Kitabı oxu: «Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte»
Clara Viebig
Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte
Roman
Saga
Clara Viebig wurde 1860 in Trier geboren, verbrachte ihre Jugend in Düsseldorf und in Westpreußen und lebte seit 1883 in Berlin. Sie war verheiratet mit dem Verlagsbuchhändler Fritz Th. Cohn. Während der Naziherrschaft war sie bis zum Tod ihres Mannes Verfolgungen ausgesetzt. Sie starb 1952 in Berlin. Ihre zahlreichen Romane und Erzählungen, die sie zu einer der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit machten, sind vom Naturalismus geprägt.
I
Es ist heute ein trister Tag, wie der König denkt – eine große solennité funèbre, dieses Zurneigegehen der Natur. Der König geht gebückt, so, als suche er etwas auf der Erde. Die mageren Hände, über die die Spitzenmanschetten, achtlos zerknittert, fallen, hat er beide auf dem Rücken zusammengelegt, sie halten den Krückstock. Seine Stirn, hoch und gebietend, aber vergilbt vom Alter und gefurcht von vielen Gedanken, neigt sich noch tiefer. Sein Fuß scharrt in dem braunen, vom schon kalten Nebel der Nacht gefeuchteten, herb bitterlich riechenden Laub, das der Herbstwind zusammengetrieben hat hier vor dem Freundschaftstempel, den er der Schwester Wilhelmine, der Markgräfin von Bayreuth, zum Gedächtnis hat errichten lassen im Park von Sanssouci. Sie ist tot, er hat sie geliebt, sie hat ihn geliebt – wer liebt ihn noch? Er lächelt bitter: sein Volk? Ein Roß, das stolpert; man muß es zuweilen den Stock fühlen lassen, damit es weiß, es hat zu parieren. Und ‹ces gens-là?!› Sein Lächeln wird geringschätzig, die Winkel der schmal gewordenen, eingekniffenen Lippen ziehen sich herab. Er denkt an den Neffen, den Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen; der liebt ihn sicherlich nicht, hat auch keine Veranlassung dazu. In dessen Affären hat er mehr als einmal hineingespukt, ihn nicht im Potsdamer Stadtschloß wohnen lassen, sondern in einem Haus am Markt, hat den Prinzen von Preußen jeden Tag zur Parade befohlen, ihm die vielen Amüsements in Berlin erschwert – ‹eine Reise nach Berlin darf er nur mit meiner Permission antreten›. ‹Ces gens-là› – die Vertrauten wissen, wer damit gemeint ist, wenn der König das so wegwerfend sagt. Hat sich behängt mit Weibern, wie ein Schellenbaum hängt voller Schellen, trotzdem er schon zum zweitenmal verheiratet ist. Erst 65 die Braunschweigerin – Braunschweigerinnen bringen kein Glück. Der König denkt flüchtig an die seine von Braunschweig-Bewern: die saß nun schon seit vierzig Jahren im Schlößchen Schönhausen hinter Berlin. Zweimal im Jahr sieht er sie bei den großen höfischen Festlichkeiten, aber er richtet nicht einmal das Wort an sie. Jetzt hat der Prinz von Preußen – 69 geschieden – eine von Hessen-Darmstadt; Kinder genug da, ganz brave Frau, diese Friederike Luise, aber sie kann den Kopf nicht gradehalten, wackelt beständig mit ihm, und spricht sie, dann stockert sie, die Worte fallen ihr aus dem Mund wie Brocken. Und sie glaubt an Gespenster. Der König lächelt sarkastisch: es muß nicht sehr amüsant sein bei ihr. Desto amüsanter findet der Prinz es bei andern.
Eine Welle von Zorn steigt in das alte Gesicht, dessen Haut sich wie dünnes vergilbtes Pergament über die Knochen spannt: da pokuliert er die Nächte durch, feiert Orgien, lautes Gelächter dringt bis auf die Straße, Zweideutigkeiten gelten für Witz; seine Schranzen lispeln: ‹Herrliche Zeiten, wenn soviel Leutseligkeit auf Preußens Thron kommt!› Des Königs Hände umkrampfen fester den Stock: Schmeichler, verlogene Gesellen! Und die Weiber? Huren!
Wenn er diese Nächte und die Madames nicht läßt, wird der Thronfolger mit vierzig keine Haare mehr haben und keine Zähne. Er wird alt werden vor der Zeit. Über das eben noch höhnisch verzogene, fast boshaft erscheinende alte Gesicht legt sich tiefste Bekümmernis, in der es nicht fehlt an einer gewissen Reue: hätte er nicht mehr auf den Neffen achten müssen, sich den Nachfolger besser erziehen? Für Preußen erziehen. Für das Preußen, um das er selber so schwer gerungen hat, so viel gelitten, allein, ganz allein auf sich selber gestellt. Dessen Heer er vermehrt, dessen geringe Staatseinkünfte er auf viele Millionen Taler gebracht hat.
Die welken Hände, auf dem Rücken zusammengelegt, tun sich auseinander, sie fingern unruhig, bis sie sich abermals um den Krückstock zusammenschließen. Wenn er starb – und das konnte bald sein, war er denn nicht müde, müde comme un chien – was dann? Was dann?! Gearbeitet, immer gearbeitet, Kriege geführt! Erster schlesischer Krieg: das Land bis zur Oppa und die Grafschaft Glatz gewonnen, Bündnis mit Frankreich gegen Maria Theresia. Zweiter schlesischer Krieg: Preußen Großmacht geworden, und er selber, der kleine König, Friedrich der Große. Dritter schlesischer Krieg: berühmtester aller Monarchen, aber auch angefeindet von ganz Europa; Rußland mit Österreich im Bündnis gegen ihn, Preußen, von Frankreich und England im Stich gelassen, ganz isoliert. Überall geheime Abmachungen gegen Preußen, das ihnen zu mächtig zu werden schien. Sieben Jahre lang dann gekämpft, gekämpft und gelitten in Schweiß und Blut. ‹Ein Mensch bin ich und daher zum Leiden geboren, aber den Schlägen des Schicksals setze ich meine Standhaftigkeit entgegen›, hatte er so nicht einst an Wilhelmine geschrieben? Und jetzt?
«Müde comme un chien», murmelt der alte König und bohrt den Blick tief in das braune verwesende Laub, das sich um Wilhelminens Gedächtnistempel häuft. «So fault alles dahin, das Laub und der Mensch – und wozu und warum das alles? Eine einzige große solennité funèbre das ganze Leben!»
‹Ich arbeite für Sie›, hatte er so nicht einst dem Thronfolger geschrieben? ‹Sie aber müssen daran denken, zu erhalten. Wenn Sie desinteressiert oder träge sind, wird nichts von dem bleiben, was ich mit so vieler Mühe zusammengetragen habe.› «Ach!» Der alte Mann seufzt. Er wird ihm nun nichts mehr schreiben und auch nichts mehr sagen. Doch alles umsonst. Fünfzig Millionen Taler werden sich nach seinem Tode im Staatsschatz finden – Tabaksmonopol und Kaffeesteuer sind einträglich, die Schnüffler, die den Weibern in den Kaffeetopf schnüffeln, passen gut auf – aber Feste über Feste, Weiber immer Weiber, Schulden über Schulden, wie lange werden da die Millionen vorhalten? Schmeichler haben das Vertrauen des Königs, Huren regieren. Ob Hertzberg, den er sich selber erzogen, mit all seinen Intentionen vertraut gemacht hat, ob dieser Minister nach dem Tod des alten Königs wohl den Mut haben wird, so vor den Neuen zu treten: – ‹Seine hochselige Majestät, der alte König, haben mir befohlen, Hochdero daran zu erinnern, daß Sparsamkeit dringend vonnöten ist, allzugroße Ausgaben und – bei allem untertänigsten Respekt – Schulden und Zuwendungen aller Art an Hochdero Demoisellen sind zu vermeiden. Es geht hier nicht allein um die ersparten Millionen, es geht um die Dynastie, es geht um Preußen!› – ob Hertzberg das wohl fertigbringen würde? Ein zweifelnder Zug zieht des Königs Mundwinkel abwärts: Menschen sind Menschen, mit aller Schwachheit angetan. Es gehört in der Tat viel Bravour dazu, eine größere als in der Bataille, vor Königsthronen unangenehme Wahrheiten zu sagen. Und wenn Hertzberg das wirklich über sich gewänne, ob der Neffe darauf hören würde, sich besinnen, daß Preußens Lage trotz allem noch nicht gesichert ist? Feinde überall. Das Heer noch vergrößern, unermüdlich vergrößern, sich ein schlagfertiges Heer halten! Aber das kostet Geld, viel Geld.
Der König holt tief Luft und stößt mit dem Fuß unmutig in den Haufen herbstlicher Blätter, daß sie aufwirbeln, dahinfegen und verwehen. Soll denn alles dahingehen, was er geschaffen hat? Nein, noch lebt er, trotzt dem Tod immer wieder. Aber er muß eilen, daß er’s noch fertig bringt, den Bund der kleineren Reichsfürsten zu gründen, um so gegen die gefährliche habsburgische Politik einen Block zu bilden. Und Preußen, sein Preußen muß dessen Führung übernehmen!
Der König atmet tief auf, versucht den gebückten Rücken grade zu richten: das wäre eine letzte Tat! Es muß ihm noch gelingen, die unsicher zaudernden kleinen Staaten unter den Fittichen des preußischen Adlers zu sammeln. Das war das, was er noch an Bedeutung seinem Nachfolger hinterließ, und dann konnte er schlafen gehen. Schlaf! Er streckt wie sehnsüchtig seine Hände aus, der Krückstock entfällt ihm: Schlaf ohne ein Auferstehn. «Le plus beau jour de la vie est celui, où l’on la quitte pour toujours», murmeln die dünnen Lippen.
Ein plötzlicher Windstoß faucht den Einsamen an, ihn fröstelt. Er müht sich vergebens, den Stock aufzuheben, aber der Rücken, die Knie sind ihm zu steif. Er hätte doch besser daran getan, sich in der heut herbstlichen Kühle nicht so lange hier aufzuhalten. Die Gicht, die miserable Gicht – ein Malefizleben! Selle und Cothenius haben schon recht: nicht auf feuchtkaltem Boden stehen, von Sanssouci nach dem Potsdamer Stadtschloß übersiedeln. Ah bah, er denkt nicht daran, seine geliebte Vigne schon zu verlassen! Ärzte: Nichtswisser; sie wissen vom Leib so wenig wie von der Seele. Er wird erst ins wärmere Stadtschloß übersiedeln, wenn die Regen des grauen November kommen. Und Erbsen, preußische Erbsen, dick gekocht, hat er heute doch aufs Menü gesetzt, sie schmecken ihm besser als das Filet de Volaille à la Pompadour. Den Löffel Senf in seinem Kaffee läßt er sich auch nicht verbieten, und den Ingwer und die gestoßne Muskatblüte in der täglichen Suppe auch nicht. Er weiß schon selber, was ihm bekommt. Und wenn es ihm nicht bekäme? Es gab nirgendwo einen Menschen, der auch litt, wenn er litt. Einsam, sehr einsam, keiner, der ihn wahrhaft liebt, sie sagen bloß so. Sie fürchten ihn. Grade recht – wenn sie ihn nicht lieben, sollen sie ihn fürchten!
Und doch gleitet der Blick des alten Königs suchend umher. Kein Mensch zu sehen. Heimlich hat er die Vigne verlassen, er liebt Begleitung nicht, wenn er zu Wilhelminens Gedächtnistempel geht; sie war die einzige gewesen, die an ihm hing – wer sonst noch? Condé vielleicht. Ob er ihn reiten kann, wenn er morgen die Revue auf dem Tempelhofer Feld abhält? Bis vors Berliner Tor muß er wohl fahren – die verdammte Gicht, wenig königlich – aber dann zu Pferde, die Zähne zusammenbeißen! Er kann sich unmöglich vor den französischen und englischen Offizieren, die hergeschickt worden sind, die Eliteregimenter der besten Armee der Welt zu sehen, als alter lahmer Mann zeigen. Sie müssen zu Hause berichten, daß mit diesem König von Preußen, der zwar nicht viele Zähne mehr hat, aber trotzdem noch tüchtig beißen kann, jederzeit zu rechnen ist. Und Condé ging ja sanft – Condé, dieser Schelm, dieser Filou! Ein weicherer Ausdruck kommt in das strenge Gesicht. Hat der doch gestern, als er vergessen hatte, ihn mit der gewohnten Melonenschnitte zu belohnen, sich die selber geholt, war ins Schloß nachgetrabt, hatte im Parolesaal ein paar Fliesen zertreten und war plötzlich im Speisesaal erschienen, wo man grade zur Tafel saß. War mit Scharren und Wiehern dicht an den Tisch gekommen – ha ha, was hatte der Abgesandte des Sultans für entsetzte Augen gemacht! Der König lacht laut auf. In der Tasche hatte Condé ihm feucht geschnobert. Erst nachdem er von der Fruchtschale auf der Tafel seine Melonenschnitte bekommen und ein paar Feigen, war er wieder abgetrabt. Die ganze Tafelrunde hatte gelacht, die aufwartenden Lakaien hatten gelacht: der König lacht, da durften sie alle lachen. Selbst der Türke hatte sich ein Lachen aufgezwängt.
Ja, Condé liebte ihn. Und Alcmène liebte ihn, und Pax und Tisbe, Superbe und die kleine weiße Biche – nur Hunde, aber Hunde sind treuer als die Menschen und mehr wert. Wenn er starb, sollte man ihn begraben dicht bei ihren Grabsteinen im Garten seiner Vigne. Der König nickt vor sich hin: das würde er schriftlich machen. Aber dann wird sein erheitertes Gesicht wieder sehr ernst: er darf ja noch nicht sterben. Noch immer heißt es, mit Standhaftigkeit gegen das allgemeine Schicksal – den Tod – ankämpfen. Erst muß das mit dem Fürstenbund in Ordnung sein. Für Preußen zu wichtig, eine wertvolle Stütze für den schwachen Nachfolger! Es durchschauert den Grübelnden plötzlich wie bange Ahnung: der Thronfolger würde doch niemals daran denken, den Fürstenbund wieder aufzulösen? Dieses Bündnis zur Unterstützung Preußens durch die kleineren Staaten war ebenso wichtig wie jenes Bündnis gegenseitiger Waffenhilfe, das er schon vor Jahren mit Katharina von Rußland geschlossen hatte. Ach, wenn der, der Friedrich dem Großen folgte, nur kein kleiner Friedrich Wilhelm wäre! Ein tiefer Mißmut gräbt noch neue Falten in die gedankenschwere Stirn: wie der Vater so der Sohn. Wenn sein Bruder, Prinz August Wilhelm, nach der Schlacht von Kolin nicht so unsicher zögernd den Befehl zum Rückzug der Armee gegeben hätte, alle vorherigen Erfolge durch seine unglückselige Entschlossenheit zunichte machend, so wäre viel Blut erspart worden.
Ach, dieser siebenjährige Krieg! Trotz alledem, was er durch ihn erreicht hatte, war der für Preußens Zukunft ein Menetekel. War diese herrliche, gut einexerzierte Armee Preußens überhaupt zu ersetzen? Ah, eine neue Armee schaffen, sie der alten dahingeopferten gleichwertig machen! Noch war die neue es nicht. Wenn nur dieser alte verbrauchte Körper nicht wäre, dann könnte es vielleicht doch noch gelingen, hatte er, der Alte, doch noch mehr Energie, als der Nachfolger besaß. Oh, dieser Prinz von Preußen! Der König hätte gern den Krückstock gehoben – er war zornig, wie er seit Jahren schon zornig war –, aber der Stock lag zu seinen Füßen im Laub, und er konnte sich nicht mehr so tief bücken.
Dem König ist es heiß geworden, gleich darauf ist es ihm kalt, ein Wind bläst ihn an. Ach, es lohnt nicht, es lohnt nicht mehr, wozu sich noch einmal aufregen? Denn trägt der Mensch nicht schon bei seiner Geburt den einen, nicht auszumerzenden, bestimmten Charakter in sich? Erziehung kann vielleicht den Menschen seine Fehler erkennen lehren, aber nie wird sie seine eigentliche Natur ändern. Die Grundlage bleibt, jeder trägt den Urstoff seiner Handlungen in sich.
Langsam ist des Königs Erregung abgeblaßt: Sein Preußen altert, wie er selber gealtert ist, das ist nun einmal der Schicksalsweg von allem. Ebenso auch, daß ein Alternder von seinen Dienern bestohlen wird, von seinen Ministern belogen und daß der Nachfolger auf seinen Tod wartet. Philosophie ist eine große Trösterin. Und sie lehrt mit Anstand sterben.
«Mais je m’occuperai des affaires de l’état jusqu’au terme, et je mourrai en travaillant», sagt der König jetzt ganz laut und hebt die gesenkte Stirn. In seine müden, wie in weite Fernen verlorenen Blicke ist ein Aufblitzen gekommen: Ich bin noch immer hier – da schreckt ihn ein Rascheln im Seitenweg. Aha, sie haben ihn vermißt im Schloß, haben den Kammerdiener nach ihm ausgeschickt! Er kichert in sich hinein: Sein dicker Fredersdorff wird schön pusten: – ‹Majestät, wo stekken denn Majestät?!› – doch ausgerückt, dem Fredersdorff einen Possen gespielt! Aber doch gut, daß der jetzt kommt. Der König fühlt sich plötzlich müde: zu lange gestanden, kalte Füße bekommen.
Aber es ist nicht Fredersdorffs Tritt, der sich rasch nähert: leichte elastische Schritte, um die Säulen des Tempels biegt eine Frauengestalt, noch sommerlich gekleidet. Mittagslicht fällt auf ein helles Kleid, auf ein helles Gesicht.
Ein Frauenzimmer?! Des Königs Augen blicken durchbohrend: «Demoiselle, was tut Sie hier in meinem Park? Sie hat hier nichts zu suchen.»
Die Frauensperson versinkt in einer tiefen Verneigung, ihre Röcke rauschen; sie ist nach der Mode gekleidet, aber das Haar nicht gepudert, schön gedrehte seidige Locken fallen mit Goldschimmer auf einen sehr weißen Hals. Die Verneigung scheint demutsvoll, aber der Blick ist erhoben, sieht dem König frei ins Gesicht. Eine klangvolle Stimme – der König liebt Musik, diese Stimme hat etwas vom Cello – «Majestät, halten zu Gnaden, seit lange schon harre ich jener Gunst des Augenblicks, die es mir vergönnt, Euer Majestät zu begegnen. Lesen Euer Majestät allergnädigst, lesen!» Sie hält ihm ein Papier hin und versinkt dabei wieder in einer Verneigung, aber ihr Blick, klug, kühn, glänzend von Begehren, forscht in des Königs Gesicht.
Dreistigkeit, Frechheit, ihn bei seinem Spaziergang im Park so anzufallen! Weiß das Mensch denn nicht, daß in seiner Vigne und ihrem Garten Weibsbildern der Zutritt verboten ist? Der Stock, der Stock, wenn er den jetzt hätte!
Als ob sie’s erriete, bückt sie sich rasch, trotz des Reifrocks geschmeidig – schon hält er seinen Stock wieder in Händen. Aber er hebt ihn nicht drohend, Kühnheit ist immer einige Rücksicht wert. «Was soll mir Ihr Wisch? Ich lese keine Bittschreiben hier. Stell Sie sich hinten an, wenn heute nach der Tafel die Bauern aus der Neumark bei mir vorstellig werden.»
«Majestät halten zu Gnaden, aber Frauen ist der Zutritt ins Schloß verboten. Euer Majestät höchsteigener Befehl. Man würde mich schon vor der Türe abweisen.»
Aha, sie erinnerte ihn an seinen eigenen Befehl! Keck, aber sie hatte sich gut gemerkt, was er befohlen. Er sieht sie scharf an, sie hält ruhig seinen Blick aus, in ihren Augen schimmert ein feuchter Glanz.
Ein leichtes Vibrieren von Erregung ist in der Frauenstimme: «Halten zu Gnaden, Majestät, mein Anliegen hat auch nichts mit dem der Bauern gemein.» Sie tritt noch einen Schritt näher, die Bittschrift flattert wie eine weiße Taube ihm dicht vorm Gesicht.
«Rücke Sie mir nicht so nah auf den Leib! Nehme Sie Ihren Wisch weg!» Es klingt ärgerlich, unsanft stößt er mit dem Stocke auf: «So sage Sie schon, was Sie will!»
Alle rosige Farbe ist aus den schönen Wangen gewichen, aber es klingt unerschrocken: «Ich erbitte die Gnade des großen Königs für meinen und Hochdero Neffen, des Prinzen von Preußen, Sohn!» Sie sinkt in die Knie.
Er mißt sie mit seinem großen Blick: Schönheit ist sonst meist mit Dummheit gepaart, die hier ist nicht dumm. Und ein entschlossenes Gesicht. «Einen Sohn hat Sie von ihm? Einen Sohn?!» Sapristi – unverbesserlich! Er fuchtelt mit dem Stock.
Sie hebt flehend die Hände: «Mein Sohn hat noch keinen Namen! Der Prinz von Preußen hat mir den eines Grafen von der Mark für ihn zugesagt. Aber er zögert noch immer damit, zögert viel zu lange – der Prinz von Preußen fürchtet den König von Preußen!»
«So warte Sie doch, bis der tot ist!»
Sie springt auf, ihre Wangen werden rot: «Es sei ferne von mir, darauf zu rechnen! Es wäre das größte Unglück für Preußen, ginge der große König von uns, denn –»
«So – meint Sie das?» Der König schneidet ihr jedes weitere Wort ab. «Sie ist die Demoiselle Enke, glaubt Sie, ich weiß nichts von Ihr? Ihr Vater bläst das Waldhorn in meiner Kapelle – kein übler Musikant. Sie aber ist eine Intrigantin, weiß Sie das? Mische Sie sich nicht ein in die Affären zwischen mir und meinem Neveu. Überhaupt in keine Affären. Weiber sind untergrabende Maulwürfe, böse Schmeißfliegen, man schaffe sie sich vom Halse, lasse sie Erde karren in Spandow!» Er sieht sie drohend an. Sie hält den stahlharten blauen Blick ruhig aus, sagt nichts mehr, wiederholt nur ihre tiefe Verneigung. Da sagt der König milder: «Er soll Sie anderwärts unterbringen, nicht hier in meiner Nähe. Ihr was kaufen meinetwegen – am besten, Sie heiratet einen braven Mann. Sie ist immerhin mehr wert als seine –» ‹Huren› hat er sagen wollen, aber er verschluckt das, als er das Aufflammen ihrer Blicke sieht, schließt: «anderen. Wegen des Grafen von der Mark soll er einkommen», sagt er dann, sich abwendend und schon im Fortgehen. ‹Quel embarras de courage›, denkt er im langsamen Davonschreiten. Schade, daß der Monsieur nicht den gleichen Mut besitzt wie die Demoiselle! Er faßt leicht grüßend an seinen Hut.
Sie glaubt in der alltäglichen Gebärde einer Verabschiedung nie soviel Hoheit gesehen zu haben, mit soviel Anmut vereint.
II
Als der Hoboist und Waldhornist Elias Enke, gebürtig aus Hildburghausen, von der Militärkapelle in Dessau zur königlichen Kapelle versetzt wurde, war ihm kurz vorher noch eine Tochter geboren. Eigentlich war es ein Leichtsinn von ihm gewesen, drei Kinder hatte er schon – die Älteste, auch ein Mädchen, und zwei Söhne – und das Traktament war, außer der Ehre in des Königs Kapelle Hofhoboist zu sein, nur gering. Aber seine Frau war guten Mutes; eben, als sie in den Wehen rang, hatte die weise Frau ihr berichtet, daß in der finstern Mitternacht draußen ein seltsam großer Stern erschienen sei, der seine Lichtbahn bis hinab aufs niedrige Hausdach senkte. War das der Mars oder die Venus? Jedenfalls war dieser plötzlich aufgetauchte Stern für das kleine Mädchen, das seinen ersten Schrei tat, nicht ohne Bedeutung.
Schon daß ein Graf von Anhalt-Dessau sich zur Patenschaft herbeiließ, war das erste des Besonderen, das der Stern verhieß.
Die kleine Wilhelmine lernte in der Schule mit besonderer Leichtigkeit das Lesen, Schreiben und Rechnen, und für das Tanzen, in dem die Mutter sie unterrichten ließ als der ersten Erfordernis zu einer aufwärts führenden und Geld einbringenden Laufbahn, war sie nicht minder begabt. Geld, Geld, daran fehlte es leider oft in der beengten Wohnung der Enkes.
Unten im Haus der Spandauer Straße die Stube der Eltern neben der Küche, in der Ecke hinter dem zitzenen Vorhang der Strohsack der Brüder, auf dem sie sich allabendlich um den meisten Platz balgten und mit den Füßen stießen. Oben die kleine Schlafkammer der Schwestern, so eisig kalt, daß die verklammten Finger kaum die Bänder des Unterröckchens knüpfen konnten. Nebenan freilich noch eine gute Stube, darinnen die vornehmsten Stücke des Haushalts: ein Spiegel, dessen Glas in der Mitte zusammengesetzt war, ein Kanapee, davor ein Tisch mit geschweiften Beinen, und eine bauchige Servante, in der ein paar bunte Tassen standen und ein Blumenkörbchen aus der königlichen Porzellanmanufaktur. Mit bewundernden Augen stand die Enkesche Jüngste oft davor: Blumen, Blumen aus Porzellan! Und Gold am Bügel! Ein Wunder von Schönheit – wie war so was hierher geraten? Schönheit, Schönheit, wie sie nach der begehrte! Wenn nicht zuweilen der Herr Pate, der Graf, erschienen wäre, ihr einen Taler ins Händchen gedrückt hätte, so hätte sie nur grobwollene häßliche Strümpfe besessen, die ihre zarten Füßchen so kratzten, daß sie selbst im Winter lieber barfuß gelaufen wäre.
Auch seit Renate, die große Schwester, Statistin geworden war beim Theater, floß manches in den kärglichen Haushalt; Wilhelmine brauchte sich abends im Bett nicht mehr vor Hunger zu krümmen und die Hände auf den schmerzenden Magen zu pressen. Auch Platz hatte sie mehr im Bett, lag nicht nur auf der Kante, denn das Theater dauerte lange, die große Schwester kam erst spät nach Mitternacht heim, zuweilen sogar erst am Morgen. Das war ja sehr schön; aber die Stube, die Stube nebenan, darin das schöne vergoldete Körbchen mit den Blumen aus Porzellan, die war für das Kind jetzt ein verschlossenes Heiligtum; die Schwester empfing darin ihre Besuche.
Der Vater hatte erst mächtig gepoltert; er war sehr gegen das Theater, lieber vorstellig werden beim König um Gehaltserhöhung: zwei Taler, nur einen Taler mehr im Monat! Aber seine kluge Frau bedeutete ihm, daß es sehr töricht sei, sich mit solcher Bitte bei Seiner Majestät mißliebig zu machen. «Enke, du weißt doch, so was kann dich die Entlassung kosten. Er ist, mit Verlaub, ein alter Geizknochen!» Und der Tochter was vorzuwerfen, das war ja noch blödsinniger.
«Ich schlag sie tot!» brüllte der Vater.
«Halt’s Maul», schrie die Mutter, «wie kannst du dich nur unterstehen, unsere Renate so zu verleumden. Sie tut, was sie muß, wenn du so wenige Groschen nach Hause bringst. Laß du lieber den Knaster, das Priemen und Schnupfen und das Potsdamer Stangenbier. Du bist überhaupt ein ganz rückständiger Mensch, ohne Verstand und Einsicht. Wir leben hier nicht im Krähwinkel Dessau mehr, wir sind in der großen Welt. Und die verlangt etwas anderes: gefällige Damen. Meinst du, daß die, die sich zu Hof tragen lassen in seidenen Sänften, nicht auch gefällig sind? Unser großer König in Ehren, der hat sich ja nie was aus Weibern gemacht, aber der andere. Und wenn die vornehmen Damen gefällig sind, warum denn nicht arme Mädchen? Es beißt unserer Großen nichts von der Ehre ab. Ihre Schönheit ist zudem ein Gnadengeschenk vom lieben Gott, warum soll sie sich dieses nicht zunutze machen? Und was unsere Kleine anbetrifft, meinst du, der Graf kommt noch wegen mir altem Runkunkel ins Haus? Er kann sich nicht satt sehen am Wilhelminchen.»
«Hol ihn der Teufel!» Der Musikus fluchte.
«Sei still, du Dummkopf! Der Graf ist ein vornehmer Herr, jetzt hierher kommandiert zu den neuen Husaren. Er ist auch ein Freund vom Prinzen von Preußen. Er sagt, Wilhelminchen wird mal sehr schön, schöner noch als unsere älteste, und das will doch was heißen. Sie ist noch spillrig, aber sie wird, sie wird. Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!»
«Gott sei mir gnädig, daß ich’s nicht erlebe!» Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Enke auf den Schemel am Küchentisch fallen und stützte den schweren Kopf. Auf den Mann scheltend und mit den Eimern rasselnd, ging die Frau jetzt auf die Straße zum Brunnen. Traurig sah der Gatte ihr nach: Gegen die kam man nicht an, das beste: er schwieg. Aber sein Herz war schwer, und es war ihm, als höre er falsche Noten. Das Wilhelminchen war eben sein Lieblingskind.
Gerade jetzt spähte die Kleine durch die leis knarrende Tür – sollte sie etwas erlauscht haben? Er rief sie zu sich, und sie kam gehuscht und schmiegte sich an ihn. Er nahm sie auf seinen Schoß, rieb ihre blaugefrorenen Füßchen und behauchte warm ihre kalten Händchen. «Warum hast du denn keine Strümpfe an?»
Sie rümpfte das Näschen: «Sie sind grob, und sie kratzen, sie gefallen mir nicht. Da ziehe ich lieber gar keine an. Wenn ich groß bin, werde ich seidene tragen. So sagt der Herr Pate.»
Er preßte sie erschrocken an sich: «Da sei Gott vor! Seidene Strümpfe? Firlefanz, schmeiß sie ins Feuer!»
«Warum denn?» Sie schmollte; es stand ihr allerliebst, wenn sie das Mündchen verzog, in ihre großen, unschuldsvoll blickenden Augen schossen rasch Tränen.
Gott sei Dank, sie war noch recht kindisch! Der Vater streichelte ihr die Locken, die seidenweich in einem dunklen Blond auf die noch schmalen kindlichen Schultern hingen. «Du wirst doch nicht weinen um so was, Wilhelmine?» Es war etwas wie Angst in seiner Umarmung. «Wenn du mir versprichst: ‹Ich werde nie seidene Strümpfe tragen, auch nicht seidene Kleider, immer brav bleiben›, dann kaufe ich dir eine schöne Puppe auf nächstem Weihnachtsmarkt!»
Sie schüttelte energisch verneinend: «Ich will keine Puppe. Die ist ja nur aus Holz oder Pappmaschee; man kann ihr die Nase eindrücken und die Glotzaugen. Eine Puppe, die ein Uhrwerk in sich hat, das man aufzieht, und sie macht die Augen auf und zu und dreht den Kopf rechts und links, so eine möchte ich. Die kann der Herr Vater mir aber nicht kaufen.» Und nun schluchzte sie.
«Was ist denn los?» Die Mutter kam herein, sie setzte rasselnd die Eimer nieder. «Mach nicht so ’n wehleidiges Gesicht, Enke! ’ne Puppe will sie? Unsinn! Wir haben kein Geld, um Puppen zu kaufen. Laß das Geflenne», fuhr sie die Tochter an. «Verdien dir selber was, dann kannste dir Puppen kaufen. Jetzt marsch, wasch dir’s Gesicht, daß man nicht sieht, du hast geheult. Los, in die Tanzstunde! Du weißt ja noch gar nicht, was du für ’n Glück hast, daß du bei Herrn Gobert tanzen lernen kannst. Ja, wenn der Herr Graf nicht wäre! Französisch wird er dich auch schon noch lernen lassen, Französisch ist das Wichtigste, wenn eine was werden will und in feine Gesellschaft kommen!»
Mit einem trüben Blick sah der Vater dem Kinde nach: wie es davonhüpfte, keine Tränen mehr, strahlend das Gesicht.
Herr Gobert war der berühmteste Tanzmeister seiner Zeit, der jungen Damen Tanzkunst und feine Allüren beibrachte. Es war eine besondere Gunst, daß er die Tochter des simplen Hornisten Enke zum Unterricht annahm, aber er hatte mit geübtem Blicke gleich erkannt: An dieser Wiege hatten die Grazien lächelnd gestanden. Er gab sich besondere Mühe mit ihr. Bei ihm lernte die noch Kindliche jetzt bereits schon, wie man die Arme zu heben hat in gefälliger Rundung, wie man versinkt in anmutsvoller Verneigung, wie man geht, wie man steht, wie man lächelt und Blicke versendet, die Wimpern hebt und senkt in schamhafter Verwirrung. Und das Kind des Musikanten hatte Rhythmus im Leibe. Oder war es nicht ganz ein Kind mehr, das zuweilen mit heimlich amüsiertem Lächeln den graziösen Pas, Pirouetten und Entrechats zusah, die der Tanzmeister in Schnallenschuhen und seidenen Eskarpins vorführte?
Wilhelmine war klug. Sie beobachtete auch ihre Schwester. Die älteste Enke – jetzt achtzehnjährig, schwarzes Haar, klassisches Profil und dunkellodernde Augen, die in nichts den taubensanften blauen der Jüngsten glichen – hatte seit ihrem Auftreten als Statistin in der italienischen Oper verschiedene Anbeter. Wilhelmine begriff es, daß die Schwester den russischen Grafen Matuschka allen übrigen vorzog; denn war der auch nicht mehr ganz jung – es hieß, er wäre schon russischer Oberst gewesen –, so war er doch reich und besaß in Berlin ein eigenes Haus in der Mohrenstraße. Und der war närrisch verliebt, brachte immer Geschenke: schöne Sachen zum Anziehen, Broschen, Ketten, Kuchen, Wein, Delikatessen. Und die Schwester war nicht einmal immer artig zu ihm. Den einen Tag war sie zärtlich, streichelte ihn wie ein Schoßhündchen, den andern wollte sie ihn gar nicht mehr sehen, schloß sich oben ins Zimmer ein, und die Mutter sollte ihn schon unten an der Haustür abweisen. Warum tat Renate das?
Doch nur, um ihn noch närrischer in sie verliebt zu machen. Denn dann stürmte er wie ein Verrückter das Haus, stand an der nach oben führenden steilen Treppe und jaulte hinauf wie nachts der alte Bello beim Nachbar, wenn sein Herr den auf die Straße gejagt hatte.
Wilhelmine lachte ihn aus. Geschwind huschte sie in ihre Kammer, holte den irdenen Waschkrug, gefüllt bis zum Rand, schlich leise ans Treppengeländer – und rasch, in einem heftigen Plantsch, ergoß sich das Wasser nach unten. Es machte den am Fuß der Treppe Stehenden naß durch und durch. Schadenfroh kicherte sie in sich hinein, ihre kleinen Fäuste ballten sich: Geschah ihm ganz recht, verdiente es gar nicht anders! Sie triumphierte, um gleich darauf sich zu verkriechen in ihre eiskalte Kammer, die Finger in die Ohren zu stecken, um nichts zu hören von den Schmeichelworten, mit denen der Begossene jetzt heraufgeholt und getröstet wurde. Nebenan Vorwürfe, Entschuldigungen, Lachen der Schwester, dann Liebesschwüre des Grafen – ein Widerwillen erfaßte Wilhelmine.
Zehn Jahre, elf Jahre. Es war Wilhelminens elfter Geburtstagsabend, als es an die niedere Tür des düsteren Enkeschen Hauses klopfte. Die Spandauer Straße war jetzt still, wie tot, wer da kam, hätte nicht so vorsichtig zu klopfen brauchen, auch nicht den Mantelkragen so hoch zu schlagen und die Kopfbedeckung so tief in die Stirn zu drücken. Es regnete auch, und der Wind verschlang jeden Tritt. Oben aus der guten Stube herab kam Gläserklirren und Lautenspielen – es ging vergnügt zu, sehr ausgelassen –, Matuschkas rauhes Gelächter und noch andere Stimmen; er hatte noch Freunde mitgebracht. Das Kind saß unten am Küchentisch vor dem kleinen Kuchen, den der Vater ihm heute beschert hatte; es blinzelte träumerisch in die elf flackernden kleinen Lichtchen, die noch einmal angesteckt worden waren. Wilhelmine war müde, das Feuer im Herd brannte auch nicht mehr, sie wäre gern in ihr Bett gekrochen, aber sie konnte ja doch nicht schlafen, wenn nebenan solche Gesellschaft war. Horch! Sie lauschte: Wer kam denn da noch? Die Mutter, die auf das Klopfen hinausgegangen war, stieß jetzt die Küchentür auf und ließ zwei vermummte Gestalten vor sich her eintreten: «Wenn’s beliebt, Euer Gnaden, hier ist sie!»
Es war der Herr Pate.
Die Mutter machte viele Komplimente und entschuldigte sich wegen der schlechten Beleuchtung: «Aber man muß sparen, in allem sparen, die Besoldung ist gar zu jämmerlich. Wilhelminchen kostet auch schon viel Geld, sie soll doch was lernen, und gekleidet muß sie auch sein.»
In der Elfjährigen empörte es sich: Wie konnte die Mutter nur gleich so betteln! Gab der Herr Pate denn nicht immer von selber etwas? Sie war aufgesprungen und knickste tief.
Halb war es der Zauber ihrer kindlichen Anmut, halb das magische Kerzchengeflacker in der dunklen Küche, das den Grafen seltsam umstrickte. Er kam zudem von einem Gelage, bei dem es nicht gefehlt hatte an starken Getränken. Er nahm das Kind auf den Arm, und als die Mutter sagte: «Es ist heut ihr elfter Geburtstag», küßte er sie: «Da komm ich ja grade recht. Küß du mich auch, du süße kleine Puppe!»
Sie gehorchte, er war ja immer so gut; ihre Arme legte sie um seinen Hals und drückte unbefangen ihre frischen Lippen auf seine Wange. Er war entzückt: «Noch einmal! Noch einmal!» Konnte die kleine Puppe schon küssen!
Der andere sprach kein Wort, sah nur zu mit einem stummen Lächeln. Er hatte den nassen Mantel achtlos zu Boden fallen lassen, die Kopfbedeckung in einen Winkel geschleudert.
Ein großer, stattlicher, schöner Herr! Und mußte sehr vornehm sein, der Herr Graf war vertraulich, aber doch auch devot. Der klugen Enke dämmerte plötzlich etwas: Sollte das gar am Ende der Prinz selber sein? Von Statur war er’s, in den Schultern breit; und freundlich von Gesicht, leutselig sein Lächeln.
Sie kamen beide von demselben Fest, der Graf in Uniform, der Prinz sehr einfach, nur im schlichten blauen Frack. Aber einen Ordensstern hatte er auf der Brust. Der Frau zitterten die Knie: Er ist’s, ja, er ist’s! Sollte sie sich dumm stellen, sich lieber nichts merken lassen?
«Ich empfehle diese liebe Kleine Ihrer Gnade», sprach jetzt der Pate weinselig gerührt und reichte das Kind dem andern hinüber. Der nahm es auch auf den Arm: eine reizende Kleine! Wie unschuldig sie noch war, küßte mit offenem Mäulchen, wie die Kinder küssen, und war doch schon so weich und warm wie eine zärtliche kleine Frau.
Der Prinz küßte sie und sah ihr in die schönen Augen, die groß offen in die seinen blickten, ganz ernsthaft, mit einem tiefen Sichversenken. Höchst anziehendes Wesen – wie es ihm wohl ergehen würde im Leben? Gut, es mußte ihm gut ergehen, es wäre ein Jammer, sollte es verkümmern in Armseligkeit! Unwillkürlich schaute er sich um: nackte Wände, an deren Tünche im dürftigen Kerzengeflacker sich bald vergrößernde, bald verkleinernde Schatten zeigten, von unsichtbarer Hand hin und her geschoben. Alles im Raum alltäglich, nüchtern, die gewöhnliche Einrichtung der Kleinbürgersleute, gar nichts von Unheimlichkeit – und doch, war es nicht fast gespenstisch? Da – da an der Wand ein seltsamer Schatten – nein, zwei! Umrisse, die ineinander verschmolzen – ah, das war er ja selber und die Kleine! Er hielt sie noch auf dem Arm. Erschrocken setzte er sie nieder. Ihn fröstelte plötzlich, nach der Nässe draußen nun hier die Kälte. Und doch wurde es ihm schwer, sich loszureißen. Ein Jammer, wenn diese Kleine der älteren Schwester nachschlüge, wenn soviel Harmlosigkeit, Unschuld und Reiz angetastet würden von begehrlichen Händen! Man mußte sorgen für diese Knospe, daß sie sich unberührt entfalten konnte, aufblühen zu einer edlen Blume. Eine große Sentimentalität hatte den von Wein und nächtlicher Schwärmerei Überreizten befallen, es gab augenblicklich nichts Begehrenswerteres für ihn, als diese bedrohte Jugend zu retten. In einer gewissen Schwärmerei, von zärtlichen Erwägungen hingerissen, legte er seine Hand auf die Locken des Mädchens: «Ich werde deiner gedenken, mein Kind, du kannst auf mich zählen in deinem Leben. Ich sorge für dich!»
«Gehn wir denn noch nicht hinauf? Wie ich sehe, habe ich nicht zuviel gesprochen. Ein goldiges Ding, ja – aber kommen Sie jetzt, wir müssen hinauf!« Der Graf drängte, es dauerte ihm schon zu lange hier unten, Armeleutsgeruch war auf die Dauer nicht gut erträglich; hier in der Küche roch es zudem nach Zwiebeln und kalten Kartoffeln. «Matuschka erwartet uns, sie sind schon beim Jeuen. Und die Demoiselle oben hat auch ihre Reize – verteufelt schönes Weib! Kommen Sie, kommen Sie, Prinz!» Er schob seinen Arm unter den des andern, führte den noch immer Zögernden lachend hinaus.
III
Die älteste Enke hatte ihr Glück gemacht, sie war jetzt Gräfin Matuschka. Der Graf hatte sie geheiratet – warum auch nicht? Er war vermögend, Rußland war weit, und niemand redete ihm drein. Sie verstand auch mit viel Geschick zu repräsentieren, so, als wenn sie immer vornehme Gesellschaft bei sich gesehen hätte. Die Damenwelt hielt sich freilich anfänglich fern – man wußte doch: die Enke! – und nicht von Adel! Hochmütige Näschen rümpften sich; aber da die Herrenwelt sehr zahlreich dort vertreten war – Garde, elegante Kavaliere, hochgeborene Herren, man flüsterte sogar: der Kronprinz! –, fanden es die Damen nach und nach auch nicht mehr unter ihrer Würde, die Assemblees im Matuschkaschen Hause mit ihrer Gegenwart zu beehren. Man war zur Zeit nicht mehr so peinlich darauf bedacht, daß gewisse Schranken aufrechterhalten blieben. Der König war alt und grämlich und hielt sich fern in Sanssouci; außer den Hoffestlichkeiten mit ihrer steifen Prachtentfaltung und goldenem Tafelservice, auf denen es noch immer nach der vorgeschriebenen altpreußischen Rangordnung ging, gab es Feste, bei denen man sich weit besser amüsierte. Der leutselige Thronfolger, von dem man sich so viel versprach, ging darin mit gutem Beispiel voran, er liebte zwangloses Beisammensein und heitere Geselligkeit; wenn es auch zuweilen dabei etwas bunt zuging, was machte das, man war eben harmlos vergnügt. Ein freieres Wehen würde mit der neuen Regierungszeit über das altmodische Preußen kommen.
Matuschka war noch immer närrisch verliebt. Er war freilich ein wenig Barbar, trank sehr viel, spielte sehr viel und war sehr stolz auf die vielen Anbeter seiner Frau. Aber er hatte deren Mutter, der Frau Kammermusikus Enke, eine Rente von ein paar hundert Talern im Jahr ausgesetzt, darum nahm die Gattin ihm auch manches nicht übel. Nur wenn er mit der Peitsche knallte, dann flüchtete sie nach der Spandauer Straße, wo die Mutter sie tröstend in die Arme nahm.
Elias Enke lief dann verzweifelt auf und nieder, am liebsten hätte auch er seine Frau geprügelt: Sie, sie allein war schuld an der Ehe mit diesem Matuschka, der ein Trinker und Spieler war! Er ließ es nicht an Vorwürfen fehlen und so sehr ihm sonst die Frau überlegen war, so still war sie jetzt, gab kein Widerwort. Zuletzt weinten sie alle drei, bis Matuschka angerannt kam und sich seine Frau wiederholte. Er hatte es ja auch gar nicht böse gemeint, sie durfte doch nicht so empfindlich sein, in Rußland nahm keine dergleichen übel. Er küßte ihr die Hände, kniete vor ihr nieder, nannte sie einen Engel, sich einen Barbaren: «Da, nimm du die Peitsche, hau zu, hau zu!» Sie gab dann lachend dem armen Teufel einen Backenstreich, nahm ihn unter den Arm und zog versöhnt mit ihm ab.
Verdutzt blieben die Eltern zurück; auch sie waren oftmals kein einiges Ehepaar, aber so etwas ging ihnen doch übers Begreifen. Die Frau war die erste, die sich faßte: «Er ist ein Russ’, Enke! Lieber Gott, die sind alle so.» Aber Enke ließ keine Entschuldigung gelten, er war voll bitterer Bekümmernis: Zuviel, viel zuviel schon hatte er hingehen lassen, oh, hätte er niemals zugegeben, daß seine Älteste zum Theater ging, dann wäre sie ein anständiges Mädel geblieben, hätte einen braven Mann heiraten können, einen von der Kapelle oder einen Handwerker! Die Frau lachte ihm ins Gesicht: Dazu war ihre schöne Tochter denn doch wahrlich zu schade. Ein anderer Kavalier als dieser Matuschka, den sie so willfährig hereingelassen, wäre ihr freilich auch lieber gewesen, aber der Matuschka war trotz allem gutmütig, knauserte nicht mit dem Gelde, und das kleine Palais in der Mohrenstraße war auch nicht zu verachten. Sie redete der Tochter versöhnlich zu, wenn die sich beklagen kam, daß ihr Graf gar zuviel im Spiel verlöre. «So sind die Kavaliere alle, Spielen gehört zum guten Ton. Morgen gewinnt er ja wieder. Und du mußt immer bedenken, du bist Gräfin geworden.» So redete die verständige Mutter, aber der Vater war unverständig.
Enke war oftmals so unverständig, daß er in seinem Kummer zu tief ins Glas guckte, dann aufgeregt nach Hause kam, alles untereinanderschmiß und der Frau Dinge vorwarf, die alle längst verjährt und vergeben waren. Und dann schrie er: «Meine Wilhelmine soll aber anders werden! Lieber reiße ich sie dir aus den Klauen und tu sie wo hin, wo sie was anderes lernt als Kavalieren gefällig sein. Dir macht das ja nichts aus, aber mir, aber mir!» Und dabei schlug er sich vor den Kopf und bearbeitete seinen Schädel mit beiden Fäusten, so daß der Frau angst wurde, er schlage sich das Hirn ein. Es war wirklich keine reine Freude, diese Ehe mit dem Matuschka. Es war ja schön, daß der nicht stolz gegen die armen Eltern seiner Frau war, aber er vergaß sich doch sonst gar zu oft. Die Tochter vergaß sich auch oft: Wie konnte sie nun, da sie einen vornehmen Mann hatte, sich noch mit anderen Kavalieren einlassen?! Das war bereits Stadtgespräch. Und auch daß die Matuschkas Schulden machten.
Trotzdem sagte die Mutter ‹ja›, als die Matuschka sich das Schwesterchen für einige Zeit ausborgte. Sie versprach, das Wilhelminchen Französisch lernen zu lassen und in jeder Beziehung gut für das Kind zu sorgen. Ihr bange oft sehr nach der jüngeren Schwester; die war ja auch nun schon vierzehn und hatte noch nichts von Welt und Menschen gesehen.
Wilhelmine bezeigte keine große Freude, zur Schwester in das feine Haus überzusiedeln, sie wäre lieber beim Vater geblieben, aber sie hatte ja noch selber über sich keine Bestimmung. Sie mußte es geschehen lassen, daß die Mutter ihre bescheidenen Lümpchen zusammenpackte.
«Ich ziehe dich viel schöner an, paß mal auf, wie gut du’s kriegst«, sagte die Schwester. Schnell, nur schnell, daß sie fort waren, ehe der Vater nach Hause kam! Der Schwester Hand riß sie mit fort. Als Wilhelmine das Köpfchen drehte und stehenblieb, bog der Vater hinten gerade um die Ecke.
Es hatte Elias Enke heute etwas heimlich getrieben, es ließ ihm keine Ruhe, er mußte nach Hause. Atemlos kam er heim, sagte kaum guten Tag, fragte nach Wilhelmine. «Ist zur Schwester gegangen», sagte die Mutter, weiteres wagte sie noch nicht zu gestehen. Es gab schon dieses ein Donnerwetter: «Was läßt du sie zu den Matuschkas laufen, das ist kein Haus und kein Umgang für sie!» Als Wilhelmine am späten Abend noch nicht zurück war, brach ein Gewitter los mit Donner und Blitz und Hagel und Einschlag. Zum erstenmal trommelte Enkes Faust auf dem Rücken seines Weibes. Das retirierte hinter den Küchentisch und schrie um Hilfe, so daß die beiden jungen Burschen gelaufen kamen, der Mutter beizustehen. Unsanft warf der Wütende die Söhne zur Tür hinaus, trommelte weiter, bis der Atem ihm kurz wurde und das Blut so zu Kopf stieg, daß er – Schwarz vor den Augen – taumelnd gegen die Wand fiel.
Mit ihrem Enke wollte es doch gar so recht nicht mehr, die Frau sah ihn oft heimlich besorgt von der Seite an. Was war ihm nur? Er war zwar ein genauso sicherer und trefflicher Hoboist in der Kapelle wie vordem, aber er setzte manchmal, wenn er abends daheim war, sein Waldhorn an die Lippen und blies oben zum Fensterchen der jetzt leeren Kammer in die nächtliche Stille hinaus, hinauf zu den Sternen, daß der sonst so Harten weich und weh wurde. Er bangte sich wohl nach dem Wilhelminchen? Er fragte nicht mehr nach ihr und verlangte auch nicht mehr, daß sie unverzüglich heim käme. Er sprach überhaupt nicht mehr viel. Wußte er denn nichts mehr davon, daß er sie wegen Wilhelminchen damals so verprügelt hatte? Hatte er heute alles vergessen? Die Frau hütete sich wohl, ihn daran zu erinnern. Er war vergeßlich geworden, ihr Enke, vielleicht auch meldete sich das Alter bei ihm schon vor der Zeit; wenn er den Haarzopf abtat, sobald er aus dem Orchester zurück war, sah die Frau verwundert: Er war schon ganz grau.
Im Hause der Gräfin Matuschka lernte Wilhelmine Französisch und ihre Worte fein setzen, auch sonst allerlei; vor allem aber, wie man es macht, zu gefallen. In der Kunst war die Matuschka Meisterin. Lässig hingestreckt, noch am Vormittag sich im Bette dehnend, sah die schöne Frau lachend zu, wie Matuschka sich mit der Kleinen neckte. Die mußte ihn bedienen beim Anziehen, ihm den Puder abstäuben, die Kniebänder knüpfen, die Eskarpins stramm ziehen, die Schnallenschuhe abreiben. Wenn sie dann so vor ihm kniete, liebte er es, sie an den Locken zu ziehen. Dabei lachte sie noch, pustete er ihr aber in den Ausschnitt des Kleides, aus dem weiß und zart der junge Busen sich hob, dann verschwand schnell ihr Lachen, wütend fauchte sie ihn an: «Laß das», floh vor dem sie Verfolgenden in die entfernteste Ecke und bedeckte den nackten Hals schützend mit beiden Händen. Matuschka schimpfte: «Blödes Gehabe», die Schwester winkte: «Schlüpf unter bei mir, kleine Gans!» Aber in ihr lautes Gelächter mischte sich etwas wie Ärger: Matuschka machte es wirklich zu heftig, er war ja ganz wild. Wenn sie die junge Schwester auch hergenommen hatte, um ihrem Cercle eine neue Anziehungskraft zu geben und den Kavalieren mehr Anreiz, so durfte sie es doch keinesfalls geschehen lassen, daß ihr Barbar sich an der süßen Unschuld vergriff.
Vor dem kleinen Palais in der Mohrenstraße hielten Karossen und Sänften. Das war hell erleuchtet, aus allen Fenstern fiel Schein hinaus auf die mit schmutzigem Tauschnee bedeckte Straße. Zwei Diener standen am Eingang bereit und hielten Windlichter hoch, damit die Gäste nicht in das Schneewasser patschten. Ein abscheuliches Wetter! Wenn die Matuschka nicht eine Überraschung angekündigt hätte, und er, der Matuschka, mit den Augen blinzelnd spitzbübisch dabei gelächelt, so wäre man lieber beizeiten zu Bett gegangen. Nun war es bald Mitternacht – man ging zu Matuschkas erst nach der Oper –, und würde der Prinz von Preußen auch wirklich zugegen sein? Die Gastgeber hatten das nicht besonders erwähnt – der Kronprinz liebte es nicht, wenn man ihn avisierte, er kam und ging, ungezwungen wann und wie es ihm beliebte – aber sollte seine bestimmte Anwesenheit vielleicht heute nacht doch die angedeutete Überraschung sein?
Die schöne Matuschka war heute abend etwas nervös. Sie erhoffte für die Schwester ein glückliches ‹Sort› vorzubereiten, denn interessierte sich eine sehr hohe Persönlichkeit nicht für sie? Der Prinz von Preußen fragte nicht nach der Herkunft. Wenn sie sich auch nicht mit so phantastischen Plänen trug wie die Mutter, so war sie doch gern bereit, dem Schicksal hilfreiche Hand zu bieten. Nun putzte sie an der Kleinen herum. Ihren Mann hatte sie eben herausgeworfen, die Tür vor ihm zugeschlossen; es machte sie ungeduldig, seine Blicke auf den zarten, tief entblößten Schultern, über die beständig ein leichtes Erschauern lief, brennen zu sehen.
«Frierst du, Wilhelminchen?»
«Nein. Aber ich wünschte, ich könnte ins Bett gehen. Ich bin schon so müde.»
Die Matuschka blickte herb: «Ich war auch oft müde und mußte doch. Aber freilich, du bist noch so jung.» Die Ältere konnte eine sie plötzlich ankommende Regung der Rührung nicht ganz unterdrücken: Da saß das Kind wie ein Opferlamm und ließ sich schmücken. «Sieh doch mal in den Spiegel, wie schön du jetzt bist! Du weißt, der Kronprinz kommt heute. Damals war er so freundlich zu dir, du wirst ihn jetzt wiedersehen. Wenn er zu dir spricht, sei lieb, nimm dich zusammen – es ist eine hohe Ehre für dich!»
«Ja, ja», sagte das müde Kind.
Es war ein äußerst gelungenes Fest, obwohl der Kronprinz noch nicht erschienen war. Er würde wohl auch nicht mehr kommen, es war bereits zwei, als die ersten aufbrachen. Wahrscheinlich irgendein neues Band, das ihn festhielt. Es ging schon aufs Morgengrauen, als er endlich erschien, anscheinend abgespannt, aber liebenswürdig wie immer. Jetzt kam erst die richtige Stimmung. Die Hausfrau hatte in die Hände geklatscht, das bedeutete: Dienerschaft weg. Sie füllte selber die Gläser. Suchend wanderten dabei ihre Blicke: Wo steckt die Kleine? Seiner Königlichen Hoheit schien augenblicklich nichts dran gelegen, er hatte sich sofort ins Spielzimmer begeben. Da saßen welche mit heißen Köpfen – man spielte Pharo und spielte es hoch – der Prinz hatte sich eingereiht, man schob ihm gleich dienstbeflissen einen Stuhl unter. Die Matuschka sah mit Bedauern: Nun war er leider schon mitten im Spiel. Aber nachher, nachher! Sie fieberte: Schönheiten wurden ihm genug präsentiert, aber keine so jung wie das Wilhelminchen.
Der Prinz war im Gewinnen, Matuschka verlor. Je mehr die Karten zu dessen Ungunsten fielen, desto mehr trank er; hastig griff seine Hand nach dem Glase, trank es aus in einem Zug, schenkte sich selber ein. Bald war er sinnlos betrunken.
«Hören wir auf», sagte der Prinz; er war bleich, sein Gesicht gedunsen und doch schlaff vor Abspannung, er war seiner selbst nicht mehr ganz sicher.
«Denke nicht dran», brüllte Matuschka, «jetzt erst recht nicht. Sitzen geblieben! Glück bei Weibern, Unglück im Spiel – diesmal trifft das nicht zu. Setz dich, du Vielgeliebter! Vielgeliebter – hahaha, ha» – sein Lachen erstickte, einer der Mitspieler hatte ihm rasch die Hand auf den Mund gelegt. So weit durfte es denn doch nicht gehen, Seine Königliche Hoheit könnte sich morgen dieser Worte erinnern.
Des Prinzen Gesicht hatte sich verfinstert: ‹Vielgeliebter› – sollte er das als Schmeichelei nehmen oder als unstatthafte Anspielung? Er war sich darüber nicht mehr ganz klar.
Hohe Zeit, daß man Matuschka hinausbeförderte. Kopf ins Wasser, frische Luft, die ernüchtert. Er stolperte der Treppe zu. Da, auf der obersten Stufe, das Köpfchen an die Sprossen des Geländers gelehnt, saß eine und schlief. Ha – haha – war das nicht das Schwesterchen seiner Frau? Aus dem Zimmer geworfen, vor ihm zugeschlossen – haha – hier, jetzt ging das nicht so! «Kleine Hexe, ei, ei, nicht mich herauswerfen – ei, ei!» Er ließ sich neben ihr niederfallen, schlang den Arm fest um sie.
Wilhelmine hatte ganz fest geschlafen. Wirres Durcheinander in ihrem Traum: alle Kerzen brennen im Kronleuchter, in den Kandelabern – viele Leute – viele Augen – die sehen sie an. Die Schwester hält sie an der Hand. Vorstellungen, Vorstellungen, zierlichste Verneigungen. Man lächelt sie an, sie lächelt auch, das Lächeln friert fest auf ihrem Gesicht. Lächeln, immer lächeln, oh, das tut weh, so den Mund zu verziehen! Und langweilig, so langweilig – was soll sie sagen, was antworten? Es fällt ihr gar nichts mehr ein, die Lider fallen zu – immer wieder sie aufreißen, heimliches Gähnen und wieder Gähnen – müde, ach, so schrecklich müde! Alles wirrt um Wilhelmine: Lichter, Leute, Laute – Schleier von ihren Blicken – ach, schlafen, nur schlafen gehen!
Ein entsetzter Schrei war es, der durchs Treppenhaus gellte. Es war Wilhelmine, die ihn ausstieß: Wer packte sie an, umschlang sie eisern? Was hauchte sie so heiß an, ein Mensch, ein Tier? Sie wehrte sich gegen die Umschlingung, halb noch im Kinderschlaf, noch nicht ganz wach und doch sich einer Gefahr bewußt.
Ihr Schrei war auch drinnen gehört worden. Wer schrie? Und warum lachte Matuschka so unbändig? Wen hatte der Trunkene da attackiert? Die um den Spieltisch saßen, waren aufgesprungen, drängten heraus. Aber es war nicht die Zofe, die man, von dem Trunknen bedrängt, zu finden erwartete.
Welch unangenehme Szene! Die Matuschka hatte sich alles ganz anders gedacht. Es war so schön arrangiert, das Kind, nachdem der Prinz sich schon mehrmals erkundigt hatte, ihm heute als gesellschaftsfähige junge Dame vorzustellen. Sie hätte weinen können vor Zorn und Enttäuschung. Die Blicke, mit denen sie ihren Gatten anfunkelte, waren so wütend, daß er plötzlich nüchtern wurde. Aber auch auf die Schwester war sie erzürnt: «Dummes Ding, was fällt dir denn ein, dich auf die Treppe zu setzen? Hör auf mit dem törichten Schreien!»
Wilhelmine schluchzte noch krampfhaft laut: Oh, daß sie doch fliehen könnte, aber wohin? Alles Gesichter, fremd und neugierig. Wenn doch der Vater hier wäre! Sie fühlte eine lange nicht empfundene, heiße Sehnsucht nach ihm: Der, ja der würde sie schützen! ‹Beruhige dich, mein Kind›, würde er sagen – nein, das sagte jetzt plötzlich ein anderer. Ein großer, vornehmer Herr. Und eine Hand, weicher als die des Vaters, legte sich auf ihren Kopf.
«Ruhig, mein Kind, es geschieht dir ja nichts!» Der Prinz ergriff die vor Schreck ganz erkaltete kleine Hand, hielt sie fest in der seinen, beugte seine hohe Gestalt nah zu der Zitternden nieder, zog sie von der Stufe der Treppe auf: «Komm, mein Kind, komm, wovor ängstigst du dich? Fürchte doch nichts. Ich bin jetzt bei dir, ich bringe dich selber nach Hause – Spandauer Straße, nicht wahr?»
Nur ein stummes Nicken die Antwort, ein dankbar verwirrter, großäugiger Blick.
Er lächelte. Und dann, sich zu seiner vollen Höhe aufrichtend, sehr formell, ganz Königliche Hoheit, zur Matuschka: «Frau Gräfin, führen Sie Ihren Gatten fort! Ich werde die Demoiselle Schwester fortführen. Ich bedaure, aber Sie werden verstehn, daß ich mich jetzt empfehle.»
An seinem Arm, noch zitternd, doch schon seltsam getröstet, ging Wilhelmine Enke die Treppe hinunter.
IV
Ein Geraune ging durch die Stadt, schöne Lippen tuschelten: Was zog den Thronfolger nur so oft nach der Spandauer Straße in ein minderwertiges, ganz obskures Haus? Da wohnte doch die Demoiselle Enke nicht mehr, die hatte ja den Grafen Matuschka eingefangen, wen besuchte er denn jetzt da? Neugierige Augen, Späherblicke.
Der Prinz glaubte sich von niemandem gesehen, durchaus unbeobachtet, wenn er mehr als einmal die Woche, sobald es völlig dunkelte und die Straße vereinsamt lag, an der Tür des Hornisten Enke den Klopfer rührte. Er hatte sein Zeichen: dreimaliges kurzes Klopfen. Ein ungeduldiges Klopfen – er mußte doch sehen, was sein Schützling machte. Er kam zu Fuß; er, der sonst so bequem war, hier war er es nicht. Ha, sie wußten es alle ja nicht, wie es ihn entzückte, die Kleine zu belehren! Es hatte einen nie sich erschöpfenden Reiz, das, was er selber gelernt hatte von Hofmeistern und ausgezeichneten Schulmännern, nun, selber ein Lehrer, in dies kluge Köpfchen hineinzugießen. Selbst das: ‹Leo est generosus, der Löwe ist großmütig› lernte sie wie zum Spaß; und auch: ‹Vulpes nunquam leonem viderat, der Fuchs hatte niemals den Löwen gesehen› – den Anfang der Fabel, die er einst mit vieler Mühe herausgestockert hatte, übersetzte die Wißbegierige aus dem lateinischen Lehrbuch bald ohne Stocken. Und auch: Ein Zentner, drei Pfund, sieben Lot kosten zwölf Taler achtzehn Groschen, sechs Pfennig, was kosten dreihundertsechzehn Zentner, achtundneunzig Pfund, fünfzehn Lot? – rechnete sie rascher aus als er.
Und wie bezaubernd sie das Französische sprach! Wenn sie sagte: «Je t’aime», dann überlief es ihn. Sie sagte es harmlos, aber er ließ es sie so oft wiederholen, bis sie es nicht mehr harmlos sagte. Dieses Erröten, dieses die Wimpern Senken, daß sie wie dunkle Schatten auf den Wangen lagen, galt das ihm? Der in der Liebe Erfahrene, der längst kein Jüngling mehr war, den Vierzigern näher als den Zwanzigern, forschte wie ein Neuling. Vierzehn Jahre – konnte sie denn schon lieben? Er sah ihr in die Augen, die noch kindlich groß in die seinen blickten; aber versenkte sein Blick sich zu tief, schwimmend von Begehren, dann fing auch der klare Glanz ihrer Augen an, sich zu verschleiern, dann wurde ihr bis dahin offener Blick scheu – mußte er etwas verbergen? Es bebte der Mann vor Entzücken.
Es waren Unterrichtsstunden, die den Lehrer alles andere vergessen ließen: seine Familie – Gattin und Kinder – die Politik, die Rankünen des Alten in Sanssouci, an denen er es nicht fehlen ließ, jetzt weniger denn je. War dem ewig Nörgelnden vielleicht von seinen Spionen bereits hinterbracht worden, warum der Thronerbe die Regierungsgeschäfte, um die er sich wenigstens dem Schein nach in etwas gekümmert hatte, nun ganz außer acht ließ? Unmöglich! Wer von den wenigen Freunden, die um sein Geheimnis wußten, hätte ihm, dem Vielgeplagten, so lange schon auf den Thron Wartenden, nicht gern diese ihn so beglückende Zerstreuung gegönnt? Freilich, der Graf von Anhalt-Dessau hatte, ehe er, zur Gesandtschaft nach Petersburg kommandiert, abreiste, Worte fallen lassen, die wie eine Warnung klangen: «Ich habe Eure Königliche Hoheit in dieses Haus gebracht, es wäre mir leid, wenn dieses zu einem Ärgernis ausfallen würde. Leid um Ihrer selbst willen, leid um den ehrenwerten Enke, leid um meine alte Freundin, die Enkin. Am meisten leid um die Kleine. Sie ist ein goldiges Ding, das schon von klein an mich alten Sünder mit dem Netz ihrer Unschuld und Schönheit umstrickt hat. Aber mehr denn als Patenkind kann ich sie mir doch nicht in die Schuhe schieben lassen, wenn Sie, Prinz, vielleicht auch solches vermuten dürften. Nur Patenkind, auf meine Ehre als Kavalier und Soldat. Ich habe Wilhelminen als Kind Ihrer Gnade empfohlen – Königliche Hoheit, vergessen Sie nicht: Ihrer Gnade!»
War er denn nicht gnädig? Der Prinz von Preußen glaubte, sich keiner Schuld bewußt sein zu müssen. War es denn nicht lobenswert, diesem jungen Wesen, das hungrig nach Wissen und Bildung war und aufnahmebereit für alles, was Kunst hieß, nach besten Kräften das mitzuteilen, was er selber davon besaß. Er bedauerte jetzt, nicht mehr zu wissen. Wie sie an seinen Lippen hing! Nie hat ein Lehrer eine aufmerksamere Schülerin vor sich gesehen. Mit tiefem Atemholen sog sie alles in sich hinein wie eine dürstende Pflanze den labenden und befruchtenden Regen. Es war erstaunlich, was sie für Fortschritte machte.
«Sie lernt ja auch die ganze Nacht, sie schläft vor lauter Lernen nicht mehr», sagte stolz und doch auch ein wenig klagend Enke. Das Wilhelminchen wurde ordentlich blaß davon, die runden Wangen zarter und schmaler. Es wäre der Mutter begreiflicher gewesen, der hohe Herr hätte mit ihr oben in der guten Stube gesessen wie einst ihre Älteste mit dem Matuschka. Aber dagegen wehrte der Prinz sich: nein, oben nicht, nicht in jener Stube, die einst so manches gesehen und gehört hatte, was für sein Kleinod nicht paßte! So saß er denn lieber unten in der Küche mit ihr, aus der jeder Küchengeruch verbannt wurde an dem Tage, an dem er erschien. Was wußte er davon, daß den Enkes an diesem Tag nichts Warmes in den Magen kam. Die Küche war zum Wohngemach umgestempelt, mit ein paar besseren Sachen dürftig möbliert, es durfte niemand sonst sie mehr betreten. die Brüder mußten oben auf der blanken Diele des Bodens liegen, bis der hohe Herr nach Mitternacht fortging. Auch Enke kam dann erst spät heim; längst über die Polizeistunde saß er in einem Winkel der Kneipe, wies man ihn endlich hinaus, wartete er an der Straßenecke, bis er daheim erwünscht war. Er hatte ein Zuhause nicht mehr.
Nur die Mutter wurde noch geduldet, aber auch sie störte den Lehrer. Alles störte ihn. Die Knickse der Frau, ihre halb devoten, halb vertraulichen Redensarten fielen ihm auf die Nerven. Seine Blicke, wie die eines Verirrten, stießen sich an den kahlen, nüchternen Wänden – war das eine Umgebung für ihn?! Fielen seine Augen aber auf das schöne Kind, das sich, tief übers Heft neigend, mit vor Eifer geröteten Wangen an einem Aufsatz über die Geschichte Brandenburgs schrieb, schwand jeder Unmut; er sah nur sie, sie. Denn er liebte sie. Und die Unmöglichkeit, sie hier in dieser Umgebung zu besitzen, so wie er sie zu besitzen begehrte, ungestört, raubte ihm jede verständige Überlegung und jedes Besinnen. Warum sollte er sie denn nicht hier fortnehmen? Sie paßte ja gar nicht hierher. Die fünfzig Taler, die er der Mutter monatlich gab, konnten die ganze Umgebung nicht ummodeln. Wilhelmine wieder zu den Matuschkas bringen? Leichtsinnige Frau, russischer Barbar – Gott sei davor, daß er solches täte! Sein Kind, sein Kleinod, sein über alles geliebtes Mädchen! Es mußte bewahrt werden vor allem Häßlichen, ganz im geheimen der Stunde entgegenreifen, in der es ihm von selber in die Arme sank: «Ich bin dein.»
Wer durfte dem Prinzen von Preußen, dem demnächstigen Herrscher, ein Halt gebieten? Niemand. Nur der in Sanssouci. Der würde es freilich kaum erfahren, der hatte soviel mit seiner Gicht zu tun, mit seinem, nur durch die Macht seiner Persönlichkeit endlich zustande gekommenen Fürstenbund, daß er sich um solche Bagatelle jetzt nicht mehr kümmerte. Und doch, wohin mit dem geheimen Schatz? Der Thronfolger ängstigte sich: Berlin war gefährlich, seine Darmstädterin mit den Kindern wohnte in Monbijou; Friederike Luise war zwar ganz bequem, redete ihm in nichts herein, würde gar nichts weiter davon wissen; aber die Geister, an die sie glaubte, konnten ihr einmal etwas verraten. Und im Schlößchen Schönhausen wohnte Tante Elisabeth – der König kümmerte sich nicht mehr um seine Frau, nur noch Belege für Beleuchtung, Brennmaterial und Führung des Haushalts forderte er und knauserte daran – die hatte Zeit genug für den Klatsch. Aber da seine Tochter aus erster Ehe mit Elisabeth von Braunschweig bei der alten Königin erzogen wurde, durfte er es mit ihr nicht verderben. Überall, wohin der Ungeduldige blickte, Behinderungen und Rücksichtnahmen. Es war zum Verzweifeln! Kann denn nicht einmal der von Gottesgnaden tun, was ihm beliebt?! Da fiel ihm sein Kammerdiener Rietz ein. Rietz, treue Seele! Rietz hatte ihm schon aus mancher Verlegenheit geholfen, Rietz fand immer einen Ausweg, Rietz würde auch hier einen Ausweg wissen. Geld würde es freilich kosten – alles kostet Geld –, sechzigtausend Taler Apanage und viermal hunderttausend Taler jährliche Ausgaben, das reimt sich schlecht.
Kammerdiener Rietz war der Sohn des früheren Hofgärtners Rietz in den Sanssoucier Gärten. Der Sohn war da früher auch tätig gewesen, hatte gepflanzt, gegossen, gejätet, Erde herbeigekarrt wie die andern Gartengehilfen, aber seine hübsche Erscheinung, seine Intelligenz, sein höflich-gewandtes Benehmen fielen vorteilhaft auf. Es war der große König selber gewesen, der dem Neffen diesen jungen Menschen – fleißig, zuverlässig, bescheiden, Sohn eines alten bewährten Gärtners – auf die Dienerschaftsliste gesetzt hatte. ‹Kammerdiener›, fast so wichtig wie Minister – wer weiß, was der Neveu sich sonst für ein ‹mauvais sujet› zugelegt hätte! So blieb man auch immer gewissermaßen auf dem laufenden über etwaige Debauchen und Torheiten des leider niemals zur rechten Einsicht Gelangenden. Manche Dummheit hatte man durch den Rietz schon glücklich verhindern können. Und Rietz nahm niemals eine Belohnung für solch geleisteten Dienst.
«Halten zu Gnaden», sagte Rietz, als er heute nacht beim Auskleiden seinem Herrn die gewohnten Dienste leistete – der Prinz hatte sich’s bereits bequem gemacht, aufs Bett zurückgelehnt, und ließ sich von dem vor ihm knienden Kammerdiener die enganliegenden Beinkleider von den prallen Schenkeln ziehen –, «wenn Hoheit die Unmöglichkeit des jetzigen Zustandes einsehen, dürfte ich mir da wohl erlauben, alleruntertänigst einen Vorschlag zu machen?»
«Du darfst», sagte der Prinz. Er sagte ‹du› zu seinem Kammerdiener, wenn sie allein waren; vor andern redete er ihn mit ‹Sie› an. Warum soll man zu einem achtbaren Menschen, wenn der auch geringeren Standes ist, nicht ‹Sie› sagen? Das in der dritten Person die Leute Anreden war ja schauderhaft, von oben herab und altmodisch zugleich. Wenn er zur Regierung kam, wurde dieser Zopf wie so manch anderer Zopf abgeschnitten. Der Müde gähnte und lächelte seinen Kammerdiener freundlich an: «Nun, was hast du dir ausgeheckt, Schlaukopf? Ach, ich muß jetzt schlafen, schlafen!» Er streckte sich dehnend: «Morgen früh nach Potsdam befohlen, halb neun schon – nachtschlafende Zeit! Seiner Majestät das neue Regiment Garde vorführen. Verfluchte Schinderei!» schrie er plötzlich, so auffahrend, daß er den vor ihm Knienden hintenüberstieß. Er rannte, aufgesprungen, mit Heftigkeit durchs Gemach, die Fäuste geballt: «Kein menschenwürdiges Dasein! Ach, wann wird dieses ewige Schikanieren, dieses Ausspioniert-, von allem Gehindertwerden endlich ein Ende haben?! Wie kann man mich richtig beurteilen? Ich bin ja ein Mensch, ein unglücklicher, der sich tagtäglich zusammennehmen muß, verstellen muß. Ich halte das nicht mehr aus!»
«Regen sich Königliche Hoheit doch nicht so auf», erklang sanft beruhigend die Stimme des Kammerdieners. «Hoheit sind übermüdet, schlafen sich Hoheit doch erst einmal aus. Ich werde zur Zeit wecken.» Er faßte den Prinzen unter den Arm und führte ihn mit sanfter Gewalt zum Bette zurück. «So, so.» Er legte ihn nieder und strich ihm die Kissen zurecht, in die der Erregte sein Gesicht drückte. «Hoheit würden ruhiger sein, viel beruhigter und besserer Stimmung, wenn Hoheit die Demoiselle Enke mehr zur Verfügung hätten, ungestört und ohne alles lästige Beiwerk. So sehe ich Königliche Hoheit wie einen Gehetzten nach dieser Spandauer Straße eilen – abgestohlene Minuten. Und es ist dort auch ein unmöglicher Aufenthalt.»
«Woher weißt du, wer sagt dir?» klang es erschrocken aus den Kissen.
Rietz lächelte; auf seinem Gesicht, das noch jung war, lag schon das Lächeln eines alten Diplomaten. «Wenn ein Diener seinen Herrn so liebt wie ich den meinen, weiß er alles. Er fühlt das. Darum habe ich mir gedacht – halten zu Gnaden ob meiner Kühnheit» – sein Lächeln verschwand, er legte die Hand aufs Herz, denn der Prinz hatte mit einem Ruck den Kopf aus den Kissen gehoben, sich aufgerichtet, und sah ihn jetzt an –, «ich möchte das Haus meiner Eltern in Vorschlag bringen. Mein Vater ist nicht mehr im Amt, lebt ganz zurückgezogen in dem Häuschen hinter Sanssouci, das ihm der König als Belohnung für treue Dienste geschenkt hat. Das Haus ist nicht groß, aber geräumig genug, Hochdero» – er räusperte sich, verschluckte schnell das Wort ‹Liebste› und sagte mit aller Achtung: «Hochdero Demoiselle Enke aufzunehmen. Die Demoiselle hätte drei angenehme heizbare Räume im Vorderhaus zur Verfügung, meine Eltern würden sich schon ganz auf die Rückseite beschränken. Hoheit könnten ungestört aus- und eingehen. Und was etwa in der Möblierung Hoheit nicht annehmbar erscheinen sollte, ließe sich ohne große Kosten herbeischaffen. Es steht so manches in den Winkeln im Potsdamer Stadtschloß.»
«So – du meinst?» Der Prinz sah seinen Rietz mit großen Augen an. Und dann: «Bist ein Kerl, ein Kerl! Nein, ein Magier. Was du alles zauberst!» Er reichte ihm gerührt die Hand: «Ich danke dir!»
Der andere verfehlte nicht, diese Hand respektvollst zu küssen.
V
In Berlin wußte man es nun ganz genau, nicht nur in den dem Hof nahestehenden Kreisen, auch das weitere Publikum wußte es jetzt: Der Prinz von Preußen hat eine neue Geliebte. Und dieses Mal schien es recht ernst zu sein; er hielt sich von allem anderen und allen anderen fern, erschien nicht in Gesellschaft und bei öffentlichen Festivitäten, die er sonst immer besuchte, ließ sich überhaupt in Berlin wenig sehen. Er sei aber, weit öfter als ihn der König nach dort befahl, in Potsam. Wer diese Geliebte aber war und wo sie wohnte, das wußte man nicht. Er hielt sie versteckt; sehr bald wob sich ein Gespinst von gutartigen wie bösartigen Legenden um ihre Gestalt. Die einen erzählten vom barfüßigen Mädchen, das Zitronen und Schwefelhölzer feilgeboten hatte – eine ganz obskure Dirne, für jeden zu haben – nach anderen war sie von vornehmer Abkunft, Tochter eines Grafen, der nur nicht genannt sein wollte.
Von alldem hatte Wilhelmine Enke keine Ahnung. Es war ihr wie ein Märchen, daß sie nun aus dem Fenster eines kleinen Landhäuschens hinaussah auf buntblumige Wiesen, wo Schmetterlinge gaukelten und Bienen Honig holten und zu den Bienenkörben trugen, die ihren Stand hinten im Krautgarten hatten. Dort holte die Mutter Rietz jeden Tag das Gemüse für ihre Küche und drehte auch wohl einem Hühnchen, das eben noch behaglich im Sand gescharrt, den Kragen um. Wenn Wilhelmine das sah, weinte sie, und essen konnte sie nichts von dem Gemordeten. Verträumt starrte sie oft lange nach dunklen Baumwipfeln herüber, die standen im Park von Sanssouci; der war ein geheimnisvoller Wald, der ihr die Welt verbarg. Fern, fern waren die Welt und Berlin, Eltern, Schwester und Brüder, alles was bisher um sie gewesen war. Und dann wunderte sie sich, daß das alles sich so leicht von ihr getrennt hatte und daß sie es abgestreift hatte wie die Schlange die alte Haut. Nun hatte sie eine neue. Nur er war da. Sein Wunsch, sein Wille.
Sie war ihm gefolgt. Warum sollte sie auch ‹nein› sagen? Die Mutter war dafür gewesen, daß sie ‹ja› sagte; gefragt war sie freilich gar nicht worden, er hatte es eben so bestimmt. Selbst der Vater hatte sich dreingegeben.
Enke hatte zuerst ein Toben angefangen: nie und nimmer! Die Frau bedroht, die Tochter bedroht, die Hände zu Fäusten geballt. Niemals würde er es zugeben, daß der Prinz sein Kind ihm entriß, nach Potsdam verschleppte, wo es nichts als Schande und Kummer fand. Noch war er Herr in seinem Hause, kein anderer, und sei er noch so hoch geboren hatte das Recht über das, was ihm gehörte, zu bestimmen; man war nicht leibeigen mehr wie zu jener Zeit, als Fürsten ihre Landessöhne aufgriffen und wie Schlachtvieh verkauften. Er schrie das so laut, daß die Frau rasch Fenster und Türen schloß: Entlassung, Stockprügel, Kasematten in Spandau, daß nur die Nachbarn nichts hörten! Aber als der Prinz den Enke vor sich beschied, mit der ganzen Selbstverständlichkeit des Gottesgnadentums dem Vater von dem Glück sprach, das er seiner Tochter zu bereiten gewillt sei, da knickte der von Geburt an in preußischem Respekt Erzogene doch zusammen. Er wagte kein Wort mehr.
Wilhelmine hatte eine französische Lehrerin bekommen, Madame Girard von der französischen Kolonie. Die lehrte sie das feinste Französisch und auch wie man’s schreibt. Aber schöner, viel schöner war doch der Unterricht bei ihm gewesen. Jetzt hatte er nicht immer Lust, Lehrer zu sein, wenigstens nicht Lehrer in der Art wie vorher. Jetzt sprach er ihr vom Wesen der Liebe und las ihr allerlei vor, was gelehrte Leute darüber sagten.
Nun war es endlich so, wie er sich’s gewünscht hatte, er hatte sie hier für sich ganz allein. Jetzt, jetzt mußte es ihm gelingen, auch in ihr Begehren zu erwecken, jenes Begehren, das Mann und Weib seit Urbeginn der Welt unwiderstehlich so zueinander zieht, daß sie eins werden. Aber sie blieb still. Oft, wenn er – unbequem genug für seine Statur – auf einem Kissen ihr zu Füßen saß, den Kopf in ihren Schoß gebettet, wie er es zu tun pflegte, wenn sie ihm vorlas, glaubte er, ein leichtes Erschauern ihres Körpers zu fühlen. Oh, wie gleichgültig war ihm dann die Seite Homer, die sie ihm las in französischer Übersetzung, wie unerträglich langweilig Rousseaus Héloïse! Er drehte den Kopf zur Seite, bis sein heißer Mund unterm dünnen Gewebe ihres Kleides das runde Knie suchte und fand. Jetzt zugreifen, sie fassen, an sich reißen! Aber wäre das königlich, das Wort, das er sich gegeben hatte, zu brechen? Warten, warten bis sie von selber ihm in die Arme sank! Ihre Hände nur faßte er und hielt die sich an das erhitzte Gesicht. Ein so Geduldiger, ein so zart Liebender war er noch niemals gewesen: nur nicht sie erschrecken, ihr die Zutraulichkeit nehmen! Sie war ja noch immer halb Kind, trotzdem ihre Formen sich zu runden begannen und das schöne Ebenmaß eines zur Vollkommenheit reifenden Körpers offenbar wurde.
Als er heute gekommen war, hatte er sie in Tränen gefunden. «Um Gottes willen, was ist dir?!» Da hatte sie ihm geklagt: «Ich habe eine arme Frau am Walde getroffen, ihr Mann ist krank, drei kleine Kinder zu Hause, sie las dürres Holz – ach, ich hatte kein Geld! Ach, ich habe nie Geld!» Sie schluchzte noch einmal auf: «Schrecklich, wenn man kein Geld hat! Ich kann mir nicht einmal ein buntes Band kaufen.»
Ja, schrecklich, das war es auch! Er kannte das Kein-Geld-Haben. Er schenkte ihr einen Dukaten. Da tanzte sie, den hochhaltend, mit strahlendem Gesicht in der Stube herum. Er ergötzte sich an ihrer Anmut. Und dann fiel ihm plötzlich, sein Entzücken störend, ein: Er hatte Madame Girard noch nicht ihre Stunden honoriert. Die zugesagten fünfzig Taler an die Enkin waren auch ins Stocken geraten. Und was hatte er der Rietzin nicht alles zu zahlen, mehr als ein halbes Jahr war Wilhelmine schon hier. Er mußte morgen mit Rietz darüber sprechen.
«Machen sich Königliche Hoheit darüber nur keine Gedanken. Das läßt sich später alles nachholen. Meine Mutter wartet gern. Es ist ihr eine Freude, die Demoiselle bei sich zu haben. Sie macht ja auch wenig Ansprüche – vorderhand», setzte der Kammerdiener nach kurzem Stocken hinzu. Rietz war vorsichtig, als gemeiner Mann kannte er die Menschen besser, als ein Prinz sie kennt, es war jedenfalls klug, sich mit der Enke gut zu stellen. Wer weiß, wie die sich noch entwikkelte! Sie gefiel ihm ja auch. Wenn er ihr eine Botschaft des Prinzen zu bringen hatte und sie einsam und versonnen fand, enttäuscht, daß sie heute allein bleiben sollte, nahm er die Gelegenheit wahr, mit ihr zu plaudern. Sie hielt ihn gerne länger fest: «Ach, bleibe du wenigstens noch ein bißchen!» Sie sagte ungeniert ‹du›. Er war ja der Sohn ihrer guten Rietzin, die sich so mütterlich zu ihr stellte. Ihre eigene Mutter konnte höchst selten kommen, er liebte deren Besuche nicht. Dazu war der Rietz ein witziger Mensch, wußte immer was zu erzählen, das sie unterhielt. Und wie gut kannte er den Prinzen! Er war dessen Vertrauter, einziger Vertrauter, und, wie er sie versicherte, sein getreuster, ergebenster. Wie schwer hatte es doch der arme Prinz! Vom alten König an der Schnur gehalten – zuck-ruck –, wieder ein Zuck, rauf-runter wie ein Hampelmann. Und dann diese häßliche Frau, er, ein Mann, der die Schönheit so liebte!
Durch Rietz erfuhr Wilhelmine viel von des Prinzen Leben, alles das, was er selbstverständlich vor ihr verbarg. Also Geliebte hatte er – andere Frauen?! Ob er die mehr liebte als sie? Sie war doch auch eine Frau. Und sie weinte darüber, wenn Rietz wieder gegangen war; vor ihm wäre sie zu stolz gewesen, ihre Tränen zu zeigen, er war ja doch nur ein Kammerdiener. Sie stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich: Spieglein Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Sie neigte den Kopf nach rechts und nach links: die Nase nicht klein, aber auch nicht zu groß. Der Mund mit den roten Lippen lieblich, wenn sie sich anlächelte, und stolz, wenn sie ihn wie jetzt ernst schloß. Die Brauen in Bögen wie mit dunklem Pinsel gezogen, darunter große Augen, so tief in ihrem Blau, daß sie, fiel das Licht grade in sie hinein, fast wie schwarz erschienen. O ja, sie konnte sich schon sehen lassen! Sie studierte ihr Gesicht. Und sie fand bald die Miene heraus, die zu diesem Gesicht am besten paßte – freilich noch zu den weichgerundeten Wangen ihrer Jugend nicht. Es war immerhin Zeitvertreib, sich so zu betrachten, und dabei zu denken: Soll es denn immer so weitergehen, soll sie wie eine Gefangene immer hier sitzen? Ein Vögelchen im Bauer. Er hatte es nicht gern, wenn sie das Haus verließ; weiter spazieren gehen als bis an die Grenze des Parkes sollte sie nicht. Und grade da drinnen war es so schön! Sie hatte sich einmal hineingewagt – das kunstgeschmiedete Gitter mit den vergoldeten Spitzen war aus Versehen nicht geschlossen – hohe und seltsame Bäume, Marmorgruppen im Grün, leuchtende Blumenbosketts von Büschen, die sie noch niemals gesehen hatte, Nymphengestalten und Faune, Liebesgötter, weiß und lockend. Als sie es ihm gebeichtet hatte, war er zum erstenmal böse geworden, zornig und ängstlich hatte er laut geschrien: «Du darfst das nie wieder tun. Wenn dich nun jemand gesehen hätte, es ihm hinterbrächte! Man würde dich mir entreißen.» Und er hatte sie so fest in seine Arme geschlossen, daß sie fast erstickt war. Erstickt, ja, erstickt. Ihr war es oft, als müßte sie hier erstikken in diesen kleinen beengten Stübchen, in denen sie jedes Mauseloch kannte, jede fehlende Perle im Schellenzug an der Wand, jede Verschlissenheit des alten Brokatkanapees, jede Stopfstelle im Mullüberhang ihres Betthimmels. Ach, und dann lag sie da so allein, oft lange wach, konnte nicht schlafen trotz der Stille im Hause, trotz der großen Nachtruhe draußen. Nicht einmal der Ruf eines Käuzchens wurde laut, der alte Rietz hatte sie alle totschießen müssen, denn er erschrak, wenn er sie rufen hörte: Käuzchenruf bringt Unglück.
In solchen Stunden, wenn sie einsam wachend lag, sehnte sie sich heftig nach ihm. Oh, was war er für ein guter, ein edler Mensch, ihr Wohltäter, ihr Lehrer, dem sie alles verdankte, ihr bester, ihr einziger Freund! Wenn sie dann mit ihm in Gedanken sprach, sagte sie ‹du›, sonst wagte sie das noch immer nicht, denn er war ja ein Prinz, wurde bald König. Und wenn er das wurde, was dann? Ob er so groß würde wie sein Onkel, der alte König? Auch darüber dachte sie nach. Rietz sagte, er sei zu leichtgläubig – ach ja, er glaubte, alle Menschen seien so gut wie er. ‹Leicht zu täuschen› sagte Rietz. Oh, Rietz war sicher nicht leicht zu täuschen.
Ja, er war zu gut, wollte immer das Beste und glaubte von jedem das Beste! Etwas wie ängstliches Mitleid stieg plötzlich in der Seele der einsam Wachenden auf, etwas von jenem selbst nicht geahnten und doch jedem weiblichen Wesen angeborenen Mitleid. Er würde oft getäuscht werden. Aber sie, sie war ja da, sie würde ihm immer sagen: Nein, so ist es nicht, das darfst du ihnen nicht glauben. Nein, er durfte nicht getäuscht werden, sollte nie getäuscht werden, dazu war er ja viel, viel zu schade! Sie streckte ihre nackten Arme unter der verhüllenden Bettgardine heraus ins nächtliche Dunkel, als wollte sie über einem, der da nicht stand und den sie doch stehen sah, schützende Arme breiten.
Wilhelmine ging heute im weichen Frühlingshauch. Aus voller Brust sang eine Amsel nahe bei ihr – oh, wie süß-sehnsüchtig! –, noch fern antwortete eine andere. Horch, die kam nah und näher – jetzt sangen sie beide vereint. Aus den Wiesen stieg silbergrau schon ein nebliges Duften, es duftete nach heimlichem Grünen und Werden. Ah! Sie atmete tief, legte die Hand über die Augen. Letztes Sonnengold blendete, um dann drüben zwischen den Wipfeln des verbotenen Parks zu versinken in einem verträumten Rot. Vom letzten Sonnenkuß übriggebliebene errötende Wölkchen, wie Rosen hingestreut über den Himmel.
Die einsam Wandelnde stand still, sie empfand den Zauber und genoß ihn doch nicht mit Freuden:Jetzt dürfte man nicht so allein sein. Ihre Stirn krauste sich, es war viel Unruhe in ihr. Gestern war ihre Mutter einmal bei ihr gewesen, nicht alles war angenehm, was die erzählt hatte. Die Matuschkas wollten sich scheiden lassen; das war ihr nicht überraschend, die Schwester hatte dem Gatten den Affront bei der Assemblee damals nicht verziehen, sie nannte ihn nur den Barbaren. Sie hatte jetzt Beziehungen zu einem Hauptmann von Schönberg. Er, Matuschka, er hatte auch Beziehungen angeknüpft. «Er ist aber kein Barbar», sagte die Mutter, «sogar sehr anständig, er will ihr das Haus in der Mohrenstraße belassen. Er zieht auch von mir seine Beihilfe nicht ab.» Aber daß der Vater seine Entlassung bekommen hatte aus des Königs Kapelle, das war in der Tat traurig – warum nur entlassen? «Er hat einmal seinen Einsatz verpaßt, da hat ihn der König scharf angesehen. Und dann ist’s ihm noch mal passiert, da hat der König gesagt: ‹Ein Musikant und ein König müssen immer richtig einsetzen, tun sie das nicht, sind sie zu alt, taugen nicht mehr für das Ensemble. Ich werde Ihn pensionieren müssen. Aber meine Gande hat Er!›»
Die Tochter war darüber bis ins Innerste erschrocken gewesen:
Wie kam es nur, daß der Vater nicht richtig eingesetzt hatte, er, ein so sicherer Musiker?
«Ach, der Enke ist nie mehr recht beieinander», sagte die Mutter. «Er sitzt und sinniert den ganzen Tag, gibt gar nicht acht auf das, was man sagt. Kein Wunder, daß er falsch spielt. Aber der König ist diesmal nicht knausrig gewesen, er gibt uns die Hälfte vom Traktament als Pension.»
Ach, der Vater, der liebte seine Kapelle, und nun einer augenblicklichen Zerstreutheit wegen aus ihr verstoßen? Welche Kränkung! Die Tochter empfand diese lebhaft mit ihm. Und die Brüder, wie ging es denn denen? Sie waren jetzt Soldaten; der eine bei den Jägern, der andere Stallbursche. «Wenn du dich doch mal bei ihm für die Brüder verwenden würdest, du kannst das ja leicht», hatte die Mutter gesagt. Und dann, als sie das nicht wollte, war die Mutter empfindlich geworden: «Du bist ungefällig, bist wohl zu vornehm dazu.»
Wilhelmine fühlte es, ein Spalt hatte sich aufgetan zwischen ihr und den anderen. Ach ja, sie war sehr allein. Wenn er doch käme! Gestern abend nicht da, vorgestern abend nicht da – ob er wohl heute kommen würde? Er hatte keine Botschaft geschickt. Ob Rietz jetzt vielleicht noch eine gebracht hatte? Sie stürzte nach Hause zurück: keine Minute versäumen! Sie hatte so große Sehnsucht nach ihm. Aber die Rietzin kam ihr schon im Flur entgegen und zuckte die Achseln: «Gar nichts gekommen!» Da rannte Wilhelmine in ihr Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Was hatte man ihr getan, warum sie weggerissen aus Vaterhaus und aus Kindheit, aus allem, was sie bisher gekannt? Warum so einsam sie hierher gesetzt, ach, und sie sehnsüchtig gemacht?! Die Amseln draußen hatten zusammen gesungen, es war ja Frühling – sie aber, sie blieb wieder allein! Allein einen dritten, einen endlosen Abend. Allein – ach, sie möchte nicht mehr leben! Sie warf die Arme lang über den Tisch und weinte in Ungeduld. Aber jetzt würde sie schreiben. Er hatte es gewünscht, sie sollte ein Tagebuch führen – nein, kein Tagebuch, wohlgesetzt und ohne Fehler –, nein, auf diesen Zettel hier, durcheinander, ganz ungeordnet, nicht in wohlgeformten Sätzen, nein, in abgerissenen Worten das niederkritzeln, was sie ihm heut hätte sagen mögen und doch nicht ihm sagen konnte!
Ihre Feder kratzte und eilte – übers Papier sprühende schwarze Spritzer –, es ging ihr noch immer nicht rasch genug. Wen hatte sie denn weiter, um ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden, nur ihn, nur ihn! Ihre Wangen glühten, sie atmete hastig, ihr ganzes Wesen war hingenommen, sie sah und hörte nichts anderes. Sie hörte nicht ein Geräusch im Flur, nicht das Öffnen der Stubentür – doch jetzt –, mit einem Schrei fuhr sie auf. Sie hing ihm am Halse. Seine Arme umschlangen sie, ihre Arme umschlangen ihn, sie preßte ihn glühend an sich.
Jetzt war die Stunde gekommen, das fühlte er.
Der Morgen sah schon ins Fenster, seine Arme umfaßten die Geliebte noch einmal zum Abschied: «Du, meine süße Wilhelmine, nie, nie werde ich dich und deine Liebe vergessen!»
Da lag auf dem Tisch noch der Zettel, auf dem sie gestern abend Worte gekritzelt hatte, schnelle Worte stammelnder Sehnsucht. Erster Morgenstrahl beschien ihn jetzt hell. Der Prinz nahm ihn auf, las ihn mit steigender Rührung, die Tränen kamen ihm, er küßte das dürftige Papier, barg es an seiner Brust: «Dank, Dank!» Er war wie ein Jüngling, der zum erstenmal Liebe genossen hat, trunken vor Glück, noch in der Ekstase. «Ich werde dir auch etwas schreiben, Geliebte. Das sollst du ewig bewahren. Lesen, wenn ich längst schon gestorben bin!» Heftig bewegt ergriff er den Federkiel: «Nein, nicht mit Tinte! Armseliges, totes Naß!» Eh sie’s verhindern konnte, ergriff er das Messer, mit dem man die Kielfeder zuspitzt, schnitt sich schnell in den Ballen der linken Hand. Und mit seinem tröpfelnden Blut schrieb er’s ihr nieder:
Pulsuz fraqment bitdi.