Kitabı oxu: «Elfenzeit 7: Sinenomen»

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Inhalt

  Titelseite

  Die Autoren:

  Impressum

  Karte

  Was bisher geschah

  Dramatis personae

 

  Roman 13 Im Reich des Priesterkönigs

  Prolog

  1. Unterwelten

  2. Überlebende

  3. Die Anderen

  4. Wahrheit oder Pflicht

  5. Wo Milch und Honig fließen

  6. Die Maori

  7. Artair

  8. Rettungen

  9. He toa taumata rau

  10. Der Panther

  11. Auferstehung

  12. Nächtliche Gedanken

  13. Feuer und Eis

  14. Abgründe

  15. Hilflose Helfer

  16. Die Mauer

  17. Reise zu den Ahnen

  18. Tabu

  19. Johannes

  20. Die Göttin

  21. sine nomen

  22. Der Pfad

  23. In tiefster Dunkelheit

  24. Verluste

  25. Rückkehr

  26. Träume und Wahrheiten

 

  Roman 14 Der Magier von Tokio

  Prolog Freiheit

  1. Reich der Flammen

  2. Die Wahl des Kami

  3. Tokio

  4. Auf der Suche

  5. Yuko Omote

  6. Theater der Weißen Masken

  7. Hinter den Kulissen

  8. Ein Anruf in München

  9. Die Tochter der Kaiserin

  10. Lampenfieber

  11. Herr der Albträume

  12. Der Mut der Verzweiflung

  13. Der Geist der Maske

  14. Abschied

  15. Die Entscheidung

 

  Anhang – Die Länder der Anderswelt, Teil 1

  Wie es weitergeht …

Titelseite

Claudia Kern & Susanne Picard

Stefanie Rafflenbeul

Elfenzeit

Band 7

Sinenomen

Das Ende aller Welten naht!

Die große Schlacht ist vorüber, doch der Ausgang ungewiss. Es gibt keinen Sieger. Tausende Opfer sind zu beklagen, und noch weiß niemand, ob der Zusammensturz der neun Welten auf Dauer aufgehalten werden kann.

Talamh, der Sohn des Frühlingszwielichts, wird ins Reich des Presbyter Johannes entführt, um dort die Unsterblichkeit zurückkehren zu lassen. Um ihn zu befreien, muss sich Dämonin und Muse Lan-an-Schie ihrer Vergangenheit stellen.

David und Rian finden sich in Neuseeland/Puauta wieder. Ein Maori-Schamane bittet sie, etwas rückgängig zu machen: Sie sollen die Gebeine Mauis, des Urhelden der Maori, finden, um den Menschen die Unsterblichkeit zurückzugeben …

Unterdessen tritt ein Totgeglaubter wieder in Erscheinung: Cagliostro! Er ist dem Schattenland entkommen und zum mächtigen Zauberer herangewachsen. In Tokio streckt er die magischen Finger nach dem japanischen Elfenreich Bóya aus – und will sich an Nadja Oreso rächen …

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Die Autoren:

Claudia Kern hatte ihre Erstveröffentlichung 1999 und arbeitet als freiberufliche Autorin und Übersetzerin für (SF-)Bücher, Fernsehserien und Computerspiele.

Susanne Picard arbeitet als Lektorin, Redakteurin, Übersetzerin und Autorin hauptsächlich im phantastischen Bereich.

Stefanie Rafflenbeul ist seit vielen Jahren hauptsächlich für Perry Rhodan als Autorin tätig und betreut dort auch die Leserseite.

Impressum

Dieser Titel ist auch als Paperback erschienen.

Bildmaterial: kellepics/Stefan Keller

Gestaltung und Logo: Michael Steinmann Agentur

Die Karte schuf Dirk Schulz Animagic

Lektorat und Redaktion: Uschi Zietsch

Handlungsrahmen und Serienkonzept: Uschi Zietsch

© dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2021 by Fabylon Verlag

www.fabylon.de

eMail: team@fabylon-verlag.de

Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-946773-30-6

Karte

Was bisher geschah

Ragnarök ist – vorerst – abgewendet. Die Schlacht auf dem Idafeld hat viele Opfer gefordert, unter anderem haben die Innamorati, Julia und Fabio Oreso, Nadjas Eltern, ihr Leben gegeben, um Fenrir aufzuhalten. Bei der Explosion des Vatnajökull ist der Getreue, der sich innerhalb des Vulkans befand, verschwunden. Man hofft, dass er nicht überlebt hat.

Nadja hat während dieser Wirren Talamh geboren, den Sohn des Frühlingszwielichts. David durfte seinen Sohn wenigstens für ein paar Sekunden sehen, bevor es ihn in die Schlacht zwingt. Nadja flieht bei Beginn der Schlacht von Island, um ihren Sohn in Sicherheit zu bringen. Sie ahnt, dass die Katastrophe abgewendet werden konnte, da die neun Welten nicht einander gestürzt sind, aber weiß noch nicht, welches Opfer ihre Eltern dafür gebracht haben.

Bandorchu hat Fanmór offen den Krieg erklärt, unmittelbar nach der Katastrophe und noch bevor die vielen Toten auf dem Idafeld abtransportiert wurden. Die Dunkle Königin ist unversöhnlich und blind vor Hass. Der Kampf um Earrach wird nun unvermeidlich, und beide Herrscher ziehen ihre Heere zusammen.

Der Getreue hat vor seinem Verschwinden David und Rian in Sicherheit gebracht – aber nicht zum Baum der Crain.

Dramatis personae

Nadja Oreso steht weiterhin im Brennpunkt der Geschehnisse. Sie ist nun legendär, da sie dem Sohn des Frühlingszwielichts das Leben geschenkt hat. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen hofiert wird.

Talamh, der Sohn des Frühlingszwielichts, ist noch ein winziges Baby und hält trotzdem schon alle in Atem.

Rhiannon/Rian Bonet steht unter einem unbekannten magischen Bann, der ihre Jungfräulichkeit garantiert. Sie ist weiterhin auf der Suche nach dem Quell der Unsterblichkeit – und sich selbst.

Dafydd/David Bonet weiß noch nicht, ob er seine Seele, die Nadja ihm geschenkt hat, weiterwachsen lassen soll oder sich angesichts des nahenden Krieges in der Anderswelt auf seine elfischen Wurzeln besinnen soll.

Pirx, der Pixie, ist zum Aufpasser für Talamh ernannt.

Der Grogoch, genannt Grog, kümmert sich um das fallende Laub des Baums der Crain.

Der Getreue ist seit Ragnarök verschwunden. Hoffnung macht sich breit, dass er endgültig vernichtet ist.

Der Kau und Cor, der Spriggans – die beiden sind im Dienst Bandorchus unterwegs, um böse Taten zu vollbringen.

Bandorchu, die Dunkle Königin, siecht ohne den Getreuen dahin, doch sie könnte gerettet werden.

Robert Waller wurde durch Annes Biss zu ihrem Gefährten – er ist nun ein Vampir mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Er ist einzigartig, genau wie Anne.

Anne Lanschie/Lan-an-Schie hat sich zum ersten Mal in ihrem langen Leben einen Gefährten erschaffen. Nun ist sie auf ihrer eigenen Reise zu ihrem Ursprung.

Tom Bernhardt, die gute Seele und Anker der Gemeinschaft, hilft, wo er kann, und entscheidet sich, nun aktiv in die Geschehnisse einzugreifen.

Maui ist der wahre Held Neuseelands – ein Halbgott und Schelm, dem meisterliche Taten gelingen, und für einen guten Schabernack ist er auch immer zu haben.

Priesterkönig Johannes ist ein mythischer Regent des Mittelalters, der angeblich ein großes und mächtiges christliches Reich im östlichen Asien beherrscht haben soll.

Cagliostro – ganz recht, der Conte del Leon von Venedig ist wieder da! Er konnte aus dem zerfallenden Schattenland entkommen und hat Übles vor.

Roman 13

Im Reich des Priesterkönigs

Claudia Kern & Susanne Picard

Prolog

Da waren Hände, die Nadja festhielten, ein Arm um ihre Schulter, ein sanfter Druck in ihrem Rücken, der sie zwang voranzugehen. Sie spürte Talamh in ihren Armen, die Wärme seines kleinen Körpers, die durch Decke und Jacke drang. Wie alt war ihr Sohn? Ein paar Stunden, ein paar Tage oder Wochen? Sie wusste es nicht. Odins Haus, in dem sie ihn geboren hatte, war verschwunden. Geblieben waren nur Dunkelheit und Kälte.

Schwindel überkam sie. Steine knirschten unter den Sohlen ihrer Schuhe. Nadja stolperte durch die Dunkelheit, dem Licht entgegen, das vor ihren Augen tanzte.

Bin ich tot? Sind alle tot? Ihr eigener Gedanke klang ungewohnt, wie die Stimme eines Fremden. Er drang langsam zu ihr durch, so als müsste er sich den Weg erkämpfen. Es gab einen Grund für diese Frage, aber Verwirrung und Erschöpfung entzogen ihn ihr.

Nadja schüttelte den Kopf. Sie wollte stehenbleiben, hoffte, die Ruhe ihres Körpers würde sich auf das Chaos in ihrem Geist übertragen, aber die Hände ließen nicht los, schoben und zogen sie dem Licht entgegen.

»Komm«, sagte eine weit entfernte, dumpfe Stimme. »Wir müssen weiter.«

Nadja wusste nicht, ob sie die Worte wirklich gehört hatte oder ob es ihre Gedanken waren, die sie vorantrieben. Doch sie gehorchte. Sie vertraute der Stimme.

Das Licht vor ihr wurde mit jedem stolpernden Schritt größer, war zuerst nicht mehr als ein Fingernagel, wuchs zu einer Faust heran, dann zu einem Kopf, schließlich zu einem rechteckigen, menschengroßen Umriss. Die Dunkelheit nahm Formen an. Nadja sah Mauern rechts und links vor sich, rote Ziegelsteine und aufgeplatzte, graue Kacheln. Sie war so müde, dass die Farben vor ihren Augen verschwammen.

Nur einen Moment, dachte sie. Wenn ich doch nur einen Moment ausruhen könnte.

Ihre Knie waren weich, zitterten bei jedem Schritt. Talamh lag so schwer in ihren Armen, dass sie Angst hatte, ihn fallen zu lassen. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten, aber die Hände zogen sie weiter, trugen sie förmlich über Steine, Schutt und Geröll.

Und dann wurde es hell. Von einem Moment zum anderen drang gelbes Licht durch ihre Lider. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie die Augen geschlossen hatte. Blinzelnd öffnete Nadja sie wieder. Helligkeit stach in ihren Kopf. Schemen bewegten sich darin, Stimmen sprachen miteinander, vielleicht auch mit ihr, sie war sich nicht sicher.

Die Hände drückten sie nieder. Nadja spürte etwas Weiches unter sich. Jemand bat sie, sich hinzulegen. Sie war zu müde, um zu widersprechen. Ihr Kopf berührte ein Kissen. Es war kühl und roch modrig, wie ein alter Lappen. Einen Moment lang ekelte sich Nadja, dann holten Müdigkeit und Gleichgültigkeit sie wieder ein. Sie spürte Talamh in ihren Armen und schmiegte sich an ihn. Er schmatzte leise.

Alles wird gut, sagte eine Stimme in ihrem Kopf.

Nadja ließ sich in die Dunkelheit fallen. Das Letzte, was sie sah, bevor ihre Augen sich schlossen, war ein Schild an der gegenüberliegenden Wand. Es bestand aus angerostetem hellen Metall. Ein schwarzer Pfeil war darauf zu sehen, darunter drei ebenfalls schwarze Worte:

Zum Frauen-Abort

1.
Unterwelten

»Sie wacht auf.«

»Nadja?«

»Lass sie doch erst mal in Ruhe, Anne.«

Eine Hand berührte Nadjas Arm. Sie war kühl und roch nach Sandelholz.

Nadja öffnete die Augen. Sie lag auf einem Feldbett. Durch Löcher in einem schmutzig-beigen Betttuch konnte sie eine fleckige Matratze erkennen. Metallfedern drückten gegen ihre Rippen. Das Gesicht eines gezeichneten, grünen Froschs lachte sie vom Kissen unter ihre Wange an. Muppet-Show stand über seinem Kopf.

Beinahe instinktiv tastete Nadja nach Talamh, der eingewickelt in eine Decke neben ihr lag. Seine tiefblauen Elfenaugen waren geöffnet und blinzelten sie an.

»Wo …«, begann Nadja, doch dann setzte sie sich ruckartig auf. Erinnerungen brachen wie eine Flutwelle durch den Damm, den Erschöpfung und Angst um ihren Geist errichtet hatten. Odins Haus, der Getreue, ihre Eltern, David. Gesichter und Ereignisse flossen an ihr vorbei, drohten sie einen Moment lang zu überwältigen.

»Der Wolf … Ragnarök!«, stieß sie hervor.

»Anscheinend nicht«, antwortete eine Stimme hinter ihr. »Obwohl es zum Humor des Universums gepasst hätte, die Welt zu vernichten, bevor mein Roman erscheint.«

Nadja drehte sich um. Robert lehnte an einer Wand des kleinen, fensterlosen Raums und drehte eine Stoffpuppe zwischen den Fingern. Das Licht einer Glühbirne, die von der Decke hing, warf lange Schatten über sein Gesicht.

»Robert!« Nadja sprang auf und umarmte ihn. Er schloss sie in die Arme, so fest, dass es beinahe schmerzte.

»Wir leben«, sagte er leise, »du, Anne, Talamh, ich … nun ja, mehr oder weniger. Wenn das Cairdeas sich nicht irrt, auch Rian.«

Erschrocken löste Nadja die Umarmung und tastete nach ihrem eigenen Cairdeas. Es war warm und weich. Sie spürte das Leben in ihm, und das bedeutete, dass David noch lebte.

»Und David«, sagte sie. Einen Moment lang wurde ihr schwindlig vor Erleichterung, doch dann kehrte die Sorge um die anderen, um ihre Eltern, Pirx und Grog, mit einem Stich des schlechten Gewissens zurück.

»Wir wissen nicht, was mit den anderen ist«, sagte Robert, als könne er ihre Gedanken lesen. »Die Welt ist nicht untergegangen, also scheint irgendjemand Fenrir aufgehalten zu haben, aber alles andere …« Er hob die Schultern. »Anne hat auch keine Informationen über Bandorchu und den Getreuen. Wir sitzen in einem schwarzen Loch der Unwissenheit.«

Nadja drehte den Kopf, als sie eine Bewegung hinter sich wahrnahm. Anne trat aus den Schatten am Kopfende des Feldbetts. Sie bewegte sich elegant, aufreizend, so als sei jeder Schritt Teil einer Darbietung auf einer Bühne, die nur sie sehen konnte. Robert war ihr verfallen, und langsam begann Nadja zu verstehen, weshalb.

»Anne«, sagte sie zur Begrüßung.

»Nadja.« Anne imitierte ihren Tonfall, klang abschätzend, distanziert, ein wenig misstrauisch. Ihre Mundwinkel zuckten, als fände sie etwas daran amüsant.

Talamh gluckste. Nadja setzte sich auf die Kante des Feldbetts und nahm ihn vorsichtig hoch. Das Gefühl, ihren eigenen Sohn in den Armen zu halten, war ebenso vertraut wie fremd. Während sie ihre Bluse aufknöpfte und begann, ihn zu stillen, sah sie sich in dem Raum um. Es gab keine Regale, nur einen alten, von Zeitschriften und uralten Musikkassetten bedeckten Klapptisch, vor dem ein noch älter wirkender Holzstuhl stand. Ein Kassettenrecorder stand auf einem Hocker neben der halb geöffneten Tür. Durch das Milchglas im oberen Drittel des Metalls sah Nadja schemenhafte Bewegungen. Irgendwo vor der Tür lief Musik.

An den grau gestrichenen Wänden des Zimmers hingen Bilder aus Disney-Filmen und der Muppet-Show. Die meisten stammten aus Zeitschriften und waren sorgfältig ausgeschnitten und mit Klebeband befestigt worden. Nadja erkannte Kermit, den Frosch, Miss Piggy, Susi und Strolch, Baghira, den Panther und Balu, den Bären. In der Mitte der vorderen Wand, direkt über dem Schild, auf dem Zum Frauen-Abort stand, hing ein gerahmtes Dschungelbuch-Poster. Jemand hatte Mowgli ausgeschnitten, sodass Balu mit einem grauen Fleck mitten im Dschungel zu tanzen schien.

Sie warf einen Blick auf die restlichen Bilder. Auf keinem war ein Mensch zu sehen.

Talamh rülpste leise. Nadja klopfte ihm auf den Rücken und schloss ihre Bluse wieder. Sie bemerkte, dass Robert sich abgewandt hatte, während Anne sie aus dunklen Augen beobachtete.

»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte Nadja.

Robert sah auf die Uhr. »Es ist zwei Uhr morgens, also nicht lange, vielleicht eine halbe Stunde.«

»Und wo sind wir?«

»Im Schutzbereich Sieben.«

Die fremde Stimme ließ Nadja zusammenzucken. Sie fuhr herum und sah ein schwarz gekleidetes Mädchen im Türrahmen stehen. Sie hielt ein Tablett mit mehreren Tassen in den Händen. Robert und Anne wirkten nicht überrascht. Sie schienen ihr bereits begegnet zu sein.

»Wollt ihr einen Kaffee?«, fragte das Mädchen. Nadja schätzte es auf achtzehn, höchstens neunzehn.

Das lange, tiefschwarz gefärbte Haar hing ihr tief ins Gesicht. Auf ihrem T-Shirt stand Wir sind die Asche von morgen.

Optimistisch, dachte Nadja.

»Wenn du nicht verrätst, wo der herkommt, gern.« Robert nahm ihr das Tablett aus den Händen und stellte es neben den Kassettenrecorder auf den Hocker.

»Das ist Emma«, sagte er, während er Nadja eine der Tassen reichte. Anne bot er keine an. »Sie fand uns, als wir durch die Tunnel irrten, und führte uns hierher.« Er nickte Emma zu. »Vielen Dank noch mal.«

»Kein Thema.« Das Mädchen hob die Schultern. »Ihr seid ja okay.«

Der Unterton, der in ihren Worten mitschwang, verriet, dass sie selbst nicht genau wusste, weshalb sie ihnen geholfen hatte. Nadja hätte es ihr erklären können. Es war Annes magische Beeinflussung, die dafür sorgte, dass Emma sich sicher fühlte und nicht zu viele Fragen stellte, weder über die Herkunft der Fremden, noch über den Säugling, der sie aus Augen anblickte, in denen es kein Weiß gab.

»Was ist Schutzbereich Sieben?«, fragte Nadja. Die Tasse in ihrer Hand war heiß. Die dunkle Flüssigkeit darin dampfte. Sie roch ein wenig nach Kaffee. Kalkreste bildeten einen weißen Ring am Rand der Tasse.

Das Mädchen lächelte. »Ein Ort unter der Stadt, wo es die hinzieht, die oben nicht mehr klarkommen.«

»Unter welcher Stadt?«

»Berlin«, sagte Robert. »Anne und ich sprachen gerade darüber.«

»Also nicht mehr auf Island.« Nadja stellte die Tasse neben sich auf den Betonboden. Das Portal hätte sie überallhin führen können, aber sie waren in einer Stadt angekommen, die keine sechshundert Kilometer von ihrem Zuhause entfernt war. »Wir haben Glück gehabt.«

Emma sah von ihr zu Robert und wieder zurück. »Ich weiß ja nicht, worauf ihr gerade seid, aber ihr solltet weniger davon nehmen. Ganz ehrlich.« Sie klang nicht unfreundlich. »Schon allein wegen …«

»Emma?«, unterbrach sie eine dunkle Männerstimme hinter der Tür. »Würdest du uns deine Freunde vorstellen?«

»Ja, Moment.« Das Mädchen verdrehte die Augen. »Das ist Krone. Er will euch kennenlernen.«

Anne ging auf die Tür zu und sah durch den Spalt. Ihre Schritte waren geschmeidig, jede Bewegung kontrolliert. Neben ihr wirkte Emma trotz ihrer schweren Lederjacke und den Springerstiefeln klein und verletzlich.

Wie Beute, dachte Nadja mit einem Schaudern.

»Ist das euer Anführer?«, fragte Anne.

»Ja … nein.« Emma seufzte. »Er war als Erster hier, hat das alles gefunden. Deshalb hält er sich für den Chef. Tobias hat ihm mal gesagt, das interessiere ihn nicht, Krone sei kein Chef. Darauf ist Krone mit dem Kopf gegen die Wand vom Klo gelaufen, bis er kotzen musste. Seitdem tun wir alle so, als sei er Chef. Tut keinem weh.« Sie grinste. »Vor allem nicht Krone.«

»Emma?« Krones Stimme klang ungeduldig.

»Kommt.« Emma zog die Tür auf. Der Raum dahinter lag im Halbdunkel. Ein kleines Lagerfeuer tauchte die gekachelten Wände in ein orangefarbenes Licht. Nadja sah Gestalten, die um das Feuer saßen und die Köpfe hoben, als Emma die Tür öffnete. Es waren mindestens dreißig, vielleicht mehr. Hunde liefen zwischen ihnen umher, Flaschen klirrten. Aus einem Handy schallte blecherner deutscher Rap.

»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, sagte Robert mit einem Blick nach draußen. »Kannst du die alle beeinflussen?«

Anne ging an ihm vorbei, dem Lagerfeuer entgegen. Mit einer Hand strich sie über seine Wange. »Wovor hast du Angst?«

Es war keine Frage, sondern eine Provokation. Robert antwortete darauf, indem er das Gesicht verzog. Nadja überlegte bei sich, was der Austausch zu bedeuten hatte.

»Kennst du den Weg nach draußen?«, fragte sie Robert, als sie ihm, Talamh in den Armen haltend, folgte.

Er schüttelte den Kopf, zögerte und drehte sich zu ihr um. »Ich muss dir was sagen«, begann er, doch im gleichen Moment wurde eine Kuhglocke geschlagen. Er unterbrach sich. Die Menschen rund um das Feuer unterhielten sich ungerührt weiter, aber einige beobachteten Nadja und die anderen Neuankömmlinge verstohlen.

Schlurfende Schritte auf Beton, dann trat ein Mann ins Licht des Feuers. Er war nicht mehr jung, das sah Nadja an den von breiten grauen Strähnen durchzogenen Dreadlocks, die er zu einem Zopf hinter dem Kopf zusammengebunden hatte, und an dem ebenso grau durchzogenen Vollbart. Er trug einen schweren Norweger-Pullover und darüber einen alten, ehemals weißen Bademantel. Seine Hose bestand aus Cord und steckte in grünen Anglerstiefeln. In einer Hand hielt er eine Stange, von deren Spitze eine Kuhglocke hing.

»Ich bin Krone«, sagte er.

»Das sind Nadja, Anne und Robert.« Emma zeigte nacheinander auf die drei. »Das Kind heißt keine Ahnung, Tim, Tom …«

»Talamh«, sagte Nadja. Krone sah sie an. Seine Stirn war vernarbt, in seinen Augen wechselten sich Trauer und Verwirrung ab.

»Was heißt das?«, fragte er.

»Erde.«

Er nickte. Die Kuhglocke schien auf jede seiner Bewegungen mit einem Läuten zu antworten.

»Dann ist er am rechten Ort. Und ihr auch.« Krone drehte sich um und schlurfte aus dem Licht des Feuers. Rauch, der durch Tunnel in den Wänden abzog, vermischte sich mit dem Grau seines Bademantels, bis Mann und Rauch ineinanderzufließen schienen.

»Das war’s«, sagte Emma. »Prüfung bestanden. Kommt ans Feuer.«

Erst als Nadja die Wärme der Flammen spürte, bemerkte sie, wie kalt es an diesem Ort war. Alle Menschen, die sie sah, trugen Pullover oder Jacken, einige hatten sich in Decken eingehüllt.

Sie sah sich um. Schilder hingen zwischen aufgeplatzten Kacheln. Die Zahlen- und Buchstabenkombinationen darauf sagten Nadja nichts. Tunnel und Türen führten in weitere Bereiche. Schlafsaal Eins stand auf einer Tür, Bereitschaft auf einer anderen.

»Das ist ein Bunker, oder?«, fragte Nadja, als zwei Jugendliche Platz machten, um die Neuankömmlinge ans Feuer zu lassen. Der Boden war mit alten aufgerissenen Kartons bedeckt. Nadja setzte sich auf einen, Robert auf einen anderen. Anne zögerte sichtlich, bevor sie sich zwischen Emma und Nadja niederließ, auf den letzten freien Platz.

»Ja, eines der letzten großen Berliner Geheimnisse, sagt Krone. Und der Ort, an den die kommen, denen oben alles zu viel wird.« Emma nahm eine Flasche Bier an, die ihr jemand reichte und trank einen Schluck. »Über uns ist Ostberlin. Krone hat den Bunker entdeckt, als er kurz vor der Wende versuchte, in den Westen abzuhauen. Die Räume hier stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, aber es gibt Verbindungen zu anderen Gangsystemen, die viel älter sind, zu U-Bahnstationen und Gleisen, die nie ans Netz angeschlossen wurden und zu noch seltsamerem Zeug. Krone denkt, tief unten gäbe es eine ganze Stadt, irgendwas Irres aus der Steinzeit oder so, aber danach gesucht hat er nie.«

»Warum nicht?« Nadja sah am Feuer vorbei in einen der dunklen Gänge hinein. Die Schwärze waberte, schien sie zu locken.

»Wegen der Anderen«, sagte der Jugendliche, der neben Emma saß. Er war vielleicht vierzehn Jahre alt, pummlig und kahlgeschoren.

»Hör auf mit dem Schwachsinn, Mike«, widersprach sein Nachbar, der ihm ähnlich wie ein Bruder sah. »Es gibt keine Anderen.«

»Klar gibt’s die. Frag mal Krone.«

»Glaubst du jeden Scheiß, den der erzählt?«

Mike schüttelte den Kopf und seufzte. Er schien die gleiche Diskussion schon einige Male geführt zu haben.

»Was sind das für andere?«, fragte Anne. Sie sprach nicht laut, aber alle wandten sich ihr zu, als sie ihre Stimme hörten.

»Hirngespinste«, antwortete Emma, bevor Mike etwas sagen konnte. »Krones Entschuldigung dafür, dass er nie den Mut hatte, seine Stadt zu suchen.«

»Das stimmt nicht.« Mike beugte sich vor. »Ich hab sie auch gesehen, und ich war nicht bekifft.«

»Ausnahmsweise«, sagte jemand auf der anderen Seite des Feuers. Alle lachten, sogar Mike.

»Sie leben tief in den Tunneln«, fuhr er fort, »und kommen nie nach oben. Nie. Ich bin ihnen begegnet, als ich mich mal verlaufen habe. Ich war tief unten, da war überall Schutt. Ich konnte die U-Acht über mir hören und dachte, wenn ich der Linie folge, komme ich schon irgendwann wieder nach oben. Und auf einmal standen sie da. Hab mich voll erschrocken und fast die Taschenlampe fallen lassen. Sie haben nichts gesagt. Die sahen krass aus, so wie die Typen in dem Horrorfilm, wo der Würfel am Anfang den einen Typen durchhaut.«

»Cube«, sagte eine junge Frau.

»Hellraiser«, widersprach Robert.

Mike nickte. »Ja, genau, Hellraiser. War ein heftiger Film.«

»Was geschah dann?« Nadja spürte, wie die Journalistin in ihr erwachte.

»Nichts. Ich hab mich umgedreht und bin abgehauen. Irgendwann ging’s wieder nach oben und ich kam am Gesundbrunnen raus. Aber die Typen waren da, ehrlich, Krücke. Ich hab mir die nicht eingebildet.«

»Ja, klar.« Der Junge neben ihm, den er als Krücke angesprochen hatte, hob die Schultern. »Bau mal einen. Vielleicht sehe ich sie dann ja auch.«

Gelächter antwortete ihm. Mike presste die Lippen aufeinander, dann griff er in die Innentasche seiner Lederjacke und zog ein Päckchen mit Tabak und eine kleine Tüte heraus. Mit gesenktem Kopf machte er sich an die Arbeit.

Nadja hätte ihn gern noch mehr gefragt, aber sie ahnte, dass er nichts weiter sagen würde, nicht, während die anderen dabei waren. Sie bedauerte das, denn eine weitere Gelegenheit würde sie wohl nicht bekommen.

»Wie seid ihr eigentlich aus Island in die Tunnel gekommen?«, fragte Emma.

»Island?«, fragte eine Frauenstimme jenseits des Feuers. »Da ist doch ein Vulkan ausgebrochen.«

»Was weißt du darüber?« Annes Worte klangen nicht wie eine Frage, eher wie ein Befehl.

Die Frau schien das nicht zu stören. Der Rauch verbarg ihr Gesicht. »Ich war eben oben«, sagte sie. »Da lief das in den Nachrichten. Ein Vulkanausbruch auf Island, bei dem aber nicht viel passiert ist und irgendwas mit einem Nebel, der aufgeklart ist.«

»Teil der Klimakatastrophe«, sagte eine andere Stimme. »Irgendwann werden alle hier unten leben, weil es oben zu abgefuckt ist.«

Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm.

Nadja achtete nicht darauf. Das waren gute Nachrichten. »Sie haben es geschafft«, sagte sie leise.

»Jemand hat etwas geschafft.« Anne klang nachdenklich. Nadja fragte sich, ob sie mehr wusste, als sie preisgab.

»Wir sollten gehen«, sagte sie zu Robert.

»Darüber sprachen Anne und ich schon. Wir sind nur …« Er zögerte. »… nicht ganz einer Meinung.«

»Dann reden wir jetzt alle darüber.« Nadja sah Emma an. »Könnten wir noch mal dein Zimmer haben?«

Das Mädchen hob die Schultern. »Ist nicht mein Zimmer, sondern das von Toby. Aber der kommt nicht wieder.«

»Und ob der wiederkommt«, sagte Krücke. »Seine Crew erzählt oben überall rum, dass er uns fertigmachen wird.«

Nadja stand auf. Talamh schlief weiter in ihren Armen. Noch war er so leicht, dass sie ihn problemlos tragen konnte.

Robert und Anne standen ebenfalls auf. Die Menschen rund um das Feuer hatten die Frage nach der Herkunft der Fremden bereits vergessen. Sie diskutierten lautstark über Toby, der, den Wortfetzen zufolge, die Nadja hörte, eine Weile bei ihnen gelebt hatte, aber rausgeflogen war, als er begann, Drogen im Bunker zu verkaufen.

Anne betrat das Zimmer als Erste und blieb an der Tür stehen.

Als wolle sie den Ausgang bewachen, dachte Nadja, als sie hinter ihr eintrat und sich auf das Feldbett setzte. Robert folgte ihr. Er stellte das Tablett mit den Tassen und den Kassettenrecorder beiseite, dann zog er den Hocker heran.

»Anne und ich«, sagte er, »haben kurz darüber gesprochen, was wir als Nächstes tun sollten. Ich will zurück nach München. Das klingt jetzt vielleicht egoistisch.« Er fuhr sich mit der Hand über die Bartstoppeln an seinem Kinn. »Nein, es klingt sogar ganz bestimmt egoistisch, aber mein Roman erscheint bald, und die Vorabrezensionen sind so gut, dass der Verlag eine Reihe von Presseterminen angesetzt hat, die ich wahrnehmen sollte. Mein Pseudonym wird dabei gewahrt, was das Interesse auf die Spitze treibt.«

Seine Mundwinkel zuckten. »Ihr wisst schon: mein geheimnisvoller Schattenriss in allen Feuilletons, der Roman besprochen auf 3SAT, ganze fünf Leser, aber der neue Stern am Literaturhimmel.«

Nadja lächelte. »Ich freue mich wirklich für dich. Du hast hart dafür gearbeitet.«

»Anne hat hart dafür gearbeitet. Als meine Muse führt man bestimmt kein einfaches …« Er schien Leben sagen zu wollen, unterbrach sich jedoch. »Dasein«, sagte er dann.

Anne sah ihn an. Nadja fiel es schwer, die Gefühle in ihrem Blick zu lesen. Sie hatte sie und Robert noch nie zusammen erlebt, kannte Anne nur aus seinen Erzählungen. Sie hatte geglaubt, sie führten eine einseitige Beziehung, in der Robert liebte und Anne ihm nach und nach alles nahm – eines Tages wohl auch sein Leben –, aber das schien nicht ganz zu stimmen, das sah Nadja bereits nach dieser kurzen Zeit. Etwas verband die beiden, auch wenn sie noch nicht verstand, was es war.

»Ich will ebenfalls nach Hause«, sagte sie. Das Cairdeas an ihrem Handgelenk gab ihr Hoffnung. »David ist bestimmt schon auf dem Weg, und Talamh wird dort in Sicherheit sein.«

»Wieso glaubst du das?«, fragte Anne. Sie verschränkte die Arme vor dem Körper. »Viele Mächte wollen das Kind, jeder verspricht sich etwas von ihm. Du und David werdet es allein nicht beschützen können.«

»Anne denkt«, sagte Robert, »dass es eine andere Lösung geben könnte. Hör ihr wenigstens zu, auch wenn es etwas gewagt klingt.«

»Tara.« Anne ließ das Wort unvermittelt fallen. Nadja blinzelte überrascht. Einen Moment lang glaubte sie, sich verhört zu haben, doch dann sah sie Roberts gequält wirkenden Gesichtsausdruck.

»Tara?«, wiederholte sie.

»Bandorchu hat dort ihre neue Residenz aufgeschlagen«, erklärte Robert schnell.

»Du willst meinen Sohn an einen Ort bringen, den Bandorchu beherrscht?« Mit jedem Wort empörte sie sich mehr darüber. »Hast du den Verstand verloren?«

Die Beleidigung schien an Anne abzuprallen. »Bandorchu versucht, die Welten zu retten«, sagte sie. »Niemand außer ihr vermag das. Dein Kind spielt vielleicht eine wichtige Rolle dabei. Bandorchu …«

»… wird Talamh nicht anfassen!« Nadja stand auf. Ihre Stimme klang gepresst. Der Gedanke, ihr Sohn könne der Dunklen Frau in die Hände fallen, entsetzte sie. »Niemals, verstehst du? Niemals!«

Robert hob die Hände. »Beruhige dich. Anne meint es nicht so, wie es klingt. Lass uns in Ruhe darüber reden.«

Anne trat neben ihn. Nadja fühlte sich bedroht von der Front, die beide bildeten. Ihr Blick glitt zur offenstehenden Tür und dem flackernden Feuerschein dahinter.

»Nein«, sagte sie, während sie die Arme fester um Talamh schloss. »Wir werden nicht darüber reden. Ich kenne Anne nicht. Ich weiß nicht, was sie plant, aber ich dachte, ich kenne dich, Robert. Stimmt das? Kenne ich dich noch?«

Bei der letzten Frage zuckte er zusammen. Emotionen glitten in schnellem Wechsel über sein Gesicht. Nadja sah Scham und Schuldgefühle. Er sah aus wie ein Dieb in der Nacht, der plötzlich in gleißendes Licht getaucht wurde und wusste, dass er nicht mehr fliehen konnte.

»Also nicht«, sagte sie. Die Worte schmeckten bitter.

»Nein, du missverstehst das. Es geht um etwas, dass ich dir schon eben sagen wollte.« Robert stand auf. Es sah aus, als wolle er zur Tür gehen, aber Nadja ließ ihn nicht so weit kommen. Mit der Schulter stieß sie ihn zurück, dann drückte sie Talamh gegen ihre Brust und lief los. Aus dem Augenwinkel sah sie ihn gegen Anne prallen, dann hatte sie den Raum auch schon verlassen.

»Nadja! Warte!«, rief Robert ihr nach, aber sie blieb nicht stehen.

Emma drehte den Kopf, als Nadja sich dem Feuer näherte. »Was ist los?«, fragte sie.

»Wo geht es raus?«

Mike zeigte wortlos auf einen breiten Gang. Nadja griff nach einer Taschenlampe, die auf einem Hocker lag, und lief weiter. Emma stand auf, versuchte aber nicht, sie aufzuhalten.

»Was ist denn nur los?«, rief sie ihr nach.

Nadja tauchte in die Dunkelheit des Gangs ein. Der Lichtkegel der Taschenlampe glitt über Scherben und Müll. Nadja lief, bis Talamh in ihren Armen zu weinen begann. Dann blieb sie schwer atmend stehen, schaltete die Taschenlampe aus und lauschte in die Dunkelheit. Formen tanzten vor ihren Augen. Irgendwo tropfte Wasser. Schritte hörte sie keine.

Sie war allein.

Nadja wiegte Talamh in ihren Armen. Nach nur wenigen Minuten hörte er auf zu schreien. Die sanft schimmernde Aura, die ihn in der Dunkelheit stets umgab, reichte aus, um zu sehen, dass ihm die Augen zufielen. Nadja wartete, bis er eingeschlafen war, dann leuchtete sie in den Gang hinein. Er endete einige Meter entfernt in einer Wendeltreppe aus Metall. Daneben hing ein Schild mit einem schräg nach oben deutenden Pfeil und der Aufschrift Ausgang.

Erleichtert atmete Nadja auf. Sie hatte sich also nicht verlaufen. Den Lichtkegel zu Boden gerichtet, ging sie weiter. Die Betonplatten waren uneben und zum Teil zerbrochen. Darunter sah Nadja Steine. Anscheinend war der Tunnel älter als der Bunker, zu dem er führte. Es roch nach Rauch und Urin.

Im Geiste sah Nadja sich bereits in den Straßen Berlins stehen, umgeben von kühler Nachtluft, auf der Suche nach einem Telefon. Tom, ihr »Wohnungssitter«, würde ihr Geld zukommen lassen müssen, damit sie den nächsten Zug nach München nehmen konnte. Dort würde sich alles weitere schon ergeben.

»Du kennst ja noch nicht einmal dein Zuhause«, flüsterte sie dem schlafenden Talamh zu.

Der Gedanke an München brachte ungewollt auch den an Robert zurück. Etwas stimmte nicht mit ihm, das spürte Nadja deutlich. Sie wusste nicht, ob das allein an Anne lag oder ob es noch etwas anderes gab, etwas, das ihn verändert hatte. Es wirkte jedenfalls so.

Sie schob den Gedanken zur Seite, als sie die Wendeltreppe erreichte, und leuchtete nach oben. Der Lichtkegel traf durch die Gitter der Stufen hinweg auf eine gewölbte Decke. Jemand hatte einen gelben Smiley auf den Stein geklebt. Nadja lächelte unwillkürlich und setzte einen Fuß auf die unterste Stufe.

Es knirschte.

Nadja zog erschrocken den Fuß zurück, glaubte im ersten Moment, die Treppe würde aus der Wand gerissen, doch dann verwandelte sich das Knirschen in das Quietschen einer sich öffnenden Tür. Rasch nahm Nadja die Taschenlampe herunter und schaltete sie aus. Das Geräusch kam von oben.

»Sind wir hier richtig?«, fragte eine Männerstimme.

»Ja klar«, antwortete eine zweite. Ein Lichtkegel zuckte über die Decke und blieb an dem gelben Smiley hängen. »Der markiert den Eingang.«

»Und wie weit ist es dann noch?«, mischte sich eine dritte Stimme ein.

»Nicht weit. Und es lohnt sich, das werdet ihr schon sehen.«

Der Lichtkegel löste sich von der Decke und traf ein rundes, in der Helligkeit bleich wirkendes Jungengesicht.

»Das will ich für dich hoffen, Toby«, sagte der Träger der Taschenlampe. »Wir haben echt Besseres zu tun, als durch diesen Scheiß zu laufen und ein paar Punks zu klatschen.«

Toby. Nadja wich zurück. Das war der Name des Drogendealers, von dem Emma gesprochen hatte.

Schwere Stiefel knallten auf die Metallstufen. Stimmen sprachen durcheinander. Lichtkegel strichen über Decken und Wände. Nadja unterschied mindestens ein Dutzend Stimmen, alles männliche. Sie hörte Ketten rasseln und drehte sich um. Toby hatte wohl doch nicht so einfach aufgegeben.

Der Lärm der Eindringlinge weckte Talamh. Er begann sich zu regen. Nadja drückte ihn gegen ihre Brust und lief durch die Dunkelheit zurück. Ihr Fuß stieß gegen eine Dose, die scheppernd über den Boden rollte.

»Was war das?«, rief eine noch nicht gehörte Stimme hinter ihr. Die Geräusche verstummten. Lichter zuckten über den Boden. Nadja hielt den Atem an, als einer keinen Meter von ihr entfernt den Beton anstrahlte.

»Hier unten gibt’s Ratten und Fledermäuse«, sagte Toby. »Da hört man immer irgendwas.«

»Okay«, sagte die dritte Stimme. Sie schien dem Anführer zu gehören. »Felix, Mehmet, ihr bleibt am Eingang, falls sich einer verpissen will.«

»Geht klar, Vic.«

Nadja wartete, bis sie erneut Schritte hörte, dann ging auch sie weiter. Sie spürte ihren Herzschlag bis in die Schläfen, zwang sich jedoch, nicht zu rennen. Sie trug Talamh. Wenn sie über eine der zertrümmerten Betonplatten stolperte, konnte er sich verletzen.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis Nadja den rötlichen Feuerschein am Ende des Gangs sah. Sie drehte den Kopf. Die Lichtkegel der Taschenlampen waren weit hinter ihr. Die lange Wendeltreppe hatte die Eindringlinge aufgehalten.

Nadja ging schneller. Nach einem Moment sah sie die Menschen, die rund um das Feuer saßen, dann Anne und Robert, die abseits standen und mit Emma sprachen. Robert breitete gerade die Arme aus, so als beteure er seine Unschuld.

»Da ist sie«, sagte Anne, als Nadja ins Licht des Feuers trat.

Robert wirkte erleichtert. »Du hast das alles missverstanden«, begann er, aber Nadja ließ ihn nicht ausreden, wandte sich stattdessen an Emma.

»Toby ist zurück mit mindestens einem Dutzend anderer«, sagte sie leise. »Ich glaube, sie sind bewaffnet.«

Emma blinzelte. Nadja hatte sie für die eigentliche Anführerin der Gruppe gehalten, doch als sie in das hilflos wirkende Mädchengesicht blickte, begann sie an ihrer Einschätzung zu zweifeln.

»Gibt es einen anderen Weg nach draußen?«, fragte sie mit einem Blick auf den dunklen Gang.

»Was ist los?«, wollte Robert wissen.

Nadja schüttelte nur den Kopf. »Emma«, drängte sie. »Wir müssen hier raus.«

»Ja, ich weiß.« Das Mädchen zögerte, schien dann jedoch eine Entscheidung zu treffen. »Leute?«

Die Menschen am Feuer sahen auf.

»Toby und seine Gang sind hier. Schnappt euch, was …«

Weiter kam sie nicht. Hektisch sprangen die ersten auf, zogen andere mit sich. Stimmen riefen durcheinander. Eine Frau griff nach einem brennenden Holzscheit und fuchtelte wie mit einem Schwert herum.

»Wer ist Toby?«, fragte Robert, doch im gleichen Moment tanzten Lichtkegel durch den Gang. Nadja fuhr herum, sah einen dunkel gekleideten Jugendlichen mit rundem, hassverzerrtem Gesicht und hoch erhobenem Baseballschläger in den Bunker stürmen. Mit einem Schlag zertrümmerte er einige Flaschen, die auf einem Tisch standen.

»Das ist Toby«, stellte Nadja ihn vor.

»Scheiße.« Robert zog sie zurück, als weitere Eindringlinge in den Raum stürmten. Die meisten hielten Knüppel oder lange Ketten in den Händen, einer hatte Stacheldraht um ein Brett gewickelt. Sie schlugen und traten um sich, schienen sich nicht dafür zu interessieren, wen oder was sie trafen.

Die Menschen am Feuer stoben auseinander wie Laub, in das der Wind fuhr. Planlos stolperten sie auf die Gänge zu, kaum einer ließ sich auf einen Kampf ein.

»Wir könnten sie besiegen«, sagte Anne. Nadja war sich nicht sicher, wen sie mit wir meinte, und sie fragte auch nicht nach. Stattdessen ergriff sie Emmas Arm. »Komm.«

»Wohin?« Nicht Emma stellte die Frage, sondern Mike. Er stand neben ihr, eine abgeschlagene Bierflasche in der Hand.

»Tiefer in die Gänge hinein«, antwortete Robert. »So wie du, als du dich verlaufen hast und an einem anderen Ausgang heraus kamst.«

»Ich hab keine Ahnung, wo der ist.« Mike schrie über den Lärm und die Schreie hinweg, ließ sich aber mitziehen. Feuerschein tanzte in seinen großen, schwarzen Pupillen.

»Passt auf die Hunde auf«, rief Toby nahe dem Feuer. »Macht mit den Losern hier, was ihr wollt, aber rührt die Hunde nicht an, okay?«

»Ja, schon gut«, rief Vic zurück. »Wie oft willst du das noch sagen?«

Nadja schob Emma mit einer Hand vor sich her, während sie mit der anderen Talamh festhielt. Ihr Sohn hatte die Augen geöffnet und betrachtete das Chaos. Er wirkte unbeteiligt, nicht ängstlich.

»Wo müssen wir hin?«, fragte Anne. Sie schloss zu Robert auf, aber ihr Blick war zurück gerichtet, auf den Kampf und die Flüchtenden.

Mike zeigte auf einen Gang, in den bereits einige Menschen liefen, unter ihnen auch der stark hinkende Krücke. »Dorthin.«

Rauch und Feuer gaben ihnen Deckung. Einige Pappkartons glimmten. Die Frau mit dem brennenden Holzscheit hatte sie in Brand gesetzt.

»Nichts werdet ihr kriegen!«, schrie sie, während sie mit dem Scheit um sich schlug. »Nichts!«

Toby und die anderen schienen die Gefahr zu erkennen, die von ihr ausging. Sie umzingelten die Frau, trieben sie von den Kartons, einer Wand entgegen. Immer wieder sprangen sie zurück, wenn das brennende Holzscheit in ihre Richtung gestoßen wurde, lachten jedoch dabei. Es war ein Spiel, und im Gegensatz zu der Frau hatten sie längst begriffen, wer es gewinnen würde.

»Pass auf, Marie«, rief Toby grinsend. »Ich krieg dich!«

Sie fuhr herum. Vic nutzte die Gelegenheit und schlug ihr mit dem Baseballschläger gegen die Schulter. Mit einem Aufschrei ließ Marie das Holzscheit fallen. Toby stieß es mit dem Fuß beiseite und holte mit seinem Knüppel aus.

»Schluss!«

Die Stimme hallte durch den Bunker. Das Läuten einer Kuhglocke begleitete sie. Nadja sah, wie Krone ins Licht des Feuers trat. Er reckte das Kinn vor und trug den Stab mit der Glocke wie ein Zepter.

»Toby«, sagte er. »Wieso störst du unseren Frieden?«

Die Eindringlinge drehten sich zu ihm um. Rauchschwaden umgaben sie, nahmen Nadja die Sicht auf das, was vor ihr geschah. In ihren Armen begann Talamh zu husten. Das Geräusch riss sie aus ihrer Erstarrung.

»Wir müssen ihnen helfen«, sagte sie.

Robert schüttelte den Kopf. »Es sind zu viele. Denk an deinen Sohn.«

Er ergriff Nadjas Arm und zog sie in den Gang hinein. Widerwillig folgte sie ihm, wohl wissend, dass er Recht hatte, aber trotzdem voller Schuldgefühle. Sie warf einen letzten Blick hinter sich. Durch die Rauchschwaden sah sie Toby, der den Baseballschläger senkte und langsam auf Krone zuging. Marie erkannte ihre Chance und lief geduckt auf Nadja und die anderen zu. Niemand versuchte sie aufzuhalten.

»Weshalb ich euren Frieden störe?« Toby spuckte das Wort aus wie einen Fluch. Er blieb vor Krone stehen. Rauch hüllte ihn ein.

»Wir müssen weg, so lange sie abgelenkt sind.« Anne klang ungeduldig.

Nadja drehte sich zögernd um.

»Weil ich es kann«, sagte Toby hinter ihr. Sie hörte ein nasses, klatschendes Geräusch, dann Gelächter.

Marie tauchte neben ihr auf. Ihr Gesicht war rußgeschwärzt und verzerrt.

»Helft mir!«, stieß sie hervor.

Nadja verdrängte den Gedanken an Krone und ergriff Maries Hand. »Komm.«

Die Dunkelheit nahm sie auf.

2.
Überlebende

Der Donner war ohrenbetäubend.

Rian glaubte, dass ihr Kopf platzen müsse. Der Lärm war so gewaltig, dass er nicht nur ihr Gehör beeinträchtigte, sondern überall in ihrem Körper Echos zu erzeugen schien. Sie wusste nicht mehr, wo oben und unten war und ob sie das dem infernalischen Kampf auf dem Idafeld zuzuschreiben hatte, oder ob es nicht bereits an dem Weltentor lag, in das sie gerade recht unsanft hineingeschubst worden war.

Sie hörte ihren Bruder rufen, verstand aber kein Wort. Wieder bebte der Boden unter Rians Füßen, das Donnern der aufbrechenden Erde erschütterte ihr ganzes Sein bis ins tiefste Innere.

Ragnarök, schoss es ihr durch den Kopf. Die Welt geht unter.

Nichts wird mehr so sein, wie es war.

Doch bevor sie um die Welt trauern konnte, die gerade zerbrach, wurde Rian auf einmal am Arm gepackt und mitgezerrt, gleichzeitig erhielt sie erneut einen Stoß von hinten. Die Hitze eines Vulkanausbruchs fegte über sie hinweg.

Das Feuer, das alles verschlingt! Nadja! Das Kind! Die anderen! Sie wusste kaum, wie ihr geschah, sie fühlte nur, dass jemand sie festhielt und nicht loslassen wollte. Sie wurde mitgerissen, wirbelte herum und versuchte, das, was sie hielt, zu umklammern. Das vertraute Rauschen eines Portals umgab sie, in das sie immer tiefer hineingezogen wurde und das sie mit sich fortriss. Die Sekundenbruchteile, in denen sie durch diesen Tornado wirbelte, dehnten sich zu einer Ewigkeit, doch schließlich ließ der Schwindel nach und sie fiel.

… und fiel.

*

»Au!« Rhiannon, Prinzessin der Sidhe Crain, tat die gesamte rechte Seite weh, einschließlich der Schläfe. Außerdem war es kalt.

Sie war unsanft zu Boden gestürzt. Einem harten, mit kurzem Gras bewachsenen Boden, soweit sie ertasten konnte. Immerhin schien sie noch zu leben. War sie bewusstlos gewesen? Wahrscheinlich. Sie erinnerte sich an einen schier endlosen Fall, totale Dunkelheit und eine ebenso vollständige Orientierungslosigkeit, bevor alles wie ausgelöscht war.

Sie blieb ruhig liegen und versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war. Der Kampf! Das Heulen des Fenriswolfs. Schmerz, Schreie, Nadja, ihr Kind Talamh, Pirx, Grog, ihr Vater … und all die anderen. Wie war der Kampf wohl ausgegangen?

Warum war sie überhaupt durch das Tor … oh. Richtig. Der Getreue. Er hatte David und sie durch ein Portal gestoßen, um … sie in Sicherheit zu bringen? Warum? Bisher hatte er versucht, Rian und ihren Bruder entweder zu töten oder zu fangen. Woher kam auf einmal dieser Wandel?

Die Welt ist wohl nicht untergegangen, dachte Rian. Denn ich lebe noch. Aber wo bin ich?

Sie musste zu sich kommen, die Benommenheit abschütteln. Die Schmerzen machten ihr bewusst, dass sie nicht auf feinen Linnen gebettet lag und von Dienern versorgt wurde. Wo auch immer der Getreue sie hingeschickt hatte – die Heimat war es nicht.

Die Lider gehorchten ihr noch nicht, waren zu schwer. Sie stöhnte und versuchte, sich mit geschlossenen Augen zu orientieren. Der Boden war hart und eben, wie bereits festgestellt, drückte auf ihren Hüftknochen. Ihre Finger griffen in trockene Grasbüschel. Die Geräusche um sich herum konnte sie nicht richtig wahrnehmen, in ihren Ohren lag immer noch ein Nachhall, ein Rauschen und Summen dessen, was sie hinter sich gelassen hatte.

Sie sog die Luft tief durch die Nase ein. Es roch frisch und ein wenig salzig, als wäre ein Meer in der Nähe. Daher das Brausen in ihren Ohren! In regelmäßigen Rhythmen klatschten Wellen an den Strand, nicht allzu weit entfernt.

Ihre Lider zuckten, und blinzelnd konnte sie sie jetzt langsam öffnen. Sie richtete sich ein wenig auf und sah sich verschwommen um.

Wie erwartet, befand sie sich nicht in der Anderswelt – derart klare, sonnige Tage gab es nur im Reich der Menschen. Wenn sie aufstand, würde sie vermutlich den Boden unter den Füßen verlieren und einen knappen Zentimeter darüber schweben. Das war eine der seltsamen magischen Sachen, die nicht erklärt werden konnten.

Rian staunte. Ein nicht endenwollender, weißer Strand lag nicht weit entfernt von ihr, bis zum Horizont erstreckte sich ein blaues Meer, das in größeren und kleineren Wellen heranbrandete. Ein blauer, weiß durchsetzter Himmel, an dem hoch eine strahlende Sonne stand. In der Ferne waren Möwen zu hören, ihre sonst schrillen, klagenden Laute klangen noch ein wenig dumpf. Rians Gehör würde eine Weile brauchen, bis es sich endgültig erholt hatte.

Sie versuchte aufzustehen. Doch kaum war sie halb hochgekommen, gaben ihre Beine wieder unter ihr nach. Mist. Offenbar hatte sie sich den linken Knöchel verstaucht, und das rechte Knie hatte eine Prellung davongetragen.

Wütend saß Rian wieder auf dem grasig-sandigen Boden. Das kurze Gras sah aus, als sei es von Tieren abgeweidet worden. Kühe? Pferde? Lebten Menschen in der Nähe?

Rian unternahm einen neuen Versuch, sich hochzurappeln. Vorsichtig. Diesmal gelang es, sie stand, wenn auch etwas wacklig, auf beiden Beinen und stakste wie ein Storch im Salat ein paar Schritte auf eine kleinere Erhebung zu, die einen besseren Überblick über die Landschaft versprach. Sie musste wissen, wo sie war.

Es fiel ihr schwer, den sandigen Hügel hinaufzukommen, der linke Knöchel schmerzte und das rechte Knie ließ sich kaum anwinkeln. Der Arm war durch den Sturz ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden, er war aufgeschürft und brannte.

Rian seufzte befreit, als sie es geschafft hatte; als wäre es eine großartige Heldentat, dachte sie ironisch bei sich. In der Ferne sah sie weiße Watteflöckchen, und der Wind wehte leises Blöken herüber. Rian stand auf dem höchsten Punkt der weiten Schafweide. Dahinter erhoben sich unverkennbar Palmen.

Bis vor kurzem war sie auch in der Nähe eines Meeres gewesen, mit Schafweiden … und einem riesigen Gletscher. Island. Doch im Gegensatz zu dort war es hier warm, die Farben intensiv. Alles, was recht war – der Getreue hatte sie tatsächlich in Sicherheit gebracht, und außerdem an einen anheimelnden Ort. Aber warum nicht nach Hause, zum Baum der Crain? Hatte er etwa schon wieder etwas mit ihnen vor?

»Was für ein seltsamer Landstrich«, murmelte sie stirnrunzelnd. »Eine Schafweide mit Palmen. Wo gibt es so etwas wohl in der Menschenwelt?«

»Was weiß ich«, knurrte es auf einmal unterhalb von ihr, hinter einer Düne vor dem Strand. Rian stieß einen erschrockenen Laut aus, verlor den Halt und sank zu Boden. Ihr Herz raste. »David! Bist du das?«

»Wer denn sonst?«, ließ sich die Stimme erneut vernehmen, jetzt schon näher. Dann stolperte er um die Düne, stapfte mit erschöpftem Gesicht zu ihr hoch und ließ sich neben ihr hinplumpsen. »Schön, dass du dich wieder an mich erinnerst.«

Rian hob die Augenbrauen. »Ich konnte spüren, dass du lebst, und hätte mich als Nächstes nach dir auf die Suche gemacht – aber zuerst mal musste ich selbst zu mir kommen und mich orientieren«, erwiderte sie.

David warf ihr einen ungnädigen Blick zu. »Dafür, dass du erst letzthin noch rumgejammert hast, dass du mich an Nadja und meinen Sohn verlierst, bist du jetzt ziemlich gelassen.«

Rian schwieg. Eine Weile sagte keiner von beiden ein Wort.

»Ich habe wirklich Angst. Ich spüre, dass du mir entgleitest, David«, offenbarte sie schließlich. »Das gilt immer noch. Aber als ich aufgewacht bin, hatte ich nicht dieses Gefühl. Ich wusste, du bist in der Nähe und ich muss keine Sorge haben.« Sie machte eine Pause und suchte wieder nach Worten, die sie nicht fand. Es hilft nichts. Ich kann nicht andauernd darüber nachdenken, ob ich David irgendwann einmal verliere. Was auch immer mit ihm passiert, weil es Nadja in seinem Leben gibt, das Band zwischen uns wird nie zerreißen. Aber jetzt und hier ist nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken.

Sie spürte Davids fragenden Blick auf sich. Trotzdem – sie hatte keine Lust, ihm Rede und Antwort zu stehen. Sie hatten wichtigere Probleme. Wo sie sich befanden, was mit Nadja und den anderen war, was überhaupt auf Island geschehen war. Die Welt existierte noch, also musste irgendjemand Fenrir und Ragnarök aufgehalten haben. Sie sollten daher zusehen, dass sie so schnell wie möglich nach Hause kamen. Doch dazu mussten sie erst einmal ein Portal finden …

»Also, was meinst du, wo wir sind?«, fragte Rian scheinbar leichthin.

»Ich weiß es nicht«, antwortete David. »Ich habe so eine Landschaft noch nie gesehen. Es ist nicht im Entferntesten wie zu Hause, oder Island, auch wenn es Schafe gibt. Aber die Palmen da hinten …«

»Ich glaube, wir sind gar nicht mehr in Europa«, murmelte sie. »Schafe und Palmen … das muss weit weg sein, vielleicht in Indien …«

»Da gibt’s Dschungel.«

»Keine Palmen?«

Er zuckte die Achseln.

»Was dann? Amerika?«

»Nee. Darüber hat mir Robert so manches erzählt.«

»Du bist nicht sehr hilfreich!«, beschwerte Rian sich.

David grinste leicht. »Ich vermute, wir sind auf einem anderen Kontinent, aber nicht Amerika. Sondern wieder eine Insel. Irgendwo in der Südsee, oder Afrika …«

»Australien?«

Sie sahen sich an und prusteten los, steigerten sich in hysterisches Gelächter.

»Wir sind also gestrandet«, fing Rian schließlich wieder von vorn an. »Der Getreue hat uns gerettet und wie üblich keine Wegbeschreibung mitgegeben.«

David nickte, seine Miene verfinsterte sich. »Ich wollte, dass er Nadja und meinen Sohn rettet! Aber ich hätte wissen müssen, dass er sich nicht daran hält!«

»Du denkst, er hat Nadja und Talamh nicht …«

»Ich weiß nicht, was er getan hat. Wann weiß man das schon je bei ihm! Nichts passt mehr zusammen.«

Sie legte die Hand auf seinen Arm. »David, der Getreue hat seine Königin verraten, als er Nadja von Irland wegbrachte. Er will nicht, dass ihr etwas geschieht, aus welchem eigennützigen Grund auch immer. Doch er will Nadja und Talamh lebend. Also hat er sie bestimmt wieder rechtzeitig in Sicherheit gebracht.«

»Aber wohin diesmal?« Er schlug auf den Boden und riss Grasbüschel aus. »Seit Monaten bin ich von ihr getrennt, Rian! Ich habe meinen Sohn noch nicht einmal im Arm gehalten und ihn weniger als zwei Minuten gesehen! Ich ertrage das bald nicht mehr!« Er sprang auf, wandte sich von ihr ab und starrte aufs Meer hinaus.

Rian blieb einen Moment sitzen, versuchte zu verstehen, was ihn so sehr bewegte. Die Liebe war ihr fremd, nach wie vor, und dass David auf einmal so ungeduldig war … es musste an der Zeit liegen, am Bewusstsein, dass er sterblich war und eine Seele in ihm heranwuchs. Ihr Bruder glich sich immer mehr den Menschen an, hatte Zeitnöte, Sorge, dass er nicht mehr hinterherkam …

Aber was konnte sie für ihn tun?

Doch, da gab es etwas. Sie stand auf. »Pass auf, David. Der Elfenkanal ist durchlässiger geworden, seit Bandorchu den Stab beim Ätna gesetzt hat. Ich werde versuchen, etwas herauszufinden. Vielleicht erfahren wir so, ob Nadja und Talamh in Ordnung sind.«

David schwieg, aber er warf seiner Schwester einen dankbaren Blick zu. Rian wandte sich ab und schloss die Augen. Sie konzentrierte sich und blendete die strahlende Sonne, das Rauschen des Meeres und das Kreischen der Möwen aus.

Ihre Sinne dehnten sich aus. Doch sie konnte keinen Kontakt herstellen. »Kannst du denn deinen Sohn nicht spüren?«, fragte sie leise.

»Natürlich«, antwortete er. »Er ist überall. Lausche in dich hinein, du kannst ihn auch wahrnehmen. Doch das ist sein Geist. Ich weiß nicht, ob sein Körper unversehrt ist, und ich kann Nadja nirgends finden. Du warst in diesen Dingen sowieso immer besser als ich.«

Daraufhin dehnte sie ihre Sinne erneut aus. Vielleicht konnte sie erfassen, wie die Schlacht ausgegangen war. Verluste – es hatte Verluste gegeben. »Schlimme Verluste«, murmelte sie kaum hörbar. »Ich weiß nicht, ob es unsere Seite oder die der anderen betrifft.«

»Alle Seiten«, erwiderte David. »Zuletzt mussten alle gegen Fenrir antreten, und wer weiß, wie viele Opfer er gefordert hat.«

Rian verzog das Gesicht und rieb ihr lädiertes Knie. »Das nächste Problem ist – in erreichbarer Nähe gibt es kein Portal.«

»Jede Wette, der Getreue hat es genau darauf angelegt, um uns so lange wie möglich hierzubehalten. So weit wie möglich weg von allem Geschehen.«

»Also dann, gehen wir einfach los und finden heraus, wo wir sind, und wie wir von hier wegkommen. Eins nach dem anderen.«

Ihre Knieverletzung machte das Gehen schwer, sie war kaum in der Lage, es abzuknicken und es schwoll zusehends an. Aber auch die tiefe Schnittwunde an Davids Arm, die sie ebenfalls spürte, begann jetzt stärker zu schmerzen. Sie hörte ihren Bruder hinter sich leise vor sich hinfluchen, aber sie achtete nicht darauf. Ihrer Erfahrung nach würde es besser sein, über etwas Unwichtiges zu plaudern, damit er abgelenkt wurde. Sie schwelgte in Erinnerungen über Paris und ihren Job als Model dort, wie umschwärmt sie gewesen war von allen bedeutenden Modeschöpfern dieser Welt, hatte immer die angesagtesten Klamotten tragen können, Nougat und Glitzerschmuck kaufen … »Sie lagen mir alle zu Füßen.«

Erwartungsgemäß ließ David einige gepfefferte Sätze über Pariser In-Modeschöpfer fallen, die sowieso alle dekadent seien und immer genau das Falsche für wirklich schön hielten und überhaupt nie in der Lage seien, sowohl funktionale als auch schöne und zeitlose Mode zu kreieren.

Als ob er etwas davon verstünde!, dachte Rian amüsiert. Vor allem das mit der Dekadenz gefiel ihr – darin waren schließlich die Elfen absolute Meister. Jedenfalls hatte der Trick mit der Ablenkung funktioniert, und sowohl David als auch sie selbst wurden zusehends munterer. Irgendwann konnte ihr Bruder sogar mitlachen. Das war gut, denn seit seine Seele wuchs, war er viel zu häufig mürrisch und verschlossen. Wenig elfentypisch.

Rian blieb stehen und warf einen intensiven Blick über die sonnenbeschienene Landschaft. Sie hätte angenommen, dass Menschen, die Schafe hielten, nicht allzu weit entfernt lebten. Doch die Weide zog sich scheinbar endlos über die grünen Hügel, die sich wiederum, nur unterbrochen von kleinen Wäldchen mit Palmen und anderen exotischen Gewächsen, bis zum Horizont zogen, der an einen nach wie vor blauweißen Himmel stieß.

Plötzlich blieb sie stehen, und David, der nicht aufgepasst hatte, lief auf sie auf.

»Was ist jetzt schon wieder?«

Rian verdrehte die Augen. »Streng deine Elfenaugen mal ein bisschen an. Zwischen den beiden Hügeln dort vorn steht nämlich etwas, das uns vielleicht weiterhelfen könnte.«

David kniff die Augen zusammen, dann glättete sich seine Stirn: Die Ecke eines Dachgiebels, der braunglänzend in einer Senke zwischen den mit graugrünem Gras bewachsenen Bodenwellen hervorlugte.

»Das ist ein Haus. Oder sowas in der Art jedenfalls. Nichts wie hin!«

Auf einmal war er wieder ganz er selbst, energiegeladen und nach vorn drängend. Mit langen Schritten steuerte er auf das Haus zu, und Rian sah zu, dass sie humpelnd hinterherkam.

3.
Die Anderen

Es gab kein Licht in den Gängen jenseits des Bunkers. Robert führte die Gruppe zusammen mit Anne an. Mit der Taschenlampe, die Nadja ihm gegeben hatte, leuchtete er den Boden und die Wände ab, warnte die Nachfolgenden vor Unebenheiten oder Unrat. Anne beachtete den Lichtstrahl kaum. Ihre magischen Sinne führten sie sicher durch das Labyrinth.

Nur vor Sackgassen bewahrten diese Sinne sie nicht, das stellte Robert frustriert fest, als die dritte Abzweigung in Folge in einer Wand aus Schutt und Mauerresten endete.

»Sackgasse«, sagte er. Leise Flüche und Seufzer antworteten ihm, dann drückten sich die Menschen an die Wände, um ihn, Anne und Nadja vorbei zu lassen. Sie waren zu den Anführern der Obdachlosen geworden, vielleicht, weil sie als einzige nicht die Nerven verloren hatten.

Wir haben Ragnarök überlebt, dachte Robert, wir schaffen auch Toby.

»Und jetzt?«, fragte Mike.

»Wenn du das nicht weißt«, sagte Krücke neben ihm schlecht gelaunt. Das Licht der Taschenlampe glitt kurz über sein Gesicht. Eine Ader pulsierte in seinem Hals. Robert hörte, wie das Blut durch seinen Körper rauschte und sein Herz schlug. Er roch Marihuana und Angst in Krückes Schweiß.

Mit jedem Tag verstand Robert seinen neuen Körper besser. Er fühlte sich, als habe er sein Leben in einem Fiat Panda verbracht und führe auf einmal Rolls Royce. Es gab so vieles zu entdecken, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen sollte.

Doch, dachte er im gleichen Moment. Ich sollte damit anfangen, es Nadja zu erzählen.

Er hatte es versucht, als sie aufgewacht war, und seither hatte sich keine Gelegenheit mehr ergeben. Enttäuscht war er darüber nicht. So lange sie es nicht wusste, konnte er so tun, als sei alles beim Alten, als würde sein Herz noch schlagen und sein Blut noch fließen. So, als wäre sein Körper mehr als nur ein zeitloses Grabmal, mehr als ein Stein, der noch hoch aufragen würde, wenn alles Lebendige um ihn herum längst verfallen war.

Robert schüttelte die Vorstellung ab. Er genoss seinen neuen Körper, seine Stärke, seine Empfindungen, seine erwachenden Sinne. Nur die Stille darin störte ihn. Sie verging, wenn er Blut trank. Dann begann sein Herz zu schlagen, schwach wie das eines Sterbenden, aber stark genug, dass er es hören konnte, wenn er die Augen schloss.

»Rechts oder links?«, fragte Anne neben ihm. Robert zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass sie in den Hauptgang zurückgekehrt waren. Von ihm zweigten sternförmig fünf Gänge ab. Da Mike sich nur an die Kreuzung erinnern konnte, aber nicht daran, welchen Gang er genommen hatte, waren sie die Möglichkeiten im Uhrzeigersinn abgegangen. Die ersten drei hatten sich als unpassierbar erwiesen.

»Rechts«, sagte Robert, während er in den Tunnel leuchtete, aus dem sie gekommen waren. Außer den mehr als zwanzig Obdachlosen, denen die Flucht in die Gänge gelungen war, sah er niemanden. Anfangs hatten sie die Verfolger noch gehört, doch irgendwann mussten die eine falsche Abzweigung erwischt haben. Seitdem hatte er sie weder wahrgenommen noch gerochen.

Gerochen. Wieder etwas, an das er früher nie gedacht hätte.

Anne ging vor. Robert folgte ihr, Nadja schloss zu ihm auf. Sie hielt den in eine Decke gewickelten Talamh im Arm.

»Geht es ihm gut?«, fragte Robert.

Sie nickte. »Er schläft.«

Der Streit, der sie dazu gebracht hatte wegzulaufen, stand zwischen ihnen, das spürte Robert. Es war dumm von ihm gewesen, den Vermittler zwischen Anne und Nadja spielen zu wollen. Er liebte Anne und hätte alles für sie getan, aber ihr Vorschlag, den Jungen nach Tara zu bringen, war alles andere als feinfühlig gewesen. Manchmal vergaß er, dass sie kein Mensch war. Ha, ha. Er war ja auch keiner mehr.

Schweigend gingen sie weiter. Die Obdachlosen folgten ihnen, verwirrt und verängstigt. Emma und Krücke schienen den Angriff als einzige verarbeitet zu haben. Krücke achtete darauf, dass die Menschen zusammenblieben, während Emma immer wieder andere tröstete.

»Schon mal daran gedacht, einen Artikel über die Tunnel zu schreiben?«, fragte er Nadja nach einer Weile.

»Nein, aber es wäre eine tolle Geschichte.« Sie schien froh zu sein, dass er sie von ihren Gedanken ablenkte. »Eine Subkultur unter der Hauptstadt. Menschen, die sich vollständig aus der Gesellschaft zurückziehen, weil sie mit dem Leben darin überfordert sind. Das könnte ich glatt an Die Zeit verkaufen.«

Robert schüttelte den Kopf. »Nein, zu intellektuell. Nimm RTLTV. Drogen und Gewalt hast du schon gefunden, und Sex gibt es hier bestimmt auch.«

Sie stieß die Luft aus, ein halbes Lachen, das ihn freute.

Anne drehte sich um. »Robert? Würdest du zu mir kommen und den Gang ausleuchten?«

Der Tunnel war so schmal, dass nicht mehr als zwei Leute nebeneinander gehen konnten. Robert war schon oft aufgefallen, dass es Anne nicht gefiel, wenn er mit Nadja sprach. Er fragte sich, ob sie eifersüchtig war oder ob er ihr erneut eine Menschlichkeit unterstellte, die sie nicht besaß.

»Was ist los?«, fragte er, als er neben Anne trat.

»Unsere Stimmen klingen anders.«

Robert leuchtete in den Tunnel hinein. Der Lichtstrahl glitt über unebenen, kahlen Stein, dann in einen Raum, der so groß war, dass er sich darin verlor.

Anne blieb stehen. »Etwas …« Sie zögerte und schüttelte den Kopf. »Zu viel Lärm. Ich kann nichts hören.«

Sie meinte die Menschen hinter ihr, deren Kleidung raschelte, die husteten, atmeten, sich manchmal flüsternd unterhielten.

»Was seht ihr?«, fragte Nadja.

Im gleichen Moment wurde es gleißend hell. Robert riss den Arm hoch, um seine Augen zu schützen. Menschen schrien, Anne duckte sich, Nadja wich zurück. Ein Hund begann zu bellen.

»Buh«, sagte Toby.

Robert blinzelte in die Helligkeit. Ein Dutzend Taschenlampen erleuchteten den Tunnel. Die Gestalten dahinter konnte er nur schemenhaft ausmachen.

»Wir dachten, wir hätten uns verlaufen«, fuhr Toby fort. Er leuchtete sein Gesicht von unten an, als wolle er eine Geistergeschichte erzählen. »Wir wollten uns in dem Raum nur ausruhen, eine rauchen und so, aber dann hörten wir euch. Ihr seid wohl woanders abgebogen als wir.«

Er grinste. Im Strahl der Taschenlampe wirkten die Schatten in seinem Gesicht wie tiefe Wunden. »Aber alle Wege führen zu Toby.«

»Mann, Alter«, sagte Vics Stimme. »Hör auf zu labern.«

Robert sah Anne an. »Schaffen wir die?«, fragte er leise und hoffte dabei, dass Nadja ihn nicht hörte.

»Der Gang ist schmal. Sie können uns nicht umzingeln.« Sie erwiderte seinen Blick. »Ich denke schon.«

Er hörte Unsicherheit in ihrer Stimme. Ihre eigenen Fähigkeiten konnte sie einschätzen, seine jedoch nicht.

Wir werden sehen, dachte er.

Einige Obdachlose flohen zurück in den Tunnel, doch die meisten blieben stehen. Sie hatten die Angst satt, das spürte Robert.

»Komm doch her, Arschloch«, rief Krücke aus ihrer Mitte.

»Einer nach dem anderen«, sagte Toby. Er legte sich den Baseballschläger über die Schulter. Die Taschenlampe richtete er immer noch auf sein Gesicht. »Jeder kommt dran.«

Robert zuckte zusammen, als eine Hand plötzlich vor Tobys Gesicht auftauchte. Sie bedeckte seinen Mund und seine Nase, grub ihre Finger in seine Wangen – und zog.

Es knackte. Toby ließ die Taschenlampe fallen. Sie rollte über den Boden, riss Schuhe und Hosenbeine aus der Dunkelheit, dann Tobys verzerrtes, bleiches Gesicht.

Er war tot.

»Was –«, begann Robert, unterbrach sich jedoch, als die Schreie losgingen und die Lichter vor seinen Augen auf und ab zuckten. Unwillkürlich machte er einen Schritt darauf zu, doch Anne hielt ihn mit einer Hand zurück.

»Misch dich nicht ein«, sagte sie.

»Weißt du, was hier los ist?«

Sie schwieg.

Es war schnell vorbei. Die Schreie dauerten fünf, vielleicht zehn Sekunden, dann brach der letzte ab. Taschenlampen lagen zwischen Leichen am Boden. Einige waren ausgegangen, andere flackerten, leuchteten starr die Wände an.

Robert hörte Schuhe auf dem Stein. Eine Gestalt ging mit langen Schritten an den Leichen vorbei und in den Gang hinein. Das Licht umgab ihn wie eine Aura, riss seine Konturen schwarz und scharf aus der Dunkelheit.

Neben Toby blieb der Unbekannte stehen. Mit einem Stiefel drehte er die Leiche auf den Rücken.

»Er hasste jeden«, sagte er. »Solche Menschen verseuchen die Welt.«

»Er mochte Tiere.« Es war Emmas Stimme.

»Aber mochten sie ihn?« Der Unbekannte sah auf. Er hatte ein asketisches Gesicht mit hohen Wangenknochen und Augen, die so hellblau waren, dass sie beinahe weiß wirkten. Auf den ersten Blick erschien er Robert streng und kalt, doch dann lächelte er, und es war, als habe er sich in einen anderen Menschen verwandelt, als stünde plötzlich ein väterlicher Freund vor ihm.

»Ich bin Catan«, sagte der Unbekannte. »Willkommen in meinem Reich.«

Seine Stimme war tief und ein wenig rau. Aus dem Augenwinkel sah Robert, wie Anne sich neben ihm versteifte.

»Er ist ein Elf, nicht wahr?«, flüsterte er.

Sie nickte.

»Kennst du ihn?«

Anne reagierte nicht auf seine Frage.

»Meine Freunde«, fuhr Catan fort, »werden euch nach oben begleiten. Ihr müsst keine Angst haben. Niemandem, der in Frieden zu uns kommt, wird etwas geschehen.«

Zwei Gestalten lösten sich aus den Schatten und betraten den Gang. Die eine war dürr und so groß, dass sie sich bücken musste, um nicht mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Ihr langes Haar hing über den gekrümmten Rücken. Es war weiß und reichte ihr fast bis zu den Knien. Die Gestalt – ob sie männlich oder weiblich war, konnte Robert nicht erkennen – sah aus wie eine knorrige Trauerweide.

Er drückte sich gegen die Wand, um sie vorbei zu lassen. Sie roch nach Erde und Regen. Ihre Bewegungen waren langsam und fließend, so als ginge sie in Zeitlupe. Robert konnte ihr Gesicht hinter den Haaren nicht erkennen.

Eine zweite, eindeutig männliche Gestalt folgte ihr. Ihre Haut war grün. Moos bedeckte ihren Kopf und die Geschlechtsteile. Kleidung trug sie keine.

Die Obdachlosen wichen zurück, als die beiden in den Lichtkegel von Krückes Taschenlampe gerieten.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Nadja. »Sie werden uns helfen. Lasst sie durch.«

Emma war die Erste, die zur Seite trat. Die anderen folgten nach und nach ihrem Beispiel.

»Das sind doch Mutanten«, hörte Robert jemanden flüstern.

Nein, dachte er. Das sind Elfen.

Er wollte sich umdrehen, um den beiden zu folgen, aber Catans Stimme hielt ihn zurück. »Ihr nicht.« Seine Geste schloss Robert, Nadja und Anne ein. »Nennt mir eure Namen … bitte.«

Es klang nicht so, als würde er oft um etwas bitten.

Anne trat vor. »Ich heiße Anne, das sind Nadja und Robert.«

»Hat der Junge keinen Namen?«, hakte Catan nach.

Woher weiß er, dass es ein Junge ist?, fragte sich Robert. Die Decke hüllte den Säugling fast vollständig ein.

Nadja hob den Kopf und reckte das Kinn vor. »Das ist Talamh, mein Sohn.«

Catan musterte sie einen Moment lang, dann drehte er sich um. »Kommt«, sagte er. »Ihr seid meine Gäste.«

Er achtete nicht darauf, ob die Einladung angenommen wurde, sondern ging mit langen Schritten auf einen Gang in einer Wand des Raums zu.

Robert zögerte. Drei weitere Elfen, irreal wirkende Gestalten, bedeckt von Laub und Fell, standen in den Schatten. Sie bewegten sich nicht. Ihre Augen leuchteten gelb.

»Haben wir eine Wahl?«, fragte Nadja leise. Die Frage war an Robert gerichtet, aber bevor er antworten konnte, mischte sich Anne ein.

»Nein.«

Nadja sah sie an. »Kennst du ihn?«

Anne löste sich aus der Gruppe und folgte Catan ohne ein weiteres Wort. Blicke aus gelben Augen beobachteten sie, bis sie im Gang verschwand. Dann glitten sie zurück zu Nadja.

»Mir gefällt das nicht«, sagte sie.

»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte Emma. Robert hatte sich so sehr auf Anne konzentriert, dass er sie nicht bemerkt hatte. Die meisten Obdachlosen hatten sich bereits den Elfen angeschlossen, nur Emma, Krücke und Mike waren zurückgeblieben.

»Nein«, sagte Nadja. »Es ist alles in Ordnung. Geht nach oben.«

»Was sollen wir da?« Krücke richtete seine Taschenlampe auf den Boden und begann Achten mit dem Lichtstrahl zu schreiben. »Oben gibt es nichts für uns.«

»Woher willst du das wissen?« Ärger stieg in Robert auf. Er war genauso gewesen nach dem Tod seiner Frau und Tochter. Er hatte sich verkrochen, ein vom Leben Geschlagener, der kein Interesse daran hatte, jemals wieder aufzustehen – bis er Anne getroffen hatte.

»Was hast du denn schon von der Welt gesehen?«, fragte er Krücke.

»Genug.« Der Junge wirkte trotzig. »Ist alles voller Arschlöcher.«

»Da oben gibt es über sieben Milliarden Menschen. Nicht jeder ist ein Arschloch.«

Die Elfen traten aus den Schatten heraus. Sie wurden ungeduldig.

Krücke wandte sich ab. »Mal sehen«, sagte er.

Klingt nicht gerade motiviert, dachte Robert, als er sich ebenfalls umdrehte.

»Macht’s gut«, hörte er Emma sagen.

»Ihr auch«, antwortete Nadja. Sie schloss zu Robert auf. Gemeinsam gingen sie durch den Raum und in den Gang hinein, den Catan gewählt hatte. Leichen starrten sie aus gebrochenen Augen an. Robert sah weg.

Die drei Elfen folgten ihnen. Einer schob sich an der Wand entlang, um vor sie zu gelangen. Laub raschelte bei jedem Schritt. Grüne Blätter bedeckten Rücken und Kopf, wurden erhellt von dem Licht einer Taschenlampe, das bis in den Tunnel hinein reichte.

Roberts Blick hing an der seltsamen Gestalt. Nichts Menschliches haftete ihr an. Sie war auf eine Weise fremd, die ihn verstörte. Jede raschelnde Bewegung, jeder säuselnde Atemzug, jeder Blick aus gelben Augen sagte das gleiche aus: Diese Welt ist nicht die meine.

Es war ein trauriger Gedanke, auch wenn Robert nicht genau sagen konnte, weshalb er so empfand.

Der Elf machte eine Handbewegung. Eine Kugel entstand vor ihm in der Luft. Weiches gelbes Licht erhellte den Tunnel.

»Das ist besser für die Augen von Menschen, oder?«, fragte der Elf. Seine Stimme war rau und trocken wie Sand.

»Ja«, sagte Robert, und dann nach einer Pause: »Danke.«

Die leuchtende Kugel passte sich ihrer Geschwindigkeit an, blieb immer ein paar Schritte vor ihnen. In ihrem Schein tauchten Anne und Catan auf. Sie standen an einer Biegung und sprachen miteinander. Als sie das Licht sahen, unterbrachen sie sich.

»Sie kennt ihn«, flüsterte Nadja. Sie drückte Talamh an ihre Brust. »Ich bin mir sicher.«

Ich auch, dachte Robert.

»Wir fragen sie später«, sagte er ebenso leise, obwohl er nicht glaubte, dass er eine Antwort erhalten würde. Nadjas Blick verriet, dass sie ebenfalls daran zweifelte.

»Dies ist ein alter Ort«, sagte Catan, als sie herangekommen waren. »Er ist wie ein dahinwelkender Zausel, missgestimmt und unfreundlich zu Fremden. Bleibt bitte in meiner Nähe.«

Robert betrachtete die Wände. Sie zeigten Spuren von Werkzeugen, so als hätten Menschen die Tunnel aus dem Stein gemeißelt.

Catan ging um die Biegung. Die Kugel folgte ihm. Robert machte einen Schritt nach vorn und blieb überrascht stehen. Sein Mund öffnete sich, wollte einen Atem ausstoßen, den es in den reglosen Lungen längst nicht mehr gab. Es war ein unangenehmes Gefühl.

»Wie alt?«, fragte Robert rau, während sein Blick über das glitt, was sich vor ihm ausbreitete.

»Das hat er mir noch nicht verraten.«

Sie standen am Eingang einer Höhle. Nein, korrigierte sich Robert, keine Höhle, eher eine Kathedrale.

Die Wände verloren sich im Nichts, ragten empor zu einer Decke, die irgendwo jenseits der Schwärze liegen musste. Fledermäuse flatterten in gewaltigen Schwärmen durch das Licht der Kugel. Ihre Flügelschläge klangen wie Buchseiten, durch die ein Sturm fegte.

Robert wurde es schwindlig, als er nach unten sah. Der Boden endete nur wenige Meter vor ihm in einer geländerlosen Brücke, die breit genug für zwei Busse war. Die Fledermäuse tauchten unter ihr hindurch und verschwanden. Ihr Flattern hallte von den Wänden wider. Es war nicht zu erkennen, wie tief der Abgrund war oder wo die Brücke endete.

»Wer hat das gebaut?«, fragte Nadja.

»Menschen, nehme ich an.« Catan betrat die Brücke. Wind fuhr durch sein kurzes, dunkles Haar. Robert fiel auf, dass er das Alter des Elfen nicht schätzen konnte. Mal wirkte er wie dreißig, dann wieder wie fünfzig.

Er folgte Catan auf die Brücke. Anne und Nadja schlossen auf. Die anderen Elfen blieben hinter ihnen und bildeten eine Reihe, so als wollten sie verhindern, dass jemand sich umdrehte und floh.

»Dein Sohn ist sehr still«, sagte Catan nach einer Weile. Das Ende der Brücke war noch nicht zu sehen.

»Er schläft.« Nadja hielt sich in der Mitte, ebenso wie Robert. Nur Anne ging am Rand entlang, stolz und mit wehendem Haar.

Hat sie denn vor nichts Angst?, fragte sich Robert.

»Gut«, sagte Catan. »Im Dorf wird er sich ausruhen können.«

Es klang merkwürdig, an diesem Ort von einem Dorf zu sprechen. Nadja warf Robert einen kurzen Blick zu. Er hob die Schultern.

Einige Minuten später erreichten sie das Ende der Brücke. Dahinter befand sich eine breite, aus dem Stein geschlagene Treppe, die tiefer in den Untergrund führte. Die Kugel flog vor ihnen her, erhellte die ausgetretenen Stufen. Sie waren unterschiedlich breit und hoch. Robert fasste Nadja am Ellenbogen. Er konnte sehen, dass sie Angst hatte, mit dem Säugling in den Armen zu stürzen.

»Du hast kalte Hände«, sagte sie nach einem Moment.

»Mir ist ja auch kalt«, log Robert. In Wirklichkeit war ihm seit Annes Biss nicht mehr kalt gewesen. Wärme und Kälte waren keine Empfindungen mehr für ihn, nur noch Wahrnehmungen.

Feuerschein flackerte am Ende der Treppe. Robert ließ die letzte Stufe hinter sich und wäre fast gestolpert, als sein Fuß in weiches Erdreich sank.

»Vorsicht«, sagte er.

Nadja nickte dankbar, während Anne mit einem Sprung die letzten drei Stufen überwand und weich neben Robert landete. Mit ihren Sinnen war sie weder auf das Licht der Kugel noch auf die Feuer angewiesen, die in der Höhle vor ihnen brannten.

»Angeberin.« Robert grinste. Anne hob nur die Augenbrauen. Seit dem Auftauchen der Elfen hatte sie kein Wort mehr mit ihm gesprochen.

Rund ein Dutzend Hütten bildeten das Dorf. Wände und Dächer bestanden größtenteils aus Holz, aus Brettern und alten Türen, aber auch aus Plastikplanen und rostigen Metallplatten.

Robert hörte Ziegen meckern. Auf einem der Hüttendächer saß ein Huhn. Am Rande des Dorfs sah er Reihen von mannshohen Pflanzen, über denen eine sanft leuchtende Kugel hing. Diese Leute hier waren Selbstversorger.

»Wir haben lange gebraucht, um diesen Ort zu finden«, sagte Catan, während er zu einem der kleineren Feuer ging. »Wir leben nicht gern auf Stein.«

Er setzte sich auf einen Baumstamm, der quer neben dem Feuer lag. Die anderen Elfen, die dort gesessen hatten, standen auf, verneigten sich kurz und gingen. Robert sah etwas mehr als zwanzig an den Feuern und zwischen den Hütten.

Catan zeigte auf die freien Stämme. »Setzt euch. Man wird uns gleich etwas zu essen bringen.«

Er wartete, bis sie Platz genommen hatten. »Ich weiß, wer ihr seid«, sagte er dann. »Anne hat mir alles erzählt.«

»Hat sie das?« Nadja klang misstrauisch. Robert konnte ihr das nicht verdenken.

Anne ignorierte ihren Tonfall. »Er kann herausfinden, was auf Island geschehen ist, wir nicht. Es war also nur vernünftig, ihm alles zu erzählen.«

Nadja schien etwas darauf erwidern zu wollen, schüttelte dann aber nur den Kopf. Catans Blick glitt von ihr zu Anne und wieder zurück, so als versuche er zu ergründen, wie die beiden zueinander standen.

Robert wandte sich an den Elfen. Ein Themenwechsel erschien ihm angebracht. »Was ist mit euch? Wieso lebt ihr hier unten?«

»Sieh dir meine Sippe doch an!« Catans Geste schloss das ganze Dorf ein. »Wo sonst sollten sie leben?«

»In der Anderswelt?«, fragte Robert zurück.

»Dort haben sie gelebt, aber man hat sie nicht geduldet … aus dem einen oder anderen Grund.« Catan unterbrach sich, als zwei Elfen von einem der Feuer auf ihn zugingen. Der eine war der mit Blättern bedeckte, dem Robert in Gedanken den Namen Laubelf gegeben hatte. Der andere war schwarz wie verkohltes Holz. Seine Hände wirkten wie Zweige. Sie trugen zwei Tabletts mit dampfenden Holznäpfen, in denen Löffel steckten, Bechern und Brot. Vor ihrem Anführer blieben sie stehen. Er warf einen Blick auf den Inhalt der Näpfe und nickte.

»Esst und trinkt«, sagte er zu seinen Gästen. »Euer Wohlergehen liegt mir am Herzen.«

Er sah Talamh bei diesen Worten an.

Die Elfen stellten die Tabletts schweigend auf einen Schemel. Catan nahm den Brotlaib und riss ihn in drei gleichgroße Stücke. Mit einer leichten Verbeugung verteilte er sie. Robert nahm eines der Stücke. Es war noch warm.

Er sah sich um. Die Elfen saßen an den Feuern, aßen und redeten. Die Neuankömmlinge beachteten sie kaum. Nur ab und zu sah einer kurz zu ihnen herüber.

Sie wussten, dass wir kommen, dachte er. Woher?

»Die meisten, die hier leben«, sagte Catan, während er die Näpfe und Becher verteilte, »wurden von ihren Sippen ausgestoßen. Sie hätten sich damit abfinden und ihr Dasein als Eremiten fristen können, was auch von ihnen erwartet wurde, aber …« Er lächelte. »Wenn sie gewusst hätten, wie man Erwartungen erfüllt, wären sie nicht ausgestoßen worden.«

Robert dachte an Emma, Krücke, Krone und die anderen, Außenseiter, die nirgendwo einen Platz gefunden hatten.

»Du nahmst dich ihrer an«, sagte er.

Catan sah ins Feuer. »In gewisser Weise«, entgegnete er ausweichend. »Es ist eine lange Geschichte, uninteressant für die, die nicht mit den Feinheiten elfischer Politik vertraut sind.«

»Ich bin damit vertraut«, sagte Anne, aber der Elf ging nicht darauf ein.

»Die Ausgestoßenen wurden zu meiner Sippe«, fuhr er fort. »Ich fand diesen Ort für sie, weil sie unter Elfen nicht leben dürfen und unter Menschen nicht leben können. Hier lässt man sie in Ruhe.«

Robert nahm einen Schluck aus dem Becher. Überrascht hob er die Augenbrauen. »Das ist Cola.«

Catan neigte den Kopf. »Ab und zu schicken wir jemanden, der wie ein Mensch aussieht, nach oben. Meine Sippe hat Gefallen an einigen Dingen dieser Welt gefunden. Süßes, prickelndes Wasser gehört dazu und diese Schokoladenplättchen mit der Pfefferminzfüllung.«

»Also selbst diejenigen, die unter Menschen leben könnten, ziehen es vor, hier unten zu bleiben?«, fragte Nadja. Sie rührte mit dem Löffel den Eintopf in ihrem Napf um. Sie hatte ihn in der kurzen Zeit fast aufgegessen. Robert beneidete sie ein wenig. Seit dem Biss konnte er zwar immer noch essen und trinken, aber er tat es nur, um nicht aufzufallen. Je weiter sein menschliches Dasein in der Vergangenheit verblasste, umso mehr verlor er das Interesse daran. Er erkannte, wie etwas schmeckte, ob es salzig war oder süß, bitter oder scharf, doch es war kein Verlangen mehr damit verbunden und immer weniger Genuss.

Und dass ich das ganze Zeug wieder auskotzen muss, damit es nicht in meinem Magen verrottet, steigert die Vorfreude nicht gerade, dachte er, während er in seinem Napf stocherte, ohne zu essen.

Catan überlegte einen Moment, bevor er antwortete. »Einige von uns«, sagte er zögernd, so als müsse er nach den richtigen Worten suchen, »sehen nur ungewöhnlich aus, aber andere sind es. Sie könnten ebenso wenig unter Menschen leben wie ein Krokodil unter Antilopen.«

Nadja stellte den leeren Napf beiseite. »Also sind sie gefährlich?«

Catan lächelte und schwieg.

»Was denn jetzt?«, fragte Anne, als niemand sonst etwas sagte.

Der Elf streckte sich. »Es ist schon spät. Ich habe eine Hütte für euch vorbereiten lassen. Morgen sehen wir weiter.«

»Was soll das heißen?« Robert bemerkte, dass die beiden Elfen, die ihnen das Essen gebracht hatten, wieder näher gekommen waren.

»Dass wir morgen darüber sprechen werden, wie es mit euch weitergeht.« Catan erhob sich. »Bis dahin seid ihr meine Gäste. Gute Nacht.«

Er wandte sich ab. Robert sprang auf, ebenso wie Nadja, doch die beiden Elfen stellten sich ihnen in den Weg. »Catan wünscht heute Nacht nicht mehr gestört zu werden«, sagte der Laubelf. »Ihr solltet seinen Wunsch respektieren.«

Robert hörte die Drohung in seinen Worten. Einige Elfen an den anderen Feuern hoben den Kopf und beobachteten die Auseinandersetzung abwartend.

»Natürlich achten wir seinen Wunsch«, sagte Nadja. Sie wiegte Talamh auf den Armen. »Bitte zeigt uns, wo wir übernachten dürfen.«

Sie handelte richtig, das wusste Robert. Es wäre dumm gewesen, die Elfen gegen sie aufzubringen. So lange sie sich frei bewegen konnten und nicht wie Gefangene, sondern wie Gäste behandelt wurden, hatten sie Handlungsspielraum.

Die beiden Elfen führten sie zu einer Hütte mitten im Dorf. Robert nahm an, dass ihre Bewohner sie geräumt hatten, denn auf einer kleinen Kommode, die an einer der nackten Holzwände stand, lagen eine Bürste und andere persönliche Gegenstände. Die drei Feldbetten waren frisch bezogen, sahen jedoch aus, als stammten sie aus dem Bunkerbereich. Eine Wiege stand unter dem einzigen Fenster. Daneben lag ein Sack mit Stoffwindeln.

Robert bedankte sich bei den Elfen und schloss die Tür hinter sich. Müde lehnte er sich dagegen. Anne schob zwei der Feldbetten zusammen und das dritte näher an die Wiege heran. Nadja, die Talamh vorsichtig hineinlegte, bemerkte das erst, als sie einen Schritt zurücktrat und mit der Kniekehle gegen den Metallrahmen ihres Betts stieß. Sie runzelte die Stirn und sah Anne an.

Oh nein, dachte Robert, als sie den Mund öffnete, aber die Frage, die sie stellte, war nicht die erwartete.

»Wer ist er?«

Anne setzte sich auf das mittlere Bett und begann ihre Schuhe auszuziehen. Nadja hockte sich ihr gegenüber auf die Kante.

»Ich weiß, dass du ihn kennst«, sagte sie. »Man konnte es in seinem Blick sehen und auch in deinem. Also, wer ist er?«

Sie erhielt keine Antwort, genau wie Robert erwartet hatte. Stattdessen schob Anne ruhig die Schuhe unter das Bett und legte sich hin.

»Anne.« Robert setzte sich neben sie. Die Matratze war durchgelegen und weich. »Warum sagst du uns nicht, wer er ist? Niemand will einen Wikipedia-Eintrag über Catans Leben hören, aber ein paar Hinweise, damit wir ihn besser einschätzen können, würden uns allen helfen.«

Er machte eine Pause. »Auch dir. Wenn nur du weißt, was passieren wird, kannst auch nur du richtig reagieren.«

Sie stützte sich auf die Ellenbogen und sah ihn an. Er glaubte, in ihre dunklen Augen zu stürzen, tiefer und tiefer, bis er sich darin verlor. Anne öffnete den Mund. Ihre Lippen glänzten. Er sah ihre Fangzähne und spürte noch einmal den Biss. Unwillkürlich tastete er mit der Hand nach seinem Hals, aber Anne zog sie herunter und nahm sie in ihre eigenen Hände.

»Er ist gefährlich«, sagte sie. »Sehr gefährlich. Ich will nichts mit ihm zu tun haben. Je schneller wir diesen Ort verlassen, desto besser.«

Sie ließ seine Hand los, drehte sich zur Wand und schloss die Augen. Robert wusste, dass er nicht mehr von ihr erfahren würde.

Er sah Nadja an. »Und nun?«

Sie hob die Schultern. Talamh begann in seiner Wiege leise zu weinen.

*

Ihr Knie schmerzte, der Arm auch. Ihren pochenden Fußknöchel, der mit jedem Schritt mehr wehtat, ignorierte Rian verbissen.

Sie hatte nicht gedacht, dass die Wegstrecke von der ersten Sichtung bis zur Hütte so weit sein würde. Irgendwie hatte das Haus so ausgesehen, als läge es ganz in der Nähe. Doch immer wieder schien noch ein Hügel zwischen dem Giebel und ihnen aufzutauchen, bis Rian sich am liebsten ins Gras geworfen und auf den Getreuen gewartet hätte, damit er sie hier abholte. Sie sehnte sich nach einem großen Glas Wasser, einer Liege, einem Eisbeutel für das Knie.

»David, mach doch keine solche Hektik!«, rief sie ihrem Bruder nach. »Die Hütte läuft uns schon nicht weg.«

»Ist ja gut.« Er ging ein wenig langsamer.

»Ich weiß, du bist ungeduldig, aber das bringt uns keineswegs schneller nach Hause. Komm zu dir, David! Es ist nicht zu ändern, dass du von Nadja getrennt bist. Seien wir lieber froh, dass wir dem Untergang gerade noch entronnen sind. Wir werden schon wieder zusammenfinden. Ein wenig elfische Zuversicht wäre hier angebracht, nicht immer dieser menschliche Trübsinn.«

David zuckte zusammen und warf ihr einen undeutbaren Blick zu, schwieg jedoch. Er blieb auf einem Hügel stehen, und als Rian zu ihm aufschloss, lag die Hütte unter ihr in einer Senke.

Das Haus war mit roten Ziegeln gedeckt, die beinahe bis auf den Boden reichten. Die Giebel des Dachs, der First und der Pfosten davor waren mit kunstvoll verschlungenen geschnitzten Ornamenten aus Holz verziert, einer rötlichen Holzart, die beinahe ein wenig aussah wie Mahagoni. Um dieses prachtvolle Haus gruppierten sich einige kleinere Häuser, die ebenfalls ordentlich, aber nicht so liebevoll ausgestaltet waren. In Gattern hinter den Häusern standen Ziegen; ein Pick-up, der schon bessere Tage gesehen hatte, war vor einem der Häuser geparkt.

Aus dem Inneren des Zentralgebäudes erklang jetzt Gesang.

»Na«, murmelte Rian. »Es gibt Menschen. Und es sieht so aus, als haben sie auch ein Telefon.«

»Wie kommst du darauf?«,

Rian wies auf die Leitungen, die von einem der kleinen Häuser über die Hügel davon führten. »Es gibt Strom«, sagte sie. »Und Handys gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt, zumindest hat Robert mir das erzählt.«

»Wir müssen sehr weit von zu Hause sein«, bemerkte David. »Sieh dir die Schnitzereien an! Ich habe mal vor langer Zeit, als Kind, einen Zauberstab mit ähnlichen Verzierungen gesehen, den ein Bote unserem Vater als Geschenk brachte. Der Mann war sehr groß und überall tätowiert gewesen. Statt Haare wuchsen farbenprächtige Blumen auf seinem Kopf, auch die Füße waren damit bedeckt, und seine Leibesmitte, sodass er keine Kleidung brauchte.«

»Lapui!«, rief Rian und schlug die Hände zusammen. »So hieß er, ich erinnere mich! Er konnte unglaubliche Dinge mit seiner Zunge anstellen, Sachen balancieren und all so was! Ich habe mich zuerst ziemlich vor ihm gefürchtet, aber meine Vögel fühlten sich in seinen Blumen wohl. Er war ein sanfter Riese, also nicht so groß wie Vater, aber doch fast, und nicht so finster … und er wusste viele Geschichten aus …«

»… Puauta«, setzte David fort. »Das Blumenreich!«

Die beiden sahen sich staunend an.

»Himmel«, bemerkte der Prinz dann. »Wir sind wirklich weit fort! Der Getreue hat einen ziemlich schrägen Humor. Wieso schickt er uns ausgerechnet hierher?«

»Falls er es wusste«, bemerkte Rian, »und das steht nicht unbedingt fest, denn bei dem Durcheinander kann er sich auch vertan haben – jedenfalls, wenn es Absicht war, dann will er irgendwas von uns.«

»Oder er nahm an, dass der Weltuntergang nicht bis hierher reichte.«

»Dann erst recht.«

David grübelte. »Weißt du, wie die Menschenseite von Puauta heißt?«

»Keinen blassen Schimmer.«

»Also gehen wir runter und finden es heraus«, schlug David vor.

Der Abhang zu dem kleinen Dorf hinunter war steil und daher für das verletzte Geschwisterpaar nicht leicht zu überwinden.

Unten angekommen blieb Rian für einen Moment keuchend stehen und hielt sich erschöpft an David fest. Er spannte sich schweigend an, um ihr als Stütze zu dienen. Dankbar schöpfte sie Atem, bevor sie gemeinsam auf das Haus zu humpelten.

4.
Wahrheit oder Pflicht

Sie schliefen nicht. Nadja döste ein wenig und wiegte dabei Talamh, Robert lag auf seinem Feldbett, die Arme unter dem Kopf verschränkt und lauschte Annes Atemzügen. Einige Male, als er hörte, wie Nadja sich aufsetzte und ihren Sohn fütterte, war er kurz davor, ihr zu sagen, was mit ihm geschehen war, aber er fand immer einen Grund, es doch nicht zu tun.

Irgendwann wurde es lauter im Dorf. Die Feuer, die über Nacht niedergebrannt waren, wurden wieder entzündet, Elfen bereiteten das Frühstück vor oder trugen volle Wassereimer von einer unterirdischen Quelle zu den Trögen, in denen sich andere wuschen. Robert konnte sie durch das Fenster beobachten.

Er sah auf seine Armbanduhr. Es war elf Uhr, aber auf dem analogen Zifferblatt ließ sich nicht erkennen, ob abends oder morgens gemeint war. In den Höhlen verlor man jegliches Zeitgefühl.

Er schlug die Wolldecke zurück, setzte sich auf und fuhr sich zweimal mit der Hand durch die Haare. Dann strich er sie glatt.

Nadja grinste ihn an. »Katzenwäsche?«

Er grinste zurück. »Besser als mit den Elfen am Trog stehen.«

Neben ihm setzte sich Anne auf. Der Feuerschein, der durch das Fenster fiel, tauchte ihr Gesicht in ein weiches, klares Licht. Ihre Schönheit traf ihn so unvorbereitet, dass er einen Moment nur da saß und sie anstarrte. Sie schien seine Blicke nicht zu bemerken, vielleicht tat sie aber auch nur so. Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich. Das lange Haar fiel ihr über die Schultern.

Erst das Öffnen der Tür riss Robert aus seinen Gedanken. Ein Elf, den er bisher nicht gesehen hatte, stand im Türrahmen. Er hatte lange spitze Ohren und einen Schnabel anstelle eines Mundes.

»Catan wünscht euch zu sprechen«, sagte er klappernd. Dann drehte er sich um und verschwand. Die Tür ließ er offen.

Nadja nahm Talamh aus der Wiege. Sie hatte ihn in eine frische Decke gewickelt.

»Sobald ich die Möglichkeit zur Flucht sehe, werde ich sie ergreifen«, sagte sie. »Ich habe mir den Weg, den wir gekommen sind, eingeprägt.«

Robert nickte und stand auf. »Ich bin dabei.«

Zu seiner Überraschung nickte Anne ebenfalls.

Catan saß an der gleichen Feuerstelle wie am Vorabend. Neben ihm lagen ein Stapel Brennholz und einige kleine Zweige. Er schichtete die Zweige in der Glut auf und pustete hinein, bis erste Flammen am Holz leckten. Als Roberts Schatten über ihn fiel, stand er auf.

»Wir müssen uns unterhalten«, sagte er. Sein Blick fiel auf Talamh, der in Nadjas Armen lag und aus großen Augen die Umgebung betrachtete. »Kommt.«

Er führte sie von den Feuern weg zum Rand des Dorfs. Robert sah einen Tunnel zwischen aufeinander gestapelten Kisten und Holzabfällen. Zwei Elfen folgten ihnen in einigem Abstand und blieben erst stehen, als Catan sie mit einer Geste dazu aufforderte. Sie waren außer Hörweite, beobachteten jedoch alles. Der Laubelf war einer von ihnen, der andere hatte eine schuppige, graue Haut und ging gekrümmt.

Catan verschränkte die Arme vor der Brust. Er war komplett in dunkles Leder gekleidet. Es knarrte bei jeder Bewegung.

»Ich habe einiges über den Elfenkanal erfahren«, sagte er. »Bandorchu hat die Ereignisse auf Island überlebt.«

Anne verzog keine Miene.

»Sie erholt sich in ihrem neuen Schloss in Tara«, fuhr Catan fort. »Fanmór hat ebenfalls überlebt und sich in sein Reich zurückgezogen.«

»Was ist mit dem Getreuen?«, fragte Anne.

»Ich weiß nichts über ihn.«

»Und was ist mit meinen Eltern, und David und Rian?« Nadjas Stimme zitterte.

»Ich habe nicht nach ihnen gefragt. Sie haben keine Bedeutung für mich.« Catans Stimme klang plötzlich kalt und fremd. Jegliche Wärme war daraus verschwunden. »Andere Dinge sind wichtiger, so zum Beispiel, dass Bandorchu ein erhebliches Kopfgeld auf dich ausgesetzt hat.«

»Kopfgeld?« Nadja zuckte zusammen und wich zurück, bis sie gegen einen Kistenstapel stieß.

Catan lächelte. »Ihr Angebot ist wirklich verlockend. Wie du siehst, leben wir hier unten nicht gerade wie Könige. Mit dem Geld könnte ich meiner Sippe vieles ermöglichen.«

Er sah Anne an. »Es ist soviel, dass man es sogar teilen könnte, sollte sich die Gelegenheit ergeben. Ich bin in der Anderswelt nicht mehr willkommen. Wenn ich sie ausliefern wollte, bräuchte ich eine Fürsprecherin, die mir den Weg zu Bandorchu ebnet. Wir gehören zum gleichen Stamm, Anne. Daher halte ich es für angemessen, wenn du mich in dieser Angelegenheit unterstützen würdest.«

Robert traute seinen Augen nicht, als Anne langsam den Kopf neigte. Fassungslos ergriff er ihren Arm, so als könne er mit der Geste ihre Gedanken unterbrechen.

»Du denkst doch nicht etwa ernsthaft darüber nach?«

»Natürlich tu ich das«, entgegnete sie. »Wenn das, was er sagt, der Wahrheit entspricht, dann wäre das Angebot sehr vorteilhaft für ihn. Und es wäre meine Pflicht, ihn zu unterstützen.«

»Wir reden hier über Nadja!« Robert wollte sie schütteln, wollte das Eis aus ihren Gedanken schlagen und die Kälte aus ihrer Stimme. Ein Teil von ihm fragte sich, wie es möglich war, dass er eine Frau liebte, die zu so etwas fähig war.

»Ich bin mir bewusst, über wen wir reden.« Anne löste sich aus seinem Griff. »Aber dir scheint nicht bewusst zu sein, mit wem du redest. Ich bin eine Dämonin, Robert. Nicht Gefühle beherrschen uns oder Elfen, sondern die Gesetze unserer Welten.«

»Aber du fühlst etwas.« Am Rande nahm Robert wahr, dass Nadja sich Stück für Stück näher an den Tunnel heranschob. Catan war abgelenkt, auch die anderen beiden Elfen achteten nur auf die Auseinandersetzung vor ihren Augen. Robert wusste, was er zu tun hatte.

»Du fühlst etwas«, wiederholte er. »Du hast Dinge für mich getan, die riskant waren und dir keinen Vorteil verschafft haben.«

»Ich hatte meine Gründe.«

»Deine Gründe waren Gefühle, verdammt noch mal!« Robert versuchte nicht zu Nadja zu blicken, um sie nicht zu verraten. »Stell dir vor, Bandorchu hätte auf mich ein Kopfgeld ausgesetzt. Würdest du mich ausliefern? Sieh mir in die Augen und sag mir, dass du das tun würdest. Dann glaube ich dir, dass du nichts fühlst und dass alles, was uns verbindet, nur in meiner Phantasie existiert.«

Anne richtete ihren Blick auf die Wand. In ihren Augen lag ein seltsamer Ausdruck, den er nicht deuten konnte.

Catan seufzte. »Ich würde das gern abkürzen.« Seine Stimme wurde lauter. »Brandubh, Naoghas, nehmt die Menschen gefangen. Tut dem Kind nichts!«

Er drehte den Kopf, doch der Platz, an dem Nadja eben noch gestanden hatte, war leer. Fluchend fuhr er herum, sah sie fast am Eingang des Tunnels stehen.

»Lauf!«, schrie Robert. Er warf sich Catan entgegen. Der Elf wich ihm aus und riss das Knie hoch. Robert glaubte den Schmerz schon zu spüren, doch seine Fäuste schossen vor, so schnell wie seine Gedanken, und hämmerten den Tritt nieder.

Catan stolperte und verzog das Gesicht.

»Brandubh!«, rief er.

Ein Ast schoss an Robert vorbei, wickelte sich um Nadjas Hüften und zog sie zurück in die Höhle. Sie reagierte, legte Talamh auf eine der Kisten und schlug wild auf das Holz ein. Brandubh stemmte sich gegen sie. Der Ast war aus seinem rechten Arm gewachsen. Nun hob er die linke Hand. Eine Liane entrollte sich wie eine Peitsche aus seiner Handfläche.

Robert stieß sich ab. Aus dem Stand überwand er die mehr als drei Meter und prallte mit voller Wucht gegen den Elfen. Der Schwung warf sie beide zu Boden. Nadja schrie auf, als sie gegen einen Kistenstapel geworfen wurde. Sperrholz krachte, Obst zerplatzte. Es roch plötzlich nach Orangen.

Die Peitsche in Brandubhs Hand zuckte auf Robert zu. Kein Mensch hätte den Schlag abfangen können, doch er griff in genau dem richtigen Sekundenbruchteil zu. Die Liane wickelte sich um seinem Arm. Mit einem Ruck riss er sie in der Mitte durch. Grüner Pflanzensaft spritzte über seine Brust. Brandubh begann zu schreien.

Robert rammte ihm den Ellenbogen in den Magen. Etwas knackte laut. Die Schreie verstummten.

Er kam auf die Beine und drehte sich um. Naoghas, der Elf mit der Reptilienhaut, ging auf Nadja zu, die verzweifelt versuchte, sich von dem Ast zu befreien. Catan stand etwas abseits, Anne ebenfalls. Sie wirkte unsicher, so als wüsste sie nicht, auf welcher Seite sie eingreifen sollte.

»Du weißt, was du zu tun hast«, sagte Catan in diesem Moment.

Robert kümmerte sich nicht um ihn. Er musste Nadja helfen. Ein weiteres Mal stieß er sich ab. Seine Muskeln gehorchten jedem seiner Befehle. Seine Fäuste bewegten sich so schnell wie die Gedanken, die sie antrieben. Er fühlte sich unverwundbar, stark und mächtig. Er fühlte sich frei.

Doch dann sah er Nadjas Blick. Sie starrte nicht den Elfen an, der zischelnd und lauernd wie eine Schlange auf sie zuging, sondern Robert. Er sah Entsetzen, Trauer, Wut und – er war sich nicht ganz sicher – etwa Mitleid?

»Ich wollte es dir sagen.« Mit einem Tritt zerbrach er den Ast, der Nadja festhielt. »Wirklich.«

Sie fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht und wich zurück, als Naoghas knurrte. Stacheln schoben sich aus seinen Wangenknochen, Schultern und Ellenbogen.

»Kümmere dich um Talamh«, sagte Robert, als er sich zwischen Nadja und den Elfen stellte. »Ich erledige das.«

Sie kletterte aus den Holzresten heraus, ohne etwas zu sagen. Naoghas sah kurz zu ihr herüber, dann konzentrierte er sich auf Robert. Der winkte ihn heran. »Na, mach schon.«

Der Schlag traf ihn unvermittelt. Etwas schlug mit solcher Macht in seinen Rücken, dass er glaubte, die Wirbelsäule würde zertrümmert. Robert wurde gegen Naoghas geschleudert, entging nur knapp dessen Stacheln.

Er rollte sich herum. Brandubh stand über ihm. Seine Fäuste waren so groß wie Bowlingkugeln und aus dunklem Holz. Sie hingen von Armen herab, die fast bis zum Boden reichten.

»Ich sterbe nicht so schnell«, sagte Brandubh.

»Gut für dich«, erwiderte Robert und trat ihm die Beine unter dem Körper weg. Der Elf konnte sich mit seinen überlangen Armen nicht halten und stürzte. Robert warf sich zur Seite. Einen Augenblick dachte er, Brandubh würde in Naoghas’ Stacheln fallen, aber der Reptilienelf kam bereits wieder auf die Beine. Er wich Roberts nächstem Schlag aus und schlug einen Haken, der ihn zwischen Nadja und Talamh brachte.

Sie griff nach einer der zerbrochenen Kisten und zog einen langen Sperrholzsplitter heraus. Drohend ging sie auf ihn zu. Der Elf blinzelte, als ob er nicht einer Gegenwehr gerechnet hätte.

Catan tauchte plötzlich neben Naoghas auf. Er schien vor Roberts Augen zu verschwimmen. Seine Kleidung löste sich auf, sein Kopf wurde größer, seine Schultern breiter. Seine Hände verwandelten sich in Pranken, sein Mund schob sich vor, wurde zum Maul.

Er ist ein Panther!, erkannte Robert.

Catan überragte ihn um mehr als einen Kopf. Er brüllte, stieß Nadja mit einer Pranke zur Seite und griff nach Talamh. Der Junge begann zu weinen. Catan packte ihn und jagte mit katzenhafter Schnelligkeit in den Gang hinein.

»Nein!«, schrie Nadja. Sie kam vom Boden hoch, den Splitter immer noch in der Hand. Naoghas versperrte ihr den Weg. Sie schlug nach ihm, aber er wich aus.

Brandubh nutzte Roberts Unaufmerksamkeit und kam ebenfalls hoch. Seine Arme verwandelten sich in ein Geflecht aus Dornen und Zweigen. Es hüllte ihn ein wie ein Kokon.

Er will den Eingang des Tunnels versperren, begriff Robert. Er warf sich gegen ihn, aber die Dornen rissen seine Haut auf und die Zweige federten den Aufprall ab. Brandubh stolperte noch nicht einmal.

Robert sah zu Nadja. Naoghas schien mit ihr zu spielen. Er trieb sie zurück, ließ sie kommen, wich ihren Stichen aus und setzte wieder nach. Sie war verzweifelt, kam aber nicht an ihm vorbei.

Als Anne hinter ihm auftauchte, blinzelte Robert nervös. Er befürchtete, sie wolle auf Naoghas’ Seite in den Kampf eingreifen, um ihre Verpflichtung doch noch zu erfüllen.

Was mache ich nur?, fragte er sich, als sie zu einer Bewegung ansetzte, und dann presste sie die Hände gegen den Kopf des Elfen und brach ihm mit einem Ruck das Genick.

»Wir rauben keine Kinder, und erst recht keine Neugeborenen«, sagte Anne laut. Dann sah sie Nadja an. »Folge Catan. Wir kümmern uns um den Rest.«

Nadja ließ den Splitter fallen und verschwand in der Dunkelheit des Tunnels.

Brandubh drehte sich, schien zu bemerken, dass er allein war. Robert näherte sich ihm von der einen Seite, Anne von der anderen.

»Oh«, sagte der Elf.

Nadja rannte durch den dunklen Tunnel. Die Schreie ihres Sohns hallten von den Wänden wider. Sie zerrissen ihr das Herz.

Der Boden war so uneben, dass Nadja immer wieder stolperte, aber sie wurde nicht langsamer. Die Sorge um Talamh trieb sie voran, löschte jeden anderen Gedanken in ihrem Kopf aus, sogar den an Roberts Verwandlung. Später, wenn ihr Sohn wieder bei ihr war, würde sie darüber nachdenken. Und Talamh würde zu ihr zurückkehren, daran klammerte sie sich. Eine Alternative gab es nicht,

Ein waberndes Licht erhellte den Tunnel vor ihr. Eine dunkle Gestalt bewegte sich darin, begann ein Portal zu erschaffen. Ihr Schatten zuckte über den Boden. Nadja rannte auf sie zu.

»Catan!«, schrie sie. »Warte!«

Der Elf drehte sich um. Seine gelben Katzenaugen leuchteten. Er hielt Talamh im Arm und strich mit einer Pranke langsam über seinen Kopf. Nadja verstand die Drohung. Abrupt blieb sie stehen. Catan war weniger als zwei Meter entfernt.

»Komm nicht näher«, sagte er.

»Bitte tu ihm nichts.« Der Klang ihrer Stimme schien Talamh zu beruhigen. Er hörte auf zu schreien.

Catan warf einen Blick auf das Portal, das neben ihm entstand. Es sah aus, als schwänge eine Tür langsam auf. Licht drang durch den größer werdenden Schlitz. Wenn Catan mit Talamh durch das Portal ging, war alles vorbei, das war Nadja klar.

»Ich komme mit dir«, stieß sie atemlos hervor. »Gib Talamh frei, dann ergebe ich mich Bandorchu. Ich werde nicht versuchen zu fliehen, du hast mein Wort.«

»Das Wort einer verzweifelten Mutter.« Catan zog die Lefzen hoch. Seine Reißzähne glitzerten feucht. »Du würdest es bei der ersten Gelegenheit brechen, um zu deinem Sohn zurückzukehren.«

»Das würde ich …«

Er unterbrach sie mit einer Geste. Sein Blick glitt an Nadja vorbei in den Tunnel hinein. Er schien etwas zu hören.

»Ich bin kein grausamer Mann«, sagte er dann. »Ich werde dich nicht bitten und betteln lassen. Talamh kommt mit mir, denn ich habe für ihn ein weitaus besseres Angebot als für dich bekommen. Das ist die Wahrheit.«

Er wandte sich dem Portal zu.

»Nein!« Nadja warf sich auf ihn, aber er war schnell, viel zu schnell. Ihre Fingerspitzen strichen noch über Fell, dann war er schon mit einem Sprung im Portal verschwunden.

»Nein …« Nadjas Beine knickten unter ihr ein. Sie sackte auf den Lehmboden, starrte wie betäubt auf das Portal in der Tunnelwand.

»Nadja!« Robert tauchte plötzlich neben ihr auf. Seine Jacke war zerrissen, blutige Striemen bedeckten seine Hände. Anne lief an ihm vorbei, ergriff zuerst seinen Arm, dann Nadjas, riss sie mit einem schmerzhaften Ruck vom Boden hoch. Der Schwung trieb Nadja auf das Portal zu – und hindurch.

5.
Wo Milch und Honig fließen

Jimmy Raunga Roimata langweilte sich.

Diese wöchentlichen Versammlungen nervten ihn. Nicht genug, dass er im Internat in New Plymouth schon immer die morgendlichen Zusammenkünfte abreißen musste – nein, sein Großvater erwartete sogar am Wochenende von ihm, dass er dabeisaß und mit der Gemeinde nicht nur den Gottesdienst, sondern auch die Angelegenheiten durchsprach, die für das Zusammenleben in Pukearuhe eine Rolle spielten und insoweit für den Ngati-Tama-Stamm von Bedeutung waren.

Der Sechzehnjährige wäre viel lieber surfen gegangen. Um diese Jahreszeit war das Wetter dafür ideal. Und heute schien auch noch die Sonne. Er konnte den Impuls, aufzuspringen, sich den Pick-up seines Onkels zu schnappen und damit an den Strand zu fahren – möglichst weit weg von Pukearuhe –, kaum unterdrücken.

Jimmy versuchte, sich etwas bequemer hinzusetzen und gab sich dabei kaum Mühe leise zu sein, doch seine Großtante, die Ehefrau des ariki, des Oberhaupts des Stammes und ihrer Würde sehr wohl bewusst, stieß ihn heftig von der Seite an.

Mit einem mauligen Stöhnen setzte Jimmy sich geräuschvoll auf. Glücklicherweise begann die Gemeinde jetzt mehr schief als schön das letzte Lied des von Brauchtum durchsetzten Gottesdienstes zu singen, die Nationalhymne. Jimmy fiel automatisch mit ein, denn er musste jeden Morgen nach dem Frühstück die Hymne anstimmen. Auch das verlangte Tamati Waka Nene von seinen Untertanen, denn er war nicht nur das Oberhaupt des Ngati-Tama-Stamms, sondern auch der tohunga, der Schamane.

Der Sechzehnjährige warf einen vorsichtigen Blick auf seine Tante Whetu, die als Frau des ariki so etwas wie die oberste Sittenwächterin war und vor ihm saß. Als er sah, dass sie ihre Augen andächtig auf ihren Gatten gerichtet hatte, der neben dem tohunga vorn stand und soeben anfing, die weltlicheren Dinge anzusprechen, die in der kleinen Gemeinde eine Rolle spielten, rutschte er wieder tiefer in die Bank. Diesmal bemühte er sich, weniger Lärm zu machen.

Jimmy hielt nichts von dem Budenzauber, wie er das nannte, den sein Großvater allsonntäglich zusammen mit seinem Bruder, dem ariki, im Versammlungshaus, dem whare hui, abhielt. Am liebsten wäre er wieder ins Internat zurückgegangen, auch wenn er sich dort langweilte. Seine Mitschüler waren bis auf ein paar coole Typen einfach nur blöd. Aber mit denen, mit Trevor, Kuri und Adam, hätte er wenigstens surfen gehen können. Eins wusste er genau – sobald er achtzehn war, würde er nach Wellington abhauen. Er, Trevor und Adam wollten am dortigen College Informatik studieren. Nur noch siebzehn Monate, die kriege ich auch noch rum, dachte er, während er sich auf einen strengen Blick von Tante Whetu hin widerwillig aufrecht hinsetzte. Der formelle Teil der sonntäglichen Versammlung war vorbei, jetzt wurde diskutiert. Onkel Tearoa sortierte seine Abrechnungen und rückte wie immer seine Brille zurecht, während er referierte, was wohl die neuen Zäune kosten würden und die Reparatur der Stromleitungen. Es wurde besprochen, wie groß die Feier zur Taufe von Cousine Huhanas Baby ausfallen würde und – zu guter Letzt – wen Tamati Waka Nene als seinen Nachfolger auswählen würde. Natürlich war es Großmutter Maata, die das Thema ansprach. Auch das war jeden Sonntag dasselbe.

Jimmy wusste, dass er die Nachfolge antreten müsste, und deshalb hörte er gar nicht hin. Jeden Sonntag hier zu stehen und über Zaunreparaturen zu reden, gehörte nicht zu seinen Zukunftsplänen. Sollte doch Bill Mokau, sein Cousin und der jüngere Bruder von Huhana, das übernehmen. Oder Jimmys ältere Schwester Mahine, der hätte das gefallen. Sie war Krankenschwester in Inglewood, vier Jahre älter als er und kannte all die Sagen und Legenden auswendig, die Großmutter Maata immer vor dem Einschlafen erzählt hatte.

Doch er war der älteste männliche Enkel und sein Großvater hatte sich bis jetzt nicht damit arrangieren können, seine Würde als tohunga einer Frau zu übergeben. Jimmy war allerdings fest entschlossen, auf diesen ganzen andersweltlichen Unsinn aus Sagen und Märchen zu verzichten. Er wusste, in Wellington oder Auckland wurden Computerexperten gesucht, und er kannte sich ein wenig mit Spieleentwicklung aus. Was gab es hier in Pukearuhe denn schon anderes zu tun, als abends World of Warcraft zu spielen oder eigene kleine Spiele zu schreiben? Und wenn es in Wellington nichts damit wurde, dann konnte er immer noch nach Sydney gehen.

Da war wenigstens was los, im Gegensatz zu seinem Heimatdorf, wo man abends die paar Bürgersteige, die es gab, hochklappte, weil angeblich Erdgeister umgingen.

Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, einmal vor der Gemeinde im Versammlungsraum zu stehen und die jährlichen Rituale im September zu vollziehen. Jimmy hielt das für rückständig. Keiner wollte doch heutzutage mehr wissen, ob in irgendeiner uralten Zeit, die keinerlei Rolle mehr spielte, eine Handvoll Maori auf einem wackligen Einbaum-Ausleger ausgerechnet bei Pukearuhe an Land gegangen war.

Und ihn interessierte auch nicht, dass unter seinen Vorfahren der berühmte Te Rangi Hiroa gewesen war und er – wie sein Großvater nicht müde wurde, zu betonen – gefälligst dessen Erbe würdig anzutreten habe. Angeödet drückte Jimmy sein Knie an die Rücklehne der Bank vor ihm, rutschte noch ein wenig tiefer und legte den Kopf in den Nacken, um die Schnitzereien am Dachfirst zu betrachten. Auch wenn er die Muster längst auswendig kannte. Wie viele Sonntage habe ich schon auf diese Art verschwendet?, fragte er sich und fand es auf einmal interessant, sie zu zählen. Es müsste so ziemlich jeder Sonntag gewesen sein, seit er auf der Welt war, also …

In diesem Moment geschah etwas Unvorhergesehenes, das Jimmy Roimata davor bewahrte, sich an jeden langweiligen Sonntag seines Lebens zu erinnern.

Es pochte laut an der Tür zum Gemeinde-Saal, mitten in die Abrechnung von Onkel Tearoa hinein.

*

Nadja rutschte auf Gras aus und taumelte. Grelles Sonnenlicht blendete sie. Ihr schossen Tränen in die Augen. Verschwommen sah sie den Panther, der mit langen Sprüngen zwischen den Hügeln verschwand. Eine Brise verwehte Talamhs Schreie.

Nadja wollte ihm folgen, aber Anne hielt sie immer noch fest.

»Er ist schneller als du«, sagte die Muse. »Du wirst ihn nicht einholen.«

»Er hat Talamh!« Nadja riss sich los. »Ich werde ihn finden, und du wirst mich nicht …«

Anne unterbrach sie. »Ich weiß, wohin Catan deinen Sohn bringen wird.« Sie streckte den Arm aus und zeigte auf einen Punkt hinter den Hügeln. »Dorthin.«

Nadja schirmte ihre Augen mit einer Hand ab und folgte der Geste. Sie standen in einem kleinen Tal zwischen einigen Hügeln. Gras bedeckte den sandigen Boden, irgendwo plätscherte ein Bach. Es war warm und trocken.

Der Punkt, auf den Anne zeigte, lag weit jenseits der Hügel. Es war ein Berg, der mächtig und grau in den Himmel aufragte. Nadja konnte seine Höhe nicht schätzen, aber der obere Teil war schneebedeckt und von Wolken umgeben. Der Gipfel fehlte, so als habe eine gewaltige Macht ihn weggesprengt und nur einen Krater hinterlassen.

Nadja kannte Bilder des Bergs, trotzdem zögerte sie, bevor sie seinen Namen aussprach. »Der … Olymp?«

Anne nickte. »So nennen ihn viele.«

Robert trat neben sie. Er richtete seinen Blick nicht auf den Berg, sondern auf eine Herde Dromedare, die in einiger Entfernung durch das Tal zog. Sie fraßen Gras und Blumen, die so gelb waren, dass sie zu leuchten schienen.

»Sind wir in der Anderswelt?«, fragte Robert, während er sich ins Gras hockte und mit der Hand über die Halme strich. »Alles ist so viel klarer als bei uns.«

Nadja wusste, dass sie nicht dort waren, sonst hätte sie über dem Boden geschwebt.

»Das ist nicht die Anderswelt.« Anne seufzte. »Jedenfalls nicht ganz.«

Sie sah sich um. »Wir befinden uns zwar in einer Sphäre der Anderswelt, aber was ihr hier seht, ist ein Traum, eine Vision, eine Welt innerhalb einer Welt.«

»Heißt das, sie ist nicht real?«, fragte Nadja.

»Wir sind darin, also ist sie real«, sagte Anne. Sie warf einen Blick in den makellos blauen Himmel. »In der Menschenwelt ist sie nur ein Traum. Ihr kennt sie vielleicht als das Reich des Priesterkönigs Johannes.«

Robert stand auf. »Die Legende aus dem Mittelalter? Natürlich kenne ich die. Sie stammt aus …«

»Können wir weiterreden, während wir gehen?«, unterbrach ihn Nadja. Seit sie wusste, was er war, brachte sie es nicht mehr über sich, Robert anzusehen.

»Natürlich.« Er wischte sich die Hände an der Hose ab. Die Wunden, die von Dornen und Zweigen gerissen worden waren, verheilten bereits.

»Sie stammt aus dem zwölften Jahrhundert«, fuhr er fort, als sie den Hügel hinaufgingen. Die Dromedare im Tal hoben kurz die Köpfe, als der Wind Roberts Stimme zu ihnen hinüber trug, grasten dann jedoch weiter. »Es begann mit Gerüchten über eine großes christliche Domäne im Osten. Dann tauchte ein Brief auf, in dem jemand, der sich Presbyter Johannes nannte, von diesem seinem Reich erzählte. Es sollte sich von Indien bis zum Sonnenuntergang erstrecken und über immense Reichtümer und wundersame Bewohner verfügen. Die Quelle der Unsterblichkeit vermutete man dort.«

Nadja wurde hellhörig. Die Geschichte des Priesterkönigs war ihr nicht fremd, aber sie hatte sich nie damit beschäftigt. Robert anscheinend schon.

»Mehrere Päpste rüsteten Expeditionen aus, um das Reich des Johannes zu finden«, erzählte Robert weiter. Er klang aufgeregt. »Keine hatte Erfolg. Man vermutete es in Indien, Afrika, China. Sogar Marco Polo suchte danach. Irgendwann erklärte man den Brief zur Fälschung und Priesterkönig Johannes zu einem Mythos.«

Er sah Anne an. »Aber er war kein Mythos, oder?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, aber er war auch nicht Priesterkönig Johannes. Diesen Namen nahm er erst an, nachdem er in der Menschenwelt so genannt wurde. Ich war damals seine Muse und half ihm bei der Erschaffung des Reichs.«

»Wer war er?«, fragte Robert.

»Ich weiß es nicht. Mir fehlt die Erinnerung an seine Identität.«

Immer dasselbe, dachte Nadja frustriert. Jede Antwort, die Anne ihnen gab, warf weitere Fragen auf, die sie nicht beantworten konnte oder wollte. Robert schien sich damit zufriedenzugeben, denn er nickte nur und ging weiter den Hügel hinauf.

Die Pranken des Panthers hatten tiefe Spuren im sandigen Boden hinterlassen. Sonnenstrahlen brachen sich in kleinen Steinen, die verstreut im Gras lagen. Nadja bückte sich und hob einen von ihnen auf. Es war ein Smaragd, so groß wie ein Daumennagel.

»Nett«, sagte Robert. »Wir hätten ein paar Taschen mitnehmen sollen.«

»Hier ist jeder reich«, erklärte Anne. »Niemand muss hungern, es gibt keine Armut. Das war eines der Dinge, die dem König bei der Erschaffung seines Reichs sehr wichtig war. Daran kann ich mich noch erinnern. Er wollte über ein Paradies herrschen, in dem niemandem etwas fehlte.«

Nadja ließ den Smaragd fallen. Sie hatten die Hügelkuppe fast erreicht. »Wenn niemandem etwas fehlt«, sagte sie, »was wollen sie dann mit meinem Sohn?«

»Nicht sie«, widersprach Anne, »er. Bei allem Reichtum: ein Kopfgeld, höher als das von Bandorchu, kann sich auch hier nur der König leisten.«

»Und ich weiß, was er will«, sagte Robert. Er stand bereits auf der Kuppe und blickte über das Land, das vor ihm lag. Nadja überwand die letzten Meter und trat neben ihn. Überrascht stieß sie den Atem aus.

Die Hügel fielen sanft hinab bis zu einer Ebene, die in der Sonne glitzerte. Nadja sah Bäume, die kahle Äste in den Himmel streckten und gelb verdorrtes Gras. Gewaltige Staubwolken wehten durch die Weite. In der Ferne stieg Rauch auf. Skelette lagen zwischen Diamanten und trockenem braunen Laub. Einige wirkten menschlich, andere animalisch, manche einfach nur fremd. Ein verrostetes Schwert steckte im Boden, daneben lag ein Helm.

Robert griff nach dem Schwert, aber es zerfiel in seiner Hand. Rost rieselte zwischen seinen Fingern hindurch.

»Die Zeit hat das Paradies erreicht.«

Sie erreichten die Ebene, als es dunkel wurde. Anne entdeckte einen kleinen Fluss mit kristallklarem Wasser. Sie trank zuerst daraus und bat Nadja, beim Trinken an etwas zu denken, das sie gern essen würde. Robert grinste, als Nadja den ersten Schluck Wasser ausspuckte, dann aber vorsichtig ein zweites Mal trank.

»Wasser, das nach Chili con carne schmeckt, ist etwas gewöhnungsbedürftig«, sagte sie und stand auf.

Er lachte. »Bist du satt geworden?«

»Ja, aber vielleicht hole ich mir gleich noch einen Nachschlag. Was willst du?«

»Danke, ich brauche nichts.« Er sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck änderte. Einen Moment lang hatte sie wohl vergessen, was er war.

»Nadja.«

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich einige Meter entfernt auf einen Felsen. Robert seufzte leise. Er zuckte zusammen, als Anne ihre Hand auf seinen Rücken legte.

»Ihr werdet nie wieder Freunde sein«, sagte Anne. Bei einem Menschen hätte das grausam geklungen, bei ihr klang es wie eine Tatsache. »Sie wird in dir immer den Vampir sehen. Sie kann dir nicht mehr vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es keine Freundschaft:«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir vertraue, dachte Robert, aber trotzdem liebe ich dich. Erkläre mir das.

Beinahe hätte er die Worte ausgesprochen, doch im letzten Moment fing er sich. »Eine simple Gleichung«, sagte er stattdessen.

Anne nickte sichtlich zufrieden, zog ihre Jacke aus und legte sie sich um die Schultern.

»Wir sollten Holz sammeln für ein Feuer, bevor es ganz dunkel wird«, sagte Nadja. Sie hatte die Knie angezogen und sah auf die Ebene hinaus.

»Nicht nötig. Es wird nicht kälter werden.« Anne zog ihre Stiefel aus. »In diesem Reich muss niemand frieren.«

Robert setzte sich. Das Gras war trocken und weich. »Kein Hunger, kein Durst, keine Armut, keine Kälte … wo ist der Haken?«

Anne legte sich die Jacke über den Kopf. »Es regnet jeden Abend um die gleiche Zeit«, sagte sie.

Sie hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, als schwere warme Tropfen aus dem plötzlich grauen Himmel fielen. Innerhalb von Sekunden wurden sie zu einem Sturzbach. Nadja sprang von dem Felsen und hockte sich unter einen Vorsprung. Robert schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Instinktiv wollte er ebenfalls Schutz suchen, doch dann fiel ihm ein, dass er nicht mehr krank werden konnte. Er stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah dem Regen zu. Es war ein perfekter Regen mit perfekten Tropfen, die in perfekten geraden Fäden fielen.

Nur einen Lidschlag später wechselte das Wetter. Der Regen versiegte, als habe man die Fäden durchgeschnitten. Abendrot senkte sich über die Ebene.

»Aber es dauert nie lange«, schloss Anne und schüttelte Wasser aus ihrer Jacke.

»Du weißt all das.« Nadja kam näher heran. Regentropfen glitzerten in ihren Haaren. »Aber du weißt nicht, wer dieses Reich erschaffen hat?«

»Das ist richtig.«

Robert sah Nadjas Misstrauen. »Es wird sich bestimmt alles klären, wenn wir den Berg erreicht haben«, sagte er, ohne es selbst zu glauben. Der Olymp ragte majestätisch jenseits der Ebene auf. Die Entfernung ließ sich nicht schätzen. Vielleicht waren sie ein paar Tage von ihm entfernt, vielleicht ein paar Monate.

Wenn Zeit hier überhaupt eine Rolle spielt, dachte Robert, als er sich wieder ins Gras setzte. Der Boden war nicht mehr feucht. Das Erdreich schien den Regen vollständig aufgenommen zu haben.

»Wieso will Catan zum Olymp?«, fragte Nadja unvermittelt.

Anne zog ihre Jacke an. »Der Palast des Königs liegt am Fuß des Bergs.«

»Und wie will er Talamh bis dahin ernähren?«

»Nadja.« Anne klang ungeduldig, machte dann jedoch eine Pause und fuhr ruhiger fort. »Er wird nicht zulassen, dass deinem Sohn etwas geschieht. Der König wird das Kopfgeld nur zahlen, wenn Talamh lebt. Was sollte er mit einem toten Säugling anfangen?«

Robert verzog das Gesicht. Ihre Wortwahl war nicht gerade taktvoll.

»Und was will er mit einem lebenden?« Nadjas Stimme zitterte.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Anne.

Ihre Worte hingen in der Luft. Die Unterhaltung brach ab.

Es wurde rasch dunkel. Nadja legte sich unter den Felsvorsprung und drehte sich auf die Seite, die Arme um den Körper geschlungen. Robert wusste, dass sie Angst um ihren Sohn hatte, doch helfen konnte er ihr nicht. Sie sprach ja noch nicht einmal mehr mit ihm.

Anne legte sich neben ihm ins Gras. Sie hatte Recht behalten. Die Nacht war kaum kühler als der Tag. Robert sah in den schwarzen, lichtlosen Himmel.

»Es gibt keine Sterne«, sagte er.

Anne schüttelte den Kopf. Die Geste war kaum zu sehen. »Der König wollte nicht, dass sich seine Untertanen nach den Sternen sehnen, also erschuf er ein Reich ohne.«

»Er klingt nicht ganz gesund. Geistig, meine ich.« Robert stützte sich auf die Ellenbogen. Er spürte die Wärme, die von der Muse ausging und hörte ihren Atem. »Weißt du wirklich nichts über ihn?«

»Nein. Wenn ich versuche, an ihn zu denken, stoße ich gegen eine Wand.« Der Gedanke schien sie zu verstören.

Robert nahm ihre Hand. Anne drehte sich zu ihm. Es war dunkel, trotzdem konnte er ihr Gesicht erkennen.

»Cool«, sagte er.

Sie runzelte die Stirn. »Was?«

»Ich kann im Dunkeln besser sehen.«

»Nicht besser als ich.«

»Ich würde es nicht wagen, etwas besser zu können als du.« Er lächelte, Anne nicht. Ihre Mimik war ausdruckslos, nur ihre Augen musterten ihn, glitten über sein Gesicht, dann über seinen Körper. Sie drückte seine Hand so fest, dass es weh tat.

Oh Gott, wie sehr möchte ich mit ihr schlafen, dachte Robert. Er drehte den Kopf. Nadja lag keine drei Meter entfernt. Er hörte ihren Atem. Sie war wach.

»Ich bin müde«, sagte er rasch. Es war weniger eine Aussage als ein Befehl, den er an seinen Körper richtete.

Anne ließ seine Hand los. »Ich auch.« Ihre Stimme klang rau. Sie räusperte sich. »Gute Nacht.«

Sie schloss die Augen.

Robert ließ sich ins Gras fallen und seufzte leise. Der Himmel über ihm war so schwarz und leer, dass er glaubte hinein zu stürzen. Er drehte sich auf die Seite, schloss die Augen, öffnete sie jedoch wieder, als ihm plötzlich ein Gedanke kam.

»Sollten wir nicht Wache halten?«, fragte er.

Er wartete einen Moment, aber weder Anne noch Nadja antworteten. Robert hob die Schultern und versuchte zu schlafen.

Als er die Augen das nächste Mal öffnete, dämmerte es bereits. Er setzte sich auf. Anne schlief neben ihm, der Platz unter dem Felsen, an dem Nadja gelegen hatte, war leer. Einen Augenblick lang befürchtete er, sie habe sich auf eigene Faust auf die Suche nach Talamh gemacht, doch dann sah er sie an dem kleinen Bach hocken. Sie hatte die Jacke ausgezogen und wusch sich das Gesicht.

Robert stand leise auf, um Anne nicht zu wecken. In manchen Situationen war es besser, ohne sie zu handeln. Dies war eine solche Situation.

»Ich hoffe, es schmeckt nicht immer noch nach Chili con carne«, sagte er, als er neben Nadja trat. Sie zuckte zusammen, hatte ihn wohl nicht gehört. Dann sah sie auf. Wasser lief über ihr Gesicht.

»Es schmeckt nach Minze.« Sie trocknete sich mit ihrer Jacke ab und stand auf.

»Nadja, wir müssen reden.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, müssen wir nicht.«

Robert ergriff ihren Arm, aber sie sah ihn so wütend an, dass er wieder losließ. »Okay«, sagte er. »Dann muss ich eben reden. Wirst du mir wenigstens zuhören?«

»Wozu?« Sie hielt seinen Blick. »Damit du sie in Schutz nehmen kannst? Damit du Entschuldigungen dafür finden kannst, dass sie dich in ein Ungeheuer verwandelt hat?«

Sie wurde immer lauter, schrie beinahe. Robert hatte sie noch nie so wütend erlebt.

»Jeder hat dich gewarnt. David, ich … wir alle wussten, was früher oder später geschehen würde. Aber du wusstest es ja besser. Und jetzt sieh, was sie aus dir gemacht hat. Du bist tot, Robert! Sie hat dich umgebracht!«

Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Es war nicht so, wie du denkst. Sie hat …«

»Und du nimmst sie trotzdem noch in Schutz.« Die Wut verflog aus Nadjas Stimme. Resignation trat an ihre Stelle. »Nach allem, was sie getan hat und …«

Robert unterbrach diesmal sie. »Nadja, ich habe Anne darum gebeten.«

»Was hast du?«

Er rieb sich mit einer Hand den Nacken. »Es gab keine andere Möglichkeit. Ich wäre gestorben, wenn sie es nicht getan hätte, und sag nicht, ich sei tot. Wenn die Blutgräfin mich gebissen hätte, wäre ich wirklich zu einem Ungeheuer geworden.«

»Und was bist du jetzt?«, fragte Nadja. Sie wischte sich mit einer ärgerlichen Bewegung die Tränen aus den Augen.

Er hob die Schultern. »Ich weiß es nicht. Niemand weiß es, selbst Anne nicht.«

Die Muse war aufgewacht und lauschte mit ausdruckslosem Gesicht der Unterhaltung. Robert war froh, dass sie sich nicht einmischte.

»Aber ich weiß, dass ich kein Ungeheuer bin«, fuhr er fort. »Ich laufe nicht herum und beiße Leute. Ich bringe niemanden um.« Er lächelte. »Es hat sich nichts geändert, Nadja, abgesehen von all dem Superheldenzeug.«

Sie antwortete nicht darauf, aber sie wandte sich auch nicht ab.

Ein Anfang, dachte er.

»Jemand kommt«, sagte Anne und stand auf. Ihr Blick richtete sich auf die Ebene. Robert sah nichts außer Staub und Sand. Bist du sicher?, wollte er fragen, doch da schälten sich bereits Gestalten aus dem Dunst.

Sie waren zu zweit und ritten auf Pferden. Robert hörte Metall klirren und kniff die Augen zusammen.

»Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet«, sagte er, als die Reiter näher kamen. Ihre Rüstungen blitzten in der Sonne. Sie trugen Helme, Kettenhemden, Brust- und Beinpanzer. Die Visiere waren geöffnet, ihre bärtigen Gesichter staubgrau. Die Pferde, auf denen sie ritten, waren groß und ebenso gepanzert wie sie selbst.

»Ritter?« Nadja hob die Augenbrauen.

Robert nickte. »Sieht so aus.«

Die beiden Männer kamen näher. Ihre Rüstungen saßen schlecht, klapperten, knirschten und quietschten bei jeder Bewegung. Ein paar Meter vor Robert zügelten sie ihre Pferde. Die Staubwolke legte sich.

»Wer seid ihr?«, fragte der Größere der beiden. Er hatte nur ein Auge und sprach mit einem merkwürdig kehligen Akzent.

Anne trat vor. »Wir sind Reisende.«

Die Männer sahen sich an. Eine lautlose Unterhaltung schien sich zwischen ihnen abzuspielen, dann zogen sie gleichzeitig ihre Schwerter.

»Ihr lügt«, sagte der Einäugige.

Mit einem wilden Schrei trieb er sein Pferd voran. Robert stieß Nadja zur Seite. Die Flanke des Pferdes traf seine Schulter, wirbelte ihn herum. Er stürzte. Das Wasser des Bachs schlug über ihm zusammen. Es schmeckte nach Minze.

Prustend kam er hoch und duckte sich sofort wieder, als eine Schwertklinge auf seinen Kopf zu schoss. Pferdehufe wühlten Wasser und Schlamm auf. Der Einäugige fluchte.

Im nächsten Moment saß Anne hinter ihm im Sattel. Mit beiden Fäusten schlug sie in seinen Nacken, traf aber nur die Rüstung. Er drehte das Schwert in seiner Hand und stach nach ihr. Sie wich der Klinge aus, klammerte sich an ihn und versuchte, ihm den Helm vom Kopf zu reißen.

Das Pferd tänzelte nervös und wieherte. Robert sah das Weiße in seinen Augen, als er sich aus dem Bach kämpfte. Die Kleidung hing schwer von seinem Körper. Sein Blick fand Nadja. Der zweite Reiter trieb sie vor sich her. Sie wich ihm aus und schlug Haken, um Hufen und Schwert zu entgehen.

Einen Moment zögerte Robert, wusste nicht, wem er helfen sollte.

Scheiße, dachte er, dann riss er sich die Jacke vom Leib und lief auf den Reiter zu, der Nadja angriff. Der Mann sah ihn, bevor er an ihn herangekommen war und wendete sein Pferd. Er griff hinter sich und zog einen Morgenstern aus einer Satteltasche.

»Zum Ruhme Gottes!«, brüllte er. Dann klemmte er sich die Zügel zwischen die Zähne und gab seinem Pferd die Sporen.

Robert blieb nicht stehen. Ein Teil von ihm achtete auf den Morgenstern, den der Ritter über seinem Kopf schwang, ein anderer auf das Schwert in seiner rechten Hand. Die Hufe des Pferdes pflügten den Boden auf, schleuderten Gras und Sand in die Luft. Es war keine vier Meter entfernt, dann drei, zwei. Robert stieß sich ab.

Der Sprung katapultierte ihn über den Kopf des Pferdes. Er sah die Überraschung in den Augen des Ritters, dann prallte er auch schon gegen ihn. Metallplatten schlugen krachend aufeinander. Der Morgenstern wurde dem Ritter aus der Hand geprellt und flog durch die Luft. Robert schlug mit dem Kopf gegen eine gepanzerte Schulter. Scharfer Schmerz zuckte bis in sein Genick. Die Umgebung verschwamm. Er sah den roten Himmel über sich, die Rüstung unter sich, dann schlug er auf.

Der Ritter stöhnte. Hufe bohrten sich neben seinem Kopf in das Gras. Sein reiterloses Pferd wieherte und galoppierte davon.

Robert schüttelte sich benommen. Er lag halb auf dem Ritter und halb auf dem Boden. Ein eiserner Handschuh blitzte vor ihm auf. Er wollte ausweichen, doch sein Körper reagierte langsam, wie der eines Betrunkenen. Die Faust traf seine Schläfe. Knochen knirschten in seinem Kopf.

Er sackte zusammen, spürte, wie der Ritter ihn von sich schob, hörte, wie er grunzend hochkam. Dann klärte sich sein Blick. Der Mann hielt einen Dolch in beiden Händen und kniete vor ihm. Er grinste.

»Zum Ruhme Gottes«, sagte der Ritter atemlos.

Er holte aus. Die Klinge des Dolchs blitzte im roten Morgenlicht.

Es knallte.

Robert blinzelte, als der Mann innehielt. Seine Augen füllten sich mit Blut. Er öffnete den Mund, schloss ihn und kippte nach vorn. Die Klinge bohrte sich neben Robert in den Sand. Der Ritter fiel darauf. In seinem Helm steckte der Morgenstern.

Nadja stand schwer atmend hinter ihm. »Ist er tot?«

»Ja«, sagte Robert. Die Benommenheit wich langsam von ihm. Tot konnte er wirklich nicht sein, so, wie er sich fühlte. Er kam auf die Beine und sah sich nach dem zweiten Ritter um. Seine Augen weiteten sich, als er sah, wie Anne einem Schwerthieb im letzten Moment auswich. Der Ritter war vom Pferd gesprungen, setzte ihr mit Schwert und Dolch zu. Immer wieder versuchte sie seine Deckung zu durchbrechen, aber er war zu gut.

Robert drehte sich zu Nadja um. »Bleib hier«, sagte er, dann sprang er mit einem Satz über den Bach. Der Ritter wandte ihm den Rücken zu. Unbemerkt schlich Robert sich an. Ihn trennten noch mehrere Meter von seinem Gegner.

Der Ritter täuschte einen Schwertschlag an und setzte mit dem Dolch nach, als Anne ausweichen wollte. Sie ließ sich fallen. Der Stoß ging über sie hinweg, doch ein Tritt des Ritters traf sie in den Magen, warf sie auf den Rücken.

Der Mann brüllte triumphierend und hob sein Schwert.

»Anne!«, schrie Robert entsetzt. Etwas zischte an seiner Schulter vorbei. Der Ritter wurde ins Gras geschleudert und blieb reglos liegen. In seinem Rücken steckte ein Speer.

Robert fuhr herum, während Anne sich aufrichtete. Nadja stand nur ein paar Schritte entfernt. Vor ihr ragte ein gepanzertes Reittier auf. Es war größer als ein Pferd, aber ähnlich gebaut. Zwei geschwungene Hörner ragten seitlich aus seinem Kopf. Unter der Rüstung war es schwarz. Blaue Augen blitzten zwischen dem Metall.

Ein Ritter saß in einem hölzernen Sattel, die Hände auf den Knauf gelegt, die Zügel locker in der Hand. Er wirkte zu klein für das Tier, wie ein Kind, das man auf einen Ackergaul gesetzt hatte. Das Visier seines Helms war geschlossen. Ein Schwert hing an seinem Gürtel, eine Armbrust auf seinem Rücken. Er trug einen verstaubten, ehemals weißen Waffenrock, auf dem ein leuchtend roter Hammer abgebildet war. Rechts und links des Hammers waren zwei ebenso rote Symbole zu sehen: Alpha und Omega.

Der Ritter löste einen Lederriemen unter seinem Kinn, dann zog er sich mit beiden Händen den Helm vom Kopf. Sein Haar war so kurz, dass es wie ein dunkler Schatten wirkte. Graue Bartstoppeln bedeckten sein Gesicht. Eine Narbe zog sich von seiner linken Wange bis zum Kinn. Seine Augen waren so blau wie die seines Reittiers.

Er stellte den Helm auf seinen Oberschenkel und stützte sich mit dem Ellenbogen darauf.

»Beim brennenden Inferno«, sagte er, »wo kommt ihr drei Narren denn her, und wie habt ihr es geschafft, bis hierher zu überleben?«

Robert verzog das Gesicht. »Nun …«, begann er.

6.
Die Maori

»Rian! Wir sollten uns überlegen, was …«

»Wir gehen jetzt da rein, David.«

»Du kennst die Menschen. Sie mögen es nicht, wenn sie bei ihren Ritualen unterbrochen werden, und das hört sich ganz danach an.«

»Sie haben aufgehört zu singen und unterhalten sich. Ich denke, wir dürfen stören.«

»Und was willst du ihnen erzählen?«

»Gar nichts. Ich werde fragen, wo wir hier sind und alles Weitere wird sich ergeben.« Rian sah sich kurz um und pochte an die kunstvoll geschnitzte Tür.

Die lebhaften Diskussionen brachen auf einen Schlag ab. Dann waren schwere Schritte zu hören, die sich den beiden Türflügeln näherten. Das Tor wurde aufgerissen und die Zwillinge sahen sich einer Menschenmenge gegenüber, die sie mit zunehmendem Staunen betrachtete.

Kein Wunder. Zwei so hochgeschossene, schmale, bleichhäutige und blonde Wesen wie die Zwillinge gab es hier bestimmt nicht oft. David und Rian starrten die braunhäutigen Menschen nicht minder verdutzt an.

Für ein paar Sekunden herrschte Totenstille, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Von den Männern waren viele tätowiert, einige trugen nur einen traditionell wirkenden Wickelrock. Diese Menschen hier sahen anders aus als alle, denen die Zwillinge je begegnet waren. Sie hatten schon Schwarzhäutige gesehen, und Mandeläugige, aber solche wie diese – noch nie.

David fühlte sich wieder so fremd und annähernd hilflos wie damals, als sie zum ersten Mal den Boden von Paris betreten hatten.

»Ja, bitte?«, fragte jemand in stark akzentuiertem Englisch. »Wer seid ihr?«

Ein alter Mann schon sich nach vorn, der außer einem weißblau gemusterten Wickelrock und einem riesigen jadegrünen Amulett auf der mächtigen Brust nichts trug. Sein Gesicht war zur Hälfte mit verschlungenen Ornamenten tätowiert. Mit seinem weißen Haar und dem stechenden Blick sah er sowohl respekteinflößend als auch auf eine seltsame Weise vertrauenerweckend aus. Hinter ihm standen einige Dorfälteste, darunter Frauen, eine der jüngeren hielt ein Baby auf dem Arm, das jetzt mitten in die Stille hinein anfing, laut zu weinen.

Was David umgehend an Talamh erinnerte.

Doch das Kind beruhigte sich schnell wieder, als die Mutter leise auf es einsprach.

Rian räusperte sich. »Tut mir leid, wenn wir stören«, sagte sie auf Englisch. »Aber unser Auto ist hier in der Nähe gestohlen worden. Mein … mein Freund hier und ich waren auf einer Campingtour und wir sind ausgeraubt worden.«

David lobte sie insgeheim. Das war eine halbwegs plausible Geschichte. In der Nähe des Strandes, an dem sie sich nach dem Übergang durch das Portal wiedergefunden hatten, hatte sich außer diesem winzigen Ort keine Spur irgendeiner menschlichen Ansiedlung gezeigt. Es konnte gut sein, dass sie tatsächlich nur an einem stillen Fleckchen Erde einen einsamen Abenteuer-Urlaub hatten verbringen wollen. Sowas erlebten diese Leute hier sicher öfter.

Im Hintergrund sagte eine der alten Frauen etwas in einer anderen Sprache. David runzelte kurz die Stirn; diese Sprache hatte er schon einmal gehört – im Fernsehen, wahrscheinlich. Und dann fiel es ihm ein.

»Sie sprechen Maori«, wisperte er seiner Schwester in der Elfensprache zu – was die Menschen konnten, konnten sie auch –, »das Land hier heißt Neuseeland, glaube ich. Wo sie diesen Film gedreht haben, du weißt schon, den Dreiteiler, der Weihnachten letztes Jahr im Fernsehen kam, als wir noch in Venedig waren … stundenlang hat der gedauert, und Nadja und du, ihr wart gar nicht mehr von der Glotze wegzukriegen. Ihr habt tonnenweise Nougat verdrückt und Taschentücher verbraucht.«

»… irgendwas mit einem Ring?«, gab sie zurück. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. »Natürlich! Der Herr der Ringe! Du hast Recht, das sind die …« Sie versetzte ihrem Bruder einen leichten Stoß, als sie merkte, dass die Menschen sie erneut anstarrten.

David sah aufmerksam von einem zum anderen. Der alte Mann, der die erste Frage an Rian gerichtet hatte, drehte sich um und antwortete mit ruhiger Stimme auf das, was die alte Frau, deren graumelierte Haare ordentlich aufgesteckt waren, vorgebracht hatte. David hatte nicht genau verstehen können, was die Frau gesagt hatte. Seiner Elfenzunge gelang es rasch, sich andere Sprache anzueignen, aber so schnell war sie dann auch wieder nicht. Sie schienen heftig darüber zu debattieren, was man wohl mit diesen beiden seltsamen Fremden tun sollte.

Er ergriff Rian am Arm. »Wir sollten gehen«, sagte er leise.

Sie blieb stehen. »Warum?«

»Nun, wir wissen jetzt, wo wir sind. Also machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Portal, das wir mit diesen Informationen leichter finden können, und verschwinden.«

»David, ich habe Hunger, ich bin verletzt, schmutzig und müde. Ich möchte die Menschen um Gastfreundschaft bitten. Wir brauchen beide Erholung, bevor wir uns auf die Suche nach Nadja machen können. Oder überhaupt auf die Suche nach einem Portal.«

»Sie werden uns nichts geben. Sieh sie dir doch an! Sie lassen uns immer noch auf der Schwelle stehen.« David zog beharrlich an Rians Arm, aber sie setzte sich zur Wehr. Also gab er nach, es sollte nicht zu auffällig werden.

Immer mehr der Anwesenden schienen sich in die Diskussion des Tätowierten und der Frau einzumischen, bis schließlich die ganze Gruppe ihre Meinung kundtat. David nahm an, die beiden Älteren seien Mann und Frau. Auch wenn er bisher nur Bruchstücke der Konversation verstand, der Klang der Worte ließ auf enge Vertrautheit schließen, und auf häufige Auseinandersetzungen, wie unter einem alten Paar eben so üblich. Als bestes Beispiel dafür waren Fabio und Julia Oreso vorangegangen.

Schließlich mischte sich ein Halbwüchsiger in die Diskussion ein. Im Gegensatz zu den meisten anderen trug er normale Kleidung, wie Jugendliche sie wohl in jedem Land der Erde trugen: Eine etwas zu weite Jeans, die ihm mehr schlecht als recht auf den Hüften hing, ein abgetragenes rotes T-Shirt, auf dem ein stilisierter Totenkopf zu sehen war. Darunter stand: No Frag 2day, Frag 2morrow. Auf dem strubbligen schwarzen Haar saß eine speckige Baseballkappe mit der Aufschrift: Haunalea High School.

Nachdem er die anderen offenbar unverblümt auf Maori angefahren und damit überraschend für Ruhe gesorgt hatte, drehte sich der Junge um, kratzte sich etwas verlegen hinter dem Ohr und sah Rian an. »Klingt ja wirklich voll blöd, was euch da passiert ist«, sagte er auf Englisch. Sein Dialekt war – auch wenn er breiter klang, als es Rian und David gewohnt waren – gut zu verstehen. »Wo genau habt ihr denn zelten wollen?«

Rian sah ihn mit einem schmelzenden Blick an und verlieh ihrer Stimme einen süßen und bittenden Klang. Dabei hätte sie gar nicht so dick auftragen müssen, der Junge war sowieso schon hin und weg von ihr.

»Wir sind ungefähr zehn Kilometer in dieser Richtung«, sie wies hinter sich, »am Strand gewesen. Wir fanden’s toll, unter offenem Himmel im Sand zu schlafen, aber da kamen diese Räuber und haben uns mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, ihnen alles zu geben, was wir hatten, selbst unsere Schlafsäcke! Und dann haben sie uns noch verprügelt, damit wir ihnen nicht folgen konnten!«, fügte sie hinzu, packte kurz entschlossen Davids Arm mit der Schnittwunde und hielt ihn dem Ältesten unter die Nase. »Seht – die hatten sogar ein Messer. Mir haben sie aufs Knie geschlagen. Es ist geschwollen und mein Knöchel verstaucht!«

Die Runde schwieg. Der Junge sah unsicher aus und schien etwas Mitfühlendes sagen zu wollen, doch ein Blick des Ältesten brachte ihn zum Schweigen.

»Kommt mit hinüber in mein Haus. Raunga, du kommst mit«, sagte er und schritt nach einem kurzen Blick auf Rian und David würdevoll an beiden vorbei. Der Junge lächelte ein wenig schief und nickte kurz, dann folgte er dem Häuptling.

Oder wer auch immer der Alte sein mag, dachte David.

Rian atmete kurz durch und folgte dem Jungen, der hinüber zu einem Haus ging, das dem Versammlungshaus gegenüberlag. Es war von einem Vorgarten mit Gemüsebeeten und einer Veranda umgeben und schien neu geweißelt. An den Giebeln wies es die gleichen geheimnisvollen und schönen Schnitzereien auf wie das Versammlungshaus.

Drinnen war es so ordentlich, dass man vom Boden hätte essen können. Rian sah sich staunend um. Sie selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen, täglich ihre Sachen zusammenzuräumen oder zu putzen. Dafür gab es doch Diener, und in der Menschenwelt erledigten das Grog und Pirx. Sie stieß David, der hinter ihr ging, den Ellbogen in den Bauch. »Sieh dich um. Ist ja wirklich sehr ordentlich hier, ganz anders als bei Nadja«, wisperte sie. Doch David hatte keine Zeit zu antworten, denn der Häuptling drehte sich um und hob die Hände.

»Bitte setzt euch hier an den Tisch. Meine Frau wird Kaffee kochen, dann könnt ihr uns eure Geschichte erzählen«, sagte er. Hinter ihm waren beinahe alle Teilnehmer der Dorfversammlung mit ins Haus gekommen. Jedenfalls hatte Rian auf den ersten Blick diesen Eindruck, aber als sie sich freundlich lächelnd zu den Leuten umsah, bemerkte sie, dass gar nicht alle in der Wohnküche Platz hatten und sich bis hinaus auf die Veranda drängten. Doch die beiden älteren Herrschaften schien das nicht zu stören.

»Bitte.« Die Stimme des Alten klang bestimmt und nicht so, als würde er Widerspruch dulden. Rian und David ließen sich prompt auf den zugewiesenen Stühlen nieder. Mit an den Tisch setzten sich der Junge, den der Alte Raunga genannt hatte, und noch ein würdiger alter Mann, von dem Rian annahm, dass er eng mit dem Jungen und mit dem Hausherrn verwandt war – alle drei sahen sich ähnlich.

Würdevoll nahm der Alte am Kopfende des Tisches Platz und verschränkte die Finger vor sich ineinander. Er saß sehr aufrecht und musterte die beiden Fremden eingehend. Nicht unfreundlich, wie Rian bemerkte.

»Ihr braucht also Hilfe. Die geben wir euch natürlich gern«, sagte der Alte und sah dabei Rian an. Kein Wunder, denn David hatte noch nicht ein Wort gesagt. Und vielleicht war es auch besser, dass er es nicht tat, schoss es Rian durch den Kopf. Doch sie ließ sich diesen Gedanken nicht anmerken und sah den Alten am Kopfende des Tisches offen und freundlich an.

Ein ungutes Gefühl meldete sich, als er wieder eine lange Pause einlegte. Er erwiderte ihren Blick zwar freimütig, doch Rian hatte den Eindruck, dass er tiefer in sie hineinsah, als sie es wollte. Sie verscheuchte den Gedanken und bedankte sich so höflich, wie es nur möglich war.

Der alte Mann nickte und nahm einen Becher entgegen, den seine Frau ihm reichte. Sie hatte sich eine Weile an ihrer Kaffeemaschine zu schaffen gemacht und den Jungen, Raunga, mit ein paar gezischten Worten und einem bösen Blick dazu gebracht, ihr zu helfen.

Raunga half nun, Kaffeegeschirr auf dem Tisch zu verteilen und warf dabei immer wieder verstohlene Blicke auf die beiden Gäste. Rian war sich bewusst, dass sie auf den Jungen nicht nur deshalb so eindrucksvoll wirkte, weil er Fremde selten sah. Sie war immer geschmeichelt, wenn sie erkannte, was für eine Wirkung sie auf Männer hatte – egal welchen Alters. Aber dieser hier war noch sehr jung, er stand gerade erst am Beginn der Mannwerdung.

Trotzdem war es sinnvoll, ihn auf ihrer Seite zu wissen. Auch wenn das Stammesoberhaupt wichtiger war, das sie nach wie vor mit unerschütterlicher Ruhe musterte. Rian konzentrierte sich wieder auf ihren Gastgeber und nahm sich eine Tasse Kaffee.

»Ich bin Rian, und das ist mein Bruder David Bonet. Wir leben in Paris«, improvisierte sie. »Wir haben einen ganz normalen Urlaub verbracht, bis uns diese Räuberbande überfallen hat.«

Der Alte nickte, aber er verzog keine Miene. »Ich bin Tamati Waka Nene, der tahunga. Ich bin der Oberpriester dieses Stammes. Meine Frau Maata macht gerade den Kaffee.«

Also hatte sie recht vermutet, die Grauhaarige war seine Frau.

Der Reihe nach stellte er alle vor, die sich mit ihnen an den Tisch gesetzt hatten. Da waren der ariki Teramati, das Oberhaupt, Onkel Tearoa und Tante Whetu. »Und meinen Enkel Raunga seht ihr hier.« Das wurde mit einer gewissen Missbilligung gesagt, das war klar erkennbar. Dem Jungen gefiel das auch nicht sonderlich, Rian sah genau, dass er die Augen verdrehte und seinem Großvater einen genervten Blick zuwarf. »Opa, mein Name ist Jimmy, das weißt du doch!«, murmelte er und Rian bemerkte amüsiert, dass er rot wurde, als er ihr einen verstohlenen Blick zuwarf. Allzu heftig wollte er seinem Großvater, ganz klar eine Respektsperson für so ziemlich jeden hier im Raum, dann doch nicht widersprechen.

»Du bist mein Enkel und damit mein Nachfolger«, bemerkte Tamati Waka Nene ein wenig störrisch, doch da mischte sich schon seine Frau ein. »Eure ständigen Streitereien über dieses Thema interessieren die beiden jungen Leute hier sicher gar nicht«, sagte sie energisch und stellte mit einem entschuldigenden Blick eine Zuckerdose auf den Tisch.

Rian wollte sich die Dose heranziehen und verzog das Gesicht, als sie kurzer Schmerz am Arm durchzuckte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie David ebenfalls die Stirn runzelte.

Die Atmosphäre hier am Tisch ist seltsam, dachte sie. Sie räusperte sich und nahm einen Schluck von dem Kaffee. Dankbar schenkte sie Maata Waka Nene einen Blick. »Ein sehr guter Kaffee, Madam«, sagte sie und wandte sich dann wieder an Tamati. »Vielleicht können Sie uns zum nächsten Motel bringen? Oder uns zumindest ein Telefon zur Verfügung stellen.« Sie hatte sich überlegt, Tom in München anzurufen, vielleicht wusste er darüber Bescheid, was in Island geschehen war. Nadjas Telefonnummer kannte sie zum Glück auswendig, also würde sie auf den Anrufbeantworter sprechen und warten, bis Tom zurückrief. Vielleicht hatte er auch einen Rat, wie sie weiter vorgehen sollten.

Wieder schwieg der Alte und sah Rian mit diesem seltsam wissenden Blick an, der ihr von Mal zu Mal unheimlicher wurde. Sie dachte an Davids Befürchtungen, dass der Getreue irgendetwas damit bezweckt hatte, sie beide ausgerechnet an diesen Ort zu schicken.

Es gibt auch noch die Möglichkeit, dass wir hier gelandet sind, weil es am weitesten weg ist von Nadja, Talamh und den anderen, die die Schlacht auf Island überlebt haben. Falls dort überhaupt jemand überlebt hat. Aber das wird uns nicht lange hier halten. Mit ein bisschen Elfenzauber bringe ich diese Leute schon dazu, uns zu helfen – ich muss mich nur erst erholen.

Sie sah sich um und lächelte die Umstehenden so freundlich wie möglich an. In dieses Lächeln legte sie wieder allen elfischen Charme, den sie aufbringen konnte. Immerhin dürfte den Maori unbekannt sein, was Elfen waren. Sie glaubten sicher an andere Dinge, sodass sie etwaige Seltsamkeiten nicht allzu abergläubisch bewerteten.

»Erzählt uns genau, was passiert ist«, sagte Tamati mit würdevollem Ton und vollzog eine Geste, die deutlich machte, dass er eine etwas ausführlichere Geschichte von Rian erwartete, als sie bisher geliefert hatte. »Wir können euch am besten helfen, wenn wir genau wissen, was passiert ist. Von Straßenräubern dieser Art haben wir hier an der Küste um New Plymouth herum noch nie gehört. Bevor wir Officer Spencer in Waitara Bescheid geben, müssen wir genau wissen, ob uns und unseren Schafherden draußen Gefahr droht. Denn so, wie Sie es vorhin kurz berichteten, scheint es sich um herumstreunende Jugendliche zu handeln, die alles zerstören, was nicht niet- und nagelfest ist.« Tamati Waka Nene runzelte die Stirn und sah seinen Bruder Teramati an, der ihm mit ernster Miene zunickte.

»Tamati hat recht. Das scheint eine gewichtige Bedrohung zu sein, von der ihr berichtet. Erzählt genau.«

Rian starrte die beiden Alten für einen Moment entgeistert an und wechselte dann einen unbehaglichen Blick mit ihrem Bruder, der kaum merklich mit den Achseln zuckte.

Diese Menschen schienen freundlich zu sein und es gut zu meinen. Es war eine Sache, sie nicht mit dem Kampf gegen den Fenriswolf, der Widersacherin Bandorchu und der Suche der Elfen nach der Unsterblichkeit zu behelligen, und deshalb auf eine vage Notschwindelei auszuweichen, aber nun wuchs es sich zu einer immer mehr Konsequenzen tragenden Lüge aus – die darüber hinaus den Leuten richtig angst zu machen schien. Da mochte Tamati noch so ruhig und gemessen dreinschauen, verbergen konnte er das nicht.

Davids Blick zeigte ihr, dass er das Gleiche dachte wie sie. Da müssen wir durch, das war von dem Moment an abzusehen, in dem wir auf der Schafweide gelandet sind, schien er zu sagen. Nichts anderes war vom Getreuen zu erwarten. Immerhin sind wir nicht schuld.

Na ja, es mag zwar pathetisch klingen, aber wir können froh sein, dass die Welt nicht untergegangen ist, dachte Rian ein wenig niedergeschlagen. Also überstehen wir das auch.

Sie atmete wieder durch und begann, eine Geschichte voller gemeiner Schlägertypen, nächtlicher Fährnisse und eigener Unschuld und Arglosigkeit zu erzählen.

7.
Artair

Sein Name war Artair. Sein Reittier bezeichnete er als Cosgrach, aber Nadja war sich nicht sicher, ob es der Name des Tiers oder der Spezies war. Sie wagte es auch nicht, ihn danach zu fragen, denn mit jedem Satz, den einer von ihnen sagte, wurde ihre Unwissenheit über diese Welt deutlicher. Immerhin gab es keine sprachlichen Hindernisse, das hatte Anne schon gesagt – im Reich des Priesterkönigs verstand jeder jeden durch einen immerwährenden Sprachzauber.

Während Artair die Leichen durchsuchte, erklärte Robert, sie seien Reisende aus dem Norden, denen die Bräuche dieser Gegend fremd wären. Der Ritter nickte nur, als er das hörte. Ihn schienen die Waffen und Rüstungsstücke der Toten mehr zu interessieren. Dem einen nahm er die Armschienen ab, dem anderen die Handschuhe. Nadja sah nicht hin, als Artair den Morgenstern aus dem Helm zog. Sie hatte jemanden getötet. Es war alles so schnell gegangen, keine Zeit zum Nachdenken, nur Handeln. Leben und Tod, und sie hatte darüber entschieden. Es war ein furchtbares Gefühl.

Artair wog den blutigen Morgenstern in der Hand, dann hielt er ihn Nadja entgegen. »Du bist gut damit umgegangen. Willst du ihn behalten?«

Sie schüttelte stumm den Kopf. Der Ritter hob die Augenbrauen und warf die Waffe in den Bach. »Dann soll der Rost ihn kriegen.«

»Wer waren die beiden?«, fragte Nadja. »Warum haben sie uns angegriffen?«

»Sie waren Flammenritter.« Artair wandte seine Aufmerksamkeit den Satteltaschen des übriggebliebenen Pferdes zu. Lächelnd zog er einen blauen Wappenrock heraus und breitete ihn aus. Eine gelbe Flamme war darauf eingestickt. »Wie man sieht. Und feige waren sie auch, sonst hätten sie sich zu erkennen gegeben.«

Er warf den Wappenrock ins Gras und spuckte aus. Nadja sah Anne an. Die Muse hob die Schultern.

Artair drehte sich zu ihnen um. Mit vor der Brust verschränkten Armen musterte er sie. Seine Rüstung war verstaubt und grau.

»Ihr habt keine Ahnung, wovon ich rede, oder?«, fragte er. Hinter ihm begann das Pferd zu grasen. Der Cosgrach hingegen beobachtete seinen Herrn wachsam.

»Ihr könnt es ruhig sagen. Ich bin kein Flammenritter. Ich bringe nicht jeden um, der mich anlügt.«

Robert setzte zu einer Antwort an, aber Nadja kam ihm zuvor. »Jemand hat meinen neugeborenen Sohn entführt. Wir sind ihm aus einem …« Sie zögerte. »… anderen Land bis hierher gefolgt. Es ist weiter weg als alles, was du kennst.«

Seine blauen Augen richteten sich auf sie. Sie fühlte sich unwohl unter dem kühlen, abschätzenden Blick.

»Ein Kind zu stehlen, ist eine schlimme Sache«, sagte Artair schließlich. »Wer ist dafür verantwortlich?«

»Ich weiß es nicht«, log Nadja. Sie hatte keine Ahnung, welche Stellung Catan in dieser Welt einnahm und wie der Ritter zu ihm stand. »Aber ich weiß, wohin er ihn bringen wird.« Sie zeigte auf den schneebedeckten Gipfel des Olymp. »Der Palast ist sein Ziel.«

Artair stieß die Luft aus. »Geh zurück in dein Land, Mädchen, und nimm deine Freunde mit. Du bist jung. Du kannst noch viele Kinder gebären.«

Ihr Entsetzen musste deutlich zu erkennen sein, denn er senkte den Kopf und fuhr sich mit einem Handschuh über die Haarstoppeln. Dann sah er wieder auf. »Du wirst deinen Sohn dort nicht finden, nur Leid und Tod. Das ist die Wahrheit. Mach mit diesem Wissen, was du willst.«

»Wissen?«, fragte Anne. Sie rieb sich den Magen, dort, wo der Tritt sie getroffen hatte. »Das ist eine Warnung, mehr nicht.«

»Eine sehr unpräzise Warnung«, fügte Robert hinzu.

Der Ritter schüttelte den Kopf. Sein Cosgrach trabte heran, als spüre er, was sein Herr wollte. Artair schwang sich in den Sattel. Er war kein kleiner Mann, trotzdem überragte ihn die Kruppe des Tiers um mehr als einen Kopf. »Nehmt den Toten wenigstens die Waffen ab. Es herrscht Krieg. Jeder kann ein Feind sein.«

Er setzte seinen Helm auf und öffnete das Visier. »Möge der Schmied mit euch sein.« Artair wendete sein Reittier, ohne eine Antwort abzuwarten. Langsam trottete es auf die Ebene hinaus.

»Was sollte das denn?«, fragte Robert, als er außer Hörweite war.

Nadja war sich nicht sicher, worauf er das bezog. Die ganze Unterhaltung hatte für sie nur wenig Sinn ergeben. »Weißt du, was er meinte?«, fragte sie Anne.

Die Muse schüttelte den Kopf – wieder einmal. »In meiner Erinnerung ist der Palast ein Ort des Friedens und der Wunder. So hat ihn der Mann, der sich später Johannes nannte, erdacht. Es gab dort nichts Böses und erst recht nichts Todbringendes.«

»Gibt es vielleicht noch einen zweiten Palast?«, fragte Robert. Nadja hörte, dass es ein Witz sein sollte, aber weder sie noch Anne lachten.

Robert räusperte sich. »Ich denke, wir igno-«

Er unterbrach sich. »Artair kommt zurück.«

Nadja drehte den Kopf. Der Ritter hatte tatsächlich umgedreht und näherte sich ihnen wieder. Das Visier seines Helms war immer noch geöffnet. Er zügelte den Cosgrach vor ihnen und legte die Hände auf den Sattelknauf.

»Ihr werdet meinen Rat nicht beherzigen, richtig?«, fragte er.

»Nein«, sagte Anne. »Er war lächerlich.«

Robert verzog das Gesicht, aber der Ritter wirkte nicht beleidigt. Nadja hatte ihn anfangs für einen Menschen gehalten, aber seine fast unnatürlich blauen Augen und sein zurückgenommenes Verhalten passten eher zu einem Halbelfen oder Elfen.

»Dann kommt«, sagte Artair. »Ich bringe euch in die Stadt. Vielleicht könnt ihr euch dort einer Karawane in den Süden anschließen. Wenn ihr schon sterben müsst, dann soll es wenigstens mit einem Ziel vor Augen geschehen, nicht mitten in dieser Einöde.«

»Danke.« Robert nickte, dann runzelte er die Stirn. »Glaube ich.«

Anne bückte sich und hob die Schwertgürtel auf. Einen behielt sie, den anderen streckte sie fragend Robert und Nadja entgegen. »Ihr müsst euch bewaffnen.«

Nadja wusste, dass sie Recht hatte, doch alles in ihr sträubte sich dagegen, eine der Waffen zu nehmen. Der Gedanke, dass sie jemanden getötet hatte, ließ sie nicht los.

Robert schien zu verstehen, was in ihr vorging, denn er nahm Anne den Gürtel aus der Hand. »Ich nehme ihn«, sagte er, »und einen der Dolche.«

Er nickte Nadja zu. »Falls du es dir anders überlegst.«

Sie ließen die Hügel hinter sich. Artair ritt auf dem Cosgrach neben ihnen her. Er hatte die Vorräte und Rüstungsteile, die er den Flammenrittern abgenommen hatte, in einen Sack gesteckt und am Sattel festgebunden.

»Ihr könnt sie in Las’wogg verkaufen«, hatte er erklärt. »Rüstungen und Waffen sind begehrt. Jeder will sie tragen, aber nur wenige können sie machen.«

Anne und Robert unterhielten sich leise, Nadja ging schweigend neben ihnen her. Es war warm. Nach einer Weile zog sie ihre Jacke aus. Dann sah sie zurück. Die Hügel waren bereits im Staub, der vom Wind aufgewirbelt wurde, verschwunden. Der Staub legte sich auf alles, auf Kleidung, Haut und Haare. Nadja spürte sein Kratzen sogar unter den Lidern, wenn sie die Augen schloss. Sie riss ein Stück Innenfutter aus ihrer Jacke und band es sich vor Mund und Nase.

Artair brachte den Cosgrach neben Nadja. Sie sah zu ihm hinauf. Er trug den Helm nicht mehr. Staub färbte seine Haut grau.

»War es dein erster?«, fragte Artair leise.

Nadja wusste, was er meinte. »Ja.«

Er nickte. »Mach dir keine Sorgen. Es wird nicht leichter.«

Das sollte es auch nicht werden. Nadja drängte die Gefühle nach unten. Nicht darüber nachdenken, auf Distanz gehen. Das durfte nie wieder geschehen, niemals wieder soweit kommen. Bleib auf Distanz. Bleib auf Distanz.

Artair blieb neben ihr. Der Cosgrach roch ebenso süßlich wie scharf. Staub und Schweiß verklebten den sichtbaren Teil seiner Flanken.

»War es hier schon immer so?«, fragte Nadja nach einem Moment.

»Nein.« Artairs Geste schien die gesamte Ebene einzuschließen. »Früher war hier alles grün, grüner noch als heutzutage in den Hügeln. Es gab Elefanten, Dromedare, Tiger, Büffel und Löwen. Sie lebten zusammen wie im Paradies. Die Bäche und die Bäume, auf denen jede Frucht wuchs, die man sich vorstellen kann, versorgten sie.«

Sein Blick verlor sich in der Ferne. »Aber sie sind längst weg. Sie brachten sich gegenseitig um, als das Wasser versiegte und die Bäume verdorrten. Nur wir sind geblieben. Manchmal frage ich mich, weshalb.«

Mit einem Blinzeln kehrte er zurück in die Gegenwart. »Aber die Frage ist sinnlos. Die ganze Welt liegt in Trümmern, nicht nur diese Ebene. Der Schmied hat uns den Rücken zugekehrt und alles dem Teufel überlassen. Ihn müssen wir besiegen, um die Gunst des Schmieds zurückzugewinnen.«

»Ist der Schmied euer Gott?« Nadja hatte die Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da zügelte Artair bereits seinen Cosgrach.

»Blasphemie«, stieß er hervor. Mit der rechten Hand tastete er nach dem Dolch in seinem Gürtel. »Wie kannst du es wagen, seinen Namen zu missbrauchen?«

Nadja wich zurück.

»Was ist los?«, rief Robert auf der anderen Seite des Reittiers.

»Sie hat …«, begann Artair, doch dann unterbrach er sich und ließ den Dolch los. Er sah Nadja an. »Kommt ihr wirklich aus einem Land, das so soweit entfernt liegt, dass die Macht des Schmieds es nicht erreicht?« Er schien die Worte an sich selbst zu richten. »Kann es einen solchen Ort überhaupt geben?«

»Es tut mir leid, wenn ich dich beleidigt habe«, sagte Nadja. »Das war nicht meine Absicht.«

Artair nickte. »Ich glaube dir, aber ein anderer hätte dafür vielleicht deinen Kopf gefordert.« Er sah Robert und Anne an, die links von ihm stehengeblieben waren. »Ihr müsst vorsichtiger sein. Ich bin ein weitgereister Mann und weiß, dass es vieles gibt, was wir nicht verstehen, aber die meisten hier haben die Ebene nie verlassen. Sie können sich nicht vorstellen, dass es einen Ort geben könnte, an dem der Schmied unbekannt ist.«

Er stieß halb lachend, halb seufzend die Luft aus. »Selbst mir fällt der Gedanke schwer. Aber ihr wirkt auf mich nicht, als hätten Dämonen euren Geist verwirrt und mich anzulügen brächte euch keinen Vorteil. Also muss es wohl stimmen.«

»Also«, hakte Robert nach, »dürfen wir das Wort G-… das G-Wort nicht benutzen?«

»Niemals«, sagte Artair.

»Aber die beiden anderen Ritter haben es verwendet«, warf Anne ein.

»Natürlich. Das waren Flammenritter, Fanatiker, die glauben, der Schmied spräche direkt zu ihnen und nicht durch die Priester. Sie maßen sich an, ihn bei seinem wahren Namen zu nennen.« Artair schüttelte den Kopf. »Sie morden und plündern, brennen Städte nieder und vergewaltigen Frauen und das alles mit seinem Namen auf den Lippen.«

»Ihr führt Krieg gegen sie?«, fragte Robert.

»Etwas anderes bleibt uns nicht übrig.« Er trat dem Cosgrach leicht in die Flanken. Das Tier schnaubte und trottete los. »Kommt. Las’wogg liegt ganz in der Nähe.«

Nadja wartete, bis er vorbei geritten war, dann schloss sie zu Anne und Robert auf. »Wollen wir wirklich in eine Stadt, in der ein falsches Wort mit dem Tod bestraft werden kann?«, fragte sie.

Robert schüttelte Staub aus seinen Haaren. »Wo sollten wir sonst hin? Wir brauchen etwas zu essen und am besten Pferde oder …« Mit dem Kopf deutete er nach vorn zu dem Cosgrach. »… so etwas. Wir wissen ja nicht, was uns auf dem Weg zum Berg erwartet, ob wir uns einer Karawane anschließen können oder nicht. Artair kennt sich aus. Er kann uns helfen. Außerdem hat er noch nicht versucht, uns umzubringen, was bei den Begegnungen, die wir in den letzten Tagen hatten, ja keine Selbstverständlichkeit ist.«

»Aber warum will er uns nicht umbringen?« Anne runzelte die Stirn. Die Bewegung hinterließ dünne weiße Streifen auf ihrer Haut. »Sein Gott wurde beleidigt. Das Recht wäre auf seiner Seite.«

»Vielleicht weil er ein netter Kerl ist.«

Nadja sah Robert zweifelnd an. Er hob die Schultern. »Kann doch sein.«

»Du hast seinen Gesichtsausdruck nicht gesehen, als ich ihn nach seinem Gott fragte«, sagte sie. »Er war für einen Moment so wütend, dass ich dachte, er würde mich angreifen.«

»Er ist ein Elf.« Anne tat ihre Bemerkung mit einer Handbewegung ab. »Wut kommt schnell, aber verfliegt auch ebenso schnell wieder.«

Hält sie mich für blöd?, fragte sich Nadja, schluckte jedoch jede Entgegnung herunter.

»Wir werden vorsichtig sein, okay?« Nicht zum ersten Mal versuchte Robert zu schlichten. Er tat Nadja beinahe leid. Mit ihr und Anne unterwegs zu sein, musste einem Albtraum gleich kommen, aber einem Albtraum, den er sich zur Hälfte selbst ausgesucht hatte.

Nadja versuchte nicht an das zu denken, was aus ihm geworden war. Es war geschehen. Niemand konnte mehr etwas daran ändern.

»Du hast mir das … Leben gerettet«, sagte Robert und riss sie damit aus ihren Gedanken. »Danke.«

Nadja fiel sein kurzes Zögern vor dem Wort Leben auf. Er wusste nicht, was er war oder was noch aus ihm wurde.

Sie nickte. »Du bist mein Freund.« Und das war den Preis wert, den sie bezahlt hatte.

»Bin ich das?« Robert sah Anne kurz an. Nadja fragte sich, was der Blick zu bedeuten hatte.

Sie stolperte, als ihr Fuß an etwas hängenblieb. Es war ein Knochen, weiß gewaschen von Wind und Sand. Ein Pfeilschaft lag daneben. Die Spitze fehlte.

Nadja sah auf. Sand und Staub wehten in breiten Fahnen über die Ebene. Sie sah Artair auf seinem Cosgrach einige Schritte vor ihr. Er ritt an einem gewaltigen Katapult vorbei, das zerbrochen im Sand steckte. Die breiten Holzräder waren unter ihm eingeknickt, zersplittertes Holz ragte in den Himmel. Es sah aus wie das Skelett eines Ungeheuers.

Nach ein paar Schritten schälten sich Türme und Mauern aus dem Staub hervor. Artair drehte sich im Sattel um. »Bleibt hinter mir«, sagte er. »Lasst mich reden.«

Er ritt auf ein hölzernes, geschlossenes Tor zu. Es war rund vier Meter hoch und doppelt so breit. Auf den Mauerzinnen darüber standen Männer in Rüstungen, die mit Armbrüsten bewaffnet waren. Rechts und links von ihnen ragten Wachtürme aus Holz und Stein auf. Die Mauern waren beschädigt. An einigen Stellen waren Zinnen abgebrochen und Steine aufgeplatzt. Nadja nahm an, dass die Stadt belagert worden war.

Die Soldaten legten ihre Armbrüste an. »Wer da?«, rief einer der beiden.

Artair klopfte sich den Staub vom Wappenrock. »Der Mann, der euren Sold bezahlt«, rief er zurück.

Hastig ließen die beiden Männer die Armbrüste sinken. Einer von ihnen winkte jemandem hinter dem Tor zu, der andere verneigte sich. »Verzeiht, Artair.«

»Ich dachte, hier wäre jeder reich«, murmelte Robert, während sich eine Torhälfte langsam öffnete.

»Du weißt nicht, in welcher Währung der Sold bezahlt wird«, sagte Anne. Sie folgte Artair als erste durch das Tor und in den Gang, der sich dahinter befand. Die Männer auf den Mauern sahen sie, Robert und Nadja an. Die meisten hatten sich Tücher vor Mund und Nase gebunden. Man konnte nicht erkennen, ob sie neugierig, misstrauisch oder vielleicht sogar feindselig waren. Nadjas Mund wurde trocken, als sich das Tor hinter ihr wieder schloss. Sie drehte sich um und sah, wie vier Männer schwere Riegel vorschoben.

Artair stieg von seinem Cosgrach und streckte sich. Ein Soldat führte das Reittier davon. Nadja bemerkte die Schießscharten zu beiden Seiten des Gangs und die vergitterten Löcher in der Decke. Über einem sah sie einen Kessel stehen. Der Gang stellte wohl die letzte Falle für Angreifer dar, denen es gelungen war, das Tor zu öffnen.

»Wir mussten es erst darauf ankommen lassen«, sagte Artair, der offenbar Nadjas Blick bemerkt hatte. »Wie ihr seht, erfüllt die Anlage ihren Zweck.«

Mit langen Schritten ging er durch den Gang auf ein zweites, offenstehendes Tor zu. Die Soldaten, die er passierte, verneigten sich tief. Sie alle trugen das Abbild des Hammers, entweder stilisiert in ihrer Brustpanzerung, oder auf Schilden und Wappenröcken.

»Er ist ein mächtiger Mann«, sagte Anne leise, als sie Artair folgten.

Sie hatte Recht. Nadja sah es an der Art, wie er sich bewegte und an den Reaktionen der Leute, die ihm begegneten. Als sie den Gang verließen und eine belebte Gasse betraten, versuchte fast jeder, der ihm entgegenkam, irgendwie seine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Händler, deren Karren die Häuserwände säumten, zeigten ihm laut rufend ihre Waren, Frauen winkten ihm aus den Fenstern zu, während alte Männer, die im Schatten saßen und ein kompliziert aussehendes Spiel mit Würfeln und Holzstäben spielten, ihm Ratschläge zuriefen. Artair lächelte oder sagte gelegentlich etwas, meistens nickte er den Rufern nur zu.

Die Gassen, durch die sie gingen, waren voller Elfen und Halbelfen. Zwischen den menschlich aussehenden entdeckte Nadja immer wieder Tier- und Pflanzenwesen. Die meisten trugen helle, weit geschnittene Kleidung. Die Häuser, die rechts und links von ihnen aufragten, waren aus Sandstein und Holz gebaut worden. Kein Einziges sah neu aus. Alles wirkte alt, von dem Kopfsteinpflaster, in das die Räder der Handelskarren tiefe Fugen gegraben hatten bis hin zu Holzbalken, die Vordächer kleiner Stände stützten und vom Sand so glatt geschliffen worden waren, dass Nadja glaubte, ihre Fingerspitzen glitten über Glas.

»Wie alt ist Las’wogg?«, fragte sie Altair, als sie den geschäftigen Teil der Stadt hinter sich ließen und es in den Gassen ruhiger wurde.

»Niemand weiß es. Bevor der Schmied uns verließ, gab es keine Zeit. Wir waren unsterblich. Wir säten nicht, wir ernteten nicht, es gab keine Jahreszeiten. Warum also hätten wir uns um die Jahre kümmern sollen, die vergingen?«

»Aber das hat sich geändert?«

Artair hob die Schultern. »So wie alles sich geändert hat. Wenn ein Leben endlich wird, möchte man die Zeit zählen, die vergangen ist und die schätzen, die man noch hat. Ich weiß nicht genau, warum.«

Er räusperte sich. »Wie dem auch sei, laut der Aussagen unserer Priester, möge der Schmied ihnen Weisheit und Kraft geben, leben wir im Jahr Zehn der Vertreibung.«

»Vertreibung?«, fragte Anne.

»Aus dem Paradies.« Robert gab die Antwort. Er wirkte traurig. Zum ersten Mal, seit sie in diesem Land angekommen waren, schien ihn etwas wirklich zu berühren.

Artair nickte.

Sie ließen die Gassen hinter sich und betraten einen weiten, großzügig angelegten Platz. In der Mitte stand ein Springbrunnen groß wie ein Haus. Er bestand aus Steinfiguren, die im Reigen um einen Hammer tanzten, aus dem früher einmal wohl Wasser geflossen war. Doch jetzt war das Becken voller Sand. Die Figuren standen bis zu den Knien darin.

Häuser säumten den Platz. Ihre Fenster waren zugemauert, Soldaten standen vor den Türen. Artair ging an ihnen vorbei und nickte knapp, als sie sich verbeugten. »Hier warten die Gefangenen auf ihre Verurteilung«, sagte er, als würde er Nadjas Frage erahnen. »Ketzer, Besessene, Mörder, Spione, Flammenritter, die zu feige waren, in ihr Schwert zu fallen, als sie besiegt wurden. Früher einmal lebten hier die Händler der Stadt. Sie verkauften ihre Waren auf dem Platz, aber sie verlegten ihre Stände in die Gassen, als die Vertreibung begann. Niemand lebt gern im Schatten des Todes.«

Nadja verstand im ersten Moment nicht, was er meinte, doch dann folgte sie seinem Blick zur anderen Seite des Platzes – und erstarrte. Mehr als ein Dutzend Galgen standen nebeneinander an einer Mauer. Leichen schwangen im Wind langsam hin und her. Ihre Köpfe waren unter Säcken verborgen. Abgebrannte Scheiterhaufen umgeben sie. Über ihnen hingen Käfige aus Eisen, in denen verkohlte, von der Hitze des Feuers zusammengekrümmte Tote lagen. Eine Frau stand an einem Pranger. Ihr kahlgeschorener Kopf war gesenkt. Sie rührte sich nicht, obwohl Krähenvögel um sie herum flatterten. Nadja wusste nicht, ob sie noch lebte.

Sie zuckte zusammen, als Robert ihren Arm berührte. Seine Hand war kühl. »Sind wir sicher, dass wir auf der richtigen Seite stehen?«, fragte er leise.

Sie ging nicht darauf ein. Der Anblick der Leichen verstörte und erschreckte sie. Ein Soldat ging gerade unter ihnen hindurch, unbeteiligt, einen langen Speer auf die Schulter gestützt. Er schien sie nicht einmal wahrzunehmen.

»Kommt«, sagte Artair in die Stille hinein. »Ich zeige euch eure Unterkunft.«

Nadja wäre am liebsten davongelaufen. Die Häuser mit ihren zugemauerten Fenstern und die hohen Mauern, die Galgen, Scheiterhaufen und Käfige, alles erdrückte sie. Sogar die Luft war stickig, doch Nadja zwang sich weiterzugehen. Der Gedanke an Talamh half ihr dabei.

Artair führte sie um eine Ecke des Platzes herum und blieb stehen. »Hier lebe ich«, sagte er.

Sie standen vor einem Schloss. Vier Stockwerke hoch ragte es vor ihnen empor. Kleine Türme, Erker und Spitzen, die zu Kirchtürmen zu gehören schienen, verzierten die Fassade. Edelsteine blitzten und glitzerten in ihnen, Fensterrahmen erstrahlten golden in der Sonne. Eine breite Marmortreppe führte zu einer edelsteinbesetzten, offenstehenden Tür. Erst auf den zweiten Blick sah Nadja, dass ein Teil des Dachs eingestürzt und die Fassade voll tiefer Risse war.

Soldaten verneigten sich, als sie Artair sahen. Einer von ihnen, ein dicklicher, junger Elf, lief ihm entgegen.

»Priester Dubhagan erwartet Euch im Audienzzimmer, Statthalter«, sagte er nach einer zweiten, linkischen Verbeugung. »Er –«

»… möchte wissen, was Ihr Euch dabei gedacht habt«, sagte eine Stimme. Ein Mann stand im Eingang. Seine schwarze, verdreckte Robe wehte im Wind. Er war dürr und hatte eine ledrige, faltige Haut. Verfilztes, graublondes Haar hing ihm ins Gesicht, ging nahtlos in einen ebenso verfilzten Bart über. Als er näher kam, bemerkte Nadja, dass er stank.

»Meine Gedanken gehen nur mich und den Schmied etwas an, Priester.« Artair klang steif. Er wollte an Dubhagan vorbeigehen, doch der gab die Tür nicht frei.

»Wer ist da bei Euch?«, fragte er. Seine grünen Augen musterten Nadja.

»Pilger aus dem Norden. Ich habe sie eingeladen, sich ein paar Tage bei uns auszuruhen.« Artair machte einen weiteren Schritt auf die Tür zu. Er war größer als der Priester und wirkte in seiner Rüstung bedrohlich. »Gibt es sonst noch etwas?«

»Aus dem Norden, ja?« Dubhagans Blick glitt zu Robert und Anne, dann wieder zurück zu Nadja. Zögernd gab er den Weg frei. »Und Ihr fandet sie, als Ihr allein durch die Ebene rittet, obwohl Eure Untertanen Euch angefleht hatten, das zu unterlassen und obwohl der Schmied es nicht schätzt, wenn seine Werkzeuge sich unnötig in Gefahr begeben.«

»So ist es.« Artair ging an ihm vorbei. Nadja hielt den Atem an, als sie ihm folgte, in eine Halle hinein, von der Treppen und Gänge in andere Bereiche des Schlosses führten.

»Wäret Ihr von niederer Geburt, würde ich glauben, die Flammenritter hätten Euch verhext und zur Unvorsicht gezwungen«, rief Dubhagan ihnen hinterher. »Ich würde einen Exorzisten kommen lassen.«

»Aber ich bin nicht von niederer Geburt«, antwortete Artair, ohne sich umzudrehen. Nadja hörte einen Hauch von Unsicherheit in seiner Stimme.

Sie bogen in einen Gang ab, der von Öllampen erhellt wurde. Die Wände bestanden aus dunklem Holz. Es gab keine Fenster. Artair öffnete eine Tür und blieb im Rahmen stehen. Der Raum hinter ihm wurde von einem breiten Bett beherrscht. Teppiche bedeckten Fußboden und Wände.

»Redet nicht mit Dubhagan«, sagte der Statthalter. »Wenn er euch etwas fragt, antwortet ausweichend oder am besten gar nicht.«

»Wer ist er?«

»Der Hohepriester von Las’wogg.« Artair fuhr sich mit der Hand über die Bartstoppeln in seinem Gesicht. »Er und die anderen Priester geben sich ganz dem Schmied hin. Sie nehmen nur das, was er ihnen zukommen lässt. Sie essen, wenn ihnen ein Apfel vor die Füße fällt, trinken, wenn ein Bach auf ihrem Weg liegt, waschen sich, wenn es regnet, und so weiter.« Er verzog das Gesicht. »Leider regnet es nur noch selten.«

Nadja lächelte unwillkürlich.

»Um ehrlich zu sein, haben wir früher über die Priester gelacht«, fuhr Artair fort. »Sie sagten, sie seien die Einzigen, zu denen der Schmied persönlich spräche und dass wir eines Tages unsere Völlerei und unseren Reichtum bereuen würden. Seit der Vertreibung lacht niemand mehr. Der Schmied, der alle anderen verlassen hat, spricht noch zu ihnen. Was sie sagen, ist der Wille des Schmieds.«

»Glaubst du das?«, fragte Robert.

Artair antwortete nicht. Er trat zurück in den Gang. »Das ist der Gästetrakt. Die Zimmer sind alle gleich. Nehmt euch so viele, wie ihr möchtet. Ich werde jemanden zu euch schicken, wenn das Essen fertig ist.«

»Danke für deine Hilfe«, sagte Nadja. »Wir stehen in deiner Schuld.«

»Ja, das tut ihr.« Artair lächelte, aber es klang nicht wie ein Witz.

»Er will etwas von uns«, sagte Anne, als der Statthalter sie allein gelassen hatte.

Ich weiß, dachte Nadja, aber was?

Sie aßen gemeinsam in einem großen Saal im ersten Stock. Artair ließ sich entschuldigen und die Diener, die an den Wänden standen, redeten kaum mit ihnen, beobachteten sie aber neugierig. Das Essen war einfach, Brot, Gemüse, ein wenig zähes Fleisch. Nadja aß ohne große Lust, während Anne in ihrer Mahlzeit stocherte und Robert behauptete, er würde fasten. Das schien niemanden zu stören.

Als es dunkel wurde, zogen sie sich in ihre Zimmer zurück. Anne und Robert teilten sich eins, Nadja entschied sich für ein anderes, das genau gegenüber lag. Das Bett war breit und weich, es lagen so viele Kissen darauf, dass sie kaum Platz fand. Durch ein kleines Fenster in der mit Wandteppichen verhangenen Wand konnte Nadja auf einen Innenhof und einige Ställe blicken. Sie war froh, dass das Fenster nicht zum Marktplatz hinausging.

Sie träumte von Talamh in dieser Nacht. Er lag auf einer Decke im Gras und sah sie aus großen Augen an. Nadja wollte nach ihm greifen, aber etwas hielt sie zurück. Sie konnte nicht zu ihm, egal, wie sehr sie sich anstrengte.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Talamh, ohne die Lippen zu bewegen. »Mir wird nichts passieren.«

Nadja öffnete die Augen. Es war hell. Sie glaubte, die Sätze immer noch zu hören. Sie hallten durch ihre Gedanken, wärmten sie und gaben ihr Kraft.

Unter ihrem Fenster wieherte ein Cosgrach. Sonnenstrahlen warfen ein Muster auf den dunklen Fußboden. Nadja setzte sich auf. Es ging ihr besser.

Sie wusch sich in einer Schüssel mit Wasser und Seife, die nach Feigen roch. Jemand klopfte an ihre Tür. »Statthalter Artair erwartet Euch zum Morgenmahl«, sagte eine Stimme.

»Danke.« Nadja trocknete sich das Gesicht ab. Wenig später hörte sie ein Klopfen an der gegenüberliegenden Tür und die gleiche, noch dumpfer klingende Stimme.

Nadja fuhr sich mit den Händen durch die Haare, zog ihre Jacke über und verließ das Zimmer. Robert und Anne standen bereits im Gang. Beide sahen nicht so aus, als hätten sie viel geschlafen.

»Morgen«, sagte Robert, als er Nadja sah. »Du siehst ja gut gelaunt aus.«

»Ich habe von Talamh geträumt. Es geht ihm gut.«

Ihr entging der Blick nicht, den Anne ihr zuwarf. »Es war nicht nur ein Traum. Ich habe seine Stimme gehört. Ihr wisst, dass er dazu in der Lage ist.«

»Das stimmt, und es freut mich sehr, das zu hören«, sagte Robert, bevor die Muse etwas anderes antworten konnte.

Sie trafen Artair in dem großen Saal, in dem sie auch das Abendessen zu sich genommen hatten. Er saß am Kopfende des Tischs und aß kaltes Huhn von einer Holzplatte. Mit einem Messer zeigte er auf die Stühle rechts und links von ihm. Robert nahm Platz, Anne schob sich rasch an Nadja vorbei und glitt auf den Stuhl neben ihn. Nadja schüttelte den Kopf und setzte sich auf die andere Seite des Statthalters.

»Ich hoffe, der Schmied hat über eure Nachtruhe gewacht«, sagte Artair kauend. Es klang wie eine traditionelle Begrüßung.

»Das hat er«, antwortete Nadja. Diener stellten Holzplatten auf den Tisch und Krüge mit einer dampfenden, bräunlichen Flüssigkeit. Sie zögerte, bevor sie danach griff.

»Kennt man bei euch etwa keinen Honigtee?«, fragte Artair.

Gleichzeitig schüttelten sie den Kopf.

»Was für ein seltsames Land.«

Er lehnte sich zurück. An diesem Morgen trug er keine Rüstung, nur ein helles Hemd und eine braune Lederhose. Er war barfuß und hatte dunkle Ringe unter den Augen.

Der Geruch des Huhns ließ Nadjas Magen knurren. Zum ersten Mal, seit sie Island verlassen hatten, war sie wirklich hungrig.

»Du isst nicht?«, fragte Artair mit einem Blick auf Robert. Der stellte den Krug, aus dem er gerade getrunken hatte – oder zumindest so getan hatte, als würde er trinken, dachte Nadja –, ab. »Nein. Ich faste noch bis zum Abend. Das machen wir gelegentlich dort, wo wir her kommen.«

Artair nickte. »Verstehe.«

Er begann mit dem Messer zu spielen, das auf dem Holzbrett vor ihm lag, wirkte ebenso nachdenklich wie ungeduldig. Als Nadja den letzten abgenagten Knochen zurücklegte, nickte er den Dienern zu, als habe er nur auf diesen Moment gewartet.

»Räumt ab und schließt die Tür hinter euch.«

»Ja, Statthalter«, sagte der Älteste von ihnen. Zu dritt schoben sie die Bretter zusammen, nahmen die Messer vom Tisch und verließen den Saal. Nur die Krüge ließen sie stehen.

Artair sah sich um, dann stand er auf und schloss eines der Fenster, durch die man über die Dächer der Stadt bis zu den Mauern sehen konnte, die sie umgaben. Es war ein windstiller Morgen. Staubfahnen bewegten sich träge durch die Luft.

»Ich habe die ganze Nacht gebetet«, sagte Artair. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. »Als ich gestern Las’wogg verließ, war ich auf dem Weg in den Tod. Ich suchte nach Flammenrittern, um mich ihnen im Kampf zu stellen und zu sterben. Ich dachte, selbst der Tod müsse besser sein als das.«

Er deutete mit dem Kopf nach draußen, als sei der Anblick der Stadt und der Ebene Erklärung genug. »Doch dann kamt ihr, Fremde auf der Suche nach einem Kind, auf der Suche nach Hilfe. Ich fragte mich, weshalb euch der Schmied geschickt haben könnte. Also betete ich um eine Antwort. Und heute Morgen bekam ich sie.«

»Oh-oh«, hörte Nadja Robert leise sagen.

Artair lächelte. »Ihr seid ein Zeichen. Der Schmied hat euch mir gesandt, als er erkannte, dass ich seine Prüfungen nicht länger ertragen konnte, dass es Zeit für die letzte große Aufgabe ist.«

»Und die wäre?«, fragte Anne. Ihr Misstrauen war nicht zu überhören, aber Artair ging nicht darauf ein. Seine Worte klangen wie die eines Wahnsinnigen, aber er wirkte ruhig.

»Ihr werdet«, fuhr er fort, »zum Mittagsgebet mit mir zusammen vor die Betenden treten. Ihr werdet erklären, dass der Schmied euch geschickt hat, um mir etwas mitzuteilen.«

»Was?« Annes Stimme klang schärfer.

»Dass wir die Stadt aufgeben und den Teufel von seinem Berg vertreiben müssen. Wir haben keine …«

Ein langgezogener klagender Laut unterbrach ihn, war selbst durch die geschlossenen Fenster noch zu hören. Im ersten Moment dachte Nadja, es wäre der Schrei eines verwundeten Cosgrachs, doch dann erkannte sie, dass es sich um ein Horn handelte. Ein zweites kam hinzu, ebenso klagend und laut.

Artair fuhr herum und riss das Fenster auf. In der Ferne wehte eine Staubwolke heran.

»Verlasst sofort den Palast«, sagte der Statthalter, als er sich wieder zu ihnen umdrehte.

Robert war bereits aufgestanden, zögerte nun jedoch. »Warum?«

»Weil der Palast ein beliebtes Ziel ist.« Mit langen Schritten ging Artair auf die Tür zu und riss sie auf. »Alles raus!«, brüllte er in den Gang hinein. »Die Flammenritter greifen an!«

8.
Rettungen

»Ich bin sehr ungern ein Zeichen«, sagte Robert, als sie die Stufen des Palastes hinunterliefen. Soldaten schoben Karren voller Waffen an ihnen vorbei. Aus den Gassen strömten Elfen auf den Marktplatz, nahmen sich Bögen und Köcher voller Pfeile. Andere füllten Eimer mit Sand und stellten sie in langen Reihen auf. Artair war auf einen der Galgen gesprungen und brüllte Befehle, die in den Flüchen und Rufen um ihn herum unterzugehen drohten.

Robert warf einen Blick in den Himmel, erwartete fast schon, Steine und brennende Pfeile niederregnen zu sehen. Doch er sah nur Staub und eine verwaschene gelbe Sonne. Ein Soldat drückte ihm einen Bogen in die Hand und lief weiter, ohne ihm Pfeile zu geben. Robert hielt ihn nicht auf. Er würde ohnehin nichts treffen.

Er ließ sich von Anne in eine Nische am Rand des Platzes ziehen. Nadja schloss sich ihnen an.

»Was meinst du damit?«, fragte sie.

»In diesem Irrenhaus«, antwortete er, während er sich den Bogen über die Schulter schlang, »ist das Zeichen des einen der Fluch des anderen. Ihr habt doch gesehen, dass Artair und Don Haggis –«

»Dubhaggan.«

»Egal … dass der Priester und Artair nicht gerade die besten Kumpel sind. Artair will uns benutzen, um sich gegen ihn durchzusetzen. Das wird der garantiert nicht so einfach schlucken. Wenn Artairs Plan schiefgeht, hängen wir schneller am Galgen, als ihr religiöser Wahn sagen könnt.«

Nadja nickte. Sie war gefasster als am Abend zuvor. Der Schlaf und der Traum, ob er nun real gewesen war oder nicht, hatten ihr geholfen.

»Dann sollten wir fliehen«, sagte Anne. Über ihre Schulter hinweg sah Robert, wie Artair vom Galgen sprang. Ein Soldat reichte ihm Rüstung und Stiefel.

»Und dann?«, fragte Nadja. »Er sagte, wir würden allein nicht weit kommen.«

»Er sagte auch, wir seien ein Zeichen«, entgegnete Robert.

Sie verzog das Gesicht, doch dann wandte sie sich zu seiner Überraschung an Anne. »Was hältst du davon?«

»Wenn wir fliehen können, sollten wir es tun. Hier kann man niemanden trauen.«

Die Rufe auf dem Platz verwandelten sich in Schreie. Ein Schatten raste über den Marktplatz, dann krachte es. Instinktiv zog Robert den Kopf ein. Holzsplitter bohrten sich vor seinen Füßen in den Boden. Aus dem Augenwinkel sah er, dass der Galgen, auf dem Artair eben noch gestanden hatte, zertrümmert worden war. Ein Felsbrocken, groß wie ein Mensch, hatte einen Krater in den Boden gerissen.

Er sah sich nach Artair um. Der Statthalter lag am Boden, eingeklemmt unter der Leiche eines Soldaten. Armlange Splitter steckten in dessen Rücken. Zwei andere Soldaten liefen heran und zogen den Toten zur Seite. Artair stand auf und schüttelte sich. Die halb angezogene Rüstung hing von seinen Schultern. Er sah sich suchend um. Robert wollte zurückweichen, aber der Statthalter hatte ihn bereits entdeckt und winkte zwei Soldaten heran. Sie hörten ihm kurz zu, nickten und liefen geduckt auf die Nische zu.

»Wir sollen uns um euch kümmern«, sagte der Ältere, »und darauf achten, dass euch nichts passiert.«

Es war ihm anzusehen, was er von diesem Auftrag hielt. Sein Begleiter, der ebenso groß und kräftig war wie er, nickte. »Ist gefährlich hier. In den Weinkellern, bei den Kindern und alten Weibern werdet ihr sicher sein.«

Verachtung lag in seinen Worten.

Robert sah, dass Artair sie beobachtete und nickte. »Dann folgen wir euch.«

Die beiden Männer gingen voran. Die Gassen der Stadt waren fast leer. Nur einige Händler räumten noch ihre letzten Waren ein.

»Wo sind die anderen?«, fragte Nadja. Ihr Blick glitt immer wieder zum Himmel, genau wie Roberts.

»Auf den Mauern.« Der jüngere Elf deutete mit seinem Speer in Richtung des Stadttors. Hinter den Häusern war es nicht zu sehen.

»Alle?« Anne klang zweifelnd.

»Alle, die nicht blind oder lahm sind«, antwortete der Elf.

»Oder feige«, murmelte der Ältere leise. Ein Mensch hätte ihn nicht verstanden, Robert schon.

Er fühlte Annes kurze Berührung und nickte, ohne sie anzusehen. Die Gelegenheit war günstig. Nadja spürte es wohl ebenfalls, denn sie ging zur Seite, um ihnen mehr Platz zu verschaffen.

Die Gasse wurde breiter. Robert duckte sich, als ein Felsbrocken hoch über ihnen durch die Luft flog. Er beschrieb einen Bogen und verschwand hinter den Häusern. Der Aufprall hallte dumpf von den Wänden wider.

»Nichts getroffen«, sagte der ältere Soldat.

Der Jüngere nickte.

Es war niemand außer ihnen in der Gasse zu sehen. Die Stände waren geschlossen, die Waren aus den Regalen verschwunden.

»Jetzt«, flüsterte Anne.

Mit einem Sprung war sie bei dem Jüngeren der beiden. Ein Tritt prellte ihm den Speer aus der Hand. Der Mann schrie überrascht auf. Der Ältere drehte sich. Seine Hand glitt zu dem Schwert in seinem Gürtel. Robert schlug mit beiden Fäusten zu. Er hörte den Arm des Soldaten brechen, sah den Mann zusammensacken und hielt erschrocken inne.

Das wollte ich nicht, dachte er.

Der Soldat kam wieder hoch. Sein Gesicht war vor Wut und Schmerz verzerrt. Sein linker Arm hing wie der einer Stoffpuppe herab, doch sein rechter holte aus. In seiner Hand blitzte ein Dolch. Robert sprang aus dem Stand hoch, drehte sich in der Luft und trat zu. Die Bewegungen erschienen ihm natürlich, er dachte nicht über sie nach. Sein Fuß traf das Kinn des Soldaten, riss dessen Kopf in den Nacken. Es knackte. Er brach zusammen.

»Anne!«

Nadjas Stimme. Robert fuhr herum. Der zweite Soldat lag am Boden. Seine Arme waren ausgestreckt, seine Finger zuckten. In seiner Brust steckte ein abgebrochener Speer. Anne hockte über ihm. Sie hielt seinen Kopf hoch. Ihr Haar fiel über seine Kehle und verbarg, was sie tat. Doch Robert hörte, wie sie trank, roch das Blut und spürte den Hunger. In diesem Moment widerte er sich selbst an.

»Sie wollten uns nur in Sicherheit bringen.« Nadja sah ihn an. Verwirrung und Abscheu standen auf ihrem Gesicht. »Warum habt ihr sie umgebracht?«

Ich wollte es nicht, dachte Robert, schwieg jedoch.

Anne ließ die Leiche fallen und erhob sich. Mit einer Hand strich sie sich die Haare aus dem Gesicht, dann wischte sie sich den blutigen Mund ab. »Sie mussten sterben«, sagte sie, »sonst hätten sie uns verraten.«

»Wir hätten sie niederschlagen und fesseln können.«

»Es sind Elfen, Nadja. Du weißt, wie stark sie sind. Das Risiko war zu groß.« Es war eine Lüge. Robert hatte genau das tun wollen, was Nadja gesagt hatte, doch dafür war es zu spät. Die Männer waren tot.

Anne zog die Leichen in einen Hauseingang. Ihr Mund sah aus, als habe sie Lippenstift verschmiert. »Wir müssen weiter«, sagte sie.

Er nickte. Nadja presste die Lippen zusammen, schloss sich ihnen aber an. Robert wusste, dass sie das nur tat, weil sie keine andere Wahl hatte.

Je näher sie dem Tor kamen, desto lauter und hektischer wurde es. Elfen kletterten auf die Stadtmauern rund um das Tor. Die meisten waren mit Bögen bewaffnet, manche auch mit Armbrüsten und Speeren. Rüstungen trugen die wenigsten, und wenn, besaßen sie nur Einzelteile, mal eine Brustplatte, mal Armschienen oder einen Helm.

Auf einer breiten Straße, die an der Mauer entlangführte, standen Cosgrachs. Ritter hielten die Tiere an den Zügeln. Ihre Rüstungen waren mit Edelsteinen besetzt und reflektieren das Sonnenlicht so stark, dass Robert die Tränen in die Augen schossen. Er nahm an, dass sie auf diese Weise versuchten, den Feind zu blenden.

Das Tor war verriegelt, der Gang, der dorthin führte, leer. Die Verteidiger konzentrierten sich auf die Mauern.

Unvermittelt traf ihn ein Stoß in den Rücken. »Los, auf die Mauer. Worauf wartest du noch?« Der Soldat tauchte neben Robert auf. Er hielt einen Speer in den Händen, mit dessen stumpfem Ende er nun auch Nadja antrieb. Sein nächstes Ziel schien Anne zu sein. Robert sah es in ihren Augen blitzen und griff ein.

»Man hat uns keine Waffen gegeben«, sagte er. »Wie sollen wir da kämpfen?«

Der Soldat, ein junger, schlanker Elf mit einer Nase, die wie ein Blumenkohl aussah, musterte sie kurz, dann seufzte er. »Muss man denn hier jedem alles dreimal erklären?« Mit dem Speer zeigte er auf die voll beladenen Karren, die an den Häuserwänden standen. »Nehmt euch, was ihr braucht.«

»Danke.« Robert hatte gehofft, der Soldat würde gehen, aber er blieb stehen und folgte ihnen mit Blicken, als sie zu einem der Karren gingen. Anne nahm einen Bogen mit Köcher, Robert einen Köcher und ein Schwert. Nadja zögerte, dann steckte sie sich einen Dolch in den Gürtel und schlang sich einen Bogen über die Schulter.

»Na los, auf die Mauer!«, rief der Soldat ihnen zu. Er zog den Kopf ein, als ein Felsbrocken trudelnd über ihn hinweg flog. »Sie werden gleich ihre Taktik ändern.«

Robert kletterte eine der Leitern hinauf. Ein Priester in schwarzer Robe ging an den Elfen entlang, die auf dem Wehrgang warteten. Er hielt einen schweren Schmiedehammer in beiden Händen und murmelte etwas Unverständliches. Die Elfen berührten nacheinander den Stiel des Hammers. Manche küssten ihn sogar.

Bogenschützen rückten enger zusammen, als Robert, Anne und Nadja den Wehrgang betraten. Sie waren staubbedeckt. Wind pfiff durch die brusthohen Zinnen der Mauer und brachte den Sand der Ebene mit.

Robert schirmte seine Augen mit einer Hand ab. Trotzdem sah er die beiden Katapulte erst, als die Elfe neben ihm auf sie zeigte. Sie ragten verschwommen auf, braunes Holz und graues Metall inmitten des Staubs. Karren, wahrscheinlich mit Steinen beladen, standen neben ihnen. Schemenhaft erkennbare Gestalten eilten zwischen ihnen umher. Robert hörte einen weit entfernten Ruf, dann wurde ein Felsbrocken über die Ebene katapultiert. Er flog langsam und trudelnd und doch schoss er in der nächsten Sekunde bereits über die Mauer hinweg und schlug in ein Haus ein.

Der Knall ließ die Steine unter Roberts Füßen vibrieren und hallte in seinem Magen nach.

»Gleich«, sagte die Elfe neben ihm. Sie trug einen Helm, unter dem ihr Gesicht nicht zu erkennen war. Ein Köcher mit Pfeilen stand zwischen ihren Füßen, der Bogen hing locker von ihrem Arm. Robert ahmte sie nach. Er wagte nicht zu fragen, was gleich zu bedeuten hatte.

Nadja stand auf seiner anderen Seite, Anne ein wenig hinter ihm. Beide hielten ihre Bögen in der Hand und starrten mit zusammengekniffenen Augen in die Ebene hinaus. Sie wirkten nervös.

Und dann hörte er das Kreischen. Ein dunkler Fleck breitete sich dort draußen aus wie Blut, das aus einer Wunde strömte.

Die Elfe spannte ihren Bogen. Robert folgte ihrem Beispiel, ebenso wie alle anderen, die auf der Mauer standen.

»Für den Schmied!«, schrie jemand. Einige Elfen nahmen den Ruf auf, doch die meisten blieben stumm. Robert roch ihre Angst.

Der Fleck kam näher, verwandelte sich in einzelne Schemen hoch in der Luft. Flügel wurden sichtbar, dunkle Lederschwingen, jede so lang wie ein ausgewachsener Mensch. Robert sah aufgerissene Mäuler und Stacheln, die aus dem Körper ragten.

»Grawnya«, hörte er Anne hinter sich flüstern. Ihre Lippen kamen nahe an sein Ohr. »Lass dich nicht beißen. Selbst du würdest daran zugrunde gehen.«

Er schluckte, ohne den Blick von den Kreaturen zu nehmen, die rasch näher kamen. »Ihr Biss ist tödlich«, sagte er an Nadja gewandt. Sie nickte. Der gespannte Bogen in ihrer Hand zitterte ein wenig. Er wusste nicht, ob Anstrengung oder Angst dafür verantwortlich war.

»Los!«, schrie die Elfe neben ihm plötzlich. Robert ließ die Bogensehne los. Sein Pfeil zischte den Kreaturen entgegen, war Teil einer gewaltigen Salve, die Dutzende aus dem Himmel riss. Schwere Körper schlugen im Sand auf, wanden sich kreischend am Boden. Lederschwingen knallten wie Peitschen, Klauen pflügten den Sand auf.

Die nächste Salve stieg bereits in die Luft, bevor Robert sich nach einem neuen Pfeil bücken konnte. Er bemerkte, dass die Elfe kurz den Kopf in seine Richtung drehte und hob die Schultern. »Ich bin kein guter Schütze.«

»Offensichtlich«, sagte sie dumpf unter dem Helm.

Die Pfeile rissen große Lücken in den Schwarm der Grawnya. Kreischend stürzten die Kreaturen ab, erschlugen teilweise die, die bereits verletzt am Boden lagen. Doch die Grawnya gaben nicht auf. Immer näher kamen sie der Mauer. Robert sah ihre langen faltigen Hälse, die Zähne in den aufgerissenen Mäulern und die orangefarbenen, schmalen Augen.

Zwei von ihnen kamen einige Meter von Robert entfernt an die Mauer heran. Ihre Schwingen fegten drei Elfen herunter. Einer fiel rückwärts auf einen mit Waffen beladenen Karren, die anderen beiden verschwanden jenseits der Mauer.

Elfen stachen mit Schwertern, Dolchen und Speeren nach den Grawnya, die wild vor ihnen flatterten und immer wieder nach ihnen schnappten. Die Schreie des Mannes, der auf den Karren gefallen war, übertönten sogar ihr Kreischen. Robert drehte sich nach ihm um. Speere und Schwertklingen ragten aus seinem Körper, aber er lebte noch.

Er wandte sich wieder den Grawnya zu. Das Gedränge auf der Mauer verhinderte, dass er näher an den Kampf herankam. Die Elfen standen sich gegenseitig im Weg, schrien sich an, stießen einander zur Seite um selbst nach den Flugwesen zu stechen.

Die Grawnya wichen mit einigen Flügelschlägen den Speeren und Schwertern aus. Es überraschte Robert, wie schnell und elegant sie wirkten. Der Erste stieg auf, lenkte die Angreifer einen Moment ab, worauf der Zweite in die Lücke stieß und einem Elfen den Arm abbiss.

»Mein Gott«, würgte Nadja neben ihm hervor. Robert hoffte, dass sie niemand gehört hatte. Der Grawnya packte den in sich zusammensinkenden Elf mit den Klauen und stieg mit ihm in die Luft. Blut spritzte aus dessen Armstumpf und regnete auf die Schützen herab, die hilflos unter ihm standen.

Der zweite Grawnya flog einen weiten Bogen, so wie ein Jagdflieger, dann raste er wieder auf die Mauer zu. Die Schwingen breitete er weit aus, wollte wohl so viele Elfen wie möglich in den Tod reißen.

Am Rande von Roberts Gesichtsfeld tauchte plötzlich ein Pfeil auf. Er spürte den Luftzug, als er an seiner Wange vorbeischoss. Ein zweiter lag keine Sekunde später auf der Sehne. Dieses Mal nahm Robert den Kopf zurück.

Beide Pfeile fanden ihr Ziel. Der eine bohrte sich in den Kopf des Grawnya, der den Elfen in den Klauen hielt, der zweite traf den Bauch des anderen. Er flatterte erschrocken zur Seite, verlor die Kontrolle und prallte gegen die Mauerzinnen. Gleichzeitig stürzte der Elf auf die Mauer. Der Grawnya, der ihn selbst im Tod noch festhielt, landete auf ihm.

Robert drehte den Kopf. Die Elfe neben ihm legte ruhig einen neuen Pfeil auf die Sehne. »Vergiss die anderen nicht.«

Unter der Mauer wurden Befehle geschrien. Die Ritter setzten sich auf ihre Cosgrachs, einige Bogenschützen kletterten von den Wachgängen und sprangen auf Pferde. Im ersten Moment verstand Robert nicht, was die Ritter gegen einen Angreifer aus der Luft ausrichten sollten, doch dann entdeckte er die Kolonne, die auf der Ebene auftauchte.

Schwer gepanzerte Elfen schoben einen mehrere Meter langen Wagen über Bretter, die von anderen vor ihnen in den Sand geworfen und hinter ihnen wieder aufgehoben wurden. Spitz zulaufende Balken ragten von dem Wagen hoch. Zwischen ihnen hing ein angespitzter, hölzerner Rammbock in armdicken Seilen. Schildträger umgaben die Kolonne, Ritter, auf deren Röcken das Wappen der gelben Flamme leuchtete, ritten in Zweierreihen rechts und links von ihnen durch den Sand.

»Brighde!«, schrie jemand. »Du auch.«

Die Elfe neben Robert drehte sich um und nahm den Helm ab. Kurzes, dunkles Haar rahmte einen Katzenkopf ein. Mit einem Satz sprang sie von der Mauer, rollte sich am Boden ab und kam geschmeidig wieder auf die Beine. Jemand reichte ihr einen Köcher voller Pfeile. Sie schnallte ihn sich auf den Rücken und sprang auf ein Pferd.

Das ist unsere Chance, dachte Robert. Nadja schien das im gleichen Moment zu erkennen. »Sie öffnen das Tor«, sagte sie.

Er nickte. »Jetzt oder nie.«

Anne kletterte bereits die Leiter herab, als er sich umdrehte. Die Grawnya sammelten sich vor der Mauer zu einem weiteren Angriff, hielten die Bogenschützen davon ab, die Kolonne anzugreifen. Robert schoss ein letztes Mal auf sie – daneben – während Nadja an ihm vorbei von der Mauer kletterte. Dann folgte er ihr.

Niemand beachtete sie. In dem Chaos aus kreischenden Grawnya, schreienden Verletzten und Befehle brüllenden Soldaten fielen sie nicht auf.

Es standen nur noch wenige reiterlose Pferde vor dem Tor. Sie fanden drei. Anne schwang sich geschmeidig in den Sattel, Robert und Nadja kämpften sich mühsam hoch. »Wir müssen zusammenbleiben«, sagte Robert. Die Zügel in seinen Händen fühlten sich fremd an. Er war noch nie geritten, hatte aber das seltsame Gefühl, das Pferd seinem Willen unterwerfen und beherrschen zu können. Noch so ein Superheldenzeugs? Für einen kurzen Moment war er wie berauscht.

»Artair ist da vorne zwischen den Rittern.« Nadja zeigte in den Gang, der zum Tor führte. Das Pferd tänzelte unter ihr, und sie zog eine kritische Miene. Robert wusste, dass sie Angst vor Pferden hatte. Doch sie überwand sich, und auch sie schien das Pferd auf geheimnisvolle Weise im Griff zu haben. »Wenn er uns sieht …«

Sie musste den Satz nicht beenden.

Anne schwieg, legte nur die Hand auf den Dolch in ihrem Gürtel.

»Für Ehre, Ruhm und den Schmied!«, brüllte Artair irgendwo im Gang. Elfen schlugen mit Schwertern gegen ihre Schilde. Das Tor schwang knarrend auf.

Es gab keine Formation, keine Disziplin, nur einen wilden Haufen Reiter, die ihren Pferden die Sporen gaben und aus der Stadt galoppierten. Robert musste nichts tun. Sein Pferd schloss sich den anderen an. Er schätzte, dass rund zweihundert Reiter, Ritter und Bogenschützen, der Kolonne entgegen stürmten. Über ihm klarte der Himmel auf. Sonne stach in sein Gesicht und brach sich in den Rüstungen der Ritter. Sie erstrahlten in einem nahezu überirdischen Licht, das selbst die aufwallenden Staubwolken durchdrang.

Die Grawnya ignorierten sie, setzten ihre Angriffe auf die Bogenschützen fort. Schildträger rückten dichter um die Kolonne zusammen, die Flammenritter fächerten auseinander. Robert sah sie nach Armbrüsten greifen, die von ihren Sätteln hingen.

Er zog an den Zügeln, zwang sein Pferd langsamer zu werden. Nadja und Anne ließen sich ebenfalls zurückfallen.

»Was macht ihr denn hier?« Brigdhes schwarzes Katzengesicht starrte ihn an. Er hatte nicht bemerkt, dass sie neben ihm ritt.

»Wir sollten mitkommen.«

»Ihr?« Es war offensichtlich, dass sie ihm nicht glaubte. Trotzdem nickte er.

Brigdhe zögerte, dann zeigte sie auf die Kolonne. »Also gut, dann kämpft.« Sie wandte sich ab. »Und vergesst nicht«, sagte sie, während sie nach einem Pfeil griff. »Unsere Bogenschützen töten Feiglinge ebenso gern wie den Feind.«

Instinktiv warf Robert einen Blick zurück zu den Mauern. Der Angriff der Grawnya hatte nachgelassen. Ein Teil der Schützen konzentrierte sich auf die Kolonne und auf die Reiter vor ihr.

»Das war kein Witz«, sagte Anne. »Wir sind in Reichweite ihrer Pfeile.«

»Ich weiß.« Er trieb sein Pferd an. »Und was machen wir jetzt?«

»Dafür sorgen, dass wir außer Reichweite der Pfeile kommen«, antwortete Nadja. Sie hatte Recht. Eine Flucht nach vorn, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Vor ihnen richteten sich Bogenschützen in ihren Sätteln auf. Pfeile regneten auf die Schildträger und die Reihen der Flammenritter nieder. Die meisten blieben in den Schilden stecken. Nur wenige fanden ihr Ziel.

Während die Bogenschützen nach frischen Pfeilen griffen, legten die Reiter rechts und links der Kolonne ihre Armbrüste an. Sie sahen aus wie ein Erschießungskommando.

Robert seufzte und zog sein Schwert. »Ich kann diese Welt echt nicht leiden«, sagte er.

Es war ein Inferno aus Staub, Hitze, Blut und Schmerz. Pferde wieherten, Elfen schrien und fluchten, Sand verdunkelte den Himmel, tauchte alles in einen seltsam gelben Nebel. Die erste Salve der Flammenritter hatte fast zwanzig Elfen aus dem Sattel geholt, aber man brauchte Zeit, um eine Armbrust zu spannen, und als die Ritter bereit waren, hatten die Angreifer sie bereits erreicht.

Klingen wurden gekreuzt, trafen Metall, Leder und Fleisch. Robert hielt sein Schwert in einer Hand, versuchte mit der anderen vergeblich, sein Pferd unter Kontrolle zu halten. Das Tier, eingeschlossen in eine Welt aus Staub und Lärm, war der Panik nahe. Robert konnte es verstehen.

Immer wieder sah er sich um. Nadja und Anne befanden sich rechts von ihm, hinter einem umgestürzten Karren. Ebenso wie er versuchten sie den Kämpfen auszuweichen und im Hintergrund zu bleiben, doch da sie nicht mehr wussten, wo der Hintergrund war, fiel das nicht leicht. Und als auf einmal das Gerüst des Rammbocks vor ihnen auftauchte, erkannte Robert, dass es ihnen nicht gelungen war. Sie befanden sich nicht am äußeren Rand der Schlacht, sondern in ihrem Zentrum.

Scheiße, dachte er und wischte sich den Staub aus dem Gesicht. Eine Schicht aus Sand und Schweiß bedeckte ihn. Die Farbe seiner Kleidung war nicht mehr zu erkennen. Um ihn herum drängten sich Pferdeleiber aneinander. Hufe wirbelten Sand auf. Robert stellte sich im Sattel auf, suchte nach Nadja und Anne, aber er sah nur den umgeworfenen Karren und einige Bogenschützen, die sich dahinter verschanzten. Die beiden Frauen waren verschwunden.

»Anne?«, rief er über den Lärm hinweg. Er konnte nur wenige Schritte weit sehen. »Nadja?«

Ein Schildträger stand plötzlich vor ihm, das Schwert in der Hand. Roberts Pferd stieg erschrocken, trat ihm den Schild aus der Hand und stampfte ihn zu Boden. Robert versuchte sich im Sattel zu halten, doch seine Stiefel glitten aus den Steigbügeln, sein Schwert bohrte sich in den Sand, und seine Hände rutschten vom Sattelknauf ab.

Er ging zu Boden. Sein Pferd galoppierte nach allen Seiten austretend davon. Nach nur wenigen Schritten war es im Staub verschwunden.

Robert kam auf die Beine. Überall klirrte und schepperte es. Er sah zwei Ritter ineinander verschlungen wie ein Liebespaar. Sie würgten sich. Er konnte nicht erkennen, wer zu welcher Seite gehörte.

Der Wagen mit dem Rammbock ragte vor ihm hoch, war keine zwei Meter entfernt. Robert drehte sich um die eigene Achse. »Anne! Nadja!«

Hufe schlugen neben ihm auf. Er sprang zur Seite, entging nur knapp einem Speer, der nach ihm gestoßen wurde. Robert griff nach dem Schild, der neben ihm am Boden lag, und hielt ihn schützend hoch. Der Ritter holte erneut aus. Die Speerspitze bohrte sich in das Holz, blieb darin stecken. Robert zog, hebelte seinen Angreifer aus dem Sattel. Er hörte einen Schrei, sah einen weißen Waffenrock vor sich. Metall schepperte, als der Mann zu Boden ging. Die schwere Rüstung drückte ihn in den Sand.

Robert holte mit dem Schild aus. Der Mann trat ihm die Beine unter dem Körper weg und kam mit einer übermenschlich wirkenden Kraft hoch. Metall schliff über Metall, als er einen gekrümmten Dolch zog und sich Robert entgegenwarf. Der rollte sich zur Seite. Die Klinge bohrte sich neben seinem Kopf in den Sand. Mit einer Hand griff er nach dem Arm des Mannes, mit der anderen nach seinem Gürtel.

»Du?«, stieß eine Stimme rau hervor.

Robert sah auf. Artair starrte ihn an. Sein Gesicht war voller Blut, ein wilder, fast wahnsinniger Ausdruck lag in seinen Augen.

Robert ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. Der Statthalter drückte ihm den Schild in die Hand und ein Schwert. »Komm.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er auf den Rammbock zu. Robert zögerte, spielte einen Moment mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen und zu verschwinden. Aber er konnte es nicht. Die Erinnerung an den Soldaten, der mit leerem Blick in Annes Armen hing und das Knacken, mit dem das Genick des anderen brach, hielten ihn zurück.

Er hat Recht, dachte er. Wir schulden ihm etwas.

Artair trat einen Ritter, der ihm mit erhobenem Schwert entgegen stürmte, gegen die Brust und ging weiter. Robert folgte ihm. Ein Schlag seines Schildes raubte dem Mann das Bewusstsein. Für ihn war nicht zu erkennen, zu welcher Seite der Ritter gehörte. Der Schmutz verbarg sein Wappen.

Die Schlacht ging mit unverminderter Heftigkeit um Robert herum weiter. Die meisten Ritter waren von ihren Reittieren gesprungen, kämpften breitbeinig im Sand stehend gegen ihre Gegner. Cosgrachs und Pferde galoppierten zwischen ihnen hindurch, rissen ebenso viele Kämpfer in den Tod wie Schwertstreiche und Speerspitzen.

Artair bewegte sich durch das Chaos, als ginge es ihn nichts an. Er hatte den Dolch eingesteckt und hielt die Arme leicht ausgebreitet. Funken tanzten über seine Fingerspitzen. Das Gerüst des Rammbocks ragte vor ihm auf. Zwei Armbrustschützen flankierten es. Ab und zu legten sie an und schossen Bolzen in die Menge. Robert fragte sich, wie sie Feinde von Freunden unterschieden. Wenn sie sich diese Mühe überhaupt machten.

Vor dem Rammbock blieb Artair stehen. Aus den Funken an seinen Fingerspitzen waren kleine Flammen geworden. Die Armbrustschützen bemerkten ihn nicht. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf einige Ritter, die versuchten, die Linie der Schildträger zu durchbrechen.

Artair legte seine Hände auf einen der Balken, der die Konstruktion trug. Sein Körper verkrampfte sich, so als wolle er ihn aus dem Wagen herausreißen. Kleine Flammen leckten am Holz, wurden langsam größer. Der Wind fachte sie an.

Robert sah sich um. Niemand beachtete sie. Die Kämpfenden schlugen aufeinander ein, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Es war ruhig neben dem Rammbock. Sie standen im Auge des Sturms.

Elfenmagie, dachte er. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Die Flammen färbten den Balken schwarz. Glut leuchtete rötlich. Rauch stieg auf und wurde vom Wind weggerissen.

Und dann drehte sich doch einer der Armbrustschützen um. Erst als Robert in sein Gesicht blickte, erkannte er, dass es sich um eine Frau handelte. Sie hatte ein herbes, staubbedecktes Gesicht und heruntergezogene Mundwinkel. Ihre Augen weiteten sich, als sie das Feuer sah. Sie öffnete den Mund.

Robert warf sein Schwert.

Es drehte sich in der Luft. Die Elfe hob abwehrend die Hände, aber es war zu spät. Der Knauf traf sie im Gesicht. Lautlos brach sie zusammen. Andere sahen sich um, als sie fiel, entdeckten nun auch das Feuer. Die Flammen krochen wie Raupen am Holz empor und fraßen alles, was erreichbar war.

Artair schien von all dem nichts zu bemerken, stand immer noch reglos da, die Hände auf den Balken gelegt. Schildträger begannen sich ihren Weg freizukämpfen. Ein paar bliesen in lange Holzpfeifen, die vor ihrer Brust hingen. Ritter erkannten, was geschah und hieben wild auf die feindlichen Elfen ein. Robert sah Bogenschützen hinter ihnen. Sie zogen Pfeile aus den Köchern. Schützend stellte er sich vor Artair, den Schild hoch erhoben. Zwei, drei Pfeile bohrten sich in das Holz, die anderen Schützen zögerten anscheinend, weil sie kein freies Schussfeld hatten und nicht die eigenen Kämpfer treffen wollten.

Es knallte. Robert zog den Kopf ein. Artair wurde neben ihm in den Sand geschleudert. Sein Gesicht und seine Hände waren rußverschmiert, aber er grinste. Brennendes Holz prasselte im ihn herum auf den Boden. Der Wagen war explodiert.

Elfen johlten und schlugen mit den Schwertern gegen ihre Schilde. Ihre Gegner ließen die Waffen sinken, starrten ebenso wütend wie resignierend auf die Trümmer. Grawnya kreisten über ihnen und kreischten, waren verwirrt von dem, was unter ihnen geschah.

»Artair!«, schrie eine Stimme plötzlich. »Da ist er! Tötet ihn!«

Ein Flammenritter, der einige Meter entfernt auf einem Cosgrach saß, zeigte mit einer Hand auf den Statthalter und zog mit der anderen seine Armbrust hervor. Ein Pfeil traf ihn in den Hals. Seine Rufe brachen ab. Langsam rutschte er von dem Cosgrach in den Sand. Doch andere hatten ihn gehört, auch Artairs eigene Ritter. Innerhalb von Sekunden umringten ihn die ersten. Diejenigen, die keine Schilde hatten, schützten den Statthalter mit ihrer Rüstung. Robert kamen sie vor wie ein Schildkrötenpanzer.

Er zog den halb benommenen Artair hoch. Aus dem Augenwinkel sah er Brigdhe. Die Elfe stand im Inneren des Panzers und schoss zwischen den Schilden hindurch mit Pfeilen auf ihre Feinde. Robert sah sich erneut nach Nadja und Anne um. Er hoffte, dass es ihnen gelungen war, dem Chaos zu entfliehen.

»Vorsicht!«, schrie Brigdhe plötzlich. Ein Schatten glitt über Robert hinweg. Er hörte lautes Kreischen. Erschrocken sah er auf und duckte sich im letzten Moment unter einer ledrigen Schwinge. Ein aufgerissenes Maul schoss Artair entgegen. Robert stieß ihn zur Seite. Klauen schlugen sich in seine Schultern, drangen durch die Lederjacke bis ins Fleisch. Er schrie auf, als er den Kontakt zum Boden verlor, dann wurde er emporgerissen, über die Köpfe der Krieger hinweg. Sein Fuß schlug gegen einen Helm, ein Speer stach nach ihm. Der Grawnya kreischte und knurrte. Sein langer Hals drehte sich, sein Maul schnappte nach der Beute in seinen Klauen.

Robert schlug den Kopf zur Seite und umklammerte den Hals. Die Haut war trocken und heiß. Aus dem Kreischen wurde ein Krächzen. Der Grawnya begann nach Luft zu schnappen. Robert biss die Zähne zusammen, als er hin und her geschüttelt wurde. Krallen rissen seine Lederjacke auf. Der Grawnya versuchte, ihn an die Dornen zu drücken, die seinen Körper bedeckten. Robert musste den Hals loslassen und stemmte sich verzweifelt gegen dessen Brust.

Triumphierendes Kreischen antwortete ihm. Der Grawnya öffnete sein riesiges Maul. Robert sah den Sand auf seiner Zunge, würgte, als ein Gestank nach Fäulnis ihm entgegenschlug.

Im nächsten Moment war sein Gesicht voller Blut. Es brannte in seinen Augen, drang in Mund und Nase ein. Er hustete und spuckte, riss trotz des Brennens die Augen auf. Ein Pfeil steckte im Rachen des Grawnya. Blut sprudelte aus seiner Kehle. Das Wesen begann zu röcheln. Sein Flügelschlag erlahmte.

»Oh nein«, flüsterte Robert, als er nach unten sah. Der Grawnya stürzte trudelnd ab. Seine Schwingen flatterten haltlos im Wind. Robert sah den Boden auf sich zukommen, schnell, viel zu schnell.

Er schlug auf.

Dunkelheit.

9.
He toa taumata rau

Maata Waka Nene fasste nicht, was die unbekannte junge Frau mit blumigen Worten erzählte. Konnte es wahr sein, sollte wirklich eine Bande randalierender Jugendlicher durch die Gegend streifen? Officer Nuhaka Spencer würde sich bedanken, wenn ihr Neffe Tearoa Rangi Tuku morgen wie jeden Montag nach Waitara in sein Versicherungsbüro fuhr und einen der beiden jungen Leute in der kleinen Police-Station ablud.

Unvorstellbar war das Ganze, weil es darauf hindeutete, dass sie und Whetu ihre Arbeit nicht richtig gemacht hatten. Sie wechselte einen Blick mit ihrer Schwägerin, die von der Südinsel stammte und selbst eine anerkannte Schamanin war.

Der Ngati-Mutunga-Stamm, dem sie im Gegensatz zu ihrem Gatten Tamati angehörte, hatte ebenfalls schon immer in dieser Gegend gelebt und in Maatas Verwandtschaft und in ihrer Ahnenreihe fanden sich eine Menge hochgestellter Maori-Adliger oder ariki, so auch der Politiker Te Rangi Hiroa und auch tohungas oder Schamanen. Die Gegend hier um das Grab Te Rangi Hiroas in Urenui war eine besondere Gegend und es oblag Maata und Whetu, die in die Geheimnisse und Mythen eingeweiht waren, sie vor allem Bösen zu schützen, damit Dinge wie ein solcher Überfall nicht passieren konnten. Umso verwunderlicher war die Geschichte dieser beiden – eine Brutalität ohnegleichen, die Whetus Zauber und Maatas Bannzeichen eigentlich hätten abhalten müssen.

Sie war hin- und hergerissen – Tamati schien es wichtig, jede Einzelheit von den beiden fremdartig wirkenden Leuten zu erfahren. Maata betrachtete die junge Frau. Ein Haarschnitt, wie er hier in Neuseeland bestenfalls in Auckland zu bekommen war. Sehr modisch, sehr extravagant, wenn sie den Zeitschriften vertraute, die Mahine, ihre Enkelin und Jimmy Raungas ältere Schwester, manchmal aus Inglewood mitbrachte. Darin waren junge Damen abgebildet, die eine ähnliche Haartracht aufwiesen.

Maata war dankbar, dass Mahine so etwas für dumm und überflüssig zu halten schien. Es schauderte sie, wenn sie sich überlegte, die Enkelin wäre eines Tages mit blondierten und kurzgeschnittenen Haaren erschienen, die in alle Richtungen wiesen – auch wenn es der zierlichen, ja geradezu ätherischen Frau sehr gut stand.

Der junge Mann war offenbar der stillere von beiden. Es schien Maata seltsam, dass er einerseits nicht derjenige war, der das Wort ergriffen hatte, sondern wie selbstverständlich Rian den Vortritt ließ. Außerdem sah er trotz der etwas anderen Haartracht – seine Haare waren nicht so platinblond, sondern eher goldblond – der jungen Frau äußerst ähnlich. Sie waren eindeutig Geschwister, kein Liebespaar, wie Rian zuerst angedeutet hatte, vielleicht sogar Zwillinge, denn eine innige Verbundenheit zwischen ihnen war zu spüren. Vielleicht waren es die Haare, welche die Augen der beiden jungen Leute so unglaublich violett leuchten ließen, oder sie trugen diese neumodischen, farbigen Kontaktlinsen. Dem jungen Mann – David hieß er, erinnerte sie sich – fielen die offenbar schon seit langem nicht mehr geordneten Haare derart wirr auf seine knochigen Schultern, dass Maata ihm am liebsten einen Kamm besorgt hätte.

Vom Aussehen her erinnerte er Maata an einen mittlerweile verstorbenen Rockstar, der einst im Zimmer ihres gleichfalls verstorbenen Sohnes gehangen hatte, der zwei verschiedene Augen gehabt und wie nicht ganz von dieser Welt gewirkt hatte. Ja, es schien durchaus wahrscheinlich, dass die Besucher aus Europa kamen, da waren solche Moden sicher nichts Besonderes.

Aber hier waren sie nun einmal in Pukearuhe.

Es fehlte noch, dass Jimmy Raunga sich daran ein Beispiel nahm. Bürsten und Kämme waren auch für ihren Enkel aus Prinzip ein Gräuel, aber wenn diese ausländischen jungen Leute hier so komische Moden einführten, dann waren wohl in den nächsten Wochen von Raunga noch mehr Widerworte als sonst zu erwarten. Wie er jetzt schon die junge Frau ansah – er schwärmte sie geradezu an!

Maata seufzte innerlich. Es hatte dem Jungen nicht gutgetan, die Eltern so früh bei diesem Flugzeugunglück zu verlieren. Sie und Tamati waren einfach zu alt gewesen, um noch Kinder zu erziehen. Besonders einen Jungen in den Flegeljahren.

Doch sie kam nicht mehr dazu, ihren Gedanken weiter nachzuhängen, denn Rian Bonet hatte ihre Geschichte beendet.

Tamati nickte gemessen, doch er dankte ihr nur für die Geschichte. »Ich hoffe, ihr nehmt unsere Gastfreundschaft an«, sagte er, während er sich würdevoll erhob. »Zum Abendessen werden wir uns wiedersehen. Meine Enkelin Mahine wird euch unser Gästezimmer zeigen und sich um eure Verletzungen kümmern, sie ist Krankenschwester. Morgen könnt ihr dann mit meinem Neffen Tearoa zur Polizeistation nach Waitara fahren. Er wird euch zu Officer Spencer bringen. Der kann alles weitere veranlassen. Doch bitte seid heute unsere Gäste. E iti noa ana, na te aroha – auch wenn unser Geschenk klein ist, es ist mit dem Herzen gegeben.«

Rian und David waren offenbar zu verwirrt und zu müde, um das Angebot abzulehnen oder eine Alternative vorzuschlagen. Sie stützten einander, als Mahine sie nach oben führte, wo die Schlafzimmer lagen.

Die Gemeinde zerstreute sich nun auf ein Nicken und ein Klatschen von Tamati.

Nur Maata, Whetu und Teramati blieben noch. Jetzt setzte sich auch Maata mit an den Tisch. Die vier Dorfältesten sahen sich an.

Eine Weile sagte keiner ein Wort.

»Was sagst du, Teramati? Haben wir Glück?«, wollte Tamati Waka Nene schließlich wissen. Er sprach Maori. Zur Sicherheit. Jeder von ihnen hatte zwar Wert darauf gelegt, dass auch die jüngeren Generationen die Sprache übten – Jimmy Raunga lernte sie sogar in der Schule –, aber die beiden Fremden mussten nun wirklich nicht alles verstehen, was hier an diesem Küchentisch gesagt wurde.

Der ariki von Pukearuhe sah gedankenverloren aus dem Fenster hinter der Küchenzeile und antwortete nicht sofort.

»Bist du sicher, dass es die beiden sind, von denen die Sage spricht?«, fragte er und sah seinem jüngeren Bruder direkt ins Gesicht. Tamati Waka Nene runzelte die Stirn.

Kein gutes Zeichen, dachte Maata und versuchte, die Wogen schnell zu glätten. »Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass Whetu und ich unseren heiligen Aufgaben gerecht geworden sind. Die Schutzzauber und Bannsprüche sind noch wirksam, das spüre ich!«

Whetu nickte bestätigend.

Tamati sah von Teramati zu seiner Frau. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich sofort und wurde weicher. »Ich würde nie annehmen, dass du deine Pflichten vernachlässigen könntest, Maata. Du und Whetu, ihr versteht eure Sache viel zu gut, meine Liebe.« Er wandte sich wieder seinem Bruder zu. »Du bist der ariki. Du solltest dich in den Zeichen der Götter mindestens so gut auskennen wie ich. Du stammst genauso vom Waka Nene wie ich auch. Diese beiden jungen Leute sind göttlicher Abstammung.«

»Göttlich? Mit ihrem Aussehen?« Whetu verzog das Gesicht. »Ich kenne mich auch ein wenig mit dem Andersweltlichen aus, Schwager, aber die beiden sind nicht göttlich. Ihr Aussehen hat mit Ranginui und Papatuanuku, von denen wir alle abstammen, nichts zu tun.«

»He toa taumata rau – Mut findet man an vielen Stellen«, sagte Tamati ungerührt. »Ich rede nicht von ihrer Haar- oder Hautfarbe. Seid ihr drei blind? Die besondere Aura, die sie beide umgibt, zeichnet sie als Angehörige der Anderswelt aus. Sie konnten nur durch einen Zugang hierher gelangen, denn weit und breit gab es in letzter Zeit keine Touristen, und diese Schwindelgeschichte, die sie uns da aufgetischt haben, haben sie sich doch selbst nicht abgenommen, das war deutlich zu merken. Die beiden sind urplötzlich erschienen, also kann es nur so sein, sie sind von dort. Und eines steht fest: Keiner von uns hat diesen Zugang.«

Maata sah ihren Gatten verblüfft an. Er klang so sicher. Sie dachte an das Gespräch und daran, was die junge Frau erzählt hatte. Vielleicht hatte sie ja etwas überhört, weil sie sich zu viele Gedanken über die Frisur der jungen Leute gemacht hatte? Und sich gefragt hatte, ob die Schutzzauber noch wirksam waren? Aber dennoch, Tamati hatte Recht, dieses Abenteuergarn nahm sie Rian Bonet nach einigem Nachdenken nicht ab. Und dann diese Blicke, die sie mit ihrem vorgeblichen Freund, in Wirklichkeit aber Bruder, getauscht hatte … Sie hatten improvisiert, mehr nicht.

»Was Tamati sagt, stimmt«, äußerte sie. »Wir sollten davon ausgehen, dass die beiden aus einer anderen Welt stammen als der, die durch die Trennung von Ranginui und Papatuanuku durch ihre Kinder entstand.«

Whetu schien immer noch nicht überzeugt, doch je länger Maata darüber nachdachte, desto mehr stimmte sie ihrem Mann zu. Es wäre das erste Mal gewesen, dass er sich in diesen Dingen irrte. Die beiden Fremden verbargen etwas.

»Tamati, angenommen, du hast Recht«, sagte Teramati. »Können wir den beiden wirklich unsere heikle Angelegenheit anvertrauen? Sie scheinen so jung zu sein und keiner von unseren Ahnen hat das je geschafft, egal, wie sehr sie es versucht haben.«

Auf Tamatis Gesicht breitete sich ein wissendes Lächeln aus. »Ich bin ganz sicher, Bruder, dass es diese beiden sind, von denen die Prophezeiung sprach. Und den Grund wird Whetu dir sagen, denn es ist der Grund, der sie daran zweifeln lässt.«

Seine Schwägerin funkelte ihn zornig an. »Teramati, du weißt, ich zweifle in der Regel nicht an irgendetwas, was dein Bruder sehen kann, er ist darin einer der begabtesten Schamanen, die ich je kennengelernt habe! Aber diese beiden Fremden haben eine seltsame Aura. Es ist keine menschliche Aura. Und sie wird dazu noch schwächer. Falls es wirklich so ist, wie Tamati sagt, und eigentlich zweifle ich auch nicht daran, dass es sich so verhält, ist ihre Aura leider nichts wert.«

Tamati lachte mit einem Mal dröhnend. »Die schwache Aura ist genau das, was uns nützen wird. Denn diese Wesen waren einst unsterblich, seht ihr das nicht? Das sind sie nicht mehr, da hat Whetu absolut Recht. Und das ist genau der Köder, den wir zu unserem Zweck verwenden werden. Sie sind durch das hierher geraten, was die pakeha Zufall nennen. Aber ich wette mit euch, es ist etwas Magisches gewesen, das sie hergebracht hat, etwas, das der anderen Welt angehört. Puauta! Nur diese beiden können es betreten. Und nur diese beiden haben die Kraft, Hine-nui-te po zu besiegen!«

10.
Der Panther

Catan lief durch die Nacht. Er war schnell, schneller als die, die ihn zu jagen versuchten. Die Würmer, die aus dem Feuer kamen, die Schlangen, die unter dem Sand warteten, die Grawnyas in der Luft und die Herden wilder Cosgrachs – sie alle konnten ihm nichts anhaben. Er war der Panther. Niemand war schneller als er.

Das Kind schlief in seinen Armen. Seine Schreie hatten ihn anfangs begleitet, so regelmäßig und unablässig wie sein eigener Atem, doch irgendwann hatte es aufgehört. Vielleicht hing das damit zusammen, dass Catan begonnen hatte, mit ihm zu reden. Es waren nur Kleinigkeiten, mal ein Wort, mal eine kurze Erklärung. Der Junge war viel zu klein, um ihn zu verstehen, das wusste Catan, aber er hatte den Eindruck, dass es ihm trotzdem guttat.

Im Morgengrauen fand er neben einem Bach einen Baum mit breiter Krone. Er fütterte den Jungen mit dem frischen Wasser, dann kletterte er den Stamm hinauf und hockte sich in eine Astgabel. Unter ihm erwachte die Wüste langsam zum Leben.

»Wir nannten sie früher die Wüste der Eitelkeit«, sagte Catan. Der Junge gähnte. »Der Sand war verglast. Künstler kamen hierher und schnitten wunderbare Kunstgebilde zurecht. Der König gab mir eines als Geschenk für meine zukünftige Braut.«

Er schüttelte den Kopf. »Es liegt immer noch verpackt unter meinem Bett. Ich weiß noch nicht einmal, wie es aussieht.«

Eine Weile gab er sich den Gedanken an die Braut, die er nie gehabt hatte, hin, dann gähnte auch er.

»Aber das ist vorbei«, sagte er, während er sich mit dem Rücken gegen den Stamm lehnte. Der Junge lag in seinen Armen und betrachtete ihn aufmerksam, so als warte er auf eine Fortsetzung der Geschichte. Die Aura, die ihn stets umgab, leuchtete leicht. Er war etwas Besonderes, das spürte Catan jedes Mal, wenn er ihn ansah.

»Die Zeit hat uns eingeholt, alles hat sich geändert.« Er wandte sich von der Wüste ab, von dem schwarz verfärbten, gesplitterten Glas und den kopfgroßen Spinnen, die sich nach der kalten Nacht darauf wärmten.

»Früher war es nie kalt. Man konnte draußen schlafen ohne eine Decke. Und man wusste, wann Tag und Nacht kamen und wann es regnen würde.«

Auch das änderte sich, je näher er seinem Ziel kam. Tag und Nacht schienen sich willkürlich abzuwechseln, der Regen kam und ging. Und es regnete nicht immer Wasser. Am ersten Abend war es noch so gewesen, am zweiten war Asche aus dem Himmel gefallen, in der Nacht Blut.

»Alles ist anders«, sagte Catan leise. Er schloss die Augen. Es war der erste Schlaf, den er sich seit dem Sprung durch das Portal gönnte. Die Wüste war zu heiß, um sie bei Tag zu durchqueren. Er hätte sie umgehen können, doch das war schon vor dem, was die Gläubigen Vertreibung nannten, nicht ungefährlich gewesen.

Auch die Toten brauchen einen Ort für sich, dachte er.

»So viel Zeit ist vergangen, Junge.« Er erinnerte sich an den Tag, an dem er an die Quelle getreten war und nur ein schlammiges Loch vorgefunden hatte. Wie lange sie gebraucht hatten, um zu erkennen, dass sie zu Verlorenen geworden waren, hilflos einer tickenden, nicht aufzuhaltenden Uhr ausgesetzt. Die Gläubigen beteten um Vergebung, und als das nicht half, begannen sie einander umzubringen. Nicht so, wie Elfen es schon immer getan hatten, aus Freude am Ruhm und mit einer gewissen Lässigkeit, sondern wütend, verbissen und mit regelrecht unvorstellbarer Grausamkeit. Aus irgendeinem Grund, den er nicht verstand, schien das Wissen um die eigene Sterblichkeit den Wunsch zu erzeugen, anderen das Leben zu nehmen.

Catan war den Kämpfen aus dem Weg gegangen. Seine Schwester, die damals noch fast ein Kind gewesen war, hatte ihm ins Gesicht gespuckt, als er ihr sagte, er würde das Reich verlassen. Mittlerweile musste Brigdhe längst erwachsen sein. Catan nahm an, dass sie sich entweder dem Orden des Hammers oder den Flammenrittern angeschlossen hatte. Er wusste nicht, inwiefern sich die beiden Sekten unterschieden, und es interessierte ihn auch nicht.

»So viel Zeit.« Und wie er sie verschwendet hatte. Sein Herr hatte ihm eine Weisung erteilt, hatte ihn ausgesandt, nach der Ursache der Vertreibung zu suchen. Catan hatte seinem Befehl gehorcht, zumindest am Anfang. Durch das Reich war er gezogen, dann durch die Welt der Menschen. Unzähligen Spuren war er gefolgt, doch jede hatte zuletzt im Nichts geendet.

»Wenn du wüsstest, was ich alles gesehen habe, Junge«, sagte er. Die Blätter raschelten über ihm, als ein warmer Wind aufkam. Sie waren das einzig Grüne in der Einöde. »Ich zog über Kontinente und Ozeane. Ich kletterte auf Berge und durchquerte Wüsten, heißer als diese. Ich sprach mit Weisen und mit Narren, und am Ende fand ich einen Platz unter der Erde.«

Er war müde gewesen, so unendlich müde, als er die Ausgestoßenen fand. Sie machten ihn zu ihrem Herrscher, gaben seinem Leben einen Sinn, seinem Handeln einen Zweck. Er belohnte sie dafür, indem er sie belog und ihnen sagte, das Schicksal habe ihn zu ihnen geführt. Sie glaubten ihm und eine Weile glaubte er es sogar selbst. Catan schämte sich, wenn er daran dachte, wie sehr er seinen Herrn enttäuscht haben musste.

»Aber dann kamst du zu mir«, sagte er. »Du wirst mir meine Ehre zurückgeben, Junge.«

Junge. Kind. So nannte er Talamh. Er versuchte, nicht an seinen Namen zu denken, nicht an die Mutter, deren verzweifelte Schreie ihm durch das Portal gefolgt waren. Es erleichterte ihm den Weg und den Gedanken an das, was an seinem Ziel geschehen würde.

»Hab keine Angst«, flüsterte Catan. »Es wird schnell gehen.«

11.
Auferstehung

Unerträgliche Hitze riss Robert zurück ins Bewusstsein. Flammen tanzten vor seinen Augen. Er hing in der Luft, glaubte einen Moment, noch immer zu fallen. Erst dann bemerkte er, dass Hände ihn an Armen und Beinen festhielten. Ohne nachzudenken, trat er zu.

Jemand schrie, er wurde losgelassen und fiel in den Sand.

»Er lebt!«

»Beim Hammer des Schmieds, er lebt!« Das war Artairs Stimme.

Robert setzte sich auf. Hämmernde Kopfschmerzen ließen seine Umgebung verschwimmen. Als sich sein Blick wieder klärte, hockte der Statthalter vor ihm. Er lächelte.

»Willst du immer noch behaupten, der Schmied habe dich mir nicht geschickt?«, fragte er.

»Ich …«, begann Robert, aber Artair stand bereits auf. Hinter ihm prasselte ein Feuer. Leichen lagen darin, wurden rasch davon verzehrt. Robert schluckte, als ihm klar wurde, wie knapp er dem Tod entgangen war. Feuer bekam auch Vampiren nicht gut … glaubte er zumindest.

»Kommt alle her!«, rief Artair. Wie ein Jäger, der eine Trophäe erbeutet hatte, ging er um Robert herum. »Kommt und seht das Wunder.«

Von überall kamen Elfen gelaufen. Sie befanden sich auf der Ebene. Leichen bedeckten sie, an manchen Stellen hatte Blut den Sand rot gefärbt. Die Angreifer waren verschwunden, nur die Toten, einige brennende Katapulte und die Trümmer des Rammbocks erinnerten noch an sie.

Die Elfen bildeten einen Kreis um Robert. Die meisten schoben Schubkarren mit blutigen Waffen und Rüstungsteilen vor sich her. Dubhagan stand zwischen ihnen, die Arme vor der Brust verschränkt. Die anderen Elfen hielten Abstand von ihm. Robert sah noch einige weitere Priester, die ebenso verdreckt und hager wirkten wie er. Brigdhe hockte vor den Elfen und stützte sich auf ihren Bogen. Ihr Katzengesicht war ausdruckslos.

Artair stieß eine Schubkarre mit dem Fuß um und sprang hinauf. Er hob die Arme und das Murmeln der Menge verstummte.

»Seht ihr diesen Mann?«, rief Artair. »Seht ihr ihn?«

Einige Elfen nickten. Robert widerstand der Versuchung zu winken und blieb im Sand sitzen, die Arme auf die Knie gestützt.

Artair zeigte auf Dubhagan, befahl ihm mit einer Geste, in den Kreis zu treten. Zögernd kam der Priester der Aufforderung nach.

»Dubhagan, habt Ihr nicht selbst das Herz dieses Mannes abgehört?«

»Das habe ich, Statthalter.«

»Schlug es?« Artair war sichtlich aufgeregt. Es war der Moment, auf den er gewartet und vor dem Robert sich gefürchtet hatte.

»Nein«, sagte Dubhagan. Seine Augen zuckten. Er war dabei eine Schlacht zu verlieren und wusste es.

»Dann war der Mann also tot?«

»So schien es.« Der Priester presste die Worte heraus.

»So schien es?« Artair breitete die Arme aus. »Ist es bei den Priestern üblich, jemanden ins Feuer zu werfen, der tot sein könnte?«

Einige lachten.

»Ich kenne Euch, Priester. Ihr seid ein gewissenhafter Mann. Wenn Ihr einen Mann für tot erklärt, dann ist er es auch. Normalerweise.«

Artair machte eine Pause, dann zeigte er auf Robert. »Dieser Mann war tot und doch sitzt er hier, lebendig, auferstanden vor unseren eigenen Augen.«

Die Menge starrte Robert an. In ihren Blicken wechselten sich Neugier und Misstrauen ab. Artair hatte ihnen noch nicht gesagt, was sie von ihm zu halten hatten, also waren sie vorsichtig.

»Wie würdet Ihr das nennen, Priester?« Die Stimme des Statthalters hallte über die Ebene. Er hatte sich umgezogen. Sein Waffenrock leuchtete weiß, der helle Umhang wehte im Wind.

Dubhagan trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich weiß es nicht«, sagte er leise.

Artair legte eine Hand an sein Ohr. Er genoss die Situation sichtlich. »Ich habe Euch nicht ganz verstanden. Sicher kennt ein weiser Mann wie Ihr, der sein Leben dem Schmied gewidmet hat, die Antwort auf meine Frage.«

Der Priester schwieg. Seine Lippen waren zusammengepresst, verschwanden fast hinter seinem Bart.

Artair lächelte. »Er ist zu ergriffen, um es auszusprechen, aber ich werde es euch sagen. Man nennt es ein Wunder!«

Das letzte Wort schrie er so laut, dass einige Pferde erschrocken wieherten. »Ein Wunder!«, wiederholte er. »Der Schmied hat uns diesen Mann geschickt, damit wir mit seiner Hilfe den Feind zerschmettern!«

Elfen begannen zu klatschen. Einige berührten mit dem Daumen ihre Stirn oder knieten nieder. Brigdhe gehörte zu den Wenigen, die eher verwirrt als begeistert wirkten.

»Kommt zum Palast!«, rief Artair. »Dort werde ich euch alles offenbaren, und dann werden wir feiern. Meine Weinkeller sind die euren!«

Nun jubelten alle Elfen, sogar einige Priester. Nur Dubhagan stand reglos in der Mitte des Kreises. Artair sprang von der Schubkarre. »Du wirst das Wunder anerkennen«, sagte er so leise zu dem Priester, dass Robert ihn kaum verstehen konnte. »Und du wirst allem zustimmen, was ich offenbare. Wenn nicht, wird der Schmied einen anderen Hohepriester für diese Stadt bestimmen.«

Dubhagan schwieg, aber sein Blick flackerte hell wie das Feuer. Artair ließ ihn stehen und streckte Robert seine Hand entgegen. Der ergriff sie und ließ sich auf die Beine ziehen.

»Es wäre leichter gewesen, wenn du etwas gesagt hättest«, flüsterte Artair.

Robert hob die Schultern. »Du hast nur für ein Wunder bezahlt. Sprechende Wunder kosten extra.«

»Was?« Der Statthalter runzelte die Stirn.

»Nichts. Vergiss es.«

Die Menge ließ sie nicht aus ihrer Mitte, umgab sie wie ein Kokon, als sie sich mit langsamen Schritten dem Tor näherten. Einige Elfen versuchten Roberts Hand zu schütteln, aber er tat so, als bemerke er sie nicht.

»Wir haben also gewonnen?«, fragte er.

Artair neigte den Kopf. Seine Euphorie verschwand. »Gewonnen? Das würde bedeuten, dass wir jetzt mehr haben als vorher, aber wir haben weniger. Es sind Gebäude zerstört und Soldaten getötet worden. So ist es jedes Mal. Wir halten die Stadt, aber Stück für Stück verlieren wir sie.«

Sie gingen durch den Gang hinter dem Tor in die Stadt hinein. Soldaten liefen voraus und verbreiteten die Nachricht des Wunders. Elfen strömten in den Gassen zusammen. Eine Frau hielt ein Kleinkind hoch, damit es Robert sehen konnte.

Er verzog das Gesicht. »Und du denkst, dass ich das ändern kann?«

»Ja.« Mehr sagte Artair dazu nicht.

Als sie den Marktplatz erreichten, holten Priester gerade die Leichen von den Galgen und aus den Käfigen. Die Frau, die im Pranger gestanden hatte, war bereits verschwunden. Robert nahm an, dass man den Feiernden den Anblick ersparen wollte. Auf der Treppe zum Palast blieb er kurz stehen und drehte sich um. Ein Teil von ihm hoffte, ein Teil fürchtete, Anne und Nadja zwischen den Elfen zu sehen, aber sie schienen nicht dort zu sein. Vielleicht war ihnen tatsächlich die Flucht gelungen.

»Was ist mit deinen Begleiterinnen?«, fragte Artair. Diener zogen die Eingangstüren vor ihm auf. »Sind sie wenigstens meinem Befehl gefolgt und haben sich in Sicherheit gebracht?«

»Ich denke schon. Wir wurden getrennt, als ein Felsbrocken einschlug.«

»Dann hoffe ich, dass es ihnen gutgeht.« Die Diener schlossen die Tür hinter ihnen. Artair begleitete Robert zu seinem Zimmer und blieb davor stehen. »Frische Kleidung liegt auf dem Bett. Komm zum Eingang, wenn du fertig bist. Die Stadt möchte erfahren, was das Wunder zu bedeuten hat.«

Er drehte sich um. Robert legte die Hand auf den Türgriff, zögerte dann aber. Eine Frage ließ ihn nicht los.

»Artair«, sagte er.

Der Statthalter sah zurück.

»Glaubst du wirklich, dass ich ein Wunder bin?«

Artair schwieg. Robert dachte, er würde nicht mehr antworten und öffnete bereits die Tür, als er es doch noch tat.

»Ich glaube«, sagte er, »dass es ein Wunder ist, dass ich euch dreien zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort begegnet bin. Ob du ein Wunder bist, kann ich nicht sagen, und um ehrlich zu sein, ist es mir egal.«

Er wandte sich ab.

Robert sah ihm nach, dann betrat er das Zimmer und schloss die Tür. Er glaubte, einen Stich im Magen zu spüren, als er den Geruch nach Sandelholz wahrnahm, der immer noch in der Luft hing. Annes Jacke hing über einem Stuhl, das Schwert, das Artair ihr gegeben hatte, lehnte an einer Wand.

Ich bin allein, dachte Robert. Mühsam schlug er die Sorgen und Ängste zurück, die seinen Geist plötzlich überfielen. Er wusste nicht, was geschehen war und wo sich Anne und Nadja aufhielten. So lange sich das nicht änderte, musste er an sich selbst denken. Alles andere war Zeitverschwendung.

Ich denke schon wie ein Elf. Robert schüttelte den Kopf und ging zu dem breiten Bett. Diener hatten die Spuren der Nacht beseitigt. Die Kissen, die er und Anne zerfetzt hatten, waren ausgetauscht worden, die zerwühlten Decken hatte man geglättet. Er lächelte beim Gedanken an das, was dazu geführt hatte.

Ein helles Leinenhemd lag auf dem Bett, eine dunkle Lederhose und ein Umhang, der so glatt war, dass er zwischen Roberts Fingern durch rutschte. Stiefel standen davor auf dem Teppich. Er zog die zerrissene, blutige Jacke aus und betrachtete die Wunden, die von den Klauen gerissen worden waren, im Spiegel. Sie schlossen sich bereits und juckten nur noch ein wenig. Die Kopfschmerzen ließen ebenfalls nach.

Ist schon geil, ein Vampir zu sein, dachte er und schwor sich im nächsten Moment, diesen Satz niemals gegenüber Nadja zu erwähnen.

Er zog Hemd und Hose an, ignorierte aber den Umhang. Zu viel Freddie Mercury, entschied er. Die Stiefel waren nicht groß genug, also ließ er sie ebenfalls stehen. Dann verließ er das Zimmer. Der Geruch nach Sandelholz folgte ihm bis in den Flur.

Artair wartete bereits in der Eingangshalle auf ihn. »Wirst du zu ihnen sprechen?«, fragte er.

»Kommt darauf an.«

Der Statthalter atmete tief durch. »Auf was kommt es an?«

»Ob du mir einen Gefallen erweist, wenn ich das tu, Artair.« Robert sah durch die breiten Türen nach draußen. Der Platz war voller Elfen. »Versprich mir, dass ich danach die Stadt verlassen darf.«

»Ich soll mein Wunder aufgeben?«

»Sag ihnen, ich sei zurück in den Himmel gefahren, oder was weiß ich.«

Artair zögerte einen Moment, doch dann streckte er die Hand aus. »Also gut, du hast mein Wort.«

Robert ergriff sie. Vergeblich suchte er nach der Lüge in den Augen des Statthalters.

Er meint es tatsächlich ernst, dachte er.

Artair nickte und die beiden Diener, die draußen standen und auf sein Kommando warteten, zogen die Türen auf. Elfen begannen zu jubeln und mit Schwertern auf ihre Schilde zu schlagen. Die Neuigkeiten schienen sich herumgesprochen zu haben.

Neben Artair trat er auf die oberste Stufe der Treppe. Diener entrollten Banner von langen Fahnenstangen und richteten sie auf. Sie flatterten hoch über ihren Köpfen im Wind. Ein stilisierter Hammer inmitten eines schwarzweißen Musters war darauf zu sehen.

Artair zog sein Schwert und streckte es in die Luft. »Für den Schmied!«, brüllte er.

Der Jubel nahm zu. Elfen schrien ihm ihre Antwort entgegen, bis er das Schwert einsteckte und die Arme vor der Brust verschränkte. Die Rufe ließen nach. Es wurde ruhig auf dem Platz.

»Euer Sieg erfüllt mich mit Stolz«, begann Artair. Robert blendete seine Worte aus. Er fühlte sich unwohl im Angesicht der Menge. Die Elfen sahen ihn voller Hoffnung und Aufregung an. Der Applaus, mit dem sie auf jeden Satz von Artair reagierten, wirkte ungeduldig, sie warteten auf die große Enthüllung.

Pulsuz fraqment bitdi.

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