Kitabı oxu: «Dilettanten des Lebens»

Şrift:

Clara Viebig
Dilettanten des Lebens

Roman

Saga

I.

„Ich bin nicht überflüssig hier, du kannst mich brauchen,“ sagte Lena langsam, „das beruhigt mich!“ Sie hob das bräunliche Gesicht und sah den Bruder sinnend an. „Was du für Falten auf der Stirn hast, Fritz!“ Sie fuhr leicht mit der Hand über seine Stirn. „Mein Bruder, sind es Sorgenfalten? Meinetwegen? Bist du nicht glücklich?“

„Glücklich?“ Er lächelte, aber es war ein etwas bitteres Lächeln. „Natürlich. Ich habe ja alles, was das Herz begehrt. Ich mache mir nur oft Sorge um dich. Noch haben wir unsere gute Mutter; aber wie lange?! Ich kann dich mir nicht allein in der Welt vorstellen, du bist nicht die Person dazu. Es wäre mir direkt unangenehm, dich in Pensionen und dergleichen zu wissen — hm.“ Er räusperte sich. „Sage doch nicht, Lena, dass du nicht mehr an heiraten denken willst; das ist Unsinn! Einmal gemachte bittere Erfahrungen mahnen nur zur Vorsicht, aber sie brauchen nicht für immer abzuschrecken!“

Sie schüttelte den Kopf: „Mir graut vor der Liebe, Fritz. Ich mag nicht mehr. Die Freude ist so kurz — und dann all die Tränen!“ Ihr Gesicht wurde bleich. „Hab’ ich den — den —“ sie stockte und zögerte den Namen auszusprechen, „den — ach, du weisst schon! — nicht geliebt? Schien er mich nicht zu lieben? Und doch war’s nichts, wieder nichts! Er hat sich mit der Reichen verlobt, jetzt heiraten sie bald.“ Sie legte den Kopf auf den Tisch und weinte. „Jetzt promeniert er mit ihr über die Linden, oder sie schlendern durch den Tiergarten. Es ist nicht darum, aber“ — sie schluchzte heftig auf —, „es ist die Enttäuschung; ich kann keine mehr ertragen. Pass auf, noch eine, und ich sterbe daran. Ich will dann auch sterben!“

„Lena, Lena, du bist kindisch heftig!“ Sein schon ergrauender Kopf schmiegte sich an ihren dunklen Scheitel. „Kleine Schwester, soll ich dich mal wieder trösten, wie ich dich so oft als Kind getröstet habe? Weisst du noch, wie du heultest, wenn du nachsitzen musstest oder einen Tadel bekommen hattest oder ein schlechtes Zeugnis?“

Sie schluchzte noch immer.

„Nur singen konntest du gut, da bekamst du immer Nummer eins. Weisst du noch, wie ich dich auf den Schoss nahm, wenn du untröstlich warst? Hier auf diesem linken Knie hast du oft gesessen, immer auf dem linken, deinen zerzausten Kopf stecktest du unter meinen Rock —“

„Ja,“ sie hob rasch das Gesicht vom Tisch, „ich konnte fühlen, wie dein Herz schlug — ja, und dann musstest du den Rock ganz über meinen Kopf ziehen; ich dachte, dann könnte mir gar nichts Schlimmes passieren!“

„Und dann steckte ich dir einen Groschen in die Hand und sagte: Lauf, hol’ dir Bonbons!“

„Ach,“ sie lachte auf, „die sogenannten Klümpchens! Von der alten Frau in dem kleinen Lädchen. Puh, war die schmutzig! Aber sie schmeckten; so gut hat mir nie mehr was geschmeckt. Die roten ass ich besonders gern.“

„Ja, und ich Unglücklicher“ — er lachte gutmütig — „bekam dann auch eins in den Mund gesteckt, eins, das du schon vorher tüchtig beleckt hattest; du trenntest dich so ungern davon. Ja, ja, so war’s, Lena!“

Sie lachten beide, und dann blickte das Mädchen um sich, wie aus einem Traum erwachend.

Sie sassen im Garten hinter dem Haus; über ihnen eine Esche. Die zum Schirm gezogenen schlanken Zweige hingen fast nieder auf das runde Tischchen. Die untergehende, schon blässliche Herbstsonne lugte schräg durchs Blätterwerk und zog helle Streifen über die Tischplatte. Sie gab auch dem braunen Lockengekräusel über der Mädchenstirn einen goldenen Schimmer.

„Lena!“ sagte der Bruder plötzlich und griff nach ihrer Hand. Er sagte nicht: ‚Wie hübsch du bist!‘, aber er dachte es.

Sie sah ihn zärtlich an, und dann schweiften ihre Augen über den Garten, über die Mauer nach den Bergen, die sich dort, gebadet in Glanz, erhoben. Rosige Abendwolken standen hinter ihnen. Man hatte eine schöne Aussicht von der kleinen Erhöhung an der Gartenmauer. Die blaue Mosel sah man nicht, die lag zu tief, aber jenseits die Berge mit ihren roten Felswänden, ihrem dunklen Grün und den angeklexten weissen Häuschen.

„Komm hin!“ sagte Lena.

Sie standen beide auf; Hand in Hand gingen sie über den berasten Weg, die paar Stufen hinan. Nun lehnten sie an der bröckligen Mauer und starrten schweigend in den farbenglühenden Himmel. Sie liessen sich nicht los, sie standen noch immer Hand in Hand. Ein Lüftchen kam und wehte dem Manne die seidenen Mädchenhaare ums Gesicht. Er zog die Schwester noch enger an sich. Jetzt sah man’s erst, wie sie sich glichen; dieselben Augen, dieselben Nasen, auch den gleichen vollippigen Mund mit tiefen, eigensinnigen Winkeln. Selbst die Gestalten waren von einer Grösse, der Mann kaum einen Fingerbreit höher als das schlanke Mädchen.

„Wie schön die Berge sind und der Himmel — ah, das tut gut!“ Der Luftzug war stärker geworden. Mit einem Seufzer lehnte Lena den Kopf an die Schulter des Bruders. „Wenn ich hier so mit dir siehe, begreife ich nicht, dass ich wieder fort muss, wieder fort will — nein, ich hielt’s doch nicht aus in der kleinen Stadt, immer mit denselben Menschen und immer das gleiche Gerede! Freilich, wenn der Sommer kommt und man in der grossen Stadt so eingesperrt ist, dann mag ich da auch nicht sein. Dann begreife ich nicht, wie man in Berlin leben kann,“ setzte sie kleinlaut hinzu. „Fritz, warum ich nur immer so unruhig in mir bin? Da ist immer ein Sehnen und wieder ein Sehnen, ein Auf und Nieder — hätt’ ich doch endlich Ruh’! Verstehst du mich?“

Er sah besorgt auf sie, dann zog es wie Ärger über sein Gesicht. „Du bist aus den sentimentalen Backfischjahren mit ihren eingebildeten Empfindungen längst heraus, Lena. Nimm dich ein bisschen zusammen, dann vergehen die Duseleien. Ich habe dich wahrhaftig lieb, aber schon als du noch Kind warst, mochte ich das an dir nicht leiden; du schwankst umher, du irrst von einem zum anderen. Man spricht von ‚Künstlernaturen‘ — ich wünsche dir gewiss, dass du eine Künstlerin wirst, aber die betreffende Natur wünschte ich dir nicht dazu.“

„Ich mir auch nicht,“ sagte sie leise.

„Meiner Ansicht nach kann ein wahrer Künstler auch gar nicht solche Natur gebrauchen. Da gibt’s kein Schwanken, kein Auf und Nieder von Stimmungen; unentwegt auf ein Ziel los, nur so kann er etwas erreichen.“

„Mei—nst du?“ Sie zog das ‚Meinst du‘ ganz lang und schüttelte den Kopf. „Du verstehst mich nicht.“ Ihre Stimme klang traurig. „Du weisst nicht, wie das hier drinnen zugeht —“ sie klopfte sich mit der geballten Hand auf die Brust —, „man möchte, und man kann nicht. Man fühlt, dass man auffliegen könnte, und doch kriegt man immer wieder einen Schlag auf den Kopf. Man tappt überall herum und sucht Hilfe.“

„Und verliebt sich darum so leicht,“ warf er halb neckend, halb vorwurfsvoll ein. „Lena, Lena, wie froh würden die Mutter und ich sein, dich in einem ruhigen Geleise zu sehen. Mir wär’s ja am liebsten, dich einmal später für immer bei mir im Haus zu haben, aber —“

„Nein, nein, nein!“ Ein Schauder ging ihr über den Leib, und dann, als fürchtete sie, ihn beleidigt zu haben, schnellte sie von seiner Schulter auf und warf ihm beide Arme um den Hals. „Mein lieber Bruder!“

„Ich weiss,“ murmelte er, „du und Amalie, ihr seid zu verschiedene Naturen, ihr versteht euch nicht.“

„Sei nicht böse! Mein Bruder!“ Sie hielt ihm den Mund entgegen.

„Meine Schwester!“ Er küsste sie auf die Lippen, und dann flüsterte er, kaum seinen Mund von dem ihren hebend: „Weisst du noch, Lena, ich sagte immer zu dir ‚mein Biederweibchen‘? Du warst noch so klein, du konntest nur mühselig Schritt halten, aber du liefst tapfer neben mir her!“

„Ja, ich liess deine Hand nicht los, ich war so stolz, wenn du statt mit deinen grossen Herren und Damen mit mir gingst. Weisst du noch, unsere Spaziergänge an meinen schulfreien Nachmittagen? Wir suchten Blumen und Beeren, du machtest mir einen Kranz und küsstest mich. Du sagtest: mein Biederweibchen. Da war ich so selig, dass ich ordentlich fühlte, wie mir das Herz gegen die Rippen schlug.“ Lena war rot geworden, die Tränen schossen ihr in die Augen. „Sag’s noch einmal: ‚mein Biederweibchen‘! Bitte!“

Er lächelte, aber es klang gerührt: „Mein Biederweibchen!“

Die Geschwister standen wie ein Liebespaar. Ihre Gestalten waren jetzt ganz von Sonnengold umflossen; die warmen Lichter glitten an dem hellen Kleid des Mädchens auf und nieder. Beide nah zueinander geneigten Gesichter hatten denselben rötlichen Schimmer; plötzlich vertiefte sich dieser, sie fuhren auseinander.

Vom Haus her klang eine Frauenstimme: „Fritz, Fritz!“

„Amalie ruft,“ sagte der Mann und liess den Arm sinken, der die Taille der Schwester umschlungen hatte. „Ja, wir kommen schon, Amalie!“

„Dachte ich’s doch! Ihr seid hier? Ich will das zärtliche tête-à-tête nicht stören!“

Die grosse Frau, die mit langen Schritten über den berasten Gartenweg daherkam, hob kaum die Zähne voneinander, jedes Wort schien ihr zu viel. Ihre Stimme war merkwürdig klanglos. Sie beachtete die Schwägerin gar nicht und wandte sich nur an ihren Mann. „Es ist eben eine Einladung von Weiherhofs gekommen für morgen; grosse Partie auf den Kockelsberg. Ich habe zwar nachmittags erst Visitation der Kleinkinderschule, dann muss ich einen Augenblick zu den Diakonissen; aber dann komme ich sofort nach Haus, ziehe mich um, du gehst dann einfach mit mir nach. Wir werden uns eventuell einen Wagen nehmen; gar kein Gegenstand.“

„Und Lena? Soll sie mit den anderen gehen oder auf uns warten?“ fragte der Mann.

„Lena —?“ Die grosse Frau öffnete die kalten klarblauen Augen weiter. „Lena ist gar nicht mit eingeladen!“

„So — dann verzichte ich.“

„Was — du willst deswegen nicht annehmen?“ Das blasse Gesicht der Frau wurde dunkelrot, man sah, wie ihr das Blut zu Kopf schoss. „Einfach lächerlich! Lena wollte ja keine Besuche machen,“ setzte sie mürrisch hinzu.

„Ich? Du hast mich gar nicht dazu aufgefordert!“ Des Mädchens Augen funkelten. „Übrigens“ — ihr Blick streifte rasch das verfinsterte Gesicht des Bruders —, „ich mache mir nichts aus Einladungen, ich bleibe lieber zu Haus.“

„Das dachte ich mir auch,“ sagte die Schwägerin rasch. „Lena macht sich nichts aus unseren kleinstädtischen Vergnügungen, und dann“ — sie hob die schmale Lippe spöttisch —, „in unseren Kreisen findet sie wenig Nahrung für ihre extravaganten Ideen. Bei ihrer sogenannten Künstlergesellschaft in Berlin mag sie besser am Platz sein; ich muss gestehen, ich käme um in solcher Luft. Komm, Fritz,“ sie nahm seinen Arm, „das Abendessen ist fertig. Die Kinder warten noch auf dich mit dem Beten!“ Sie zwang ihn, seinen Schritt ihrem eigenen, weit ausholenden anzupassen.

Ihr seidenes Kleid raschelte. Frau Amalie Langen trug meist seidene Kleider, auch im Hause. Prall spannte sich der schmiegsame Stoff über ihre volle Büste, ihr stattlicher Körper bot eine vorteilhafte Auslage; ihr Vater, der reiche Seidenfabrikant im Wuppertal, wusste das, er schickte der Tochter immer die neuesten Muster.

Langsam schlenderte Lena hinter dem Ehepaar drein. Da war das Beet mit den Georginen, ringsum von abgezirkeltem Buchsbaum eingefasst. Sie waren der einzige Blumenschmuck im Garten. Frau Langen war nicht für Überflüssiges, nur diese steifen, farbenstrotzenden Dinger liebte sie; jetzt blühten sie in voller Pracht.

Nachdenklich blieb Lena am Beet stehen und hob eine der dickköpfigen Blüten an ihre Nase — kein Duft, kein Honiggeruch, wie ihn selbst die wilde Feldblume entwickelt; kalt berührten die glatten Blätter ihr Gesicht. Warum sie dabei nur immer an ihre Schwägerin denken musste? Ein Seufzer hob ihre Brust: „Mein armer Bruder!“

„Lena, wo bleibst du?“ Mit eiligen Schritten kam Langen zurück, die Stufen der Veranda herunter; er fasste nach der Hand der Schwester. „Bist du böse, Lena? Beleidigt?“ Er seufzte. „Du musst das nicht so auffassen, Amalie hat eben eine, eine“ — er stockte und suchte nach dem Ausdruck — „eine etwas andere Art. Aber sie ist ein vortrefflicher Charakter. Man muss sie nur zu nehmen wissen.“

„Und verstehst du das?“ Lena hob die Augen; sie leuchteten klug aus dem bräunlichen Gesicht.

Langen biss sich auf die Lippen. „Sie liebt mich,“ sagte er ausweichend.

„Wer sollte dich nicht lieb haben?“ Sie lächelte ihn zärtlich an. „Du guter Mensch!“ Sie rieb die weiche Wange an seiner Schulter, immer auf und nieder, wie ein junges Fohlen sich an der Mutter reibt.

„Komm, wir wollen Amalie nicht warten lassen, sie liebt das nicht.“

Die Geschwister gingen miteinander ins Haus. In der Veranda war der Tisch gedeckt; im verdunkelten Zimmer dahinter hoben sich schwere geschnitzte Möbel undeutlich von den Wänden, alles solide, wie für die Ewigkeit gemacht. Jedes Stück kostete eine Summe, das sah man auf den ersten Blick. Auf dem Boden kein Teppich, der brachte nur Staub; ungehindert glitt man über spiegelblankes Parkett. Frau Amalie Langen war berühmt wegen ihres Parketts und ihrer Einrichtung; sie hielt auch etwas darauf.

Es war eigentlich gar keine Einrichtung für einen Beamten mit bescheidenem Gehalt; Landgerichtsrat Langen hätte sich aus eignen Mitteln das auch nicht leisten können. Beamtensohn ohne Vermögen — da gibt’s nur ein Achselzucken.

Die Welt fand, er hatte sehr klug getan, dass er als Amtsrichter in dem kleinen Nest im Bergischen zu den Gesellschaften und Juristenbällen nach Elberfeld hinüberfuhr. Die schöne Amalie Barminghaus hatte sich unrettbar in ihn verliebt, soweit das bei ihr überhaupt möglich war. Jedenfalls vertieften sich ihre hellen, kühlen Augen, wenn er in den Saal trat; ihre Blicke spähten umher, verfolgten ihn von Dame zu Dame, bis er endlich vor ihr stand. Ihre grosse, weisse Hand umspannte dann den kostbaren Fächer fester, ihr makelloser, blendender Hals hob und senkte sich unter lebhafteren Atemzügen.

Papa Barminghaus war nicht für Bälle, seine Tochter bis dato auch nicht. Jetzt fand Fräulein Amalie auf einmal Geschmack daran.

‚Wenn sie nur das Haar nicht so glatt aus dem Gesicht gestrichen hätte! Wie ein Dienstmädchen,‘ dachte Amtsrichter Langen, und beim Kotillon sagte er ihr, wie reizend er ungezwungene lockige Frisuren fände. „Sie sollten meine kleine Schwester sehen, Fräulein Barminghaus, sie ist noch ein Schulmädel, fünfzehn Jahr jünger als ich: es gibt nichts Entzückenderes als diesen braunen Struwelkopf!“

Sie verzog die Lippen, ohne zu antworten; aber als er am nächsten Sonntag zum Diner die Villa ihres Vaters betrat, kam sie ihm entgegen, das blonde Haar in Locken gebauscht und tief in die zu hohe Stirn frisiert. Da sah er erst, dass sie schön war.

Es war furchtbar viel Verwandtschaft da; die Frauen seidenrauschend, die Männer mit dicken Uhrketten, brillantberingt und schwerste Zigarren rauchend. Das Gespräch drehte sich um Seide und Samt und Eisenindustrie. Bekannte Firmennamen schwirrten, man spielte Fangball mit Riesensummen; der Mammon sass oben am Tisch und nickte langsam mit dem Kopf.

Der junge Amtsrichter war etwas verblüfft, die Grossartigkeit der geschäftlichen Transaktionen imponierte ihm; Tausende waren gar nichts und andere Weltgegenden nur so ‚nebenan‘. Noch mehr aber langweilte er sich. Innerlich gähnte er, er blickte seine Nachbarin, die Tochter des Hauses, von der Seite an; hatte sie’s auch nicht gemerkt? Gottlob, ihre Nasenflügel zitterten, sie verbarg auch heimlich ein Gähnen.

Nach dem Kaffee promenierte man durch den Garten. Es war nahendes Frühjahr, die Wupper ging hochgeschwellt, ihr Wasser tintenschwarz gefärbt von den Abflüssen der Fabrik. An anderen Villengärten mochten die Wellen grün, rot, blau vorüberfliessen ... hier die eine tote Trauerfarbe; Papa Barminghaus fabrizierte vorzugsweise schwarze Seide.

Die scheue Märzsonne vergoldete das mattblonde Haar der jungen Dame; ausserordentlich vorteilhaft hob sich ihr regelmässiges Gesicht mit dem reinen Teint von dem dunklen Pelzwerk ab. Der grosse Sealkragen verdeckte das gestreifte schwarzweisse Seidenkleid mit dem Besatz von echten Points; die ganze massive Gestalt bekam etwas Weiches, Schmiegsames. Selbst ihre Stimme klang weicher denn sonst, als sie nun sagte:

„Die Fastenzeit ist vor der Tür, wir besuchen jetzt selbstverständlich keine Gesellschaften mehr, Herr Amtsrichter — es tut mir leid!“

Er hätte fragen sollen: ‚Warum tut’s Ihnen leid?‘ Aber er traute sich nicht, er wusste, sie würde sagen: ‚Weil wir uns dann nicht mehr treffen‘ — oder war sie zu wohlerzogen, um so etwas zu verraten?

Als sie Seite an Seite über die sauber geharkten, kiesbestreuten Wege schritten, an deren Rändern unterm Buchsbaum sich noch schmale Schneestreifchen versteckten, fröstelte es ihn; und doch leckte die Sonne alles blank und rein. Die Strahlen waren scharf, aber sie wärmten noch nicht.

Nach einer Pause, in der nichts zu hören war, als das Rauschen des schweren Seidenstoffs, sagte er: „Ich werde mir erlauben, mich zuweilen persönlich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Fräulein Barminghaus!“

Sie wurde über und über rot; es war ein Vergnügen, unter ihrer klaren Haut das Pulsen des Blutes zu beobachten. An der Tür des Gartensaales küsste er ihr die Hand, dies Rotwerden schmeichelte ihm. Sie war doch ein schönes, stolzes Mädchen — und dazu dieser Reichtum!

Nicht, dass Amtsrichter Langen auf Geld Jagd gemacht hätte, das lag ihm fern; aber es war schön, sich zu sagen: ‚Du kannst dann gleich für deine Mutter sorgen, die, schon so lange Witwe, doppelt auf ihren einzigen Sohn angewiesen ist.‘ Und Lena —?! Vor ihn, auf die Schwelle des Gartensaals, trat plötzlich das kindliche, bräunliche Mädchen, schüttelte die zerzausten Locken und sah ihn aus runden, glänzenden Kinderaugen bittend an. Sie war so musikalisch, sie wollte gern Musik studieren; er war ihr Vater und Bruder zugleich — musste er nicht etwas für sie tun?

Und hier an der Wupper lag er förmlich in der Luft, dieser Wunsch nach gutem Auskommen und gesicherter Position; es roch nach Geld.

Er gab sich einen Ruck: „Fräulein Barminghaus, ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm, wenn ich komme?“

Sie lächelte nur, blickte rasch auf und schlug ebenso rasch die Lider nieder.

Dann waren sie in den Saal getreten zu der seidenrauschenden, brillantberingten Verwandtschaft; die Atmosphäre satten Wohlbehagens und absoluter Wohlanständigkeit nahm sie auf.

Im Sommer hatten sie sich verlobt. — — — —

„Fritz, fall’ nicht,“ sagte Lena und fasste nach der Hand des Bruders; er war im Halbdunkel gegen eine prachtvolle metallbeschlagene Truhe gerannt. „O, hast du dir weh getan? Du warst wohl in Gedanken?“

„Fritz, kommst du endlich?“ tönte Frau Amalies Stimme ziemlich scharf aus dem Nebenzimmer.

Die Geschwister traten ein; es war das Schlafzimmer der Kinder, mit einer ungeheueren Sauberkeit und Akkuratesse eingerichtet. Die Spielsachen regelrecht auf dem Tischchen in der Ecke aufgeschichtet; kein Höschen, kein Röckchen, kein Strümpfchen umhergestreut, alles glattgestrichen und zusammengelegt. Blütenweiss die beiden Betten, und in den Kissen die zwei Kinder in ihren langen weissen Nachtkitteln kniend, die Hände wie anbetende Engel gefaltet.

Zwischen den Betten kniete Amalie; sie wandte nur einen Augenblick den Kopf, als die Geschwister leise hereinkamen. Sie betete vor, viel zu hohe, unverständliche Worte. Aber die Kinder falteten die Hände wie die Mutter, sie bewegten die Lippen wie die Mutter; der Junge war ganz bei der Sache, das kleine Mädchen jedoch drehte blitzschnell den Kopf, als die Tür knarrte: „Papa, Papa!“

„Lora, bete,“ klang die strenge Stimme der Mutter.

Sie beteten weiter, nun waren sie am Schluss.

„So — nun seid ihr gute Kinder! Gute Nacht!“

Ein leichter Kuss auf die beiden reinen Stirnen, dann wandte sich Frau Langen zu ihrem Mann: „Du hättest wohl auch eher —“

Der helle Kinderjubel schnitt ihr das Wort ab: „Papa, Papa!“ Der Junge machte Miene, aus dem Bett zu springen, Lora richtete sich kerzengerade in den Kissen auf. Jetzt glitt ein seliges Lächeln über ihr süsses Gesicht, sie hatte Lena erblickt, die im Halbdunkel an der Tür lehnte. „Tante Lena,“ jauchzte sie und streckte die Arme aus.

„Ruhe,“ gebot die Mutter; ihre grosse Gestalt schob sich wie eine Wand vor die Betten. „Fritz, ich wünsche nicht, dass die Kinder abends nach ihrem Gebet noch abgelenkt werden. Du hättest eher kommen sollen. Gut’ Nacht. Seid still!“

Ohne Wort verliess Langen hinter seiner Frau die Stube. Zögernd sah sich Lena an der Tür noch einmal um; Walter hatte den Kopf ins Kissen gedrückt, aber Lora sass aufrecht.

Der Laden vorm Fenster war angelehnt, durch den Spalt fiel ein matter Schimmer scheidenden Tageslichts mitten auf das schöne Kindergesicht. Die Augen waren gross, mit einem merkwürdig sehnsüchtigen Ausdruck emporgerichtet.

Es durchschauerte Lena eigentümlich; sie lief rasch auf das Bett zu und schlang, niederkniend, die Arme um den zarten Körper. Ihr Kopf ruhte an der warmen kleinen Brust, sie flüsterte: „Hast du Tante Lena lieb, Lora? Und den Papa auch? Sehr lieb, ja?“

Das Kind nickte mehrmals hintereinander, dann lehnte es sich zurück in die Kissen und sagte schläfrig: „Tante Lena, singen!

Zwei Englein, die mich wecken,

zwei Englein —“

Lena schüttelte verneinend den Kopf: „Nicht das Lied, Lora!“ Ihr wurde bange vor den grossen, sehnsüchtigen Kinderaugen. „Ich will dir etwas singen vom ‚Marienkäfer‘ oder vom ‚Sandmann‘, von dem ‚schwarzen und dem weissen Schaf‘.“

„Nein!“ Lora stiess mit den Beinen die Decke tiefer herunter. „Zwei Englein! Zwei Englein!“

Lena sang:

„Zwei Englein, die mich wecken,

zwei Englein, die mich decken,

zwei Englein, die mich weisen,

zum himmlischen Paradeise!“

Weich klangen die halblauten Töne durch das stille Zimmer.

Da — auf der Veranda heftiges Stuhlrücken, man hörte es bis hierher. Lena sprang hastig auf — jetzt drang auch die Stimme der Schwägerin durch; sie klang erregt! Nun gedämpfte Worte des Mannes — und nun die Frauenstimme noch einmal, noch erregter!

Lena huschte zur Schlafzimmertür hinaus, nebenan im Dunkeln stiess sie auf den Bruder.

„Komm,“ flüsterte er, „Amalie wartet nicht gern!“

Sie traten in die Veranda. Am gedeckten Tisch, obenan, sass Frau Langen, den Rücken nach dem Garten gekehrt. Die Gasampel brannte schon, ihr grelles Licht kämpfte mit der weichen Dämmerung draussen. Das Silber blinkte auf dem steif gestärkten Tischtuch, die Schüsseln dampften.

„Barben mit frischer Butter und Petersilienkartoffeln. Iss, Fritz!“ Amalie reichte ihrem Mann die Schüsseln. Lena, die ihr gegenübersass, schien sie nicht zu bemerken; als sei da leere Luft, so blickte Frau Langen über sie weg.

„Hier, Lena, nimm du auch,“ sagte Langen und hielt der Schwester die Schüssel.

Schweigend langte Lena zu; sie hätte lieber nichts gegessen, die Art und Weise der Schwägerin schnürte ihr die Kehle zu.

Draussen hatte sich der Nachtwind aufgemacht und wisperte in den Bäumen; eine der Glasscheiben war geöffnet, ein wunderbar erquickender Duft nach Grün und nächtlicher Frische kam herein. Ein Falter, vom Lampenlicht gelockt, taumelte über den Tisch und verfing sich in Amalies blondem Haar.

„Ä, das garstige Tier!“ Sie riss ihn herab und trat ihn auf dem Boden tot. „Pfui, was gibt das für einen ekligen Fleck — Fritz, mach das Fenster zu, es zieht unerträglich!“

In dem geschlossenen Glaskasten entwickelte sich eine drückende Luft, das Gas summte und strahlte erhitzend nieder. Das Dienstmädchen kam und brachte eine dampfende Mehlspeise.

„So iss doch, Fritz! Ich denke, dein Lieblingsgericht — was, du willst nicht? So.“ Frau Amalie kniff die Lippen zusammen und sass mit hochrotem Gesicht da.

„Ich danke,“ sagte Langen ruhig, „ich habe keinen Appetit mehr; aber willst du nicht Lena davon anbieten?“

„Da!“ Die Frau schob, ohne hinzusehen, die Schüssel über den Tisch. Lena rührte sich nicht, sie streckte die Hand nicht aus.

Jetzt eine Pause. Draussen geht der Nachtwind lauter, die Zweige des Nussbaumes, dicht am Haus, werden niedergebeugt und wischen über das Verandadach. Ein Vogel stösst an die geschlossenen Scheiben und jetzt —

Amalie sprang plötzlich auf, so heftig, dass der Stuhl hinter ihr zu Boden polterte; mit einem Krachen brach ein Stück der geschnitzten Lehne ab.

„Ich verbitte mir solches Benehmen in meinem Haus! Wenn ich jemandem etwas anbiete, hat er zu nehmen; wenn ich etwas nicht wünsche, hat er sich danach zu richten. Hört ihr’s? Ich will das, ich will das!“ Sie stampfte mit dem Fuss.

Langen war totenbleich geworden. Er fasste den Arm seiner Frau: „Amalie, ich bitte dich, was hast du?“

„Geh nur, du!“ Sie schüttelte zornig seine Hand ab. „Meinetwegen ..., meinetwegen kannst du mit ihr schön tun, wie du willst! Schade, dass sie deine Schwester ist, dass du sie nicht heiraten kannst! Ich kann ja gehen, ich bin doch überflüssig! Deine Liebe wird mir gestohlen, die Liebe meiner Kinder — mein Gott, mein Gott!“ In konvulsivisches Schluchzen ausbrechend, die Hände hoch erhoben, stürzte sie davon; man hörte sie polternd im anstossenden dunklen Raum, dann klappte die Tür zum Schlafzimmer der Kinder. Es war still.

Lena bebte am ganzen Leib; sie wagte nicht aufzusehen. Ihr Herz pochte rasend, sie fühlte seine Schläge bis hinauf in den Hals; sie wollte sprechen und konnte nicht. Ihre zitternden Atemzüge wehten über den Tisch, andere zitternde Atemzüge antworteten. Draussen rauschte es — sonst nichts.

Und jetzt, Geklapper! Lena schaute auf. Da sass er, hatte Teller und Besteck weit von sich geschoben, die Arme auf den Tisch gestemmt und das Gesicht in den Händen vergraben. Die Tränen kamen ihr, das Entsetzen wich, und grosses Mitleid trat an die Stelle. Sie wagte nichts zu sagen, aber sie stand leise auf, kauerte neben dem Bruder nieder und schmiegte den Kopf an seine Schulter.

Minuten vergingen, eine Viertelstunde, sie rührten sich nicht: nur enger umschlangen ihn ihre Arme, sie fühlte sein Herz schlagen — da, ein greller Ton der elektrischen Klingel! Lang, anhaltend wie ein vibrierender Hilferuf gellte er durchs Haus. Sie fuhren auf und horchten — das kam aus dem Zimmer der Kinder! Jetzt hastiges Laufen, ein unterdrückter Schrei.

„Lass mich — Amalie!“ Langen sprang auf und stürzte fort.

Lena blieb allein zurück, verwirrt sah sie um sich. Da waren der umgestürzte Stuhl, das verschobene Tischtuch, die halbgeleerten Schüsseln; da der Teller und die Gabel darauf, wie Amalie sie hatte aus der Hand fallen lassen! Und über dem allen das grelle Gaslicht, grausam klar die Disharmonie bescheinend.

Horch, draussen der Wind in den Bäumen! Es wisperte, es klopfte an die Scheiben. Und so allein! Lena fühlte, wie es ihr über den Rücken lief in der beklommenen Stille. Kam denn niemand? Nein, kein Mensch; sie war vergessen! Wo blieben sie, was ging vor?

Zögernd, Schritt vor Schritt setzend, tappte sie nebenan durch die Stube; nun stand sie vor der Schlafzimmertür, die Hand auf der Klinke. Sollte sie eintreten? Unschlüssig stand sie. Da — drinnen Schluchzen, krampfhaftes, wildes Schluchzen, nun Stöhnen! Um Gottes willen, was war das?!

Lena trat ein. Auf dem Boden lag Amalie; ihr Kopf mit den festgeschlossenen Augen ruhte im Schoss des Dienstmädchens, das neugierig und erschrocken zugleich dreinsah. Sie schien Krämpfe zu haben, sie zuckte an allen Gliedern; bald wurde sie hoch emporgeschleudert, bald wieder das grässliche, unerträgliche Stöhnen.

Ihr Mann kniete neben ihr, rieb ihre Hände und beugte sein sorgenvolles, bleiches Gesicht tief auf das ihre: „Amalie, liebe Frau, um Gottes willen, beruhige dich! Amalie, Amalie!“

Sie öffnete die Augen nicht, sie gab kein Zeichen des Erkennens.

In den Betten knieten die Kinder, jäh aus dem Schlaf geschreckt; mit weit aufgerissenen Augen starrten sie drein, Loras Gesichtchen trug den Ausdruck angstvollsten Entsetzens. „Mama, Mama!“

„Amalie, Amalie!“

Die geschlossenen Lider der Frau pressten sich noch fester zusammen; kein Hören, kein Sehen.

„Mama, Mama!“ Die Kinder weinten laut, Lora war ganz ausser sich.

Lena umfasste das Kind und drückte dessen zitternden Körper fest an sich: „Lora, mein Liebling, mein Goldkind, ich bin ja bei dir, ich“ — Sie kam nicht weiter.

„Fort! Sie soll fort!“ Die am Boden Liegende war plötzlich aufgesprungen. Jetzt stand sie schon am Bett — jetzt schob sie Lena zur Seite. „Mein Kind, mein Kind, — niemand soll es mir stehlen!“ Frau Langen fiel über das Bett und weinte herzbrechend.

Die Magd hatte in natürlichem Schicklichkeitsgefühl das Zimmer verlassen.

Langen versuchte seine Frau aufzurichten; sie klammerte sich an den Kissen fest und überströmte das Kind mit ihren Tränen.

„Amalie,“ sagte er, „Amalie!“ Und nun in weichem Ton: „Geliebte Amalie!“ Mit zitternder Hand strich er ihr übers Haar.

„Fritz!“ Sie liess die Kissen fahren und warf sich ihm an den Hals. „Ich liebe dich, ich liebe dich,“ schluchzte sie, „ich will nicht teilen — fort, fort!“ Es war, als sollte der Paroxysmus zurückkehren.

Lena drückte sich zum Zimmer hinaus, sie konnte es nicht mehr mit ansehen; ein ohnmächtiger Zorn war in ihr, der ihr dunkel vor den Augen machte und ihr Blut wallen liess. Sie hörte noch draussen das geschluchzte ‚Ich liebe dich‘ und das gütige Zureden des Bruders. Sie fühlte es, sie musste fort; hier war ihres Bleibens nicht länger. Wie gepeitscht jagte sie die Treppe hinan auf ihr Stübchen; erst als sie die Tür hinter sich verschlossen, fühlte sie sich sicher.

Ihr graute vor Amalies Augen, diesen klarblauen Augen, die immer kalt und gleichgültig blickten und doch so aufflammen konnten. In besinnungsloser Hast riss sie ihre Kleider aus dem Schrank und stopfte sie in den Koffer; nur fort, fort! Ein grosser Jammer war in ihr, sie biss die Zähne aufeinander, um nicht laut zu weinen; er hatte sie nicht schützend in die Arme gezogen, er hatte Amalie nicht das Wort verboten! Er fürchtete sich vor seiner Frau!

„Oh!“ Lena kauerte sich in die Ecke des kleinen Sofas zusammen, zog die Füsse herauf und drückte den schmerzenden Kopf gegen die Lehne. Sie konnte nichts mehr denken, nichts überlegen, nur das eine: ‚Fort, fort!‘ Morgen in aller Frühe ging der Expresszug über Köln nach Berlin; um elf Uhr abends konnte sie dort sein, zu Hause, bei der Mutter. Und doch überfiel sie ein Grauen vor dem heissen, staubigen Berlin.

Fort, fort! Draussen rauschte der Nachtwind; wie spät mochte es sein? Es war ganz dunkel um sie, nur durch die lichter sich abhebende Öffnung des Fensters sah sie die Moselberge in finsteren Umrissen. Im Haus war es still, die Mägde nebenan in ihrer Kammer waren längst zu Bett gegangen; sie hatten nicht gelacht wie sonst allabendlich, sie waren auch bedrückt. Welche Blamage vor den Dienstboten! Lena fühlte, wie ihr das Blut immer heisser aufwallte und zu Kopf stieg; in ihren Ohren summte es — halt! Das hörte sie doch, ein Rascheln draussen vor der Tür.

Eine Hand drückte auf die Klinke, nun ein Pochen. „Lena!“

Sie horchte, aber sie rührte sich nicht. Es war des Bruders Stimme.

„Liebe Lena! Lena, hörst du mich nicht?“

„Was willst du?“

„Lena, es tut mir so leid, es ist mir so unangenehm, ich bitte dich —“

„Weiss Amalie, dass du hier bist?“ unterbrach sie ihn rasch.

„N—ein!“ Das ‚Nein‘ klang zögernd.

„So geh!“ Der Trotz stieg ihr zu Kopf. „Wenn du nicht den Mut hast, offen zu mir zu halten, vor allen, dann —“

„Lena, Lena, sei doch verständig! Wir haben Kinder — sie liebt mich — ich lebe mit ihr — ich — du weisst nicht, was die Ehe ist!“

„Dann — dann danke ich! Ich reise morgen ab.“ Tonlos klang’s und doch deutlich vernehmbar. Lena hielt sich die Ohren zu, sie mochte nicht hören, was der draussen sagen würde. Heisse Tränen liefen ihr über die Wangen.

Alles still. Ob er noch vor der Tür stand? Sie nahm die Hände von den Ohren — ja, er flüsterte: „Lena, was wird die Mutter sagen? Amalie wird sich besinnen. Lena, Lena, tu mir’s zulieb, reise nicht so Knall und Fall ab! Bleibe — mir zulieb!“

Wie schmerzlich das ‚mir zulieb‘ klang!

„Nein!“ Lena presste wieder die Hände an die Ohren und den Kopf zwischen Sofakissen und Lehne. Sie konnte es nicht verhindern, dass sie draussen immer noch das Flüstern und Pochen hörte — oder war’s ihr nur so?

Sie horchte. Nichts, gar nichts mehr! Er war gegangen.

II.

Der Morgen kam herauf. In dem kleinen Zimmer mit dem zerwühlten Bett und dem geöffneten Koffer war fahle Frühbeleuchtung.

Lena trat hin und her, schon in Hut und Mantel; jetzt sah sie sich um. In dem nüchternen Licht erschien ihr alles anders als gestern. Im Dunkel der Nacht war sie sich wie eine Märtyrerin vorgekommen; Hirngespinste, Träume hatten sie umwoben — und jetzt —?! Was würde die Mutter sagen? Zu Tode erschrecken musste sie über ihre plötzliche Heimkehr. Und Fritz?! ‚Bleibe mir zulieb‘, hatte er gesagt. Er würde böse sein. Sinnend blieb Lena stehen. — Aber Amalie?

„Nein, ich reise ab!“ Der eigensinnige Zug um Lenas Mundwinkel trat deutlicher hervor, mit einem Ruck warf sie den Kofferdeckel zu und setzte sich darauf; das Schloss schnappte ein.

Nebenan in der Mägdekammer rührte sich’s, jetzt klappte die Tür. Lena öffnete rasch die ihre: „Marie, hören Sie! Wenn der Herr fragt, sagen Sie, ich wäre abgereist. Ich muss abreisen; sofort!“ Sie vermied den Blick der Magd. „Ich will niemanden stören. Vom Bahnhof schicke ich einen Dienstmann, geben Sie ihm meinen Koffer. Adieu!“ Schon war sie die Treppe hinunter, und Marie sah ihr kopfschüttelnd nach. Allzu verwundert war die Marie nicht.

Draussen war’s noch menschenleer; in der Allee, zwischen den Villen und Gärten, begegnete der Eilenden niemand. Überall waren die grünen Jalousien geschlossen; hinter den Eisengittern die Blumen taubesprengt. Und drüben, jenseits der Mosel, die Berge in wunderbarem Duft; um die Spitze der Mariensäule das erste Gleissen der hervorbrechenden Sonne.

Lena sah nicht hin, sie rannte wie auf der Flucht; jetzt mässigte sie ihren Schritt — die ersten Menschen! Durchs alte römische Stadttor, in die innere Stadt hinein, zogen die Marktleute, Wagen knarrten, Hunde bellten; Lena empfand das Quietschen der Räder schneidend bis ins Mark. Sie fröstelte; sie war übernächtig, die Augen brannten, der Kopf schmerzte.

Jetzt war sie am Bahnhof. Wenige Kofferträger lungerten umher; einen derselben schickte sie ab, und dann setzte sie sich in den Wartesaal. Es war so lange Zeit, über eine Stunde noch. Sie bestellte sich Kaffee und mochte ihn doch nicht trinken, ein übles Gefühl sass ihr in der Kehle; es war ihr alles zuwider. Sie fühlte sich grenzenlos elend; verstört schweifte ihr Blick an den Wänden auf und nieder. Da die Bilder einiger Potentaten, in Reih und Glied aufgehängt; in der Mitte die Büste des Kaisers, sie war neugegipst, der Eichenkranz sass schief. Und da das Büfett mit der unvermeidlichen dicken Mamsell, dem verschlafenen Kellner und den vertrockneten Brötchen unter Glasglocken.

Ab und zu klappte die Tür; übermodern gekleidete Handlungsreisende mit Musterkoffern stürmten herein und riefen gähnend nach einer Tasse Kaffee. Endlos dehnten sich die Minuten. Lena stützte den schmerzenden Kopf in die Hand. Nie im Leben glaubte sie unglücklicher gewesen zu sein, nie unglücklicher sein zu können; der öde Bahnhof, die herbe Morgenfrühe, hier ihr einsamer Winkel, die nüchterne Leere in ihrem eignen Innern, alles stimmte zueinander. Kein Mensch kümmerte sich um sie.

Und er liess sie ungehindert aus seinem Hause gehen. Wie eine, die etwas verbrochen, hatte sie fliehen müssen!

Sie stöhnte und biss sich dann auf die Lippen; sie hätte in heisse Tränen ausbrechen mögen, aber nein, nicht weinen! Der Stolz verbot es ihr. Sie versuchte nun doch den Kaffee, langsam, Löffelchen um Löffelchen, und dazwischen blickte sie nach der Tür; ob der Kofferträger bald kam? Auf der Uhr dort über dem Büfett rückten die Zeiger allmählich vor.

Da — sie liess den Löffel aus der Hand fallen, dass er auf die Untertasse klirrte. Die Tür hatte sich geöffnet; vor dem Dienstmann her drängte sich eine wohlbekannte Gestalt, den Überzieher nicht zugeknöpft, den Schlips ungebunden, lose herunterhängend.

Lena sah’s in einem Augenblick und musste lächeln in aller Betrübnis — ihr ordentlicher Bruder, dem konnte das passieren? Ja, er liebte sie doch!

„Lena, Lena!“ Landgerichtsrat Langen trat atemlos an den Tisch. „Was tust du mir an? Marie sagte mir eben, du seist fort, und gerade kommt auch der Dienstmann und will deinen Koffer holen. Ich bitte dich, Lena, mach’ keinen Eklat! Bleib, Lena!“ Er suchte ihren Blick.

Eine heimliche Freude durchzuckte sie, aber sie bezwang sich. „Haben Sie den Koffer?“ fragte sie den Träger.

„Jawohl, Madam!“

„Kommen Sie mit an den Schalter, ich habe noch kein Billett.“ Und sich flüchtig zum Bruder wendend: „Ich bin gleich wieder hier.“

„Lena, Lena!“

Sie zögerte. Sein Ton durchschauerte sie; blass und rot flog es über ihr Gesicht, unschlüssig senkte sie den Kopf.

„Lena, wenn ich dich nun bitte?! Amalie hat mir versprochen, liebenswürdig zu sein, sie lässt dich grüssen und bittet dich, zurückzukommen, sie — zucke nicht so mit dem Mund! — sie ist wirklich verständiger als du!“

„So?“ Lena zuckte zusammen, es traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. „Ich — ich — kommen Sie,“ sagte sie hart zu dem Dienstmann.

„Lena, du bist eigensinnig, trotzig!“

Sie hörte ihn nicht mehr, sie war schon hinaus. Oh, dieses Mädchen! Unwirsch, mit raschen Schritten, ging Langen vor dem Tisch hin und her. Er kannte diese Falte zwischen ihren Brauen, diesen Zug um den aufgeworfenen Mund. Eine tiefe Bekümmernis stieg in seiner Seele auf; wie würde sie im Leben noch anlaufen! Die Mutter war viel zu schwach, er selbst konnte nicht immer bei ihr sein — und wenn auch, folgte sie denn? Sie war liebevoll und schmiegsam, aber nur bis zu einer gewissen Grenze; da stand ihr eigner Wille, machte sich breit und liess nichts anderes passieren. Nach wieviel Kämpfen hatte sie’s durchgesetzt, Musik zu studieren. Sängerin werden! Sie hatten’s ihr alle gesagt, ihr Körper sei nicht stark, ihre Stimme schwach — vergebens! Die Mutter musste nach Berlin ziehen, pekuniäre Opfer wurden gebracht, seit Jahren wurde nun studiert; sie musste eben mit dem Kopf durch die Wand.

Ärgerlich riss Langen an seinem Schnurrbart. Da trat sie wieder in den Saal, schlank und schmächtig im langen Reisemantel, den Schleier zurückgeschlagen von dem blassen, aufgeregten Gesicht; ihre grossen Augen blickten trüb. Nein, er konnte ihr nicht böse sein! Eine grosse Zärtlichkeit wallte in ihm auf.

„Lena,“ sagte er weich, „meine Schwester!“

Sie war auf einen anderen Ton gefasst gewesen; überrascht sah sie ihn an. Es war, als wollte sie sich an ihn schmiegen; sie ergriff seine Hand. „Es ist nett von dir, dass du noch gekommen bist; ich danke dir!“

„Böses Mädchen!“ Er versuchte zu lächeln, aber es war ihm nicht danach. „Was wird die Mutter sagen? Und was du für einen harten Kopf hast!“

„Krause Haare, krauser Sinn!“ Sie lachte wirklich, hell auf.

Es berührte ihn fast unangenehm; wie konnte sie nur jetzt lachen? „Lena, gestern sagtest du noch, du wüsstest, ich brauchte dich — heut gehst du von mir, und es tut dir gar nicht leid?“

„O doch, o doch!“ Ihr Lachen war verschwunden, sie presste seine Finger in ihren beiden Händen, und dann, rasch sich umblickend, ob auch niemand herschaue, drückte sie ihren Mund auf seine Hand. „Grüss’ Lora und auch Walter. Du musst mir nicht böse sein. Ich kann, ich kann nicht anders! Sie hat mich beleidigt, ich kann nicht vergessen!“

„Aber vergeben!“ Er sah sie ernsthaft an. „Du wirst es lernen müssen im Leben.“

„Vergeben?“ murmelte sie, „nein, ich“ — sie stockte, der Portier riss die Tür auf.

„Einsteigen in der Richtung nach Gerolstein, Euskirchen, Köln!“

„Du musst umsteigen in Köln,“ sagte Langen hastig, „du hast anderthalb Stunden Aufenthalt dort. Schreib mir eine Karte vom Bahnhof, wie es dir geht.“

„Ja, ja!“ Ihre Stimme klang gepresst, eine unnennbare Angst vor der langen einsamen Reise überfiel sie; und heute, gerade heute, hatte sie so das Bedürfnis, sich anzulehnen! Im Hinausgehen presste sie des Bruders Arm. „Fritz, lieber Fritz!“ Sie weinte.

„Meine Schwester!“ Er half ihr in das Kupee, kein anderer Reisender stieg ein, und dann schwang er sich noch einmal zu ihr hinauf. „Leb wohl, Lena!“

Sie schluchzte laut und presste ihren Kopf an seine Schulter.

„Lena, was machst du uns für Kummer, dir und mir! Ich bin traurig.“

Es wallte in ihr auf, trotzig wollte sie erwidern: ‚Ich? Nicht ich, deine Frau macht dir Kummer,‘ aber sie sah sein Gesicht. „Du hast ja Lora,“ sagte sie aus einer merkwürdigen Ideenverbindung heraus.

Er nickte. „Sie ist mein einziges — mein grösstes Glück,“ verbesserte er sich rasch.

„Fertig!“ Der Schaffner warf die Türen zu.

„Leb’ wohl, Lena, komm gut nach Haus!“

Noch ein hastiger Kuss. Langen sprang auf den Perron zurück. Lenas blasses verweintes Gesicht nickte zum Fenster heraus.

*

Station auf Station. Die Eifelberge guckten rechts und links ins Fenster. Lena sah nicht hinaus. Den wüsten Kopf an das Seitenpolster gedrückt, sass sie mit geschlossenen Augen. Sie fuhr wie aus einem Traum auf, wenn der Zug an einer Station hielt; dann duselte sie weiter. Der Wagen wurde hin und her geworfen, immer das gleiche Rrrrrr —, das eintönige Rattern der Räder. So sass ihr ein Rad im Kopf, das drehte sich unaufhörlich um die gleiche knarrende Achse.

Gekränkt! Eine andere vorgezogen! So war’s beim Bruder gegangen, er hatte sie lieb und hielt doch zu der anderen; so war’s bei dem gegangen, um dessentwillen sie aus Berlin geflohen war! Wie hatte er ihr die Cour gemacht im vergangenen Winter! Sie hatten sich oft bei einer befreundeten Familie getroffen, zu oft; er hatte ihren Gesang bewundert, ihr glühend die Hand geküsst, dann kam das Frühjahr — aus! Er hatte auch eine andere vorgezogen.

Hatte sie ihn geliebt? Lena presste die Augen fester zu, eine Röte stieg ihr jäh ins Gesicht; wenn sie das nur wüsste! Sie hatte schon oft zu lieben geglaubt; immer war aus den Trümmern einer alten Liebe das Morgenrot einer neuen gestiegen. ‚Das muss so sein,‘ sagte der berühmte Gesangsprofessor, ‚immer verliebt! Wo soll denn eine sonst den Ausdruck herkriegen?‘

Aber nun glaubte Lena nicht mehr an eine neue Liebe. Die rechte würde doch nicht kommen, nie, nie! Alles ging unter in dem Gefühl der erlittenen Kränkung, in dem neuen grossen Unglücklichsein. Sie wollte nun nichts mehr von den Menschen, nein, nur die Kunst, die Kunst! Sich an die mit allen Fasern klammern, immer ihr nach, ohne nach rechts und links zu blicken! Eine stürmische Sehnsucht fasste plötzlich Lenas Herz; ein unwiderstehlicher Drang trieb ihr Tränen in die Augen, ihre Wangen glühten.

„Gerolstein!“

Sie fuhr auf; sie war erschrocken. Draussen Laufen auf dem Perron, Schlagen von Türen, Rufen — jetzt wurde ihr Kupee aufgerissen.

„Steigen Sie ein, Herr, hier ist Platz,“ sagte die rauhe Stimme des Schaffners.

Wie unangenehm! Lena zog sich ganz in ihre Ecke zurück, sie hatte jetzt nicht Lust auf Gesellschaft; sie schämte sich der Tränen, die noch verräterisch in ihren Augen glänzten, und ihrer heissen Wangen.

„Sie gestatten,“ sagte der Fremde, fasste an den Hut, brachte sein Gepäck unter — Lena sah Malutensilien, Farbkasten, Staffelei, Leinwandschirm, Feldstuhl — und warf sich dann auf den Sitz, die Beine von sich streckend.

Der Zug rasselte weiter.

Eine halbe Stunde war vergangen; nach und nach wurde die Landschaft draussen flacher, die pittoresken Formen der Eifelberge verschwanden, die schwermütig nackten Kuppen mit ihrer kahlen Einsamkeit machten sanften Abdachungen, Äckern und Dörfern Platz. Schon tauchten Fabrikschornsteine auf.

Lena fröstelte, die ganze Poesie war dahin; und dabei musste sie gähnen, eine schreckliche Leere in ihrem Magen quälte sie. Sie hatte Hunger. Sie schämte sich vor sich selber; wie konnte man so unglücklich sein und doch Hunger haben? Bis Köln würde sie’s noch aushalten müssen. Unruhig glitt ihr Blick umher.

Ihr Gegenüber zog jetzt ein weisses Papierpaketchen aus der Handtasche; ein paar appetitliche Butterbrote waren darin, und zwischen Blättern auch Früchte. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, sie neigte sich vor und machte grosse Augen.

Als ob er’s geahnt hätte, so sah er jetzt auf; ihre Blicke begegneten sich, sie wurde über und über rot, wie ein ertapptes Kind. Ein leichtes Lächeln hob seine Oberlippe, man sah die schönen weissen Zähne; auf der flachen Hand hielt er ihr das Papier hin. „Darf ich Ihnen etwas Obst anbieten? Auf den primitiven Bahnhöfen, die wir passieren, gibt’s nichts Geniessbares. Verzeihen Sie, ich wollte nicht unbescheiden sein!“

Lena hatte sich auf die Lippen gebissen und war in ihre Ecke zurückgefahren — was dem einfiel?! Es wurmte sie, aber gleich darauf kam ihr alles so komisch vor, sie musste lachen. „Sehe ich so hungrig aus?“ Und dann streckte sie die Hand aus und nahm eine Frucht und dann, zögernd, ein Butterbrot. „Ich bin auch hungrig! Es ist gewiss komisch, dass ich —“ sie brach verlegen ab.

„O gar nicht!“ Er hatte eine famose Art, ihr über die Befangenheit wegzuhelfen. „Reisegefährten sind ja für eine Weile Lebensgefährten — warum also nicht?“ Er langte wieder in die Tasche und entkorkte eine Flasche. „Da, bitte trinken Sie!“ Er hielt ihr einen Becher mit Wein hin.

Ohne Zögern tat sie einen tiefen Zug, und noch einen. Der Wein war stark, die Schatten unter ihren Augen verschwanden, ihre Lippen wurden feucht und rot. „Ich fühle mich jetzt ganz anders,“ murmelte sie, „so viel frischer, ich danke sehr!“ Ihre Augen glänzten.

Er fand sie hübsch, viel hübscher, als er anfänglich gedacht hatte. Diese schmale Stirn mit den Lockenringeln, der eigentlich zu grosse Mund mit der charakteristischen kurzen Oberlippe waren pikant. Ein Mund, der viel Amüsantes plaudern konnte, den es lockend war, zu küssen.

„Mein Fräulein?“ Es klang wie eine Frage.

Sie nickte.

„Also, mein Fräulein, erlauben Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle: Bredenhofer, Richard Bredenhofer, Dilettant in allen Künsten — und sonst nichts!“

„Oh!“ Sie schielte nach den Malergerätschaften, die oben im Netz schaukelten.

„Nein, nein,“ er lachte halb spöttisch, halb leichtsinnig, „wirklich nur ein Dilettant, auch hierin. Aber man gibt die Hoffnung im Leben nicht auf. Einmal muss es doch kommen, das, nach dem man Durst hat, das“ — er schloss die Hand und öffnete sie wieder — „das — ich weiss nicht, wie ich’s nennen soll!“

„Ach,“ sie wurde zutraulich, „geht’s Ihnen so wie mir? Ich hatte nicht bloss Hunger auf Ihr Butterbrot. Sind Sie auch nie satt? Ich meine geistig. Einen Tag ist man so voll und könnte die Welt stürmen, und den anderen ist man dann wieder so erbärmlich und klein und hat gar keine Courage zu was. Es ist greulich!“ Sie legte die Hände ineinander und sah wehmütig drein. „Ob grosse Leute, wie Schiller und Goethe und Beethoven und Mozart, auch so gefühlt haben?“

„Diese führenden Geister? Sie greifen gleich sehr hoch!“

„Hoch oder gar nicht!“ Sie warf den Kopf hintenüber.

„Das sage ich auch!“ Seine Augen blitzten. „Wer will es uns wehren, nach den Sternen zu greifen? Hallo!“ Er sprang auf, die Früchte rollten ihm unbeachtet vom Schoss auf den staubigen Kupeeboden. „Sie sind Künstlerin, gnädiges Fräulein?“

„Ich möchte gern.“ Ein banger Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Wenn’s mir nur gelingt!“

„Es wird, es wird!“ Er sah sie an.

Sie blickte geradeaus, ihre Augen waren tief geworden, ihr schmales weiches Gesicht erschien bedeutender.

„Ich muss etwas erreichen,“ sagte sie wie für sich. „Ja“ — sie sagte es mit Vehemenz, alle ihre Enttäuschungen, besonders der letzte Kummer fielen ihr wieder ein. „Alles andre ist doch nichts! Ich möchte eine grosse Sängerin werden. Wissen Sie“ — nun klang ihr Ton gemässigter —, „wir hatten in unserem Garten in der kleinen Stadt, wo mein Vater Landrat war, einen Birnbaum, einen sehr grossen Birnbaum; unten hingen immer Birnen genug, die mochte ich aber nicht. Oben an den Ästen, die, auf welche die Sonne prall schien, die der Wind schaukelte, die wollte ich. Xmal bin ich als Kind hinaufgeklettert, oft heruntergefallen, und wenn ich nicht ’ran konnte, weinte ich. Es geht mir immer noch so.“

„So?“ Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, und dann sagte er zerstreut nochmals: „So, so.“ Jetzt lachte er kurz auf und strich sich wieder durch die Haare mit der gleichen nervösen Bewegung. „Ja, die Früchte, die sitzen verdammt hoch, aber man muss nur den Glauben an sich selbst nicht verlieren — äh!“ Er zuckte mit den Schultern und griff dann mit rascher Bewegung nach dem Becher. Er füllte ihn aufs neue. „Prost, gnädiges Fräulein, prost! Es lebe die Kunst!“

Sie nickte ihm zu. Das Fenster war geöffnet, ein rascher Wind fächelte herein und hob spielend die braunen Lockenringel auf der Mädchenstirn. Lena fühlte keinen Kopfschmerz mehr, sie dachte augenblicklich herzlich wenig an den letzten schweren Kummer. Es plauderte sich gut mit dem Reisegefährten. Er war hübsch; was er sagte, schien klug. Er hatte etwas — wie sollte man’s nennen? — etwas Nachlässiges im Reden, leichtlebig Freies, und doch zuweilen einen schwermütigen Augenaufschlag. Er war entschieden ein Künstler.

Der Zug raste dahin, die Zeit verging rasch. Lena hatte eine unangenehme Empfindung im Herzen, als es hiess: Köln. Nun musste man sich trennen — schade!

Aber nein, er fragte: „Reisen Sie auch weiter nach Berlin?“

„Natürlich!“ Sie lachte fröhlich auf, sie war auf einmal so vergnügt. Also aus derselben Stadt — wie konnte es auch anders sein?! Sie waren plötzlich wie alte Bekannte.

Auf dem weiten Perron, vor dem in einer Art von maurischem Stil gehaltenen Bahnhofsgebäude, wogten die Reisenden hin und her. Es war ein sehr internationales Publikum mit Wagenladungen ungeheurer Koffer; schon auf zehn Schritt roch man das Chyper der Engländerinnen und das Patschuli der Französinnen.

Die Kölner Gepäckträger mit ihrer breiten faulen Sprache machten sich Platz: „Aufjepa—a—asst!“

„Kelnische Zei—i—tung! Kladderrrrra—a—dattsch!“ Ein Zeitungsjunge schrie mit gellender Stimme.

„Fatal!“ Bredenhofer fuhr sich mit beiden Händen an die Ohren. „Äh, ich kann den Lärm nicht ertragen; grässlich! Wir haben Zeit genug, gehen wir in den Dom!“ —

Und nun standen sie auf dem Domplatz; ungeheuer, wie ein steinerner Berg, dessen Spitzen in den Himmel ragen, hob sich der Dom vor ihnen. Die Kreuzblumen der Türme von blauem Äther umflossen; goldener Sonnenschein verklärte den grauen Koloss.

Lena kannte Köln, sie kannte den Dom; so schön wie heute war er ihr noch nie erschienen, das lebhafte Entzücken ihres Begleiters steckte sie an.

Bredenhofer war ganz aufgeregt. Mit allen möglichen technischen Ausdrücken erklärte er ihr dieses und jenes — sie war erstaunt, was er alles wusste —, und wo ihm ein Ausdruck mangelte, half er sich durch einen Witz. Mit einem aus Heiterkeit und Andacht gemischten Gefühl trat sie ins Portal.

Drinnen heiligste Dämmerung, durchschossen vom wunderbar mystischen Licht der bunten Glasfenster. Unterm Kreuzgewölbe eine schwebende Luft von Weihrauch und geschmolzenem Wachs; vor den Seitenaltären flackernde Kerzen und steife Heiligengestalten, die gekrümmten Finger segnend ausgestreckt. Es zwang einen zum Flüstern; wer hätte hier ein lautes Wort gewagt?

Lena war blass geworden; die kühle Dämmerung durchschauerte sie und daneben eine scheue Ahnung der grossen hohen Poesie. Ihre Brust hob und senkte sich, ihr Atem zitterte, verstohlen sah sie ihren Begleiter an. Er hatte den Hut abgenommen, seine Stirn leuchtete merkwürdig weiss, wie die eines Mädchens; er starrte geradeaus und bewegte die Lippen.

Nun fühlte er ihren Blick, er fasste nach ihrer Hand und hielt sie mit leisem Druck; sie wagte nicht, ihre Finger wegzuziehen. Auf den Zehenspitzen schlichen sie an den geschnitzten Beichtstühlen entlang; wie schön musste es sein, sich hinter den grünseidenen, sanftrauschenden Gardinchen all seiner Kümmernisse zu entledigen! Lena fühlte ihr Herz klopfen, sie bedauerte fast, dass sie nicht katholisch war.

Jetzt waren sie in der Seitennische, vor dem kleinen Altar des wundertätigen Marienbildes; das Triptychon war geöffnet, das süsse Madonnenantlitz mit dem sich anschmiegenden heiligen Kinde lächelte vom Goldgrund auf sie nieder. Unwiderstehlich fühlte sich Lena niedergezogen — es war Bredenhofers Hand, die sie zwang, auf dem schmalen roten Bänkchen zu knien, sein warmer Atem streifte ihre Wange.

Halb gesungen, halb geflüstert klang es ihr ins Ohr:

„Im Dom, da steht ein Bildnis,

auf goldenem Grunde gemalt;

in meines Lebens Wildnis

hat’s freundlich hineingestrahlt —“

Er hielt noch immer ihre Hand, jetzt — jetzt — der Druck! Sie erschrak bis ins innerste Herz.

„Die Augen, die Lippen, die Wänglein,

die gleichen der Liebsten genau!“

Sie war gemeint, sie fühlte es, und sie errötete über und über. Sie hob die Lider nicht.

Jetzt gab er ihre Finger frei. Ohne Wort, stumm nebeneinander herwandelnd, durchschritten sie die andere Seite der Kirche. Jetzt kam das Portal. Sie waren wieder draussen.

Das laute Gewühl des Marktes schlug ihnen entgegen, Droschken jagten zum nahen Bahnhof, Lastfuhrwerke ratterten hinunter zur Schiffbrücke; es war wieder Tag, nüchterner Tag, greller Sonnenschein fiel aufs Pflaster. Lena blinzelte, sie schloss für einen Augenblick die Augen.

„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte Bredenhofer, und sie tat’s ohne Ziererei. Arm in Arm schlenderten sie an den Läden der Hochstrasse entlang. Wer kannte sie beide hier in der fremden Stadt? Menschen im Geschäftsschritt hasteten vorüber, bunt gekleidete Kölnerinnen mit auffallenden Hüten machten ihre Einkäufe in den Läden; die beiden wanderten zwischen allen durch, aus einer ganz anderen Welt kommend, sich gegenseitig fremd und doch einander so merkwürdig nah. Es fiel Lena gar nicht ein, dass sie Unschickliches tat; harmlos vergnügt hatte sie den Schleier zurückgeschlagen und den weiten Mantel aufgeknöpft, man sah ihre schmale, zarte Gestalt und die angedeuteten Grübchen in ihren Wangen.

Sie traten in ein Restaurant und sassen auf dem tellergrossen Plätzchen vor der Tür, hinter der verstaubten Efeuwand. Münchener Bier schäumte in den gelblichen Steingutseideln; Lena trank, und dann hörte sie wie aus weiter Ferne, wie im Traum den Lärm der Gasse. Sie war so weit weg.

„Was für ein liebes Gesicht,“ dachte Bredenhofer. Er sass ihr gegenüber. Eine dreiste Fliege mit dickem, blauem Leib und blitzenden Flügeln kam und schwirrte um die kleine gerade Mädchennase; die zierlichen Nüstern blähten sich und zitterten. Jetzt kam das Insekt und flog auf das Seidel des Mannes und tunkte den winzigen Saugrüssel in die braune Flüssigkeit. Jetzt schwirrte es berauscht davon.

Aus einem nahen Fenster kam dünnes Klavierspiel — Bachsche Fugen oder so etwas —, aber man merkte es den klimpernden Fingern an, sie waren mehr zu einem Walzer oder einem schwenkenden Rheinländer disponiert. Jetzt klang ein scharfer Misston.

„Ces, ces!“ Der junge Mann fuhr aus seinem Sinnen auf. „Moll, Moll, doch nicht Dur! Heiliger Sebastian Bach“ — er riss die Uhr heraus —, „es ist die höchste Zeit, wir müssen fort!“

Im Sturmschritt durchquerten sie den Domplatz; die Uhr über dem Bahnhofsportal wies nur noch wenige Minuten bis zum Abgang des Zuges. Aber Bredenhofer fand doch noch Zeit; er kaufte dem blassen, spillrigen Ding mit den dreisten Augen dort am Eingang einen Strauss duftiger Herbstveilchen ab und presste sie Lena in den Gürtel.

„Viel Pläsier auf die Hochzeitsreis’!“ schrie das Mädel hinter ihnen drein.

Sie stürmten die hohe Steintreppe hinan, lachend, atemlos — nun sassen sie im Kupee. O weh, noch vier Personen darin! Zwei rundliche Holländerinnen mit Teint wie Milch und Blut und Augen, die nicht von lauter Butter und Käse so blinkten. Ein dicker Phlegmatikus schien der Ehemann der einen. Neben ihm blinzelte ein Geschäftsreisender — man erkannte ihn am Schlips letzter Mode und am Siegelring — nach der anderen Schönen.

„Aaa—chtung!“ Karren rasselten, Türen klappten.

„Kelnische Zei—i—tung! Kladderrrrra—a—dattsch!“

„Bier gefällig?! Bi—er! Bi—er!“

„Kladderrrrra—a—dattsch!“

„Noch glaubt man mit einem Fuss in der Poesie zu stehen, und schon ist man mitten in der Prosa! O weh,“ seufzte Bredenhofer und fuhr sich mit der ihm eigentümlichen nervösen Handbewegung durch das Haar.

Der Zug setzte sich in Fahrt. Bald lag Köln fern; Dom und Hochstrasse, alles der flüchtige Traum einer sonnigen Mittagsstunde.

*

Sie hatten viel geplaudert, halblaut, die Köpfe nah zusammengeneigt. Es hatte einen eigentümlichen Reiz gehabt, so verstohlen miteinander zu sprechen, unverstanden von den übrigen. Dies Flüstern brachte sie sich gegenseitig näher, es richtete eine Mauer um sie auf, über die kein neugieriges Auge schauen konnte.

Es war längst Abend. Draussen vor den Kupeefenstern undurchdringliche Dunkelheit, nur ab und zu huschte eine schwach erleuchtete Station vorüber. Immer weiter von der sonnigen Mittagsstunde fort, immer näher, näher dem grossen Berlin, in dem man untersinkt in Menschenwogen und sich nie mehr begegnet.

Lena hatte geschlafen; sie wachte verwirrt auf. Oben an der Decke, vom blauen Gardinchen verhüllt, der umflorte Schein der Lampe; jenseits das Fenster geöffnet, trotzdem eine warme, matte Luft im Kupee. Lena fasste sich an den Kopf und strich sich die wirren Haare aus den Schläfen; sie hatte geträumt, sie wusste nicht recht, wo sie war — bei Fritz oben im kleinen Stübchen, im grossen Kölner Dom oder zu Hause, drei Treppen hoch, in Berlin?

Verwundert machte sie die Augen weit auf; sie war in der Eisenbahn, aber die Sitze leer, das viele Gepäck verschwunden. Wo waren die dicken Holländerinnen mit dem phlegmatischen Ehemann, wo der Geschäftsreisende? Alle weg; nur ihr gegenüber in der Ecke sass Bredenhofer und sah sie unverwandt an.

„Wo — wo — wo sind sie?“

„Alle ausgestiegen, in Braunschweig, Magdeburg, was weiss ich!“ Er lächelte. „Sie haben lange geschlafen, süss geschlafen; Sie haben nichts gemerkt.“

„Oh!“ Sie zog ihre lässig ausgestreckten Füsse näher an sich und richtete sich stramm auf. Sein unausgesetzter Blick verwirrte sie. „Wie lange dauert’s noch bis Berlin?“

Er zog die Uhr. „Eine Viertelstunde!“

Ein Schreck durchfuhr sie, so plötzlich, so jäh, dass sie über diesen Schreck nun wieder aufs neue erschrak. Warum fürchtete sie sich, wovor? Das Blut stieg ihr zu Kopf, es wirbelte ihr vor den Augen.

„Es tut mir leid,“ hörte sie seine weiche Stimme sagen, „sehr leid; ich wünschte, es wären noch Stunden bis Berlin. Es ist merkwürdig, wie man sich mit jemandem in einer kurzen Spanne Zeit so anfreunden kann! Das macht: gleiches Denken, gleiches Empfinden und der Gott, der uns in der Brust wohnt. Schlagen Sie ein“ — er hielt ihr die Hand hin —, „sagen Sie mir, dass Sie dem Reisegefährten ein freundliches Andenken bewahren werden; ja?“

„Wenn Sie das Gleiche tun,“ antwortete sie zögernd.

„Mein Gott!“ Er lachte, dann sang er mit einer sehr angenehmen Tenorstimme:

„Andre Städtchen kommen freilich,

andre Mädchen zu Gesicht;

ach, wohl sind es andre Mädchen,

doch die eine ist es nicht!“

„Die eine ist es nicht,“ wiederholte er mit zärtlichem Tonfall.

„Sie sind ja auch musikalisch,“ sagte sie ausweichend, „Sie können doch alles!“

Er hielt ihr noch immer die ausgestreckte Hand hin. „Bitte, sagen Sie mir doch, dass Sie mich nicht ganz vergessen werden! Bitte, Fräulein Langen!“

Sie wagte nicht, ihn anzusehen. „O nein,“ brachte sie gepresst hervor. Sie sprang auf und griff nach ihren Sachen; sie stellte sich recht ungeschickt dabei an. Er half ihr. Er hielt ihr den Mantel, beim Hineinschlüpfen fühlte sie, wie er sanft ihren Arm presste; sie bekam ein eigentümliches Beben in den Knien. Und dann drückte sie sich den Hut aufs Haar, zog die Handschuhe an und sass ganz still mit zusammengelegten Fingern.

Er stand am Fenster. „Da — da,“ sagte er plötzlich, „schon das lange Rangiergeleise und die vielen Lichter!“

Rot, blau, grün glitt es vorüber, der Zug fuhr langsamer.

„Jetzt — jetzt sind wir gleich da!“

Kritsch, kratsch! Das Quietschen der Räder ging durch alle Nerven.

Lena sprach nichts; sie sass da und senkte den Kopf auf die Brust und schielte doch von unten herauf immer nach den vorübergleitenden Lichtern und fühlte, dass ihr das Herz schlug bis in den Hals. Er trat unruhig von einem Fuss auf den andern, das Fenster lief an unter seinem Hauch. Es war so warm, so beklommen im Kupee und so still.

„Da —,“ sagte er noch einmal, „wir sind da!“

Der Zug donnerte in die Bahnhofshalle, es wurde blendend, betäubend hell.

„Leben Sie wohl!“

Sie fühlte eine Hand unter ihrem gesenkten Kinn, warme Lippen legten sich auf die ihren — einen Augenblick, eine kurze einzige Sekunde — — —

Sie stiess ihn nicht zurück, sie konnte nicht dafür, ihr Mund zuckte unter dem seinen, einen Augenblick, eine kurze einzige Sekunde, dann —

„Berlin! Alles aussteigen!“ Die Tür wurde aufgerissen.

Gewirr, Geschrei, Gewoge. Lena sah alles und sah doch auch wieder nichts — ein hastig geflüstertes, scheues Adieu — jetzt stand er schon unten auf dem Perron — jetzt rollte sich ein dunkler Knäuel der Ausgangstreppe zu, darunter war er — ah, jetzt war er verschwunden!

Sie würde ihn nie wiedersehen! —

Lena folgte mechanisch dem Gepäckträger; sie fühlte auf einmal wieder ihren ganzen Kummer.

III.

„Höher, höher, singen Sie doch höher! Ich begreife nicht, wie man das nicht tun kann!“ Der berühmte Gesangsprofessor Dämel fuhr sich an die Ohren. „Herr Gott nochmal, singen Sie gleich höher, es ist nicht zum Aushalten — höher, höher, ich werde rasend!“ Er schrie; die Schülerin, ein junges dickliches Ding von robuster Gesundheit mit dummen, aufgerissenen Augen, brach in Tränen aus.

„Weiter, weiter!“ Der Professor zog die Uhr und trommelte nervös auf dem Rücken des Begleiters. „Spielen Sie dieselbe Leier noch mal. Fräulein Langen, Sie jetzt! Aber ich bitte, hoch genug; es ist zum Verrücktwerden!“

Das überschlanke Mädchen trat neben den Flügel. Lena Langen hatte sich wenig verändert seit dem Herbst, die scharfe Winterluft draussen hatte das blassbräunliche Gesicht nicht frischer gefärbt; jetzt brannte ihr das Rot der Erregung auf den Wangen, gerade unter den Augen, sie sah ängstlich drein.

Der Begleiter schlug die einleitenden Akkorde an, es war die grosse Arie aus der Schöpfung: Auf stolzem Fittich schwinget sich der Adler. Das Rezitativ glückte; aber nun — „Mehr Kraft, Kraft,“ brüllte der Professor. „Halt! Denken Sie, mit solchem Gepiepe schwingt sich ein Adler? Höchstens eine Gans.“

„Ha ha, ha ha ha!“ Allgemeines Gelächter. Professor Dämel sah sich schmunzelnd, den langen glänzenden Bart streichend, um. Er liebte es, Witze zu machen, und wenn sie auch schlecht waren, was schadete das? Aus berühmtem Mund macht sich dergleichen immer geistreich.

Sämtliche Schülerinnen der Ensemblestunde wollten vergehen vor Lachen — nein, war das amüsant, witzig! Kein Adler, eine Gans, ha ha ha! Sie hielten die Taschentücher vors Gesicht und prusteten.

Der Professor konnte mit dem Erfolg zufrieden sein. Noch ein Schmunzeln, dann mit plötzlicher Amtsmiene, aber in gemässigterem Tone: „Bitte, noch einmal, Fräulein Langen! Mehr Kraft! Tief Atempumpen, hier, hier“ — er schlug sich auf den Bauch — „Stimmritze weit offen! Also!“

Die Arie begann von neuem. Lena strengte sich übermässig an; die Sehnen an ihrem Hals schwollen, sie holte Atem, dass man glaubte, die Brust müsse ihr zerspringen, das Notenblatt in der Hand bebte. Nun war sie zu Ende. Ein Kitzel kam ihr in die überanstrengte Kehle, sie quälte sich mit einem kurzen Gehüstel.

„Leidlich, leidlich,“ sagte der Professor. „Musikalische Auffassung ganz gut, auch die Intonation — hm, hm — aber Sie können das Musikstück nicht zur Geltung bringen, Ihnen fehlen eben die Stimmittel. Nicht alle Mittel, bewahre,“ setzte er nach einem raschen Blick in das Gesicht der Schülerin hinzu, „jedoch — hm — der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“ Wieder ein Witz! Nein, heute jagte einer den anderen!

„Die Folgende!“

Ein elegantes Kleid rauschte; mit Wohlgefallen sah der berühmte Mann auf die üppige Gestalt. Fräulein Krotoschinska war aus Ostpreussen — ‚Astpreissen‘, sagte sie —, wollte zur Bühne gehen und liess sich jetzt, das letzte halbe Jahr auf dem Konservatorium, eigentlich nur noch herab, die Stunden zu besuchen. Pünktlich war sie nie gewesen, aber desto talentierter. Sie konnte zwei Töne nebeneinander treffen, sogar zuweilen die Terz; sie hielt sich einen Begleiter, sogenannten Einpauker, und hatte dieser zwanzigmal eine Sache mit ihr durchgearbeitet, wickelte sie sie ab wie auf der Drehorgel. Aber wenn Fräulein Krotoschinska so dastand, die volle Brust herausgedrückt, die grossen Augen umherfeuernd, ihre mächtigen Töne herausschleudernd, dann musste jeder gestehen: „Ah, dieses Talent!“

Professor Dämel strich immer häufiger den glänzenden Bart, er war sehr befriedigt. Das stark ‚Astpreissische‘ störte ihn nicht, ebensowenig das Tremolo. Bei diesem Material! Er schätzte es besonders, weil es ihm noch nicht gelungen war, es zu ruinieren. Und dann die Erscheinung! „Sehr gut, liebes Kind, sehr gut! Setzen Sie sich. Ich bin von Ihrer Zukunft überzeugt. Famos, ganz famos. Schonen Sie sich nur um Gottes willen! Recht vorsichtig, vorsichtig! Sie sind es der Kunst schuldig!“

Die grosse Person mit dem breiten Brustkasten und den ausladenden Hüften setzte sich stolz. Sie war etwas müde, sie hatte die Nacht durch getanzt, und heute stand noch viel Amüsement bevor. Beim Lob des Professors verzog sie die Lippen zu ihrem stereotypen, ruhigen Lächeln — wie der gute Mann sich anstrengte! Er war wirklich sehr nett zu ihr; kniff sie gern in die Backen und tätschelte ihr die Schulter, wenn sie allein waren. Fräulein Krotoschinska hatte nichts dagegen, er war ja ein alter Mann, wenigstens aus den Jahren, die bei ihr in Betracht kamen. Sie schloss die Augen halb und hörte nicht im entferntesten auf die Klänge des Klaviers und die ewigschönen Meisterweisen; in ihren Ohren war nichts wie Tanzgeklimper und Kleiderrauschen und Schlittenklingeln und Pfropfenknallen. Ja, solch ein Talent! Die Brillantboutons in ihren Ohren funkelten. Sie seien nicht echt, meinten die Neidischen; aber sie waren es doch. Fräulein Krotoschinska sagte nicht, von wem sie sie kürzlich bekommen hatte, selbst Lena Langen wusste nicht darum, und die war doch entschieden die Bevorzugte, die sass neben der Krotoschinska und bekam allerhand in die Ohren getuschelt. Sie tat ja auch der schönen ‚Astpreissin‘ in keiner Beziehung Eintrag.

Die Stunde ging weiter. „Der Gerechte muss viel leiden,“ seufzte der berühmte Mann dem Begleiter ins Ohr. Und dann laut: „Wir haben nun den Adler genug sich aufschwingen lassen“ — er sah mit einem heimlichen Gähnen nach der Uhr — „ah, erst dreiviertel zwei!“ Ein zweites, intensiveres Gähnen. „Schön, sehr schön, wir haben noch eine weitere Viertelstunde für unsere Kunst. Fräulein Langen, säuseln Sie uns mal ein Schumannsches Lied, das ist mehr Ihr Fall. Na, na, voran! Schnell, schnell, Zeit ist Geld!“

Widerwillig hatte sich Lena erhoben. Ihr war die Lust vergangen. Die fatalen Witze des Professors, der Gesang der Krotoschinska, ihr eignes Singen ekelten sie an. Eine tiefe Niedergeschlagenheit war in ihrer Seele. ‚Ihnen fehlen die Stimmittel‘ — schwer, lastend waren diese Worte auf sie niedergefallen. Oh, wer Töne in der Kehle hätte, mächtig wie das Brausen der Orgel, voll und gross, wie jene da im eleganten Kleid sie besass. Fast wie Neid wollte es sie beschleichen — die brauchte nur den Mund aufzumachen und den Ton hervorquellen zu lassen, der Professor war entzückt. Aber nein — mit einem Ruck stand Lena kerzengerade — nicht wie die Krotoschinska! Es gab eine andere, eine heiligere Musik, die gefühlt sein wollte bis in die Fingerspitzen und bis in jede tiefste Faser des Innern.

Die Augen leuchteten dem Mädchen, frei stand sie da, kein Heft in den Händen; ihren Schumann kannte sie. Der Klavierspieler begann die weiche Begleitung, leise setzte sie ein. Ihre Stimme war leicht gedeckt, wie von einem Hauch, zu dieser Musik passte sie aber. Verträumt, mit wehmütiger Innigkeit kamen ihr die Töne von den Lippen; mit einem entrückten Ausdruck in den Augen schien sie in eine schöne Ferne zu blicken. Sie sah nicht die weissgestrichenen Wände des Musiksaals, nicht das breite Fenster, durch das jetzt ein Strahl bleicher Wintersonne auf ihre Stirn fiel. Die Hände lose ineinandergelegt, veränderte sie ihre Stellung nicht während des Gesangs, nur bei besonders tief empfundenen Stellen presste sie die Finger fester ineinander, und ein hohes Rot stieg ihr in die Wangen.

„Gut, sehr gut!“ Der Professor klappte leicht die Hände zusammen. „Sie haben Ausdrucksvermögen, wie man zu sagen pflegt; Sie singen passioniert — ja, ja, Schumann haben Sie weg! Ihr Herz und Ihre Stimme verstehen sich da sehr gut. Haha!“ Der berühmte Mann sammelte bewundernde Blicke ein für diese feine Bemerkung, dann klopfte er sich auf den Magen: „Der da wird rebellisch. Ein gutes Mittagessen ist nicht zu verachten, auch ein Genuss, ebenso wie Beethovens Neunte und Schumanns Dichterliebe. Schluss, meine Damen! Und Sie, Fräulein Krotoschinska, Vorsicht, Vorsicht! Denken Sie an Ihr kostbares Material!“

Der Begleiter klappte den Flügel zu und reckte sich, er war ganz steif geworden von aller Kunst. Räuspern, Füssescharren, dann plötzlich, wie losbrechend, allgemeines Geschwatz.

Würdevoll mit dem Kopfe nickend verliess der berühmte Mann den Musiksaal; an der Tür stiess er mit Lena Langen zusammen. Sie wollte an ihm vorüber huschen, sein Blick traf gerade noch ihr zierliches Ohr, den schlanken Hals und die darauf sich kräuselnden widerspenstigen Haare. Er fasste nach ihrem Arm.

Unwillig sah sie ihn an, sie war ihm böse, zornig auf jedes und jeden, dabei hätte sie bitterlich weinen mögen; unterdrückte Tränen funkelten in ihren Augen.

„Fräulein Langen, was ich Ihnen sagen wollte,“ — der Professor in seinem kostbaren Pelz beugte die lange Gestalt näher — „Sie sollten nur Schumann singen. Sie haben darin so etwas — etwas —“ ein zynisches Lächeln flog flüchtig über sein Gesicht, er legte für einen Augenblick den Zeigefinger unter das zarte Kinn des Mädchens. „Sie haben sehr viel Temperament, Fräulein Langen!“

Sie wurde blutrot und warf den Kopf zurück.

„Keine Schande, mein liebes Kind, im Gegenteil!“ Professor Dämel wurde ganz väterlich, er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Keine Künstlerin ohne Passion! Blut, warmes Blut gehört zum Beruf; nicht bloss zur Bühnensängerin, auch für den Konzertsaal, für den Konzertsaal! Wer in die Öffentlichkeit tritt, etwas erreichen will, der —“ Er lächelte wieder, das gleiche, unangenehme Lächeln wie vorher, und dabei nahm er jetzt ihre Hand und tätschelte sie. „Hören Sie, mein Kind, und wenn Sie etwa diesen Winter in einem grösseren Konzert singen wollen, ich arrangiere Ihnen das. Wenden Sie sich nur vertrauensvoll an mich, ich bin Ihr bester Freund!“

Wieder das Tätscheln, dann zog er den hohen Hut und ging. Das Mädchen sah ihm nach mit zusammengezogenen Brauen und einem bitteren Zug um den Mund. Sie hätte ihn fortstossen mögen, diesen Mann mit den platten Witzen und der schleichenden Liebenswürdigkeit; sie hatte oft erzählen hören, dass Schülerinnen, die vom Professor besonders protegiert wurden, nicht immer am besten sangen. Heute hatte auch sie ihm gefallen. Aber nicht ihr Gesang interessierte ihn, ihr heisses Bemühen, ihr heisses Streben — einzig und allein das andere!

Heftig trat sie auf den Boden. Ihre Hand ballte sich in den Falten des Kleides zur Faust. Nein, nur um der Kunst willen, der reinen hohen Kunst willen wollte sie aus dem Gros hervorgezogen werden und dastehen und den staunenden Zuhörern ans Herz legen, was unvergängliche Meister an Poesie und Empfindung in himmlische Melodien gegossen. O wie schön musste es sein, in andächtige, bewundernde, tränenfeuchte Augen zu sehen, sich eins zu fühlen mit dem grossen Komponisten, sein Mund zu sein, seine Gefährtin im Dienst der göttlichen Musik!

Lena fühlte sich begeistert, erhoben. Ein Strom von Empfindungen wallte in ihrer Seele hin und her, sie fühlte sich augenblicklich ganz besonders berufen und auserwählt. Eine heilige Freude erfüllte sie, ein Gehobensein über die ganze Welt — da — sie zuckte zusammen, eine beringte Hand tupfte sie auf den Arm.

„Na, Langenchen, Kindchen, was stehn Sie da? Das Mannchen war heut ganz niedlich, hat sich auch bei Ihnen ’rangeschmuggelt, was? Glauben Sie mir, Kindchen, das ist das baste, das baste. Mit der Kunst ist das so ’ne Sache!“ Die schöne ‚Astpreissin‘ steckte zwei Finger in den Mund und pfiff darauf.

„Lassen Sie mich in Ruh’,“ sagte Lena herb und stiess sie zurück.

Wo war die heilige Freude, wo das Gehobensein? Weg, ganz weg; statt ihrer eine tiefe Niedergeschlagenheit, eine kleinmütige Trübseligkeit sondergleichen. Den Kopf tief gesenkt, schritt sie übers Trottoir, die belebte Potsdamer Strasse hinunter. Draussen in einer der neuen Strassen, nicht weit vom Matthäikirchhof wohnten sie; da war es anständig und doch verhältnismässig billig.

Sie fühlte sich müde, an allen Gliedern zerschlagen, im Hals sass ihr ein Kitzel und in der Brust ein Brennen. Was wollte sie eigentlich mit der ganzen Singerei, dem In-die-Stunden-Laufen, dem Solfeggieren, dem Arienkollern? Aus ihr wurde doch zeitlebens nichts, gar nichts. Lange Zeit zum Warten, zum Werden lag auch nicht mehr vor ihr, sie war schon fünfundzwanzig; und wenn auch die überschlanke Figur sie sehr jungmädchenhaft erscheinen liess, der Spiegel zeigte ihr oft müde Augen und auf den Wangen eine gewisse herbstliche Blässe. Wie lange noch, und sie war zu alt für eine Anfängerin auf der Bahn des Gesangesruhms.

Langsam stolperte Lena voran. In ihrem Kopf nichts wie trübe Gedanken. Alles ging ihr auch fehl im Leben; worauf sie sich freute, das wurde zu Wasser, was sie liebte, das wurde ihr genommen. Sie dachte an all die Kurmachereien und das Getändel, aus dem nichts Ernstes geworden, von dem nichts haften geblieben war als eine kleine beschämende Erinnerung. Und doch hatte sie immer Herz gegeben, viel Herz. Und dann dachte sie an ihren Bruder, und der niedergeschlagene Ausdruck ihres Gesichts vertiefte sich noch. Er schrieb so selten, so spärlich. Seit ihrer plötzlichen Abreise aus seinem Hause im Herbst war etwas zwischen sie getreten; was, konnte man nicht recht bestimmen, aber es war doch da. In jedem seiner Briefe schrieb er von Amalie, viel; sonst hatte er das nie getan. Er nannte sie verständig, tüchtig, alles Angenehme suchte er auf sie zurückzuführen. Er hatte nicht Glück damit, weder bei der Mutter, noch bei der Schwester.

„Sie hat ihn gut unterm Pantoffel,“ sagte Lena und kräuselte verächtlich die Lippen. Den Brief, den sie bald nach ihrer Rückkehr nach Berlin von der Schwägerin bekommen, hatte sie in kleine und immer kleinere Stückchen zerrissen und der Magd in den Kehricht geworfen. „Die Scheinheilige, da schreibt sie mir, alles soll vergessen sein. ‚Wir sind beide heftig gewesen. Ich vergebe Dir von Herzen, liebe Lena.‘ — O die!“

„Ja, sie tut wirklich so, als seist du allein die Schuldige,“ seufzte die Mutter. „Es ist unerhört!“ Frau Langen fand viel an ihrer Lena zu tadeln, aber wenn andere der Tochter zu nahe traten, das vertrug sie nicht. „So ein armes Ding,“ pflegte sie zu sagen, „was hat das denn in der Welt? Und wenn ich einmal nicht mehr bin — ach! Meine Lena soll wenigstens nur mit Liebe an mich zurückdenken.“ Frau Langen war böse auf ihren Sohn und ihre Schwiegertochter, und wenn es ihr auch schwer wurde und sie heimlich Tränen vergoss, sie zwang sich, kühl zu schreiben.

So standen die Sachen. Ein Misston hatte sich eingeschlichen in die schöne Harmonie der Geschwister. Lena durfte gar nicht daran denken, dann fühlte sie ihr Herz pochen und Tränen in ihren Augen aufquellen. Heute besonders nicht; heute war ohnehin alles grau in grau, ein Flor deckte das ganze Leben.

Schwer, als hätte sie Gewichte an den Füssen, stieg Lena die sogenannten zwei Treppen zur Wohnung hinan; eigentlich waren es drei. Auf jeder Stufe zögerte sie; warum eilen? Sie kam noch früh genug, von Freude wartete nichts auf sie, die Mutter würde deprimiert sein wie sie selbst.

Die Stimmungen der Tochter waren das Barometer für die Laune der Mutter; liess Lena den Kopf hängen, schlich auch diese betrübt umher, seufzte über ihr Geschick, Witwe zu sein, eine unversorgte Tochter zu haben und über das Los der Frauen im allgemeinen. War Lena vergnügt, dann färbte auch ein zartes Rot Frau Langens schmales Gesicht, sie wurde lebhaft wie ein junges Mädchen, gesprächig und baute Zukunftsschlösser in rosigem Licht. —

„Ist Mutter zu Haus?“ fragte Lena müde, als das Dienstmädchen öffnete. Sie fragte es nur aus Gewohnheit, sie hatte heute keine Eile; so gar nichts Freudiges brachte sie mit. Es tat ihr leid, die Mutter mit hineinzuziehen in das Grau ihrer Gedanken, und doch konnte sie’s nicht über sich gewinnen, ihre Missstimmung zu verbergen.

Zögernd öffnete sie die leis knarrende Tür zum Esszimmer — da war der Nähtisch der Mutter am Fenster, sie selbst sass davor. Frau Langen war beschäftigt. Neben ihr stand ein Stuhl, über dessen Lehne sorgfältig ein weisses Kleid gespreizt hing; sie nähte daran. Sie war so eifrig, dass sie das Knarren der Tür überhört hatte; ganz versunken schien sie in ihre Arbeit, nur bemüht, dieselbe recht schön zu machen. Nun hob sie das weisse Kleid mit einem Arm, hielt es von sich ab, legte den Kopf auf die Seite und betrachtete es bewundernd. Ein zartes Rot trat auf ihre Wangen und ein zärtliches Licht in ihre Augen — sie dachte sich schon die Tochter darin.

„Mutter!“ Lena war mit einem Satz am Nähtisch und stiess den Stuhl mit dem Kleid zur Seite. In plötzlichem Impuls warf sie sich vor der Mutter nieder und legte den Kopf in deren Schoss. „Gute Mutter!“ Wie eine jähe Erkenntnis war’s ihr gekommen, ihr heiss durch die Seele geschossen — die da lebte doch nur eigentlich für sie! Sie schlang beide Arme um die Taille der Mutter und wühlte den lockigen Kopf tiefer in deren Kleiderfalten. Sie hatte eine unbezwingliche Lust zu weinen — das Leben war doch zu schwer! — Schon strömten die Tränen.

„Lena, was hast du?“ Frau Langen war erschrocken, sie war aus ihrer stillen Beschaulichkeit zu plötzlich aufgejagt. Das Rot ihrer Wangen vertiefte sich; sie sah aus wie jemand, dem schon viel im Leben schief gegangen ist, und der nun noch einen härteren Schlag erwartet. „Lena, sag’ doch, ist dir was passiert?“ Ihre Stimme zitterte, sie streichelte mit bebender Hand den Scheitel der Tochter. „Was hast du, Lena?“

„Nichts, gar nichts, Mutter! Ich muss nur so weinen, ich — ich — es ist alles so grässlich, ich bin so unglücklich! Nie, nie wird was aus mir, der Professor sagt: mir fehlen die Stimmittel. Und dann hat er mich getätschelt — ich hätte Temperament, er würde mich im Konzert singen lassen — ah!“

„Aber, Lena, das ist doch alles sehr gut, ich begreife dich gar nicht!“

„Ach, Mutter!“ Hastig sprang das Mädchen auf und ballte die Hände. „Was du weisst! Er denkt, ich bin so eine — so eine —!“ Sie stampfte mit dem Fuss. „Meiner Kunst wegen will ich vorgezogen sein. Warum streb’ ich denn, warum lern’ ich denn, warum ring’ ich denn?! Mein Herz könnte zerspringen. Aus mir wird nichts“ — sie krampfte die Hände ineinander und biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schluchzen — „mir geht alles fehl im Leben! Warum denn gerade mir? Und ich fühl’s doch, ich hab’ was in mir — etwas — einen Funken — ach, Mutter, ich bin zu unglücklich!“ Sie warf sich wieder nieder und versteckte den Kopf.

Frau Langen sah sich mit einem ratlosen Blick um, ihr Gesicht zog sich in die Länge. „Mein Gott,“ sagte sie kleinlaut, „wie du immer gleich bist! Woher du nur diese Aufgeregtheit hast, von mir doch wahrhaftig nicht? Aber es ist auch schrecklich, ganz schrecklich, einzelne Frauen haben es zu schwer, und welche von ihnen etwas erreichen will, die erst recht.“ Ein nervöses Zucken, als ob sie weinen wollte, arbeitete in ihren Zügen. „Es ist schrecklich! Zu traurig! Du armes Kind!“ Sie streichelte immerfort den braunen Kopf in ihrem Schoss. „Weine nicht — ach Gott!“ — Die Tränen kamen ihr nun auch, ihre Stimme klang sehr erregt. „Alles geht uns fehl im Leben! Warum gerade uns?“

Lena weinte immerfort, sie hob den Kopf nicht.

Frau Langen sagte auch nichts mehr; schweren Herzens, mit kummervoller Miene sah sie auf ihr Kind nieder, ihre Finger zupften und glätteten an Lenas wirren Haaren. Die Uhr tickte schwer, nun holte sie dumpf zum Schlag aus.

„Drei!“ Die Mutter rüttelte sich seufzend. „Und gerade heute hatte ich mich so auf dein Nachhausekommen gefreut! Es ist eine Einladung für dich gekommen zu Doktor Reuter; nicht der gewöhnliche jour fixe, bewahre! Es ist eine Hoheit da, ein Grossherzog oder ein Erbprinz, denke! Reuter hat selbst geschrieben, du sollst ja kommen und etwas Hübsches singen. Ich dachte, es wäre eine grosse Auszeichnung für dich.“

„Und das sagst du mir erst jetzt? Aber Mutter?!“ Lena war blitzgeschwind auf den Füssen.

„Ja, ich konnte doch nicht! Dein Kleid hab’ ich schon angefangen zurechtzumachen.“

„Aber Mutter, warum hast du mir das nicht eher gesagt?!“ Noch blinkten die Tränen auf Lenas Wangen, aber schon strahlten ihre Augen auf. Mit einem Ruck schwang sie sich auf den Esstisch und pendelte mit den Füssen hin und her. Sie schlug die Arme unter. „So, Mutter, nun erzähl’ mal, zeig’ mal den Brief!“

„Hier ist er.“ Frau Langen holte ein Kuvert aus der Tasche. Beide Frauenköpfe neigten sich über das Billettchen.

„Wahrhaftig“ — Lena pendelte immer lebhafter — „das ist famos! Ach, wie angenehm für mich! Denk’ mal, was da alles für Berühmtheiten sein werden! Wie nett von Doktor Reuter, dass er mich singen lässt, gerade mich, es sind so viele, die sich darum reissen. Mutter,“ — das Mädchen sprang vom Tisch herunter und lief mit elastischen Schritten in der Stube auf und nieder — „Mutter, weisst du, es gibt doch viele Menschen, die mir wohlwollen!“

„Das weiss ich ja,“ sagte stolz lächelnd Frau Langen.

„Und, Mutter,“ — Lena sah hübsch aus mit dem erhitzten Gesicht und dem zerzausten Lockengeringel über der Stirn — „ich werde gut singen, sehr gut singen, ich fühle das. Ich brauche nur Glück, wirklich nur ein bisschen Glück!“ Sie hob die gefalteten Hände bittend wie ein Kind gegen die Brust. „Wenn ich nur ein bisschen Glück hätte, dann würd’ ich eine grosse Sängerin. Glaubst du, Mutter? Nicht wahr, du glaubst’s?“ Sie wartete keine Antwort ab, sie rannte auf und nieder, jetzt blieb sie stehen und drehte sich wirbelnd auf einem Absatz. „Sieh nur, Mutter, wie die Sonne zum Fenster hereinscheint, sonst ist’s um die Zeit im November schon dunkel. Sieh nur, sieh nur! Ist’s nicht wie Frühling?!“ Sie trällerte hoch und hell.

„Nun, armes Herz, vergiss der Qual!

Nun muss sich alles, alles wenden!“

Mit einer Inbrunst ohnegleichen sang sie das ‚alles, alles‘ dabei warf sie die Locken zurück, legte den Kopf hintenüber und blinzelte mit halbgeschlossenen, schwimmenden Augen durchs Fenster hinaus in die fahle Novemberluft, die ein einziger verlorener Sonnenstreif flüchtig durchzittert hatte.

„Es ist wie Frühling. Nur ein bisschen, ein bisschen Glück,“ sagte sie träumerisch.

IV.

Doktor Leopold Reuter machte ein Haus, ein grosses sogar. An den bestimmten Winterabenden findet sich ‚tout Berlin‘ dort ein. Eintägige Berühmtheiten und die Berühmtheiten einer Saison werden dem erstaunten Publikum nebst ausgezeichnetem Tee und vorzüglicher kalter Küche serviert. Alles, was Geist hat oder doch den Hauch eines Geistes in sich verspürt, glaubt sich verpflichtet, diesen da auch leuchten zu lassen. Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker bilden das Hauptelement, und die Männer der Börse mischen sich dazwischen und schwimmen oben wie Öl auf dem Wasser.

Das wogt und geht auf und nieder in den nicht grossen, aber mit fein künstlerischem Geschmack ausgestatteten Räumen. Die Damen der Bühne lassen ihre blendenden Hälse bewundern, und die Frauen, die nichts bewundern lassen können, ärgern sich darüber.

Wer Orden hat, zeigt sie und zugleich auch die dazugehörige Verachtung solcher Äusserlichkeiten; ein ‚Sich-gar-nichts-drausmachen‘ ist hier am Platz, in diesem Dunstkreis von Dichtern und Denkern, wo die Freiheit des geistigen Horizontes menschliche Eitelkeiten nicht aufkommen lässt. Wer keine Orden hat, zeigt sie — nicht, versteht aber das ‚Sich-gar-nichts-drausmachen‘ noch besser zur Anschauung zu bringen.

Die Damen der Börse rauschen in prachtvollen Schleppen, die Künstlerfrauen zeigen phantastische Gewänder; andere kommen in einfachen Alltagswollenen, und dazwischen huschen kleine Mädchen in weissen Kleidern, wie frühe Blüten am Kirschbaum. Alles ist vertreten. Dummheit sitzt neben Klugheit, Esprit neben Phlegma. Prickelndes Lachen und schwerfälliges „Hm, hm“; goldstrotzende Börsen und schwindsüchtige Beutelchen; Schönheit und Schönseinwollen; Vornehmheit und Demimonde; Ritter vom Geiste und solche, die weder Ritter, noch vom Geiste sind; verschminkte Züge und Rosengesichter — tout Berlin!

Und über dem schwebt das Genie von Doktor Leopold Reuter, alle diese Elemente unter einen Hut zu bringen. Und er bringt sie. Elastisch wie ein Jüngling gleitet der schlanke alte Mann durch die Räume; seine weissen Haare, die die Glatze umstehen, sind gelockt, und in den dunklen Augen hat er Jugend. Er sagt viel Verbindliches, aber er lügt nie, er meint es wirklich so; es ist die unzerstörbare gute Laune seines Herzens, die ihm alles im rosigsten Lichte zeigt. Wo Talent ist, sieht er Genie, wo kein Talent ist, sieht er wenigstens Begabung; alte Frauen scheinen ihm ‚schön gewesen‘, und die jungen sind ihm alle reizend. Passable Gemälde sind ihm Meisterwerke und öde Farbenversuche immer noch Stimmungsbilder. Er ist zum Kunstmäcen geschaffen; immer enthusiasmiert, begeisterungsfreudig, selbst froh, zu leben und andere leben zu lassen.

Heute wimmelte es in Doktor Reuters künstlerischen Räumen mehr denn je.

„Die Hoheit — die Hoheit!“

„Haben Sie die Hoheit schon gesehen?“

„Sind Sie schon vorgestellt?“

„Hoheit — Hoheit“ — — —

Die Damen neigten sich wie ein buntes Tulpenbeet, durch das der Wind streicht — Hoheit gingen vorüber.

Hoheit hatten den Hausherrn unter den Arm gefasst, beide waren wie zwei gute Freunde miteinander; der Hoheit noch ziemlich jugendliches, ziemlich einfaches Gesicht trug einen sehr freundlichen Ausdruck, und Doktor Leopold Reuter strahlte in all seiner Herzensliebenswürdigkeit. Er hatte heute eine kindliche Freude.

Sie machten jetzt Halt an einer Portiere, eine junge Dame hatte sich hinter dieselbe gedrückt und sah mit glänzenden Augen vor.

„Ah —!“ Reuter fasste sie an der Hand und zog sie näher. „Geruhen Hoheit! Fräulein Magdalene Langen, eine junge Künstlerin, mein ganz besonderer Schützling! Süsse Stimme, ganz exquisite Art des Vortrags. Da Hoheit selbst hervorragender Künstler sind, werden Hoheit selbst am besten urteilen können. Fräulein Langen ist meiner Ansicht nach die beste Schumannsängerin unserer Zeit — hohe Poesie, intimer Liebreiz!“

Lena war tief errötet, sie kannte zwar Reuters Enthusiasmus und seine Art, im Superlativ zu sprechen, und doch dünkten ihr seine Worte jetzt so wahr, sichere Bürgen; sie sah mit strahlendem Ausdruck der Hoheit ins Gesicht.

Diese lächelte. „Ah — sehr erfreut, das Fräulein gleich zu hören! Schumann, Schumann — ah, Schumann ist mein ganz besonderer Protegé! Sagen Sie, lieber Reuter“ — Hoheit drehten den Kopf interessiert zurück in das andre Zimmer —, „wer ist jene Dame? Die dort, in der rosa Robe! Blendend schön! Dieser Nacken, klassische Arme! Bitte, stellen Sie mir dieselbe vor!“

Noch ein huldvolles Lächeln, ein freundliches Zublinzeln von Reuter — sie gingen.

Also das war die Hoheit, und nun sollte sie der gleich vorsingen?! Lena fühlte auf einmal gar keine Lust mehr. Sie hatte sich so unendlich auf den heutigen Abend gefreut, konnte die Zeit nicht erwarten, war ungeduldig im Zimmer umhergetrippelt und hatte lächelnd ihrem Spiegelbild zugenickt. Die Mutter war geschäftig um sie herumgegangen, hatte sich an der Tochter gefreut und noch oben von der Treppe gerufen: „Amüsiere dich gut, sehr gut! Hast du auch den Hausschlüssel? Die Entreetür mache ich dir selbst auf, ich warte auf dich. Singe sehr schön! Viel Vergnügen!“

Vergnügen —?! Lena warf die Lippen auf und zog sich ganz hinter ihre Portiere zurück; am liebsten hätte sie sich verkrochen. Sie mochte hier nicht singen; sie fühlte, wie sich ihr langsam die Kehle zuschnürte und wie ihr Herz zu klopfen begann. Oh, wenn sie nur fortlaufen könnte! Was machte sich die Hoheit aus ihrem Gesang? Gar nichts, gar nichts; Hoheit rannten ein paar nackten Schultern nach und reckten den Hals nach ein paar weissen Armen! Erbärmlich! Ach, wie traurig stand es um die Kunst! Lenas Fussspitze klopfte nervös den Boden. Vor ihren Ohren wirrte und schwirrte es, und da, in all den Lärm hinein, sollte sie singen? Eine jähe Angst überkam sie. Wenn all die teilnahmslosen Augen sie gleichgültig anstarrten, wenn man sich ganz nah, ganz nah, aber nur aus lauter Neugier um den Flügel drängte, was dann? Man würde sie mustern, seine Glossen machen, sie hatte ja keine blendenden Schultern und keine klassischen Arme; die Hoheit würde gähnen und verstohlen nach Besserem ausschauen.

Ein bitteres Gefühl jagte Lena das Blut aus den Wangen und machte sie bleich. In ihren Knien begann ein Beben; hastig atmete sie mehrmals hintereinander und schluckte, der Hals war ihr ganz ausgetrocknet. Sie presste die Handflächen zusammen, sie waren feucht und kalt. Es war eine Qual, hier zu sein.

Das Geschwirr liess plötzlich nach; eine auffällige Stille war eingetreten. In der Nähe flüsterte es: „Ruhe — Musik — es wird Musik gemacht!“ Und nun hörte Lena eine kichernde Mädchenstimme: „Wie schade, nun muss man still sein, kann sich nicht mehr unterhalten!“ Und ein Herr sagte verdriesslich und ziemlich laut: „Wenn nur die Musiziererei bald losginge! Je eher, desto rascher ist’s überstanden Hoffentlich ist der Schmerz kurz!“

Lena zitterte am ganzen Leib — nein, singen konnte sie hier nicht! Entschlossen schob sie die Portiere zurück; sie wollte gehen, rasch, fort! — Zu spät!

Vor ihr stand Reuter und bot ihr galant den Arm. „Also, Kindchen, en avant! Erlauben Sie, meine Herrschaften! Bitte, bitte — so, danke schön, nun können wir schon durch.“ Mit liebenswürdigem Lächeln schob sich der Hausherr weiter, er zog Lena am Arm nach. Vor der Tür des Musikzimmers staute sich’s — die Hoheit war drinnen.

„Bitte, bitte — ah, erlauben Sie — gnädige Frau, ein klein bisschen rücken!“ Reuter dienerte vor einer umfangreichen, brillantenbesetzten Taille — von Gesicht nichts zu sehen, alles versank hinter der mächtigen Fülle dieses Brustkastens. „Danke sehr, gnädige Frau — ah, unendlich liebenswürdig, meiner kleinen Nachtigall Platz zu schaffen!“ Er küsste den Arm, der aus der brillantenbesetzten Taille hervorquoll. „Charmant, wie immer, ganz charmant! Üben Sie Gnade bei diesem schüchternen Vögelchen, meine Allergnädigste! Die Sonne duldet ja auch andere Gestirne neben sich; sie müssen freilich erbleichen vor Ihrer Glorie!“ Wieder eine Verbeugung und ein zweiter Kuss auf den vorquellenden Arm. Die Brillantenbesetzte knisterte und wogte.

„So“ — Reuter zog Lena über die Schwelle des Musikzimmers. „Eine hochberühmte Sängerin,“ flüsterte er ihr ins Ohr, jetzt Gattin des Bankiers Goldammer — famose Diners — höchst sympathische Frau, ganz charmant!“

Lena fühlte noch den kalten, starren Blick der hochberühmten Sängerin auf sich ruhen, sie sah den brillantenbesetzten Busen wogen. „Ich kann nicht singen,“ sagte sie leise, „wirklich, ich kann nicht!“ Sie versuchte ihren Arm aus dem seinen zu ziehen: „Oh, lassen Sie mich!“

„Fahnenflüchtig? Hoho, nichts da, nichts da!“ Reuter drückte ihren Arm noch fester. „Nur nicht ängstlich, Kindchen! Nun freut man sich, dass man der kleinen Nachtigall mal Gelegenheit geben kann, sich hören zu lassen, und sie will davonfliegen? Oho, nichts da! — Bitte, meine Herrschaften — pst, pst — einen Augenblick Gehör! Fräulein Magdalene Langen wird die Güte haben, uns einige Schumannsche Lieder zu singen — pst — pst!“

Vor Lenas Augen tanzten rote Funken, und dann wurde es schwarze Nacht. Mechanisch, ohne zu sehen, machte sie ein paar Schritte gegen den Flügel. „Soll ich mich selbst begleiten,“ fragte sie stockend, „oder —“

„Nein, bitte.“ Doktor Reuter klopfte ihr beruhigend die Hand. „Es sind soviel musikalische Leute hier, jemand wird die Güte haben.“ Er sah sich suchend um. „Ah, sieh da, lieber Bredenhofer — ganz charmant — Sie wollen begleiten — schön, wunderschön! Sie verstehen ja Schumann aus dem ff, Sie Hans in allen Ecken!“ Er legte dem schlanken, jungen Mann, der sich eben durchgedrängt hatte, die Hand auf die Schulter. „Noch ganz ausser Atem? Dacht ich’s doch, natürlich noch in x anderen Gesellschaften gewesen! Also bitte, lieber Bredenhofer, darf ich vorstellen: Fräulein Magdalene Langen — Herr Richard Br — ah, Sie kennen sich schon, charmant, ganz charmant!“

Vor Lenas Augen war es noch dunkler geworden und jetzt plötzlich hell, blendend hell. Schwankend lehnte sie sich an den Flügel. Ein eiskalter Strom lief ihr über den Leib, und dann schlug ihr eine glühende Hitze ins Gesicht. Da stand er vor ihr, dem sie nie mehr zu begegnen geglaubt — er! Die Gesichter ringsum wurden zu weissen, tanzenden Flecken, die Lichter in den Kandelabern streckten feurige, ellenlange Zungen heraus, es war ein Getöse, ein Rattern, ein Rasseln — — —

„Wollen wir nicht anfangen, gnädiges Fräulein?“

Sie fühlte sich an der Hand gefasst, warme Finger umspannten mit leisem Druck die ihren.

„Welches Glück, Sie wiederzusehen, Fräulein Langen!“

Sie hob den Blick; jetzt sah sie wieder. Da waren Menschen, eine ganze Menge Menschen, die nach ihr hinschauten; in der vordersten Reihe auf einem Samtfauteuil die lächelnde Hoheit, dahinter das gütig nickende Gesicht Doktor Reuters.

Sie lächelte, sie nickte wieder. — ‚Welches Glück, Sie wiederzusehen‘ — wie Musik klang das! Einer war doch da, einer, der sich freute, sie zu sehen, der fühlte, wie sie fühlte, mit Andacht vor die heilige Kunst trat. Vor dem lohnte es sich zu singen.

„Fangen wir an,“ sagte sie. Sie fühlte Mut, seine Augen sahen sie strahlend und zuversichtlich an. Sie musste gut singen.

Er stellte das Notenheft auf: „Was?“ Und dann blätterten sie beide, bis sie, wie von einem Impuls getrieben, den Finger auf die Seite legten. Sie sagten beide: „Hier!“

„Pst, pst!“ Doktor Reuter klatschte in die Hände. Es wurde ganz still, nur ein leises Bewegen ging durch die Roben und Fräcke.

Brederchofer präludierte zur Einleitung, sehr weich und hübsch; wie Samt glitten seine Finger über die Tasten. Jeder Ton war Lena eine Offenbarung — er freute sich, sie wiederzusehen — was mochte er von ihr denken —?! Fast hätte sie den Anfang versäumt, aber nun setzte sie ein, so kräftig sie konnte; mit einer gewissen Siegesfreudigkeit schleuderte sie die Töne heraus:

„Im Rhein, im schönen Strome,

da spiegelt sich in den Well’n

mit seinem grossen Dome

das grosse heilige Köln.“

Wie Schelmerei glitt’s um ihre Lippen. Sie hatte den Flügel und den Begleiter im Rücken, nun wendete sie den Kopf ein klein wenig nach hinten. Bredenhofer sah ihre zarte Wange und den Ansatz zum Grübchen darin, er sah die braunen Haarringel um das zierliche Ohr zittern.

„Es schweben Blumen und Englein

um unsre liebe Frau,

die Augen, die Lippen, die Wänglein,

die gleichen der Liebsten genau.“

Schumann mochte sich den Schluss des Liedes anders gedacht haben, mehr wie ein zartes Erinnern in sanft dahingleitender Melodie. Lena machte ein jubelndes, freudvolles Wiedererkennen daraus; sie drängte vorwärts, um voll und frohbewegt zu schliessen. Sie hatte das Lied früher nie so gesungen, es war ihr selbst eben neu geworden.

„Bravo — charmant — bravo — ganz charmant!“ Aus dem Klatschen hörte sie Doktor Reuters Stimme heraus. Ihr alter Freund hatte sich über die Hoheit gebeugt und nickte, eifrig sprechend; diese nickte auch und nickte dann Lena zu, die Hände huldreichst zusammenschlagend. Sie konnte mit dem Erfolg zufrieden sein. Eine seltene Freudigkeit, der Wunsch, mehr zu gefallen, jenem da am Klavier vor allem zu gefallen, überkam sie! Sie liess sich nicht bitten, Lied folgte auf Lied, mit jedem sang sie besser.

Ihr war, als könne ihre Kehle nie müde werden, der Kitzel, der sie sonst so leicht quälte, kam ihr gar nicht; singen, singen ohn’ Unterlass, die Nacht durch bis zum frühen Morgen, das hätte sie gekonnt. Mit dem heissen Rot auf den Wangen, mit den feuchten, tiefgefärbten Lippen und den gross aufgeschlagenen glänzenden Augen war sie sehr hübsch. Sie war ganz bei der Sache, sie sah jetzt nicht mehr die vielen Augen in den gleichgültigen Gesichtern; an die dachte sie gar nicht, aber sie dachte auch nicht mehr an Bredenhofer. Nur wie eine wohltuende Berührung empfand sie dunkel und unbewusst sein weiches Klavierspiel. Sie dachte jetzt nur an die Musik; ihre Seele wiegte sich auf den Klängen, sie war dem allen hier weit, weit entrückt, sie flog höher und höher.

„Wie macht sie hübsch den Mund auf! Was hat sie für reizende Zähnchen!“ sagte ganz in der Nähe jemand unvorsichtig laut.

Lena hatte es hören müssen und zuckte zusammen; wie einen schmerzhaften Stich empfand sie es. Als ob sie jemand am Kleid packte und aus der reinen Höhe herunterrisse, so war’s ihr.

Das Lied war beendet. „Wir wollen aufhören,“ sagte sie zu Bredenhofer.

„Schon? O —! Tun Sie mir noch einen Gefallen, singen Sie mein Lieblingslied: ‚Wer machte dich so krank?‘! Hier,“ — er blätterte hastig — „Sie kennen es doch? Es ist so schön!“ Seine Finger tasteten wie liebkosend über die Klaviatur — ein paar unbestimmte Akkorde — er murmelte:

„Dass du so krank geworden,

wer hat es denn gemacht?“

Sie erschrak über den schwermütigen Ausdruck, der sein eben noch so heiteres Gesicht beschattete.

„Bitte, singen Sie es, Fräulein Langen, es passt zu Ihrer Stimme.

Dass ich trag’ Todeswunden,

das ist der Menschen Tun;

Natur liess mich gesunden,

sie lassen mich nicht ruhn.

Noch das Lied!“ Er sah sie bittend und sehnsüchtig an mit einem seltsam verwirrenden Blick.

„Ich kann nicht!“ Sie senkte den Kopf auf die Brust. „Ich bin heute zu glücklich!“

*

Während des ganzen Abends hatten sie zusammengehalten. Jetzt war es schon spät. Draussen stand der Mond wie eine mattglänzende Scheibe am Himmel. Ein leichter Frost hatte die Erde gestreift, die Pfützen waren eingetrocknet, und doch war es nicht kalt.

Bredenhofer schlug Lena den Kragen des Abendmantels in die Höhe, als sie miteinander vor die Tür traten. Sie erschauerte leicht. Drinnen war’s warm gewesen — das viele Licht, all die Menschen, und — und — Lena wusste selbst kaum, wie ihr zumute war. Glücklich auf jeden Fall; aber es war eine seltsame Unruhe, ein Vorwärtsdrängen, eine fieberhafte Erregtheit in diesem Glück.

Man hatte ihr sehr viel Schmeichelhaftes gesagt, die Hoheit ihr des längeren und breiteren von Poesie gesprochen und der begeisterte Freund und Kunstmäzen ihr enthusiastisch die Hände geküsst: „Kindchen, Kindchen, aus Ihnen wird noch was, ich hab’s ja immer gesagt — ganz charmant — und wie Sie aussehen!“ Er küsste sich entzückt die Fingerspitzen.

Er hatte recht — ein Blick im Vorüberstreifen in den Spiegel — sie sah’s auch, so hübsch war sie selten. „Nur ein bisschen Glück,“ murmelte sie unhörbar, und dann lächelte sie und legte die schlanken Hände an die glühenden Wangen. Ihre Augen waren glänzend, brennend, ihr Mund plauderte und scherzte; sie sagte, was sie sonst nie gesagt haben würde, sprudelnd witzig, und mitten drin biss sie sich mit den weissen Zähnen auf die tiefrote Unterlippe — nur nicht zu lustig!

Der ganze Tisch amüsierte sich über sie; sie fühlte die freundlichen, ja bewundernden Blicke, sie hörte die Komplimente und nahm sie mit naiver Freude hin. Alle waren gut, sehr gut zu ihr, und Bredenhofer vor allen; er wich nicht von ihrer Seite.

Sie plauderten dann mitten im Schwarm halblaut miteinander wie damals im Eisenbahnkupee; es gab ihnen so eine eigene Art von Vertrautsein. Manchmal in früheren Nächten hatte Lena, nicht des Reisegefährten, wohl aber des Kusses bei der Ankunft in Berlin gedacht; sie war dann unter die Decke gerutscht und hatte den Mund halb in Lächeln, halb in Verlegenheit verzogen, sie mochte sich selber nicht gern daran erinnern. Jetzt schämte sie sich gar nicht mehr; sie wusste, er dachte doch gut von ihr: das sprach aus seinen Augen, aus seiner Stimme, aus seinem ganzen Wesen. Und nun war ihr, als hätte sie immer, immer an den Reisegefährten gedacht, als wäre ihr die ganze Zeit über nichts anderes in den Sinn gekommen.

Als das Fest sich zu Ende neigte, hatte Bredenhofer gebeten, sie nach Hause bringen zu dürfen. „Es ist ein so märchenhaftes Glück, das mich mit Ihnen hier wieder zusammengeführt hat, lassen Sie mich’s auskosten, Fräulein Langen — lassen Sie mich!“

Und nun gingen sie. Hohl hallten ihre Schritte auf der einsamen Strasse. Vor ihnen das Trottoir, mit einem leichten Gespinst von Reif überzogen, glänzte wie Silber. Am Himmel unzählige Sterne, und mitten darin der Mond, ruhig im blaugrauen Äther schwimmend.

Bredenhofer, das elegante Stöckchen unter den Arm geklemmt, den kostbaren Pelzkragen seines Mantels halb geöffnet, schritt dicht neben Lena. Sein Gesicht schimmerte bleich im Mondlicht, etwas übernächtig, aber seine Augen blitzten; immer wieder glitt sein Blick auf das Mädchen an seiner Seite. Von ihrem zarten Gesicht war kaum etwas zu sehen. Es verschwand ganz unter der grossen rosa Wollkapuze; Frau Langen hatte die selbst gehäkelt.

Sie gingen schweigend eine ganze Weile. ‚Trapp, trapp‘ hallten ihre Schritte, und der Nachtwind kam und trieb die Löckchen unter der rosa Kapuze vor und zerrte sie in lange, seidige Strähnen. Bredenhofer hüstelte, fasste dann nach seinem Mantel und knöpfte ihn fest zu.

„Sind Sie erkältet?“ fragte Lena. Sie war froh, etwas sagen zu können. Und dann, ohne eine Antwort abzuwarten: „Es ist doch zu wunderbar, dass ich Sie früher nie bei Doktor Reuter getroffen habe! Ich war auch im vorigen Winter oft da.“

„Aber ich nicht!“ Er fasste wieder nach seinem Mantel und fühlte nach seinen Knöpfen. „Den vorigen Winter war ich im Süden, eine leichte Lungenentzündung machte die Nachkur nötig. Aber nun bin ich gesund, ganz gesund!“ Er lachte hell, dass es die Strasse hinunterklang.

Wie liebenswürdig, wie sorglos das Lachen klang! Mussten nicht die Schläfer da hinter den geschlossenen Jalousien alle aufwachen? Lena fühlte, wie ihr was im Herzen aufsprang; eine törichte, köstliche Jugendfröhlichkeit, die gar keinen Grund hat und auch gar nicht fragt: ‚weshalb?‘ übermannte sie. Sie machte einen kleinen Satz auf dem Trottoir und dann noch einen.

„Friert Sie auch nicht?“ fragte er.

„Frieren? Haha!“ Seine Frage bei der herrlichen Luft, dem klaren Mondschein, bei der Wärme, die sie tief innen spürte, machte sie lachen. Und nun klang auch ihr Lachen hell und fröhlich die Strasse hinab.

Sie lachten beide.

„Pst! Wir werden wegen nächtlicher Ruhestörung verhaftet!“ Er drückte sich noch näher an ihre Seite. „Wann sehen wir uns wieder, Fräulein Langen?“ Der Atem ging ihm rasch, seine hübschen Augen hingen flehend an ihr, er fasste nach ihrer Hand. „Ich habe sooft an meine liebenswürdige Reisegefährtin gedacht; nun habe ich sie kaum wiedergefunden und soll sie schon wieder lassen?“

Lena wurde verlegen; es schwebte ihr auf den Lippen, zu sagen: „Kommen Sie doch zu uns!“ Sie glaubte die Bitte darum deutlich aus seinen Worten herauszuhören, aber sie dachte an ihre Mutter, was die wohl sagen würde, wenn sie ihr einen fremden Herrn auf den Hals lüde. Sie wurde noch verlegener. „Ich — ich würde Sie gern auffordern — zu uns zu — aber —“

„Nein, nein,“ unterbrach er sie, „nur Sie will ich sehen — muss ich sehen! Ah“ — er liess ihre Hand los und fuhr sich mit der nervösen Bewegung über die Stirn — „ich bin ein Feind von Formalitäten. Für freie Naturen sind sie der Tod.“ Er sah ihr tief in die Augen, seinen Schritt hemmend und vor ihr stehenbleibend. „Fräulein Langen, wir müssen uns zuweilen sehen; sagen Sie mir, wann und wo Ihre Stunden sind, ich werde Sie dann dort abholen oder hinbringen.“

Sie schrak leicht zusammen. „Ich — ich — oh —!“ Sie schüttelte verneinend den Kopf.

Er lachte plötzlich bitter auf, mass sie von Kopf bis zu Füssen und lachte noch einmal bitterer. „Natürlich! Wie die anderen Mädchen auch, prüde, ängstlich! Und ich dachte, Sie, gerade Sie könnten sich über das Alltägliche erheben; Sie könnten einem Mann, der umhertappt und sehnsüchtig das Ideal sucht, das Ideal sein!“ Er fasste ihren Arm und presste ihn derb in seiner Erregung. „Ah, Fräulein Langen, Sie wissen nicht, was das heisst, als junger Mann haltlos im Leben taumeln! Das Viele, das Viele bringt einen um! Ich wünschte, ich wär’ ein Schuster oder Schneider und hätte gar kein Talent und gar kein Streben, dann wär’ mir wohler. Ich hätte wenigstens Ruh’. Aber so!“ Er fasste nach seinem Schnurrbart und klemmte ihn zwischen die Zähne. — „Äh!“ —

„Ach!“ Lena war blutrot geworden. „Es tut mir sehr leid,“ sagte sie leise.

„Ja“ — mit einem gewissen schwermütigen Behagen fuhr er fort — „man hat erst Ruhe, wenn man im Grab liegt. Verstehen und bedauern wird einen dann zwar auch noch keiner. ‚Der hat’s zu nichts gebracht‘, sagen sie und zucken mit den Achseln. Es ist zum Verzweifeln!“ Er beschleunigte seinen Schritt und riss Lena mit sich.

Sie waren jetzt schon in der Potsdamer Strasse, bald waren sie am Ziel. Lena fühlte das dringende Bedürfnis, ihm etwas Liebes zu sagen. Sie tastete nach seiner Hand und drückte sie. „Ich glaube, es ist wohl jedem Talent so zumut!“

„Das Talent, das Talent! Das ist’s ja eben!“ Er fuhr sich wieder über die Stirn. „Fräulein Langen“ — in einer plötzlichen Begeisterung hielt er ihre Hand fest — „ein mächtiges Fluidum strömt von Ihnen zu mir, von mir zu Ihnen. Der gleiche Funke von oben hat knisternd unser Haar berührt!“

Er rannte vorwärts mit langen Schritten; sie hatte Mühe, Schritt zu halten, keuchend lief sie nebenher.

Er sah traurig und finster aus, die Stirn in viele Falten gezogen; im gegenseitig sich bekämpfenden Mondund Laternenlicht waren sie deutlich genug zu erkennen, die tiefen Runen, wie in einem alten Männergesicht. „Und Sie wollen nicht?“ sagte er hastig. „Sie könnten mir so viel Gutes tun, wir könnten so schön alles miteinander besprechen! Ich bin kein schlimmer Kerl“ — er sah ihr offen ins Gesicht mit einem treuherzigen Lächeln, das ihn sehr verschönte und seinen Zügen einen fast knabenhaften Reiz lieh —, „Sie brauchen keine Sorge zu haben, ich mein’s ganz ehrlich!“

Seine Stimme klang warm, gewissermassen zärtlich; so spricht man zu einem Kind: „Fürchte dich nicht!“

Lena sah in seine Augen, deren Weiss im ungewissen Licht in seltsam feuchtem Schimmer schwamm; sie schlug die ihren rasch nieder. „Ich will ja — ich will ja,“ sagte sie ängstlich stockend und doch mit einer gewissen Freudigkeit.

„Dank!“

Und dann sprachen sie beide nichts. Es war eine lange Pause, in der nur ihre Tritte hallten und in der Ferne ein Echo fanden. Da gingen auch Menschen, aber so weit, so weit!

Die Sterne blinzelten und zuckten am Himmel. Ein Lufthauch kam durch die stille Nacht und säuselte in den kahlen Bäumen am Trottoirrand.

„Wie im Frühling,“ flüsterte Lena.

„Es ist auch Frühling — bei mir,“ sagte er ebenso leise.

Sie bogen in die letzte Querstrasse ein, sie hielten vor einem hochstöckigen Haus. „Ich danke Ihnen vielmals; nun bin ich zu Haus!“ Lena zog den Schlüssel heraus.

Er nahm ihn ihr ab und steckte ihn zögernd ins Schloss. „Fräulein Langen“ — er beugte sein Gesicht ganz nahe an das ihre — „nun sagen Sie mir, wann, wann darf ich Sie wiedersehen? Morgen, übermorgen, bitte!“

„Übermorgen!“ Es klang wie ein Hauch. Dann hastig: „Bitte, schliessen Sie auf, bitte, ich muss rasch hinauf!“

Er drehte langsam den Schlüssel. „Und ich darf Sie hier erwarten, hier vor der Tür? Um welche Stunde? Bitte!“

„Um zehn!“ Sie musste plötzlich lachen, als sie sein Gesicht sah. „Es ist sehr früh für Sie, nicht wahr?“

Ihr liebes Gesicht blinzelte ihn schelmisch an — was sie für Augen hatte, kinderrund und blank und doch abgrundtief!

„Ich — ich — Fräulein Langen — Lena —!“ Er war wie trunken, er fasste, gleichsam einen Halt suchend, nach dem Mädchen. Seine Rechte schmiegte sich unter das rosige, kühlglatte Kinn; mit der Linken zog er sie an der widerspenstigen Haarlocke über der Stirn sacht näher und näher. Ihr Kopf lag an seiner Brust; die rosa Kapuze hing ihr im Nacken.

„Lieb — so lieb!“ flüsterte er auf den braunen Scheitel herunter.

Sie nickte stumm.

War’s ein Kuss, den sie da oben auf ihrem Haar fühlte, eine liebkosende Hand in ihrem Nacken?

„Gute Nacht!“ Sie riss sich los. Und nun noch einmal mit Lächeln: „Gute Nacht!“ Die Tür sprang auf — jetzt war sie geschlossen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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