Kitabı oxu: «Gespenster - Vor Tau und Tag»
Clara Viebig
Gespenster
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Vor Tau und Tag
Bücherei moderner autoren band 10
Saga
Gespenster
Vom Waldrand her kommt Vogelgezwitscher, und in den Hecken am Weg regt sich’s auch; es hüpft, es schlüpft, es piept, es jagt und erhascht und schnäbelt sich — Frühling! Die Schlehen blüh’n, der Himmel ist lichtblau; um die Zweige, die, zitternd vor Glück, die ersten grünen Blättchen tragen, fächelt der laue Wind.
Aus dem Wald treten zwei Gestalten, ein Mädchen und ein Mann; nun wandern sie langsam den schmalen Grasrain entlang. Rechts und links die Hecken sind hoch, die beiden gehen dahinter wie von einem Schirm gedeckt, die Welt sieht sie nicht; aber sie küssen sich doch nicht.
Nun gehn sie auch nicht mehr nebeneinander; das Mädchen schlendert voran, hebt das Gesicht zum Himmel auf und versucht gleichgültig auszusehen. Sie ist sehr schlank, jung, sehr hübsch, und sind ihre Wangen auch nur schwach rötlich angehaucht, wie die Blätter der Dijon-Rose, es pulst doch gesundes warmes Blut in ihnen. Sie ist ganz frisch, ganz unberührt.
„Maria“, sagte der Mann leise. Er hielt die Blicke unverwandt auf die schlank vor ihm Herwandelnde geheftet, und das Blut stieg ihm heiß in die Stirn. Der Hut drückte ihn wie im heißen Sommer, er nahm ihn ab und fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar. „Maria —!“
Sie drehte sich nicht um, sie hielt immer das Gesicht geradauf zum Himmel gerichtet.
„Maria,“ sagte er wieder, „Maria, sei doch nicht so stumm! Was hab’ ich dir getan? Eben warst du noch so fröhlich, und nun ist alles wie fortgeweht. Was hast du?“
Ihre zartgefärbten Lippen drückten sich mit leisem Zucken aufeinander, ihre Augen zwinkerten.
„Maria,“ fragte er, „bin ich dir denn zuwider? Das habe ich nicht gedacht!“ Er machte einen raschen Schritt, um neben sie zu treten; sie machte noch einen rascheren und war ihm wieder voraus. Noch immer keine Antwort.
Zwei, drei Minuten vergingen. Der Wind strich lau durch die Hecken und zupfte der Schlehe ein paar weiße Blüten aus der schimmernden Brautkrone; ein Vogelpärchen verkroch sich, lockend, tiefer ins lauschige Versteck.
Antwortete sie jetzt? Der Mann lauschte — nein!
„So war es eine Täuschung“, sagte er bitter. „Ich werde morgen früh abreisen.“
„Nein, o nein!“ Hastig fuhr Marias Kopf herum, die Augen blitzten angstvoll. „Schon — abreisen —?!“ Die Stimme wurde bittend, ein Zittern kam in ihren spröden glashellen Klang. „Nein, du mußt noch nicht abreisen! Nein, wirklich nicht, Fritz. Du mußt noch nicht abreisen — du darfst noch nicht abreisen — du mußt noch nicht abreisen!“ Sie sagte mechanisch immer dasselbe; dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.
„Ich soll nicht abreisen? Weiß Gott, wie schwer mir’s wird!“ Ein großer Schmerz zog die Stirn des Mannes in tiefe Falten. „Was denkst du von mir, Maria? Bin ich ein Knabe oder ein Mann? Ich kann mir nicht genügen lassen, hier so neben dir herzulaufen, den Toggenburg zu spielen, schon beseligt zu sein, wenn ich nur dein Antlitz schaue. Das ist Unnatur. Ich kann das nicht!“ Nun war er doch neben ihr mit einem großen Schritt, ganz dicht; heftig faßte er ihre Hand, sie suchte sie ihm zu entziehen — er blieb Sieger und preßte fast schmerzhaft ihr dünnes Handgelenk. „Ich frage dich noch einmal, Maria, wie ich’s dich vorhin drin im Wald gefragt habe — du mußtest die Frage auch erwarten, leugne nicht! Hast du mich lieb? Ich meine nicht lieb, wie du die Tante lieb hast oder deine Blumen oder noch andere Menschen — nein, liebst du mich?! Antworte mir doch! Sag’, sag’, liebst du mich?“
Ganz langsam nickte sie; es war, als zöge ihr das Nicken den Kopf hinunter bis tief auf die Brust. Eine glühende Röte schlug ihr in die Wangen und färbte auch Stirn und Hals. Die Röte sprach deutlich genug, auch das Beben, das durch die schlanken Glieder lief, einer anderen Antwort bedurfte es da nicht.
„Und wenn du mich liebst,“ fuhr er eindringlich, mit einer tiefen Zärtlichkeit fort, „warum willst du nicht meine Frau werden? Wenn ich nur wüßte, warum du dich entsetzest, wenn ich dich das frage?!“ Er sah sie unruhig forschend an.
Sie war plötzlich totenbleich geworden, mit einem Ruck machte sie ihr Handgelenk frei. „Nein, nein“, stieß sie hervor und streckte abwehrend die Hände aus; einen Schritt nach dem andern wich sie von ihm zurück — nun war schon trennender Raum zwischen ihnen. „Ich kann nicht, Fritz, ich kann nicht! O Fritz, — Fritz!“ Sie weinte laut.
Über des Mannes Gesicht jagten wechselnde Empfindungen: Verwunderung, Kummer, Mitleid, Besorgnis, Empfindlichkeit, Leidenschaft, Zorn, Ungeduld, Liebe — die Liebe allein blieb. Die tiefe Stimme dämpfend, sagte er weich: „Weine doch nicht. Ich liebe dich, ich frage dich ja nur, ob du mein werden willst. Ist das denn so furchtbar, daß du die Hände ausstreckst, als ob du etwas Schreckliches von dir weisen müßtest?! Oh“ — er seufzte tief — „du weißt nicht, was Liebe ist!“ Mit zitternder Hand strich er sich über die feuchte Stirn. „Ich liebe dich seit Jahren, ich liebte dich schon, als du noch im Kinderkleidchen umhersprangst, und die Liebe ist seitdem immer gewachsen. Sie ist fast schmerzhaft geworden, so stark und groß ist sie; sie hat mich gepackt, sie läßt mich nicht los, mein einziger Gedanke ist: Dein Weib — wenn sie dein Weib ist! Ich biete dir das Höchste, was ein Mensch dem andern bieten kann, ein Herz voll grenzenloser Hingebung, voll unwandelbarer Treue. Maria“ — er griff nach ihrer Hand — „sag’ doch, was hab’ ich an mir, das dich erschreckt? Glaubst du nicht, daß du glücklich mit mir sein könntest, sehr glücklich?“
Sein Blick suchte flehend den ihren; sie wagte nicht, ihn anzusehen, beharrlich hielt sie die Lider gesenkt, und Träne auf Träne sickerte herunter. Die schmalen Finger, die der Mann in seiner großen festen Hand hielt, zuckten, und die ganze Mädchengestalt zuckte in verhaltenem Schluchzen. Sie schien so hilflos wie ein schwaches Kind. Endlich flüsterte sie, kaum verständlich vor Weinen: „Ich kann nicht, frag’ mich nicht! Du bist so gut, so gut — ja“ — eine plötzliche Leidenschaft schien auch sie zu erfassen, ihre Gestalt wurde straffer, das Flüstern wandelte sich in ein heftiges lautes Sprechen — „ja, wenn du’s denn wissen willst, ich liebe dich, ich liebe dich auch schon lange, ich weiß wohl, was Liebe ist, aber — ich — kann nicht deine Frau werden — nie — nie — nie!“ Bei jedem ‚Nie‘ steigerte sich ihre Stimme, das letztemal schrie sie’s fast, riß ihre zitternde Hand aus der seinen und wandte sich rasch zum Gehen.
Ein paar Augenblicke stand er wie erstarrt, finster vor sich niedersehend, dann folgte er ihr.
Sie schien zu fliehen, ihre schlanke Gestalt lief eilig vor ihm her; ihr Kleid streifte die Hecken, vorwitzige Ranken faßten danach; sie riß sich los, ihre tränenden Augen sahen nicht Himmel noch Erde mit dem milden Schein der sinkenden Sonne drüber, geradaus starrten sie mit einem jammervollen gehetzten Ausdruck.
Feld auf Feld im Schmuck der jungen Saat glitt an ihnen vorüber, und die Bäume, die sich des ersten Grüns erfreuten, und das ganze stillselige Frühlingserwachen. Sie sahen nichts.
Jetzt kamen Gärten, sanft hügelan sich ziehend. Da waren kleine Bauernhäuser und zierliche Villen, Schornsteine ragten über die Dächer; kerzengerade stieg abendlicher Rauch aus den Schloten und verflüchtigte sich leicht in die dünne silbergraue Frühlingsluft. Hunde bellten, wie Schwalbengeschwirr klang ferner Kinderlärm — da war der ganze Ort mit all den Menschen drin, die ganze gewohnte Alltäglichkeit war wieder da, und die beiden Wanderer eilten noch immer; schon lag die schöne Einsamkeit von Wald und Feld hinter ihnen, versunken im sanfter und sanfter werdenden Sonnenlicht.
Einzelne gelbe Strahlen tänzelten über die breite ungepflasterte Straße, an den Mauern niedriger Häuschen auf und nieder. Die Mauern waren weißgetüncht, die ganzen Häuschen so nett und sauber, daß sie den Eindruck der hübschen Villen nicht störten, die vereinzelt oder truppweise sich aufbauten.
Zierliche Eisengitter — sorgsam gepflegte Vorgärtchen mit Krokus- und Primelbeeten — Veranden, von noch nackten Reben umsponnen — frisch gestrichene Bänke — neugeschüttete Kieswege — ängstlich gehütete Starenkästen zwischen nickenden blühenden Kirschbaumzweigen.
Und in allem der Atem wohlgeordneter Zurückgezogenheit, einer auch auf Wochentage ausgedehnten Sonntagsruhe, recht angetan, um ein alterndes pensioniertes Dasein drin zu Ende zu leben.
Auf den Straßen kein Pflaster und kein Widerhall; der Bahnhof weit draußen, der Pfiff der Lokomotive ward nur bei Westwind gehört, und da regnete es meist und man schloß die Fenster. Selbst das Glöckchen im spitzen Kirchturm bimmelte zurückhaltend. Nichts Störendes, nichts Unruhevolles, und doch klopften den beiden jungen Menschen, die die Villenstraße hinunterhasteten, die Herzen ungestüm.
Sie gingen jetzt wieder nebeneinander; Fritz von Schöller hatte gesagt: „Es ist lächerlich, Cousine, wenn wir hintereinander drein rennen. Ich muß dich schon bitten, mich wenigstens für heute noch neben dir zu dulden.“
Sie hatte ihn scheu von der Seite angesehen, ohne ein Wort zu sagen; als er aber dann weitersprach: „Morgen bin ich ja fort“, zuckten ihre Lippen. Fort — morgen —! Sie ging weiter, ohne zu sehen und zu hören; beinah hätte sie das Kind getreten, das da auf allen Vieren im Staub der Straße buddelte; ihr Fuß berührte schon sein ausgestrecktes Händchen.
„Halt — Maria!“ Fritz ergriff ihren Arm und riß sie zurück.
„Oh!“ Bedauernd bückte sie sich. Er kam ihr zuvor und stellte das Kind auf die Füße; es taumelte noch auf den schwachen Beinen, da nahm er’s an die Hand und führte es zu der Mutter, die vorm nächsten Haus am Brunnen stand und Wäsche spülte. Lauter Klein-Kinderwäsche, die Windeln und Hemden und Röckchen blähten sich im Bottich, und das Weib wusch und wusch; Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn. Sie schien noch jung, aber das Gesicht war hager, die Nase spitz, der Mund breit.
„Wir hätten den Kleinen fast überrannt“, sagte Schöller und führte ihr das Kind zu.
„I du meine Zeit,“ schrie sie das Würmchen an, „was rennst du auch immer mitten auf den Weg? Wart’ nur!“ Sie drohte, aber doch riß sie das Kind an sich, und es klammerte sich an ihren Rock. „Er is so frech, Fräulein Maria“, sagte sie entschuldigend, dann ließ sie die Windel fahren, an der sie eben wusch, und hob den Jungen auf den Arm. Es wurde ihr herzlich sauer, der Junge war dick, und sie erwartete demnächst wieder ihre Niederkunft.
Maria schauerte zusammen. „Komm“, flüsterte sie und zupfte den Mann am Ärmel.
Um die Hausecke stoben mit Geschrei drei größere Kinder, wild und erhitzt kamen sie herangesprungen; das Kleine auf dem Arm schien eifersüchtig und klammerte sich an den Hals der Mutter; sein Mündchen drückte sich auf ihre Backe und lallte zärtlich.
„Wie hübsch,“ sagte Schöller im Weitergehen, „die Frau macht einen so glücklichen Eindruck!“
„Hübsch — glücklich —?“ Maria zog die Worte lang. Für einen Moment kniff sie die Augen zusammen, dann schritt sie mit verdoppelter Eile weiter. „Es sind arme Leute, der Mann arbeitet im Taglohn; sie haben auch einen kleinen Acker draußen, da bringt er uns manchmal Gemüse. Die Frau war früher ganz hübsch — huh, wie sieht sie jetzt aus — gräßlich!“ Wieder schauderte Maria; unter ihrer durchsichtigen Haut trat das Blut zurück, sie wurde ganz weiß.
Schöller drehte sich interessiert um: „Ich kann die Frau nicht häßlich finden — im Gegenteil. Ein bißchen angeknickt und abgearbeitet sieht sie aus! Das ist natürlich — eine Mutter von so vielen Kindern!“ Er blickte noch einmal zurück. Nach einer Pause murmelte er noch deutlich: „Arm — arm und doch gewiß sehr zufrieden, ganz beglückt.“ Jetzt erst wandte er sich zu seiner Begleiterin: „Kennst du die Leute näher?“
„Nein!“ Ungeduldig zuckte sie die Achseln; ihr Ton klang gereizt.
„Was hast du nur?“ Er sah sie forschend an.
„Gar nichts — komm nur, komm nur endlich!“ Mit einer ihr sonst fremden Heftigkeit riß sie ihn mit sich fort; er fühlte ihre innere Unruhe und hörte den hastigen erregten Atem.
Die Gärten rechts und links wechselten, die Bauernhäuser hörten auf, immer stiller wurde die Straße, immer vornehmer und zurückgezogener. „Ruhetal“ stand mit großen goldenen Lettern über der Haustür der einen Villa. Sie lag noch ein wenig mehr zurück von der Straße als die übrigen Häuser; hohe Fliederbüsche verdeckten die Fenster, und im Hintergrund dehnte sich ein großer Garten.
Die beiden hielten an. Im „Ruhetal“ wohnte Fräulein Clotilde von Sperrholz; Maria war zu Hause.
Im dämmerigen Flur empfing sie eine große Stille; den Tritt dämpften weiche Matten, auch die Treppe hinauf ging der dicke Kokosläufer, der keinen Schall durchließ. Es war fabelhaft aufgeräumt in dem breiten Flur, am Rechen hingen Hüte und Tücher und Mäntel gereiht; es war ganz hübsch hier, so hübsch wie in einer guten Stube, in der Sofas und Sessel weiße Leinenkappen tragen und die nie bewohnt wird.
Ein altes Mädchen in blendender Schürze kam und flüsterte Maria vorwurfsvoll zu: „Fräulein, die Tante wartet mit dem Tee, zweimal habe ich schon frisches Wasser für die Maschine bringen müssen, es war ganz abgekocht.“
„Ja doch, ja doch“, sagte Schöller, als er sah, wie eilig Maria den Hut herunterriß und die Jacke abstreifte. „Wir sind eben später gekommen, Jule, das ist noch kein Unglück.“
Die Alte murmelte etwas und zog sich geräuschlos zurück. — Sie traten in das Zimmer zu ebener Erde. Ein hohes stilles Gemach mit mattgrünen Vorhängen an den Fenstern, weichen Teppichen und unzähligen Nippes auf Konsolen und Konsölchen. Überall Väschen, kleine Dinger mit zwei, drei Frühlingsblumen darin. In jeder Ecke ein Staubkörbchen, zierlich gestickte Deckchen auf Tischen, Sofas und Sesseln — kein Stäubchen, nichts achtlos Hingeworfenes, überall Ordnung und Ruhe. Ein paar schöne Frauenbilder in breiten Goldrahmen guckten nieder in die Stille; das blinkende Gold der Rahmen war das einzig Lebhafte in der ganzen Umgebung.
Am Fenster, hinter dessen Scheiben der weite einsame Garten sich auftat, saß Fräulein Clotilde von Sperrholz; mit leichtem Zwinkern der Augen sah sie den Eintretenden entgegen. Das waren schöne dunkle Augen in einem blassen, schmal gewordenen Gesicht; aber Augen ohne Glanz, Augen, die leicht und gern weinen.
Des Fräuleins Stimme klang sanft, im Grunde einigermaßen klagend: „Liebe Maria, du bist sehr lange geblieben! Lieber Fritz, rücken Sie mir das Teetischchen etwas näher heran — so — ich danke sehr. Sie entschuldigen, ich muß mich auf die Chaiselongue legen; heute ist mein Befinden wieder gar nicht gut, auch die Augen versagen — das machen die vielen Erregungen, die mir das Leben gebracht hat, die vielen, vielen Tränen, die ich geweint habe.“ Ihr umflorter Blick heftete sich auf die Frauenbilder an der Wand und glitt dann zur Nichte: „Gott bewahre dich, mein geliebtes Kind, vor Ähnlichem!“
Maria wurde blaß und rot, sie neigte den Kopf tiefer zur Tante nieder und schmiegte die Wange an deren feine Hand. Dann, ohne Wort, machte sie sich daran, die Teegläser zu füllen. Die Augen niedergeschlagen, bot sie dem jungen Manne an und versorgte auch die Tante. Sie tat alles mit einer nachlässigen Grazie; ihre langfingerigen Hände schafften geräuschlos, eine gewisse Schlaffheit war in ihren Bewegungen, und doch hatte man die Empfindung, als müßten diese schlanken Glieder in Jugendkraft schwellen können, als lohe unter diesen gesenkten Lidern eine geheime, noch nicht entzündete Flamme.
„Bist du müde, mein Herzblatt?“ fragte Tante Clotilde.
Schöller sah, wie das Mädchen bei der Anrede zusammenfuhr.
„Maria scheint bleichsüchtig, übernervös“, sagte er. „Sie sollten wirklich einen Arzt fragen, verehrte Tante, vielleicht, daß der —“
„Ach!“ Die Tante war sehr erregt und tastete mit den weißen Fingern nervös hin und her. „Als ob ich das nicht täte. Mein alter Freund Kühlewein kommt gar nicht von uns fort, und einen besseren ärztlichen Berater kann man doch nicht finden. Aber da ist nicht viel zu machen, es ist eben ein verhängnisvolles Erbteil, das Maria mitbekommen hat. Meine unglückliche Schwester hat zuviel bei ihrer Geburt gelitten; und dann vor drei Jahren Leonorens unglückseliges Ende, das hat das arme Kind durch und durch erschüttert. Nicht wahr, mein Liebling —“ sie strich zärtlich über des Mädchens Haar, „wir können das nicht vergessen — nie?!“
„Nein — nie, nie!“ Maria war aufgesprungen, Schauer auf Schauer überflog ihre Gestalt, langsam, wie magnetisch gezogen, ging sie hinüber zu den Bildern. Sie stand davor still, stemmte die Hand gegen die Wand und hob das blasse Gesicht empor; es leuchtete durchsichtig in der grauen Frühlingsdämmerung. „Nie,“ sprach sie wie im Schwur, und dann noch einmal, tonlos zitternd: „Nie!“
Langsam glitt ihre Gestalt durch die Dämmerung zurück, ganz langsam, man hörte keinen Tritt — das schmale Gesicht mit dem abwesenden, weit aufgerissenen Blick tauchte wieder dem jungen Mann gegenüber auf; dann wurde es im Zimmer dunkler und dunkler.
Im Garten draußen tat eine Amsel noch einen einzigen letzten Schlag, der warme volle Ton stahl sich durchs Fenster und verklang.
Fräulein Clotilde nickte wehmütig mit dem hängenden Köpfchen: „Immer das alte Lied, jedes Frühjahr wieder, und später die Nachtigallen singen’s auch, und noch später brüten sie und sind alle verstummt — dann hat die ganze Herrlichkeit ein Ende.“
„Ja, — ein Ende!“ Maria war’s, die das nachgesprochen hatte.
Es klopfte; Jule kam auf Filzschuhen und meldete gedämpft, es sei angerichtet.
Nebenan im Eßzimmer brannte die Hängelampe, die alte Magd servierte, mit einer gewissen Feierlichkeit saßen sich die drei Personen gegenüber; so war es hier immer, es lag in der Luft.
Das ältliche Fräulein mit dem schmalen Gesicht, in dem das zierliche Näschen und die dunklen Augen von einstiger Schönheit sprachen, saß wie hingeweht am Tisch. Geräuschlos handhabte sie Messer und Gabel; sie aß kleine Bissen ohne rechten Appetit. Das Mädchen ihr gegenüber machte es ebenso, da war kein gesunder jugendlicher Hunger, kein Hineinbeißen, daß die weißen Zähne blinken; sie stocherte in den Speisen herum.
Fritz von Schöller wunderte sich, daß ihm das früher nie so aufgefallen war; eine bange Traurigkeit breitete sich in der Stille des Zimmers über ihn. Seine Blicke saugten sich an Marias blassem Profil fest, an der zarten Rundung der Wange und dem geschlossenen eigensinnigen Mund. „Nie, nie“, hatte der gesagt und sich wie im erstickten Schrei aufeinandergepreßt.
Was war das? Was ging in dem Mädchen vor?! Früher so voller Freude bei seinen Besuchen, von einer sanften zärtlichen Heiterkeit in seiner Gegenwart, seine Nähe schien ihr lieb, sie suchte sie — und nun?! Er hatte zu ihr von Liebe gesprochen, zum erstenmal; ihr zum erstenmal das laut gesagt, was seine Blicke, sein ganzes Wesen ihr längst verraten haben mußten. Er hatte ihr seine ganze Seele geboten — die Antwort: ein jähes Entsetzen.
Es wollte wie Zorn in ihm aufsteigen, wie Zweifel: War sie eine Kokette? O nein! Der Ton, in dem sie gerufen hatte: „Ja, wenn du’s denn wissen willst, ich liebe dich“, war echt. Aber es war soviel Qual darin, soviel Pein. Ein Verstörtsein hatte sich ihrer bemächtigt; es war ein Jammer, wie sie jetzt dasaß, ohne Halt im Rücken, tief über den Teller gebückt, ganz zusammengeknickt. Sie litt; für einen Moment wandte sie ihm voll das Gesicht zu, da sah er schmerzlich zusammengezogene Augenbrauen, zuckende Lippen, den ganzen, tiefbetrübten Ausdruck.
Er konnte ihr nicht böse sein; sein Herz krampfte sich zusammen in leidenschaftlicher Erregung — diese Lippen mit Küssen bedecken, diese Brauen mit liebkosender Hand glätten. — Er seufzte, ein Echo kam von Marias Lippen, dann suchte er unterm Tisch ihre Hand; jetzt hielt er sie gefaßt mit sanftem beschwörenden Druck — ihre Finger waren eiskalt — aber jetzt, seine Hand wurde weggeschleudert, als sei sie ein giftiges Tier; Marias Stuhl rückte laut — sie zog sich von ihm zurück.
Tante Clotilde blickte auf: „Nun?“
Schöller räusperte sich: „Ich, — hm, ich muß —“
Ein Blick Marias traf ihn, ein angstvoller, beschwörender Blick; er wollte ihn nicht sehen.
„Ich muß morgen abreisen, verehrtes Tantchen, verzeihen Sie, daß ich so mit der Tür ins Haus falle, aber ich muß, ich muß — plötzlich Nachricht bekommen — meine Anwesenheit nötig — ich —“ er stockte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Oh — aber so plötzlich!“ Tante Clotilde war einigermaßen erstaunt, einer lebhaften Verwunderung war sie nicht fähig; sie richtete ihre schönen müden Augen auf Schöller. „Nun, wenn das Scheiden denn sein muß, dann in Gottes Namen; hoffentlich sehen wir uns bald wieder!“ Sie lächelte wehmütig: „Ich habe im Leben schon so viel bitteres Scheiden erlebt, daß ich — so ungern ich Sie auch abreisen sehe, lieber Fritz — bei einem zeitweisen Abschiednehmen keine Erregung mehr empfinde. Kommen Sie bald wieder“ — sie reichte ihm liebenswürdig die Hand über den Tisch — „Sie sind mir immer willkommen! Der Sohn meiner lieben Cousine Bertha kann jederzeit bei mir anklopfen. Und, lieber Fritz, es war wirklich nett von Ihnen, daß Sie Ihre Osterfeiertage bei uns verlebten; behalten Sie die alte Sitte bei, uns die Festzeiten zu schenken, teilen Sie sie wenigstens zwischen uns und Ihren näheren Angehörigen. Nicht wahr, Maria, mein Herzblatt, er ist uns immer sehr lieb?“
„Sehr lieb!“ Das Mädchen stieß es tonlos hervor und lehnte sich vornüber so schwer an den Tisch, daß der rückte.
„Sie sind sehr gütig!“ Schöller küßte die Hand des Fräuleins. Er fühlte sich seltsam bewegt; diese feinen Züge kannte er nun schon seit seiner Primanerzeit, er war damals mit der Mutter ins „Ruhetal“ gekommen, und die Vorliebe, die Fräulein von Sperrholz für Cousine Bertha hegte, hatte sich auf deren Sohn übertragen. Damals hatte er sich nicht viel aus dieser Vorliebe gemacht; was sollte der flotte Student, der junge Referendar im „Ruhetal“? In der ersten Zeit hatte er für das Fräulein geschwärmt, sie redete immer sanft, immer leidend mit einem leicht vorwurfsvollen Augenaufschlag; sie hatte was vom Duft der Potpourrivasen an sich, die oben in der Logierstube auf der Kommode standen. Als er noch halber Knabe war, stimmte ihn dieser Duft wehmütig; sah er zur Herbstzeit im großen Garten, wo dei Nachtfrost schon die Pflanzen streifte, so ein paar welke Blüten auf dem Stengel hängen, dachte er an Tante Clotilde. Er wurde sentimental dabei. Später lächelte er über dergleichen Empfindeleien, aber er hatte immer schonende Rücksichtnahme. Es gibt Persönlichkeiten, die man stets mit Glacéhandschuhen anfaßt; Tante Clotilde war so eine.
Und noch später kam Assessor von Schöller sehr gern ins „Ruhetal“. Ein Mädchen ging in den stillen Räumen aus und ein — Maria! Sie hatte nicht Vater noch Mutter mehr, und um die einzige heißgeliebte Schwester trug sie Trauer, als Fritz sie kennenlernte. So ein stilles zartes Ding war sie, und doch jung und gesund und reizvoll über die Maßen. Sie sollte nun bei Tante Clotilde, der Schwester ihrer verstorbenen Mutter, leben, bei dem jungen, verwitweten Schwager konnte sie doch nicht wie bisher sein. Sie wurde mit abgöttischer Liebe im „Ruhetal“ aufgenommen, mit abgöttischer angstvoller Zärtlichkeit verwöhnt. Wer sollte sie auch nicht verwöhnen?!
Vor des Mannes Erinnerung stieg der Augenblick auf, in dem er sie zuerst gesehen. Ein Frühlingsabend wie heut; die Tür war aufgegangen, in der weichen Dämmerung glitt eine Gestalt herein, unhörbar kam sie auf ihn zu, stellte sich vor ihn, überschlank, groß, trotz des gesenkten Kopfes — sein Schicksal. Er wußte es am ersten Abend, daß er sie lieben würde — ja, er liebte sie schon.
Drei Jahre waren es jetzt her, in den drei Jahren, was war da aus ihr geworden? Schlank, still war sie noch immer, scheinbar kühl; eigentlich nur warm, wenn sie von ihren Verstorbenen sprach, von Mutter und Schwester. Da hatte ihre Stimme eine Inbrunst ohnegleichen, ihre Augen blickten schwärmend, entrückt — die liebte sie. — —
Es gab Schöller einen Stich durchs Herz; er sah zu ihr hin. Das milde Ampellicht umfloß ihr junges Haupt — so schön — und sie war ihm nah, so nah — und doch unerreichbar! Ein jäher heftiger Schmerz bohrte sich ihm ein, eine unerträgliche peinvolle Gewißheit. „Nie, nie“ schrie es ihm in die Ohren — er sprang auf.
Auch Maria sprang auf, ruhelos fing sie an, umher zu schreiten. Keiner sprach; kühl war’s im Zimmer trotz des knisternden Kaminfeuers. Draußen ging der Nachtwind und drückte gegen die Scheiben.
Da — ein Klingeln an der Haustür. Gott sei Dank, es kam jemand; wie eine Erlösung empfanden es die beiden jungen Menschen.
Fräulein Clotilde horchte auf, dann verklärte sich ihr Gesicht; sie kannte ganz genau diese Art, die Schelle zu ziehn — so läutete nur Doktor Kühlewein. Kein anderer zog so behutsam und gab am Schluß noch so einen kleinen sanften Nachdruck; der Gute, er wußte, wie schreckhaft sie war!
Richtig, es pochte an der Zimmertür — nur er pochte so.
„Herein!“ sagte das Fräulein sehr sanft.
Doktor Kühlewein trat ein; mit eiligen kleinen Schritten war er bei dem Fräulein und küßte die ausgestreckte Hand. „Verehrtes gnädiges Fräulein!“ Es war ein wenig altmodisch, wie er ihre Finger hielt, ängstlich zart, ganz vorn an der Spitze; leicht wie ein Hauch war die Berührung seiner Lippen. Man hätte eher einen parkettgewohnten Diplomaten als einen einfachen Landarzt in ihm vermutet. Auch seine Stimme hatte keinen von Wind und Wetter gehärteten Klang, er sprach hoch wie ein Jüngling, dazu mit einem durch Gewohnheit zur Natur gewordenen kleinen lispelnden Anstoß.
„W — wie geht es Ihnen?“ Er fragte besorgt, als habe er Fräulein von Sperrholz wer weiß wie lange nicht gesehen. „Wie war die Nacht?“
„O, ich danke!“ Sie errötete wie ein junges Mädchen und sah ihn dankbar an; ihre matten Augen erhielten ein glückliches Aufleuchten. „Es geht ja so — ja so — nun geht es ganz gut!“
„Wie mich das freut, wie mich das freut!“ Er tat ungefähr, als habe er das Große Los gewonnen, ein ganz unerwartetes Glück, das, wie vom Himmel herab, einem Unwürdigen in den Schoß gefallen. Besorgt sah er dem Fräulein in die Augen, für die beiden andern hatte er nach flüchtiger Begrüßung wenig Blick.
Tante Clotilde fragte auch ihn nach seinem Befinden, ebenso besorgt, ebenso interessiert, und war ebenso erfreut, Gutes zu hören. Sie ließ etwas im gewohnten klagenden Ton nach, die mädchenhafte Röte auf ihren Wangen blieb, mit einer sie verschönenden, halb verschämten Koketterie führte sie die Unterhaltung.
„Alte Liebesleute“, dachte Schöller, als das Fräulein aufstand und im leis rauschenden seidenen Gewand dem Nebenzimmer zuschritt. Der Doktor bemühte sich geschwind an ihre linke Seite, mit tiefen Verbeugungen bekomplimentierte er sie über die Schwelle. Drinnen saßen sie am kleinen Tisch; sie in die Chaiselongue gelehnt, er ihr gegenüber auf einem Taburett. Sie spielten ihre Schachpartie wie alle Abende; und wie alle Abende leuchtete ihnen die grünumschleierte Lampe, deren matter Schein die Gesichter so verblaßt, so vergangen erscheinen ließ.
Dem jungen Mann kam es komisch und traurig zugleich vor, wie die ergrauten Köpfe sich gegeneinander neigten, wie Tante Clotilde die Augen auf- und niederschlug und lächelte — keine Frau vergißt ihre Jugend. — „Gardez — Schach!“ Die Stimmen hatten keinen Klang mehr, sie waren verschleiert wie das Lampenlicht. Draußen ging Frühlingsbrausen durch die Nacht, hier innen noch Ofenwärme.
Schöller hatte einmal von seiner Mutter eine lange Geschichte gehört, daß Tante Clotilde und Doktor Kühlewein sich eigentlich in ihrer Jugend verloben wollten; aber die alte Frau von Sperrholz hatte es nicht zugegeben, und Clotilde war viel zu wohlerzogen, eine viel zu vortreffliche Tochter, um ihren Kopf durchzusetzen. So wurde sie eine alte Jungfer und Kühlewein ein alter Junggeselle. Von den verlangenden Wünschen der Jugend hatten sie keine Ahnung mehr; die waren längst eingeschlafen. „Mein Freund“ — „meine Freundin“, das war die Quintessenz der höchsten Gefühle. So lebten sie.
Den jungen Mann schauderte. Eine plötzliche Ungeduld überkam ihn, eine Angst; er hätte mit der Faust auf den Tisch schlagen mögen, hineindonnern in die Stille: „Ihr Entsagenden, seht ihr nicht, daß noch ein Dritter neben euch lebt? Macht das junge Geschöpf nicht so arm wie ihr selbst seid; ihr macht sie krank, ihr nehmt ihr das Blut, ihr —“
Ein tiefer Seufzer ließ Schöller aufschrecken; ein paar Schritte entfernt stand Maria, sie starrte gleich ihm ins Nebenzimmer hinein auf die Spielenden. Die Arme hingen ihr schlaff herunter; sie sah müde und traurig aus.
„Maria“, flüsterte er.
Sie trat rasch weiter von ihm fort.
„Fürchte dich nicht,“ sagte er bitter, bitterer, als er selbst wußte, „ich belästige dich nicht mehr. Du bist abgespannt, geh zu Bett, Maria! Ich will auch schlafen, und — vergessen. Ich bin dir nicht böse“ — er sah ihren scheuen Blick, den eines gescholtenen Kindes — „nein, ich bin dir nicht böse, ich kann das nicht. Aber wir sehen uns morgen nicht mehr, in aller Frühe bin ich fort; es ist besser so. Du wirst freundlich an mich denken, und ich“ — er zwang sich, ruhig zu scheinen — „ich bleibe dein —“
Er stockte, er wollte sagen „dein guter Freund“, aber er konnte es nicht, es kam ihm wie ein Abklatsch von denen da drinnen vor — nur nicht! Er richtete seine kräftige Gestalt stramm auf: „Also leb’ wohl, Maria!“ Daß sein Gesicht bleich war und seine Lippen eigentümlich zuckten, konnte er nicht hindern.
Er ging. Sie sah, wie er mit Tante Clotilde sprach, wie sie ihn auf die Stirn küßte, wie er dem Doktor die Hand schüttelte — sie sah das alles mit dem dumpfen Gefühl: Er geht — geht. Brennende, glühende Tränen stiegen in ihr auf, sie hätte sich selbst hassen mögen; hilfesuchend glitt ihr Blick umher, er fiel auf die Bilder an der Wand; starr blieb er da haften. Die Hände ineinander geschlungen, stand sie unbeweglich. Die Tür fiel ins Schloß — gegangen, gegangen, er war wirklich gegangen! Noch wenige Minuten, er schritt über die Gasse, ganz allein durch die Nacht, hinüber zu dem kleinen Haus, in dem er wohnte. Oh, daß er nicht hier im Hause blieb! Es war wunderlich, lächerlich von Tante Clotilde, ihm hier kein Zimmer einzuräumen! Ja, das wußte sie, sie würde mitten in der Nacht, wenn alles schlief, zu ihm gelaufen sein; vor seinem Bett wäre sie niedergekniet. Ja, seine Hände mit Küssen, mit Tränen bedecken, bitten, flehen, stammeln: „Verzeih mir, verzeih, ich kann nicht anders!“