordert. An erster Stelle wohl die Ökonomen, jene an den Universitäten und jene im Tagesgeschäft. Nicht wenige von ihnen ignorieren gerne das Thema »Stagnation des Wirtschaftswachstums« ganz nach dem Motto: Was nicht sein kann, darf nicht sein. Menschen ändern ungern ihre Meinungen, das ist bekannt. »Instinktfalle« nennen das die Neurologen. Wir tendieren dazu, bei unseren alten Meinungen zu verharren, auch wenn viele neue Faktoren dagegen sprechen. Da sind die Exponenten der Finanzindustrie gefordert. Diese funktionierte in den letzten Jahrzehnten nicht rational, wie man uns weismachen wollte, eher verstieg sich dieser Zweig der Nationalökonomie in längst überwunden geglaubte Sphären. Sie mutierte zurück zu einer Art Religion (religio = zurück) – einem Weltbild des Mittelalters. In den Himmel kommen ihre Gefolgsleute allerdings nicht.
Halten wir uns vor Augen: Zwischen Christi Geburt und dem Jahr 1820 ist das Durchschnittseinkommen der Menschen nur um die Hälfte gestiegen. Ein Wachstum in dieser Größe haben wir in einigen europäischen Ländern, darunter der Schweiz, in den vergangenen 25 Jahren realisiert. Dieses enorme Wachstum beruht auf einem hohen Verbrauch natürlicher Ressourcen.
Wird das Wirtschaftswachstum der Zukunft aus anderen Quellen alimentiert werden? Ein wichtiger Rohstoff ist Wissen. Im Gegensatz zu anderen Ressourcen ist Wissen nicht endlich. Wenn wir heute nicht wissen, worin zukünftige Lösungen bestehen werden: Die Forschung nach – zumindest weniger ökologisch belastenden – Impulsen beruht auf einer Denkwende und diese auf neuem Wissen.
Für unser Land im Speziellen stellt sich die Frage, ob und wie lange wir die Zuwanderung als eine Art Perpetuum mobile verstehen, einem einlullenden Konstrukt »Wachstum generierenden Wohlstandstreibers«. Ein Dilemma, das wir nicht gedankenlos der nächsten Generation überlassen sollten. Vorerst halten Illusionen die Motivation für Wachstum – dem Doping unserer Zeit – aufrecht und gleichzeitig den gut geschmierten Wachstumsmotor in Gang. Sind Illusionen einmal verflogen, kommen sie nicht wieder.
Peter Sloterdijk meinte 2011, dass wir weltweit der Frage nachzugehen hätten, wie die Leerformel vom unbegrenzten Wirtschaftswachstum, diese Wunsch-Praktiken auf der Basis der modernen Ökonomie, mit dem Überleben der Gattung auf dem Planeten verträglich wäre.
Wir sind alle gefordert. Nachdenken ist nicht umweltbelastend und nicht Bestandteil des Bruttosozialprodukts. Trotzdem ist nur die Gesellschaft als Ganzes in der Lage, eine Trend- und Denkwende zu bewirken.
14. August 2013
Nr. 93
Die Macht des Wortes
Philosophisches Update nach 2500 Jahren (Teil 6)
Erfolgreiche Politiker bedienen sich der Rederezepte aus dem antiken Griechenland. Mit persönlichem Erfolg, jedoch nicht immer zum Wohl des Landes.
(In loser Folge sind diese Updates jeweils auf eine herausragende Figur der Antike fokussiert und sollen auf besonders aktuelle Bezüge zur Gegenwart hinweisen.)
Demosthenes von Athen gilt als bedeutendster Redner der Antike. Seine Reden aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert waren über zwei Jahrtausende fester Bestandteil des abendländischen Bildungskanons. Neben Perikles, dem Strategen, ist der Rückblick auf diese eher tragische Figur aus drei Gründen besonders aufschlussreich:
– Entscheidende Macht des Wortes
– Fatale Polarisierung zwischen zwei Parteilagern
– Inflationsgefahr als Folge der Geldmengenausweitung
Es geht ja bei diesen Updates in erster Linie darum, festzustellen, was die Welt des 21. Jahrhunderts als Relikte jener die Demokratie prägenden Zeit auffindet. Und was nach über 2000 Jahren als Erkenntnis heute noch geortet, gelobt oder verdrängt wird. Geradezu überraschend ist die Entdeckung, dass clevere Politiker sich heute mit großem Erfolg nach den Regeln ihrer antiken Redner-Vordenker verhalten. In jedem europäischen Land gibt es sie ja, in Deutschland rufen sie nach der Kavallerie, in der Schweiz – besonders laut polternd – nach »Sicherheit für alle«. In Italien – ach, lassen wir das.
Bevor die drei oben genannten Gründe beleuchtet werden, ist dem Weg Demosthenes’ zum Meister der Rhetorik nachzugehen. Der begnadete Redner investierte in jungen Jahren viel Geld in ein spezielles Trainingsprogramm, um dereinst den Herausforderungen der politischen Agora gewachsen zu sein. Bei seinem Joggingtraining machte er Sprechübungen und deklamierte lange Texte mit einem Kieselstein im Mund. Damit legte er den Grundstein zum Redenschreiber, der ersten Station auf dem Weg zum erfolgreichen, öffentlich auftretenden Rhetores. Im Unterschied zu weniger redegewandten Politikern – diese mussten die eingekauften Reden vor ihrem Auftritt auswendig lernen – brillierte Demosthenes später mit Eigenproduktionen. Die ersten Auftritte erfolgten in Zivilprozessen. »Der Sprecher hatte sich als einfacher und ruhiger, im Gerichtswesen unerfahrener Bürger vorzustellen. Zornige, persönliche Attacken auf den Prozessgegner waren unerlässlich, wobei es bei der Pointierung weitaus weniger auf den Wahrheitsgehalt als auf den aktuellen Unterhaltungswert ankam. […] Zusammenfassung der gesamten Argumentation und ein gut inszenierter Appell an die Emotionen der Richter durften nicht fehlen« (Gustav Adolf Lehmann: »Demosthenes von Athen. Ein Leben für die Freiheit«). Mit der Politik vertraute Schweizerinnen und Schweizer entdecken da zweifellos die Parallelen zu heutigen Redenschreibern, auch mit universitärem Hintergrund.
Die entscheidende Macht des Wortes
Wer als Politiker reüssieren wollte, musste also reden können, ausgezeichnet, polemisch, faszinierend. Seine Gesellenstücke lieferte Demosthenes mit Anklagen gegen Spitzenpolitiker (heute: »die da oben«). Gestritten wurde u.a. über … die Reform des Sozialstaates.
Fatale Polarisierung zwischen zwei Parteilagern
In den 350er-Jahren waren Politik und Öffentlichkeit von einer für das Gemeinwohl fatalen Polarisierung zwischen zwei Parteilagern erfasst worden, die sich gegenseitig blockierten. Demosthenes distanzierte sich deutlich und grundsätzlich von dieser Haltung. Er erkannte die Systemwidrigkeit einer ausgeprägten und dauerhaften polarisierenden Lagerbildung im Rahmen einer direkten Demokratie. Diese wäre – so fand er – auf eine kontinuierliche und loyale Zusammenarbeit aller Kräfte und einen beständigen, offenen Wettbewerb unter ihren Politikern besonders angewiesen. Dass man sich in Athen schon in der Ära Perikles gegen den Versuch einer politischen Fraktionsbildung in den Versammlungen gewehrt hatte – eine interessante Erkenntnis, auch heute noch.
Inflationsgefahr als Folge der Geldmengenausweitung
In unserer Zeit, da Nationalbanken und europäische Rettungsschirme Milliarden in die darbenden Volkswirtschaften pumpen, ist eine Passage in den historischen Unterlagen besonders brisant. In den frühen 350er-Jahren wurden Athen und ganz Hellas von den Spätfolgen des Alexanderzugs in Mitleidenschaft gezogen. (Heute würden wir sagen: Die Vergangenheit hatte sie eingeholt.) Alexander der Große hatte die von den Persern angelegten gewaltigen Goldvorräte planmässig ausmünzen und in den Wirtschaftskreislauf einfließen lassen. Diese Maßnahme, vorerst hochgepriesen aus Kreisen der Geldwirtschaft und des Kreditwesens (heute Groß- und Investmentbanken genannt), hatte sich als äußerst segensreich und belebend ausgewirkt. In der Folge führte sie jedoch in der griechischen Staatswelt zu einem raschen, allgemeinen Anstieg des Preisniveaus, Teuerung grassierte (heute Inflation genannt). Importgetreide und einzelne Lebensmittel wurden zudem Mangelware, da sie in neu entstandene Verbrauchermärkte geflossen waren (heute Importsog aufstrebender Märkte).
War Demosthenes ein verantwortungsbewusster, weitsichtiger Politiker und geschickter Taktiker, der flexibel auf immer neue Herausforderungen reagierte? Dem politische Lagerbildung zuwider war und der eine lösungsorientierte Zusammenarbeit aller demokratischen Kräfte forderte? Oder war er der glücklose Verteidiger von Freiheit und Demokratie, wie es auf der Bronzestatue hieß, die 35 Jahre nach seinem Tod auf dem Marktplatz von Athen zu seinen Ehren errichtet wurde?
Jedenfalls ging er als »der Redner« in die Geschichte ein, weniger als Staatsmann. Um sich seiner Verhaftung zu entziehen, beging Demosthenes Selbstmord, indem er ein schnell wirkendes Gift trank.
»Nichts ist leichter als Selbstbetrug, denn was ein Mensch für wahr haben möchte, hält er auch für wahr«, soll er einst gesagt haben.
4. August 2013
Nr. 92
Wie kann ich verstehen?
Woran orientieren sich Menschen? Warum folgen sie gesellschaftlichen Mustern? Was prägt sie? Wie könnte unser »System« verändert werden?
Eine meiner persönlichen Lebensdevisen ist, dass ich Menschen verstehen möchte. Damit meine ich nicht, dass ich dann mit ihnen einverstanden zu sein hätte. Doch die Regeln und Hintergründe interessieren mich. Warum »wissen« wir und »handeln« trotzdem anders?
Wie kommt es zum Beispiel, dass mein Freund seinen politisch mir diametral entgegengesetzten Standpunkt verteidigt? Wo wir uns doch sonst ausgezeichnet verstehen? Oder warum meinen am Partygespräch alle, man müsse etwas tun gegen den Klimawandel, um anschließend persönlich immer größere, schwerere, umweltfeindlichere Autos zu kaufen?
So versuche ich also, zum Beispiel, herauszufinden, warum jemand überzeugt davon sein kann, die Wahrheit zu kennen, oder warum er zu wissen meint, dass er recht hat. Es interessiert mich, der Frage nachzudenken, warum Ideologen unentwegt danach trachten, für ihr persönliches Gedankenkonstrukt zu missionieren. Immer öfter nehme ich zur Kenntnis, dass Branchenverbände gerissene PR-Agenturen verpflichten, der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen, um ihre Macht spielen zu lassen. Mit gezielten Lügen und Angstszenarien verbreiten sie flächendeckend Unwahrheiten.
Doch warum verwenden Populisten beträchtliche Millionen Franken aus ihrem privaten Besitz, um die Unwissenden und Naiven aufzuklären? Natürlich nach ihrem persönlichen, eingeschränkten Weltbild. Warum, so frage ich mich weiter, wird ein Topmanager vor staunendem Publikum von seiner Kanzel herunterpredigen, er sei es wert, in zwanzig Jahren Hunderte von Millionen verdient zu haben? Beträge, die er als Angestellter legal aus der Firmenkasse entwendet hat.
Oder kann mir jemand erklären, warum bestandene Philosophen ihre Vorgänger kritisieren müssen? Warum Wissenschaftler generell meinen, die Befunde ihrer Kollegen aus früherer Zeit als falsch beiseiteschieben zu müssen, nur weil sie anderer Meinung sind oder Zugang zu neuen Erkenntnissen haben?
Erstaunlich auch, so wundere ich mich, dass politische Parteiexponenten ihre andersdenkenden Mitstreitenden à tout prix vor laufender Kamera demontieren oder ihnen, ohne rot zu werden, Sturheit, Inkompetenz und Verblendung vorwerfen – während sie offensichtlich selbst gemeint sein könnten.
Aber auch wir, die Gesellschaft, warum belügen wir uns laufend selbst? Natürlich nicht die anonyme Gesellschaft, sondern die Menschen sich selbst. In munterer Gesellschaft sind alle einverstanden damit, dass Strom gespart werden muss. Doch zuhause erstrahlt die flächendeckende Weihnachtsgartenbeleuchtung Nacht für Nacht von November bis Februar. Und die stromfressende Schockbeleuchtung an der Hausfassade schaltet hundert Mal ein und aus, jede Nacht, bei jedem Windstoß oder Fuchs, der vorbeischleicht.
Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse geben Aufschluss, warum Menschen oft – scheinbar unverständlich – denken und handeln. Hier stellvertretend drei Thesen:
Erstens: Aus den kognitiven Wissenschaften, hauptsächlich Neurowissenschaften und Linguistik, kennen wir die These, hier stark verkürzt, wonach die Beschaffenheit meines Gehirns durch meine persönlichen Erfahrungen in dieser Welt bestimmt wird. Als Kind, als Mitglied meiner Familie, mache ich meine ersten Erfahrungen. Durch Belohnung oder Bestrafung lerne ich zum Beispiel, was (für mich) richtig oder falsch ist. Natürlich geht es hier nicht um Mathe.
Daraus leite ich sukzessive ab, was (für mich) die Wahrheit ist. Deshalb ist die Annahme von objektiven Wahrheiten in der Welt schlicht falsch. Was tue ich, wenn ich denke und kommuniziere? Ich benenne die Dinge so, wie sie für mich in meinem Gehirn vorhanden sind. Theoretisch gesprochen: Je häufiger ich seit frühester Kindheit gewisse Synapsen in meinem Hirn nutze, desto mehr chemische Rezeptoren für Neurotransmitter (Botenstoffe) wandern zu dieser Synapse, sie wird dadurch (und entsprechende Neuronen) gestärkt, während andere allmählich wegen Nichtgebrauchs absterben. Die Neurowissenschaft hat den Slogan geprägt: »Fire together, wire together.« Ähnlich, wie sie einen anderen Merkspruch propagiert: »Use it or lose it!« – das Gehirn soll genutzt werden, auch im hohen Alter.
Zweitens: Über 80 Prozent unseres Denkens läuft vollkommen unbewusst ab. Ich weiß doch, was ich denke? Nein, ich weiß es eben nicht. Im Laufe der Zeit habe ich mir, durch ein höchst komplexes System, das Denken in Metaphern, Bildern zugelegt. Dieses wiederum ist geprägt von meinen entsprechenden kulturellen Erfahrungen. Ein Beispiel: Es gibt Kulturen, in denen Vergeltung der einzige Weg ist zum Ausgleich der moralischen Konten. »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Anderswo wird Versöhnung bevorzugt. »Vielleicht hast du recht, vielleicht habe ich recht, vielleicht irren wir uns beide.« In welchen Kulturen wir aufwachsen, darauf haben wir keinen Einfluss.
Deshalb eignen wir uns unterschiedliche metaphorische Konzepte an, um in der Welt zu bestehen. Auch hier ein Beispiel. Fasse ich das Leben eher als Kooperation auf, betrachte ich die Person, mit der ich argumentiere, als Partner: »Ich fordere dich auf«, sage ich etwa, verständnisvoll und einladend. Fasse ich dagegen das Leben als Krieg auf, betrachte ich die Person, mit der ich argumentiere, als Gegner: »Ich schieße los!«, auch wenn ich natürlich nur eindrücklich rede und gestikuliere.
Drittens: Auch politische Programmpunkte lassen sich auf unterschiedliche Moralvorstellungen (Metaphern) zurückführen. Es lassen sich beispielsweise die beiden Familienmodelle nachweisen: das konservative des strengen Vaters und das progressive der fürsorglichen Eltern. Diese Differenzierung ist besonders in den USA ausgeprägt. Hierin widerspiegelt sich auch das grundsätzlich unterschiedliche Verständnis zwischenmenschlichen Umgangs: Autorität und Empathie. Damit ist natürlich nicht gemeint, eine Bevölkerung lasse sich mit einem Strich in zwei polare Gruppen einteilen; vielmehr gibt es jene Menschen, die mäandrieren, einem dies, einmal das.
Nach diesem rudimentären Ausflug in die Wissenschaft fällt es nicht schwer, zu realisieren, wie im Alltag clevere Machthabende versuchen, »auf leisen Sohlen ins Gehirn« anderer zu schleichen. Aufgrund meiner Erfahrungen entwickle ich meinen persönlichen Deutungsrahmen für meine verinnerlichten Metaphern. Anders gesagt, mein Bild wird gerahmt – die Wissenschaft spricht von Frames – und auf diese Weise strukturiert, um jeder Information einen Sinn zu geben, »meinen« Sinn.
Auch dazu ein Beispiel. Besonders erfolgreiche Kommunikatoren (miss-)brauchen gezielt Frames, um ihrer Meinung zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei hat sich längst erwiesen, dass symbolische Werte punkten, abstrakte Programme hingegen nicht. »Das Boot ist voll« oder »Wir verteidigen unsere Freiheit und Sicherheit« und »Kampf dem Terror«, »Wir befürworten Steuersenkungen« – wir alle wissen augenblicklich, was gemeint ist. »Revision des Asylwesens«, »Agenda einer sozial verträglichen Immigration« oder »Sicherheitsrelevante Vorkehrungen gegen staatsfeindliche Elemente« und »Maßnahmen zur Austarierung des Staatsbudgets« – diese programmatischen Formulierungen sind schlechte Abstimmungsparolen. Diese Bilder sind sozusagen aus dem Rahmen gefallen.
Allmählich dämmert uns, dass wir Menschen unter dem gleichen Wort, der gleichen Botschaft, demselben Bild völlig Unterschiedliches verstehen. »Für eine sichere Zukunft in Freiheit«, so wird geworben im Extrablatt der SVP, heißt hier: »Schweizervolk, erwache! Auf in den Kampf gegen die fremden Richter in Brüssel!« (Kriegsmetapher) – dieser Aufruf ist sogar ehrlich gemeint. Aus der persönlichen Erfahrungswelt.
Für andere liegt die Zukunft der Freiheit ganz woanders. Zwar schätzen sie die Freiheit ebenso, doch sie verstehen darunter ein anderes Zukunftsbild. »Das Leben in einer Demokratie, in der Menschen unterschiedlichster Meinungen in Freiheit zusammenleben, sich organisieren und versuchen, sich gegenseitig zu verstehen« zum Beispiel (Kooperationsmetapher). Auch dies als Reaktion auf ihre persönliche Erfahrungswelt. Wir realisieren, dass sogar ein und dasselbe Wort mit völlig unterschiedlichen Inhalten aufgefüllt wird.
Was ist richtig, was falsch? Was ist die Wahrheit? Unterschiedliche frühkindliche Umgebung und Kultur konditionieren für jeden Menschen seinen Deutungsrahmen – und der ist eben für ihn der richtige. Darin entwickelt sich das individuelle, metaphorische Konzept – es gibt deren so viele, wie es Menschen gibt. Daraus resultieren zum Beispiel konservative oder progressive Lebenseinstellungen.
Ich kann nicht für andere sprechen. Meine Erfahrungswelt, meine Denkmetaphern sind persönlich geprägt. Deine, Ihre auch. Was bleibt zu tun?
Nach langem und gründlichem Bedenken könnte ich zum Schluss gelangen, dass ich das verstanden habe. Dann ist es ein kleiner Schritt, Andersdenkenden Verständnis entgegenzubringen. Doch ist muss verstehen wollen. Dann könnte sich unser »System« verändern.
Unter System verstehe ich: sich gegenseitig blockierende politische Parteien, arrogante, betrügerische Finanzinstitute, die nicht nachhaltig handelnde Gesellschaft. Dahinter steht überall und zu jeder Zeit – der einzelne Mensch.
25. Juli 2013
Nr. 91
Zwei neue Nationalhymnen
Der Schweizerpsalm, unsere Nationalhymne, ist für viele nicht mehr zeitgemäß. Jetzt stehen zwei Alternativen bereit.
Rechtzeitig zum Nationalfeiertag am 1. August 2013 bekommen Leserinnen und Leser das exklusive Angebot zweier neuer Landeshymnen. Zwar bezweifelt niemand die Tatsache, dass wir alle die Worte des seit 1981 gültigen »Schweizerpsalms« auswendig kennen, oder? Doch Hand aufs Herz: Der Text ist etwas in die Jahre gekommen. Zu schwülstig, zu religiös oder zu patriotisch, finden viele. Die Vorgaben der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft zur textlichen Entstaubung sind nicht so einfach zu erfüllen, »Sinn und Gehalt der Präambel der geltenden Bundesverfassung sollen als Grundlage dienen«.
Hier der erste Vorschlag. Es gilt weiterhin die geläufige Melodie der bisherigen Nationalhymne: »Trittst im Morgenrot daher, Seh’ ich dich im Strahlenmeer, Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!« Beim Einüben des neuen Textes kann durchaus die Melodie auf YouTube eingespielt werden, damit das Ganze etwas einfacher wird. In einer Woche sollte so die neue Version – ohne Alpenfirn und Wolkenmeer – jedoch auswendig gefestigt sein, damit an der lokalen Feier am Abend des 1. Augusts, aus voller Kehle und stehend, mitgesungen werden kann.
Neue Schweizer Nationalhymne
(Melodie: »Trittst im Morgenrot daher …«)
| Erste Strophe | Lieb’ ich dich, mein Schweizerland, wo ich meine Heimat fand, spüre ich viel Dankbarkeit, Fröhlichkeit! |
| Freiheit schätze ich, wie Frieden, | |
| Mensch mit allen Unterschieden, meide ich Beliebigkeit, kämpfe ich für Achtsamkeit, Unabhängigkeit und Wachsamkeit. | |
| Zweite Strophe | Vater-, Mutter-, Elternland, mich an meine Scholle band. Erde ist Vielfältigkeit, Fruchtbarkeit! |
| Nachhaltigkeit ist ein Gebot, versichert gegen Leid und Not, belohnen uns die Kinder, verdanken es nicht minder, Bergseen, Alpen dem Erfinder. | |
| Dritte Strophe | Unabhängigkeit als Titel, Solidarität als Mittel, demokratisch Einigkeit, Achtsamkeit! |
| Nächste Generationen stärken unsre Ambitionen, Insel im Europabund, grenzenlos die Freundschaft und deutlich tun wir unsre Meinung kund! | |
| Vierte Strophe | Helfen wir den Schwächeren, trauen wir den Stärkeren. Lachen bei Gelegenheit Heiterkeit! |
| Verstehen wir die Welt nicht ganz, versuchen wir’s mit Toleranz. | |
| Angst ist schlecht für Mut und Tat, trauen wir dem Bundesrat. | |
| Für die Zukunft sind wir dann parat! |
Beim zweiten Vorschlag wird es anspruchsvoller. Gemäß einer nicht repräsentativen Umfrage trauern immer noch viele Schweizerinnen und Schweizer älterer Jahrgänge der früheren Nationalhymne nach, die sich – ihrer Meinung nach – inbrünstiger absingen ließ und deren Worte sehr einprägsam waren. »Rufst du, mein Vaterland – Sieh uns mit Herz und Hand – All dir geweiht! …« zur Melodie der Britischen Königshymne »God Save the Queen« – jetzt erinnern sich sicher viele jener Feiern, inklusive Bratwurstduft. Auch diese Melodie lässt sich problemlos auf YouTube in Erinnerung rufen. Hier also dieser Vorschlag, er ist in seiner Aussage etwas pointierter als der erste.
Neue Schweizer Nationalhymne, Variante 2
(Melodie: »Rufst du, mein Vaterland…«)
| Erste Strophe | Zweite Strophe |
| Rufst du, mein Elternland | Da, wo der A-UNS-Kreis |
| Sieh uns mit Sachverstand, | Nicht dich zu schützen weiß, |
| Allzeit bereit. | SP-Komplott! |
| Heil dir, Helvetia! | Stehn wir den Banken gleich, |
| Hast noch der Banker ja, | Nie vor den Bußen bleich, |
| Sind mit dem Cayenne da, | Froh im Gerichtsvergleich, |
| Switzerland, fight! | Herz uns ein Spott. |
| Dritte Strophe | Vierte Strophe |
| Nähr’ uns so steuerfrei | Steigt der Verhandlungspreis, |
| Traditionen treu | Schmilzt unser Gletschereis, |
| Euroverschont! | Hilft unser Mut. |
| Kämpfen im Steuerstreit, | Werden wir aufgeschreckt |
| Stets kompromissbereit, | Uns gar der Steinbrück neckt, |
| Von einer Last befreit, | So wir zum Kampf erweckt, |
| Reichlich belohnt? | Steigt unsre Wut! |
| Fünfte Strophe | Sechste Strophe |
| Kavallerie uns naht! | Switzerland, ewig frei! |
| Teuer ist Blochers Rat: | Sei unser Feldgeschrei |
| Feinde, Gefahr! | Sieg oder Not! |
| Beste Armee der Welt | Frei lebt, wer denken kann |
| Uns klaren Blick verstellt? | Frei, wer beizeiten sann! |
| Jeder will unser Gelt! | Nur der entgeht dem Bann. |
| Wie sonderbar. | Frieden uns droht! |
Bitte sprechen Sie mit Ihrem Gemeindepräsidenten rechtzeitig vor Beginn der Feier darüber, welche der beiden Varianten er bevorzugt. Der Autor wünscht allen ein wunderschönes Fest!
15. Juli 2013
Nr. 90
Ständemehr – 165 Jahre danach
Die einstmaligen Gründe für die Einführung des Ständemehrs sind heute nicht mehr gültig. Eine Reform ist angezeigt, ja überfällig. Doch, wer packt das heiße Eisen an?
Während sich Wirtschaft und Gesellschaft seit der Gründung des Bundesstaates 1848 tiefgreifend gewandelt haben, ist das föderalistische Regelwerk Bund/Kantone in seinen Grundzügen weitgehend starr geblieben. Je schneller sich die Welt bewegt, desto größer erweist sich der Renovationsbedarf dieser Kleinstrukturen als belastende Hypothek. Vieles hat in unserem Land nach 165 Jahren Rost angesetzt.
Was ist gemeint? Unser fragmentiertes Staatswesen reagiert auf den Zeitenwandel zum Beispiel mit interkantonalen Konkordaten und Konferenzen. 16 Konferenzen der kantonalen Departements-Direktoren (kennen Sie alle: KdK, BPUK, EnDK, EDK, FDK, FoDK, KKJPD, KöV, LDK, MZDK, GDK, SODK, VDK, KOKES, FKS, Staatsschreiberkonferenz?) koordinieren ihre Kompetenzen. Und in über 20 Konkordaten (deren Auflistung sprengt den Rahmen dieser Kolumne) sind Hunderte von Arbeitskräften engagiert, um weitere, unterschiedlichste kantonale Gesetze und Verordnungen zu harmonisieren. Damit einher geht still und leise eine Entdemokratisierung und Bürokratisierung mit erheblichem finanziellem Aufwand. Flickwerke statt Reformen.
Der Kantönligeist
Ist es noch sinnvoll, mit den Zuständigkeiten des 19. Jahrhunderts zu leben? Da und dort wird der »Kantönligeist« zwar belächelt, doch das allein genügt nicht. Der Föderalismus war und ist nur möglich, wenn er sich an veränderte Bedingungen anpasst. Die politischen Akteure sind gefordert. Mehr und mehr politische Sachbereiche müssen heute international geregelt werden, wofür der Bundesrat zuständig ist. Was auf Kantonsebene verbleibt, wird noch heute mit (in der Regel) 26 unterschiedlichen Gesetzen und Verordnungen geregelt. Zwar wurden per 1. Januar 2011 die 26 kantonalen Zivilprozessordnungen vereinheitlicht – ein wegweisender Schritt in die Zukunft? 165 Jahre nach Errichtung des letzten helvetischen Neubaus – der neuen Bundesverfassung – ist die Zeit reif, sichtbar werdende Bauschäden zu sanieren, neue Technologien zu adaptieren, veränderten gesellschaftlichen Tatsachen Rechnung zu tragen. Was die Gründerväter schufen, war ein großartiger Wurf. Die Tagsatzung, sozusagen der eidgenössische Gesandtenkongress mit Delegierten aus den damaligen 22 Kantonen, hatte die Vorarbeit geleistet (seither kennen wir die Bundesversammlung). Damals war Hauptbestandteil des Neuen die Verlagerung von kantonalen Kompetenzen auf die Bundesebene. Mit Riesenschritten hatten mutige Politiker den Handlungsbedarf erkannt und unser Staatswesen in die Neuzeit geschubst. Niemand wird behaupten wollen, dass sich seither die Welt, Europa, die Schweiz nicht erneut grundlegend geändert hätten. Jetzt warten wir auf eine neue »Tagsatzung«, der es obliegen würde, die Zukunft der Schweiz zu planen.
Bevor ich das Reizthema Ständemehr aufgreife, möchte ich einige willkürlich herausgegriffene Beispiele nennen, bei denen Handlungsbedarf bestehen könnte. Dies geschieht unter Würdigung der Tatsache, dass seit Mitte des letzten Jahrhunderts in Bern natürlich nicht alles beim Alten geblieben ist, was das Zuständigkeitsgewebe von Bund, Kantonen, Gemeinden betrifft. Doch urteilen Sie selbst: 26 verschiedene Schul- und Gesundheitswesen, 26 unterschiedliche Steuerrechte, 26 Kantonspolizeiwesen, 26 variable Gerichts- und Strafvollzugsorganisationen, 26 differierende Sozialhilfegesetze, als Beispiele. Und dies alles in Zeiten der Mobilität, der wirtschaftlichen Umstrukturierungen, der gewaltigen Veränderungen der Berufs-, Wohn- und Pendlergewohnheiten, einer enormen Zuwanderung, der Schaffung medizinischer Kompetenzstellen (Beispiel Herzchirurgie), steigender Fallzahlen krimineller Übergriffe oder missbräuchlicher Sozialhilfebezüge – die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Arbeitnehmende pendeln zwischen Arbeitgeber und Wohnort, sie ziehen um und die Kinder landen in kantonal völlig unterschiedlichen Schulstrukturen. Auch 2011 darf eine Tessiner Lehrerin mit Luzerner Diplom im Tessin nicht Musik unterrichten. Ganz clevere Menschen verlagern ihren Wohnort ausschließlich nach Steuerkriterien. Verbrecher fliehen auf Autobahnen schneller, als die kantonalen Polizeicorps sich koordinieren können. Der ÖV schafft gänzlich neue Pendlerströme über die Kantonsgrenzen hinweg. Spitäler rangeln um Schwerpunktzentren und konkurrenzieren sich dabei.
Wenn etwas schief läuft im Land, brandet Kritik am undurchsichtigen Wirrwarr der Institutionen auf – um nach einigen Monaten wieder zu verstummen. Aktuellstes Beispiel: Der Fall Marie in Payerne VD. Die junge Frau wurde entführt und ermordet von einem Täter, der bereits früher wegen Mordes verurteilt worden war, sich aber mit einer elektronischen Fußfessel im Hausarrest befand.
Längst nicht alle kantonalen Zuständigkeiten sind unzeitgemäß, ja, einige bewähren sich bestens. Wir sind nicht zu Unrecht stolz auf unseren Föderalismus und möchten ihn nicht missen. Gerade deswegen sollten die wichtigen Baustellen angepackt werden. Wer fühlt sich zuständig?
Das Ständemehr
Zuoberst auf der Dringlichkeitsliste »Reform CH« steht jedoch das Ständemehr. »Das Ständemehr sollte man abschaffen!« Diese provokative Forderung nach der eidgenössischen Abstimmung über den Familienartikel im Frühling 2013 war die Folge des Scheiterns der Vorlage, obwohl ihr das Volk mehrheitlich zugestimmt hatte. Das Ständemehr war dafür verantwortlich.
Zur Erinnerung: Für Verfassungsänderungen ist sowohl eine Mehrheit der Abstimmenden als auch eine Mehrheit der Kantone notwendig. Eingeführt wurde diese Neuerung 1848, um die im Sonderbundskrieg unterlegenen konservativ-katholischen Kantone vor der Majorisierung durch die liberalen Stände zu schützen. Heute gibt es in unserem Land mehr Katholiken als Protestanten. Ein weiterer Grund, dass sich dieses in die Jahre geratene Konstrukt des Föderalismus gegen die Volksmeinung richten kann, liegt in der unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklung der Kantone. Viel zitiertes Beispiel: Appenzell Innerrhodens Bürgerinnen und Bürger haben bei Verfassungsabstimmungen mittlerweile 44 Mal mehr Gewicht als jene Zürichs (»One man, one vote«, urdemokratische Formel!). Im Extremfall können heute in der Schweiz neun Prozent der Stimmberechtigten auf diese Weise einen Mehrheitsentscheid des Volkes zu Fall bringen. Die Kollision zwischen Volks- und Ständemehr wächst zu einer der größten Herausforderungen für unsere Direktdemokratie heran.
Absurderweise können dadurch gesellschaftliche und politische Reformen blockiert werden, die für die kleinen, tendenziell eher konservativen Landkantone von marginaler Bedeutung sind, hingegen den 75 Prozent der schweizerischen Bevölkerung notwendig und sinnvoll erscheinen (NZZ). Das Ständemehr entpuppt sich je länger je mehr als Hindernis für die Legitimität einer bewährten politischen Institution, deren Voraussetzungen sich im Laufe der Jahre grundsätzlich verändert haben. Das Volksmehr wird auf diese Weise ausgehebelt.
Seit Jahren wird der grundsätzliche Reformbedarf von einer Mehrheit der Bevölkerung, der Politiker, Politologen und Politikwissenschaftler erkannt und entsprechend gefordert. Doch bevor die Diskussionen in Fahrt kommen, wird die rote Fahne (im Fußball: die rote Karte) gezückt. Für diese Verfassungsänderung bräuchte es selbst das Ständemehr. Also ist im Vornherein mit einer Ablehnung zu rechnen. Ende der Diskussion. Mit dieser defätistischen Einstellung wird der Zusammenhalt der Schweiz längerfristig gefährdet. Warum trauen wir unseren kleinen, mehrheitlich ländlichen Kantonen der Innerschweiz nicht zu, dass sie sich für einen zeitgemäßen Reformschritt erwärmen?
Neuregelungen sind längst angedacht. Gegen ein Dutzend Reformvorschläge liegen mittlerweile auf dem Tisch. Die politische Stabilität würde mit einer Anpassung gefördert, einer der Hauptgründe der Einführung des Ständemehrs vor 165 Jahren. Das »qualifizierte Volksmehr« könnte bei eindeutigen Mehrheiten (z.B. ab 55%?) angewandt werden. Oder: Angesichts des Umstandes, dass in den sechs größten Städten heute mehr Menschen leben als in den zwölf kleinsten Kantonen, wäre eine Stärkung der urbanen Zentren vorstellbar. Auch denkbar ist, dass die einwohnerstärksten Kantone eine zusätzliche Standesstimme erhielten. Ich selbst habe vor acht Jahren eine Gruppierung der Kantone in sechs Abstimmungsregionen vorgeschlagen (Süd, Zentral, Ost, Mitte, West, Nord). Vier von sechs Regionen erhielten gleich viele Ständestimmen wie bisher, lediglich in zwei Regionen müssten sechs Ständestimmen von der Region Zentral zur Region Nord transferiert werden (Christoph Zollinger: »2032, Rückblick auf die Zukunft der Schweiz«). Alle diese Ideen würden den Föderalismusgedanken stärken.
Wer packt dieses heiße Eisen an? Im Rampenlicht stehende Politikerinnen und Politiker meiden grundsätzlich Diskussionen, in denen sie sich klar positionieren müssten und eventuell unbeliebt machen würden. Der Ball könnte deshalb bei den Universitäten liegen. Studierende und Lehrkräfte der involvierten Fakultäten würden fachübergreifend ein Lösungsmodell erarbeiten, das auch eine angemessene und zeitgemäße Kommunikationsform beinhaltet. Den Medien käme eine wichtige, aufklärerische Aufgabe zu. Politik und Gesellschaft von überfälligen Reformschritten zu überzeugen, dürfte eine spannende und lohnende Herausforderung sein. Im 19. Jahrhundert war das Ständemehr für die Stabilität des Landes wichtig. Soll es das bleiben, ist eine werterhaltende »Renovation« nötig. In der jetzigen Form wirkt es eher wie ein Relikt.
5. Juli 2013
Nr. 89
Machtwechsel
Das neue digitale Zeitalter wirft seine Schatten voraus. Über Chancen und Gefahren informieren zwei Branchenschwergewichte aus den USA. Sie haben ihre Sicht in einem Buch dargestellt.
In früheren Zeiten kontrollierten die Religionsväter die Menschen. Allmählich übernahmen die Staaten respektive ihre politischen Vertreter und Institutionen die Hoheit über Bürgerinnen und Bürger. (Wenigstens in den westlichen Demokratien; auch wenn heute da und dort gemunkelt wird, inzwischen diktiere die Wirtschafts- und Finanzelite die Politik des Alltags.) Doch jetzt taucht eine neue Macht auf: In Zeiten des Epochalen Neubeginns, des aufkommenden Digitalen Zeitalters wird alles anders. Die große Informations- und Technologie-Revolution führt dazu, dass die Karten neu gemischt werden. Geht die Macht gar an die Bürgerinnen und Bürger?
Im kürzlich erschienenen Buch »The New Digital Age« werden solche provokativen Fragen gestellt und spannende Antworten gegeben. Dass es sich hier nicht um gossip handelt, widerspiegelt – erstens – die ausführliche Besprechung des Buches im Economist (4.5.2013). Und zweitens: Die Autoren sind Schwergewichte ihrer Domäne. Eric Schmidt ist Executive Chairman von Google und Jared Cohen Direktor von Google Ideas. Ihre professionellen Analysen der Gegenwart und gut begründeten Visionen der Zukunft sollten uns nicht kalt lassen. Sie sind natürlich nicht immer neutral, was nicht verschwiegen sein soll. Ihr Insiderwissen befähigt sie aber, Chancen und Gefahren der kommenden Dekaden zu antizipieren. Inspirierend und pragmatisch zugleich zeigen sie, wohin die Reise gehen könnte und welches die Konsequenzen für Menschen, Staaten und Wirtschaft sein werden.
Basis der spannenden Lektüre liefert die eindrückliche Recherchearbeit der beiden Autoren. Mit der Schilderung des rasenden Tempos der Kommunikationsentwicklung beginnt ihr Tour d’horizon. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts explodierte die Zahl der mit dem Internet verbundenen Menschen von 350 Millionen auf mehr als 2 Milliarden. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Smartphonenutzer von 750 Millionen auf weit über 5 Milliarden (aktuell: 6 Milliarden). Im Jahr 2025 wird die Mehrheit der Erdbevölkerung — innerhalb einer Generation — Zugang zu praktisch allen öffentlichen Informationen der Welt haben. Dannzumal werden geschätzte 8 Milliarden Erdbewohner online sein. Aufgrund des »Mooreschen Gesetzes« verdoppelt sich die Geschwindigkeit der integrierten Schaltkreise (chips) alle 18 Monate. Das heißt nichts anderes, als dass die Computer des Jahres 2025 64-mal schneller sein werden als unsere heutigen.
Das Internet ist das größte Experiment der Geschichte. Hunderte von Millionen Menschen erschaffen und konsumieren jede Minute digitale Inhalte in der neuen Welt ohne territoriale Grenzen und Gesetze. Damit ist das Internet der Welt größter »unregierter« Raum. In der Folge werden sich fast alle Aspekte unseres Lebens verändern. Jahrhundertealte Kommunikationsbarrieren verschwinden. Im Gegensatz zu früheren »Revolutionen« wird dies die erste sein, die es praktisch allen Menschen erlaubt, an Informationen und Wissen zu gelangen und dieses weiterzuentwickeln, ohne auf »Zwischenhändler« angewiesen zu sein. (Unserem rührigen Datenschützer in Bern muss es schwindlig werden.)
Mit dem beispiellosen Vorrücken der globalen Online-Welt werden viele herkömmliche Gebilde und Hierarchien Gefahr laufen, in der modernen Gesellschaft obsolet oder irrelevant zu werden. Es sei denn, sie adaptierten sich rechtzeitig. Gleichzeitig werden sich die alten Machtstrukturen von Staaten und Institutionen weg und hin zu Individuen verlagern. (Einen Vorgeschmack dessen erleben wir zurzeit mit den Volksaufständen im Mittelmeerraum.) Für autoritäre Regierungen wird es schwieriger werden, ihre online-informierte Bevölkerung zu kontrollieren. Demokratisch regierte Staaten werden in Betracht ziehen müssen, dass viele neue Stimmen (neben den »alten« politischen Parteien und Verbänden) mitreden werden. Die alten Machtzirkel zerfallen.
Natürlich werden die neuen Technologieplattformen von Google, Facebook, Amazon, Apple dazu führen, dass diese Konzerne immer mehr subtile Macht ausüben können. Umso wichtiger scheint, dass der technologische Wandel rechtzeitig einigen humanverbindlichen Richtlinien unterstellt wird. Schließlich wird davon abhängen, wieweit die guten, aufbauenden Resultate gegenüber den schlechten, zerstörerischen Einflüssen Oberhand behalten werden.
In der Pipeline ist bereits der nächste Entwicklungsschritt. Verbesserte voice recognition (Spracherkennungssoftware) wird zur Sofort(v)erfassung von E-Mails, Notizen, Reden führen. Diese erneute Effizienzsteigerung (die meisten Menschen reden schneller, als sie schreiben – allerdings oft auch, als sie denken) wird das Eintippen auf der Tastatur ablösen. Ins gleiche Kapitel gehören die stark verbesserten tools, die Sprachen sofort in gewünschte, andere Sprachen übersetzen. Dies wiederum wird die Interaktivität in Firmen und Organisationen mit ihren Kunden, Partnern und Mitarbeitern revolutionieren.
Und natürlich: Das Bildungswesen wird erneut durchgeschüttelt. Individuelle Lehrprogramme, die sich selbst anpassen an die Lernfähigkeit einzelner Kinder (statt des Lehrers Lehrfähigkeit), werden Tatsache.
Was das Autofahren betrifft, tut sich bekanntlich einiges. Einen Vorgeschmack dessen, wie es dereinst auf unseren Straßen zugehen wird, gibt Google’s Flotte von driverless cars, die von einem Team in Zusammenarbeit mit Ingenieuren der Stanford University entwickelt wurde. Diese führerlosen Pilotautos haben bereits Hunderttausende von Kilometern auf Straßen und Autobahnen ohne Zwischenfälle absolviert.
Die Autoren sind keinesfalls blinde Verfechter ihrer Theorien. Ausdrücklich verweisen sie in den einzelnen Kapiteln (Zukunft für Gesellschaft, Staat, Revolution, Terrorismus, Konflikt und Krieg) auf neue Gefahren, die mit der Entwicklung einhergehen. Ihre Zuversicht für die Chancenseite der Medaille (Rückseite: Gefahren) ist intakt. Im neuen Transparenzgebot weltweit sehen sie alte, gesellschaftliche Forderungen erfüllt. (Das schweizerische Bankgeheimnis lässt grüßen.) In der brave new world werden bereits heute innert zweier Tage mehr digitale Aussagen (digital contents) gemacht als seit Beginn der Menschheitsgeschichte bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Ob dieser quantitative Informationstsunami die Welt vorwärtsbringt? Ich hoffe, zumindest in Ansätzen.
Abschließend, sozusagen als Verdauungshilfe, hier die Schilderung eines durchschnittlichen Morgens zuhause: »Statt des Weckers wird dich das feine Aroma des automatisch frischgebrühten Kaffees sanft aufwecken. Während die Rollläden hochgehen, wird dir das High-tech-Bett noch eine subtile Rückenmassage applizieren. Du wirst erfrischt ans Tageswerk gehen, da ein in der Matratze eingebauter Sensor in Übereinstimmung mit den REM-Phasen deinen Schlafrhythmus reguliert hat. Per Handklick oder verbale Aufforderung werden Temperatur, Feuchtigkeit, Licht und Hintergrundmusik gesteuert …«
Wie der Tag weitergehen wird, lesen Sie am besten selbst. Denn in dieser Kolumne kann ja nur rudimentär und selektiv berichtet werden. Sicher wird auch bald eine deutsche Übersetzung des Buches vorliegen.
15. Juni 2013
Nr. 87
Transparenz als System
Philosophisches Update nach 2500 Jahren (Teil 5)
Die Geburtsstunde der Demokratie liegt 2500 Jahre zurück. Transparenz und Information, jene Grundlagen dieses Systems und die Anforderungen an Politiker, sind geradezu beunruhigend modern.
»Programme entwerfen, Perspektiven aufzeigen, Visionen eröffnen. Dies ist die Domäne der Politiker. Transparenz bildet die selbstverständliche Grundlage dieses Systems. Hohe Anforderungen gelten für jene, die das Wort ergreifen. Zu diesen Tugenden zählen: Intelligenz, Schlagfertigkeit, Sachkunde, Selbstbewusstsein. Die guten Rhetoriker sind gewaltig im Vorteil. Allerdings: Die Redefertigkeit von Demagogen, Volksführern ohne Rechenschaftspflicht, kann dazu führen, dass in Lebensfragen Rhetorik statt Sachverstand und Karrieredenken statt Verantwortungsbewusstsein den Ausschlag geben« (»Perikles«, Carl Wilhelm Weber).
Kurz und bündig, hochaktuell und unbestritten, liest sich diese »zeitgemäße« Charakterisierung eines demokratischen Systems. Doch Achtung! Formuliert wurde sie zur Glanzzeit Athens, als die einzigartige Kultur der griechischen Antike erblühte. Vor 2500 Jahren …
Perikles hat jener Epoche den politischen Stempel aufgedrückt. In dieser Kolumne ist diesmal nicht die Rede von den Überlieferungen der großen Philosophen. Vielmehr geht es um den umstrittenen Politiker und Strategen – jenen Menschen, der sich während 40 Jahren an der Spitze des Staates bewegte, davon 15 als Stratege – im Besitz der höchsten Macht und Gewalt. Obwohl die Amtsdauer nur ein Jahr betrug. Für eine Wiederwahl mussten die Wahlberechtigten einverstanden sein.
Seit 451 v. Chr. stand Perikles im Vordergrund der attischen Politik. Er verfügte über eine quasi monarchische Position innerhalb der jungen Demokratie. Doch nochmals: In aller Offenheit und Öffentlichkeit hatte das Volk einverstanden zu sein mit seiner Amtsführung. Neidlos mussten die Korinther eingestehen: Wenn man es mit einer Stadt wie Athen zu tun hat, die ständig Neues hervorbringt, kann man nicht am Alten festhalten. Man muss sich vielmehr seinerseits verändern. Zweifellos eine kluge Einschätzung.
Als Visionär und Macher ging Perikles in die Geschichte ein. Er ließ die Akropolis erbauen, jenes Monument Athens, das einer steinernen Staatsidee gleichkommt. Er machte Ernst mit der Demokratie (allerdings nicht vergleichbar mit unserem heutigen demokratischen Verständnis) und sein Name stand für ein liberales, kunstliebendes und wohlhabendes Gemeinwesen. Gleichzeitig haftete Perikles ein Negativbild an. Als glänzender Ideologe zeichnete er 431 v. Chr. hauptverantwortlich für den Bruderkrieg gegen Sparta, später bekannt als der Peloponnesische Krieg. Dieser endete nach dreissig Jahren mit dem Sieg Spartas, was gleichbedeutend war mit dem Ende des klassischen Zeitalters Athens und der attischen Demokratie.
Perikles war ein begnadeter Rhetoriker. »Reden zu können wurde in der Demokratie zur wichtigsten Erfordernis einer politischen Karriere« (Carl Wilhelm Weber). Perikles fühlte die Stimmung im Volk und setzte diese geschickt zum eigenen Vorteil ein. Er bezahlte Taggelder und machte so Geschworene und Richter zu Parteigängern. Der Bau der Akropolis und der Betrieb der Flotte bot Tausenden von ärmeren Bürgern eine Beschäftigung, förderte aber deren Abhängigkeit. Auch die Verschärfung des »Asylrechts« trug seine Handschrift. Er gewann damit viele Stimmen unter der einfachen Bevölkerung. Fortan durfte nur noch Bürger von Athen werden, wessen beide Eltern bereits Athener waren.
Geradezu bildhaft sehen wir ein Urmuster aus der alten Zeit vor unserem geistigen Auge, wenn wir über Erfolgsrezepte der Politiker lesen: »Sie appellierten an die im Volk tief verwurzelten [von Aberglauben gespeisten] Ängste und spielten das Unwissen und die daraus hervorbrechenden Emotionen der breiten Masse gegen den Rationalismus voll aus« (Carl Wilhelm Weber).
Wer heute Schlüsse ziehen möchte aus den Demokratieanfängen vor 2500 Jahren, stellt nüchtern fest, dass allein die Tatsache, dass ein Gemeinwesen demokratisch organisiert ist, noch keine Garantie für vernünftige Politik darstellt. Wenn Perioden wirtschaftlicher Blüte und erfolgreicher Politik zustande kommen, ist dies allzu oft durch die wirtschaftliche Großwetterlage bedingt und weniger das viel beschworene Resultat der politischen Ideologen, Institutionen oder gar der parteipolitischen Fahnenschwinger.
Damals wie heute laufen erfolgreiche Politiker Gefahr, die Fähigkeit zu verlieren, auf sich ändernde Herausforderungen mit kreativen Lernprozessen zu reagieren. Ihr Vermögen, dazuzulernen, scheint mehr und mehr gelähmt. Sie – auch heute gibt es sie, die begnadeten Rhetoriker – beschwören das »mehr desselben«, das einstmals Erfolgreiche, die Vergangenheit. Anders formuliert: Ein »Perikles« des 21. Jahrhunderts, der eine jahrzehntelange Geschichte des Erfolgs hinter sich hat, übersieht gerne alle Zeichen, die eine Richtungsänderung nahelegen. Somit halten sie schließlich das Falsche für das Richtige. Doch wer weiss schon, wann eine Erfolgsgeschichte zu Ende ist?
Transparenz und Information waren also die Säulen der attischen Demokratie. Während unser Informationszeitalter zumindest quantitativ alles Bisherige in den Schatten stellt, lässt sich das von der Transparenz nicht behaupten. Vor einer Massenversammlung mit Tausenden von Bürgern mit südländischem Temperament seinen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen ist offensichtlich noch anders verstandene Transparenz. Gar nicht so altmodisch? Unser Ständerat ist angesprochen: Kopfschüttelnd lasen wir noch Anfang 2013 Professor Yvan Lengwilers (Uni Basel) Kolumne in der NZZ: »Individuelles Abstimmungsverhalten im Parlament sollte nicht offengelegt werden.«
Und wie steht es mit »Programme entwerfen, Perspektiven aufzeigen, Visionen eröffnen«? Das war doch die Domäne der Politiker, damals, vor langer Zeit?
5. Juni 2013
Nr. 86
Die organisierte Lüge
Die globale Klimaerwärmung ist Tatsache. Die nächsten Generationen werden uns dankbar sein, wenn wir das heute akzeptieren und unsere persönliche Verantwortung wahrnehmen: Wir »sollten« nicht, sondern wir »müssen« handeln.
Mit Hunderten von Millionen Dollar ausgerüstete Lobbyorganisationen bestreiten in den USA lautstark ihren hinterhältigen Kampf gegen die Klimaforscher dieser Welt. »Die Erderwärmung findet nicht statt«, heißt eine ihrer absurden Kampfansagen. Diese Lüge wird auch vom Committee for a Constructive Tomorrow verbreitet, wobei allein schon der einlullende Name dieses von Erdölkonzernen mitfinanzierten PR-Stoßtrupps eine gewaltige Desinformation darstellt. Auch in unserem Land sind ähnliche Stimmen zu hören. Für die neutrale Fachwelt steht fest: Das langfristig schwerwiegendste Problem unserer Zeit ist die globale Erwärmung.
»Das nächste Jahrhundert dürfte er kaum erleben«, prognostiziert ein ETH-Glaziologe. Er – gemeint ist der Titlisgletscher, der jährlich ein bis zwei Meter an Dicke verliert (von seinen verbleibenden 40–50 Metern). Jetzt prüfen die Engelberger, den Gletscher im Sommer künstlich zu beschneien. Bereits dieses Jahr investieren sie zudem eine Million Franken in ein Kühlsystem, das die Eisgrotte künstlich herabkühlen soll. Neuralgische Stellen des Gletschers werden mit Vlies abgedeckt. Derweil macht sich der Marketingchef der Titlisbahnen Gedanken … über die Zeit nach dem Gletscher.
In der Arktis steigt die Temperatur zweimal so schnell wie im globalen Durchschnitt. Seit 1951 um 1.5° Celsius, gegenüber 0.7° Celsius weltweit. Als Folge des Schmelzens arktischer Gletscher sagte das IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change, ein Ansteigen der Weltmeere um 59 cm voraus, allein für dieses Jahrhundert. Angesichts des Albedo-Effekts dürfte diese Schätzung zu konservativ sein: Erst in letzter Zeit lokalisierten nämlich die Forscher den Hauptgrund für die drastische Eisschmelze. Aperes Land und das Wasser der Meeresoberfläche sind dunkel gefärbt, während Schnee und Eis natürlich hell sind. Dunkle Oberflächen absorbieren aber mehr Wärme als helle, die lokale Erwärmung steigt dadurch und ein eigentliches Perpetuum mobile wird in Gang gesetzt. Die Küstenlinie von Alaska schwindet zurzeit um 14 Meter jährlich. Interessierte können dies und noch viel mehr nachlesen im Special Report des Economists »The Arctic«.
Im tropischen Teil der Anden sind seit 1970 die Gletscher um 30 bis 50 Prozent geschrumpft. Der Rückgang sei »beispiellos in den vergangenen 300 Jahren«, hat ein internationales Forscherteam aus Südamerika kürzlich berichtet.
Neueste Messungen ernstzunehmender Klimaforscher deuten an, dass die Klimaerwärmung in den letzten zehn Jahren flacher verläuft, als die Voraussagen es suggerierten. Dies soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden. Ehrlicherweise können die Forscher für diese vorläufigen Werte auch keine plausiblen Gründe finden. Es gibt jedoch keine Entwarnung. Die Kohlenstoffdioxid-Emissionen steigen weiter, seit 1997 haben sie um 50% zugenommen. Und eine andere, aktuelle Studie, die 131 Jahre umfasst, zeigt, dass die Monate mit rekordhohen Temperaturen weltweit immer öfter vorkommen. 80% dieser Hitzespitzen sind durch den Menschen verursacht, erklären die Forscher.
Auch in der Schweiz kennen wir das Phänomen. Gewaltige Unwetter mit »Jahrhundert-Überschwemmungen« finden mittlerweile beinahe jährlich statt. Dass ganze Berghänge in den Alpen ins Rutschen geraten, auch in Gegenden außerhalb der offiziellen Gefahrenzonen, versetzt die betroffenen Bewohner in Angst und Schrecken. Der auftauende Permafrost ist für die Kurdirektoren notabler Winterkurorte seinerseits zum Schreckensszenario mutiert: Die Masten der Bergbahnen bewegen sich langsam talwärts, unabhängig davon, ob dies voraussehbar war oder nicht.
Seit 20 Jahren scheitern die Versuche, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Es war zu erwarten, dass deshalb Stimmen laut werden, die die Klimaschutzpolitik als Fiasko darstellen würden. Einer dieser Exponenten, der Däne Björn Lomborg, meint die Gründe dafür gefunden zu haben: Die Alternativenergien fassten nicht Fuß, da sie zu teuer wären. Der wahre Grund dahinter: Die Wirtschaft konsumiere fossile Energien nicht, um die Umweltschützer zu ärgern, sondern weil diese Energien das Wirtschaftswachstum trügen.
Diese Milchbüchleinrechnung suggeriert: Teure Energie = geringes Wachstum. Auch wenn diese Gleichung vordergründig zuträfe und lehrbuchökonomisch sogar begründbar wäre – sie ist eine Bankrotterklärung. Das Wohlergehen der Weltbevölkerung allein auf Wirtschaftswachstum zu reduzieren, ist eine zu einfache Weltsicht.
Dass in all den Studien behauptet wird, die Öffentlichkeit sei nicht bereit, höhere Energiekosten zu bezahlen, ist eine unbewiesene These. Als in den 1970er-Jahren die Weltmarktpreise für Erdöl explodierten, konnte in keinem Land festgestellt werden, dass die Konsumenten nicht bereit waren, diese hohen Preise auch zu bezahlen.
Desillusioniert muss heute akzeptiert werden, dass die weltweite Verpflichtung gemäß Kyoto-Protokoll, die Treibhausgase zu reduzieren, bisher nichts als heiße Luft geblieben ist. Ziel nicht erreicht. Klimaexperten, Politiker, Aktivisten und engagierte Menschen suchen deshalb nach neuen Wegen.
In der Schweiz wurde eine Volksinitiative eingereicht, die eine staatsquotenneutrale ökologische Steuerreform anstrebt. Die Grünliberale Partei (GLP) versucht auf diesem Weg einer Energiewende näherzukommen: »Energie- statt Mehrwertsteuer« heißt die Parole. Ohne die Gesamtsteuerbelastung zu erhöhen, würden gleichzeitig Chancen und Wettbewerbsvorteile für den Werk- und Denkplatz Schweiz entstehen.
Klimaexperten können sich vorstellen, dass die weltweite Einführung einer CO2-Steuer (Emissionssteuer, eine Art Zoll auf Produkte, die bei der Herstellung viel CO2 produzieren) die Lösung sein könnte. Beispielsweise würden Produkte wie Stahl, Papier und Zement damit belastet.
Beide Vorschläge dürften es schwer haben, jemals realisiert zu werden. Die Wirtschaft wird sich dagegen wehren, da sie prinzipiell alles ablehnt, was ihre Produkte verteuern würde.
Können neue Lösungen eine Klimakatastrophe verhindern, fragt sich der Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin. Er plädiert für eine dringend nötige, dritte industrielle Revolution. Die Idee: So viele Häuser wie möglich (es gibt deren 100 Millionen in der EU) in kleine, grüne Kraftwerke zu verwandeln. Diese würden aus nachhaltigen Quellen mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Ein solcher ökologischer Umbau würde gleichzeitig Millionen neue Arbeitsplätze schaffen.
Ökonomen des CCC (Copenhagen Consensus on Climate) sind der Ansicht, dass die beste langfristige Strategie darin bestünde, erheblich mehr Geld in die Entwicklung grüner Technologien zu investieren, damit diese radikal billiger würden. Vorgeschlagen wird eine weltweite Steigerung um das Zehnfache auf 100 Milliarden Dollar jährlich. Als Beispiel ziehen sie die Computerentwicklung seit 1950 heran. Den Durchbruch verdanken wir Fortschritten in Forschung und Entwicklung, die zu neuen Innovationen führten. Grüne Energie könnte letztlich so billig werden, dass jeder sie haben wollte.
Die gewaltigen Chancen für die Weltwirtschaft bei der Anpassung an den Klimawandel sind Hoffnung für viele. Gesamtnachfrage und Beschäftigung würden steigen, davon ist zum Beispiel auch Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Ökonomie, überzeugt.
Wir tun uns schwer mit der Klimadiskussion. Auf der einen Seite die Klimawandel-Leugner mit ihren Diffamierungen und großmundigen Statements wie: »Die Klimakatastrophe findet nicht statt – es kommt zu einer Abkühlung« (Fritz Vahrenholt). Auf der anderen Seite engagierte Klimaphysiker wie der Berner Thomas Stocker, einer der 1400 Gutachter aus der Wissenschaft, die seit Jahren die ganze, vielfältige Indizienkette des Klimawandels beurteilen.
Es liegt an uns allen, im persönlichen Umfeld klimaschonend zu handeln. Die Selbstverantwortung kann an keine Institution ausgelagert werden.
16. Mai 2013
Nr. 84
Visionen der Zukunft
Visionen sind Bilder im Hirn. Daraus können sich Innovationen, Erfindungen oder Weltbilder entwickeln. Einige haben das Zeug, unseren Alltag zu verändern.
Wer Visionen entwickelt darüber, was die Welt verändern könnte, begibt sich auf dünnes Eis. Gerade deswegen ist der Versuch spannend, ohne Risiko geht es hingegen nicht.
Vorab gilt es zu unterscheiden zwischen Prognosen und Visionen. Voraussagen, was in 10, 20, 50 Jahren sein wird, sind reine Spekulationen, mit oder ohne Geldeinsatz. Sie können nützlich sein, um kreatives Denken anzuregen. Sie können auch unsinnig sein. Zur zweiten Kategorie zähle ich persönlich z.B. Ray Kurzweils These zum Transhumanismus. Er mag als Computerspezialist Großartiges leisten. Als Visionär überzeugt er weniger. Wer täglich 200 Pillen schluckt, um ewig leben zu können, verwechselt wohl Leben mit künstlicher Intelligenz. Das Streben nach Unsterblichkeit – eine Vision, ein Lebensziel?
Prognosen zur Zukunft sind aus einem weiteren Grund gossip oder fiction. Zukunftsforscher verdienen heute ihr Geld damit, unabhängig davon, ob die von ihnen vorausgesehenen Wege jemals Tatsache geworden sind. Moderne Märchenerzähler können durchaus erfolgreich sein.
Da wir schlicht nicht wissen, welche unvorhergesehenen Ereignisse unser Leben drastisch verändern könnten, scheint es sinnvoller und faszinierender, sich mit Visionen zu befassen, die von Unbeständigkeit in unsicheren Zeiten profitieren können (»Antifragilität«, Nassim Nicholas Taleb) und die weitgehend immun sind gegenüber falschen Vorhersagen.
Religiöse Erscheinungen oder Halluzinationen werden auch als Visionen bezeichnet, doch da geht es um anderes. Visionen, wie sie hier verstanden werden, entstehen und entwickeln sich z.B. im Hirn denkender Menschen, begabter Tüftler oder Wissenschaftler. Oft sind die Resultate auch »Abfallprodukte« gezielten Suchens, Zufallsentdeckungen eben. Und natürlich gibt es auch die gezielt gesuchten Durchbrüche als Belohnung für jahrelang investierte Zeit.
Henry Markrams (ETH Lausanne) Human Brain Project ist vielleicht dereinst dieser Kategorie zuzuordnen. Anfang 2013 hat es jedenfalls eine Milliarde Euro an Fördergeldern der EU erhalten. Als erster Schritt auf dem Weg zu einem simulierten Menschenhirn geht es darum, mit gewaltiger Computerkapazität 100 Milliarden »Neuronen« nach dem richtigen Bauprinzip zusammenzusetzen. Bestechend am sehr ambitiösen Projekt ist die Idee der wissenschaftlichen Kooperation: »Wir haben eine Plattform, die Neurowissenschaftler und Computerexperten, Mathematiker und Biologen zusammenführt«, schwärmt Markram. Forschung am menschlichen Hirn ist nicht nur an sich, im engsten Sinn, herausfordernd, sondern auch als Sekundärplattform für besseres medizinisches Verständnis, z.B. von neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson.
Nanoroboter könnten schon bald die Medizin revolutionieren. Sie sind unvorstellbar klein, bis zu 500-mal dünner als ein menschliches Haar. Bradley Nelson, Professor an der ETH Zürich, leitet das Multi-Scale Robotics Lab, ein Forschungszweig mit großen Zukunftsperspektiven. Die Visionen, wozu die Winzling-Nanoroboter eingesetzt werden könnten, sind atemberaubend: Sie sollen Ärzte bei der Diagnose unterstützen, Medikamente im Körper transportieren und Gewebe herausschneiden oder reparieren. Vielleicht können sie sogar minimale, aber hochpräzise chirurgische Eingriffe vornehmen. Nelson: »Forschung verhält sich nicht immer so, wie du es planst. Ein Versuch kann scheitern, man lernt dabei und macht es besser das nächste Mal.« Versuch und Irrtum, ohne geht es nicht.
Ebenfalls mit einer Milliarde Euro ausgestattet wird von der Europäischen Kommission das Forschungsprojekt Graphen: Visionäre Wissenschaft jenseits der Fiktion soll gefördert werden. Hier heißt das nicht mehr und nicht weniger, als das Wundermaterial der Zukunft zu entwickeln. Solide Forschung soll das enorme Anwendungspotenzial dieses dünnsten bekannten Materials fördern. Graphen ist biegsam wie eine Klarsichtfolie, aber hart wie Diamant. Es besteht aus Kohlenstoff, leitet elektrischen Strom hundertmal so gut wie ein Kupferkabel und hat die Qualität, schon bald Silizium in Computerchips zu ersetzen. Das Wundermaterial könnte auch zur Basis von effektiveren Solarzellen oder superleichten Autokarosserien werden. Der Physiker Jari Kinaret, der in Göteborg das Projekt koordiniert, meint trocken: »Graphen bringt das Potenzial, unseren Alltag zu verändern.«
Leuchtdioden verändern unser Verständnis der gesamten Beleuchtungstechnik. Bereits bekannt und im Einsatz sind LED-Lampen, quasi die Nachfolgegeneration der Energiesparlampen. Im Moment (nicht mehr lange) sind sie relativ teuer, doch sie leuchten bis zu 100’000 Stunden.
Die eigentliche Revolution kommt erst: Oleds, organische Leuchtdioden, sind Folien, die warmweißes Licht abstrahlen. Sie können verschiedenartig geformt, flexibel oder transparent sein. Noch sind sie fast unbezahlbar, doch sie werden ein völlig neues Lichtdesign ermöglichen. Stellen Sie sich das so vor: Wenn es draußen dunkel wird, bleibt es drinnen, im Zimmer, gleichbleibend hell. Statt der Sonne beginnt das Fenster zu leuchten. Das Wunder: Auf dem Fensterglas klebt ein durchsichtiger Film aus organischen Leuchtdioden (eben Oleds), der elektrische Energie hocheffizient in Licht verwandelt. Karl Leo vom Dresdner Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme ist überzeugt: »Leuchtende Fenster, Wände und Decken werden elektrisches Licht aus punktförmigen Quellen ersetzen oder ergänzen, in ein paar Jahren sind wir so weit.«
Bereits in früheren Kolumnen habe ich über die »dritte industrielle Revolution« geschrieben. 3-D-Drucker werden die Wirtschaftswelt verändern. Schon im Gebrauch sind Modelle, mit denen jeder Einzelne Spielsachen, Kleider, Geschirr, Möbel, Schmuck etc. »drucken« kann. Bei 250 Grad formt und härtet der Drucker Schicht für Schicht, z.B. aus Kunststoffgranulat. Das benötigte Computerprogramm kann selbst geschrieben oder von spezialisierten Plattformen heruntergeladen werden.
Chris Anderson (»Makers«) spricht von einer Revolution der industriellen Produktion, der Makers-Revolution. Seine Firma 3D Robotics produziert Drohnen für den Privatgebrauch. Diese zivile Nutzung erlaubt den Käufern bereits heute einen gezielten Einsatz in den Bereichen Freizeit, Sport, Landwirtschaft etc. Schon fliegen in den USA gegen 4000 solcher Drohnen herum.
Robert B. Laughlin, der brillante Physiker an der Stanford University und Nobelpreisträger, zeichnet seine Vision der Wissenschaft, die aus dem Zeitalter des Reduktionismus mit seiner fortwährenden Suche nach den stets kleiner werdenden Bausteinen der Welt in das Zeitalter der Emergenz, der Selbstorganisation der Natur, übergeht. Für Laughlin ist das nicht mehr und nicht weniger als eine »Veränderung der Weltsicht, in deren Verlauf das Ziel, die Natur durch Zerlegung in immer kleinere Teile zu verstehen, durch das Ziel ersetzt wird, dass man versteht, wie die Natur sich selbst organisiert« (»Abschied von der Weltformel«, Robert B. Laughlin).
Meine ganz persönliche Vision, die ich seit 40 Jahren verfolge, ist jene einer umfassenden Ganzheit: Ich wünschte mir, dass es immer mehr Menschen gelänge, die größere und entscheidende Wirklichkeit des Ganzen wahrzunehmen. Die persönliche Wirklichkeit und Wirkung verschmelzen dann, wenn Denken und Handeln durchdrungen sind von der Idee, dass beides sich nie isoliert auf Details reduzieren lässt, sondern dass die »Nebenwirkungen« früher oder später zu Tage treten.
6. Mai 2013
Nr. 83
Die griechische Tragödie
Philosophisches Update nach 2500 Jahren (Teil 4)
Von der antiken zur aktuellen griechischen Tragödie trennen uns Jahrtausende. Ebenso lang kennen wir die verlässlichen Werte, die einen guten Staat ausmachen. Wir sollten sie beachten.
Furcht und Mitleid sollen die Zuschauer der Tragödie empfinden. Am Ende der Vorstellung hätten sie geläutert nach Hause zu gehen. So oder ähnlich soll Aristoteles sich geäußert haben. Wer heute in Epidauros im antiken Theater von der Bühne aus in die zum Himmel wachsenden Zuschauerränge blickt, ahnt etwas von der theatralisch inszenierten Tragik, die bereits vor 3200 Jahren das Wesen solcher grandiosen Darbietungen ausmachte. Jedenfalls wird ihr eine seelische Reinigung nachgesagt, was immer man darunter verstehen mag.
Ob das Wesen der Tragödie in der Kollision zweier gleichberechtigter Werte besteht – man streitet sich bis heute darüber. Wehe dem, der diesen Konflikt auszutragen hat. Er wird schuldlos schuldig und manövriert sich in eine Situation hinein, die nur im Untergang enden kann.
Im 21. Jahrhundert erschüttert die griechische Finanzkrise das kleine Land und die große EU. Es ist eine veritable griechische Tragödie der Neuzeit. Und immer noch gilt offensichtlich: Wer sie lösen soll, wird schuldlos schuldig. Zu hoffen bleibt, dass der Versuch der Konfliktlösung nicht im Untergang der Protagonisten enden wird. Furcht und Mitleid verspüren wir Zuschauer alleweil schon jetzt.
Zurück zu Aristoteles. Wiederum dient das philosophische Update dazu, sich die enorme, erstaunliche Präsenz der Argumentationskraft der großen Denker, die in Athen lebten und lehrten, zu vergegenwärtigen. Aristoteles, Schüler und Kritiker Platons, kann als Begründer der abendländischen Wissenschaft bezeichnet werden. So erkannte er, was heute vielerorts in Vergessenheit geraten ist – dass alles Lebendige nicht bloß Anhäufung von Teilen bedeutet, sondern nur als Ganzes erfasst werden darf, das seinen Teilen erst Sinn verleiht. Geist, Vernunft, Logos, Emotion, zusammen machen sie das Lebewesen aus. Ganzheitliches Denken und Handeln zeichnet bis heute jene Kräfte aus, die nichts am Hut haben mit Extremisten, Populisten, Separatisten.
Statt die Arztpraxis seines Vaters zu übernehmen – dieser war Leibarzt des Königs von Makedonien –, zog es den Sohn nach Athen. Das Orakel hatte seinen leicht beunruhigten Eltern grünes Licht gegeben: Die göttliche Antwort auf deren Frage, was ihr Sohn in Athen tun solle, hieß … Philosophie studieren. Am Anfang der Philosophie stand (und steht) das Staunen: Aristoteles beobachtete die Natur, dachte u.a. über Staatsformen, Dichtkunst, Ethik, Rhetorik und Logik der Argumentation nach. Philosophie war damals eine umfassende Angelegenheit, zu ihr zählte man im Grunde alles Wissen, alle Wissenschaften.
Aristoteles blieb 20 Jahre an der Akademie Platons. Als sich sein Traum, dessen Nachfolger zu werden, zerschlug, zog er zurück in seine Heimat. Er folgte dem Ruf des berühmten »Patienten« seines Vaters und wurde dessen Sohns Lehrer. Alexander war 14-jährig und wurde erst später »der Große« genannt. Als dieser 340 v. Chr. König wurde, kehrte Aristoteles, der Lehrer des mächtigsten Mannes der Welt, nach Athen zurück.
Der philosophische Allrounder Aristoteles hat ein riesiges, schriftliches Werk hinterlassen. Sein Ruf als Biologe und sein Beitrag zum systematischen Denken, sein logisches Schaffen, ragen heraus. »Die aristotelische Logik herrschte erhaben bis ins 19. Jahrhundert, sie wurde sozusagen versteinert weitergegeben von Menschen, die durch seine Autorität derart eingeschüchtert waren, dass sie ihn durch keine Frage anzutasten wagten« (Bertrand Russell). Das kann allerdings nicht Aristoteles angelastet werden. Immerhin wissen wir nun seit bald 2400 Jahren, dass das Verfahren Beweisführung erfordert und der Prozess Argumente. Hier schuf Aristoteles eine feste, überdauernde Basis.
Aristoteles’ Lehre von der Tugend als die Mitte – ich betrachte sie als Leuchtturm in der Finsternis. Übermaß hier, Unzulänglichkeit dort, beides kann nicht das richtige Verhalten darstellen. Seine Unterscheidung der ethischen Tugenden (Platon) in ihre Extreme bringt uns auch heute oft zur Einsicht, dass die Mitte zwischen beiden erst zielführend ist. In der Politik sehen wir uns immer wieder mit zwei entgegengesetzten, polarisierenden Standpunkten konfrontiert. Wer darauf beharrt, kann als Kämpfer oder Sturkopf bezeichnet werden – ja nach Weltbild. Militant gegen oder »rational« für Atomkraft zu sein – Aristoteles lässt grüßen.
Ausführlich studierte er politische Empirie und suchte die beste Staatsform. Nach eingehender Analyse historisch gewachsener Staats- und Gesellschaftsformen kam er zum Schluss: »Die Staaten mit einer Mittleren Verfassung sind allen anderen Staatsformen überlegen. Die Mittlere Staatsform ist die gleiche wie die für die wahrhaft glücklich machende Tugend, die ebenfalls ein Mittel zwischen zwei extremen Verhaltensweisen ist« (»Geschichte der politischen Ideen«, Fenske/Mertens/Reinhard/Rosen). Sein abschließender Befund: »Denn wo die Mitte stark ist, gibt es am wenigsten Revolutionen und Streitigkeiten unter den Bürgern.«
Mit seiner Strukturanalyse der Staatsformen hat Aristoteles Neuland betreten. Er hatte keine Vorbilder. Umso bemerkenswerter seine Erkenntnis: Legislative, Exekutive und Judikative, alle drei Teile müssen in Ordnung sein, dann muss zwangsläufig auch der Staat in Ordnung sein.
Auch über die Gerechtigkeit machte sich Aristoteles Gedanken. Heute haben wir uns längst damit abgefunden, dass auf der Welt keine Gerechtigkeit zu erwarten ist. Das galt wohl schon für das antike Athen. Umso bemerkenswerter jener theoretische Befund: Gerechtigkeit ist die hervorragendste Tugend in Bezug auf die Gemeinschaft. Austeilend nannte er die gerechte Verteilung von Gütern, ausgleichend steht sie als Korrektiv für erlittenen Schaden. Für Ausgleich sorgen in den westlichen Demokratien wohl die Versicherungen, in der Schweiz jedenfalls in sehr ausgeprägtem Umfang. Doch wie steht es mit der gerechten Verteilung? In Zeiten wachsender Ungleichheiten in den Gesellschaften wird diese Sprengkraft noch viel zu wenig wahrgenommen. Steigen Armut hier und Reichtum dort ins Übermaß, verlassen wir die oben besprochene Mitte. Wir landen im gefährlichen, radikalisierenden Minenfeld des egoistisch zur Schau gestellten Reichtums oder der verzweifelten Armut, das in Provokationen, Demonstrationen, Unruhen oder gar Übergriffen endet. Das Gefährlichste daran: Wenn es so weit ist, werden die Populisten mit ihren einfachen Lösungen an die politische Oberfläche gespült. Die Quittung für ausbleibende Gerechtigkeit kann dann, wie die Geschichte zeigt, verheerende Folgen haben.
Rund 96 Generationen haben sich seit Aristoteles in der Staatsführung geübt. In der Schweiz sind es 20–28 Generationen. Das vergleichsweise respektable Resultat dieser Bemühungen in unserem Land lässt sich sehen. Es ist weder selbstverständlich noch für alle Zeiten garantiert. Jene politischen Kräfte, die immer wieder die unabhängige Gerichtsbarkeit hinterfragen und lauthals ihre eigenen Lösungen verkünden: Sie denken weniger modern, weniger klug als Aristoteles. Wir brauchen keine griechische Tragödie, um geläutert nach Hause zu gehen. Auch keine Versprechungen für eine sichere Zukunft in Freiheit. Uns genügt eine ausgewogene Mittepolitik, um in Freiheit einer unsicheren Zukunft optimistisch entgegenzusehen.
26. April 2013
Nr. 82
2400 autonome Gemeinden?
Gouverner, c’est prévoir! Wenn in der Schweiz das Volk die Politik direkt bestimmt, muss dieses Volk auch vorausdenken. Wer denn sonst? Ein Recht wahrnehmen heißt auch die Verantwortung mittragen. Damit die Gemeindeautonomie nicht zum Mythos verkommt.
Die staatstragende Rolle der Gemeinden in der Schweiz steht hier nicht zur Diskussion. Wohl aber die Zahl 2400. Die Welt rückt zusammen, Europa fokussiert sich verstärkt auf den länderübergreifenden Strukturwandel, die Schweiz befördert laufend kantonale Aufgaben auf die Bundesstufe und kommunale Entscheidungsfelder nach oben zum Kanton. Die Einsicht, dass sich auch ein fantastisches System mit der Zeit verändern muss, steigt. Zwar warnen konservative Politikerkreise bei jeder Gelegenheit vor Föderalismusverlust. Doch darum geht es gar nicht – es geht um eine überfällige Strukturbereinigung, damit das beste Regierungssystem der Welt (wer hat’s erfunden?) gestärkt die zukünftigen Aufgaben meistern kann.
Zwar ist die Anzahl autonomer Gemeinden in den letzten 25 Jahren um rund 600 gesunken, doch diese Reduktion ist der Not gehorchend und keineswegs strategisch geplant oder begründet. Wo die Rekrutierung von Gemeindeexekutiven, Behörden- und Verwaltungsmitgliedern auf unüberwindbare Probleme stößt, wird gehandelt, zu oft erst auf Druck fehlender Finanzen oder des Kantons. Doch warum zuwarten, bis die Aufgaben nur noch mangelhaft erfüllt werden können?
Raum und Zeit verändern sich. In den letzten 20 Jahren reduzierte sich der Gemeindeanteil an den schweizerischen Staatsausgaben auf unter 25%, während die Anteile des Bundes respektive der Kantone entsprechend zunahmen. Dies unterstreicht einen konstanten Zuständigkeitswandel, der weitgehend unbemerkt und ohne Einfluss der Gemeinden abläuft.
Was von den Fahnenträgern unverrückbarer kommunaler autonomer Hoheiten aber übersehen oder verschwiegen wird, ist der starke Trend zur Aufgabendelegation aus den Gemeinden heraus in Gemeindekooperationen, andere Gefäße oder Zweckverbände. Sei es aus Ressourcen- oder Kapazitätsmangel, immer mehr Kernaufgaben werden in einem dichten Geflecht interkommunaler Zusammenarbeit (IKZ) erfüllt. Diese Entwicklung ist der urkommunalen Entscheidungsfindung abträglich und gaukelt nur mehr eine Autonomie vor. Meistens führt die IKZ zu einem höheren Verlust an Bürgernähe als eine Gemeindefusion.
Seien wir doch ehrlich. In unserer komplexen Welt quellen immer neue Herausforderungen aus dem Handlungsbereich einzelner Gemeinden heraus. Fürsorge, Altenpflege, Verkehr, Umweltschutz, Schulbauten, Feuerwehr, Sicherheit, Zivilstandsverordnung – die Liste wird länger und länger. Erst dieses Jahr trat das neue Kinder- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft – das kommunale Vormundschaftswesen gehört der Vergangenheit an.
Auch das Milizsystem stößt an Grenzen. In seinem Kantonsmonitoring hat Avenir Suisse 2012 aufgezeigt, wie z.B. in Oberägeri (ZG, 5500 Einwohner) nicht weniger als 23 Exekutivposten zu besetzen sind; rechnet man die 20 Kommissionen mit ein, sind es sage und schreibe über 100 politische Positionen. Aufwand und Ertrag? Da fragen sich vielleicht landauf, landab engagierte Menschen, auf welche Weise starke, autonome Gemeinden erhalten werden können. Gemeindeautonomie ist ja kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Wer ehrlich dafür eintritt, sieht Handlungsbedarf.
Wer sich umhört, erntet Kopfschütteln. Warum fusionieren? Uns geht es doch gut? Und überhaupt: Auf meinen Gemeindenamen würde ich nie verzichten! Sollen die Kleinen fusionieren – wir, Gemeinden mit über 5000 Einwohnern, haben das gar nicht nötig. So oder ähnlich würde es bei Umfragen vor der Kirche im Dorf wohl tönen. In der neugeschaffenen Gemeinde Bözberg – kürzlich hervorgegangen aus der Fusion von vier kleinen Nachbargemeinden – tobt gar eine erbitterte Auseinandersetzung um die Adressen. Viele Einwohner fühlen sich entwurzelt, seitdem ihr bisheriger Dorfnamen verschwunden ist. Doch warum überhaupt diese Aufregung?
Bei Gemeindefusionen geht es in erster Linie darum, zeitgemäße Exekutiv- und Verwaltungsstrukturen zu schaffen. Dazu gehört auch, dass die vielerorts spärlichen finanziellen Mittel optimal »investiert« werden. Vielleicht nicht in ein neues, überdimensioniertes Gemeindehaus, dafür in die Stärkung des schulischen Umfelds? Werden sinkende Steuerbelastungen in Aussicht gestellt, schwindet das Misstrauen rasch. Umgekehrt, wo für eine Gemeinde höhere Belastungen resultieren würden, sind Fusionen erfahrungsgemäß praktisch chancenlos. Also doch das Geld?
Wer sich in einer ruhigen Minute überlegt, wie in unserem kleinen Land Tausende engagierter Bürgerinnen und Bürger jahrein, jahraus zusammensitzen, um – im großen Ganzen – die gleichen Aufgaben zu lösen, die fast identischen Probleme in den Griff zu bekommen, den neuen gesellschaftlichen Ärgernissen oder Auswüchsen zu begegnen: mit Strukturen aus dem vorletzten Jahrhundert, als es weder Autos, Eigentumswohnungen oder Handys gab. Gibt es da vielleicht doch Handlungsbedarf?
Ein Vorschlag zur Güte: Belassen wir doch die Ortsnamen auch nach Fusionen, wie sie immer waren. Dieses rein technische Problem ist im Computerzeitalter überhaupt keines. Wenn dadurch die Bereitschaft steigt, sich mit dem Gedanken an eine Fusion mit Nachbargemeinden überhaupt zu befreunden, wäre viel Zündstoff entsorgt. Hütten, Hirzel und Schönenberg im Kanton Zürich, deren strukturelle Defizite seit Jahren bekannt sind, fusionieren, aber die Ortsnamen belassen, wäre das ein Vorschlag? Bevor – wenn der Topf des Finanzausgleichs dereinst immer spärlicher fließen wird – auch der letzte Gemeindepräsident aus Schaden klug wird?
Visionen brauchen Zeit. Die Glarner Landsgemeinde entschied 2006 vorausschauend: Aus 25 Gemeinden wurden deren drei. Es ist nicht bekannt, dass Glarnerinnen und Glarner seither an Identitäts- oder Autonomieverlust erkrankt sind.
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