Kitabı oxu: «Die Taufe auf den Tod Christi»

Şrift:

Claudia Matthes

Die Taufe auf den tod Christi

Eine ritualwissenschaftliche Untersuchung zur christlichen Taufe dargestellt anhand der paulinischen Tauftexte

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-7720-0044-7


Inhalt

  Vorwort

  Einleitung

 I: Ritualwissenschaften und Exegese1 Rituale und Ritualwissenschaften1.0 Wahrnehmung, Präsenz und Brisanz von Ritualen in modernen Gesellschaften1.1 Definition(en)1.2 Kategorisierungen1.3 Ritualveränderungen und -neuentwicklungen1.4 Missverständnisse, Fehler und Protest1.5 Ritualkritik2 Die Methodik der Arbeit2.0 Marginalisierung des Rituals in der Exegese?2.1 Rahmenbedingungen und Herausforderungen ritologischen Arbeitens im NT2.2 Ritologische Methodik der Untersuchung3 Aufbau und Fragestellung(en) der Arbeit3.1 Gegenstand und Ziel der Arbeit3.2 Aufbau der Arbeit3.3 Begriffliche Differenzierungen3.4 Fragestellungen der Arbeit

 II: Begrifflichkeiten1 βάπτω und βαπτίζω1.1 βάπτω1.2 βαπτίζω1.3 Übersetzungstraditionen2 Die sog. Taufformel(n)2.1 βαπτίζειν εἰς Χριστὸν2.2 βαπτίζειν εἰς τὸ ὄνομα Χριστοῦ3 Zusammenfassung

 III: Die paulinischen Tauftexte1 Galater 3,23–29: Es gibt weder Jude noch Grieche.1.1 Textsemantischer Einstieg1.2 ὑπό νόμον (Gal 3f)1.3 Χριστὸν ἐνεδύσασθε (Gal 3,27b)1.4 οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ (Gal 3,28a-c)1.5 πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (Gal 3,28d)1.6 εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ, ἄρα τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστέ, κατ’ ἐπαγγελίαν κληρονόμοι (Gal 3,29)1.7 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive2 1. Korinther 1,10–17: Auf wessen Namen seid ihr getauft?!2.1 Textsemantischer Einstieg2.2 ἵνα […] μὴ ᾖ ἐν ὑμῖν σχίσματα (1Kor 1,10)2.3 ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου, ἐγὼ δὲ Ἀπολλῶ, ἐγὼ δὲ Κηφᾶ, ἐγὼ δὲ Χριστοῦ (1Kor 1,12)2.4 μεμέρισται ὁ Χριστός; μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1Kor 1,13)2.5 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive3 1. Korinther 12,12–20: Zu einem Leib getauft3.1 Textsematischer Einstieg3.2 ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες […] ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13a)3.3 […] ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13a)3.4 εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ἕλληνες εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι (1Kor 12,13b)3.5 πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν (1Kor 12,13c)3.6 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive4 Römer 6,1–11: Mit Christus gestorben4.1 Der locus classicus der Tauflehre – Bedeutung und Kontext4.2 ὅσοι ἐβαπτίσθημεν εἰς Χριστὸν Ἰησοῦ, εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθημεν (Röm 6,3bc)4.3 συνετάφημεν οὖν αὐτῷ διὰ τοῦ βαπτίσματος εἰς τὸν θάνατον (Röm 6,4a)4.4 ἵνα ὥσπερ ἠγέρθη Χριστὸς ἐκ νεκρῶν διὰ τῆς δόξης τοῦ πατρός, οὕτως καὶ ἡμεῖς ἐν καινότητι ζωῆς περιπατήσωμεν (Röm 6,4b.c)4.5 εἰ γὰρ σύμφυτοι γεγόναμεν τῷ ὁμοιώματι τοῦ θανάτου αὐτοῦ (Röm 6,5a)4.6 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive

 IV: Die rituelle Umwelt der christlichen Taufe. Ritualvergleiche1 Wasser und Wasserrituale allgemein1.0 Einleitung1.1 Im AT und frühjüdischer Literatur1.2 Im NT1.3 Ertrag2 Johannestaufe2.1 Die Ritualbezeichnung: τὸ βάπτισμα Ἰωάννου2.2 Der Ursprung des Rituals2.3 Der Ritualleiter: die Person Ἰωάννης ὁ βατιστής2.4 Die Ritualteilnehmer: οἱ ἐκπορευομένοι ὄχλοι βαπτισθῆναι ὑπ᾽ αὐτοῦ2.5 Der Ritualort: Wüstenpredigt und Jordantaufe2.6 Der Ritualablauf: Ἐγὼ μὲν ὑμᾶς βαπτίζω ἐν ὕδατι εἰς μετάνοιαν2.7 Die Ritualfunktion und -deutung: βάπτισμα μετανοίας εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν2.8 Ertrag und Vergleich mit der christlichen Taufe3 Beschneidung3.1 Die Ritualbezeichnung: ‎‏מול‏‎ / περιτέμνω3.2 Der Ursprung des Rituals: ‎‏לאות ברית‏‎3.3 Der Ritualleiter: der Beschneider3.4 Die Ritualteilnehmer: οἱ ἐκ περιτομῆς3.5 Der Ritualort und die Ritualzeit3.6 Der Ritualablauf: das Abschneiden3.7 Die Ritualfunktion und -deutung: das Bundeszeichen3.8 Ertrag und Vergleich mit der christlichen Taufe4 Proselytentauchbad4.0 Quellenlage und Datierung4.1 Die Ritualbezeichnung: ‎‏טבילה‏‎4.2 Der Ursprung des Rituals: Die jüdischen Reinigungswaschungen4.3 Die Ritualleiter: Die Zeug(inn)en des Tauchbades4.4 Die Ritualteilnehmer: alle Proselyt(inn)en4.5 Der Ritualort und die Ritualzeit4.6 Der Ritualablauf: Beschneidung, Belehrungen und Tauchbad4.7 Die Ritualfunktion und -deutung: Reinigungs- und Initiationsfunktion4.8 Ertrag und Vergleich mit der christlichen Taufe5 Gruppen mit intensivem Gebrauch von Wasserritualen5.0 Einleitung5.1 Die Gemeinschaft von Qumran5.2 Die Elchasaiten5.3 Die Mandäer5.4 Die Ebioniten5.5 Ertrag und Vergleich mit der christlichen Taufe

 V: Ritologische (Deutungs)Motive1 Tod–Leben1.1 Das Verhältnis von Leben und Tod1.2 Motivvarianten – Verwendung und Interpretation als Ritualdeutung1.3 Schlussfolgerungen und Gesamtinterpretation2 Gemeinschaft, Einheit und Leibmetaphorik2.1 Keine Taufe ohne Gemeinde2.2 Die Taufe begründet eine einzigartige Einheit und Gemeinschaft.2.3 Zusammenfassung3 Erbe, Sohn3.1 Kindschaft und Verwandtschaft allgemein3.2 Kinder Gottes3.3 Erben3.4 Abrahamskindschaft4 Befreiung – Freiheit5 Name5.1 Das Namensmotiv in rituellen Kontexten5.2 Das Namensmotiv in der ὄνομα-Taufformel6 Zusammenfassung

 VI: Die christliche Taufe als Ritual. Eine Zusammenfassung0 Einleitung1 Die Ritualbezeichnung: ἐβαπτίσθητε εἰς Χριστόν1.1 Zusammenfassung1.2 Weiterführende Aspekte und Fragen2 Der Ursprung und die Entwicklung des Rituals: εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθημεν2.1 Zusammenfassung2.2 Weiterführende Aspekte und Fragen3 Der Ritualleiter: ein Täufer3.1 Zusammenfassung3.2 Weiterführende Aspekte und Fragen4 Die Ritualteilnehmer(innen): Wirklich alle können getauft werden.4.1 Zusammenfassung4.2 Weiterführende Aspekte und Fragen5 Der Ritualort und die Ritualzeit5.1 Der Ritualort: Die Taufe ist ortsunabhängig.5.2 Die Ritualzeit: Die Taufe ist der Moment des Wechsels.6 Der Ritualablauf: Wirklich alle werden in gleicher Weise einmalig getaucht.6.1 Zusammenfassung6.2 Weiterführende Aspekte und Fragen7 Die Ritualfunktion und -deutung: Die christliche Taufe ist ein Initiationsritual der besonderen Art.

 LiteraturverzeichnisI. SekundärliteraturII. HilfsmittelIII. TextausgabenIV. Websites

Vorwort

Die vorliegende Studie wurde im Sommersemester 2016 von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig unter dem Titel „Auf seinen Tod getauft (Röm 6,3). Eine ritualwissenschaftliche Untersuchung zur christlichen Taufe dargestellt anhand der paulinischen Tauftexte“ als Dissertation angenommen und für den Druck leicht überarbeitet.

Für die jahrelange Unterstützung, jedes Mitdenken und viele anregende und reflektierende Gespräche danke ich meinem Doktorvater Herr Prof. Dr. Jens Herzer. Dankbar bin ich auch Prof. Dr. Marco Frenschkowski für das Zweitgutachten sowie vielfältige religionsgeschichtliche Hinweise. Die Diskussionen im Institutskolloquium haben mir immer wieder geholfen, Aufbau und Teilergebnisse des Projektes zu hinterfragen und mich zur richtigen Zeit motiviert. In besonderer Weise möchte ich an dieser Stelle Dr. Martin Hüneburg danken. Außerdem bin ich dankbar, dass das Projekt in der Reihe „Neutestamentliche Entwürfe zur Theologie“ aufgenommen wurde.

Viele, viele Familienmitglieder und Freunde wissen nach diesen Jahren mehr Details und Kuriosa über die Taufe als sie vermutlich jemals wissen wollten. Einige von ihnen haben mich zusätzlich bei der Korrektur unterstützt. Vielen Dank für jedes offene Ohr, jede Minute und sonstige Unterstützung, mit denen ihr einen erheblichen Anteil an diesem Buch habt! V.a. den Theolog(inn)en unter euch wünsche ich, dass ihr das immer wieder Gehörte nutzen könnt, um im besten Sinne „gelingende Taufen“ zu spenden und zu feiern! Ich weiß, ihr seid für die Wichtigkeit und die Chance lebendiger Rituale in unserem Alltag wie in unseren Gemeinden sensibilisiert.

Abschließend und besonders herzlich möchte ich meinem Mann Clemens Matthes danken, der mich bisher nur mit diesem Projekt kennt. Ich freue mich auf unser gemeinsames Leben und mit dir gemeinsam Rituale für unsere Familie zu finden und zu gestalten. Und ganz besonders freue ich mich darauf, dass unsere liebe Clara an diesem Sonntag getauft wird.

Halbau, Pfingsten 2016 Claudia Matthes

Einleitung

Zu keiner Zeit und in keiner exegetischen Veröffentlichung wird der Ritualcharakter der christlichen Taufe in Frage gestellt. Dass sich bisher nur wenige Studien dessen wissenschaftlicher Erfassung und Interpretation widmen, scheint eine Reihe an Gründen zu haben.1 Im Folgenden sei ein Überblick gegeben über diejenigen Beiträge, welche sich – wenn auch zum Teil nur ansatzweise – mit der Taufe als Ritual auseinandersetzen.

Die beiden umfassendsten Veröffentlichungen der letzten Jahre zur Taufe sprechen Ritualsapekte insofern an, dass sie die (vermeintlichen) Vorgängerrituale und „Parallelen“ phänomenologisch darstellen und ansatzweise Vergleiche und Überlegungen zu deren Verhältnis mit der christlichen Taufe anstellen:

Everett Ferguson, Baptism in the Early Church. History, Theology, and Liturgy in the First Five Centuries:2 Ferguson geht einerseits auf die Verwendung von Wasser zur Reinigung in der Ritualwelt des griechisch-römischen Kontextes ein3 und verhandelt andererseits über Johannes den Täufer,4 Jüdische Wa­schungen, Täuferbewegungen und die sog. Proselytentaufe.5 Diese Rituale identifiziert er als „a more likely immediate context for Christian baptism than any other antecedents“.

Hellholm, David/Vegge, Tor/Norderval, Oyvind/Hellholm, Christer (Hg.), Ablution, Initiation, and Baptism. Late Antiquity, Early Judaism, and Early Christianity, Bd. I–III:6 Die methodische Grundlage legt Petersen, Anders Klostergaard, Rituals of Purification, Rituals of Initiation. Phenomenological, Taxonomical and Culturally Evolutionary Reflections.7

Eine Reihe an Aufsätzen widmet sich Wasser- und teilweise auch Initiationsritualen in vorangehenden und umliegenden Kulturen: Assmann, Jan/Kucharek, Andrea, Wasserriten im Alten Ägypten;8 Hultgård, Anders, The Mandean Water Ritual in Late Antiquity;9 Graf, Fritz, Baptism and Graeco-Roman Mystery Cults;10 Pearson, Birger A., Baptism in Sethian Gnostic Texts;11 Wurst, Gregor, Initiationsriten im Manichäismus;12 Labahn, Antje, Aus dem Wasser kommt das Leben. Waschungen und Reinigungsriten in frühjüdischen Texten;13 Freyne, Sean, Jewish Immersion and Christian Baptism. Continuity on the Margins?;14 Sänger, Dieter, „Ist er hinaufgestiegen gilt er in jeder Hinsicht als ein Israelit“ (bYev 47b). Das Proselytenbad im frühen Judentum.15

Weitere Beiträge betrachten die christliche Taufe nach Einzelmotiven und in verschiedenen ntl.en Schriften(-gruppen): Labahn, Michael, Kreative Erinnerung als nachösterliche Nachschöpfung. Der Ursprung der christlichen Taufe;16 Hartman, Lars, Usages – Some Notes on the Baptismal Name-Formulae;17 Hellholm, David, Vorgeformte Tauftraditionen und deren Benutzung in den Paulusbriefen;18 Vegge, Tor, Baptismal Phrases in the Deuteropauline Epistles;19 Schröter; Jens, Die Taufe in der Apostelgeschichte;20 Byrskog, Samuel, Baptism in the Letter to the Hebrews;21 Moxnes, Halvor, Because of “The Name of Christ“. Baptism and the Location of Identity in 1 Peter;22 Schnelle, Udo, Salbung, Geist und Taufe im 1. Johannesbrief;23 Hartvigsen, Kirsten Marie, Matthew 28:9–20 and Mark 16:9–20. Different Ways of Relating Baptism to the Joint Mission of God, John the Baptist, Jesus, and their Adherents;24 Seim, Turid Karlsen, Baptismal Reflections in the Fourth Gospel;25 Wischmeyer, Oda, Hermeneutische Aspekte der Taufe im Neuen Testament.26 Die weiteren Beiträge erstrecken sich auf die patristische Periode.

Der Aufsatzband deckt eine beeindruckende Breite an Themen und Ritualen ab, welche mit der christlichen Taufe in ihren Anfängen in Verbindung stehen. Die Vielzahl der Autoren birgt zugleich (natürlicherweise) die Schwierigkeit, dass das methodische Vorgehen des Erfassens und Darstellens der Rituale unterschiedlich und damit wenig vergleichbar vonstattengeht. Eine Monographie muss den Anspruch haben, nicht allein ritualwissenschaftlich zu arbeiten, sondern sich auch der Herausforderung stellen, die sehr unterschiedlichen Quellen und Aspekte in einer einheitlichen und darin vergleichbaren Weise zu erfassen.

Theißen, Gerd, Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums, 171–224:27 Theißen widmet der „rituellen Zeichensprache des Urchristentums“ ein eigenes Kapitel, denn „Religionen sind Zeichensysteme, die auf eine letztgültige Wirklichkeit verweisen“.28 Die rituelle Zeichensprache stehe dabei neben der narrativen (Mythos und Geschichte) und der präskriptiven (Imperative und wertende Sätze).29 Aus der Vielfalt und Breite der urchristlichen Riten heben sich die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl in besonderer Weise hervor. Theißen beschreibt ihr Entstehen als Transformation ursprünglicher, prophetischer Symbolhandlungen: Beide bezögen sich nur sekundär auf den Tod Jesu, wodurch es zu einer „Spannung zwischen äußerem Vollzug und religiösem Sinn“ käme.30 Letztlich überschreiten beide Sakramente „in rituell geschützter Form Tabuschwellen“, indem sie harmlose Handlungen („Essen und Trinken, Waschen und Begießen“) in religiöser Imagination mit Menschenopfer und Begrabenwerden gleichsetzen.31

In seiner verhältnismäßig ausführlichen Darlegung zu den urchristlichen Ritualen arbeitet Theißen in Ansätzen ritualwissenschaftlich. Seinem inhaltlich ähnlich ausgerichteten Buch „La dinamica rituale di sacramenti nel christianesimo primitivo. Da azioni simbolico-profetiche a riti misterici“32 stellt er gar dezidiert „ritualtheoretische Vorüberlegungen“ voran. Jedoch liegt seiner Untersuchung ein in der ritualwissenschaftlichen Forschung nicht mehr konsenesfähiger Ritualbegriff zu Grunde: „Riten sind Handlungen, die sich durch strenge Regelbefolgung selbst zum Zweck werden.“33 Diese Definition beeinflusst sodann nicht allein das Verständnis, sondern auch seine Überlegungen zur Entstehung von Taufe und Abendmahl. Ob seine Thesen zur Symbolhaftigkeit der Taufhandlung und ihrer Bezugnahme auf das Begräbnis Jesu34 tatsächlich zutreffen, wäre ebenfalls zu prüfen.35

Schließlich gibt es eine Reihe an ntl.en ritualwissenschaftlichen Studien, welche hier nicht in ihrer Breite dargestellt werden können. Der Fokus soll auf denjenigen liegen, welche mindestens ansatzweise die christliche Taufe als Ritual behandeln:

Strecker, Christian, Liminale Theologie des Paulus. Zugänge zur paulinischen Theologie aus kulturanthropologischer Perspektive:36 Strecker untersucht die urchristlichen Ritual- und Gemeinschaftsstrukturen und deutet sie unter grundlegender Inanspruchnahme der Ritual- und Gesellschaftstheorie Victor Turners. Die Anwendung von etablierten Ritualtheorien zur Deutung ritueller Zusammenhänge ist einerseits ein dezidiert ritualwissenschaftliches Vorgehen, anderseits bleibt zu fragen, inwieweit eine unter Beobachtung von Ureinwohnervölkern wie modernen Gruppierungen entwickelte Theorie „anwendbar“ auf die urchristliche Gemeinschaft ist – selbst dann, wenn Turner diese als Beispiel seiner Theorie benennt.37

In weiteren Veröffentlichungen v.a. zur Taufe verfolgt Strecker sodann auch andere ritualwissenschaftliche Ansätze, indem er der ntl. mit der Taufe in Verbindung gebrachten Motivik ritualwissenschaftlich nachspürt: Strecker, Christian, Taufrituale im frühen Christentum und in der Alten Kirche. Historische und ritualwissenschaftliche Perspektiven;38 ders., Auf den Tod getauft – ein Leben im Übergang. Erläuterungen zur lebenstransformierenden Kraft des Todes bei Paulus im Kontext antiker Thanatologien und Thanatopolitiken;39 ders., Macht – Tod – Leben – Körper. Koordination einer Verortung der frühchristlichen Rituale Taufe und Abendmahl.40

Jensen, Robin M., Baptismal Imagery in Early Christianity. Ritual, Visual and Theological Dimensions:41 Jensen untersucht und interpretiert die vielfältige Taufmotivik vom Neuen Testament bis in die Patristik u.a. unter ritologischen Gesichtspunkten, indem sie etwa andere Reinigungsrituale oder Inkorporationsrituale vergleichend heranzieht. Die von ihr untersuchten Motive sind „Baptism as Cleansing from Sin and Sickness“,42 „Incorporation into the Community“,43 “Baptism as Sanctifying and Illuminative”, “Baptism as Dying and Rising”44 sowie “Baptism as the Beginning of the New Creation”.45 Mit ihrer inhaltlichen Herangehensweise verfolgt sie die Deutungsmotive durch die Entwicklungsgeschichte der Taufe hindurch. Andere ritualwissenschaftliche Ansätze, wie etwa der Vergleich mit funktional ähnlichen Ritualen, werden dieser Prämisse untergeordnet und treten dadurch nur am Rande auf.

DeMaris, Richard E., The New Testament in its Ritual World:46 Nach einer Einführung in „Ritual Studies and the New Testament“ unterteilt DeMaris seine Ausführungen in „Entry Rites“ und „Exit Rites“ und geht innerhalb dessen sowohl Ritualelementen als auch -motiven nach. Er legt damit eine inhaltlich wie methodisch dezidiert ritualwissenschaftliche Studie vor. Die christliche Taufe stellt dabei eines der untersuchten Rituale dar.47

Eine Reihe von Studien und Aufsätzen beschäftigt sich allgemein mit der Ritualwelt des Neuen Testaments oder auch konkret mit Ritualaspekten und -elementen der christlichen Taufe in ihren Anfängen. Wenn daraus auch einzelne inhaltliche wie methodische Anstöße hervorgehen, so fehlt es dennoch an einer umfassenden Erfassung des Rituals Taufe. Die nachfolgende Arbeit stellt sich der Herausforderung, dies erstmalig durchgehend und dezidiert unter Zuhilfenahme ritualwissenschaftlicher Methodik zu vollziehen. Den Weg dahin wird das nachfolgende Methodenkapitel aufzeigen.

Kapitel I: Ritualwissenschaften und Exegese
1 Rituale und Ritualwissenschaften
1.0 Wahrnehmung, Präsenz und Brisanz von Ritualen in modernen Gesellschaften

Es galt lange Zeit als Gemeinplatz innerhalb der Sozialforschung, „daß Rituale in modernen Gesellschaften an Bedeutung verloren haben – als Ergebnis des Siegeszuges des Rationalismus oder der Technik, oder weil man den Individualismus, die Spontaneität, Authentizität und Aufrichtigkeit zunehmend höher bewertete“.1 Max Weber etwa assoziierte Ritual mit Magie und konstatiert, „daß alle beide in der modernen, ‚entzauberten‘, rationalen Welt an Bedeutung verlieren“.2 Max Gluckman spricht gar von einem allgemeinen Rückgang der Ritualisierung sozialer Beziehungen.3

Doch die Tendenz zur Marginalisierung von Ritualen ist erheblich älter als Weber und Gluckman. Wesentlich geprägt und mitbegründet wird sie bereits seit dem 16. Jh. von der evangelischen Theologie in ihrer gesamtgesellschaftlichen Wirkung: „The Protestant Reformation produced an ideological stance that was openly hostile toward ritual.“4

In seiner (theologie-)geschichtlich angelegten Ursachenforschung macht Gorman drei Aspekte evangelischer Theologie aus, welche zu einer Abwertung von Ritualen führten: 1) „the emphasis on inner experience as central to the authentic Christian existence“; 2) „a Christocentric and Christological interpretation of the Bible and history“ und 3) „anti-Judaistic and anti-Catholic biases and polemics“.5 Einige dieser (Über-)Interpretationen sind als direkte Reaktion auf das teilweise magische Ritualverständnis und -praxis der vortridentinischen katholischen Kirche zu verstehen und führen zu einer allgemeinen Distanzierung von ritualisierten, körperlichen Formen der Glaubensausübung.

Später verstärken nach der Meinung von Douglas antiritualistische Thesen tradierende, religiöse Erweckungsbewegungen, welche das Ritual stets als „leeren Konformismus“ kritisieren, die Marginalisierung des Rituals v.a. im evangelischen Bereich und davon geprägten Gesellschaften.6

Dass nun in den vergangenen 30 Jahren gehäuft die Beobachtung gemacht wird, Rituale seien wieder „in“ bzw. „schön“,7 hat m.E. zwei miteinander korrespondierende Ursachen:

1) Es ist ein erweiterter, nicht allein auf religiöse Rituale und den Ritualablauf fokussierender Ritualbegriff wahrzunehmen. Rituale werden (wieder-)entdeckt in sämtlichen Gesellschafts- und Lebensbereichen.

2) Es entstehen tatsächlich viele neue Rituale bzw. werden bewusst gesucht und entwickelt. Diese „neuen“ Rituale unterscheiden sich jedoch teilweise erheblich in Art, Intension wie gesellschaftlicher bzw. privater Verortung von bisherigen Ritualen und deren Funktionen. Als Anlass vieler der v.a. privaten Rituale muss die sich so schnell wie nie verändernde, verkomplizierende und ständige Entscheidungen, Flexibilität und Erreichbarkeit fordernde Lebenswelt eines Menschen des digitalen Zeitalters gelten. Entsprechend werden Rituale zum Arbeiten im homeoffice, zur Ehescheidung,8 zum Umgang in Patchworkfamilien9 sowie zu individuellen oder auch gemeinschaftlichen Offline-Zeiten entwickelt: „Die ‚neuen Rituale‘, so darf man aus all dem schließen, sind Handlungen, die vornehmlich der Psychohygiene dienen und darin ihren Sinn wie ihre Rechtfertigung – ihre raison d’etre – finden.“10 Selbst wenn dazu auf ältere Ritualformen zurückgegriffen wird, „werden sie nicht als Selbstverständlichkeiten des gesellschaftlich-religiösen Lebens fraglos wahr- und hingenommen, sondern in einer Art ‚Kaufentscheidung‘ bewußt gewählt, häufig auch erst in einem kreativen Prozeß hergestellt, um- und ausgestaltet. Immer weniger wird ihre Plausibilität durch kulturelle Gewohnheiten bzw. durch religiöse und gesellschaftliche Institutionen garantiert.“11

Daneben werden aber auch im öffentlichen Raum – in Politik, Sport, Musik oder auch an Universitäten – Rituale vermehrt entwickelt bzw. werden (wieder) als solche erkannt. Diesbezüglich ist gelegentlich die These zu hören, alle Gesellschaften seien gleichermaßen ritualisiert, sie würden lediglich unterschiedliche Rituale praktizieren. Burke mahnt diesbezüglich an, dass es wesentlich schwieriger sei, eigene Rituale zu erkennen als die der anderen, und empfiehlt daher, lediglich die Einstellung gegenüber Ritualen in der eigenen Gesellschaft zu beschreiben.12 Er kommt dabei zu dem Schluss: „Selbst wenn viele Menschen Rituale weiterhin ernst nehmen und es möglich ist, daß neue Medien […] auf ihre Art zur Mystifikation von Autoritäten beitragen, so steht dennoch fest, daß eine distanzierte, ja ablehnende Einstellung zu ‚bloßen‘ Ritualen in der westlichen Kultur feste und tiefe Wurzeln geschlagen hat.“13

Als aktuelle Grundtendenzen moderner Gesellschaften – ob evangelisch geprägt oder nicht – lässt sich dennoch festhalten: 1) Es entsteht eine Vielzahl neuer Rituale, sowohl im privaten wie im öffentlichen Raum. 2) Teilweise wird dazu auf alte Ritualformen und -abläufe zurückgegriffen. 3) Die privaten Rituale, sowohl von einzelnen, als auch Familien und kleineren Gruppen reagieren dabei häufig auf veränderte gesellschaftliche Herausforderungen und versuchen, diese mit Hilfe von Ritualen zu bewältigen. 4) Neuere Rituale in Politik, Medien oder auch Sport scheinen ebenfalls auf die sich verändernde Gesellschaft, ggf. den Rückgang allgemeingültiger und allgemein praktizierter Rituale zu reagieren. Dass die Trauerzeremonien am Ground Zero wesentliche Elemente kirchlicher Trauerfeiern oder auch das allsamstagliche Fangebaren in deutschen Fußballstadien auffällige Ähnlichkeiten mit einer Gottesdienstliturgie hat, mag als Indiz dafür gelten.

Mit dieser kontroversen gesellschaftlichen Entwicklung geht seit einigen Jahrzehnten die zunehmend systematisierte wissenschaftliche Erforschung von Ritualen einerseits innerhalb unterschiedlicher Forschungsgebiete14 und andererseits als eigenständiges und doch stets interdisziplinäres Forschungsgebiet, den sog. „Ritual Studies“ bzw. „Ritualwissenschaften“, einher.15 Als maßgebliche Protagonisten seien hier nur exem­plarisch genannt Catherine Bell,16 Mary Douglas,17 Roy Rappaport,18 Jonathan Z. Smith,19 Victor W. Turner20 und Arnold van Gennep.21 Gesondert ist auf Ronald L. Grimes22 zu verweisen, welcher 2005–2010 den weltweit ersten Lehrstuhl für Ritual Studies an der Radboud University Nijmegen (Niederlanden) innehatte.

Wie diese vielfältigen modernen Ansätze so können auch die antiken Ritualtheorien hier nicht ausführlich dargestellt werden. Genannt werden sollen aber immerhin die bekanntesten Protagonisten in diesem Bereich: Philon und Plutarch, v.a. Αἰτίαι Ῥωμαϊκαί, Αἰτίαι Ἑλλήνων. Anders als in den eher schlichten neutestamentlichen Paränesen spielen bei ihnen umfangreiche ethische und moralphilosophische Kultdeutungen eine wesentliche Rolle.23

1.1 Definition(en)

Viele Kontroversen wie auch die Vielfalt der Theorien innerhalb der Ritualwissenschaften gründen im Fehlen einer konsensfähigen Definition für den Untersuchungsgegenstand „Ritual“. Einen ersten Hinweis auf der Suche nach dem „Wesen“ eines Rituals bietet die Begriffsgeschichte.

1.1.1 Die sprachliche Wurzel des Rituals

Die Bezeichnungen, welche sich in den europäischen Sprachen finden, gehen beinahe alle auf das lateinische Adjektiv ritualis bzw. das Nomen ritus zurück, welches „Brauch, Sitte, Gewohnheit“ meint.1 Eine rite vollzogene Handlung wurde in der festgelegten Form ausgeführt. Die etymologische Wurzel ist nicht eindeutig: Die zwei gemeinhin angeführten Möglichkeiten betonen entweder die „auf Regelmäßigkeit beruhende Struktur“ (von sanskrit. r̥ta) oder, etwas neutraler, den Verlauf einer Handlungsabfolge (von indogerm. ri).2 Die regelmäßige wie die prozessuale Charakteristik scheinen zwei Elemente zu sein, die sich bis in den heutigen Sprachgebrauch des „Rituals“ durchziehen. Bei der Übernahme in die modernen indogermanischen Sprachen entwickelt sich der Begriff jedoch sehr schnell zum terminus technicus und Schlüsselbegriff in verschiedenen Zusammenhängen, so etwa im Deutschen3 oder auch Englischen.4

Die zunächst scheinbar verheißungsvolle Feststellung, dass die einschlägigen Begrifflichkeiten in so vielen der europäischen Sprachen sich auf eine gemeinsame Wurzel, nämlich das lateinische ritus zurückführen lassen, „does not imply semantic and pragmatic continuity“.5 Will man dem ursprünglichen Sinn des Begriffes auf die Spur kommen, ist vielmehr nach semantisch-pragmatischen Synonymen zum heutigen Ritualbegriff zu fragen – mit Blick auf den Gegenstand der Arbeit – über das Lateinische ritus hinausgehend speziell im (neutestamentlichen) Griechischen: „The (ancient) Greek language does not have a word that corresponds to the modern notion of a ‚ritual‘.“6 Chanoitis meint vielmehr, verschiedene Arten von Entsprechungen für „Ritual/ritual” ausmachen zu können: zum einen Wörter, welche einzelne Rituale bezeichnen (θυσία, ἐναγισμός, σπονδή), zum anderen Begriffe, die – aus dem semantischen Feld „to act“ / „action“ stammend – in einem allgemeineren Sinne Rituale bezeichnen können (ἱερὰ ποιεῖν, θεραπεύειν τοὺς θεούς), und davon wiederum abgegrenzt weitere Begriffe, welche beinahe ausschließlich im Zusammenhang mit Mysterienreligionen und Initiationen belegt sind (τελεῖν, δρόμενα, ὄργια). „Instead of using a word that corresponds to our notion of a ritual, the Greeks often use the general term tà nomizómena (‚the actions prescribed by custom‘) in order to refer to ritual actions, not only of a religious nature.“7

1.1.2 (Ansätze zu) Ritualdefinionen

Wie das Griechische unterschiedliche Termini verwendet und das lateinische ritus bereits zwei grundlegende Bedeutungstendenzen beinhaltet, so lassen sich auch in den heutigen Ritualwissenschaften nicht allein unterschiedliche Ritualdefinitionen, sondern kategorial verschiedene Ansätze, ein Ritual zu definieren, ausmachen, welche hier lediglich in einer kleinen Auswahl dargeboten werden können:1 1) Einige Ritualdefinitionen beschreiben in Form von Nominalsätzen das Wesen von Ritualen.2 2) Andere Ritualdefinitionen sind von Negativbestimmungen geprägt.3 3) Wieder andere heben auf den Handlungsaspekt eines Rituals ab.4 4) Das Ritual wird selbst als Handlungsweise verstanden.5 5) Externe Intentionen haben Einfluss auf die Definition, wie etwa die Absicht rituelle Phänomene maximal zu erfassen6 oder auch die Abwehr dessen.7

Die Problematik führt einige Forscher schließlich dazu, „not to define ‚ritual‘ explicitely (forgetting that they do have some idea of what a ‚ritual‘ is anyway), or to argue against the use of the term altogether!“8 Stollberg-Rilinger hält solchen Tendenzen wiederum entgegen: „Es ist aber weder möglich noch notwendig, ja nicht einmal wünschenswert, sich auf eine einzige, ‚richtige‘ und ‚endgültige‘ Definition zu einigen. Deshalb ist die Geschichte der Ritualforschung immer zugleich eine Geschichte unterschiedlicher Ritualdefinitionen.“9 In diesem Sinne sollen die verschiedenen Ritualdefinitionen in ihrer Weite und Vielfalt an dieser Stelle stehen bleiben, und „Ritual“ mit Grimes grundsätzlich verstanden werden als ritualisiertes Handeln, dessen Ritualisierungsgrad unterschiedlich hoch sein kann.

Diese recht allgemeine Definition genügt an dieser Stelle, insofern bei keinem der in dieser Arbeit untersuchten Rituale ein Zweifel daran besteht, dass sie tatsächlich als Rituale gelten können. Sowohl die besprochenen Taufen, als auch die zum Vergleich herangezogenen sonstigen Wasserrituale, die Beschneidung wie auch die gelegentlich thematisierten Mysterieneinweihungen stellen Rituale dar. Zu diskutieren sind vielmehr ritologische Sachfragen, wie Möglichkeit und Umstände von Ritualentwicklungen oder auch Ritualkritik sowie die Ritualkategorie. Dort hat auch der methodische Fokus bezüglich zu befürchtender Engführungen zu liegen, nicht aber auf der Ritualdefinition im Allgemeinen. Daher werden im Folgenden nach einer Übersicht über mögliche Ritualklassifikationen mit Blick auf die christliche Taufe und ihre Entstehung offensichtlich relevante Sonderfragen der Ritualwissenschaften dargestellt.

1.2 Kategorisierungen

Ebenso verschieden und vielfältig wie die Ritualdefinitionen gestalten sich auch die Ansätze, Rituale zu klassifizieren. Neben binären Grundunterscheidungen, etwa in religiöse und säkulare Rituale1 oder in Hauptrituale und Teilrituale/-riten,2 werden auch immer wieder mehrgliedrige Modelle vorgeschlagen. Die meisten Kategorisierungen unterscheiden dabei nach inhaltlich-funktionalen Aspekten, wobei auch bei den von etablierten Ritualwissenschaftlern vorgeschlagenen Modellen sich Beschreibungsschwierigkeiten auftun und reflektiert werden,3 welche entweder zu Mischkategorisierungen oder aber dazu führen, dass Rituale in mehrere der Kategorien eingeordnet werden können.4 Als klassische Modelle können gelten die sechs Kategorien Bells,5 die 16 Kategorien Grimes,6 aber auch Grimes’ Katalog an typischen Ritualeigenschaften, nach welchem der Grad an Ritualisierung gemessen werden kann.7

Die Zuordnung eines Rituals zu einer der Kategorien kann je nach Art des Rituals einen einfachen Schritt im Rahmen der Analyse darstellen oder aber eine wesentliche Entscheidung im Interpretationsprozess, welche ggf. an dessen Ende erneut zu prüfen ist. Die Taufe wird gemeinhin zur Kategorie der Reinigungsrituale8 und/oder zur Kategorie der Initiationsrituale gerechnet. Letztere bedürfen auf Grund ihrer Geschichte wie auch Vielfalt einer kurzen Darstellung.

Exkurs: Initiationsrituale

1. Begriffsgeschichte

Das Spannungsfeld der verschiedenen Vorstellungen und Assoziationen zur Initiation liegt bereits im Begriff begründet, denn in ihm „kreuzt sich ein antiker, an den ‚Mysterien‘ orientierter Begriff mit einem modernen, der auf Entwicklungspsychologie und Gesellschaftstheorie ausgerichtet ist“.9 Insofern ist im Folgenden zwischen dem griech.-lat. Ursprung des Begriffes und dessen heutiger Verwendung als Kategoriebezeichnung innerhalb von Anthropologie, Ethnologie und den Ritualwissenschaften zu unterscheiden.

Der heutige Fachbegriff leitet sich vom Lateinischen initia / initio bzw. initiare ab, was zunächst „Anfang / anfangen“ bedeutet, hierbei allerdings als Übersetzung für die griechischen Begriffe μύησις, μυστήρια, ὄργιον und τελεθή verwendet wird, auch wenn sich „keines dieser griech. Substantiva […] auch nur annähernd mit dem lat. Wort“ deckt.10 Die Rekonstruktionsversuche zur ursprünglichen Bedeutung von dem Wortfeld um μύησις bleiben spekulativ,11 sicher scheint allein, dass sich die griechischen Begriffe zunächst auf die Geheimkulte von Eleusis und Samothrake – später auch auf andere – beziehen,12 und seit der hellenistischen Zeit im Lateinischen durch initia oder auch das Lehnwort mysteria „jeder etwas geheimnisumwitterte Kult“13 bezeichnet werden kann.

2. Definition(en)

In der Moderne wird der Begriff initiation als Ritualkategorie wieder aufgegriffen bzw. neu bestimmt,14 wobei bisher – wie bereits beim Begriff „Ritual“ – keine einheitliche Definition und mit ihr eine entsprechende Abgrenzung und Beschreibung dieser Kategorie gefunden werden konnte. Es lässt sich jedoch feststellen, dass die begriffliche wie inhaltliche Grundorientierung zumeist auf die von van Gennep beschriebenen Passageriten,15 welche „nahezu gleichbedeutend mit ‚Initiation‘“16 verwendet werden, zurückgeht. Drei solcher Definitionen seien im Folgenden zitiert und sollen in ihren Übereinstimmungen, aber auch in ihrer gegenseitigen Weite die Grundlage für das Begriffsverständnis in dieser Arbeit darstellen:

Mircea Eliade: „Im allgemeinen versteht man unter Initiation eine Gesamtheit von Riten und mündlichen Unterweisungen, die die grundlegende Änderung des religiösen und gesellschaftlichen Status des Einzuweihenden zum Ziel haben. Philosophisch gesagt entspricht die Initiation einer ontologischen Veränderung der existentiellen Ordnung. Am Ende seiner Prüfungen erfreut sich der Neophyt einer ganz anderen Seinsweise als vor der Initiation: er ist ein anderer geworden.“17

Jan A.M. Snoek: „Initiations are all those, and only those, rites de passage, limited in time, and involving at least one subject participant, which are nonrecurrent transitions in time for their individual objects (the candidates).“18

Anders Klostergaard Petersen: „A ritual of initiation represents a sub-class of the category ritual. The class covers three different types of rituals that mutually differ from each other by the subject of doing of the ritual, as well as the state into which the ritual participant through the ritual is incorporated. Rituals of initiation effectuate an irreversible transfer of individual persons into a higher state of being than the one they had prior to the ritual act.“19

3. Beschreibung

Konsensfähig bestimmt die Forschung drei Grundarten von Initiationsritualen: Ini­tiation in ein bestimmtes Alter, in eine Gemeinschaft oder einen Kult und schließlich in das Schamane- bzw. Priestersein.20 Da es als nahezu unbestritten gilt, dass Initia­tionsrituale eine Unterkategorie der sog. Passagerituale darstellen,21 wird für eine erste Beschreibung zumeist auf Beobachtungen von van Gennep zurückgegriffen, welcher für sämtliche Passagerituale drei Teilrituale und damit verbunden drei Phasen postuliert:22 1) „rites de séparation“ / „Trennungsriten“ – die Phase der Trennung bzw. Ablösung, welche oft als Prozess des Sterbens beschrieben wird; 2) „rites de marge“ / „Schwellen- bzw. Umwandlungsriten“ – die Phase der Umwandlung bzw. Schwelle, welcher zumeist ein Status der Heiligkeit zuerkannt wird;23 und 3) „rites d‘agrégation“ / „Angliederungsriten“ – die Phase der Integration, welche oft als Geburt oder auch Auferstehung gedeutet wird.24 Van Gennep weist jedoch darauf hin, dass die Ausprägung der einzelnen Phasen abhängig sein kann einerseits von der jeweiligen Kultur und andererseits von der Art des Passagerituals: „Trennungsriten kommen vor allem bei Bestattungs-, Angliederungsriten bei Hochzeitszeremonien vor. Umwandlungsriten können bei Schwangerschaft, Verlobung und Initiation eine wichtige Rolle spielen oder aber auf ein Minimum reduziert sein wie im Falle der Adoption, der Geburt des zweiten Kindes, der Wiederverheiratung, dem Übergang von der zweiten zur dritten Altersklasse usw.“25

Daneben finden sich bei verschiedenen Forschern Beschreibungs- und Eigenschaftenkataloge, welche angesichts der Fülle und Vielfalt an Initiationsritualen das Verbindende und darin auch das Spezifische gegenüber anderen Ritualen herauszustellen:

Arnold van Gennep weist darauf hin, dass Passagerituale normalerweise ein Erkennungszeichen haben, welches allerdings nicht von permanenter Qualität sein muss, sondern z.B. auch in Kleidung, Masken oder Körperbemalung bestehen kann.26

Jan A.M. Snoek bietet eine Aufzählung von Eigenschaften, die Initationsritualen zueigen sind: „Initiations may be preceded by preparatory rites. […] The object of a rite de passage, and thus of an initiation, must fulfill certain predefined conditions in order to qualify for its role in the ritual. […] the object of an initiation is an individual person: the candidate.”27 Ein Ritual kann nicht lebenslang andauern und „one initiator should take part in the ritual, which renders ‚self-initiation‘ a contradiction in terms.”28 „Initiations are first-time-rituals which cannot be repeated (are nonrecurrent) for the same candidate. […] Through an initiation, one usually becomes a member of a group. In that case it is also the only means to become a member. […] As a rule, a candidate cannot have a stand-in, but must go through the ritual him/herself. […] Usually, taboos or instructions are supposed to help a candidate to avoid dangerous influences of the sacred during the liminal phase of ritual. […] Usually, the candidate is conducted by one or two guides or instructors. […] Usually, the initiated can be recognized by (permanent or removable) badges, obtained during their initiation.”29

Anders Klostergaard Petersen ergänzt diese Beobachtungen: „The ritual participants in the ritual of initiation consist of one or, at the very maximum, a few individuals. It never includes an entire community or society. […] The qualitative changes acquired by the ritual participants through the completion of the ritual are of an irreversible nature, i.e. they cannot be lost unless, and very seldom, a new narratively staged ritual process is initiated.“30

Mircea Eliade listet in ihren elaborierten Werk „Rites and Symbols of Initiation“31 eine Vielzahl an Elementen und Charakteristika auf, welche häufig bei Initiationsritualen anzutreffen sind: Bezugnahme auf frühere und kommende Zeiten und eine Verhältnisbestimmung zum Moment der Initiation, Bezugnahme auf mythische Gründungserzählungen, ggf. mit Wiederholung derer während der Initiation, Thematisierung der Gemeinschaft und der Stellung der Neophyten in ihr, dazu sind Prüfungen zu bestehen und sehr oft ein ritueller Tod zu erleiden, um danach ganz neu zu den Lebenden zurückzukehren oder auch ganz neu geboren zu werden.32

Aus dieser Fülle an Elementen und Deutungen stechen Eliade zufolge bei religiösen Initiationen zwei Motive heraus:

1) Religiöse (Initiations-)Rituale stellen die Wiederholung des Schicksals einer Gottheit oder aber der Schöpfung als Ganzes dar,33 „[d]enn die symbolische Wiederholung der Schöpfung impliziert eine Reaktualisierung des ursprünglichen Ereignisses und damit die Gegenwart der Götter und ihrer schöpferischen Energien.“34 Dabei kommt es zu einer Vereinigung zwischen der Gottheit und demjenigen, der im Ritual ihre Rolle spielt bzw. nachahmt.35

2) Doch „[j]eder rituellen Wiederholung der Kosmogonie geht eine symbolische Regression zum ‚Chaos‘ voraus. Damit die alte Welt von neuem erschaffen werden kann, muß sie zuerst vernichtet werden. […] Im Szenarium der Initiationsriten entspricht der ‚Tod‘ der vorübergehenden Rückkehr zum ‚Chaos‘“.36 Dies zeige sich in folgender Weise: „Die meisten Initiationsprüfungen enthalten in mehr oder weniger erkennbarer Form einen rituellen Tod, dem eine Auferstehung oder eine Wiedergeburt folgt. Das zentrale Moment jeder Initiation wird durch die Zeremonie dargestellt, die den Tod des Neophyten und seine Rückkehr zu den Lebenden symbolisiert. Aber es kommt ein neuer Mensch ins Leben zurück, der eine andere Seinsweise auf sich genommen hat. Der Initiationstod bedeutet gleichzeitig das Ende der Kindheit, der Unwissenheit und des profanen Zustands.“37 Petersen formuliert diesbezüglich vorsichtiger: „The relationship between the two non-liminal phases and the liminal one is expressed through the use of analogical, binary contrasts.“38 Der von Eliade beschriebene Ini­tiationstod mit folgender Neu- bzw. Wiedergeburt ist aus anthropologischer Sicht der deutlichste und augenfälligste Ausdruck eines solchen Kontrastes.39

1.3 Ritualveränderungen und -neuentwicklungen

Die Veränderung oder gar Neuentwicklung1 von Ritualen scheint deren ur­eigenem Wesen zunächst zu widersprechen, denn „rituals tend to present themselves as the unchanging, time-honored customs of an enduring community.“2 Entsprechend scheinen Beobachtungen zu bestätigen, dass „ritual activities generally tend to resist change and often do so more effectively than other forms of social custom.“3 Gleichzeitig zeigen genauere Untersuchungen, dass dies keinesfalls selbstverständlich ist: „Es kostet Mühe und ist aufwendig zu verhindern, dass Rituale sich verändern; formale Konstanz ist keineswegs selbstverständlich.“4

Und so hat sich in den vergangenen Jahren innerhalb der Ritualwissenschaften ein eigener Forschungsschwerpunkt herausgebildet, welcher unter den Stichworten „ritual dynamic“5 und „ritual design“6 Anlässe und Prozesse von Ritualveränderung, -weiterentwicklung und -neuentwicklung untersucht und interpretiert. Im Folgenden kann und soll es nicht um eine ausführliche Darstellung des Phänomens, sondern lediglich um einen kleinen Einblick in die Problematik gehen.

1.3.1 Anlässe und Ursachen für Ritualveränderungen und -neuentwicklungen

Die Hauptursache von Ritualveränderungen liegt in ihrer starken Kontextabhängigkeit begründet. Jede Art von Veränderung einer Gruppe bzw. des Umfeldes eines Rituals tritt in eine Wechselwirkung mit diesem. Konkret kann dies geschehen „[…] aufgrund interner oder externer Faktoren, von oben gesteuert, von unten erzwungen oder zwischen den Beteiligten ausgehandelt.“1 Zwei Sonderfälle sind zu beachten: 1) der Ritualtransfer und 2) die Neuentstehung bzw. -entwicklung von Ritualen.

1.3.1.1 Der Ritualtransfer

Ein Ritualtransfer stellt eine Übertragung von Ritualen in andere Kontexte und Gesellschaften dar, bei welchem das Ritual zwar im Ganzen fortbesteht, jedoch normalerweise „seine Form, Funktion und Bedeutung im Laufe des Transferprozesses veränd[ert].“1 Widengren betont zwar einerseits das teilweise hohe Alter von Ritualen trotz derartiger Transfers, hält aber andererseits eine völlig unveränderte Übernahme eines Rituals samt des daran gebundenen Mythos in eine andere Religion für unmöglich.2 Für die Neukontextualisierung ganzer Kulte samt deren Ritualinventars prägte Schmidt den Begriff der „Kultübertragung“.3 Werden hingegen lediglich einzelne Ritualelemente in einen anderen Kontext transferiert, spricht man heute eher von „Interritualität“:4 „Der springende Punkt dabei ist, dass diese Elemente als ‚Zitate‘ erkennbar sind und auf ihren Herkunftskontext verweisen; dadurch werden die verschiedenen Rituale untereinander symbolisch verknüpft.“5

1.3.1.2 Die Neuentstehung bzw. -entwicklung von Ritualen

„The tendency to think of ritual as essentially unchanging has gone hand in hand with the equally common assumption that effective rituals cannot be invented.“1 Entsprechend werden offensichtlich neue Rituale gelegentlich abgewertet,2 durch die Forschung ignoriert oder aber ihnen wird mit einer hohen Erwartungshaltung begegnet: „There is increasing pressure for the invented rite to show that it ‚works‘; this is what legitimates the rite since there is no tradition to do this.“3

Myerhoff sieht den Grund dafür im Ritual selbst: „the invisibility of ritual’s origins and its inventors is intrinsic to what ritual is all about“.4 Bell widerspricht ihr darin, dass dies für alle Rituale zutreffen würde.5 Zudem betont sie, dass es sich bei der Ritualentwicklung keineswegs um ein ausschließlich modernes Phänomen handelt.6 Auch Stollberg-Rilinger verweist darauf, durch die Geschichte seien gerade in Umbruchssituationen Rituale erfunden worden, um etwa Brüche zu überbrücken.7 Zumeist handelt es sich dennoch nicht um eine „[…] creation ex nihilo. Various familiar symbols and traditions were evocative while still espousing sentiments in keeping with official directives.“8

1.3.2 Umstände und Abläufe von Ritualveränderungen

„Doch Rituale wandeln sich nicht zwangsläufig, wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern. Einige Rituale werden mit neuen gesellschaftlichen Erfordernissen obsolet. Andere funktionieren als Folie, an der sich gesellschaftliche Debatten und Kämpfe entzünden.“1 Die Art und Weise, in der sich Rituale verändern bzw. aktiv umgestaltet werden, kann sehr vielfältig sein.

1) Rituale reagieren in unterschiedlicher Weise auf Veränderungen ihres Bezugskontextes:2 a) Sie passen ihre Form an. b) Sie bleiben in ihrer Form gleich und werden neu gedeutet. c) Rituale werden in neue Kontexte transferiert. d) „Die Rituale bleiben äußerlich unverändert, geraten in ein Spannungsverhältnis zu ihrer Umwelt und erstarren zum ‚leeren Ritualismus‘.“3 Stollberg-Rilinger stellt zu Recht fest, dass sich die einzelnen Varianten nicht immer klar trennen lassen.4

2) Selten geht die Ritualveränderung offen und für alle erkennbar vonstatten. Dies hat seine Ursache entweder darin, dass sich ein Ritual unmerklich nach und nach verändert oder aber darin, dass die Veränderung gezielt verschleiert wird: „Neues wird als Altes, Innovation als Tradition ausgegeben.“5 Für religiöse Rituale begründet dies Schwedler folgendermaßen: „Ein von höherer Macht bestätigter und gewollter Kult kann nicht so einfach ‚erneuert‘ werden, ohne in den Verdacht zu geraten, etwas Ursprüngliches und damit Legitimierendes zu verfälschen.“6 Dahingehend stellt sich auch die Frage, inwieweit Neuerungen von allen als solche erkannt und empfunden werden.7

3) Die jeweilige Beschaffenheit eines Rituals hat Einfluss auf dessen Verände­rungsprozess. „Dabei spielen etwa ihre Sakralität, ihre zeitliche Frequenz, die Handlungsmacht ihrer Regisseure und vor allem die Art und Weise der Weitergabe eine zentrale Rolle.“8 Während eine rein individuelle mündliche Weitergabe sowie große Zeitspannen zwischen den Ritualvollzügen eine schleichende Veränderung begünstigen, kann die Veränderung eines schriftlich fixierten und von Spezialisten archivierten Rituals nur herbeigeführt werden.9

4) Nicht allein Ritualneuentwicklungen, sondern auch Ritualveränderungen greifen in einem gewissen Maße auf bereits bekannte Ritualelemente bzw. Ritualbausteine zurück. Stollberg-Rilinger betont gar die Notwendigkeit dessen: „Nur so erfüllt sie die Funktion, in Umbruchssituationen, etwa bei der Etablierung eines neuen Regimes, eines neuen Amtes, eines neuen Kultes, eines neuen politischen Programmes usw., von der Legitimität der Tradition zu profitieren und das Neue als weniger neu, gefährlich, beunruhigend und irritierend erscheinen zu lassen.“10 Dies ist dahingehend anzufragen, ob Ritualinnovationen und -veränderungen tatsächlich allein durch die Bewältigungsnotwendigkeit von veränderten Kontexten motiviert sind oder nicht gerade neue Situationen durch Ritualveränderungen geschaffen und gedeutet werden können.

5) Die Bedeutung desjenigen, der ein Ritual verändert, in einen neuen Kontext transferiert, umdeutet oder gar neu entwickelt, ist kaum zu unterschätzen. Bell fasst diejenigen, welche die Autorität haben, Rituale zu leiten, aber auch zu verändern, unter dem Begriff „agency“ zusammen.11 Eine solche Autorität kann abgeleitet sein „[a]us einer göttlichen Quelle, aus institutioneller Autorität, aus gemeinschaftlicher Übereinkunft aufgrund von Aushandlung, aus einer Kombination von all dem“.12 Eine Unterkategorie davon stellen die sog. „founder figures“, wie sie Betz nennt, dar, welche im Zuge von Ritualtransfers Rituale in ihren neuen Kontext einführen, begründen und ggf. die Anpassungen sowie Neuinterpretationen vornehmen.13

Blickt man unter diesen Voraussetzungen auf die christliche Taufe, ergeben sich eine Reihe an Fragen: Handelt es sich dabei tatsächlich um ein neues Ritual, um einen Ritualtransfer oder aber um eine bloße Weiterentwicklung der Johannestaufe? Welche konkreten Kontextveränderungen führen zur Entstehung und Deutung der christlichen Taufe. In welcher Weise reagiert das Ritual auf diese Veränderungen? So fällt etwa die sehr rasche Entwicklung, Verbreitung und Etablierung der christlichen Taufe mit den Entstehungsjahren der ersten christlichen Gemeinden zusammen, deren zwei größten hermeneutischen Herausforderungen die Deutung des gewaltsamen Leidens und Sterbens Jesu Christi sowie der Umgang mit der einsetzenden Heidenmission und damit nichtjüdischen Christusgläubigen sind – zwei Aspekte, welche in grundlegender Weise die christliche Taufe wie auch die ältesten Tauftexte bestimmen. Geradezu ein Paradebeispiel für einen Ritualtransfer stellt später die Verbreitung der christlichen Taufe in der hellenistischen Welt im Rahmen der heidenchristlichen Mission v.a. durch Paulus dar. Betz leitet daraus die These ab: „We are suggesting that the apostle Paul should be viewed as analogous to these Hellenistic founder figures […] The transferral and concomitant re-interpretation of baptism provide us with a classical example of this process.“14 Dies wäre ebenso zu untersuchen wie auch die Frage, auf welche ggf. bereits bekannten Ritualelemente und -deutungen Paulus für seine (Neu-)Interpretation zurückgreift und mit welcher Intention.

1.4 Missverständnisse, Fehler und Protest

Der Ritualablauf kann allerdings auch durch bewusste Verletzungen oder Fehler eine Veränderung erfahren.1 Rehberg spricht sogar davon, es seien wie bei allen Normen erst „die Verletzungen, die Nichtbefolgung, durch welche ihre normative Struktur sichtbar wird.“2 Dies gilt einerseits für die Beteiligten am Ritual: „Oft veranlassen erst Regelverstöße die Akteure dazu, die zugrundeliegende Regel zu thematisieren, die sonst unausgesprochen und selbstverständlich gilt. Erst ein Fehler bringt die Akteure dazu zu reflektieren, inwiefern dadurch die Wirkung des Rituals gefährdet oder zunichte gemacht worden sein könnte.“3 Dabei können über Fehler beim eigentlichen Ritualvollzug hinaus auch Missverständnisse, Unwissen und Fehlverhalten in mit dem Ritual in enger Verbindung stehenden Bereichen oder auch bei korrespondierenden Ritualen zu Beeinträchtigungen oder gar dem Misslingen des ursprünglichen Rituals führen. Gedacht sei etwa an den Vollzug der Beschneidung an Heidenchristen in Galatien, welche für Paulus in direktem Verhältnis bzw. Missverhältnis zu deren christlicher Taufe steht. Andererseits gibt die Analyse derartiger Fehler sowie v.a. des Umgangs mit ihnen Ritualwissenschaftlern ritologische Einsichten in Rituale und deren intendierter Wirkung, welche nicht direkt in den überlieferten Quellen thematisiert und dokumentiert sind. Stollberg-Rilinger weist dabei mit Recht darauf hin, dass die Beurteilung eines möglichen Fehlers zwischen Ritualleiter und Ritualadressaten durchaus unterschiedlich ausfallen kann,4 z.B. abhängig von der jeweils intendierten Ritualwirkung, wie nicht zuletzt die galatische Auseinandersetzung zeigt.

Stollberg-Rilinger listet insgesamt acht verschiedene Arten der Abweichungen bzw. Fehler bei Ritualen5 und Lösungsmöglichkeiten dazu auf:6 1) Das Missgeschick,7 welches entweder taktvoll übersehen; mit einer rituellen Gegenmaßnahme korrigiert oder auch als übernatürlicher Eingriff ausgelegt werden kann; 2) der Konflikt (über den richtigen Ablauf) im Ritual bes. bezüglich Darstellung und damit Herstellung der sozialen Rangordnung der Teilnehmer,8 auf welchen mit Abreise, Protest oder einer Ausnahmeregelung reagiert werden kann; 3) die Abwesenheit von Ritualteilnehmern;9 4) die ironische Distanz von Ritualteilnehmern,10 was die Frage nach dem Verhältnis von äußerlichem Vollzug und innerer Akzeptanz stellt; 5) die Verweigerung der erwarteten Reaktion v.a. in dialogisch angelegten Ritualen;11 6) Entgleisungen durch emo­tionale Überreaktionen;12 7) die Usurpation oder der Missbrauch als die Störung von außen bzw. die „rituelle Lüge“ eines der Ritualteilnehmer;13 sowie 8) der demonstrative Ritualbruch, der „darauf zielt, die Institution, die das Ritual repräsentiert, grundsätzlich anzugreifen“.14 Stollberg-Rilinger leitet daraus ab: „Wird ein traditionelles Ritual ungestraft entweder ignoriert oder demonstrativ verletzt, dann wird vor aller Augen sichtbar, dass seine performative Kraft […] allein von der Anerkennung der Beteiligten abhängt und dass diese ihm auch entzogen werden kann.“15

1.5 Ritualkritik

Es ist bereits erwähnt worden, dass Ritualkritik einer der wesentlichsten Motoren für die (Weiter-)Entwicklung von Ritualen ist und auch einige der Fehler und Störungen innerhalb von Ritualen – von ironischer Distanz über Verweigerung bis hin zum offenen Ritualbruch – aus der Kritik am Ritual oder seiner Umsetzung entspringen können. Entgegen der landläufigen Meinung, Kritik und Ablehnung von Ritualen seien ein modernes Phänomen,1 lassen sich verschiedene Arten von Kritik und deren Auswirkungen bereits für die Antike belegen,2 was zu der These führt, dass mit jedem Ritual mindestens das Potential zur Ritualkritik gegeben ist.3

Hotz beschreibt in seinem einführenden Artikel drei zu unterscheidende Arten der Ritualkritik: 1) die „Skepsis und offene Kritik an der Wirksamkeit von Ritualen“4 allgemein, welche das Ziel hat, das bzw. die Rituale abzuschaffen; 2) die Kritik „gegen einzelne Elemente der rituellen Praxis, ohne dabei grundsätzlich die Wirksamkeit von Ritualen in Zweifel zu ziehen“,5 sondern auf die Reform des Rituals in dem kritisierten Ritualaspekt drängt;6 und 3) die Er­setzung oder Ergänzung der „als unzureichend empfunden rituellen Handlungen“ um „eine verinnerlichte und ethische Frömmigkeit“.7 Ob dies zur kompletten Abschaffung,8 Ersetzung9 oder möglicherweise zu einer besseren Bezugnahme und Integration von Ritual und innerer Haltung führt, hängt – wie bei sämtlichen Kritikformen – wesentlich davon ab, ob die Kritik als legitim wahrgenommen und aufgenommen wird oder ob von Anfang an Strategien vorhanden sind, mögliche Kritik zu vermeiden bzw. zu unterbinden.10

Der letzteren Art der Kritik ist die Äußerung des Paulus zuzuordnen, dass nicht der ein Jude sei, der es äußerlich ist, sondern derjenige, der es innerlich sei (Röm 2,28f). Die argumentative Struktur der paulinischen Tauftexte lässt vermuten, dass sie teilweise als Ritualkritik des Apostels am Tauf-, aber eben auch Beschneidungsverständnis der Adressaten oder bestimmter Gegner des Paulus zu verstehen sind. Da weder Beschneidung noch Taufe als Ritual an sich zur Diskussion stehen, dürfte es sich entweder um Kritik an Einzelaspekten, z.B. dem Bedeutungsumfang und der Wirkung des Rituals oder aber am Fehlen einer inneren Entsprechung im Lebensalltag handeln. Die Auseinandersetzung um Taufe und Beschneidung, aber auch die Selbstaussagen Johannes des Täufers über seine Taufe und diejenige dessen, der nach ihm kommen wird, sind Beispiele für die besondere Art der Ritualkritik über einen Ritualvergleich.

Am Ende dieser allgemeinen methodischen Einführung ist festzuhalten, dass der Untersuchungsgegenstand „Ritual“ ein komplexes und in der Forschung kontrovers diskutiertes Feld eröffnet. Dennoch konnten erste Kategorien und methodische Ansätze ausgemacht werden, mit Hilfe deren die christliche Taufe in ihrem Entstehungsstadium grundsätzlich einzuordnen und zu interretieren sein wird. Offen ist dabei bisher geblieben, welche Methodik dem Gegenstand und der Quellenlage am besten gerecht wird.

2 Die Methodik der Arbeit
2.0 Marginalisierung des Rituals in der Exegese?

Obwohl sich in den biblischen Texten vielerlei Rituale in ganz unterschiedlichen Kontexten ausmachen lassen, blieb die Anzahl der Studien zu Ritualen oder gar dezidierte ritologische Untersuchungen in der Exegese lange Zeit überschaubar. Gorman sieht die Ursache allgemein für die Theologie in einem von der Aufklärung geprägten Bild einer „reasonable and rational religion“,1 welches zu einer regelrechten Abwertung von Ritualen beigetragen habe. In der Exegese erschwere die historisch-kritische Methode ein ritologisches Arbeiten zusätzlich durch „its efforts to be objective and reasonable“2, „its focus on texts“3, „its basic understanding of the nature of historical analysis and historical thinking“.4

„Recognition of the distance between biblical texts and contemporary readers began to grow, and the ‚alien‘ nature of the texts, their ‚otherness,‘ was emphasized. It becomes common to separate the historical settings and cultural trappings of texts from their ‚true‘ meaning. The ‚meaning‘ of texts came to be located either ‚behind‘ or ‚above‘ them.“5 Gormans Meinung nach führe diese Suche nach “ewiger Wahrheit” zu einem Abtun von Ritualtexten, da diese als lokal, kulturell spezifisch und zeitgebunden keine universell gültigen Äußerungen von Religion wären und damit zur „Wahrheitssuche“ nichts beizutragen hätten.

Beiden ist insofern zuzustimmen, als dass mangelndes und fehlgehendes Wissen um die Vielfalt, Wirkmacht sowie möglichen Funktionen ritualisierten Handelns zur Zurückhaltung gegenüber ritualfokussierten Untersuchungen beigetragen haben. Andererseits scheint die schwierige Quellenlage, wie etwa das fast vollständige Fehlen von Ritualbeschreibungen im NT, mindestens in gleicher Weise Ursache zu sein. Die aus der Anthropologie und Ethnologie hervorgehenden Ritualwissenschaften bieten originär kaum Anhaltspunkte, wie dem methodisch in angemessener Weise zu begegnen ist. Dass wiederum die historisch-kritische Methodik einer angemessenen Ritualanalyse und -interpretation grundsätzlich entgegensteht, scheint ebenso fraglich.6

Seit einigen Jahrzehnten lässt sich, allerdings hauptsächlich in der alttestamentlichen Exegese, eine ganz neue Hinwendung zu rituellen Themen feststellen.7 Klingbeil macht dafür zwei allgemeine Tendenzen innerhalb der Exegese verantwortlich: 1) „There is a shift from text-oriented analysis to meaning-oriented interpretation.“8 2) Es gäbe kategoriale Neubewertungen von Ritualfunktionen, welche bis in die Exegese hineinwirken. Beispielhaft dafür wäre etwa die These Bells, dass Rituale keineswegs nur für politische und soziale Machtausübung instrumentalisiert würden, „rather, ritual practices are themselves the very production of power relations.“9

2.1 Rahmenbedingungen und Herausforderungen ritologischen Arbeitens im NT

Wenn auch die neutestamentlichen Schriften den detailreichen Kultanweisungen des Pentateuchs entsprechenden Ritualbeschreibungen ermangeln, so begegnen doch in den heilenden, segnenden und provozierenden Handlungen und Gesten Jesu oder den Beschreibungen und Problematisierungen von gottesdienstlichen und anderen Gemeindezusammenkünften in Apg und den Briefen eine erstaunliche Fülle an neu entwickelten oder auch lang tradierten, möglicherweise aktualisierten Ritualen und ritualisierten Handlungen. Neben diesen deskriptiven Texten finden sich solche, welche selbst rituelle Funktionen wahrnehmen, so zum Beispiel die Gruß- und Segenswünsche zu Beginn und Schluss der paulinischen Briefe – Texte, welche bisher kaum unter ritologischen Gesichtspunkten wahrgenommen wurden.

Der einzige methodische Entwurf zum ritologischen Arbeiten in der biblischen Exegese stammt nun aber dennoch von einem Alttestamentler: Gerald A. Klingbeil, Bridging the Gap. Ritual and Ritual Texts in the Bible. Entsprechend gehen die von ihm formulierten fünf Herausforderungen jeder biblisch begründeten Ritualuntersuchung zwar erkennbar von der besonderen Quellensituation der Hebräischen Bibel aus, sie sollen im Folgenden aber dennoch der Ausgangspunkt für die Überlegungen bezüglich der neutestamentlichen Tauftexte bilden, da sie den wohl profiliertesten Versuch zu diesem Thema darstellen:

1) „[…], biblical ritual must be studied nearly exclusively from texts.“1 Eine erste Kategorisierung dieser Texte könnte man mit Klingbeil in der Unterscheidung zwischen deskriptiven und preskriptiven Ritualtexten vornehmen,2 wobei sich allerdings die sechs Text-Ritual-Kategorien Streckers als wesentlich differenzierter erweisen.

Die Kategorien richten sich auf die jeweilige Art und Funktion des Rituals in einem Text und lauten: 1. Texte, die zur Ausführung eines Rituals anweisen; 2. Texte, die den Vollzug einer rituellen Handlung schildern bzw. konstatieren; 3. Texte, die sich mit der Bedeutung, Funktion oder rechten Durchführung rituellen Handelns auseinandersetzen; 4. Texte, die direkt rituellen Gebrauch entstammen; 5. Texte, die eine unmittelbare rituelle Funktion besitzen; 6. Texte, die synekdochisch mit einem Ritual vernetzt sind.3

Für die neutestamentlichen Tauftexte ist dabei weniger die Befürchtung einer teilweisen Fiktionalität von Relevanz, wie sie Klingbeil für viele alttestamentliche Ritualtexte konstatiert.4 Wohl aber ist zu erwarten, dass theologische Implikationen in die Darstellung eingeflossen sind. Die Vielfalt an Deutungsmotiven und Kontextualisierungen der Taufe allein in den paulinischen Texten kontrastiert diese allgemeine Annahme jedoch bereits insofern, als sie weniger eine unterschiedliche theologische Instrumentalisierung der Taufe als vielmehr eine Breite in Deutung und Funktion des Rituals vermuten lässt. Eine regelrecht tendenzielle Darstellung eines Rituals wird neutestamentlich lediglich für die Johannestaufe diskutiert.

2) „[…] most of the texts containing rituals are not easily dated, a fact that obviously has repercussions if one attempts the historical reconstruction of the Religion of Ancient Israel or early Christianity.“5 Während die Datierung der neutestamentlichen Tauftexte weniger ein Problem darstellt, insofern sie sich mindestens in eine wahrscheinliche relative Reihenfolge bringen lassen,6 enthält die Frage der sicheren zeitlichen Verortung des Proselytentauchbades durchaus eine Brisanz, welche sich in der Unterschiedlichkeit der daraus abgeleiteten Thesen in der Verhältnis- und ggf. Abhängigkeitsbestimmung zur christlichen Taufe widerspiegelt.

3) „[…] rituals in themselves are rather empty containers and need to be understood in their specific cultural, historical, and religious context, often requiring advanced studies and skills.“7 Um seine auf die Vorstellung hinauslaufende These „The actions that constitute a ritual do not have inherent meanings …“8 zu veranschaulichen, führt Klingbeil interessanterweise an dieser Stelle eines seiner wenigen neutestamentlichen Beispiele an: Bei dem (einen) Taufritual des NT würden erhebliche Bedeutungsunterschiede zwischen der Johannestaufe und der christlichen Taufe gemacht werden.9 Wenn seine These auch hauptsächlich auf die Warnung davor hinauszulaufen scheint, heutige Deutung in die antiken Texte einzutragen, so tritt die dahinterstehende Ritualdefinition von einer zunächst an sich „meaningless“ bzw. auch „mit Bedeutung frei zu füllenden“ Handlung deutlich hervor. Es ist bereits dargestellt worden, dass diese Auffassung keineswegs konsensfähig ist.10 Bezüglich der Taufe würde sie gegen jede symbolische Implikation des Taufvollzuges und damit auch gegen jede Erwartung einer Wirkung der Taufe sprechen, welche oft mit dem sensitiven Gedächtnis der Ritualteilnehmer in Verbindung gebracht wird. Diese hinge sodann allein an der vorherigen (!) Taufkatechese – eine Vorstellung, die modernen Ritualdefinitionen eher fremd ist und wofür m.E. in den neutestamentlichen Tauftexten auch nicht ausreichend Indizien vorhanden sind. Zu prüfen wäre vielmehr, ob die unterschiedlichen Deutungen des Taufaktes, sowohl der Johannestaufe als auch der christlichen Taufe, nicht eher auf eine (schrittweise) Veränderung bzw. Entwicklung im Taufverständnis zurückzuführen sind. Erkennt man Ritualabläufen in diesem Sinne ein Mindestmaß an inhärenter Bedeutung – neben und mit den je abhängigen Bedeutungszuschreibungen – zu, ist dies für die Interpretation der Weiterentwicklung der Johannestaufe zur christlichen Taufe zu bedenken, bei welcher der Ritualablauf trotz eines Wechsels von Ritualleiter, Zielgruppe und Funktion gleich bleibt.11

4) „[…] one has to deal with the often abbreviated nature of ritual in the Bible.“12 Klingbeil bringt dafür zwei mögliche Gründe vor: „Writing, for the professional ritual specialist, did not require all the minute details but rather focused on the larger picture. If a general audience was envisioned, it could be argued that this group also understood intuitively most basic elements […] or ritual building blocks.“13 Diese beiden Begründungen finden sich – neben der These über die allgemeine Nichtbedeutsamkeit des Ritualablaufes – gemeinhin auch für das Fehlen von Ablaufbeschreibungen für die Taufe im NT. Die folgende Untersuchung hat jedoch genau zu ergründen, ob die neutestamentlichen Tauftexte tatsächlich jeder Beschreibung eines Ritualablaufes ermangeln – v.a. angesichts der Entstehungssituation, in welche mindestens die paulinischen Texte noch zu rechnen sind und für welche im Gegensatz zu ausdifferenzierten alttestamentlichen Festritualen noch kein umfangreiches Gesamtritual mit vielfältigen Teilritualen zu erwarten ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die vielseitigen Deutungsmotive und Kontextualisierungen der Tauftexte nicht auch ein aussagekräftiger Hinweis bezüglich des Fokus dieser Texte sind: Strittig, mindestens diskutabel sind demnach nicht Details eines komplizierten, möglicherweise symbolischen Ritualablaufes, sondern die Funktionen und Deutungen der christlichen Taufe in ihren rituellen Relationen.

5) „[…] comparative material is generally helpful and beneficial […]“14 Der methodische Ansatz Klingbeils, den Herausforderungen zu begegnen, sieht eine vergleichende Arbeitsweise vor, bei welcher er schriftlichen Texten grundsätzlich den Vorzug vor anderen Quellen gibt und dabei sowohl „historical comparison“15 als auch „typological comparison“16 grundsätzlich für potentiell aussagekräftig hält. Mit Blick auf die Taufe wären demnach Wasser-Ritual(text)e im Allgemeinen und solche mit einem ähnlichen geographischen und zeitlichen Hintergrund im Besonderen vergleichend heranzuziehen und diesen jederzeit den Vorzug gegenüber sämtlichen sonstigen Quellen,17 aber auch modernen Ritualinterpretationsmodellen18 zu geben.19

In welcher Weise den gerade beschriebenen Herausforderungen und Rahmenbedingungen in dieser Arbeit methodisch begegnet werden soll, ist im Folgenden zu bedenken.

2.2 Ritologische Methodik der Untersuchung
2.2.1 Ritualfokussierte (klassische) Exegese

Dafür, dass theologische Studien „have been slow to attend to nonverbal, nontextual phenomena“1 sieht Grimes den Hauptgrund in deren Textzentrierung. Ritualwissenschaften hingegen versteht er als „a movement away from the dominance of these verbally oriented conceptions of religion“.2 Dennoch stellen die neutestamentlichen Texte die Primär- und zugleich Hauptquellen für die christliche Taufe und ihre Entstehung dar und keine ritologische Arbeit kann an einer eingehenden Textexegese vorbei. Eine Berücksichtigung sowohl diachroner als auch synchroner Aspekte legt dabei nicht nur die spezifische Kontextualisierung und Argumentation mit und zur Taufe offen, sondern bildet in der Zusammenschau mehrerer Texte auch die unverzichtbare Grundlage für eine Erfassung in ihren rituellen Spezifika.

2.2.2 Beschreibung nach vergleichbaren Ritualaspekten

Die Vielfalt und Vielheit von Ritualen bedarf vor jeder Interpretation einer einheitlichen Analyse- und Darstellungsmethode. Grimes verspricht sich von einer so umfangreich wie möglichen Beschreibung folgende vier Aspekte: 1) „[to] enable ritual to speak most fully for itself“,1 2) „ [to] aid interpreters in discerning the continuities and discontinuities between their symbols and those of participants in a ritual“,2 3) „[to] generate helpful theories of ritual “3 und 4) „[to] precipitate a sense of the living quality of ritual in written accounts of them“.4

Neben der umfangreichen Erfassung jedes einzelnen Rituals bildet eine einheitliche Beschreibung zugleich die Grundlage für eine Vergleichbarkeit und damit Verhältnisbestimmung von Ritualen unterschiedlichen Vollzuges und Bedeutung in Ritualeinzelaspekten.5 Will man die christliche Taufe in sämtlichen ihrer rituellen Relationen erfassen, bedarf es Beschreibungs- und Argumentationsmuster, welche neben der Taufe etwa auch auf die Beschneidung anwendbar sind.

Grimes bietet dazu einen sehr breit angelegten Fragenkatalog, an Hand dessen Rituale nach fünf Aspekten, welche typisch und aussagekräftig für nahezu alle Rituale sind, analysiert und beschrieben werden können: Ritual Space, Ritual Objects, Ritual Time, Ritual Sound and Language, Ritual Identity, Ritual Action.6 Im Sinne von Grimes ist der Katalog nicht als Frage-Antwort-Quiz zu verwenden, sondern themen- und quellenbezogen zu erweitern und anzupassen.7 Für eine Beschreibung der christlichen Taufe auf der Grundlage der biblischen Quellen sowie für eine Erfassung sämtlicher mit der Taufe in Relation stehenden Rituale erweisen sich m.E. die folgenden sieben Ritualaspekte als aussagekräftig: 1) die Ritualbezeichnung, 2) der Ritualursprung, 3) der Ritualleiter, 4) die Ritualteilnehmer, 5) der Ritualort und die Ritualzeit, 6) der Ritualablauf und schließlich 7) die Ritualfunktion und –deutung. Sie seien in ihrem Umfang und den für die Taufe zu erwartenden Fragen kurz expliziert.

2.2.2.1 Die Ritualbezeichnung

Ritualbezeichnungen können sich auf sämtliche Ritualaspekte beziehen. Gelegentlich besteht der Name – vermutlich mit der Absicht einer erhöhten Differenzierungsmöglichkeit – auch aus einer Kombination mehrerer Merkmale des Rituals, wie etwa bei τὸ βάπτισμα Ἰωάννου.

So finden sich Ritualbezeichnungen 1) nach dem Ritualvollzug bzw. einer Teilhandlung während des Rituals, was vermutlich die typischste Variante ist, ein Ritual zu benennen, z.B. die Beschneidung; 2) nach dem Gründungsereignis bzw. Ursprung des Rituals, welches ggf. zu dessen Erinnerung bzw. als dessen Vergegenwärtigung begangen wird, z.B. das Pessachfest oder auch die christliche Abendmahlsfeier; 3) nach der Funktion, Bedeutung oder auch Anlass des Rituals, z.B. das Erntedankfest; 4) nach einer göttlichen Identität, der zu ehren bzw. auf die hin das Ritual vollzogen wird, z.B. Isisweihe oder auch Jahwe-Feste; 5) nach einem Menschen, zu dessen Erinnerung das Ritual gefeiert wird, z.B. sämtliche Heiligenfeiertage; weniger häufig sind Ritualbezeichnungen nach dem Ritualleiter oder auch Ritualentwickler, wie z.B. bei Johannestaufe; 6) nach dem Ritualort, an dem das Ritual selbst oder auch sein Gründungsereignis stattgefunden hat, z.B. Tempelbaufest, und schließlich; 7) nach der Ritualzeit, zu der das Ritual stattfindet oder auf die es sich bezieht, z.B. das Neujahrsfest.

Da demnach sämtliche Ritualaspekte Ausgangspunkt für eine Ritualbezeichnung werden können, ist demjenigen, auf den sie letztlich Bezug nimmt, in der Analyse besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Mit Blick auf die Übernahme und Weiterentwicklung von Ritualabläufen und -bedeutungen ist die Weiterführung, aber auch die Abänderung der Ritualbezeichnung ein besonderes Indiz, da sie z.B. ein Hinweis auf eine entsprechende Bedeutungsverschiebung unter Beibehaltung des Ritualablaufes sein kann.

2.2.2.2 Der Ursprung des Rituals

Der „Ursprung“ eines Rituals kann und soll im Folgenden unter zwei unterschiedlichen Aspekten verhandelt werden, welche zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, aber spätestens in der Interpretation des Rituals in eine Relation zu setzen sind:

1) Der ritologische Ursprung – das Vorgängerritual: Zu erheben ist, in welcher Weise das untersuchte Ritual auf andere Rituale zurückgeht, worin die Abänderung oder auch die Weiterentwicklung besteht und ggf. was der Anlass dafür gewesen ist.1

2) Der inhaltliche Ursprung bzw. Bezugspunkt – das Gründungsereignis: Ein Ereignis, an welches das Ritual erinnert, kann ein historisches Geschehen oder auch ein Mythos sein. Der zeitliche Abstand zwischen diesem Ereignis und dem ersten Vollzug des Rituals kann nur wenige Wochen (so vermutlich bei der ersten christlichen Abendmahlsfeier), ein Jahr (aus Anlass des 1. Jahrestages) oder auch wesentlich länger betragen.2 Unter Ritualursprung sind auch Ereignisse und Erzählungen zu rechnen, welche die Durchführung des Rituals in grundlegender Weise ermöglichen, wie z.B. das Schicksal der Göttin bei der Einweihung in die Isismysterien.

2.2.2.3 Der Ritualleiter

Die von Grimes gewählte Beschreibungskategorie „Ritual Identity“ trägt der Beobachtung Rechnung, dass ein Ritual wesentlich von den an ihm beteiligten Personen, der Verteilung verschiedener Rollen und Funktionen unter ihnen und den Voraussetzungen, unter denen man dazu Zugang gewinnt, lebt. Diese Interaktion der Beteiligten, gerade wenn sie während des Ritualverlaufes eine Veränderung durchmacht, hat nicht nur Bedeutung für den Zeitraum des Rituals, sondern kann auch über diesen hinaus wirken.1

Dass bezüglich der christlichen Taufe grundsätzlich zwischen Ritualleiter und -teilnehmern differenziert werden soll, liegt einerseits darin begründet, dass die Taufe selbst klar zwischen diesen beiden Rollen unterscheidet und andererseits in der Wahrnehmung, dass Ritualleitern bei Initiationsritualen eine besondere, den Ritualteilnehmern gegenüber wirkmächtige Position einnehmen.2 Besonders zu beachten ist dabei das ggf. wechselnde Verhältnis von Aktivität und Passivität der verschiedenen Personen.

2.2.2.4 Die Ritualteilnehmer

Bezüglich der Ritualeilnehmer – in Abgrenzung zum Ritualleiter – ist zu fragen, ob es grundsätzliche Voraussetzungen für die Teilnahme am Ritual gibt und ob die z.B. in vorbereitenden Handlungen und Ritualen erbracht werden müssen oder möglicherweise von grundsätzlicher, nicht zu beeinflussender Natur sind. Ist das Ritual z.B. geschlechts- oder altersspefizisch? Führt dies zu einem beschränkten Zugang zum Ritual oder beispielsweise zu Differenzierungen im Ritualablauf? Ist das Ritual einzeln oder nur in Gruppen bzw. unter Zeugen durchführbar?1

2.2.2.5 Der Ritualort und die Ritualzeit

Die Raumdimension eines Rituals umfasst zum einen die Beschaffenheit und die Strukturierung des Ortes, an dem ein Ritual vollzogen wird: drinnen oder draußen, an einem zufälligen oder einem besonderen, möglicherweise symbolischen Ort mit Geschichte, ob dieser speziell dem Ritual vorbehalten ist oder auch profan genutzt wird. Zum anderen ist nach den Positionierungen und Bewegung(srichtung)en der Beteiligten zu fragen und inwiefern diese auf Ablauf und Bedeutung des Rituals einwirken.1

Rituale können von Jahres- oder auch Tagesrhythmen bestimmt werden und dabei in alltägliche, aber auch besondere Zeiten fallen und diese ggf. (um)prägen. So kann der Vollzug eines Rituals als wesentliches Lebensereignis wahrgenommen werden, von dem aus ein neuer Lebensabschnitt gerechnet wird, beispielsweise die Hochzeit und die Feier ihrer Gedenktage. Rituale können sich außerdem auf Ereignisse in der Vergangenheit beziehen oder auch Zukünftiges erwarten und erbitten. Und gleichzeitig sind sie oft von einem „Zeit(ablauf)plan“ geprägt.2

2.2.2.6 Der Ritualablauf

Ein Ritual definiert und konstituiert sich über die vollzogene Handlung. Dieser kann – muss aber nicht – im Ganzen oder auch in Einzelaspekten eine symbolische Qualität eignen. Sie kann in der Handlung selbst oder aber darin begründet liegen, welcher Ritualteilnehmer in welcher Rolle die Handlung durchführt. In vielen, wenn auch nicht allen Ritualen, werden zur Durchführung Gegenstände benötigt, welche – ähnlich dem Ritualort – auf ihre Beschaffenheit, Funktion und ggf. sonstige Symbolik und Verwendung außerhalb des Rituals hin zu befragen sind.1

Je ausdifferenzierter sich ein Ritual gestaltet, desto größere Bedeutung kommt der Abfolge und gegenseitigen Bezogenheit der Teilrituale zu.2 Eine Veränderung in der Reihenfolge oder auch das Weglassen einer Teilhandlung kann zu Verwirrung oder gar zum Misslingen des Rituals führen.3 Insofern kommt der Frage besonderes Gewicht zu, ob es nötig ist, die Ritualteilnehmer vorher über den Ablauf zu unterweisen oder ob sie diesen samt seiner Bedeutung vo­rausahnen bzw. verstehen und nachvollziehen können.

2.2.2.7 Die Ritualfunktion und –deutung

Mit Blick auf die christliche Taufe eignet sich eine Differenzierung in eine grundsätzliche Funktion, welches das Ritual für den Teilnehmer und die Gemeinschaft übernimmt sowie ausgeführte Deutungen und Bedeutungen dieser Grundfunktion. Erster Anhaltspunkt jeder Funktionsbestimmung sind die (Symbolik der) Handlung sowie ggf. im zeitlichen Umfeld des Rituals gegebene Erklärungen oder Deuteworte.1 Da viele der Ritualklassifikationen nach Ritualfunktionen unterteilen, können nach einer grundsätzlichen Bestimmung deren Beschreibungen und Interpretationen etwa von Initiationsritualen vergleichend herangezogen werden.2 Jedoch erschöpft sich die Ritualbedeutung längst nicht allein in der Zuschreibung einer Grundfunktion oder der Interpretation einer Deutungsmetapher, sondern kommt in jedem einzelnen der Ritualaspekte und deren besonderer Ausprägung im jeweiligen Ritual zum Tragen. Klingbeil spricht diesbezüglich von bis zu zehn Dimensionen, welche einem Ritual zu eigen sein und welche sämtliche Teilaspekte der Ritualbedeutung darstellen können.3

2.2.2.8 Alternative Beschreibungskategorien

Ähnlich den hier auf die neutestamentliche Taufe und ihrer Quellen abgestimmten Ritualaspekten wählt etwa auch Babcock in seiner Studie zu den Festkalendern1 und Al-Suadi in ihrer Untersuchung zu Mahlgemeinschaften2 Beschreibungskategorien, welche sich von dem jeweiligen Ritual her ableiten. Ganz andere, themenungebundene Vorschläge für Beschreibungsmerkmale finden sich etwa bei Klingbeil, welcher eine Orientierung an linguistischen Kategorien als sinnvoll erachtet,3 oder auch bei Theißen.4

2.2.3 Ritualvergleich1

Oben wurde bereits die These Klingbeils dargestellt, die Interpretation eines Ritualtextes gelinge am sichersten über einen Vergleich mit anderen, vorzugsweise schriftlichen Quellen zu Ritualen, welche ersterem entweder in ihrem historischen Kontext oder aber in ihrer Typologie ähneln.2

Wenn auch ein vergleichender Ansatz im Grundsatz vielversprechend erscheint, so sind die von Klingbeil beschriebenen Prämissen dennoch in drei Punkten anzufragen: 1) Wenn ein historical comparison angestrengt werden soll, stellt sich die Frage, wie viele den christlichen Tauftexten vergleichbare Ritualtexte sich überhaupt finden ließen. 2) Mit Blick auf ein typological comparison ist fraglich, wie weit „the common religious conscience of humanity“3 reicht und wie aussagekräftig demnach ein entsprechender Vergleich sein kann, wenn Rituale – wie grundsätzlich bei Klingbeil – als „empty containers“ beschrieben werden. 3) Das Ritualverständnis Klingbeils lässt sich vielleicht vereinfacht auf die Formel bringen „Ritual = Handlungsablauf + dessen Deutung“, und demnach würden lediglich Rituale, welche der Taufe in ihrem Ablauf ähneln, als mögliches Vergleichsmaterial in Frage kommen.

Gegen diese fehlgehenden Prämissen Klingbeils erscheint es mit Blick auf die christliche Taufe in den neutestamentlichen Texten jedoch zunächst sinnvoll, nicht einen einzelnen Tauftext mit einem anderen Ritualtext zu vergleichen, sondern auf der Grundlage mehrerer Texte das Ritual selbst zu einem anderen Ritual ins Verhältnis zu setzen. Sodann ist zu bedenken, dass die neutestamentlichen Tauftexte weder das Wasserritual im Allgemeinen, noch seinen Ablauf im Besonderen, in den Fokus stellen, sondern vielmehr eine bestimmte Funktion oder einen konkreten, anderen Ritualaspekt. Insofern liegen Rituale, welche der Taufe in diesen Punkten gleichen, als mögliche Vergleichsrituale mindestens ebenso nah wie andere Wasserrituale. Hebt beispielsweise ein Text nachdrücklich auf den initiativen Aspekt der Taufe ab, ist nicht zuerst die Johannestaufe als ähnliches Wasserritual, sondern sind andere Initiationsrituale vergleichend heranzuziehen.

3 Aufbau und Fragestellung(en) der Arbeit
3.1 Gegenstand und Ziel der Arbeit

Die Untersuchung versteht sich als eine erste dezidiert ritologische Beschreibung der christlichen Taufe in ihrem Wesen als Ritual. Sie unterscheidet sich daher von den vielfältigen bisherigen neutestamentlichen Arbeiten zur christlichen Taufe sowohl in ihrem methodischen Vorgehen, welches ritualwissenschaftliche Methoden für die biblische Exegese adaptiert, als auch in ihrer Zielsetzung, die christliche Taufe erstmals in der Fülle ihrer neutestamentlich belegten Ritualaspekte zu beschreiben, zu analysieren und zu interpretieren.

Die biblische Textgrundlage bilden dazu die paulinischen Tauftexte, welche als die ältesten Belege zwar bereits den Vollzug der Taufe voraussetzen, allerdings noch in die Entstehungsphase des Rituals zu rechnen sind. Dementsprechend richtet sich das Augenmerk der Untersuchung nicht allein auf Erhebung und Beschreibung der Taufe in der Zeit und in der Theologie des Paulus, sondern ebenso auf die dem vorangehenden und noch anhaltenden Entwicklungstendenzen bezüglich sämtlicher Ritualaspekte.

3.2 Aufbau der Arbeit

Der methodischen Einleitung folgen fünf inhaltliche Kapitel, wobei im Verlauf der Arbeit entsprechend der Entwicklung der Fragestellung die Quellenbasis ausgeweitet wird.

Kapitel II „Begrifflichkeiten“ beinhaltet semantische sowie traditionsgeschichtliche Untersuchungen zu den wesentlichen griechischen Begriffen und Formulierungen, welche im Kontext der Taufe Verwendung finden: βάπτω und βαπτίζω sowie die sog. Tauf- bzw. Namensformel in den Varianten βαπτίζειν εἰς Χριστὸν und βαπτίζειν εἰς τὸ ὄνομα Χριστοῦ.

Kapitel III „Die paulinischen Tauftexte“ untersucht eingehend die ältesten schriftlichen Zeugnisse zur christlichen Taufe und konzentriert sich dazu auf vier Haupttexte, welche in besonderer Weise die Taufe thematisieren bzw. problematisieren: Gal 3,23–29; 1Kor 1,10–17; 1Kor 12,12–20; Röm 6,1–11. Weitere paulinische Tauftexte werden in Exkursen kurz dargestellt.1

Kapitel IV „Die rituelle Umwelt der christlichen Taufe. Ritualvergleiche“ stellt zunächst die vorgängigen und neutestamentlich gegenwärtigen Vorstellungen zum Element Wasser und den damit verbunden Ritualen im jüdisch-christlichen Kontext dar. Sodann werden drei jüdische Rituale ausführlich dargestellt, welche entweder in ihrem Ritualablauf oder aber in ihrer Ritualfunktion und –deutung in einem direkten Verhältnis zur christlichen Taufe stehen: die Johannestaufe, die Beschneidung und das Proselytentauchbad. Die Ergebnispräsentation folgt dabei den oben bereits eingehend vorgestellten2 sieben Ritualaspekten. Schließlich werden vier der bedeutendsten Vertreter der sog. Täufersekten – die Gemeinschaft von Qumran, die Elchasaiten, die Mandäer sowie die Ebioniten – mit einem besonderen Fokus auf die von ihnen verwendeten Rituale untersucht. Auch wenn es sich dabei mehrheitlich um Phänomene handelt, welche nach der Etablierung der christlichen Taufe entstehen, bilden diese in ihrer Fokussierung auf Wasserrituale eine interessante Vergleichsfolie für die christliche Gemeinde, welche die Taufe als Initiationsritual vollzieht. Auf Grund der teilweise sehr beschränkten Quellenlage können die Wasserrituale dieser Gruppierungen lediglich bezüglich ihrer Bezeichnung und Art, Ritualablaufes, Ritualfunktion und –deutung dargestellt und verglichen werden. Sämtliche Unterkapitel laufen sodann auf eine Verhältnisbestimmung zur christlichen Taufe hinaus, einem Ritualvergleich.

Kapitel V „Ritologische (Deutungs)Motive“ thematisiert fünf Metaphern und Deutungen, welche zur Interpretation der Taufe in den paulinischen Texten Verwendung finden und sich zugleich als klassische Motive erweisen, wie sie auch bei anderen, jüdischen wie nichtjüdischen Ritualdeutungen begegnen: „Leben-Tod(-Leben)“; „Freiheit/Befreiung“; „Leib/Einheit“; „Erbe/Sohn“; „Name“.

Kapitel VI „Die christliche Taufe als Ritual. Eine Zusammenfassung“ bündelt die Ergebnisse aus den unterschiedlichen Untersuchungsschritten in einer umfassenden Beschreibung und Interpretation der christlichen Taufe an Hand der sieben Ritualaspekte.

3.3 Begriffliche Differenzierungen

Die Forschungsliteratur zum Thema Ritual konnte sich bisher nicht auf einen einheitlichen Sprachgebrauch bezüglich bestimmter Fachtermini einigen. Dieses Problem potenziert sich zusätzlich durch die Übertragung englischer Begrifflichkeiten ins Deutsche. Unabhängig von den teilweise vehement geführten Auseinandersetzungen darüber gelten für die Untersuchung folgende begriffliche Differenzierungen:

1) rituell – ritologisch: „Rituell“ bezeichnet Eigenschaften, welche eine Handlung als Ritual kennzeichnen bzw. prägen. „Ritologisch“ hebt auf die ritualtheoretische und demnach methodische Ebene einer Fragestellung ab.

2) Ritual – Ritus: Die gelegentlich anzutreffende Differenzierung zwischen „Ritus“ als kleinster Sinneinheit bzw. Handlungsbestandteil und „Ritual“ als dem Gesamtgeschehen1 bleibt letztlich schwierig, da bspw. dieselbe rituelle Handlung sowohl als eigenständiges „Ritual“ existieren und gleichzeitig als Teil eines größeren rituellen Zusammenhanges und somit „Ritus“ vorkommen kann.2 Zudem trägt eine derartige Unterscheidung nichts zur Beschreibung und Interpretation der in der Arbeit untersuchten Rituale bei. Daher wird im Folgenden durchgehend von Ritual gesprochen und damit jede Art ritueller Handlung bezeichnet.3

3) Taufe – Tauchbad: Auch wenn Ferguson, welcher eine der ausführlichsten unter den aktuellen Untersuchungen zur Taufe vorgelegt hat,4 es nicht für erforderlich zu erachten scheint und sowohl die christliche Taufe als auch das Proselytentauchbad unter den Oberbegriff „baptism“ fasst, so unterscheidet die folgende Studie durchaus zwischen einer von einem Täufer vollzogenen „Taufe“ und einem selbstständigen „Tauchbad“ ohne Hilfe oder Zutun einer anderen Person.

3.4 Fragestellungen der Arbeit

Folgende Fragen seien der Studie vorangestellt:

1) Die christliche Taufe als Ritual in der Zeit und Wahrnehmung des Paulus: Wie lässt sich die Taufe als Ritual charakterisieren? Welche Aspekte zeichnen sie in besonderer Weise aus und machen sie als Ritual unverwechselbar? In welcher Funktion wird die Taufe von der christlichen Gemeinde vollzogen? Welche Bedeutungsaspekte werden von Paulus durch seine vielfältige, bildreiche Sprache betont, welche hingegen abgelehnt? Nimmt die Bedeutung der Taufe dabei Bezug auf den Ritualablauf oder sind beide unabhängig voneinander zu verstehen? In welchen Bereichen seines dogmatischen wie ethischen Denkens verortet Paulus die christliche Taufe?

2) Die Entstehung der christlichen Taufe in ihrem rituellen Kontext: Welche Rituale können als „Vorläufer“ der christlichen Taufe gelten? In welcher Weise übernimmt die christliche Taufe Ritualaspekte von diesen? Wie grenzt sie sich auch von ihnen ab? Zu welchen anderen Ritualen steht die Taufe in welcher Art von Relationen?

Kapitel II: Begrifflichkeiten
1 βάπτω und βαπτίζω
1.1 βάπτω

Βάπτω wird in den biblischen Schriften ausschließlich im wörtlichen Sinn gebraucht und meint da: Eintauchen, Untertauchen oder Färben. In der LXX steht es meist als Übersetzung für טבל und bezeichnet das Eintauchen verschiedener Kleidungsstücke, eines Ysopbündels, eines Fingers, eines Fußes oder auch Brotes und zwar in Wasser (Num 19,18; 2Kön 8,15), Blut (Gen 37,31; Ex 12,22; Lev 4,6.17), Öl (Lev 14,16; Dtn 33,24), Honig (1Sam 14,27) bzw. eine Grube (Hiob 9,31).1 Neutestamentlich begegnet das Verb βάπτω gesichert lediglich an zwei Stellen: Der reiche Mann bittet, der arme Lazarus möge doch zu ihm gesandt werden, ἵνα βάψῃ τὸ ἄκρον τοῦ δακτύλου αὐτοῦ ὕδατος (Lk 16,24); beim Abschiedsmahl in Joh taucht Jesus einen Bissen ein und gibt ihn Judas, der ihn verraten wird (Joh 13,26).2

Im klassischen und hellenistischen Griechisch finden sich ganz ähnliche Kontexte, wenn dort auch die andere Bedeutung „Färben“ häufiger anzutreffen ist.3 Zudem begegnen hier verschiedene metaphorische Gebrauchsweisen: Härten von Metall, Färben im weiteren Sinne oder auch Besprengen bzw. Färben durch Besprengen. Ferguson schließt auf der Grundlage vieler von ihm analysierter antiker Texte daher, dass βάπτω „no idea of submerge or immersion“4 erkennen ließe. Dem ist insofern zu widersprechen, als etymologisch βαπτώ mit „awno. kvefja ‚niederdrücken, untertauchen, ersticken‘ (wozu aschwed. kvaf n. ‚Tiefe‘ u.a.) gleichgesetzt“5 wird. Entsprechend erklärt sich die etwas ungewöhnliche Nebenform βύπτειν „unschwer als eine Neubildung nach δύπτειν (s. δύω) oder […] nach dem gewöhnlichen und bedeutungsverwandten κύπτειν.“6

Insofern βάπτω letztlich „fast ausschließlich übertragen = ‚färben‘ benutzt“7 wird, tritt „[d]ie erweiterte Verbform βαπτίζω = ‚(ein)tauchen, taufen‘ (Hp. Pl., hell. u. spät) […] an die Stelle von βάπτω“.8 So verwendet etwa auch Josephus βάπτω ausschließlich im Sinne von „Färben“ und βαπτίζω für das „Ein-/Untertauchen“ von Personen und Gegenständen. Doch worin unterscheiden sich βάπτω und βαπτίζω?

1.2 βαπτίζω
1.2.1 Verwendungsweisen allgemein

Laut Oepke ist βαπτίζω das Intensivum, welches „Versenken“ (Akt.) bzw. „Versinken, Umkommen“ (Pass.) bedeuten kann und im übertragenen Sinne als „an den Rand des Verderbens bringen“ gebraucht wird. Ferguson dagegen zieht teilweise noch andere Beispiele aus dem antiken wie hellenistischen Griechisch heran und kommt zu dem Schluss: „Where there was a difference, baptizō involved a more thorough and lasting submersion than baptō. In some cases βαπτίζω refers to a condition of being under or surrounded (covered) by something (usually a liquid) regardless of the action than brought about the state or condition […].“1

Im Normalfall ist es Wasser, in dem jemand ertrinkt bzw. ertränkt wird,2 in welchem ein Schiff versinkt, weil es überladen wurde,3 oder das z.B. Agamemnon für seinen Freitod wählt.4 Für diesen wörtlichen Gebrauch von βαπτίζω fasst Ferguson zusammen: „Since being under water was associated with drowning or sinking, many of the uses of βαπτίζω are in a context of (potential) destruction, but destruction does not inhere in the word itself, as is shown by the metaphorical uses.“5 Von der Assoziation „überflutet, überschwemmt werden“ herkommend, wird βαπτίζω auf metaphorischer Ebene verwendet im Sinne von: Überwältigt werden von Trunkenheit, Begierden, aber auch Krankheiten oder Schulden. „In these figurative uses the point of comparison is not the manner of application of the element that overwhelms but the completeness of the effect or result. The use of baptizō does emphasize a total submersion […].“6 Ob nun in einem wörtlichen oder auch metaphorischen Sinne verwendet, bliebe die Grundbedeutung jedoch die gleiche: „being covered or overwhelmed“.7

Fragt man nach der Verwendung von βαπτίζω im Kontext von Waschungen, so lassen sich nur sehr vereinzelt Beispiele finden8 – diese zumeist in sakralen Zusammenhängen. Als Mittel für eine gesunde Lebensweise, gegen Furcht oder in anderen magischen Zusammenhängen wird βαπτίζω gelegentlich synonym zu (ἀπο)λούω oder als „Eintauchen“ verwendet. Indem man auf der wörtlichen Ebene bleibt, wohnen solchen Ritualen zwar die Motive des Waschens, Reinigens bzw. auch der Lebenssteigerung bis hin zur Unsterblichkeit inne, sie haben „jedoch nicht sakraltechnischen Sinn“9 angenommen.

Die LXX verwendet an lediglich vier Stellen βαπτίζω: für das selbstständige Untertauchen eines Aussätzigen im Jordan (2Kön 5,14), für das Überschwemmtwerden mit Gesetzlosigkeit (Jes 21,4LXX) sowie an zwei Stellen für ein Reinigungsritual (Sir 34,30; Jdt 12,7).

Der allgemeine jüdische Sprachgebrauch unterscheidet sich davon noch einmal. So kennt etwa Josephus verschiedene Verwendungsarten: das Sinken von Schiffen oder das zu Tode Bringen durch Untertauchen,10 aber auch die rituelle Reinigung11 und in seinem Abschnitt zu Johannes dem Täufer sogar als Bezeichnung für dessen Taufen,12 wobei der Begriff hier bereits den Status eines terminus technicus eingenommen haben dürfte.

Die nicht-christlichen Quellen verwenden βαπτίζω also im Sinne eines „Ein- bzw. Untertauchens“ (Akt. und Pass.), aber auch für ein „Versinken in etwas“ bzw. „Überwältigtwerden von etwas“.13 Doch unabhängig davon, ob das Verb wörtlich oder auf einer metaphorischen Ebene verwendet wird, lassen sich zwei Aspekte in sämtlichen Kontexten ausmachen: 1) Sowohl ein vollständiges Eintauchen als auch ein absolutes Überwältigtwerden transportieren ein holistisches Moment – der Mensch ist ganz und gar davon betroffen. Und 2) beschreiben die Texte oft lebensgefährdende oder gar lebensbeendende Szenarien (Versinken im Wasser, Ertränktwerden im Wasser, aber auch das Hineinstoßen eines Schwertes in einen Leib). Ferguson betont in diesem Zusammenhang, dass die Lebensgefährdung nicht durch βαπτίζω selbst benannt wird, sondern als die Wirkung des jeweiligen „Eintauchens“ bzw. „Überwältigwerdens“ dargestellt wird: „… such was the effect of the submerging and one could substitute the effect for the action, but that was a secondary application.“14

Es ist nun zu fragen, ob die neutestamentlichen Texte auf die gleichen Bedeutungsebenen und -aspekte von βαπτίζω rekurrieren.

1.2.2 Der neutestamentliche Gebrauch

Die neutestamentlichen βαπτίζω-Stellen – und der Einfachheit halber sollen hier auch schon τό βάπτισμα, ὁ βαπτισμός und ὁ βαπτιστής mitverhandelt werden – lassen sich vier Kontexten zuordnen: 1) die Taufe des Johannes1 und 2) die christliche Taufe.2 3) Mk 7,2–4 und Lk 11,38 sprechen – wie aus dem Kontext deutlich hervorgeht – vom Reinigen, also Säubern von Geschirr bzw. den Händen und beziehen sich dabei auf jüdische Reinheitsvorschriften. Lediglich an diesen beiden Stellen wird βαπτίζω zweifelsfrei unabhängig von der Taufe verwendet.3 4) Es verbleiben einige wenige andere Textstellen, welche in irgendeiner (meist übertragenen) Weise auf die christliche Taufe Bezug zu nehmen scheinen oder mit dieser assoziiert werden: In diesem Sinne diskutiert wird etwa 1Kor 10,2, wo der Durchzug durch das Rote Meer mit einem Getauftwerden εἰς τὸν Μωϋσῆν […] ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ verbunden wird.4 Schließlich spricht Jesus in Mk 10,38f von einem ihm noch bevorstehenden τὸ βάπτισμα und scheint diesen über die Parallele mit dem Kelch mit seinem Tod zu assoziieren: δύνασθε […] τὸ βάπτισμα ὃ ἐγὼ βαπτίζομαι βαπτισθῆναι; (Mk 10,38).5 Sodann ist die von Johannes angekündigte Taufe (ἐν) πνεύματι ἁγίῳ (καὶ πυρί) (Mk 1,8parr) zu nennen. Da sie aber einen eindeutigen Christusbezug hat, soll sie im Rahmen der christlichen Taufe verhandelt werden.

1.2.2.1 Die Taufe des Johannes1

Das Handeln des Johannes ist für seine Zeitgenossen so charakteristisch, dass er den Beinamen ὁ βαπτιστής, der Täufer, erhält.2 Der Vorgang des Taufens wird ausschließlich mit dem Verb βαπτίζω beschrieben und von Johannes zudem als eine Taufe ὕδατι qualifiziert, was zusammen mit der Angabe, dass sie im Jordan vollzogen wird, zunächst für eine wörtliche Deutung von βαπτίζω spricht: Der Täufling wird durch Johannes im Wasser des Jordans untergetaucht. Da ein bloßes Eintauchen auch über βάπτω wiedergegeben werden könnte, scheint der einheitliche Gebrauch von βαπτίζω auf einer Betonung des dem Intensivum eignenden Moment eines vollständigen Untertauchens zu liegen. Ob hierbei ebenfalls das Gefahren- bzw. lebensbedrohende Element mitschwingt, welches den profanen Gebrauch von βαπτίζω prägt, ist allein auf der grammatikalisch-kontextuellen Ebene nicht zweifelsfrei zu entscheiden und daher an späterer Stelle zu klären.3

Der auffällige synoptische wie textkritische Befund bezüglich des Johannes zugeschriebenen Vergleiches seiner Taufe mit der Taufe dessen, der nach ihm kommen wird, stellt diese erste Bedeutungszuweisung allerdings noch einmal zur Diskussion: Wenn βαπτίζω als Terminus technicus gewählt wird, um eine Taufe zu bezeichnen, was genau soll man sich dann darunter vorstellen bzw. mithören? Denn Johannes beschreibt nach den Synoptikern von sich aus – in Joh auf die Frage nach dem Grund seines Taufens hin – die Eigenart seiner Taufe mit Hilfe des Vergleiches mit einer anderen Taufe: ἐγὼ ἐβάπτισα ὑμᾶς ὕδατι, αὐτὸς δὲ βαπτίσει ὑμᾶς ἐν πνεύματι ἁγίῳ (Mk 1,8) bzw. ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ πυρί (Mt 3,11; Lk 3,16).4 Anzahl wie Art der textkritischen Varianten sprechen für den Diskussions- und Interpretationsbedarf der Formulierung: Johannes tauft ὑμᾶς ὕδατι (Mk 1,8; Lk 3,16) bzw. (ὑμᾶς …) ἐν ὕδατι (Mt 3,11; Joh 1,26.31.33).5 Außerdem findet sich noch die textkritische Variante ἐν τῷ ὕδατι (Joh 1,31.33).6 Von dem, der nach ihm kommen wird, bezeugt Johannes, dass er taufen wird: ἐν πνεύματι ἁγίῳ (Mk 1,8; Joh 1,33) bzw. ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ πυρί (Mt 3,11; Lk 3,16). Als gewichtige textkritische Variante ist πνεύματι ἁγίῳ (Mk 1,8) zu erwähnen, die so qualitativ und quantitativ gut bezeugt ist,7 dass sie bis zur 25. Auflage die von Nestle/Aland bevorzugte Variante darstellt.

Zunächst ist festzuhalten, dass sämtliche hier aufgeführten Belege und Varianten grammatikalisch möglich und zumeist bedeutend und gleichwertig bezeugt sind. Zu fragen bleibt also, ob die Konstruktionen mit und ohne Präposition ἐν bzw. mit und ohne Artikel τῷ unterschiedliche Bedeutungsnuancen anzeigen und damit auch auf unterschiedliche Bedeutungsebenen von βαπτίζω abheben. An dieser Stelle ist noch zu erwähnen, dass neben diese Formulierungen zu Mittel bzw. Ort der Taufe die beiden Formulierungsmöglichkeiten zum Zweck treten, welche entweder auf die gleiche Präposition zurückgreifen oder ganz auf eine Präposition verzichten: μετανοίας εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν (Mk 1,4; Lk 3,3) bzw. ἐν ὕδατι εἰς μετάνοιαν (Mt 3,11).

Der Dativ ὕδατι wird klassischerweise als Dativus instrumentalis bestimmt, welcher das Mittel zur Durchführung angibt: Getauft wird mit Hilfe bzw. unter Verwendung von Wasser.8 Dies würde eine Verwendung von βαπτίζω als klar bestimmten Terminus technicus voraussetzen, welcher dann identisch auf die andere Taufe angewendet wird, die nur mit einem anderen „Mittel“ vollzogen würde. Denn eine vergleichbare Konstruktion ist für das profane Griechisch nicht belegt. Vorstellbar wäre m.E. auch ein Dativus loci (Frage: „Wo bzw. worin wird der Täufling getaucht?“ Antwort: „In Wasser.“), der zudem auf beide wörtlichen Bedeutungsebenen von βαπτίζω referieren könnte (getaucht werden in bzw. überschwemmt werden von).9

Bezieht sich die Variante ἐν ὕδατι auf βαπτίζω, kann ἐν instrumental verstanden werden, da Dative mit und ohne ἐν oft als sinngleiche Alternativen auftreten.10 Doch auch die klassische Bedeutung „in“ (auf die Frage „Wo?“) ist für die Koine belegt, gerade bei Autoren, welche ἐν und εἰς vermischen.11 Legt man das in den Evangelien beschriebene Szenario, also die Taufe „im Jordan“, zu Grunde und zieht sodann die beiden wörtlichen12 Bedeutungsvarianten heran („untergetaucht Werden in“ bzw. „überschwemmt Werden von“, wobei sich auf Grund der Handlung des Täufers hier klar für erstere zu entscheiden ist), scheint eine lokale Deutung näherliegend: Johannes taucht im Jordan, also in Wasser, seine Täuflinge komplett unter.

Eine instrumentale Deutung gerät erst dort in den Blick, wo die andere Taufe als ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ πυρί qualifiziert wird, üblicherweise übersetzt als: mit dem Heiligen Geist und mit Feuer. Diese instrumentale Deutung der anderen Taufe erweist sich jedoch keineswegs als notwendig, geschweige denn zwingend. Vielmehr ist sowohl eine lokale Deutung der Geist- und Feuertaufe als auch eine übertragene Bedeutungsebene von βαπτίζω zu erwägen. Die Taufe ἐν πνεύματι ἁγίῳ ist wie bereits erwähnt für alle vier Evangelien belegt – καὶ πυρί lediglich für Mt und Lk. Wie auch einiges weitere Material, etwa die Vorstellung vom Verbrennen von unfruchtbaren Bäumen bzw. von Spreu im unmittelbaren Kontext, scheinen diese Traditionen der Quelle Q zugeordnet werden zu können. Die Kontextualisierung legt nun die Deutung nahe, dass es sich eigentlich um zwei alternative Taufen handelt: eine ἐν πνεύματι ἁγίῳ und eine [ἐν] πυρί, vorgestellt als ein Ins-Feuer-Geworfen-Werden. Dies würde auch vom klassischen Bedeutungsspektrum von βαπτίζω gedeckt werden: Jemand wird in etwas hineingeworfen, davon komplett umgeben, wobei das oft mitassoziierte lebensbedrohende Element hier überdeutlich wird. Übertrüge man diese Deutung parallel auf ἐν πνεύματι ἁγίῳ, hieße es nicht mehr: „mit Hilfe des Heiligen Geistes wird dem Täufling … getan“, sondern vielmehr: „durch den Täufer wird der Täufling in den Heiligen Geist ‚hineingeworfen‘, sodass er schließlich komplett von diesem umgeben ist.“ Alternativ dazu ist auch eine übertragene Deutung vorstellbar, vergleichbar etwa dem Besessenwerden des Getauchten von Geist durch das Untertauchen in einer „great mixing bowl“ (Corp Herm IV 4).13 Wird weiterhin ein rein instrumentales Verständnis behauptet, steht dies nicht nur gegen die Kontextualisierung des Traditionsgutes aus Q, sondern auch singulär gegen den sonstigen profanen Gebrauch.

Doch unabhängig davon, ob man es lokal oder instrumental verstehen will, sind beide Verwendungsweisen sowohl für ὕδατι als auch für ἐν ὕδατι möglich. Man könnte nun die Version, welche Mk und Lk bezeugen, bezüglich des Präpositionsgebrauchs für ursprünglicher halten: ὕδατι, aber ἐν πνεύματι ἁγίῳ (καὶ πυρί). Mt und Joh wären dann z.B. als Versuch einer Parallelisierung zu lesen: ἐν ὕδατι und ἐν πνεύματι ἁγίῳ (καὶ πυρί). Die zu Mk 1,8 gut bezeugte Variante ἐν ὕδατι könnte dann als bewusste Abänderung im Rahmen dieses Prozesses eingeordnet werden.14 Da eine wesentliche Verbesserung des Griechischen weder in die eine noch in die andere Richtung festzustellen ist, bleiben m.E. für die zunehmende Vereinheitlichung (für beide Taufen) mit der Tendenz zu ἐν lediglich zwei mögliche Erklärungen: Es entwickelt sich nach und nach eine Vorstellung von Taufe im Allgemeinen bzw. den benannten Taufen im Spe­ziellen, die zu einem Verständnis βαπτίζω ἐν tendiert, oder aber ein weiterer Faktor, etwa eine geprägte Sprachtradition, überformt die ursprünglichen (divergierenden) Formulierungen.15

Verbleibt die Frage nach dem Zweck der Johannestaufe: μετανοίας εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν (Mk 1,4; Lk 3,3) bzw. εἰς μετάνοιαν (Mt 3,11).16 Auch an dieser Stelle ist der Sprachgebrauch unterschiedlich. Gerade εἰς mit Akkusativ kann in übertragenem Sinne Bestimmung und Ziel einer Handlung ausdrücken. Für das Ritual kann auf diese Weise etwa nicht allein der Zweck, sondern auch die Wirkung beschrieben werden.

Darüber hinaus tragen die Texte zur Taufe Jesu durch Johannes nur wenig zur Klärung des βαπτίζω-Begriffes bei, abgesehen von folgenden beiden Punkten: Der Vermerk βαπτισθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εὐθὺς ἀνέβη ἀπὸ τοῦ ὕδατος (Mt 3,16) bestätigt, dass die Johannestaufe zunächst als ein komplettes Untertauchen im Wasser vorgestellt wird, aus dem der Täufling dann wieder auftauchen muss. Der zweite Aspekt betrifft den Geist, der hier bereits mit der Taufe Jesu durch Johannes in Verbindung gebracht wird.17 Es stellt sich nun die Frage, ob sich die Texte zur christlichen Taufe durch eine größere Klarheit in ihrem βαπτίζω-Gebrauch auszeichnen.

1.2.2.2 Die christliche Taufe

Zur Erwähnung wie Beschreibung der christlichen Taufe bedienen sich die neutestamentlichen Autoren – wie schon bei der Johannestaufe – ausschließlich βαπτίζω bzw. βάπτισμα. Da die Mehrheit der Stellen im Passiv formuliert ist, findet man den zu Taufenden bzw. bereits Getauften gewöhnlich als Subjekt von βαπτίζω und den Täufer bestimmt durch die Präposition ὑπό. Die übrigen Aussagen zur christlichen Taufe lassen sich in drei wesentliche Kategorien einteilen: 1) der Zweck der Taufe, 2) die Wirkung der Taufe, 3) sonstige Erläuterungen.

1) Als Zweck der Taufe findet sich die – formal wie inhaltlich der Johannestaufe gleiche – Angabe εἰς ἄφεσιν τῶν ἁμαρτιῶν ὑμῶν (Apg 2,38) bzw. die Bestimmung ὑπὸ τῶν νεκρῶν (1Kor 15,29).

2) Es fällt auf, dass die Vielfalt der Äußerungen zur intendierten Wirkung der Taufe mit einer großen Diversität der Formulierungen v.a. der Präpositionen einhergeht:1 eine Einheit der Getauften (πάντες εἰς ἓν σῶμα [1Kor 12,13], πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ [Gal 3,28]), eine Relativierung oder Negierung der Unterschiede zwischen den Getauften (εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ἕλληνες εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι [1Kor 12,13], οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ [Gal 3,28]), die Gabe des Heiligen Geistes (λήμψεσθε τὴν δωρεὰν τοῦ ἁγίου πνεύματος [Apg 2,38])2, ein Abwaschen der Sünden (ἀπόλουσαι τὰς ἁμαρτίας σου [Apg 22,16]), allerdings nicht von Schmutz (οὐ σαρκὸς ἀπόθεσις ῥύπου [1Petr 3,21]), oder ganz allgemein die Rettung (βαπτισθεὶς σωθήσεται [Mk 16,16], σῴζει βάπτισμα [1Petr 3,21]3).

3) Die sonstigen Erläuterungen und Interpretationsansätze, welche neutestamentliche Stellen zur Taufe bieten, lassen sich inhaltlich gruppieren: Zu besonderen Umständen oder Rahmenbedingungen ist relativ wenig bekannt.4 Deutlich wird, dass wirklich alle getauft werden können.5 Jeder Täufling kommt – im Zusammenhang mit der Taufe – in eine Relation zum Heiligen Geist.6 Durch die Taufe wird ein besonderes Verhältnis zwischen Täufling und Christus hergestellt.7 Dieses wird an einigen Stellen mit der Formel εἰς τὸ ὄνομα Χριστοῦ (im Folgenden: ὄνομα-Taufformel) zum Ausdruck gebracht.8

Des Weiteren fällt ins Auge, dass βαπτίζω wie τὸ βάπτισμα sich in unterschiedlichen Mikrokontexten sowie grammatikalischen Konstruktionen wiederfinden. Es ist zu fragen, ob dies auf unterschiedliche wörtliche und metaphorische Bedeutungsebenen sowie mehrere Bedeutungsspektren speziell von βαπτίζω verweist. Dies stünde allerdings gegen die beinahe unwidersprochende These, dass beide als Termini technici9 verwendet werden. Aber auch angesichts des divergierenden Präpositionsgebrauchs und der vielfältigen Wirkungsbestimmung ist diese These am Ergebnis einer eingehenden Exegese der v.a. semantischen Eingebundenheit der βαπτίζω- / τὸ βάπτισμα-Stellen in den jeweiligen Kontext zu prüfen. Vorstellbar wäre für die Entstehungszeit mindestens der frühen neutestamentlichen Schriften etwa auch eine Etablierung der christlichen Taufe insoweit, dass βαπτίζω und τὸ βάπτισμα zwar als Termini technici für das Ritual Verwendung finden, sie aber als Begriffe noch nicht so geprägt und entwickelt sind, dass sie als eindeutig und v.a. losgelöst von den (verschiedenen) sprachlichen Verwendungsweisen und Bedeutungsspektren der Wortwurzel und ihres umgangssprachlich-zeitgenössischen Gebrauchs gelten können. Diskutiert man dies etwa für Paulus, so wäre weiterhin zu differenzieren zwischen der Korrespondenz mit von ihm gegründeten Gemeinden, für welche ein gemeinsames Verständnis zu vermuten ist, da sie ihre Vorstellungen von christlicher Taufe im Wesentlichen wohl aus seiner eigenen Verkündigung bezogen haben, und der Korrespondenz mit Gemeinden, welche er nicht selbst ggründet hat, wie z.B. derjenigen in Rom.

1.3 Übersetzungstraditionen

Wohl Bezug nehmend auf die Vulgata, welche βαπτίζω entlehnt und als baptizare für die johanneische wie die christliche Taufe wiedergibt, verwenden die romanischen Sprachen für den Akt des Taufens sowie das Ritual selbst jeweils auf βαπτίζω zurückgehende Lehnwörter: franz. – baptiser / baptême; span. – bautizar / el bautismo; port. – batizar / batismo; ital. – battezzare / il battesimo. Aber auch andere Sprachen, wie nicht zuletzt das Englische (baptize / baptism), verzichten auf eine eigene Bezeichnung und entlehnen den griechischen Begriff.

Nicht so das Deutsche: Dass man heute „taufen/Taufe“ als Terminus technicus für das christliche Ritual verwendet, geht letztlich auf Wulfila zurück, welcher βαπτίζω mit dem gotischen daupjan wiedergibt. „Durch got. Arianer oder griech. Kaufleute dringt das got. Verb donauaufwärts (5. Jh.) ins Bair[ische, CM], von wo aus es sich im Kontinentalgerm[anischen, CM] weiter verbreitet.“1 Doch das germanische Verb toufen (mhd. toufen, töufen; asächs. dopian; mnd. döpen; nl. dopen;2 heutiges Sächsisch ditschen) behält lange neben dem christlichen „Taufen“ noch eine zweite Bedeutung bei, nämlich das profane „(Unter-)tauchen“, welches in der ursprünglichen Bedeutung „tief machen“3 wurzelt. Im Deutschen hat sich damit ein eigenständiger Begriff entwickelt und erhalten, welcher die ursprüngliche semantische Bedeutung von βάπτω / βαπτίζω wiedergibt und bis heute wachhält. Dies ist kaum zu unterschätzen angesichts der Tatsache, dass der Akt, den βαπτίζω neutestamentlich bezeichnet, nämlich das vollständige Untertauchen bei der Taufe, sich im Verlauf der Ritualgeschichte derartig verändert hat, dass er in seiner ursprünglichen Ausführung, Symbolik und damit zusammenhängend Bezeichnung eigentlich nicht mehr auszumachen ist. Das Beträufeln des Kopfes mit etwas Wasser hat kaum einen Wiedererkennungswert im Blick auf das komplette Untertauchen eines Menschen.4 Doch das deutsche „Taufen“, welches ein „Tauchen“ anklingen lässt, erinnert bis heute daran.

2 Die sog. Taufformel(n)

Die neutestamentliche Forschung hat in den unterschiedlichen Schriften des NTs und deren Kontexten eine sog. „Taufformel“ ausgemacht, deren Herkunft sowie Deutung allerdings bisher nicht eindeutig aufgewiesen werden konnte. Einer der Hauptgründe dafür dürfte neben den sehr unterschiedlichen Kontexten ihres Vorkommens v.a. der Variantenreichtum der vermeintlichen Formel sein. Erkärungsversuche dazu nehmen zumeist eine Entwicklung an: von einer einfachen, kürzeren Version hin zu einer abstrakteren, längeren.

Die folgende Untersuchung wird jedoch aufweisen, dass es sich bei βαπτίζω εἰς Χριστόν (im Folgenden: εἰς-Taufformel) und βαπτίζω εἰς τὸ ὄνομα Χριστοῦ (im Folgenden: ὄνομα-Taufformel) um zwei grundlegend verschiedene Taufformeln handelt.1

2.1 βαπτίζειν εἰς Χριστὸν
2.1.1 Textstellen

Die Formulierung βαπτίζω εἰς XY findet sich an vier Stellen in den Paulusbriefen, wovon drei eindeutig auf die christliche Taufe referieren: ὅσοι ἐβαπτίσθημεν εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν (Röm 6,3b), ὅσοι γὰρ εἰς Χριστὸν ἐβαπτίσθητε (Gal 3,27a), γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13). Fraglich ist, inwieweit die Formulierung πάντες εἰς τὸν Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ (1Kor 10,2), welche der Kontext selbst als τύπος ausweist (1Kor 10,6), lediglich phänomenologisch oder auch sprachlich mit der εἰς-Taufformel in Zusammenhang zu sehen ist.1 Die einzige Stelle außerhalb des Corpus Paulinum stellt sogleich einen Sonderfall dar, insofern die Frage εἰς τί οὖν ἐβαπτίσθητε; (Apg 19,3) wie auch die Antwort nicht auf eine Person, sondern eine nähere Qualifizierung bzw. Benennung der Taufe zielen: εἰς τὸ Ἰωάννου βάπτισμα. (Apg 19,3). Zudem wird das sich anschließende Taufgeschehen mit der – für Apg typischen – ὄνομα-Taufformel beschrieben (Apg 19,5).

Demnach finden sich alle klar auf die christliche Taufe zielenden εἰς-Taufformeltexte in den paulinischen Briefen und haben Christus bzw. eine äquiva­lente Bezeichnung als personales Objekt. Die εἰς-Taufformel ist damit die von Paulus offensichtlich präferierte Formel zur christlichen Taufe, denn obwohl 1Kor 1,13.15 (εἰς τὸ ὄνομα Παύλου bzw. εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα) dafür spricht, dass Paulus die ὄνομα-Taufformel kennt, verwendet er sie in keiner einzigen Textstelle in ihrer eigentlichen Form, also mit Christus als Objekt.

2.1.2 Deutungen

Die Forschungsliteratur bietet eine große Vielfalt an Deutungsversuchen zur εἰς-Taufformel – zumeist als Interpretation des Geschehens oder auch der Wirkung der christlichen Taufe. Hier kann lediglich ein Überblick über die Posi­tionen und die jeweils zugrundeliegenden Argumentationen gegeben werden:

1) Die εἰς-Taufformel bietet noch keine „bestimmte Deutung der christlichen Taufe“,1 da sie etwa in 1Kor 10,2 auch auf Mose angewendet werden kann.

2) Über die εἰς-Taufformel wird das Verhältnis des Täuflings zu Christus ausgesagt. Je nach Kommentator und Text ist etwa die Rede allgemein von der Herstellung einer Beziehung (1Kor 12,13),2 von „der außerordentlichen Enge“ dieser Beziehung und „wesenhaften Gemeinschaft zwischen dem Getauften und Christus“ (Gal 3,27)3 oder auch von einer „Schicksalsgemeinschaft mit Christus“ (Röm 6,3)4.

3) Die εἰς-Taufformel ist lokal-bildhaft zu deuten. Entweder wird für sämtliche Textstellen ein lokales Verständnis angenommen5 oder aber mit Blick auf 1Kor 10,2, welches kaum lokal verstanden werden kann,6 nur für einzelne.7 Z.B. wird 1Kor 12,13 als Hineintaufen bzw. -tauchen in den Leib gedeutet8 oder Gal 3,27 als mystisches Eintauchen in Christus.9 Ob dies von Mysterienreligionen beeinflusst ist, bleibt umstritten.10

4) Die εἰς-Taufformel verweist auf Christus bzw. sein Leiden, Sterben und Auferstehen als dem Urgrund der Taufe. Delling versucht diese Deutung nicht allein für Röm 6,3 (Taufe auf seinen Tod hin) und Gal 3,27 (Gewand als das die Existenz Bestimmende), sondern auch für 1Kor 10,2 (Mose als die Sigle des rettenden Handeln Gottes) zu plausibilisieren.11

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die wenigsten Exegeten eine Interpretation für sämtliche Textstellen bieten, sondern entweder verschiedene Aspekte innerhalb der einen Formel ausmachen, welche jeweils aus dem Kontext zu erheben sind,12 oder gar von verschiedenen Formeln bzw. Traditionen ausgehen.13 Alternativ wäre zu fragen, ob nicht Paulus weniger auf unterschiedliche Traditionen bzw. Aspekte zurückgreift als diese vielmehr aus einer noch relativ bedeutungsoffenen formelhaften Wendung heraus kontextuell entwickelt und auf diese Weise erst prägt.

2.1.3 Funktionen

Je nach Deutung der εἰς-Taufformel wird ihr in der Literatur eine entsprechende Funktion bzw. ein Sitz im Leben zugeordnet:

1) Die εἰς-Taufformel dient (lediglich) der Unterscheidung von anderen Taufen.1 Nach Haacker spricht etwa Apg 19,3 für eine entsprechende Abgrenzung von der Johannestaufe.2

2) Die εἰς-Taufformel wird im Kontext der Taufe gesprochen.3 Vorstellbar wäre die Funktion eines Taufrufes,4 eines Heilszuspruches5 oder auch einer Aussage durch die Frischgetauften.6 Hellholm meint, den unterschiedlichen von ihm identifizierten Traditionen sogar unterschiedliche Stellen und Funktionen in der Taufliturgie zuschreiben zu können.7

2.1.4 Einzelaspekte

Die Vielfalt der Deutungen und Funktionszuweisungen scheint einerseits durch die Kürze der Formel und die unterschiedlichen Verwendungskontexte begünstigt zu sein. Andererseits spricht die Art und Weise, wie Paulus die Formel in den Tauftexten anführt, dafür, dass sie von Paulus selbst als erläuterungsbedürftig angesehen wird. Folgende fünf Aspekte lassen sich aber dennoch für sämtliche paulinischen εἰς-Taufformeltexte feststellen:

1) Die εἰς-Taufformel wird mit unterschiedlichen Personen formuliert. Hellholm leitet daraus ab, dass diejenigen in der 1. Person formulierten innerhalb der Taufliturgie von den Neugetauften, die in der 2. Person konstruierten vom Täufer bzw. seinen Assistenten gesprochen werden.1 Dies stellt m.E. eine Überinterpretation dar und hat zudem die von Hellholm rekonstruierten insgesamt fünf unterschiedlichen Tauftraditionen zur Voraussetzung. Ausgehend davon, dass es sich um eine formelhafte Wendung βαπτίζω εἰς handelt, ist eher festzustellen, dass sie in der Zeit des Paulus noch für situative Umformulierungen offen ist, wie es nicht allein der Wechsel zwischen 1. und 2. Person verdeutlicht,2 sondern auch die Sonderform ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13) erkennen lässt, welches von den meisten Exegeten aus der Diskussion herausgehalten wird, weil es nicht der vermeintlich festen Formel βαπτίζω εἰς Χριστόν folgt.

2) Die εἰς-Taufformel wird stets im Plural formuliert.3 Bisher kaum Beachtung in der Literatur findet die Tatsache, dass keine einzige der paulinischen Taufformelstellen den Singular verwendet, was zu erwarten wäre, will man der Formel einen festen Sitz im Leben innerhalb der Taufliturgie zuweisen – ob nun vom Täufer oder vom Täufling gesprochen. Demnach hat die plurale Formel eine andere Funktion oder wird entsprechend von Paulus umformuliert. Beides ist vorstellbar, blickt man auf die den Formelstellen folgenden paulinischen Aussagen, welche der Taufe nicht allein persönliche, vertikale Wirkungen zuschreiben, wie sie die allermeisten Exegeten in der Formel ausgedrückt sehen, sondern auch verschiedene soziale, horizontale Folgen der Taufe: Taufe zu einem Leib (1Kor 12,13), Relativierung der Unterscheidungen durch die Taufe (Gal 3,28a–c), Taufe zu einer Einheit bzw. Person (Gal 3,28d).4

3) Die εἰς-Taufformel ist stets im Passiv formuliert. Obwohl lediglich in 1Kor 1,10–17 das Täufersein (des Paulus) dezidiert benannt wird, verdeutlicht doch jede einzelne Taufstelle, dass es sich bei der christlichen Taufe – im klaren Gegensatz zu der Fülle an Waschungen in dieser Zeit5 – stets um ein passives Getauftwerden handelt.

4) Die vielfältige Verwendung von εἰς in der Koine eröffnet ein breites Bedeutungspotential für die εἰς-Taufformel. Im NT finden sich εἰς mit lokaler, übertragener oder auch finaler Bedeutung, zur Angabe der Richtung eines Geschehens, als Rückbezug und allgemein als „im Blick auf“.6 Delling meint dennoch für εἰς Χριστόν7 im Corpus Paulinum eine einheitliche Bedeutung ausmachen zu können: „Es ist das zentrale Heilsgeschehen von Kreuz und Auferstehung, auf das hin Gott am Menschen handelt […]“.8 Wenn auch seine Untersuchung in weiten Teilen überzeugt, bleibt dennoch anzufragen, ob nicht die Weite von εἰς im Rahmen einer Formel, welche noch deutlich erkennbare Variabilität aufweist, mindestens durchschimmert.

5) Die εἰς-Taufformel hat in ihrer Kürze und Verwendung eindeutig Formelcharakter, wenn auch die (Eindeutigkeit ihrer) Aussage umstritten bleibt. Zwei grundlegende Untersuchungen zur εἰς-Taufformel könnten kaum unterschiedlicher sein: Während Hellholm mehrere Tauftraditionen unterscheidet und ihnen differierende Bedeutungen und Funktionen zuweist,9 erkennt Delling ein einheitliches Verständnis von εἰς Χριστόν und der Taufformel sogar über diese hinaus.10 Trotz dieser sehr unterschiedlichen Auffassungen gehen beide von der gleichen, m.E. zu überdenkenden Voraussetzung aus, dass es sich bei βαπτίζω εἰς Χριστόν bereits zur Zeit der Paulusbriefe um eine feste Formel handelt. Dafür spricht durchaus, dass sie etwa in Röm 6,3a als bereits bekannt angeführt wird11 und die sprachlichen Strukturen von Röm 6,3f; Gal 3,27f sowie 1Kor 12,13 auch Traditionscharakter tragen. Die gerade dargelegte Variabilität wie auch die sich auf die εἰς-Taufformel richtenden erläuternden Aussagen in Röm 6,3c–4; Gal 3,27b–28 und 1Kor 12,13, v.a. die Parallelkonstruktionen von Röm 6,3b.c und Gal 3,27a.b sprechen jedoch gegen eine allzu starke Formelhaftigkeit und Eindeutigkeit der Formulierung.

Vor abschließenden Thesen folgt zunächst ein kurzer Exkurs zur Sonderstelle 1Kor 10,1–4 und sodann ist noch vergleichend zu fragen, ob sich für die ὄνομα-Taufformel, auch wenn sie sich dezidiert in keinem der hier schwerpunktmäßig untersuchten paulinischen Texte findet, ein ähnlicher oder möglicherweise ganz anderer Befund wie für die εἰς-Taufformel erheben lässt.

Exkurs: 1Kor 10,1–5

1 Ich will nicht, dass ihr unwissend darüber seid, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle durch das Meer hindurchgegangen sind, 2 und alle auf Mose getauft worden sind in der Wolke und in dem Meer 3 und alle dieselbe geistige Speise gegessen haben 4 und alle denselben geistigen Trank getrunken haben. Denn sie tranken aus dem geistigen Felsen, welcher nachfolgte. Der Fels aber war (der) Christus. 5 Aber Gott hatte an vielen von ihnen keinen Wohlgefallen, denn sie wurden in der Wüste getötet.

Mit Blick auf die Deutung der christlichen Taufe interessieren einerseits die Funktion von Wasser (und der Wolke) in diesem Kontext und in Anschluss daran andererseits die Deutung der Formulierung εἰς τὸν Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν. Während das Meer, durch welches das Volk hindurchziehen muss, dieses eindeutig gefährdet, würde die Wolke bei Paulus „uneingeschränkt auf die Seite des Heils“ gehören.12 Die Kombination von Wasser und Wolke deutet Ostmeyer folgendermaßen: „beide Elemente bilden eine Einheit und stehen für die Bewahrung […] in einem existenzbedrohenden Geschehen“.13 Es handelt sich demnach um eine Rettung durch die Bedrohung des Wassers hindurch, wie sie auch mit Hilfe des Bildes von der Sintflut zum Ausdruck gebracht werden kann (1Petr 3,20f).

Als schwieriger stellt sich die Deutung des βαπτίζω εἰς dar, welche mit der Frage verbunden ist, ob über die Ähnlichkeit mit der εἰς-Taufformel eine Analogie zwischen Christus und Mose ausgesagt werden soll und wenn ja, von welcher Art diese ist. Die Erklärungen reichen von der Verneinung einer taufspezifischen Bedeutung der Formulierung überhaupt,14 über die Vermutung einer „ad hoc-Konstruktion“15 bis hin zu klaren Parallelisierungen von Mose und Christus als diejenigen Personen, denen man als von Gott auserwählte Führer zugehört16 oder deren Namen als Sigle für das rettende Handeln Gottes zu verstehen sind.17

Eine direkte Analogie zwischen beiden Personen ist nicht zuletzt deswegen auszuschließen, weil nicht allein die Person Jesus Christus, sondern v.a. dessen Sterben und Auferstehen für das Ritual der Taufe eine andere Bedeutung gewinnt18 als die Person des Mose im einmaligen Durchzug durch das Schilfmeer. Außerdem findet βαπτίζω im Neuen Testament nicht als reiner terminus technicus für die christliche Taufe Verwendung, sondern lässt auch immer wieder die Grundbedeutungen des Verbes durchscheinen. Insofern ist βαπτίζω an dieser Stelle als Ein- und Hindurchgehen durch lebensgefährliche Wasser zu verstehen, wie sie auch im Taufvollzug imaginiert werden, wobei über εἰς diejenige Person benannt wird, auf deren Geheiß und in deren Gefolge man hindurchgeht. εἰς nimmt in 1Kor 10,2 demnach eine andere Bedeutung als in der εἰς-Taufformel an.

2.2 βαπτίζειν εἰς τὸ ὄνομα Χριστοῦ
2.2.1 Textstellen und Varianten

Die zumeist von der Literatur als eigentliche Taufformel benannte Version βαπτίζω εἰς τὸ ὄνομα liegt nur an wenigen Stellen vor: … τοῦ κυρίου Ἰησοῦ (Apg 8,16; 19,5) sowie … τοῦ πατρὸς καὶ τοῦ υἱοῦ καὶ τοῦ ἁγίου πνεύματος (Mt 28,19). Daneben sind zwei Varianten belegt: … ἐπὶ τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ Χριστοῦ (Apg 2,38) und ἐν τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ Χριστοῦ (Apg 10,48). Bei Paulus begegnet die ὄνομα-Formel selbst nicht. Die Formulierung εἰς τὸ ὄνομα Παύλου (1Kor 1,13), worauf sich wiederum εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα (1Kor 1,15) bezieht, macht allerdings wahrscheinlich, dass er sie gekannt hat. Die Vielfalt der Forschungspositionen liegt nun weniger im Variantenreichtum des Vorkommens der Formel begründet als in der sich grundsätzlich unterscheidenden Ableitung entweder aus dem Semitischen oder dem hellenistischen Griechisch begründet.1

2.2.2 Herleitung aus dem Griechischen

Erstmals und ausführlich hat Wilhelm Heitmüller griechische Papyri, Inschriften und Ostraka dahingehend untersucht und fand die Formulierung „εἰς τὸ ὄνομα XY“ als Fachausdruck im Bankenwesen für „etwas auf das Konto von XY zu transferieren“ vor.1 Sämtliche neutestamentlichen Varianten gehen seiner Meinung nach auf diesen finanztechnischen Ausdruck zurück: Metaphorisch würde der Christ in der Taufe „auf das Konto Christi eingezahlt“. Die Analyse der neutestamentlichen Verse führt ihn sodann zu der Überzeugung: „Somit dürfte sicher sein, dass εἰς τὸ ὄνομα τινος nicht nur die Zueignung an eine Person, die Herstellung des Zugehörigkeitsverhältnisses bezeichnet, sondern die Zueignung unter – irgendwelchem – Gebrauch des Namens der betreffenden Person.“2 Dass die Formel hier bedeutungsgleich für den völlig anders gearteten Kontext der frühen Kirche angenommen wird, ist zu mindestens anzufragen, zumal eine zweite Herleitungsmöglichkeit, nämlich aus dem Hebräischen, existiert.

2.2.3 Herleitung aus dem Hebräischen

Spricht die LXX von ὄνομα dann allermeist als Übersetzung von שם‏‎. Die entsprechenden alttestamentlichen Erzählungen wissen dabei um die besondere Macht eines Namens, speziell wenn er (über einen anderen) ausgesprochen wird.

Besonders deutlich wird dies bei der Benennung der Tiere durch Adam (Gen 2,20), die einen Herrschaftsakt darstellt. In ähnlicher Weise benennt der Schöpfer die Sterne (Ps 147,4). Das Ausrufen des eigenen Namens bringt eine eroberte Stadt in den Besitz des Er­oberers (2Sam 12,28) und das Volk Israel wird zum Eigentum Jahwes (Jes 63,19). Das Kennen des Namens kann einen Aspekt einer Berufung darstellen (Ex 33,12). Jeremia wiederum schöpft daraus Trost und Freude, dass ἐπικέκληται τὸ ὄνομά σου ἐπ‘ ἐμοί (Jer 15,16). Auch das Weiterleben des eigenen Namens in den Nachkommen (ggf. sichergestellt durch eine Leviratsehe) wie die damit verbundene Angst des Austilgens eines Namens (gar des Namens eines ganzen Volkes) spiegelt die hebräische Vorstellung von der Vielschichtigkeit der Bedeutung des Namens einer Person wider, die weit über ein „Rufmittel“ hinausgeht.1

Als hebräische Entsprechungen für das im klassischen Griechisch ungewöhnliche und daher wahrscheinlich als Übersetzungsgriechisch zu identifizierende εἰς τὸ ὄνομα kommen nun zwei Möglichkeiten in Frage: בשם‏‎ und לשם‏‎. Die einlinige Herleitung aus einer der beiden Konstruktionen anhand des alttestamentlichen und rabbinischen Befundes kann nicht zwingend belegt werden. Die folgende Darstellung der Verwendung von בשם‏‎ und לשם‏‎ und des damit beschriebenen Bedeutungsspektrums wird jedoch die Herkunft der christlichen ὄνομα-Taufformel aus dem Hebräischen als wahrscheinlicher erweisen, denn eine Ableitung aus dem Griechischen.

2.2.3.1 בשם‏‎

Obwohl oft anders behauptet, bezieht sich die Form בשם‏‎ keineswegs ausschließlich auf den Namen des Herrn, wenn auch mehrheitlich. So kann ein Mensch bei seinem Namen ge-/berufen werden (Ex 31,2), nach dem Namen seines Vaters benannt werden (Ri 18,29), unter seinem Namen gekannt werden (Ex 33,12) bzw. in seinem Namen Botschaften ausgerichtet (1Sam 25,9) oder Briefe geschrieben werden (1Kön 21,8). Der Name steht dabei, ähnlich der Verwendungsweise im Deutschen („im Namen von XY“), als eine besondere Art des pars pro toto für die ganze Person. Der „Name des Herrn“ (meist בשם יהוה‏‎, aber auch nur בשם קדשו‏‎ [1Chr 16,10]) findet in vielfältigen Zusammenhängen Verwendung: Bekanntlicherweise darf der Name des Herrn nicht genannt werden (Amos 6,10), doch Mose tut ihn auch einmal kund (Ex 33,19), zudem werden im Namen des Herrn Altäre gebaut (1Kön 18,32). Alle weiteren Belege lassen sich in eine der beiden folgenden Kategorien einordnen: Entweder wird der Name des Herrn im zwischenmenschlichen Miteinander „eingesetzt“1 oder ihm kommt eine Funktion innerhalb der Gottesbeziehung eines Menschen zu.2 Die meisten und häufigsten Verwendungsweisen von בשם‏‎ beziehen sich auf diese Mensch-Gott-Beziehung oder werden gar zu deren Umschreibung herangezogen: לקרא בשם יהוה‏‎ meint das Anrufen oder Rühmen des Namens (z.B. Gen 4,26; 1Chr 16,10) und ואנחנו בשם־יהוה‏‎ das lebensgründende Vertrauen auf den Namen (z.B. Ps 20,8; Jes 50,10). Es verbleibt schließlich ein hochgeprägter Verwendungszusammenhang von בשם‏‎, der sowohl die Gottes- als auch die zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft, nicht zuletzt weil es sich dabei um denjenigen handelt, der zwischen Gott und Menschen steht, vermittelt und redet: ידבר בשם יהוה‏‎ – „der im Namen Gottes/des Herrn redet“ wird nicht nur als Funktionsbeschreibung, sondern stellenweise gar als Definition des Propheten verwendet (z.B. Dtn 18,22).3

Wie bereits erwähnt, gehen die εἰς τὸ ὄνομα / ἐν τῷ ὀνόματι-Stellen der LXX auf בשם‏‎ zurück. Jedoch ist dies im Umkehrschluss keineswegs die einzige Übersetzungsmöglichkeit. Vielmehr finden sich in der LXX auch ἐκ τοῦ ὀνόματος (Num 32,42) bzw. ἐπὶ τῷ ὀνόματι (Gen 12,8 u.a.).4

Neben בשם‏‎ wird gemeinhin לשם‏‎ als zweite potentielle hebräisch-aramäische Wurzel der ὄνομα-Taufformel angeführt.

2.2.3.2 לשם‏‎

Die BHS verwendet לשם‏‎ in unterschiedlichen Kontexten und in ebenso divergierenden Bedeutungen: Die absolute Mehrheit der Fälle meint dabei שם יהוה‏‎ – oft ausgeschrieben (z.B. 1Kö 5,17), teilweise aber auch elliptisch notiert (z.B. Ps 106,47). In einzelnen Fällen kann sich לשם‏‎ auf den Namen eines Menschen beziehen, z.B. Jos 19,47: „[…] und nannte es Dan nach seines Vaters Namen.“ Innerhalb der auf שם יהוה‏‎ abhebenden Stellen, lassen sich nun noch unterschiedliche Verwendungsweisen von לשם‏‎ ausmachen: 1) etwas tun „um des Namen JHWHs willen“ (Jer 3,17); 2) „den Namen JHWHs“ preisen o.ä. (1Chr 16,35); 3) „zum Ruhm JHWHs“ (Jer 33,9); 4) „dem Namen JHWHs“ ein Haus bauen (1Kön 3,2). Da sich dieses Bedeutungsspektrum nur segmentartig mit dem semantischen Feld von τὸ ὄνομα deckt, findet sich das Wort auch nur an einigen dieser Stellen in der LXX und zwar hauptsächlich dort, wo der Name JHWHs als eigenständige Größe erscheint und nicht allgemein auf JHWH verweist. Dies trifft v.a. die Texte, welche sich mit dem Haus „für den Namen JHWHs“ beschäftigen,1 und diejenigen, welche das Preisen „des Namens JHWHs“ thematisieren.2 Abhängig vom Prädikat (z.B. οἰκοδομέω) bietet die Mehrzahl dieser Verse τὸ ὄνομα im Dativ, selten im Akkusativ. Lediglich in 1Chr 22,5 findet die Präposition εἰς Verwendung: למעלה לשם ולתפארת‏‎ / εἰς ὄνομα καὶ εἰς δόξαν. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der alttestamentliche Befund kaum die These stützt, die Formulierung βαπτίζω ἐν τὸ ὄνομα bzw. die dahinter stehende Vorstellung würde sich direkt von לשם‏‎ ableiten.

Dass die ὄνομα-Taufformel als Übersetzung auf das hebräische לשם‏‎ zurückgeht, wird jedoch v.a. mit dessen Verwendung in der rabbinischen Schulsprache begründet. Bietenhard3 und auch Billerbeck4 führen Opfer, Proselytentauchbäder und Beschneidungen als Beispiele an, welche לשם‏‎ vollzogen wurden.5 Nach Bietenhard würde dies den Zweck der Rituale angeben, ganz wie im final zu verstehenden Mt 28,19.6 Doch die von ihm genannten Beispiele, wie auch die sechs von Billerbeck benannten Kategorien der לשם‏‎-Verwendung in Opferzusammenhängen, drücken m.E. zunächst nur eine Bezugnahme des Bezeichneten zum Opfer(-vorgang) aus, deren Art ganz unterschiedlich ausfallen kann (Wohlgefallen vor Gott als Ziel, Feueropfer als Beschreibung der Art oder aber der Opfernde selbst oder Gott als „Adresse“ des Opfers) und durch den jeweiligen Kontext erst bestimmt wird. Eine grundsätzlich „finale Funktion“ ist nicht festzustellen.

Noch eine verwandte Phrase ist zu erwähnen, welche ebenfalls die Herkunft der ὄνομα-Taufformel erhellen könnte: „leschem–leschum“.7 Hartman hat ihre Verwendung in rabbinischen Texten in drei grundsätzliche Kategorien eingeteilt: 1) „the action takes place ‚with respect to‘ (etc.) things, places, etc.“;8 2) „the action takes place ‚with respect to‘ things expressed in abstract nouns […] this includes the examples such as the one citing circumcision ‚with respect to Gerizim‘“;9 3) „the action takes place ‚regarding‘ (etc.) persons, namely men, as well as beings belonging to the divine sphere who are not engaged as agents in the action described by the verb.“10 Die von Bietenhard festgestellte finale Interpretation weist er auf Grund dieses Befundes zurück und sieht darin eher einen Hinweis auf „how widely the expression could be used.“11 Zwar stimmt er Bietenhard darin zu, dass sich viele Belege auf Rituale beziehen würden, jedoch „[i]n these ritual cases the phrase leschem–leschum is used to introduce the type, reason or purpose of the rite as well as its intention.“12 Hartman würde den gemeinsamen und bezeichnenden Aspekt in diesen verschiedenen Verwendungsweisen am ehesten mit „a fundamental reference“13 wiedergeben und schlussfolgert dann: „In a similar way ‚Jesus‘ could be the fundamental reference for baptism. The phrase then characterized the rite in a fundamental way; it was a ‚Jesus‘ baptism.“14 Die Vermutung Hartmans, dass eine solche Qualifikation des Rituals nicht zuletzt eine abgrenzende Funktion etwa gegenüber der Johannestaufe gehabt hat, ist sehr naheliegend.15 Er schränkt jedoch gleich zutreffend ein: „Nevertheless this qualification could hardly only be negative … the qualification ‚into the name of Jesus‘ was reasonably understood to have a positive content as well as a negatively demarcating meaning.“16

Die relativ ausführliche Darstellung des Bedeutungshorizontes hat nicht zuletzt darin ihren Grund gehabt, dass einige Arbeiten zum Thema – anstatt die Bedeutung der Formel aus der Traditionslinie zu erheben – klar die Tendenz erkennen lassen, vom vermeintlichen Sinngehalt der ὄνομα-Formel ausgehend nach einer entsprechenden sprachlichen Wurzel zu suchen.17 Ein solches Vorgehen hat allerdings zwei grundlegende Voraussetzungen: 1) Die erhobene Bedeutung von εἰς τὸ ὄνομα wird (bereits) neutestamentlich stets gleich und eindeutig gebraucht.18 2) Die im Zusammenhang mit dem Ritual der christlichen Taufe verwendete Formulierung mit ihrer grundlegenden Bezugnahme auf Christus hat überhaupt eine grammatikalisch-semantische Entsprechung, von der her sie direkt abgeleitet werden kann. Beide Punkte können begründet angezweifelt werden.

Daher soll hier eher zusammenfassend der Wortfeldkontext skizziert werden, aus dem heraus sich die ὄνομα-Taufformel am wahrscheinlichsten entwickelt haben dürfte – wenn man angesichts der verschiedenen Varianten überhaupt von einer Formel sprechen kann.19

2.2.3.3 שם‏‎

Innerhalb einer ausgeprägten Vorstellung vom Namen einer Person in der hebräischen Sprache, nimmt die „שם יהוה‏‎“-Theologie noch einmal eine gesonderte Rolle ein.1 Über בשם‏‎ und לשם‏‎ wird der Name Gottes, aber eben auch der von Menschen in funktionale oder beschreibende Beziehungen gebracht. Einerseits scheint der Name die Person selbst zu bezeichnen: Gott wird in seinem Namen verehrt, angerufen oder gedient. Aber auch ein Mensch ist auf unvergleichbare Weise gekannt, vielleicht sogar erkannt, wenn Gott seinen Namen ruft. Andererseits kann der Name eine Art Brückenfunktion zwischen den Beteiligten einnehmen: Wenn etwa „im Namen eines anderen“ ein Brief verfasst oder eine Botschaft ausgerichtet wird – sei sie von Menschen oder Gott selbst. Was auch immer der Name im Einzelnen „bezeichnet“, tritt doch immer der besondere Beziehungsaspekt in den Fokus – ob zwischen Menschen oder auch zwischen Mensch und Gott: voller Erwartung und Vertrauen auf den anderen,2 aber auch voller Kraft und Wirkung durch dessen Namen.3 Die Form לשם‏‎ findet dann auch in rabbinischer Zeit Verwendung in rituellen Kontexten, um die Beziehung und Bedeutung eines Abwesenden innerhalb des Rituals auszudrücken. Diese Zuordnung kann sehr vielfältig ausfallen, lediglich die grundlegende Bezugnahme des Rituals auf die mit Namen benannte Person ist offensichtlich und gemeinsam. Welche funktionale oder auch inhaltliche Beschreibung der Beziehung Christus–Taufe/Täufling über die ὄνομα-Taufformel ausgedrückt wird, ist daher kaum direkt oder gar eindeutig aus ihren sprachlichen Wurzeln abzuleiten. Klar scheint lediglich zu sein: Eine auf בשם‏‎ oder לשם‏‎ zurückgehende Formulierung ist bestens geeignet, die Beziehung zwischen Zweien auszudrücken bzw. zu betonen, während einer ggf. (körperlich) abwesend ist. Dass die Qualifizierung als „sich auf Christus beziehend“ auch eine abgrenzende Funktion haben kann, ist ein naheliegender Gedanke, der an späterer Stelle noch einmal aufzugreifen ist.4

3 Zusammenfassung

Βάπτω bezeichnet im ursprünglichen Sinn ein „Ein- bzw. Untertauchen“, jedoch auch zunehmend übertragen ein „Färben“ (durch Untertauchen). Ersatzweise können, um ein „Ein-/Untertauchen“ auszudrücken, die Nebenform δύπτειν oder auch βαπτίζω verwendet werden.

Βαπτίζω kann ebenfalls „Ein- bzw. Untertauchen“ meinen, wird jedoch mit den weiteren Bedeutungen „Überwältigtwerden, Versinken und Versenken“ tendenziell in extremeren, oft lebensgefährdenden oder sogar -beendenden Kontexten verwendet. Neutestamentlich steht es zusammen mit τό βάπτισμα bzw. ὁ βαπτισμός fast ausschließlich für die Johannes- oder die christliche Taufe. Auch wenn eine Verwendungsweise als terminus technicus kaum zu bestreiten ist, bleibt angesichts von wechselnden Präpositionen und der sich in den neutestamentlichen Schriften unterscheidenden Art der Verwendung mindestens für das Verb βαπτίζω dennoch anzufragen, wie weitgehend und einheitlich der terminus technicus verwendet wird.

Eine erste Untersuchung der paulinischen Taufstellen lässt vermuten, dass es sich bei der εἰς-Taufformel um eine den Adressaten bekannte, formelhafte Wendung handelt, welche allerdings noch variablen Gebrauch gegenüber offen und in ihrer Bedeutung (aus Sicht des Paulus) erläuterungsbedürftig ist.

Die Herleitung der ὄνομα-Taufformel vom Hebräischen בשם‏‎ oder לשם‏‎ spricht für eine Deutung der Herstellung einer besonderen Beziehung zwischen Christus und dem Täufling in der Taufe. V.a. für Menschen, die des Hebräischen nicht mächtig sind, verfügt die ὄνομα-Taufformel über einen wesentlich höheren Abstraktionsgrad als etwa die εἰς-Taufformel. Darin besteht möglicherweise ein Grund für die Bevorzugung der εἰς-Taufformel durch den Heidenapostel Paulus, welchem die ὄνομα-Taufformel durchaus bekannt ist.

Bezüglich des Verhältnisses beider Formeln bedürfte es weiterführender Untersuchungen, um endgültig klären zu können, ob es sich um zwei völlig unabhängige Formeln handelt,1 oder aber die εἰς-Taufformel eine, wenn auch weit entfernte Vorform2 oder auch Kurzform3 der ὄνομα-Taufformel darstellt. In den im Folgenden schwerpunktmäßig untersuchten paulinischen Tauftexten findet sich mit Ausnahme der Sonderstelle 1Kor 1,13.15 lediglich die εἰς-Taufformel.

Allgemein bleibt noch festzuhalten, dass es sprachlich als wesentlicher Unterschied zu werten ist, ob man von βαπτίζω εἰς … spricht – selbst wenn dies bereits einen gewissen Formelcharakter erreicht hat – oder ob man subjektivierend τὸ βάπτισμα verwendet. Der Verbalgebrauch legt (noch) einen erkennbaren Schwerpunkt auf den Vollzug bzw. die Handlung und hat daher m.E. noch eine originär größere Nähe zum ursprünglichen Wortsinn und darin zu einer möglichen Symbolik der Handlung. τὸ βάπτισμα dagegen hat wesentlich deutlicher den Status als terminus technicus erreicht. Für diese differenzierte Wahrnehmung des Sprachgebrauchs spricht auch der Befund der unterschiedlichen neutestamentlichen Schriften: Während sich τὸ βάπτισμα erst in den späteren Schriften des NT (Evangelien; Apg; kath. Briefe) findet, verwendet Paulus in seinen Briefen stets die Verbform – vermutlich auch, weil die Tauf(theologi)e in dieser Zeit noch mehr der Erläuterung und Entfaltung bedarf.

Die folgenden exegetischen und vergleichend ritologischen Untersuchungen haben zu erbringen, ob sich die hier offen gebliebenen Fragen beantworten und die geäußerten Thesen verifizieren lassen.

Kapitel III: Die paulinischen Tauftexte
1 Galater 3,23–29: Es gibt weder Jude noch Grieche.

23 Vor dem Kommen des Glaubens aber waren wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen bis zum Glauben, der offenbar werden sollte. 24 Also ist das Gesetz unser Aufseher gewesen bis Christus, damit wir aus Glauben gerechtfertigt werden. 25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Aufseher. 26 Denn ihr seid alle Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. 27 a) Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, b) wurdet in Christus eingetaucht. 28 a) Es gibt weder Jude noch Grieche, b) es gibt weder Sklave noch Freier, c) es gibt nicht männlich und weiblich. d) Denn ihr seid alle einer in Christus Jesus. 29 a) Wenn ihr aber des Christus seid, b) dann seid ihr Nachkommen Abrahams, c) Erben gemäß der Verheißung.

1.1 Textsemantischer Einstieg

Πρὸ τοῦ δὲ ἐλθεῖν τὴν πίστιν … ἐλθούσης δὲ τῆς πίστεως (Gal 3,23f) – die grundlegende Unterscheidung der Zeit vor und nach dem Kommen des Glaubens ist nicht nur das Thema in Gal 3,23–28, sondern auch das Ziel der den ganzen Galaterbrief durchziehenden Argumentation: Zeit und Verhältnisse vor Christus stehen konträr zu denen nach ihm. V.a. in Bezug auf das Gesetz lässt Paulus Relativierungen dieses alles entscheidenden und zugleich vollständig ausreichenden Ereignisses nicht gelten (siehe 2,19–21; 3,19f; 5,1–6). Insofern sind die Verse 3,23–28 für eine angemessene Interpretation stets im Gesamtargumentationskontext des Briefes zu sehen.

Unvermittelt und heftig eröffnet Paulus sein Schreiben an die galatischen Gemeinden, indem er den Vorwurf voranstellt: οὕτως ταχέως μετατίθεσθε ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς ἐν χάριτι [Χριστοῦ] εἰς ἕτερον εὐαγγέλιον (1,6). Es ist weniger die Empörung des Gemeindegründers über abweichende Tendenzen, als vielmehr die Feststellung ὃ οὐκ ἔστιν ἄλλο (1,7), welche er im Folgenden immer wieder durchexerzieren wird: Es gibt keine Variante von und schon gar keine Alternative zum Evangelium, das wir euch gepredigt haben!1 So hat er es von Jesus Christus selbst offenbart bekommen (1,12) und so ist es später beim Treffen in Jerusalem auch bestätigt worden (2,1–10): Heiden, zu denen Paulus gesondert gesandt ist, werden keinerlei Auflagen gemacht, abgesehen von einer Armenkollekte (μόνον τῶν πτωχῶν ἵνα μνημονεύωμεν [2,10a]).

Den gesamten Brief hindurch entfaltet und erklärt Paulus nun, wie grundsätzlich das Christusereignis die Verhältnisse derer, die daran glauben, verändert, sie geradezu verkehrt: Sowohl das Verhältnis des Gläubigen zu Gott (vertikal), als auch das Verhältnis zwischen den Menschen (horizontal) ist davon betroffen. Dass beide miteinander eng zusammenhängen, zeigt sich bereits in dem vorangestellten Fallbeispiel der aufgekündigten Tischgemeinschaft in Antiochia, welche den Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen des Paulus bildet: Der Glaube an Christus als den Gekreuzigten macht den Menschen gerecht – und zwar den Juden, der erkennt, dass er aus dem Gesetz heraus nicht gerecht werden kann, wie den Heiden, welcher, ohne Gesetz, ohnehin der Sünde verfallen ist. Paulus sieht dies bereits bei Abraham angelegt: ἐπίστευσεν τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην (3,6; vgl. Gen 15,6) und zwar bei Juden wie Heiden: ἐνευλογηθήσονται ἐν σοὶ πάντα τὰ ἔθνη (3,8; vgl. Gen 12,3). Diese Verheißung sei nun in dem (einen) Nachkommen Abrahams erfüllt: ὅς ἐστιν Χριστός (3,16).

Τί οὖν ὁ νόμος; (3,19) Die Frage drängt sich aus jüdischer Sicht geradezu auf,2 wenn man das Gesetz bisher als besondere Gabe Gottes an sein Volk verstanden hat und nun erkennt, dass das Tun des Gesetzes nicht nur nicht die darin geforderte und beschriebene Gerechtigkeit herbeiführen kann, sondern dem davon Abweichenden sogar zum Fluch wird. Paulus entfaltet Wesen und Bedeutung des Gesetzes innerhalb eines größeren Metaphernfeldes: τῶν παραβάσεων χάριν προσετέθη (3,19). Wenn auch von Gott und keinesfalls gegen seine Verheißungen verwahrt es Menschen εἰς τὴν μέλλουσαν πίστιν (3,23). Es beaufsichtigt und kontrolliert wie der Knabensklave (ὁ παιδαγωγός [3,24f]) den Zögling, der sich – obwohl Erbe – in solcher Art von Unmündigkeit (siehe ὁ ἐπίτροπος, ὁ οἰκονόμος [4,2]) kaum vom Knecht unterscheidet. In diesem Sinne lebt man unter dem Gesetz in Knechtschaft.3

Χριστὸς ἡμᾶς ἐξηγόρασεν ἐκ τῆς κατάρας τοῦ νόμου (3,13). Als Christusgläubiger sieht Paulus sich nun διὰ νόμου νόμῳ ἀπέθανον (2,19) – also von jeder Aufsicht und jedem Vormund befreit als Kind und Erbe, und zwar Erbe der Verheißung an Abraham. Angesichts dieser Erlösung scheint es ihm einerseits unvorstellbar, wie man sich freiwillig unter das Gesetz begeben kann (wie die nicht-jüdischen Galater mit ihrem Wunsch nach Beschneidung), und andererseits sieht er das Christusereignis in seiner grundlegenden Dimension verkannt, wenn man mit der Beschneidung das Gesetz fordert (wie die „Lehrer“ in den galatischen Gemeinden) oder sich aus dem Gesetz ergebende Vorschriften weiterhin befolgt (wie Kephas in der unterbrochenen Tischgemeinschaft).

Gal 3,23–29 steht nun nicht allein unter briefkompositorischen Aspekten in der Mitte des paulinischen Schreibens, sondern trifft auch auf verschiedene Weise die Mitte der Argumentation.4 Vers für Vers wägt Paulus das sich am Christusereignis und dem Glauben entscheidende Davor und Danach gegen­einander ab und zwar sowohl in Bezug auf die vertikale (Mensch – Gott) wie auch die horizontale (Menschen untereinander) Dimension, als wolle er auf besonders gedrängte Weise sämtliche Aspekte seiner Argumentation noch einmal ins Verhältnis setzen: Die Zeit vor dem Christusglaube ist bestimmt durch das Gesetz, hier verbildlicht durch einen παιδαγωγός. Der Mensch unter dem Gesetz lebt demnach unfrei und ungerechtfertigt. ἐλθούσης δὲ τῆς πίστεως (3,25) wird der Unfreie zum Sohn Gottes, zum Nachkomme Abrahams und damit Erbe. Er ist nun frei und gerechtfertigt.5 Was als Kommen der πίστις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (3,26) bezeichnet wird, fällt zusammen mit dem Getauftwerden εἰς Χριστὸν (3,27a), verbildlicht als Χριστὸν ἐνδύειν (3,27b). Dieser individuelle Vorgang, welcher das Verhältnis zu Gott grundlegend neu bestimmt, bringt auch eine veränderte Realität zwischen den Getauften hervor, indem grundlegende Gegensätze verneint werden: οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ (3,28a–c) und zugleich entsteht eine besondere Art von Einheit: πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (3,28d).

Neben einer näheren Untersuchung der verschiedenen Bilder wird eine ausführlichere Exegese sich v.a. mit einer Klärung des Ereignisses zu beschäftigen haben, welches nicht nur zeitlich zwischen „Davor“ und „Danach“ steht, sondern dem auch die alles verändernde Wirkung zugesprochen wird. Es wird von Paulus allein in diesen wenigen Versen ganz unterschiedlich in Worte gekleidet: das Kommen des Glaubens (an Christus Jesus) (3,23.25), das Getauftwerden (3,27a), das „Christusanziehen“ (3,27b), das des-Christus-Werden (3,29a).

Die Untersuchung folgt dazu dem Aufbau und Argumentationsgang der Perikope: Nach einer Betrachtung der Eingangsproblematik der angefragten Funktion des ὁ νόμος werden nach und nach die mit Bezug auf die Taufe verwendeten Bilder und Aussagen eingehend analysiert und zueinander in Beziehung gesetzt.

1.2 ὑπό νόμον (Gal 3f)
1.2.1 Die Existenz ὑπὸ νόμον

Im unmittelbaren Kontext der Aussagen über die Taufe finden sich gleich drei Funktionsbeschreibungen zu ὁ νόμος, welche – obwohl inhaltlich und syntaktisch ganz verschieden – doch mit der gleichen Präposition ὑπό verbunden werden: 1) ὑπὸ νόμον ἐφρουρούμεθα συγκλειόμενοι (εἰς τὴν μέλλουσαν πίστιν) (3,23); 2) ὑπὸ παιδαγωγόν ἐσμεν (3,25); 3) ὑπὸ ἐπιτρόπους ἐστὶν καὶ οἰκονόμους (4,2).

Generell begegnet die Wendung ὑπὸ τινα (εἶναι) erstaunlich oft, nämlich insgesaMt 10x im kurzen Gal:1 Konkret ὑπὸ νόμον findet sich vier weitere Male (4,4.5.21a; 5,18), außerdem ὑπὸ κατάραν (unter einem Fluch [3,10]); ὑπὸ ἁμαρτίαν (unter der Sünde [3,22]); ὑπὸ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου (unter den Elementen des Kosmos [4,3]). Dies alles sind Begriffe, die entweder selbst negativ konnotiert sind oder in einem negativen Kontext verwendet werden. Auf diese Weise gewinnt der Machtaspekt der Konstruktion ὑπὸ τινα (εἶναι) eine eindeutig wertende Komponente, was sich entsprechend in den Übersetzungen niederschlägt: „unter jemandes Gewalt stehen“, „unter der Herrschaft“,2 „wie die Gefangenen im Kerker“3 oder „in the state of slavement to a power“.4 Den gegenteiligen Zustand umschreibt Paulus als „vom Geist regiert“-Sein (εἰ δὲ πνεύματι ἄγεσθε, οὐκ ἐστὲ ὑπὸ νόμον. [5,18]). Dazu muss man aus einer Existenz ὑπο νόμον „losgekauft“ werden (ἐξαγοράζω [3,13; 4,5]).5

1.2.2 ὑπὸ παιδαγωγός (Gal 3,24f)

Die Untersuchung beginnt mit derjenigen der drei Gesetzesmetaphern, welche in der Literatur am kontroversten diskutiert wird. Sie steht der Erwähnung der Taufe zudem direkt voran: ὁ νόμος als ὁ παιδαγωγός, unter (ὑπό) dem bisher gelebt werden musste (3,24f). Obwohl die vorausgehende Beschreibung des Gesetzes eindeutig negativ konnotiert ist, wurde doch immer wieder versucht, dem Bild eine positive Deutung abzugewinnen. Dass im modernen Ohr der „Pädagoge“ und mit ihm eine erzieherische, bildende Funktion nachhallt, kann dafür nicht der einzige Grund sein. So schreibt bspw. Bertram:

„Die geschichtliche Bedeutung des Gesetzes liegt darin, daß es Pädagoge gewesen ist. Es ist sachlich von geringer Bedeutung, welche besondere Prägung der Gedanke von der παιδεία durch das Gesetz an dieser Stelle erfahren hat. In dem Wort Pädagoge liegt jedenfalls nichts Abwertendes. Es hätte ebensogut dastehen können νόμος παιδευτής oder διδάσκαλος oder ὐφηγητής …“1

Als Belege für die vermeintliche Sachgemäßheit der angeführten Synonyme listet er Stellen bei Philo und Chrysostomos auf, die dem Gesetz eine erzieherische Funktion zuschreiben – eine dem mosaischen Gesetz ja durchaus innewohnende Implikation. Ob man seine Schlussfolgerung, dass zwischen ὁ παιδαγωγός und ὁ διδάσκαλος keinerlei Bedeutungsunterschied bestehe, jedoch so gelten lassen kann, hat die folgende Untersuchung zu erbringen.

Als ὁ διδάσκαλος wird gemeinhin derjenige bezeichnet, welcher unter „systematischer Anleitung“2 Kenntnisse vermittelt und Fertigkeiten einübt. Nun finden sich zwar die Lehnwörter ‎‏פדגוג‏‎ und ‎‏פידגוג‏‎ für ὁ παιδαγωγός im Talmud und den Midraschim auch im Sinne eines Pädagogen und Erziehers,3 jedoch wird damit niemals das Gesetz bezeichnet.4 Oft jedoch wird nicht auf die erzieherische Funktion abgezielt „dann steht es [‎‏פדגוג‏‎, CM] im weiteren Sinne für ‎‏אפיטרופוס‏‎ (ἐπίτροπος) = Aufseher, Versorger, Vormund.“5 Dass ὁ παιδαγωγός hier in diesem Sinne zu verstehen ist, macht nicht zuletzt die Tatsache deutlich, dass Paulus im Folgenden ὁ ἐπίτροπος im Rahmen einer Gesetzesmetapher selbst gebraucht (Gal 4,2).6

Vor allem aber verwendet das klassische Griechisch ὁ παιδαγωγός in einem anderen Sinne als ὁ διδάσκαλος: Eine zwar von Plutarch kritisierte, aber doch vorherrschende Praxis war es gewesen, Sklaven, welche in den Augen ihrer Herren zu nichts anderem taugten,7 als ὁ παιδαγογοί zu verwenden. Es handelte sich dabei zumeist um grobe, ungehobelte Kerle, mit geringem Ansehen in der Gesellschaft. „Denkmäler zeigen häufig Männer von barbarischem Typus, lang gestiefelt, mit struppigem Bart und Glatze.“8 Die Auswahl mag v.a. dem niedrigen Anforderungsprofil der Tätigkeit geschuldet gewesen sein. Neben dem Schutz des minderjährigen Kindes auf dem Weg zu und von der Schule war dem παιδαγωγός hauptsächlich dessen Beaufsichtigung übertragen. Für Letzteres wie auch für die Erziehung zu guten Manieren stützte man sich auf Tadel und Schläge und dies reichlich. Entsprechend gespannt kann man sich das Verhältnis zwischen Aufseher und Knabe vorstellen, welcher jenem erst mit der Mündigkeit „entkam“.9 Will man also dem παιδαγωγός neben der Beaufsichtigung des Unmündigen unbedingt eine erzieherische Funktion zuerkennen, so richtet sie sich lediglich auf das äußere Betragen und wird durch Anwendung von Gewalt ausgeübt. Die Differenz zum Wissen und Fertigkeiten vermittelnden ὁ διδάσκαλος dürfte damit deutlich sein.

1.2.3 ὑπὸ ἐπιτρόπους ἐστὶν καὶ οἰκονόμους (Gal 4,1–7)

Auch die sich an den Tauftext anschließende Gesetzesmetapher spielt mit dem Moment des „Mündigwerdens“: ὑπὸ ἐπιτρόπους ἐστὶν καὶ οἰκονόμους ἄχρι τῆς προθεσμίας τοῦ πατρός – „sondern er untersteht Vormündern und Pflegern bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat“ (4,2).1 Paulus überspitzt den Vergleich zwischen unmündigem Erbe und Sklave – welche angeblich οὐδὲν διαφέρει (4,1) seien – bewusst, um dann die Situation vor dem Kommen Christi umso dramatischer vor Augen malen zu können: wie das Leben unter der Vormundschaft (ἐπιτρόπους2 … καὶ οἰκονόμους3 [4,2]), gar wie ein Leben in Knechtschaft, nämlich ὐπὸ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου (4,3). Das Gemeinsame dieser beiden letztlich unterschiedlichen Bilder ist das Beaufsichtigt- und Bevormundetsein des unmündigen Erben wie des Sklaven. Diese Funktion wird vom Gesetz ausgeübt. Mit der Befreiung vom Gesetz durch Christus wird der Sklave nun in den Rang eines Sohnes erhoben und zwar eines mündigen (ὥστε οὐκέτι εἶ δοῦλος ἀλλὰ υἱός· εἰ δὲ υἱός, καὶ κληρονόμος διὰ θεοῦ. [4,7]).

1.2.4 Zusammenfassung ὑπό νόμον

Vor dem Hintergrund eines solchen Argumentationsganges wird schnell klar, in welcher der weitgefächerten Bedeutungen (Bewachen, Einschließen, Behüten/Bewahren)1 Paulus das sich ebenfalls auf das Gesetz beziehende φρουρέω (3,23) verwendet, nämlich synonym zu συγκλείω (3,23): gefangen gehalten, eingeschlossen, verwahrt. Dass die Tora wie ein Zaun begrenzt, ist eine geprägte Vorstellung,2 die hier jedoch eine negative Interpretation im Sinne von Gefängnismauern erfährt. Sie dient nicht dem Schutz, sondern steht vielmehr der Freiheit entgegen. Hier liegt auch die entscheidende Gemeinsamkeit der verschiedenen Gesetzesmetaphern. Die Betroffenen sind auf unterschiedliche Weise bewacht, begrenzt, gefangen bzw. erwarten und erhoffen daher ihre Mündigwerdung und damit „Befreiung“ vom παιδαγωγός, ἐπιτρόπος bzw. οἰκονόμος oder eben direkt aus der Knechtschaft.

Paulus geht nicht darauf ein, in welchem Zustand und welchen Machtverhältnissen die Menschen lebten, bevor ihnen das Gesetz gegeben wurde, sondern fokussiert seine bildreiche Argumentation auf zwei Aussagen: Erstens ist das Gesetz eine Größe, die Freiheit einschränkt und Selbstbestimmung nahezu unmöglich macht und zweitens ist diese Macht seit Christus bzw. dem Kommen des Glaubens gebrochen. Gerade die über den Text hinausreichenden Argumentationslinien verdeutlichen, dass εἰς (3,23.24) in diesem Zusammenhang nicht anders als zeitlich zu verstehen ist und nicht etwa im Sinne einer auf den Glauben vorbereitenden Funktion des Gesetzes. Dabei kann das Ereignis, das die Befreiung bewirkt und damit das Ende des Gesetzes bestimmt, wechselweise als „Glaube“ (ἡ πίστις [3,23.26]), „Kommen des Glaubens“ (ἐλθεῖν τὴν πίστιν [3,23.25]) oder einfach als „Christus“ (Χριστόν [3,24]) bzw. „auf Christus getauft-Werden“ (εἰς Χριστὸν ἐβατίσθητε [3,27a]) beschrieben werden, ohne dass nähere Differenzierungen in der paulinischen Darstellung erkennbar wären. Dies wiederum leitet zu der Schlussfolgerung, dass das Christusereignis dem Gesetz nicht grundsätzlich ein Ende bereitet. Bildlich gesprochen: Es werden nicht alle Gefängnisse geöffnet, Pädagogen und Vormünder grundsätzlich obsolet oder das System der Sklaverei abgeschafft. Bereits die zeitliche Parallelisierung von Christus und Glauben vor den Kontrastbildern der Gesetzesmetaphern spricht dafür, dass dies jeweils nur für den Einzelnen gilt.

Der Anschluss an Vers 26 mit γὰρ verdeutlicht, dass ὅσοι (3,27a) nicht etwa die πάντες (3,26) einschränken soll, sondern sie und damit die υἱοὶ θεοῦ (3,26) näher bestimmt, nämlich als solche, die εἰς Χριστὸν (3,27a) getauft wurden.3 Da die Vielfältigkeit und Deutungsmöglichkeiten der Taufformeln bereits dargestellt wurden,4 soll hier lediglich am Ende des Abschnittes gefragt werden, ob die Verse 27f zu einer weiteren Klärung, etwa im Hinblick auf eine mögliche räumliche Deutung, beitragen können.

1.3 Χριστὸν ἐνεδύσασθε (Gal 3,27b)

Während die in Vers 28 begegnende bildhafte Sprache eher den (neuen) Zustand des einzelnen wie der Gruppe nach dem eigentlichen Ereignis beschreibt, stellt das Χριστὸν ἐνεδύσασθε (3,27b) den Versuch einer Beschreibung des Verände­rungsvorgangs selbst dar,1 was nicht zuletzt der Gebrauch des Aoristes ἐνεδύσασθε unterstreicht: Paulus nimmt den einmaligen, punktuellen Akt der Taufe in den Blick.2 Doch was genau passiert nun bei der Taufe? Wie deutet man, was man in der Taufe gesehen und erlebt hat? Das hierfür verwendete ἐνδύω ist dazu in seinen unterschiedlichen Verwendungsmöglichkeiten zu untersuchen.

1.3.1 ἐνδύω im NT

Im Allgemeinen wird ἐνδύω mit „Anziehen (von)“ übersetzt und zwar unabhängig vom jeweiligen Objekt, welches „angezogen“ wird. Drei unterschiedliche Arten von Objekten lassen sich ausmachen:1 1) Kleidung, 2) abstrakte Größen wie z.B. Eigenschaften und 3) Personen. Diese Reihung der Objekte geht mit einer Steigerung der Bildhaftigkeit des jeweiligen Vorgangs des Anziehens einher.

Für sämtliche Verwendungsarten lassen sich neutestamentliche Beispiele finden. Dabei fällt auf, dass nur eine Minderheit der Stellen vom Ankleiden anderer spricht2 und bei der Mehrheit das Sich-selbst-Ankleiden beschrieben, oftmals auch dazu aufgefordert wird.

1) Wird Kleidung angezogen, das Verb also im Literalsinn verwendet, so kann ihre Beschaffenheit auf die Position eines Menschen3 bzw. die Art seiner Lebensweise verweisen,4 bis hin zum gänzlichen Fehlen von Kleidung.5 Sie gehört – vergleichbar der Nahrung – zum Lebensnotwendigen und soll dennoch nicht Gegenstand der Sorge sein.6

2) Ähnlich der Kleidung können Eigenschaften aus- und angezogen werden, welche sich entweder auf das irdische Leben beziehen7 oder auch darüber hinausreichen.8 Vorwiegend in paränetischen Abschnitten der Briefe begegnen die Forderungen, bestimmte Gewohnheiten und Attribute des vorherigen Lebens abzulegen und stattdessen solche anzunehmen, die dem neuen Status als Christusgläubige entsprechen. Die Aufforderung, die Lebensführung anzupassen, ist dabei dem Ereignis des „Kommen-des-Glaubens“ oder auch der Taufe zeitlich nachgeordnet und fällt nicht etwa mit diesen zusammen oder würde diese gar erklären.9 Ἐνδύω wird vielmehr verwendet im Sinne von „sich Eigenschaften aneignen“.

3) An insgesamt vier Stellen des NT – sämtliche im Corpus Paulinum – wird ἐνδύω mit einem personalen Objekt in Verbindung gebracht: Neben Gal 3,27b in Röm 13,14 sowie in Kol 3,9f und Eph 4,22–24. Der paränetische Kontext der drei letztgenannten Passagen ist deutlich zu erkennen, nicht zuletzt darin, dass zunächst „Altes/Vorheriges“10 abgelegt werden muss, um dann das „Neue“11 anziehen zu können. Die ausführlichen Parallelisierungen des „Alten“ mit nicht erwünschten Tätigkeiten und Angewohnheiten12 lassen die Abschnitte in große Nähe zur Kategorie 2) rücken und schließlich die Frage aufkommen, inwieweit es sich v.a. bei τὸν καινὸν / νέον ἄνθρωπον (Eph 4,24; Kol 3,10) tatsächlich um ein im eigentlichen Sinn personales Objekt handelt oder es nicht vielmehr als Kollektivbegriff für sämtliche Eigenschaften und Handlungsweisen eines Menschen steht. Diese Frage ist dann ins Verhältnis zu setzen zu dem divergierenden Befund, ob der neue Mensch nun erst noch anzuziehen ist oder ob dies bereits geschehen sei: Die Tatsache, dass die vier erwähnten Stellen zwar alle im Aorist jedoch in unterschiedlichen Modi formulieren,13 führt sodann zu der These, dass die vier Textstellen mit personalen Objekten keineswegs eine einheitliche tradierte Vorstellung wiedergeben, sondern vielmehr wesentlich von ihrem jeweiligen Argumentationskontext abhängig sind. Mindestens für die drei paränetischen Texte (Röm 13,14; Kol 3,9f; Eph 4,22–24) lässt sich jedoch festhalten, dass ἐνδύω als „sich in umfassendem Sinne ein neues Verhalten Zulegen“ verwendet wird, das sich sowohl auf Eigenschaften als auch Handlungsweisen erstreckt und damit der Kategorie 2) nahesteht.

Betrachtet man nun davon ausgehend jedoch Χριστὸν ἐνεδύσασθε in Gal 3,27b, so geraten gleich mehrere abweichende Aspekte ins Blickfeld: Der Kontext hat keinerlei paränetische Pragmatik – weder die von Paulus geführte Argumentation, noch die galatische Frage nach der Beschneidung, auf welche jene reagiert.14 Zwar impliziert die durch die Beschneidung entstehende Bindung an das Gesetz auch ethische Forderungen, jedoch kreist die paulinische Argumentation doch gerade um die Pointe, dass Christus vom Gesetz befreit hat – alle die glauben und getauft sind (Gal 5,1)! Dass Paulus im Fortgang trotzdem zu einem tugendhaften Leben mahnt (Gal 5,16–25), widerspricht dem nicht. Er fordert lediglich dazu heraus, sich dem Erlebten gemäß zu verhalten: Mit dem Eingehen der Bindung an Christus, dem Moment also, in dem sie οἱ τοῦ Χριστοῦ (5,24) geworden sind, hat sich ihre Lebenssituation grundlegend gewandelt – … τὴν σάρκαν ἐσταύρωσαν σὺν τοῖς παθήμασιν καὶ ταῖς ἐπιθυμίαις (5,24). Dass dies aber keineswegs als Automatismus zu verstehen ist, sondern als lebenslange Aufforderung macht der adhortative Charakter des Folgesatzes mehr als deutlich: Εἰ ζῶμεν πνεῦματι, πνεῦματι καὶ στοιχῶμεν (5,25). Eine tugendhafte Lebensführung soll demnach Folge der erlebten Wende sein, fällt aber mit diesem Moment nicht zeitlich zusammen.15 Inwieweit sind aber dann Formulierungen wie in Röm 13 und Eph 4, welche erst zum „Anziehen“ auffordern und dies eindeutig mit „gutem Verhalten“ in Verbindung sehen, als vergleichbare Parallelen zu 3,27b anzuführen?16

Kol 3 wiederum scheint die Aufforderung zu einem besseren Lebenswandel gerade auf das bereits vollzogene „Angezogenhaben des neuen Menschen“ zu stützen. Für eine ähnliche Situierung spricht zudem auch der Folgevers: ὅπου οὐκ ἔνι Ἕλλην καὶ Ἰουδαῖος … ἀλλὰ [τὰ] πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός (Kol 3,11). Ist also Christus tatsächlich gleichzusetzen mit ὀ νέος ἄνθρωπος (Kol 3,10)? Dazu müsste man wiederum die These bemühen, dass die vier diskutierten Texte mit personalem Objekt auf die gleiche geprägte Vorstellung zurückgreifen. Dies ist bereits oben nachhaltig in Zweifel gezogen worden.

Doch selbst die Gleichsetzung von Χριστὸν (Gal 3,27b) und τὸν νέον ἄνθρωπον (Kol 3,10) würde eine Spannung nicht auflösen können: Auch wenn man von einem Anziehen bzw. Anlegen von Eigenschaften oder gar einem ganz neuen Lebenswandel sprechen kann, was soll man sich aber unter dem „Anziehen des Christus“ vorstellen, auf den man getauft wird?

Der Verdacht, dass ἐνεδύσασθε (Gal 3,27b) – trotz oder gerade wegen der drei besprochenen vermeintlichen Vergleichsstellen – erklärungsbedürftig bleibt, führt in der Forschungsgeschichte immer wieder zu einer Suche nach weiteren Quellen, die für einen Vergleich herangezogen werden können und, sich darauf stützend, alternativen Übersetzungsvorschlägen und Deutungen. Genannt seien hier die vielfach diskutierten von T. Zahn („sich in die Rolle eines anderen hineindenken […] sich wie ein anderer geberden und darstellen“)17 und E.d.W. Burton („to become as Christ, to have his standing“).18 Die sich daraus ableitenden Interpretationsansätze sind derartig vielfältig, dass ein kurzer Überblick gegeben werden soll.

1.3.2 Forschungsüberblick: „Χριστὸν ἐνεδύσασθε“

Die neutestamentliche Vergleichsbasis zu Χριστὸν ἐνεδύσασθε ist zugegebenermaßen schmal und hinterlässt die bereits angedeuteten Spannungen. Dies allein wäre für eine weitere – etwa motiv- oder auch religionsgeschichtliche – Untersuchung jedoch noch nicht problematisch, wenn nicht bereits die Suche nach vergleichbaren Texten und Phänomenen auf einer (anderen) sprachlichen Vorentscheidung fußen würde. Denn die meisten Studien entscheiden bereits vorab, ob Χριστὸν ἐνεδύσασθε (3,27b) schwerpunktmäßig als Erläuterung zu ὅσοι γὰρ εἰς Χριστὸν ἐβαπτίσθητε (3,27a) oder – verhältnismäßig unabhängig von der Taufe – als Kleidermetapher zu verstehen ist.1 Die Auswahl des jeweiligen Vergleichsmaterials richtet sich sodann nach sprachlichen Vorentscheidung.

1.3.2.1 „Χριστὸν ἐνεδύσασθε“ als Kleidermetapher

1) Will man Kleidung ganz wörtlich verstehen, scheinen sich im Anziehen des Gewandes oder der Maske der Gottheit in den Mysterienkulten Parallelen zu finden.1 Sie sollen eine Angleichung an die Mysteriengottheit bewirken oder den Initiierten an dessen Position stellen – bis hin zur Anbetung.2 Dass Letzteres für Gal 3,27b als Deutung nicht in Frage kommt, ist offensichtlich,3 was allerdings nicht grundsätzlich gegen Mysterienriten als Hintergrundfolie zur paulinischen Formulierung sprechen muss.4 Alternativ kann es auch als Ableitung alttestamentlicher Bildrede verstanden werden, „die unter dem Bild des Gewandes das die Existenz des Menschen bestimmende bezeichnen kann“.5 2) Das Bild von Christus, der wie ein Kleidungsstück angezogen wird, kann aber auch als Ausdruck „außerordentliche[r] Enge dieser durch die Taufe zu Christus hergestellten Beziehung“6 verstanden werden. Dahinter steht die Vorstellung, dass Kleidung dem Menschen wortwörtlich hautnah kommt und so zum Bildspender für die „wesenhafte Gemeinschaft zwischen dem Getauften und Christus“7 wird. 3) Bereits eine erhebliche Übertragung ist zu leisten, interpretiert man Christus als himmlisches Kleid oder setzt dieses Motiv zumindest als bekannt voraus.8 Eine neue eschatologisch-pneumatische Wirklichkeit „in Christus“ umgibt den Getauften wie ein Kleid.9 Einerseits stellt sie einen ganz „neuen Seinsgrund“10 dar und andererseits lässt sie alle „gleich gekleidet“ erscheinen,11 mit den entsprechenden Auswirkungen (vgl. Gal 3,28a–c). Christus kann auch „als kosmischer Mantel, oder der kosmische Mensch verstanden“12 werden. 4) Eine ähnlich kontextuelle, bildliche Deutung begegnet in der Vorstellung, dass alle Getauften das eine Kleid, nämlich Christus, angezogen haben, was eine besondere Art von Gemeinschaft, bis hin zur Einheit bewirkt (vgl. Gal 3,28d).13 Für diese Interpretation wird eine große Nähe zur Leib-Christi-Metapher angenommen oder Gal 3,27b direkt mit dieser identifiziert.14 5) Das „(gemeinsam-)von-Christus-umgeben-Sein“ kann sodann – in noch allgemeinerem Sinne mit teilweise räumlichen Dimensionen15 – als die neuen Lebensbedingungen16 verstanden werden, innerhalb deren man nun existiert. Begründet werden diese ganz anderen Verhältnisse (vgl. Gal 3,28a–c) durch das enge Verhältnis zu Christus, welches in der Taufe eingegangen wird.17 6) Eine besondere Steigerung erlebt die Vorstellung, in Beziehung mit Christus zu stehen, schließlich in der Übertragung als „sich in die Rolle eines anderen hineindenken […] sich wie ein anderer geberden und darstellen“18 bzw. „signifies ‚to take on the character or standing‘ of a person referred to, ‚to become,‘ or ‚to become as‘.“19 Dafür werden einerseits die oben besprochenen Stellen aus Röm, Kol und Eph als Parallelen herangezogen, andererseits ein Zusammenhang mit der (Neu-)Schöpfungsmetaphorik des folgenden Abschnitts angenommen.20

1.3.2.2 „Χριστὸν ἐνεδύσασθε“ als Erläuterung zur Taufe

7) Einzelne Ausleger verstehen Χριστὸν ἐνεδύσασθε als metaphorische Deutung einer in der Taufe verankerten Symbolik, wobei das Wasser der Taufe Christus selbst darstellt, der den Täufling sodann komplett umgibt. Dazu wird vergleichend auf eine Stelle im Philippusevangelium (2. Jh.) verwiesen, in dem das Wasser der Taufe als Leib beschrieben wird.1 Bousset wiederum identifiziert den Ursprung in einem Wassermythos, bei dem „der Fromme im Wasserbad die Wassergottheit wie ein Kleid anzieht.“2 8) Augenfälliger ist zunächst der Verweis darauf, dass bei der Taufe vermutlich ein Ablegen der Kleidung nötig wurde. Dies wiederum kann auf unterschiedlich bildhafte Weise gedeutet werden: Einerseits ist Nacktheit an sich ein Zeichen für Initiationsriten, deren typische Wirkungen dann auch für eine Interpretation von Gal 3,27f herangezogen werden.3 Andererseits wird das Ablegen der Kleidung wieder symbolisch für den alten Menschen verstanden, wobei mit Christus demnach „der neue Mensch“ angezogen wird, gar in ein neues Leben eingetreten wird (vgl. Röm 6,3f).4 Für beide Auslegungsrichtungen ist ganz treffend mit Beasley-Murray anzufragen, ab wann eigentlich erstens das Nacktsein bei der christlichen Taufe belegt ist und zweitens der Brauch, danach ein weißes Gewand anzuziehen. 9) Ob nun als Illustration für die Taufhandlung verstanden oder auch als Bild für die enge Beziehung zu Christus im Glauben, kann die Formulierung auch zum Ausgangspunkt für Klärungen des Verhältnisses Taufe – Glaube werden.5 Derartige Überlegungen ringen teilweise erheblich mit dem Sakramentscharakter der Taufe, aber auch mit der Frage, ob es sich hierbei um eine vorpaulinische Tradition handelt.6 10) Diese Richtung weiterverfolgend kann εἰς Χριστὸν ἐβαπτίσθητε (3,27a) als Wassertaufe und Χριστὸν ἐνεδύσασθε (3,27b) demnach als Geisttaufe interpretiert werden.7

Viele der in dieser Darstellung genannten Exegeten wissen mehrere der Aspekte zu verbinden oder sie als gegenseitige Ergänzungen zu verstehen. Es handelt sich demnach nicht um zehn grundsätzlich verschiedene Interpretationen zu Χριστὸν ἐνεδύσασθε, wohl aber ist deutlich geworden, dass sprachliche oder auch kontextabhängige Vorentscheidungen wesentlichen Einfluss auf die Wahl des Vergleichsmaterials haben, was für eine angemessene Auslegung dringend benötigt wird, da, wie dargelegt, sich eine Interpretation allein auf der Grundlage der anderen neutestamentlichen ἐνδύω-Stellen als unzureichend erweist.

Als zum Vergleich geeignete Texte – und zwar auf sprachlich-semantischer wie auch dezidiert theologischer Ebene – sollten die ἐνδύω-Stellen der LXX sowie einige außerbiblische Texte gelten. In der Forschung beschränken sich die Bezugnahmen meist auf die Feststellung, dass bereits das AT eine übertragene Bedeutung im Sinne von „Eigenschaften etc. Anlegen“ kennt. Dieser These wie auch der Etymologie soll im Folgenden noch genauer nachgegangen werden, um darüber einer adäquaten Deutung von Χριστὸν ἐνεδύσασθε näherzukommen.

1.3.3 ἐνδύω in der LXX

Wie bereits erwähnt kennt schon die LXX die beiden ersten Verwendungsweisen von ἐνδύω als „(sich) Ankleiden“ entweder mit Kleidung1 oder mit (negativen oder positiven) Eigenschaften.2 Die LXX bietet dabei ἐνδύω meistens als Übersetzung von ‎‏לבש‏‎. Jedoch begegnen drei Stellen, für die eine Übersetzung von ‎‏לבש‏‎ / ἐνδύω mit „Ankleiden“ – in literaler und selbst übertragener Bedeutung – keine Option ist:

‎‏ורוח יהוה לבשה את־גדעון‏‎ / καὶ πνεῦμα θεοῦ ἐνέδυσεν τὸν Γεδεων (Ri 6,34, s.a. 1Chr 12,19; 2Chr 24,20).3 Eine wörtliche Übersetzung als „der Geist (Gottes) zieht einen Menschen an“ ist mindestens fraglich. Gesenius führt diese Stellen nicht etwa als weitere Beispiele für eine besonders bildhafte Verwendungsweise von ‎‏לבש‏‎ an,4 sondern in einer eigenen Kategorie: „3. Der Geist Gottes zieht jemanden an, d.i. erfüllt ihn … (vgl. Luk 24,49 …)“.5 Gamberoni dagegen sieht in „der ungewohnten Konstruktion Ähnliches in positiver Richtung“6 ausgedrückt, wie auch andere bildlich zu verstehende ‎‏לבש‏‎-Stellen: „die Kraft Gottes hüllt Gideon ein, ‚bekleidet‘ ihn mit dieser Kraft selbst. […] Auf die besondere Nähe oder Verbindung des Geistes zum Begabten ist abgehoben (vgl. Reider 79), nicht auf die Innerlichkeit“.7 So oder so verdienen diese drei Stellen m.E. auch deswegen eine genauere Untersuchung, da es sich hier – wie auch in Gal 3,27b – um eine Verhältnisbestimmung zwischen einem Menschen und einer „göttlichen Person/Macht“ handelt. Dazu sei zuvor an die Problematik jeder Metapherninterpretation erinnert: 1) Je nach Kontext kann dieselbe Metapher unterschiedliche Nuancen zum Ausdruck bringen. 2) Eine Metapher geht selten komplett in einem Text auf. Mit beiden Aspekten ist für den Interpreten die latente Gefahr der Überforderung bzw. Überfrachtung einer Metapher verbunden.8

Alle drei Stellen verwenden ἐνέδυσεν, also den Aorist Indikativ Aktiv. Anders als in den neutestamentlichen Stellen geht die Initiative demnach vom Geist (Gottes) und nicht von einem Menschen aus. Literal übersetzt, würde dies „der Geist bekleidet xy“ ergeben, in einem übertragenen Sinne: „der Geist Gottes umgibt xy wie ein Kleid“. Übersetzer des hebräischen wie griechischen Textes „lösen“ das Problem meist damit, dass sie eine dem Kontext entsprechende Übersetzung relativ frei wählen. Klassisch dafür sind ähnliche bildhafte Ausdrücke (z.B. „Bedecken“)9 oder eine Anlehnung an das bekannte Motiv „der Geist Gottes ergreift / überfällt den Erwählten“10. Rein kontextuell ließen sich die drei Situationen als ein „Ermächtigen“, „Stärken“ oder „Begeistern“ durch den Geist Gottes deuten. Dass eine allgemein begründbare und konsensfähige Übersetzung noch aussteht, schlägt sich auch in der Septuaginta Deutsch nieder, welche die drei Stellen ganz unterschiedlich übersetzt.11

Nun kann durchaus angefragt werden, inwieweit die aktive Verwendungsweise von ἐνδύω ohne Weiteres mit Mediumformen verglichen werden kann. Festzuhalten bleibt dennoch, dass lediglich mit Verweis auf eine übertragene Bedeutung von ἐνδύω das Verwendungsspektrum, wie es uns in der LXX begegnet, nicht adäquat wiedergegeben werden kann und sollte, wie etwa auch lateinische Übersetzungen zeigen: Die Vulgata bietet an allen drei Stellen induit (für Gal 3,27b industis). Herkommend von induo kann es einerseits wörtlich „Anziehen“ bedeuten, andererseits im übertragenen Sinne 1) „mit etwas umgeben, versehen, sich aneignen“ oder 2) „sich in etwas verwickeln, in etwas geraten, in etwas treten, fallen, stürzen“.12 Konstruiert wird es sowohl mit als auch ohne Präposition „in“ und Akkusativ.13 Dabei handelt es sich bei induo lediglich um das ins Lateinische entlehnte ἐνδύω, dessen Bedeutungen auf Letzteres zurückgehen. Hinzu kommt, dass die Grundwurzel von ἐνδύω, nämlich δύω, ähnliche lokale Implikationen hat, wie sie die übertragene Bedeutung von induo widerspiegelt.

Vor einem Blick auf die Verwendung im klassischen Griechisch bleibt festzuhalten, dass die drei LXX-Stellen eine Deutung als (noch so abstrahierte) Kleidermetapher nicht zulassen. Auch weitere – im Medium formulierte – Stellen der LXX fokussieren den lokalen Aspekt und lassen sich eher mit „völlig umgeben sein“ bzw. „inmitten stehen von“ wiedergeben.14

1.3.4 ἐνδύω im klassischen Griechisch

Auch das klassische Griechisch verwendet ἐνδύω – im Aktiv wie im Passiv – im bereits bekannten Sinne von „Anziehen“, aber auch „Einhüllen“ (ἐνδύω τινά τι – „jemand in etwas einhüllen“).1 Die Mediumform kann allerdings neben der reflexiven Bedeutung „sich Anziehen, Anlegen“ auch gebraucht werden, um ein „Hineingehen, Hineinschlüpfen, Eindringen in“ auszudrücken.2 In dieser Weise wird es sowohl absolut mit Dativ-, aber auch mit Akkusativobjekt und mit εἴς τι konstruiert.

Objekte, in die hineingegangen oder hineingeschlüpft wird, sind v.a. Flüssigkeiten wie Wasser – im Normalfall also keine Personen. Burton kann allerdings zwei Stellen für ein personales Objekt anbringen: Einerseits Dion. Hal., Antiq. 11.5,2: τὸν Ταρκύνιον ἐκεῖνον ἐνδυόμενοι, was er mit „playing the part of that Tarquinius“3 übersetzt und andererseits Lib.ep. 968: ῥίψας τὸν στρατιώτην ἐνέδυ τὸν σοφιστήν, welches Burton wiedergibt mit: „He laid aside the character of the soldier, and put on that of the sophist.“4

Die Vorstellung, welche hinter beiden Bedeutungen aufscheint, ist diejenige, dass ein Mensch sich voll und ganz mit etwas umgibt, sich in etwas hineingibt, sodass er schließlich vollkommen davon umgeben ist. Sehr deutlich wird dabei die Abhängigkeit bzw. Herleitung von der Grundwurzel δύω, welcher ausführlicher nachzugehen ist.

1.3.5 Wortfeld δύω

δύω findet transitiv im Sinne von „Eintauchen“ Verwendung. Diese Grundbedeutung variierend, kann es auch mit „Untertauchen, Senken, Versenken“ und im epischen Kontext mit „Einhüllen, Anziehen“ wiedergegeben werden.1 Die sehr häufig auftretenden Komposita zu δύω verstärken sodann diese Grundbedeutung: 1) ἀποδύω – „Ablegen, Ausziehen, Entkleiden“; 2) καταδύω – „Untertauchen, untergehen Lassen, Versenken“; und 3) ἐκδύω – „Ausziehen, Entkleiden“. Daneben wird δύω intransitiv verwendet – meist im Medium: „sich Eintauchen, Eindringen, Einschlüpfen, Anziehen“. Noch deutlicher als in der transitiven Verwendungsweise verweisen die Komposita hierbei auf das ursprüngliche „Eintauchen“: 1) ἀναδύομαι – „Auftauchen (aus dem Meer), Emportauchen, Hervorkommen“, aber auch „Zurücktreten, sich Zurückziehen, Fliehen“; 2) ἀποδύομαι – „sich Ausziehen, Ablegen, Abwerfen“; 3) εἰσδύομαι – „(Hin-)Eingehen, Eindringen, Hineinschlüpfen“, (von Affekten) „über jmd. Kommen“; 4) ἐκδύομαι – „sich Ausziehen, Ablegen“, aber auch „aus etwas Emportauchen, Heraus-, Entschlüpfen“ und übertragen „Herausschlüpfen, Entkommen, Entgehen“; 5) καταδύομαι – „Untertauchen, Untergehen, Versinken, leck Werden“, und übertragen „sich in etwas Hineinbegeben, Eindringen, Hineingehen, Hineinkriechen, sich Verkriechen“; 6) ὑποδύομαι – „Untertauchen, Eindringen, Anziehen“, übertragen „Eindringen, sich unter jemanden Stellen, Unterwerfen, sich unter jmd.s Schutz Stellen“, aber auch „Emporkommen, (darunter) Hervortauchen, Auftauchen, (darunter) Hervorkommen“.

Dieser allgemeine Überblick sei mit einigen Beispielen zur konkreten Verwendungsweise von δύω und Komposita in der LXX illustriert: In einer großen Mehrheit der Fälle bezeichnet (ὁ ἥλιος) δύῃ das Untergehen der Sonne (Gen 28,11; Lev 22,7; Dtn 23,12 u.a.); es wird dadurch die hebräische Wendung ‎‏בוא שמש‏‎ wiedergegeben. Miriam beschreibt, wie die Ägypter ἔδυσαν ὡσεὶ μόλιβος ἐν ὕδατι σφοδρῷ („gingen im mächtigen Wasser wie Blei unter“ [Ex 15,10LXX]).2 Die beiden anderen Stellen heben eher auf den Aspekt des „darunter bzw. dazwischen Geraten“ ab: Seinen Überlebenskampf umschreibt Jona u.a. mit den Worten […] ἔδυ ἡ κεφαλή μου εἰς σχισμὰς ὀρέων („mein Kopf versank in den [Grund]spalten der Berge“ [Jon 2,6LXX]). Jerusalem wird prophezeit, dass εἰς τὴν γὴν οἱ λόγοι σου δύσονται („in die Erde werden deine Worte sinken [Jes 29,4LXX]).3 Die Bedeutung „Anziehen, Einhüllen“ kennt die LXX nicht.

Von den oben besprochenen Komposita zu δύω finden sich in der LXX v.a. καταδύω und ἐκδύω. Ersteres sowohl im literalen Sinne des „(Ver-)Sinkens im Meer“ (Ex 15,5; Jer 28,64), aber auch übertragen zu verstehen als „(sich) Verbergen“ (Amos 9,3 [auf dem Grund des Meeres]; Micha 7,19 [unserer Schuld unter den Füßen]). Der gleiche Befund lässt sich für ἐκδύω feststellen: Einerseits wird es für das „Ausziehen“ von Kleidung gebraucht (Gen 37,23), andererseits begegnen eine Reihe von Stellen, welche eine bildliche Verstehensweise voraussetzen: z.B. als „sich Losmachen“ von Fesseln (Jes 52,2) oder als Ausplündern eines Leichnams (1Chr 10,9). Solche und ähnliche Verse folgen auf symbolischer Ebene der Grundbedeutung des „aus etwas Herauskommen, sich etwas Entledigen“.4

Die ausführliche Darstellung der Wortfamilie hat folgende Punkte auf den Plan gebracht: Literal geht das Wortfeld auf ein „Eintauchen (im Wasser/Meer)“ zurück. Dazu gehört, dass die βάπτω in der Bedeutung des „Ein- bzw. Untertauchens“ gelegentlich ersetzende Form δύπτω auf δύω zurückgeführt werden kann.5 Die Komposita von δύω variieren noch ganz wörtlich einerseits zu „untergehen Lassen, Versenken“, im Sinne von „zu Tode Bringen“, andererseits zu „Auftauchen, Emporkommen“. Daneben steht stets eine bildhafte, übertragene Bedeutung, welche zwei Grundrichtungen zu haben scheint: 1) eine speziellere in Bezug auf Kleidung: ein „Anziehen“ bzw. „Ausziehen“ und 2) eine allgemeine, welche mit dem „in etwas Hineingehen, Untertauchen“ spielt. Die dahinterliegende Vorstellung könnte man beschreiben mit einem „sich komplett in etwas Hineinbegeben und damit komplett von etwas umgeben und auch bestimmt zu sein“. Das Gegenteil dazu ist ein „Entkommen und Entfliehen“. Diese zweite, übertragene Bedeutung ist die einzige, welche personale Objekte kennt, z.B. „jmd. Entkommen, Entfliehen“, aber auch positiv „sich jmd. Unterwerfen, sich unter jmd.s Schutz Stellen“. Die Vorstellung, dass eine Person wie ein Kleidungsstück angezogen wird, ist für das Wortfeld δύω/δύομαι samt Komposita nicht belegt.6

Für eine solche Deutung, wie bereits oben angeklungen, spricht auch die Vulgata, welche sowohl die drei alttestamentlichen Stellen als eben auch Gal 3,27b mit induo übersetzt. Dabei handelt es sich um nichts anderes als das latinisierte ἐνδύω, wobei neben der Bedeutung „Anziehen“ ähnlich häufig übertragene Bedeutungen wie „sich mit etwas Umgeben, sich in etwas Verwickeln, in etwas Fallen, Stürzen“ belegt sind. Personale Objekte finden sich dabei wie im kompletten Wortfeld δύω/δύομαι lediglich dort, wo das Verb in übertragenem, bildlichen Sinn verwendet wird. An diesen Stellen wird mit Hilfe von induo das (enge) Verhältnis zwischen personalem Subjekt und Objekt näher bestimmt. In der Bedeutung „Anziehen“ wird induo genau wie ἐνδύω lediglich mit sächlichen Objekten gebraucht.

1.3.6 Zusammenfassung: Χριστὸν ἐνεδύσασθε

Da ein literal verstandenes „Eintauchen in“ als Übersetzung für Χριστὸν ἐνεδύσασθε nicht in Frage kommt, bleiben nur noch die beiden bildlichen Deutungen: 1) im spezielleren Sinne das „Christus als Kleidung Anziehen“ oder 2) im weiteren Sinne das „in Christus Eingehen, Untertauchen“, schließlich „ganz von ihm umgeben Sein“.

Gegen eine Kleidermetapher spricht der negative Befund für das Anziehen einer Person, der sich auf das gesamte Wortfeld erstreckt. Außer Kleidung, Waffenrüstung u.ä. werden lediglich einzelne Eigenschaften bzw. Tugenden „angezogen“. Entsprechende Interpretationsansätze, Christus als Gewand zu verstehen, welches sich der Täufling bei der Taufe überzieht, wurden bereits oben in ihrer Problematik dargestellt. Die zur Erläuterung einer solchen Übersetzung herangezogenen rituellen Vergleiche, wie z.B. das Anziehen von Kleidung oder Masken von anderen Personen oder Gottheiten in Theatervorführungen oder bei rituellen Veranstaltungen, etwa Mysterieneinweihungen, sind einerseits als unzutreffend einzustufen, da nicht die Person selbst, sondern ihre Kleidung etc. angezogen wird. Andererseits müssen die davon ausgehenden Deutungen als geradezu nichtchristlich beurteilt werden. Denn das Aufsetzen der Maske einer Person im Theater lässt den Schauspieler denjenigen spielen, ihn imitieren, geradezu seine Stellung einnehmen. Der Osirismysterieninitiand stellt sich mit dem Gewand der Gottheit bekleidet auf ein Podest und nimmt für eine bestimmte Zeit deren Position ein – bis hin zur Anbetung.1 Ein „zu Christus Werden“ bzw. ein „an seine Stelle Treten“ kann aber kaum gemeint sein.

Bleibt also die zweite bildliche Deutung des Wortfeldes, nämlich das übertragen zu verstehende „Eintauchen, Eindringen“. Dazu ist zunächst festzustellen, dass (ἐν)δύω und βάπτω/βαπτίζω bei Paulus semantisch parallelisiert werden.2 Beide Wortfamilien beschreiben ein „Eingehen, Untergehen, Untertauchen“ in Wasser, was sowohl von Personen, als auch ganzen Schiffen ausgesagt werden kann. Es beinhaltet einerseits den neutralen Aspekt, dass der ins Wasser Getauchte komplett vom Wasser umschlossen ist, kann andererseits aber auch den lebensbedrohlichen Impetus („Untergehen, Versinken“) haben. Beide Verben finden transitiv wie intransitiv und in allen drei Modi Verwendung. Es kann also das eigenständige „Hineingehen“ wie auch „Ein-/Untertauchen“ ausgesagt werden, aber auch das „Untergetauchtwerden“, bis hin zum „zu-Tode-Kommen“.

ἐνεδύσασθε muss demnach nicht „ihr habt angezogen“ bedeuten, was wie dargestellt in Zusammenhang mit Christus oder gar der Taufe keine sinnvolle, erklärende Deutung liefert. Sondern vielmehr steht ἐν-δύομαι vor dem Deutungshorizont des „Eintauchens, Eindringens“, was nicht zuletzt das Antonym ἐκδύομαι bestärkt, welches neben „sich Ausziehen“ eben auch „Entgehen, Entkommen“ und übertragen „aus etwas Emportauchen“ bedeuten kann. Zudem scheint diese, an die ursprüngliche Wurzel angelehnte Übersetzung auch eine passende Deutung für die drei oben diskutierten alttestamentlichen Stellen zu sein, in denen mit Hilfe von ἐνδύω das Verhältnis des Geistes (Gottes) zu einer erwählten Person ausgedrückt wird: „Da drang/taucht der Geist JHWHs in Gideon ein …“.3

So ergibt sich für Gal 3,27 schließlich die Übersetzung: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, wurdet in Christus eingetaucht.“ Dieser synonyme Parallelismus membrorum in einem der ältesten Texte zur christlichen Taufe transportiert dabei unterschiedliche noch näher zu erläuternde Implikationen:

1) Auch wenn sowohl Medium als auch Passiv bezeichnet sein können, muss das Medium „ihr habt angezogen“ deswegen als unwahrscheinlich gelten, weil das passive Element der Konstellation der Passivität des Täuflings gegenüber dem Täufer in der Taufe entspricht.4

2) Hier begegnet eine an den Taufablauf angelehnte bzw. eigentlich davon ausgehende Metapher, nämlich das Eintauchen: Das Eingetauchtwerden des Täuflings ins Wasser wird symbolisch gedeutet mit dem Eingetauchtwerden in Christus. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit das sowohl in βάπτω/βαπτίζω als auch (ἐν)δύω angelegte Versinken/Versenken, sprich das lebensbedrohliche Moment, hierbei mitschwingt. Da Röm 6,3f explizit im Zusammenhang mit der Taufe vom Sterben des Täuflings spricht und es sich dabei um eine bekanntes Deutungsmotiv von Ritualen handelt,5 ist die Frage an späterer Stelle zu klären.6

3) Die beiden Verben parallelisieren „εἰς Χριστόν“-Getauftsein mit dem „in-Christus-Eingetauchtwerden“ und stellen so den Christusbezug der Taufe in den unmittelbaren Fokus. Indem Christus in lokaler Funktion mit dem Wasser in Verbindung gebracht wird, liegt eine Deutung nahe, welche das „auf Christus getauft Sein“ als „ab sofort komplett von Christus umgeben Sein“ interpretiert. Dabei kennt das Wortfeld (ἐν)δύω Relationsbeschreibungen folgender Art: „sich komplett Hineingeben, sich jmd.em Unterstellen, sich unter den Schutz von jmd.em Stellen“. Dabei handelt es sich um gerade diejenigen Bedeutungen, in welchen sich die Vokabel auf ein personales Objekt richtet, und daher zu Gal 3,27b die größte Nähe aufweisen.

4) Eine derartige räumliche Vorstellung erinnert an „ἐν Χριστῷ“-Formulierungen, wie sie sich verschiedentlich in paulinischen Briefen finden und meist als eigenständiges „ἐν Χριστῷ“-Konzept verstanden werden. Dass diesem Gedanken noch weiter nachzugehen ist, legt bereits der unmittelbare Kontext nahe, welcher von der „πίστις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ“ (Gal 3,26) und dem „εἱς […] ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ“-Sein (Gal 3,28d) aller Getauften spricht.

ὅσοι γὰρ εἰς Χριστὸν ἐβαπτίσθητε, Χριστὸν ἐνεδύσασθε – so knapp und prägnant, geradezu poetisch Gal 3,27 formuliert ist, spricht vieles für einen traditionellen Hintergrund der Wendung, worüber an späterer Stelle noch für die gesamte Perikope zu verhandeln ist.7 Dies würde eine sich durchziehende Grundwahrnehmung noch unterstreichen: Es scheint schwierig, eine treffende Übersetzung von Gal 3,27 zu finden, welche sämtliche Facetten des ἐνδύομαι sowie des Χριστὸν ἐνεδύσασθε und der darin ausgedrückten Interpretation der Taufe wiedergeben kann, vielmehr bedarf der Satz einer Erläuterung.

1.4 οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ (Gal 3,28a-c)

Der Umschreibung des Taufgeschehens als Χριστὸν ἐνεδύσασθε folgt in Gal 3,28a–c eine Illustration der neuen Verhältnisse, in denen sich die Getauften nun befinden, wobei die Verhältnisbestimmung wörtlich zu verstehen ist. Neben der Frage nach der Einbindung dieser beinahe parallel konstruierten, dreigliedrigen Illustration der Verhältnisse von Getauften in den Kontext1 und der damit verbundenen Frage, ob es sich bei der hier vorliegenden Form um eine vorpaulinische Tradition handelt, stellt sich v.a. das Problem einer angemessenen Interpretation von οὐκ ἔνι (3,28a.b.c): Auch wenn man ἔνι sowohl als Kontraktion auf ἔνεστιν zurückführen,2 als auch als Langform von ἐν / ἐνί verstehen kann,3 liegt die Interpretationsvielfalt von „gibt es nicht mehr“4 oder „gilt nicht mehr“5 bis zur „Taufe als Antidiskriminierungsgarant“6 nicht etwa in differierenden grammatikalischen Entscheidungen begründet. Vielmehr hat sie ihre Ursache in den unterschiedlichen Interpretationen der drei Paarungen, denen daher auch – nach einigen motivgeschichtlichen Vergleichen – einzeln Aufmerksamkeit gewidmet werden muss, bevor οὐκ ἔνι (3,28a.b.c) treffend übersetzt und interpretiert werden kann.

Zumindest die ersten beiden Paarungen finden sich auch in zwei anderen paulinischen Briefen – in jeweils leicht abgewandelter Konstruktion:7

1) In 1Kor 12,13 geht der Formulierung wie auch in Gal 3 eine Taufaussage voraus und eine Geist bezogene Einheitsaussage folgt: καὶ γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν, εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ἕλληνες εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι, καὶ πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν. Erstaunlicherweise findet sich die Formel in einer Passage zur Metapher vom Leib Christi, mit der zwar die Einheit der Gemeinde begründet wird (1 Kor 12,1–13), die aber doch gerade auf der sinnreichen Unterschiedlichkeit der einzelnen Glieder beruht, welche wiederum in ihren unterschiedlichen Funktionen aufeinander angewiesen sind (1 Kor 12,14–31).8 Insofern sind mit Ἰουδαῖοι/Ἕλληνες und δοῦλοι/ἐλεύθεροι die gleichen grundlegenden Gegensätze der antiken Gesellschaft wie in Gal 3 benannt, nicht aber deren Negation ausgesagt. Vielmehr bezeichnet die Formulierung die Gleichheit der so verschiedenen Getauften in Bezug auf ihr „Glied-am-Leib-Christi-Sein“ bzw. genauer auf ihr „Dazu-gekommen-Sein“, nämlich ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13).

2) Kol 3,11 bietet die beiden Paarungen sprachlich noch weiter verändert und zudem erweitert: ὅπου οὐκ ἔνι Ἕλλην καὶ Ἰουδαῖος, περιτομὴ καὶ ἀκροβυστία, βάρβαρος, Σκύθης, δοῦλος, ἐλεύθερος, ἀλλὰ [τὰ] πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός. Dem Vers geht das Motiv des Anziehens des neuen Menschen voraus und es folgt eine Christus bezogene Einheitsaussage. Ob der vertauschten Reihenfolge von Heiden und Juden eine Bedeutung zukommt, ist an späterer Stelle zu erörtern.9 Deutlich wird jedenfalls, dass die ersten beiden jeweils mit καί (vgl. Gal 3,28c!) verbundenen Paarungen einen Chiasmus darstellen, der klar auf die heilsgeschichtliche Erwählung (mit dem sichtbaren Zeichen der Beschneidung) abhebt, während die restlichen lediglich aufgezählt werden. Zwar können δοῦλος und ἐλεύθερος ebenfalls als Gegenteile wahrgenommen werden, βάρβαρος und Σκύθης allerdings kaum.10 Einzelne Exegeten meinen zwar die beiden Bezeichnungen gegensätzlich lesen zu können,11 doch stehen derartige Versuche der allgemeinen Verwendung der beiden Begriffe entgegen. Nahelie­gender ist eine Interpretation als Steigerung βάρβαρος → Σκύθης: „Beide Nichtjuden, aber in der griechischen Sicht waren Barbaren der Gegensatz der Griechen. Die Skythen galten als die wildesten Barbaren (z.B. 2. Makk. 4,47).“12 Von der Ermahnung zur Heiligung des Lebens, die den Abschnitt bestimmt, ist demnach keiner ausgeschlossen – ob Jude oder Nichtjude, egal welcher Nationalität oder sozialen Stellung er angehört, da alle Christus zugehören und er in allen ist. Auch hier folgt mit Verweis auf den einen Leib die Mahnung zur Einheit.

Dass es sich hierbei um eine – möglicherweise aus der Taufliturgie13 bekannte – Tradition handelt, ist wohl nicht grundsätzlich zu bestreiten; wenn auch die jeweilige Formulierung durchaus Unterschiede erkennen lässt, hat doch nicht allein das Motiv der Paare Ἰουδαῖος/Ἕλλην und δοῦλος/ἐλεύθερος eindeutigen Wiedererkennungswert, sondern auch der Christusbezug und die Einheitsparänese im unmittelbaren Verwendungskontext lassen auf eine geprägte Vorstellung schließen.14 Dass die Formulierung sich nicht in der Aussage der Gegensätze oder auch des „einfach alle“ erschöpft, lässt sich bis in die apokryphe Literatur hinein nachvollziehen.15

In diesem Zusammenhang ist noch zu erwähnen, dass ähnliche Auflistungen von Gegensätzen sowohl für die hellenistische als auch die rabbinische Literatur belegt sind. Die Struktur weist zwar ebenfalls eine formelhafte Parallelisierung der einzelnen Glieder auf, dient aber dem genau umgekehrten Zweck, nämlich der Betonung der (bleibenden) grundlegenden Gegensätzlichkeit. Identitätsbegründung oder -schärfung durch Abgrenzung bzw. Negierung von anderen ist eine klassische Version der Selbstbeschreibung und, wie die folgenden Beispiele zeigen werden, auch damals schon in unterschiedlichen Kulturkreisen verbreitet gewesen.16 Meeks bezeichnet die „three reason for gratitude“ als „a rhetorical commonplace“:17 Diogenes Laertius legt sie Thales bzw. Sokrates in den Mund: „first, that I was born a human being and not one of the brutes; next, that I was born a man and not a woman; thirdly, a Greek and not a barbarian.“18 Die jüdische Version findet sich im Babylonischen Talmud, Menahoth 43:19

„Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Der Mensch ist verpflichtet, täglich folgende Segenssprüche zu sprechen: ‚Daß er mich nicht zu einem Nichtjuden gemacht hat.‘ ‚Daß er mich nicht zu einem Weibe gemacht hat.‘ ‚Daß er mich nicht zu einem Unwissenden gemacht hat.‘ Einst hörte R. Aha b. Jaqob, wie sein Sohn den Segen sprach: ‚Das er mich nicht zu einem Unwissenden gemacht hat.‘ Da sprach er zu ihm: Auch dies noch! Jener fragte: Wie denn sollte der Segen lauten? – ‚Daß er mich nicht zu einem Sklaven gemacht hat.‘ – Das ist ja dasselbe, was ‚ein Weib‘!? – ein Sklave [sein] ist verächtlicher.“20

Dem Dank liegt jeweils die Vorstellung zu Grunde, „that birth to a large extent determines one’s destiny or roles and status in society.“21

Gal 3,28 will ein anderes Bild zeichnen, wie die folgende Analyse der einzelnen (Gegensatz-)Paare aufzeigen wird.

1.4.1 οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην (Gal 3,28a)

„This was how the Jew saw the world, as divided into two categories – the Jews and everyone else.“1 Dass Ἕλλην weniger speziell die Griechen als vielmehr sämtliche nicht-jüdischen Völker meint, scheint offensichtlich, ob jedoch die Pointe des Gegenübers in der Nationalität oder aber in der anderen Religionszugehörigkeit liegt oder ob auf beide gleichermaßen abgehoben wird, ist interpretationsbedürftig mit Blick auf die Negation der Andersartigkeit. Aus jüdischer Perspektive, nämlich der einer exklusiven Volksreligion, sind beide Interpretationsmöglichkeiten vorstellbar bzw. wirkt eine Unterscheidung der beiden Kategorien eher künstlich. Mit Blick auf die beiden anderen Paarungen ist es jedoch durchaus von Bedeutung, ob auf eine rein gesellschaftlich-politische oder aber eine religiöse Ebene angespielt wird, v.a. aber auf welche Weise die Negierung zu verstehen ist (οὐκ ἔνι).

Beide Dimensionen jüdischer Identität werden in der Beschneidung manifest,2 die bekannterweise wenigstens Anlass, wenn nicht eines der Hauptthemen des Gal darstellt.3 Konkret die Gegenüberstellung von Beschnittensein und Unbeschnittensein findet sich an zwei Stellen, und zwar in der Weise, dass der Unterscheidung nun jegliche Relevanz abgesprochen wird: ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ οὔτε περιτομή τι ἰσχύει οὔτε ἀκροβυστία (ἀλλὰ πίστις δι‘ ἀγάπης ἐνεργουμένη [Gal 5,6]); und noch als Steigerung kann verstanden werden: οὔτε γὰρ περιτομή τί ἐστιν οὔτε ἀκροβυστία (ἀλλὰ καινὴ κτίσις [Gal 6,15]).4 Vergleichbare Aussagen finden sich zudem in anderen Paulusbriefen.5 Stets wird deutlich, dass nicht die jüdische Nationalität – etwa im Kontext eines Vielnationenstaates – angesprochen ist, sondern die Religion: sowohl die Erwählung, als auch die damit verbundenen Pflichten. Die Verneinung kann also kaum die Abschaffung von Nationalitäten o.ä. im Blick haben.6

Auch der nähere Kontext unseres Textes kreist um die Verheißung und in welchem Verhältnis diese zum für die Juden verpflichtenden Gesetz steht. Die voranstehenden Verse laufen dabei auf folgende Aussage hinaus: Diejenigen, welche an Christus glauben, sind sofern sie zuvor vom Gesetz betroffen waren nun von diesem befreit. Sich freiwillig dem Gesetz zu unterwerfen, also durch Beschneidung vom Heiden zum Juden zu werden, steht demnach der Bindung an Christus entgegen. Paulus erläutert dies im Anschluss näher mit Hilfe des Metaphernfeldes Vater/Erbe – Sohn/Knecht – Freie/Sklavin und greift damit das zweite Gegensatzpaar der Tradition auf: οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος (3,28b). Doch bereits hier lässt sich festhalten: Die (religiöse) Einteilung der Menschen in Juden einerseits und Griechen als „Nicht-Juden“ andererseits ist grundlegend für das Selbstverständnis des jüdischen Glaubens – ihr Zeichen ist die Beschneidung. Das Kommen Christi erschüttert diese Entscheidung komplett, indem Christus von dem Gesetz befreit, dem der Jude seit der Beschneidung unterworfen ist. Die Taufe ist dabei nicht nur Zeichen, sondern auch „Auslöser“ der neuen Realität für den Einzelnen, in welcher der Täufling in Christus eingetaucht wird – die alles erschütternde Christusbindung eingeht.

Die Parallelisierung von Gal 3,28a–c über οὐκ ἔνι […] οὐδὲ […] legt nahe, dass eine endgültige Interpretation die Untersuchung aller drei Glieder zur Voraussetzung hat. Erst danach kann entschieden werden, ob die Formulierung als Ende der bisherigen Welt,7 neuer Äon8 oder bereits als neue Schöpfung9 zu verstehen bzw. erst für die Zukunft zu erwarten ist. Bezüglich οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην lässt sich aber bereits hier festhalten, dass die Negation zwei Verhältnisbestimmungen betrifft:

1. Negierung des unterschiedlichen Status im Gottesverhältnis: Paulus stellt im Kontext von Gal 3 die erwählten, beschnittenen (und damit dem Gesetz verpflichteten) Juden zwar mehrmals den nichtbeschnittenen (damit aber auch nicht dem Gesetz unterworfenen) Griechen deutlich gegenüber, kommt aber zu dem (ernüchternden) Schluss, dass keiner von beiden vor Gott gerecht ist. Dies kann nur durch eine Bindung an Christus erreicht werden, welche beiden – in gleicher Weise – offensteht und beide unabhängig von ihrem vorherigen Status zu mündigen Erben der Verheißung macht. Als Negierung bzw. absolute Relativierung der zuvor grundlegenden Unterscheidung zwischen erwähltem Juden und nichterwähltem Griechen ist auch 1Kor 7,17–20 zu interpretieren: ἡ περιτομὴ οὐδέν ἐστιν καὶ ἡ ἀκροβυστία οὐδέν ἐστιν […] (7,19) – ob beschnitten oder nicht, als Christusgläubige haben sie nun den gleichen Zugang und die gleiche Stellung als Erwählte vor Gott.

2. Negierung des bisherigen Verhältnisses zueinander: Diese neue soteriologische Situation impliziert Auswirkungen auf das Verhältnis von denjenigen Juden und Heiden, welche Christen geworden sind. Aus jüdischer Sicht stand man bisher eigentlich in gar keinem Verhältnis zu Nichtjuden, da ein direkter Umgang zwangsläufig mit kultischer Verunreinigung einherging.10 Jetzt aber ist der Umgang miteinander bis hin zur uneingeschränkten Tischgemeinschaft nicht nur möglich, sondern sogar geboten und Petrus muss sich als Heuchler bezeichnen lassen, als er diesen Umgang beendet bzw. meidet.11 Somit hat der Verzicht auf eine Verpflichtung der Heidenchristen auf das jüdische Gesetz Auswirkungen auch auf das Verhalten der Juden.12 Obwohl auch weiterhin dem Gesetz folgend, gilt die Befreiung vom Gesetz durch Christus auch ihnen und indem sie dem Gesetz nicht mehr wehrlos unterworfen sind, ändern sich auch die Maxime im Umgang mit bestimmten Verordnungen des Gesetzes, mindestens denen, die sich auf Heiden beziehen – ihre neuen Glaubensgeschwister.

Nach Hans Halter „hätte es im Blick auf die Situation der galatischen Gemeinde(n) genügt, wenn Pls nur die erste Unterscheidung genannt hätte.“13 Ob die beiden anderen (Gegensatz-)Paarungen doch noch Weiteres beitragen,14 haben die folgenden Abschnitte aufzuzeigen.

1.4.2 οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος (Gal 3,28b)

Die Einteilung der Menschen in Sklaven und Freie ist ähnlich grundlegend gegensätzlich für die antike Gesellschaft wie die in Juden und Nicht-Juden aus Sicht ersterer und beinhaltet verschiedene soziale, rechtliche und auch kultische Komponenten, die sich in der griechischen und jüdischen Gesellschaft im Detail unterscheiden mögen, allerdings gleiche Grundzüge zeigen: „Der Grieche findet seine persönliche Würde darin, daß er frei ist.“1 ὁ δοῦλος ist dagegen der Unfreie, Abhängige, Eingeschränkte – derjenige, dem ein fremder Wille aufgezwungen wird und der anderen zu dienen hat. Er stellt den „Antitypus“ dar, abgelehnt und verachtet.2 „In the end, slavery is best understood as a combination of violence, social death, and dishonor in a dynamic process that begins with enslavement (from multiple sources) and ends either with biological death or manumission“.3

Auch im Judentum hebt δοῦλος, als Übersetzung von ‎‏עבד‏‎, im Wesentlichen auf das Abhängigkeits- und Dienstverhältnis des so Bezeichneten ab,4 wobei sowohl das zwischenmenschliche Verhältnis als auch die Gottesbeziehung davon beeinflusst wird. Konkret heißt dies, dass ein Sklave als Besitz angesehen wird.5 Im Kultus setzt sich die Fremdbestimmung fort: Geht ein Sklave in den Besitz eines Juden über, wird er zwangsweise beschnitten, „jedoch hört die Verbindlichkeit der Gebote für den Sklaven im Allgemeinen da auf, wo ihre Erfüllung das Recht des Herrn auf seine Arbeitskraft empfindlich geschmälert hätte.“6

Diese absolute Abhängigkeit vom Herrn ist auch die allgemeine Pointe der Äußerungen und Bilder, in denen Jesus Sklaven erwähnt, z.B. Οὐκ ἔστιν […] δοῦλος ὑπὲρ τὸν κύριον αὐτοῦ (Mt 10,24).7 In den (paulinischen) Gemeindebriefen jedoch erscheint das Thema Sklave bzw. Sklaverei an den wenigen Stellen,8 wo es erwähnt wird, unter einem anderen Vorzeichen: ἕκαστος ἐν ᾧ ἐκλήθη, ἀδελφοί, ἐν τούτῳ μενέτω παρὰ θεῷ (1Kor 7,21). Diese und andere Passagen, nicht zuletzt Phlm, machen deutlich: Die Sklaverei als gesellschaftliche Institution wird grundsätzlich nicht in Zweifel gezogen, auch wenn eine spätere Notiz des Ignatius – zumindest was die Hoffnung christlicher Sklaven betrifft – dahingehend gedeutet werden kann.9 Umso dringender bedarf es aber einer Regelung des Verhältnisses und des Umgangs zwischen Herren und Sklaven innerhalb der christlichen Gemeinschaft, wo beide gleich als ἀδελφοί angesprochen werden und gelten. Entsprechende Bestimmungen finden sich dezidiert in den sogenannten Haustafeln.10

Daneben verwendet Paulus ὁ δοῦλος in metaphorischer Weise, um sein eigenes Verhältnis gegenüber Christus zu beschreiben,11 aber auch für Menschen, die unter einer bestimmten Macht stehen, etwa unter der Macht der Sünde.12 Auch hier liegt der Fokus deutlich auf dem „tun-müssen,-was-ein-anderer-sagt,-auch-wenn-man-anders-möchte“ – dem völligen Ausgeliefertsein dem Herrn gegenüber.

Sieht man sich derartige Texte an, in denen die Situation und das entsprechende Verhalten des Sklaven (unter christlichen Vorzeichen) genauer beleuchtet werden, so wird deutlich, dass es stets um die Verhältnisbestimmung zum jeweiligen Herrn, κύριος, geht.13 Im Blick ist demnach der Sklave als Besitztum seines Herrn, nicht aber im allgemeinen Vergleich zu einem Freien – anders allerdings in Gal 3,28b: οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος. Eine Sonderstellung nimMt 1Kor 7,21–24 ein. Auf die Frage, ob ein Sklave versuchen soll freizukommen, möglicherweise mit dem Unterton formuliert, ob es nötig ist, ein Freier zu sein,14 antwortet Paulus: δοῦλος ἐκλήθης, μή σοι μελέτω. ἀλλ‘ εἰ καὶ δύνασαι ἐλεύθερος γενέσθαι, μᾶλλον χρῆσαι (1Kor 7,21).15 Er setzt die Ebene des profanen Sprachgebrauchs in ein Verhältnis zu ihrer religiösen Bedeutung und transzendiert darin die irdischen Lebensverhältnisse auf die Christusbeziehung hin: ὁ γὰρ ἐν κυρίῳ κληθεὶς δοῦλος ἀπελεύθερος κυρίου ἐστίν, ὁμοίως ὁ ἐλεύθερος κληθεὶς δοῦλος ἐστὶν Χριστοῦ (1Kor 7,22). Erstaunlicherweise schließt Paulus den Abschnitt aber nicht nur mit der (für die Sklaven wohl beruhigenden) Bemerkung: ἔκαστος ἐν ᾧ ἐκλήθη, ἀδελφοί, ἐν τούτῳ μενέτω παρὰ θεῷ (1Kor 7,24), sondern ermahnt auch nachdrücklich (vermutlich an beide gewandt): τιμῆς ἠγοράσθητε· μὴ γίνεσθε δοῦλοι ἀνθρώπων (1Kor 7,23).

Das Phänomen, dass Paulus das zunächst profane Gegenüber Sklave – Freier als bildgebenden Bereich für eine metaphorisch-religiöse Argumentation verwendet, findet sich nun auch in Gal 3f wieder: Zunächst handelt er ausführlich über die Befreiung vom Gesetz durch Christus.16 Noch konkreter baut er das Motiv direkt im Anschluss an unseren Text in Kapitel 4 aus, wo er den unmündigen Sohn, also den Freien, mit dem Sklaven vergleicht (Gal 4,1–7): […] οὐδὲν διαφέρει δούλου (Gal 4,1). Zielpunkt des Vergleiches ist der Zugang zu dem zuvor genannten Erbe: εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ, ἄρα τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστέ, κατ᾽ ἐπαγγελίαν κληρονόμοι (Gal 3,29). Dass ein Sklave keinen Anspruch auf das Erbe erheben kann, ist unbestritten, dass sich der unmündige Sohn jedoch in der gleichen Situation befindet, ist überspitzt formuliert, wohl aber um die Radikalität der Situation herauszustreichen: Zwar sind die Erwählten unbestritten Kinder Abrahams, dennoch gleicht ihre Lage der des fremdbestimmten Sklaven, solange sie unmündig sind – kontrolliert und „bevormundet“ durch das Gesetz. Befreit Christus nun aus dieser Abhängigkeit, bedeutet dies für diejenigen, welche „des Christus sind“ (εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ [3,29]), das tatsächliche Mündigwerden. Diese Aussage findet sich so bereits im Bild des παιδαγωγός (3,24f). Was der Vergleich Sohn – Sklave darüber hinaus leistet, ist die Vorstellung, dass ein bloßes Warten auf das Mündigwerden nicht ausreicht, sondern es der Befreiungstat Christi zwangsläufig bedurfte, um die volle Kindschaft und damit das Erbe zu erlangen.

Auch in der folgenden ausführlichen Allegorie zu den Müttern der beiden Söhne Abrahams (Gal 4,21–31): ἡ παιδίσκη (= Ἁγάρ) und ἡ ἐλευθέρα wird der grundlegende Gegensatz frei/unfrei erneut unterstrichen.17 Ihre Erben gehören zwei unterschiedlichen Bundesschlüssen (Gal 4,24: δύο διαθῆκαι) an: Einerseits gibt es die „Geknechteten“ vom Berg Sinai, also diejenigen, welche dem Gesetz unterworfen sind, und andererseits die nach dem Geist Gezeugten, die eigentlichen Erbberechtigten. Und wie der Abschnitt ein weiteres Mal mit der rhetorischen Frage eingeleitet wurde, wie man sich als Befreite freiwillig wieder einer Macht zum Dienst unterwerfen könne (Gal 4,8f),18 so endet auch diese Argumentation erneut mit der Feststellung: διό, ἀδελφοί, οὐκ ἐσμὲν παιδίσκης τέκνα ἀλλὰ τῆς ἐλευθέρας (Gal 4,31). Das sich anschließende leidenschaftliche Plädoyer verfolgt weiter auf metaphorischer Ebene die Freiheit-Unfreiheit-Thematik mit zwei Spitzenaussagen: 1) Mit der Beschneidung unterwirft man sich dem Gesetz und hat diesem dann auch zu dienen. 2) Die im Gesetz erhoffte Gerechtigkeit hat keinerlei Relevanz für jemanden „in Christus Jesus“, denn ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ οὔτε περιτομή τι ἰσχύει οὔτε ἀκροβυστία ἀλλὰ πίστις δι’ ἀγάπης ἐνεργουμένη (5,6).

Sämtliche Stellen in Gal, an denen ein δοῦλος erwähnt wird, zeichnen ihn als Fremdbestimmten, Eingeschränkten, Nicht-Erbberechtigten – das Gegenüber zum mündigen, freien, erbberechtigten Sohn. Dies stützt die anfängliche These, dass auch οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος (Gal 3,28b) das Gegenüber Nicht-Freier – Freier fokussiert und verneint, nicht also das Verhältnis Sklave – Herr. Wie ist οὐκ ἔνι aber nun zu deuten? Die paulinische Argumentation verwendet das (Un-)Freiheitsmotiv in Gal in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und auf verschiedenen metaphorischen Ebenen19 – auf welcher dieser Ebenen existiert der Gegensatz Unfreier – Freier nun seit der Taufe nicht mehr? Wie bereits bei οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην (Gal 3,28a) sind zwei mögliche Verhältnisbestimmungen in den Blick zu nehmen: das Verhältnis zu Gott oder das untereinander.

1. Negierung des unterschiedlichen Status im Gottesverhältnis: Christi Befreiungstat erweist sich als notwendig und ausreichend für jeden, gleich welcher rechtlichen und sozialen Stellung – Freie wie Sklaven befreit er vom Gesetz und schenkt er die gleiche Kindschaft (Gal 4,4f). Dennoch wirkt sie sich unterschiedlich aus: Ein freier Jude ist dem Gesetz komplett unterworfen gewesen. Nun ist er vom Zwang, den das Gesetz ihm auferlegt, befreit. Der jüdische, ggf. zwangsproselytische Sklave war zwar nicht dem gesamten Gesetz verpflichtet, in seiner Glaubensausübung aber ggf. durch gegenteilige Entscheidungen seines Herrn beschränkt. Wird das Gottesverhältnis nun grundlegend und ganz neu allein über (das Verhältnis zu) Christus definiert, erleben beide, je nach vorheriger Beschränkung, Befreiung und werden beide – in gleicher Weise – als Söhne und Erben eingesetzt: εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ, ἄρα τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστέ, κατ᾽ ἐπαγγελίαν κληρονόμοι (Gal 3,29, vgl. auch Gal 4,5–7). 1Kor 7 bringt die neue Unerheblichkeit des Frei- oder Sklaveseins für das Gottesverhältnis besonders pointiert zum Ausdruck: Ist man Sklave, so verstehe man sich als ἀπελεύθερος κυρίου (1Kor 7,22), und ist man Freier, so erinnere man sich stets daran, δοῦλος ἐστιν Χριστοῦ (1Kor 7,24). Im Verhältnis zu Gott gibt es keinen Unterschied mehr.

2. Negierung des bisherigen Verhältnisses zueinander: Gal enthält keine Haustafel und thematisiert auch sonst nicht auf profaner Ebene das Verhältnis von Herren und Sklaven. Dass sich das unterschiedslose Gottesverhältnis von christlichen Sklaven und Herren auf das Miteinander auswirken soll, kennen wir aus späteren deutero- und nichtpaulinischen Briefen.20 Hat Paulus den zwischenmenschlichen, Herrschaftsverhältnisse betreffenden Bereich und die Auswirkungen Christi auf diesen hier demnach nicht im Blick? Ein Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Institution der Sklaverei und dem christlichen Glauben wird m.E. nicht aufgezeigt, wohl aber die Unmöglichkeit einer erneuten freiwilligen Versklavung: Wenn auch der Befreiungsdiskurs auf metaphorischer Ebene geführt wird (Beschneidung führt zur Versklavung unter das Gesetz), so stehen doch auch konkrete zwischenmenschliche Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse dahinter, welchen die Galater in Gefahr sind, sich neu zu unterwerfen. Τῇ ἐλευθερίᾳ ἡμᾶς Χριστὸς ἠλευθέρωσεν (Gal 5,1). Dies ist nicht vereinbar mit einer freiwilligen Unterwerfung unter das Gesetz, mit zusätzlichen Forderungen und damit letztlich mit denjenigen, welche diese erheben. ὥστε οὐκέτι εἰ δοῦλος (Gal 4,7) – also solle man sich nicht selbst dazu machen. Im Verhältnis untereinander kann und darf es keinen Unterschied, kein Gefälle geben.

1.4.3 οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ (Gal 3,28c)

Wie in den beiden voranstehenden Paarungen handelt es sich bei der Polarität der Geschlechter um eine der grundlegendsten Unterscheidungen nicht allein der antiken Gesellschaft. Die Überwindung scheint zunächst noch unvorstellbarer und fraglicher als die der beiden anderen Paare,1 da es sich bei der Scheidung der Menschheit in männlich und weiblich um eine in der Schöpfung grundgelegte und gesegnete Statute handelt. Daraus erwächst die Frage, ob der Bruch des parallelen Aufbaus darauf hinweist, dass gar nicht die Negierung des Gegensatzes im Blick ist. Dieses dritte Paar erweist sich als das umstrittenste und vielfältigst diskutierte – vermutlich auch deshalb, weil es in den beiden Parallelüberlieferungen der Formel fehlt. Was lässt sich also zunächst an sicheren Beobachtungen festhalten?

Anstatt des kontrastierenden οὐδέ, wird hier das verbindende καί verwendet. Während es sich bei Ἰουδαῖος/Ἕλλην und δοῦλος/ἐλεύθερος um Substantive handelt, begegnen mit ἄρσεν und θῆλυ Adjektive. Außerdem ist festzuhalten: „The adjectives ἄρσεν and θῆλυ are not the ordinary terms used to speak of man and woman, but they are specifically used to emphasize the gender distinction, male and female.“2 Ob dieser Parallelitätsbruch inhaltliche, das Paar betreffende Gründe hat, muss diskutiert werden angesichts der Beobachtung, dass es sich hierbei um die gleiche Formulierung handelt, welche die LXX in Gen 1,27 bietet: καὶ ἐποίησεν ὁ θεὸς τὸν ἄνθρωπον, κατ‘ εἰκόνα θεοῦ ἐποίησεν αὐτόν, ἄρσεν καὶ θῆλυ ἐποίησεν αὐτούς.3 Der priesterschriftliche Schöpfungsbericht spricht also von der Erschaffung der Menschheit in zwei Geschlechtern, wobei gemeinhin darin weniger eine Betonung der Gegensätzlichkeit, als vielmehr der Zusammengehörigkeit gesehen wird: „Der Mensch ist hier als ein Gemeinschaftswesen, als ein zu zweit Existierender gesehen, und so etwas wie Menschlichkeit kann es dann auch nur bezogen auf den zu zweit existierenden Menschen geben.“4 Zudem wird für beide in gleicher Weise5 die Gottebenbildlichkeit (Gen 1,26f) festgestellt. Darin unterscheiden sich die Menschen bekanntlicherweise von sämtlichen anderen Geschöpfen, über welche sie dann auch einen Herrschaftsauftrag (Gen 1,28) erhalten. Verbunden ist dieser wiederum mit dem Fortpflanzungsauftrag (Gen 1,28), welcher wiederum auf der Zweigeschlechtlichkeit fußt. Dies alles wird von Gott nicht nur als καλά (vgl. u.a. Gen 1,4.10.12), sondern sogar als καλὰ λίαν (Gen 1,31) beurteilt.

Will Gal 3,28c bewusst auf Gen 1,27 verweisen, so rückt neben der geschlechtlichen Zweiteilung also v.a. die Gottebenbildlichkeit6 in den Fokus. Diese im AT explizit nur selten7 vorkommende Aussage kann dennoch als „Spitzenaussage der bibl. Anthropologie“8 bezeichnet werden. Aus der Königsideologie entstammend wird die Aussage in exilischer Zeit ‚demokratisiert‘, d.h. auf alle Menschen übertragen, wobei Exegeten heute meist betonen, dass es sich dabei um eine funktionale und nicht etwa qualitative Bestimmung handelt.9 Jedoch steht hinter den beiden in Gen 1,26f verwendeten hebräischen Vokabeln für „(Eben-)Bild“, nämlich ‎‏צלם‏‎ und ‎‏דמות‏‎, eine lange und v.a. vielfältige Traditionsgeschichte, welche immer wieder auch Anlass zu qualitativen Deutungen gibt. Gerät aber die wesentliche Ähnlichkeit mit Gott in den Blick, so bietet sich Gen 1,27 an, diese für Männer und Frauen, und im Weiteren für alle Menschen, wie unterschiedlich sie auch sein mögen, in gleicher Weise zu betonen.10

Zwei Aspekte kommen also in Frage, auf welche Gal 3,28c mit der bewussten Aufnahme von Gen 1,27 verweisen könnte: 1) Die Erschaffung des Menschen in seiner Zweigeschlechtlichkeit, die neben der Unterscheidung aber v.a. auf die gegenseitige Zuordnung und damit Verbindung abhebt,11 2) die für alle Menschen ausgesagte Gottebenbildlichkeit. Die Scheidung und grundlegende Zueinanderordnung des Menschen als männlich und weiblich ist als Gottes Schöpfungswerk (‎‏ברא‏‎ [Gen 1,27]) notwendig und zudem von ihm gesegnet und für sehr gut befunden. Wie kann dies verneint oder gar aufgehoben werden?

Hinzu tritt der Befund, dass sich dieses Paar nicht an den beiden anderen Stellen findet, wo die Formel verwendet wird – weder in 1Kor 12,13 noch in Kol 3,11. Konnte man sich die Negierung der Zweigeschlechtlichkeit nicht vorstellen? Oder dass das Gen 1,27-Zitat aus der grammatikalischen Parallelführung ausbrach? Gegen Letzteres spricht, dass bereits 1Kor 12,13 die beiden ersten Paare sprachlich abwandelt12 und Kol 3,11 sogar die (Gegensatz-)Paarstruktur aufgibt. Auch gemeinhin als Parallelen aus der nichtkanonischen und rabbinischen Literatur herangezogenen Texte sind oft von motivischer, als tatsächlich sprachlicher Ähnlichkeit und lassen v.a. die beabsichtigte Deutungsrichtung des Exegeten erkennen: 1) Betonung der Gleichheit vor Gott, z.B. Yalkut Lek leka sec. 76: „God said to Moses: Is there respect of persons with me? Whether it is Israelite or Gentile, man or woman, slave or handmaid, whoever does a good deed shall find the reward at its side […]“.13 2) Vorstellung einer (Wieder-)Vereinigung, z.B. in EvÄg: Der Herr sprach: „Wenn ihr das Gewand der Scham mit Füßen treten werdet und wenn die zwei eins werden und das Männliche mit dem Weiblichen und weder männlich noch weiblich [sein wird].“14 EvPhil 78 spricht davon, dass die Trennung von Mann und Frau zum Tode geführt habe. „Deswegen ist Christus gekommen, um die Trennung, die von Anfang an bestand, zu beseitigen und sie beide wieder zu vereinigen […]“.15 3) Sexualethische Paränese, z.B. 2Clem 12,2.5, wo καὶ τὸ ἄρσεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρσεν οὔτε θῆλυ erklärt wird mit „in keiner Weise an sie als Frau denken …“16 Auch wenn sich die Kommentatoren uneins sind, ob dies eine Forderung nach absoluter sexueller Enthaltsamkeit17 oder lediglich nach ehelicher Treue18 darstellt, wird die sexualethische Dimension durchaus deutlich. Eine klare Bezugnahme auf Gal 3,28 oder die Taufe ist in keiner der genannten, meist spruchhaften Aussagen zu erkennen.

Bleibt also lediglich noch nach der Unterschiedlichkeit männlicher und weiblicher Existenzen damals zu fragen, um mögliche Konsequenzen einer Negierung dieser Unterscheidung oder aber ihrer Bindung aneinander auszuloten.19 Zunächst ist dabei festzuhalten, dass die in der Neuzeit verstärkt thematisierte dezidierte Unterscheidung zwischen Geschlecht und Gender als unterschiedliche Kategorien für die Antike so nicht belegt ist und daher im Folgenden auch vernachlässigt wird.20 Jedoch gilt: „‚Mann‘ und ‚Frau‘ sind kulturell bedingte vielschichtige Konstrukte, bestimmt von Auffassungen über Körper und Differenzierungen, von sexueller Orientierung, Geschlechterordnung und -beziehung und von Ursprungstheorien.“21

Ist οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ der Beweis dafür, dass bereits in der Antike Gleichberechtigung und -stellung vorstellbar waren – jedenfalls gefordert wurden? Die grundsätzliche Gleichstellung von Männern und Frauen ist ein der griechisch-römischen Philosophie bekanntes Ideal oder besser eine Utopie: „Within the philosophical schools the equality of women with men was generally affirmed in principle but, apart from the Epicureans, hardly ever actualized in practice.“22 Der faktischen Realität treten prominente Stimmen an die Seite, wie etwa Plato, welcher „women as inferior by nature to men“23 einstuft. Jüdischerseits äußert sich Josephus ganz ähnlich: γυνὴ δὲ χείρων ἀνδρὸς εἰς ἅπαντα (Flav.Jos.Apion. 2,24). Und besonders eindrücklich findet sich diese Auffassung dann in den Charakterisierungen von Frauen bei Philo wieder: schwach, einfach zu täuschen, krank, gering, unterjocht, schwerfällig usw.24 Trotz dieses Konsenses über die vermeintliche Minderwertigkeit der Frau sind die tatsächlich vorherrschenden Ungleichheiten und Ungleichbehandlungen von Männern und Frauen in der hellenistischen Gesellschaft, der jüdischen Religion und den aufkommenden christlichen Gemeinden noch einmal zu differenzieren.

Exkurs: Position und Funktion(en) von Frauen in der hellenistischen Gesellschaft

In der Antike waren einzelne Gesellschaften wie die der Iberer und Kreter bekannt, in denen „mutterrechtliche Verhältnisse“ herrschten: „Da ist es z.B. Brauch, daß nur die Töchter erben; sie haben deshalb die Pflicht, ihre Brüder zu verheiraten und auszustatten.“1 Diese Ausnahmen wurden jedoch zumeist kritisch betrachtet: „Strabon nennt das ‚eine Art Frauenherrschaft‘ (τινὰ γυναικοκρατίαν): er findet solche Ordnung ‚wenig staatsmännisch‘ (οὐ πάνυ πολιτικόν).“2 Denn die Mehrheit der bekannten Gesellschaften war patriarchalischer Natur. Dennoch führte das allgemeine intensive Nachdenken über die (ideale) Gesellschaft auch zu einer (Neu-)Bewertung der Stellung der Frau: Man hat „nicht nur ihre Geltung und Aufgaben in der Familie geprüft, sondern auch über ihr Auftreten in der Öffentlichkeit und ihre juristische Einordnung reflektiert.“3 Im Folgenden kann nur ein kleiner Überblick darüber geboten werden.4

Während in Athen ein überzähliges oder schwächliches Mädchen noch verkauft oder ausgesetzt wird, kennt Rom diesen Brauch nicht mehr (Burck, Die Frau in der griechisch-römischen Antike, 20). Sie wächst im Hause des Vaters auf, welcher als pater familias die patria potestas über alles Lebende und Unbelebte des Haushaltes innehat (25). In Rom werden Töchter vermehrt in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, einzelne sogar auf Privatschulen geschickt (21). Ihre sonstige Tätigkeit besteht v.a. in der Verarbeitung von Wolle (22) und in ihrer Freizeit im Singen und Tanzen, „wie man es von ihnen für die religiösen Prozessionen und Feste forderte.“5 Heiratsfähig wird sie – je nach Autor – mit 15, 18 bzw. 20 Jahren. Mit der Eheschließung wechselt sie in „die hausherrliche Gewalt ihres Gatten“6 über. Die griechische wie römische Gesellschaft pflegt die Einehe, normalerweise unter Verbot der Geschwister- und teilweise sogar Verwandtenehe (14f). Als Frau des Hauses obliegt ihr nun die Erziehung der Kinder, die Aufsicht über die Sklavinnen und die Hausarbeit (27). Dass dazu auch eine gewisse finanzielle Verantwortung gehört, belegt das Bsp. Ciceros, der vom „Finanzgenie seiner Frau Terentia“ (27) erheblich profitiert. „There is some indication that in Asia Minor women were able to hold more positions in public life.“7 Es ist allgemein eine Entwicklung von der griechischen hin zur römischen Gesellschaft wahrzunehmen, welche die Position der Frau, nicht zuletzt gegenüber ihrem Ehemann, stärkt.

Eine solche Tendenz lässt sich allerdings nicht für die jüdische Frau erkennen: Zwar behauptet Josephus, dass es einen allgemeinen Unterricht in Lesen und Schreiben gäbe (Flav.Jos.Ant. 2, 204), dennoch sind Frauen vor Gericht auf die Unterschrift eines Tutors angewiesen (CPJ 453). Eine Klassengrenze scheint dabei keine Rolle zu spielen.8 Neben dem Erwerb der Grundfertigkeiten tritt die religiöse Erziehung, welche v.a. die Unterweisung in die für Frauen spezifischen Gebote und Verbote umfasste. Die rechtliche Stellung gestaltet sich ganz ähnlich der einer römischen Frau: Ihr pater familias ist ebenfalls entweder der Vater (in Vertretung: der Bruder) oder der Gatte. Immerhin kann sie Eigentum besitzen, das sie entweder geschenkt9 oder sogar ererbt bekommt, falls keine Söhne vorhanden sind.10 Dieses Vermögen kann die Frau zwar nicht ihrem Mann, wohl aber ihrem Sohn weitervererben.11

1.4.3.1 Position und Funktion(en) von Frauen in der jüdischen Religion

Das Hauptanliegen des Paulus im Galaterbrief ist bekannterweise, zu verdeutlichen, dass eine (freiwillige) Beschneidung die Galater dem jüdischen Gesetz komplett verpflichten würde. Aber Frauen werden im Judentum nicht beschnitten und auch sonst stellt sich das Verhältnis zum jüdischen Gesetz für Frauen und Männer unterschiedlich dar:1 Zwar gelten für Frauen mit wenigen Ausnahmen2 die gleichen Verbote, wie sie auch bei Zuwiderhandlungen dem gleichen Zivil- und Kriminalrecht unterworfen sind,3 doch besitzen sie nicht das Recht, als Zeugin aufzutreten4 und sind v.a. auf andere Weise den Geboten des Gesetzes unterworfen: „Man erklärte, daß sie nur zu denjenigen Geboten verpflichtet sei, deren Erfüllung nicht an eine bestimmte Zeit gebunden sei.“5 Auch mit Blick auf Ämter und Funktionen im jüdischen Kultus bietet sich ein ambivalentes Bild: Einerseits dürfen sie keine dezidierten Kultämter übernehmen,6 andererseits können bestimmte religiöse Funktionen, z.B. im Zusammenhang mit Lebensbeginn und -ende7 allein von Frauen ausgeführt werden.

Zudem interessant zu erwähnen ist das bereits von Sklaven bekannte Phänomen, persönliche Gelübde nur eingeschränkt ablegen zu können: Der Vater einer ledigen Frau – entsprechend dem Herr eines Sklaven – hat stets ein Einspruchrecht bei einem freiwilligen Gelübde, das dieses für nichtig erklären kann.8 „Heiratet ein Mädchen, so geht das Einspruchrecht vom Vater auf den Gatten über: er darf selbst solche Gelübde auflösen, die vor der Hochzeit geleistet wurden.“9 Lediglich Witwen und geschiedene Frauen können vollständig selbstbestimmt Gelübde ablegen (Num 30,10). Während die alttestamentlichen Gesetzestexte all diese unterschiedlichen Anforderungen und Verpflichtungen von Männern und Frauen ohne weitere Begründungen lediglich aufführen, reflektieren rabbinische Schriften später durchaus über deren Ursache. Hierbei wird stets darauf verwiesen, dass es sich beim Verhältnis Mann–Frau um keines auf Augenhöhe handelt. Dies wird an späterer Stelle noch genauer darzustellen sein.

Fragt man nun, wie Jesus und die frühen christlichen Gemeinden Frauen wahrnehmen und einbinden, so sei zunächst festzuhalten, dass keinerlei programmatische Emanzipation zu erkennen ist. Wohl aber wertet Jesus Frauen, indem er sich ihnen zuwendet, dennoch anders, als es in der damaligen jüdischen Gesellschaft üblich ist:10 Einerseits begegnet er notleidenden Frauen als Wohl- und Wundertäter – nicht anders wie anderen Hilfesuchenden und Randgruppen der Gesellschaft, wie etwa Zöllnern und Samaritanern. Indem Jesus sich etwa einer Witwe zuwendet, die dabei ist, ihren einzigen Sohn zu Grabe zu tragen (Lk 7,11–16), erweist er sich als Mildtäter, jedoch noch ganz im Rahmen der jüdischen Gemeinschaft. Wenn er andererseits Frauen dadurch würdigt, dass er sie lehrt und ihrem Alltag Gleichnisse widmet, überschreitet er darin die jüdischen Gepflogenheiten weit. Dennoch wählt er lediglich Männer zu seinen Jüngern und engsten Vertrauten, wenn auch Frauen als Unterstützerinnen und Anhängerinnen erwähnt werden.

Unser Bild der ersten christlichen Gemeinden ist einerseits von dem zwiespältigen Frauenbild der Paulusbriefe (1Kor 11,2–16; 14,33–40) und andererseits von den Berichten der Apg geprägt (Apg 1,14; 5,1–11; 16,14f u.w.). Ohne auf Details und Hintergründe an dieser Stelle näher eingehen zu können, ist festzustellen, dass das Gemeindeleben von Frauen aktiv mitgestaltet wird, diese teilweise auch Leitungsfunktionen übernehmen, was in unterschiedlicher Weise bewertet wird.

1.4.3.2 Verhältnis von Männern und Frauen zueinander

Die unterschiedliche Stellung und Funktion von Frauen und Männern in der jüdischen Religion ist nur der eine Punkt, der hier zu bedenken ist, der andere ist das Verhältnis von Frauen und Männern zueinander. Es wird v.a. von zwei Grundkomponenten bestimmt: 1) Das Machtgefälle vom Mann zur Frau und 2) die enge Bindung von (Ehe-)Mann und (Ehe-)Frau aneinander.

1) Das Machtgefälle: Wie die Beschreibung von Stellung und Funktion einer Frau innerhalb der jüdischen Gesellschaft gerade gezeigt hat, wird das Leben einer Frau im Wesentlichen von ihrem Verhältnis zu einem Mann (Vater oder Ehemann) bestimmt und es fußt stets auf der Grundüberzeugung: γυνὴ δὲ χείρων ἀνδρὸς εἰς ἅπαντα – „Die Frau ist in jeder Hinsicht geringer als der Mann.“1 Beispiele wie die eingeschränkte Möglichkeit, selbstständig Gelübde abzulegen, zeigen: „In einigen Stellen wird die Frau hinsichtlich der Erfüllung gewisser Gebote auf eine Linie mit den Sklaven u. Kindern gestellt.“2 Dies geschieht mit folgender Begründung: „Weil sie nur ein Herz (für ihren Mann) haben; ebenso ist das Herz des Sklaven nur auf seinen Herrn gerichtet. – Frauen u. Sklaven haben noch einen menschlichen Herrn über sich, u. dessen Dienst nimmt ihr Herz so in Anspruch, daß für den Dienst Gottes Zeit u. Kraft fehlt. Darum werden hinsichtlich der Gebotserfüllungen an die Frauen u. Sklaven geringere Ansprüche gestellt als an die Männer u. Freien.“3

Diese Vorstellung findet sich dann bekannterweise auch in den sog. christlichen Haustafeln wieder: αἱ γυναῖκες τοῖς ἰδίοις ἀνδράσιν ὡς τῷ κυρίῳ, ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς […] (Eph 5,22f).4 Paulus begründet die untergeordnete Stellung der Frau zudem wie folgt: Ἀνὴρ μὲν γὰρ οὐκ ὀφείλει κατακαλύπτεσθαι τὴν κεφαλὴν εἰκὼν καὶ δόξα θεοῦ ὑπάρχων· ἡ γυνὴ δὲ δόξα ἀνδρός ἐστιν. οὐ γάρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικὸς ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός· καὶ γὰρ οὐκ ἐκτίσθη ἀνὴρ διὰ τὴν γυναῖκα ἀλλὰ γυνὴ διὰ τὸν ἄνδρα (1Kor 11,7–9).

2) Die enge Bindung aneinander, wie sie direkt aus der jüdischen Anthropologie übernommen wird: ‎‏על כן יעזב איש את אביו ואת אמו ודבק באשתו והיו לבשר אחד‏‎ / ἕνεκεν τούτου καταλείψει ἄνθρωπος τὸν πατέρα αὐτοῦ καὶ τὴν μητέρα αὐτοῦ καὶ προσκολληθὴσεται πρὸς τὴν γυναῖκα αὐτοῦ, καὶ ἔσονται οἱ εἰς σάρκα μίαν (Gen 2,24/LXX). Dass für diese neue Bindung das Vaterhaus verlassen wird, die Grundzelle jeder antiken Gesellschaft, zeigt bereits, was dabei entsteht: die engstmöglich vorstellbare Bindung zweier Menschen aneinander – sie sind nur noch ein Fleisch. Jesus zitiert Gen 2,24, um von der Dauerhaftigkeit und wohl auch Tiefe dieser Bindung her gegen eine Ehescheidung zu argumentieren (Mt 19,5f). Paulus versucht durch eine Bezugnahme auf die ein-Fleisch-Aussage den Korinthern zu verdeutlichen, dass der Umgang mit Prostituierten kein nebensächliches Vergnügen ist, sondern Auswirkungen auf ihren Körper hat, der doch dem Herrn geweiht ist. Indem er τὸ σῶμα in diesem Zusammenhang als μέλος Χριστοῦ bezeichnet, verweist er bereits auf die zweite, nämlich die bildgebende Dimension der σὰρξ-μία-Vorstellung.

Die Ehe zwischen Mann und Frau wird zur Metapher für eine größtmögliche Nähe und Einheit. Im Eph findet sich diese Metapher dann für Christus und seine Gemeinde. Auf ein Gen 2,24-Zitat steht da: τὸ μυστήριον τοῦτο μέγα ἐστίν· ἐγὼ δὲ λέγω εἰς Χριστὸν καὶ εἰς τὴν ἐκκλησίαν (Eph 5,32). Christi Einheit mit seiner Gemeinde, die sich in seiner Liebe und seinem Sterben für die Gemeinde ausdrückt (Eph 5,25), ist nach Vorstellung des Eph demnach vergleichbar mit dem ehelichen σὰρξ-μία-Sein. Es wird gar reziprok als Vorbild dafür hingestellt, wie sich Mann und Frau zueinander verhalten sollen (Eph 5,33).

Dass die Einheit von Christus und der Gemeinde und damit dem einzelnen Gemeindeglied, verstanden als Glied seines Leibes, verstanden wird als maximale Einheit und Nähe, wie sie bisher nur in der Gemeinschaft von Frau und Mann zu finden war, ist ein Vorstellung, die sich in verschiedenen neutestamentlichen Schriften wiederfindet. Jedoch deutet bereits 1Kor 6,15–20 an, dass dies nicht zwangsläufig eine positive, wenn auch paränetische Einstellung zur Ehe nach sich ziehen muss. Denn es handelt sich nicht um zwei einander zwar vergleichbare, aber unabhängige einende Bindungen. Paulus argumentiert gegen den Umgang mit Prostituierten, weil dieser einen Einfluss auf die Christusbindung habe: καὶ τὴν περικεφαλαίαν τοῦ σωτηρίου δέξασθε καὶ τὴν μάχαιραν τοῦ πνεύματος ὅ ἐστιν ῥῆμα θεοῦ (1Kor 6,17).

Die jeweilige Bindung kann gar so eng aufgefasst werden, dass eine Art Konkurrenzverhältnis wahrgenommen wird, als könne man eine derartige Einheit nur einmal eingehen. Wenn auch die Taufe εἰς Χριστόν nicht ohne Weiteres mit der Entscheidung der Jünger für die Nachfolge gleichgesetzt werden soll, so kommt einem dennoch die Forderung des Verlassens sämtlicher Anverwandter als Voraussetzung für die Nachfolge (Lk 14,26f) in den Sinn. Die Entscheidung zur Nachfolge fordert demnach eine Unterordnung, wenn nicht einen Bruch mit allen wichtigen, tragenden bisherigen Bindungen.

Paulus wiederum leitet daraus das Ideal ab, unter einer gewissen Naherwartung, dass es besser ist, solche Bindungen, speziell die so grundlegende und enge der Ehe, gar nicht erst einzugehen: καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι (1Kor 7,1). Wer ledig ist oder Witwe, ebenso die Jungfrauen sollen möglichst allein bleiben. Zwar ist dies kein Gebot, θλῖψιν δὲ τῇ σαρκὶ ἕξουσιν οἱ τοιοῦτοι, ἐγὼ δὲ ὑμῶν φείδομαι (1Kor 7,28). Paulus bezeichnet diejenigen, welche versuchen, dem Gatten und dem Herrn gerecht zu werden, als μεμέρισται (1Kor 7,34) – „geteilt“ oder wie Luther kontextuell übersetzt: „geteilten Herzens“.5 Die Bindung an Christus wie auch die Ehe sind für Paulus derartig grundlegende Einheiten, dass es seiner Meinung nach eher das Individuum zerreißen muss, als diese Verbindungen.6

Mit Blick auf Gal 3,28c ist für das Verhältnis von Männern und Frauen also festzuhalten, dass einerseits ein deutliches, abhängiges Gefälle auszumachen ist und andererseits die wechselseitige Bindung aneinander derartig grundlegend verstanden wird, dass sie geradezu zum Paradigma für Einheit wird. Dieses wird verschiedentlich herangezogen, um das Verhältnis Christi zu seiner Gemeinde, aber auch Nachfolge für den Einzelnen zu illustrieren, teilweise in Konkurrenz zu menschlichen Bindungen. Über γὰρ angebunden wird dieser Aspekt in Gal 3,28d ja auch thematisiert.

Die Wahrnehmung, dass 1Kor 12 und Kol 3 ohne das Paar ἄρσεν/θῆλυ auskommen, bringt zwei weitere Fragen auf den Plan: 1) Macht der Argumentationskontext von Gal die Anführung dieses dritten Paares sinnvoll oder gar notwendig?7 2) Wie stellt sich das Verhältnis zu den beiden anderen Paaren dar? Es ist bereits dargelegt worden, dass die Gegensatzpaare Ἰουδαῖος/Ἕλλην und δοῦλος/ἐλεύθερος inhaltlich und motivisch in Gal auch sonst aufgegriffen und problematisiert werden,8 wobei rechtsgeschichtliche Betrachtungen gezeigt haben, dass die Erbthematik Sohn/Sklave zumindest indirekt auch das Verhältnis männlich-weiblich betrifft, insofern als Frauen nur eingeschränkt erbberechtigt sind.

Betrachtet man den direkten Kontext, in dem alle drei Paare geboten werden, wird die Verbindung zu einem anderen Schwerpunkt des Gal jedoch noch deutlicher: Bewirkt wird die dreimalige Negierung bisheriger Kategorien durch die allen, auf gleiche Weise, gewährte Taufe – im Gegensatz zum bisherigen Initiationsritus Beschneidung, welcher lediglich an Männern vollzogen wird. Eine Ergänzung der Taufe um die Beschneidung würde demnach nicht nur alle zu Juden machen und damit an das Gesetz binden, sondern auch die neue „Gleichbehandlung“ negieren. Die gewählte Umschreibung des Taufvorgangs, nämlich sich ganz in Christus hinein zu begeben, funktioniert als Metapher ebenfalls für beide Geschlechter. Sie ist oben bereits als völlig neue, engste und zugleich grundlegende Bindung dargestellt worden. In dieser Weise entsteht in der Taufe eine Bindung, welche zur bisher engsten, grundlegenden Bindung eines Menschen – der Bindung an den jeweiligen Ehepartner – mindestens in Konkurrenz steht, wenn nicht diese ersetzt, denkt man etwa an die Empfehlung der Ehelosigkeit (1Kor 7,1).

Darüber hinaus bietet auch die Zusammenschau der drei Paare weiteren Aufschluss über die Art ihrer Beschaffenheit und damit ihrer möglichen Negierung: Unhaltbar scheint die These geworden zu sein, dass sie einzeln für die religiöse, soziale und biologische Grundunterscheidung der antiken Gesellschaft stehen.9 Viel mehr beinhalten alle drei Paare rechtliche, soziale, religiöse und weitere Aspekte, sodass Meeks zu Recht feststellt, dass: „[…] in verse 28 all the pairs refer quite concretely to social statuses.“10

Inwieweit Gal 3,28c kategorial auf einer Linie mit Gal 3,28a.b gesehen wird, hat erhebliche Auswirkungen auf die Interpretation von οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ. Entsprechend könnte die Vielfalt der diesbezüglichen Forschungspositionen kaum größer sein. Es lässt sich dennoch eine grundlegende Entscheidung ausmachen, dass die Negierung entweder mit dem Gottesverhältnis oder dem zwischenmenschlichen Verhältnis der beiden, nicht aber mit beiden zugleich, in Verbindung gebracht wird.

Forschungsüberblick zu ὀυκ in Gal 3,28c

1. Negierung des unterschiedlichen Status im Gottesverhältnis: „Mann bleibt Mann und Frau bleibt Frau, auch nach der Taufe –, aber sie [die Unterschiede, CM] haben jegliche Heilsbedeutung vor Gott verloren.“11 Die Taufe kommt, anders als die Beschneidung, Männern und Frauen in gleicher Weise zugute und bewirkt durch die „Bekleidung mit Christus“ für beide eine ganz neue, gleiche Stellung vor Gott, was allerdings nicht zwangsläufig auch eine Gleichheit in der Kultpartizipation nach sich ziehen muss.12

2. Negierung des bisherigen Verhältnisses zueinander: In dem neugestalteten Gottesverhältnis sehen manche Exegeten auch Auswirkungen für das Verhältnis von Männern und Frauen nach der Taufe. Jedoch kann die Negierung auf drei unterschiedliche Aspekte des bisherigen Verhältnisses bezogen werden:

2.1 Aufhebung der Unterscheidung von ἄρσεν καὶ θῆλυ: Die neutrische Form sowie die Parallelen aus christlicher Gnosis und Apokryphen sprechen dafür, dass nicht nur die soziale Emanzipation der Frauen im Blick ist, sondern „die metaphysische Beseitigung der biologischen Geschlechtsunterschiede als Folge der Erlösung in Christus“13 – also Androgynie.14 Mit Bezugnahme auf den Kontext (Gal 6,15) kann dies entweder als καινὴ κτίσις verstanden werden oder als Restauration des paradiesischen Urzustandes: Gottebenbildlichkeit, Herrlichkeit und v.a. die ursprüngliche Einheit des Menschen – der „androgyne Urmensch“.15 Diese Interpretation stützt sich auf „eine Lesart von Gen 1,27, nach der der Mensch ursprünglich als androgynes Wesen nach dem Bild Gottes geschaffen war und dann in eine männliche und eine weibliche Hälfte geteilt wurde (Gen 2,21f).“16 Dass hier tatsächlich eine „Transformation ontologischer Kategorien“17 vorliegt – entgegen den sich lediglich auf soziale Rollenverhältnisse beziehenden voranstehenden beiden Paaren –, kann auf den Christus-Anthropos-Mythos zurückgeführt werden,18 einer androgynen Christusvorstellung.19 Da sich für die androgyne Argumentation aber weder alt- noch neutestamentliche Vergleichstexte finden lassen, kann ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ auch als „Annullierung der sexuellen Polarität“20 im Sinne von Asexualität21 interpretiert werden, vergleichbar dem apokalyptischen Motiv, dass die Auferstandenen nicht mehr heiraten werden, „sondern (asexuell) wie die Engel sind“.22 Ähnliche (allerdings paränetische) Tendenzen lassen sich etwa auch in 1Kor 7 finden.

2.2 Aufhebung der Unterschiede zwischen ἄρσεν καὶ θῆλυ: Als Folge der neuen Androgynität (oder auch ohne diese Vorstellung) hat ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ politische und soziale Implikationen und kann als „Emancipation Proclamation for Women“23 verstanden werden, „which legitimized the ministry and place especially of single women in Christ, such as is illustrated in the well known story of Paul and Tecla.“24 Dass die vielfältigen Unterschiede in den gesellschaftlichen wie privaten Rechten und Pflichten zwischen Männern und Frauen nicht mehr bestehen sollen, ist eine revolutionäre Forderung – das oben beschriebene antike Ideal sollte demnach tatsächlich umgesetzt werden. An dieser Stelle allerdings von einer Abschaffung der Diskriminierungen und dem allen gleichen Initiationsritual als dem ersten, über sich hinausweisenden Schritt von der Gleichbehandlung hin zur Gleichstellung von Männern und Frauen25 zu sprechen, scheint doch anachronistisch. Derartige konkrete Folgen, auch nur für die Gemeinschaft der Getauften, können aber auch grundsätzlich angezweifelt werden und die Aufhebung der Unterschiede als lediglich spirituell, erst im Himmel oder sakramental verborgen verstanden werden. Schlier etwa betont die „Wirklichkeit der Gleichheit aller in Christus Jesus“26 und sieht die „natürliche Individualität im Blick auf die Gesamtheit und im Blick auf den Einzelnen in der sakramentalen Wesenheit des Leibes Christi und seiner Glieder erloschen.“27 Jedoch fügt er an: „[…] so hüte man sich, aus ihm [V. 28, CM] direkte Folgerungen für die Ordnung des kirchlichen Amtes oder auch der politischen Gesellschaft zu ziehen.“28

2.3 Aufhebung der Bindung von ἄρσεν καὶ θῆλυ aneinander: Das verbindende καί statt dem kontrastierenden οὐδέ, der adjektivische Sprachgebrauch sowie der kreatürliche Faktor sprechen dafür, dass dieses dritte Paar – anders als die beiden voranstehenden – nicht auf die Gegensätzlichkeit, sondern ihre Bindung aneinander abhebt. Die in der Taufe grundgelegte neue Bindung an Christus (laut Gal 3,27b) löst einerseits bisherige Bindungen und Abhängigkeiten auf und führt andererseits zu neuen zwischenmenschlichen Bindungen, bis hin zur Einheit (Gal 3,28d).29 Im priesterschriftlichen Schöpfungsbericht werden Mann und Frau einander zugeordnet und mit dem Fortpflanzungsauftrag aneinander gebunden (Gen 1,27f). Im nicht-priesterschriftlichen Schöpfungsbericht überbietet die Bindung aneinander sogar diejenige an die Eltern und ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν (Gen 2,24).30 Die Taufe auf Christus führt aber zur καινὴ κτίσις (Gal 6,15; vgl. auch 2Kor 5,17)31 und darin gilt: πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (Gal 3,28d). Christi Tod löst und befreit vom Gesetz, aber löst er auch Bindungen zu Menschen? Der Ruf in die Nachfolge zwingt immer zur Entscheidung, wo eine Bindung – ob an Werte32 oder Personen33 – in ein Konkurrenzverhältnis zu Christus tritt. Diese völlige Neugestaltung menschlicher Bindungen, nach Gal 3 in der Taufe verortet, wirkt dann auch auf die Beziehungen zwischen den Getauften (siehe Gal 3,28d): „Die soziologische Basis, auf der das Christentum beruht, sind nicht – wie im Judentum – die Verwandtschaftsbindungen, sondern die Bindungen der Gemeinschaft – Gemeinschaft in Christus.“34

Auch wenn 3,28c aus der vermeintlichen Parallelität herausfällt, soll eine endgültige Interpretation gerade im Kontext der beiden anderen geboten werden, v.a. da die Vielfalt der Deutungsansätze nahelegt, dass eine isolierte Interpretation dieser nur fünf Wörter zwangsläufig einen spekulativen Charakter beibehält.

1.4.4 Zusammenfassung Gal 3,28a–c

Neben der Kürze und Formelhaftigkeit dreht sich die Problematik der Auslegungsgeschichte von Gal 3,28a–c im Wesentlichen um zwei Fragen:

1) Wie ist οὐκ ἔνι angemessen zu verstehen und zu übersetzen? Als Möglichkeiten bieten sich an: „ist nicht mehr“ / „gilt nicht mehr“ / „wird nicht mehr gelten“ / „hat keine Relevanz mehr“.1

2) Wird diese grundlegende Neuerung für das unterschiedliche Gottesverhältnis der Paare ausgesagt oder aber für ihr Verhältnis zueinander? Die meisten Exegeten sehen sich genötigt, sich für eins der beiden Verhältnisse zu entscheiden.

Die Beantwortung der beiden Fragen steht in einem engen wechselseitigen Zusammenhang. Viele Exegeten deuten das οὐκ ἔνι abhängig von der vorherigen Entscheidung darüber, ob die horizontale oder aber die vertikale Dimension angesprochen ist. Schwierigkeiten ergeben sich oft erst dann, wenn eine eingehendere Analyse aufdeckt, dass horizontale und vertikale Aspekte in diesem Zusammenhang nicht ohne Weiteres zu trennen sind. Es stellt sich dann aber schnell die Frage, ob οὐκ ἔνι coram deo und coram hominibus in gleicher Weise zu verstehen ist.

Die obige ausführliche Untersuchung hat nun mit Blick auf Situation und sonstige Diskussionslage in den frühchristlichen Gemeinden gezeigt, dass zudem Unterschiede zwischen den einzelnen Paaren wahrzunehmen sind. Für Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην etwa stellt sich die frühchristliche Situation ganz anders dar als für ἄρσεν καὶ θῆλυ. Spätestens hier zeigt sich, dass eine eschatologische Interpretation keineswegs die Problematik auflöst. Denn im gleichen Brief fordert Paulus aufs Heftigste, dass das οὐκ ἔνι bereits jetzt Auswirkungen haben muss bzw. hat. Die These, dass nur das erste Paar von eigentlicher Relevanz für Paulus in Gal wäre, funktioniert zwar insoweit, dass sich ähnliche Äußerungen auch an anderen Stellen des Briefes finden lassen (z.B. Gal 5,6; 6,15 u.ä.), wirft aber dennoch zwei Fragen auf: 1) Warum reduziert er dann die Tradition in Gal 3 nicht auch auf das erste Paar? Dass sie variiert werden kann, zeigen ja schließlich 1Kor 12,13 und Kol 3,11. 2) Was aber bedeutet es, dass die vorpaulinische – aus dem Taufzusammenhang stammende – Tradition alle drei Paare bietet?

Die ausführlichen Untersuchungen der drei Paare sowie die Gesamtschau der Tradition legen für die gerade dargestellte komplizierte Gesamtlage folgende Interpretation nahe: Das präsentisch zu verstehende οὐκ ἔνι bezieht sich sowohl auf die bisherige Unterschiedlichkeit im Gottesverhältnis, wie auch das bisherige Verhältnis der Genannten zueinander, wobei sich Zweiteres aus Ersterem ableitet. Wie es sich um kategorial sehr unterschiedliche Paarungen handelt, so gestalten sich auch die neuen Verhältnisse der drei Paare, v.a. auf der horizontalen Ebene, durchaus unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen aber, dass die neue Gleichheit coram deo sich auf die Verhältnisse coram hominibus auswirkt – und zwar bei allen drei Paaren.

οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ἕλλην (3,28a): In der Taufe gehen Juden wie Griechen einerseits eine Bindung zu Christus und andererseits eine Bindung zueinander ein, welche beispielsweise in der gebotenen Tischgemeinschaft zum Ausdruck kommt. In dem Gegensatzpaar werden somit sowohl Religions- als auch Volkszugehörigkeit ausgedrückt, da beides aus jüdisch-theologischer Sicht nicht zu trennen ist. Kontextuelle Untersuchungen machen dennoch deutlich, dass nicht nationale Unterschiede im Blick sind, sondern die um sich aus der Berufung Abrahams und des jüd. Volkes ergebende Unterscheidung zwischen Juden und anderen Völkern im Allgemeinen. οὐκ ἔνι meint in diesem Zusammenhang, dass es auch nach der Taufe unterschiedliche Völker und letztlich auch Religionen bleiben, wie die Ablehnung der Beschneidung für Heidenchristen deutlich macht, auch wenn sämtliche soteriologische Relevanz der Unterscheidung wegfällt. Doch auch wenn dies durchaus aktuell und real zu verstehen ist, handelt es sich keineswegs um das einzig wesentliche oder auch nur zentrale Paar der Aufzählung.

οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος (3,28b): Während das Gottesverhältnis von Sklaven bisher durch die Ansprüche ihrer Herren eingeschränkt werden konnte, bedeutet die Taufe εἰς Χριστόν, welche keinerlei Gesetzesforderungen nach sich zieht, die Unerheblichkeit des Sklave- oder Freiseins im Gottesverhältnis. Auf der realen gesellschaftlichen Ebene meint dies keine Sozialrevolution – weder gesamtgesellschaftlich noch innerhalb der christlichen Gemeinde. Doch wenn ein Christ auch weiterhin einen Christen zum Sklaven haben kann, führt ihre Gleichwertigkeit vor Gott zu einer neuen Ebenbürtigkeit auf geistlicher Ebene: Sind sie beide υἱοὶ θεοῦ (3,26), so haben sie sich auch untereinander wie ἀδελφοί zu verhalten. Zugleich ist das Gegensatzpaar im Kontext der allgemeinen Befreiungs-Erbschafts-Thematik einzuordnen, welche vor jeder Art von freiwilliger Versklavung, v.a. unter das Gesetz warnt.

οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ (3,28c): In der für beide gleichen Taufe gehen Männer wie Frauen die alles entscheidende Gottesbindung ein. Ausgehend von sonstigen paulinischen Äußerungen und Berichten aus paulinischen Gemeinden zieht dies weder eine Aufhebung der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau, noch der Zweigeschlechtlichkeit oder Gottebenbildlichkeit nach sich. Wie Paulus die Sklaverei nicht abschafft, so hat er auch keine Gleichberechtigung nach modernem bzw. postmodernem Vorbild im Sinn. Dennoch lassen sich zwei geradezu revolutionäre Aspekte festhalten: Dass die Taufe in gleicher Weise an beiden durchgeführt wird und damit auch beide auf gleichem Wege gerechtfertigt werden, stellt einen kategorialen Unterschied gegenüber jüdischer Kultpraxis dar, welche das (soteriologisch notwendige) Bundeszeichen lediglich an Männern durchführt. Angesichts der (teilweise phantasiereichen) Fülle an Deutungsversuchen zu οὐκ ἔνι scheint am plausibelsten, dass das direkte Zitat aus Gen 1,27 nach der oben dargelegten Argumentation darauf verweist, dass die Taufe nicht die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich negiert, sondern die Bezogenheit von Mann und Frau als engst mögliche Bindung ablöst und zugleich steigert: einerseits durch die Christusbindung des einzelnen und andererseits durch die Gemeinschaft der Christusgläubigen untereinander (siehe 3,28d).

Für alle drei Paarungen lässt sich demnach festhalten, dass die Gleichheit coram deo einerseits in der Taufe εἰς Χριστόν begründet wird und andererseits durch diese auch zum Ausdruck gebracht wird, indem sie bei wirklich allen Menschen in gleicher Weise durchgeführt wird. Diese Gleichheit wirkt sich sodann auf das Verhältnis der Christusgläubigen untereinander aus, indem die Taufe eine ganz neue Art von Gemeinschaft und Einheit zwischen den so unterschiedlichen Gruppierungen und – wie 3,28d zeigen wird – sämtlichen Getauften bewirkt. Sie hat ihre Ursache allein in der in der Taufe eingegangenen Christusbindung. Die Taufe εἰς Χριστόν ist damit nicht allein das rettende Initiationsritual des einzelnen, sondern wird auch zum Identitätsmarker der Gemeinschaft, wie Paulus im Folgenden pointiert festhält.

1.5 πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (Gal 3,28d)
1.5.1 Kontextuelle Einbindung von Gal 3,28d

Während die bisher besprochenen Einzelaussagen der Perikope beinahe unabhängig voneinander gereiht erscheinen können, lassen sich für Gal 3,28d Relationen zu sämtlichen Einzelaussagen des Abschnittes wahrnehmen, seien sie syntaktischer, inhaltlicher oder auch argumentativer Natur. In dem πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ bündeln sich nicht nur verschiedene Einzelaspekte des voranstehenden paulinischen Gedankenganges, sondern diese wenigen Worte bilden auch das Gelenk zur folgenden Thematik der Erbberechtigung wirklich aller, die dann ab 3,29 entfaltet wird. Welcher Art die Bezugnahmen zum Kontext sind, kann allerdings durchaus diskutiert werden und hängt nicht zuletzt an der notwendigen textkritischen Entscheidung zur Stelle. Folgende näher zu erläuternde Fragestellungen ergeben sich aus den Kontextrelationen:

Welche Bedeutung hat der geradezu parallele Aufbau zu 3,26: πὰντες γὰρ … ἐστε … ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ?1 Ist 3,28d als Wirkung der Taufe aufzufassen (3,27a), evtl. als Explikation des mit εἰς Χριστὸν benannten Christusbezuges, wie auch 3,27b? Ist der räumliche Aspekt in 3,27b auch in 3,28d wahrzunehmen? Die oben dargestellte Interpretation von 3,28a–c als eine grundsätzliche Verneinung von Unterscheidungen und deren Relevanz (anstatt etwa von Unterschieden) hängt wesentlich an der in 3,28d gebotenen Begründung der Einheit aller.2 Zunächst ist also zu untersuchen, ob 3,28d tatsächlich als Einheitsaussage zu verstehen ist, um dann ggf. zu fragen: Von welcher Art ist diese Einheit – beschrieben durch εἷς – und enthält diese positive Bestimmung noch mehr als die voranstehenden negierten Paarungen? Das bereits thematisierte Christusverhältnis findet sich auch in 3,29a (εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ) und wird dort begründend für die beiden folgenden zutiefst soteriologischen Aussagen herangezogen. Inwieweit wird dies bereits in 3,28d vorbereitet?3 Oder ist die Verbindung vielmehr im Einheitsaspekt zu sehen, welcher sich in der Betonung des einen τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα wiederfindet? Die vielfältigen Bezugnahmen lassen sodann erneut die Frage nach Umfang und Hauptaussage der vorliegenden Tradition und der gesamten Perikope aufkommen.

Dass sich viele der hier angefragten Kontextverbindungen als zutreffend und zudem konstitutiv für die gesamte Argumentationsstruktur des Abschnittes erweisen werden, verdeutlicht die Zentralstellung dieser wenigen Worte nicht allein in der Perikope, sondern auch die Bedeutung der Argumentation 3,26–29 für den gesamten Brief.

1.5.2 Forschungsüberblick zu Gal 3,28d

Die dargestellten vielfältigen Beziehungen zum Kontext haben im Verlauf der Forschungsgeschichte sehr divergierende Interpretationen nach sich gezogen. Zusätzliche Erweiterung erfährt die Deutungslandschaft durch den Umstand, dass ja bereits für die Phrasen 3,27b und 28a–c, wie oben dargestellt, erheblich divergierende Auslegungen im Raum stehen. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ entweder als Gleichheit aller oder aber als Einheit aller interpretiert wird. Einzelne Kommentatoren meinen auch beide Aspekte erkennen zu können.

1) Die Gleichheit aller in Christus Jesus: Versteht man γάρ als kausale Konjunktion, welche 3,28d begründend an 3,28a–c anschließt, und interpretiert die Negation der drei Gegensatzpaare zugleich dahingehend, dass es keine Unterschiede mehr gibt, so ergibt sich für 3,28d sinngemäß: „denn ihr seid alle einer in Christus Jesus […] denn ihr seid alle gleich.“ Worin die Gleichheit besteht und inwieweit sie bereits realisiert ist, darin jedoch unterscheiden sich die Vertreter dieser Position: „not that all Christians form a corporate unity, but that in Christ each man stands on the same level as his neighbour“.1 Während diese Auffassung Duncans die Gleichheit auf die Position bezieht, also hierarchische Strukturen verneint, geht die Interpretation Kählers tiefer: „denn insgesamt haben sie ja ein einheitliches Wesen kraft ihres Verhältnisses zu Christo Jesu.“2 Burton wiederum versteht Gal 3,28d überhaupt nur für einen positiven Ausdruck des bereits in 3,28a–c Gesagten: „[A]ll these distinctions vanish (there is no respect of persons with God); it is as if it were always the same person reappearing before him.“3

Als Ursache dieser Gleichheit wird zumeist allgemein das Taufgeschehen angegeben, wenn die Frage überhaupt gestellt wird. In dieser Weise argumentiert auch Mußner, wobei er in gewissem Maße auf der bildlichen Ebene bleibt: „Das εἷς ἐστε resultiert für Paulus aus dem vorausgehenden Χριστὸν ἐνεδύσασθε: weil alle bei der Taufe denselben ‚Christum angezogen‘ haben, sind sie alle durch die Taufe εἷς geworden.“4 Darauf stützt er sodann seine bekannte Deutung des „eschatologischen Einheitsmenschen“.5

Zur Interpretation von Gal 3,28d als bloße Gleichheitsaussage ist kritisch anzumerken, dass wie bereits angeklungen 3,28d auf vielfältige Weise in den Kontext eingebunden ist. Seine Bedeutung allein von 3,28a–c herzuleiten, gestaltet sich daher als schwierig. Bezüglich des dazu angeführten γάρ ist anzumerken, dass es einerseits auf Grund des beinahe inflationären Vorkommens nicht überzubewerten ist und andererseits sich ebenso auf einen größeren vorangehenden Abschnitt kausal beziehen könnte, z.B. 3,26–28. Außerdem ist zu prüfen, ob sich die hier zitierte Form erstens textkritisch sicher als ursprüngliche Variante erweisen lässt und ob zweitens besagtes εἷς eine Gleichheitsaussage überhaupt ermöglicht. Wird das ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ-Sein als Ursache der Gleichheit (ggf. herbeigeführt durch die Taufe) identifiziert, so wird dabei selten untersucht, ob die sonstige, formelhafte Verwendung von ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ-Aussagen ebenfalls mit Gleichheitsaussagen in Verbindung gebracht wird oder ob an den entsprechenden Stellen nicht andere Wirkungen und Aspekte im Vordergrund stehen.

2) Die Einheit aller in Christus Jesus: Die absolute Mehrheit der Exegeten sieht in εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ eine Aussage über die Einheit aller, die etwa in 3,28a–c in ihren verschiedenen Gruppierungen benannt werden. Dabei lassen sich ganz unterschiedliche Auffassungen wahrnehmen, von welcher Art diese Einheit und wie ihr Verhältnis zu Christus Jesus zu verstehen ist. Viele Ausleger nehmen eine Art kollektive Einheit an, ohne diese weiter zu beschreiben.6 Witherington III qualifiziert sie immerhin als „theologically prior to and more primary than the obvious distinctions which do and should exist in the covenant community.“7 Damit bietet er zugleich eine der möglichen Verhältnisbestimmungen zu 3,28a–c an, welche ebenfalls sehr unterschiedlich ausfallen können. Für Hansen etwa laufen 3,28a–c und 3,28d auf die gleiche Aussage zu: „[t]he social unity“,8 welche sich aus zwei Wurzeln speist: „from the singularity of Christ and the believers‘ new corporate identity in him.“9 Die an Christus bindende Taufe hat für ihn „negated all other criteria for participation, including, most prominently, the law.“10 Der Einheitsaspekt gewinnt dabei eine derartige Zentralität, dass Hansen diese vorpaulinische Tradition als „the baptismal unity formula“ bezeichnen kann.11

Daneben treten Interpretationen, welche die Einheit mit Verweis auf die bewusst gewählte maskuline Form εἷς personal verstehen, wie etwa de Boer: „presumably the Greek word for human being, anthropōs, which is also grammatically masculine, is to be supplied (cf. Col 3:9): They are all ‚one [human being] in Christ Jesus‘ […] to what amounts to a new humanity, defined by Christ.“12 In eine ähnliche Richtung lässt sich auch Martyn lesen, wenn bei ihm auch bereits die klassische Interpretation durchscheint, welche ein personal verstandenes εἷς mit Christus identifiziert: „Members of the church are not a thing; but are one person, having been taken into the corpus of the One New Man.“13 Er sieht darin „the beachhead of God’s new creation“,14 schreibt aber gleichzeitig: „In Christ […] persons who were Jews and persons who were Gentiles have been made into a new unity that is fundamentally and irreducibly identified with Christ himself as to cause Paul to use the masculine form of the word ‚one.‘“15 Überhaupt ist wahrzunehmen, dass unterschiedlich intensiv darüber reflektiert wird, dass es nicht Χριστός, sondern ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ heißt. Hartman, welcher den Schwerpunkt in der Christusbindung ausmacht, schreibt etwa: „Die von den Christusbedingungen Betroffenen teilen ein überindividuelles Leben, das Jesus Christus genannt wird.“16

Wenn diese letzten beiden auch feststellen, dass 3,28d selbst keine dezidierte Leib-Christi-Metaphorik enthält, schlagen sie doch beide17 bereits den Bogen zu der wohl am breitesten rezipierten Interpretation des εἷς, nämlich als Bezeichnung für den Leib Christi (σῶμα Χριστοῦ). Stellvertretend sei dafür Dunn zitiert: „[…] he [Paul, CM] regularly spoke of many believers as ‚one‘, using the imagery of a single body consisting of many members […], and this is probably what he had in mind here, as the parallel between the trains of thought in 1 Cor. xii. 13–14 and verses 27–8 suggests“.18 Dabei betont er: „[…] not as a levelling and abolishing of all racial, social or gender differences, but as an integration of just such differences into a common participation ‚in Christ‘“.19 Ähnlich Cullmann, welcher die in 3,27a erwähnte Taufe dann als „Einordnung in Christi Leib“ durch Gott versteht.20

Einen Spezialfall innerhalb der Leib-Christi-Interpretation stellt Betz dar, womit er zum Abschluss dieses Überblicks noch einmal illustriert, wie erheblich sich die Deutungen der wenigen Vers(abschnitt)e Gal 3,27f wechselseitig beeinflussen können: „Da Christus androgyn ist, würde dies auch für seinen ‚Leib‘ gelten und ebenso für die Christen, die Glieder an diesem ‚Leib‘ sind.“21

Die durchaus divergierenden Interpretationen von Gal 3,28d als „Einheit aller in Christus Jesus“ provozieren zwei kritische Rückfragen: 1) Wenn εἷς tatsächlich das σῶμα Χριστοῦ meint,22 ist diese Vorstellung dann bereits der Tradition immanent gewesen oder paulinische Ausdeutung der knappen Formel? 2) Kann ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ tatsächlich als Identifikation mit Χριστός verstanden werden? Hierbei handelt es sich um eine Frage, die auch nichtpersonale Einheitsdeutungen kaum reflektieren.

3) Gleichheit und Einheit aller in Christus Jesus: Mit unterschiedlichen Begründungen sowie unterschiedlichen Ansätzen gelingt es einigen Exegeten, den Einheits- und den Gleichheitsaspekt zu verbinden: „There is little ground for a choice between the two ideas. Both are equally Pauline and equally suitable to the immediate context.“23 Nach Halter würde eine schwerpunktmäßige Betonung des einen oder anderen Aspektes sogar zu einem schiefen Verständnis des Gesamtzusammenhanges führen.24 Wie aber kann εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ gleichzeitig als Einheit und Gleichheit aller verstanden werden?

Laut Longenecker stehen die beiden Dimensionen des εἷς in einem kausalen Verhältnis zueinander: „[…] that ‚in Christ Jesus‘ there is a new ‚oneness‘ that breaks down all former divisions and heals injustices.“25 Eine ähnliche Argumentation findet sich auch bei Rohde, obwohl er die Gleichheit (bezogen auf 3,28a–c) ganz anders verstehen kann: „[…] daß alle in Christus eine Einheit bilden und auf diese Weise alle in derselben Beziehung zu Gott stehen.“26 Schlier gelingt es sodann – als Vertreter der Leib-Christi-Interpretation – beide Aspekte innerhalb des Bildes zu verorten: „[S]ie sind in Christus alle zusammen Einer, der Leib Christi; sie sind es freilich so, daß jeweils jeder Einzelne im Verhältnis zum Anderen Christus ist, also deutlicher: daß sie nur noch Glieder Christi sind.“27

Diese Beispiele verdeutlichen erneut, dass der unmittelbare Kontext unter bestimmten Voraussetzungen beide Interpretationsrichtungen hergibt. Sowohl γάρ als auch das folgende εἰ δέ fordern geradezu eine kontextimmanente Deutung. Der Bezugspunkt der beiden Proformen kann aber ganz unterschiedlich ausgemacht werden und selbst dann hängt die Auslegung von der Vorinterpretation entweder von 3,27a oder 3,27b oder 3,28a–c oder auch 3,29 ab. Auch „Kombinationsversuche“ lösen die Fragestellung m.E. nicht, sondern verquicken lediglich die Gemengelage. Die folgende Untersuchung hat als Minimalziel, einen Teil der Deutungsvarianten auszuschließen. Leitend dazu sollen die oben aufgeführten kritischen Anfragen sein.

1.5.3 Textkritische Problematik von Gal 3,28d

Wie bereits festgestellt liegt ein Teil der diskutierten Problematik in der diffizilen textkritischen Lage begründet. Jedoch wird die sich anschließende Erörterung der belegten Varianten erweisen, dass nicht erst Textverderbnis o.ä. zu einer unsicheren Textbasis und damit schwierigen Ausgangslage für die Interpretation geführt hat, sondern dass die unterschiedlichen Varianten der ältesten Zeugen – teilweise mit mehrfachen Korrekturen – auf eine frühe Diskussion und unterschiedliche Verstehensmöglichkeiten hinweisen. Die wesentlichen, von Nestle/Aland28 aufgenommenen Textversionen zu 3,28d sind folgende: 1) ἕν εστε εν Χριστω, 2) εστε Χριστου, 3) εστε εν Χριστου (evtl. zu lesen als ἕν Χριστου), und 4) die als txt gelesene Version εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ. Sie sollen im Folgenden einzeln auf die Qualität ihrer Bezeugung sowie auf die Plausibilität in Vers und Kontext hin untersucht werden.

1) […] πάντες γὰρ ὑμεῖς ἕν ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ – „[…] denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“: Erst ab der 26. Auflage listen Nestle/Aland diese lediglich von drei Zeugen belegte Variante auf. Alle drei werden erst auf das 9. Jh. datiert, wobei die beiden Majuskeln Codex Augiensis (Fp/010) und Codex Boernerianus (Gp/012) der Textwertkategorie II bzw. III zugeordnet werden,1 die Minuskel 33 hingegen der höchstens Kategorie. Jedoch bezeugen diese die wohl einfachste Aussage unter den belegten Varianten. Die neutrische Form zielt dabei lediglich auf eine Einheitsvorstellung, wie sie aus unterschiedlichen ekklesiologischen paulinischen Texten bekannt ist2 – hier herbeigeführt durch das „sich-mit-Christus-Umgeben“ in der Taufe und leicht als Konsequenz aus der neuen Unterscheidungslosigkeit und damit auch Zusammengehörigkeit zu verstehen, welche in 3,28a–c beschrieben wird. Nimmt man 3,27f als eine stringente Argumentation, mglw. sogar Tradition an, so wirft diese Einheitsvorstellung „in Christus Jesus“ nicht nur ein Licht zurück auf das Aufeinanderverwiesensein, wie es in 3,28a–c thematisiert wird, sondern spricht zugleich für eine räumliche Vorstellung von 3,27b: Wo doch die Einheit nicht zuletzt darin begründet wird, dass alle Getauften sich – erstmals ohne Unterschied – „in diesem Christus“ wiederfinden. Jedoch ist die Bezeugung so schwach, dass diese Variante 1 kaum als ursprünglich angenommen werden kann, sondern eher als späterer Versuch der Vereinfachung verstanden werden muss.

2) […] πάντες γὰρ ὑμεῖς ἐστε Χριστοῦ Ἰησοῦ – „[…] denn ihr seid alle des Christus Jesus“: Zunächst3 bieten Nestle/Aland überhaupt nur diese Variante als Alternative zu txt und können dazu mit dem P. Chester Beatty III (P46; um 200), einer Korrektur des Codex Sinaiticus (‎‏א‏‎ / 01; 4. Jh.)4 und dem Codex Alexandrinus (A/02; 5. Jh.) drei sehr alte Majuskeln mit der Textwertkategorie I anführen. Damit ist die Variante ähnlich gut belegt wie txt und bietet zudem eine verständliche Aussage, die auch der darauffolgende Vers kennt: Über den Genitiv wird die Zugehörigkeit zu Christus ausgedrückt (vgl. 3,29a). Auch der Anschluss über εἰ δὲ ὑμεῖς kann als bewusste Wiederholung verstanden und damit einer Harmonisierungsargumentation für Gal 3,28d entgegengehalten werden. Zudem handelt es sich bei der Genitiv-Konstruktion um einen von Paulus des Öfteren auf Christus angewendeten Ausdruck.5 Die vorangehende Argumentation ließe sich dann dahin deuten, dass in der Taufe diese Zugehörigkeit zu Christus grundgelegt wird, indem εἰς Χριστόν getauft wird – ein Gedanke, welcher ja auch ἐνδύομαι Χριστόν eignet. Die Einleitung über πάντες γάρ zielt dann weniger auf das Aufeinanderverwiesensein der drei Gegensatzpaare in 3,28a–c ab (wie bei Variante 1), sondern allgemeiner auf das wirklich-alle-einschließende-Element der Taufe. Dabei ist zu überlegen, ob das „des-Christus-Sein“ bereits als eigene Kategorie verstanden wird, und zwar als die einzig entscheidende, welche jede andere (bisherige) Kategorisierung obsolet und gegenstandslos werden lässt. Dazu aber mehr im Zusammenhang mit 3,29a.

3) […] πάντες γὰρ ὑμεῖς ἐστε ἐν/ἕν Χριστοῦ Ἰησοῦ – „[…] denn ihr seid alle in Christus Jesus“ oder „[…] denn ihr seid alle eins des Christus Jesus“: Die dritte Variante, welche mit der ursprünglichen Lesart des Codex Sinaiticus einen Zeugen der ersten Kategorie anführen kann, ergänzt durch eine Einzelhandschrift der Vulgata,6 bietet eigentlich auf Grund der fehlenden Akzente zwei Lesemöglichkeiten. Beide stellen zwar inhaltlich mögliche und durchaus anschlussfähige Aussagen dar, wären aber genauso beide grammatikalisch inkorrekt. […] ἐστε ἐν Χριστοῦ Ἰησοῦ liegt inhaltlich auf der Linie der ersten Variante (ohne den Einheitsaspekt), nur dass ἐν den Dativ statt den Genitiv fordert. […] ἐστε ἕν Χριστοῦ Ἰησοῦ hebt auf den Einheitsgedanken ab, wobei neben dem Genitiv bei diesem Verständnis auch die Wortstellung unpassend erscheint. Insofern stellt ἐν m.E. die ursprüngliche Lesart des Sinaiticus dar, deren Wortstellung und Konstruktion mit Genitiv zugleich den Anlass für die Korrekturen gegeben hat. Grund dafür dürfte ein Abschreibfehler sein, wobei bereits die sehr unterschiedlichen Korrekturen (Variante 2 und txt), welche beide anderweitig gut belegt sind, andeuten, dass man sich über den hinter dem Fehler vermuteten ursprünglichen Text keineswegs einig ist.

4) […] πάντες γὰρ εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ – „[…] denn ihr seid alle einer in Christus Jesus“: Die von Nestle/Aland bevorzugte Variante ist qualitativ noch etwas besser belegt als Variante 27 und hat (auf Grund des Mehrheitstextes) die absolute Mehrheit der Zeugen für sich. Die vielfältigen, bereits zu Variante 1 dargelegten, Relationen zum Kontext lassen sich auch für diese Variante wahrnehmen: der Einheitsgedanke (vgl. 3,28a–c), der räumliche Aspekt (vgl. 3,27b), sowie die in der Taufe begründete Christusbindung (vgl. 3,27a.b.a). Der einzige, doch vermutlich entscheidende Unterschied liegt darin, dass nicht von einer neutralen Gemeinschaft gesprochen wird, sondern davon, dass alle Getauften „einer“ sind, demnach als eine (männliche) Person aufgefasst werden. Ohne vergleichbare Vorstellungen, welche die Gemeinde als eine Person verstehen, muss diese Variante als schwierigste erscheinen. Doch wie bereits im Rahmen des Forschungsüberblicks dargestellt, wird zu ihrer Interpretation oft die Leib-Christi-Vorstellung herangezogen.

So bieten also mehrere Varianten inhaltlich sinnvolle Versionen zu 3,28d, die sich jeweils ganz ähnlich in anderen paulinischen Texten finden lassen. Die Bezeugung spricht schließlich dafür, dass es sich entweder bei ἐστε Χριστοῦ Ἰησοῦ oder εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ um die ursprüngliche Variante handelt. Allein die Korrekturgeschichte des Sinaiticus8 macht deutlich, dass hier nicht nur eine sehr alte, sondern auch äußerst kontrovers diskutierte textkritische Stelle vorliegt, nicht zuletzt daran ersichtlich, dass die beiden Korrekturen (siehe die beiden oben zitierten Varianten) auf ganz unterschiedliche Aussagen abzielen, welche jeweils erheblichen Einfluss auf die Interpretation von 3,27f im Ganzen haben.9

Jedoch verbleibt eine weitere Möglichkeit, die Plausibilität der beiden Varianten zu beurteilen, indem man nämlich 3,27f als Tradition wahrnimmt.10 Die zwei Hauptaspekte, welche für 3,27f eine traditionelle Formulierung vermuten lassen, sind dabei beide von textkritischer Relevanz: 1) der geprägte Sprachgebrauch: Die bildhafte Vorstellung des εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ fügt sich dabei nahtlos an den äußerst knappen, den Ablauf des Taufrituals bildlich erläuternden Stil von V. 27 an. Jedoch handelt es sich auch bei ἐστε Χριστοῦ um eine verknappte theologische Aussage, welche sich zudem in V. 29a wiederholt. Aussagekräftiger für die textkritische Diskussion sind daher schon eher 2) die beiden anderen Stellen, an denen die Tradition Verwendung findet:11 In Zusammenhang mit der Taufe bieten auch 1Kor 12,13 und Kol 3,11 negierte Gegensatzpaare, verwandt denen in Gal 3,28a–c, und lassen diesen argumentativ begründend eine Einheitsaussage folgen: In 1Kor 12 – eigentlich im gesamten 1Kor – malt Paulus den Korinthern ihre gegebene Einheit bei aller Vielfalt vor Augen, wobei 1Kor 12,12f zweifellos einen der Höhepunkte in dieser leidenschaftlichen Argumentation bildet.12 Die besprochene Tradition wird dazu herangezogen, um diese in der Taufe grundgelegte Einheit und Einzigkeit zu betonen: καὶ γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν, εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ἕλληνες εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι, καὶ πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν (1Kor 12,13). Und während diese Einheit in 1Kor 12 kontextbezogen anhand des einen Geistes erläutert wird, findet sich der Aspekt in Kol 3,11 wie auch in Gal 3,28d ausgedrückt über die alles entscheidende Christusbindung des Getauften: ὅπου οὐκ ἔνι Ἕλλην καὶ Ἰουδαῖος […] ἀλλὰ [τὰ] πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός. Dass damit nicht allein die ethische Vorbildwirkung Christi gemeint ist, erweist sich darin, dass Paulus im Folgenden zu Gunsten der Liebe und des Friedens Christi untereinander daran erinnert, dass καὶ ἐκληθήτε ἐν ἑνὶ σώματι (Kol 3,15). Ebenfalls beachtenswert ist, dass diese Einheit nicht absolut ausgesagt wird, sondern jeweils als eine Einheit ἐν … näher qualifiziert wird: καὶ γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν … (1Kor 12,13); … πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (Gal 3,28); … ἀλλὰ τὰ πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός (Kol 3,11).

Die Tradition wird in ihrem Wortlaut nicht mehr genauer zu rekonstruieren sein, jedoch lassen sich drei Elemente festhalten: 1) der Taufbezug, der konstitutiv für 2) die Negierung der Gegensatzpaare ist, auf welche (argumentativ begründend) 3) eine Einheitsaussage folgt. Wenn man sich nun die beiden textkritischen Varianten anschaut, welche als gut belegt und zugleich plausibel beurteilt werden können, so stellt man fest, dass ἐστε Χριστοῦ Ἰησοῦ der Einheitsaspekt vollkommen fehlt.13 Dass eine Einheitsaussage aber definitiv Bestandteil der Tradition gewesen ist, konnte anhand des jeweiligen Kontextes von 1Kor 12,13 und Kol 3,11 aufgezeigt werden. Demnach ist εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ als die ursprüngliche Lesart anzusehen,14 da nur sie den Einheitsaspekt bietet.

Mit dieser Feststellung ist nun zu überlegen, wie εἷς zu verstehen ist und welche Auswirkung 3,28d als Abschluss und zugleich argumentativer Bestandteil von 3,27f auf die Interpretation des Abschnittes hat.

1.5.4 Einheitskonzepte im NT

Ist eine Einheitsaussage originär mit der Tradition verbunden, so stellt sich die Frage, wie sie sich inhaltlich zu den anderen Teilen der Tradition verhält. Vor dem Hintergrund der bereits geleisteten Interpretationen zu 3,26–28c soll noch intensiver nach Einheitsvorstellungen in den neutestamentlichen Schriften (speziell εἷς-Aussagen) gefragt werden, um die so gewonnenen Ergebnisse auf ihre Aussagekraft für eine Existenz ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ hin auszuwerten.

„εἷς here has the meaning ‚one‘ in contrast to the parts of which a whole is made up’, as suggested by the contrast with ‚all‘ (πάντες). It stresses wholeness or unity.“1 Die semantische Grundbedeutung von εἷς „einer im Gegensatz zu einer Mehrzahl“ ist so eindeutig und unbestreitbar,2 dass die Frage aufkommt, wie man überhaupt zu einer Gleichheitsaussage für Gal 3,28d kommen kann – wohl nur mit einer eindeutigen Harmonisierungsabsicht: Wer 3,28a–c als Negierung sämtlicher Unterschiede versteht, will im Folgenden in εἷς keine in Christus begründete Einheit, sondern vielmehr eine in der Taufe durch Christus bewirkte Gleichheit sehen.

So stellt sich nun die Frage, welche Konzepte und Vorstellungen von Einheit und Einzigkeit lassen sich im NT, speziell in den paulinischen Schriften finden und können sie für 3,28d in Anschlag gebracht werden? Die in den unterschiedlichsten frühchristlichen Schriften hoch gewertete, oftmals angemahnte Bedeutung der Einheit scheint zwei grundsätzliche Wurzeln zu haben: einerseits die allgemeine Wertschätzung der Einheit und andererseits die Einzigkeit Gottes.

1.5.4.1 Neutestamentliche Einheitskonzepte allgemein

Laut Betz stehen die neutestamentlichen Konzepte unter dem „Einfluß der für die antike Religion, Philosophie und Politik grundlegenden Denkkategorie Einheit–Vielheit. Das Urchristentum teilt in vollem Maße die gemeinantike Bevorzugung von Einheit und die negative Einschätzung von Vielheit in ihren verschiedenen Manifestationen.“1

Wesentlich expliziter ausgeführt und nicht zuletzt für die paulinische Theologie grundlegend ist die Vorstellung von der Einzigkeit Gottes und deren Bedeutung für die Konstitution der christlichen Gemeinde. Der Monotheismus wird dabei nicht nur in seinen Inhalten, sondern oft auch in seinen prägenden Formeln aus dem Judentum übernommen: Die sogenannte Monotheismusformel, wie sie ins jüdische Glaubensbekenntnis eingegangen ist (‎‏יהוה אלהינו יהוה ארד‏‎ […] / […] κύριος ὁ θεὸς ἡμῶν κύριος εἷς ἐστιν [Dtn 6,4]) und von Jesus als das höchste Gebot zitiert wird (Mk 12,29 par), findet sich an prominenten argumentativen paulinischen Stellen wie etwa in Gal 3,20 ([…] ὁ δὲ θεὸς εἷς ἐστιν) oder Röm 3,30 (εἴπερ εἷς ὁ θεὸς ὃς δικαιώσει […]),2 später aber auch in den Evangelien (z.B. Mt 23,8–10). Dass der monotheistische Glaube der in der Antike verbreiteten Vielgöttervorstellung manifest gegenübersteht, verleiht seiner argumentativen Verwendung etwa bei der Beschreibung der Gemeinde ein spezielles, teilweise wohl erläuterungsbedürftiges Gewicht.

Was aber meint „Einzigkeit“? Im Kontrast zu vielen Göttern hat die Vorstellung von nur einem Gott automatisch den Aspekt der Einzigartigkeit. Dies lenkt bereits den Blick von der rein nummerischen Aussage (einer anstatt fünf) auf die Qualitätsebene. Dass diese zweite Dimension der Einzigkeit christlicherseits als mindestens ebenso wesentlich wahrgenommen wird, macht spätestens die „Erweiterung“ der Formel auf Christus deutlich: „Die Monotheismusformel wird variiert, um analog zur Einzigkeit Gottes die einzigartige Stellung Christi festzustellen (Jak 4,12; Mt 23,8–10).“3 Neben der gesonderten Stellung und Einmaligkeit Christi4 wird in der johanneischen Theologie dazu speziell die Einheit mit Gott betont: ἐγὼ καὶ ὁ πατὴρ ἕν ἐσμεν (Joh 10,30). Mit Blick auf die Interpretation von Gal 3 ist dazu festzuhalten, dass das Einssein des Vaters mit Christus nie als Identität verstanden, sondern stets als besonders qualitative Form von Gemeinschaft, nämlich Einheit, dargestellt wird. Davon wird auch eine Einheitsvorstellung für andere abgeleitet: ἵνα πάντες ἓν ὦσιν, καθὼς σύ, πάτερ, ἐν ἐμοὶ κἀγὼ ἐν σοί, ἵνα καὶ αὐτοὶ ἐν ἡμῖν ὦσιν […] (Joh 17,21).5 Beachtenswert ist hierbei, dass die Einzigkeitsvorstellung, welche auf Einheit abhebt, mit einer (reziproken) ἐν-Aussage kombiniert ist, wie wir sie auch in 3,28d vorfinden.6 Paränetisch-argumentativ wird die Einzigkeit Gottes gelegentlich aber auch unabhängig vom Einheitsaspekt hervorgehoben: Ὑμεῖς δὲ μὴ κληθῆτε ῥαββί· εἷς γάρ ἐστιν ὑμῶν ὁ διδάσκαλος, πάντες δὲ ὑμεῖς ἀδελφοί ἐστε. (Mt 23,8).7

1.5.4.2 Einheitskonzepte bei Paulus

Auch für Paulus gibt „Gottes Einzigkeit gedankliches und praktisches Fundament seines Denkens“ ab:1 εἴπερ εἷς ὁ θεὸς ὃς δικαιώσει περιτομὴν ἐκ πίστεως καὶ ἀκροβυστίαν διὰ τῆς πίστεως. (Röm 3,30) Dass Gott – in Christus – an allen gleich handelt, begründet eine Einheit von ganz neuer Qualität: οὔτε γὰρ περιτομή τί ἐστιν οὔτε ἀκροβυστία ἀλλὰ καινὴ κτίσις (Gal 6,15). Um diese Einheit zu illustrieren spielt Paulus geradezu mit unterschiedlichen ekklesiologischen Metaphern, die doch alle einen Grundaspekt seiner Ekklesiologie herausstellen, welcher sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: „Nur gemeinsam ergebt ihr ein sinnvolles, funktionierendes Ganzes – und dazu braucht es nicht nur jeden Einzelnen, sondern ein jeder wirkt auch (konstitutiv) auf die anderen ein.“ Dies verdeutlicht am sinnfälligsten sein Bild von der Gemeinde als Leib Christi: ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν […]καὶ γὰρ τὸ σῶμα οὐκ ἔστιν ἓν μέλος ἀλλὰ πολλά. (siehe 1Kor 12,13f; 1Kor 10,17; Röm 12,4–6)2 Aber auch Metaphern wie die Gemeinde als Bau Gottes (1Kor 3,9b–15), als Tempel (1Kor 3,16f) oder auch ungesäuerter Teig (1Kor 5,6–8)3 – wenn auch teilweise unter einem anderen Fokus herangezogen, wie etwa dem Gemeindeaufbau oder dem Gericht – zeigen, dass nicht nur die Einzigkeit und Bedeutung der christlichen Versammlung, sondern auch ihre konstituierenden Bindungen in den Blick geraten: Einerseits die jeweilige und zugleich gemeinsame Bindung an Christus (Christus als σῶμα [1Kor 12,12f], θεμέλιος [1Kor 3,11] oder πάσχα [1Kor 5,7]), andererseits die Bindung untereinander (die ergänzenden Funktionen der Gliedmaßen [1Kor 12,14–31], das Aufeinander der Steine [1Kor 3,10f], das Verderben des Teiges durch auch nur den geringsten Anteil gesäuerten Teiges [1Kor 5,6.8]).

Einheit ist für Paulus demnach eine konstitutive Komponente für die christliche Gemeinde. Sämtliche von ihm gewählten ekklesiologischen Metaphern spiegeln dies wider. Besonders in seinen Ermahnungen macht er deutlich, dass dies gerade eine erhöhte, nicht etwa eine geringere Verantwortung des Einzelnen nach sich zieht. Denn die Einheit fußt gerade nicht auf Gleichheit der einzelnen Beteiligten, sodass der Einzelne nötigenfalls austauschbar wäre, sondern auf dem reibungslosen Mit- und Füreinander der unterschiedlichen Menschen mit ihren Begabungen und Funktionen. Dies gilt für die Gemeindeleiter (1Kor 3) ebenso wie für die Glieder der Gemeinde (1Kor 12).

Betrachtet man nun konkret Gal, so begegnen Einzigkeits- und Einheitsaussagen v.a. in Kp. 3: Um die Erlösung vom Fluch des Gesetzes zu erklären, erweist Paulus Christus als den einen Nachkommen (ἀλλ ὡς ἐφ ἑνός· καὶ τῷ σπέρματί σου [3,16]) und damit Erben der Verheißung an Abraham. Seine entscheidende Interpretation der Nachkommensverheißung4 als Singular (τῷ σπέρματι αὐτοῦ [3,16]) verbindet Paulus über die Vokabel εἷς/ἕν5 mit zwei anderen Schlüsselstellen des Kapitels, welche beide die Einzigkeit betonen: ὁ δὲ μεσίτης ἑνὸς οὐκ ἕστιν, ὁ δὲ θεὸς εἷς ἐστιν (3,20). Diese argumentative Eröffnung läuft schließlich auf πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (3,28d) hinaus – auf Grund der Einzigkeit der Stellung Christi (3,16) und der Einzigkeit Gottes (3,20) wird diese nun auch für alle Getauften postuliert. Wenn Christus der eine Nachkomme ist und nun auch für alle Χριστοῦ gilt, dass sie τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα […] κατ ἐπαγγελίαν κληρονόμοι sind, dann können sie dies nur (als) εἷς sein (3,28f).

Paulus leitet aus der Einzigkeit Gottes und dessen einzigartiger Einheit mit Christus auch Einheitsqualitäten für die Christen, hier Getauften, ab. Dass sich Paulus unter dieser Einheit qualitativ etwas anderes vorstellt als die bloße Summe oder Gemeinschaft der einzelnen (Bestand-)Teile erweist sich dann in 6,15 – ein Vers, der wie 3,28a von der (bleibenden) Verschiedenheit Beschnittener und Unbeschnittener ausgeht: οὔτε γὰρ περιτομή τί ἐστιν οὔτε ἀκροβυστία ἀλλὰ καινὴ κτίσις.

1.5.4.3 Personale Einheitsvorstellungen

Wenn εἷς der Einheitsvorstellung einen personalen Akzent verleiht, so bleibt abschließend zu fragen, welche der dargelegten neutestamentlichen Einheitskonzepte personal verstanden werden und als Deutungsmuster für 3,28d dienen können: 1) Die Einheit von Gott/Vater und Christus: Von dieser besonderen Art der Einheit – oftmals ausgedrückt durch reziprokes „ἐν-Sein“ – soll auch die Einheit der Anhänger ausgehen. Jedoch findet sich dieses Konzept lediglich in den Evangelien, speziell Joh, und zudem sagt es zwar eine Einheit von Personen aus, jedoch hat diese Einheit selbst keinen personalen Charakter. 2) Die Leib-Christi-Metapher: Die Grundmetapher dieser ekklesiologischen Vorstellung des Paulus ist ein menschlicher Körper, der buchstäblich davon lebt, dass seine Glieder sich ergänzen und darin auf grundlegende Weise untereinander verbunden sind.1 3) Ein Leib mit der Prostituierten: […] ὅτι ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ ἓν σῶμά ἐστιν (1Kor 6,15–17). Die auf Gen 2,24 Bezug nehmende Vorstellung, dass die Vereinigung mit einer Prostitutierten so eng verstanden wird, dass sie als ein Leib bezeichnet werden kann, hat bei Paulus ihre eigentliche Pointe darin, dass sie zur Vereinigung mit dem κύριος in Konkurrenz steht, welche als ἓν πνεῦμα bezeichnet wird. Ebenfalls beachtenswert ist, dass Paulus die Vorstellung an die Glied-am-Leib-Christi-Metapher anbindet.

Die Einzigkeits- und Einheitskonzepte des NT bewegen sich demnach – von den benannten drei Ausnahmen abgesehen – in einer apersonalen Bildwelt. Schaut man sich sodann die Einheitsmetaphern der frühen christlichen Schriften an, so findet sich auch dort eine Fülle an bildlichen Umschreibungen – die allerwenigsten jedoch sind spezifisch personal zu verstehen.2

Will man εἷς in 3,28d demnach als (männliche) Person verstehen, was die textkritischen Überlegungen als wahrscheinlich gemacht haben, so verbleiben zwei Aussagevarianten zur Wahl: 1) εἷς meint den Leib Christi. Und das in 1Kor 12 und Röm 12 ausführlich entfaltete paulinische Konzept steht hier bereits hinter der knappen Formel. Dagegen spricht m.E., dass das σῶμα Χριστοῦ dann als ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ zu verstehen wäre und zudem das Konzept den Adressaten bekannt gewesen sein müsste, um für das Verständnis einer derartigen Verkürzung vorausgesetzt werden zu können. Wahrscheinlicher ist: 2) εἷς ist zu verstehen im Sinne von „wie ein einziger Mensch bzw. Organismus“, welcher – anders als eine sächliche, unbelebte Gruppe – mehr ist, als die bloße Summe seiner Teile, sondern (lebens-)notwendigerweise auf das Zusammenwirken aller „Beteiligten“ angewiesen ist. Hierbei handelt es sich um ein bekanntes Motiv, das sich in sämtlichen ekklesiologischen Bildern bei Paulus wiederfindet. Dies aber liegt begründet in der Taufe εἰς Χριστόν und ist zugleich aufgehoben ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. Dass eine Unterteilung der Gemeinde in Gruppierungen, wie sie etwa in Gal 3,28a–c aufgezählt werden, grundlegend lebenszerstörend wirken kann, wenn nicht komplett unmöglich ist, findet sich wieder in 1Kor 1,12f. Wenn dieser Mensch dort wie auch in 1Kor 12 mit Christus identifiziert wird, kann als Weiterentwicklung der hinter Gal 3,28d stehenden Tradition verstanden werden. Entsprechend entfaltet Paulus an dieser Stelle dann auch die ursprüngliche Metapher einer personalen Einheit ausführlich über dessen einzelne Glieder und deren Funktionen.

1.5.4.4 Einheitsvorstellungen in paulinischen Taufstellen

Nicht zufällig finden sich an allen drei Stellen Bezugnahmen auf die Taufe. Dazu sei noch eine letzte Wahrnehmung festgehalten: Obwohl die Taufe als Initiationsritual zuerst ein Ritual für und am Individuum ist, ist 3,27f (eigentlich gesaMt 3,23–29) plural formuliert und zwar in der 2. Person Plural (3,27a.b.28d). Die einzigen singularen Bestimmungen (3,28a–c) sind, als vergangene Realität, negiert. Dass dies nicht allein der rhetorischen Situation der Ansprache einer Gemeinde im Brief geschuldet ist, sondern einen beachtenswerten Interpretationsfaktor darstellt, untermauern v.a. zwei Aspekte: 1) Paulus wechselt den Numerus, wenn es ihm rhetorisch-argumentativ sinnvoll erscheint, indem er bspw. in die Ich-Perspektive übergeht. 2) Sämtliche paulinische βαπτίζω-Aussagen sind im Plural formuliert. Grund dafür ist nicht, wie oft behauptet, der formelhafte Charakter der Aussagen. Denn es lassen sich Belege für alle drei Personen im Plural finden: ἐβαπτίσθημεν (Röm 6,3; 1Kor 12,13), ἐβαπτίσθητε (Gal 3,28d; 1Kor 1,13.15), ἐβαπτίσθησαν (1Kor 10,2).1 Teilweise lässt sich sogar der dezidierte Wechsel vom voranstehenden Singularduktus in den Plural beobachten.

Gibt es also eine inhaltliche Implikation, vom Getauftwerden stets im Plural zu sprechen? Dass die Erfahrung von Massen- oder zumindest Gruppentaufen einzige Ursache des pluralen Sprachgebrauchs sein soll, widersprechen Berichte, welche die Praxis von Einzeltaufen belegen (Apg 8), nicht zuletzt die eigene Taufe des Paulus (Apg 9).

3,28d steht, wie bereits dargelegt, in vielfältigen Beziehungen zu seinem Kontext und damit im besonderen Fokus der Perikope. Das dort postulierte Eins-Sein in Christus ist aber nun nicht irgendeine Wirkung der Taufe neben anderen, sondern muss als ihre Grundbestimmung verstanden werden: Getauft zu sein, bedeutet „eins zu sein“ – eine Erfahrung und Realität, die der Einzelne (allein) nicht machen kann. Dies unterstreichen auch die vorangehenden wie folgenden Qualifizierungen der Getauften: υἱοὶ θεοῦ ἐστε (3,26), τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστε […] κληρονόμοι (3,29). Gemeinsam sind sie Söhne Gottes, Nachkommen Abrahams und Erben der Verheißung und zwar durch und damit auch im Gegenüber zu dem einen Sohn Gottes, dem einen Nachkommen Abrahams (3,16.19) und dem einen wahren Erben der Verheißung (3,22).

Menschen, die zuvor nach unterschiedlichen Kategorien unterschieden und eingeteilt wurden (3,28a–c), bilden jetzt eine Einheit. Nur gemeinsam sind diejenigen, welche zuvor entweder der περιτομή oder der ἀκροβυστία zugeordnet werden konnten (6,15a), die καινὴ κτίσις (6,15b). Dabei handelt es sich weder bei der Einheitsvorstellung noch ihrer Bindung an die Taufe um spezifische Gal-Themen. Die verschiedenen, vielfältigen im 1Kor behandelten Themen und Probleme sind geradezu am roten Faden der Vielfalt-Einheits-Problematik aufgefädelt. Entsprechend lassen sich die Bezugnahmen auf die christliche Taufe in dem Paulusbrief mit den meisten Tauftexten an genau den Stellen finden, wo Paulus auf die grundlegende Einheit der Gemeinde abzielt.

Aus der Wahrnehmung, dass sämtliche paulinischen Taufstellen im Plural formuliert sind, ergibt sich noch ein weiterer Aspekt: Greift Paulus an diesen unterschiedlichen Stellen eine geprägte Taufformel auf. So liegt es nahe, ihren Sitz im Leben in der frühchristlichen Taufliturgie zu vermuten.2 Wird sie dort auch in pluraler Form verwendet wie bei Paulus? Gibt es also gar kein individuelles „Ich taufe dich auf …“, sondern stets nur das „Ich taufe euch …“? Es schließt sich die Frage an, ob der Plural im Vollzug der Taufe eine Pragmatik hat und wenn ja welche. Zwei Erklärungen kommen dafür in Betracht: 1) Die Taufe wird stets an mehreren Täuflingen zugleich vollzogen, welche dann gemeinsam im Plural angeredet werden. 2) Der Plural bezieht sich vielmehr auf die gesamte Gemeinde der bereits Getauften, deren Anwesenheit dann für den symbolhaft sinnvollen Vollzug der Taufe konstitutiv wäre.

Die gerade angestellten Überlegungen zur Pragmatik der Taufformel im Rahmen der frühchristlichen Taufliturgie sind keine reine Gedankenspielerei und stellen auch keinen Versuch der Rekonstruktion der christlichen Taufe in den ersten Jahrzehnten dar. Die neutestamentlichen Texte bieten keine Beschreibung des Taufablaufs. Dadurch gerät jedoch schnell aus dem Blick, dass die dem Taufritual eigene Symbolik (und ggf. deren Deutung), wie z.B. die Taufe als „Gruppenerlebnis“, von den Briefadressaten selbst erlebt wird.

Dass Paulus aber durchaus die Symbolik, welche das Taufritual bietet, aufgreift und davon ausgehend seine Interpretationen und Argumentationen entfaltet, konnte bereits für 3,27 aufgezeigt werden. Läge es dann nicht nahe, dass auch die Einheitsaussagen, welche sich stets bei den paulinischen Taufstellen finden lassen, und welchen mindestens ebensolches Gewicht zugestanden wird wie den Auswirkungen der Taufe auf den Einzelnen, ebenfalls an einen Aspekt des Taufrituals anknüpfen, nämlich den Vollzug der Taufe mit Blick auf eine Gruppe, erkennbar anhand der plural formulierten Taufformel?3

1.5.5 Abschließende Interpretation

Mit Blick auf die eingangs angefragten vielfältigen Beziehungen zum Kontext lässt sich Folgendes zusammenfassen: Mit πάντες γάρ […] ἐστε […] (3,26 und 3,28d) setzt Paulus einen strukturellen, aber v.a. inhaltlichen Rahmen, innerhalb dessen er den Galatern vor Augen führt, dass die freiwillige Unterwerfung auch nur eines einzelnen unter das Gesetz nicht nur seine eigene Erlösung durch Christus in Frage stellt, sondern der Konstitution der gesamten Gemeinde konträr gegenüberstehen würde. Denn sie alle, die sie ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ glauben und εἰς Χριστὸν getauft wurden, sind auf besondere Weise an ihn und aneinander gebunden.

Es ist eine besondere Gemeinschaft, in die hinein sie mit der Taufe initiiert wurden. Es ist eine Gemeinschaft, wie sie bis heute nur schwer vorstellbar ist, denn sie lebt gerade nicht von der Gleichgestaltigkeit ihrer Mitglieder oder doch mindestens von einem gemeinsamen Streben danach, wie es alle anderen Gruppen, Stände und Vereine tun: Die Mitglieder sind gerade verschieden in (bisheriger) Religion, Volkszugehörigkeit, sozialem Stand und Geschlecht. Das einzige, was ihnen gemein ist, ist das ἐν-Χριστῷ-Ἰησοῦ-Sein, welches dann nicht nur die Bedeutung der bisherigen, das Sozialleben strukturierenden Unterscheidungen relativiert, sondern auch die dahinterstehenden Verhältnisse und Bindungen geradezu aufsprengt. Als gäbe es keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden, müssen beide ἐν Χριστῷ glauben und εἰς Χριστὸν getauft werden. Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen wird, indem sie sich erstmals dem gleichen Ritual unterziehen, die gleiche „Behandlung“ durch Gott zuteil. Wie könnte man dann nachträglich, indem man sich als Heide beschneiden lässt, derartigen Kategorisierungen wieder Relevanz einräumen?! Die einzige – heilsnotwendige – Verhältnisbestimmung ist die Zugehörigkeit zu Christus und die Einheit untereinander. Keine Volkszugehörigkeit, kein sozialer Status, kein Geschlecht, nicht einmal die Ehe binden den einzelnen mehr als das gemeinsame υἰοὶ-θεοῦ-Sein. Die vorherige Individualität des einzelnen, welche sich auf Verhältnisbestimmungen stützt, hat in der Taufe ihre Relevanz verloren, denn es gibt niemals den einen, einzelnen Getauften, πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ.

Ihre Einheit ist keinesfalls zu vergleichen oder gar zu identifizieren mit Christus, dennoch derartig grundlegend durch ihn begründet, dass Paulus sie später zu seiner σῶμα-Χριστοῦ-Metapher ausbaut. Sie wird sehr deutlich herausstellen, dass die Gleichheit coram deo nicht zu einer Einebnung jeder Art von Unterschieden geführt hat (und wohl auch nicht eschatologisch zu erwarten ist), sondern dass die funktionierende Einheit vielmehr von den unterschiedlichen χαρίσματα des einen πνεῦμα lebt.

1.6 εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ, ἄρα τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστέ, κατ’ ἐπαγγελίαν κληρονόμοι (Gal 3,29)

Vers 29 führt über δέ nicht nur die Thematik vom Verhältnis der Christusgläubigen zu Christus weiter, sondern bringt zugleich die bereits in 3,6 beginnende Argumentation über den Glauben Abrahams und seine Erben zum Abschluss.

Wenn sich auch die Literatur einig darüber ist, dass δέ nicht kontrastierend, sondern fortführend zu verstehen ist, so scheint doch nicht ganz eindeutig, woran ὑμεῖς Χριστοῦ (ἐστέ) anknüpft: Entweder umschreibt der Genitiv das in-Christus-Sein (ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, 3,28d)1 oder aber er greift die Art der Zugehörigkeit (πάντες γὰρ υἱοὶ θεοῦ ἐστε, 3,26)2 wieder auf.

Unzweifelhaft handelt es sich um einen Genitiv der Zugehörigkeit, welcher sich auch in anderen paulinischen Texten an prominenter Stelle findet (Gal 5,24; 1Kor 1,12; 3,23; 2Kor 10,7 u.a.). Betz spricht sogar von einem paulinischen „Begriff Χριστοῦ εἶναι“.3 Grundthema sämtlicher Stellen ist die Betonung der ganz neuen, völlig veränderten Lebenswirklichkeit der Christusgläubigen (1Kor 1,12f; 3,23; 2Kor 10,7), welche einen Christus entsprechender Lebenswandel fordert (Gal 5,24), v.a. aber durch das in Christus bewirkte Rettungshandeln bestimmt wird (Gal 3,29). Der Verweis auf die Taufe macht dabei deutlich, was auch die maximal verkürzte grammatikalische Struktur zum Ausdruck bringt: Nicht die Christusgläubigen selbst tragen dazu bei, Kinder Gottes (Gal 3,26) oder Samen Abrahams zu sein, sondern allein ihre in der Taufe vermittelte Zugehörigkeit zu Christus (Gal 3,29). Besondere Beachtung kommt dabei dem Plural in all diesen Aussagen zu, denn: „Wenn die Gläubigen durch die Taufe in der Weise Christus angehören (Gen.poss.), daß sie in ihm eine Einheit bilden, so haben sie auch alle daran Anteil, was ihm gehört.“4 Die in Christus realisierte Verheißung gilt einerseits jedem einzelnen und andererseits allen gemeinsam als Gemeinde.

Durch den Bund der Beschneidung bekamen die leiblichen Nachkommen Abrahams Teil an der Verheißung für all seine Nachkommen. Paulus nun begründet die Erwählung Abrahams und damit seinen Bund mit dessen Glauben (Gal 3,6 [Gen 15,6]), und sieht all die als Kinder Gottes an, welche, ob auch außerhalb des Bundesvolkes, glauben, wie Abraham geglaubt hat, bevor Gott den Bund mit ihm schloss (Gal 3,7). Der Apostel versteht dies als Erfüllung einer weiteren Bundesverheißung: ἐνευλογηθήσονται ἐν σοὶ πάντα τὰ ἔθνη· (Gal 3,8 [Gen 12,3]). Die folgende Argumentation, welche in 3,29 zugleich Abschluss und Höhepunkt findet, parallelisiert den Glauben Abrahams als einen Glauben vor und v.a. unabhängig vom Gesetz, dem der Glaube der Christusgläubigen insofern entspricht, als Christus von diesem Gesetz befreit5 und sich damit als der (eine) Nachkomme erweist (3,16). Der Glaube an dieses Heilshandeln Gottes lässt zu Nachkommen Abrahams werden – durch die Zugehörigkeit zu Christus als dem einen Nachkommen. Und es macht sie zu Erben im Sinne der Verheißung – durch die Zugehörigkeit zu Christus, dem die Verheißung gilt (3,19). Dass τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστέ die Nachkommen ohne Artikel konstruiert deutet Burton dahingehend, dass allein der Anteil an Christus die Christusgläubigen zu Nachkommen und Erben macht.6

Auch wenn Paulus in dieser Argumentation (vgl. Gal 5) die Beschneidung nicht dezidiert erwähnt, so steht sie den Lesern mit den Motiven von Verheißung und Glaube Abrahams, seiner Nachkommenschaft sowie der Bedeutung des Gesetzes sehr deutlich vor Augen: „Es kann keine Rede mehr davon sein, daß sie sich erst durch die Beschneidung in das Geschlecht Abrahams aufnehmen lassen müßten und daß nur die Beachtung des Mosaischen Gesetzes ihnen zu dem Erbe verhelfen könnte, wie die Gegner in Galatien behauptet haben werden.“7 Die Taufe εἰς Χριστόν begründet die alles entscheidende Zugehörigkeit zu Christus und steht damit in einem Konkurrenzverhältnis zur Beschneidung an Heidenchristen.8 Fragt man nach der Verwendung und Bedeutung beider Rituale in einem größeren Kontext, so liest man gelegentlich: „Die soziologische Basis, auf der das Christentum beruht, sind nicht – wie im Judentum – die Verwandtschaftsbindungen sondern die Bindungen der Gemeinschaft – Gemeinschaft in Christus.“9 Wenn dies auch auf biologischer Ebene stimmt, insofern die Beschneidung hauptsächlich innerjüdisch Verwendung findet, so ist doch festzuhalten, dass Paulus zur Illustration und Erklärung der Auswirkungen der Zugehörigkeit zu Christus gerade Verwandtschaftsmetaphorik aufgreift: υἱοὶ θεοῦ (3,26) und τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα (3,29).10

1.7 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive

Paulus verdeutlicht den Galatern, dass eine Beschneidung der Heidenchristen nicht nur unnötig, sondern sogar der Evangeliumsbotschaft diametral entgegenläuft. Eine freiwillige Beschneidung bedeutet eine Versklavung des Menschen unter das Gesetz, das nicht retten kann. Christus aber hat als der eine verheißene Nachkomme Abrahams alle Menschen vom Gesetz befreit, welche nun durch Glaube und Taufe über Christus Anteil haben können an der Verheißung, welche damals an Abraham ergangen ist. Doch Taufe ist noch mehr als die Befreiung vom Gesetz: In ihr geht der Täufling eine grundlegende Christusbindung ein, welche sein Leben als einzelnen wie das der Gemeinde der Getauften grundlegend verändert, indem sich die neue Gleichheit vor Gott in unterschiedlicher Weise auch auf die zwischenmenschlichen Verhältnisse auswirkt – zwischen einzelnen und Gruppen. Alle Christusgläubigen bilden eine Einheit von einer Qualität, wie es sie bisher nicht gegeben hat. Dies wird in der Taufe bewirkt und ist seit dieser real.

Paulus verwendet zur Beschreibung der Wirkung und Bedeutung der christlichen Taufe drei ritologische Motive, für die sich weitergehende Fragen ergeben: 1) Das Konzept der Liminalität:1 Werden die liminalen Wirkungen der Taufe stets präsentisch verstanden oder gibt es (darüber hinaus) auch eschatologische Erwartungen?2 Wird der Gleichheitsaspekt in anderen Texten ähnlich divers dargestellt?3 Finden sich überhaupt andere Äußerungen zum Verhältnis von Taufe und innergemeindlicher Ordnung?4 Wieviel Bedeutung kommt dem gleichen Vollzug des Rituals an sämtlichen Initianden zu, wenn man es mit anderen jüdischen und nichtjüdischen Ritualen vergleicht?5 2) Motiv „Befreiung“: Kann das Motiv von „Befreiung/Freiheit“ vom Gesetz als spezifisch christlich verstanden werden oder findet es sich so oder ähnlich auch bei anderen Ritualen?6 3) Motiv „Nachkomme/Erbe“: Warum greift Paulus zur Deutung der christlichen Taufe auf Verwandtschaftsmetaphorik zurück, obwohl sich die christliche Gemeinde v.a. mit Beginn der Heidenmission gerade von der jüdischen Volksreligion wegentwickelt? Ist dies lediglich als traditionsgeschichtliches Aufgreifen des jüdischen Motives der „Nachkommen Abrahams“ zu werten, gegenüber einer mehrheitlich heidenchristlichen Gemeinde?7

Über diese konkreten Deutungsmotive hinaus ergeben sich weitere ritologische Fragen: Wie genau stellt sich für Paulus das Verhältnis von der christlichen Taufe und der Beschneidung dar, welche im Text nicht dezidiert genannt wird, aber dennoch stets präsent zu sein scheint?8 Ist die Parallelführung von ἐβαπτίσθητε und ἐνεδύσθε als Verweis auf die Symbolik des Ritualablaufes zu deuten?9 Gal 3,27f konnte als Tauftradition identifiziert werden; es bleibt jedoch die Frage nach ihrer Herkunft, ihrem Sitz im Leben und dem Grad ihrer Formelhaftigkeit.10 In Gal 3 fallen Glaube und Taufe zeitlich zusammen, ohne dass Paulus sich näher um deren, möglicherweise kausales Verhältnis kümmert. Wie stellt sich dies in anderen paulinischen Tauftexten, aber auch vergleichend bei anderen Ritualen dar?11

2 1. Korinther 1,10–17: Auf wessen Namen seid ihr getauft?!

10 Ich aber ermahne euch, Geschwister, durch den Namen unseres Herrn, Jesus Christus, dass ihr alle ‚dasselbe‘ sagt und keine Spaltung unter euch sei, dass ihr aber Vollendete seid in derselben Gesinnung und derselben Erkenntnis! 11 Denn es ist mir kundgetan worden über euch, meine Brüder, von denen der Chloe, dass es unter euch Streitigkeiten gibt. 12 Ich aber sage dieses, dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, ich aber zu Apollos, ich aber zu Kephas, ich aber zu Christus. 13 a) Ist Christus etwa zerteilt worden? b) Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt worden? c) Seid ihr etwa auf den Namen des Paulus getauft worden? 14 Ich bin [Gott] dankbar, dass ich keinen von euch getauft habe, außer Krispos und Gaios, 15 damit nicht jemand sage, dass ihr auf meinen Namen getauft worden wäret. 16 Ich habe aber auch das Haus des Stephanos getauft, ansonsten weiß ich nicht, dass ich jemand anderen getauft hätte. 17 Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern zu verkündigen – nicht in der Weisheit des Wortes, damit nicht das Kreuz Christi zunichte gemacht wird.

2.1 Textsemantischer Einstieg

Paulus reagiert auf Berichte von Leuten der Chloe mit einer beinahe schon emotionalen Argumentation, der man viele Überschriften geben könnte und auch schon gegeben hat – je nachdem, worin man die Problematisierung bzw. das Argumentationsziel des Paulus sieht: „Spaltungen unter den Gläubigen“ (Jerusalemer), „Spaltungen in der Gemeinde“ (Luther 1984), „Feststellung des Tatbestandes und die Widersinnigkeit des Parteientreibens“ (Menge), „Die Grundlosigkeit der Streitigkeiten“ (Zürcher) oder auch „Es gibt nur eine Kirche“ (Zink). Die unterschiedlichen Gruppierungen in der Korinthischen Gemeinde beschäftigen Paulus zweifellos, jedoch scheinen sie bei ihm verschiedene Gedanken und Befürchtungen auszulösen, welche auf verschiedene Weise mit der Taufe verbunden sind und sich v.a. immer wieder um einen drehen: ὁ Χριστός – ἐγὼ δὲ Χριστοῦ (1,12), μεμέρισται ὁ Χριστός; (1,13), γὰρ ἀπέστειλέν με Χριστὸς (1,17), παρακαλῶ […] διὰ τοῦ ὀνόματος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ (1,10) und schließlich ὁ σταυρὸς τοῦ Χριστοῦ (1,17). In der paulinischen Argumentation ist Christus aber auch noch in einigen anderen Motivfeldern und Themen mitzudenken, welche zunächst im Gegenüber zu Christus angeführt werden, nur um von Paulus als uneigentliche, unzutreffende oder gar absurde Alternativen entlarvt zu werden.

Die parallel formulierte Auflistung der Parteilosungen bildet dabei nur den Anfang. Als könnten Παῦλος, Ἀπολλῶς oder Κηφᾶς gleichwertig neben Christus treten. An seiner eigenen Person führt Paulus dies beispielhaft genauer aus: μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1,13b.c). Dabei ist er noch nicht einmal ein häufiger Täufer, sondern vielmehr dankbar, ὅτι οὐδένα ὑμῶν ἐβάπτισα εἰ μὴ Κρίσπον καὶ Γάϊον […] (1,14). Wer in Korinth normalerweise tauft, bleibt offen. Doch worin begründet sich diese Dankbarkeit oder vielleicht eher Erleichterung? ἵνα μή τις εἴπῃ ὅτι εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα ἐβαπτίσθητε (1,15). Und ist dies tatsächlich der einzige Grund?1

Wenn Paulus befürchten muss, man hätte auf seinen Namen getauft, wird zwar verständlicher, wie er auf den zuvor angeführten Vergleich Christus – Paulus kommen konnte. Aber ist dies wirklich geschehen oder ist es zu befürchten? Und wenn ja, wie kam es dazu, dass man auf einen anderen Namen als auf den Christi tauft? Und führt dieser Fehler bei der Taufe zu den kritisierten Gruppenbildungen oder haben diese noch einmal einen anderen Ursprung?

2.2 ἵνα […] μὴ ᾖ ἐν ὑμῖν σχίσματα (1Kor 1,10)

Die paulinische Argumentation in 1Kor 1 setzt voraus, dass die Mitglieder der Korinthischen Gemeinde getauft sind und problematisiert darüber deren gegenwärtige Aufsplitterung in mehrere Gruppen. Die meist „Parteien“ genannten Gruppierungen zeichnen sich durch eine jeweilige Zuordnung zu Paulus, Apollos oder Kephas aus. Dass es eine vierte, eine „Christus-Gruppe“ gibt, wirkt bereits irritierend, mehr noch die folgenden, rhetorisch zu verstehenden Fragen: μεμέρισται ὁ Χριστός; μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1,13). Damit will Paulus aufzeigen, dass die korinthische Situation längst nicht nur menschliche Sym- und Antipathien zum Ausdruck bringt oder in Spannung zu einem harmonischen Bild von Gemeinde steht. Vielmehr handelt es sich um einen tatsächlichen Widerspruch zu dem, was Christi Kreuz und die Taufe auf seinen Namen eigentlich bewirkt haben müssten. An seiner eigenen Person erklärt er: Eine Paulusgruppe wäre nämlich nur dann legitim oder vorstellbar, wenn er für die Korinther gekreuzigt worden wäre und sie auf seinen Namen getauft worden wären.

Die anfängliche Ermahnung ἵνα τὸ αὐτὸ λέγητε πάντες (1,10) und die Befürchtung von σχίσματα scheint in der Erwähnung der Gruppierungen1 eine Erläuterung zu finden: ὅτι ἕκαστος ὑμῶν λέγει· ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου, ἐγὼ δὲ Ἀπολλῶ, ἐγὼ δὲ Κηφᾶ, ἐγὼ δὲ Χριστοῦ (1,12). Die nachfolgenden drei Fragen sind demnach als kritische Hinterfragung der Situation zu verstehen: μεμέρισται ὁ Χριστός; μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1,13). Es ist daher zunächst im Folgenden zu klären, um welche Art von Gruppierungen es sich dabei handelt und wie deren Zustandekommen zu erklären ist.

2.3 ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου, ἐγὼ δὲ Ἀπολλῶ, ἐγὼ δὲ Κηφᾶ, ἐγὼ δὲ Χριστοῦ (1Kor 1,12)

Bei den vier von Paulus referierten Selbstaussagen handelt es sich um Genitive der Zugehörigkeit,1 mit deren Hilfe „sich die einzelnen exklusiv einer Autorität zu[ordnen]“.2 Doch wurden diese drei Protagonisten der frühchristlichen Kirche tatsächlich gleichwertig mit Christus wahrgenommen, wie es die parallele Konstruktion vermuten lässt und demnach in einem Konkurrenzverhältnis gesehen? Schnackenburg sieht dies zwar nicht gegeben, wohl aber eine gewisse Gefahr dahingehend.3 Diese Vermutung scheint zwar vorstellbar, wird von ihm aber in keiner Weise begründet. Eine nähere Bestimmung der Art des Zugehörigkeitsgefühles und dessen Zustandekommen wären hilfreich. Es wird diesbezüglich verschiedentlich versucht, eine Gemeinsamkeit der Bedeutung bzw. Funktion der drei / vier Personen festzustellen, welche näheren Aufschluss über die Entstehung der Gruppierungen geben könnte.4

Es handelt sich bei Paulus5 und Apollos6, wie an späterer Stelle (1Kor 3f) noch ausführlicher thematisiert, um Mitarbeiter der Gemeinde: Paulus bezeichnet sich in diesem Zusammenhang als denjenigen, der den Grund gelegt (θεμέλιον ἔθηκα [3,10]) bzw. gepflanzt hat (ἐγὼ ἐφύτευσα [3,6]), Apollos habe weitergebaut (ἄλλος δὲ ἐποικοδομεῖ [3,10]) bzw. gegossen (ἐπότισεν [3,6]). Auch Kephas7 findet noch verschiedentlich Erwähnung – stets in neutralen oder positiven Zusammenhängen (3,22; 9,5; 15,5.11). Nach Paulus handelt es sich dabei um unterschiedliche, aber gleichwertige Dienste (ἕν εἰσιν [3,8]). Dagegen betont Paulus, dass diese Beiträge sich fundamental von demjenigen Christi8 und Gottes (ὁ αὐξάνων θεός [3,7]) unterscheiden. Der Versuch, eine Gemeinsamkeit zwischen den benannten Parteihäuptern festzustellen und darüber Vermutungen über die Entstehung der Gruppierungen anstellen zu können, bleibt also ohne Ergebnis. Allein aus dem Wissen, welches man über die Personen und ihr Verhältnis zur korinthischen Gemeinde hat, lässt sich auch kaum belegen, dass sich das enge Zugehörigkeitsgefühl über die Verbindung Täufer–Täufling entwickelt haben könnte. Inwieweit das Taufverständnis aber durchaus Einfluss auf die korinthische Situation gehabt haben dürfte, wie es ja die nachfolgende Argumentation des Paulus vermuten lässt, wird an späterer Stelle noch eingehender diskutiert.

2.4 μεμέρισται ὁ Χριστός; μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1Kor 1,13)

Dass derartige Gruppenbildungen dazu führen, dass Streitigkeiten entstehen bzw. man nicht mehr mit einer Stimme spricht, lässt sich leicht vorstellen, falls sie nicht als Reaktion auf bereits vorhandene unterschiedliche Positionen entstanden sind. In welcher Weise aber passt die nachfolgende Argumentation des Paulus zu der kritisierten Gruppenbildung? Zwei Richtungen der Kritik lassen sich ausmachen: Zunächst eine grundsätzliche an den Spaltungen: μεμέρισται ὁ Χριστός; (1,13a),1 sodann eine spezielle Kritik an der Vorstellung, sich als Christ einer bestimmten Person zugehörig, gar verpflichtet zu fühlen: ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1,13c). Erstere Kritik scheint in den dann folgenden Versen nicht weiter aufgegriffen zu werden, wohl aber an späterer Stelle in 1Kor 12–14, wo stets die grundlegende in Christus gegebene Einheit bei aller Verschiedenheit der Einzelnen betont wird.

Gerade das Bild des Leibes verdeutlicht, dass es hierbei für Paulus nicht um einen verhandelbaren Aspekt2 geht, sondern dass das Verhalten der zu einem Leib zusammen Getauften Auswirkungen hat bis dahin, dass spalterisches Verhalten Christus „zerteilt“, die Gemeinde also bis zur Nichtfunktionstüchtigkeit bzw. Lebensfähigkeit hin schädigen kann.3 Angesichts der tatsächlich existie­renden Gruppierungen in der Gemeinde scheint μεμέρισται ὁ Χριστός; keine rhetorische Frage zu sein, sondern vielmehr das „Vor-Augen-Malen“ der Konsequenzen der derzeitigen Situation.

Ausführlicher widmet sich Paulus am Beispiel seiner eigenen Person der zweiten Kritik: der selbsterklärten Zugehörigkeit zu einer Person. In diesem Zusammenhang sind zwei Fragen zu bedenken: Wie sind die unterschiedlichen Bezugnahmen auf die Taufe zu verstehen?4 Und ist der Abschnitt grundsätzlich rhetorisch und damit teilweise als irreal zu verstehen? Diese Fragen werden meist im „Fahrwasser“ der Überlegungen zu den korinthischen Gruppen(-entstehungsgründen) gesehen, wobei die Mehrheit der Exegeten folgende Argumentationslinie verfolgt: Wenn es sich bei den drei ersten Gruppenhäuptern nicht um die Täufer der ihnen Anhängenden handelt, dann ist die These hinfällig, dass sich das besonders enge Verhältnis durch den Taufakt entwickelt habe. Also hat die Gruppenbildung nichts mit der Taufe zu tun und unterschiedliche Taufverständnisse und daraus möglicherweise resultierende Streitigkeiten scheiden als Erklärung aus. Die von Paulus gestellte Frage ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1,13c) bzw. seine Befürchtung ἵνα μή τις εἴπῃ ὅτι εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα ἐβαπτίσθητε (1,15) sind damit rein rhetorisch zu verstehen. Paulus führt demnach die Taufe in einer – für die Korinther offensichtlichen – verdrehten Art und Weise an, ähnlich seiner vorangehenden Frage: μὴ Παῦλος ἐσταυρῶθη ὐπὲρ ὺμῶν; (1,13b).

Wie erklärt sich aber dann die (doppelte [1,14.16]) erleichterte Feststellung des Paulus, nur wenige getauft zu haben? Welche Funktion hat die abschließende, fast schon heftige Aussage οὐ γὰρ ἀπέστειλέν με Χριστὸς βαπτίζειν ἀλλὰ εὐαγγελίζεσθαι (1,17a) in einer solchen Argumentation? Darin etwa eine Abwertung der Taufe zu sehen,5 macht nur dann Sinn, wenn die Taufe (oder die Rolle des Täufers) zuvor einseitig oder über Gebühr wertgeschätzt wurde. Die Ursache für die korinthischen Gruppenbildungen wird gemeinhin in einer (übermäßigen) Betonung der Weisheit gesehen, was die sich anschließenden Ausführungen zur „Torheit der Kreuzesbotschaft“ (1,18)6 durchaus nahelegen. Ob dies jedoch Unklarheiten bezüglich des Taufverständnisses ausschließt oder nicht vielmehr integriert, nämlich da, wo das paulinische Verständnis der Taufe grundgelegt ist, im Kreuz Jesu Christi, sollte dagegen angefragt werden. In einem Atemzug fragt Paulus: μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; (1,13b.c) an der Stelle, wo er anhand seiner eigenen Person die möglichen Voraussetzungen und Konsequenzen einer Alternativstellung von einzelnen Gemeindemitarbeitern und Christus anfragt.

Eine solche Herangehensweise allein erklärt noch nicht die Fragen, warum Paulus sich so erleichtert darüber zeigt, nur wenige getauft zu haben, und warum er Taufen und Verkündigen so konträr gegenüberzustellen scheint. Dass die Taufe – auf eine noch zu klärende Weise – Einfluss auf die Gruppenbildungen in Korinth gehabt hat, ist jedoch die einzig sinnvolle Erklärung für das Zustandekommen einer textkritischen Variante zu 1,15: […] εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα ἐβάπτισα – nach durchaus alten und gewichtigen Textzeugen7 befürchtet Paulus nämlich die Unterstellung, er hätte auf seinen eigenen Namen getauft.

Diese Überlegungen lassen in Kombination mit den oben ausgeführten grammatisch-syntaktischen Wahrnehmungen v.a. zu den Versen 13 und 15 Zweifel an einer rein rhetorischen Interpretation der Bezugnahmen des Paulus auf die Taufe aufkommen. Im Weiteren hat die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung der Taufe in dieser Eingangsargumentation Auswirkungen auf die Frage nach der möglicherweise grundlegenden Bedeutung dieser Perikope für den gesamten Brief. Diese wie auch die bereits verschiedentlich angeführten noch offenen Punkte und Fragestellungen sollen an späterer Stelle, v.a. unter Heranziehung rituellen Vergleichsmaterials erneut gestellt und weiterentwickelt werden.

2.5 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive

Die Aufteilung der korinthischen Gemeinde in verschiedene Gruppen ist kein Lapsus, sondern widerspricht dem Leben der Getauften in Gemeinschaft. Auf diese Weise wird die Bedeutung des Kreuzes Christi missverstanden und in welcher Weise sich die Taufe darauf bezieht bzw. daran Anteil gibt. Sowohl das Anhängen an eine Person als auch die daraus entstandene Gruppenbildung gefährden die Einheit und darin das eigentliche Wesen und „Funktionieren“ der christlichen Gemeinde erheblich: als würde man Christus selbst zerreißen.

Es ist deutlich geworden, dass Paulus bereits zu Beginn des ersten Korintherbriefes – des Paulusbriefes mit den meisten Taufstellen – um die Bedeutung der Taufe ringt. Die Feststellung, dass er froh sei, nur wenige getauft zu haben, spricht gegen eine bloß argumentative Anführung der Taufe. Aber die nähere Untersuchung zu den Parteihäuptern lässt daran zweifeln, dass diese wesentlich als Täufer in Korinth in Erscheinung getreten sind, und kann auch sonst keine grundlegende Gemeinsamkeit in Person oder Funktion innerhalb der Gemeinde feststellen. Es bedarf demnach einer noch genaueren Analyse der Taufe und der zu ihrer Deutung verwendeten Motive, um die tatsächliche Bedeutung der Taufe im Argumentationsgang in 1Kor 1 eindeutig eruieren zu können.1

Die wesentliche Deutung der Taufe kreist um das Verhältnis von Einzelpersonen und Gruppen im Gegenüber zu Christus: Steht die Christusbindung in der Taufe in einem Konkurrenzverhältnis zu anderen Bindungen der Getauften?2 Oder ist ein relationäres Verhältnis zwischen Christusbindung und dem Verhältnis der Getauften untereinander zu denken?3 Muss Einheit in diesem Falle auch Gleichheit bedeuten?4 Welche Bedeutung kommt in der Konstellation der Kreuzigung Jesus zu?5 Weiterhin ist zu fragen, ob die rhetorisch zu verstehenden Fragen in 1Kor 1,13 Anhaltspunkte in der Realität haben? Wenn nicht, wie die Abänderung der ὄνομα-Taufformel, zumal als einziger Beleg dieser Formel bei Paulus, als bewusste Verfälschung einer Taufformel im Kontext von Ritualkritiken zu werten ist.6 Und schließlich: Welche Rolle nimmt der Täufer nach paulinischer und nach korinthischer Auffassung ein und welche Rolle spielt dabei die Verkündigung? Die umfassende These Heinricis zu diesem Thema soll hier abschließend, nicht zuletzt auf Grund ihrer erheblichen Wirkungsgeschichte dargestellt werden.

Exkurs: Der Täufer als Mystagoge – Heinrici

„… es knüpf[t] sich zwischen Täufer und Täufling noch ein besonderes Band, ähnlich wie zwischen Mystagogen und dem von ihm Eingeweihten“1 – in Gefolgschaft von C.F. Georg Heinrici findet sich in der Forschungsgeschichte immer wieder die Erklärungsthese für die Gruppenbildungen in Korinth, dass die Korinther die christliche Taufe mit Mysterieneinweihungen verwechseln würden. Die ihnen daher bekannte besondere Bindung des Initianden an den Mystagogen vermuten sie auch für die Taufe und separieren sich daher in verschiedene Gruppen, welche sich jeweils auf ihren Täufer berufen. Heinrici entfaltet seine Argumentation wie folgt:2

Paulus kritisiert in der Aufzählung der vier Parteiparolen eine „falsche Nebeneinanderstellung von Lehrern und dem Herrn“ (83). Sie entspräche einer Zerstückelung Christi, welche ein ähnliches Unding sei, wie die Taufe auf den Namen eines anderen, was offensichtlich rhetorisch zu verstehen sei. Dass Paulus in den 1,14–16 allerdings den Taufzusammenhang, speziell seine Nicht-Tauftätigkeit so betont, lässt Heinrici weitere Gründe vermuten: von Paulus abweichende Taufvorstellungen, verursacht – wenn auch ungewollt – durch das Wirken des Apollos in Korinth. Apollos habe durch sein Wissen um die Johannestaufe,3 seine Schriftgelehrsamkeit und Beredsamkeit sowohl bei Juden- als auch bei Heidenchristen großen Erfolg gehabt. Es sei unweigerlich zu Vergleichen mit Paulus gekommen und zwar mit folgendem Ergebnis: „[…] so war Apollos der hellenistischen Christengemeinde vermöge seiner Bildung wahlverwandter, als der herbe, schmucklose Paulus“ (37). Zwei Aspekte des Auftretens des Apollos hätten nun eine besondere Wirkung auf die ihm ohnehin zuneigende korinthische Gemeinde gehabt: Rhetorisch-ästhetische Vorträge erschienen ihnen als wahre göttliche Weisheit.4 Die Gemeinde habe sich an die „ungemein populären Mysterien“ (40) erinnert, in welche Apollos sie wie ein Mystagoge eingeweiht habe. Der in die höheren Einsichten Eingeweihte erhielt dabei „nicht nur eine neue Weise zu leben, sondern auch eine bessere Hoffnung zu sterben.“5 (40) Dazu komme, dass Apollos „sowohl auf die Taufe an sich als auch auf ihre persönliche Vollziehung ein neues Gewicht gelegt hat.“6 (41). Apollos, der „ehemalige Johannesjünger“, wäre da anders verfahren als der nur im Ausnahmefall taufende Paulus: „Die Taufe war ihm nicht nur der feierliche Weiheakt, nicht nur das Symbol der gliedlichen Vereinigung mit Christus (Röm. 6, 1–10), sondern auch der Act der persönlichen Verbindung des Taufenden mit dem Täufling.“7 (42) Da nun auch die „Mittheilung der Wahrheit“ in den Mysterienkulten an „Prüfungen, Entsagungen, Weihungen geknüpft“ gewesen ist, habe es nahe gelegen, Entsprechendes in der christlichen Taufe zu sehen.

Man könnte Heinricis These folgendermaßen zusammenfassen: Sowohl die rhetorisch-weisheitliche Predigt des Apollos als auch seine Betonung der Taufe verstanden die Korinther in Analogie zu Mysterienkulten, und sie ließen die ihnen daraus bekannte Hochschätzung des Einweihungsrituals sowie die enge Ritualleiter-Initiand-Verbindung in der Folge der „Ähnlichkeiten“ in ihr Taufverständnis einfließen – mit dem Ergebnis, dass so die erste, nämlich die Apollosgruppe entstand.

Die sich auf Heinrici stützenden Exegeten greifen meist nur einen Aspekt aus seiner geschlossenen Argumentation auf und kommen davon ausgehend oft zu weitrei­chenden Schlussfolgerungen: Manche beziehen sich allgemein darauf, dass die Gruppenzugehörigkeit über die Taufe bestimmt wird. Für Schnelle etwa ist dies die einzige Erklärung dafür, „daß Paulus in diesem Zusammenhang überhaupt auf die Taufe zu sprechen kommt.“8 Conzelmann und Lietzmann hingegen benutzen diese Thesen als Hinweis darauf, dass Petrus in Korinth gewirkt habe.9 Andere wiederum greifen die missverstandene Taufpraxis (Überbewertung des Täufers) auf, welche dann direkt auf das Wirken Apollos zurückgeführt wird10 oder auch – ohne Apollos – auf Mysterienreligionen zurückgehe: Zwar sei den Korinthern die Absurdität der Fragen (1,13) bewusst, dennoch würden sie den Täufern „bleibende Heilsautorität“ zugestehen, da sie an eine „durch das Verständnis der Taufe als Mysterienhandlung gegebene, wesenhafte und bleibende Gebundenheit des Getauften an seinen Täufer“ glauben.11

Angesichts solcher spekulativen Folgethesen in der stückweisen Aufnahme Heinricis, ist die Kritik Schrages12 an einer Rückführung der Gruppenbildung auf einen Taufstreit durchaus verständlich.13 Jedoch gerät auch ihm in seiner Schlussfolgerung, eine „Überschätzung weisheitlicher Verkündigung“ sei Ursache für die Gruppenbildungen gewesen, aus dem Blick, dass dieser von Heinrici bei Apollos bereits verortete Aspekt geradezu Hand-in-Hand geht mit dessen weiterer Argumentation.

Befürworter wie Gegner der These Heinricis verkennen allerdings zumeist ihre Stärke, welche v.a. darin liegt, dass sie die Gruppenzuordnungen zwar mit der Taufe in Zusammenhang bringt, in „Taufstreitigkeiten“ aber keineswegs die einzige Ursache sieht, die direkt zu den Gruppenbildungen geführt habe. Heinricis Überlegungen zu mehreren ineinandergreifenden Einflussfaktoren sind Teil seiner grundsätzlichen vorangestellten Einschätzung der Situation in Korinth: „In Bezug auf Glauben und Sitte musste daher auch die sich selbst überlassene Korinthische Gemeinde einen Process der Klärung durchmachen, in welchem nicht ohne Irrungen die sicheren Grenzen gegen Judentum und Heidentum gefunden wurden.“14

3 1. Korinther 12,12–20: Zu einem Leib getauft

12 Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, ein Leib sind, so auch der Christus. 13 a) Denn wir sind auch alle durch einen Geist zu einem Leib getauft, b) seien es Juden oder Griechen oder Sklaven oder Freie, c) wir haben auch alle einen Geist zu trinken bekommen. 14 Denn der Leib ist auch nicht ein Glied, sondern viele. 15 Wenn der Fuß sagt: „Weil ich keine Hand bin, gehöre ich nicht zum Leib.“ Gehört er dann deswegen auch nicht zum Leib? 16 Wenn aber das Ohr sagt: „Weil ich kein Auge bin, gehöre ich nicht zum Leib.“ Gehört er dann deswegen nicht zum Leib? 17 Wenn der ganze Leib Auge ist, wo ist (dann) das Hören? Wenn der ganze (Leib) Hören ist, wo ist (dann) das Riechen? 18 Nun aber setzte Gott das Glied ein, er wollte einen jeden von ihnen gut in dem Leib. 19 Wenn aber alles ein Glied war, wo ist (dann) der Leib? 20 Nun sind es aber viele Glieder, es ist aber ein Leib.

3.1 Textsematischer Einstieg

Nach 1Kor 1,10–17 ist auch dieser zweite wesentliche Tauftext des 1Kor grundlegend mit der Hauptproblematik der korinthischen Gemeinde aus der Sicht des Paulus verbunden: Die Wahrnehmung und Bewertung von Unterschieden gefährdet die Einheit der Gemeinde. Zu Beginn des Briefes betont Paulus entgegen den Gruppenbildungen Christus als einzig mögliche und zugleich einheitsstiftende Autorität, der die Korinther anhängen sollen. In 1Kor 12–14 nun stellt Paulus einer konkurrierenden Bewertung der Geistesgaben das einheitsstiftende Wirken des einen Heiligen Geistes entgegen. Die Unterschiedlichkeit der Gaben wird dabei prinzipiell als positiv und sinnreich beurteilt und ihre grundsätzliche Gleichwertigkeit lediglich in zwei Aspekten relativiert: 1) Der Einsatz von Geistesgaben in der öffentlichen Versammlung hat gemeindebauenden Motiven zu dienen (1Kor 14). 2) μείζων δὲ τούτων ἡ ἀγάπη (1Kor 13,13).

Doch wie sich die Forschung zu 1Kor 1 uneins darüber zeigt, wie wesentlich die Taufe für die Gemeindesituation und Argumentation des Paulus ist, ebenso unterschiedlich bewerten die Exegeten die Bedeutung der Taufe für 1Kor 12, wobei v.a. die Art des Bildes bzw. Vergleiches des Leibes Christi sowie das Verhältnis von Taufe und Heiligem Geist kontrovers diskutiert werden. Letzterer Aspekt hat insofern Relevanz über die Perikope hinaus, als es sich hierbei – im erheblichen Kontrast zu Apg – um den einzigen paulinischen Tauftext handelt, in welchem der Heilige Geist Erwähnung findet. Nicht zuletzt auf Grund der traditionsgeschichtlichen Nähe von 1Kor 12,13 zu Gal 3,27f wird die hierzu erhobene Interpretation sodann oft als paulinisches Verständnis zur Wirkung bzw. Bedeutung des Heiligen Geistes bei der Taufe auch auf die anderen Tauftexte übertragen. Die folgende Untersuchung fokussiert entsprechend auf die Verse 1Kor 12,12f, welche Wolff als „Mitte des Gedankengangs V.4–31a“1 erkennt, und fragt ausführlich nach der Taufdeutung in diesem Text, um sich dann der Frage zu stellen, ob eine Übertragung bzw. Eintragung der Interpretation in die anderen paulinischen Tauftexte sachgemäß erscheint.

3.2 ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες […] ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13a)
3.2.1 Die christliche Taufe und der Heilige Geist

An dieser Stelle kann keine umfassende Studie zum Verhältnis von Heiligem Geist und christlicher Taufe geleistet werden,1 sondern lediglich eine Systematisierung und Auswertung der Textstellen hinsichtlich des direkt oder indirekt zum Ausdruck gebrachten Verhältnisses von Heiligem Geist und christlicher Taufe.

3.2.1.1 βαπτίζειν ἐν πνεύματι

Die Formulierung βαπτίζειν ἐν πνεύματι ist die einzige Phrase, welche Taufe und Heiligen Geist in ein direktes Verhältnis bringt und eine gewisse Prägung erkennen lässt. In den Evangelien wie auch in Apg kommt sie stets in einem (kontrastierenden) Zusammenhang mit der Johannestaufe vor, wobei ἐν πνεύματι – mindestens auf sprachlicher Ebene – die Entsprechung bzw. das Gegenüber zu (ἐν) ὕδατι der Johannestaufe darstellt. Problematisch bleibt jedoch, dass lediglich eine Stelle βαπτίζειν ἐν πνεύματι unzweifelhaft mit der christlichen Taufe in Verbindung bringt, während die anderen Stellen diese Identifizierung höchstens wahrscheinlich machen. Die Textstellen lassen sich zwei Kontexten bzw. Sprechern zuordnen:

1) Ankündigung Johannes des Täufers: Der nach ihm Kommende wird sie taufen ἐν πνεύματι ἁγίῳ (Mk 1,8; Joh 1,33) bzw. ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ πυρί (Mt 3,11; Lk 3,16). Da für beide Versionen jeweils als Gegenüber sowohl ὕδατι als auch ἐν ὕδατι sowie entsprechende textkritische Varianten belegt sind, lässt sich kaum mehr feststellen, ob der Parallelisierung bzw. ihrer bewussten Durchbrechung Bedeutung für das jeweilige Verständnis der beiden „Taufen“ beigemessen wird oder ob etwa eine bereits verfestigte Sprachform Einfluss hatte. V.a. die zahlreichen textkritischen Varianten weisen jedoch mindestens auf ein erhöhtes Interesse an der Formulierung hin.1

2) Ankündigung des Auferstandenen: In der Apostelgeschichte findet sich die klar auf Pfingsten (Apg 2,3f) ausgerichtete Ankündigung des Auferstandenen, ὅτι Ἰωάννης μὲν ἐβάπτισεν ὕδατι, ὑμεῖς δὲ ἐν πνεύματι βαπτισθήσεσθε ἁγίῳ (Apg 1,5). Petrus zitiert dies in seinem Bericht in Jerusalem über die Vorgänge im Hause des Cornelius (Apg 11,16). Da die Gabe des Heiligen Geistes an die Heiden ihn überzeugte, diese taufen zu lassen, bringt Apg 11,16 als einzige Textstelle die Formulierung βαπτίζειν ἐν πνεύματι in einen klaren, wenn auch nicht direkten Zusammenhang mit der christlichen Taufe.

3.2.1.2 Sonstige Tauftexte, die auf den Heiligen Geist Bezug nehmen

Insgesamt sieben weitere Textpassagen stellen einen direkten Zusammenhang zwischen Heiligem Geist und christlicher Taufe her:

1) Petrus fordert seine Zuhörer auf: μετανοήσατε, [φησίν,] καὶ βαπτισθήτω ἕκαστος ὑμῶν ἐπὶ τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς ἄφεσιν τῶν ἁμαρτιῶν ὑμῶν καὶ λήμψεσθε τὴν δωρεὰν τοῦ ἁγίου πνεύματος. – „Tut Buße, (glaubt) und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden und empfangt das Geschenk des Heiligen Geistes.“ (Apg 2,38). Auch wenn eine finale Übersetzung weitverbreitet ist, rechtfertigt das mehrfache reihende καί dies m.E. nicht. Der finale Sinn dürfte aus anderen Tauftexten eingetragen sein.

2) Bezüglich der ersten getauften Samarier betont Lukas, dass sie μόνον δὲ βεβαπτισμένοι ὑπῆρχον εἰς τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου Ἰησοῦ und ihnen der Heilige Geist noch fehlt (Apg 8,16). Auf das Gebet und die Handauflegung von Petrus und Johannes hin, werden sie dann vom Heiligen Geist erfüllt (Apg 8,15–17). Es handelt sich dabei um die ersten Nichtjuden, welche den Heiligen Geist empfangen.

3) Lediglich der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auf die Taufe des Kämmerers hin Philippus vom Geist des Herrn entrückt wird – sich der Geist also an dieser Stelle auf den Täufer anstatt auf den Täufling auswirkt (Apg 8,39).

4) Mit dem Auflegen seiner Hände spricht Hananias zu Saulus, dass der Herr ihm erschienen sei, πλησθῇς πνεύματος ἁγίου (Apg 9,17). Daraufhin kann Paulus wieder sehen und lässt sich taufen (Apg 9,18).

5) Das Ausgießen des Heiligen Geistes über Cornelius und seine Hausgenossen (Apg 10,44–48) bringt Petrus schließlich zu der Erkenntnis: μήτι τὸ ὕδωρ δύναται κωλῦσαί τις τοῦ μὴ βαπτισθῆναι τούτους, οἵτινες τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον ἔλαβον ὡς καὶ ἡμεῖς; – „Kann jemand diesen das Wasser zum Taufen verwehren, welche den Heiligen Geist empfangen haben wie wir?“ (Apg 10,47). Indem Apg das Ereignis als eine Art Pfingsten der Heiden stilisiert, ist der Erzählung zweifellos ein Präzedenzcharakter anzuerkennen.1

6) Das Fehlen des Heiligen Geistes deckt auf, dass die Jünger in Ephesus „bloß“ getauft sind εἰς τὸ Ἰωάννου βάπτισμα (Apg 19,3). Nachdem sie sich sodann εἰς τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου Ἰησοῦ haben taufen lassen, legt Paulus ihnen die Hände auf und ἦλθεν τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον ἐπ’ αὐτούς (Apg 19,6).

7) Die Barmherzigkeit wird gewirkt durch das Bad der Wiedergeburt, eine kaum misszuverstehende Metapher für die christliche Taufe, und ἀνακαινώσεως πνεύματος ἁγίου (Tit 3,5).

3.2.1.3 Auswertung und Schlussfolgerung für 1Kor 12,12f

Voraussetzung jedes Fazits über das Verhältnis von Heiligem Geist und christlicher Taufe ist die Reihenfolge, in der beide in den Texten erwähnt werden. Alle drei möglichen zeitlichen Szenarien lassen sich beobachten: 1) Heiliger Geist vor christlicher Taufe (Apg 10,44–48); 2) christliche Taufe vor Heiligem Geist (Apg 8,15–17; 19,1–6); 3) Heiliger Geist und christliche Taufe scheinen zeitlich ineinander zu fallen bzw. lässt sich keine eindeutige Reihenfolge feststellen (Apg 2,38; 9,17f). Diesem unklaren Befund ist hinzuzufügen, dass es sich mindestens bei Apg 10 und Apg 19 um Sonderfälle handelt, aus welchen nur bedingt Schlussfolgerungen für ein allgemeines Taufverständnis abgeleitet werden sollten. Zudem stehen diesen Textstellen eine große Mehrheit an dezidierten Taufstellen gegenüber, welche den Heiligen Geist in keiner Weise thematisieren.1

Auf der Grundlage dieser knappen Übersicht lässt sich demnach die Tendenz wahrnehmen, dass die christliche Taufe mit dem Heiligen Geist in Zusammenhang gebracht wird, jedoch kein einheitliches Konzept erkennen, ob der Geist als Voraussetzung, Aspekt des Ritualvollzuges oder etwa Wirkung der christlichen Taufe verstanden wird. Mit Blick auf 1Kor 12,13 lässt sich lediglich festhalten, dass dieser Vers die einzige neutestamentliche Stelle ist, welche die Formulierung βαπτίζειν ἐν πνεύματι in einen direkten Zusammenhang mit dem Vollzug der christlichen Taufe bringt und das, obwohl sich die Phrase sonst ausschließlich in den Evangelien und Apg findet. Zu fragen bleibt jedoch, ob βαπτίζειν ἐν πνεύματι in den erzählenden Schriften des NT bereits ein so hoher Traditionscharakter inne wohnt, dass es als selbstverständliche Chiffre für die christliche Taufe verwendet wird. Auch wenn sich diese These nachdrücklich erhärten ließe,2 hat dies jedoch noch keinen Aussagegehalt für den wesentlich älteren 1Kor des Paulus, der die Phrase außerdem in veränderter Form als christliche Taufe klar erkennbar macht.

3.2.2 in bzw. durch einen Geist getauft
3.2.2.1 τὸ πνεῦμα bei Paulus

Paulus verwendet τὸ πνεῦμα im Zusammenhang mit πίστις, im Gegenüber zu σάρξ, als „Offenheit für Gott und den Nächsten“ und als anthropologisches Moment.1 Die ebenso vielschichtigen Aussagen über das Verhältnis von τὸ πνεῦμα zu ὃ Χριστός lassen sich in folgender Weise zusammenfassen: „Diese Kraft ist keine namenlose, unbekannte. Sie ist identisch mit dem erhöhten Herrn, sobald man diesen nicht an sich, sondern in seinem Handeln an der Gemeinde betrachtet.“2 Einige Textstellen sprechen für eine Gleichsetzung mit ὁ κύριος, andere für eine Unterordnung unter diesen.3 „Darum kann Paulus auch gelegentlich θεός, κύριος und πνεῦμα parallelisieren […], eben weil ihre Begegnung mit dem Glaubenden immer ein und dasselbe Ereignis darstellt.“4

Der 12,12–20 vorausgehende Abschnitt zeigt nun in besonderer Weise eine solche Parallelisierung mit einer eindeutig, erkennbaren Pragmatik: 4Διαιρέσεις δὲ χαρισμάτων εἰσίν, τὸ δὲ αὐτὸ πνεῦμα· 5καὶ διαιρέσεις διακονιῶν εἰσιν, καὶ ὁ αὐτὸς κύριος· 6καὶ διαιρέσεις ἐνεργημάτων εἰσίν, ὁ δὲ αὐτὸς θεὸς ὁ ἐνεργῶν τὰ πάντα ἐν πᾶσιν. – „4Es sind verschiedene Gaben, aber es ist derselbe Geist. 5 Und es sind verschiedene Dienste, aber es ist derselbe Herr. 6 Und es sind verschiedene Kräfte, aber es ist derselbe Gott, welcher alles in allen bewirkt.“ (12,4–6) Über die Parallelisierung von τὸ πνεῦμα, ὁ κύριος und ὁ θεός betont Paulus, dass sämtliche Glaubensäußerungen der Korinther sich aus einer einzigen Quelle speisen. In der Fortführung dieser Argumentation verwendet Paulus durchgehend τό πνεῦμα und scheint mit dem wechselnden Präpositionsgebrauch (δία, κάτα, ἐν [12,7–10]) darauf zu verweisen, dass sich nicht allein die Gaben und Werke unterscheiden können, sondern auch die Art und Weise, in der sie durch den Geist inspiriert, also bewirkt werden, unzweifelhaft bleibt jedoch: πάντα δὲ ταῦτα ἐνεργεῖ τὸ ἓν καὶ τὸ αὐτὸ πνεῦμα (12,11).

3.2.2.2 βαπτίσθημεν ἐν ἑνὶ πνεύματι

So fokussiert auch das Bild von dem einen Leib und seinen Gliedern auf den Aspekt von Einheit bzw. Einzigkeit.1 Erneut findet sich in diesem Zusammenhang die Betonung ἑνὶ πνεύματι. Doch auch wenn die Grundaussage des Verses unstrittig ist, so konnte in der Literatur doch bisher keine Einigung darüber erzielt werden, in welcher Weise ἐν zu verstehen ist, welche „Rolle“ also der Geist bei der Taufe εἰς ἓν σῶμα spielt. Sowohl für eine lokale als auch für eine instrumentale Deutung lassen sich Argumente anbringen:

1) ἐν mit lokalem Sinne: Für eine lokale Deutung spricht hauptsächlich, dass ἐν πνεύματι in den oben dargestellten βαπτίζω ἐν-Stellen stets mit ἐν ὕδατι der Johannestaufe parallelisiert wird. „The Spirit is the element in (ἐν) which the baptism takes place […]“.2 Die Diskussion zu dieser Interpretation kreist um die Frage, ob die Formulierung den Taufablauf als eines Unter- bzw. Hineingetauchtwerdens in symbolischer Weise aufgreift, wofür v.a. der direkte Vergleich mit einer anderen Taufe gleichen Ablaufes, nämlich der Johannestaufe, spricht. Angesichts der Singularität der Aussage wäre daher zu fragen, ob andere paulinische Taufaussagen in gleicher bzw. ähnlicher Weise den Taufablauf symbolisch deuten. Mindestens Gal 3,27b ist als metaphorische Erläuterung des βαπτίζω in der εἰς-Taufformel zu verstehen.3 Als weiterer Hinweis auf ein mögliches lokales Verständnis ist zu beachten, dass – auch wenn sowohl ἐν als auch εἰς gerade in der Koine vielfältig und teilweise in identischer Bedeutung verwendet werden – die Anwesenheit beider Präpositionen in dieser kurzen Phrase für eine zu differenzierende Bedeutung spricht. Zudem ist zunächst über die konkrete Bedeutung von καὶ πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν zu befinden, bevor ἐν eindeutig geklärt werden kann.

2) ἐν mit instrumentalem Sinne: Für eine instrumentale Interpretation von ἐν lassen sich in der Literatur unterschiedliche Varianten ausmachen. 1) Der Geist wird verstanden als „the effective force which, in the act of baptism, brings this body to experiential reality.“4 2) „Der Geist wird dabei […] zugleich als im Taufgeschehen wirkend und in der Taufe verliehen gedacht […]“.5 3) Βαπτίσθημεν ἐν πνεύματι wird als ein von der Taufe zu unterscheidender Akt verstanden: „In the text in 1 Cor. 12.13 Paul seems clearly to be referring to what the Spirit accomplishes in the believer. It is the Spirit, not water baptism that joins a person into the body of Christ.“6 Witherington III sieht in der Geisttaufe „the conversion“ und in der Wassertaufe „the initiation“.7 Für eine instrumentale Deutung spricht der Kontext, nach welchem sämtliche Glaubensäußerungen durch τὸ πνεύμα bewirkt werden. Es bliebe dann jedoch zu fragen, in welchem Verhältnis Paulus Geist und Taufe sieht: Sind es zwei zu trennende Vorgänge oder ist der Geist die tatsächlich wirkende Macht in bzw. durch die Taufe? Sowohl für ein instrumentales als auch ein lokales Verständnis konnten unterstützende Indizien festgestellt werden, welche allerdings auf Grund der Singularität der Aussage weiterer Bestätigung durch kontextuelle (1Kor 12) oder vergleichende (paulinische Tauftexte) Untersuchungen bedürfen.

3.3 […] ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν (1Kor 12,13a)
3.3.1 Leib-Metaphorik

Innerhalb der paulinischen Literatur wird die Gemeinde in unterschiedlichen Kontexten als ein Leib bzw. der Leib Christi bezeichnet.1 V.a. auf Grund der Unterschiede zwischen Proto- und Deuteropaulinen kann und soll hier keine umfassende Darstellung geleistet werden, sondern der Fokus auf allgemeinen und den für 1Kor 12 relevanten Spezifika liegen.

Über die Herkunft des Bildes2 reichen die konkreten Thesen von Ursprüngen in der Gnosis,3 über die Vorstellung einer corporate personality,4 über die Idee eines „Allgott als Makroanthropos“,5 bis hin zum paulinischen Abendmahlsverständnis.6 Wenn auch die unterschiedlichen Theorien der Interpretation des Bildes verschiedene Nuancen beilegen, so lässt sich doch zumindest sicher feststellen, dass Paulus an „einen in der Antike verbreiteten metaphorischen Gebrauch von ‚Leib‘ für eine Einheit in der Vielfalt“7 anknüpft.

Diese Grundpragmatik lässt sich in sämtlichen Textstellen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, feststellen: Paulus verwendet das Bild zur Betonung bzw. Erklärung der Einheit der Gemeinde. Wolff betont den stets paränetischen Kontext, „in soteriologischen Passagen ist bezeichnenderweise nicht von dem einen Leib die Rede.“8 Dabei kann das Bild in unterschiedlichen Problemkontexten Anwendung finden: die Unvereinbarkeit von Götzenmahl und Herrenmahl (1Kor 10); die Diversität der Geistesgaben (1Kor 12; Röm 12); Hierarchiestrukturen innerhalb der Gemeinde u.s.w. Die drei ausführlichen Textstellen in den Protopaulinen seien daher kurz etwas ausführlicher betrachtet:

1Kor 10,16f: 16[…] τὸν ἄρτον ὃν κλῶμεν, οὐχὶ κοινωνία τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ ἐστιν; 17ὅτι εἷς ἄρτος, ἓν σῶμα οἱ πολλοί ἐσμεν, οἱ γὰρ πάντες ἐκ τοῦ ἑνὸς ἄρτου μετέχομεν. – „16[…] Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? 17 Denn es ist ein Brot: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ Paulus nimmt direkten Bezug auf den Leib Christi und die Anteilhabe daran im Herrenmahl, welche die Gemeinde zu einer Einheit verbindet vergleichbar einem einzigen Leib. Diese Einheit ist so grundlegend und einzigartig, dass sie einerseits mit anderen rituellen Mahlen, welche eine vergleichbare Einheit erschaffen, in einer sich ausschließenden Konkurrenz steht, und andererseits soziale Differenzierungen innerhalb entgegensteht.9

Röm 12,4–6: 4καθάπερ γὰρ ἐν ἑνὶ σώματι πολλὰ μέλη ἔχομεν, τὰ δὲ μέλη πάντα οὐ τὴν αὐτὴν ἔχει πρᾶξιν, 5οὕτως οἱ πολλοὶ ἓν σῶμά ἐσμεν ἐν Χριστῷ, τὸ δὲ καθ’ εἷς ἀλλήλων μέλη. 6 ἔχοντες δὲ χαρίσματα κατὰ τὴν χάριν τὴν δοθεῖσαν ἡμῖν διάφορα […] – „4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 6und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist […]“ Auch hier wird die Gemeinde als Leib bezeichnet, allerdings als ἓν σῶμά ἐσμεν ἐν Χριστῷ (Röm 12,5) und demnach nicht mit dem Leib Christi direkt identifiziert. „Der Umstand, daß der Apostel so variierend formulieren kann, zeigt, daß der Leibgedanke für ihn nicht in der Weise konkret ist, daß die Gemeinde realiter der Leib des erhöhten Christus ist; vielmehr gilt: Wir sind bei aller Vielzahl eine orfanische Einheit durch unser Bestimmtsein vom eschatologischen Heil (‚in Christus‘).“10

Für 1Kor 12 besteht nun die Problematik, dass der Text einen uneindeutigen Befund über das Verhältnis von Gemeinde als Leib und dem Leib Christi bietet: Καθάπερ γὰρ τὸ σῶμα ἕν ἐστιν καὶ μέλη πολλὰ ἔχει […] οὕτως καὶ ὁ Χριστός· (12,12), […] ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν […] (12,13), Ὑμεῖς δέ ἐστε σῶμα Χριστοῦ καὶ μέλη ἐκ μέρους. (12,27). Das wirft die Frage auf, ob überhaupt eine durchgehende und einheitliche Bildebene11 anzunehmen ist und ob es sich dabei um einen Vergleich,12 Gleichsetzung13 oder etwas Weiteres handelt.14 Diese Unterschiede liegen in einer differierenden Interpretation des οὕτως καὶ ὁ Χριστός (12,12) begründet, was entweder als „Breviloquenz für seinen Leib“15 gedeutet oder aber die Geistaussage durch Christusverweis kontextualisiert wird: Paulus lenkt den Blick auf den „der in der Gemeinde durch den Geist, das Unterpfand (2.Kor. 1,22; 5,5) für das eschatologische Heil (‚Christus‘!), am Werk ist.“16

Verschiedene Aspekte sprechen demnach gegen eine durchgehende Identifizierung der Gemeinde als Leib mit dem Leib Christi – mindestens als Hauptaussage von 12,12–31. Vielmehr sprechen der Kontext und die eingehende Entfaltung des Bildes eines Leibes dafür, dass Paulus die Gemeinde mit einem Organismus vergleicht, welcher nicht etwa trotz der Verschiedenartigkeit seiner Glieder lebt und funktioniert, sondern gerade auf Grund dieser.17 Roloff etwa sieht den Leitgedanken in der Lebendigkeit des Organismus, aus dem sich das Prinzip des Dienens der Glieder untereinander ableitet.18 Mindestens ebenso relevant ist der Aspekt zu werten, dass das Bild des Leibes ein in der Antike in unterschiedlichen Kulturen verbreitetes Bild für das Ideal einer Einheit darstellt.19

Dass die Gemeinde schließlich mit dem Leib Christi identifiziert wird, ist als eine Art Klimax und zugleich tiefere Begründung des Bildes zu verstehen, welches davon handelt, dass eine Vielzahl an Menschen in so grundlegender Weise zusammengefügt wird, dass sie diese einzigartige Einheit bilden, dass die einzelnen Glieder nicht mehr unabhängig davon lebensfähig wären. Begründet wird dies in der Taufe auf den einen Christus, bewirkt durch den einen Geist.

3.3.2 Getauftwerden zu einem Leib
3.3.2.1 Vorbemerkung zu βαπτίζω εἰς / ἐν

Angesichts der Bedeutung, welche die εἰς-Taufformel für Röm 6 und Gal 3 einnimmt, lässt 1Kor 12 diese Formel geradezu vermissen. Drei sehr unterschiedliche Erklärungen sind denkbar: 1) Es handelt sich bei 1Kor 12 – nicht in vergleichbarem Maße – um einen Tauftext. 2) Paulus fokussiert einen Aspekt der Taufe, den die εἰς-Taufformel nicht hergibt. 3) Vergleichbar Röm 6,3c und Gal 3,27,b ist 1Kor 12,13a als Erläuterung der εἰς-Taufformel zu verstehen. Eine Klärung dieser Fragestellung kann zur endgültigen Interpretation des Verses beitragen.

Sowohl die εἰς-Taufformel als auch 1Kor 12,13 stellen sehr verkürzte und darin formelhafte Formulierungen dar, welche durch die Verwendung von εἰς bzw. ἐν eher ein vielschichtiges Deutungsspektrum eröffnen, als dass sie eine eindimensionale, unmissverständliche Aussage bieten: lokale, instrumentale und weitere Deutungen sind vorstellbar. Dass die Erläuterungen in Röm 6,3c und Gal 3,27b auf unterschiedliche Aspekte eingehen, macht nun wahrscheinlich, dass die Mehrdimensionalität in ihrer Bedeutung kein neuzeitliches Auslegungsproblem darstellt, sondern der Formel bereits selbst eignet. Dies spricht unbedingt für eine jeweils kontextuelle, anfänglich bedeutungsoffene Analyse der jeweiligen Textstellen.

3.3.2.2 Denn wir sind alle durch den einen Geist zu einem Leib getauft worden …

1Kor 12,13 weist erhebliche Parallelen zu Gal 3,27f, aber auch einige zu Röm 6,3f auf, was den Vers in seinem Aufbau wie in seiner Aussage als Taufaussage mit einem gewissen Traditionsgrad eindeutig erkennbar macht: Auf einen argumentativen Anschluss an das vorherige (καὶ γάρ [1Kor 12,13a]; vgl. Röm 6,3a; Gal 3,27a), folgt eine βαπτίζω-Aussage im Plural Passiv (vgl. Röm 6,3b; Gal 3,27a), die Negierung der (Gegensatz-)Paarungen (1Kor 12,13b, vgl. Gal 3,28a–c) sowie eine Betonung der Einheit (1Kor 12,12.13a.c; vgl. Gal 3,28d). Der Abschnitt gibt Auskunft über Grundlage und Wirkung der Taufe für den einzelnen wie für die Gemeinschaft der Getauften. In der vergleichenden Logik dieser Gliederung ist καὶ γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν entweder als Variation der εἰς-Taufformel oder als Erläuterung dieser (vgl. Röm 6,3c; Gal 3,27b) bei Auslassung der eigentlichen Formel zu verstehen.

Die kontextuellen wie traditionsgeschichtlichen Voruntersuchungen sprechen für folgende Deutung, welche als Erläuterung der εἰς-Taufformel bezüglich Wirkmacht und Auswirkung verstanden werden kann. Auf Christus getauft worden zu sein, bedeutet für die korinthische Gemeinde:

1) τὸ πνεῦμα, welcher zuvor in eindeutiger Weise mit ὁ κύριος und ὁ θεός parallelisiert wurde, wirkt in und durch die Taufe. ἐν verweist an dieser Stelle auf die göttliche Macht, welche in der Taufe auf den einzelnen wie die Gemeinschaft einwirkt. Ein Zeichen dafür sind die zahlreichen Geistesgaben in der korinthischen Gemeinde. Diese eher instrumentale Deutung1 schließt ein gewisses lokales Moment nicht grundsätzlich aus, nach dem der Täufling vom Geist nicht nur gänzlich durchdrungen, sondern auch von diesem vollständig umgeben wird.2 Neben ἐν lässt auch die Betonung des ἑνὶ eine Nähe zu πάντες γὰρ ὑμεῖς εἱς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (Gal 3,28d) erkennen.

2) τὸ σῶμα bezeichnet, wie die nachfolgende Argumentation deutlich herausstellt, die in der Taufe begründete Einheit der Gemeinde vergleichbar einem einzigen Organismus, welcher von dem funktionalen Zusammenspiel der einzelnen, unterschiedlichen Glieder am Leben erhalten wird. Keine der sonstigen Einheitsaussagen der paulinischen Tauftexte lässt den Aspekt erkennen, dass die Taufe einen einzelnen Täufling in die Einheit einfügt, sondern vielmehr die Taufe an sich bzw. jedes Einzelnen (siehe Plural) die Einheit insgesamt begründet.3 Dies widerspricht einerseits einer lokalen Deutung von εἰς ἓν σῶμα und lässt für eine Differenzierung in eine Geisttaufe und eine Wassertaufe keinerlei zwingende Anhaltspunkte erkennen.

3.4 εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ἕλληνες εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι (1Kor 12,13b)

Da der Hintergrund, die Traditions- sowie Auslegungsgeschichte der tradierten Wendung1 bereits ausführlich dargestellt wurden,2 soll im Folgenden das Augenmerk auf den Spezifika der Tradition in 1Kor 12,13 liegen, um davon eine angemessene Interpretation herzuleiten: 1) die Konstruktion über εἴτε … εἴτε …, 2) das „Fehlen“ des dritten (Gegensatz-)Paares gegenüber Gal 3,28, sowie 3) die kontextuelle Einbindung in 1Kor 12.

1) εἴτε … εἴτε …: Im Vergleich zu den beiden anderen Stellen, an welchen sich die Tradition finden lässt (Gal 3,28a–c; Kol 3,11), bietet 1Kor 12,13 die einheitlichste Struktur. Paulus verwendet in Röm 12,6–8 εἴτε … εἴτε …, um die verschiedenen Geistesgaben und den sachgemäßen Umgang aufzuzählen. In 1Kor 3,22 betont er, dass kein Mensch gerühmt werden dürfte, ob es sich nun um Paulus, Kephas oder Apollos handelt. Die Formulierung zielt demnach weder auf ein bloßes Erfassen aller Beteiligten noch auf eine Relativierung oder gar Negierung der Unterschiede zwischen ihnen. Die klassischen Gegensätze sind zwar noch deutlich zu erkennen,3 doch egalisiert die Aufzählung jegliche nähere Verhältnisbestimmung oder gar Machtstruktur. Sinngemäß wäre zu übersetzen: Etwas geschieht, völlig unabhängig davon, ob die Beteiligten Juden, Griechen, Sklaven oder Freie sind.

2) das „Fehlen“ des dritten (Gegensatz-)Paares: Eher aus der Perspektive der schwierigen Auslegungsgeschichte von Gal 3,28c heraus wird gelegentlich bemerkt, dass in 1Kor 12,13b das dritte Paar fehlt. Da auch Kol 3,11 das Paar vermissen lässt, müsste eigentlich eher Gal 3,28c als Abweichung gelten. Will man jedoch davon ausgehen, dass Gal 3,28a–c eine vollständige, in ihrem Umfang gefestigte Tradition bietet, so könnte man über die Gründe des Weglassens spekulieren. „Das Fehlen dieses Gegensatzpaares im Ersten Korintherbrief erklärt sich wohl daraus, daß Paulus den Enthusiasmus korinthischer Frauen (vgl. 11,2ff.) nicht begünstigen will.“4 Gegen diese These Wolffs spricht, dass keine, die korinthischen Frauen möglicherweise animierende Relativierung der Unterschiede ausgesagt wird. Vielmehr spricht der Kontext für die Sinnhaftigkeit aller menschlischen Spezifika und die in der Taufe begründete Einheit aller – ein Aspekt, der bei noch so viel Enthusiasmus kaum missverstanden werden kann.

3) die kontextuelle Einbindung: 1Kor 12 setzt der Tradition eine von Gal 3 und Kol 3 stark abweichende Pragmatik. Die Unterschiedlichkeit aller Getauften ist zutiefst sinnhaftig und erhält ihre eigentliche Bedeutung gerade erst im Mit- und v.a. Füreinander als Glieder eines Leibes: Was wäre ein Auge für sich allein? Oder was könnten fünf Finger als Gruppe ausrichten?

Betrachtet man diese Einzelaspekte erschließt sich folgende Deutung, über welche in der Forschung weitestgehend Einigkeit herrscht: Alle, gerade in ihrer anhaltenden Unterschiedlichkeit werden durch den einen Geist zu einem Leib getauft. Es irritiert jedoch, in welcher Weise die Aussage von manchem mit Gal 3,28 kontrastiert wird: „Während Paulus in Gal. 3,27f. die Beseitigung der Unterschiede hervorhebt, geht es ihm in unserem Vers um die in der Gemeinde vorhandene herkunftsmäßige Mannigfaltigkeit.“5 Oder auch: „Anders als in Gal 3,28 (οὐκ ἔνι) wird allerdings nicht ausdrücklich gesagt, daß durch das grundlegende Geschehen der Taufe die heilsgeschichtlichen und sozialen Differenzierungen mit ihren Privilegien und Benachteiligungen ekklesiologisch relativiert und überholt werden. Wie das Folgende zeigt, ist gerade keine Ein- und Gleichförmigkeit intendiert.“6 Dies hieße, Paulus würde dieselbe Tradition mit völlig unterschiedlicher Intension verwenden. Dagegen ist festzuhalten, dass sowohl Gal 3,27f als auch 1Kor 12,13 als eine Relativierung, wenn nicht Beendigung sämtlicher bisheriger Unterscheidungskategorien der Menschen durch die Taufe auf Christus und die darin grundgelegte ganz neuartige Beziehung, gar Einheit der Getauften interpretiert werden können. Neben der Unterscheidung zwischen Juden und Griechen sowie Sklaven und Freien ist mit Blick auf die korinthische Gemeinde besonders an die Parteiungen zu denken. Schon zu Beginn des Briefes hatte Paulus leidenschaftlich u.a. mit der Taufe dagegen argumentiert, dass die – typische menschliche Gruppenbildung – innerhalb der Gemeinde christlichem Gemeinschaftsverständnis konträr gegenübersteht: Sie zerreißen Christus (1Kor 1,13a) – sie spalten den Leib (1Kor 12,25) und machen ihn damit lebensuntüchtig.

3.5 πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν (1Kor 12,13c)

Ποτίζω kann im Aktiv für Menschen „Trinken lassen / geben“ (Röm 12,20; 1Kor 3,2); für Tiere „Tränken“ und für Pflanzen „(Über-)Gießen“ (1Kor 3,6–8) bezeichnen.1 Die passive Ausdrucksweise von 1Kor 12,13c lässt allein von der Semantik ausgehend zwei verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten zu: 1) „Wir haben alle den einen Geist zu Trinken bekommen“ oder 2) „Wir sind alle mit dem einen Geist übergossen worden“.

Es finden sich zudem drei sprechende textkritische Varianten zu dieser Phrase: 1) καὶ πάντες εις ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν. – „und wir sind alle durch einen Geist getränkt / übergossen worden.“ Die durch eine Korrektur von D und einige Minuskeln belegte Variante ist klar als Vereinfachung unter Angleichung an den Kontext (12,13a) zu deuten. 2) καὶ πάντες ἓν πόμα ἐποτίσθημεν. – „und wir haben alle von einem Trank zu trinken bekommen.“ Einige Minuskeln, eine syrische Übersetzung sowie Clemens belegen die Variante, welche den Teilvers vereinfacht, indem sie eindeutig auf das Abendmahl hin deutet. 3) καὶ πάντες ἓν σῶμα ἐσμέν. – „und wir sind alle ein Leib.“ Diese lediglich im Alexandrinus bezeugte Variante verändert den Teilvers massiv zu Gunsten einer Angleichung an den Kontext (1Kor 12,12–31). Damit bestätigt sich die Lesart des Haupttextes von Nestle/Aland als die nach quantitativen wie qualitativen Aspekten ursprüngliche, wobei die Art der Varianten als bewusste, vereinfachende Korrekturen nachdrücklich vermuten lässt, dass die Schwierigkeit der Deutung stets wahrgenommen wurde.

Dies spiegelt sich auch in der aktuellen Deutungsvielfalt der Sekundärliteratur wider. Die Aussage wird entweder als Bezugnahme auf die Taufe oder auf das Herrenmahl – für beides lassen sich bereits in der altkirchlichen Exegese Vertreter finden2 – oder aber als von beiden Ritualen unabhängig verstanden:

1) Als Aspekte für eine Bezugnahme auf die Taufe3 werden gemeinhin angeführt: der Aorist (einmalig, Vergangenheit),4 welcher gegen die Wiederholungspraxis des Herrenmahls spricht, die formale Verschränkung der Versteile (καί)5 sowie die Möglichkeit, ἐποτίσθημεν als Explikation von6 bzw. inhaltliche Parallele7 zu ἐβαπτίσθημεν zu verstehen, was den Konstruktionen in Gal 3,27 und Röm 6,3 entsprechen würde. Dem ist hinzuzufügen, dass das Passiv des Ausdrucks eher der Position des Täuflings während der Taufe als einem Kommunizierenden während des Herrenmahles entspricht. Bei den Vertretern des Taufbezuges finden sich beide Übersetzungsmöglichkeiten: 1) ein Zutrinkenbekommen im Sinne eines in-sich-Aufnehmen8 bzw. Durchdrungenwerden9 durch den einen Geist bei der Taufe und 2) ein Bewässert-10 bzw. Übergossenwerden11 von dem einen Geist während der Taufe. Letzteres kann auf die alttestamentliche Vorstellung einer Geistausgießung zurückgeführt werden12 oder aber in der Taufvorstellung des Übergießens mit Wasser verankert werden.13

2) Für eine Bezugnahme auf das Herrenmahl14 spricht maßgeblich das Motiv des Trinkens und m.E. könnte auch die für die Herrenmahlsdiskussion in 1Kor grundlegende Einheitsthematik dahingehend interpretiert werden.

3) Dunn liefert insofern eine weitere Deutung, als er das bei Paulus bereits zuvor belegte „to water or irrigate“15 favorisiert, jedoch einer Verbindung zum eigentlichen Taufvollzug widerspricht: „Conversion, for Paul and the Corinthians, was an experience of the Spirit which was like the outpouring of a sudden slood or rainstorm on a parched ground, and which their made lives like a well-watered garden (Jer 31,12). […] There is no thought of water-baptism here whatsoever.“16

Dunns Deutung setzt eine bewusste Trennung zwischen einer Geisttaufe und einer Wassertaufe voraus, welcher bereits widersprochen wurde. Die Herrenmahlsdeutung lässt sich grammatikalisch sowie kontextuell anzweifeln. Es ist also nach dem Ausschlussverfahren die Taufe als Kontext der Aussage anzunehmen. Drei weitere Aspekte von 12,13c scheinen mir über die vielfältigen Erläuterungen der Literatur hinaus wesentlich: 1) Versucht man nun zunächst von einer näheren Differenzierung zwischen einem „Zutrinkenbekommen bzw. Erfülltwerden“ und einem „Übergossenwerden“ abzusehen, sondern richtet sein Augenmerk zurück auf die literale Bedeutung des Verbes, so wird deutlich, dass allein die Differenzierung der Objekte den Grund für die unterschiedlichen Ausführungsformen darstellt, die Funktion jedoch die gleiche bleibt: Während Menschen und Tiere zu trinken bekommen, müssen Pflanzen begossen werden – beide jedoch nehmen schließlich das lebensnotwendige Wasser „in sich auf“, auch wenn diese Assoziation bei Menschen und Tieren sich schneller aufdrängt. Kehrt man zurück zu 12,13, so steht der eine Geist als dasjenige fest, womit getränkt bzw. bewässert wird. 2) Ein weiterer sicherer Aspekt wird selten thematisiert: Es handelt sich um eine Passivform, was den Fokus weglenkt von ἡμεῖς hin zu dem, was geschieht. 3) 1Kor 12,13c findet sich innerhalb der Ausführungen über die Gemeinde als Leib. Wenn also vom Tränken eines Lebewesens gesprochen wird, läge es nahe, dies auf der Bildebene der Leibmetaphorik zu verstehen: Wie jeder Leib, jedes Lebewesen davon lebt, Wasser zu trinken oder von einer fürsorgenden Macht getränkt zu werden, so haben wir als Leib den einen Geist in der Taufe zu trinken, geradezu eingeflößt bekommen als dasjenige, was nicht nur jeden einzelnen, sondern auch die Gemeinde insgesamt am Leben erhält.17 Eine solche eher funktionale Auslegung bleibt indifferent gegenüber den verschiedenen lokalen Deutungen, was mit Blick auf 12,13a, wo keine klaren lokalen Deutungen im Sinne eines Anklanges an den Taufvollzug zu erkennen sind, angemessen erscheint.18

3.6 Zusammenfassung unter ritologischer Perspektive

Der Geist als Kraft und Wirkmacht Jesu bzw. Gottes ist einer und der einzige, welcher in der Taufe wirkt. Durch diesen einen Geist wird die Gemeinde in der Taufe wie ein einziger, lebender Organismus. Als auf Christus Getaufte kann dieser Leib auch als der Leib Christi verstanden werden. Die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Glieder ist sinnvoll, wichtig und bleibt. Als zu einem Leib Getaufte sind die Gemeindeglieder notwendigerweise aufeinander angewiesen und aufgefordert, einander zu dienen. Sie wurden alle in der Taufe mit dem einen Geist getränkt, wie aus einer Quelle. Wie jedes Lebewesen Wasser zum Leben braucht und von Gott erhält, so wurden wir – einzeln und v.a. zusammen – mit dem einen, einzigen Geist als Lebenselixier getränkt, ein für alle Mal.

Paulus verwendet innerhalb seiner Argumentation zwei ritologische Motive bezüglich Ablauf und Wirkung der christlichen Taufe, für die sich weitergehende Fragen ergeben: 1) Die Leibmetaphorik:1 Wird die Leibmetaphorik im Kontext andere Rituale verwendet? Kommt es dabei, vergleichbar mit der Vorstellung vom „Leib Christi“, zu einer Identifikation mit einer göttlichen oder Rettungsperson? Wird der Aspekt des Trinkens bzw. Tränkens des Leibes thematisiert? 2) Die Einheitsthematik:2 Wer bewirkt wie die Einheit? Gibt es ein Äquivalent dieser Einheit, vergleichbar dem einen Geist?

Folgende weiterführende Fragen wirft die Untersuchung zur christlichen Taufe im Allgemeinen auf: Stehen hinter βαπτίζω lokale Vorstellungen bezüglich des Taufvollzuges?3 Wie zwingend sind diese mit dem Taufablauf verbunden, sind sie etwa ebenfalls bei der im Ablauf gleichen Johannestaufe auszumachen?4 Stehen lokale und instrumentale Deutungen in einem erkennbaren, möglicherweise sogar konkurrierenden Verhältnis?5 Bezüglich der Ähnlichkeit mit tradierten Wendungen und Motiven in Röm 6 und Gal 3 ist zu fragen, wie hoch sich der Traditionsgrad darstellt,6 wie zwingend ihr Taufbezug ist,7 wo ihr Sitz im Leben8 und wo ihr Ursprung zu verorten ist?9

4 Römer 6,1–11: Mit Christus gestorben

1 Was soll ich also sagen? Sollen wir also in der Sünde bleiben, damit die Gnade zunehme? 2 Das soll nicht geschehen! Die wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir noch in ihr leben? 3 a) Wisst ihr denn nicht:

b) Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind,

c) sind auf seinen Tod getauft.

4 a) Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod,

b) damit, wie Christus auferweckt wurde aus den Toten zur Herrlichkeit des Vaters,

c) auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln sollen.

5 a) Denn wenn wir vereint worden sind mit der Gleichgestalt seines Todes, b) dann werden wir [es] auch mit der Auferstehung sein. 6 a) Wir wissen dieses, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt wurde, b) damit der Leib der Sünde vernichtet würde, c) damit wir nicht mehr dienen der Sünde. 7 Denn der Gestorbene ist (gegenüber) der Sünde gerechtfertigt. 8 Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden 9und wissen, dass Christus, auferstanden aus den Toten, nicht mehr stirbt, der Tod nicht mehr über ihn herrscht. 10 Denn was er gestorben ist, ist er ein für alle Mal der Sünde gestorben. Was er aber lebt, [das] lebt er Gott. 11 So auch ihr, gedenkt, dass ihr zwar (selbst) tot seid der Sünde, Lebende aber für Gott in Christus Jesus.

4.1 Der locus classicus der Tauflehre – Bedeutung und Kontext

„Daß die Briefe des Apostels keine explizite Lehre von der Taufe bieten, gilt auch im Blick auf den Text, der weiterhin als locus classicus für die Tauflehre gilt, Röm 6,1–11.“1 Diese Feststellung von Barth gibt einen symptomatischen Einblick in die paradoxe Wahrnehmung von Röm 6,1–11 durch die Forschung: Obwohl fast einhellig als „wichtigster paulinischer Text über die Taufe“2 identifiziert, wird immer noch breit die Auffassung vertreten, dass es sich nicht einmal an dieser Stelle um einen expliziten Tauftext handelt. Zwar spricht Paulus von der Taufe, genauer gesagt vom Getauftwerden, dezidiert lediglich in 6,3, doch gründet die sich anschließende Argumentation wesentlich auf dieser Bezugnahme auf die Taufe. Dass in 6,1–11 dennoch kein „paulinischer Tauftext“ vorliegt, kann also nicht am Umfang der sich auf die Taufe beziehenden Verse festgemacht werden, sondern wird zumeist mit der – bereits aus den besprochenen Texten bekannten – landläufigen Meinung begründet, dass die Taufe verbreitet und ausreichend eingeführt ist, und demnach von Paulus nicht besprochen, sondern lediglich argumentativ angeführt wird. Dafür scheint auch der Eingang der Perikope zu sprechen: Paulus eröffnet mit einer These bzw. Frage (6,1), bezieht dazu Stellung (6,2) und verweist begründend auf eine den Adressaten bekannte Interpretation der Taufe – ἢ ἀγνοεῖτε ὄτι … (6,3a).

Was aber sagt Paulus über die Taufe bzw. die Getauften? Und ist ἢ ἀγνοεῖτε tatsächlich als Referenz auf etwas allseits Bekanntes zu verstehen, wo doch die römische Gemeinde keine paulinische Gründung ist? Haben wir hier also eine „Urbedeutung“ der Taufe, eine Art „Einmaleins der frühchristlichen Taufkatechese“, dass in allen Gemeinden vorausgesetzt werden kann?3 Unabhängig von diesen Fragestellungen führen allein die ganz unterschiedlichen Aspekte, welche Paulus in den wenigen Sätzen anspricht und dabei immer wieder ins Verhältnis zueinander setzt, zu den verschiedensten Interpretationsansätzen.

Das Getauftwerden εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν wird zunächst verstanden als ein Getauftwerden εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ (6,3bc), wobei die hier als grundlegend dargestellte Verhältnisbestimmung zum Tod Christi Jesu im Folgenden erweitert wird um das „Mitbegrabensein“ (6,4a συνετάφημεν) und das seiner Auferstehung (6,4b ἠγέρθη) ähnliche „Wandeln in der Neuheit des Lebens“ (6,4c ἐν καινότητι ζωῆς περιπατήσωμεν). In den weiteren Versen wird einerseits die Art und Weise der Bezugnahme auf das Sterben und Auferstehen Jesu näher thematisiert und andererseits die daraus erwachsenden Konsequenzen, nämlich ein Totsein für die Sünde (6,6–8.10) im Gegenüber zu einem Leben für Gott (6,10). Die paulinische Argumentation lässt keinen Zweifel daran, dass die in der Eingangsfrage noch mitschwingende Option, man könne in seinem Verhältnis zur Sünde wählen, obsolet ist, da man auf Grund der Bezugnahme der Taufe auf das Christusgeschehen endgültig der Sünde abgestorben ist (6,10).

Dass diese grundlegend auf der Taufe basierenden Ausführungen in der Forschungslandschaft dennoch nicht als explizite Tauflehre aufgefasst werden, beruht v.a. auf ihrer engen Einbindung in die Argumentationsstruktur sowohl des unmittelbaren Kontextes als auch Röm im Ganzen: Nach der Feststellung, dass alle Menschen, Juden wie Heiden, der Sünde verfallen sind (1–3,20), und der Verkündigung, dass sie nur auf Grund des Glaubens an die Heilstat Gottes in Christus gerettet werden (3,21–5,21), beginnt Paulus mit Kp. 6 seine Überlegungen dazu, wie diese ganz neue Existenz aussehen soll, in der man vom Gesetz und dessen Forderungen befreit ist. Dass es sich bei der These ἐπιμένωμεν τῇ ἁμαρτίᾳ, ἵνα ἡ χάρις πλεονάσῃ; (6,1) um einen ihm gemachten Vorwurf des seiner Theologie entspringenden Libertinismus handelt, ist plausibel und erklärt zudem, warum der grundlegenden dogmatischen Darlegung nun eine ausführliche Paränese folgt (6,1–8,39). Hartmann schreibt dazu: „[E]r will zeigen, daß die Macht der Sünde nicht mehr über den Christen herrschen soll, auch wenn das Gesetz ihn nicht am Zügel hält. Dann soll es für Paulus natürlich gewesen sein, zu den Taufvorstellungen zu greifen, indem gemäß allgemeiner frühchristlicher Meinung die Taufe zur Vergebung der Sünden geschah.“4 Ist das aber die einzige und ausreichende Erklärung dafür, warum Paulus diesen Abschnitt mit einer ausführlichen Bezugnahme auf die Taufe eröffnet?

Ist sich die Forschung auch relativ einig darüber, dass der Text im Wesentlichen von der Trias „Tod Christi – Taufe – Vergebung der Sünden“ handelt, lassen sich doch schnell unterschiedliche Interpretationen wahrnehmen, fragt man konkreter nach der Art des Verhältnisses dieser drei Theologumena: In welcher Weise bezieht sich die Taufe auf den Tod Christi? Wird lediglich daran erinnert, wird begründend auf ihn verwiesen oder wird er etwa in der Taufe nachvollzogen? Warum kann das Mitsterben bzw. Mitgekreuzigtwerden und das Mitbegrabenwerden ganz parallel zu Christi Geschick ausgesagt werden, während zwischen seiner Auferstehung und dem „Wandeln in der Neuheit des Lebens“ der Getauften eine sachliche, aber auch zeitliche Differenz aufscheint? Liegt der Grund dafür in der Auferstehungsvorstellung und den eschatologischen Vorstellungen des Paulus und wenn ja, wie sind diese in der Entstehungszeit des Röm zu beschreiben? Oder ist der Grund für den Bruch der Parallelität im Wortlaut der ursprünglichen Tradition und Paulus‘ Umgang damit zu suchen? In welchem Verhältnis steht dieses „Wandeln in der Neuheit des Lebens“ zum bereits in der Taufe erlebten Tod gegenüber der Sünde? Warum ist in dieser Existenz nach der Sünde überhaupt noch eine Paränese erforderlich? Und findet all dies einen oder gar mehrere Anhaltspunkte im Vollzug der Taufe? Beziehen sich einzelne theologische Aussagen etwa auf eine dem Ritualablauf zu Grunde liegende Symbolik? Immerhin ist Röm 6 nach der Meinung Hartmans der „paulinische[r] Tauftext […] der mehr als andere zum Ausgangspunkt geworden ist für die Rekonstruktion der Tauflehre des Apostels.“5 Doch stehen die dort zu findenden theologisch-metaphorischen Deutungen zur Taufe dem damaligen Taufablauf tatsächlich so nah wie oft angenommen? Diesen Fragen widmet sich die folgende Untersuchung.

4.2 ὅσοι ἐβαπτίσθημεν εἰς Χριστὸν Ἰησοῦ, εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθημεν (Röm 6,3bc)

Kurz und sprachlich pointiert stellt Paulus sein Verständnis von der Taufe an den Anfang seiner Argumentation: Das Taufen εἰς Χριστὸν Ἰησοῦ bedeutet ein Taufen εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ. Während der Fokus hier noch auf der grundlegenden Bezugnahme der christlichen Taufe auf den Tod Christi liegt, machen die folgenden Ausführungen insbesondere der gehäufte Gebrauch von σύν bzw. συν- deutlich, dass Paulus in der Taufe einen gewissen Mitvollzug des Sterbens und Auferstehens Christi durch den Täufling sieht. So spricht er davon, dass der Täufling σύμφυτοι γεγόναμεν τῷ ὁμοιώματι τοῦ θανάτου αὐτοῦ (6,5a), dass ὁ παλαιὸς ἡμῶν ἄνθρωπος συνεσταυρώθη (6,6a). Er bezeichnet ihn regelrecht als ὁ γὰρ ἀποθανὼν (6,7), nämlich ἀπεθάνομεν σὺν Χριστῷ (6,8a).

4.2.1 Erlebt der Täufling in der Taufe seinen „Tod“?
Ein Blick in die Forschungsgeschichte

Dass der Tod Christi das Ereignis ist, welches dem christlichen Bekenntnis und damit auch der Taufe als dem dieses Bekenntnis zum Ausdruck bringenden Ritual zu Grunde liegt, ist unumstritten. Auch besteht ein Konsens darüber, dass die Taufe von Paulus in Röm 6 als ein „Mitsterben“ mit Christus interpretiert wird. Jedoch entzweit sich die Forschungslandschaft seit Generationen darüber, wie dieses „Mitsterben“ zu verstehen ist und zudem über der Frage, ob es für diesen „Mitvollzug des Todes Jesu“ einen Anhaltspunkt im Ablauf der Taufe, beispielsweise in der Symbolik der Ritualhandlungen oder auch den dabei gesprochenen Worten, gibt bzw. zur Zeit des Paulus gegeben hat. Oder ist diese Taufmetaphorik in so früher Zeit bereits derart abstrakt, dass sie ohne Verbindung zum Ritualvollzug auskommt?1

Die immer wieder aufkommende These, „Paulus ist nicht am Ritus interessiert“,2 impliziert für 6,3f, dass die verwendete Taufmetaphorik keinen Bezug zum Ritualablauf habe. Zu keinem anderen Tauftext wird diese Grundthese so vehement vertreten wie auch bestritten, denn, wie die folgende Darstellung aufzeigen wird, bietet der Text gleich mehrere Anhaltspunkte, welche als Bezugnahme der Metaphorik auf den Ritualablauf gedeutet werden können – oder eben auch nicht.

4.2.1.1 Der Täufling erlebt in der Taufe (nicht) Tod und Auferstehung

„Soll es das ‚Mitsterben mit Christus‘ zur Darstellung bringen, dann erinnert es doch weniger an ein Gekreuzigtwerden als an ein Ertränktwerden.“1 Offensichtlich polemisierend wehrt sich Stommel gegen die Interpretation, dass der Vollzug der Taufe symbolisch als (Mit-)Sterben des Täuflings gedeutet wird. Für diese Position lassen sich zwei Varianten ausmachen: 1) Das Untertauchen selbst kann das Erleiden des Todes symbolisieren. Für eine solche Deutung spricht die ursprüngliche Wortbedeutung von βαπτίζω – ein „Im-Wasser-Umkommen“ oder gar „Im-Wasser-Ertränkt-Werden“.2 Walter Klaiber interpretiert im Ausblick auf den Folgevers: „Im Untertauchen bei der Taufe vollzieht sich das Eintauchen und Begraben werden in der Gerichtsflut und somit die Rettung durch das Gericht hindurch.“3

2) Das συν-Moment (6,4.5.6.8)4 kann auf eine ausführliche Parallelisierung des Erlebens des Täuflings mit dem erlittenen Sterben und Auferstehen Jesu hin interpretiert werden, welche sich in der Symbolik des Taufrituals einzeln nachvollziehen lässt. Der profilierteste Vertreter dieser Auslegung dürfte Meeks sein:

„Das Ins-Wasser-Steigen stellte offenbar nicht Jesu Tod dar, sondern es wurde als ‚Mit-Ihm-Begraben-Sein‘ (Röm 6,4; Kol 2,12) gedeutet, während das Sich-Erheben aus dem Wasser als ein Sinnbild des ‚Mit-Ihm-Auferweckt-Seins‘ (Kol 2,12; 3,1; Eph 2,6) aufgefaßt wurde. Für den Tod selbst mußte ein anderer Ausdruck gefunden werden – die paulinischen Christen sahen ihn im Ablegen der Kleidung vor dem Hinabsteigen ins Wasser. Dieser Vorgang wurde zum ‚Ablegen des vergänglichen Körpers‘ oder des ‚alten Menschen‘ stilisiert, während das Wieder-Ankleiden danach das neue Leben der Auferstehung symbolisierte.“5

Neben der Praxis, so ganz unterschiedlich kontextualisierte paulinische Texte konzeptionell in Verbindung miteinander zu interpretieren, ist diese Deutung v.a. dahingehend anzufragen, dass sie die Parallelität allein im Ritualablauf verankert sieht. In der Logik dieser Argumentation würde demnach auch jede andere Taufe gleichen Ablaufs mit dieser Deutung verbunden sein, z.B. die Johannestaufe.6 Dem ist nachdrücklich zu widersprechen.

4.2.1.2 Der Täufling erlebt im Taufritus (kein) Eingesenktwerden/ Hineintauchen/Hineingehen

Neben dem Moment des Sterbens bzw. Begrabenwerdens in der Taufe könnte Paulus auch auf den Aspekt des Eintauchens bzw. Hineingehens anspielen. Dass εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθημεν dahingehend zu deuten ist, bestreiten mehrere Exegeten, wobei ihre Negation unterschiedliche Folgeinterpretationen erkennen lässt, weswegen sie hier auch kurz zitiert werden sollen: Zeller etwa wehrt sich gegen eine wörtliche Übersetzung als „Hineingetauchtwerden in seinen Tod“.1 Wagner folgert noch weitergehend: „Da ein Hineintauchen in den Tod Christi bildhaft nicht vollziehbar ist (vgl. M. Barth, Taufe 226f.), wird man auch β. εἰς Χ.Ἰ. nicht als ein Eintauchen in den pneumatischen Christus verstehen können.“2 Frankemölle dagegen sieht in einer solchen Interpretation die Annahme einer Liturgiekatechese, statt der eigentlichen Taufparänese, und damit die Gefahr, „in Röm 6,3 aus βαπτίζειν (‚taufen‘) einen Taufritus, etwa den des Untergetauchwerdens, abzuleiten oder gar ein Mitsterben in der Taufe aus ‚auf seinen Tod getauft‘ zu entnehmen.“3 Wie die Gegner ganz unterschiedliche Assoziationen mit einer theologischen Deutung der Symbolik des Untertauchens verbinden können, so auch die Befürworter dieser Deutung. Schmidt beispielsweise argumentiert semantisch:

„In dem Wort βαπτίζειν erscheint die ursprüngliche Bedeutung: ‚eintauchen‘; ‚alle, die wir in den Christus eingetaucht wurden‘. […] Es geschieht zunächst ein ‚Eintauchen‘ in Christi Tod, der darin einzigartig ist, daß er im Unterschied zu allem andern Sterben Befreiung von der Sündenherrschaft wirkt.“4

Interessant ist, dass Schmidt mit Blick auf das Eintauchen auf das „sachlich analoge Bild Gal. 3,27: ‚Christus anziehen‘“5 verweist und darin die beiden Taufstellen ganz anders zueinanderordnet als etwa Meeks, obwohl beide eine ritualsymbolische Interpretation zu 6,3f bieten. Die Bezugnahme auf Gal 3,27 verdeutlicht, dass bei dieser Interpretation der Fokus weniger auf dem Akt des Untertauchens als vielmehr auf dem des „In-etwas-Hineintauchen / -geraten“ liegt. Auch im Kontext der folgenden Verse (6,4–8) versteht Gerhard Barth εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθημεν als „ein volles Mithineingenommensein in seinen Tod“6 und εἰς somit nicht abstrakt als „auf (den Tod Christi hin)“, sondern:

„wesentlich konkreter, nämlich lokal als Einfügung in Christus als den neuen Adam […]. Beachtet man, daß Christus für Paulus der eschatologische Adam (Röm 5,12ff; 1Kor 15,21f) ist, in den die Glaubenden eingefügt sind, so daß sie seinen Leib bilden (1Kor 10,17; 12,13.27), und daß nach Gal 3,27 die Taufe bedeutet, mit Christus wie ein Gewand umkleidet zu werden, so kann man diese Möglichkeit nicht ausschließen.“7

Ob 6,3f tatsächlich das Konzept des Leibes Christi voraussetzt, mag die folgende Untersuchung klären.

Daneben vertreten auch verschiedene Exegeten ein lokales Verständnis, welches ohne Bezugnahme auf die Leib-Christi-Vorstellung auskommt. 8 Manche Ausleger wollen das lokale Moment dazu weitgehend metaphorisch verstanden wissen, wie etwa bei Wilckens: „Die Übereignung des Täuflings an Christus bedeutet, daß er im Akt des Untertauchens hineingegeben wird in das Geschehen des Todes Christi.“9 Andere wiederum interpretieren Röm 6 auf der Grundlage ihrer ritologischen Argumentation als wirksames Ereignis. Keck beispielsweise betont: „For Paul, baptism ‚into Christ‘ makes one a participant in an event, not an ideal or a myth. […] a religious ritual does what it symbolizes.“10

Ganz unabhängig von einer Bezugnahme auf eine konkrete Handlung innerhalb des Ritualablaufes kann auch „die ganze Tauffeier als das, was den Menschen in Gemeinschaft mit Christus bringt“,11 verstanden werden. Diese Vorstellung gründet ebenfalls auf einem lokalen Verständnis nicht allein von εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ (6,3c), sondern auch der voranstehenden εἰς-Taufformel (ἐβαπτίσθημεν εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν [6,3b]). Ein solches Grundverständnis lässt sich dann auch in der Übersetzung der Altlateiner erkennen: In Christo Iesu.12

Insgesamt lässt sich feststellen, dass ein Teil der Exegeten die Bezugnahme auf das Ritual durch Paulus für grundlegend hält, ein weiterer Teil es für notwendig hält, dem vehement zu widersprechen, und wiederum einige eine derartige Deutungsmöglichkeit überhaupt nicht erwähnen. Meist wird dazu die Interpretation von εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ entweder lokativ oder akkusativ aufgefasst und als entscheidendes Moment hervorgehoben. Die jeweilige Auffassung lässt sich bereits meist an der Übersetzung ablesen: Wurde getauft „auf seinen Tod (hin)“13 oder „in seinen Tod (hinein)“. Entgegen der Überzeugung mancher Interpreten lassen aber beide Auffassungen eine Bezugnahme auf den Ritualablauf möglich erscheinen. Dazu ist im Folgenden das Verhältnis zur voranstehender und parallel formulierter εἰς-Taufformel (6,3b) eingehend zu untersuchen.14 Ließe sich etwa eine ähnliche oder auch wechselseitige Interpretation feststellen, würde dies eine der grundlegenden Fragen zur Taufformel, nämlich das Verständnis des εἰς, klären.15 Noch eine zweite, dezidiert ritologische Grundfrage zur Taufe lässt der Text aufkommen: Wenn tatsächlich eine Bezugnahme des Paulus auf den Ritualablauf festgestellt werden kann, so ist zu entscheiden, ob diese symbolisch zu verstehen ist oder ob die Vorstellung dahintersteht, dass das im Ritual Vollzogene bereits eine entsprechende Wirkung auf den Täufling hat.16

4.2.1.3 Ohne Bezug zum Ritualablauf

Interpretationen, welche sich bewusst unabhängig vom Ritualablauf verstehen, fokussieren zumeist den Tod Christi, dessen Wirkung für den Täufling und teilweise auch den metaphorischen Mitvollzug des Todes. Darin unterscheiden sich die Deutungen letztlich wenig von denjenigen, welche eine Bezugnahme auf den Ritualablauf als einem (Mit-)Sterben erkennen. Doch obwohl sich die Interpretationen teilweise aufs Wort gleichen, wird eine Nähe zur Symbolik des Ritualvollzuges oft vehement bestritten. Ein typisches Beispiel dafür bietet Schnackenburg: „Der Kontrast ‚Leben und Tod‘ in Röm 6 ist also nicht vom Bilde der Taufe, sondern von der Wirklichkeit des Sterbens und Auferstehens Christi hergenommen.“1

Manche Exegeten sehen die Hauptaussage des Textes darin, dass „die christliche Taufe den Tod Jesu voraussetzt und auf ihn und seine (inklusiv-stellvertretende) Bedeutung verpflichtet“.2 Jedoch kann die Funktion, welche der Taufe dabei zukommt, sehr unterschiedlich, geradezu gegensätzlich beurteilt werden. Haacker etwa schreibt:

„Was Paulus in der Fortsetzung über die christliche Existenz sagt, ist also nicht als Wirkung der Taufe (durch ihren Vollzug als Ritus) zu verstehen, sondern als Wirkung des Christusgeschehens, nämlich seines Todes und seiner Auferweckung.“3

Frankemölle dagegen schlussfolgert, dass das Ritual der Taufe als „Handeln Gottes am Täufling“ zu verstehen sei, und sieht in den folgenden Versen die Wirkungen beschrieben, „die dem Täufling bei der Taufe zuteil wurden und die jetzt immer noch bestehen.“4

Andere wiederum sehen im Text maßgeblich thematisiert, welche Wirkungen der Tod Christi und in welcher Weise der Täufling daran Anteil hat. Zeller etwa spricht davon, dass die Taufe auf den Namen Jesu Christi „eine Beziehung zu ihm“ herstelle und dem Glaubenden zueigne, „daß Christus für seine Sünden gestorben ist.“5 Fitzmyer sieht die Aussage des Textes sogar darin, dass die Taufe den Täufling „into a union with the Christ suffering and dying“ versetze, wenn er auch betont, dass „the Christian is not merely indentified with the ‚dying Christ‘ who has won victory over sin, but is introduced into the very act by which that victory is won.“6

Wagner klassifiziert die Herstellung dieser Beziehung noch näher als „Akt der Übereignung an Christus“.7 Dass es sich hierbei eher um eine kanonische, denn um eine dezidiert aus Röm 6 abgeleitete Interpretation handelt, untermauert die folgende Argumentation:

„Die Deutung der Taufe auf Christus als einer Taufe auf seinen Tod ergibt sich als konsequent aus der Heilsverkündigung und dem Charakter der Taufe als einer Übereignung an den für uns verstorbenen Herrn.“8

Dieser kurze Überblick darüber, wo Exegeten in ganz unterschiedlicher Weise das Thema des Textes und dessen Pragmatik verorten, macht deutlich, dass selbst wenn eine Bezugnahme der paulinischen Metaphorik auf den Ritualablauf negiert wird, die Verhältnisbestimmung Tod Christi–Taufe keineswegs eindeutig zu sein scheint. Dieser hauptsächlich in der Kürze des Textes liegenden Problematik versuchen sich die Exegeten zumeist dadurch zu erwehren, dass sie Beziehungen zu anderen (paulinischen) Tauftexten annehmen.9

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