Kitabı oxu: «Töchter der Hekuba»
Clara Viebig
Töchter der Hekuba
Saga
1
Die Frau saß aufrecht im Bett. Sie horchte. Es war nichts zu hören. Wie war das früher anders gewesen! Da hatten die Söhne schon am Morgen das Haus mit Gepolter erfüllt, mit soviel frischem Leben. Jetzt war es still. Sie waren fort. Daß Heinz ging, war selbstverständlich, er hätte ohnehin gerade dienen müssen. Und er hatte immer den Wunsch gehabt, Offizier zu werden – was denn auch sonst? Besondere Talente hatte er nicht, fürs Studium keine Neigung; aber Mut, Tatkraft, körperliche Gewandtheit hatte er, gute Haltung und ein hübsches Gesicht. Als er das erste Mal heim kam über den Sonntag aus Spandau – als Fahnenjunker bei der Artillerie –, war etwas wie Stolz in ihr Herz gekommen. Wenn alle so aussahen wie Heinz und sich so leicht in die Anstrengungen des Dienstes schickten, dann konnte es Deutschland nicht fehlgehen. Unwillkürlich richtete sich die Frau höher auf; sie wendete den Kopf zum Nachttisch, auf dem neben ihrem Bett, in einem Rahmen vereint, die Bilder ihrer zwei Söhne standen. Ihr Mann hatte jeden von ihnen kurz vor dem Ausrücken noch photographieren lassen, die Mutter dann Weihnachten, am ersten Weihnachtsfest ohne die Kinder, damit überrascht. Es war gut von ihm gemeint gewesen, er gedachte sie zu erfreuen, aber sie hatte weinen müssen, so sehr weinen, daß er anfangs besorgt war, dann aber ärgerlich wurde: War es denn nicht selbstverständlich, daß die Söhne draußen waren, gesunde, kräftige Menschen? Wenn alle Mütter ihre Söhne nun hätten zurückhalten wollen, was dann? Und die Jungen lebten ja noch, ganz wohlbehalten.
Ja, Gott sei Dank, aber, aber – sie hatte selbst nicht mehr recht gewußt, was sie sagen wollte. Ach, daß ihr Jüngster auch gegangen war! Erst achtzehn; er hätte es noch nicht nötig gehabt. Aber der allgemeine Taumel hatte ihn mitgerissen. Aus der Schule kam er, die Bücher schleuderte er von sich, daß die zerfledderten Blätter umherflogen – wieder hatte ihn heute ein Lehrer gefragt: „Wie, Bertholdi, Sie sind noch immer hier? Sie sind doch groß und stark.“ Diese Schulmeister, oh diese Schulmeister! Die Bitten, die Vorhaltungen der Mutter: ‚Geh nicht! Du bist noch zu jung, du erträgst die Strapazen nicht‘, waren ganz vergebens. Sie waren eben alle nicht bei Sinnen gewesen, die Söhne nicht, die Lehrer nicht, die Väter nicht – alle nicht. Nur die Mütter sahen, wie es wirklich war; die ahnten, wie es kommen würde. Gekommen war.
Fröstelnd zog sich Hedwig Bertholdi die Decke höher an den Hals. Ihre Schultern beugten sich ganz nach vornüber, es legte sich ihr wie mit Eisengewicht ins Genick. Das war die Faust des Krieges.
Falsche Propheten, die damals verheißen hatten: Wenn der erste Schnee fällt, läuten die Glocken Frieden. Es war mehr daraus geworden, als nur ein kurzer Marsch durch Feindesland, als ein keckes Draufgehen, ein rascher Sieg. Der Schnee war gefallen und geschmolzen, Grün war ersprossen und erstorben – Frühling, Sommer, Herbst – Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Und wiederum war es Winter geworden, Frühling und Sommer. Nur die Natur hatte ihr Kleid verändert, unverändert stand noch der Krieg. Breit, groß, unerbittlich; jetzt schon fast mit grausamer Selbstverständlichkeit. Es roch nach Blut.
Die Frau schauderte. Ihre feinen Nasenflügel bebten. Durch die geöffnete Balkontür kam von der Straße der Duft der Linden herauf. Sie roch ihn nicht. Die Knie hochziehend, stützte sie beide Ellenbogen auf und barg das Gesicht in den Händen.
Ein Schmetterling wehte herein als flüchtiger Gast, eine Biene irrte ins Zimmer, beladen mit Blütenstaub, und umsummte sie. In der großen Linde, die breitgeästet im Vorgarten schattete, jagten sich zwitschernd ein paar Finken. Jenseits der Villenstraße in dem alten Park gurrten die Waldtauben.
So einsam! Mit einem Aufseufzen ließ die Frau die Hände vom Gesicht und strich sich die Haare zurück, die ihr, zu Zöpfen geflochten, wie einem jungen Mädchen herunterhingen. Der Kopf tat ihr weh, sie hatte schlecht geschlafen und gar keine Lust, aufzustehen. Die Mädchen besorgten ja alles, es war jetzt auch wirklich unwesentlich, was auf den Tisch kam und ob eine Stunde früher aufgeräumt wurde oder später.
Wann sie wohl wiederkamen?! Unruhig, wie suchend, wandte Frau Bertholdi den Kopf hin und her. Oh Gott, wie lange sollte sie denn noch warten? Nun wartete sie schon ein ganzes Jahr. Warten, immer warten. Täglich auf den Briefboten warten: Brachte er einen Brief von Heinz? Einen Brief von Rudolf? Einen Wisch, mit Bleistift geschrieben, verlöscht, kaum leserlich. Und doch immer und immer wieder gelesen, weggelegt, wieder hervorgeholt, jedes Wort herausbuchstabiert, überlegt, bedacht, daran herumgedeutet wie Schriftgelehrte an Hieroglyphen. Dieses langsame Entziffernmüssen hatte etwas so Peinvolles für das Herz, das dem Auge vorauseilt. Und wenn kein solcher Zettel kam? Dann wurden die Minuten Stunden, die Stunden Tage, die Tage Wochen – nein, Jahre.
Wie abwehrend streckte Hedwig Bertholdi beide Hände vor sich. Die weiten Ärmel des Nachthemds fielen von ihren zarten Gelenken zurück. Mit einem sich selber bemitleidenden Lächeln sah die Frau auf ihre Arme: Die waren sehr dünn geworden. Um Gottes willen, nur nicht noch einmal dieses schlimmste Warten wie letzthin! Da hatten sie alle beide nicht geschrieben, fast drei Wochen war von keinem eine Nachricht gekommen; nicht von Heinz aus den Argonnen und nicht von Rudolf, der im Osten stand. Sie war darüber schier vergangen, aß nicht, schlief nicht, die Kleider hingen ihr. Vergebens hatte ihr Mann sie zu beruhigen versucht: „Es ist Sperre. Andere haben auch keine Nachricht.“ Was gingen sie andere an? Ihr Mann sprach immer mit einer gewissen Bewunderung von der Nachbarin, der Witwe Krüger; aber das war eben eine Frau aus Bauerngeschlecht, so viel robuster. –
Der Garten der Frau Krüger stieß von hinten an das Bertholdische Grundstück. Er war noch ganz ländlich, mit Kartoffeln und Gemüse bestellt, ein Überbleibsel aus der Dorfzeit des Vororts. Der Mann lebte schon lange nicht mehr. Frau Krügers einziger Sohn Gustav war im Krieg. Sein Regiment war mit bei Dixmuiden gewesen – lauter junge Soldaten, die noch nicht wissen, was Krieg ist. Was eine Schlacht ist. Sie waren hineingelaufen wie Schafe, die ins Feuer rennen, ahnungslos, daß es sie verbrennt. Es waren ihrer viele gewesen. Frau Krüger hatte emsig die Verlustlisten studiert, ihres Sohnes Name hatte nicht darin gestanden. Darum war sie getrost.
Dreiviertel Jahr war schon verflossen seit Dixmuiden. Frau Bertholdi zog die Augenbrauen hoch: Wie konnte man nur so ruhig sein? Wenn sie dächte, sie sollte so lange warten wie die Frau Krüger! Keine Nachricht erhalten, nur immer warten, warten, bis –
Sie schreckte zusammen. Es hatte geklopft. Erschrocken sah sie nach der Tür.
Das Mädchen war es. „Gnädige Frau“, sagte die junge Person mit den blanken Augen und lächelte, „ich wollte ja nur fragen, ob gnädige Frau etwas wünschen? Der Herr hat gesagt, wir sollen nachsehen, wenn’s zehn ist. Der Herr wollte nicht stören, gnädige Frau schliefen noch.“
„Ich schlief nicht.“ Die Frau sagte es förmlich verletzt: Wie konnte er annehmen, sie schliefe? Nur die Augen hatte sie geschlossen gehalten, als er noch einmal den Kopf in ihr Zimmer steckte.
„Der Herr läßt grüßen“, sagte das Mädchen wieder. „Er ist in die Stadt gefahren. Es ist ein Brief gekommen heut morgen.“ Man sah ihr die Wichtigkeit an. „‚Heeressache‘ stand drauf.“
„Heeressache?!“ Die Frau fuhr auf.
Das Mädchen sah sie ganz mitleidig an. „Gnädige Frau sind immer gleich so ängstlich. Nein, was Schlimmes ist es nicht, der Herr war ganz vergnügt, als er fortging.“
Vergnügt – er konnte vergnügt sein?! Ein etwas verbitterter Zug kam in das schmale Gesicht der Frau.
„Soll ich jetzt das Frühstück heraufbringen?“
„Nein, danke, Emilie. Ich habe keinen Hunger.“
Das Mädchen zögerte noch. „Gnädige Frau, und dann ist die Frau Krüger unten. Sie wollte sehr gern den Herrn sprechen. Wir sind alle ganz aufgeregt. Wir meinen auch: Er ist es!“
„Wer denn?“ Frau Bertholdi wandte kaum den Kopf; es war ihr ja alles so gleichgültig, sie war nur ärgerlich über die Störung.
„Nun, der Gustav, der Krüger ihr Sohn. Sie hat doch ewig lange nichts von ihm gehört. Nun hat sie ’n Bild unten, ein Bild von Gefangenen. Da ist ihr Gustav mit bei. Sie möchte es der gnädigen Frau auch gern mal zeigen.“
Gustav Krüger – nicht möglich?! Nun war Hedwig doch nicht ganz teilnahmslos mehr. Sie verließ das Bett und warf einen Morgenrock über. „Lassen Sie Frau Krüger heraufkommen.“
Die Krüger stand auf der Schwelle des Schlafzimmers. Ihre in die Breite gegangene Gestalt und das ganz ergraute Haar ließen sie älter erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Man sah es ihr nicht an, daß sie erregt war. Ihre tiefe Stimme klang ruhig: „Sie haben ihn doch auch gekannt, Frau Bertholdi, schon als er noch ’n Junge war; er ist ja ungefähr in einem Alter mit Ihrem Heinz. Nu sehn Sie mal, is er das nich?!“ Rasch trat sie näher und hielt ein Blatt, das sie bis dahin in den Falten ihres Rockes gehalten, der andern dicht vors Gesicht.
Es war eine illustrierte Zeitung:
„Deutsche Gefangene auf Korsika“
(nach einer englischen Aufnahme).
„Da ist er! Da, da!“ Die Krüger tippte mit dem Finger auf einen der Gefangenen. An dem Zittern dieses Fingers merkte man nun doch, daß sie erregt war. „Und so natürlich! So stand er immer: den Kopf vor, den Rücken ’n bißchen krumm. Ich habe immer gesagt: Du mußt dir grader halten.“ Die tiefe Stimme wurde leise: „Und wenn er auch jetzt gefangen ist, wenigstens kommt er doch wieder!“
Hedwig Bertholdi wurde verlegen. Sie hatte vergeblich in dem Gefangenen Gustav Krüger zu erkennen gesucht. In der Haltung mochte etwas Ähnliches sein. Das war aber auch alles. Die Gesichter waren sämtlich unklar, hellere Flecke; einer sah wie der andere aus. Sie schwieg.
Der Blick der Krüger hob sich jetzt von dem Blatt und bohrte sich in ihr Gesicht. „Sie meinen doch auch, das is er?“
„Es wäre wohl möglich – es ist möglich“, verbesserte sich Hedwig rasch. Sie suchte nach Worten. „Es ist schwer, auf solchem Bilde mit Bestimmtheit jemanden herauszufinden. Ich kenne ja auch Ihren Sohn nicht so genau, wie Sie ihn kennen.“
„Ich bin die Mutter“, sagte die Frau kurz. Und dann, wie um sich selber noch mehr zu vergewissern, hielt sie sich das Bild dicht vor die Augen und trat dann, als sei es ihr noch nicht hell genug, ans Fenster.
Der Sommersonnenschein flutete herein und umwob die dunkelgekleidete Gestalt mit goldenem Geflimmer. So stand sie ganz regungslos ein paar Minuten mitten in der größten Helle und starrte in die illustrierte Zeitung.
Hedwig zog ihr Morgenkleid fester um sich, es fröstelte sie auf einmal, obgleich es heiß war: Die Frau täuschte sich – sie täuschte sich sicherlich – aber wer konnte den Mut haben, ihr das zu sagen?!
„Also Sie meinen, er is es nich!“ sagte plötzlich die Krüger und trat vom Fenster weg. Nun stand sie im Schatten im schwarzen Kleid mit blassem Gesicht. Ihre Stimme war tonlos.
Hedwig wehrte: „Oh nein – ich meinte ja nur – ich dachte – Sie müssen das natürlich besser wissen!“
„Ich weiß es.“ Die Stimme der Krüger hatte jetzt wieder Klang. „Das is mein Junge. Mein guter alter Junge!“ Sie preßte die Zeitung an ihre Brust. „’ne Mutter täuscht sich nich. Nein!“ Sie lächelte beruhigt, ganz überzeugt. Dieses Lächeln verschönte ihr breites, alltägliches Gesicht.
Hedwig wagte nichts darauf zu erwidern – die Krüger täuschte sich auch doch wohl nicht, eine Mutter erkennt ihr Kind nach noch so langer Zeit, und wo es auch sei. Sie hielt der anderen die Hand hin. „Dann freuen Sie sich, Frau Krüger! Aber warum hat Ihr Gustav nur so lange nichts von sich hören lassen? Das ist doch sehr unrecht von ihm.“
„Unrecht – unrecht?!“ Die Frau grollte. „Freilich unrecht. Aber wer sagt denn, daß er alleine unrecht hat. Ich hab’ auch unrecht gehabt.“ Sie trat Hedwig näher. „Ich will Ihnen sagen, Frau Bertholdi, warum der Junge so lange nicht geschrieben hat. Ich – ich bin schuld dran. Der Gustav hatte nämlich hier eine. Und als er von der Garnison noch mal hier war auf Urlaub, wollte er sich kriegstrauen lassen mit ihr. Sie war in der Hoffnung. Ich hab’s nicht zugegeben. ‚Wer weiß, ob das Kind von dir is‘, hab’ ich gesagt. Sie war eigentlich sonst ganz ordentlich – fleißig war sie –, aber ich bitt’ Sie, Frau Bertholdi, man will doch nich, daß ’n junger Mensch, der doch mal was hat, sich eine an den Hals hängt, die nischt is und nischt hat. Besonders hübsch war se auch nich und älter als er. Ich begreif’ ja den Gustav nich –“ sie verbesserte sich rasch – „hab’ ihn nich begriffen. Er is eben so anständig. Den ganzen Urlaub haben wir uns deswegen rumgehabt, ’s war schon nich mehr schön. Zuletzt hatt’ ich ihm die Sache doch ausgeredet. Aber froh is er nich drüber gewesen. Am Morgen, als er fortmachte, hat er mir nich mal die Hand gegeben. Und darum hat er auch nich geschrieben – an keinen.“ Sie atmete tief auf: „Gott sei Dank, daß er lebt! Daß er nich für immer von mir gegangen is im Bösen.“ Ihre Hände schlangen sich ineinander wie beim Beten: „Gott sei Dank!“
„Aber, Frau Krüger, haben Sie ihm denn gar nicht geschrieben?“
„I, wo wer’ ich!“ Die Krüger warf den Kopf in den Nacken. „Wenn er nich schreibt! Aber nu wer’ ich an ihn schreiben, ja ja. Herr Bertholdi wird gewiß so gut sein, mir sagen, wie ich’s anfangen soll. Korsika – auf Korsika – ach Gott, das is wohl sehr weit? Mein Junge, mein guter alter Junge!“ Es zuckte in ihrem Gesicht als wolle sie weinen; aber es kamen keine Tränen. „Wenn man böse auseinandergegangen is mit einem, dann is das Warten auf ihn noch viel schrecklicher. Das glauben Sie man!“
Langsam ging die Krüger von der Bertholdischen Villa die Straße hinunter. Die Sonne stand hoch, die Hitze war lähmend. Sie schlich im Schatten. Und doch hätte sie eigentlich gehen sollen wie eine ganz Junge, laufen, fliegen – ihr Gustav, ihr Gustav lebte ja! Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor. Den mußte sie machen. Als sie mit Frau Bertholdi gesprochen hatte, war ihr das gekommen wie in einer plötzlichen Aufwallung: Sie mußte zu dem Mädchen hingehen. Sich einmal nach dem umsehen, sich selber überzeugen, wie es ihm ging, damit sie es dem Sohn schreiben konnte. Und lieber wollte sie dann gleich gehen, sofort. –
Es war ein weiter Weg von hier bis dahin. Früher hatte die Hieselhahn ganz in der Nachbarschaft gewohnt, nicht weit vom alten Kirchhof, hinten heraus in der Blumen- und Kränzebinderei. Da hatte der Gustav sie auch kennengelernt. Dann war sie fortgezogen. Jetzt sollte sie entgegengesetzt wohnen, ganz draußen, da, wo die Villen ein Ende haben und Arbeiterwohnungen, in gleichförmigen Bauten, aus Feldern ragen, die nicht mehr Äcker, aber auch noch nicht Gärten sind. Frau Krüger hatte hier nie etwas zu suchen gehabt, nun aber suchte sie von Haus zu Haus. Sie schwitzte, sie hinkte schon. Die Füße taten ihr weh. Dieses Gehen in der Mittagsglut machte sie sehr müde. Hier war gar kein Schatten, die Bäumchen, die zur Seite der Straße angepflanzt waren, standen noch jung und klein. Es wäre ihr sonst nie eingefallen, um diese Stunde ihren schattigen Garten oder ihr kühles Zimmer zu verlassen, in dem der Tisch schon gedeckt stand, und das behagliche breite Sofa, das zu einem Mittagsschläfchen einlud. Aber heute ging es nicht anders, sie hatte Versäumtes nachzuholen; sie wollte wiedergutmachen. Wenn sie dem Gustav schreiben konnte, daß sie die Gertrud aufgesucht hatte, freundlich mit ihr gewesen war, daß sie das Kind gesehen hatte – sein Kind –, dann würde er sich freuen. Sie würde einen Brief von ihm bekommen, einen versöhnlichen Brief, und sie würde, sie würde – ja, was würde sie denn? Das wußte sie jetzt selber noch nicht. Das würde sich finden.
Mit einer Entschlossenheit, die ihre Müdigkeit überwand, suchte die Mutter weiter. Sie fand die Hieselhahn nicht. Wohnte die vielleicht auch hier nicht mehr? Schon gingen die Häuser zu Ende. Endlich erfuhr sie vom Postboten, der des Weges kam: „Hieselhahn – Fräulein Hieselhahn –? Ach so, die mit dem Kind! Die wohnt noch weiter draußen, in dem kleinen Gehöft an dem Kartoffelland, bei Streckenarbeiter Dombrowski.“ –
Frau Krüger stieß die vermorschte Lattentür auf und betrat den eingefriedeten Hof. Es sah hier recht einfach aus, ziemlich armselig. Geringes Ackergerät stand umher; eine Schubkarre, Schippe, Besen, ein paar schadhafte Körbe. An der offengebliebenen Tür eines leeren Bretterschuppens, den kläglich miauend eine Katze umschlich, hing ein verschlissener Männerrock, den Wind und Wetter zur Vogelscheuche gemacht hatten, und ein alter Filzhut, der nur eine Krempe, aber keinen Kopf mehr hatte. Dieser zerwehte Rock, der durchlöcherte Hut, der leere Schuppen hatten etwas Trauriges und Verlassenes, obgleich die Sonne hell schien. Frau Krüger fühlte eine Beklemmung: So sah es hier aus? Nur das Geschnatter einer Gans, die jetzt heranwatschelte, und ein mauseriges Huhn, das im Sand kratzte, beruhigten sie; das war doch etwas einigermaßen Vertrauenerweckendes.
Eine Frauengestalt, die Ärmel hochgestreift, die Füße in Holzpantinen, stand an einer Bütte vor der Haustür und spülte Kinderwäsche. Sie mußte sich tief bücken, Schweißtropfen perlten ihr hinab ins Waschfaß, aber sie hatte flinke Hände. Und fleißig war sie.
Das war die Hieselhahn! Frau Krüger erkannte sie sofort, obgleich sie sie nur flüchtig ein paarmal gesehen hatte. Sie blieb ganz still stehen und sah der Fleißigen zu. Sehr armselige Hemdchen, aus schon dünn getragenem altem Zeug zusammengenäht, ein paar winzige Jäckchen und Windeln!
Frau Krüger wischte sich den Schweiß ab: War das unerträglich heiß heute! Und zu Hause hatte sie noch so viele gute Kindersachen!
Aus dem niedrigen Fenster zu ebener Erde erscholl jetzt eine kräftige Kinderstimme, ein lautes, ungestümes Geschrei.
„Ja ja, na, warte man, du!“ Die Waschende hob den Kopf, da begegnete ihr Blick dem fest auf ihr ruhenden Auge der Krüger. Sie stutzte; sie schien einen Augenblick nachzudenken, dann flog ein rasches Rot über ihr Gesicht. Etwas Feindseliges kam in ihren Ausdruck. „Sie wünschen?“
Frau Krüger wußte sofort: Die hat dich erkannt, und böse ist sie dir auch noch. Hatte die Hieselhahn nicht Groll in den Augen – etwas Herausforderndes –, oder war es nur Abwehr? Aber das half ja jetzt alles nicht, jetzt mußte sie gutmachen, sie kam wegen Gustav, ja, wegen Gustav, und – wegen ...
Das Kindergeschrei erhob sich immer stärker, und mitten in das Geschrei hinein sagte die Krüger, sagte es ganz ruhig, aber das Herz schlug ihr dabei: „Ist das der Kleine? ’ne gute Lunge, ’is doch ’n Junge, was?“
„Jawohl“, sagte die junge Mutter kurz und kehrte sich ab, um ins Haus zu gehen.
Da faßte die alte Mutter einen starken Entschluß: Sie durfte sich nicht an der Abwehr der anderen kehren, sie mußte der sagen, was sie zu sagen hatte, die mußte hören. Und mit einem großen Schritt war sie bei dem Mädchen und faßte es beim Handgelenk: „Sie, wissen Sie was? Der Gustav lebt!“
„Was geht mich das an?“ Die Hieselhahn wollte gleichgültig tun, aber dann wurde sie doch totenblaß. Sie strebte nicht mehr fort, sie blieb stehen. Mit weitgeöffneten, fast angstvollen Augen starrte sie seine Mutter an: Warum, warum kam die und sagte ihr, ihr das?! Wollte die sie wieder beleidigen, ihr wieder wehe tun wie damals? Oh, sie wußte sehr wohl, die mochte sie nicht leiden, die hatte es hintertrieben, daß Gustav ehrlich an ihr gehandelt hatte. Aus sich selber hätte der ja niemals gesagt: „Das Kind ist nicht von mir.“ Er wußte es ja, daß sie keinen andern angesehen hatte, seit er mit ihr verkehrt, daß sie nicht einmal den Kopf nach einem andern gedreht hatte. Was kam nun seine Mutter und sagte ihr: ‚Er lebt?‘ Für sie war er tot, doch tot, und wenn auch Nachricht von ihm gekommen wäre.
Gertrud Hieselhahn setzte die Zähne fest aufeinander, ein Weinen wollte ihr kommen, aber sie zwang es nieder. Was, auch noch weinen? Hatte sie nicht schon genug geweint, als er sie sitzen ließ? Und genug heimlich geweint, als sie von anderen hörte, Gustav Krüger werde vermißt seit Dixmuiden, seine Mutter habe gar keine Nachricht von ihm? Nun, jetzt würde sie doch nicht etwa weinen vor Freude, daß er noch am Leben war! Was ging sie das an? Tot oder lebendig, ihr konnte es gleich sein! Das Mädchen machte ein steinernes Gesicht, es strebte sich loszumachen, aber die Hand der Krüger hielt sie fest.
„Hören Sie denn nicht, verstehen Sie denn nicht?! Der Gustav!“ Die Hand der Mutter schüttelte die nassen verwaschenen Finger. „Der Gustav ist noch am Leben. Er ist nicht tot. Er ist nur gefangen. Und ich kann ihm schreiben – ich schreib noch heute – soll ich ihn grüßen von Ihnen? Was – was sagen Sie nu?!“
Gertrud hatte einen unwillkürlichen Ausruf getan in Freude und Schmerz. Nun sagte sie langsam, sich mit der freien Hand an die Stirn fassend und die Augen schließend, als schwindle es ihr: „Woher wissen Sie das?“
„Woher? Hier, sehn Sie mal!“ In triumphierender Freude zog die Mutter aus ihrer Tasche das Blatt. Und wie sie es vordem Frau Bertholdi getan hatte, so hielt sie es jetzt der Hieselhahn dicht vors Gesicht: „Kennen Se ihn wieder, kennen Se ihn? Der da, der so krumm dasteht! Er hat sich nie gerade gehalten. Und abgefallen is er auch mächtig. Gefangen – na, denn kann’s einen ja auch nich verwundern. Aber sein altes liebes Gesicht is es doch noch. Der Gustav!“
Ihr Finger, mit dem sie immer wieder auf die jungendlichschmächtige Gestalt eines Gefangenen, der, den Kopf gesenkt, betrübt dastand, getupft hatte, fuhr jetzt, wie liebevoll streichelnd, übers Papier. „Der Gustav – das ist er! Erkennen Sie ihn?“
„Den da kenn’ ich nicht.“ Gertrud schüttelte ernst den Kopf. „Sie irren sich wohl.“
„Ich, mich irren?!“ Nun lachte Frau Krüger förmlich hell auf. Und dann sah sie das Mädchen mißbilligend, verächtlich fast, von der Seite an. „Wenn Sie ihn auch nich erkennen, ich erkenn’ ihn.“ Sie fühlte sich plötzlich ernüchtert, in ihrem ehrlichen Entgegenkommen zurückgestoßen, verletzt. Es bröckelte etwas von ihrer Freude ab. Ja, was so’n Mädchen Liebe nennt! Die erkannte ihn ja nicht einmal! Am liebsten hätte sie sich gleich umgedreht und wäre fortgegangen – was wußte die denn, wie ihr zumute war –, aber das Geschrei des Kindes hielt sie fest. Am Ende mußte sie sich das doch einmal ansehen; wer weiß, vielleicht hatte es gar keinen Zug von ihm! Ein häßlicher Verdacht stieg wieder in ihr auf. Sie hatte damals nicht ohne Grund den Sohn gewarnt, die Hieselhahn sollte früher einmal etwas flott gewesen sein. Jetzt sah sie freilich nicht danach aus. Kümmerlich, recht blaß. Der täte schon eine gute Pflege not. Es war nicht angenehm, das dem Gustav zu schreiben. „Kann ich den Kleinen mal sehen?“ fragte sie kleinlaut.
Das Mädchen antwortete nicht, es zuckte die Achseln. Aber dann machte es doch eine einladende Handbewegung. Es ließ die Frau vor sich ins Haus treten.
Die Stube war sehr bescheiden eingerichtet: ein Bett, ein Tisch, ein paar Stühle, ein Schrank, am Fenster die Nähmaschine und neben dem Bett in einem alten Kinderwagen das Kleine.
Es hatte aufgehört zu schreien, als ob es den Eintritt der Mutter schon wahrnehme. Die Augen in dem runden Köpfchen guckten groß und blau. Die Krüger bekam einen förmlichen Schreck: Die Hieselhahn hatte braune Augen, das aber waren Gustavs Augen, auffallend große Sterne, von langen dunklen Wimpern umsäumt. Sie war früher oft auf Gustavs Augen angesprochen worden, als sie ihn noch auf dem Arme trug. Und dieses Kind hatte dieselben hübschen Augen, die er als Kind gehabt und die er auch jetzt noch hatte. Sie beugte sich über das Bettchen; sie hatte den Wunsch, den Jungen einmal herauszunehmen, auf ihrem Arm zu halten.
Aber das Mädchen kam ihr zuvor. Es stieß den Wagen mit dem Fuß in die Ecke und sagte unwirsch: „Schreihals!“ Dann kehrte es sein wieder rot gewordenes Gesicht der unwillkommenen Besucherin zu: „Was wünschen Sie eigentlich?“
Die Krüger wurde ganz verlegen, der Ton der Hieselhahn war so abweisend-barsch. Aber recht hatte die ja eigentlich: Warum sollte sie besonders höflich und freundlich sein? „Na, wegen Gustav – ich wollte – ich dachte doch, Sie würden sich auch freuen, daß er noch am Leben is.“
„Wer sagt Ihnen denn so sicher, daß er noch am Leben ist? Das Bild da?“ Mit einer grausamen Deutlichkeit sprach die Hieselhahn jedes Wort aus. „Ich glaube noch nicht dran. Glaube überhaupt nicht dran. Glaube überhaupt nichts in der Welt mehr. Wenn man einmal so geglaubt hat wie ich, und es war dann doch nichts, dann glaubt man nicht mehr.“ Ein verbitterter Zug grub sich um ihren Mund, sie kreuzte die Arme über der Brust und sah finster drein.
Die arme Person! Gustavs Mutter fühlte plötzlich großes Mitleid. Alles, was sie damals nicht empfunden hatte, als sie den Sohn von dem Mädchen abzubringen suchte, das empfand sie jetzt. Sie streckte die Hand aus. „Fräulein Hieselhahn“, sagte sie versöhnlich, „ich bin gekommen in meiner großen Freude. Seit Oktober voriges Jahr habe ich auf Nachricht von meinem Sohn gewartet, nu weiß ich endlich, daß er noch am Leben is – und ich bin so froh, so dankbar, so – so –“ Sie stockte einen Augenblick, überlegte: nicht zuviel versprechen. Aber dann stieß es sie förmlich vorwärts, rasch schloß sie: „Ich will dem Gustav ’ne Freude machen. Und das wird ihn freuen: Kommen Sie zu mir, heute, morgen, wann Sie wollen! Holen Sie sich was von Gustavs Kinderwäsche – und auch sonst noch was. Und nu darf ich wohl mal den Kleinen aufnehmen?“
Ohne erst Antwort abzuwarten, trat sie rasch zum Wagen, nahm das strampelnde Kind heraus und hob es mit beiden Armen hoch. Der Kleine krähte. „Na siehste, da biste ja! Du bist aber schon ’n Kerl. Ei, du, du!“
So hatte die Krüger mit ihren Kindern, von denen nur der Gustav noch am Leben war – die zwei andern waren klein gestorben –, dereinst auch geschäkert. Es wurde alles wieder wach, wieder lebendig. „Wie alt is er denn jetzt? So’n strammer Junge!“ Sie war entzückt.
„Erst vier Monat!“ Nun lag doch ein gewisser Stolz im Ton der jungen Mutter, der klang nicht mehr so abweisend. Sie wurde gesprächiger. „Er war gleich von Anfang an so kräftig. Die Hebamme sagte: ‚Sicher acht Pfund.‘ Das macht die gute Luft hier draußen; viel anderes kann ich ihm ja auch nicht geben.“
„Nähren Sie selber?“
„Das kann ich nicht. Ich hab’ meine Beschäftigung. Die Frau, bei der ich hier wohne, sieht nach dem Kind. Es ist ’n Zufall, daß ich heute zu Hause bin. Ich bekomme Milch für den Jungen.“
„Die zahle ich“, sagte Frau Krüger rasch. Das war doch das mindeste, was sie tun konnte; sie hätte gern mehr, viel mehr getan. Sie wußte nur nicht, wie sie’s anfangen sollte, sie traute sich nicht. Die Hieselhahn war ihr nicht recht verständlich. War die nun böse auf Gustav, so böse noch auf ihn, daß sie nichts mehr von ihm wissen wollte? Oder war es nur der Groll gegen sie, seine Mutter? Oder hatte sie den Gustav schon vergessen und verschmerzt? Die war so gleichgültig, seltsam teilnahmslos. Aber gleichviel, es war ihre, der Mutter, Pflicht, Gustav zu Gefallen freundlich zu sein. Und sie legte das Kind rasch hin, deckte es zu und streckte der anderen die Hand hin: „Na, denn will ich jetzt mal gehen, Fräulein. Aber nich wahr, Sie besuchen mich bald? Es wird mir sehr freuen!“ Sie wartete auf eine Antwort. Die kam nicht. Sie mußte schon direkt fragen: „Sie kommen doch?“
„Nein.“ Das klang wieder eisig; so wie zu Anfang. „Wir beide haben nichts miteinander zu tun. Wenn der Gustav was will, kann er ja kommen. Oder er soll schreiben an mich. Aber er kommt nicht wieder. Er kann auch nicht mehr schreiben. Ich weiß es.“ Sie legte wie vordem die Hand über die Augen, als schwindle es ihr.
Was hatte die Hieselhahn eigentlich damit sagen wollen? Die Mutter grübelte darüber nach, als sie durch die Sommerhitze nach Hause schlich. Sie fühlte ihre Füße wie Bleigewichte, und es wurmte sie, daß die Person sie hatte so abfallen lassen. Und was sollte das heißen: Er kommt nicht wieder, er kann auch nicht schreiben mehr –?! Glaubte die vielleicht nicht, daß er noch am Leben war? Oder wollte sie nur damit sagen: Er kommt nicht zu mir? Ja, so war’s, das nur meinte sie. Denn der Gustav war ja am Leben, Gott sei Dank! Und es konnte nicht mehr lange dauern, ein Jahr war schon Krieg, bald kam der Friede und brachte allen Gefangenen die Freiheit. Und den Gustav nach Haus!
Gertrud Hieselhahn hatte den Besuch nicht hinausbegleitet, ihre Füße waren wie angewurzelt. Sie stand, wo sie stand, gleichsam festgewachsen an die nackte Diele. Ihre Augen blickten wie geistesabwesend in die leere Luft. War die Frau, seine Mutter, verrückt, daß sie glaubte, er wäre das? Der Mann auf dem Bild, der Gefangene, der so zur Erde blickte? Das konnte auch nur eine denken, die den Gustav nicht so liebte, wie sie ihn geliebt hatte. Sie, die sein Gesicht – jeden Zug – seine Stirn, seine Nase, seinen Mund, seine Augen noch so genau in der Erinnerung hatte, als hätte sie ihn gestern zuletzt gesehen. Sie wußte ganz genau: Das war er nicht. Ein anderer war es, von Statur und Haltung ihm vielleicht ein wenig ähnlich, aber ein ganz, ganz fremdes Gesicht. Denn wenn er auch schlecht gegen sie gehandelt hatte, wenn sie auch hundertmal an ihn gedacht hatte in tiefem Groll, sie würde ihn doch erkennen, allüberall. Seine Mutter, die täuschte sich; sie aber würde ihn noch erkennen nach vielen, vielen Jahren, erkennen am Ende ihres Lebens, wenn sie schon alt war, eisgrau.
Gertrud Hieselhahn weinte, bittere enttäuschte Tränen. Einen Augenblick hatte sie doch geglaubt, er sei noch am Leben, es hatte sie durchzuckt mit einem freudigen Schrekken, der sie schwach machte. Nun war’s doppelt schwer. Nun fühlte sie erst, daß sie ihn noch immer liebhatte – trotz allem. Sie nahm das Kind aus dem Wagen und küßte es heftig, ihre Tränen machten das kleine Köpfchen ganz naß. Sie sank mit ihm auf den nächsten Stuhl.
So fand Frau Dombrowski sie, die mit ihren zwei Kindern, die sich hinter dem Rücken der Mutter heimlich knufften, von ihrem Stück Land kam. Sie war heiß und müde. Seit ihr Mann im Krieg war, mußte sie sich allein um den Acker kümmern; es war zwar nur ein kleines Stück, was sie besaßen, aber es machte doch Arbeit, zumal sie noch Wasch- und Reinemachstellen hatte.
„Na, Fräulein, is ’s Essen fertig? Noch nich? Aber nu!“ Sie war ungehalten, das Fräulein hatte heute doch mal dafür sorgen wollen. Nun waren die Kartoffeln wohl geschält, aber sie standen noch nicht auf dem Feuer. „Ich sage schon“, fuhr sie los, „alles wird auch von unsereinem verlangt, und Sie sitzen da und –.“ Sie verstummte, als sie die Tränen der anderen sah. Es war etwas in der Haltung des Mädchens, das so ganz zusammengesunken dasaß, das Kind an sich pressend, was sie mitleidig stimmte. „Na, was is Ihnen denn?“ Gutmütig fing sie an zu trösten: „Gottchen, nu weinen Se doch nich. Noch immer wegen Ihrem Liebsten? Fräuleinchen, sind Sie aber dumm! Sie kriegen noch zehne für einen. Da sagen se immer, die Männer wären jetzt rar – ach was! Wenn se jetzt auf Urlaub kommen, sind se rein doll. Ich sage Ihnen, Fräulein, ich könnt’ Ihnen erzählen. Wenn ich so wollte!“ Sie lachte und reckte mit einem gewissen Wohlbehagen ihre üppige Gestalt.
Es war ein leises Befremden in dem Blick, mit dem Gertrud jetzt die Frau ansah: Oh, die Dombrowski! Aber recht hatte sie, es hatte keinen Sinn, es war dumm, dem einen, dem einzigen nachzuweinen. Entschlossen richtete sie sich auf und wischte ihr Gesicht und das naßgeweinte Köpfchen des Kindes ab. Es war an ihrer Brust still geworden und eingeschlafen. Behutsam legte sie es in den Wagen und wehrte dann den Kindern, die wieder hinausgelaufen waren und jetzt draußen vorm Fenster mit der eisernen Schippe und dem Besen wie mit Waffen aufeinander losschlugen. „Wollt ihr das wohl lassen! Um Gottes willen, ihr haut euch ja noch tot!“
Die Dombrowski lachte: „Aber lassen Se se doch, Fräuleinchen. Das schadet ja nischte.“ Sie nahm die Ungezogenheit ihrer Sprößlinge sehr ruhig.
Früher war der Vater dazwischengefahren, da war der Junge ganz ordentlich und das Mädchen auch lange nicht so unartig. Aber nun war der Vater im Krieg. Selbst die Lehrerin wurde des Knaben nicht mehr Meister, wenn sie ihn auch mindestens viermal die Woche nachsitzen ließ. Das Fräulein hatte sich schon ein paarmal die Mutter kommen lassen: „Ich bitte Sie, Frau Dombrowski, halten Sie doch darauf, daß Ihr Erich seine Aufgaben macht. Er tut rein nichts zu Hause. Und freche Antworten gibt er!“ Es zuckte nervös im Gesicht der blassen, angestrengten Lehrerin. „Keiner ist so ungezogen wie Ihr Junge, er steckt mir die ganze Klasse an. Gott, ich sage, es ist wirklich nicht auszuhalten mit dem Bengel!“
„Aber Fräuleinchen!“ Die Dombrowski blieb gelassen. „Regen Se sich man nich auf! Das is nu nich anders. Davor is Krieg. Was soll ich denn machen, wenn der Erich nu nich gut tun will? Ich gehe auf Arbeit, ich muß auf Arbeit gehen, von den paar lumpigen Kröten Kriegsunterstützung kann man doch nicht existieren. Schlimm genug is es, daß man noch nich mal sagen darf, daß man was zuverdient – was die sich eigentlich denken! Das ’s doch ’ne Ungerechtigkeit: Frauen, die arbeiten gehen, müssen sich fürchten, daß se de Unterstützung entzogen kriegen, andere sind stinkfaul und die – na, aber ich bin nu mal so, ich arbeite ganz gerne. Das is man nu mal so gewöhnt von Jugend an: Wochentags-Arbeit und sonntags – na sonntags –!“ Sie lachte; aber dann seufzte sie: „Ja, sonntags, da hat man nu auch gar nischte.“ Ihre Augen, die wie schwarze Beeren in dem tiefgebräunten Gesicht funkelten, trübten sich.
Die Dombrowski war wirklich eine hübsche Frau, und sie hatte auch gar nicht so unrecht, es war schwer für Mütter, die auf Arbeit gingen, zugleich sorgsam auf ihre Kinder zu achten. Die Lehrerin lenkte ein. „Ja, ja. Aber das könnten Sie doch wenigstens, mir den Jungen morgens sauber in die Schule schicken. Ich muß ihn erst immer an die Pumpe führen.“
„Na, denn dreckt er eben unterwegs wieder ein!“ Die Dombrowski war nicht aus der Fassung zu bringen.
Es brachte sie auch heute nicht aus der Fassung, als jetzt ihre beiden wieder heulend in die Stube hereingestürzt kamen. Erich hatte Minna mit der Schippe gegen die Nase gestoßen, daß ein Bächlein von Blut heruntertroff, und war dann doch selber von Entsetzen ergriffen, als er sah, was er angerichtet hatte. Sie schrien beide und schimpften zwischen ihrem Heulen gegeneinander an. Gertrud war erschrocken zugesprungen und wusch dem Mädchen das Blut ab.
Frau Dombrowski sagte nur: „Erich, wart’ mal, ich schreibe es Vatern. Der kommt und nimmt dich mit in’n Schützengraben. Da fressen dich die Ratten. Oder die schwarzen Franzosen kommen und holen dich; die fressen auch Kinder!“ Sie hatte ihren Spaß darüber, daß der Junge sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Frißt unser Vater auch Kinder?“ fragte er langsam.
„Das nich“, sagte die Mutter lachend. „Der is doch nich schwarz. Aber fuchtig kann der auch werden, wenn ihm was nich paßt.“ Es flog wie ein leiser Schatten über ihr lachendes Gesicht.
Sie mochte wohl daran denken, daß er sie einmal geschlagen hatte. Und nur wegen einer Kleinigkeit. Er war eines Sonntagabends mit ihr in einem Lokal gewesen, da hatten verschiedene Männer am Nebentisch gesessen, und der eine von ihnen, ein hübscher Mensch, hatte Blicke mit ihr gewechselt. Das war alles. Aber ihr Stanislaus konnte so was nicht leiden. Eifersüchtig war der, oje!
Minka Dombrowski blickte einen Augenblick nachdenklich: Wie hatte er doch gesagt, als er von ihr fortmußte?: ‚Minka, ich sag’ dir, wenn du mir nich treu bleibst!‘ Er hatte gezittert dabei, der arme Kerl. ‚Minka, ich sag’ dir, dann –‘ Sie hatte ihn gar nicht ausreden lassen. Sie hatte ihm rasch die Hand vor die Augen gelegt, die anfingen unruhig umherzurollen, und war dann so zärtlich, so heiß gewesen, daß sie im besten Einvernehmen schieden.
Auf der Bahn beim Abschied hatte keine so sehr geweint wie Minka Dombrowski und keine so lange nachgewinkt.
2
Wenn Frauen sich jetzt auf der Straße trafen, standen sie noch länger beisammen als zu früheren Zeiten. Abends war am Bahnhof der Heeresbericht angeschlagen, da sammelten sie sich in Gruppen. Die Ehefrauen sprachen von ihren Ehemännern, die Mädchen von ihren Liebsten; da war keine, die nicht einen draußen gehabt hätte. Aber Gertrud Hieselhahn stand nicht bei ihnen; sie kam abends von Berlin, dort arbeitete sie bei einem großen Unternehmer – alles Militärsachen. Es war jetzt so viel zu tun, daß sie morgens schon eine Stunde früher anfingen und abends eine Stunde später aufhörten. Immer mehr Leute wurden eingezogen, immer neue eingekleidet, immer wieder rückten welche aus.
Es würden bald keine Männer mehr hier sein, stellte Minka Dombrowski fest. Sie holte das Fräulein manchmal abends vom Bahnhof ab; es hatte sich ein gewissermaßen freundschaftliches Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mieterin herausgebildet. Sie bewunderte das Fräulein, das so viel feiner war als sie, sich besser kleidete, besser sprach, sich besser zu benehmen wußte, und Gertrud wiederum vergaß nicht, daß die Dombrowski sich keinen Augenblick besonnen hatte, sie, die Ledige, die ein Kind erwartete, zu dem kein Vater sich bekannte, bei sich aufzunehmen. Sie würde auch nicht so viel verdienen können, wenn die Dombrowski nicht so und so oft von der Arbeit nach Hause liefe, um nach dem Kindchen zu sehen, sie nahm es sogar an schönen Tagen, wenn sie auf ihrem Stück Land arbeitete, mit hinaus, hatte es bei sich stehen im Wagen.
Müde kam Gertrud heute zurück, müder noch als sonst. Es war so voll in der dritten Klasse, sie mußte stehen. Es war heiß im Wagen, und sie erzählten alle so viel. Fing eine nur an mit einem Wort, war gleich eine allgemeine Unterhaltung im Gang. Hier hatte jede ihr Schicksal.
Die alte Frau in der Ecke hatte Sohn und Enkel im Feld; sie selber erzählte nichts, aber die Nachbarin, die mit ihr nach Berlin gefahren war, weil die Großmutter den Enkel, der durchkommen sollte auf einem Transport nach Rußland, gern noch einmal auf dem Bahnhof sehen wollte, war gesprächiger. Sie hatten leider den Jungen nicht herausgefunden, obgleich sie erst vier Stunden auf dem Potsdamer Bahnhof gewartet hatten und dann noch vier Stunden auf dem Schlesischen.
„Wir sind ganz alle davon, nich wahr, Sie?“ Sie stieß die Alte an.
Die nickte nur und wischte sich den Schweiß ab. Ihre welke Hand mit dem Taschentuch zitterte und sank ihr dann matt in den Schoß.
Die Gesprächige erzählte umständlich weiter, wie sehr sich die Großmutter gefreut hätte. „Sie hängt so sehr an dem Jungen – se hat schon die ganze Nacht nich schlafen können vor Aufregung. Es is zu traurig. Wir haben gewartet und gewartet, und nu hat se’n doch nich zu sehen gekriegt. Siebzig is se und schlagrührig, wer weiß auch, ob se noch lebt, bis er wiederkommt.“
„Mein zweiter ist auch draußen“, mischte sich eine andere ein, eine Dame in Trauer; man sah es ihren Augen an, daß sie viel geweint hatten. „Meinen Ältesten habe ich schon verloren, der war an dem Unglückstag mit bei Dixmuiden. Mein dritter wird jetzt auch eingezogen. Nun kann ich nur dasitzen und warten, bis wieder ein Brief, den ich ins Feld schickte, an mich zurückkommt: ‚Gefallen.‘“ Sie sagte es mit verzweifelter Bitterkeit.
Ein Sturm erhob sich: Wie konnte sie nur so sprechen?! Sie schrien alle auf sie ein.
Selbst die schlagrührige Alte tat jetzt den Mund auf. „Warten – wir wollen noch ’n bißchen warten“, stammelte sie.
Die Nachbarin tippte sich auf die Stirn: „Se is schon ’n bißchen kind’sch. Un nu ganz verwirrt durch die lange Warterei.“
„Ich warte auch so“, sagte die junge Frau, die ein kleines Kind auf dem Schoß hielt und eines vor sich stehen hatte, das in dem überfüllten Wagen sich ängstlich an ihre Knie drückte. „Auf Nachricht von meinem Mann. In der Zeitung hab’ ich gelesen, die Engländer wären nördlich von Ypern in unsere Schützengräben eingedrungen. Gerade da liegt mein Mann. Wenn ihm nur nichts passiert ist! Nachts tue ich kein Auge zu. Immerzu denk’ ich: Wie geht es ihm? Wenn ich nur erst Nachricht hätte!“ Man sah ihr die Unruhe an, ihr noch jugendlich-rundes Gesicht hatte einen gespannten ängstlichen Ausdruck.
„Ja, das Warten ist schrecklich“, sagte irgend jemand. „Das Allerschrecklichste.“
Ach ja! Sie seufzten alle.
Auch Gertrud kannte das Warten und seine Qual. Auch sie hatte gewartet, erst mit heimlicher Ungeduld, daß er nochmals auf Urlaub kommen sollte, ehe er ausrückte, sie zu seiner Frau machen, ehe er ins Feld zog. Ihr hoffendes Warten war vergeblich gewesen, er hatte nicht auf ihre Bitte gehört. Und dann hatte sie trotzdem wieder gewartet: auf eine Karte, einen Brief, ein Lebenszeichen von ihm – auch das Warten war vergeblich gewesen. Er kam nicht mehr wieder, was auch seine Mutter sagte! Ein tiefer Seufzer, der wie ein Stöhnen klang, entrang sich ihr; alle blickten auf sie.
„Sie können wohl nicht mehr stehen?“ Ein junges Mädchen, das bis dahin anscheinend teilnahmslos in seiner Ecke gesessen hatte, stand auf und gab ihr seinen Platz.
Sie setzte sich. Dankbar lächelte sie das Mädchen an, das nun vor ihr stand. Wie mager die war! Unter der leichten weißen Bluse zeichneten sich die Arme dünn ab, und der Hals, der sich aus dem Ausschnitt reckte, war gleichfalls sehr dünn. Und die Augen waren übergroß und weit. Die wartete sicherlich, der sah man es an. Unwillkürlich fragte Gertrud: „Sie haben wohl auch jemanden draußen?“
Die andere nickte hastig, ein tiefes Rot flammte über das bleichsüchtige Weiß ihrer Haut. „Meinen Bräutigam!“
Nun wendeten sich ihr alle Blicke zu: schwer für ein Mädchen, den Bräutigam draußen! „Wo steht er denn?“
Sie lächelte: „Ach, immer da, wo es am tollsten zugeht. Erst an der Weichsel und dann tief in Rußland – und dann in Frankreich – und jetzt – jetzt – na, jetzt ist er mit vor Przemysl.“
„Na, so was!“ Das allgemeine Interesse war erregt. Erst in Rußland, dann in Frankreich und nun wieder in Galizien! Der wurde ja ordentlich herumgeworfen.
Selbst die Dame in Trauer erkundigte sich näher: „Bei welchem Truppenteil steht Ihr Herr Bräutigam denn?“
Die Braut schien die Frage zu überhören. Mit einer Lebhaftigkeit, die seltsam von ihrer vorherigen Teilnahmslosigkeit abstach, erzählte sie jetzt: „Oh, mein Bräutigam ist sehr tüchtig. Der hat Mut. Er hat aber auch schon lange das Kreuz. Und nun ist er eingegeben fürs Kreuz Erster.“
Voller Bewundern blickten alle.
„Mein Mann hat auch ’s Kreuz“, sagte die junge Frau, die das Kind auf dem Schoß hielt, leise, „aber nur ’s Kreuz Zweiter.“
„Ist Ihr Herr Bräutigam denn Offizier?“ fragte die Dame in Trauer.
„Nein, das nicht.“ Eine gewisse Unsicherheit kam in den Blick des Mädchens. „Gefreiter.“
Dann war das doppelt anzuerkennen: gemeiner Soldat und das Kreuz Erster! Die Bewunderung stieg noch.
Und wie getragen von dieser allgemeinen Bewunderung flammte die Braut immer höher auf, ihre unscheinbare Gestalt schien zu wachsen, ihr mageres Gesicht wurde ordentlich hübsch. Sie war so stolz auf ihn, so überaus glücklich trotz aller Schwere der Zeit. „Und was er für Briefe schreibt! Hochinteressant. Wenn ich vom Amt komme – ich bin Telephonistin –, warte ich’s kaum ab, bis ich sie lesen kann!“
„Schreibt er denn so oft?“
„Ja, sehr oft!“
„Dann sind Sie aber glücklich dran“, seufzte die junge Frau, die nach einer Nachricht ihres Mannes von Ypern bangte.
„Ich schreibe ihm aber auch täglich!“
Die Glückliche, daß die das konnte! Es stieg wie Neid in Gertrud auf. Sie las in den Augen des unscheinbaren Mädchens lauter Genugtuung, lauter Befriedigung. Die war vielleicht die einzige im Wagen, diejenige von all den Wartenden hier, die nicht mürbe darüber geworden war, nicht niedergeschlagen und verbittert.
Als sie ausstiegen, gab Gertrud ihr die Hand. Nun das Mädchen nicht mehr von dem Bräutigam sprach, war es wieder blaß, still und unscheinbar wie vordem. „Fräulein, ich wünsche Ihnen alles Gute. Sie haben viel Glück. Unsereiner ist nicht so gut dran.“ Es stieg feucht in Gertruds Augen, sie kam sich gegenüber dieser glücklichen Braut noch verlassener als sonst vor, und trotzdem zog es sie zu jener so hin, als sei die auch eine Leidensgefährtin. Sie nannte ihren Namen und ihre Wohnung. „Wenn’s Ihnen nichts ausmacht, Fräulein, besuchen Sie mich doch mal. Ich bin abends meist von achte an zu Hause und sonntags den ganzen Tag.“
Die andere errötete schüchtern, lächelte und flüsterte, jetzt so bescheiden: „Gerne!“ –
Die Dombrowski, die Gertrud abholte, kannte das Mädchen von Ansehen. „Ach die! Das ist die Tochter von Dietrichs aus ’m Zigarrenladen; da wohnt se bei ihrer Mutter. Der Vater war an der Post; der is vor zwei Jahren gestorben.“
„Die ist verlobt?“
„Das weiß ich nich“, sagte die Dombrowski. „Kann sein. Ich würd’ mir ja nich mit die verloben, wenn ich ’n Mann wäre. Schön is anders!“ Sie lachte, ihre dunklen Beerenaugen funkelten. „Fräuleinchen, heut wär’s schön, wenn wir noch ’n kleinen Bummel machen könnten, was?“
„Ich bin müde.“ Gertrud gähnte abgespannt. Sie bemerkte es nicht, wie die Augen der anderen suchend herumspazierten; sie dachte nur an das Kind und wie sie es heut finden würde. Es hatte gestern abend so geschrien, sie hatte es auf der Straße, ein gutes Ende noch vom Hause weg, schon gehört. Und sie war gelaufen, gestürzt.
Sie wollte jetzt weiter eilen, aber die Dombrowski hielt sie am Ärmel zurück: „Noch ’n Augenblick. Da steht die Exzellenz, die Frau General von Voigt, bei die wasch’ ich.“ Sie war ordentlich stolz auf ihre Beziehungen. „Die muß ich sprechen. Morgen soll ich bei die ihre Tochter kommen. Bei die Italjänerin. Da putz’ ich Fenster.“
Die einzige Tochter des Generals von Voigt hatte vor vier Jahren den italienischen Leutnant Rossi geheiratet. Sie hatte ihn kennengelernt, als sie mit ihren Eltern in Italien reiste. Herr von Voigt, damals noch Oberst, hatte kein Arg dabei gehabt, daß sie den jungen Offizier immer wieder trafen: in Venedig, in Mailand, sogar in Florenz. Da der Italiener kein Deutsch sprach und der Deutsche kein Italienisch, mußte Lili Dolmetscher spielen, oder die Unterhaltung wurde französisch geführt. Der junge Mann war sehr liebenswürdig, trotz seiner etwas nachlässigen Haltung sehr schneidig; es machte dem deutschen Offizier Spaß, wie genau der kleine italienische Leutnant über die österreichischen Grenzbefestigungen Bescheid wußte. Er sprach mit einer gewissen Nichtachtung von Österreichs Kraft und Wehrmacht, von Deutschland dagegen mit großem Respekt. Der Oberst fand Gefallen an ihm – ein intelligenter netter Mensch –, bis plötzlich der Nebel zerriß, den der Wirbel der Reiseeindrücke und das Entrücktsein aus dem gewohnten Alltag ihm vor die Augen gelegt hatten. Was, seine Tochter, die Tochter eines preußischen Offiziers, wollte einen Italiener heiraten? Lili war verrückt! Sie reisten schleunigst mit der Tochter nach Hause.
Aber Lili von Voigt hatte auf ihrem Willen bestanden. Die Mutter hatte die Zukunft dieses schönen verwöhnten Kindes nie anders gesehen als im Hause eines reichen Mannes; der Vater sah sie an der Seite eines jungen Kameraden, dessen Leben er vom Kadettenkorps an verfolgen konnte – die Gedanken der Tochter aber flogen Tag und Nacht über die Grenze hin, zu ihm, der sie mit seinen dunklen Augen, die ihr ein Abgrund von Tiefe schienen, gefangen hatte.
Sie hatte es durchgesetzt, den Wünschen der Eltern entgegen. Hoch über dem Hafen von Spezia, über dessen Kriegsschiffe sie wegsahen in das wunderbare Blau des Mittelmeeres, hatten sie in einem rosa Landhaus gewohnt, mitten in einem Garten, dessen Hänge von Rosen und Orangen dufteten. Es war wie ein Traum gewesen, ein Traum von Duft und Farbe, von Schönheit und Glück. –
Und nun war sie doch wieder zu Hause bei den Eltern. „Ich liebe meinen Mann, ich liebe auch Italien – trotz allem“, sagte sie zur Mutter. „Sagt nichts auf Italien, ich ertrage es nicht.“
Es mußte schrecklich sein für die Tochter! Mit einem kummervollen Blick sah Frau von Voigt in das Gesicht der jungen Frau, dessen schöne Weichheit harte Linien bekommen hatte. Nein, sie würden sich ja beherrschen, nichts sagen, obgleich es schwer war zu dieser Zeit, die ganz erfüllt war von der Empörung über die Treulosigkeit des einstigen Bundesgenossen. Es war entsetzlich schwer, zumal für ihren Mann! Frau von Voigt zitterte innerlich vor einem Ausbruch des Generals. Die drei, die einst so innig zusammen gelebt hatten, saßen sich jetzt frostig und schweigsam bei den Mahlzeiten gegenüber. Ach, wenn doch ihr Mann schon lieber wieder draußen wäre! Wenn die Frau auch die Strapazen für ihn fürchtete, es war doch besser für ihn, für sie alle, als dieser jetzige unerträgliche Zustand.
Er, innerlich wütend, war von einer Förmlichkeit gegen die Tochter wie zu einer Fremden. Es war unerträglich. Aber nur so konnte er sich bezwingen und das zurückdrängen, was ihn jetzt ganz und gar erfüllte: dieses verdammte Italien!
Seine Frau fühlte es ihm an: Er sehnte sich ungeduldig, fortzukommen. Aber der General mußte warten, bis seine neue Division zusammengestellt war. Ein Glück, daß er so wenig zu Hause war! Für die Mutter war das Zusammenleben mit der Tochter auch nicht leicht – Lili war gereizt. Sie wußte oft nicht, sollte sie fragen: ‚Was schreibt dein Mann?‘, oder sollte sie nicht fragen.
Die junge Frau hatte auf der Reise nach Deutschland über die Schweiz den italienischen Gesandten in Bern aufgesucht. Ihre schönen verängstigten Augen hatten rührender zu ihm gesprochen als ihre Lippen; er vermittelte ihr den Briefwechsel mit dem Leutnant Rossi.
Ach, wie sie sich nach ihm sehnte! Sie waren unendlich glücklich gewesen. Nun schrieb er, ganz entflammt, von der Front: Sieg, Sieg! Er schrieb immer von Erfolgen: Italien würde sich binnen kurzem jene alten Gebiete zurückerobert haben, die unerlöst unter Österreichs Herrschaft schmachteten. Er war vollständig von Italiens gerechter Sache überzeugt, er brauchte große Worte. Die junge Frau sah ihn im Geiste vor sich mit dem geröteten Gesicht, die Augen aufgeregt, in einer Begeisterung, die sie nicht teilen konnte, teilen durfte. Oder doch, hätte sie die nicht teilen müssen? War sie jetzt nicht auch Italienerin? Ach, die vier Jahre höchsten Glücks im schönsten Lande der Erde hatten doch nicht das Land aus ihrer Seele verdrängen können, in dem sie geboren war. Sie hatte das vordem nie gewußt. Aber als ihr Mann zu ihr ins Zimmer gestürmt war, leidenschaftlich erregt durch den schmerzlichen Gedanken der Trennung von ihr, und doch jubelnder Genugtuung voll: ‚Krieg, Krieg, wir gehen gegen Österreich!‘ – da wußte sie: Österreich und Deutschland stehen jetzt zusammen. Und sie fühlte plötzlich, daß sie doch nicht Italienerin geworden war.
Es schnürte ihr die Kehle zu und preßte ihr das Herz zusammen, wenn sie in den italienischen Zeitungen lesen mußte, wie schlecht es um Deutschland stehe. Es grämte sie weit weniger, daß sie nun einsam vom Fenster ihres rosa Hauses hinaus in das wunderbare Blau des Mittelmeeres starrte, als daß sie denken mußte: Deutschland, wie geht es Deutschland?! Die Eltern hatten nicht geschrieben: ‚Komm‘, sie hörte jetzt überhaupt nichts von ihnen, sie wartete auch gar nicht darauf, sie wartete nicht einmal mehr eine Antwort ihres Mannes ab, sie reiste nach Deutschland. Wie auf der Flucht. Eine plötzliche unbändige Sehnsucht hatte sie getrieben, die Widrigkeiten einer sehr erschwerten Reise machten ihr gar nichts aus – nur nach Deutschland!
Und nun, da sie hier war, hatte sie doch nicht das große Gefühl, das sie erwartet hatte. Nicht die Beruhigung: zu Hause. Warum hielt der Vater sich so zurück? Warum sprach er nicht ganz unumwunden? Er hatte doch früher niemals mit seiner Meinung zurückgehalten. Die Zeitungen, die er sonst immer liegen ließ, nahm er jetzt an sich; sie vergaß, daß sie selbst gewünscht hatte: kein Wort gegen Italien. Und warum fragte die Mutter nicht nach Enrico? Die mußte doch wissen, daß sie heute einen Brief von ihm bekommen hatte. Einen ausführlichen Brief.
Sie saß auf ihrem Zimmer – es war noch dasselbe Zimmer mit den weißen Möbeln und den duftigen Mullgardinen, in dem sie als Mädchen so gern gewohnt hatte –, aber jetzt gefiel es ihr nicht mehr. Sie fühlte sich beengt. Wo war das blaue Meer, auf das sie hinausgeblickt hatte, weit, weit – wo der Garten voller Orangendüfte? Ach, war das doch schön gewesen! Mit umflorten Augen las sie wieder den Brief ihres Mannes. Er stand nicht weit von Roncegno – das kannte sie. Da war sie mit der Mutter auch einmal gewesen, als es noch österreichisch war. Sie hatte in Levico das Eisenwasser getrunken. Es war im zeitigen Frühjahr gewesen, oben auf den Bergen Winter, aber unten im Tal unzählige tiefdunkle große Veilchen, und die Fluren strahlend im Blütenschnee der Obstbäume. Als ob das nun bereits alles wieder Italien gehörte, so schrieb ihr Mann.
Der Leutnant Rossi schrieb nicht, wie man an eine Frau schreibt. So schwer er sich auch von ihr getrennt hatte – unten am Berg war er umgekehrt, war noch einmal durch den Garten zu ihr hinaufgestürzt, hatte sie an der Haustür noch ein mal an sich gerissen und noch einmal heiß und lange geküßt –, jetzt war er ganz Soldat. Er schilderte ihr seine Stellung, schrieb militärische Einzelheiten, soviel er davon berichten durfte. Gestern hatten sie einen Vorstoß gemacht im Felsgebiet, eine stark befestigte Stellung des Feindes genommen – fünfzig Gefangene, viele Tote –, aber es mußte noch ganz, ganz anders kommen. ‚Evviva Italia!‘ – hatte er das damals nicht gerufen, als unten im Hafen die Kriegsschiffe die Flagge hißten, jubelnd gerufen? Sie hörte es ihn jetzt wieder rufen. Aus jeder Zeile dieses Briefes rief es, aus jedem Wort. Für ihn gab es nur das eine, das einzige: Italien und Italiens Sieg.
Die junge Frau schloß die Augen. Sie beschwor sich sein Bild herauf: Er stand wieder vor ihr, jung, hübsch, liebenswert, sie sah in die Tiefe seiner dunklen Augen – warum sprach er nicht von Liebe? Nur von Krieg, Krieg. Hatte er denn ganz vergessen, daß seine Frau Deutsche war? Wußte er nicht, wie schwer es für sie sein mußte, schier unerträglich, ihn auf der anderen Seite zu sehen? War denn alles, was sie damals geglaubt hatte: ‚dein Volk, mein Volk, mein Land, dein Land‘, jetzt nicht mehr so? War das geträumt gewesen? Aus grausamer Wirklichkeit baute sich eine Mauer auf und wuchs schnell höher und höher. Hob sich ein Bollwerk, weit mächtiger als die Alpen, zwischen Italien und Deutschland, zwischen ihm und ihr. Ob er das auch so fühlte? Da – nur ganz zuletzt, ein paar Worte der Liebe. Als ob die ihm zum Schluß nur gerade noch einfielen! Sie verletzten mehr, als daß sie wohltaten. Der Brief fiel aus ihrer Hand zu Boden; sie ließ ihn liegen.
Langsam fingen ihre Tränen an zu rinnen und tropften ihr auf die Hände, die sie wie hilflos vor sich auf dem Schoß hielt. Ach nein, sie verstand ihren Mann nicht mehr, und er verstand sie nicht mehr. Wie durfte er ihr, gerade ihr so schreiben? – Ewiva Italia! – Er mußte doch wissen, daß es sie verletzte, wenn er Italien bejubelte. Oh, dieses heimtückische, verräterische, treulose Land! In ihrer Erregung konnte sie nicht genug der verdammenden Worte finden. Dieses Land, das es nicht wert war, daß die Natur ihm so viel Schönheit gespendet hatte.
Wie eine Verzweifelte sprang sie auf. Mit unruhigen Schritten ging sie im Zimmer auf und ab. Und dabei weinte sie immerfort. Verstand sie denn niemand mehr? Konnte denn keiner begreifen, wie ihr zumute war? Losgelöst von der alten Heimat, verpflanzt in eine neue Heimat, und dann wieder losgelöst von der neuen Heimat und wiederum in die alte zurückgepflanzt! Solch eine arme Pflanze hat gar keine rechte Heimat, die ist nirgendwo zu Hause.
Ihr Mann schickte keinen Gruß an die Eltern – er erwähnte sie nicht einmal in seinem Brief. War er so gleichgültig? Oder war er böse auf die, weil er wohl glaubte, sie seien die Veranlassung, daß seine Frau Italien verlassen hatte?
Sie stand still und reckte ihre schlanke Gestalt, trotzig hob sie den Kopf; sie biß sich auf die Lippe und unterdrückte ein Schluchzen, ihre Tränen hörten auf zu rinnen: o nein, die waren nicht schuld. Die hatten sie nicht kommen heißen. Sie, sie allein hatte es gewollt, ganz von selber; es hatte sie niemand beeinflußt. Da, da ganz tief innen – ihre Hand krampfte das Kleid über der Brust zusammen –, da saß etwas, das hatte sie getrieben. Was sollte sie am blauen Meer unter der leuchtenden Sonne? Wenn der Himmel über Deutschland so trübe war, dann mußte auch sie unter diesem trüben Himmel sein.
3
Die Linden in den Straßen des Vororts hatten längst abgeblüht. Die breiten Wipfel in dem Park, der Bertholdischen Villa gegenüber, standen in jenem tiefen Grün, das, übersatt an Farbe, deutlich spricht: Grüner kann ich nicht werden, nun gilbe ich bald.
Frau Hedwig Bertholdi war ganz allein. Ihr Mann war auch fort. Er war zwar schon achtundvierzig, aber er hatte ein Gut besessen, das er der Erziehung seiner Söhne wegen verkauft hatte, und dieses Leben als Landwirt hatte ihn frisch erhalten. Er war wie ein um zehn Jahre Jüngerer; es hatte ihn längst gewurmt, daß er, Reserveoffizier, Hauptmann, so völlig tatenlos drinnen saß, während sein Jüngster, als gemeiner Soldat noch dazu, draußen war. Er hatte sich gemeldet. Als die große Linde vorm Haus noch blühte, war der ersehnte Brief gekommen – ‚Heeressache‘. Nun durfte er doch wenigstens Rekruten drillen, in einem Winkel an der Grenze von Russisch-Polen. „Und wenn ich denn auch keinen Pulverdampf rieche, so höre ich doch wenigstens, wenn der Wind günstig steht, das dumpfe Rollen der Geschütze“, schrieb er an seine Frau.
Nun war er doch endlich zufrieden! Hedwig senkte den Kopf: Wieviel besser es die Männer hatten. Sogar die an der Front, trotz aller Strapazen, trotz der Todesgefahr. Sie seufzte. Die Frauen hatten es schwerer. Da saßen sie nun alle – wohin sie blickte: Frauen, Frauen – ach Gott, sie hatte gar nicht gewußt, daß es so viele Frauen gab – und dachten nichts anderes, sprachen nichts anderes als: Krieg, Krieg. Und mußten doch den Tag hinleben im Kleinkram ihres Daseins und sich heimlich verzehren bei Tag und bei Nacht in der Sorge um die draußen.
Ihr Leben hatte sich bis dahin ganz um das der Söhne gewunden; erst, als die noch klein waren, in kleinen Sorgen, als sie größer wurden, in größeren Sorgen. Jetzt zuletzt in der schwersten Sorge: um ihr Dasein überhaupt. Nun war noch eine Sorge hinzugekommen – nein, eigentlich keine Sorge, ihr Mann war ja außer Gefahr –, aber doch eine ständige Besorgnis. Wie würde es mit seinem Rheumatismus werden? Der plagte ihn von Zeit zu Zeit. Und dann: Würde es ihn nicht gelüsten an die Front? Würde es nicht auch ihn treiben, und er es am Ende auch durchsetzen, hinauszukommen? Sie überdachte die Jahre ihrer Ehe: Bald würden sie silberne Hochzeit feiern, es wäre doch bitter, wenn sie die nicht feiern könnten. Nicht feiern, was man so feiern nennt, nein, still begehen in einem Zurückblicken auf die Vergangenheit. Von der Liebe, mit der man sich heiratet, bröckelt freilich manches ab, die Sinne werden ruhiger, die Jahre der Gewöhnung stumpfen ab, aber jetzt stieg ihr doch etwas wie ein warmes Rot in die Wangen, wenn sie an ihren Mann dachte. Es war auch so schwer, sich selber um alles kümmern zu müssen. Nun merkte sie erst, wieviel er ihr abgenommen, wie er ihr das Leben eigentlich sehr angenehm gestaltet hatte. Das äußere Leben wenigstens. Innerlich war es oft unbefriedigend gewesen; sie hätte ihn anders gewünscht, geistig angeregter und anregender. Freudig hatte sie den Umzug in die unmittelbare Nähe der Weltstadt begrüßt, da würde vieles anders werden. Er war derselbe geblieben. Sie hatte die Söhne gehabt; all deren Interessen geteilt, mit ihnen gelernt, als sie noch klein waren, mit ihnen gestrebt, als sie größer wurden. Jeder von den beiden hatte seine eigenen Ideen, seine Ansichten, seine Ideale; sie hatte sich redlich bemüht, daran teilzunehmen. Und sie hatte doch nicht immer ganz mitkönnen: Die waren eben jung, jung und töricht – und sie?!
Hedwig sah sich in ihrem einsamen Zimmer in dem Spiegel. Ihr Mann sagte immer, sie sähe noch wie ein Mädchen aus. Tat sie das? Ja, wenn sie sich am Abend ihr reiches Haar in Zöpfe flocht. Aber jetzt?! Sie sah rasch weg und seufzte dann auf: Man alterte rasch in dieser Zeit. Gut, wenn man miteinander altert. Miteinander – nur nicht allein sein!
Sie warf einen scheuen Blick um sich. Das Zimmer war groß, in seiner Tiefe hinter den breiten geschnitzten Schränken lauerten Schatten. Jeden Abend leuchtete sie die Winkel ab: Da konnte sich gut jemand verstecken. Und wenn einer in die große Linde im Vorgarten kletterte und auf dem breiten Ast, der sich bis zum Balkon streckte, weiter rutschte, war es ein leichtes, sich ins Zimmer zu schwingen. Früher war ihr nie ein Gedanke der Furcht gekommen, da schlief ihr Mann neben ihr, jetzt fuhr sie zusammen bei einem Knacken in den Möbeln und wagte es nicht mehr, wie sie gewohnt war, nachts ein Fenster offen zu lassen. Die Läden mußten fest geschlossen werden. Und dann lag sie doch noch stundenlang mit weiten Augen, die Arme hinterm Kopf verschränkt, und wachte. Gab es hier noch viele Frauen, denen es so ging wie ihr?
Hedwig Bertholdi hatte sich bis dahin nicht um andere gekümmert, sie war ganz ausgefüllt gewesen, nun mußte sie an die Krüger denken und an deren Sohn: Wie mochte es wohl mit dem geworden sein? Ihr Mann hatte, ehe er fortging, deswegen noch an das Genfer Rote Kreuz geschrieben. Ob die Krüger nun endlich etwas erfahren hatte? Sie ließ sich gar nicht sehen. Ihr ländlicher Garten lag still, man sah jetzt nur zuweilen eine Dame darin wandeln in den Abendstunden. Das war die Tochter von Exzellenz von Voigt, die ‚Italjänerin‘, wie ihr Mädchen sagte. Sie ging eigentlich nicht durch den Garten, sie schlich nur. Es war sehr still drüben.
Das Krügersche Haus war kein moderner und auch weiter kein geschmackvoller Bau; noch ein Haus aus alter dörflicher Zeit. Vor fünfzig Jahren mochte es wohl als etwas Besseres gegolten haben. Es war niedrig, langgestreckt und durch den dichten Efeu, der es umrahmte, ein wenig düster. Aber die kleinen blankgeputzten Fenster, die mit hellgestrichenen Läden aus dem fast schwarzen Efeu heraussahen, gaben ihm etwas Sauberes. Der pausbäckige Junge, der früher, als der alte Krüger noch lebte, im Buschwerk des Vorgärtchens sonntags einen Wasserstrahl geblasen hatte, saß jetzt auf dem Trockenen, aber er erinnerte an bessere Zeiten.
Daß Lili den Einfall haben konnte, sich diese Wohnung zu mieten! Frau von Voigt war verletzt, daß die Tochter nicht auf die Dauer bei den Eltern wohnen bleiben wollte. Es war so viel Platz in der Villa, und wenn ihr Mann wieder im Felde war, war sie ganz allein; es war unnatürlich, daß jede von ihnen eine eigene Wohnung hatte. Die Tochter hätte sich nicht zu fürchten brauchen, sie würde sie in keiner Weise bevormunden. Doch sie hütete sich, einen Einwand laut werden zu lassen. Es war vielleicht auch klüger, Lili sich einmal ganz selber zu überlassen. Die Liebe der Mutter fühlte den Zwiespalt in der Seele der Tochter. War die nicht schlimmer daran als all die Frauen hier, die den Mann draußen hatten? War nicht sogar das arme Weib, die Reinemachefrau, besser daran?
Beim Fensterputzen von Frau Rossis neuer Wohnung hörte man die Dombrowski lustig singen. Sie trällerte den neusten Gassenhauer so laut, daß die Leute, die vorbeigingen, Anstoß daran nahmen und die Krüger unten aus ihrem Fenster den Kopf streckte: „Seien Sie doch stille!“
Frau von Voigt hatte eigentlich schon die Absicht gehabt, die Dombrowski nicht mehr zu nehmen – die ließ in der letzten Zeit nach in der Arbeit –, aber sie konnte es nun doch nicht übers Herz bringen. War es nicht gut, daß diese arme Frau, die sich mit ihren Kindern kümmerlich genug durchbringen mußte, der der Mann jeden Tag totgeschossen werden oder als Krüppel heimkommen konnte, sich die Heiterkeit der Seele bewahrt hatte? Und war es ein Wunder, daß das Weib der täglichen Arbeit nicht auch einmal überdrüssig wurde – wurde man denn nicht selber auch müde? O ja!
Nun ging der Sommer schier zu Ende, der Herbst begann; wie reif schon die Äpfel wurden unten im Garten der Witwe Krüger! Bald fing der zweite Kriegswinter an. Und noch immer kein Ende. Würde der Krieg denn ewig dauern?! Frau von Voigt fand nicht den Mut, ihren Mann auszufragen. Ihre Bekannten drängten immer: ‚Was sagt Ihr Mann? Der weiß doch gewiß Näheres. Erzählen Sie doch, was sagt der General?‘ Der sagte gar nichts. Er zuckte nur die Achseln und machte eine Gebärde wie: wer weiß.
„Wenn du etwas Abgelegtes hast, gib es doch der Dombrowski“, sagte Frau von Voigt zu ihrer Tochter. „Sie hat ein kleines Mädchen, für das kann sie etwas daraus nähen.“ Und Lili, die bei der Übersiedlung in die neue Wohnung in ihren Koffern kramte, gab. Sie hatte eine völlige Gleichgültigkeit gegen ihre Sachen, sie wußte es nicht mehr, daß sie früher viel Wert darauf gelegt hatte, sich schön zu kleiden. Ein zartes weißes Kleid, in dem ihr Mann sie besonders gern gesehen hatte, zerrte sie aus dem Koffer. Sie schleuderte es von sich, als verbrenne das duftige Gewebe ihr die Finger. Ein wütender Schmerz durchzuckte sie: Nie mehr, nie mehr würden seine Arme sich um dieses Kleid legen. Hier – hier hatte seine Hand oft geruht, war zärtlich die Falten auf und ab geglitten. Ach, in diesem Kleid, in diesem Kleid! Nie war er entzückter über ihre Schönheit gewesen.
Sie schloß wie träumend die Augen. All die glücklichen Stunden, die sie in diesem Kleide verlebt hatte, pochten bei ihr an.
Felsensicher hatte sie ihr Glück gewähnt, dauernd bis zum Tode – sie zuckte zusammen. Mit starren Augen sah sie in eine Ecke, ihre Lippen erblaßten: Oh, warum mußte sie jetzt so oft an den Tod denken, an seinen Tod? Er war dem Tod nahe, täglich, stündlich, jede Minute. Der Tod lauerte ihm auf hinter den Felsenrippen der Berge, und wenn er kein Geschoß auf ihn abschnellte, so stürzte er ihn vielleicht hinunter in furchtbare Schründe.
„Mein Gott, mein Gott!“ Sie stöhnte auf. Es war auf einmal nichts mehr von dem da, was sich trennend zwischen ihm und ihr aufgetürmt hatte. Was galt ihr noch Deutschland, Vaterland, Vaterhaus? Er war ihr Mann, der Mann, den sie liebte, und er war in Gefahr. In der Angst um sein Leben vergaß sie den Zwiespalt, in dem sich ihre Seele quälte.
Die junge Frau verschenkte das weiße Kleid, sie mochte es nicht mehr unter ihren Sachen wissen; anziehen würde sie es ja doch nie mehr, dachte sie in ihrer plötzlichen Hoffnungslosigkeit.
Aber die Dombrowski dachte gar nicht daran, ihren Kleinen ein Kleidchen daraus zu nähen. „Viel zu schade for das Mädel.“ Sie ersuchte Fräulein Hieselhahn, es für sie weiter zu machen. „Aber nich zu ville, ja nich zu ville!“ Sie wollte gern schlank sein.
Gertrud war förmlich erschrocken: was fiel denn der Dombrowski ein? In dem Kleid konnte sie doch nicht ausgehen, selbst sonntags nicht.
„I warum denn nich?“ Die Frau war beleidigt. „Sie denken wohl auch, wenn eine nich ‚von‘ is, darf se nich hübsch sein? Na, das wer’ ich Ihnen aber mal beweisen.“ Und sie zog den Leib ein und preßte mit beiden Händen ihre starken Hüften herunter. „Los! Probieren Se mal an, probieren Se mal an. Ich sag Ihnen, wie for mir gemacht!“
Mit einem Kopfschütteln sah Gertrud Hieselhahn der Dombrowski nach, als diese am nächsten Sonntag ausging. Es war gar kein rechtes Wetter mehr für solch ein leichtes weißes Kleid. Aber Minka war zu stolz darauf, sie hatte es sich nicht ausreden lassen. Das Mädchen war in der Hoftür stehengeblieben, in seinem ernsten Gesicht vertiefte ein Lächeln zwei Grübchen: Ach, war das komisch gewesen! Die Dombrowski, die alltags kein Korsett trug, hatte sich heute in eins gezwängt. Sie hatte das Schnürband so fest zusammengezogen, daß sie kaum atmen konnte, aber es quoll doch noch überall etwas vor. „Ne, ich sage, das ’s ’ne Tortur!“ Die Gemarterte hatte gestöhnt. Aber es mußte sein, sonst ging das Kleid nicht zu. Es saß ohnehin noch so prall, daß man fürchten mußte, sein zarter Stoff würde gesprengt. Doch dem bräunlich-runden Gesicht mit den schwarzen funkelnden Augen, mit dem gesunden Rot auf den Wangen stand es nicht übel. Als die Frau, munter wie ein Mädchen, in die Hände klatschte: „Hatt’ ich nich recht? Hübsch was?“ hatte Gertrud nicht ‚nein‘ sagen können. Warum sollte sie Minka die Freude verderben? Die sah ja auch trotz alledem hübsch aus, aber, aber – das Lächeln verschwand aus Gertruds Gesicht – war die leichtsinnig! Oh, wer doch auch ein wenig leichtlebig sein könnte, sich an jedem bißchen freuen und die Sorge vergessen! Die Dombrowski sorgte sich nicht allzuviel um ihren Mann. Wie sie da loszog! Nicht wie eine, die den Mann im Krieg hat. Die langen Enden des bunten Bandes, das sie sich als Gürtel umgebunden hatte, flatterten lustig, der Hut saß ihr im Genick.
Hinter der Dombrowski fegte der Wind her und klatschte das dünne Kleid fest an die Schenkel. Ihre Füße in den weißen Strümpfen und den schwarzen Halbschuhen trippelten unruhig – um vier Uhr ging das Konzert in den Anlagen an, Militärkonzert, sie wollte keinen Ton versäumen. Aber sie kam nicht rascher voran, der zu enge Rock spannte sich um ihre Beine, sie konnte nicht ausschreiten. Dazu mußte sie ihre Minna, die mit einem rotkarierten Kleidchen mit schwarzem Samteinsatz ausgeputzt war, hinter sich drein zerren. Die heulte und wollte durchaus mal auf der Trompete tuten, in die der Bruder, der hohnlachend nebenherlief, immer wieder stieß.
„Steck de Tröte weg, nu laß doch sein, Erich!“ sagte die Mutter. Der Junge hörte gar nicht auf sie. „Das ’s doch schrecklich, Erich, nich auszuhalten. Ich nehm’ euch nie mehr mit!“ Nun tutete er erst recht.
„Ich ooch mal, ich ooch mal!“ zeterte Minna.
Das Gebrüll der Schwester mischte sich mit dem Tuten des Bruders, nun lachte die Mutter dazu: Die machten schon vorher Konzert ...
Auch als das weiße Segel des Kleides längst hinter den ersten Häusern verschwunden war, blieb Gertrud noch immer in der Hoftür stehn. Die Chaussee war ganz menschenleer. In der bewegten Luft schüttelten sich die jungen Bäumchen am Straßenrand, von den Feldern herüber kam bereits ein Duft wie von welkendem Kartoffelkraut. Noch war es früh im Jahr, Herbst erst in Sicht, und doch schon so einsam hier. Wenn einem einer etwas antun wollte, hier könnte er’s. Bis zu den Häusern hin drang kein Ruf. Und dieses schwache Gatter aus morschen Zaunstecken konnte auch keinen abhalten, der hier eindringen wollte. Es würde bös sein, wenn es früh dunkelte, hier draußen allein zu gehen. Nun, die Dombrowski würde sie sicher abholen, wenn sie abends spät von der Arbeit kam, die kannte ja keine Furcht. Aber dann mußten ja die Kinder so lange allein bleiben. Man würde sie einschließen.
Als es Gertrud Hieselhahn lieb gewesen war, sich hier in der Abgelegenheit verkriechen zu können, war es Frühling. Nun aber bangte ihr vor dem Winter: Wie hatte die Dombrowski es nur, so lange schon allein, hier aushalten können? Die Einsame seufzte. Ach, wie sollte das werden, wenn keine Sonne schien, wenn der nebelgraue November über die Felder kroch und von den Häusern nichts mehr zu sehen war?! Schon heute kam keine Menschenseele, von den Feldern kein Laut; wie ausgestorben war alles, sie hörte nur den eigenen beklommenen Atem. Die große Sonntagsstille peinigte sie. Da war ihr das mißtönende Tuten von Erich Dombrowski doch noch lieber. Sie wäre am Ende besser mitgegangen, die Dombrowski hatte sie so freundlich aufgefordert. Aber mit der –?! Gertrud Hieselhahn warf den Kopf in den Nacken. Dazu hatte sie immer zu viel auf sich gehalten. Und wenn sie auch jetzt – es trübte plötzlich etwas ihren Blick und jagte ihr eine hastige Blutwelle ins Gesicht – und wenn sie auch jetzt ein Kind hatte, zu dem kein Vater sich bekannte, sie hielt doch noch immer auf sich.
Sie wollte sich abwenden: Voran, an die Arbeit, wochentags kam sie nicht dazu, ihre Sachen auszubessern. Beim Arbeiten würden ihr schon die trüben Gedanken vergehen, dann rasselte die Nähmaschine ihr Lied herunter, und der Kleine krähte dazu. Da sah sie eine Frauengestalt die Straße heraufkommen. Wollte die hierher? Es schien so. Jetzt winkte die. Wer war denn das?
Erst als sie vor ihr stand, erkannte Gertrud das magere Gesicht, die weiten, sehnsüchtigen Augen und das durchsichtige Blaß der Haut: Das war ja das Fräulein aus der Bahn, das ihr seinen Sitzplatz gegeben hatte! Die hatte sie damals um ihren Besuch gebeten.
„Ich habe Sie nicht gleich wiedererkannt. Das ist aber nett von Ihnen – kommen Sie doch rein, bitte!“
„Sie – Sie haben mich aufgefordert“, stotterte Margarete Dietrich, und ihr bleichsüchtiges Weiß überzog sich mit einem verlegenen Rot. „Ich – ich war krank, sonst wäre ich längst gekommen.“
„Ja, es ist schon lange her!“ Jetzt fiel Gertrud erst alles Nähere ein.
„Was macht denn Ihr Herr Bräutigam?“ fragte sie rasch, um zu zeigen, daß sie auch noch Bescheid wußte.
„Oh, dem geht es sehr gut!“ Fräulein Dietrich tat einen tiefen Atemzug, ihre matten Augen strahlten auf. „Der ist sehr tüchtig, sehr tapfer – er hat aber auch schon lange das Kreuz, und nun ist er eingegeben fürs Kreuz Erster.“
War er das nicht damals schon? Gertrud glaubte sich zu erinnern.
Das Mädchen fuhr jetzt ganz ohne Schüchternheit fort: „Er schreibt mir sehr oft – oh, Sie sollten nur einmal lesen – was für schöne Briefe! Und sehen Sie – da!“ Sie zerrte den Handschuh herunter und spreizte ihre dünnen Finger: Am vierten glänzte ein goldender Reif. „Den hat er mir geschickt zum Geburtstag – den Verlobungsring!“ Sie stand wie verzückt, den Ring betrachtend.
War die aber schwärmerisch veranlagt! Etwas in des Mädchens Gebaren stieß Gertrud ab, und zugleich empfand sie doch etwas wie Mitleid: Die sah ja entsetzlich elend aus. „Was hat Ihnen denn gefehlt?“ fragte sie und schob ihren Arm unter den der Besucherin.
Das blasse Fräulein Dietrich wurde wieder rot und schlug die Augen nieder. „Ich sehnte mich so. Davon bin ich nervös geworden. Immer Kopfweh. Und denn so matt.“ Sie seufzte.
Auch Gertrud seufzte. ‚Ich sehnte mich so‘ – ach ja, das konnte sie wohl verstehen. Den mageren Arm der anderen drückend, sagte sie herzlich: „Er wird ja wiederkommen. Er wird doch auch gewiß bald mal auf Urlaub kommen. War er denn noch gar nicht hier?“
„Nein. Noch keinmal!“ Das Fräulein klagte. „Ich kann’s gar nicht sehen, wenn andere stehen und ihren Bräutigam erwarten. Oder an seinem Arm gehen. Es ist schrecklich für mich.“ Mit einem so tiefen Seufzen, daß es fast wie ein Stöhnen klang, fuhr sie sich nach der Stirn und preßte dann die Hand auf die Brust. „Ich habe immer Herzklopfen. Und es schnürt mir da alles zusammen. Gott, man ist doch auch jung. Und hat mehr Gefühl als manche andere. Und immer so dabeistehen und immer nur zusehen – nein, das ist schrecklich, zu schrecklich!“ Das zarte Rot auf dem blassen Gesicht hatte sich noch mehr vertieft.
Jetzt war Margarete Dietrich nicht das scheue, schüchterne Mädchen mehr, sie war eine heftig Begehrende. Gertrud um den Leib fassend und an sich pressend, daß dieser fast der Atem verging, stieß sie heraus zwischen Schluchzen und Lachen: „Wenn er doch käme!“
„Er wird ja kommen, beruhigen Sie sich doch!“ Gertrud war ganz verdutzt und erschrocken: Die war ja zu aufgeregt. Ihrer ruhigen Art war das unverständlich: Wie konnte man sich nur so haben? Und doch war da ein geheimes Band zwischen ihr und jener, ein Band, das man nicht sah und nicht greifen konnte, das sie aber trotz allem zueinander zog. Sie litt es, daß Fräulein Dietrich den Arm um ihren Hals schlang und sie küßte. Ihr war der Kuß zwar nicht angenehm, peinlich empfand sie den brennenden Druck dieser feuchten Lippen, aber sie überwand sich und erwiderte ihn. Sie war ja auch allein und sehnsüchtig. Tausendmal mehr allein als jene es war, denn sie konnte hoffen; sie aber hoffte nicht mehr. „Ich weiß gar nicht, warum Sie so außer sich sind, Fräulein Dietrich!“
„Sagen Sie doch: ‚Gretchen‘!“
„Warum Sie so außer sich sind, Fräulein Gretchen!“
„Nein, bloß ‚Gretchen‘ – ‚Gretchen‘, wie es im Faust steht. Sie kennen doch Faust?“
„Nein.“
„Den borg’ ich Ihnen. Den müssen Sie lesen. Den lese ich zu gern. Ich lese überhaupt viel – immer des Nachts. Viel zuviel, sagt der Doktor. Was soll ich machen, wenn ich doch nicht schlafen kann?! Der Telephondienst macht schrecklich nervös. Und denn der Krieg. Früher war ich ganz gesund – aber seitdem!“ Wie in schmerzhaftem Empfinden zog sie die Brauen zusammen, ihre Augen hatten allen Glanz verloren, blickten wieder matt und wie in unbestimmter Sehnsucht verloren. „Wenn er nun nicht bald kommt –!“
Gertrud lächelte. „Er kommt ja. Und was machen Sie dann?“
„Oh, dann heiraten wir. Ich lasse mich kriegstrauen.“ Die Dietrich fuhr auf wie von einem plötzlichen Gedanken bestürmt, neu belebt. „Ja, kriegstrauen, ja, ja! Er bekommt zehn Tage Urlaub – wir heiraten gleich – sofort, sofort – wir machen ’ne kleine Hochzeitsreise – dann muß er schnell wieder weg – ich bring’ ihn noch auf die Bahn – ich stehe und winke ihm nach – ‚mein Mann, mein alles auf der Welt‘ – es wird mir sehr schwer – oh, sehr schwer – aber dann bin ich doch Frau, seine Frau!“ Jetzt lachte sie hell.
„Seine Frau!“ Langsam sprach es Gertrud ihr nach. Sie sah die andere von der Seite an und senkte den Kopf – die hatte es gut.
Langsam gingen sie Arm in Arm über den Hof. Der war wüst und verlassen. Ackergerät lag umher. Schubkarren, Schippe und Besen. An der Tür des leeren Schuppens hing noch immer der zerschlissene Männerrock, von Wind und Wetter zur Vogelscheuche gemacht. Den zerlöcherten Filzhut ohne Krempe hatte Erich Dombrowski der Pumpe aufgestülpt.
Fräulein Dietrich war jetzt still, sie sah sich nicht um, sie ließ sich ins Haus führen, als ginge sie wie eine glücklich Träumende.
Drinnen schrie plötzlich das Kind. Da hob Gertrud den Kopf und sagte fest – Trotz trieb sie dazu und ein Sichstemmen gegen das eigene Mißgeschick: „Hören Sie, Gretchen? Mein Kleiner schreit. Ich hab’ ein Kind. Und ich bin nicht seine Frau – niemandes Frau.“
Es dauerte lange, bis Gretchen Dietrich ans Fortgehen dachte. Es dämmerte bereits; und nun fürchtete sie sich, im Dunkeln zu gehen. Warum hatten sie sich auch so viel zu erzählen gehabt! Gertrud hatte an der Maschine gesessen und genäht und Margarete auf einem niederen Schemelchen, das den Dombrowskischen Kindern gehörte, hatte den Kopf an Gertruds Knie gelegt und den Kleinen auf dem Schoß gehalten. „Lassen Sie mich ihn doch halten, bitte, bitte!“
Sie vergoß bittere Tränen über der Freundin Geschick, sie konnte nicht genug davon hören. „Ach, erzählen Sie – und als Sie’s ihm nun sagten, was sagte er da? Nicht kriegstrauen lassen wollte er sich, trotzdem?“
„Seine Mutter wollte es nicht.“
Das war ja wie im Roman! Die Augen der Dietrich waren groß und weit. Mit überströmender Zärtlichkeit drückte sie den Kleinen an sich, hielt ihn an ihrer Brust wie eine Mutter. „So ein Kind, so ein süßes Kind! Ach, wenn ich doch auch ein Kind hätte!“ Sie schwatzte mit dem Säugling, der sie doch nicht verstand, und erzählte ihm lange Geschichten vom Vater draußen im Krieg.
Gertrud lächelte wehmütig. Sie hatte so lange nicht Besuch bei sich gehabt, war an das Schweigen in ihrer Stube so gewöhnt, daß es ihr fast schwindelte. Was Gretchen alles erzählte! Ihr Bräutigam war in Frankreich – immer in Frankreich gewesen, versicherte sie –, und Gertrud glaubte doch damals gehört zu haben, er wäre auch in Rußland gewesen.
Aber Gretchen erzählte und hielt dabei die Hand in die Höhe, daß der letzte Strahl des sinkenden Tages auf ihren Ring fiel: Dieser Ring war aus Frankreich, französisches Gold. Aus dem großen französischen Goldstück, das ihm der Graf in die Hand gedrückt, als er dem verzweifelten Vater die Tochter aus den Händen der gierigen Soldateska befreit hatte. „Er hat die Belohnung natürlich nicht annehmen wollen, aber der Graf hat ihn so gedrängt, daß er zuletzt sagte: ‚Nun, so werde ich denn für meine geliebte Braut daheim den Verlobungsring daraus fertigen lassen.‘“
„Waren Sie denn noch nicht verlobt? Hatten Sie denn noch nicht seinen Ring?“ fragte Gertrud. Sie sagte es so hin, nur um etwas zu sagen, ihre Gedanken schweiften ab. Wie war die hier so beneidenswert, die trug den Ring des Geliebten am Finger, mochte kommen, was wollte, die war seine verlobte Braut! Unwillkürlich blickte sie auf die eigene Hand: Ihr Finger war leer.
Die Dietrich lachte leise, sie flüsterte dann geheimnisvoll: „St, nein, es darf auch jetzt noch zu Hause keiner wissen, daß ich verlobt bin. Ich steck’ den Ring nur an, wenn ich ausgehe. Komm ich nach Haus, zieh’ ich ihn vorher ab. Es ist noch heimlich.“
„Aber warum denn? Wenn’s doch so’n braver Mensch ist?“ Gertrud verwunderte sich.
„Meine Mutter kann ihn nicht leiden – hu, die ist bös! Aber wenn ich ihn nicht kriege, geh’ ich ins Wasser!“ Erregt sprang das Mädchen auf, unruhig lief es in der Stube umher.
Das Kind, durch die Heftigkeit aus einem leisen Schlummer geweckt, fing an zu quarren. Gertrud wollte es nehmen, aber Margarete wollte es nicht lassen. „So ein Kind, so ein süßes Kind, ach, wenn ich doch auch ein Kind hätte!“ Sie fing an zu schluchzen.
Diese Aufgeregtheit hatte wirklich etwas Beunruhigendes. Gertrud war eigentlich ganz froh, als die andere endlich aufbrach. Bis zu den ersten Häusern wollte sie Gretchen bringen. Sie schlug ein Tuch um sich und das Kind und nahm es auf den Arm, an den anderen hängte sich die Dietrich.
Um die beiden Frauengestalten, die langsam den Häusern zuwandelten, wob sich die Dämmerung. Sie waren beide dunkel gekleidet, und dunkel waren auch schon die Felder rechts und links der Chaussee. Geheimnisvolle weiße Gestalten standen im Dunkel auf und schienen zu winken. Margarete hängte sich fester an Gertruds Arm und drängte sich an sie: „Wie gut, daß Sie mitgehen, ich stürbe vor Angst. Ach, mein liebes Trudchen, nicht wahr, du kommst zu meiner Hochzeit? Ich lade dich ein. Ach, sag doch ‚du‘ zu mir – es macht mich glücklich. Sag, hast du mich lieb? Ich habe keinen Menschen, der mich so recht liebhat – ich bin ja so arm!“
War das merkwürdig von der, so etwas zu sagen! Gertrud dachte darüber nach, als sie nun allein zurückging. ‚Ich bin ja so arm‘ – wie stimmte denn das? Gertrud fuhr plötzlich zusammen, sie hörte ein Weinen.
Durch die Dunkelheit kam etwas hinter ihr hergetrappelt. Nun heulte es laut. Erschrocken blieb sie stehen: Dombrowskis Kinder? „Wo kommt ihr denn her? Wo ist denn eure Mutter?“
Die kleine Minna faßte verängstigt nach Gertruds Kleid und klammerte sich an: „Huh, so dunkel, ’s is so dunkel!“
Der Junge aber schimpfte los: „Mutter –? Och die! Hat uns nach Hause jeschickt. Die amesiert sich!“
Was sollte das heißen? Die amüsierte sich? Gertrud wollte eben, getrieben durch ein seltsam gemischtes Gefühl von Abneigung und einer gewissen Verantwortlichkeit, den Jungen ausfragen, als durch das Dunkel des Abends ein dumpfes Summen ging. Ein fernes Hallen. Das waren die Glocken der Kirche. Die lag weitab, und der Wind stand nicht von dorther, aber man erkannte doch das langsam-schwere, feierliche Dröhnen.
Sie hielt ihren Schritt an, sie gebot dem Jungen, der laut weiterschimpfte, Stille. Nun hörte man’s deutlicher. Diese tiefe, ernste, erzene Stimme. Läuten um diese Zeit? Der Nachmittagsgottesdienst war längst vorbei, Begräbnisse fanden so spät nicht mehr statt; das konnte nur Sieg sein. Wenn es absetzte, dreimal von neuem sich erhob. Man kannte das, zu vielen Siegen schon hatten die Glocken geläutet, vor kaum drei Wochen erst für das große Warschau; man war fast gewöhnt daran, bereits wie abgestumpft.
Trotzdem kehrte Gertrud um – Sieg?! Horch! Jetzt huben sie an zum drittenmal! Und wenn sie persönlich denn auch nichts mehr zu verlieren hatte und nichts zu gewinnen, es trieb sie nun doch dem Bahnhof zu. Nicht so allein sein zu solcher Stunde. Da waren die andern, Menschen genug jetzt, da würde sie erfahren, was für ein Sieg es war. Und ob nun bald Friede sein würde.
4
Über den abendlich-stillen Ort hin hatten die Glocken gerufen: Sieg! Am Bahnhof drängte man sich. So voll wie heute war es selbst dann nicht dort, wenn auf dem Ferngleis Truppentransporte vorbeifuhren. Die hielten hier nicht; aber man winkte den Feldgrauen, die aus den bekränzten, mit allerlei Kreideinschriften bekritzelten Wagen halben Leibes heraushingen, und rief ihnen gerührte Worte des Grußes und des Abschieds nach. Die Worte gingen zwar verloren in der rasselnden Windesschnelle, die winkenden Grüße aber wurden erwidert mit stark gebrülltem Hurra. Jetzt drängte sich die Menge vor dem Anschlag neben der Bahnhofstür.
„Die Festung Nowogeorgiewsk, der letzte Halt des Feindes in Polen, nach hartnäckigem Widerstand genommen. Die gesamte Besatzung, davon gestern im Endkampfe allein über 20 000 Mann, und vorläufig unübersehbares Kriegsmaterial fielen in unsere Hände.“
Mit hastig hinfliegenden Blicken las man’s – stumm. Das war nicht mehr der Jubel der Begeisterung wie bei den ersten Malen, der Krieg dauerte nun schon über ein Jahr.
„Mutter, haben die nu bald verspielt?“ fragte plötzlich eine Kinderstimme ganz laut.
Die Mutter hatte im ungewissen Sternenlicht, mühsam herausstudierend, halblaut gelesen, nun schwieg sie verlegen. Die hohe Kinderstimme war weithin vernehmbar. Die zunächst Stehenden lachten. „Sei stille“, wisperte die Mutter.
„Dann kommt unser Vater auch wieder, nich wahr, Mutter?“ fragte die Kleine unbeirrt weiter.
Die Frau schüttelte stumm-verneinend den Kopf; sich durch das Gedränge hastig Bahn brechend und das Kind hinter sich dreinziehend, lief sie davon.
Es war die Frau des Schlossers Frank von der Ecke am Markt, er war vor vierzehn Tagen am Narew gefallen. „Nu sitzt sie da mit dem großen Geschäft – ’n paar alte Gesellen hat sie vor der Hand wohl noch – er hat alles ins Geschäft reingesteckt – schlimm für sie, schlimm für die Kinder – fünfe hat se, alle noch klein!“
„Die ist noch nich am schlimmsten dran“, sagte eine andere Stimme. „Aber wenn sie nur den Mann hat, weiter nichts, kein Geschäft und keine Kinder – nur den Mann!“
Sie blickten sich alle um nach der wehen Stimme, die sich wie ein Verzweiflungsseufzer erhob.
Die kleine verkümmerte Frau duckte sich scheu. Das hatte sie nicht gewollt, daß alle nach ihr hinsahen, es war ihr nur so herausgefahren, wider ihren Willen laut. Als ob sie selbst durch die Dunkelheit jeden mitleidigen Blick als Beleidigung fühle, kroch sie ganz in sich zusammen. Sie wollte niemandes Mitleid, es brauchte sich keiner um sie zu kümmern, sie hatte auch keinen nötig, leben wollte sie ja nicht mehr. Sich verkriechen wie ein krankes Tier und sterben, das wollte sie.
In einem hilflosen Weinen, wie ein verlassenes Kind schlich sie eben davon, da legte sich eine Hand auf ihre Schulter: „Liebe Frau!“ Es lag ein großer Nachdruck auf dem liebe, eine herzliche Freundlichkeit im Ton.
Die Generalin von Voigt war durchaus nicht sentimental, ihr Mann hatte sie dazu erzogen, jede Sache so gelassen wie möglich zu nehmen. „Das Leben ist wie der Feind“, hatte er ihr oft gesagt, als sie noch jünger und leicht aus der Fassung zu bringen war, „man macht sich die Stellung klar, nimmt ihn scharf aufs Korn, rückt dann Schritt für Schritt – immer kalt Blut – immer weiter vor, ruhig vor – aber dann: zugepackt.“ Sie hatte es lernen müssen, an sich zu halten. Aber jetzt ging doch das Gefühl mit ihr durch – diese Frau, diese arme, einsam Gewordene! Ihre aufrechte Gestalt ein wenig niederbeugend zu der kümmerlich-kleinen, sagte sie mit der inneren Überzeugung, die auch andere überzeugt: „Sie sind nicht verlassen, liebe Frau. Sie haben noch eine Mutter – unsere deutsche Heimat. Der hat Ihr Mann Sie als Vermächtnis hinterlassen. Er hat Ihnen ein Anrecht erworben. Und unsere deutsche Heimat ist eine gute Mutter, die sich ihrer Kinder annimmt!“
„Redensarten! Das können die Vornehmen und Reichen leicht sagen“, kam es jetzt höhnisch von irgendwoher.
„Wer sagte das?“ Die Generalin drehte suchend den Kopf, ihre stattliche Gestalt reckte sich noch stattlicher. „Es ist traurig“, sagte sie sehr laut, „daß es immer noch Leute gibt, Deutsche gibt, die ein Vergnügen daran finden, zu mäkeln und zu hetzen. Was heißt jetzt ‚vornehm und reich‘? Wenn einer im Schützengraben liegt und ist ein Prinz, liegt er ebenso im Dreck wie der einfachste Handlanger, und der eine Million hat, ebenso wie der, der keinen Pfennig besitzt!“
Na, die war aber nicht auf den Mund gefallen! Und ‚Dreck‘ hatte sie gesagt – ‚Dreck‘! Einige amüsierten sich darüber. Sie lachten. Und das steckte an. Ein ganzer Knäuel von Weibern drängte sich um Frau von Voigt. Diese wußte nicht recht, war das nun ein höhnisches Lachen oder erfreute Zustimmung? Eine plötzliche Zaghaftigkeit überkam sie. Es tat ihr leid, daß sie sich hatte so hinreißen lassen. Sie drängte sich durch und ging davon mit raschen Schritten, im Innersten verstimmt. Nun war ihr die ganze Freude an Nowogeorgiewsk verdorben. War das wohl die rechte Art, den Sieg aufzunehmen? Man erwartete ja kein lautes Frohlocken von den Leuten mehr, aber konnten sie es nicht hinnehmen still-freudig bewegten Gemütes? Ihr Mann hatte doch recht, man durfte an diese Leute nicht den Maßstab legen wie an sich selber. Sie waren in Freud und Leid doch eben anders, als man selber war.
Sie sah plötzlich eine große Kluft – wer würde die überbrükken?! Der Krieg, zu dem doch alle auszogen, alle, vornehm und gering, arm und reich? Er hatte es bis jetzt nicht gekonnt. Würde es der Friede können –?
Die Straße, die sie zu gehen hatte, lag dunkel. Droben kein Stern. Der Wind, der den ganzen Tag geweht, hatte Wolken heraufgetrieben, nun flogen sie, seltsam geballt und zerrissen, wie fratzenhafte schwarze Ungeheuer über das matte Grau des Nachthimmels. Sie mußte an den Mobilmachungsabend denken. Da war sie am Arm ihres Mannes in Berlin die Linden hinuntergegangen, die dichte Masse der Menschen hatte sie mit fortgetragen, sie waren im langsam flutenden Strom vors Schloß gelangt. Wo die Leute die Offiziersuniform erkannten, machten sie respektvoll Platz. Das Schloß lag dunkel und schweigsam. Der Kaiser hatte zu seinem Volk gesprochen gehabt, sie waren zu spät gekommen, aber überall hörten sie noch davon reden.
„‚Ich kenne keine Parteien mehr‘ – ja, so hat er gesagt“, hörte sie einen Mann dicht hinter sich laut erzählen. Ein anderer erläuterte das noch näher: „Nu jibt es nämlich jar keene Unterschiede nich mehr. Ob de Jeld hast oder keens, ob de Jraf bist oder nur Fritze, der Klamottendräjer, ob de uf de hohe Schule Latein jelernt hast oder ob de nich lesen un schreiben kannst, allens eene Wichse. Allens nur Deutsche!“
Ein wehmütiges Lächeln kam der jetzt eiliger Schreitenden. Ein Regen fing an zu tröpfeln, der Himmel weinte. Sie lief in tiefen Gedanken: Ach ja, so leicht war es nicht, verstanden zu werden! Rührend war aber der Droschkenkutscher gewesen, mit dem sie dann vom Schloßplatz zurückgefahren waren, rührend und komisch zugleich. Er hatte, mit der Peitsche zurückdeutend nach dem dunkel-ragenden Bau, in dem Deutschlands Kaiser jetzt wohl die Geschicke Europas in seinem Herzen bewegte, und sich, halb auf seinem Bock zu ihnen herumwendend, beifällig nickend gesagt: „Wir haben Wilhelmen doch unterschätzt!“ Der alte dicke Kutscher und sein humpeliger Gaul waren ihr unvergeßlich geblieben. Und unvergeßlich auch der Anblick, der sich ihnen bot, als auch sie sich umwandten.
Langsam war da vom Wasser her ein mächtiger Vogel über Lustgarten und Schloß, über Dom und Zeughaus gesegelt. Mit weitgebreiteten Schwingen stand er jetzt still. Nur ein Wolkengebilde war es, gewitterschwanger am Sommerabend. Aber sich unter ihm rötend, schien der Himmel zu glühen vom Flammenwiderschein. Aufgeregt von den Ereignissen dieses Tages hatte sie nach ihres Mannes Arm gegriffen: „Da – da – siehst du ihn auch?“ Ein schwebender Adler war es mit gespreizten Flügeln. Es hatte sie wie ein Schreck durchzuckt: War das nicht der russische Adler?
Es war der preußische Adler gewesen – Gott sei gedankt!
Die Generalin war jetzt am Krügerschen Haus angelangt; sie wollte noch die Tochter besuchen. Und wieder stieg eine Verwunderung in ihr auf, daß sich Lili gerade diese Wohnung ausgesucht hatte. Die war so bescheiden: kein Parkett, niedrige Zimmer, kein elektrisches Licht. Überm Türeingang schwelte eine kleine Petroleumfunzel.
Als Frau von Voigt die unverschlossene Tür aufklinkte und in den engen Flur trat, fiel ein Lichtschein aus dem Zimmer zu ebener Erde. Die Stubentür stand offen. Drinnen saß die Krüger am Tisch und schien beim trüben Schein einer Lampe in einem Buch zu lesen. Sie war so vertieft, daß sie von der an ihrer Tür Vorüberschreitenden nichts bemerkte.
Frau von Voigt stieg zu ihrer Tochter hinauf. Lili öffnete ihr selber die Glastür, die die Wohnung abschloß. Das Mädchen war zum Bahnhof gelaufen, als das Läuten anfing. „Ich brauche sie ja auch nicht“, sagte die junge Frau gleichgültig. In ihrem weißen schleppenden Schlafrock mit dem weißleuchtenden Gesicht sah sie aus wie ein Geist.
Die Mutter blickte sie voller Besorgnis an. „Nowogeorgiewsk, Lili“, sagte sie stark. „Nowogeorgiewsk, das ist ein großer Sieg, ein wichtiger Fortschritt.“ Es war ihr, als müsse sie die bleiche Frau da vor sich aufrütteln. Sie legte beide Hände auf die Schultern der Tochter und schüttelte sie leicht. „Wie wird sich der Vater freuen! Er wird jetzt noch in Warschau sein. Ich bin sehr gespannt auf seinen Brief. Freu du dich auch, Lili, nun wird der Krieg bald zu Ende sein!“
„Das glaubst du ja selber nicht.“ Ein ungläubiges Lächeln zog die Mundwinkel von Frau Rossi herab. „Was könnte es mir auch nützen – Siege, Erfolge?!“ Sie zuckte die Achseln. „Friede –?! Die Feindschaft, die einmal zwischen die Nationen gesetzt ist, wird dadurch nicht aus der Welt geschafft. Ich werde diesen Krieg nie verwinden.“ Sie seufzte, und dann stieß sie mit Leidenschaft heraus: „Verfluchen werde ich ihn, solange ich lebe!“
„Aber Lili!“ Die Mutter versuchte mit glättender Hand über die zusammengezogene Stirn der Tochter zu streichen. „Du bist zu viel allein. Du hast zuviel Zeit zum Grübeln, Kind. Ich bleibe gern heute abend bei dir.“ Sie zog die Tochter ins Zimmer und setzte sich.
Aber Lili sagte müde: „Nein, nein, geh du nur nach Hause. Bei mir ist es nicht gut sein. Du bist froh und stark, hast ja auch alles Recht dazu – aber ich?!“ Sie griff sich mit beiden Händen in das schöne blonde Haar. „Ich bin wie zerstückt. Hin und her gerissen zwischen Liebe und Abneigung. Zwischen Furcht und Hoffnung. So ein Sieg regt mich immer grenzenlos auf. Wenn sie läuten, ist mir’s gerade, als läuteten sie zum Begräbnis von etwas mir Teuerem. Ich muß mir die Ohren zuhalten, ich kann es nicht anhören!“
Frau von Voigt sagte nicht ‚Armes Kind‘, sie zog die Tochter auch nicht mitleidsvoll in ihre Arme. Das würde ja nicht viel bessern; Lili mußte selber sehen, wie sie sich abfand, sich durchkämpfen. Nur sie allein konnte sich helfen aus diesem Zwiespalt ihrer Gefühle. So fragte sie nur, indem sie aufstand und sich schon wieder zum Fortgehen anschickte: „Hast du wieder einen Brief von deinem Mann?“
Es kam wie Belebung über die junge Frau. „Einen Augenblick noch, Mutter!“ Sie lief zu dem kleinen Schreibtisch und holte den Brief her. Unter die Hängelampe tretend, las sie ihn. Sie las ihn nicht ganz vor, nur ab und zu übersetzte sie einen Satz. „‚Wir sind nicht mehr in der vorigen Stellung. Wir sind vorgerückt bis zum Monte Piano. Östlich Schluderbach griffen wir gestern an‘ –“ Die junge Frau brach ab, verstört sah sie nach der Mutter hin. „Es scheint nicht gutgegangen zu sein. Dieser Brief ist vom zweiundzwanzigsten August. Ich kenne doch Enrico. Hätten sie Erfolg gehabt, hätte ich schon längst wieder einen Brief. Es ist ihm dann ein Bedürfnis, von dem Siege zu sprechen. Ach Gott, und ob es mich auch aufbringt, wenn diese Italiener siegen, so muß ich es ja doch fast wünschen.“ Sie drückte den Brief an ihr Gesicht. „Es ist so schrecklich, ohne Nachricht zu sein!“
„Also bei Schluderbach!“ Die Mutter versuchte die junge Frau auf andere Gedanken zu bringen. „Weißt du noch, Lili, wie wir in Schluderbach waren? Sieben Jahre werden es her sein. Auf der schönen Tiroler Reise, beim Anfang unserer Dolomiten-Tour. Wir kamen vom Dürrnstein herunter, ein furchtbares Gewitter hatte uns überrascht, Vater hatte sich Blasen an den Füßen gelaufen, ich schleppte mich zuletzt auch nur noch, tropfnaß kamen wir in Schluderbach an. Aber schön war’s doch. Unsere Sachen mußten in den Trockenofen, der Hotelwirt half uns aus. Du bekamst das Sonntagsgewand von dem Tiroler Dirndl, der Stubenmagd. Beim Abendessen unten im Saal kam ein Herr an unsern Tisch – ein berühmter Maler – und bat, ob er dich malen dürfe. Weißt du noch, Kind?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß von nichts mehr. Sage nicht sieben Jahre – siebzig Jahre sind es her!“ In einer trostlosen Gleichgültigkeit erstarb die Stimme der jungen Frau. Sie zog die Stirn in Falten, und ihre Augen blickten abwesend, wie mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Sich äußerlich ruhig zeigend, aber innerlich durch eine unbestimmte Unruhe verstimmt, sagte die Mutter: „Gute Nacht!“ Als sie unten an der Tür der Frau Krüger vorüberging, saß diese noch immer in der gleichen Stellung wie vorhin, tief über den Tisch gebeugt. Vor ihr lag ein großer Atlas und daneben ein dickes Buch. Jetzt hob sie den Kopf. Das ‚Gute Nacht‘ der Vorüberschreitenden hatte sie aufgeschreckt.
Frau von Voigt trat in die Tür. Sie wollte ihr ein paar freundliche Worte sagen: Die Frau war sehr ordentlich, das Haus sehr sauber. „Nun, Frau Krüger, wie sind Sie denn mit meiner Tochter als Mieterin zufrieden? Ich hoffe doch: gut. Viel Lärm macht sie ja nicht.“
„Ich weiß es nicht.“ Die Frau sah sie mit ganz verlorenen Blicken an. Aber dann, wie sich wieder zur Gegenwart zurückfindend, stand sie auf: „Entschuldigen Sie! Ich habe die Frau Generalin nicht gleich erkannt.“
„Sie studieren so eifrig etwas?“
Die Krüger lächelte verlegen. „Ich wollte mir mal Korsika aufsuchen. Hier steht’s im Buch“ – sie zeigte ein aufgeschlagenes Konversationslexikon – :„‚Insel im Mittelmeer‘. Aber ich kenne mir doch nich recht aus; ich kann sie nich finden.“ Sie wischte mit dem Zeigefinger hilflos auf der Landkarte herum.
„Hier.“ Frau von Voigt wies sie zurecht.
„Danke vielmals.“ Die Krüger war sichtlich erfreut; sie wurde gesprächig. „Da is nämlich mein Sohn jetzt.“ Sie sah wie gebannt auf die hingezeichnete Insel, die wie eine geballte Faust, die einen Finger ausstreckt, links vom italienischen Stiefel erscheint. Sie nickte verträumt: „Nu weiß ich doch wenigstens, wie es da aussieht. Sehr groß is se nicht. Zweihundertneunzigtausendundachtundsechzig Einwohner hab’ ich gelesen; gebirgig und stark bewaldet. Täler sehr fruchtbar, aber schlecht angebaut. Na, Gustav wird schön gucken; schlecht angebaut is man bei uns nich gewohnt. Viehzucht und Fischfang, Thunfische – die kenn’ ich nich. Aber er wird sie schon mögen; er aß Fisch sehr gern. ‚Mutter, koch grünen Aal‘, sagte er immer; und Weihnachten ‚polnische Karpfen’. Die wird er da ja nich kriegen.“
Frau von Voigt hätte lachen können: Korsika und grüner Aal und polnischer Karpfen! Aber so lächerlich diese Zusammenstellung an sich war, in den Augen der Krüger war ein Ausdruck, der alles Komische verscheuchte. Frau von Voigt glaubte nie so viel zweifelnde Sehnsucht, so viel frommen Glauben und so viel anklammernde Hoffnung in einem Menschenblick gesehen zu haben. Das waren Augen, die Nächte um Nächte gewacht, viele Tränen vergossen hatten und noch viele mehr nicht ausgeweinte in sich verbargen. Augen, die sich fast blind gelesen hatten an den enggedruckten Daten langer Verlustlisten; Augen, die unentwegt voll bangender Liebe in die Ferne gespäht hatten; Augen, die nichts anderes mehr sahen, die nur nach dem einen blickten – Augen der Mutter, die auf den Sohn wartet.
Sie reichte der Krüger die Hand. Bewegt sah sie in das verfurchte Gesicht der Frau, das die Sorge gepflügt hatte wie der Pflug den Acker. „Gebe Gott, daß der Krieg bald zu Ende ist! Das war heute wieder ein großer Sieg.“
Die hinter faltigen Lidern sich bergenden Augen der Krüger blinzelten in dem einst breiten, jetzt lang gewordenen Gesicht. Ein Licht glomm in ihnen auf, das ihrem matten Blau tieferen Glanz verlieh. „Dann werden alle Gefangenen frei!“
Die Krüger stützte die Hand auf den Tisch, als poche sie darauf. Und sie lächelte. „Es steht in der Bibel geschrieben: ‚Dann wird Frohlocken und Jauchzen sein und des Friedens kein Ende.‘“
Der Abend von Nowogeorgiewsk durfte doch nicht zu Ende gehen, ohne daß er gefeiert wurde. Einige Urlauber hatten sich zusammengefunden. Unter ihnen hatte Minka Dombrowski einen alten Bekannten. Als sie am Nachmittag mit den Kindern in den Anlagen – der einstmaligen Dorfaue – dem Militärkonzert zuhörte und viele Blicke, die sie als lauter Bewunderung einschätzte, ihr neues Kleid musterten, hatte sie ihn wiedererkannt. Kaum hatte sie einen lauten Ausruf der Überraschung unterdrücken können: Je, das war ja der von damals aus dem Restaurant, auf den ihr Stanislaus so eifersüchtig gewesen war! ... ‚Minka, ich sage dir, wenn du mir nicht treu bleibst!‘ Er hatte gezittert dabei und mit den Augen gerollt. Ach je, der arme Kerl! Der war jetzt in Frankreich. Er konnte am Ende auch in Rußland sein. Wochen schon hatte sie keine Nachricht. Wer weiß, wo er steckte!
Sie hatte dem Verehrer, der sie damals mit vielsagenden Blicken bewundert und der ihr jetzt in Feldgrau noch besser gefiel, freundlich zugelächelt. Sie war doch eine verheiratete Frau, sie konnte sich das schon erlauben. Und wer konnte es ihr verdenken, ihr, die sich so plagen und mit den Kindern herumschleppen mußte und nicht einmal den Mann da hatte, der ihr sagte: ‚Minka, du bist zum Anbeißen!‘, daß sie die Einladung des Feldgrauen, den Abend mit ihm zu verbringen, annahm. Sie aß auch gern mal was Gutes. Auf Bockwürstchen und neues Sauerkraut hatte er sie eingeladen. Da gab’s auch Bier zu trinken. So schickte sie denn die Kinder nach Hause. Der Junge widersetzte sich, er wollte nicht gehen, da gab sie ihm einen so derben Klaps, daß er sie ganz entsetzt anstarrte. Sie sagte aber gleich hinterher: „Ich schenk’ dir auch ’n Groschen.“
Der Feldgraue lachte: Diese Frau war wirklich drollig. Er fühlte ihre Lebensgier. Sie machten erst noch einen kleinen Spaziergang, bei dem sie neben ihm herschlenderte, in der schon merklichen Abendkühle fröstelnd in ihrem leichten Kleid. Erst als sie im Walde waren und er den Arm um sie legte, wurde ihr wärmer. Sie dachte jetzt nicht an ihren Mann. Wenn der Mann zu lange fort ist, gewöhnt man sich zuletzt daran, man fängt an, zu vergessen. Und doch war es ihr wiederum, als der Feldgraue neben ihr schritt, als ginge sie mit ihrem Stanislaus, und sie lehnte sich fest gegen ihn, als er zärtlich wurde. So lange hatte kein Mann sie im Arm gehalten! Dabei schwatzte sie munter.
Als sie einkehrten, war das Lokal schon gestopft voll. Mit Mühe fanden sie noch an einem Tisch Platz, daran schon drei Feldgraue saßen. Sonst hatte jeder Feldgraue seine Liebste bei sich; diese drei aber waren noch unbeweibt. Und sie machten Herrn Lehmann, im Zivilleben Barbier, gefährliche Konkurrenz.
Minka Dombrowski schwamm in Seligkeit: nicht bloß einen, nein, vier Männer auf einmal. Es benahm sie ganz.
Sie saßen, in eine Ecke gedrängt, an einem kleinen Tisch und so dicht beisammen, daß bald der, bald jener Männerfuß ihren Fuß berührte. Die Knie stießen unter dem Tischchen zusammen; drückte sich ein Knie ganz besonders fest gegen das ihre, so drückte sie wieder. Herr Lehmann war der hübscheste von den vieren und ein alter Bekannter, er war auch der, der für sie bezahlte, sie schlug jedem andern, der nach ihr greifen wollte, auf die Finger.
„Schöne Minka, auf Ihr Wohl!“ Sie tranken tüchtig. Herr Lehmann bezahlte fünf Runden; die anderen jeder nur eine Runde. Er konnte das wohl auch, er hatte im Zivilleben ein flottes Geschäft in der Dennewitzstraße zu Berlin. Wenn erst Friede war und er wieder daheim, dann sollte die schöne Minka nur zu ihm kommen, dann würde er ihr die Locken kräuseln. Und Herrn Dombrowski auch bedienen. Er zwinkerte dabei mit den Augen, und die anderen lachten brüllend dazu. Warum sollte man denn nicht vergnügt sein? Wenn man wieder herauskam, wer weiß, wie lange man da noch lachen konnte! „Eine Kugel, und adjö Sie!“ sagte Herr Lehmann.
Die Dombrowski wurde ganz sentimental. Das sechste Glas Bier war zuviel gewesen, sie fing plötzlich an zu weinen: Gott, Gottchen, ihr guter Mann, wo mochte der jetzt stecken? Ach, eine Kriegerfrau hat’s doch zu schlimm. Es geht ihr zu traurig. Wer weiß, ob er noch am Leben war! Sie neigte sich gegen Herrn Lehmann und ließ den duseligen Kopf an seiner Schulter ruhen.
„Ach Gott, mein Mann, ach, ach!“ Dabei ließ sie es aber doch zu, daß die Rechte des Verehrers sie auf dem Nacken tätschelte, der frisch und kernig aus dem Kleid quoll. Sie faßte nach seiner Linken und hielt sie zärtlich in ihrem Schoß.
Pulsuz fraqment bitdi.