Kitabı oxu: «Eine Handvoll Erde»
Clara Viebig
Eine Handvoll Erde
Saga
1.
Reschkes saßen in ihrer Küche. Sie hatten eben gegessen, Mittag und Abendbrot gleich zusammen, denn er kam erst gegen Sieben aus der Kartonagenfabrik, und sie wartete mit ihrer Mahlzeit auf ihn. Nun hatte er das letzte Stückchen Hammelfleisch aus der Gemüsebrühe herausgefischt und legte die Gabel hin, während sie sich noch den Rest der Tunke, der in der Schüssel zurückgeblieben war, in ihren Löffel goß. Das bißchen Fleisch ließ sie ihm immer, denn wenn es auch nicht mehr so knapp zuging wie in früheren Jahren, als die Kinder noch klein waren, es war doch alles sehr teuer.
Der Mann lehnte sich in seinen Stuhl zurück, streckte die Beine lang unter den Küchentisch und gähnte: »Ich wer’ nachher mal rüber gehn, ’ne Partie spielen.«
»Spielste Billard?« fragte sie und sah ihn forschend an.
»Weiß nich!« Er zuckte die Achseln. »Kommt drauf an, wer grade da is.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und kippte mit seinem Stuhl hin und her. »Hier unsre Küche kenn ich nu in- und auswendig und drin die Stube auch – man sehnt sich doch mal nach ’m bißchen was andrem. Abwechslung muß der Mensch haben, sonst geht er ein.« Er seufzte auf.
»Biste denn krank?« fragte sie fast ängstlich. Man sah es ihrem Blick an, daß sie ihn noch lieb hatte, daß sie in ihm immer noch den sah, dem sie in ihrer Jugend willig das hingegeben hatte, was ihr einziges Besitztum war.
»Krank? Bewahre! So ’ne Knochen wie du wer’ ich freilich nie kriegen« – er zog sie mit einer etwas spöttischen Miene zu sich heran – »was, Alte?! Dafür bist du aber auch vom Land und ich aus der Stadt.«
Sie hielt geduldig still, ließ ihn ihre starken Arme befühlen und ihn auf ihren breiten Rücken klopfen. Sie war größer als er und sah auf seine schmächtige Gestalt herab. Gutmütig lachend gab sie zu: »Ja ja, Knochen hab ich – Gott sei dank!« Sie sah auf ihre verarbeiteten Hände, und ihr Gesicht wurde nachdenklich: was hätte sie denn wohl anfangen sollen ohne die Knochen?! Denen hatte es nichts ausgemacht, wenn die Last auch einmal schwer war; sehr schwer.
»Na, warum denn so ernsthaft? Du machst ja ’n Gesicht auf einmal – na ich danke! Bist wohl beleidigt?«
Sie sah ihn freundlich an. »O nee, so dumm bin ich nich. Aber weißte, Arthur, ’s wär’ mer doch lieber, wenn de nich drüben nach ’s Kaffee Amor tätst gehn. Da gibste immer viel aus, du verlierst bei die Karten. Un denn haste morgen Kopfweh. Bleib doch hier – um Neune kommt ja ooch Fridchen!«
»Wenn schon!« Die Lockung mit der Tochter verfing nicht bei ihm, er lachte kurz auf. Die Frida war ja gewiß ein braves Mädel, aber genau so wie die Mutter. Und drüben die freundliche Bedienung von jungen, »schicken« Damen war amüsanter. Aber er traute sich nicht recht, jetzt zu gehen, wenn Mine so ein Gesicht machte.
Verdrossen saß er am Küchentisch und beobachtete seine Nägel.
Die Frau fing an, das Geschirr abzuwaschen, verstohlen blickte sie dabei nach ihrem Mann. Er saß gelangweilt da, ach ja, sie wußte es ja selber, sie war nicht sehr unterhaltend, dazu hatte sie zu viele Sorgen gehabt in ihrem Leben. Und sie hatte auch die Bildung nicht, die er verlangen konnte; denn er war mal drei Jahre aufs Gymnasium gegangen. Die Schwiegermutter hatte noch auf dem Totenbett gejammert: warum ihr Arthur bloß nicht ein studierter Herr Doktor geworden war?!
Mine Reschke machte ein ernstes Gesicht, sie sah ein, für Arthur war es wirklich nichts, hier immer nur bei ihr in der Küche zu sitzen. Aber war’s denn drüben was für ihn? Abspenstig machen würde ihn ihr wohl keine – die Zeiten waren vorbei – aber sie wollte es nicht, nein, sie mochte es durchaus nicht, daß ihr Mann, ihr Arthur, Fridchens Vater, da drüben saß. Sie zog die Stirn nachdenkend in Falten. Wenn sie nur etwas Besseres wüßte für ihn! Wo man auch zum Vergnügen hingehen konnte, es kostete alles sündhaftes Geld, das Café drüben war am Ende doch noch das Billigste; und er hatte es so nah gegenüber. Und rechts so eines, und links so eines, und ein Haus weiter eines, und zwei Häuser weiter auch. Überall Restaurants: Haus bei Haus, die ganze Straße. Im ersten Stock Hotel, im zweiten Stock Pension, im dritten Stock Privatlogis, im vierten möbliertes Zimmer mit Separateingang; und unten in jedem Parterre das Restaurant mit freundlicher Damenbedienung.
Mine ließ mutlos die Hände herunterhängen. »Wären wer bloß nich hergezogen!« Sie wußte nicht, daß sie es laut herausstieß mit einem Seufzer.
»Ja, schön is anders!« Er empfand besonders die schlechte Luft. Da war es doch im Westen, als sie noch Portiers waren, besser gewesen. Jetzt mochte freilich auch alles zugebaut sein. Mutter und Vater Reschke und der kleine Willi und dann das Lieschen, die sie dagelassen hatten auf dem Schöneberger Kirchhof, würden sich auch wundern, wenn sie heraussehen könnten aus ihren Gräbern. Berlin war eben eine große Stadt, wurde alle Tage noch größer.
Mine nickte: »Ach ja!« Nun waren sie schon viel herumgekommen in den zwanzig Jahren, von der Göbenstraße nach der Neuen Winterfeldstraße in Schöneberg, von da nach dem Kreuzberg, dann Blücherplatz, von da wieder in eine funkelnagelneue Straße nach Wilmersdorf; und da hatte es ein Ende genommen mit dem Portiersein. Arthur wollte nicht länger das Haus mehr reinmachen: nur ein Weibsbild könnte sich so etwas gefallen lassen. Und Mine mußte doch auf Waschstellen gehen.
So hatte denn die große Wanderung angefangen. Immer dahin, wo man gerade Verdienst fand. Für Arthur durfte es nur leichte Beschäftigung sein, und die traf sich selten. Sie waren gezogen fast rund um Berlin. Vom Westen in die Gegend am Urban, vom Urban nach der Frankfurter Allee, von da bis nach Moabit in die Togostraße, und dann wieder tief hinein ins Herz von Berlin. Mine konnte von einer Hofwohnung fünf Treppen hoch in der Mulackstraße erzählen und von ein paar verwanzten Stübchen am Arconaplatz. Aber am wenigsten gern wohnte sie doch jetzt hier. Wenn der Tag hell war, sah die Straße gar nicht so unangenehm aus: hohe Häuser wie überall, Grünkramkeller und Schlächter und Kaufmannsläden. Die Häuser zwar altmodisch und verwohnt, an mancher Fassade sogar der Putz abgeblättert, innen hölzerne Treppen, winklige Gänge, viele Türen und Türchen, Höfe drei, vier hintereinander; aber morgens gingen fleißige Männer zur täglichen Arbeit heraus und Kinder zur Schule, und Frauen, die Markttasche am Arm, holten ein. Doch wenn es dämmerte, der Abend sank –?!
Die Mutter sah unruhig nach der Uhr: noch kam Fridchen nicht!
Der Mann hatte das Fenster aufgemacht, aber man sah gegen eine graugelbe, verstaubte, rissige Hinterwand. Und daß Luft ins geöffnete Fenster kam, merkte man auch nicht. Die war genau so verbraucht, von allerlei Gerüchen dick, wie die Luft der Küche. Arthur hatte den Arm ums Fensterkreuz geschlungen, den Oberkörper vorgeneigt und blickte da hinaus, wo man den Himmel vermuten konnte.
»Du, ich glaube, ich seh ’nen Stern!«
»Ach nee!« Mine sagte es traurig. »Wo soll wohl hier ’n Stern herkommen!«
»Na, erlaube mal!« Arthur ärgerte sich: Wenn sie nur was auf Berlin sagen konnte. »Als ob hier nich ebenso gut Sterne am Himmel stehen könnten wie draußen auf ’m Feld.«
»Ja, aber mer sieht se nich! Mach’s Fenster zu, Arthur, es stinkt rauf.«
Er schlug das Fenster zu: Nicht mal Luft konnte man schöpfen. Pfui Teufel! »Mir hätten doch lieber nach vorne raus ziehn sollen, da hätten sie wenigstens nichts rausgießen können. Heut is ’s ganz toll. Oder merk ich’s heut nur so?«
»’s wird Regen geben. Nötig tät der schon lange sein. Sonst wird’s nischte mit die Frühkartoffeln.«
»Was gehn mich Frühkartoffeln an!« Ungeduldig ging es hin und her. »Ich bin kein Bauer – wo heut nur die Zeitung bleibt! – aber besser hat’s so einer doch. Wenn er Stunk riecht, riecht er wenigstens seinen eigenen!«
Es raschelte. Jemand versuchte, von außen eine Zeitung durch die Tür zu schieben. Nun klopfte es.
»Siehste, da is se schon!« Mine öffnete. Draußen stand das kleine Mädchen von gegenüber. Sechs Parteien, allein hier im Haus, nahmen teil an der Zeitung, die der Budiker gegenüber hielt. Es wurde meist Abend, bis Reschkes die »Morgenpost« bekamen.
Arthur verfehlte nicht, zu fragen: »Nanu, ich dachte schon, ihr lerntet se auswendig!«
Die Kleine machte einen Knicks; das bleiche Gesichtchen, von auffällig frisierten, in langen Locken gedrehten Haaren umwogt, errötete. »Ich kann wirklich nichts dafür«, sagte sie ängstlich.
»’s macht ja auch nischte.« Die gutmütige Mine wußte selber nicht, warum ihr dieses Kind so leid tat. Es schien doch so weit ganz ordentlich drüben zuzugehen, man hörte kein Gezänk, und das hätte man hören müssen, die Wände waren ja so dünn. »Was se für schöne Locken hat«, sagte sie bewundernd, »un so ’ne feine blauseidene Schleife übers Ohr!«
Die Kleine duckte sich, der rauhen Hand ausweichend, die ihr übers Haar streichen wollte. Mit einem verschüchterten »Guten Abend!« knickste sie und lief hinüber zu ihrer Küchentür.
»Warum die bloß drüben so zusperren, man kuckt ihnen doch nischte ab!« Mine schüttelte den Kopf.
»Na, wer weiß auch!«
Mine wurde neugierig: was dachte Arthur denn? Oder wußte er was? Aber Arthur hörte gar nicht hin, er studierte die Zeitung.
Plötzlich legte er die Hand auf den Tisch, so kräftig, daß die kleine Küchenlampe, die er sich nahe herangezogen hatte, wakkelte. »Was die jetzt billig Land anbieten! Einer, der gar nichts hat, kann sich jetzt schon ’n Haus bauen!« Er schob ihr das Zeitungsblatt über den Tisch hin: »Da, lies mal!«
»Les du lieber!« Mine war ein wenig verlegen.
»Baustellen, Baustellen, mit und ohne Baugeld. – Kleine Anzahlungen, Vorortgrundstück, Zehnpfennig-Tour. – Berliner Laubenkolonisten, pachtet kein Stück Land zu teuren Pachtpreisen, sondern kauft Parzellen zu ein bis fünf Morgen, nur dreihundert Mark Anzahlung! – Achtung! Baugrundstück, gelegen inmitten herrlicher Wälder. – Eigenheim! Jedermann kann sich heutzutage ein eigenes Heim schaffen.
»Glücklich und heiter, früh und gesund,
Lebt man nur auf eigenem Grund!«
Arthur hatte mit steigendem Ausdruck gelesen; jetzt ließ er das Blatt sinken. Durchs Fenster jagte ein plötzlicher Zugwind einen Dunst herein, der einem fast den Atem benahm, und aus dem unteren Stockwerk tönte ein jämmerliches Weibergekreisch und dann ein schimpfender Männerbaß.
»Da gibt’s wieder irgendwo Krach!«
Mine nickte: das war man ja gewohnt, aber jedesmal war es aufs neue gräßlich; besonders jetzt, wenn Arthur vorlas von Wald und Wasser und Eigenheim. Sie seufzte und schob das Zeitungsblatt weit von sich ab: »Das ’s ja nischte for uns.«
»Warum denn nich?!« Arthur ereiferte sich: Das sah er gar nicht ein, daß sie allein leben sollten wie die Galeerensklaven, die angeschmiedet waren an der Ruderbank. Er stemmte beide Ellbogen auf den Tisch und stierte, den Kopf zwischen die Hände gestützt, auf die Zeitung, deren letztes Blatt ganz angefüllt war mit fettgedruckten, in die Augen fallenden Annoncen des Grundstück- und Hypothekenmarktes. Landhaus, Waldheim, Villa, Seegrundstück, Unter den Eichen, Laubenkolonie, Gartenland, Eigenheim – immer wieder Eigenheim! Die Ansiedlerbank gab bereitwillig jede Auskunft. Und da war auch ein Pächter, der wollte billig abverpachten: kleine Stücke, ganz in der Nähe von Berlin, seltenstes Angebot, Sommerlauben in schönstem Garten!
Arthur Reschke atmete tief. Er, der immer nur das Pflaster Berlins getreten hatte und den Asphalt, der in der Hitze klebt, fühlte plötzlich einen Ekel. Im Keller geboren, im Keller aufgewachsen, dann viele Treppen heraufgeklommen, dann viele wieder heruntergeklettert – herauf, herunter und herunter, herauf – sollte er denn immer nur ein klägliches Stückchen Himmel suchen? Den nie sehen ohne dies angerauchte Grau? Über dem Feld aber stand der Himmel wie eine Glocke, reinblau wie die Blume des Flachses, von der Mine erzählte. Schön mußte es sein, wenn man sich hinausflüchten konnte auf ein stilles grünes Plätzchen, das einem allein, ganz allein gehörte. Bis hier in den Hof, vier Treppen hoch, hörte man das Rollen der Elektrischen, es ging durch die Straßen wie ein dumpfes Donnern; und Geschäftswagen polterten vom Stettiner Bahnhof her, es tönten die Hupen.
Arthur Reschke hielt sich die Ohren zu: ja, so über vierzig Jahre Berlin nehmen mit. So lange man jung ist, macht es Spaß, aber wenn die Ohren nicht mehr so scharf sind, die Beine nicht mehr so geschwind, wenn die Lunge zu viel eingeatmet hat von dem Staub und dem Dunst, dann braucht der Mensch ein Plätzchen, wo er frei atmen kann. Er hüstelte.
»Du wirst doch nich wieder deinen Husten kriegen?« Die Frau sah besorgt nach ihm hin.
»Hör mal!« Und er las mit erhobener Stimme die Verse vor, die sein auf die Landangebote stierendes Auge eben entdeckt hatte:
»Mein Heim, mein liebes kleines,
Voll Sonne und voll Ruh,
Wie eil ich deinem Frieden
Am Feierabend zu!«
»’s scheene«, sagte sie und machte ein ganz andächtiges Gesicht. Wie der Prediger in der Kirche las er’s. Ach ja, da draußen, sie wußte es ja so genau, wie schön es da draußen war! Ihre Jugend auf dem Lande hatte sie nie, nie vergessen. Aber daß der Arthur sich so danach sehnte?« Sie ahnte es nicht, daß ihre eigenen Erzählungen von Luft und Sonne, von grünender Saat und duftendem Klee, von wogendem Korn und von Himmelsbläue – Erzählungen, die wie Märchen klangen – daß die den ersten Keim der Sehnsucht in seine Brust gepflanzt hatten. Sie faltete die Hände: »Ach ja, wenn man mal wieder raus könnte!«
Da schrie er sie unwirsch an: »Mach nich so ’n dämliches Gesicht«, knüllte die Zeitung zusammen und schleuderte sie in eine Ecke. »Wozu ’s erst lesen, wenn man’s doch nicht kriegt. Ich geh jetzt rüber – ich hab’s satt.« Er nahm seinen Hut und lief die Treppe hinunter.
Sie hörte ihn poltern und leuchtete mit der Küchenlampe übers Geländer nach: der Wirt ließ das Gas immer nur halb aufdrehen. Ach, und die Miete war trotzdem so hoch!
Mit einem Seufzer ging die Frau in ihre Küche zurück. Da saß sie nun und stopfte Strümpfe und hörte die stetige Unruhe des eingepferchten Hofes, die beständige Unrast des vollgepfropften Hauses, den immerwährenden Umtrieb der immer vollen Stadt; all den Lärm, von dem das einzelne nicht erkennbar ist, der aber wie ein ewig wogendes, dumpfes Brausen das Ohr belästigt. Endlich flaute er ab und wurde leiser.
Durchs Fenster kam jetzt ein nächtliches Wehen, ein Luftzug, der sich irgendwo eine Ahnung von Reinheit aufgesammelt hatte, und der nun seinen Atem schlafbringend in die kleine Küche hauchte.
Der Frau war der Kopf herabgesunken. Das vergebliche Warten auf die Tochter hatte sie abgespannt: mein Gott, warum Fridchen heut nur so besonders lange ausblieb? Sie hatte gegähnt, nach der Uhr geblickt – halb zehn, – nun schlief sie, die Stirn auf dem Tischrand. Plötzlich schreckte sie auf, ein unterdrückter Aufschrei hatte sie geweckt. Unten aus dem Flur kam er.
Die Mutter riß die Küchentür auf: auf den Treppen war es schon stockdunkel. Nun kam es die Stufen heraufgelaufen, ganz eilig, wie verfolgt, in die Küche stürzte es hinein, und Frida Reschke sagte ganz atemlos: »Mutter, mach zu, mach zu!«
Frida Reschke war Schneiderin; keine perfekte, sie schneiderte für Kinder Schulkleider, für Hausmädchen Servierkleider, für die Damen besserte sie nur aus. Sie hatte ihre feste Kundschaft, und wenn die Arbeitswoche sieben Tage statt sechs gehabt hätte, so hätte sie auch die besetzt gehabt. Aber auf den Sonntag hielt sie, schon der Mutter wegen. Frau Reschke hätte es nicht zugegeben, daß ihr Fridchen an diesem geheiligten Tage wie an allen anderen Tagen frühmorgens um acht mit der Tasche, darin Schere, Nadelbüchse, Zentimetermaß, Fingerhut und das sorgfältig zusammengerollte Modenblatt, zur Kundschaft ausgezogen wäre. Denn Gott sprach: »Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten sollst du ruhen von allen deinen Werken« – das wußte Mine noch von der Dorfschule her.
Heute hatte Frida einen weiten Weg gehabt. Ganz oben in der Wilhelmstraße, dicht am Belleallianceplatz, schneiderte sie für die Hausdame von Doktor Hirsekorn einen Morgenrock. Früh langte die Zeit manchmal nicht, aber abends ging sie immer zu Fuß, auch diesen weiten Weg. Es tat ihr gut, daß sie sich Bewegung machte, sie hatte eine üppige Figur, eine volle Brust, und doch zeigte ihr rundes Gesicht das weiche Wachsblaß der Bleichsüchtigen.
Jetzt stand sie in der Küche und rang nach Luft.
»Na, was denne?« Mine war ein bißchen ängstlich, nicht weil es so spät war – es wurde schon ab und zu einmal halb elf – aber weil Frida so nach Luft schnappte. Sie sollte sich doch nicht so abjagen. »Warum biste denne so gerannt? Hast du unten so ufgequiekt?«
Unter des Mädchens blasse Haut schoß eine Blutwelle, sie schüttelte stumm den Kopf.
»Is dir niemand begegnet?«
»Nein«, sagte Frida, aber ihr Gesicht wurde noch röter. Mit einem gewissen Mißmut zog sie die Jacke aus und nahm den Hut ab. Hübsch war sie eigentlich nicht, aber im Dunkeln konnte sie wohl locken mit der üppigen Brust und dem mächtigen Knoten der starkblonden Haare.
»Ist das heut abend noch warm, schrecklich warm! Machs Fenster weit auf, Mutter! Zum Ersticken!«
Was war denn die Frida heut so aufgeregt? Mine sah stillschweigend zu, wie die Tochter die Taille, die sie einzwängte, auszog, hinter die Gardine an der Wand hing und in ihre Nachtjacke schlüpfte. Sie saß dann auf dem Küchenschemel, schlang die Hände um die Knie, beugte den Oberkörper vor und blieb so wie in Gedanken.
»Haste Verdruß gehabt?« fragte die Mutter. Sie sah es der Tochter doch an.
Frida nickte. Und dann lösten sich plötzlich zwei Tränen aus ihren starrenden Augen und fielen ihr in den Schoß.
»Haste was verschnitten?« Nun war Mine ernstlich beunruhigt. »Sag doch, Fridchen, was haste denne?«
»Meine beste Kundschaft, meine allerbeste Kundschaft – ach Mutter, der Doktor zieht von Berlin weg!«
»Na, für den machste doch nich de Kleider!« Mine war etwas verdutzt; dann tröstete sie: »Du wirst wieder ’ne andere gute Stelle kriegen. Zieht denn seine Mamsell, das Fräulein Zimmer, auch mit weg von Berlin?«
»Sie sagt: ›Nein, auf keinen Fall‹. Aber –« das Mädchen konnte sich gar nicht beruhigen – »ich bin doch so traurig, so traurig!«
Das war doch kein Grund gewesen, um zu weinen! Die Mutter hatte die Tür der Stube nach der Küche zu aufgelassen. Sie hörte, wie die Tochter sich dort im Bette warf. Arthur war noch nicht da, sie waren beide ganz allein. »Fridchen«, rief die Mutter, »schläfste noch nich?« Aber die Tochter antwortete nicht.
Frida Reschke schlief nicht. Sie lag ganz still auf dem Rücken und sah nach dem Fenster, dessen unverhängte Scheiben ein mattes, trübes Gelbgrau durchließen. Kein Mond, kein Stern warf Silberlicht herein. Das war alles so traurig, wie der ganze Tag heute gewesen war. Fröhlich war sie heut morgen zur Arbeit gegangen, das heißt, so fröhlich wie man sein kann, wenn man Tag für Tag immer dasselbe tun muß: nähen, immer nähen und flicken und stopfen. Jede Stunde am Tag gehört der Kundschaft, jede Minute; gerade daß man aussetzt, wenn einem das Essen gebracht wird. Wer doch einmal aufhören könnte zu nähen, immer zu nähen! Aber das würde nie aufhören, man nähte sein ganzes Leben lang. Man blieb sitzen in dieser Nähstube, hinten am langen Gang, durch den die Mägde trappeln, wenn es vorne schellt, in dieser Nähstube, die so voll ist von Schränken, daß gerade die Maschine noch Platz hat und ein Tisch. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, rufen sie herein: »Frida, machen Sie doch meiner Puppe ein neues Kleid, ja?!« Und der Kleinste tippt auf die Maschine: »Laß mich auch mal drehen –rrrrrr!« Das war die einzige Abwechslung – und ein ganzes Leben so?!
Frida stieß mit einem heftigen Ruck die Füße unten gegen die Eisenbettstatt. Da hatten es die Mädchen bei Wertheim doch besser, oder in irgend einem anderen großen Geschäft, wo die Käufer ein und aus fluten und man etwas sieht von der Welt. Nein, die hatten es auch nicht besser! Nein, alle Mädchen, die im Trott gehen müssen einen Tag wie den anderen, haben’s nicht besser!
Frida schloß die Augen, sie schämte sich vor sich selber: was war ihr doch nur angeflogen, daß sie heute solche Gedanken hatte?
Das kam von dem lauen Abend, an dem es einen förmlich heraus aus den Straßen trieb. Wer doch Zeit genug hätte, spazieren zu gehen! Denn das war kein Spazierengehen, dieses Laufen durch die Straßen. Ja, die Mutter, die hatte es gut gehabt, die war aufgewachsen auf dem Lande, darum war sie auch jetzt noch stark und fast jugendlich, trotzdem sie ein so schweres Leben gehabt hatte. Sie, die Näherin, würde nicht so lange jung bleiben. Bleichsüchtig – bleichsüchtig. Der Herr Doktor war heut einmal in die Nähstube gekommen – der gestreifte Morgenrock lag auf der Maschine, dieses ewige Gestreift-Sehen machte ganz schwindelig – er sagte: »Sie sehen blaß aus, mein Kind, Sie müssen diesen Sommer mal ein bißchen heraus!«
Ja wohl, heraus! Wovon denn? Wohin denn?! Sie mußte doch sparen. Die Mutter sparte, die Tochter sparte – die Mutter wusch und wusch, sie nähte und nähte – die Mutter sparte für das kommende Alter, die Tochter sparte für den künftigen Hausstand. O Gott nein, nur nicht! Nur nicht so heiraten, wie die Mutter geheiratet hatte!
Frida schauderte. Sie konnte sich gut erinnern an ihre Kinderzeit. Da war es ihnen sehr schlecht gegangen. Sie war oftmals hungrig ins Bett gekrochen, sie hatte oftmals gefroren. Nur die Liebe der Mutter hatte ihr weggeholfen über Hunger und Frost.
Wie war es heiß und beklemmend hier! Frida warf die Decke ab. Wäre sie doch heut abend nur nicht zu Fuß nach Hause gegangen! Sie war schon verstimmt gewesen, es konnte ihr doch nicht einerlei sein, daß der Doktor, der immer so freundlich zu ihr war, in dessen Haus ihre beste Stelle war, daß der nun ganz fortzog von Berlin.
Er könnte es nicht mehr aushalten hier, sagte Fräulein Zimmer. Die begriff das nicht. Gerade in der Wohnung, in der er mit seiner Frau so glücklich gelebt hatte und in der sie ihm gestorben war, müßte er doch wohnen bleiben. Nicht, daß er immer zu ihr nach dem Kirchhof zu laufen brauchte, wie das übrigens eigentlich zu begreifen wäre, wie sie es wenigstens tun würde, sagte Fräulein Zimmer, wenn sie einen Mann da begraben hätte – aber es wäre eine fixe Idee von ihm, daß er sich draußen besser fühlen würde, daß er da auch leichter wegkäme über den Verlust.
Frida richtete sich halb auf, ihre Augen wurden groß. Wenn sie nun heute mit dem Herrn gegangen wäre, der sie verfolgt hatte von der Friedrichstraße an – ?! Wie sie nur plötzlich darauf kam, sie war doch bei ganz anderen Gedanken gewesen?! Jetzt fühlte sie es: dieser Gedanke hatte auf sie gelauert die ganze Zeit.
In der Friedrichstraße hatte er sich ihr angeschlossen; er war wohl schon eine Weile hinter ihr her gewesen, sie hatte es nur nicht bemerkt, nun aber, da sie an einem Schaufenster stand, sprach er sie an. Sie wurde öfters abends angeredet; das passiert allen Mädchen, aber dieser Mann zog den Hut dabei. Und wenn sie ihm auch gar nicht antwortete, ihn nicht einmal ansah, er blieb immer hinter ihr. Die ganze Friedrichstraße hinunter, über die Weidendammer Brücke, die Chausseestraße entlang. Sie wurde ganz verwirrt: hatte der eine Ausdauer!
Es gingen viele Füße hinter ihr. Aber diesen Tritt hörte sie ganz genau heraus. Sie ging rascher, da wurde der auch rascher – sie ging langsamer, da verlangsamte sich der auch. Und je weiter sie in die Chausseestraße hineinging, desto näher kam er ihr; er war ihr dicht auf den Fersen. Als sie in die Tieckstraße einbog, wo es schon anfängt mit den Hotels, mit den Türen, darüber auf den matterleuchteten Milchglasscheiben zu lesen steht: »Zimmer zu 1 M. 50’ sprach er sie wieder an. Es war, als ob er hier doppelt dreist wäre. Und er drückte sich an ihren Arm und drängte sie dicht an so ein Haus heran.
Lange genug hatte sie hier in der Gegend gewohnt, die hatte keine Geheimnisse mehr für sie. Aber was dieser Mann sich eigentlich dachte! Sie war doch ein anständiges Mädchen! Sie beeilte sich immer mehr, sie mußte machen, daß sie nach Hause kam – ach, morgen früh ging’s wieder los, nähen, immer nähen, alle Tage nähen!
Ein plötzlicher Ekel hatte sie überkommen; ein Ekel an ihrer Arbeit, ein Ekel am Leben überhaupt.
Er hatte sie unablässig bedrängt. Er sollte sie in Ruhe lassen – sofort! Nein, nie würde sie sich in solch einen Eingang drängen lassen, niemals so eine Treppe hinauf, die leise knarrt, wenn man sie betritt, nie dann hinein in den winkligen Flur nach dem verschlossenen Eingang hin, wo beim Porzellanknopf der Schelle das Schildchen hängt: Hotelglocke.
Aber der Freche hatte sie weiter verfolgt bis an ihr Haus, sich mit hineingedrängt, als sie das Tor aufschloß. Hinter ihr her war er im Durchgang zum Hof, hatte sie im gähnenden Dunkel des Hintergebäudes umgefaßt, daß sie aufschrie aus gepreßter Brust. Er war erst zurückgeblieben, als die Mutter oben die Tür aufmachte und herunterleuchtete.
Ach, es war etwas Schreckliches, arm zu sein und dann in Berlin zu wohnen! Warum es so schrecklich war, darüber war Frida sich nicht klar, aber sie weinte heiße Tränen.
Herr Reschke kam spät, vielmehr früh nach Haus; es wurde ihm immer schwer, sich drüben loszureißen. Als er leise die Treppe hinaufschlich und dann versuchte, ganz unhörbar den Schlüssel ins Schloß seiner Küchentür zu stecken, wurde gerade drüben bei Riedels die Tür des Separateingangs zugedrückt. Sie schloß sich hinter der Gestalt einer Dame in Herrenbegleitung. War das nicht die älteste Riedel gewesen? Arthur lächelte befriedigt in sich hinein: die da drüben hatte doch richtig taxiert!
Mine schlief ganz fest, sie blies durch die Nase, daß es hauchte und fauchte. Der so spät Heimkommende durfte es sogar wagen, die Kerze anzuzünden: friedlich lag sie da, die Hände auf der Brust gefaltet. Er betrachtete sie mit einer gewissen Rührung: seine gute Alte, die merkte von gar nichts!
Aber Mine schlief nicht; sie ließ es sich nur nicht merken, daß sie wachte. Sonst hätte sie doch sagen müssen: »Aber Arthur, so spät, wie kannste bloß?!« Und das wollte sie nicht, denn dann wurde er verdrießlich und sie verdrießlich, ein Wort gab das andere – nein, nützen tat das Reden über das lange Ausbleiben doch nichts.
Sie hatte die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie sie ihm wohl etwas verschaffen könnte, das ihm so viel Vergnügen machte, daß er Café Amor drüber vergaß. Und da fiel ihr auf einmal ein, was er heute aus der Zeitung vorgelesen hatte. Und sie sah ihn wieder am Küchenfenster stehen, den Arm ums Fensterkreuz geschlungen, den Oberkörper weit hinausgebeugt: »Ich glaube, ich seh ’nen Stern!«
Ach, was konnte man für Sterne zu sehen kriegen draußen auf freiem Feld! Da standen sie groß und leuchtend über der dunklen Erde; man sah sie blitzen und funkeln an den stillen Abenden, als wären sie neupoliert. Sonne, Mond und Sterne – die großen Lichter bei Tag und bei Nacht – wenn man sie immer hat, achtet man ihrer gar nicht mehr so; wenn man sie aber nie mehr sieht in ihrem vollen Glanz, nie ganz ungetrübt, dann freut man sich sehr darüber. Was waren alle Gaslampen, all das elektrische Licht hier in der Stadt dagegen?! Die waren von Menschenhänden angezündet. Aber Gottes Hände steckten die Sonne an, daß sie alles hell beschien und wachsen ließ: Gras und Klee, Roggen und Weizen, Rüben und Kartoffeln. Und den Mond ließ der liebe Gott aufgehen wie ein gutes, rundes Gesicht, das über den Acker guckte und aufs Dorf: ist auch alles hübsch in Ordnung? Und die Sterne sind die Augen von den vielen Engeln. Ach! Mine hatte aufgeseufzt, halb froh, halb zag – ein Gedanke zog wie erleuchtend durch ihren Kopf – wenn sie ihrem Arthur das schaffen könnte!
Aber wie nur, wie? Sie hatten doch nicht Geld genug, um sich draußen gleich ein Häuschen zu kaufen und ein Stück Acker dazu, und eine Kuh und ein Schwein – ach Gott, wenn es zu so viel langte?!
Sie überschlug in Gedanken, was sie sich erspart hatte die letzten acht Jahre. So lange die Kinder klein waren, hatte sie keinen Pfennig zurücklegen können, nun aber verdiente Fridchen doch schon seit ihrem sechzehnten Jahr, und Max, der jetzt bei den Soldaten war, hatte auch schon für Kost und Logis sein Teil beigetragen. Ob sie wohl schon die tausend Mark voll hatte, die sie sich gesetzt hatte als höchstes Ziel? Sie wußte es nicht; Frida hatte es nicht anders getan, sie hatte ihr eigenes und der Mutter erspartes Geld immer auf die Sparkasse getragen. Mine hätte es viel lieber selber verwahrt; da – da! Sie drehte im Dunkeln den Kopf nach der Seite, wo die Kommode an der Wand stand mit der weißen Häkeldecke und den Photographierähmchen darauf. Wenn sie es doch da hätte, ganz zu unterst unter ihrer Wäsche! Sehnsüchtig seufzte sie.
Aber sie konnte ja nachsehen im Sparkassenbuch; da stand es drin. Doch das war nicht dasselbe. Fühlen muß man’s, mit den Fingern halten, was man sich erarbeitet hat, dann weiß man erst, daß man’s wirklich hat.
Sollte sie aufstehen, Licht machen, nachsehen, was im Buche stand? Nein, Frida würde aufwachen darüber. Und Arthur könnte ihr auch drüber zukommen. Es war besser, sie ließ das Sparkassenbuch, wo es war. Sie bezähmte ihre Ungeduld, aber sie konnte nicht einschlafen.
Stunde um Stunde verstrich. Sie drückte die Augen zu, es war alles ganz dunkel um sie, und doch sah sie immer ein helles Feld. Und auf dem Feld stand ein Häuschen mit einem Fenster rechts von der Tür und einem links von der Tür, und hinter dem Häuschen war ein Gärtchen, da stand sie selber und pflanzte Kohl. Und Arthur stand in der Tür und guckte ihr zu und rauchte. Die Sonne blendete. O so hell, so hell! Tränen schossen ihr in die Augen. Sang nicht ein Vogel? Quakte nicht ein Frosch?
Und sie hörte ein immerwährendes Rauschen. Ha, das war der Sommerwind, der strich durchs reifende Korn! Sie lächelte im Finstern ganz entzückt: ja, ja, Sommer, Sonne, Wind und Korn. Und wie das duftete: nahrhaft und frisch!
In der Stube war es dumpf und schwül, sie merkte es nicht; all ihre Sinne waren wie benommen und ihre Gedanken auch. Wenn sie doch das Geld dazu hätte! Wenigstens ein Stückchen, ein winziges Stückchen von der großen Erde, auf das sie treten könnte und sprechen: »du bist mein!« Auf dem sie aussäen könnte und pflanzen, zu eigener Ernte. Sollte es denn wirklich nicht möglich sein, wirklich nicht?! Ihr Kopf war heiß.
Der Wunsch, dem Arthur nachgegangen war in einer plötzlichen Laune, wurde ihr zu einer himmlischen Eingebung. Die alternde Frau faltete die Hände wie ein junges Kind und betete zum Vater im Himmel, daß er doch so gut sein möchte und ihr helfen. Was würde das ein Segen für Arthur sein, dann ließ er das Wirtshausgehen, dann ging er nur noch auf sein Land. Dann wurde ihm Café Amor das, was es wirklich war: eine eklige, dunstige Stube, in der Leute zusammengepfercht saßen und qualmten und Karten spielten und tranken und Witze rissen und Weibsbilder pussierten und grölten und lachten; Leute, deren Seele doch so weit von Freude war, wie der fruchtbare Acker von der dürren Asphaltstraße ist.
Es kostete Mine eine große Überwindung, sich schlafend zu stellen, als Arthur kam. Sowie er sich aber niedergelegt hatte und sie ihn schnarchen hörte im tiefen Bierschlaf, stand sie auf. Es litt sie nicht länger. Sie tappte auf bloßen Füßen hin zur Kommode. Leise zog sie das Schubfach auf. Licht anzuzünden getraute sie sich nicht; aber sie fand auch das Buch im Dunkeln. Es lag hier unter dem Hemd, das Fridchen genäht als Meisterstück, als sie ausgelernt hatte. Die Mutter hob es auf wie ein Heiligtum: darein sollte man sie kleiden, wenn’s mit ihr zu Ende war.
Mine trat mit dem Büchelchen dicht ans Fenster; schon graute der Tag, über den Hof zog ein bleichrötliches, schmutziges Dämmern. Und sie las mit erschrockenen Augen, daß sie erst vierhundertundzwanzig Mark auf der Sparkasse hatte. Mehr war’s wirklich nicht?! Gewiß, das war ja schon was – ganz viel – aber sicherlich, sicherlich lange nicht genug! Manchen Monat hatte sie eben nichts beiseite legen können.
Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Frau, sie hätte weinen mögen vor Enttäuschung. Was war ihr denn beigekommen, daß sie gedacht hatte, sie wäre so reich? Sie schlug sich vor die Stirn: so dumm! Es war eben nichts mit der Hoffnung, die war vorbei; sie hatte geträumt, einmal schön geträumt.
Mine Reschke duckte den Kopf, wie eine, die wieder ihre Last auf den Buckel nimmt, und seufzte ergeben – da legte sich Fridas Arm um sie.
»Mutter, kannst du auch nicht schlafen? Warum schläfst du denn nicht?«
2.
Doktor Hirsekorn, bei dem Frida Reschke nähte, rüstete zum Umzug. Noch immer hatte die Hausdame gehofft, es würde nichts daraus werden, denn manchmal schien es dem alten Mann doch bange zu sein, sich so zu verändern. Dann war er ja auch noch so viel weiter weg von seiner Frau, das sagte Fräulein Zimmer ihm alle Tage. Hier oben von der Wilhelmstraße brauchte er nur eine Viertelstunde bis hinters Hallesche Tor, oder er konnte mit der Elektrischen fahren – ein paar Minuten, dann war er bei ihr.
Aber der Doktor sah sie mit seinen Augen, die noch immer scharf waren, halb spöttisch, halb traurig an. Als wenn ein Leib, der da im Kirchhofsgrund verwest, das einzige wäre, was an Geliebtes bindet! Die Sehnsucht nach der geistigen Gegenwart des geliebten Menschen ist überall, und gerade am Grabe wird sie übermächtig, peinvoll. Lieber draußen in Wald und Wiese, in Heide und Acker der Dahingegangenen nachspüren. »Ich hoffe, die Natur steht mir bei!«
Wie der Doktor doch so merkwürdig redete! Es wurde dem Fräulein ganz unheimlich. Sie sprach sich auch bei der Näherin darüber aus: und wie komisch er überhaupt war! Abends, wenn es ganz still wurde in der Wohnung, und sie noch einmal an seiner Stube vorbeiging, hörte sie ihn drinnen sprechen: »Gute Nacht, geliebtes Herz, schlaf wohl!« Das ging einem dann ordentlich durch und durch, ein Frösteln kroch über den Rücken. Der arme Mann! Sie mußte aber auch wirklich nett gewesen sein, die Frau Doktor!
Fräulein Zimmer war erst nach dem Tode der Frau ins Haus gekommen, bis zu ihrem letzten Tag hatte Frau Marianne die Wirtschaft selber geführt, obgleich sie schon ein paar Jahre gekränkelt hatte; nicht innerlich, da war sie gesund, aber mit den Füßen war es nicht mehr voran gegangen, sie war zu stark geworden. Der Herr hatte sie die letzte Zeit immer draußen im Rollstuhl gefahren. Und die Treppe hinauf hatte er sie mit dem Portier getragen. Sie hatte dann immer gelacht und ihm das Gesicht gestreichelt: »Bin ich dir auch wirklich nicht zu schwer, mein guter Mann?!« Wirklich, die Frau Doktor war nicht wie eine gewesen, sie so viel Geld hat. Die »Millionenwitwe« hieß sie, als der Doktor sie geholt hatte vor den Toren, draußen aus Britz. Sie stammte aus Tempelhof, da waren ihre Eltern noch simple Bauern gewesen, und ihr erster Mann auch nur ein Landmann, aber alle schwer reich durch den Verkauf ihrer Äcker. Sie aber hatte nichts Protziges an sich gehabt, sie sollte sehr bescheiden gewesen sein, eine liebe Frau. Und immer heiter. Eigentlich kein Wunder, daß der Doktor noch heute, nach zwei Jahren, so tat, als lebte er fort mit ihr. Oder ob er an Geister glaubte? An das Erscheinen der abgeschiedenen Seele in einem Astralleib?
Des Fräuleins Augen wurden ganz starr und groß. Julie Zimmer schwor darauf, daß es etwas Übernatürliches gäbe, aber die Näherin lachte sie aus: an so etwas glaubt kein Berliner Kind. Was war denn auch Wunderbares dabei, daß der Herr Doktor noch an seiner Frau hing? Sie waren doch so lange verheiratet gewesen, ihre Kinder waren erwachsen und nicht mehr im Haus, die beiden waren allein geblieben, immer zusammen Tag und Nacht; es war doch ganz natürlich, daß er manchmal glaubte, sie wäre noch da. Nur daß er sagte: »Mein geliebtes Herz«, so wie ein Verliebter spricht, das war etwas Wunderbares – so alte Leute!
»Oh,« sagte Fräulein Zimmer, »alte Männer können auch noch verliebt sein – überhaupt sich auch noch mal verlieben.« So alt war der Doktor ja doch eigentlich gar nicht! Sie hatte sich nun entschlossen, so weit sie auch anfänglich diese Zustimmung von sich gewiesen hatte, mit dem armen einsamen Mann hinauszuziehen nach der Gartenstadt.
In der Gartenstadt, die im Norden von Berlin nach einer halben Stunde Fahrt vom Stettiner Bahnhof aus zu erreichen ist, hatte Hirsekorn sich ein Haus gekauft. Die Terraingesellschaft hatte es gerade fertig gehabt, als er es sah, und es gefiel ihm. Es lag tief in den Kiefern, ein gutes Stück vom Bahnhof ab und von der Post und dem Kaufladen. Aber das war ihm gerade recht.
Seine alte Liebe für das Land war wieder erwacht. Er hatte ja auch nichts mehr in der Stadt zu tun. Seine Praxis hatte er aufgegeben, schon die letzten Jahre vorm Tode seiner Frau, denn wer sonst sollte Marianne stützen, im Rollstuhl fahren, sie hinauf- und hinuntertragen? Und nun sie tot war, war es ihm, als sei er zu gar nichts mehr nütze auf der Welt. Die Wochen, die Monate, die geflogen waren an ihrer Seite – Stunden wie Minuten – Jahre wie Tage – die waren nun endlos. Sie dehnten sich zur quälenden Ewigkeit.
Es trieb ihn in die Straßen hinein, es trieb ihn wieder aus den Straßen heraus. Aber nicht in jene Gegend trieb es ihn, woher er sich einst die geliebte Frau geholt hatte: das Tempelhof von heute war nicht mehr der Rahmen für ihr liebes Bild. Da bauten sie Häuser wie die Kasernen, von dem einstigen Dorf war so gut wie nichts mehr da, die alten Linden kümmerten, städtische Blumenparterres wurden angelegt, Elektrische blitzten, Bahnzüge donnerten, es raste und ratterte, rollte und rasselte – für ihr blondes Haupt mit dem Flechtenkranz, für ihre weiche Gestalt mit der behaglichen Fülle war das keine Umgebung. Das weite Feld, über das er einst mit ihr geschritten war Hand in Hand in einer ersten und doch hoffnungsreichen Stunde – Marianne hatte ihre Mutter begraben, und sie selbst sollte bald Mutter werden – war jetzt eine Wüste. Und alle waren schon hingegangen, die damals mitgelebt hatten. Er allein war übrig geblieben von dieser Generation, und er hatte das Gefühl: geh auch du aus der vieltausendköpfigen Menge heraus, in der du doch so einsam bist, und suche dir für deinen Abend einen Fleck Erde, dem du noch etwas sein kannst, und der dir noch etwas ist: einen Garten, der dir blühend seine Dankbarkeit zeigt, der dankbarer ist, als ein Kind es je sein kann. Richte dir da ein Haus auf, so fern von dem Lärmen und Treiben, so wie du sie einstmals gefunden hast!
Fräulein Zimmer hatte ganz recht, der Doktor war etwas merkwürdig geworden. Das fanden auch seine Kinder. Die Tochter war in Magdeburg verheiratet; ihr Mann war Großkaufmann und sehr wohlhabend. Und sie hatte drei allerliebste blonde Kinder.
Hanna besuchte den Vater öfters, fast alle Vierteljahr, aber sie fand, daß er sich eigentlich nicht genug darüber freute. »Vater ist doch auf einmal recht alt geworden,« sagte sie zu ihrem Bruder Wilhelm, dem Regierungsrat. »Er kann sich gar nicht mehr so mit einem freuen, und wenn man wieder fortgeht, ist es ihm auch ziemlich gleichgültig. Das ist aber wohl nicht anders bei alten Leuten; die Empfindungen stumpfen sich ab.«
Der Sohn, der, obgleich er weit im Westen wohnte, aber doch alle paar Tage nach dem Vater sah, gab ihr recht. Hätte man nicht annehmen können, daß der alte Herr, nun die Mutter tot war, ganz aufgehen würde in Kindern und Enkeln?! Beide Kinder waren sich darüber einig, was sie beim Vater vermißten.
Und was vermißte der Vater bei ihnen? Hirsekorn sagte es seinen Kindern nicht. Nicht alle ihre Interessen konnten seine Interessen sein. Ja, Marianne, ach die, die hatte es verstanden, mit den Kindern jung zu sein oder wenigstens zu scheinen! Sie war eine Mutter – eine Großmutter – und was vermöchte die nicht? Es war ihr gewiß manchmal zu viel geworden, wenn die Tochter aus Magdeburg Besorgungen auf Besorgungen schickte, die immer alle so rasch als möglich erledigt sein sollten; es war auch wenig nach ihrem Herzen, daß Wilhelms Frau von Schneiderin und Putzmacherin erzählte, als seien das die wichtigsten Personen in ihrem Leben; es griff sie sicher oft an, wenn die Enkel um ihren Sessel tobten. Aber sie war immer voller Verstehen gewesen. Wilhelms Frau war eine schöne junge Frau, es war natürlich, daß sie Wert auf ihre Kleidung legte – und Hanna bekam in Berlin alles besser und auch billiger – und wenn die Enkelkinder sie auch heute müde gemacht hatten, sie konnte ja morgen ausruhen, es war doch eine Freude, daß die Kinder so gesund und lebhaft waren.
Der Mann senkte den Kopf: ja, seine Marianne, die war eine Frau wie sie sein soll: die kann sich selber verleugnen, die kann lächeln, wenn es ihr auch zum Weinen ist, die kann Interesse zeigen, Geduld, Teilnahme auch in der größten Ermattung – aber er, er als Mann? Nein, so alt war er denn doch noch nicht, daß ihn jeder persönliche Wunsch verlassen hätte, noch nicht so ohne allen Egoismus, daß er jedes Recht seines Ichs einfach aufgab, sich den Kindern anpaßte, als hätte er vor ihnen kein Leben geführt. Er wollte auch jetzt noch sein eigenes Leben haben.
Das war der Hauptgrund, weshalb Doktor Hirsekorn sich das Haus unter den Kiefern zum Wohnplatz aussuchte.
Seine Kinder waren durch diesen Entschluß unangenehm überrascht, die Tochter war fast beleidigt. Sie schrieb an Fräulein Zimmer: konnte die es denn nicht möglich machen und den Vater bewegen, diese unglückliche Idee aufzugeben, wenn er denn schon so wenig auf seine Kinder gab? Der Regierungsrat redete aufs ernsthafteste ab, er fühlte sich verpflichtet: der alte Mann so weit draußen und so ganz allein?!
Es schien ein gewisser Eigensinn, mit dem der Doktor auf seinem Willen bestand: »Ihr tut ja, als zöge ich in eine Einöde. Laßt mich nur!«
»Du wirst aber sehr allein sein. Man kann dich beim besten Willen dann nicht so häufig besuchen. Schon allein diese Reise bis zum Stettiner Bahnhof!«
Da lächelte der Vater; es war ein feiner Spott in seinem Lächeln und zugleich etwas wie Gram: »Wenn ihr mich brauchen werdet, werdet ihr mich auch da schon zu finden wissen. Im übrigen bin ich ja nicht allein.« Er sagte das so, daß keine Erwiderung mehr am Platze war.
Die Zimmer war sehr schlechter Laune. Beide Dienstmädchen, die noch von Frau Doktors Zeiten her im Hause waren, kündigten; zwar mit Tränen, denn es wurde ihnen wirklich schwer, die gute Stelle zu verlassen. Aber die Köchin hatte einen Bräutigam, mit dem sie alle Abend unten auf und ab spazierte, und das Hausmädchen amüsierte sich gern. Beides war da draußen ausgeschlossen. »Sehen Sie, Herr Doktor«, sagte die Hausdame fast weinend, »das ist nun schon das erste!«
Es kostete viel Geld, Herumlaufen und Zureden, zwei neue Mädchen zu finden. Wenn die Mietsfrau denen auch versicherte: »Sie denken sich det draußen viel schlimmer als det in Wirklichkeit is, feine Filla, jesunde Luft, Se kriejen da schöne rote Bakken« – die meisten Mädchen waren von auswärts zugezogen, und nun wollten sie erst einmal Berlin auskosten.
Fräulein Zimmer mußte sich mit einem siebzehnjährigen Hausmädchen, das noch nichts verstand, und mit einer Köchin, die nur ein Auge hatte – das andere war ein Glasauge – begnügen. Das würde ein schöner Zustand werden!
Aber ihre Klagen verhallten ungehört. Sie hörte auch bald auf zu klagen, denn der Doktor sagte ihr eines Mittags, als sie wieder jammerte, ganz ruhig und sah sie dabei, von seinem Teller aufblickend, voll an: »Liebes Fräulein, ich will niemanden zwingen. Wenn Sie denn durchaus nicht draußen sein mögen – !«
Doktor Hirsekorns Haus, Kieferngrund Nummer zwölf, kehrte seinen Giebel der Straße zu. Der war mit blauen Schiefern ausgekleidet, und das braunrote Ziegeldach darüber und der zartrötliche Verputz des Hauses und die grünen Fensterläden gaben dem Ganzen etwas Heiteres zwischen dem Dunkel der Kiefern, die mit ihren langen Stangen wie ernste Wächter standen. Ein niedliches Haus in einem großen Garten, das mußte selbst der Regierungsrat zugestehen. Aber dahinter war der Wald: hohes Gras, Wacholderstauden, und immer dies eintönige Kieferngrün. Und die mit kleinen Kastanienbäumchen eben angepflanzte Straße zeigte nur noch ein einziges bebautes und bewohntes Grundstück.
Nebenan in Nummer elf wohnte der Rentier Hippelt. Er war als erster herausgezogen; noch verlangte die Gartenstadt keine Gemeindeabgaben, keine Kommunal-, keine Wertzuwachs- und Umsatzsteuer. Das Haus war nicht groß, ein kräftiger Bursche, in eine Art Livree gesteckt, hielt es rein; außer ihm war kein Dienstbote da.
Frau Hippelt kochte selber; sie war das gewohnt, noch von der Zeit her, als sie dem Junggesellen die Wirtschaft geführt hatte. Kinder hatten sie nicht, und man sah nie jemanden zum Besuch kommen. Nur der Schlächter auf seinem Rad kam von Hermsdorf angesaust und läutete an der Glocke des hochummauerten Garteneingangs. Wütend fuhr da der große Hund, der tagsüber dicht bei der Treppenstufe der Haustür an der Kette lag, auf und bellte mit einem wilden heulenden Bellen. Der Diener ging dann hinaus zur Straße und nahm dem Schlächter das Fleisch ab; es wurde keiner hereingelassen. Für die Nachtstunden wurde die Dogge losgemacht. Bis zu seinem Fenster herauf hörte Doktor Hirsekorn ihr heiseres Schnaufen; sie schnupperte den Zaun entlang, der die Grundstücke trennte.
Fräulein Zimmer hatte sich bitter beklagt über das unheimliche Schnaufen und das ab und zu ganz kurz herausgestoßene grimmige Knurren; das nahm ihr die Nachtruhe. Aber war es denn ein Wunder, daß das Tier so böse war? Immer an der Kette, und dazu Hunger! Die Dienstmädchen erzählten, der Freßnapf wäre immer leer.
Hirsekorn ging eines Abends noch in den Garten hinab; das Bellen war heute schier unterträglich gewesen weniger böse, als verzweifelt: Hunger, Hunger. Er trug einen Teller mit Überresten und einen großen Kalbsknochen. »Komm – da – da!« sagte er und hielt dem heranschnaufenden Tier den Knochen über den Zaun. Die rote Zunge leckte aus dem dampfenden Rachen, der Geifer lief, der Hund schnappte gierig zu. Plötzlich ließ er winselnd ab.
»Sie füttern meinen Hund? Sehr freundlich, Herr Nachbar«, sagte Rentier Hippelt. Er war herangekommen, ohne daß der Doktor ihn bemerkt hatte. Nun stand er dicht am Zaun, in dem geflickten Schlafrock mit den roten Aufschlägen, in dem man ihn tagsüber auch immer sehen konnte; keiner der Flicken paßte zu dem Mausgrau des Rockes. Rasiert schien der Mann sich auch lange nicht zu haben. Der Doktor sah mit einer gewissen Verwunderung in das graubestoppelte magere Gesicht: wie ein reicher Mann sah der nicht aus. Er würde ja wohl nicht ganz so reich sein, kein zehnfacher Millionär, wie die Zimmer sagte, aber jedenfalls doch reich genug, um sich und seinen Hund anders zu halten.
Die Dogge hatte den Knochen fahren lassen, nun hob ihr Herr ihn selber auf: »So ’n schöner Knochen! Da, friß, mein Junge, wenn der Herr Nachbar denn so freundlich ist!« Und mit einem Lächeln, das verbindlich sein sollte, das sein Gesicht aber nur in viele Falten zog, streckte er dann die Hand über den Zaun und machte eine Art Verbeugung: »Hippelt. Bin sehr erfreut, Herr Doktor, Sie kennenzulernen. Na, wie gefällt’s Ihnen hier?«
Wollte der Mann die Nacht zum Tage machen? Der Doktor kam nicht los, der Nachbar verwickelte ihn in ein längeres Gespräch, als wenn er nur darauf gelauert hätte, sich einmal auszusprechen. Er erzählte, ganz vertraulich werdend und in einem kläglichen Ton, unter dem sich aber doch ein schlecht verhehlter Stolz barg, wie sehr er es jetzt bei den schlechten Zeiten bedauere, daß ihm fast die ganze Straße hier gehöre. Seine Backen plusterten sich auf: sämtliche Bauplätze. »Links von mir – eins bis elf – alles! Wenn Sie da gekauft hätten, anstatt rechts von mir bei der Terraingesellschaft, hätten Sie besser getan. Die Quadratrute haben Sie mit hundertundsiebzig Mark bezahlt – ich hätte Sie Ihnen mit hundertundfünfzig gegeben. Ich mache ja kein Geschäft daraus. Und die Lage links von mir ist besser, viel besser, näher zum Bahnhof. Und der Kiefernbestand ist schöner!«
»Ich bin zufrieden mit dem Grundstück«, sagte der Doktor.
»Na, mir ist’s auch so recht!« Hippelt versuchte wieder das verbindliche Lächeln. »Wissen Sie, ich habe noch so viele Grundstücke in Berlin, – am Wedding, Gesundbrunnen, am Oranienburger Tor – wenn ich mir darüber immer den Kopf verkeilen wollte! Die Hauptsache ist und bleibt mir die schöne Natur. Und die haben wir ja hier, nicht wahr, Herr Doktor?«
»Ja wohl«. Jetzt kam Hirsekorn endlich los. Sie reichten sich die Hände über den Zaun, Hirsekorn fühlte, wie kalt die Hand des Mannes war. Und er fühlte diese Hand immer noch, als er schon im Bette lag.
Was der Mann wohl früher gewesen sein mochte? »Rentier« stand in der Einwohnerliste der Gartenstadt. Der Doktor hatte sich bis jetzt wenig um diese Nachbarschaft gekümmert; die Tauben, die auf seinem Dach gurrten, die weißen hübschen Tiere, die sich vom Braunrot der Ziegel und vom Dunkelgrün der Kiefern, sonnenbestrahlt, wie Vögel des Lichts abhoben, und die buntgefiederte Schar der Hühner hinten im Hühnerhof, waren ihm interessanter gewesen, als der Nachbar im mausgrauen Schlafrock. Herr Hippelt hatte eine dürftige Figur und ein alltägliches Gesicht, und doch war auf der gelblichen Stirn, in den spähenden Augen, die tief unter buschigen Brauen lagen, ein so entschlossener kalter Wille, daß der kleine Mann dadurch größer erschien. Und wenn er auch freundlich zu sein sich mühte, das kalte Blau der Augen bekam keinen wärmeren Glanz.
Der Doktor träumte in dieser Nacht von dem Mann nebenan. Der hatte eine ganz kleine Frau, und die duckte sich, wenn er etwas sagte. Alles duckte sich: Gesundbrunnen, Wedding, Oranienburger Tor. Das waren jetzt keine Stadtgegenden mehr – nicht hohe Häuser – dem unruhig Träumenden erschienen sie Personen. Menschen, die sich duckten, Menschen, die ihre Hände zu Fäusten ballten, Menschen, welche schrieen, verzweifelt schrieen.
Von einem unangenehmen Geräusch gestört, wachte Hirsekorn auf. Nebenan bellte der Hund entsetzlich; er mochte wohl eine Katze aufgestöbert haben oder ein wildes Kaninchen. Nun aber hörte man klatschende Schläge, ein jämmerliches Winseln, und dann Herrn Hippelts zornige Stimme: »Willste gleich ’s Maul halten, Lausejunge!«
»Wissen Sie’s schon, Herr Doktor«, sagte Fräulein Zimmer, als sie am anderen Morgen beim Frühstück in der Veranda, die den Blick auf das Nebengrundstück hatte, saßen, »unser Nachbar ist ja gar nicht Rentier. Er ist ein« – sie fuhr sich nach der Kehle und machte eine sehr anschauliche Gebärde. Ihre Miene drückte den größten Abscheu aus. »Nicht weit vom Stettiner Bahnhof soll er sein Bureau haben; da stehen lauter eiserne Geldschränke drin. Der Bursche, der Albert, war gestern in unserer Küche; er ist auch froh, wenn er mal mit einem Menschen reden kann. Und hier hat der Alte auch einen Geldschrank stehen, sagte er. Im Schlafzimmer, dicht neben seinem Bett.«
3.
Pacht-Vertrag.
Zwischen dem Verpächter Landmann Philipp Wolter, wohnhaft zu Hohenfelde, und Herrn Arthur Reschke, Berlin, Novalisstraße 25, Hof 2, Quergebäude IV. Stock, ist unter Heutigem folgender Vertrag geschlossen worden:
»Wolter verpachtet von seinem am Pechpfuhl, seitlich der Chaussee Hohenfelde-Briefewerder gelegenem Ackerland, vom 1. Juli 1911 bis 30. Juni 1912 Herrn Arthur Reschke fünfundzwanzig Quadratruten, pro Rute neunzig Pfennig, für den Gesamtbetrag von zweiundzwanzig Mark fünfzig Pfennige jährlich. Der Pachtbetrag ist im voraus zu zahlen.«
Er war bezahlt! Mine Reschke starrte auf das unterzeichnete Formular in ihrer Hand. Das hatte Arthur eben vor sie hingelegt. Aber sie buchstabierte nichts heraus, vor ihren Augen verschwamm alles. Also nun war’s wirklich wahr, daß sie draußen ein Land hatte, auf dem sie säen und pflanzen konnten, und ernten, ganz wie sie wollten?! Sie stieß einen Ton aus, wie ihn ihre vier Wände noch nie von ihr gehört hatten – Jubel.
Arthur lachte. »Na, du tust ja, als hättste ’s große Los gewonnen. Was denkste dir denn? Man bloß ’n kleines Stückchen!«
Was tat das?! Und wäre es drei Schuh breit und drei Schuh lang, nur eine Handvoll Erde, es war ihr Land, ihr eigenes Land! Darauf konnte sie schaffen wie sie wollte, darüber hatte kein Mensch, nur Gott im Himmel ein Wort zu sprechen!
»Na ja, na ja«, sagte Arthur. »Haste denn aber auch gelesen, was da noch steht?« Er tippte auf den Vertrag: »Pacht-Vertrag. Und ›bei Handlungen gegen die Bestimmungen des Vertrages ist derselbe aufgehoben und hat Pächter das Land innerhalb acht Tagen zu räumen‹.«
Sie war unruhig geworden, beängstigt sah sie ihn an.
Er klopfte sie. »Na, na, so schlimm ist es ja nich. So lange wir die paar Groschen Pacht zahlen – die spielen ja gar keine Rolle – ist es so gut wie unser. Es ist unser!«
»Mutter«, sagte Frida, und sah von der Nähmaschine, die sie sich dicht ans Fenster gerückt hatte, zu ihnen hin, »nimm doch mein Geld. Ich brauch es ja nicht. Wenn du das noch zu hast, denn kannste ja gleich fest kaufen!«
Die Mutter wies das Anerbieten ab. »Das, was mein Kind sich erspart hat, wer’ ich ihm doch nich verbrauchen!«
Arthur war anderer Meinung. »Haben wir uns denn nich für Frida’n genug quälen müssen? Es is ganz in der Ordnung, wenn sie nu für ihre Eltern was tut. Haben wir nicht für sie gearbeitet Tag und Nacht?«
Es war eine etwas erstaunte Frage in dem Blick, mit dem Frida Reschke ihren Vater maß: der für sie gearbeitet Tag und Nacht? Aber dann fiel ihr Blick auf die Mutter, und es schimmerte feucht unter ihren blonden Wimpern. Sie stand auf, ging nach der ernüchtert dastehenden Frau hin und legte ihr den Arm um die Schultern: »Mutter, ja darin hat Vater recht: du hast dich für mich gequält, gearbeitet Tag und Nacht. Nimm doch mein Geld, ich bitte dich, was soll ich denn damit?!«
»Sie borgt’s uns ja nur«, sagte Arthur.
»Nein.« Mine blieb fest. »Dein Geld gebrauchste mal for deine Ausstattung, Fridchen. Wenn wer nich kaufen können, pachten wer eben. Un ’s tut auch ganz gutt so sein. Aber ich dank der scheene, du bist mein guttes Mädel!« Sie strich der Tochter mit der rauhen Hand ganz zart übers Haar.
Arthur räusperte sich. Das wußte er ja, die zwei hielten immer zusammen, gerade darum hätte Mine das Geld ruhig nehmen können. Zu dumm! Lächerlich! Na, wenn sie denn nicht wollte! Er fing an zu pfeifen. Heute war Sonntag, das Wetter wunderschön. »Denn zieht euch man fix an. Denn woll’n wir gleich nach ’m Essen mal rausfahren nach Hohenfelde. Denn sollt ihr aber mal sehn!«
Arthur hatte die Sache in die Hand genommen gehabt. Er allein hatte bisher sich draußen umgesehen und auch den Platz ausgesucht. Ein Bekannter von ihm, ein gewisser Bernhard, der öfters im Café Amor saß, hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Der hatte gesprochen: »Was, Ihre Frau möchte draußen was haben? Nu, recht hat se. Kommt ja sonst gar nicht raus, nich ’ne Viertelstunde!« Und er war mit Arthur losgefahren vom Stettiner Bahnhof. In Hohenfelde hatten sie erst einmal im Restaurant an der Bahnhaltestelle verschiedene Weißen und verschiedene Schnäpse getrunken, und dann hatte Bernhard den Reschke überall herumgeführt.
»Schöne Gegend, aufstrebende Gegend, idyllische Lage, großartige Verbindung!« In der Stadt arbeiten, auf dem Lande wohnen, das war das einzig Wahre. Und wenn’s zum Kaufen denn noch nicht langte, dann wenigstens vorderhand sich was pachten. Aber schnell, die Preise stiegen mit jedem Tag. Wochentags in der Stadt arbeiten, sonntags sich draußen erholen, das war das Wahre, das einzig Richtige!
Bernhard hatte zuletzt den bereits Todmüden, der gar keine Lust hatte, noch weiter in Sand und Staub herumzustapfen, zwischen Chaussee und Bahndamm hingeführt, wo ein Bekannter von ihm Land zu verpachten hatte. Es ging alles so schnell; schon morgen sollte ihm der Kontrakt zugeschickt werden.
Im Dämmern waren sie dann nach der Stadt zurückgefahren; Reschke wie im Traum. Nur das war ihm klar: Mine würde sich freuen, seine gute Alte!
Es war ziemlich weit. Sie gingen nun schon eine halbe Stunde, seitdem sie ausgestiegen waren. Arthur mußte sich verlaufen haben. Es kam ihm selber so vor, er war doch damals mit Bernhard viel näher gegangen. »Aber wenn du den Weg erst ’n paarmal gemacht hast, denn kommt er dir wie gar nischt mehr vor«, sagte er zu seiner Frau. »Und übrigens, ’ne Haltestelle von der Bahn kommt, diesen Sommer noch, dichte bei uns hin. ›Alles bereits vorgesehen‹, sagt Bernhard.«
Mine eilte, sie war Mann und Tochter immer voraus, sie war zu neugierig. Von Häusern war rings nichts mehr zu erblicken, kein Schornstein, kein Dach; auch kein Wald, den sah man nur von ferne. Eine lichte Reihe Birken stand im Sand, darunter wartete sie.
Frida blieb ab und zu stehen, zog ihre Schuhe aus und schüttelte den Sand heraus; ihre Augen blickten unsicher: wo führte der Vater sie nur hin?
Arthur machte sich selber Mut: nur ein paar Schritte noch! Da, links hinein, und dann durch die Kusseln!
Durch das niedrige Gestrüpp verkommener Kiefern stapften sie, durch die gelben Katzenpfötchen und die blauen Sandnelken. Dürre Blumen, wie sie wachsen an dürrem Strand. Frida fing an, einen Strauß zu pflücken – es waren doch Blumen! – aber es war ihr etwas bänglich dabei ums Herz, und müde war sie auch. Der Sand, der Sand, wenn nur der leidige Sand nicht wäre!
»Siehste«, sagte Arthur aufatmend, »endlich! Nu sind wir da!« Er legte seiner Frau die Hände hinter die Schultern und schob die Stehengebliebene so vor sich her: »So, da haste nu, was du dir immer gewünscht hast, Alte!«
Sie standen auf einer Halde, auf Land, das nicht ganz Heide mehr war, aber auch noch nicht Feld. Es stieg ein wenig an und stieg dann wieder hinunter zum Pechpfuhl. Unweit lagen zwei Bretterbuden: bei jeder ein Stück Land, das Garten sein sollte. Es war heiß, die Sonne brannte ungehindert. Ein vollständig nackter Junge paddelte am Pfuhl in einem halbversunkenen Nachen, und ein ebenso nacktes Mädchen stand dabei und sah ihm zu.
Mine stolperte über die Wurzeln eines halbausgerodeten Heidekrautstrunkes, dann sank sie in ein tiefes Sandloch.
»Man muß aufpassen, wo man geht«, sagte Arthur. Das war ihm Sonntag vor acht Tagen, als er das erste Mal hier war, gar nicht so aufgefallen. Aber freilich, die Weibsleute mit ihren langen Röcken! Eine verfluchte Wärme heute und so stocktrocken! Er blieb stehen und wischte sich den Schweiß ab.
»Mutter, fall nicht«, sagte Frida. Aber Mine hatte sich von der nach ihr fassenden Hand der Tochter losgemacht und trabte über die Halde als wäre sie auf einer Spur.
Da hatte ja der Laubenbesitzer rechts sich Kartoffeln gelegt! Mine hatte ein kleines Feldchen von Grün mit dem eigentümlich nahrhaften Geruch des Kartoffelkrautes entdeckt. Und auch Blüten waren daran, blaßlila-rötliche Blüten.
»Se blühn!« Mine war voller Bewunderung. So lange, so lange hatte sie nicht Kartoffeln mehr wachsen und blühen sehen! Sie lehnte an der Einzäunung. Und lohnten sie auch gut? Sie reckte den Hals über den Zaun.
Da kam der Kolonist aus seiner Laube heraus – er hatte nur Hemd und Hose an – gähnte noch müde vom Mittagsschlaf und musterte mißtrauisch die Fremden: Was wollten die hier?
Arthur faßte an den Hut: »Mahlzeit. Wir wollen uns hier auch häuslich niederlassen.« Und er zeigte auf die kleine Bodenanschwellung vor dem Pfuhl, wo der Sand weiß schimmerte zwischen trockenem Heidekraut, und ein paar niedere Kiefernbüsche kümmerten.
»Ach so, Sie sind der Reschke aus die Novalisstraße! Ich habe schonst von jehört. Na, da hätten Se sich ooch besser wo anders wat ausjesucht. Hier is nischt los!«
Das war nicht sehr ermutigend. Arthur hatte das Gefühl, diesen ersten Eindruck abschwächen zu müssen. »Es kost’t ja auch so gut wie nischt«, sagte er.
»Oho, da sind Se aber falsch jewickelt!« Der Ansiedler lachte grob. »Det kost’t ’ne janze Menge. Die Pacht is det wenigste. Bauen Se sich man erst de Laube uff. Un denn schleppen Se sich allens raus, was zujehört. Un denn fangen Se an zu buddeln, und denn setzen Se sich Kohl, und denn stecken Se Rüben – pflanzen Se, wat Se wollen: Salat, Suppenjrünes – die verfluchten Karnikkels kommen un fressen Ihnen allens ratzefahl.«
»Aber Sie haben doch so schöne Kartoffeln!«
»Wissen Sie denn, ob ooch Knollen dran sind?« Der Mann riß eine Staude heraus und schmiß sie dann im Bogen weit von sich. »Ick habe det satt hier. ’ne Haltestelle ha’m se ooch versprochen – jloob ick nich – for wen denn? Ersten Oktober jeh ick raus hier. Nich mehr in de Hand!«
Arthur sah sich nach Mine um, auch Frida drehte erschrocken den Kopf: wenn die Mutter das hörte! Aber Mine hörte von alledem nichts. Sie stand ganz still und sah mit Augen, die wie in weite Fernen blickten. Es war nicht schön hier – nein, hier war nicht das helle Feld, von dem sie geträumt hatte, mit dem Häuschen darauf und dem fruchtbaren Garten. Aber von fern her kam der Wind und brachte einen Geruch – es roch doch nach Land! Und weit war es hier, weit und frei, keine Dächer, keine Hinterhausmauern. Sie atmete tief und reckte sich: und wenn es auch jetzt noch öde war, es konnte doch anders werden! Nachdenklich betrachtete sie ihre breiten schwieligen Hände: die konnten ja arbeiten.
Mit einer zuversichtlichen Miene ging sie auf ihren Mann los. »Du, Arthur, for’sch Erschte roden wer. Ich grabe um – raus mit das Gestrüpp! – du kannst es denne abbrennen. Un denne kommt de Asche wieder runter; das is fermoost. So gutt wie Mist. Und denne bestell’n wer unser Land!« Sie streifte ihre Ärmel von dem Handgelenk zurück und schürzte an ihrem Kleid; am liebsten hätte sie sogleich angefangen, in dieser Stunde noch.
Arthurs etwas umdüstertes Gesicht erhellte sich: seine Mine war doch eine famose Frau, nicht totzukriegen! »Na, Alte?!« Mit einer ungewohnten Zärtlichkeit faßte er sie unters Kinn.
Der Kolonist lachte. »Na, wenigstens for Schäferstunden is hier die Jegend. Keener, der zukuckt!«
Mine wurde rot wie ein junges Mädchen. Die beiden Männer lachten schallend.
»Komm, Fridchen«, sagte die Mutter, kucken wer mal!« Und sie lief voran, herunter zum Pfuhl, wo die beiden Kinder sich jagten. Daß der Vater die so herumlaufen ließ – splitterfasernakkend – sie waren ja schon so groß! Sie nahm das schwarze, fast undurchsichtige Wasser prüfend in Augenschein: damit konnte man gießen. Moorwasser, das war fett. Das würde dem dürren Sand zu gute kommen. Sie beugte sich über und schöpfte mit der Hand, winzige Fischchen und kleine geschwärzte Kaulquappen rannen ihr durch die Finger.
»Richtije Fische sind ooch drin«, sagte der nackte Junge, der hereingekommen war, und stellte sich breitbeinig neben sie auf.
»Un noch wat andret«, sagte das Mädchen. Beide Kinder lachten verschmitzt.
»Was denne?« fragte Mine zerstreut.
Da legte das Mädchen den Finger an die Lippen. »Pst«, und den Kopf suchend umwendend, winkte sie mit den Augen nach einer Gestalt hin, die in einiger Entfernung plötzlich hinter einer Bodenwelle aufgetaucht war.
Trotz ihres gebückten Rückens, groß stand sie da, hagerragend. War es ein Mann, eine Frau? Weißes Haar flatterte in kurzen Strähnen. Es war eine Frau. Sie trug einen langen schwarzen Rock, den schleppte sie hinter sich her; und einen Sack hatte sie auf dem Rücken.
»Da hat se se drinne«, flüsterte scheu das Kind. »Se trägt se her nach ’n Pfuhl, da schmeißt se se rin. Mutter sagt, wenn nachts hier in ’n Pfuhl so ’n Radau is, wenn det so klingt, als weinte wat, det sind de Frösche un de Unken nich, o nee. Det sind die kleenen –«
»Quatsch!« Der große Junge hielt der Schwester den Mund zu. Aber dann hob er die Faust und schimpfte nach der wankenden Gestalt hinüber: »Brös’sche, olle Hexe!«
Die schwarze Gestalt drohte mit dem Stock, auf den sie sich gestützt hatte. Mit beiden Armen fuchtelte sie wild in der Luft herum.
Die Kinder johlten auf: »Huh, Brös’sche, olle Hexe, huh«, und jagten dann davon.
Frida drängte sich unwillkürlich näher an die Mutter: wie unheimlich!
Aber Mine war ganz benommen: hier, hier, war ihr Stück! Der Verpächter hatte es abgesteckt. Ach, bloß so ein kleines?! Fünfundzwanzig Ruten, das ist nicht viel. Aber doch Land, Erde, eine Scholle, die ihr gehörte – wenigstens heut! Mit einem Gefühl, das ihr fast den Atem benahm, kniete Mine nieder: sie durchwühlte mit beiden Händen den mageren Grund, der trocken und leicht ihr durch die Finger lief. Aber naß und lehmig ist oft viel schwerer zu bearbeiten!
»Fridchen«, sagte sie und hob den Kopf mit einem Lachen, das ihr Gesicht verschönte, »das hab ich mer nie nich mehr träumen lassen, daß ich ooch mal wieder würde ’s Land bebauen. Gefällt der’sch hier?«
Frida antwortete nicht. Die schwarze Gestalt war ihnen näher gekommen, wie von Neugierde gespannt, starrte das Mädchen sie an. Und ein Grausen war dabei: wie sah die Alte aus?
Das viel zu weite, wohl auf dem Trödel gekaufte schwarze Kleid mit vielen Falbeln schlamperte um sie. Sie hob es nicht auf, mit seiner Schleppe fegte es Sand und Wurzelfasern unter sich zusammen. Die Haare, nie gekämmt, nie gebürstet, hingen struppig um ein Gesicht, das seit Wochen von keinem Wasser mochte berührt worden sein. Es hatte eine förmliche Schmutzkruste, so dick, daß die Züge darunter wie erstarrt waren. Aber aus dieser starren Erdfarbe stachen zwei lebendige Augen, fuhren funkelnd umher und musterten die beiden Frauen mit scharfem Blick.
Mine grüßte. Die Alte suchte wohl Kräuter oder Pilze? Mit ihrem Stock stöckelte sie in dem Sand, wühlte hier und da ein Pflänzchen heraus und steckte es in ihren Sack. »Suchen Se Löwenzahn? Der’sch gutt for Salat.«
Die Alte verzog das Gesicht zu einem Lachen – Frida kam es vor, als grinse sie boshaft – und schüttelte den Kopf. Dann sagte sie, als hätte sie das Recht, jeden abzufragen: »Was woll’n Se hier?«
»Wer haben ’n Stückel gepacht’t – hier das!«
Das Grinsen der Alten wurde stärker. »Schöne Gegend hier! Da wohn ich!« Sie steckte den dürren Arm aus nach der Chaussee, die, nur durch ein paar Bäumchen gekennzeichnet, ihre gerade Linie durch die Öde zog. Man sah kein Haus.
Die Alte betrachtete Frida, die im hellen Sonntagskleid, mit geröteten Wangen, sich gut ausnahm. »Sie werden mich ooch mal besuchen, Fräulein! Die olle Bröse is immer zu haben. Vergessen Sie’s nich!« Und dann winkte sie mit der Hand und wankte weiter mit ihrem schleppenden Rock.
Sie ging nur langsam, doch kam sie rasch voran, schon sahen die beiden Frauen sie in der Entfernung. Ein Meckern wurde laut, Frida schreckte zusammen.
»Peter!« Die Alte rief. Hinter einem Busch kam plötzlich ein mächtiger Ziegenbock vor. Die Hörner zu Boden gesenkt, jagte er der sich entfernenden Gestalt nach. Jetzt blieb das Weib stehen und breitete die Arme aus, der Bock stürzte sich förmlich hinein; wie ein Hund schmiegte er sich an die Herrin, der Liebkosung froh. Er leckte das zu ihm geneigte Gesicht.
»Was für ’ne gräßliche alte Hexe!« Frida schauderte. »Das war die, die, von der die Kinder erzählt haben! Komm, Mutter«, sie zog Mine fort, »mir ist es ganz unheimlich geworden!«
Arthur hatte sich unterdessen mit dem Kolonisten angefreundet; der war jetzt nicht mehr so grob. Als die zwei Frauen zurückkamen, saßen beide Männer drinnen in der Laube. Sie war ganz geräumig und nett eingerichtet. Mine wunderte sich, was da alles Platz hatte: ein eisernes Bettgestell, ein kleiner Kochherd, eine große Kiste, eine hölzerne Bank, Küchengeschirr, eine Lampe und an der Rückwand ein Kleiderrechen, behängt mit dem Sonntagsrock des Ansiedlers, mit Vorhemdchen und Manschetten und mit den Kleidern der Kinder. Darunter standen ein paar derbe Wasserstiefel; sie erfüllten den Raum mit starkem Trangeruch.
»Die zieh ick an, wenn ich da in ’n Pfuhl jehe un Plötzen raushole!«
Was holte er da heraus? Plötzen? – Fische? Da heraus! Ein Ekel kam Frida an.
»Na?« Der Mann streckte die Hand nach ihr aus. »Na, Fräulein, was steh’n Se? Man immer rein, meine Olle hab ick zu Hause jelassen!«
Frida raffte ihr Kleid zusammen; nun mußte sie wohl der Einladung folgen, aber, huh, war das schmutzig hier!
Die Kinder kamen gesprungen. »Die olle Hexe war wieder da, die Brös’sche!«
Der Vater hielt es für angemessen, sie zurecht zu weisen. »Ihr sollt nich ›Hexe‹ sagen!«
»Doch!« Die Kleine beharrte dabei. Da gab er ihr eine Ohrfeige, und dann schickte er die Kinder mit einer Flasche zum Pfuhl zurück: »Dalli, holt Wasser! Wer wollen Kaffee kochen. Meine Damens, Se trinken doch ’n Tässchen mit mir?«
Aus dem Pfuhl, dessen Wasser jetzt schwarz-grünlich dunkelte, mit schillernden Reflexen darauf vom sinkenden Sonnenschein, hatte sie den Kaffee getrunken. Unbemerkt hatte Frida ihre Tasse unter den Sitz gegossen; sie hätte von dem Wasser nichts trinken können, und wäre es auch hell und rein gewesen. Den anderen hatte es geschmeckt.
Mine war ganz still, wie in einem Traum. Aber sie war nicht vor Enttäuschung verstummt, nicht wie beim ersten Anblick der öden Halde vor etwas entmutigender Überraschung, sie war längst ausgesöhnt. Nun war ihr Mund stumm, weil ihr Herz sprach.
Und es sprach zu ihr mit einer so gewaltigen Sprache von vergangenen Zeiten, wie es noch nie zu ihr gesprochen hatte. Verstohlen faßte sie die Hand ihres Mannes. Sie waren jetzt wieder auf ihr Stück Land gegangen, da saßen sie nun, im Rücken den Kiefernbusch, und sahen, wie die runde rote Sonne hinter die letzte Sandwehe sank. Und Mines Kopf lehnte sich an Arthurs Schulter.
»Weißte noch? So saßen wer schon eenmal – als ich noch Dienstmädel war – – un wer keen Geld hatten, um reinzugehen, wo die andern tanzten – un ’s wurde ganz dunkel – un wer saßen da so alleine, un wer« – sie stockte. Ihr Blick blieb an Frida hängen, die langsam in die Heide hinausgeschlendert war und nun dastand, von der letzten Sonne umgossen mit einem freudigen Rot.
Die Scham einer Erinnerung kam in Mines Gesicht, sie seufzte auf und drückte die Augen an den Rock ihres Mannes; und dann lächelte sie und flüsterte: »Aber gutt is doch noch alles geworden!«
»Na ja!« Arthur tätschelte ihre Wange. »Wenn uns auch ’n bißchen Geld mehr nich schaden würde. Aber laß man, ich bin zufrieden mit dir, Alte!« Er drückte ihr einen Kuß auf. Er war ja so froh, daß sie keinen Krach gemacht hatte über seine Pachtung. Weiß der Himmel, das war ihm alles vorigen Sonntag hier viel besser vorgekommen; heute schien es ihm etwas reichlich öde. Aber Mine würde die Geschichte schon in Ordnung bringen!
Durch den Dämmer des Sommerabends gingen sie dann zum Bahnhof zurück; Mann und Frau hatten sich untergefaßt. Jetzt schon kam Mine der Weg so weit nicht mehr vor. In den Krautbüscheln der Heide zirpten die Grillen, die Birken lispelten; die Musik war eintönig, aber so heimelig. Und von dem wenigen mageren Gras an den Rainen stieg unterm kühlenden Atem der Nacht ein Duften auf. Mine behielt diesen Duft in der Nase selbst im überfüllten Rauchercoupé. Sie war ganz eingehüllt in diesen Duft.
Und sie nahm ihn mit bis zu der grauen Steinmasse der Stadt, die sich wie ein Ungeheuer mit flimmernden Augen, mit dampfendem Rachen, unter dem vom Widerschein geröteten Nachthimmel breit machte. Nahm ihn mit in die freudlose Straße, in die enge Küche, empfand ihn die ganze Woche wie einen Sehnsuchtshauch. Wann konnte sie wieder heraus? Nächsten Sonntag. Ach, erst am Sonntag.
4.
Doktor Hirsekorn erwartete den Besuch seines Sohnes. Der Regierungsrat kam zum ersten Mal mit Frau und Kindern; der Kleinen wegen, die früh wieder nach Hause mußten, schon zu Tisch. Fünf Personen, denn die englische Bonne mußte doch auch mitkommen, und zu Mittag, das brachte Aufregung ins Haus.
Fräulein Zimmer flatterte in einem hellen Sommerkleid mit hochgeröteten Wangen schon vom frühen Morgen an aufgeregt hin und her. Daß auch die Mädchen an gar nichts dachten! Seit die vergangenen Sonntag mit dem jungen Menschen von nebenan, dem Albert von Hippelts, aus gewesen waren, hatten sie noch die letzten paar armseligen Gedanken verloren. Natürlich beim Tanz. Glienicke, Stolpe, Birkenwerder, Schützenhaus, Schönfließ, Waldschlößchen – man sollte es nicht für möglich halten, die ganze Gegend war schon verseucht mit Tanzlokalen. Sonst trauten die Mädchen sich abends nicht mehr bis an die Gartenpforte, aber da liefen sie mitten in der Nacht durch den dicksten Forst!
Fräulein Zimmer war sehr ärgerlich; sie hatte Grund, über ihre Mädchen zu klagen. Selbst die Einäugige, in deren Zeugnis als besonderes Lob stand: »Sehr häuslich und solide«, war hier wie losgelassen. Von der siebzehnjährigen Grete, der die Augen im Kopf glitzerten, hätte man’s schon eher annehmen können – »Jotte doch, Fräulein, man will einmal die Woche doch was anderes sehen, als man bloß immer die ollen Kiefern!« – aber daß diese einäugige alte Person sich mit dem jungen Menschen von nebenan so einlassen würde! Schon wieder stand sie am Küchenfenster und schielte hinüber in den Garten, wo der Bursche mit der Gießkanne den Rasen sprengte. Einen Schlauch hatten Hippelts nicht, dazu waren sie zu geizig.
»Pst, Sie, Albert!« Die Köchin winkte ihm mit einem kalten Kotelett.
»Aber Ida!« Die Zimmer rief es sehr scharf. Und doch mußte auch sie den Albert heranrufen. Der Tisch unten im Eßzimmer, an dem sie und Herr Doktor sich gegenüber zu sitzen pflegten, genügte nicht für die vielen Menschen, eine Platte mußte eingelegt werden. Der Tisch war verquollen, vergebens strengten sich die drei Frauen an: Albert schaffte es mit einem Ruck.
Fräulein Zimmer sah erst heute, daß er ein hübscher Mensch war. Und, merkwürdig, sah er nicht trotzdem dem alten Hippelt ein wenig ähnlich? Dieselben verschlagen blickenden Augen. Worin sonst die Ähnlichkeit bestand, konnte man eigentlich nicht sagen, der junge Mensch hatte auch eine so viel größere Gestalt. Schade, daß ihm grade vorn ein Zahn fehlte! Das fiel ordentlich auf. Sollte es wirklich wahr sein, was die Mädchen neulich hatten munkeln hören: Der Diener wäre ein leibhaftiger Sohn vom reichen Hippelt?
Der Bursche stand noch da und ließ seine Augen im Zimmer umherstreichen. Da drückte ihm das Fräulein ein Trinkgeld in die Hand. »Sind Sie nicht eigentlich verwandt mit unserem Nachbar, dem Herrn Hippelt?«
Der junge Mensch lachte laut auf. Aber dann, sich zusammennehmend, verbeugte er sich: »Danke, bestens. Nein, wär ich’s man! Ich putze nur dem Alten die Stiefeln und fege seinen Dreck aus. Meine Mutter war ’ne arme Waschfrau und mein Vater –!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Leben Ihre Eltern denn nicht mehr?«
»Warum meinen Fräulein das? Weil ich hier beim alten Hippelt konditioniere? Na«, er zuckte die Achseln, »man muß doch verdienen. Viel is ’s ja nicht, aber man hofft doch, er wird zulegen. Er muß zulegen. Und denn, Fräulein –« er schoß einen auffunkelnden Blick durchs offene Fenster hinaus – »ich bin sehr für die Freiheit. Wenn Fräulein wieder mal was zu helfen haben«, schloß er unvermittelt an, »ich helfe sehr gerne. Nur daß es der Alte nicht merkt, der denkt sonst schon gleich, man stiehlt ihm was von seiner Zeit!«
Da konnte Herr Hippelt ruhig sein, sie würde seinen Diener nicht weiter in Anspruch nehmen. Fräulein Zimmer beschloß, den jungen Menschen nicht zu oft heranzuziehen; obgleich er ihr ganz gut gefiel. Und daß ein so gewandter Mensch es aushielt bei dem alten Geizkragen!
Pünktlich um zwölf war der Regierungsrat mit seiner Familie erschienen. Schon von weitem hörte man die Stimmen der Kinder; der Großvater war zur Bahn gegangen, um sie abzuholen, sie hüpften an seiner Hand. Und der Schwiegertochter war es sehr heiß: in der Bahn war es auch so unerträglich warm gewesen.
Ihr Mann reichte ihr den Arm: nein, leider, hier gab es keine Elektrische, kein Auto, nicht einmal eine Droschke.
Der Regierungsrat empfand auch die drückende Wärme der Mittagsstunde. Zwischen den Kiefern lastete die Luft; aber er mühte sich, es den Vater nicht fühlen zu lassen, welch ein Opfer dieser Besuch war.
Verstohlen drückte er den Arm seiner Frau: »Liebste Hilda, laß es ihn nicht merken, bitte! Gleich sind wir ja auch da!«
Und die schöne Frau in dem zartlila Kleid nahm sich wirklich zusammen und hatte nur ein mattes, leisspöttisches Lächeln für den Enthusiasmus, den ihr Mann sich aufzubringen mühte.
»Köstlich, wie die Kiefern jetzt duften! Da kann man schon eine Portion Hitze mit in Kauf nehmen. Ein herrlicher Geruch – das reine Fichtennadelbad!« So lobte er, bis sie im Haus am Kieferngrund waren. Aber als der Vater sie dann verlassen hatte, und er mit seiner Frau in einem kühlen, durch Läden geschützten Zimmer war, ließ er sich mit einem so tiefen Seufzer auf einen Stuhl fallen, daß die Hausdame, die der jungen Frau beim Ablegen half, sich förmlich erschreckte: fühlte der Herr Regierungsrat sich nicht wohl?
»Hören Sie mal, Fräulein Zimmer, ist das hier immer so um die Mittagszeit? Die Kiefern geben Öl und der Mensch auch. Wie hält das der Vater bloß aus?!«
»Herr Doktor ist um diese Zeit immer draußen, bei seinen Blumen. Erst nach dem Essen legt er sich ein bißchen hin.«
»Essen wir bald, Fräulein Zimmer?« fragte die ganz abgemattete Frau. »Ich werde das auch tun, mich hinlegen.« –
Es war gut gekocht, die junge Frau hätte gern gegessen, aber sie konnte nicht, die Anstrengung hatte ihr allen Appetit genommen. Und die Kinder waren schlaftrunken; als das kleine Mädchen nicht nochmals von der süßen Speise bekam, wurde es weinerlich, und der Junge schlug ungezogen auf den Tisch: »Ich will aber!«
Der Großvater machte ein undurchdringlich ernstes Gesicht. Die Mutter entschuldigte: »Die Kinder sind eben übermüdet – wir auch – wir werden alle nach Tisch schlafen!«
Nun hatte er Kinder und Enkelkinder draußen und war doch so einsam wie alle Tage! Fräulein Julie Zimmer sah dem Doktor mit Bedauern nach. Da ging er eben in den Garten, die Zeitung unterm Arm, in der Hand die Zigarrenkiste – der arme Mann! Er mochte wohl gedacht haben, der Sohn würde ihn begleiten auf sein Lieblingsplätzchen unter der breitästigen Kiefer. Aber der Regierungsrat war bei seiner schönen Frau.
Eine schläfrige Stille lag über dem Kieferngrund; nur ab und zu gurrte ein Tauber, und vom Hühnerhof her gackelte ein Huhn. Erst als der Kaffee serviert war in der Veranda, die nun im Schatten lag, kam langsam einer nach dem andern zum Vorschein.
Die Zimmer verstand es wirklich, einen Kaffeetisch herzurichten; frischgebackene Waffeln, ein Napfkuchen, reichlich mit Rosinen und Zitronat durchwürzt, und dicke süße Sahne in einem schön geblümten vergoldeten Kännchen. Der Regierungsrat hob das vorsichtig am Henkel in die Höhe und guckte nach dem Zeichen: »Altberliner Porzellan. Daß mir das nur ja in acht genommen wird!« Er lachte. »Das wollen wir mal unversehrt erben, Zimmerchen. Selten hübsch – eine Erinnerung an Alt-Berlin!«
»Und an deine Mutter«, sagte der Doktor. »Ja, wie lebhaft so ein lebloses Stück an einen geliebten Menschen erinnert!« War nicht etwas wie bitterer Hohn in des Doktors Stimme?
»Schade, daß nicht mehr davon da ist«, sagte ganz unbefangen die junge Frau. »Altberliner habe ich mir immer gewünscht; ich finde es viel hübscher als Meißner!«
»Nimm es dir nur mit!« Der Doktor schob das Kännchen über den Tisch, daß die Sahne spritzte.
»Aber lieber Papa!« Die Schwiegertochter wurde ganz verlegen: so hatte sie’s doch nicht gemeint, daß sie, weil ihr das Kännchen so gut gefiel, es auch gleich haben wollte.
Dem Sohn stieg eine leichte Röte in die Stirn: wie der Vater doch gleich so empfindlich war! Warum nur? »Hilda will dich nicht berauben«, sagte er rasch.
»Was soll ich auch mit so einem einzigen Stück!« Es war recht ungeschickt von Hilda, das zu sagen. Denn nun gab der Doktor seiner Hausdame einen Wink: »Sie wissen ja, die zwei Kuchenkörbe! Ich glaube, es sind auch noch verschiedene Tellerchen und Tassen da, die dazu gehören. Packen Sie alles für meine Schwiegertochter zusammen. Sie nimmt es mit.«
Da gab es keinen Widerspruch. Allen Redensarten machte der alte Herr rasch ein Ende mit einem: »Habt euch nicht.«
Es war wirklich nett vom Vater, sich schon bei Lebzeiten dieser hübschen Sachen zu entäußern, in einer Servante, wie sie jetzt wieder modern war, würden sie sich auch ganz anders ausnehmen, als hier in einem alten Küchenschrank. Er hätte nur liebenswürdiger geben können!
Hilda ließ es sich nicht nehmen, das Kännchen selber im Arm zu halten; das übrige durfte ihr Mann zum Bahnhof tragen. Es war ein großes Paket geworden; der Vater hatte noch ein silbernes Tablett hinzugefügt, das Hilda über alle Maßen bewunderte.
»Was ich euch jetzt schon gebe, brauche ich euch dann nicht mehr zu geben«, sagte er mit einem Lächeln, das sie sich nicht enträtseln konnten.
»Wie komisch er das sagte, fandest du nicht, Wilhelm?« fragte Hilda, als sie endlich abfuhren. Jetzt war es schöner draußen, es fing an, erquicklich zu werden; es flüsterte von Freiheit in den Kiefern, und ein großes Rosenbeet, ein Märchen im Märkischen Sand, leuchtete sanft von der milderen Sonne geküßt. Trotzdem mußten sie nach Hause, der Kinder wegen. »Du, ich hatte aber auch genug«, sagte sie.
Der Regierungsrat zuckte die Achseln. »Ja, es ist jetzt wirklich schwer mit dem Vater. Was man auch sagen mag, man stößt an!« er seufzte. »Und doch fühle ich die lebhafteste Verpflichtung gegen ihn; er ist mir immer ein guter Vater gewesen.«
»Gewiß, dem widerspricht ja auch niemand, du brauchst nicht gleich so ein ernstes Gesicht zu machen!« Die Frau nahm die Hand ihres Mannes und streichelte leicht darüber hin: »Wenn du immer so verstimmt wirst, laß ich dich gar nicht mehr heraus. Dann werde ich lieber allein fahren, gegen mich ist er ja sehr nett!« Sie nahm das Paket aus dem Netz, riß das Papier ein Stückchen auf und blickte lächelnd hinein: »Du glaubst nicht, wie ich mich über das Porzellan freue! Besonders aber über das silberne Tablett.«
»Wie die Raben«, murrte Fräulein Zimmer, als sie in dem Schrank räumte, in dem vor kurzem noch das schöne Porzellan gestanden hatte. Warum er das nur alles so weggab, sie wußten es ihm nicht einmal dank?! »Und unsereins freut sich so drüber!« Sie war empört. Sie war längst nicht so gut mehr auf Regierungsrats zu sprechen. Gott behüte, daß die öfters kamen, die schleppten einem ja die halbe Wirtschaft weg! Und die Kinder waren auch schon so: der Hans hatte durchaus ein Kaninchen mitnehmen wollen, und die Kleine hatte ein Täubchen, das sie immerwährend herumtrug, sich nur nach vielen Tränen und heftigem Sträuben von der Miß abnehmen lassen. Und ob der Doktor sehr befriedigt von dem Besuch war? Er war noch nicht vom Bahnhof zurück, er ging wohl noch spazieren. Aber heute beim Abendbrot würde sie ihm einmal auf den Zahn fühlen! Sie warf einen befriedigten Blick um sich: er war jetzt immer sehr nett zu ihr, er hatte ja auch wirklich niemanden als sie!
Doktor Hirsekorn war vom Bahnhof nicht nach Hause gegangen. Hinter den Kiefern glänzte ein großes Licht, das lockte ihn wie eine Verheißung. Was ließ er auch hier zurück? Sein Häuschen, ja, aber das stand ja auch noch, wenn er in ein paar Stunden wiederkam. Und Fräulein Zimmer konnte ihn auch nicht locken, schon heimzukehren. Sie sorgte gut für ihn, sie war nur manchmal zu freundlich; und heute fürchtete er sie. Er wußte es, sie würde ihn in ein Gespräch verwickeln, viele Worte machen: wie reizend die Frau Regierungsrat ausgesehen hatte, wie allerliebst die Kinder – aber hatte Herr Doktor denn nun auch die rechte Freude gehabt von dem Besuch?!
Der einsam Wandernde sah finster vor sich hin: er würde sich diese Frage verbitten. Aber gleich darauf schämte er sich: wie konnte er der Zimmer das übel nehmen, ihr Gedankenkreis war ja so eng, und alles drehte sich um ein bißchen Klatsch. Und um ihn. »Wie haben Herr Doktor geschlafen? Haben Sie auch wirklich gut geschlafen? Sie sehen aber gar nicht so aus, Herr Doktor – also wirklich gut?« O Gott, wie anders hatte Marianne gefragt! Ganz einfach: »Hast du gut geschlafen?« Eine ungeheure Sehnsucht erhob sich plötzlich in dem einsamen Mann. Ihm war, als müßte er die Arme ausstrecken: komm wieder!
Er merkte es nicht, daß er die Straße verlassen hatte, planlos ging er immer zwischen den Kiefern schräg durch. Das goldene Licht, das ihn gelockt hatte, schlängelte sich vor ihm her durch die rotgewordenen Stämme. Wacholderbüsche, die zuerst nur klein waren, je weiter er aber hineinkam, höher und höher wurden, mannshoch, und Farrenwedel am Rock, und ein tiefhängender Ast stieß ihm den Hut vom Kopf. Er behielt den nun in der Hand. Seine Stirn war heiß, Gedanken flatterten dahinter auf wie gescheuchte Vögel. Wie hatte er nur glauben können, daß ihn hier draußen das Denken an sein gewesenes Glück, das Sehnen nach der Verlorenen verlassen würde? Ihn wenigstens nicht so schmerzen wie drinnen in der Stadt. Seine Seele so zerzerren. Er hatte einmal zur Zimmer gesagt, als die sich wunderte, daß er so weit vom Kirchhof fortzog: »Die Sehnsucht ist überall, aber die Natur tröstet uns« – ja, die Sehnsucht war da, aber die Tröstung nicht!
Der Einsame hob den gramvollen Blick, wie suchend sah er umher: so allein, so allein! Da hatte er Kinder: eine Tochter, die zweimal die Woche an ihn schrieb, einen wohlgeratenen Sohn – es war kaum eine Stunde her, daß dieser bei ihm gewesen war – und doch so allein. Er sah sich fröstelnd um. Und er fühlte sich auf einmal ganz alt. So lange Marianne lebte, hatte er das nie gefühlt. Da war er aber auch noch kein Baum gewesen, der einer Stütze bedurfte, da hatte er gestützt. Oder hatten sie sich gegenseitig gestützt? Hatten sie sich umschlungen gehalten wie da, am Rand des Waldes, der dürr werdende Kiefernstrunk und die absterbende Birke?! Er ging darauf zu.
Wie ihn das weich machte, dieses Bild der beiden, dem Tod verfallen. Es ergriff ihn, und doch beruhigte es ihn. Nichts war um diese beiden, kein liebevoll sich rankendes Grün, nur dürre Heide. Und die Birke würde zuerst sterben, halb entwurzelt schon hing sie mit wenigen Wurzeln noch im lockeren Sand. Sie war schon tot. Hier wie dort das gleiche: in dem Leben der beiden, wie in dem seinen. Und dieses selbe Schicksal, war das nicht ein Trost?
Wie zu Gefährten trat er zu den Bäumen heran. Er legte seine Hand an die von Käfern durchnarbte, rissige Borke des Kiefernstrunkes. Noch quoll daraus eine Spur von Saft, aber nicht lange mehr, dann hörte der Lebensfluß auf zu sickern, die Käfer hatten das Mark ausgehöhlt, dann war der Tod da auch für ihn. Und das war der größte Trost.
Mit einem erhellten Gesicht schritt Hirsekorn weiter. Er fühlte es nicht, daß er schon lange gegangen war; der Wald hatte ein Ende genommen und der grüne Boden, aber er ging immer voran, auf armseliger Halde. Auf erhöhtem Bahnstrang sauste ein Zug vorüber, wie ein rascher Gruß der Welt, die sich nicht Zeit nimmt, hier anzuhalten. Durch eine Art von Tunnel, einen kleinen verwachsenen Einschnitt im Damm, kam der Wandernde jetzt hinüber auf die andere Seite des Bahnkörpers. Hier war die Heide noch armseliger. Nichts als Strandhafer, und am Boden hinkriechend hunderte und tausende von winzigen violetten und gelben Stiefmütterchen. Keine Bäume, nur ein bißchen Gestrüpp, ein mit breiten Schwertblättern und Froschlöffel halb zugewachsener Tümpel und, von einem schiefstehenden Zaun eingehegt, ein Stück umgegrabenes Land.
Eine Laube schien hier im Bau, halb fertig stand sie da, Bretter lagen noch umher; ein Bänkchen war gezimmert, Handwerkszeug verstreut. Aber kein Mensch war zu sehen. Nur dort, von der Chaussee her, die in einiger Entfernung zu sehen war, näherten sich jetzt drei Männer. Zwei ältere und ein junger. Als sie an ihm vorbeigingen, grüßten sie ihn.
Umständlich fingen sie an, ihre Joppen auszuziehen und in Hemdsärmeln hemmzugehen; sie taten aber nichts, hoben bloß einen Hammer auf und legten ihn wieder hin, rappelten mit Nägeln in einer Zigarrenkiste, rückten hier an einem Brett, jetzt da, und standen zuletzt alle drei mit untergeschlagenen Armen.
Hirsekorn war auch stehen geblieben: die schienen nicht allzu fleißig. Wenn sie sich nicht beeilten, bekamen sie ihre Laube heute nicht mehr unter Dach.
»Na, mach man, Maxe, mach man!« sagte Arthur Reschke und setzte sich auf das Bänkchen. »Hier, Nachbar!« Er streckte dem andern eine Zigarre hin. »Rauchen Se man, das vertreibt die Mücken. Mein Junge schafft das schon alleine, was Maxe? Los!«
Der junge Mensch warf einen unwilligen Blick nach den beiden, die auf dem Bänkchen nebeneinander saßen, sich mit dem Rücken an die Bretterwand lehnten und die Beine weit von sich streckten. Mißmutig entschloß er sich, langsam mit der Arbeit zu beginnen. Plötzlich schrie er: »Mutter kommt!« und trieb mit kräftigen Hammerschlägen, die die Stille förmlich erschütterten, einen Nagel nach dem anderen in die Pfosten der Laube.
Auf der Höhe der Chaussee war eine Frauengestalt aufgetaucht, umglüht von der untergehenden Sonne erschien sie unnatürlich groß – oder trug sie etwas auf dem Rücken? Über ihrem Kopf ragte es steif und schwarz in die Höhe. Hinter ihr kam noch eine, die schleppte sich auch ab.
Hirsekorn war nicht neugierig, aber an diesen Weibern nahm er Anteil, die sich abschleppten, während die Männer faulenzten. Kolonisten! Ob sie wohl etwas machen konnten aus dieser Scholle? Noch sah es traurig aus. Aber die ältere Frau, die voranging, geduckt unter einer schweren Last von Dachpappe, hatte ein ruhiges, zuversichtliches Gesicht, und das Mädchen, das hinter ihr kam – Herrgott, war das nicht das Fräulein Reschke, die Näherin, die immer zur Zimmer gekommen war?!
»Nein so was – Herr Doktor!« Frida Reschke ließ die alte Tür fallen, die sie wie ein Schild auf dem Rücken trug. Sie hatte es sonst nie gewagt, dem Herrn die Hand zu reichen, aber hier draußen wagte sie es. Hier fühlte sie nicht die gleiche Scheu vor dem über ihr Stehenden wie drinnen in der Stadt. Frei sah sie ihm ins Gesicht; die weiche weiße Rundung der Bleichsüchtigen zeigte ein leichtes Braun, nun röteten sich ihre Wangen tief. Sie schämte sich doch ein bißchen: wie sahen sie aus! Aber dann stellte sie vor: »Meine Mutter! Mutter, das ’s der Doktor Hirsekorn«, – sie verbesserte sich – »der Herr Doktor Hirsekorn!«
»Freut mer sehre!« Mine ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, herzhaft schüttelte sie dem Herrn die Hand; als er neben ihr herschritt, trabte sie munter weiter und erzählte ihm dabei, wieviel ihre Frida von ihm hielt, und daß sie sich jetzt die Laube bauten auf dem Stück Land, das sie sich gepachtet hatten. Ein Glück, daß unser Maxe früher freigekommen is von die Soldaten; er war nämlich krank geworden. Die Fridchen un ich alleene, nee, wer hätten’s doch nich geschafft. Mit ’s Bauen, das wurde nischte. Aber nu –!« Ihre Augen strahlten.
Der Doktor lächelte: Die Frau hatte Mut. Es mußte kein Leichtes hier sein.
»Sehn Se, un da kommt unser Garten hin!«
Sie waren beim Bauplatz angelangt, Frida stellte wieder vor: »Mein Vater! Der Max, mein Bruder!«
Herr Arthur Reschke erhob sich von der Bank. Der Nachbar zog die Mütze und drückte sich dann sofort; er war keiner von denen, die mit einem Vornehmen etwas zu tun haben wollen, und daß das einer von denen war, die sich den Schweiß des armen Mannes zunutze machen, das sah er ja gleich auf den ersten Blick. Aber Arthur wußte, was sich gehörte, ganz weltmännisch begrüßte er den feinen Herrn. Frida flüsterte ihm rasch zu: »Das ist der Doktor Hirsekorn, wo ich genäht habe!« Ach was, Hirsekorn oder Haferkorn, was wußte er, wo die nähte! Aber was sich gehörte, gehörte sich nun mal!
»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« Höflich einladend wies Reschke auf das Bänkchen, und dann stand er vor dem Gast, die Arme untergeschlagen, und pries die Reize seiner Pachtung. In Berlin war es ja zu traurig, nicht mehr auszuhalten, man bekam bloß Staub in die Lungen. Es bedurfte gar nicht der Aufforderungen in der Zeitung und der Anpreisungen, ein jeder fühlte es tief in der Brust: nur auf der eigenen Scholle findet der Mensch sein Glück. »Denn, sehn Se, mein Herr«, Arthur zog die Achseln hoch und streckte die Hände in die Hosentaschen, »Glück will jeder Mensch haben, der Arme wie der Reiche. Un wenn er sich auch bloß danach sehnt – das ’s auch schon was. Wenn ich so an meinem Fenster gestanden habe und roch bloß den Muff vom Hof – na, denn sagte ich mir: man bloß raus, bloß raus!«
Die Frau stand dabei, sie nickte bei dem, was ihr Mann sagte, und sah ihn wohlgefällig von der Seite an. Ja, ihr Arthur, der konnte es aussprechen, was sie nur fühlte! Sie wußte nicht, daß ihr Blick leuchtend sprach, wenn sie ihn hingleiten ließ über das eben umgebrochene Land, das Werk ihrer Hände; über die Laube, darin sie geborgen waren, wenn erst die Dachpappe, die sie eben herangeholt, die deckte, und die Tür, die Frida von einem alten Gartenhäuschen erstanden hatte, ihre Behausung verschloß.
Hirsekorn sah das verarbeitete Frauenantlitz aufstrahlen. Solche Gesichter hatte er früher in seiner Armenpraxis viele gesehen, aber er hatte sie schon vergessen gehabt – über eigener Freude und eigenem Leid. Nun las er wieder die ganze Geschichte solches Frauengesichtes. Er gab Mine die Hand.
Sie drückte die seine kräftig: »Besuchen Se uns ooch mal wieder, Herr Doktor, sonntags sind wer immer hier draußen. Se müssen doch sehn, wie mer’sch vorankriegen!«
Er sah sie freundlich an: »Sie lieben wohl das Land sehr, Frau Reschke?«
»Lieben – ?! Verlangert hat mich darnach mein Leben lang!«
Pulsuz fraqment bitdi.